Nr. 5 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband mr. 1.45. Stuttgart 6. Dezember 1918 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. Jahrtausendealte Sesseln sind geborsten. über Nacht. Gestern noch sperrten die Gewalthaber einer vergangenen Zeit dem Werdenden einer neuen Zeit einsichtslos und herausfordernd den Weg. Heute liegen sie überwunden, entwurzelt, gebrochen, ohnmächtig irgendwo abseits vom Wege und warten des Straßenfegers, der sie auf den Kehrichthaufen der Geschichte wirft. Gestern noch waren die deutschen Frauen unfrei, ein unterdrücktes Geschlecht, das auch der erwachenden Demokratie nur mühsam kleine Jugeständnisse ab: ringen konnte. Heute sind die deutschen Frauen die freiesten der Welt. Sie haben die volle und unbedingte Gleichberechtigung mit dem Manne, sie können zu allen Körper: schaften wählen und gewählt werden. Wem verdanken sie ihre Freiheit und Gleichheit? Dem gewaltigen Wetter der Revolution, das am 9. November mit ungeheurer und unwiderstehlicher Gewalt über Deutschland losbrach. Lange hatte es am Himmel gehangen. Immer düsterer und schwüler war es in den deutschen Landen geworden. An War: nungen hatte es nicht gefehlt. Aber die Machthaber waren blind. Wir sagen jetzt: Es war ein Glück. Denn nur dadurch konnte die Revolution die urgewaltige sieghafte Kraft erlangen, die sie in wenigen Stunden zum Siege führte und jene zu Herren der Lage machte, die dank ihrer Tätigkeit und Tüchtigkeit darauf den ersten Anspruch hatten: die Soldaten und die Arbeiter! Aber beide vergaßen in dem gewaltigen Brausen der Revolution nicht die Dritten im Bunde: die Frauen! Deutsche Frauen jubelt, ihr habt Anlaß dazu! Ihr seid künftig die Freiesten der Freien. Aber geht auch in euch, deutsche Frauen! Millionen von Männern haben erst in fürchterlichstem Brudermord fallen müssen, ehe die Bahn für euch frei wurde. 3eigt euch dieser Opfer würdig und dankbar. Zeigt, was ihr als Freie und Gleichberechtigte leisten könnt. Bald steht ihr vor einer der größten Entscheidungen, die in der Menschheitsgeschichte je zu fällen waren. Vergeßt nicht, daß es die Demokratie und der Sozialismus waren, die euch die Freiheit und die Gleichheit gebracht haben. Das alte Dichterwort gewinnt neue und tiefste Bedeutung: ,, Der Menschheit würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!" 34 An die Arbeit! Die Gleichheit Mit Riesenschritten geht die Entwicklung ihren Weg. In den letzten Nummern unserer Zeitschrift spornten wir noch die Genossinnen zur unermüdlichen Arbeit für das Frauenwahlrecht an und wiesen ihnen Wege. Um feinen Preis wollten wir den günstigsten Moment zur Erringung unserer Rechte versäumen. Wir führten seit Jahrzehnten unermüdlich einen zähen Kampf um unsere Staatsbürgerrechte, ohne daß ein sichtbarer Schritt vorwärts getan wurde. Heute wissen wir, daß unsere mühselige Pionierarbeit durchaus nicht erfolglos geleistet wurde. Deutschland war das Land der Traditionen und Vorurteile. Jeder Neuerungsvorschlag stieß auf tausend Bedenken und Einwände. Das wurde dem Kundigen ganz besonders in den der Revolution voraufgehenden Wochen wieder aufsneue klar. Jeder Staat hatte seine besondere Verfassung. Wir hatten in Deutschland mehr als fünfzig einzelne Stadt- und Landgemeindeordnungen. Gemeinsam war allen Einrichtungen lediglich die vollkommene Rechtlosigkeit der Frauen. Die Revolution hat ganze Arbeit gemacht. In wenigen Tagen haben Soldaten, Arbeiter und Arbeiterinnen durch ihr einiges, geschlossenes Vorgehen alles Unrecht einer alten Zeit hinweggefegt. Niemals hat sich Größeres in der Weltgeschichte abgespielt. An der Spitze der jungen sozialistischen Republik stehen Männer, die ihr Leben lang nach bestem Wissen und aufrichtiger überzeugung für das Recht und gegen das Unrecht gestritten haben. Es ist selbstverständlich, daß in der jungen, von Sozialdemokraten geführten Republik für die Entrechtung der Frauen kein Platz mehr ist. Gleich den Männern werden wir Frauen in nächster Zukunft unsere Staatsbürgerrechte ausüben. Wo Rechte gegeben werden, werden auch Pflichten verlangt. Die Wahlen zur geseggebenden Nationalbersammlung stehen bevor. Bei diesen Wahlen wird das Verhalten der Frauen von ausschlaggebender Bedeutung für das zukünftige Geschick der jungen deutschen Republik sein. Ungefähr 40 Millionen Bürger, die größere Hälfte Frauen, werden zur Nationalversammlung ihre Stimme abgeben. Ganz sicher werden reaktionäre Kreise, die uns Frauen niemals als vollberechtigte Staatsbürger anerkennen wollten, die sich stets gegen die Gleichberechtigung der Frauen gesträubt haben, jetzt auf die politische Unbildung weiter Frauenkreise rechnen. Neben den Konservativen wird es ganz besonders das Zentrum sein, das seinen durch die katholischen Geistlichen nicht gering einzuschätzenden Einfluß auf die Frauen auszuüben suchen wird. Das Zentrum besitzt im Katholischen Frauenbund eine festgefügte Organisation. Nationalliberale und Fortschrittliche Volkspartei, die sich wahrscheinlich für den Wahlkampf zusammenschließen werden, haben eine Reihe geschulter Frauen zu ihrer Verfügung. Die ungeheure Größe der Aufgabe, sowie die auf uns lastende Verantwortung müssen auch uns die richtigen Wege zeigen. Es ist stets so gewesen, daß unmittelbar vor großen Aufgaben aus den Reihen unserer Genossen und Genofsinnen die Kräfte, die für die Arbeit gebraucht wurden, erstanden sind. Es muß auch diesmal so sein. Wir wissen, daß der Krieg das Denken und Fühlen der Frauen in unserem Sinne beeinflußt hat. Wenn systematische Aufklärungsarbeit durch die Presse, in den Versammlungen, sowie durch gewissenhafte und regelmäßige Flugblattverbreitung getan wird, wird der Erfolg nicht ausbleiben. In den allgemeinen Versammlungen der Partei müssen neben den Rednern regelmäßig auch Frauen sprechen, um die Nr. 5 politische Gedankenarbeit der zuhörenden Männer und Frauen zu beeinflussen. Ferner wird es nach wie vor notwendig sein, in besonderen Frauenversammlungen die für die Frauen so völlig neue und bedeutungsvolle Situation zu behandeln. Wo es irgend möglich ist, sollte man die Frauenabende wieder einrichten und sie zur Schulung für unsere Genossinnen benutzen. Vielen von ihnen fehlt nur der letzte Anstoß und die Sicherheit; sie sind durch jahrelanges Lesen der Parteizeitungen und unserer Literatur soweit vorgebildet, daß nicht allzuviel dazu gehört, um sie für die planmäßige Agitation zu verwenden. Viele Genossinnen, die unter dem seelischen, körperlichen und wirtschaftlichen Druck des Krieges nicht imſtande waren, in altgewohnter Weise zu wirken, werden sich jetzt befreit fühlen und sich der Partei wieder zur Verfügung stellen. Der Aufklärungsdienst ist jetzt die dringendste Aufgabe. Hinter ihm muß alles andere zurückstehen. Wir wollen uns nicht sagen lassen, daß die Republik in ihrer Weiterentwicklung zum Sozialismus durch die politische Rückständigkeit der Frauen gehemmt worden ist. Deshalb auf zur Arbeit! Marie Juchacz. Glühend im Schicksalszwang Sah ich dich, Deutschland. Wie dein Schild gehämmert Klang mein Lied. Mein Herzblut sang Sieg durch Treue, Sieg durch Treue, Neugeburt deiner Welt, Glutengeläutert, dir zu. Dunkel im Schicksalsgang Seh ich dich, Deutschland. Wie dein Tag erdämmert, Tönt mein Lied. Blut braust Gesang: Sieg durch Freiheit, Sieg durch Freiheit! Singt erschüttert mein Herz, Donnernde Walstatt, dir zu. Am Tor der neuen Zeit. Karl Henckell. Ein gewaltiger Sturm ist über Deutschland gebraust. Die Monarchie ist zertrümmert, die Republik erstanden. Unseres Lebens Sehnsucht, das Ziel mühevoller Arbeit ward mit einem Schlage erfüllt. Die alte Staatsform war vermorscht und das Syſtem, welches sie deckte, war verfault bis in den Grund. Das gesamte Volt, mit Ausnahme einer dünnen Oberschicht, war sich nach vier furchtbaren Kriegsjahren bewußt geworden: so geht es nicht weiter. Zuerst schien es, als ob auf friedlichem Wege die Umgestaltung des gesamten Staatswesens und der Staatsform möglich sei, als ob es gelingen würde, das deutsche Volt ohne neue große Leiden aus dem Elend des Krieges in die Segnungen des Friedens hinüberzuführen. Als es aber zutage trat, daß die Kaste, deren Regierung das ganze Elend verschuldet, nur bis zu einem günstigeren Augenblick in den Hintergrund getreten war, da kam über Nacht die Revolution. Sie fam, weil sie kommen mußte, weil die Zeit reif war. Sie brach nieder, was nieder mußte, weil es nicht mehr lebensfähig war. Kämpfer fielen, die der Freiheit die Gasse bahnten, und ihnen gebührt unser Dant. Sie gaben alles, was sie geben konnten: ihr Leben. Sie gaben es hin für unsere Freiheit. Und an uns ist es nun, uns in den Dienst der jungen Freiheit zu stellen, selbstlos und rein. Damit, daß die Revolution die alte Form zerbrach, ist sie nicht vollendet. Erst wenn es gelungen ist, das neue Haus aufzurichten, wenn der neue soziale Volksstaat feststeht auf dem Fundament der Demokratie, ist der Erfolg der Revolution gesichert. Für den 2. Februar sind von der Regierung die Wahlen für die Nationalversammlung, in welcher der Volkswille über die Staatsform entscheiden soll, angesetzt. Bis dahin gilt es Nr. 5 Die Gleichheit mun, daß die sozialistische Republik, daß die Sozialdemokratie sich das Vertrauen der Volksmehrheit erwirbt. Dazu ist die Arbeit jedes einzelnen notwendig. Wir Frauen werden zum ersten Male wählen und unsere Vertreterinnen in die Gesetzgebung entfenden. Wohl sind die Frauen hellhörig geworden, aber viele wissen noch nicht, wohin sie gehen sollen. Jede Sozialdemokratin hat die Pflicht, aufklärend zu wirken und allen den Weg in die gewerkschaft lichen und politischen Organisationen zu weisen. Für gegenrevolutionäre Strömungen und Störungen darf nicht Raum sein, von welcher Seite sie auch kommen. Die schnelle Sozialisierung unseres Wirtschaftslebens ist notwendig, aber sie kann sich nur in Ruhe und Ordnung vollziehen. Wichtig für die Erhaltung der Revolution ist die Lebensmittelversorgung, aber nicht minder notwendig ist es, dafür zu sorgen, daß jeder einzelne Geld genug hat, um die Lebensmittel kaufen zu können. Deshalb muß Arbeitslosig. keit möglichst verhütet werden. Und hier sollte die Regierung vor scharfen Maßnahmen nicht zurückschrecken, um das Privatfapital heranzuziehen. Die Kriegsteilnehmer sollen an die alten Pläge zurück. Das ist nur recht und billig, aber recht und billig ist es auch, wenn die Frauen durch eine ausreichende Arbeitslosenunterstüßung, am besten in Form der Lohnfortzahlung, vor Not und sittlichem Untergang bewahrt bleiben. Die Großgrundbesizer müssen vor allen Dingen zur Lebensmittelversorgung unnachsichtlich herangezogen werden, auch um deswillen, daß die Kleinlandwirtschaft Vertrauen zu der Gerechtigkeit der neuen Regierung faßt. Das Wohnungswesen muß vor allen Dingen so geregelt werden, daß jeder Mensch sein Obdach hat. Villen und„ hochherrschaftliche" Wohnungen dürfen nicht unbenutzt bleiben. Ist es möglich gewesen, für Millionen Soldaten Kasernen zu improvisieren, dann muß es auch möglich sein, für die Zivilbevölkerung Wohnräume zu schaffen. Es darf keine hungernden und obdachlosen Menschen geben in der neuen Republiť, wenn sie ihren Bestand nicht selbst gefährden will. Feuilleton O Mutterliebe, Sorg und Treu, Nie ausgeschöpfte Güte! Und immer alt und immer neu; Daß dich die Allmacht hüte! Eine kleine Geschichte. Immermann. Es war in der Heimat. Ein heller Schein von erleuchteten Fenstern fiel auf den dunklen, nassen Bürgersteig hinaus. Es tropfte, es regnete unaufhörlich. Etwas wie eine leise Trauer schien über alle Gegenstände ausgebreitet, über die Gosse, die gleichmäßig hupfte, die Fabriken, die Menschen. Hier schritten auch zwei Mädchen, kriegsbeschäftigte... 35 Durch die harten Waffenstillstandsbedingungen ist die Durchführung der notwendigsten sozialen Maßnahmen ungeheuer erschwert. Die schnelle Demobilisation macht die Verpflegung der Soldaten teilweise unmöglich und der Hunger macht sie zu Plünderern. Eine traurige Genugtuung für die Ententeregierungen, welche immer wieder erklärt haben, nicht gegen das deutsche Volk zu kämpfen, nicht die Vernichtung des deutschen Volkes zu wollen. Aber dennoch muß es möglich sein, die Sozialisierung unseres Wirtschaftslebens bis zu den Nationalratswahlen soweit durchzuführen, daß das deutsche Volt festes Vertrauen zu seiner sozialistischen Regierung faßt. Und das ist möglich, wenn wir einig sind. Einig in dem Willen, den sozialistischen Staat durch Demokratie und nicht durch Diftaktur zu stüßen. Wir haben die Diktaktur von oben so lange entwürdigend empfunden, mun wollen wir sie nicht von unten üben. Den Siegern der deutschen Revolution geziemt nicht Rache, sondern Gerechtigkeit. Ein Teil unserer unabhängigen Genossen hat die Befürchtung, daß die Zeit bis zu den Wahlen zu kurz ist für die Agitation, daß noch breite Schichten unter dem Gefühl der alten Knechtschaft stehen. Diese Sorge ist hinfällig, wenn die sozialistische Republik durch Zaten beweist, daß sie dem Wohl des Ganzen dient. Unsere Worte werden überzeugen, wenn hinter ihnen Taten stehen, wenn sie nicht als leere Versprechungen wirken. Darum gilt es zu arbeiten für die Freiheit, für die bessere Zukunft, für das Land unserer Kinder. Einig müssen wir sein und nur der heiligen Sache dienen mit dem Ziel vor Augen: Ein freies Menschentum auf freier Erde! Klara Bohm- Schuch. An meine Arbeitsschwestern! „ Ich bin der Dichter des Weibes gleicherweise wie der des Mannes. Und ich sage: es ist ebenso erhaben, ein Weib wie ein Mann zu sein. Und ich sage: daß es nichts Erhabeneres gibt, als die Mutter der Menschen." Dieser Brief kam von der Front. Ein Briefwechsel, bei dem indes Absender und Empfänger sich unbekannt blieben, entspann sich hier. Die Adressatin war ein sonderbar unkindliches Geschöpf. Der müde Schwung zweier verschlungenen Brauen, unter denen schwermütige Lider sich bewegten, beherrschte ihr Gesicht. Sie mochte befremdend wirken. Es war etwas wie eine Schranke der Rasse, unübersteigbar, nicht überbrückbar, um sie aufgebaut. Ein fahler Kopf wie aus dem Dsten, wo, wenn die Sonne im Anzug ist, alles blindlings niederstürzt, Gebete stammelt, sich kasteit. Sie war die Jüngere von beiden, aber schon verbrauchter als die Gefährtin. Was sprach der geschlossene Mund, was die bleiche Stirn unter dem glatten Haarkranz? Verlangte ihr stummer Blick nach Leben? Freute sie sich? War sie jetzt glüdlich? Oder verzichtete sie auch jetzt, im Vorgefühl dessen, daß sie nie dem Hasten und Jagen der andern beipflichten, noch " Siehst du, jetzt hast auch du Antwort gekriegt!" sagte die Altere. Nach einer Weile:„ Wart einmal! Hier im Haus- je Befriedigung aus ihm schöpfen könne, auf Lust und Vergang ist Licht, da lesen wir's!" Beide schlüpften in eine schmutzige offene Torfahrt, die, obwohl sich die Stälte hier förmlich einnistete, doch den immerschrägen Regen abhielt. Hier stand: Frankreich, den 2. September. Sehr geehrtes Fräulein! Teile Ihnen mit, daß Ihr werter Brief an uns gelangt ist. Mitten im Feuern habe ich ihn zwischen der Munition entdeckt und gleich zu mir genommen. Es freut uns hier sehr, wenn jemand an uns schreibt. Besonders jetzt, wo es schief hergeht, macht es uns Spaß, denken zu müssen, daß wir, wenn Schluß ist, eine fleine Sie am Arm führen dürfen. Hoffentlich schreiben Sie mir. Mit vielen Grüßen Kanonier N., II. Bat. usw. gessen? Sie war das Kind eines Trinkers. Leise, leise, im Schein der öden Wände, in denen sich zuweilen der Wind verfing, gab sie einem neuen Wunsch, der aus der Tiefe ihres Herzens tam, Raum. Aus dem Schlafen und Wachen ihrer Tage, aus der todesähnlichen Ruhe ihrer Seele erhob sich, wie ein Wolf, scheu aber bestimmt, ein brennendes Liebesverlangen. Sie fühlte ihr Herz klopfen, ihre Brust wogte. Los und ledig aller Fessel, erwartete sie, nicht mehr schicksallos, sondern mit einem eigenen Erlebnis beschenkt, die Zukunft. Außer Essen und Schlafen empfand sie jetzt noch andere, dringendere Bedürfnisse. Spaziergänge, Konzerte, Kinos. 36 Die Gleichheit Diese Erkenntnis Walt. Whitmans blieb Phantasie, sie hielt vor der rauhen Wirklichkeit nicht stand, Religion und Christentum trugen dazu bei, die Knechtschaft des Weibes aufrechtzuerhalten. Jahrhunderte lehrte man der Frau, daß der Mann der Herr sei. Das Haus ist die Welt der Frau, und die Welt ist das Haus des Mannes. Maulhelden benutzten diesen Ausruf gern, wenn die Frauen auf den Kampfplatz erschienen, um ihre Rechte zu erlangen. Das Schalten und Walten am häuslichen Herd im Kreise der Lieben war es nicht längst ein Märchen aus vergangener Zeit? " Als unsere Vorfahren begannen, die Gesetze der Natur zu er kennen und für sich nutzbar zu machen, als sie den Dämon Natur bezwangen, aus Feuer und Wasser Dampf erzeugten, die Kraft des fallenden Wassers benutten. Als der Mensch zum Blizz sprach: Trage mir das Wort über Meere und Dzeane. Zerteile mir die granitenen Felsen und Gletscherberge, damit ich zu meinen Brüdern gelange und ihnen die Hände reiche, als Technik und Wissenschaft Triumph über Triumph feierten, da hätte man aufjauchzen müssen ob dieser Errungenschaften, die ganze Zukunft hätte ein großer Feiertag sein müssen. Was brachte uns Technik und Wissenschaft? Was das Zeitalter der Maschine? Statt der erwarteten Freiheit- Senechtschaft! über fluß den Besitzenden, Hunger und Elend der Arbeiterklasse! Die Arbeitsmöglichkeit wurde immer schwieriger. Mit unheilvoller Gebärde trat das Gespenst der Arbeitslosigkeit vor die Massen, Not und Elend mit sich bringend. Um Arbeit betteln in einer Zeit, wo die Arbeitszeit auf 14 bis 16 Stunden ausgedehnt wurde! Hungern und frieren in der Blütezeit des Unternehmers! So trieb die Sorge Tausende von Frauen in das Erwerbsleben. Wie ein Vampir schlug die Ausbeutungssucht ihre Krallen in die Schultern des Arbeiters, jeden Augenblick bereit, ihm das legfe Blut aus dem Körper zu saugen. Vaterlandslose Gesellen! Vater landsloses Gesindel, so betitelte man die klassenbewußte Arbeiterschaft, die sich gegen solche Zustände auflehnte. Daneben der unersättliche Militarismus!, Technik und Wissenschaft stellten die raffiniertesten Vernichtungswerkzeuge her. Wie ein grollendes Gewitter stand Jahre hindurch der Weltkrieg am politischen Himmel. Die Welt starrte in Waffen. Auf Wiesen und Auen wandern, um Blumen zu pflücken, wer das könnte! Manchmal tauchte der Dirigent vor ihr auf, auf dessen Wink die Glanzstücke der Saison ertönen. Oder sie verfolgte das sich überstürzende Leben der Leinwand: rasende Automobilfahrten, Liebespaare, Naturbilder. Zuweilen lächelte fie unbewußt. Nach Verlauf von mehreren Tagen brachte sie eine Antwort zuwege, die, so findlich und unbeholfen sie war, doch einen Faden bedeutete von hier nach dort, zwischen Mann und Weib. Was klang zurück? Mit Freuden fühlte sie, daß sie jetzt auch ihre Heimlichkeiten hatte, fraft deren sie irgend jemand auf der Welt ver bunden war. Sie verbot der Freundin, ein Aufhebens zu machen, weil sie das in irgendeiner Art beleidigt hätte. Es ist ja doch ein Nichts, meinte sie, man braucht mich deshalb nicht auszulachen; aber ihre Seele, ein leicht und freies Wesen, beinahe der täglichen Mühe entbunden, dachte anders. Aus tindischer Eitelkeit verzichtete sie heute auf genaue Arbeit, kein Wunder, daß man sie schalt, ja verspottete. Aber die Hochgefühle, die entstehen, wenn sich die beiden Geschlechter nähern, fei es auch nur um eine kleine Strecke, verliehen ihr Schutz. Eines Tages tam seine Antwort. Eine Karte, nicht mehr; er zeigte ihr darin, indem er sie sein liebes Fräulein" nannte, an, daß er sich die Freiheit nähme, sie gelegentlich seines bevorstehenden Urlaubs in ihrer Vaterstadt zu besuchen. Gewiß hatte sie zu offen von sich gesprochen. Aber andere, dachte sie, schreiben auch so; man schreibt in der Liebe immer so. Dieser Brief ließ keine Freude in ihr zurück. Warum nur nicht? Tief in ihrer Brust fühlte sie den Stachel: eine rätselhafte Angst vor seinem Erscheinen. Eines Tages saß sie lange, mit ihrem Haar beschäftigt, vor dem Spiegel. Vor ihr lagen Kamm und Nadeln, die ihr helfen Nr. 5 Das furchtbarste Weltendrama brach über uns herein. Ein Ringen um Sein und Nichtsein. Ein Zusammenfassen aller Sträfte ermög lichte eine jahrelange Kriegszeit. Nun blutet das Volt aus allen Wunden. Jammer und Tränen, wohin wir blicken. Blühende Jugend und Mannestraft deckt der Rasen. Die beklagenswertesten Opfer dieses Jammers sind die Frauen. Unermüdlich haben sie ihre Hände geregt. Monatelang füßte fein Sonnenstrahl ihr Haupt. Nacht war es, wenn sie zur Arbeitsstätte eilten, Nacht, wenn sie das sorgenvolle Heim betraten. Wehe, wenn diese Millionen Frauenhände nicht so geschafft hätten! Dann wäre Deutschland schon längst wirtschaftlich zusammengebrochen! Worin bestand die Anerkennung? Zwangsgesetze und Unterdrückung statt Rechte! Nun aber, Arbeitsschwestern, endet die Nacht! Ein Morgen leuchtet, der uns einen herrlichen Tag verkündet. Die Vorrechte der Männer sind gefallen. Die Knechtschaftsbande der Frau find gesprengt! Die Friedenssehnsucht ist erfüllt! Seid gegrüßt ihr tausende Frauen am Morgen der neuen Zeit, die Brot und Bildung unseren Kindern bringen wird! Vorbei die Sorge, daß ihr eure Kinder als Opfer fünftiger Schlachtfelder gebärt, ihr könnt fürderhin Mütter sein im wahrsten Sinnes des Wortes, ihr könnt eure Kinder erziehen zur Teilnahme an der Kulturarbeit. Gesegnet sei der Völkerfrieden, der uns von jeder Barbarei befreit! Ehre und dankbares Gedenken den Brüdern, die der Rasen deckt. Dann aber auf zur Arbeit! Ein jeder von uns, sei es Mann, sei es Weib, mit seinem vollen Menschenrecht auf Erden. Ein jeder von uns gebe seinen Teil an dem ewigen Zwed alles Geschehens. Minna Schilling. Aus unserer Bewegung Republik Bayern. Als am Freitag, den 8. November bekannt wurde, daß in München die Republit ausgerufen worden ist, gab es in Nürnberg fein Halten mehr. Zum Freitagabend waren die Vertrauensleute aller Fabriken und Betriebe zu einer Besprechung eingeladen, die nun zu Hunderten auch von Arbeiterinnen besucht war, und jubelnd wurde Nürnberg als republikanische Stadt begrüßt. Am Sonnabend wurde bis 9 Uhr früh in allen Fabriken gearbeitet. Dann ging es in geschlossenen Zügen zur Festwiese Luitpoldhain, wo die junge Republik gefeiert wurde. Über 100 000 Personen nahmen sollten, eine neue Frisur ins Werk zu sehen. Sie hoffte wohl. daß es auf die eine oder andere Art hübsch würde, aber wohl zwanzigmal zerstörte sie, was schon begonnen war. Sie erhob sich. Die schmächtige Gestalt neigte sich, um besser zu sehen, gegen die Fläche, die, berührt durch den schnellen Hauch ihres Atems, einen Augenblick erblindete. In diesem Gesicht bebte es von Begehren, Verlangen, Wünschen und Hoffen. Würde sie ihm gefallen? „ Kein Mensch hat so Angst wie ich!" schalt sie sich. Dennoch fühlte sie, wie langsam der zarte Schleier, der zuletzt, wie ein Hauch der Phantasie, die Mitwelt und sie geschieden hatte, fiel. Warum das? Während sie so saß, stieg die Nacht unmerklich aus der Erde empor und sah ins Fenster. Nimmermüde bewegte sie die schlanken Finger. ,, Vielleicht gescheitelt?" dachte sie einen Augenblick. Da war es ihr, als bewege sich der Spiegel langsam vom Plaze. Seine Rundung wankte, ohne Zweifel. Und aus der traumhaften Dämmerung seiner Fläche leuchtete es seltsam, wie phosphoreszierend. Ein gräßlich lustiges Phantom blickte ihr entgegen. Eine lachende Larve... In diesem Augenblick trat ihre Mutter ein, das Licht in der Hand. Da zerrann die Erscheinung. Morgens, als es noch Nacht war, begab sie sich, wie gestern und vorgestern, zum Arbeitsplatz. Dort war es hell und warm; die Maschinen brausten, alle hörten es gern, wie die schweren Treibriemen, Schlag auf Schlag, durch die Luft gellten. Ein funkelnder Glanz ruhte auf den tausend Rädern, manchmal sah es aus, als ständen sie still, so schnell drehten Nr. 5 Die Gleichheit an der Kundgebung teil, darunter Taufende von Frauen. In ge= schlossenen Zügen ging es um 11 Uhr wieder in die Stadt zurück. Alles verlief ruhig, nicht ein einziger unangenehmer Zwischenfall ereignete sich. Am Sonntag fanden in Mittelfranken, in den kleinen Städten Versammlungen statt. Unterzeichnete sprach in Weißenburg i. B. über tausend Personen, darunter nicht nur die Arbeiterschaft, Soldaten und Bauern, sondern auch die bürgerlichen Männer und Frauen waren gekommen, um das Referat, Die Revolution in Bayern, entgegenzunehmen. Die Kundgebung in dem kleinen Städtchen mit 8000 Einwohnern verlief glänzend. Der Arbeiters, Soldatenund Bauernrat wurde sofort gewählt, und eine große Anzahl Männer und Frauen traten unserer Partei bei. Für die„ Gleichheit" soll ebenfalls die Propaganda einsetzen. Die Arbeitsaufnahme erfolgte am Montagmorgen in Nürnberg und Mittelfranken durchgehends. Den Anordnungen des Arbeiter, Soldaten- und Bauernrats ist somit restlos Folge geleistet worden. Helene Grünberg. Duisburg- Hochfeld. Hier fand am 6. November eine gutbesuchte Frauenversammlung statt. Genosse Schluchtmann schilderte, wie durch den Krieg die Forderungen der Frauen nach politischer Gleichberechtigung mehr denn je in den Vordergrund getreten seien. Er betonte, daß der Kampf um das Frauenwahlrecht mit mehr Eifer betrieben werden müsse als bisher. Jede solle ihre ganze Kraft dafür einsetzen, ihr Geschlecht von der politischen Ümmündigkeit, unter der die Frauen noch immer zu leiden haben, zu befreien. Auch streifte der Redner das Thema Bevölkerungspolitik und brachte zum Ausdruck, daß durch den neuen Gefeßentwurf ein Eingriff in die heiligsten Rechte der Frauen verübt werde. Wie sehr seine Ausfüh rungen Antlang gefunden haben, beweist, daß nach der Versamm lung 40 Frauen der Organisation beitraten. Emilie Sommer. Stettin. Am 5. November fand auch in Stettin eine Versammlung statt, die zum Gegenstand ihrer Erörterung die Gesetzgebung über die Bevölkerungsvermehrung hatte. In dem schönen Saal der Oberrealschule, der zum ersten Male der Partei für politische Zwecke zur Verfügung gestellt wurde, hatten sich etwa 300 Frauen und einige Männer eingefunden. Auch bürgerliche Frauen waren darunter, trotzdem die Vorsitzende des bürgerlichen Frauenvereins eine Beteiligung an der Versammlung nur dann empfehlen wollte, wenn sie Garantien für die Tendenz, in der der Vortrag gehalten würde, erhalten könnte, ein Verlangen, auf das unser Vorsitzender mit Recht nicht einging. Das Referat hatte an Stelle des verhinderten Genossen Dr. Quard- Frankfurt a. Main seine Frau Meta Duard- Hammerschlag übernommen. Sie beleuchtete in einstün fie sich. Alle sangen dann ein Lied, nur kurz vom Chef unterbrochen. Hell war ihr fretinenhaft greises Gesicht, fast glücklich. Etliche Zeit verstrich. Da kam der letzte Brief des Inhalts, daß Kamerad N. seit dem 22. September, wo ein Angriff stattgefunden, nicht mehr zur Truppe zurückgekehrt sei. Also schon seit vier Wochen! Träumerisch schritt sie heimzu; die Stube war leer. Plöglich merkte sie, daß alles aus sei. Ein dumpfer Schmerz bemächtigte sich ihrer. Sie legte die Hände vors Geficht und weinte bitterlich. Dezemberlied. Harter Winter, streng und rauh, Winter, sei willkommen! Nimmst du viel, so gibst du auch, Das heißt nichts genommen. 3war am Außern übst du Raub, 3ier scheint dir geringe, Eis dein Schmuck und fallend Laub Deine Schmetterlinge. Rabe deine Nachtigall, Schnee dein Blütenftäubchen; Deine Blumen traurig all, Auf gefrornen Scheiben. Doch der Raub der Formenwelt, Kleidet das Gemüte; Wenn das Äußere zerfällt, Treibt das Innre Blüte. Die Gedanken, die der Mai Lochet in die Weite, Flattern heimwärts, kälteschen, 3u der Feuerseite. Sammlung, jene Götterbraut, Mutter alles Großen, Steigt herab auf deinen Laut, Segenübergossen! Und der Busen fühlt ihr Wehn, Hebt sich ihr entgegen, Läßt in Keim und Knospen sehn, Was sonst wüst gelegen. Wer denn heißt dich Würger nun? Du flichst Lebenskränze, Und die winter der Natur Sind der Geifter Lenze. Grillparzer. 37 digem Vortrag alle Nachteile, die den Frauen aus diesen Gesezen entstehen würden, und hob scharf ihre zwiespältige Art in der Behandlung von Mann und Frau hervor. Zur Belebung des Willens zur Mutterschaft seien Reformen auf dem Gebiet der sozialen Gesetzgebung, der Mutterschaftsversicherung, des Arbeitsvertrags, der Wohnungsreform notwendig, nicht aber polizeiliche Verbote. Für alle diese Dinge aber, so führte die Rednerin aus, bedürfen die Frauen das Frauenwahlrecht, und zur Erringung dieses Wahlrechts sei die Unterstützung der sozialdemokratischen Partei durch die bürgerlichen Parteien notwendig. Sie führte an dem Beispiel Berlins und Frankfurts a. Main aus, wie das zu machen sei, und forderte die Frauen Stettins aller Parteirichtungen auf, alle Bedenklichkeiten hintanzustellen und dieses gemeinsame Ziel in gemeinsamer Arbeit zu erringen. Die vorgeschlagene Resolution fand einstimmige Annahme. M. H. Bevölkerungspolitik Über Reichstag, Bevölkerungspolitik und Frauen sprach am 2. und 3. November Reichstagsabgeordneter Heinrich Schulz in Rostock und Wismar. Troß der gespannten politischen Situation waren die Arbeiter und Arbeiterfrauen der Einladung auch zu diesem etwas abseits von den gegenwärtigen politischen Hauptfragen liegenden Thema in Massen gefolgt. Beide Versammlungen waren überfüllt und nahmen mit dem größten Interesse und mit bewun derswerter Aufmerksamkeit die sachlichen Darlegungen des Referenten entgegen. Die Versammelten waren mit ihm einig in der Forderung, daß im neuen Deutschland, an dessen Tür wir jetzt stehen, die bekannten beiden bevölkerungspolitischen Ausnahmgeseze gegen die Frauen nicht Gesegestraft erlangen dürfen. Ein moderner Sittlichkeitskongreß. ( Schluß.) Hatte der erste Tag der Konferenz zur Betonung der Verpflich tung der Kommunen, ihre fürsorgende Tätigkeit auch diesem Zweige des gesellschaftlichen Lebens zuzuwenden, geführt, so brachte der zweite Tag eine Stellungnahme zu den vorliegenden bevölkerungspolitischen Gesetzentwürfen. Die drei Referenten, unser Genosse Dr. Quard, Professor Dr. v. Düring, Arzt und Leiter der Lehr- und Erziehungskolonie Steinmühle, dem langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet der sexuellen Erkrankungen eigen sind, und der oben Die Studentin. Wer heute mitten im Semester einen Universitätshörsaal besucht, dent prägt sich ein erstaunliches Bild ein, äußerlich gar nicht düsterfriegsmäßig, sondern farbenfroh und belebt. Auf den Bänken, auf denen einst die Eintönigkeit männlicher Kleidung nur selten fröhlicher durchsprenkelt war, hat jetzt die Mannigfaltigkeit der Bluse die Oberhand: junge Mädchen beherrschen die Räume. Die spär= lichen jungen Männer unter ihnen sind höflich und artig und nicht mehr. vom Vollgefühl des Männerprivilegs der Wissenschaft durchdrungen, und der frauenfeindlichste Professor, der die Studentinnen in seinen Vorlesungen einst als Luft behandelte, beginnt jetzt freundlich:„ Meine Damen und Herren!" Während der Kriegszeit hat sich die Wandlung vollzogen. Zwar war die Frage des Frauenstudiums praktisch schon lange vorher gelöst, aber man konnte sich nicht abgewöhnen, die Studentin als Seltsamkeit anzustaunen, die sich erst nach hißigen Stämpfen gegen eine widerstrebende Umwelt den Weg zum Studium gebahnt hatte. Im Sommer 1918 waren unter den 20900 Besuchern der deutschen Universitäten 6800 weiblichen Geschlechts; zwar haben die 14110 Studenten ziffernmäßig noch immer die Oberhand, aber sie kommen und gehen, da sie vielfach nur aus dem Felde beurlaubt sind, während die Studentinnen ruhende Pole in der Erscheinungen Flucht sind. Wir haben Universitäten( Marburg und Heidelberg), wo die Zahl der studierenden Frauen die der Männer beträchtlich überragt. Und man fann mit Sicherheit annehmen, daß auch nach dem Kriege die Zahl der Studentinnen weiter wachsen wird. Der gesteigerte Zustrom der Frauen an die Universitäten aus neuen gesellschaftlichen Schichten, die frisch erschlossenen Quellen des weiblichen Betätigungsdrangs haben mun ganz veränderte Typen der studierenden Frau geschaffen, die uns ihr überkommenes Bild völlig verschieben. Marianne Weber hat in einem bei W. Moeser in Berlin erschienenen Heftchen„ Vom Typenwandel der studierenden Frau" den interessanten Versuch gemacht, diese sozialen und psychologischen Probleme zu erhellen. Daß sie dabei ein wenig schematisch vorgeht, hat verständliche Gründe: sie will ein bestimmtes 38 Die Gleichheit bereits erwähnte Richter aus Bielefeld, Dr. Bozi, hatten sich auf folgende Leitsätze zu den drei Gesezentwürfen geeinigt: Die bevölkerungspolitischen Gesezentwürfe, die dem Reichstag in den drei Geseßentwürfen vorliegen, A. eines Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, B. eines Gesetzes gegen die Verhinderung von Geburten, C. eines Gesetzes gegen Unfruchtbarmachung und Schwangerschaftsunterbrechung stellen einen Schritt der Reichsregierung dar, unsere durch die Verluste im Krieg schwer geschädigte, durch die kulturelle Entwicklung und die sozialen und sittlichen Anschauungen stark beeinflußte Volksvermehrung mit Hilfe von gesetzgeberischen Maßnahmen wieder aufzubauen. Das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in der Fassung der Kommissionsbeschlüsse des Reichstags bedeutet eine erste, später auf Grund der gewonnenen Erfahrung wieder auszubauende Maßnahme, die Quellen der Ansteckung, die Kranfen, wirklich zu erfassen, zu einer Behandlung ihrer Krankheit zu zwingen, die Gemeingefährlichkeit dieser Krankheitsträger wirksam zu beschränken und diejenigen, die entweder gewissenlos genug sind, die Krankheit bewußt zu verbreiten, oder so leichtsinnig, daß sie unter Vernachlässigung ihrer Behandlung eine Gefahr für ihre Umgebung bilden, zur Strafe zu ziehen. Mit vollem Erfolg wird der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten freilich erst durch Einführung der ärztlichen Anzeigepflicht an staatliche Gesundheitsbehörden durchgeführt werden können, die nach wie vor zu fordern ist, und es muß im Gesez ausdrücklich ausgesprochen werden, daß jede Form einer polizeilichen reglementaristischen Gewerbeunzucht zu verwerfen ist. Zum§6 des Entwurfes ist ausdrücklich auszusprechen, daß eine irgendwie behördlich geduldete, veranlaßte, überwachte oder genehmigte Bordellierung oder Kasernierung der Prostitution ausgeschlossen ist. Die beiden Gesezentwürfe gegen die Verhinderung von Geburten und gegen Unfruchtbarmachung und Schwangerschaftsunterbrechung geben dagegen zu schwersten Bedenken Anlaß. Zustimmen kann man den Bestimmungen gegen Verbreitung schwangerschaftshindernder Mittel durch Reklame, Broschüre, öffentliche Feilbietung( außer in Apotheken) und des Haufierhandels. Im übrigen greifen die Geseze tief in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen ein und verkennen die die Kinderzahl regelnStudentinnensymbol zur Zeiterscheinung runden. An der Spizze steht der„ heroische Typus". Damit sind jene einsamen Wegbahnerinnen gemeint, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts den heldischen Stampf gegen den Männervorbehalt der Wissenschaft aufnahmen, und die in ihrer streitbar zugespigten Jungfräulichkeit auf den Blütenkranz weiblicher Anmut verzichteten". Diese Mädchen, viel verspottet und gereizt, waren gleichzeitig Frauenrechtlerinnen, die in der Vorhut der bürgerlichen Frauenemanzipation fämpften; sie trugen das entsagende Märtyrertum aller Einseitigen, die sich gegen den Widerstand der Welt mit einem Stachelpanzer gürteten. Aber gespannt von hoher Willensenergie, bissen sie sich durch und erreichten ihr Ziel. Diesem heroischen Typ folgte, nach Marianne Weber, der„ klassische Typ" der Studentin, etwa zu Beginn dieses Jahrhunderts. Die Schroffheiten und die falsch verstandene Anpassung an linienstrenge Männlichkeit im Äußeren verschwanden; die jüngere Generation stand schon in der Mitte zwischen dem fleißigen Berufsstreben und der Bewahrung ihrer weiblichen Besonderheit, die die Hoffnung auf Erfüllung des höchsten Frauenglücs nicht ganz aufzugeben vermochte; sie wollte alle weiblichen Eigenwerte behalten und die Wissenschaft durch sie bereichern,„ durch Wesen und Leistung die Vorstellung dessen, was Frauen können und sollen, zu erweitern, um einem neuen höheren Typus von Weiblichkeit zum Siege zu verhelfen". So weit, so gut. Nun konstruiert sich Marianne Weber einen dritten, den„ romantischen Typ", den der jüngsten Gegenwart. Das Problem der Studentin erscheint ihr hier auf einmal als das allein vom Eros beherrschte Problem der Bourgeois- Jungmädchen, die sich irgendwo im Kampfe gegen entgegenstehende Mächte zu bewähren und durchzusetzen haben. Die Studentinnen von heute nähmen als Selbstverständlichkeit, was die Vorgängerinnen im Stampf und unter Schmerzen errangen, und sie seien nicht mehr in gleichem Maße angespornt von leidvollen Wegen und teuer erkauften Zielen. Alle Beziehungen zur Frauenemanzipation schienen abgebrochen; ja die Studentinnen ständen ihr heute vielfach in bewußter Ablehnung gegenüber. Das„ zentrale Erlebnis in der Sphäre des Persönlichen", die Beziehung zum männlichen Geschlecht, überwuchere alles andere. Nr. 5 den sozialen, ökonomischen, beruflichen, gesundheitlichen Bedingungen der Familien; sie sind überdies undurchführbar, überspannen das Recht und die Möglichkeit staatlicher Einmischung in diese Fragen und würden bestimmt keinerlei Nußen, aber unendliche Unzuträglichkeiten und Verbitterung zur Folge haben. Eine Bevölkerungspolitik, die mit Aussicht auf Erfolg eine Volksvermehrung anstreben will, hat unendlich große Aufgaben auf dem Gebiet der Wohnungspolitik, der Schwangeren-, Mutter- und Säuglingsfürsorge, der Fürsorge für uneheliche Kinder, der Steuererleichterung für kinderreiche Familien, der Fürsorge für Erziehung, Ausbildung, Schule, Fachschule und Hochschule zu erfüllen. Mit Wegfall der die Freude und den Mut zur Zeugung der Kinder lähmenden Hindernisse und Sorgen unserer gegenwär= tigen gesellschaftlichen Zustände wird ganz von selbst der Wille zum Kinde und der Stolz auf eine große Nachkommenschaft wieder zunehmen. Negative Strafbestimmungen sind weder ethisch berechtigt noch praktisch zum Ziele führend. Positive Arbeit erfüllt sowohl sittliche Forderungen wie bebölferungspolitische Wünsche. 善 Es war ein Erlebnis, diese drei Redner zu hören, wie jeder den Stoff nach der ihm gestellten Aufgabe beleuchtete und wie schließẞlich ihr Einklang hergestellt wurde in der Forderung: Weg mit den Ausnahmebestimmungen gegen eine Klasse von unglücklichen Frauen, her mit dem Meldezwang der Ärzte für alle Erkrankten, einerlei, ob Mann oder Frau. Gestaltet die Welt so, daß die Eltern Freude an einer großen Kinderschar haben können, und die deutsche Frau wird ohne Zwang und ohne Gesetze gerne Mutter sein. Die an diese Vorträge sich anschließende Diskussion stand in ihrer dreistündigen Dauer auf seltener Höhe und vervollständigte die Herausführung des gesamten Gebiets der Sittlichkeitsfragen aus den Schranken konfessioneller Moral zur Durchdringung einer modernen Sittlichkeitsgesetzgebung mit den Grundsägen und Gedanken staatlicher Zweckmäßigkeitsregelung. Alle Seiten der Sittlichkeitsgesetzgebung wurden darauf geprüft, ob sie von der höchstmöglichen Beförderung des gemeinen Wohls ausgehen und ihr entsprechen. M. G. H. Besieht man die Oberfläche, so hat Marianne Weber in der Tat mancherlei Beobachtungen auf ihrer Seite. Es geht durch bestimmte Gruppen dieser studierenden Mädchen ein romantischer Zug zur Flucht aus der grausamen Wirklichkeit; sie wandern, sie singen, und es scheint, als sähen sie alle Zukunft in der Fernglut der Befreiung von einer Arbeit, die ganz nebenher läuft und nur zu einem gesteigerten Rhythmus des Lebens verhelfen soll: eine flotte Hülle für bürgerliche Geltung, die gern und leicht abgestreift wird. Aber man darf, und hier versagt die gut beobachtende und flar formulierende Marianne Weber, nicht den Schein für die Wirklichkeit nehmen. Zwar sind die Studentinnen der Philologie und der Philosophie, wo sich gewiß vielfach der Verdacht der bloßen Schöngeisterei erhebt, die es gar nicht nötig" hat, noch in der Mehrzahl; aber prozentual viel höher ist die Zahl der weiblichen Studierenden der Medizin, der Staatswissenschaften, der Jurisprudenz, der Landwirtschaft gestiegen, um 100 bis 330 Prozent. Die bevorzugte Minderheit wird gewaltig überflügelt von jenen Studentinnen, die in dieser zerklüfteten Zeit brennend nach einer Lebensaufgabe suchen, wenn nicht nackte wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend sind; Gott Eros will sie für immer aus dem Paradiese vertreiben, da der Krieg so schmerzliche Opfer unter der blühendsten männlichen Jugend forderte. Die Verringerung der Ehemöglichkeit drängt automatisch zur Selbständigkeit in einer Arbeit, die in den Seelen dieser Mädchen wenigstens einen Abglanz der Lebenserfüllung entzündet. Und diesen Harten Notwendigkeiten entspricht auf der anderen Seite die wachsende Unentbehrlichkeit der Frauenarbeit auf allen Gebielen; neue Entfaltungsmöglichkeiten sind da und feuern an! So löse sich in diesem Kriege die herbe Frage von Goethes Iphigenie: Hat denn zur unerhörten Tat der Mann allein das Recht?" Auch die Studentinnen von heute sind beflammt von tapferer Sachlichkeit der Berufsvorbildung und des Berufsstrebens, und wenn ihnen auch die Bitterkeitsfalte ihrer ersten Vorfämpferinnen fehlt, wenn sie statt des hohen Stehkragens einen herzförmigen Halsausschnitt zeigen und sich wieder junge, die Eva nicht verleugnende Fröhlichkeit bewahren, so steht doch darum hinter den meisten nicht weniger der schattenschwere Ernst eines harten Müssens. G. Veyer. Nr. 5 Die Gleichheit Ein Ende der Muttersklaverei. Die Revolution, die jetzt über das bisher im Mittelalter bezwungene Deutschland hinwegbraust, hat auch einen Gesetzentwurf in die Versenkung gebracht, der die Knechtschaft des Staatsbürgers, in diesem besonderen Falle der Staatsbürgerin in den grellsten Farben aufzeigte und nicht bekämpft werden durfte: das Geburtengesetz. Ohnmächtig standen die Denkenden Deutschlands und Österreichs vor dieser ungeheuerlichen Blasphemie der Mutterschaft, die es wagte, die Mutterschaft wie einen militärischen Appell zu dekretieren, den weiblichen Körper zum würde- und denklofen Gebärapparat zu entwürdigen und die ganze Kindideologie zum gefühllosen Menschenersatz zu gestalten. Man war bereit, die Mutterpflicht zu verhängen, ohne die Pflicht zu übernehmen, das Leben des Geborenen sicherzustellen. Die Freiheit des weiblichen Körpers war ja immer nur ein Requisit des Staatserhaltes. In dem berüchtigten Gesezentwurf wurde sie zum willenlosen Sklaven, über den man verhandelte, ohne daß in einem Vertretungskörper eine weibliche Stimme sich erheben konnte, gegen das scheußliche Attentat auf die ureigenste Freiheit, auf den primitivsten Eigenwillen hätte erwidern können. Alles, was die Autokratie und ein mittelalterlicher Despotismus des Mannes an dem Weibe verbrochen, wurde mit diesem Gesezentwurf gekrönt, die Pyramide der Rechtlosigkeit, der Unterdrückung und der unnatürlichen Entweihung des Seelenlebens erhielt mit diesem brutalen Schandentwurf die Spitze. Und es mag als selbstverständlich festgestellt sein: nicht die besigende Frau wurde zum Märtyrer dieser Schandberfügung ausersehen. Nein, nur die Frau der arbeitenden, der besizlosen Klasse, die nicht mit Hilfe des Hausarztes, der Sanatorien und der durch hohe Summen zu erlangenden Hilfsbereitschaft der Ärzte dem Fluche eines Kinderfegens entrinnen sollte, den hungernde Kinder für eine abgearbeitete, selbst hungernde Mutter darstellen. Dadurch ist das Stillschweigen in der bürgerlichen Presse erklärt, nicht aber das in der Arbeiterpresse, die es muß Der zerbrochene Topf. Märchen nach dem Solländischen von Julius Zerfaß. In Benares, im fernen Wunderlande Indien, wohnte einmal ein Mann namens Svabhavatripana, was zu deutsch ungefähr heißt: ein geborener Geizhals. Auf seinen Bettelgängen durch das Dorf hatte er eines Tages eine gewisse Menge Mehl gesammelt, und nachdem er einen Teil davon für sein Mittagsmahl verbraucht hatte, tat er den Rest in einen irdenen Topf. Den Topf befestigte er mit einer Schnur an einem Nagel in der Decke über seinem Bett, so daß er ihn immer vor sich sehen konnte. Als er nun des Abends im Bette lag, dachte er, nach dem irdenen Topf blickend:„ Es ist noch ziemlich viel Mehl darin. Wenn nun eine Hungersnot käme, würde ich sicher 50 Rupien( 60 Mark) dafür herausschlagen. Von diesem Geld würde ich ein paar Ziegen kaufen, schöne Ziegen. Die Ziegen würden jedes Jahr Junge friegen, so daß ich bald eine ganze Herde beisammen hätte. Dann kaufte ich für die Geißen ein paar Stühe, und wenn ich davon eine Anzahl Kälber hätte, würde ich um das Geld Büffel kaufen, von den Büffeln Pferde, und wenn ich diese wiederum verkaufe, so bin ich ein reicher Mann und lasse mir ein prachtvolles Haus bauen. Und wenn ich in dem schönen Haus wohne, heirate ich ein reiches, reiches Mädchen, und wir werden einen Sohn bekommen, den wir Somasarman nennen. Wenn er zwei Jahre alt ist, seze ich ihn auf meine Stnie und lasse ihn Hopphopp reiten, bis er lacht vor Vergnügen. Und immer schneller reite ich ihn, immer schneller, bis es im Galopp geht, bis es hopsassa rascher geht wie der Wind, und wenn der Junge ängstlich wird und beinahe herunterfällt, nehme ich ihn in meine Arme, so..." Und er schlug seine Arme auseinander, stieß gegen den Topf, der zur Erde fiel und in tausend Stücke zerbrach, so daß das Mehl nach allen Seiten auseinanderftob und ihn gänzlich wie mit Schnee bedeckte. Da sah der Vater von Somasarman recht toll und lustig aus. 39 dies festgestellt seines nicht vermochte, in einem Sturm den Schandgesehentwurf fortzufegen. Nur dünne Kreise erhoben Widerspruch, so eine Art moralischen Zwang erfüllend, dem man sich doch nicht gut entziehen konnte. Nun, auch in der Frage der Kinderflucht hat sich die Revolution durchgesetzt, und derjenige, der es in unseren Kreisen heute wagen würde, die unbeschränkte Geburtentätigkeit zu predigen, wie dies vor nicht langer Zeit noch zu bemerken war, würde von der Entrüstung der in diesem Kriege am furchtbarsten leidenden weiblichen Arbeiterschaft erstickt werden. Und dieser Entwurf, der uns außerhalb der Kultur stellte, wie uns der Militarismus und das verruchte Gottesgnadentunt aus dem Reiche des wahrhaften Denkens bannte, wurde in einer Zeit der Volksvertretung Deutschlands vorgelegt, in der Millionen einer fluchwürdigen dynastischen Politik geopfert wurden. Man gedachte die Mütter zur Geburt zu zwingen in einer Zeit, in der hunderttausende Söhne starben, hingemeßelt oder unter einem furchtbaren Zwang zum Mord verurteilt. In einer Zeit, in der ein Wahnsinnsschmerz die Herzen der Mütter zerfleischte, da sie die Lieben betrauerten und erkennen mußten, ein ganzes Leben umsonst ihren Kindern gewidmet zu haben, umsonst Sorgen, Schmerzen, gesundheitliche Gefahren, nicht selten Verkrüpplung und das Leben. In einer Zeit, wo die Kinder an Hunger starben, verelendeten, verwilderten und von den Herrschenden für sie die Erziehung eines soldatischen Kulturräubers geplant wurde. Nur wenn man all dies erwägt, kommt man zu der grauenhaften Würdigung dieses Schandgesetzes, das man den Frauen auferlegen wollte. Aber so, wie für alle Geknechteten eine neue Zeit gekommen ist, so muß dies auch für die durch Jahrtausende unterdrückte Frau gelten. Auch ihr muß die Freiheit leuchten, aber nicht nur in der Erlangung der gleichen politischen Rechte, sondern in der Erlangung der Freiheit ihres Körpers. Die Zwangsbestimmungen unseres Strafgesetzbuches müssen einer Revision unterzogen werden, der ganze moralische Klimbim, der sich wie ein übelriechender Schleim um das Verhältnis der Liebe der Geschlechter gewunden, muß entfernt werden. Das Kind darf nicht mehr ein Gesetzparagraph sein, auch nicht die GeHymnus! Von allem, was die Zeiten reiften, Wohl nichts so tief das Herz bewegt, Als daß man Jungfrau, Weib und Mutter Nicht mehr in geist'ge Fesseln schlägt.... Viel tausend Jahre sind verronnen Jns Weltmeer der Vergessenheit, Viel hundert Lichtverkünder sehen Turmhoch gehäuftes Menschenleid. Und Tränenströme nuglos flossen Ob allen Unrechts Tag für Tag, Ob Knechtung edelster Gefühle, Ob schamlos zugefügter Schmach! Das alles ist nur Traum gewesen... Sun ringt aus gramdurchfurchter Brust Ein Schrei sich los vieltausendfältig Voll neuerwachter Lebenslust, Ein Jubelruf, nicht aufzuhalten, Und schwillt zum brausenden Orkan! Zertrümmert sind die alten Gözen, Zerschmettert Männergrößenwahn. Als gleichberechtigte Genoffin hat nun das Weib am Schicksal teil und kann mitraten, darf mittaten, Dem werdenden Geschlecht zum Heil! Ja, wahrlich! Morsche Balken brachen, Jedoch mit eh'rnem Meißel set Jns Buch der Menschheit eingetragen Als größte Tat: Das Weib ward frei!... Artur Sta 40 Die Gleichheit sundheit und das Liebesrecht der Frau. Der Zwang zur Mutterschaft, durchbrochen und nur mehr im Zuchthaus eine Stüße findend, muß fallen. Und dies wird und muß eine der ersten Taten der neuen Zeit sein, in der Frauen an der Seite der Männer für ein freies Menschengeschlecht wirken werden. Nicht Moralanarchie wird in diesen Zeilen verlangt, im Gegenteil. Der Vorwurf erledigt sich von selbst in der Vernunftehe und in der Mätressenwirtschaft, in der Schande, die im Finstern des Kapitalismus und im Wahren des Ahnendeforums verborgen sind. Nein, der weibliche Körper und die Mutterschaft sollen frei werden von einem unnatürlichen Zwange einer Männerherrschaft, frei in der Selbstbestimmung, die höher steht als jede politische Gedankenlinie in dieser Richtung. Und das natürliche Gesetz wird Siegerin: Mutter zu werden nach eigenem Willen und in Verhältnissen, die das Glück und die Liebe gedeihen und blühen lassen. In jenen Verhältnissen, die noch weit, weit entfernt sind, wird die Flucht vor dem Kinde ersterben, ohne Versklavung der Mütter und ohne Zuchthausdrohung. Joh. Ferch( Wien). Frauen in die Arbeiter- und Soldatenräte. An den Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrats Berlin. haben die unterzeichneten Genossinnen am 15. November fol gendes Schreiben gerichtet: Die Vertreterinnen der sozialdemokratischen Frauen( Sozialdemofratische Partei Deutschlands) haben am 14. November in einer Versammlung eine aus fieben sozialdemokratischen Frauen bestehende Körperschaft gewählt, die als Frauenbeirat zur Mitberatung und Durchführung aller die arbeitenden Frauen betreffenden Fragen funktionieren soll. Sie stellt an den Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrats das dringende Ersuchen, eines der Mitglieder dieser Störperschaft mit Sig und Stimme in den Vollzugsrat aufzunehmen und den siebengliedrigen Beirat als Körperschaft anzuerkennen. Mit dieser Vertretung haben wir die Genossin Alma Fritsch be= auftragt. Zugleich wollen sich die sozialdemokratischen Frauen an die Leitung der Unabhängigen sozialistischen Partei mit dem Vorschlag wenden, den gewählten Frauenbeirat durch sieben weibliche Mitglieder ihrer Partei zu vervollständigen und ebenfalls aus diesen ein weibliches Mitglied mit Sig und Stimme in den Vollzugsrat des Arbeiter und Soldatenrates zu entsenden. Da unter der Demobilisierung breite Schichten der arbeitenden Frauen besonders schwer zu leiden haben, bitten wir um sofortige Erledigung unseres Antrages. Die Überbringerinnen dieses Antrags sind von dem Frauenbeirat beauftragt, mündlich den Antrag näher zu begründen. Die Mitglieder des Frauenbeirates sind: Klara Bohm- Schuch, Alma Fritsch, Martha Hoppe, Marie Kirschnic, Elfriede Ryneck, Wally Bepler. J. A.: Marie Juchacz. Eine Antwort steht heute( 20. November) noch aus. Es ist aber zu hoffen, daß sie in Kürze eintrifft, und zwar in zustimmendem Sinne, damit die Frauen bei der reichen Arbeit der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin und anderen Orten nicht ausgeschaltet sind. Gute und schlimme Tage. Wir Menschen beklagen uns off, daß der guten Tage so wenig sind und der schlimmen so viele, und, wie mich dünkt, meist mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz häffen, das Gute zu genießen, das uns Goff für jeden Tag bereitet, wir würden alsdann auch Kraft genug haben, das übel zu tragen, wenn es kommt. Es ist mit der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit; denn sie ist eine Art von Trägheit. Unsere Natur hängt sehr dahin, und doch, wenn wir nun einmal die Kraft haben, uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frisch von der Hand, und wir finden in der Goethe. Tätigkeit wahres Vergnügen. Gewerkschaftliche Umschau Nr. 5 Die plögliche Umwälzung der Staatsform hat auch mit einem Schlage grundlegende Anderungen der Gesetzgebung gebracht, die für die Gewerkschaften von großer Bedeutung sind. Darunter ist zunächst zu rechnen das freie Koalitions- und Versamm Yungsrecht, auch ein solches für die Staatsarbeiter, dann die Aufhebung der Gesindeordnung, und vor allem die Einführung des geseglichen achtstündigen Marimalarbeitstages, Errungenschaften, um die die Gewerkschaften jahrzehntelange Stämpfe geführt haben und in der alten Gesellschaftsform noch weiter hin hätten führen müssen. Auch manche durch den Kriegszustand geborene Einschränkungen der gelverblichen Freiheit der Arbeiter sind sofort beseitigt worden, so zum Beispiel das Hilfsdienstgesetz, das in Gewerkschaftskreisen zu manchen Verstimmungen AnIaß gegeben hatte. Andere nicht minder wichtige gewerkschaftliche Forderungen und Bestrebungen traten in den ersten Tagen der republikanischen Staatsgründung etwas in den Hintergrund, so insbesondere die Fragen der Sozialpolitif. Es ist aber selbstverständlich, daß, wenn die politische Neuordnung erst einigermaßen gesichert ist, dann die sozialpolitischen Forderungen der Arbeiter wieder mit in den Vordergrund gerückt werden. Eine der wichtigsten dieser Forderungen hat ja bereits durch die neue Regierung Beachtung gefunden. Die während der Kriegszeit zum großen Teil außer Straft gesetzten Arbeiterschutzbestimmungen sind bereits wieder Gesetz, ihre Ausdehnung und Verbesserung ist in baldiger Zeit zu erwarten. Reformen auf dem Gebiete der Arbeiterversicherung sind bereits angekündigt. Die durch die Demobilisierung sehr wichtig werdende Frage der Erwerbslosenunterstügung sieht auch bereits ihrer Reglung entgegen. Der neue Staat wird selbstverständlich dafür sorgen müssen, daß den Arbeitslosen aus staatlichen Mitteln Unterstützung gezahlt wird. Auch in der Stellung der Unternehmerverbände zu den Gewerkschaften ist eine sehr bemerkenswerte Änderung vollzogen worden. Die Unternehmer und unter diesen die Großindustriellen haben die Gewerkschaften anerkannt, eine Forderung, um die die Gewerkschaften seit Jahrzehnten Kämpfe geführt haben. Sie haben für die Übergangswirtschaft eine Vereinbarung getroffen, wonach die aus dem Heeresdienst zurückkehrenden Arbeiter wieder in ihre alten Arbeitsstellen eintreten sollen. Sie haben sich mit dem Achtstundentag einverstanden erklärt und damit, daß aus Anlaß der Verkürzung der Arbeitszeit keine Verdienstschmälerung eintritt. Die Institution der Arbeiterausschüsse soll allgemein werden, ebenso die kollektiven Arbeitsverträge. Jede Beschränkung der Koalitionsfreiheit ist fünftig unzulässig. Dieser Vereinbarung ging schon vorher eine Anerkennung der Bergarbeiterorganisation durch die Grubenbesitzer voraus. Wichtig ist ferner, daß nach dieser Vereinbarung ein Zentralausschuß auf paritätischer Grundlage gebildet wird zur Reglung der Demobilisierung und zur Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens, wodurch angestrebt wird, der Arbeiterschaft die Existenzmöglichkeit zu sichern. Für die Demobilisierung hatten die Gewerkschaftsverbände schon seit langer Zeit umfassende Vorbereitungen getroffen, die aber bei der nun plöglich eingetretenen Demobilisierung nur noch zum Teil in ihrer ursprünglichen Form werden Verwendung finden können. Der 26. September war ein Erinnerungstag für die deutschen Gewerkschaften. An diesem Tage im Jahre 1868 trat der Allge= meine Arbeiterkongreß zusammen. Dr. May Hirsch, einer der zwölf Delegierten der Berliner Maschinenbauer, die damals noch die Kerntruppe der Fortschrittspartei bildeten, verließ unter Proteſt den Kongreß. Er gründete mit Franz Dunder die Hirsch- Dunderschen Gewerkvereine. Damals wurde der Keim gelegt zu den heute machtvollen Gewerkschaften, die in der Zeit vor dem Kriege oft das Beispiel gewaltiger wirtschaftlicher Machtentfaltung gegeben haben und die auch in dem neuen Staatswesen noch zu großen Aufgaben be= rufen sein werden. An ihrer Ausbreitung muß nach wie vor mit Georg Schmidt. gleicher Regsamkeit gearbeitet werden. Da die Redaktion unserer Zeitschrift der Ferligstellung und Beförderung wegen ungefähr 2 Wochen vor dem Erscheinungstermin jeder einzelnen Nummer abschließen muß, so konnte in der vorigen Nummer die große revolutionäre Umwälzung leider kaum eine Erwähnung finden, obwohl die Nummer das Dalum des 22. November trägt. Wir bitten wegen diesen Schwierigkeiten, die besonders jetzt infolge der mangelhaften Beförderungsverhältnisse unvermeidlich sind, um Entschuldigung. Redaktion der Gleichheit. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Marie Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.g. in Stuttgart.