Nr. 6 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig. Durch die Post bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mr. 1.45. Jahrtausendlang Entrechtete, Stuttgart 20. Dezember 1918 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. An die Frauen! Gedoppelt, dreifach von Gewalt Geknechtete, Jetzt seid ihr frei! Seid nun als Bürger und als Menschen Gleiche, Mitschaffende, Mitratende im Reiche -nun wohlan, es sei! Der Freiheit Laßt uns der Kameradschaft Handschlag tauschen. Hört ihr der großen Zukunft Flügelrauschen? Frisch auf, zur Tat! Das alte Unrecht liegt zerklirrt in Scherben, Wir aber sind des Ackerbodens Erben, Wir stehen auf und werfen aus die Saat. Sind erst die Halme freudig aufgesprossen 3m jungen Licht, von Tränentau begossen, Dann ist's geschafft. Dann wird der Ruf den Müttern und den Söhnen, Die durch die Felder ziehn, im Ohre tönen: Wir sind die Kraft! Artur Zickler. Weihnachten im Frieden". Viermal ist das Weihnachtsfest unter dem grausigen wilden Gelärm des Krieges begangen worden. Vier Jahre hindurch war das Fest des Friedens ein blutiger Hohn auf seine friedliche symbolische Bedeutung. Viermal haben Millionen von Männern, Familienväter und Söhne, ihre Weihnachtsfeier in irgend einem Granatentrichter oder einer schmutzigen und feuchten Erdhöhle, umgeben von Mord und Totschlag, begehen müssen. Zu Hause in der Heimat aber saßen zur gleichen Zeit Millionen von Frauen und Kindern und streckten sehnsuchts. voll und in herzbeklemmender Sorge die Hände aus nach den fernen Lieben irgendwo in Feindesland. Nur die schwanke Brücke der Sehnsucht verband die Heimat mit dem Feld. In diesem Jahre kann zum ersten Male wieder ein Weihnachtsfest im Frieden begangen werden. Im Frieden? Leider ist nur der Wunsch der Vater des Gedankens. Zwar nicht mehr im Kriege verleben wir Weihnachten, am Frieden aber fehlt noch viel. Wohl hat ein Waffenstillstand das gegenseitige Morden zum Ende gebracht, wohl dürfen wir auch hoffen, daß es nicht wieder aufgenommen wird, wohl haben wir den heißen, brennenden Wunsch, daß dieses grausame Völkergemetel das letzte für alle Zeiten gewesen ist. Aber der Waffenstillstand bedeutet noch nicht den Frieden. Er ist leider mir ein schweres, drückendes, unerbittliches Joch, das uns die siegreichen Gegner auf Den Nacken gelegt haben, und das wir geduldig ertragen müssen, wenn wir überhaupt zum Frieden gelangen wollen. Sie wollen es das deutsche Volk büßen lassen, was seine bisherigen Machthaber verschuldet haben. Doppelt gestraft wird das deutsche Volt. Erst hat es sich den Druck seiner eigenen Gewalten gefallen lassen und für die Irrtümer und Ruchlosigkeiten des alten Systems büßen müssen, bis es endlich Kraft genug gewonnen hatte, die Fesseln einer herrschsüchtigen Kaste zu zerbrechen. Jezt aber spürt es die noch härtere Faust des siegreichen Gegners im Nacken, und diese ist leider nicht durch eine stolze Freiheitsbewegung abzuschütteln, sie muß ertragen werden, solange es den feindlichen Machthabern gefällt oder bis es den sozialistischen Brüdern in den feindlichen Ländern gelingt, ihre siegestrunkenen Regierungen zur Menschlichkeit und zur Ordnung zurückzurufen. Uns fehlt auch noch der Friede im Innern. Wohl steht die große Mehrheit des deutschen Volkes geschlossen hinter der siegreichen Novemberrevolution. Wohl ist es bei dieser gewaltigen Bewegung fast ohne Menschenopfer abgegangen; nie zuvor hat eine Revolution von solcher Ausdehnung sich so schnell und unblutig durchgesetzt. Wohl steht die deutsche Nationalversammlung, die dem deutschen Volke Gelegenheit geben soll, in großer allgemeiner Volksabstimmung sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen, in sicherer Aussicht. Aber die Leidenschaften im Volfe sind aufgewühlt wie nie zuvor. Nicht mehr spielen sich die Stämpfe im Innern zwischen einzelrien Schichten ab wie bei früheren revolutionären Bewegungen, von denen die große Masse des eigentlichen Volkes mehr oder weniger unberührt blieb, sondern das ganze Volk nimmt bis auf den schlichtesten Arbeiter, vom zitternden Greise bis zu den unmündigen Kindern, teil an der gewaltigen Bewegung und Erschütterung. 42 Die Gleichheit Kein Wunder, wenn da mancherlei Erscheinungen zutage treten, die wenig erfreulich sind. Die Nevolution hat dem deutschen Volke volle Freiheit in Rede und Schrift gebracht, von der in vollstem Maße Gebrauch gemacht wird. Die leidenschaftlichsten Anklagen und Vorwürfe, berechtigte und unberechtigte, beherrschte und unbeherrschte, ehrlich gemeinte und niedrig gehässige, werden durch Wort und Schrift in die Massen getragen. Nur allmählich kann sich die ungeheure Erregung, in die das Volk dadurch gestürzt worden ist, legen und klären. Daher ist das Weihnachtsfest noch immer kein Friedensfest. Und doch sind wir von Herzen froh, daß es wenigstens nicht mehr so ist wie im vorigen Jahre, daß wir den Krieg, den eigentlichen Krieg, überwunden haben, daß wir, wenn auch inmitten wüster Trümmer und wilden Durcheinanders, doch am Beginn einer neuen Zeit stehen und die Arme zum Aufbau eines neuen Wohnhauses für das deutsche Volk wieder rühren können. Hierbei wird vor allem auch die deutsche Frau mitzuarbeiten haben. Sie steht fortan in voller Gleichberechtigung neben dem Manne. Die Wählerlisten für die bevorstehende Nationalversammlung werden ergeben, daß es einige Millionen mehr Frauen gibt als Männer. Es ist zu erwarten, daß sich die Frauen gerade bei diesem ersten Male, weil es für sie etwas Neues und Bedeutungsvolles ist, zahlreicher an der Wahl beteiligen als die Männer. Es ist ferner anzunehmen, daß die Frauen wegen ihrer bisherigen politischen Unfreiheit und der dadurch bewirkten Interesselosigkeit für das politische Leben jetzt um so leichter der Beeinflussung im Guten und Bösen zugänglich sind. Ein neuer, ganz unberechenbarer Faktor tritt mit den Frauen in das politische Leben ein. Nr. 6 trefft, so benutzt die Stunde friedlichen Zusammenſizens zur politischen Aufklärung. In diesem Jahre ist Weihnachten noch kein eigentliches Fest des Friedens. Aber es liegt in eurer Hand, daß im nächsten Jahre die Menschen, Kinder und Große, nach schweren Jahren grauenvoller Kämpfe und seelischer Erschütterungen wieder aus befreitem Herzen singen können: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Warum wir hoffen dürfen! In der Hand eines einzigen Menschen liegt zurzeit mehr oder weniger das Schicksal der Welt. Viele bei uns gründen daraufhin ihre Hoffnung auf einen Rechtsfrieden, auf einen Frieden, der uns atmen und arbeiten läßt, und der auch das Licht und die Freude nicht gänzlich aus unserer Zukunft verbannt. Denn Wilson hat sich für einen Rechtsfrieden eingesetzt. Keine Annerionen, keine Entschädigungen. Selbstbestimmungsrecht der Völker, kein Wirtschaftskrieg, sondern Politik der offenen Tür und Freiheit der Meere, Völkerbund und Abrüstung. Es hört sich gut an, das Wilsonprogramm. Dürfen wir hoffen, daß es die Grundlage der Friedensverhandlungen sein und bleiben werde? Ich fürchte: nein! Fürchtete es von dem Augenblick an, in dem Wilson die Festsetzung der Bedingungen eines Waffenstillstandes den militärischen Leitern der Entente überantwortet hat. Es ist bereits ausgesprochen worden, daß ein auf dem Wege des Waffenstillstandes völlig machtlos gewordenes Deutschland den amerikanischen Truppen und damit dem Präsidenten Wilson die Möglichkeit nimmt, das #ausschlaggebende Zünglein an der Wage des Weltgeschehens zu bleiben. Denn die auf der Grundlage eines solchen Waffenstillstandes einsetzenden Friedensverhandlungen werden es dem Engländer gestatten, auch gegen den Präsidenten seine Auffaffung durchzusetzen. Wir haben bereits eine Probe solcher Möglichkeit gehabt.„ Die Verhältnisse haben sich geändert!" So lautete das Verdift gegen Österreich- Ungarn. Wer will uns dafür bürgen, daß nicht auch eines Tages bei uns die Verhältnisse sich so geändert" haben könnten, daß man sich an frühere feierliche Zusagen nicht mehr gebunden glaubt? Es sind Rheinbundseinflüsse am Werk. Daneben Ultra- und Gegenrevolution. So sollten wir vorsichtigerweise unsere Hoffnungen nicht allzusehr auf Wilson gründen. Der Sozialdemokratie braucht um die zu ihr gehörigen Frauen nicht zu bangen. Aber sie sind nur ein Bruchteil aller wahlberechtigten Frauen. Es gilt deshalb in den Wochen bis zur Nationalversammlung, die politische Aufklärung und Einsicht auch in die anderen weiten Kreise der Frauemvelt zu tragen. Es gibt Stimmen, gerade in freiheitlich gerichteten Kreifen, die das Eingreifen der Frauen in die politische Entscheidung fürchten. Wir verkennen die Gefahr nicht, aber wir fürchten sie auch nicht. Wir verlassen uns vor allen Dingen auf den untrüglichen elementaren Instinkt der Frauen, soweit das größte politische Ergebnis der Zeit in Betracht kommt: Strieg oder Frieden fann es eine Frage sein, wofür sich die Frauen aller Parteirichtungen entscheiden werden? Wer aber ist es gewesen, die dem deutschen Volke den Frieden erhalten wollte, die bis an die Schwelle des Krieges im Sommer 1914 für den Frieden gekämpft hat? Wer hat in den Kriegsjahren ungeachtet aller Gefahren und gehässigen Vorwürfe als erste die Stimme für den Frieden erhoben? Wer hat immer erneut, unermüdlich und mit wachsender Kraft und wachsendem Einfluß die herrschenden Gewalten auf die Bahn der Friedenspolitik gedrängt? Wer hat dem deutschen Volfe das wirkliche Ende des Strieges gebracht? Wer allein ist imstande, den fürchterlichen Strieg so abzuschließen, daß das deutsche Volf nicht rettungslos zugrunde geht? Wer führt das deutsche Volk in diesen schweren Wochen des übergangs vom Krieg zum Frieden durch die Stürme von außen und durch die Stürme im Innern sicher und entschlossen hindurch? Die deutsche Sozialdemokratie! Tragt es hinaus, ihr sozialdemokratischen Frauen, in die Kreise der übrigen Frauenwelt, daß sie ihre Rettung allein der deutschen Sozialdemokratie verdanken, daß ohne sie die Frauen auch in diesem Jahre wieder ein Weihnachtsfest feiern müßten noch trüber als in den Jahren zuvor. Wenn ihr in den Weihnachtstagen mit Verwandten und Freunden zusammenZur Verzweiflung ist trotzdem kein Anlaß. Unsere Gegner haben kein Interesse daran, uns als Wirtschaftsvolt zu vernichten. Sie würden erstens damit die Henne schlachten, die ihnen die goldenen Eier des„ Wiedergutmachens" legen soll. Sie würden es ferner in ihrer eigenen Wirtschaft übel verspüren, wenn ein so tüchtiges, tätiges und erfindungsreiches Volk wie das deutsche aus der Reihe der freien Wirtschaftsvölker ausgeschaltet und in die Rolle der Weltknechtschaft hinabgedrückt würde. Sklavenarbeit hat noch nie viel getaugt, und die für die Weltwirtschaft so wichtige deutsche Qualitätsarbeit kann von einem Knechtsvolt nicht erwartet werden. Endlich dürfte es auch nicht im Interesse Amerifas liegen, durch Ausschaltung des Deutschtums dem imperialistischen England ein noch stärkeres Weltübergewicht zu geben. So sind diese Verneinungen ein Licht im Dunkel der uns umgebenden Nacht. Aber wir haben ein anderes, das heller ist und uns die Morgenröte einer besseren Zukunft heraufführen wird. Es ist das Bewußtsein von der unverwüstlichen Kraft eines Volkes, das diese vier Kriegsjahre bestanden und überdauert hat. Gewiß ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt, und es ist nicht die Stunde, aus einem Chauvinismus in den anderen zu fallen und sich etwas vorzulügen und vor zutäuschen. Im Laufe der Kriegsjahre hat sich auch bei uns viel Menschliches und Allzumenschliches enthüllt. Feigheit und Drückebergerei, Wucher und Ausbeutung, der organisierte Diebstahl und sittlicher Zerfall. Das sind üble Flecken am Kleide Nr. 6 Die Gleichheit der deutschen Ehre. Aber ein Trost ist dabei. Sie sind nicht von Haus aus so stark gewesen. Sie sind geworden und um so mehr hervorgetreten, je länger die Krankheit dieses Krieges dauerte. Begleiterscheinungen einer Strankheit! Strankhafte Ent artungen. Man kann es nicht anders nennen. So wie die Glieder befallen werden, wenn das Zentralorgan nicht richtig funktioniert, so haben uns diese Entartungserscheinungen befallen. Wir dürfen hoffen, daß sie in demselben Maße schwinden werden, in dem es uns gelingt, der Krankheit Herr zu werden. Wir haben den entscheidenden Schritt getan. Siegreich ist eine fast unblutige Revolution durch die deutschen Lande geschritten. Eines aber tut not: Daß wir festen Schrittes die neuen Wege gehen und uns weder von rechts noch von links von diesen Wegen abdrängen lassen. Dann aber auch nur dann werden wir in ruhiger Sicherheit die unversieglichen Kraftquellen eines Volkes erschließen, das so diese Prüfungszeit überstanden hat, und den Acer unserer Zukunft so bestellen können, daß daraus die Ernte einer gesegneten Volkszukunft uns entgegenwachse. Henriette Fürth. Die Nationalversammlung kommt. Am 9. November brach das Kartenhaus der alten Staatsform zusammen. Der Baugrund wurde freigelegt für den Bau des neuen Hauses, in dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlichfeit wohnen sollen. Das Fundament hat die Volksregierung bereits gelegt. Es ist die politische Freiheit, die jedem Volksgenossen, Mann und Frau, ermöglicht, am Bau des neuen Hauses mitzuarbeiten. Viel Frauenglück liegt unter den Trümmern des alten Hauses begraben. Frauenliebe, die Quelle unerschöpflicher Straft, soll neues Glück aufrichten helfen. In dieses Naturrecht, das uns das kapitalistische Zeitalter versagte, setzt uns das beginnende sozialistische ein. Um unserer und unserer Kinder willen, um der Menschheit willen, die heraus will aus der Blutschuld des Kapitalismus, ruft es die Frauen auf den Plan. Genossinnen! Das Schicksal der Welt liegt in unseren Händen. Es sollen die Vertreter zur Nationalversammlung gewählt werden. Die Nationalversammlung soll endgültig den Bauplan festlegen für den Bau des neuen Vaterlandes. Noch einmal werden kapitalistischer und sozialistischer Geist miteinander ringen. Genoffinnen, der Sieg ist unser, wenn wir alle restlos unsere Pflicht tun. Nur noch eine kurze Zeitspanne trennt uns vom Wahltage. Bis dahin heißt es alle Sträfte sammeln, Der Krieg ist den Frauen ein harter Lehrmeister über den engen Zusammenhang zwischen Politik und Familie gewesen. Die traurigen Folgen der kapitalistischen Vergangenheit und die erlösenden Aussichten einer sozialistischen Zukunft, die ihre helfenden Boten bereits voraussendet, stehen in flarem Gegensatz zueinander. Auf Grund der veränderten politischen Verhältnisse hat sich die Unternehmerschaft gezwungen gesehen, auf ihre Diktatur im Wirtschaftsleben gegenüber der Arbeitnehmerschaft zu verzichten. Die Gewerkschaften sind von ihnen als berufene Vertreter der Arbeiterschaft anerkannt worden. In allen Betrieben werden fortab die Arbeiterfragen von gewählten Ausschüssen aus der Arbeiterschaft gemeinsam mit der Geschäftsleitung geregelt. Das ist die Mitbestimmung der Arbeiterschaft in allen Fragen, die sich auf Lohn, Einstellung, Entlassung, Arbeitszeit, hygienische Einrichtungen des Betriebes usw. bezieht. Als Höchstmaß für die Arbeitszeit ist der Achtstundentag eingeführt worden, ohne daß dadurch eine Kürzung der Einnahmen erfolgt. Afford- und Stundenlohn werden entsprechend erhöht. Daneben hat die Unternehmerschaft sich bereit erklärt, die heimkehrenden Soldaten möglichst in ihre alten Stellungen wieder einzusetzen. Unumgängliche Entlassungen sollen mit möglichster Schonung erfolgen. Hier haben die Arbeiter- und Angestelltenausschüsse ein dankbares Feld sozialer Betätigung. Das gilt besonders auch für die Frage der Entlassung aushilfsweise angestellter Frauen. Regelung der Arbeitslosenfür 43 forge und Arbeitsvermittlung sind die nächsten Aufgaben, die die Regierung lösen wird. Alle diese Errungenschaften sind, wie schon gesagt, Rückwirkungen der politischen Umwälzungen. Das Ziel der Revolution ist nicht nur die politische, sondern vor allem die wirtschaftliche Befreiung. Die wirtschaftliche Befreiung hat zur Voraussetzung, daß der Arbeitnehmer an der Produktionsweise, der Leitung des Unternehmens mitbestimmend beteiligt ist, ganz unabhängig davon, ob sich der Betrieb im Besitz privater Hand oder des Staates befindet. Wieviel Frauenliebe, wieviel Mutterglück sind nicht in der Tretmühle des ewigen Alltags, zu dem unzähligen Müttern unter der kapitalistischen Wirtschaft auch der Sonntag wurde, zertreten worden. Die aufgezählten Neuerungen, die uns jetzt über eine schwere Übergangszeit hinweghelfen, werden eine Quelle der Lebensfreude werden, wenn am 16. Februar der sozialistische Geist siegen wird. Er wird nicht bei diesen Reformen haltmachen, nein, der sozialistische Geist hat die unbegrenzten Möglichkeiten einer tiefen, allumfassenden Menschenliebe, die nur allein fähig ist, die Welt aus dem Jammer, in den der Kapitalismus sie gestürzt hat, zu befreien. Nicht mit zu hassen, mit zu lieben sind wir da! Nicht weil wir hassen, nein, weil wir lieben, sind wir Sozialdemokratinnen. Mit dieser Losung wollen wir uns den Aufgaben unserer Zeit hingeben. So wollen wir sie alle lehren, mit uns zu lieben. Am Wahltag werden die Augen der ganzen Erde auf uns gerichtet sein. Die Proletarier aller Länder stehen unter demselben Joch. Unser Sieg wird ihr Sieg sein. Deutsche Genossinnen! Wir standen bisher mit unseren politischen Rechten hinter den Frauen der meisten Kulturstaaten zurück. Bald aber wollen wir für sie alle unseren Stimmzettel in die Wahlurne legen. Nur der Sozialismus kann die Frau ganz frei machen. Für ihn soll mit unserer Hilfe der 16. Februar entscheiden. Minna Todenhagen. Gegen rechts und links! Wenn bei den kommenden Wahlen zum Nationalrat die wahlberechtigten Frauen alle von ihrem Staatsbürgerrecht Gebrauch machen, so geben sie den Ausschlag über die künftige Regierungsform Deutschlands. Darum liegt in der Entscheidung der Frauen eine große Verantwortung, und dieser Entscheidung muß jede einzelne sich bewußt werden. Klares Denken ist notwendig, um den Weg zu finden, den unser Gewissen als den besten zur Sicherung der sozialen Republik vorschreibt. Leicht ist es für die Masse der Frauen nicht, zu dieser Zielklarheit zu kommen, denn von rechts und links werden Anstrengungen gemacht, das starkentwickelte Gefühlsleben der Frau in den Dienst der Sache zu stellen. Auch wir wollen, daß das politische Denken von dem lebendigen Strom des Gefühls durchpulst wird; aber wir wollen nicht, daß Einseitigkeit und Fanatismus den Blick für die praktischen Möglichkeiten und für die zukünftige Entwicklung trüben. Von rechts tritt uns als stärkste Gegnerin in der politischen Aufklärungsarbeit die Kirche entgegen. Sie behauptet, daß die neue Gesellschaft dem Volke die Religion, daß sie den Frauen ihren Gott nehmen wolle. Das ist ganz falsch. Wir haben niemals die Religion an sich, nie den Gott, zu dem der Gläubige beten will, bekämpft. Bekämpft haben wir nur die Kirche als Dienerin des kapitalistischen Staates, als Bedrückerin der Volksschule, die es für ihre Aufgabe ansah, die freie geistige Entwicklung unserer Kinder zu denkenden Menschen zu verhindern zu Nutz und Frommen des kapitalistischen Staates. Und zu diesem Kampfe waren wir nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, wenn wir es ernst meinen mit der geistigen Befreiung unseres Volkes. Die Schule muß frei werden von jedem Druck. Das sozialdemokratische Parteiprogramm verlangt die Erklärung der Religion zur Privatsache. Die Kirche soll frei sein, sie soll unabhängig vom Staat auf sich selber gestellt werden und dadurch die Möglichkeit erhalten, ihre wirkliche innere Lebenskraft zu beweisen. 44 Die Gleichheit Um ein Gefühl ausdrücken zu können, muß man es in ein Wort fleiden, und so bezeichnen viele Menschen mit den Worten Religion" und„ Gott" das, was andere„ Ideale" nennen, nämlich: die tiefste und heiligste Sehnsucht unseres Wesens nach Vollkommenheit. Wir Sozialdemokraten suchen die Verwirklichung unserer Ideale hier auf Erden. Die Menschen sollen im irdischen Leben glücklich sein. Und darum halten wir es für notwendig, daß der Menschengeist schon im Kinde zur Verantwortlichkeit gegen die menschliche Gesellschaft und gegen sich selbst herangebildet wird. Zum Lebenskampf gerüstet, soll das junge Menschenkind die Schule verlassen, aber auch vorbereitet und fähig, alle Schönheiten und Wahrheiten dieses Lebens in sich aufzunehmen. Die heilige Liebe zum Leben wollen wir wecken und pflegen. Die christliche Kirche lehrt, daß der Mensch nur ein Werkzeug Gottes sei: mithin sei sein Wille nicht frei, sondern einem anderen höheren unterstellt. Diese Lehre schafft demütig duldende Menschen, deren ganze Sehnsucht über das Grab hinausgreift und viele so für den Lebenskampf und für den reinen Lebensgenuß unfähig macht. Ein Mitleid wird herangebildet, welches die Besitzenden zum Geben erziehen soll und das die Befitlosen zum Nehmen demütigt. Wir aber wollen das Recht jedes einzelnen auf Brot und Leben. Tas junge Menschenkind, welches durch die christliche Morallehre der Schule zur eigenen vollen Verantwortlichkeit für sein Tun nicht erzogen worden ist, mußte aber die ganze Strenge des Gesezes tragen, wenn es einen Verstoß gegen die Gesellschaft beging. So wurden naturgemäß Widersprüche im Innenleben hervorgerufen, die zu Haß und Verachtung gegen die christliche Morallehre und gegen die Gesellschaft führen mußten. Alle Morallehren und Sittengeiebe haben mit der Zeit fortzuschreiten, wenn sie nicht zum Schaden der arbeitenden Klassen, zum Hemmschuh ihrer geistigen Entwicklung werden sollen. Und deshalb wollen wir die Befreiung der Schule von diesen überlieferungen, die für unsere Zeit nicht passen. Feuilleton Sonnenwende. Heute fand ich kaum das kleinste Lebenszeichen; Wie weit ich suchend auch die Schritte lenkte, Wie forschend ich den Blick zu Boden senkte, nichts traf ich an, als dürre pflanzenleichen. Ich sah den Wind auf weißen Gräbern streichen, Wo gestern noch sich Gras an Gräser drängte, Wo selbst ein Blümchen seinen Gruß mir schenkte, Und Trauer fühlt' ich in die Seele schleichen. Da sauste rasch den Berg hinab ein Schlitten: Drin saßen Kinder, die ein Liedchen sangen Und froh den Arm um eine Tanne schlangen. mir aber war's, als sie von dannen glitten, Wie wenn der Wind verhallend aufwärts sende Von ihrem Sang das Wörtchen„ Sonnenwende". Ferdinand Avenarius. Belgische Spitzen. Im alten Balast Gruuthuse im melancholischen Brügge. Ich stehe vor den glasüberdeckten Tischkästen, in denen die wertvollen Spigen fragen eines van Dyck, eines Karls V. und die kostbaren Tücher einer Margarete von Parma seit Jahrhunderten aufbewahrt und zur Schau gestellt sind. Einen Wert von zwei Millionen Franken stellt die in diesen von Geschichte und Romantik durchwobenen Räu men bereinigte Spizensammlung dar. Darunter Stücke, wo an einem Meter flinke Frauenhände jahrzehntelang arbeiteten und wo das Gewebe so fein ist wie Spinnenfäden. Und neben die geschichtliche Vergangenheit treten so vor mein Auge die geschickten Proletarierinnen, die mit ihren Fingern diese Herrlichkeiten schufen. Nr. 6 Ohne Zwang soll der Glaube sein, und alle gläubigen Christen oder Juden sollen die Möglichkeit haben, ihre Kinder in diesem Glauben erziehen zu lassen. Aber dasselbe Recht sollen fortan auch alle freigläubigen Eltern genießen, bisher hatten sie es nicht. Hierüber Aufklärung zu schaffen, ist Pflicht jeder Genossin; damit es den Sträften, welche bisher unser Staatswesen mißleiteten, die belastet sind mit dem Blut und Unglück von Millionen, nicht gelingt, durch den Einfluß der Kirche das Staatsbürgerrecht der Frauen für ihre reaktionären Zwecke dienstbar zu machen. Die äußerste Linke, der Spartakusbund, versucht es, all das furchtbare Leid, das die Frauen über vier Jahre getragen, in ein Haß- und Rachegefühl umzumünzen, und sie dadurch blind zu machen für die Forderungen der Demokratie. Der Spartakusbund verlangt die Diktatur des Proletariats, um diejenigen, die bisher das Volk unterdrückten, nun seinerseits unterdrücken zu können. Wir Frauen aber verlangen nicht Rache, sondern Gerechtig feit. Weil wir so unendlich viel gelitten haben, wollen wir unsere Rechnung an die kapitalistische Gesellschaft in aller Ruhe und Klarheit vorlegen. Wir wollen nichts vernichten, dessen Verlust uns selbst am schwersten treffen würde. Wir wollen die Schuldigen treffen, aber wir wollen nicht in kleinlicher Gehässigkeit gegen unsere eigenen Arbeits- und Leidensgenossen wüten. Der Spartatusbund führt in der Praxis keinen sachlichen, sondern einen gehäfsig- persönlichen Kampf. Das mögen die Führer nicht wollen, aber der Erfolg ist so. Der Spartakusbund sieht die Einführung des Bolschewismus als das erstrebenswerte Ziel an, wir aber lehnen dieses russische Vorbild ab. Er verwirft die Volksabstimmung in der Nationalversammlung und will die Herrschaft des Proletariats, das heißt seine eigene Herrschaft, obwohl er nur einen kleinen Teil der Proletarier hinter sich hat, durch die Diktatur. Auch wir verlangen die vollkommene Umgestaltung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in die sozialistische. Das ist eine Forderung unseres sozialdemokratischen Programms, und jede Regierung, die versuchen sollte, von dem geraden Wege abzuweichen, würde von dem Volke davongejagt werden. Aber Doch mein Verweilen an dieser Stätte ist beschränkt. Noch bevor der letzte Sonnenstrahl den Grat des Belfrieds überglänzt, fehre ich der Stadt der malerischen Winkel und der dunklen Grachten den Rücken. Draußen im flämischen Dorf aber suche ich das für die Herstellung der kunstvollen Spigen erwachte Interesse zu befriedigen. Der Begriff Belgische oder Brüsseler Spigen ist weltbekannt. Indes deckt das Wort nicht ganz seinen wirklichen Gehalt, denn Brüssel ist eigentlich nur der große Umsatz- und Marktplatz für diese feine Ware, deren weitaus größter Teil in den Städten und Dörfern Flanderns ihre Ursprungsstätte hat. In diesen bis jetzt von Kriegsnot durchzogenen Bezirken gilt das Stlöppeln der Spigen breiten Volks schichten als Lebenserwerb. Die Herstellung der Spigen zu dekorativem Zweck ist in weiten Gegenden Flanderns, ja Belgiens überhaupt, zu einer nationalen Beschäftigung und somit zu einem wichtigen volkswirtschaftlichen Faktor geworden, der diesen Schichten Arbeit und Brot gibt. Auf flandrischen Feldern, hauptsächlich in dem Dreieck GentBrügge- Courtrai, wird der Flachs gebaut, der den Rohstoff für die Spigen liefert. Besonders in der Gegend von Courtrai züchtet man ein ungewöhnlich feines Gespinst, das berufen ist, für die besten und teuersten Sachen zu dienen. Das Klöppeln der Spigen aber ist eine der interessantesten Beschäftigungen. Es kann nur durch jahrelanges Lernen und üben erworben werden. Schon mit zarter Kinderhand muß die Spizenarbeiterin anfangen, will sie es zu größerer Kunstfertigkeit und also Verdienstmöglichkeit bringen. Bereits in der Schule wird den kleinen Mädchen das Klöppeln gelehrt, das sich von Generation zu Generation forterbt. Für die Familie ein Beruf, für den Großhändler ein dankbares Objekt zum Ausbeuten menschlicher Armut. Häufig fand ich Gelegenheit, mir die Herstellung der Spigen anzusehen. Da sißen in einem kleinen Raum, oder wenn die Sonne lodt vor der niedrigen Haustür einige Frauen verschiedensten Alters. Jede hat ein Stehpult vor sich, das mit weichem Stoff ausgepolstert ist und auf dem die je nach der Kompliziertheit des anzufertigenden Musters erforderliche Anzahl Stlöppel an den zu verarbeitenden Garnfäden hängt. Mit einer Fingerfertigkeit, die diejenige eines Nr. 6 Die Gleichheit wir wollen die Umgestaltung durch die Demokratie und nicht durch die Diktatur. Wir haben die Herrschaft der Diktatur, die Knebelung eines ganzen Volkes durch eine kleine Minderheit lange genug ertragen. Nachdem wir die eine abgeschüttelt haben, wollen wir nicht die andere. Ohne Nationalversamm lung wären wir Frauen genau so rechtlos, wie wir vorher waren. Nicht ein paar Männer und Frauen sollen unsere Geschicke bestimmen, sondern wir wollen es selbst tun. Und deshalb soll jede von uns ihr Teil dazu beitragen, soll agi tieren für die Beteiligung der Frauen an den Nationalwahlen und soll Aufklärung schaffen über die Ziele der Sozialdemokratie. Nicht rechts und links, geradeaus geht unser Weg: über die demokratische Voltsabstimmung zum Sozialismus. Klara Bohm- Schuch. Die Arbeit der Frauen für die Nationalversammlung. Am 16. Februar 1919 haben zirka 21 Millionen deutsche Frauen das gesetzliche Recht und die moralische Pflicht, ihre Stimme zur gesetzgebenden Nationalversammlung abzugeben. Recht verpflichtet. Jede Parteigenossin weiß, daß jetzt die Stunde für sie da ist, da sie ihre ganzen Kräfte einsetzen muß, um unserer gemeinsamen Sache, dem Sozialismus zu dienen. Unsere Arbeitsfraft gehört der sozialdemokratischen Partei. Die Genoffinnen müssen fich überall in den großen Wahlapparat eingliedern. In den Bureaus, von denen die Wahlvorarbeiten geleitet werden, müssen Frauen ständig mit tätig sein. Bei der Wahl stehen sich nicht Männer und Frauen gegenüber; nicht darum handelt es sich, einer besonderen weiblichen Weltanschauung Ausdruck zu geben, nein, gemeinsam, Schulter an Schulter mit den Männern unserer Partei gehen wir in den Wahlkampf, um der sozialdemokratischen Weltanschauung zum Siege zu verhelfen und damit der Entwidlung zum Sozialismus zu dienen. Die Genofsinnen müssen in den Wählerversammlungen reden. Das Interesse der Frauen an der Wahl ist erwacht, in Scharen strömen sie in die Versammlungen und stellen einen starken Prozentsatz der Besucher. Auch die Männer bringen jetzt naturgemäß den Ausführungen einer Frau ein starkes Interesse entgegen. SoKlaviervirtuosen wohl noch in den Schatten stellt, wird das vorgeschriebene Spizenmuster ausgeführt. Eilig fliegen die fegelförmigen Klöppel durcheinander, so schnell, daß das Auge des Laien dem Vorgang gar nicht zu folgen vermag. Als wäre es ein Spiel des Geratewohls, was da getrieben wird, so schaut es aus. Nach einiger Zeit des Beobachtens aber sieht man bald, daß alles ganz finn- und ordnungsgemäß vor sich geht. Der einfache in prächtigem Weiß leuch tende Garnfaden ist unter den Fingern der Arbeiterin zu einem mannigfachen Gebilde geworden. Aber wie stets in der Hausindustrie, so entspricht auch hier die Bezahlung nicht der aufgewendeten Mühe. Der durchschnittliche Tagesverdienst einer Klöpplerin geht bei acht bis zehnstündiger Arbeitszeit nur selten über den Satz von einer Mark hinaus. In Form und Qualität stellt die Spizenarbeiterin die mannigfachsten Sachen her. Die verschiedensten Arten von Borten und Befaz, einfach und kompliziert, daneben aber auch Tücher, Belege und allerhand Zierstücke gehen unter ihren fleißigen Händen hervor. Besonders feine Arbeiten erfordern besonders geübte Arbeiterinnen. Ja, einige Arten fönnen nur von wenigen Klöpplerinnen hergestellt werden. Solchen Erzeugnissen entspricht auch ihr Wert. So besitzt der Vatikan beispielsweise eine Spizensammlung im Werte von 41/2 Millionen, die englische Königsfamilie eine solche von 3 Millionen und Vanderbilt in Amerika eine solche von 22 Millionen Mart. Aber nicht an Einzelerzeugnissen und an in einzelnem Besitz aufgehäuften Spizen ist der Umfang dieses Industriezweiges und dessen Umsatz zu ermessen; mehr noch spricht dafür, daß die jährliche Ausfuhr an Spigen bloß nach Frankreich die runde Wertsumme von 3 Millionen Franken darstellt. Insgesamt werden an Spizen und Geweben aus Belgien jährlich für gut hundert Millionen Franken ausgeführt. Hierbei ist Gent als der Hauptort der belgischen Textilindustrie anzusehen. Von diesen gewaltigen Summen ist jedoch der größte Teil nicht als Verdienst der Arbeiterinnen, sondern als Gewinn der Agenten und Kapitalisten zu buchen. Aus den Fingern der Klöpplerin, unter starker Ausnutzung ihres Augenlichts, werden diese Summen gepreßt. Bezeichnet doch sogar ein offizieller Prospett über die Stadt Brüssel 45 weit sich am Ort geübte Rednerinnen befinden, ist es selbstverständlich, daß sich diese mit den redenden Genossen in die Arbeit teilen. Wo das nicht der Fall ist, müssen die weniger geübten Genossinnen gleich nach dem Hauptreferenten oder in der Debatte das Wort ergreifen. Eine große Anzahl von Genossinnen haben sich während des Krieges von den Parteiveranstaltungen ferngehalten. Sie waren stumpf durch erlittenes Leid, müde durch die überarbeit und verärgert durch die Streitigkeiten. Diese Genossinnen, die sich jetzt mit neuerwachtem Interesse wieder einfinden, ebenso die neu für uns gewonnenen Frauen müssen zur Arbeit herangezogen wer= den. Das geschieht am besten durch die Veranstaltung Kleinerer Frauenversammlungen, in denen über die besonderen örtlichen Aufgaben zur Wahl geredet und die Arbeit verteilt wird. Es ist nicht immer möglich, alle Frauen bei den allgemeinen öffentlichen Versammlungen zu erfassen. Auch ist es dem politischen Verständnis sehr vieler bis jetzt doch ganz rechtloser Frauen an gepaßt und deshalb notwendig, zu ihnen in besonderen Frauenversammlungen über ihre neuen Staatsbürgerrechte und-pflichten zu sprechen und um ihre Stimme zu werben. Die Sozialdemokratie wendet sich seit jeher mit Recht an alle Hand- und Kopfarbeiter und-arbeiterinnen. Wir müssen unsere Werbearbeit auf alle Schichten des weiblichen Proletariats ausdehnen. Studentinnen, Lehrerinnen, die weiblichen Post- und Telegraphenbeamten bis zu den Briefbotinnen und Depeschenträgerinnen, das gesamte weibliche Bahnpersonal, das gesamte städtische Perfonal, angefangen von der einfachsten Hilfsarbeiterin bis zu den Frauen, die leitende oder soziale Stellungen in der Gemeinde haben, müssen in Spezialversammlungen zusammengerufen werden. Hierbei wird es möglich sein, wertvolle Verbindungen anzufnüpfen und auch schriftliches Agitationsmaterial in diese Kreise zu leiten. Das System der Verhältniswahl gestattet uns nicht, einzelne Gegenden unbeadert zu lassen. Die Agitation muß sich auf das Land erftreden. Genoffinnen müssen mit hinaus, müssen unsere Flugblätter in die Stuben der Landarbeiter und der kleinen Besizer tragen und mit deren Frauen über die neue Zeit sprechen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß in den einzelnen neuen Wahlkreisen auch Frauen mit auf die Kandidatenliste gesetzt werden die Bezahlung der Spizenarbeiterin als lächerlich und bedauerlich niedrig". Etwa 150000 Frauen und Kinder aber arbeiten in diesem Beruf im Land der Belfriede und der Glockenspiele. Während des Krieges, der gerade Flandern schwer betroffen hat, wurde die Existenz der meisten Familien, die sich generationenlang auf der Heimindustrie der Spizen aufbaute, vernichtet. Ausfuhr und Nachfrage stockten, und an Absatzmöglichkeiten war wenig oder gar nicht zu denken. Ja, ungezählte Familien mühten sich als Flüchtlinge im Ausland um den Bissen Brot. Belgische Spizen! Ein großes Wort. Aber, wie wir gesehen haben, haftet auch diesem gefeierten Produkt jener Mafel an, der in Form elender Bezahlung hausindustriellen Fleißes den Erzeugnissen seinen unsichtbaren Stempel aufdrückt. Welche Dame aber, die kostbare Spigen als Schmud trägt, denkt an die flandrische Armut, die diese Schönheiten schuf? Joseph Kliche. ** Eingegangene Schriften. Der ,, Arbeiter- Notizkalender" für 1919 ist soeben erschienen. Auf der ersten Seite begrüßt uns das Bild eines alten Freiheitsmannes und Vorkämpfers des Sozialismus, des Dichters Albert Dult. Aus dem reichhaltigen Inhalt sei besonders hingewiesen auf einige kleine Aufsätze: 1.„ Über das Gedächtnis", 2.„ Schutz dem Auge", 3.„ Schüßt euch vor Ruhr". Neben zahlreichen Adressen aus dem Partei- und Gewerkschaftsleben enthält der Kalender Tabellen für Einnahmen und Ausgaben, Notizblatt für Personalien, Eisenbahnfahrpreise, Gepäcktarif, Postgebühren, Münztabelle und Zentimetermaß. Eine Reihe freier Blätter, die auch als Tagebuchblätter benügt werden können, sowie eine an der Innenseite des Deckels angebrachte Tasche vervollständigen die Ausstattung des Stalenders. Preis 1,50 Mt., Porto 10 Pf., erhältlich in jeder Parteibuchhandlung und dem Verlag: Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Die Mutlosigkeit hilft zu nichts; sie ist nur eine Verzweiflung der beleidigten Eigenliebe. Fenelon. 46 Die Gleichheit müssen. Aufgabe unserer Genossinnen ist es, für diese Vorschläge zu sorgen. Den Bezirksleitungen werden vom Parteivorstand besondere Flugblätter und Broschüren angeboten, die zum Teil unentgeltlich verteilt, zum Teil aber auch verkauft werden müssen. Diese sowie die letzten Nummern der„ Gleichheit" eignen sich vorzüglich für diesen Bwed; in ihnen ist wertvolles Material zur Aufklärung der wißbegierigen Frauen geboten. Auch ist die heutige Zeit wohl geeignet, auf diesem Wege für eine dauernde größere Verbreitung unserer Frauenzeitschrift zu sorgen. Mehr denn je soll die„ Gleichheit" das geistige Band zwischen allen Parteigenossinnen sein. Fassen wir alle Sträfte zielbewußt zusammen, um in ruhiger, ziel flarer Arbeit unserer Partei, der alten sozialdemokratischen Partei Deutschlands, zum Siege zu helfen, dann haben wir für das uns gegebene Recht die uns zustehenden Pflichten erfüllt. Aus unserer Bewegung Genoffinnen! Arbeiterinnen! Mit dem Sturz der alten Gewalt haben auch die Frauen Deutschlands ihre politische Freiheit erhalten. Die sozialistische Regierung hat, getreu der alten sozialdemokratischen Programmforderung, verordnet, daß alle zwanzigjährigen Männer und Frauen zur gesets gebenden Nationalversammlung wahlberechtigt und wählbar sein sollen. Damit ist der vornehmste Grundsatz der Demokratie, wonach das gesamte Bolt sein eigenes Geschick formen soll, durchgeführt. Ju kurzer Zeit wird das deutsche Volk die Wahl zur Nationalversammlung vornehmen. Mehr als 20 Millionen Frauen haben das Recht der Stimmabgabe. Haben die bisher in Deutschland vollständig entrechteten Frauen die politische Reife, die sie befähigt, über das zukünftige Geschick des Landes, in dem sie plötzlich vollberechtigte Staatsbürger geworden sind, zu entscheiden? Jest tragen wir Frauen mit an der Verantwortung für die politische und wirtschaftliche Zufunft unseres Landes. Die Geschichte wird einst über uns urteilen. Richten wir heute unser Tun danach ein, daß wir uns einst verantworten, daß wir, die Trägerinnen der lebendigen Zukunft, unseren Kindern einst voll in die Augen schauen können. Politische Freiheit ist nicht wirtschaftliche Freiheit. Sie wird erst gewonnen durch den Sozialismus. Er allein bringt auch den Frauen die volle Unabhängigkeit. Soll die Revolution dem Sozialismus die Tore ffnen, müssen wir Frauen unser Teil dabei erfüllen. Hinein in die sozialdemokratische Partei! Das muß heute die Losung der Frauen sein. Marie Juchacz. * Altona- Ottensen. Eine wahrhaft imposante Frauenversammlung füllte am 21. November den großen Saal des„ Kaiserhof". Der Ruf, den die Vorstände der Altonaer und Ottensener sozialdemokratischen Bartei erlassen hatten, war nicht ungehört geblieben. Kopf an Stopf standen und saßen die Frauen. Die verschiedensten Berufsstände waren vertreten, neben der Eisenbahnerin sah man die Krankenschwestern, neben der Diakonissin und Schwester vom„ Roten Kreuz" die Straßenbahnschaffnerin. Andächtig folgte die Menge dem Vortrag der Genossin Schröder:„ Die Frau im neuen Deutschland". Rednerin gedachte der schweren Augusttage 1914, all der Sorgen und Not, in die das Volk durch die lange Kriegsdauer geraten ist, und schilderte, wie der Militarismus des deutschen Kaiserreichs in sich zusammengebrochen ist. Aus den Trümmern ist ein neues, ein freies Deutschland entstanden. Diesem haben wir unsere ganze Kraft zu widmen. Die Rednerin behandelte dann eingehend das Programm der neuen Regierung. Die Abschaffung der alten Gesindeordnung wurde mit lebhaftem Beifall begrüßt. Die Erziehungsfrage, die Wohnungsnot, die sich während der Kriegszeit herausgebildet hat, die Mutterschaftsversicherung, der achtstündige Arbeitstag sowie das Frauenwahlrecht, mit dem Hinweis auf die Nationalversammlung wurden eingehend besprochen. Die Anwesenden dankten der Rednerin für ihren Vortrag durch lebhaften Beifall. In der Diskussion ermahnte Genossin Dähn, die Einigkeit zu wahren, alles daran zu sezen, daß die Nationalversammlung eine Volksvertretung werde. Auch Fräulein Dr. Baum, die bekannte bürgerliche Frauenrechtlerin, richtete an die Versammlung die Mahnung zur Einigkeit, damit aus dem morschen Trümmerhaufen ein freies, glückliches Deutschland erstehe. Fräulein Ströger, Voltsschullehrerin, erwähnte die Wohnverhältnisse und trat für die Einheitsschule ein, während Genosse Wülften auf die Jugendorganisation hinwies. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf das freie Wahlrecht schloß die Versammlung, in der zahlreiche Neuaufnahmen gemacht wurden. Nr. 6 Aus Bremen. In einer Sigung des bremischen Arbeiter und Soldatenrats hat der der unabhängigen sozialdemokratischen Partei angehörende Reichstagsabgeordnete Henke den seltsamen Standpunkt vertreten, daß die Einführung des Frauenwahlrechts augenblicklich nicht unbedingt geboten erscheine. Dieser Ansicht treten die die organisierten Frauen vertretenden Unterzeichneten auf das entschiedenste entgegen. Die sozialdemokratischen Parteien jedweder Richtung stehen auf dem Boden des Erfurter Programms, das in seinem ersten Punkt das freie, gleiche, allgemeine und geheime Wahlrecht für alle Personen über 20 Jahre beiderlei Geschlechts fordert. Wenn Hente als Reichstagsabgeordneter die Grundsätze der sozialdemokratischen Partei so leichten Herzens preisgibt, so stellt er sich nicht nur in krassen Widerspruch mit der Gesamtpartei, sondern er bekundet auch, daß es ihm um die Verfechtung der Grundsätze der sozialdemokratischen Partei nie ernst gewesen sein kann. Das sozialdemokratische Programm kennt keine Bedingungen und Einschränkungen. Für die sozialdemokratischen Ortsvereine und für den sozialdemokratischen Kreiswahlverein des 19. Hannoverschen Wahlkreises und Bremerhaven: Elise Jensen. Für den Ortsverein Bremerhaven: Frieda Geiger. Für den Ortsverein Geestemünde: Ida Hoffmann. Für den Ortsverein Lehe: Lydia Ring. Kiel. Der Sozialdemokratische Verein Groß- Kiel hatte die Frauen zum Dienstag, den 26. November zu einer öffentlichen Frauenversammlung eingeladen. Und sie kamen! War das eine Freude für uns alle! So viele Frauen waren wohl kaum vorher zusammengewesen. Ein Zeichen, daß die Frau die Bedeutung unserer Zeit verstanden hat. Mit großer Ruhe und lebhaftem Interesse folgten die Zuhörer den Worten des Genossen Bilian, der an Stelle der erkrankten Genossin Reize( Hamburg) den Vortrag hielt. In beredten Worten zeigte er den Anwesenden, wieviel der Staat uns Frauen bisher vorenthalten hat. Viel ist bisher an uns gesündigt worden, die wir wichtige Mitträgerinnen des Staates sind. Die Pflicht und das Recht haben wir, mitzuarbeiten und zu beraten. Mehrere Genofsinnen forderten zu reger Mitarbeit, zum Anschluß an die Partei und zum Lesen der„ Gleichheit" auf. Mit eindringlichen anfeuernden Worten, Seite an Seite mit dem Manne zu lämpfen und zu siegen, schloß der Vorsitzende die Versammlung mit den Worten: Der Kampf ist zu Ende, es lebe der Kampf! 250 Aufnahmen für die Partei und 100 Leserinnen der„ Gleichheit" waren das greifbare Resultat A. J. der Versammlung. München. Über die politischen Umwälzungen und die neuen Rechte und Pflichten der Frauen sprach in einer von der Münchener Frauenagitationsfommission einberufenen Versamm lung am 25. November Genosse Franz Schmitt im großen Saal des Kolosseums. Mit welch großem Interesse die Frauen heute an den politischen Vorgängen teilnehmen, zeigte das bereits um 7 1hr überfüllte Versammlungslokal. Genosse Schmitt gab einen Rückblick über die Ereignisse der jüngsten Zeit und hob die bedeutsamen Fortschritte, die auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet von der neuen Regierung bereits ins Werk gesetzt worden sind, ganz be= sonders hervor. Durch den Rat der Volksbeauftragten wurden die Arbeiterschutzbestimmungen für Frauen und Jugendliche wieder in Straft gesetzt, die alten, seit Jahrzehnten und Jahrhunderten be stehenden Gesindeordnungen wurden mit einem Schlag beseitigt. Arbeitslosenfürsorge wurde sofort getroffen, und die Gemeinden haben die nötigen Arbeiten in kürzester Zeit zu vollbringen. Die alte Forderung der sozialdemokratischen Partei, gleiches Wahlrecht für beide Geschlechter, wurde restlos erfüllt. Von nun an tönnen alle Personen vom vollendeten zwanzigsten Lebensjahr an zu allen gesetzgebenden Störperschaften wählen. Mit der Verleihung des Wahlrechts an die Frauen erwächst diesen aber auch eine außerordentliche Verantwortung. Alle reaktionären Kreise in Bayern rechnen damit, daß mit Einführung des Wahlrechts für die Frauen sie eine gewaltige Waffe in Händen haben, um aufs neue ihre alte Macht wieder einzuführen und zu bekräftigen. Diese Hoffnung muß mit Energie durch fortdauernde Arbeit der Frauen zuschanden gemacht werden. Nur dann, wenn die arbeitenden Frauen mitſchaffen an allen notwendigen Arbeiten und sich auch am öffentlichen Leben beteiligen, werden sie es vermögen, den ihnen gebührenden Einfluß sich zu sichern. Der Referent benannte noch eine ganze Reihe von wichtigen Problemen, die der Erledigung in nächster Butunft harren, Bers besserung des Arbeiterinnenschutzes, Schutz der werdenden Mutter durch ausreichende Unterstützung vor und nach der Schwangerschaft, Geburtshilfe, Stillgelder usw. Alle diese Aufgaben können nur dann erfüllt werden, wenn die Frauen bereit sind, sich in Zukunft mit aller Kraft in den Dienst der Politit zu stellen und im öffentlichen Leben dahin zu streben, den großen Aufgaben der nächsten Zeit gerecht zu werden. In einer überaus regen Aussprache wurde leb Nr. 6 Die Gleichheit hafter Protest erhoben gegen die von den Feinden uns auferlegten Waffenstillstandsbedingungen, die allen Versprechungen Wilsons Hohn sprechen. Zum Schluß erfolgte die Wahl eines Frauenrats. Ju Neukölln fanden türzlich zwei große Frauenversammlungen statt. Es sprachen die Genossinnen Bohm- Schuch und Juchacz, das Thema lautete:„ Die Frauen und die Revolution". Beide Verfammlungen nahmen troß redlichen Bemühungen der Spartakusse, sie zu stören, einen glänzenden Verlauf. Die anwesenden Frauen stimmten den Vortragenden zu und nahmen mit großer Mehrheit folgende Resolution an:„ Die Versammlung ist der Meinung, daß der von der sozialistischen Regierung eingeschlagene Weg, der zur Nationalversammlung führt, richtig ist. Nur in der restlos durchgeführten Demokratie erblickt sie den Weg, um die Errungenschaften der Revolution zu sichern. Deshalb muß das deutsche Volk zur Nationalversammlung kommen, die allein aus der Gefahr der Fortsetzung des Krieges, des Hungers und Elends herausführen kann. Die Versammlung hat das Vertrauen zur gesamten deutschen Arbeiterschaft, daß sie, die reif genug war, die Revolution so wunderbar durchzuführen, auch die Kraft haben wird, unter Voraussetzung voller Demokratie zum Sozialismus zu kommen." Nürnberg. Im großen Saale des Industrie- und Kulturvereins tagte am Montag, den 18. November eine gutbesuchte Frauenversammlung. Sie wurde mit einem von Frau Eisner schwungvoll vorgetragenen Gedicht eingeleitet. Die Tagesordnung lautete:„ Die politischen Umwälzungen und die neuen Rechte und Pflichten der Frauen". Die Referentin Genoffin Grünberg schilderte die Entstehung und den Verlauf der Revolution, die zur Errichtung der Republik führte, deren Behauptung nunmehr unsere höchste Aufgabe sein muß. Nicht eine tapitalistische Republik soll es sein, sondern ein auf sozialer Gerechtigkeit aufgebauter Freistaat, in dem feinerlei fapitalistische Ausbeutung mehr herrscht. Die Rednerin ging dann zu den Wahlen. zur Nationalversammlung über, bei denen jetzt auch die Frauen ihre Stimme geltend machen fönnen. Die aufgeklärten Frauen und Mädchen der Stadt sollen mit ihren Verwandten auf dem Lande in Verbindung treten und sie über die Gefahren aufklären, die unsere junge Freiheit bedrohen, wenn bei den Wahlen die Reaktion Oberwaffer bekommt. Genoffin Grünberg schilderte die zahllosen luge rechtigkeiten des alten Systems und legte dar, was die Frauen von der neuen Ordnung erwarten dürfen. Freilich dürfen wir nicht hoffen, daß uns sofort die gebratenen Tauben in den Mund fliegen; schwere Zeiten stehen uns bevor, aber wir müssen unverzagt am Aufbau einer besseren Zukunft arbeiten.. An den Vortrag knüpfte sich eine anregende Diskussion; alle Rednerinnen sprachen im Sinne der Referentin. 85 Aufnahmen zur Partei und ebenso viele Abonnenten für die„ Gleichheit" und die " Fränkische Tagespost" wurden gewonnen. Eine Reihe von Genossinnen meldete sich zur Mitarbeit. Ferner wurde der Wunsch geäußert, daß Frauenversammlungen in der nächsten Zeit wieder stattfinden möchten. Was fordern wir Frauen vom neuen Deutschland? Diese Frage beantwortete Genoffin Luise Schroeder in einer von den Parteivereinen von Altona- Ottensen zum 21. November einberufenen, start überfüllten Frauenversammlung unter dem Beifall von Tausenden von Frauen aus allen Streisen der Bevölkerung wie folgt: Da infolge der Blutopfer dieses Krieges in Zukunft ein weit größerer Prozentsatz der Frauen als bisher ein Leben voller Berussarbeit vor sich sieht, so ist der Punkt 8 des Programms der deutschen sozialdemokratischen Reichsleitung von besonderer Bedeutung auch für die Frauen. Weitestgehende Schutzbestimmungen für die Frauenarbeit sind notwendig, um das Leben der Frau, besonders auch das ihrer Nachkommenschaft zu schüßen. Da die Frauen aus den Kriegsbetrieben jetzt entlassen werden, so ist für aus= reichende Arbeitsgelegenheit zu sorgen, die für die Frau besonders in der Textilindustrie, der Schuhfabritation, den Spinnereien und anderen Betrieben, die während des Strieges infolge Mangels an Rohstoffen lahmgelegt wurden, zu finden sein dürfte, vorausgesezt, daß uns der Friedensschluß die Wiedereinfuhr der Rohmaterialien sichert. Die an sich selbstverständliche Bestimmung, daß jeder heim fehrende Soldat die Arbeitsstelle wieder einnehmen soll, die er bei seiner Einziehung zum Heeresdienst verlassen hat, wird die Folge haben, daß viele Tausende von Frauen, die diese Stellen inzwischen ausgefüllt haben, arbeitslos werden. Für diesen Fall sichert freilich das Programm der Regierung die Erwerbslosenunterstügung zu; aber ein junger arbeitsfähiger Mensch will arbeiten, nicht von Unterstützung leben. Deshalb müßte, falls nötig, der achtstündige 47 Marimalarbeitstag für die übergangszeit so weit heruntergesezt werden, daß die Möglichkeit für jeden, der arbeiten muß und will, geschaffen wird, Arbeit zu finden. Da die Zeit vorbei ist, in der das Mädchen die Berufsarbeit nur als eine Übergangszeit zwischen Schule und Ehe betrachtete, so muß dem Mädchen genau so wie dem Knaben Gelegenheit gegeben werden, sich für den Beruf gründlich vorzubereiten und sich denselben dann nach seinen Fähigkeiten und nach seiner Lust und Liebe dafür auszusuchen. Dazu gehört in erster Linie die Einheitsschule für Knaben und Mädchen, eine gründliche Lehrzeit sowie der Fortbildungsschulzwang auch für das Mädchen. Um aber der Einheitsschule erst den wahren Wert zu geben, muß ein vollstän diges Verschwinden der erwerbsmäßigen Stinderarbeit gefordert wer den, da sonst das Kind, welches vor oder nach der Schule durch Arbeit zum Lebensunterhalt der Familie beitragen muß, stets ins Hintertreffen geraten wird. Diese Forderung kann aber nur erfüllt werden, wenn gefeßlich ein Minimallohn festgesezt wird, der der Familie ein auskömmliches Leben gewährleistet. Selbstverständlich ist hierbei, daß gleiche Arbeit von Mann und Frau gleich entlohnt wird. Die Heimarbeit muß aufhören, da sie ein Hindernis für Verwirklichung sowohl des Minimallohnes wie auch des Maximalarbeitstages bildet. Desgleichen muß die Ausnahmestellung der Dienstmädchen und des Hauspersonals aufhören. Auch sie müssen eine festgesetzte Arbeitszeit erhalten und nach derselben genau so frei sein wie jeder andere Mensch. Ferner muß gefeßlich eine Ferienzeit für alle Erwerbstätigen festgelegt werden. Die Frauen, welche das Glück haben, im eigenen Hause schalten und walten zu können, müssen soviel wie möglich von den vielen kleinen und kleinlichen Arbeiten des täglichen Lebens befreit werden. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, daß die Arbeiterwohnungen nicht nur mit allen hygienischen Einrichtungen versehen, sondern daß in ihnen auch alle technischen Errungenschaften der Neuzeit- elektrisches Licht, Dampfheizung, Warmwassereinrichtung, Baschküchen zur Anwendung kommen, wozu in eineinrichtung, Waschküchen zelnen Häuserblocks womöglich auch Gemeinschaftsküchen kommen müßten. Nur so kann die Frau frei werden für die heute besonders wichtige Erziehung ihrer Kinder, frei aber auch für ihre eigene Weiterbildung, die besonders jetzt, wo die Frauen endlich die Gleichberechtigung mit dem Manne erhalten haben, besonders wichtig ist. Die Erlangung des Frauenwahlrechts schließt schwere Pflichten in sich, für die die Frau sich wappnen muß, indem sie soviel wie möglich das nachholt, was Erziehung und Vorurteil an ihr gesündigt haben. Große Aufgaben, wie die oben geschilderten, harren ihrer Lösung. Daran muß die Frau mitarbeiten. Hinzu kommt noch so manches andere Gebiet, wie das der Lebensmittelversorgung, die Fragen des Schul- und Erziehungswesens, die heute besonders wichtige Frage der Gleichstellung des unehelichen Kindes mit dem ehe= lichen, die vielen Gebiete der Sozialgesetzgebung: die Mutterschaftsversicherung, die Fürsorge für die unterernährten und kranken Frauen, für die sowohl körperlich wie seelisch durch den Krieg erkrankten Kinder, Fürsorge für Striegerwitwen und Waisen, für Striegsbeschädigte. Das alles sind die eigensten Gebiete der Frau. Aber auch in der großen Politit wird man sie nicht entbehren können. Sie wird mit dazu helfen müssen, das Verhältnis der Völker zueinander wieder anzufnüpfen. Um all das leisten zu können, muß die Frau viel an sich arbeiten, müssen alle, die da wissend geworden sind, Aufklärung verbreiten. Die bedeutendste Entscheidung, die je durch den Wahlzettel herbeigeführt worden ist, harrt unserer das erstemal, da wir zur Urne schreiten: die Nationalversammlung! Arbeiten wir alle, daß sie uns gerüstet findet! Die Frauen und die Arbeiterräte. Gehören die Frauen nicht dazu? Fast scheint es so. Im gewählten Arbeiterrat von Groß- Berlin befinden sich verschwindend wenige Frauen, im Vollzugsrat gar keine. Aus Nürnberg wird dagegen gemeldet, daß Genoffin Grünberg Sitz und Stimme im Arbeiterrat hat. Daß von der Tätigkeit der Frauen während des Krieges sehr viel abhing, weiß heute jeder Mensch, daß sie beim Aufbau des neuen Deutschland nicht entbehrt werden können, ist ebenso selbstverständlich. Trotzdem ist es nicht zu verwundern, wenn sie in den politischen Kämpfen, die ihren Gipfelpunkt in der Revolution fanden, noch nicht stark in den Vordergrund 48 Die Gleichheit traten. Ihre bisherige politische Rechtlosigkeit hinderte sie an der Entfaltung ihrer Sträfte. Die arbeitenden Frauen haben die wirtschaftliche Abhängigkeit mit dem Arbeiter gemein, sie wird aber bei ihnen vergrößert durch ihre geschlechtliche Gebundenheit, ferner sind sie in ihrer Stellung im öffentlichen Leben benachteiligt durch überlieferte Vorurteile und Mängel der Erziehung. Durch die Demobilisierung vollzieht sich in unserem Wirt schaftsleben eine Umgestaltung, von der die arbeitenden Frauen in besonderem Maße betroffen werden. Viele sind an ihren Arbeitsstellen überflüssig geworden, sie müssen den heimkehrenden Kriegern Platz machen, die einen wohlbegründeten Anspruch auf geregelte Arbeit und Verdienst mitbringen. Bei aller Arbeitslosenfürsorge, bei der die Frauen viel schlechter gestellt sind als die Männer, ist es nicht zu vermeiden, daß der Umwandlungsprozeß für die Frauen besondere soziale Härten mit sich bringt. Nur von diesen Gesichtspunkten aus, nicht etwa aus Repräsentationsgründen, empfinden wir die Ausschaltung der Frauen als eine ganz empfindliche Lücke. Aus diesen Beweggründen, getrieben von dem Wunsche, dem eigenen bedrängten Geschlecht nach Möglichkeit zu helfen, haben die weiblichen Funktionäre der sozialdemokratischen Partei Groß- Berlins an den Vollzugsrat das Ersuchen gerichtet, zwei Frauen( von jeder Richtung eine) in seiner Mitte mit Sitz und Stimme aufzunehmen. Außerdem sollte eine ebenfalls paritätisch zusammengesete Frauenkörperschaft alle in ihr Gebiet fallenden Aufgaben durchberaten und erledigen. Durch ein solches Vorgehen könnten die beiden dem Vollzugsrat zugeteilten Genossinnen wertvolle Arbeit leisten. Bis zur Stunde ist eine Antwort nicht eingegangen. Da gegen hat die Parteileitung der Unabhängigen Sozialdemofratischen Partei abschlägig geantwortet mit der Begründung, daß unter dem gegenwärtigen Zustand die Interessen der Frauen vollauf gewahrt würden. Diese Ansicht können die sozialdemokratischen Frauen nicht teilen. Wir geben diese Darstellung, um uns vor dem späteren Vorwurf zu schüßen, als hätten wir in dieser großen, aber für die Frauen so besonders schweren Zeit unsere Pflicht nicht gekannt. An der Sozialdemokratie wird es liegen, ob nach den gemeinsamen Kämpfen um politische und wirtschaftliche Freiheit für Männer und Frauen der Kampf der Geschlechter um den Vorrang im politischen und wirtschaftlichen Leben einsehen wird. Volle Gleichberechtigung auf allen Gebieten muß die Losung sein, mit ihrer Durchführung tritt erst die wahre Demokratie in ihre Rechte. Vorsicht vor unnügen Parteigründungen! In den Berliner Zeitungen erschien ein Inserat, wodurch " alle" Frauen zu einer öffentlichen Versammlung eingeladen wurden. Es war unterzeichnet vom Werbeausschuß für die ,, allgemeine Frauenpartei". Versammlungsbesucherinnen melden, daß es sich hier augenscheinlich um das Einfangen politisch nicht aufgeklärter Frauen handle. Der Mitgliedsbeitrag soll monatlich 75 Pf., jährlich 9 Mt. betragen; über die Verwendung des Geldes und die Ziele des Vereins wurden keine genügenden Angaben gemacht. Eine allgemeine Frauenpartei ist ein Unsinn. Mehr als je gehören die Frauen in die politischen Organisationen. Da sich jedenfalls auch anderwärts folche Geschäftlhuber rühren werden, geben wir die Mitteilung als Warnung weiter. Ellen Key an die Frauen in den " siegreichen Ländern". Die schwedische Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Ellen Sten richtete an die Schwestern in den siegreichen Ländern" einen Aufruf, in dem es heißt:" Die Frauen in den siegreichen Ländern müssen mit der ganzen Straft ihres Herzens dahin arbeiten, daß die hungernden Mütter und Stinder in Nr. 6 Deutschland bald gesättigt werden, in Übereinstimmung mit der gegebenen Zusage, und daß nicht Rache, sondern Weisheit und Milde den Friedensschluß bestimmen sollen. Alle Frauen der Welt müssen einander die Hände reichen, eine lebende Kette zu bilden zum Schuße der jezigen Generation, die die Folgen des Krieges durchleben muß, aber noch mehr zum Schutze der zukünftigen Menschheit. Von uns wird es abhängen, ob neue Geschlechter ihr Blut lassen müssen für neue Fehlgriffe, oder ob sie die edlen Früchte des Sieges genießen werden." Ein Glückwunsch an die deutschen Frauen. Die sozialdemokratischen Frauen Schwedens sandten an das Frauenbureau des Parteivorstandes folgendes Glückwunschtelegramm: Den deutschen Frauen unsere innigsten Glückwünsche, daß in Deutschland die Revolution durchgeführt ist und daß sie auch die Drdnung aufrechterhalten konnten. Es lebe die Demokratie, der Sozialismus und das Frauenwahlrecht! Die Zentralleitung der sozialistischen Frauen Schwedens. Anna Sverty. Anna Lindhagen. Bekanntmachung. Die Zwischenscheine für die 5% Schuldverschreibungen der VIII. Kriegsanleihe können vom 2. Dezember d. Js. ab in die endgültigen Stücke mit Zinsscheinen umgetauscht werden. Der Umtausch findet bei der ,, Umtauschstelle für die Kriegsanleihen", Berlin W 8, Behrenstraße 22, statt. Außerdem übernehmen sämtliche Reichsbankanstalten mit Kasseneinrichtung bis zum 15. Juli 1919 die kostenfreie Vermittlung des Umtausches. Nach diesem Zeitpunkt können die Zwischenscheine nur noch unmittelbar bei der„ Umtauschstelle für die Kriegsanleihen" in Berlin umgetauscht werden. Die Zwischenscheine sind mit Verzeichnissen, in die sie nach den Beträgen und innerhalb dieser nach der Nummernfolge geordnet einzutragen sind, während der Vormittagsdienststunden bei den genannten Stellen einzureichen; Formulare zu den Verzeichnissen sind bei allen Reichsbankanstalten erhältlich. Firmen und Kaffen haben die von ihnen eingereichten Zwischenscheine rechts oberhalb der Stücknummer mit ihrem Firmenstempel zu versehen. 2. Der Umtausch der Zwischenscheine für die 4%% Schat anweisungen der VIII. Kriegsanleihe und für die 4% Schatz. anweisungen von 1918 Folge VIII findet gemäß unserer Anfang d. Mts. veröffentlichten Bekanntmachung bereits seit dem 4. November d. Js. bei der ,, Umtauschstelle für die Kriegsanleihen", Berlin W 8, Behrenstraße 22, sowie bei sämtlichen Reichsbankanstalten mit Rasseneinrichtung statt. Von den Zwischenscheinen der früheren Kriegsanleihen ist eine größere Anzahl noch immer nicht in die endgültigen Stücke umgetauscht worden. Die Inhaber werden aufgefordert, diese Zwis schenscheine in ihrem eigenen Interesse möglichst bald bei der ,, 1mtauschstelle für die Kriegsanleihen", Berlin W 8, Behren straße 22, zum Umtausch einzureichen. Berlin, im November 1918. Reichsbank- Direktorium. Havenstein. v. Grimm. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Marte Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. S. W. Diey Nachf. G.m.b.g. in Stuttgart.