29. Jahrgang Nr. 7-- Die Gleichheit Zeitschrist für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Auf zur Wahl! Zum erstenmal, ihr deutschen Frauen, gilt diese Aufforderung euch selber! Wenn ihr bisher bei Wahlen zur Mitarbeit aufgefordert wurdet, und wenn ihr bereitwilligst mitgeholfen habt, so galt eure Arbeit lediglich der Wahl von Männern, und zwar von sozialdemokratischen Männern, weil ihr sicher wäret, daß nur von ihnen eure staatsbürgerlichen Angelegenheiten und Wünsche aus Überzeugung und mit Kraft vertreten wurden. Die große November-Revolution in Deutschland hat euch frei gemacht. Nirgends in der Welt gibt es ein so freies und allgemeines Wahlrecht wie in Deutschland, nirgends in der Welt haben die Frauen die völlige staatsbürgerliche Gleichberechtigung wie in Deutschland. Deutschland in der Welt voran! Wahrlich, jetzt wird das frühet so viel mißbrauchte Wort Wahrheit. Die Zeit tiefster Demütigung und Unterdrückung durch auswärtige Gewalten wird für Deutschland der An- fang zu innerer Wiedergeburt und Neugestaltung. Und ihr Frauen habt dabei mitzuwirken. Eurer größeren Zahl nach habt ihr sogar die eigentliche Entscheidung zu fällen. Nützt dieses Recht, ihr Frauen! Laßt euch nicht beeinflussen und betören von denen, die bis zum 9. November 1918 vom Frauenwahlrecht nichts wissen wollten. Keine der bürgerlichen Parteien meint es ehrlich mit euren neuen Rechten, so sehr sie es auch betonen, sie werden euch eure Rechte wieder nehmen oder kürzen, wenn sie die Mehrheit in der Nationalversammlung erhalten. Nur die Sozialdemokratie sichert euch euer Recht! Nur die Sozialdemokratie ist aus Überzeugung sür die Gleichberechtigung der Frauen! Darum wählt sozialdemokratisch! sind. Denn nur nach den Taten der Verganaenlieit können und dürfen die Frauen die Versprechungen für die Zukunft werten. Bei einer solchen Betrachtung ergibt sich, daß nicht eine der bürgerlichen Parteien den Grundsatz der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Frau vertreten hat. Die Konservativen lehnten die Rechte der Frauen schroff ab, sie verwarfen sie„grundsätzlich". Das Z e n t r u in stand auf dein Boden des Pauluswortes:„Das Weib soll schweigen in der Gemeinde"; noch im Jahre 1914 erklärte diese Partei im Reichstag bei der Besprechung einer Eingabe des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht um Gewährung des aktiven und passiven Wahlrechts an die Frauen:„Solche radikalen Maßnahmen in i ß b i l l i g c n wir." Die freisinnigen �Varum müssen die Frauen sozialdemokratisch wählen? Te näher wir den Nationalwahlen kommen, um so größer werden die Anstrengungen, welche von allen Seiten gemacht Werden, um die Stimmen der Frauen für die eine oder andere Partei zu gewinnen. Den bürgerlichen Parteien stehen ungeheure Hilfsmittel, finanziell sowohl als rednerisch, zur Ver- l"gung. Bei uns ist bewes knapp, und deshalb ist es notwendig, daß jetzt jede einzelne Genossin zur Agitatorin, zur Berberil! für unsere sozialistischen Grundsätze und Ideale wird. Heute versprechen alle Parteien den Frauen, wie sie für 'ine Interessen eintreten wollen und werden, und da ist es votwendig, zu fragen, ob und wie sie bisher dafür eingetreten 50 Die Gleichheit Parteien verhielten sich in ihrem linken Flügel nicht gerade ablehnend, aber sie taten auch nichts, um den Frauen zu ihrem Staatsbürgerrecht zu verhelfen, ia auf dem Parteitag der Fortschrittlichen Volkspartei im Jahre 1912 wurde es abgelehnt, diese Forderung in das Parteiprogramm aufzunehmen. Der rechte Flügel des Liberalismus war strikter Gegner der Politisierung der Frau. Alle diese Parteien haben sich heute neu gruppiert und neue Namen gegeben, alle nennen sie sich Volksparteien, im Grunde aber sind es die alten Parteien und die bisherigen Leute geblieben. Nur die Sozialdemokratie ist in ihrem Programm und mit ihren Taten stets für die Gleichberechtigung der Frau eingetreten, und die arbeitenden Frauen haben es nur den sozialdemokratischen Vertretern in den gesetzgebenden Körperschaften zu danken gehabt, wenn ihr Los erleichtert, ihre Menschenwürde überhaupt in Betracht gezogen wurde. Diese zähen Kämpfe für die Interessen der Frauen haben wir erlebt in der ganzen Fortentwicklung der Gewerbeordnung, bei der Reichsversicherungsordnung und zuletzt bei den Beratungen über die bevölkerungspolitischen Gesetze. Obwohl während des Krieges geradezu ungeheure wirtschaftliche Leistungen von den deutschen Frauen vollbracht worden waren, obwohl diese Leistungen von der Regierung und den bürgerlichen Parteien immer wieder mit schönen und lobenden Worten anerkannt worden waren, wagten es dieselben Stellen, moralische und sittliche Zwangsgesetze gegen die Frauen noch im Jahre 1918 zu machen, wagte es das preußische Abgeordnetenhaus noch im Jahre 1918, die Einführung des Frauenstimmrechts gegen die Stimmen nur der sozialistischen Parteien abzulehnen. So verhielten sich also sämtliche bürgerliche Parteien bis zum Ausbruch der Revolution. Die sozialistische Regierung aber, die durch die Revolution zur Herrschaft gelangte, verfiindete als eine der ersten Taten die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen Wahl- und Stimmrechts für alle über zwan zig Jahre alten Staatsbürger beiderlei Geschlechts. Würden die bürgerlichen Parteien durch die Nationalverjammlung wieder zur Regierung gelangen, so wäre es wohl nach der Vergangenheit dieser Parteien sehr fraglich, ob uns Frauen unser junges Recht erhalten bliebe. Schon aus diesem Grunde ist es Pflicht aller Frauen, für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ihre Stimme abzugeben. Im Interesse der arbeitenden Frauen und der Frauen der Arbeiterschaft liegt es aber ganz besonders, sozialistisch zu wählen und so die Errungenschaften der Revolution zu sichern. Was die erwerbstätigen Frauen und Mütter während des Krieges gelitten haben, ist unsagbar. Das Nr. 7 Und in der Natur der Sache liegt es, daß diese erweiterten Aufgaben nicht allein von Männern gelöst werden können, sondern daß Frauen mit in die Gesetzgebung gewählt werden müssen. Nur sie kennen restlos die Last und Not der weiblichen Arbeiterschaft, und deshalb sind die sozialdemokratischen Frauen am besten geeignet, für die Durchführung unserer Forderungen in der Gesetzgebung zu wirken. Für die Gesamtheit der Frauen aber steht die eine große Menschheitsfrage zur Beantwortung: Soll dieser Krieg der letzte gewesen sein? Aus dem Gefühl aller Frauen, die diesen Namen verdienen, gibt es nur ein Ja auf diese Frage. Dann aber muß dieses Gefühl zu einem klaren Willen werden. Der sittliche Wille ist die einzige Wirklichfeit", sagt Fichte. Und so werde bei den Nationalwahlen der sittliche, heilige Wille zum Frieden Wirklichkeit, indem die sozialistische Republik fest verankert wird durch die Stimmenabgabe der Wähler. Dieses Friedensbekenntnis des deutschen Volkes wird in der ganzen Welt widerhallen. Es wird dem Weltfrieden und damit dem Menschenglück auf Erden die Bahn freimachen. Klara Bohm- Schuch. Die rote Fahne. Wir lagen am Boden und ächzten schwer, Und über uns brauste das Wetter her. Voll Feinde die Welt. Die setzten uns auf den Nacken den Fuß Und sandten uns grimmigen Hohn zum Gruß. Unser Wehruf gellt. Da rauschte empor unsres Herzens Blut, Da loderte unseres 3ornes Glut. Wir machten uns frei. 3ersprengten die Fesseln, die uns umkrallt; Da war der Fürsten Herrschergewalt 3erspellt und vorbei. Hoch flattert die Fahne. Die Fahne ist rot. Die färbte mit Herzblut Gevatter Tod. Die Farbe hält. Die rote Fahne geht uns voran. Wir folgen der Fahne, Weib und Mann, Und zwingen die Welt. Henriette Fürth. Schwerste war aber neben der Sorge um den Mann im Felde Die Sozialdemokratie und die Frauen. die Sorge um die aufsichtslosen Kinder. Für alle die Mütter, die durch den Krieg Witwen geworden sind, für alle die, deren Männer als Krüppel und nicht voll arbeitsfähig heimkehrten, ist diese zermürbende Sorge auch nach dem Kriegsende noch vorhanden, soweit sie dem Erwerb außerhalb des Hauses nachgehen müssen. Für sie kommt in erster Linie eine ganz einwandfreie staatliche Fürsorge für die Kinder in Frage, und zwar vom Säuglings- bis zum Jugendalter; eine vollkommene umgestaltung unseres ganzen öffentlichen Erziehungswesens. Ebenso wichtig für eine gesunde Bevölkerungspolitik ist die Fürsorge für die werdende Mutter und ihr Kind. Die Regelung der Arbeitszeit, der Berufsausbildung, der Entlohnung, der Sozialversicherung, des Arbeiterinnenschutzes, der Gesundheitspflege, des Wohnwesens im sozialistischen Sinne harren der Erledigung. Es handelt sich auch hierbei um alte sozialdemokratische Forderungen, aber der Aufgabenkreis jedes einzelnen Gebiets ist erweitert, weil die Erfüllungsmöglichkeiten durch die Revolution erweitert worden sind. Was hat die Sozialdemokratie in der Zeit ihres Bestehens und Wirkens für die Frauen getan? Die fundige Leserin unserer Zeitung gibt sich auf diese Frage sehr bald selber die richtige Antwort. Aber wir sollen fie auch anderen geben können. Die Sozialdemokratie tritt in ihrem Programm theorethisch ein für die politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung beider Geschlechter. Sie bot in der Praxis ihren ganzen Einfluß auf, um diesem Grundsatz auch Geltung zu verschaffen. Jede interessierte Frau findet die Bestätigung dieser Behauptung im Erfurter Programm. Im ersten Abschnitt des zweiten Teils dieses Programms wird allgemeines gleiches und direktes Wahlrecht mit geheimer Stimmabgabe aller über 20 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen verlangt. Die Partei ist bei jeder sich bietenden Gelegenheit für ihre Forderung eingetreten. Den ersten Augenblick ihrer Macht benüßten unsere Genossen in der Regierung dazu, der Demotratie zum Siege zu verhelfen. Der erste Aufruf der Regierung am 9. November wurde von den Genossen Ebert, Scheide Nr. 7 Die Gleichheit mann und Landsberg unterzeichnet, die Vertreter der Unabhängigen sozialistischen Partei haben die Verantwortung erst am 10. November übernommen. Er lautete in seinem entscheidenden Teil:„ Die neue Regierung wird die Wahlen zu einer konstituierenden Versammlung organisieren, an denen alle über 20 Jahre alten Männer und Frauen mit vollkommen gleichen Rechten teilnehmen werden." Im fünften Abschnitt heißt unsere Forderung: Abschaffung aller Gesetze, welche die Frau in öffentlich und privatrechtlicher Beziehung gegenüber dem Manne benachtei ligen. Soll diese Forderung ihre volle Erfüllung finden, so ist es im Interesse der Frauen notwendig, daß die gesetzgebende Nationalversammlung uns eine sozialdemokratische Mehrheit schafft. Das Bürgerliche Gesetzbuch enthält eine ganze Reihe von Bestimmungen zu ungunsten der Frau, sie hat weder in vermögensrechtlicher noch eherechtlicher Hinsicht die gleichen Rechte wie der Mann. Oft genug haben wir in der„ Gleich heit" besonders markante Fälle aufgezeigt, um den Frauen die Größe ihrer Rechtlosigkeit zum Bewußtsein zu bringen. Darüber hinaus gibt es, ganz streng betrachtet, keine eigentlichen Frauenfragen mehr. Jedoch kann die volle wirtschaftliche und damit menschliche Befreiung der Frau erst der vollendete Sozialismus bringen. Das Maß von politischer und wirtschaftlicher Bewegungsfreiheit, das in einer demokratischen Republik die Arbeiter haben, verringert sich bei den Frauen durch ihre geschlechtliche Gebundenheit. Sie bleiben bei einer privatwirtschaftlichen Produktionsweise auch gegenüber den eigenen männlichen Klassengenossen wirtschaftlich schwächer. Dadurch ist wohl klar ersichtlich, daß die Frauen ein ganz besonderes Interesse an einer vernünftig und mit Erfolg betriebenen Sozialisierung des Wirtschaftslebens haben. Aber es trennt uns nichts von den Zielen der Gesamtpartei. Alles was von ihr verlangt wurde und weiter erstrebt werden muß, sind die Klassen-, Menschheits- und Kulturprobleme, an denen beide Geschlechter gleichmäßig interessiert sind. Wohl tritt bei der einen oder anderen Frage entweder das weibliche oder das männliche Interesse stärker hervor. Wir Sozialdemokraten können den Frauen mit gutem Gewissen sagen: Die Vergangenheit der Partei ist in jeder Beziehung makellos. Ihre Haltung in allen politischen, sozialpolitischen und kulturellen Fragen beweist den Frauen, daß ihre Interessen von der Partei am besten gewahrt wurden. Die Vertreter der Sozialdemokratischen Partei im Reichstage haben auch während des Krieges für die Frauen alles mögliche getan. Die Partei hat ihren in dieser Zeit stärker gewordenen Einfluß aufgeboten, um der notleidenden Bevöl ferung nach besten Sträften zu helfen. Alles, was bei der Lebensmittelversorgung gutgemacht worden ist, ist auf das Konto des sozialdemokratischen Einflusses im Reich, aber auch in Staaten und Gemeinden zu setzen. Sehr vieles hätte noch besser ausgeführt werden können, wenn von den damals herrschenden Klassen die Bedürfnisse der breiten Massen und die Notwendigkeit der Durchführung aller von unserer Seite gemachten Vorschläge erkannt worden wäre. An der Friedensfrage sind wir Frauen doch wohl besonders interessiert. Die Partei hat von der ersten Kriegsſtunde an ihren Einfluß zur Erreichung eines baldigen gerechten Friedens eingesetzt. Sie hat sich bei ihrer Politik von feinen augenblicklichen Mißerfolgen abhalten lassen, immer wieder neue erfolgversprechende Wege einzuschlagen, die zum Frieden führen konnten. Als das alte in Deutschland herrfchende Regiment vor der endgültig besiegelten Tatsache des verlorenen Krieges stand, entschloß man sich endlich zu durch greifenden Reformen auf innerpolitischem Gebiet. Sozialdemofraten traten auf Verlangen der damaligen Machthaber in die Regierung ein, nachdem die von der Partei gestellten Bedingungen restlos erfüllt waren. Diese gipfelten in der völligen Demokratisierung unseres öffentlichen Lebens. In den vier Wochen, in denen Sozialdemokraten der damals noch bürgerlichen Regierung angehörten, ist alles geschehen, was möglich war, um der politischen Freiheit auch 9 51 ohne Revolution zum Siege zu helfen. Jedoch kamen alle Reformen zu spät; das Volk hatte die Geduld und den Glauben verloren, die Zeit zur gewaltsamen politischen Umwälzung war reif. Der Gedanke der Revolution fand begeisterte Köpfe und Herzen. Die Enttäuschungen über die schlechte politische Führung der Regierung und der herrschenden Klassen, die uns in den Krieg geführt hatte, sowie über die Niederlage, die Wut über die offensichtliche Täuschung des gesamten Volkes, die Leiden der vier Kriegsjahre hatten die gesamte Bevölkerung mit revolutionärem Empfinden angefüllt. Dazu kam, daß unsere Regierungsvertreter auch in den vier Oktoberwochen täglich gegen eine Menge von Vorurteilen, politische Dummheit und bösen Willen kämpfen mußten. Aber sie haben in diesen vier Wochen dafür sorgen können, daß wir den Waffenstillstand bekamen, daß das Kaisertum zum kampflosen Abtreten bereit wurde und daß den militärischen Machthabern die Möglichkeit zur blutigen Unterdrückung des Aufstandes genommen wurde. An manchen Tagen haben auch wir Frauen bange in die Zukunft geschaut. Wird nun nach der so wundervoll gelungenen Revolution die Vernunft siegen? Werden wir durch die Arbeiter- und Soldatenräte zur Demokratie gelangen? Die deutschen Arbeiter und Soldaten appellieren an die Vernunft des deutschen Volkes. Die Wahlen stehen vor der Tür. Die Männer und Frauen des deutschen Voltes werden beweisen, daß sie den Sozialismus wollen. Für uns Frauen aber steht auch das Frauenwahlrecht auf dem Spiel. Das mag sonderbar klingen, und doch ist es so. Wählen wir diesmal nicht gut, also nicht sozialdemokratisch, dann haben wir einmal gewählt und kommen vorläufig nicht wieder dazu. Eine start nach rechts orientierte Nationalversammlung wird das Frauenwahlrecht nicht in die zu schaffenden Grundgefeße der deutschen Republik aufnehmen. Darum muß Aufklärung die Losung unserer Genossinnen sein. Das Franenwahlrecht, die Demokratie und der Sozialismus stehen auf dem Spiel! Marie Juchacz. Die Frauen und die Zukunft des Sozialismus. Den Frauen hat die Revolution vom 9. November 1918 mit dem passiven und aktiven Frauenwahlrecht für alle geseßgebenden und verwaltenden Körperschaften ein gewaltiges Geschenk in den Schoß geworfen. Wofür sie jahrzehntelang kämpften, ohne daß sie unter dem alten Regime hoffen durften, in nächster Zeit auch nur nennenswerte Teilerfolge zu erzielen, das haben sie nun mit einem Schlage errungen. Jest gilt es für sie, zu zeigen, daß der Ruf nach dem Frauenstimat recht nicht bloß um ihrer selbst, um ihrer Menschenwürde willen von ihnen erhoben worden ist, sondern daß auch die Gesamtheit das stärkste Interesse an dieser Forderung hatte. Worin liegt dieses Interesse der Gesellschaft an der aktiven politischen Mitwirkung der Frauen? Man hat es nach verschiedener Richtung hin gesehen. Zunächst und das ist fraglos richtigerxistiert eine Reihe von Fragen, in denen die Frau eine besondere, und zwar die maßgebende Betrachtungsweise besitzen wird, und das aus dent einfachen Grunde, weil sie eben Frau ist. Es sind alle die Angelegenheiten, die irgendwie mit der Mutterschaft oder den weiblichen Geschlechtscharakter zusammenhängen, in denen also in der Tat schon die Natur eine gewisse Gefühlsdifferenz zwischen Mann und Weib geschaffen hat. Auf sie ist auch in der„ Gleichheit" oft genug im einzelnen hingewiesen worden; ich möchte deshalb heute hier nicht näher auf diese Spezialprobleme eingehen. Sehr anzuzweifeln ist dagegen die von Stimmrechtskämpferinnen aller Parteien immer wieder aufgestellte Behaup tung, die Frauen seien ihrem Wesen nach an sich sittliche, humaner und gerechter veranlagt als die Männa, unter ihrem Einfluß würden auch die politischen Streitfragen nicht mehr 52 Die Gleichheit so stark vom Klassen- und Interessenstandpunkt aus behandelt werden, vielmehr die rein menschlichen Gesichtspunkte mehr zur Geltung kommen. Weder entspricht dieser Glaube den historischen Tatsachen das weibliche Geschlecht hat sich in seiner Gesamtheit sittlich durchaus nicht wesentlich von dem männlichen unterschieden, noch zeugt er von Verständnis für die geniale Konzeption der Marrschen Geschichtstheorie, die die ausschlaggebende Bedeutung der materiellen Lebensbedingungen für das soziale und politische Verhalten der Menschen so scharf erkannte. Tatsächlich sind es ganz nach den Lehren dieser Theorie in erster Linie die wirtschaftlichen Verhältnisse, die bei Frauen wie bei Männern die politische Gesinnung bestimmen. Wie die Frau der besitzenden Klassen ( von wenigen Ausnahmen abgesehen) sich den Parteien eingliedern wird, die den Besitz in feinen verschiedenen Gestalten zu schüßen streben, so kann sich jede der Arbeiterschaft angehörige denkende Frau politisch nur mit der Partei verbunden fühlen, die in weitestem Sinne die Arbeiterinteressen vertritt: mit der Sozialdemokratie. Wohl aber kann man nun die Frage nach dem Wert der weiblichen Mitarbeit in der Politik noch von höherer Warte aus stellen. Denn freilich, in dem einen stehen die Frauen ganz anders als die Männer: ihnen war das öffentliche Leben bisher der verschlossene Garten eines Paradieses, nach dem sich gerade die besten unter ihnen mit glühender Seele sehnten. Unerwartet und wie durch Zauberschlag hat sich ihnen das Tor dazu geöffnet, und aller tiefe Glaube an die große Aufgabe, die sich vor ihnen auftut, alle Glut des Gefühls, das sie in dieses neue Wirken legen wollen, alle Begeisterung und Hingabe für ihre politischen Ziele drängen jetzt zum Ausdruck und müssen sich in brennende Schaffensfreude wandeln. Die Frauen stellen gleichsam die Jugend im politischen Leben dar, und mit dem frischen Blick, dem stürmenden Wol. len der Jugend werden sie das Alte niederreißen und die Erde neu zu zimmern suchen. Und die Idee eines solchen Neubaus der Welt ist nicht etwa nur eine klingende Phrase, sondern sie birgt einen sehr realen und greifbaren Sinn. Und ganz besonders für den Sozialdemokraten. Feuilleton Wir sind nicht reif? Das ist das Lied, das sie gesungen haben Jahrhundertelang uns armen Waisenknaben, Womit sie uns noch immer beschwichten, Des Volkes Hoffen immer vernichten, Den Sinn der Bessern immer betören Und unsre Zukunft immer zerstören. Wir sind nicht reif? Reif sind wir immer, reif zum Glück auf Erden, Wir wollen glücklicher und besser werden. Reif sind wir, unsre Leiden zu klagen, Reif sind wir, euch nicht mehr zu ertragen, Reif, für die Freiheit alles zu wagen. hoffmann v. fallersleben. Zwei Kinderbriefe. Von einer Leserin der„ Gleichheit" werden uns die beiden folgenden Briefe zur Verfügung gestellt, die wir gern abdrucken, weil sie zwar naiv- findliche, aber darum doch interessante Zeichen der Zeit find. Wir bemerken noch, daß die Mutter der Kinder ihres Berufes wegen fern von Köln wohnt, aber mit ihren Kindern einen regen Briefwechsel unterhält. Meine liebe Mutti! Köln, 3. November 1918. Ich will Dir nun noch rasch, furz bevor wir die Besatzung beTommen, einen Brief schreiben. Wir drei haben gestern morgen Deine Briefe bekommen. Du willst also etwas von unseren Eindrücken, die wir über die Revolu Nr. 7 Alle Keime und Ansätze schöpferischer Zukunftsgestaltung ruhen heute im Sozialismus. Denn der Sozialismus ist, was vielleicht in dem Ringen um die langsame Durchführung seiner wirtschaftlichen Ideen in unserem Bewußtsein zu sehr in den Hintergrund trat, nicht allein eine wirtschaftlich- politische, er ist vor allem eine geistige, sittliche und kulturelle Lehre. Er will nicht nur Elend und Not in allen ihren Formen von der Erde bannen, die Vorherrschaft einer kleinen Zahl Besitzender brechen, um allen einen Teil an Schönheit und Freude, an den Gütern dieser Welt zu geben; er will auch ein Reich der schöpferischen Arbeit, der Geistigkeit, des reinen Menschentums gründen, wie es als ideales Bild von jeher in den besten Menschenköpfen lebte, ohne doch je bis jetzt zu Tat und Wirklichkeit zu werden. In der großen Idee der produktiven Arbeit jedes Gesellschaftsglieds und ihrer organisierten Zusammenfassung zu einem mächtigen einheitlichen Arbeitsorganismus liegt die praktische Möglichkeit, schaffende Kräfte von solcher Macht und Vielseitigkeit auszulösen, daß sich auf ihnen solch eine Welt des Geistes und der Menschlichkeit aufbauen kann. Aber dazu bedarf es der Erkenntnis dieses umfassenden Gedankens bei allen Anhängern und Anhängerinnen der sozialistischen Parteien, dazu bedarf es eines tiefen, hingebungsvollen politischen Willens, und dazu bedarf es endlich praktisch auch der Anbahnung all der öffentlichen Tätigkeiten, die uns so hochgesteckten Zielen näherführen können. In einer vollständig neuen, von sozialistischem Geiste durchdrungenen Schule und Jugendbildung werden wir zunächst die Saat für diese sittliche und geistige Neuschöpfung des Menschentums säen müssen. Heute sprechen wir wohl viel von Einheits- und Arbeitserziehung; noch aber sind wir gar nicht an die Aufgabe herangetreten, die von bürgerlichen Pädagogen übernommenen Gedanken und Pläne nach unseren Ideen umzumwandeln, sie mit neuem Inhalt zu durchtränken. Denn noch hat sich das Bild eines sozialistischen Erziehungsideals nicht deutlich losgelöst, ja wir stehen eben erst am Anfang der Entwicklung, die es einmal herausschälen soll. Das gleiche gilt von dem gesamten Gebiet der Volksbildung übertion haben, hören? Ich habe mir eine Revolution immer ganz anders vorgestellt. Da fam es zu blutigen Straßenkämpfen, es wurde hingerichtet und geplündert. Von all diesen Dingen haben wir nichts gesehen. In Klettenberg spielte sich die Revolution folgendermaßen ab. In vielen Bäckereien wurde das Brot schon auf die neue Woche verkauft. Aber dank den Sozialdemokraten, die die Menschen zur Ruhe mahnten, ist es gekommen, daß sich alles so ruhig abgespielt hat. Es ist viel erreicht worden. Wilhelm von Gottes Gnaden mit 21 Herrschern und Herrscherchen ist gestürzt. Der Weg zur Demofratie ist da. Das Volk ist jetzt frei und kann selbst bestimmen, was es will oder nicht will. Als wir nach all diesen Umwälzungen zum ersten Male wieder in die Schule kamen, da hielt Fräulein Hahn eine Rede, bei der sie zu heulen anfing. Sie betrauerte Wilhelm den Redseligen. Die übrigen Lehrerinnen waren auch alle furchtbar niedergeschlagen. Es ist ja auch eine furchtbare Zeit, in der wir alle zu büßen haben, was uns von den vorigen Herrschern eingebrockt worden ist. Aber nach der Meinung der Lehrerinnen und Schülerinnen sind das alles die Sozialdemokraten schuld. Ein vierzehnjähriges richtiges Kalb sagte mir, daß unsere Soldaten noch lange ausgehalten hätten, wenn nur die Sozialdemokraten noch wollten. Ein anderes Mädchen aus der zweiten Klasse fragte mich nach der ergreifenden Rede Fräulein Hahns, ob denn diese Unruhen und der Wirrwarr, den wir in Deutschland hätten, das Ideal der Sozialdemokratie wäre. Ich habe nur Quatschkopf zu ihr gesagt. Ich konnte mir im Augenblick nicht anders helfen, denn das sind alles noch zu große Kamele, die nicht für fünf Pfennig Ahnung haben. Sie sind auch gegen die Sozialdemokraten, ohne zu wissen, was diese denn eigentlich wollen. Fräulein Hahn ist auch gegen die Sozialdemokraten. Sie fennt aber noch nicht einmal das Erfurter Programm, worin doch steht, wofür die Sozialdemokratie eigentlich fämpft und was sie erreichen will. Sie hält aber nebenbei auch politische Vorträge und will die Frauen dadurch zum Wählen erziehen. Fräulein Hahn wollte vor ein paar Tagen das neue Programm der Sozialdemokratie haben. Das Zentrum und die Liberalen hätten ihr Programm doch umgeändert, und dasselbe dachte sie auch von der Sozialdemokratie. Da habe Nr. 7 Die Gleichheit Haupt. Nach den ersten, selbständig von der Partei organi fierten Bildungsbestrebungen führte der Weg dahin, im Verein mit dem Bürgertum wissenschaftliche und künstlerische Beranstaltungen für das Proletariat zu schaffen. Doch für die Zukunft handelt es sich darum, die im Volke selbst ruhenden, aus dem Volke dringenden und in ihm gären den geistigen Kräfte emporzuheben, fie lebendig werden, durch sie wiederum Wissenschaft und Geistesarbeit frisch befruchten zu lassen. Ebenso in der Kunst. Vor kurzem schrieb der wohl bedeutendste unter unseren Architekten, Bruno Taut, in den Sozialistischen Monats heften" einen Aufsatz, der dieser Forderung der Lösung schöpferischer Volkskraft wundervollen Ausdruck gab:" Große Volksbewegungen folgen dem Gedanken. Der Gedanke der Herrsch- und Machtsucht führte zum Zusammenbruch. Der Gedanke der Einheit unter den Menschen, frei von jeder hemmenden Kluft des Besizes, des Standes und der Bildung muß den Aufbau bringen. Aufbau! Eine Gedankenwelt liegt in Trümmern: Verherrlichung des Schlachtenruhms... Persönlichkeitskultus, Geldanbetung und Materialismus.... Das soll in Trümmer fallen. Aus seinem Staube soll ein neuer Phönig aufsteigen, ein neues Licht erstrahlen und ein fester Bau erstehen!... Die Architektur ist formgewordener Ausdruck der Zeit; denn wir alle, alle, die wir wollen und arbeiten, sind Bauende. Bauende einer neuen Kultur." Nach dieser erst im eigentlichen Sinne sozialistischen Auffassung, Geist und Gestaltungskraft des Volkes in schöpferische Taten umzuseßen, muß auch die in der engeren Bedeutung produktive Tätigkeit, die Schaffung der materiellen Güter, den Charakter solch einer schöpferischen Tat gewinnen. Daraus fließt ganz von selbst die Notwendigkeit, auch die anscheinend geringste Teilarbeit mit äußerster Genauigkeit auszuführen, sie zur Qualitätsarbeit werden zu lassen, als ein selbst hochwertiges Glied einem hochwertigen Ganzen einzu ordnen. Mit anderen Worten: es ergibt sich daraus eine Art neuer Arbeitsethik, die die Leistung nicht mehr danach wertet, ob sie auf der sozialen Stufenleiter hoch oder niedrig steht, ich ihr von Tante Lisbeth aus bestellt, daß das die Sozialdemo fraten doch nicht nötig haben. In ihrem Programm stand schon immer die Forderung des Frauenwahlrechts. Während das Zentrum und die Liberalen das jetzt erst in ihr Programm hineinschreiben, wo das Frauenwahlrecht nun da ist. Fräulein Hahn dachte aber, daß die Sozialdemokraten ihr Programm auch umgeändert hätten. Im übrigen scheint sie das Erfurter Programm, das ich ihr einmal mitgebracht hatte, nicht gelesen zu haben. Wir mußten heute morgen in der Schule sein, wo man uns sagte, wie wir uns während der Besetzung zu verhalten haben. Wir sollen sehr zurückhaltend sein, aber trotzdem freundlich. Den kleinen Kindern wurde gesagt, daß sie den Engländern nicht nachlaufen sollen und nach Schokolade fragen. In Aachen sind Belgier eingezogen. Sie scheinen furchtbaren Haß über die Deutschen zu haben. Jeder Bürger muß für einen belgischen Offizier den Bürgersteig verlassen, er muß seinen Hut vor ihm ziehen. In den nächsten Tagen werden auch in Köln Engländer einziehen. Wir werden bei ihrem Einzug im Hause bleiben. Verschiedene werden ja wohl mal hingehen müssen und sich die neuen Leute mal anguden. In unserer Schule wird wahrscheinlich noch eine Volksschule untergebracht werden. Wir haben dann abwechselnd morgens und nachmittags Schule. Der Durchzug der Truppen durch Köln ist jetzt vorüber. Stöln legt seinen Schmuck beim Einzug der feindlichen Truppen wieder ab. Die vielen Girlanden, die man sah, machten einen karnevalistischen Eindruck. Aber es war doch gut gemeint, und all die heimkehrenden Soldaten haben sich sicher darüber gefreut. Wir haben auch ganze Nachmittage hindurch gesessen und Blumen gemacht. Nach roten Blumen wurde gar nicht gefragt. Bayern, die durchzogen, verlangten blauweiß, während die anderen Soldaten bunte Blumen bekamen. Sehr dankbar waren sie immer für Rauchzeug. Tante Lisbeth hat heute abend in Mülheim eine Versammlung. Wir sind also allein zu Hause. Ich schließe nun. Sei recht herzlich gegrüßt und gefüßt von Deiner Lotte. 53 wohl aber danach, ob sie in sich möglichste Vollkommenheit erreicht. Diese Anschauungsweise, die schon von Jugend an durch den Einfluß der Erziehung verbreitet werden muß, wird gerade auch den Geist, der heute noch oft in der weiblichen Arbeiterschaft herrscht, von Grund aus wandeln müssen. Sie wird die Menschen lehren, die Arbeit nicht als Last, sondern als innersten Gehalt des Lebens zu empfinden, in ihr den eigentlichen Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit zu sehen. Damit kann Daseinsfreude und Genuß nicht nur verbunden sein; sie entfalten sich vielmehr erst durch solche Auffassung des Lebens zur höchsten Intensität. Das ganze Sein und Empfinden der Menschen würde damit mit neuem, mit ſozialistischem Gehalt erfüllt, eine andere, wahrhaft sozialistische Gesinnung in jedem wachgerufen; der einzelne fühlte sich unbedingt als Glied des Ganzen, jedes Eigeninteresse wäre eng dem Gesamtheitsinteresse verknüpft. Das sind nur wenige knappe Züge zu dem Entwurf eines sozialistischen Gesellschaftsgemäldes, wie es uns für die kommende Welt vor Augen steht. Nach dem Gesagten brauche ich kaum zu wiederholen, weshalb mir die Frauen mit in erster Reihe berufen scheinen, es in die Wirklichkeit zu übersehen. Ihrer Tatenluft und unverbrauchten Kraft ist hier das höchste Ziel gesteckt, das Ziel, an der Aufrichtung des glücklichen Zukunftsreichs einer freieren, fittlicheren Menschheit mitzuschaffen. Uns allen aber, jeder sozialdemokratisch denkenden wie jeder Frau in der Arbeiterschaft erwächst damit zugleich eine ganz bestimmte Aufgabe: bei den Wahlen für die deutsche Nationalversammlung, die in kürzester Zeit stattfinden werden, nicht allein selber ihre Stimme für die sozialdemokratischen Kandidaten abzugeben, sondern auch werbend und anfenernd mitzuhelfen, damit in dem ersten Volksparlament des freien Deutschen Reiches der Sozialismus die Führung übernehme. Die Frauen mit ihrer überwiegenden Zahl geben bei diesen ersten Frauenwahlen den Ausschlag; sie mögen zeigen, daß sie politisch reif genug sind, das Wahlrecht richtig auszuüben. Wally 3epler. Liebe Mutti! Köln, den 24. November 1918. Wir haben wieder schulfrei. Unsere Schule ist ausgeräumt und zu einer richtigen Kaserne umgewandelt. In den Schulräumen stehen Betten, Tische und Stühle und Bänke für die Soldaten. Am 21. d. M. sind sie eingezogen. Im Hofe stehen Bagagetager., Autos, Autoräder, Fahrräder und andere Sachen. Die Stadt ist sehr festlich geschmückt. Jeden Tag famen Truppen aus der Etappe. Vom 23. November bis 4. Dezember kommt die Frontarmee. Die Soldaten werden mit Blumen und Kaffee und anderen Sachen beschenkt. Lotte und ihre Mitschülerinnen überreichen den Soldaten Blumen, die sie selbst gemacht haben. Fritz ist jetzt eben zur Luxemburger Straße gegangen, er will zugucken, wie die Soldaten beschenkt werden. Ich bin schon einmal auf einem Soldatenpferd inmitten eines Trupps Bayern durch die Stadt geritten. Rolf auch schon. Auf dem Bahndamm, der in unserer Nähe ist, halten viele Militärzüge. Die Soldaten verkaufen Lebensmittel, die sie entbehren können. Friß und ich, wir haben jeder ein Kommißbrot geschenkt bekommen. Dami für 1 Mt. Käse, für 1 Mt. Weizenmeht, für 50 Pf. drei Schachteln Schuhfett, einige Taschen Weißkohl und 1 Flasche Odol zu 0,50 Mr. Viele Grüße von Deinem Paul. Eingegangene Schriften. Der Verlag für Sozialwissenschaft bringt in 16 Kupferbruden Bilder aus den Revolutionstagen, die als unvergängliche Dokumente unserer Tage wert sind, von jedermann gekauft und aufbewahrt zu werden. Die einzelnen Aufnahmen geben ein getreues Bild vom Kampf und Sieg der Revolution. Die Karten sind durch jede Parteibuchhandlung oder direkt vom Verlage zu beziehen. Preis 15 Pf. Serien von 16 Stück im Umschlag kosten 2 Mt. Rita Bardenheuer, Woher und wohin?" Geschichtliches und Grundsägliches aus der Frauenbewegung. Leipzig 1918, Verlag Naturwissenschaften G. m. b.. 122 Seiten. 54 Für Haus und Schule. Die Gleichheit Welches Gerede, daß die Frauen erst noch besonders lernen müßten, für was und für wen sie bei den ersten Wahlen zur Nationalversammlung zu stimmen haben! Sie müssen freilich lernen, ihre Bedürfnisse und Empfindungen durch den Stimmzettel auszudrücken, wie die meisten Männer auch noch. Das nennt man politisch werden und politisch richtig handeln! Welches aber ihre Bedürfnisse und Wünsche sind, darüber können sie sich völlig klar sein, und danach können sie auch ohne Wanken und Schwanken stimmen. Sie brauchen nur bei der Betrachtung und Prüfung des Kleinsten Kreises, der ihr Leben zunächst umschließt, bei ihren häuslichen Verhältnissen zu beginnen. Die neue Volksregierung hat ihnen eine einschneidende Besserung dieses häuslichen Lebens beschert: den Acht stundentag für alle in Gewerbe, Handel und Verkehr Schaffenden. In den größeren Städten ist er glatt eingeführt worden mit der Revolution, wo dies noch nicht der Fall ist, wird er bis 1. Januar durch die Gewerkschaften und in der Nationalversammlung durch Gesetz sichergestellt werden. Noch nicht gilt er für die Landwirtschaft, die mit anderen Verhältnissen rechnen muß. Aber welchen Segen bedeutet er für die Frauen und Familien der städtischen Bevölkerung! Er gibt die arbeitenden Familienangehörigen, deren in der Not der Zeit immer mehr werden mußten, der Familie wieder. In nicht zu später Nachmittagsstunde schon kehren sie von der Arbeit zu Frau und Kind oder zu Eltern und Mann zurück. Sie haben noch acht Stunden Muße, mit ihren Lieben zu verkehren und sich um sie zu kümmern, für die Kleinen zu sorgen und mit den Großen Wege oder Hausarbeiten zu besorgen, auch wohl einen Spaziergang mit ihnen zu machen, in Ruhe und verhältnismäßiger Behaglichkeit die Abendmahlzeit mit. ihnen einzunehmen und vielleicht abends dann und wann ein Volkskonzert oder Theater zu besuchen. Und bricht die jetzige Not der Übergangszeit mit ihren harten Waffenstillstandsbedingungen auch noch viel an diesen Vorteilen ab, so wissen doch die Frauen, daß mit der fortschreitenden Hebung der Gesamtlage auch die Ausnutzung des Achtstundentags immer besser und wirksamer für sie wird. Er erfüllt ihnen zweierlei Wünsche und Notwendigkeiten zutgleich: er gibt Gelegenheit, in vernünftig begrenzter Arbeitszeit und im industriellen Großbetrieb Verdienst zu suchen und das Einkommen aufzubeffern, aber auch dieses Einkommen anders zu genießen, als es früher bei der längeren Arbeitszeit möglich war, nämlich mit dem Kreise der Lieben. Und zugleich gibt der Achtstundentag die Zeit, ohne Schaden für das Familienleben für Berufsorganisation und Partei tätig zu sein, ihrer Festigung und Vergrößerung ein paar ganze Stunden in der Woche mit voller Hingabe zu widmen, das Arbeitsblatt in Ruhe und mit Nußen zu lesen und so die Bedingungen dafür zu schaffen, daß Lohn und Arbeitszeit infolge der Macht der Organisation auf der Höhe bleiben! Mit dem Achtstundentag hat die Revolution den Frauen ein Geschenk von unermeßlicher Bedeutung gebracht, und sie werden es festzuhalten wissen, indem sie für die soziale Volksregierung stimmen. Wie sehr die Aufhebung aller Gesindeordnungen alle weiblichen Hausangestellten von der Willkür hochmögender Herrschaften und der Polizeiabhängigkeit befreit hat, das braucht den Nutznießern dieser so lange vergeblich begehrten Reformen gar nicht besonders erzählt zu wer den! Sie werden jetzt in die Rechte und Pflichten eintreten, die ein nach den Bedürfnissen der Neuzeit geordnetes Angestelltenrecht für die Herrschaft und sie schaffen muß, immer unter Mitwirkung der Angestellten selber; für ihre Streitigkeiten sollen billige, schnell arbeitende und volkstümlich besetzte Schiedsgerichte nach Art der Gewerbegerichte tätig werden. Man verkennt aber die Frauen gründlich, wenn man meint, fie ließen sich bei ihrer Haltung zur Revolution und bei ihrer Abstimmung zu den Nationalversammlungswahlen nur durch Nr. 7 äußere Vorteile bestimmen. Zwar schafft ihnen der Achtstundentag auch unschäßbare Gemütswerte durch die Muße für Familienverkehr und wirkliche Arbeitsruhe. Aber darüber hinaus liegt den Frauen noch viel mehr am Herzen, daß die Staatsumwälzung für die Kinder endlich verheißende Aussichten eröffnet: durch Umwandlung der Schule aus einer Zucht- und Drillanstalt in eine Veranstaltung zur Förderung und Erbauung von Eltern und Kindern. Wieviel Reibereien und welchen Ärger hat die bisherige Schule nicht dem Hause bereitet! Sie predigte den Kindern fortgesetzt politische Anschauungen, die meist im stärksten Gegensatz zu denjenigen des Elternhauses standen. Sozialdemokratie und Arbeiterschaft, Volksbewegung und Volkswünsche wurden von den Lehrern gescholten und stellenweise beschimpft, während Vater und Mutter des Schulkinds begeisterte und pflichttreue Anhänger der Arbeiterbewegung waren. Das nährte einen vergiftenden Zwiespalt zwischen Schule und Haus, den die Mutter nur zu oft auszubaden hatte. Auf ärmliche und Notstandsverhältnisse im Hause wurde so oft von der Schule wenig Rücksicht genommen. Wegen freier Lehrmittel, wegen warmen Frühstücks und der Teilnahme der Kinder an anderen Fürsorgeeinrichtungen mußte manchmal ein langer Kampf mit Lehrern und Schulbehörden seitens der Eltern geführt werden. Vor allem aber kam das schwächere Kind nicht zu seinem Recht. Es wurde nicht mit Rücksicht auf seine Eigentümlichkeiten, sondern im Massenbetrieb behandelt, oft schomungslos und zurückseßend, manchmal sogar mit körperlicher Züchtigung und demütigend. Wie viele Millionen Mütter hat das geschmerzt und empört, und wieviel Kinder sind dadurch von der Schule abgestoßen worden! Jetzt werden die Frauen berufen sein, am Bau einer neuen, wirklichen Volksschule mitbestimmend tätig zu sein! Sie wissen genau, was dabei für sie und ihre Kinder und für das Volksganze auf dem Spiele steht. Sie werden ihre gespannteste Aufmerksamkeit darauf richten, alle Freunde und Anhänger der alten Kinderbüttelei und der Obrigkeitsherrschaft aus der Nationalversammlung fernzuhalten und dafür zu sorgen, daß nur Schulreformer mit warmem, liebendem und verständnisvollem Herzen und Kopf für die Jugend ans Werk gehen. Sie werden stimmen für die möglichste Freiheit der Gemeinde, ihre Schulen volkstümlich einzurichten, mit Elternräten und Schülerausschüssen, mit Lehrmittel- und Schulgeldfreiheit, mit Nachhilfeklassen und Schulhorten, mit Einrichtungen, die auch dem ärmsten Schüler gestatten, hochzuklimmen, und sie werden wissen, daß sie mit dieser Entscheidung ein gut Stück der Entscheidung über die ganze Volkszukunft in der Hand halten! So werden die Frauen denken und handeln bei ihrer ersten Wahlbeteiligung, so durch alle Gebiete des Lebens hindurch, die sie nunmehr handelnd mitgestalten wollen, und so werden sie die Gleichberechtigung, zu der sie durch die Revolution politisch gelangt sind, dankend quittieren, indem sie alle guten Revolutionsfräfte zur Umgestaltung unseres sozialen und Mar Quard. geistigen Lebens stärken helfen! Zum Wahlrecht der Frauen. Wir Deutschen von heute sind verdammt und begnadet zugleich. Verdammt, den schlimmsten Zusammenbruch, die härteste Demütigung zu erleben, die einem Volte zugefügt werden kann. Einem Wolfe, das in vierjährigem Ringen so übermenschliches geleistet, getragen und erduldet hat, daß jede Kritik davor verstummen muß und keine Würdigung dem gerecht werden kann. Und wir sind begnadet. Begnadet, zu schauen, wie aus Schutt und Trümmern des Reiches Herrlichkeit neu emporwächst, getragen von dem starken Willen eines zur Selbstbesinnung, Freiheit und Selbstbestimmung erwachten Volfes. Begnadet, zu erleben, wie diese gewaltigste aller Umwälzungen sich auf dem Boden des Rechtes und der Ordnung vollzieht. Und die Frauen sind diesmal auch dabei. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Frauen ist eine frohe Tatsache geworden. Mitschaffen dürfen wir am Bau des Reiches. Mitaufrichten und 1 Nr. 7 Die Gleichheit mitwahren dürfen wir das Recht und die Ordnung, die einem wahrhaft freien Volfe geziemen. Jahrzehntelang haben wir bergebens darum gekämpft. Nun hat eine Stunde der Revolution uns den Kampfpreis in den Schoß geworfen. In dieser Plötzlichkeit liegt eine gewisse Gefahr. Gerade wie seinerzeit beim Reichstagswahlrecht wird dies neuerteilte Recht für die meisten Frauen ein Werkzeug sein, mit dem sie nicht noch nicht umzugehen wissen. Das gilt besonders für die bürgerlichen Frauen. Es ist die schwere Schuld der bürgerlichen Parteien, daß sie dem Wahlrecht der Frauen abgeneigt oder selbst feindselig gegenübergestanden und demzufolge auch die ihnen nahestehenden Frauenkreise nicht politisiert haben. Aber auch für viele Genossen stand das Frauenwahlrecht bis jetzt nur im Programm. Von ihrem Hirn und ihrem Herzen hatte es noch nicht Besitz ergriffen. Wie steht es mit der wirklichen Gleich berechtigung innerhalb der Gewerkschaften? Wie kommt es, daß auch innerhalb der heutigen Vollzugsgewalten die Frauen nicht oder nicht in genügendem Ausmaß vertreten find? So wird es auch heute nicht abwegig sein, noch einmal zusammenfaffend nachzuweisen, daß und warum die Frau als nicht nur rechtlich, sondern tatsächlich gleichstehendes Glied der neuen Lebensordnung einzureihen ist. Die Frau hat in diesem Kriege ihr Bürgerrecht überreich verdient, ihre Befähigung zur Mitwirkung und Verantwortlichkeit unwiderleglich dargetan. Das ist tausendmal bewiesen, und davon soll heute nicht weiter die Rede sein, denn im sozialen Volksstaat ist das politische Bürgerrecht ein Stüd Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen geistig gesunden Menschen. Es ist weder eine Belohnung für Leistung, noch an einen Befähigungsnachweis gebun den. Es ist überdies eine sachliche Notwendigkeit und Verpflichtung. So wie jeder gehalten ist, die Ordnung seiner persönlichen Angelegenheiten wahrzunehmen, ist der Bürger des Volksstaats verpflichtet, sich an der Ordnung der öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen und die Verantwortung für diese Ordnung mit zu übernehmen. Das Wahlrecht ist das Instrument, durch das er Teilnahme und Verantwortung übernimmt. Er ist nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, sich seiner zu bedienen. Das gilt für Mann und Frau. Den allgemeinen Gründen, die die Teilnahme der Frau am politischen Leben zu einer selbstverständlichen, aber auch unausweislichen Pflicht machen, gesellen sich andere, die nur die Frau angehen. Die Frau ist Erwerbstätige. Schon im Jahre 1907 zählte man 9,5 Millionen erwerbstätiger Frauen. Seitdem eine ständig sich verstärkende Zunahme. Gar im Kriege! Am 1. Juli 1914 waren 34,4 der Pflichtmitglieder der Krankenkassen weiblichen Geschlechts. Am 1. Oftober 1917 zählte man unter 100 Beschäftigten 50,9 weibliche.( Dabei ist zu beachten, daß unter den männlichen Mitgliedern auch die weiterversicherten Kriegsteilnehmer inbegriffen sind.) An diesem Zustand wird auch das Aufhören des Krieges wenig ändern. Wir müssen mit der ausgedehnten gewerblichen Frauenarbeit als einer Dauererscheinung rechnen.( Vergl. Fürth," Die deutschen Frauen im Krieg", Tübingen 1917, Mohr). So tritt eindringlicher denn je die Unhaltbarkeit eines Zustandes vor Augen, der es den Arbeitenden versagt, über die Bedingungen mitzubestim= men, die Rechtsordnungen zu schaffen, nach denen sie arbeiten, das Maß des Schutzes, das ihnen zuteil werden soll, festsetzen zu helfen. Aus dem gesunden Gefühl heraus, daß nur der, der mitten in einer Arbeit steht, mit ihrer Technik, ihren Härten und Erleich terungen gleicherweise vertraut ist, in bezug auf alle hier sich ergebenden Streitfragen urteilsfähig sein, nur er Arbeitsmethoden und Bedingungen fortbildend beeinflussen könne, sind die Gewerbegerichte entstanden und sollen die Arbeitskammern geschaffen werden. Die Frauen haben ein sachliches Recht, hier mit allen Rechten und Pflichten eingereiht zu werden. Die Frau ist nicht nur Erwerbstätige. Sie ist auch Hausfrau und Mutter. Wie sehr recht hatte Gradnauer, als er ausführte: " Ich glaube, wer die Tätigkeit mancher unserer höheren Behördestellen im Laufe der Kriegszeit verfolgt hat, muß zu der überzeugung kommen, daß, wenn beispielsweise in den leitenden Stellen unseres Ernährungswesens Frauen mitbetätigt gewesen wären, dann die Dinge wahrhaftig beffer gelaufen wären, als sie bei der ausschließlichen Männertätigkeit gelaufen sind." Aber nicht nur Mütter sind wir und nicht nur Hausfrauen. Wir find ja auch Menschen. Menschen mit Seele und Sinnen, die ihr Menschenrecht fordern und die die Freiheit und das Selbstbestim mungsrecht als Weib, als Ehefrau, als Persönlichkeit zu erstreiten, mit den Waffen des Gesetzes zu erstreiten haben. Da ist die Frage des Cherechts, da ist die ungleich schwerere nach Schicksal und Recht des unehelichen Kindes. Diese Frage, deren ganze volkswirtschaftliche und raffebiologische Tragweite längst nicht 55 genug gewürdigt wird. Unser bestes Bi ist auf den Schlachtfeldern versprigt worden. Weniger denn je sind wir heute in der Lage, auch nur auf ein Glied unseres Nachwuchses oder darauf zu verzichten, diesen Nachwuchs zu einem an Leib und Seele gesunden und brauchbaren Menschenmaterial zu formen. Und endlich das Persönlichkeitsrecht und das Recht auf ein wenig Glück und Sonnenschein. Für Millionen von Frauen hat der Krieg die Aussicht auf per= sönliches Lebens- und legitimes Mutterglück auf ewig vernichtet. Draußen auf den Schlachtfeldern entscheidet sich nicht nur das Schicksal der Kämpfenden und Fallenden, sondern auch das oft viel schwerere der in der Heimat überlebenden. Wer tot ist, dem tut nichts mehr weh. Aber die Überlebenden! Die Witwen und die anderen jungen Menschenkinder alle, die das große Sterben um jede Lebenshoffnung und Erfüllung betrügt, und die doch weiterleben müssen. Die Geburtenfrage ist ja nicht nur eine Frage derer, die geboren werden, sondern ebenso derer, die geboren werden möchten, heute aber ungeboren bleiben, weil zum Beispiel das den Staatsbeamtinnen, den Lehrerinnen usw. auferlegte Zölibat, weil ferner überkommene Anschauungen und Hemmungsvorstellungen sich dem in den Weg stellen. ( Schluß folgt.) Die Frauen und die Nationalversammlung. über Nacht ist in Deutschland die Revolution aufgeflammt. Nachdem das Volk die größten Entbehrungen ertragen, nachdem sich Berge von Leichen angehäuft, Millionen junger blühender Menschen ihre gesunden Glieder dem Kriege zum Opfer gebracht haben, hat endlich das Proletariat gewaltsam ein Ende gemacht. Das alte Deutschland mit seinen Machthabern liegt zerbrochen am Boden, und ein freier sozialistischer Staat ist daraus entstanden. Die Revolution hat den Frauen die Erfüllung ihres höchsten Verlangens gebracht. Sie sind nicht mehr minderen Rechtes, brauchen nicht mehr abseits zu stehen, wenn der Wille des Volkes sichtbar zum Ausdruck gelangen soll. In den Reihen der Männer sollen sie ihren Platz haben, mitbestimmend, mitwirkend. Die Nationalversammlung wird aus Wahlen hervorgehen, an denen alle erwachsenen Männer und Frauen in Deutschland beteiligt sind. Aus allen Schichten und Klassen werden Männer und Frauen an die Wahlurne strömen, um ihre Stimme für oder gegen die Errungenschaften der Revolution abzugeben. Wenn die Nationalversammlung zusammentritt, hat sie über das fernere Geschick Deutschlands zu entscheiden, deshalb ist ihre Zusammensetzung von größter Wichtigkeit für das Proletariat. Die Reaktion wartet auf den Augenblick, wo sie wieder zur Macht gelangt. Sie hofft darauf, daß die Nationalversammlung nach ihren Wünschen zusammengesetzt ist, sie soll ein Werkzeug der Reaktion werden. Wenn man in letzter Zeit die Vorgänge im politischen Leben beobachtet hat, hat man gesehen, daß sich Parteien gebildet haben, die sich demokratisch nennen, in Wirklichkeit aber nichts anderes sind als Werkzeuge der Reaktion. Die Demokratische Volkspartei( frühere Nationalliberale), die Soziale Zentrumspartei, sie sind nur gegründet worden, um eine sozialistische Mehrheit in der Nationalversammlung zu verhindern. Besonders bemerkenswert ist es, daß diese Parteien mit allen Mitteln versuchen, die Frauen für sich einzufangen und gegen die Sozialdemokratie aufzuheben, weil sie wissen, daß die Frauen bei den Wahlen den Ausschlag geben. Besonders das Zentrum arbeitet mit den schmutzigsten und verlogensten Mitteln. Aber auch die Frauen des übrigen Bürgertums rüsten sich. Sie bilden Kommissionen, gründen Wahlfonds, leisten die so dringend nötigen Vorarbeiten für die Wahlen. Es wäre verhängnisvoll, ihren Eifer zu verspotten und ihre Agitation leicht zu nehmen. Von den neuen Organisationen werden Aufklärungsabende für Frauen eingerichtet, um Frauen für die Wahlen zu schulen. Sollen wir das ruhig mitansehen? Wir, die wir wissen, daß nur eine sozialistische Mehrheit in der Nationalversammlung die Sache des Volkes vertreten und zum 56 Die Gleichheit Siege führen kann, wir dürfen nicht zugeben, daß andere Barteien sich wieder in den Besitz der Macht setzen. Wir müssen ihnen entgegenarbeiten, müssen ihre Hoffnungen zuschanden machen. Die Frauen müssen zusammengerufen und aufgeklärt werden. Eine riesengroße Arbeit ist zu leisten. Sie muß getan werden. Um die Lebensfragen auch der Frauen geht es bei der Neuordnung, die sich in Deutschland vollzieht. Die Fragen der Vergesellschaftung industrieller und landwirtschaftlicher Großbetriebe, die Trennung von Kirche und Staat, der Völkerbund, Steuer- und Wahlrechtsfragen, auch die für uns Frauen besonders bedeutungsvollen bevölkerungspolitischen Fragen, das alles wird bald im Mittelpunkt der öffentlichen Besprechung stehen. Es ist unsere Pflicht, uns über die Bedeutung dieser Dinge zu unterrichten und zu versuchen, sie in unserem Sinne zu beeinflussen, die Möglichkeit ist uns jetzt gegeben. Genossinnen, Frauen des Volkes, tut eure Pflicht, schafft Aufklärung überall. Schaltet euch nicht durch Zersplitterung bei der Mitbestimmung unserer Zukunft aus! Allein eine Nationalversammlung mit sozialistischer Mehrheit kann dem deutschen Volke eine Bestand versprechende und im ganzen Volke verankerte Regierung geben. Diese Volksregierung so bald wie möglich zu bekommen, muß unser größtes Bestreben sein. Jahrzehnte hat unsere Partei für das Frauenwahlrecht vergeblich gekämpft, über Nacht ist es uns geworden, zeigen wir Frauen jetzt bei den Nationalwahlen, daß wir seiner würdig sind. Stellen wir unsere ganze Kraft in den Dienst der Revolution, dann wird der Sieg nicht ausbleiben. Darum nochmals: Tut eure Pflicht! Marie Afning, Duisburg. Wohlauf! Es geht eine Brise, es hebt sich ein Wind, Die Segel, sie knaffern und schwellen, Wohlauf denn, für Kinder und Kindeskind Ins Ruder gelegt euch, Gesellen! Und drohen auch Schiffe, gewaltige, rings Die Bahn zu versperren den Booten, Geschaut nicht nach rechts und geschaut nicht nach links! Brecht durch! Sonst seid ihr Heloken. Was rauschen die Wogen, was rinnt in der Luft? Was ziffert von Lande zu Lande? Die Toten, sie graben dem Leben die Gruft, Die Sklaven, sie hüten die Bande. Doch über die dumpfe geduldige Welf Jäh fuhr es aus Höhen und Gründen, Drum vorwärts und dorthin das Steuer gestellt, Wo die Feuer der Freiheit sich zünden! Und wollt ihr die Kinder des neuen Geschlechts Erlösen vom faulen Geflunker, Stopft Wachs in die Ohren euch vor dem Gekrächz Der Pfaffen und Jobber und Junker! Und wollt die Geftade der Sehnsucht ihr schaun, Wo die Säulen der Menschlichkeit ragen, So greiff in die Ruder mit kühnem Vertraun Und die Wellen, sie werden euch fragen. Aus unserer Bewegung Politische Unterweisungsabende. Karl Henckell. Blötzlich bemühen sich die bürgerlichen Parteien krampfhaft, die Frauen und Mädchen für die Politik reif zu machen. Dieselben Parteien, die bisher nichts von einer politischen Gleichberechtigung der Frau mit dem Manne wissen wollten, die immer behaupteten, die Frau gehört ins Haus, an den Kochtopf, diese Parteien entdecken plöglich ihre Vorliebe für die Demokratie und die politische Bedeutung der Frauen, weil die Frauen gegen den Willen der bürgerlichen Parteien wahlberechtigt geworden sind. Im Rhein- und Ruhrgebiet ist die Bemühung um die Frauen besonders rührig. Hier, wo das Zentrum sich bei der Bevölkerung noch eines großen Anhangs erfreut, und wo auch die Nationalliberalen, diese Demokraten von vorgestern, sehr stark vertreten sind, Nr. 7 wird der Wahlkampf besonders heiß werden. Politische Unterweisungsabende" für Frauen und Mädchen müssen jetzt helfen, die Schäflein zu sich heranzuziehen. Die Nationalliberalen, die sich jetzt„ Deutsche Volkspartei" nennen, fordern in einem Inserat die Frauen und Mädchen auf, zu diesen ,, Belehrungsveranstaltungen" zu kommen. Da heißt's nun für uns sozialdemokratische Frauen und Mädchen doppelt auf dem Posten zu sein! Wir dürfen es uns nicht verhehlen, welchen Einfluß die Religion auf das leicht beeinflußbare Gemüt vieler Frauen ausübt und wie gerade die katholischen Geistlichen ihre gläubigen Seelen zu lenken verstehen. Den Frauen muß es deshalb vor allem klar gemacht werden, daß die Sozialdemokratie von jeher in ihr Programm die Forderung des Frauenwahlrechts aufgenommen hat und auch stets dafür eingetreten ist. Unsere Frauen zusammenkünfte, die wir schon längst eingeführt hatten, müssen jetzt noch weiter ausgebaut werden. So beschlossen die sozialdemokratischen Frauen Duisburgs in ihrer letzten Zusammenfunft, fortan jede Woche zusammenzukommen. In dankenswerter Weise hat Genosse Horkenbach sich die Aufgabe gestellt, die Frauen in ihren Aufklärungsarbeiten tatkräftig zu unterstützen. Mehr noch als bisher werden öffentliche Frauenversammlungen veranstaltet werden. Alles, was in unseren Kräften steht, wird geschehen, um die Wölfe in Schafspelzen zu entlarven. Und wenn es heißt, zur Wahlurne gehen, soll uns der Augenblick finden: tatbereit! ★ Berta Mardwald. Biebrich a. Nh. Es war kurz nach der ersten Frauenkonferenz der sozialdemokratischen Frauen Deutschlands im Striege als ich das erstemal nach Biebrich kam. Ich sollte den Frauen dort über den Verlauf jener Konferenz berichten. Im Begriff, den kleinen Saal zu betreten, rief mich der Vorsitzende zurück und sagte:" Ihren verabredeten Vortrag kann ich nicht brauchen, der ganze Saal ist voll Frauen, aber darunter sind höchstens 4 bis 6 organisiert, alle anderen sind zum erstenmal da." Was tun? Ich änderte meine Dis positionen und erzählte den Frauen etwas von der Sozialdemo fratie und dem, was sie will. Als wir auseinander gingen, hatten 47 Frauen ihren Eintritt in die Sozialdemokratische Partei erklärt. Seitdem bin ich öfters in Biebrich gewesen. Jedesmal empfing mich ein größerer Streis von Frauen, und jedesmal hatte sich das Verständnis für unsere Ziele vertieft. Das Selbstbewußtsein dieser in der Mehrzahl aus einfachen Arbeiterinnen und Frauen von Arbeitern bestehenden Frauen war erwacht und verlangte nach Betätigung und Auswirkung. So eroberten sie sich nach und nach ein fommunales Amt nach dem andern, in denen sie mit beratender Stimme für das Wohl ihrer Mitschwestern tätig sind. Die Revolution hat auch in Biebrich anfeuernd gewirkt, der Raum, in dem die erste Versammlung stattfand, ist längst zu klein gewors den; ein großer, gutausgestatteter Saal in dem schönsten Hotel am Rhein empfing uns das leztemal. Freude und Begeisterung bewegten die große, fast ausschließlich von Frauen besuchte Versammlung, und die Worte der Rednerin, sowie die des lebendigen und rührigen Borsigenden fanden lebhaftes Echo. Ihre Last am Tragen von Verantwortlichkeit hat sich vermehrt, und so haben sie erreicht, daß ihnen zwei Size im Arbeiter- und Soldatenrat zugestanden wurden. Alte Vorurteile haben in solcher Gesellschaft keinen Platz, und es hat sich die Versammlung feinen Moment besonnen und als erste die tüchtige Frau ihres Vorsitzenden als Delegierte in jene Körperschaft bestimmt und damit ein weiteres Beispiel gegeben, wie in Zukunft Mann und Frau Schulter an Schulter arbeiten werden für das Wohl der Gesamtheit. M. G. H. Zur gefälligen Beachtung. Der starken Nachfrage wegen geben wir vom Erfurter Programm in seinem grundsätzlichen Teil erläutert von Karl Kautsky Internationale Bibliothek Band 13, gebunden M. 4.eine billige Volksausgabe heraus. Wir liefern das Eremplar für M. 1.20, mit Porto M. 1.30. Auf größere Bestellungen gewähren wir einen angemessenen Rabatt. J. H. W. Dieh Nachf. G.m.b.H. in Stuttgart. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Marie Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.§. in Stuttgart.