Nr. 10 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mr. 1.45. Jm Wahlkampf. Im Stuttgart 14. Februar 1919 Allen, die in diesem Wahlkampf standen, wird er unvergeßlich bleiben. So schauderhaft hatten wir ihn noch nie erlebt, und hoffentlich bewahrt uns die Zukunft vor Kämpfen in solchen Formen. Am schlimmsten war es in den Bezirken, in denen der Bruderkampf tobte. Spartakus und der linke Flügel der Unabhängigen haben den„ Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie" von einst in den Schatten gestellt mit dem Erfolg, daß keine sozialistische Mehrheit für die Nationalversammlung zustande gekommen ist. Die Spartakusherrschaft in Berlin, so fura sie auch gewesen ist, und die gleichartigen Vorgänge im Reich haben genügt, um den Rechtsparteien Mandate zuzutreiben. Bei Spartakus muß das deutsche Volk die Ursache suchen, wenn die gegenrevolutionären Hoffnungen der Alldeutschen wieder ins Kraut schieBen. Die Errungenschaften der Revolution geben sie vor zu retten, und der Gegenrevolution sind sie die Wegbereiter. In Berlin wurde jeden politisch anständig Kämpfenden die Arbeit verleidet, und so ging auch ich mißgestimmt von hier, um in Westfalen zu neuer Zuversicht zu gelangen. Am 8. Januar sollte der Auszug vor sich gehen, aber der Straßenbahnerstreik schnitt unseren Vorort anderthalb Tage von den Fernbahnhöfen ab, und mein rechter Fuß streifte mit ich fonnte nicht zum Bahnhof laufen. Am 9. abends sollte es gelingen, bis zum Potsdamer Bahnhof, dem einzigen, der nicht besetzt war, zu kommen. Es fuhr ein Zug, und durch das liebenswürdige Zusammenrücken oder besser-drücken der jungen Soldaten bekam ich sogar noch einen Sitzplatz. Unser Zug hielt noch in der Halle, als an der einen Seite des Bahnhofs die Schießerei schon begann; aber mit zwanzig Minuten Verspätung fuhren wir doch hinaus. Meine Mitreifenden waren froh; sie erklärten übereinstimmend:„ Die Berliner sind verrückt", und so wenig angenehm mir dies Urteil war, ich mußte es in der Folgezeit noch oft hören. Ich dachte in Sorge an mein Kind, an den kaum aus dem Felde heimgekehrten Mann, denn wie ernst die Lage in Berlin war, hatte ich erst in den letzten paar Stunden voll erfaßt. Die nächtliche Fahrt verging so gut wie möglich. Zwei der jungen Soldaten hatten noch in der vorletzten Nacht und am Vormittag des letzten Tages in der Pionierfaserne mitge kämpft und hatten am Nachmittag ihre Entlassung in die Heimat erhalten. Zwillingsbrüder waren es; fünf waren im Krieg gewesen, zwei waren draußen geblieben, der dritte war frank heimgekehrt. Aber sie, die beiden Jüngsten, wollten leben- leben in der Heimat!„ Mutter weiß nichts, wird die sich freuen! Immer hat sie geschrieben, wenn ich bloß meine beiden Zwillinge wieder kriege. Und die beiden Schwestern werden glücklich sein und der Vater." Nun kamen sie wieder. Beide voll Grauen über den zuletzt erlebten Bruderkampf und voll übersprudelnden Glücks, daß sie lebten. Und lustig wie Schulbuben erzählten sie mir, was die Mutter nun alles fochen würde. sie hätten eine Wirtschaft auf dem Lande, da hätte Mutter schon noch alles zum Kochen. Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplatz 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. Der Tag lag noch im Zwielicht über Dortmund, und es war, als ob mir durch die feuchte, fröstelnde Frühe die nervös gespannte Stimmung Berlins entgegenschlage. Die Genossen und Genossinnen waren sämtlich überladen mit Arbeit. Die Zeit für die technischen Wahlvorbereitungen war furz, und nur wenn jeder einzelne in dem großen Bezirk seine Pflicht tat bis zum äußersten, war der Erfolg gesichert. Die Versammlungen waren fast alle überfüllt, und es fanden im Ruhrgebiet in der letzten Woche vor der Nationalversammlung fast in jedem Orte täglich Versammlungen statt, manchmal sogar zwei an einem Tage. Viereinviertel Kriegsjahre haben die Menschen politisch wach gemacht, besonders die Frauen. Der Arbeitseifer unserer Genossinnen in der Kleinarbeit verdiente in allen Teilen des Reiches Nachahmung. In Hörde brachten sie es fertig, für eine eingeschobene Nachmittagsversammlung an demselben Tage eine solche Propaganda zu entfalten, daß der große Saal dichtgedrängt voll Menschen war. Die Arbeit für alle Redner war bei der Menge der Versammlungen und bei den großen Sälen äußerst anstrengend, aber seelisch bedeutete sie dennoch eine Entspannung für den von Berlin Kommenden. Der unſelige Bruderkampf hatte keinen Boden, so lehnte zum Beispiel im ganzen Bochumer Bezirk die Arbeiterschaft, vor allem die Frauen, die Spartakusbewegung vollkommen ab, wie sich überhaupt diese ganze Bewegung nur über mehrere Großstädte und Industrieplätze erstreckt und von hier aus mit bemerkenswerter Entschlossenheit das übrige Deutschland terrorisiert. Unser Hauptgegner in Westfalen ist das Zentrum. Dies hat nun freilich mit allen nur erdenklichen Mitteln gegen unsere Partei gearbeitet. Das Hochamt und der Beichtstuhl sind der politischen Propaganda dienstbar gemacht worden. Kinder sind aufgefordert worden, für gute Zentrumswahlen gemeinsame Gebete zu verrichten. Die Frauen wurden( besonders in den kleineren Orten des Sauerlandes) von den Pastoren vor dem Besuch unserer Versammlungen gewarnt; dennoch kamen sie in Scharen. Und die Mehrzahl dieser hellgesichtigen frischen Frauen steht zu uns, ebenso wie ihre aus dem Kriege heimgekehrten Männer. Aber die Frauen haben die Furcht vor dem Priester noch nicht überwunden; die Zeit wird hier unsere Früchte zum Reifen bringen. Das Interesse an den Nationalwahlen war überall ungeheuer groß; überall auf den Straßen, in den Eisenbahnwagen bildete nichts anderes das Gesprächsthema. Mit einem alten Bauern fuhren wir im Zuge von Lippstadt aufwärts ins Sauerland. Aufmerksam verfolgte er die Gespräche, ohne sich einzumischen, und als sich unvermutet ein Genosse an ihn richtete mit der Frage, wen er wählen würde, ging eine Blutwelle über das alte freundliche Gesicht, und er zuckte mit den Schultern. Zentrum? frägt der Genosse weiter. Nein, ist die Antwort.„ Na, dann also Sozialdemokrat?" Wieder ein Schulterzucken, und nach einem Augenblick bedächtig: Wohl gar nicht, die Jungens wählen rot, die waren im Krieg." Wieviel Jungens er habe? Da geht ein Zittern 74 Die Gleichheit über das Gesicht, durch die ganze Gestalt. Sechs waren's, drei sind gefallen. Der Bug hält, der alte Bauer muß aussteigen, und da sagt er noch:" Rot? Ich kann nicht, aber Zentrum wähle ich auch nicht wieder, ich wähle gar nicht." In einem Versammlungslokal, einer Klosterschule, sind alle Siggelegenheiten entfernt. Schulter an Schulter stehen Frauen und Männer, um zum erstenmal eine Frau in ihrem Städtchen sprechen zu hören. Und dicht an meiner Seite steht eine alte Frau mit leuchtenden Augen, sie ist begeistert von unseren Idealen, von der ganzen Zeit, die ihr auch ein Recht im Staate gab. Andacht überkommt mich vor diesen reinen, begeisterten Blicken, und von mir springt dies Gefühl auf die Versammlung über. So stehen sie lauschend anderthalb Stunden. Sie wollen sozialistisch wählen, aber sie wollen auch mitarbeiten; sie wollen trotz Priester und Bann dem Wahlverein beitreten. Und mit jungen Mädchen fahre ich zusammen, die in Schraubenfabriken und Hufeisenschmieden arbeiten. Sie sind blaß, abgearbeitet und bilden einen seltsamen Kontrast zu den rotwangigen, frischen Frauen und Mädchen der übrigen Bevölkerung des Sauer- und Siegerlandes. Wir sprechen über die Entlohnung für die schwere Arbeit: die Stunde 1 Mark. ,, Es werden schon überall die Frauen entlassen und die heimfehrenden Kriegsteilnehmer eingestellt," erzählt mir ein junges Mädchen mit einem sehr flugen bleichen Gesicht, aber wir haben noch unsere Arbeit in der Schraubenfabrik." Auf meine Frage, wie das käme, antwortet sie, daß die Männer nicht zu den Löhnen arbeiten würden, die ihnen gezahlt werden, sie müßte aber die Arbeit tun, solange es ginge, die Eltern brauchten den Verdienst. Als ich nach dem Alter fragte, erhielt ich die Antwort: Bald siebzehn Jahre." Von den Flugschriften und Broschüren, die ich ihr gebe, liest sie die Titel, sieht mich erstaunt und freundlich an, und mit warmem Händedruck scheiden wir. Unsere Namen kennen wir nicht, aber ich weiß, daß hier eine zielflare Genossin und eine feine Frau im harten Stampf ums tägliche Brot heranreift. Noch herrscht im Westen das Zentrum, aber seine Macht ist im Schwinden. Die Frauen machen sich frei von dem Gewissenszwang, um den Menschheitsidealen zu dienen. Sind aber die Mütter der kommenden Generationen freie Menschen, wer will uns dann noch widerstehen?" Klara Bohm- Schuch. Die Liebe. Julius Zerfaß. Vor allem sei der Kampf; aber über allem sei die Liebe! Bisher war die Frau des Mannes Weib; nun sei sie mehr: Genossin! Bisher war der Mann Gatte und Führer; nun sei er mehr: Genosse! Die wahre Ehe, die wahre Liebe sei Lebensgenossenschaft. Leben ist Kampf; vor allem sei der Kampf. Jeder Blick suche seinen Weg, aber Genossin sei die Liebe. Die Liebe blühe zwischen allen Wegen; zwischen allen Wegen sei der Blick eins. Denn auf allen Fluren blüht Schönheit. Über den Fluren jubelt die Liebe. Ihr höret eure Herzen klopfen bei Arbeit und Rast, im Tanz und in der Sorge, im Dulden und in der Freude, in Lust und Leid. Aber der Liebe Herzklopfen ist der Stundenschlag neuer Schöpfung, schöpferisch kosmischen Glücks. Am Wege schreitet die Liebe.... Mann und Weib; Genosse und Genossin. Am Ziele liegt die Zukunft: der Sozialismus. Nr. 10 Die Frau und die deutsche Scholle. Die geistige Knechtschaft für uns Frauen ist zu Ende. Num gilt es, mit allen Kräften am Aufbau eines neuen Deutschland tätig mitzuhelfen. Die neuen Rechte, die uns die Revolution gebracht hat, verdoppeln unseren Pflichtenkreis; denn das Stimmrecht, das wir erhalten haben, soll nicht etwa nur dazu dienen, daß sich durch unsere Teilnahme an der Wahl die Wählerzahl der politischen Partei verdoppelt, sondern unser Stimmrecht und unsere Wahlfähigkeit muß vor allen Dingen auch dazu helfen, unsere besondere Frauenfähigkeit zur Geltung zu bringen. Wir müssen uns bewußt sein, daß wir für alles, das jetzt und in Zukunft geschieht, auch die Verantwortung mitzutragen haben. Nur durch Selbstverantwortung öffnet sich auch für uns Frauen der Weg zur Freiheit. Das Ziel unserer Freiheit wurzelt in gesunden Lebensbedingungen, ohne sie bleibt alles fümmerlich. Das Jdeal gefunder Lebensbedingungen ist ein Heim in Luft und Sonne, ein Garten oder ein Stück Ackerland, wo wir all das, was uns freut und nährt, säen, pflanzen und ernten können. Es wird sich ein Eigenheimt nicht von heute auf morgen und auch nicht für alle verwirklichen lassen. Aber es wollen ja auch nicht alle Menschen die Großstadt verlassen und deren Reizmittel entbehren. Aber gar manche von uns sehnen sich fort aus der Unruhe und dem Lärm der Großstadt und möchten gern draußen in der Natur ein neues Leben beginnen; deneit müssen wir dazu verhelfen. Da die Mitarbeit der Frauen in der Gesetzgebung und Verwaltung durch das Wahlrecht gesichert ist, müssen wir sorgen, daß das Wohnungselend und die Ernährungsschwierigkeiten schleunigst durch Abwanderung aufs Land gemildert werden. Wer Landarbeit versteht oder erlernen will, wird draußen ein viel gesünderes und besseres Fortkommen für sich und seine Familie finden als in der Stadt. Die Landwirtschaft kann noch ungezählte Arbeitskräfte beschäftigen, und das Land bedarf vieler Arbeit, ehe es den Höhepunkt seiner Ertragsfähigkeit erreicht. Unzählige Hektar Moorboden können und müssen für unsere Ernährung aufgeschlossen und mußbar gemacht werden, wenn wir gesündere Lebensbedingungen haben wollen. Die Verpachtung der„ königlichen" Domänen, die seither meist zu einem Spottpreis von etwa 10 Mt. für den Morgen an die Großagrarier erfolgte, darf nicht weiter verlängert werden, sondern diejenigen Domänen, deren Pachtvertrag jetzt abläuft, müssen sofort in Staatsverwaltung genommen wer den. In den Gebäuden dieser Domänen können ohne Schwierigkeiten für zehn bis zwanzig Familien gesunde Ein- und Zweizimmerwohnungen schnell eingerichtet werden. Man gebe auch von diesem Staatsbesitz sogleich fleine Parzellen von einigen Morgen Größe an geeignete Familien, die Landarbeit verstehen und die sich auf dem Lande seßhaft machen wollen, in Erbpacht ab und fördere den Kleinsiedlungsbau durch Bauzuschüsse. Dem Landwirtschaftsministerium ist ein Siedlungsamt anzugliedern, wo alle Siedlungsarbeit zentralisiert wird. Wenn das neu eingerichtete Arbeitsvermittlungsamt des Landwirtschaftsministeriums denjenigen Arbeitslosen, die von der Großstadt zur Landarbeit hinausgehen, auch ein bis zwei Morgen Dienstland sichern und sie bei der späteren Ausgabe von Erbpachtland zuerst berücksichtigen würde, dann fänden sicher viel mehr Menschen und viel schneller den Weg aufs Land. Zur Vermehrung der Produktion tragen hohe Geldlöhne allein nicht bei, wenn man aber jeder Landarbeiterfamilie ein bis zwei Morgen Freiland zur eigenen Bewirtschaftung gibt, so wird dadurch zu einer vermehrten Produktion und zu besserer Ernährung wesentlich beigetragen. Wir Frauen finden draußen auf dem Land auch viel bessere und gesündere Betätigung als in der Stadt. Und unsere schwächlichen Kinder werden sich draußen auch gesünder entwickeln als in der engen Großstadt. Die konstitutionelle Schwäche im Kindesalter ist nun und nimmer durch einen Ferienaufenthalt auf dem Lande zu beseitigen, sondern nur Nr. 10 Die Gleichheit durch Verpflanzung der Kinder in ländliche Umgebung. Wenn auch die Wohnverhältnisse vorerst auf dem Lande noch ungenügende sind, so wird aber doch durch Luft und Sonne und durch die Tätigkeit im Freien ein sehr guter Ausgleich hergestellt. Und auf dem Lande werden die Kleinsiedlungsbauten um so schneller vorwärts getrieben werden, je mehr Landarbeiter draußen sind. Wir Frauen müssen darum alle mithelfen, daß die Wohnungs- und Ernährungsnot bald beseitigt wird. Jede von uns tann und muß einen Teil dazu beitragen, die eine, indem sie mit ihrer Familie selbst aufs Land hinaus zur Landarbeit zieht, die andere, indem sie für Aufklärung sorgt und Wege dazu ebnet. M. Friedel Schneider. Das Frauenwahlrecht rettet das Zentrum. 0 Trotz der strengen Wahrung des Wahlgeheimnisses verdanken wir einem glücklichen Zufall die Möglichkeit, dem Zentrum nachzuweisen, daß seine Stimmen zu zwei Dritteln von Frauen und nur zu einem Drittel von Männern herrühren. In Köln Mülheim sind zur Milderung des Andrangs die Abstimmungslisten geteilt worden, so daß sowohl bei den Reichs- wie bei den preußischen Landeswahlen Männer und Frauen getrennt gewählt haben. Es stimmten bei den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung am 19. Januar für: Zentrum 3556 Männer 6091 Frauen 6744 6488 Sozialdemokratie Bei den preußischen Landeswahlen am 26. Januar für: Zentrum 3579 Männer 6838 9 5636 Frauen 5545 Sozialdemokratie Bei der ersteren Wahl waren also bei den insgesamt 9647 Stimmen des Zentrums 6091 Frauenstimmen, bei der zweiten Wahl bei 9215 Zentrumsstimmen 5636 von Frauen. Wie fich leicht nachrechnen läßt, stellten in beiden Fällen die Frauen mehr als drei Fünftel der Zentrumsstimmen. Bei reinen Männerwahlen würde also Feuilleton Wer ist ein unbrauchbarer Mann? Der nicht befehlen und nicht gehorchen kann. Es ist ein Kind. Bon Werner Peter Larsen( München). Goethe. it der Bengel schon wieder da!" rief Ottis Mama, indem sie mit einem Saße aus dem Bette sprang.„ Es ist, um auf die Bäume zu klettern! Raum hat man ihn zur Ruhe gefriegt, da geht's von neuem lo3!" Ihre weiße, gespenstische Gestalt tastete sich am Waschtisch entlang zu Dttis Bett, und eine Weile hörte man hinter den Vorhängen schelten und murren. ,, Ein Schreihals bist du... ja! Eine Landplage, ein Vielfraẞ ach, und die Kissen! Nein, das ist ja, bei Gott, nicht mehr auszuhalten! Wo soll ich denn bloß all die Wäsche hernehmen...?!" Ein Knäuel Windeln und Laken schlug flatschend auf den Fußboden auf. " , Eduard! Mann! Wo sind die Streichhölzer? Hörst du denn nicht?" Aus der Tiefe des Zimmers stieg ein verworrenes Gemurmel auf, aus dem man alles entnehmen konnte, ausgenommen das eine: we in dieser Nacht die Streichhölzer waren. ,, Das hält ja fein Pferd aus!" jammerte Mama.„ Da schlägt man sich jede Nacht, die Gott werden läßt, um die Dhren. Das vierte Mal bin ich jetzt auf! Still, du Plagegeist! Tsch tschtsch! Prügel mußt du haben!" 75 das Zentrum einen gewaltigen Stimmenrückgang gehabt haben, während die Sozialdemokratie trop erfreulich hoher Frauenstimmenzahl von dem neuen Frauenwahlrecht Schaden gehabt hat. Diesmal noch! Denn kein Zweifel: erst mußten die Frauen einmal ins Wasser hineingelassen werden, um schwimmen lernen zu können. Die nunmehrige politische Gleichberechtigung wird zur Folge haben, daß das bisher vielfach nur platonische Interesse der Frauen für politische Dinge in eine lebhafte Beobachtung und Prüfung der Vorgänge in Reich, Staat und Gemeinde sich umwandelt. Bei der ganzen Veranlagung unserer Frauen wird sich alsbald eine weithin erkennbare politische Schulung und Radikalisierung der weiblichen Wähler und damit eine Massenflucht aus den Reihen der volksfeindlichen Parteien bemerkbar machen müssen. Dann wird das Frauenwahlrecht dem innerlich völlig reaktionären Zentrum zum Verderben gereichen. Unsere Freundinnen in den Herrschaftsgebieten des Zentrums haben jetzt eine doppelt dankbare Aufgabe vor sich. r. K. Zentrum und Frauenrechte. Die„ Germania". das Hauptblatt des Zentrums, schreibt in Nr. 43: Die Befürchtungen ängstlicher Gemüter haben sich nicht erfüllt; die Frauen haben sich der ihnen gestellten Aufgabe gewachsen gezeigt und vor allem bei der Vorbereitung der Wahlen einen Eifer an den Tag gelegt, der geradezu vorbildlich war.... Das Zentrum wird den Frauen für ihre Mühewaltung und ihre hingebende Treue Dant wissen, und von keiner Partei wird es sich in der Wahrung der Rechte der Frauen übertreffen lassen. Die Frauen sind als mit den Männern völlig gleichberechtigte Faftoren in das politische Leben eingetreten, und in unserer christlichen Volkspartei wird es als Ehrenpflicht gelten, die volle Gleichberechtigung der Frauen auch überall hochzuhalten und zu vertreten." Diese Versprechungen sind zu schwülstig, um chrlich sein zu fönnen. Noch am 6. Juli 1917 erklärte der Zentrumsabgeordnete Becker( Arnsberg) im Namen seiner Partei im ReichsDas übrige ging in bitterem Schluchzen unter. Es war ein seltsames Terzett. Papa schnarchte, daß das Haus wackelte, Mama weinte still vor sich hin, und Dtti schrie mit weitaufgeriffenem Munde, als ob er am Spieße stede. „ Ein Kindermädchen will ich haben!" rief Mama in einer plöglichen Aufwallung von Energie.„ Morgen nehme ich ein Kindermädchen! Morgen noch! Wie gerädert ist man! Tschtsch! Das vierte Mal!..." Sie seufzte tief auf und begann ihre allnächtliche Fußwanderung durch das Zimmer, die reichlich der Entfernung BerlinPotsdam entsprach und erst bei Morgengrauen ihren Abschluß fand. Am nächsten Tage kam das Kindermädchen. Mit einer Art sagenhaften Truhe, auf die sämtliche Tiere der Arche Noahs gemalt waren, und einem Familienregenschirm aus der Zeit Karls des Großen. Minna hieß sie. Und war von da oben her, wo Deutschland aufhört, und Polen noch nicht anfängt, wo die Leute mit den furiosen Namen wohnen, die man, wie niesen kann. Heine mal meinte, mur Daß sie einen solchen Niesnamen hatte, war ihr einziger Fehler. Im übrigen erwies sie sich als gutes Mädchen. Ließ sich willig in sämtliche Otti betreffenden Verrichtungen einführen, schien alles, was sie nicht verstand, zu verstehen, und war, wenn sie ihrem Pflegebefohlenen auch manchmal das Wickelband statt um den Leib um die Dhren schlug, doch bei Licht besehen ein recht schäzenswertes Mitglied der Gesellschaft. Der erste Tag ihres Dienstes ging seinem Ende entgegen. Mama frohlockte, Papa triumphierte. Endlich würde man Ruhe finden, schlafen können! Endlich war man den Schreihals los! In die entlegenste Gegend der Wohnung, die mur durch einen Korridor mit den übrigen Räumen verbunden war, hatten sie Dtti und Minna verbannt. 76 Die Gleichheit tag:„ Das Frauenwahlrecht lehnen wir ab, entsprechend unserer alten Anschauung, wonach es unzweckmäßig ist, die Frau in das politische Leben hineinzuziehen. Die christlichnationale Arbeiterschaft( Zentrumsgewerkschaften) hat sich noch fürzlich gegen das Wahlrecht der Frauen ausgesprochen." Das Zentrum will sich angeblich von keiner Partei" in der Wahrung der Frauenrechte übertreffen lassen. Am 6. Juli 1918 veröffentlichte der Reichsausschuß der deutschen Zentrumspartei die neuen„ Richtlinien für die Zentrumspolitik". In diesem ganzen Programm kommt das Wort„ Frau" überhaupt nicht vor, und von Frauenrechten ist darin mit keinem einzigen Worte die Rede. In dem neuesten Zentrumsprogramm, veröffentlicht Anfang Januar 1919, also nur ein halbes Jahr später, erkennt die Zentrumspartei, durch die Revolution gezwungen, die politische Gleichberechtigung der Frau genau wie die anderen demokratischen Errungenschaften als wider ihren Willen hereingebrochene historische Ereignisse endlich heuchlerisch an. r. R. Fürsorgearbeit für werdende Mütter als Aufgabe der Gemeindeverwaltung. Der Wunsch nach Volksvermehrung steht nicht immer im Einklang mit der Fürsorge für die Mutter, die Trägerin des Volfszuwachses ist. Dieser Widerspruch mag von denen, die Mütter werden sollen, am härtesten empfunden werden. Er findet aber auch Verständnis bei allen sozial gesinnten Menschen und wird, lebendig gehalten durch die Notlage der Mütter, sich seinen Weg bahnen und Schritt um Schritt sich seinen Platz erobern müssen. Eine eingreifende Veränderung in der Fürsorgearbeit für werdende Mütter kann aber nur da stattfinden, wo die Gemeinde- oder Stadtverwaltung die Sorge für die werdenden Mütter selber in die Hand nimmt. So hat zum Beispiel die Stadt Berlin vor kurzem sich eine Schwangerenfürsorge geschaffen, die bestimmt sein wird, vorbildlich für andere Städte zu sein. Der Plan dieser Fürsorge ist vom Leiter des Vormundschaftsamtes, Magistratsrat Dr. Schönberner, ausge= arbeitet. Es ist Fürsorgearbeit besonders für ledige Mütter, aber es wird nur eine Frage der Zeit sein, daß es Fürsorgearbeit für alle,„ die Mütter werden", sein wird. Es wurde zehn, es wurde elf, es wurde zwölf. Mama / horchte vergeblich. Kein Laut ertönte. Dagerade als sie gerade als sie im ersten Schlummer lag drang eine Stimme herüber, schrill und gellend wie eine Dampfpfeife, die mit jedem Augenblick zunahm an Kraft und Bosheit:„ Ah!... Ah... äh! Яh... äh... äh..." Und dann langsame, tappende Schritte, die mit der Genauigfeit eines Uhrpendels einander folgten, begleitet von leisem, beschwichtigendem Summen. „ Eichen, Po- pei- chen..." Minna debütierte. Dtti aber brüllte wie der Löwe im Buche der Richter, und zuveilen schien es, als habe er sich gegen alles, was Schlaf heißt, verschworen und sei nun eifrigst bemüht, um Gottes willen niemand ein Auge schließen zu lassen. Mama schloß beide. Und schlief den Schlaf, den man den des Gerechten nennt, während Minna mit Dtti summend und brummend von Berlin gen Potsdam zog. Gegen Morgen aber, als ihre Schritte leiser und müder wurden, erwachte Papa. Er fuhr steil im Bett hoch, kraute sich hinter dem Dhr und schüttelte den Kopf. ,, Martha?"... Keine Antwort. Nr. 10 Es ist bemerkenswert, daß man in Berlin, von der ledigen Mutter ausgehend, eine geregelte Fürsorge für die werdenden Mütter ge schaffen hat, und sicher ein Zeichen unserer Zeit, das für sich allein spricht. Aber nicht nur die ledige Mutter und ihr Kind bedarf des Schutzes, sondern wohl in gleichem Maße die verheiratete Frau. Sie ist nicht wie in früherer Zeit in ihrem eigenen Hause geborgen und umsorgt, geschützt und gepflegt, sondern muß weit mehr wie vordem gewerbliche Arbeit leisten und muß oft bis zum legten in der Fabrik oder Werkstatt tätig sein, um für sich und die Kinder ausreichend sorgen zu können. Die schwere Arbeit jedoch zeitigte viel mehr Unterleibsleiden, die Nahrungsverhältnisse brachten Entfräftung mit sich. Tausende von Frauen, die Mütter werden, empfinden das an ihrem eigenen Körper. Sie haben aber nicht immer den Mut, und sie kennen nicht immer die Wege, die zur Selbsthilfe führen. Groß aber ist die Gefahr, wenn nicht zur rechten Zeit der Frau Hilfe wird. Es ist verschwendete Lebenskraft, wenn eine Frau eine Fehlgeburt durchmachen muß. Und wie oft steht ihr eigenes Leben dabei auf dem Spiele! Gesunde und starke Mütter aber sind Deutschlands kostbares Gut. Es ist daher mit besonderer Freude zu begrüßen, wenn eine Gemeindeverwaltung die Fürsorgearbeit für die werdenden Mütter der Gemeinde selber in die Hand nimmt. Für fleinere Gemeinden empfiehlt es sich, die Fürsorge für die werdenden Mütter in eine Hand zu legen. In vorhandenen Räumen der Gemeinde ließen sich in den Abendstunden Sprechstunden für die Mütter abhalten. An einigen Abenden im Monat müßte ein Frauenarzt anschließend an die Sprechstunde poliklinische Behandlung, also Untersuchung der betreffenden Mütter übernehmen. Es wäre zu wünschen, daß die Frau, der man die Sprechstunde der Schwangerenfürsorge anvertraut, auch bei den Untersuchungen des Arztes zutgegen sein könnte oder wenigstens mit dem Arzt in Verbindung steht und von ihm in die Gesundheitsverhältnisse der betreffenden Frau eingeweiht wird. Gehen Arzt und Fürsorgende gemeinsamt vor, kann etwas erreicht werden. Aber mit Sprechstundenabhalten wird die Tätigkeit der mit der Fürsorge Betrauten nicht erledigt sein, sondern sie wird vielmehr erst dann beginnen. Die Fürsorge wird sich auf das Haus der werdenden Mutter übertragen. Durch Hausbesuche und dadurch erhaltener genauer Kenntnis der Familienverhältnisse gewinnt man erst in Wirklichkeit ein Bild von der Lage, in der die Schwangere sich befindet, und erst dann kann man zur Hilfe schreiten. Wie weit diese möglich ist, muß sich zeigen; für jeden Fall wird sie verschieden einzusehen haben. Bald werden Kinder " Ich werde ihn doch mal verhauen," fragte Papa nach eine Weile des Nachdenkens.„ Das geht so nicht. Und dann überhaupt: Kinder und junge Budel..." „ Na..." Mama wurde mit einemmal lebendig.„ Das fehlte ja bloß noch! Otti hauen! Das Stind!" Sie stützte den weißen, schlanken Ellbogen auf das Kissen und sah ihn verweisend an. " Die Grundregel jeder Erziehung: nie schlagen! Schlagen ist roh. Und Kinder müssen schreien. Alle, wie sie gebacken find! Im Schlafen kann dich das nicht stören, denn es liegen drei Zimmer dazwischen. Was willst du also? Die Minna ist doch bei ihm. Laß ihn sich nur ausschreien!" Sie hüllte sich fester in die blauseidene Decke und lächelte vor sich hin. So sanft, so milde. Da schwieg Papa. „ Es ist doch ein Kind..." 1 Draußen. ast jeden Tag mußte ich an ihrem Hause vorbei. Und jedesmal wurde ich aufs neue von der klassischen Schönheit ihres Gesichtes überrascht. Durch einen kleinen Dienst, den ich ihr erwies, wurden wir bekannt. Wir plauderten oft " Hör mal... Martha!" Er tippte sie mit dem Zeigfinger miteinander. Doch wenn ich mit ihr scherzte, sagte sie wohl: auf die Schulter.„ Martha!" „ Hm?" " Der Junge träht schon wieder!" Mama öffnete langsam ein Auge und blinzelte ihn über das Kissen hinweg an. „ Kräht? Na, so laß ihn doch. Minna ist ja bei ihm." Minna! Das geht doch aber schon stundenlang!" " Hm..." Mama schien eigentlich schlafen zu wollen. " Ich bin nicht wie die anderen, Herr!" Und oft seufzte sie: ,, Es ist nicht leicht in dieser Kriegszeit für ein Weib!" Dder fie erzählte von der Zeit, als der Feind noch in der Stadt war. Wie ein Soldat, der in ihrer Stammer schlief, sich heimlich nachts zu ihrem Bette schlich. Und wie sie sich nur mühsam seiner erwehren konnte. - halb reizte es mich, zu Ich weiß nicht, wie es fam wissen, ob sie so rein wie ihre Worte war. Halb dachte ich Nr. 10 Die Gleichheit gut unterzubringen sein, bald wird eine Zuhilfe an Nahrung beschafft werden müssen( Freifarten für Speisungen, Zuwendung von Lebensmitteln oder Milch), bald wird eine Arbeitsvermittlung, bald eine Wohnungsänderung oder dergleichen nötig sein. Es gibt da eine Fülle der Möglichkeiten, auch ohne auf große Unterstützung von seiten der Gemeinde in bezug auf Geld zu rechnen. Geld tut es hier nicht, wenn auch ganz ohne Kosten eine Schwangerenfürsorge sich nicht einrichten läßt. Aber Geld darf niemals die Hauptsache sein. Die wichtigste Hilfe soll in dem persönlichen Verkehr zwischen der Schwangeren und der Fürsorgenden beruhen, der wiederum durch das erweckte Vertrauen der werdenden Mutter den oftmals gescheuten Weg zum Arzt erleichtert. Wie weit sich diese Fürsorgearbeit erstreckt, wird immer persönliche Arbeit der Fürsorgenden sein. Sie kann, wo Zeit und Kraft es erlaubt, ein weites, fast unbegrenztes Gebiet werden. Es ist warme Frauenarbeit, die hier von den Gemeinde- oder Stadtverwaltungen gefordert wird. Sie ist, wie wenige Arbeit in der Gemeinde sonst, geeignet, eine Quelle von segenspendender Kraft zu werden. Lotte Möller, Weißensee- Berlin. Die weiblichen Abgeordneten. A. In der deutschen Nationalversammlung. Sozialdemokraten: 1. Ostpreußen: Wilhelmine Kähler, Schriftstellerin, Berlin. 2. Westpreußen: Anna Simon, Sekretärin des Textilarbeiterverbandes, Brandenburg a. d. H. 4. Potsdam 1-9: Marie Juchacz, Mitglied des sozialdemokratischen Parteivorstandes, Berlin. 5. Potsdam 10( früher Teltow- Beeskow- Charlottenburg): Elfriede Ryned, Leiterin der Groß- Berliner Frauenbewegung. 7. Provinz Pommern: Else Höfs, Stettin. 8. Provinz Posen: Wird voraussichtlich Gertrud Lodahl, Köpenid, an die Stelle des zurücktretenden Genossen Stössel treten, der auch in die preußische Nationalversammlung gewählt ist. 10. Reg.- Bez. Oppeln: Frieda Haufe in Kattowiz. 12. Reg.- Bez. Magdeburg und Anhalt: Minna Bollmann, Halberstadt. 14. Prov. Schleswig- Holstein und das zu Oldenburg gehörige Fürstentum Lübeck: Luise Schröder aus Altona. 16. Reg.- Bez. Hannover, Hildesheim und Lüneburg sowie Braunschweig: Fürsorgerin Frieda Lührs, Hannover. daran, daß bald ein Jahr vergangen, da ich mit einem Frauenmund gekost. Ich weiß nicht, wie es fam: ich füßte sie. Und ihre Küsse waren heiß und schwer und lockten- lockten nach viel mehr.... Da wußte ich, daß ihre Worte gelogen. Da bin ich still meines Weges gezogen. Bin niemals wieder zu ihr gegangen. * Ruhig schwebt der Fesselballon in der sommerklaren Luft. Kein Schuß fällt weit und breit. Man vergißt, daß es Krieg ist, daß dort oben ein Augenpaar Stunde um Stunde unermüdlich zum Feinde äugt. Ich weiß nichts vom Kriege. Nichts von jenem Manne, fast tausend Meter über mir. Ich size am Grabenrand und schreibe einer Frau. Von meiner Sehnsucht schreibe ich und vom Frieden. Da plötzlich kleine, weiße Wölkchen über dem Ballon. Hastig starrt alles nach oben. Und mun sehe ich hoch im Ätherblau einen feindlichen Flieger. Zwei-, dreitausend Meter über dem Ballon zieht er seine Kreise, unbekümmert um die unter ihm plaßenden Schrapnelle. Vorbei ist alles Träumen vom Frieden. Der Krieg hält mich hält uns alle wieder in seinem Banne. Atemlos schauen wir nach oben. Sekunden höchster Spannung, in der wir den Angriff auf den Ballon erwarten. Doch nichts geschieht. Als wollte er uns nur narren, zieht der große, blizende Vogel ruhig davon. Ich blicke wieder auf das Papier auf meinen Knien. Aber die Stimmung ist verflogen. Groß und stolz waren meine Schriftzüge. Nun kommen sie klein und unscheinbar aus meiner Feder. Gleichsam als wollten die Buchstaben in sich zusammenfriechenso wie der Mensch in mir in sich zusammenkriecht vor allem, was das eine Wort gebärt: Krieg. * 77 18. Reg.- Bez. Arnsberg: Klara Bohm- Schuch, Briß bei Berlin. 19. Prov. Hessen- Nassau: Johanna Tesch, Frankfurt a. M. 20. Reg.- Bez. Köln, Aachen: Elisabeth Röhl, Köln. 24. Oberbayern u. Schwaben: Volksschullehrerin Toni Bfülf, München. 28.( Sachsen 1-9): Ernstine Luze, Dresden- Neustadt. 30.( Sachsen 15-23): Minna Schilling, Döbeln. 31/32. Württemberg: Anna Blos, Schriftstellerin, Stuttgart. 36.( Thüringische Staaten): Minna Eichler, Eisenberg, Sachs.- Anhalt. 37. Hamburg, Bremen u. Reg.- Reg. Stade: Johanna Reize, Hamburg. Unabhängige sozialdemokratische Partei: 3. Stadt Berlin: Luise Zieß. 22. Düsseldorf 1-5: Lore Agnes, Düsseldorf. Deutsche Demokratische Partei: 1. Ostpreußen: Frau Elisabeth Brönner, Schriftleiterin, Königsberg. 2. Westpreußen: Katharina Kloß, Schulvorsteherin, Danzig. 8. Prov. Posen: Elise Effe, Mittelschullehrerin, Posen. 14. Prov. Schleswig- Holstein: Dr. phil. Marie Baum, Leiterin der sozialen Frauenschule, Hamburg. 36. Thüringische Staaten: Frl. Dr. Gertr. Bäumer, Hamburg; ist noch einmal gewählt für den Wahlkreis 37: Hamburg, Bremen. Deutsche Voltspartei: Keine Frauen. Christliche Boltspartei( Zentrum): 18. Reg.- Bez. Arnsberg: Frau Agnes Neuhaus, Dortmund. 21. Reg.- Bez. Koblenz, Trier: Frl. Oberlehrerin Schmitz, Aachen. 22. Düsseldorf 1-5: Helene Weber, Oberlehrerin, Elberfeld. 23. Düsseldorf 6-12: Hedwig Dransfeld, Schriftstellerin, Vorsitzende des katholischen Frauenbundes, Werl, Westfalen. 24. Oberbayern, Schwaben: Marie Bettler, Sozialsekretärin i. München. Deutschnationale Volkspartei: 2. Prov. Westpreußen: Schriftstellerin Fel. Dr. Stäthe Schirrmacher, Danzig. 5. Potsdam 10: Frl. Anna von Gierke, Charlottenburg. 7. Prov. Pommern: Margarete Behm, Hauptvorsitzende des Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen, Zehlendorf bei Berlin. B. Für die preußische Landesversammlung. Sozialdemokraten: 1. Ostpreußen: Else Jaquett, Lehrerin, Königsberg. 2. Westpreußen: Toni Wohlgemuth, Danzig. Ziellos durchwandere ich die Straßen der Stadt. Vor einem Hause zögert mein Schritt: ich höre Klavierspiel. Stümperhaft. Aber die Töne locken verheißungsvoll. Ich kann nicht widerstehen. Rasch die Treppen hinauf. Ich klopfe an. Ein junges, hübsches Mädchen öffnet mir. Ich bitte sie um die Erlaubnis, eine halbe Stunde mufizieren zu dürfen. Es wird verwundert, aber doch gern gewährt. Nun size ich vor dem Flügel. Wie liebfosend gleiten die Finger über die Tasten. Die Töne rauschen. Nektar und Ambrosia meiner dürftenden Seele. Frohgemut setze ich meine Wanderung fort: am Nachmittag soll ich wiederkommen, wenn ich will. Db ich will! Am Nachmittag ist der Verlobte des Mädchens mit einemt Freunde da. Beide mit ihren Geigen. Wir spielen. Zuerst Beethoven. Dann das D- Moll- Konzert von Bach. Wohl mag es oft besser gespielt worden sein. Aber nie mit größerer Inbrunst. Leise singt es unter meinen Händen. Die zweite Geige setzt ein. Nun jubelt die erste auf.... Draußen donnern die Kanonen. Jch höre sie nicht. Über der Stadt surren feindliche Flieger, von unseren Abwehrgeschützen umbellt. Wir hören sie nicht. Die Welt ist für uns wir spielen Bach. versunken Kurt Heilbut. Dent an das Aug, das überwacht Noch eine Freude dir bereitet, Dent an die Hand, die manche Nacht Dein Schmerzenslager dir gebreitet. Des Herzens dent, das einzig wund Und einzig selig deinetwegen, Und dann knie nieder auf den Grund Und fleh um deiner Mutter Segen. Droste- Hülshoff. 78 3. Stadt Berlin: Gertrud Hanna, Berlin. Die Gleichheit 5. Potsdam 10: Luise Kähler, Sekretärin im Verband der Hausangestellten, Berlin. 9. Breslau: Berta Lawatsch, Breslau. 12. Magdeburg: Minna Bollmann, Halberstadt. 14. Schleswig- Holstein: Anna Moosegaard, Hadersleben. 19. Prov. Hessen- Nassau: Lina Ege, Frankfurt a. M. 20. Köln u. Aachen: Oberlehrerin Dr. Hildegard Wegscheider- Ziegler, Bonn. Unabhängige sozialdemokratische Partei: 4. Potsdam 1-9: Buchhalterin Martha Ahrendsee, Berlin. 13. Merseburg, Erfurt: Christine John, Erfurt. Deutsche Demokratische Partei: 1. Ostpreußen: Margarete Heine, Königsberg. 18. Arnsberg: Frl. Martha Dönhoff, Krengeldanz bei Witten. Deutsche Volkspartei: 1. Ostpreußen: Frau Lizentiatdirektorin Marg. Boehlmann, Tilfit. 5. Ostpreußen 10: Frau Lotte Garnich, Charlottenburg. Christliche Volkspartei( Zentrum): 10. Oppeln: Verlegersfrau Maria Feldhuß, Gleiwig. 17. Münster und Minden: Schriftstellerin Hedwig Dransfeld. 20. Köln und Aachen: Frau Heßberger, Berlin. 23. Düsseldorf 6-12: Reftorin Elisabeth Stoffels, Neuß. Deutschnationale Volkspartei: 8. Prov. Posen: Oberlehrerin Dr. phil. Spohr, Posen. Aus unserer Bewegung Frauenwählerversammlungen in Nord- Schleswig. In dem Lande, nach dem heute verlangend die Augen der Dänen schauen und dessen Einwohner mit Ungewißheit in die nächste Zukunft blicken, hielt die Sozialdemokratische Partei in den Tagen vom 1. bis 4. Ja muar vier Versammlungen ab, deren starter Besuch und deren würdiger Verlauf davon zeugten, wie sehr die Frauen den Ernst der bevorstehenden Wahlen erkannt hatten. In allen Versammlungen referierte Genossin Luise Schröder( Altona) über die von der Nationalversammlung und dem neuen Deutschland in bezug auf Lebensund Arbeitsbedingungen der Bevölkerung, insbesondere der Frauen, Der Liebe Klage. Von Charlotte Buchow. Grau spannet des Himmels weites Zelt Sich über die fiebernde zuckende Welt, Wolken schleppen die nassen Säume Bahrtücher froher Mädchenträume über verödete Dörfer und Städte, Über Paläste und über Katen. Es brauste ein Sturm über knospende Saat, Jungmannen fielen wie reifende Mahd, Lachende Jugend, der Stolz der Frauen, Verströmt' sein Blut auf Feld und Auen, Verhaucht' in qualzerrissenem Stöhnen Des Lebens und der Liebe Sehnen. Verwitwet die Gattin, einsam die Braut, Doch Blut will zu Blut und schreiet laut, Es tlagt so wild und ruft dem Gatten, Bis Echo tönt aus dem Reich der Schatten, Gespensterhaft raunt es aus den Grüften, Gierend nach ungestillten Küsten. Jm bittern Schluchzen der weheste Klang Ist das Weinen der Seelen, ergreifend bang: Jm Du nur selig, in inn'gem Vereine, Muß ich vergehn, schweif ich alleine, Bin ein verwehendes Blättchen vom Baume, Jrrend und einsam im Weltenraume. Wie der Verdammten schauriger Chor Hallt die Klage zum Himmel empor, Dort stehn bereitet mit milden Händen Die Engel Gottes, die Qual zu enden. Sie fühlen das Blut, sie heilen die Wunden Und schenken der kranken Seele Gesunden. Nr. 10 sowie bezüglich der freiheitlichen Gestaltung des politischen Lebens zu lösenden Aufgaben. In Tondern waren, obgleich die Versammlung am Neujahrstag stattfand und in der Stadt Tanz und sonstige Vergnügungen waren, zirka 350 Personen, zur größeren Hälfte Frauen, erschienen. In Husum war der Besuch ein ganz außerordentlich starker. Annähernd 1100 Personen, fast ausnahmslos Frauen, füllten den größten Saal des Drtes. In Bredstedt gestaltete sich die Versammlung insofern besonders interessant, als am Nachmittag des Tages, an dessen Abend die Versammlung der Sozialdemokratischen Partei stattfand, im gleichen Lokal die Deutsch- Nationale Volkspartei eine Wählerversammlung abgehalten hatte, in der Dr. Oberfohren aus Stiel sprach und die Demokratische Partei, besonders aber die früheren Mehrheitsparteien und die jeßige sozialistische Regierung derartig scharf angriff, daß er den Widerspruch eines großen Teiles der Versammlung hervorrief. Der Redner, der früher der Vaterlandspartei angehört hat und einer der heftigsten Striegshezer gewesen ist, hatte noch nicht soviel aus den heutigen Ereignissen gelernt, daß er es hätte unterlassen können, in die Striegsfanfare zu blasen. Da er versuchte, die Stimmen der Frauen einzufangen durch das Graulichmachen vor dem Programmpunkt der Partei„ Trennung von Staat und Kirche", so trat ihm Genossin Schröder in der Diskussion entgegen und zeigte den Frauen den wahren Sinn dieser Forderung, und warnte sie weiter davor, der„ Deutsch- Nationalen" ihre Stimmen zu geben, wenn sie nicht wollten, daß ihrem eigenen Rechte, besonders dem Frauenwahlrecht, das Grab gegraben würde. Die Versammlung endete damit, daß der Redner und die Versammlungsleiter den Saal verließen, ohne allen Diskussionsrednern Gelegenheit gegeben zu haben, dem Referenten entgegentreten zu können. Der Erfolg für uns bestand aber darin, daß ein großer Teil der Besucher der Nachmittagsversammlung des Abends in unsere Bersammlung fam, und daß infolgedessen die Versammlung in dem nur zirka 2300 Einwohner zählenden Ort von 500 Personen besucht war. Flensburg. Auch hier war ein guter Besuch zu verzeichnen: girta 800 Personen. In allen Versammlungen versuchten Redner der Demokratischen Volkspartei die Stimmen der Frauen für sich einzufangen, aber überall gelang es, den Frauen flarzumachen, daß ihre Interessen einzig und allein von der Sozialdemokratischen Partei wahrgenommen werden. Zahlreiche Frauen ließen sich in allen Versammlungen aufnehmen, so in Flensburg 75 und in Husum 46. Und Balsam träuft zur Erde hinab, Es sprießen Blumen aus jeglichem Grab, Und wo die Mütter in Hoffnung gehen, Will heldisch der Väter Geist erstehen, Der Seelen Sehnsucht wölbt sich zum Dome, Und Rosen blühen aus der Dornenkrone. Der Dichter Karl Henckell. Nie ist es mir flarer geworden, daß eine Besprechung, soll sie wahrhaft sein, auf das persönliche Empfinden gegründet sein muß, als bei Karl Hendells neuem Gedichtband„ Weltmusit". Ich hebe nochmals hervor: das persönliche Empfinden bildet die Basis, in ihm ist der geheimnisvolle Kontakt verborgen, der den Anschluß vermittelt zwischen der eigenen suchenden Seele Sehnsucht nach Be friedigung in Kraft und Schönheit und der Sprache gewordenen überströmenden Dichtersehnsucht, die Herzen sucht. Des Dichters und des Lesers Sehnen verschmilzt in den weihevollen Stunden in vollkommener Hingabe. Ich spreche die aufrichtige Hoffnung aus, daß vielen Karl Hendell kein Neuer sein möge! Das gerade soll und wird der Anlaß sein, auch zu diesem Buche zu greifen, denn so sehr wir Hendell kennen, er gibt sich immer wieder neu und immer wieder völlig. " In seiner Rezension„ Über Bürgers Gedichte" prägte Schiller den unantastbaren Sap:„ Alles, was der Dichter uns geben fann, ist seine Individualität." Der Begriff„ Individualität" hat dann später durch den Verkehr mit Goethe eine Wandlung erfahren( es kann an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen werden); wenn wir ihn durch den weit mehr sagenden Begriff Persönlichkeit" ersetzen, treffen wir das Richtige. Nur der Mensch stellt eine Persönlichkeit dar, der Herz und Verstand gleichermaßen in sich wirken und aufbauen läßt, der alle Einflüsse des Lebens, die ihn bedrohen oder locken, prüfend überblickt und sie schließlich so verwertet, daß sie ihm zu Hilfskräften werden bei der edelsten Aufgabe, die jeder einzelne von uns zu lösen hat: Mensch zu werden. Nr. 10 Die Gleichheit Desgleichen fanden sehr gute Versammlungen mit obigem Referat statt in Ütersen( anwesend zirka 1500 Personen, davon zwei Drittel Frauen), in Glüdstadt( anwesend zirka 900 Personen, 70 Neuaufnahmen), in Büsum und in Weselburen. In letzteren beiden Orten ist erst jetzt, nach der Revolution, eine Parteiorganisation gegründet worden. In diesen fleinen Orten, in denen eine Industriearbeiterschaft gar nicht besteht, waren je 600 bis 700 Personen in der Versammlung. Endlich fanden auch in Stockelsdorf und Malente start überfüllte Versammlungen( 600 bis 800 Besucher) statt. Ferner hatten wir am 2. Januar in Altona eine öffentliche Frauenversammlung, in der Genossin Reize( Hamburg) über die Wahlen sprach. Mehr als 3000 Personen füllten Kopf an Kopf den größten Saal Altonas, während Hunderte von Frauen umfehren mußten. Die Versammlung, in der eine angeregte Diskussion stattfand, nahm einen sehr guten Verlauf. Aus der bürgerlichen Frauenbewegung Die Frau im Staate. Unter diesem Titel erscheint soeben im Verlag Graphische Kunstanstalt Franz Mondrion, München, das erste Heft einer neuen Zeitschrift, die von Dr. Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann redigiert wird. Ohne Rücksicht auf herrschende Vorurteile, unabhängig von politischen Parteien oder bestehenden Frauen- und Männervereinen, bezweckt sie, das politische Leben vom Standpunkt der Forderungen und der Mitwirkung der Frau und unter dem Gesichtspunkt der Völkerverständigung zu betrachten. Bedeutende Frauen und Männer des In- und Auslandes sind ihre Mitarbeiter. Abonnements( vierteljährlich 2 Mt.) nimmt jede Postanstalt und Buchhandlung entgegen. Probenummern durch Gertrud Baer, München, Von- der- Tann- Straße 18 II. Soziale Fürsorge und Sozialdemokratie. Von Hedwig Wachenheim. ( Fortsetzung.) Eine Partei, die ihr Ziel in der Umwandlung der bestehenden Gesellschaftsordnung sah, stand natürlich im Anfang ihrer Wirksamkeit vor der Gefahr, die Aufgaben der Gegenwart aus dem Auge zu verlieren. Diese Klippe hat die deutsche Sozialdemokratie glücklich umschifft. Sie hat nicht auf die gehört, die sagten, die Organisation lähme die revolutionäre Energie der Massen. Und sie hat recht daran getan, denn nur die politische und organisatorische Wie stark muß da die dichterische Persönlichkeit sein! Denn sie muß doppelt wirken: am eigenen Aufbau, an der eigenen Vervollkommnung und an derjenigen des Lesers. Und noch mehr: sie muß sogar vielfach erst das Persönlichkeitsgefühl in anderen erwecken! Aus dem Dichterherzen muß alles strömen, was im mittelbaren oder unmittelbaren Verhältnis zum Menschen( als Einzelwesen und als Menschheitsmitglied) steht. Darin liegt der Wert des dichterischen Gedankens, daß er uns packt, nicht durch die Kraft der angewandten Worte und erst recht nicht durch bombastische Phrasen, nein! Durch das ihm Innewohnende, das sehr, sehr oft von unendlicher Bartheit sein kann. Und nun sei zur Ergänzung meiner einführenden Worte Karl Henckells Gedicht„ Das Diadem" wiedergegeben: Wer je erwählt den innern Thron der Dinge, Des Menschenherzens majestätisch Gut, Und wahrte klar den Geist vor Übermut, Daß er in falschem Wahn sich nicht verfinge Er wird getragen frei auf sichrer Schwinge, Die er sich selber schuf, ob Wind und Flut, Geborgen schwebt er in der höchsten Hut, Gleichwie gehalten von dem Ring der Ringe. In dieses Daseins rohen Stofflichkeiten, Wo oft als edel das Gemeine gilt, Der hohle Tropf von Dünkel überquillt Und Larven fed in Hermelinen schreiten, Ward ihm, zu überwinden Schmach und Leben, Das Diadem der seltnen Kraft gegeben. Der Gedichtband„ Weltmusit" ist im Verlag von Franz Hanfstaengl, München, in durchaus ansprechender Ausstattung erschienen. Verschiedene der früheren Sammlungen sind leider vergriffen, doch ist zu hoffen, daß die in Vorbereitung befindliche vierbändige Gejamtausgabe der Dichtungen restlos alles enthalten wird. C. D. 79 Schulung der deutschen Arbeiterschaft hat die Revolution und die Übernahme der Regierung durch die Sozialdemokratische Partei ermöglicht und mit ihr die Einführung der vollen Demokratie in Deutschland. 1867 war es noch möglich, daß Schweitzer selbst die Stimmen von Arbeitervertretern der Eisenacher Richtung zu seinem Antrag auf Einführung eines Normalarbeitstags, der Fabrikinspektion und anderer sozialen Einrichtungen nicht erhielt, weil sie meinten, daß mit einer Gesundung der Arbeitsverhältnisse der Klassenstaat und die kapitalistische Gesellschaft nur gestärkt würden. Aber schon 1869 werden im Programm derselben Eisenacher als nächste Forderungen, die in der Agitation geltend zu machen sind, Abschaffung aller Presse-, Vereins- und Koalitionsgefeße, Einführung des Normalarbeitstags, Einschränkung der Frauen- und Verbot der Kinderarbeit genannt. Eine positive Entscheidung über die Mitarbeit, auch in den der Sozialdemokratie feindlichen Staaten, war somit gefallen. Von nun an nußte die Sozialdemokratie ihre parlamentarische Position zur Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter aus durch Proklamierung der Notwendigkeit von Arbeiterschutzgesetzen, Beteiligung der Arbeiter an der sozialen Versicherung, gefeßliche Festlegung eines freien Koalitionsrechts, Errichtung von Arbeitsämtern und-kammern, Einführung eines Normalarbeitstags und durch Ausnutzung des Errungenen und Beteiligung der Arbeiter an den übertragenen Verwaltungsarbeiten. Die meisten dieser sozialen Forderungen der Sozialdemokratie sind von ber= nünftigen Sozialpolitikern gleichfalls gestellt worden, aber keine andere politische Partei hat sie in ihrem vollen Umfang unterstützt. Die historische Bedeutung der Sozialdemokratie auf dem Gebiet der Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter liegt dennoch nicht in der Aufstellung besonderer Einzelforderungen, sondern in der Propaganda für die Lösung der sozialen Mißstände auf dem Wege der Gesetzgebung. Sie trat dafür ein, daß die Arbeiterschaft nicht zur Verbesserung ihrer Lage angewiesen war auf das Mitleid und die Fürsorge der Arbeitgeber und der Besitzenden, sondern daß sie rechtliche Ansprüche zu stellen hatten, deren Garant der Staat war. Wer heute in der sozialen Arbeit steht, weiß, daß der gesetzliche Arbeiterschutz niemals durch Abmachungen mit den Arbeitgebern hätte erreicht werden können und daß die soziale Versicherung niemals ersetzt werden kann durch freiwillige Zuwendungen von Arbeitgebern und Wohltätern. Daß die Sozialdemokratie für die soziale Gesetzgebung Wegweiserin gewesen ist, geht aus den Worten Bismards hervor:„ Wenn es keine Sozialdemokratische Partei gegeben hätte und wenn nicht eine Menge sich vor ihr gefürchtet hätte, würVolkserziehung Die Auskunftsstelle für Kleinkinderfürsorge im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht, Berlin W 35, Potsdamer Straße 120, versendet neue Verzeichnisse ihres Leihgutes. Jn 30 Lesemappen sind Richtlinien, Beschreibungen und Berichte vorbildlicher Einrichtungen der Kleinkinderfürsorge gesammelt, Anregungen zum Beispiel für die Veranstaltung von Mütterabenden sowie Lehrpläne von Ausbildungsstätten für Pflegerinnen und Erzieherinnen des Kleinfindes zusammengestellt worden. Die Mappen stehen gegen Ersatz der Portokosten zur Verfügung; eine Ausnahme bilden Lehrpläne, Zeichnungen von Kindergartenmöbeln, Baupläne und Bildersammlungen, für die geringe Leihgebühren erhoben werden. Für aufflärende Vorträge über die Entwidlung, Pflege und Erziehung des Kleinkindes in Familie und Anstalt werden Lichtbilder verliehen. Eingegangene Schriften. Handbuch der kommunal- sozialen Frauenarbeit. Jahrbuch des Bundes deutscher Frauenvereine. Herausgegeben von Dr. Elisabeth Altmann- Gottheiner. Mit einem Titelbild. Verlag von G. B. Teubner, Leipzig und Berlin 1918. 157 Seiten. Preis gebunden 5,50 Mt. Hierzu Teuerungszuschläge des Verlags und der Buchhandlungen. Mag Quard, Von der Friedensresolution bis zur Revolution. Ein Jahr Revolutionsarbeit im Reichstag. Verlag Union- Druckerei und Verlagsanstalt G. m. b. H., Frankfurt a. M. 1918. H. H. Houben, Hier Zensur wer dort? Antworten von gestern auf Fragen von heute. Mit Umschlagbild von Th. Heine. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig 1918. Preis 3,60 Mt., gebunden 5 Mt. Paul Duysen, Das Leben, die Lüge und die Menschheit. Eine Tragödie in fünf Bildern. Verlag Konrad Hanf, D. W. B., Hamburg 8 1918. 80 Die Gleichheit den die mäßigen Fortschritte, die wir in der sozialen Reform bisher gemacht haben, auch nicht existieren." Im Erfurter Programm der Sozialdemokratie sind die sozialreformerischen Forderungen nur in großen Zügen wiedergegeben: nationale und internationale Arbeiterschutzgesetzgebung auf der Grundlage des Achtstundentags, Verbot der gewerblichen Arbeit von Kindern unter 14 Jahren, der Nachtarbeit, des Trucksystems, Einführung einer Sonntagspause, durchgreifende gewerbliche Hygiene, Überwachung aller gewerblichen Betriebe, Erforschung und Regelung der Arbeitsverhältnisse durch Arbeitskammern und Arbeitsämter, übernahme der gesamten Arbeiterversicherung durch das Reich und maßgebende Mitwirkung der Arbeiter an der Verwaltung, Sicherstellung des Koalitionsrechts, unentgeltliche Rechtspflege und Heilbehandlung. Der Würzburger Parteitag 1917 hat dann ein umfassendes Programm für die Übergangszeit festgelegt, ohne natürlich ein so fatastrophales Kriegsende vorauszusehen. Er ging von dem Standpunkt aus, daß die Arbeitskraft des einzelnen der gesamten Volkswirtschaft durch sorgsame Pflege und Schonung erhalten werden müsse; also:„ Erhaltung und Entfaltung alles menschlichen Lebens, Beseitigung und Fernhaltung alles dessen, was die Entfaltung und größtmögliche Entwicklung hindert, Schutz der menschlichen Arbeitskraft, der höchsten Trägerin alles kulturellen Lebens, Förderung alles dessen, was der Arbeits- und Kulturentwicklung dient, und damit Schuh jedem einzelnen." Die besonderen Forderungen zum Ausbau der sozialen Gesetzgebung waren folgende: Ausdehnung des Schutzes der Frau und Mutter, Weiterführung der Kriegswochenhilfe bis zur Einführung einer Mutterschaftsversicherung, Ausbau der Säuglingsfürsorge zu einer Kleinkinderfürsorge, Ausbau des Verbots der Kinderarbeit, Unterstügung der Heimarbeiter und Unterstellung der Heimarbeit unter die Gewerbeaufsicht, Erhöhung der Versicherungsrenten und der Einkommensgrenze für die Versicherungspflicht, Ausgestaltung der gesundheitspflegerischen Tätigkeit der Krankenkassen, Ausdehnung der Unfallversicherung auf alle Zweige der Produktion, fommunale Ge sundheitsämter zur Bekämpfung aller gesundheitlichen Schädigung und Erforschung ihrer sozialen Ursachen. Den kommunalen Gesundheitsämtern soll die Kleinkinderfürsorge, die Tätigkeit von Schulärzten, die Fürsorge für Gebrechliche, Blinde und Taubstumme unterstellt werden; sie sollen mit den kommunalen Wohlfahrtsämtern( Armen- und Jugendämtern) und den Arbeitsämtern zusammenarbeiten. Die Armenpflege soll auf ein höheres fittliches Niveau gestellt werden, ihr soll der beschämende Charakter durch das Unterstützungswohnsitzsystem und durch die politische Rechtlos machung genommen werden. Heraufsetzung des strafmündigen Alters und Schaffung der Möglichkeit, Jugendliche wegen fleiner Delifte nicht vor den Strafrichter zu bringen, Festlegung der Maßnahmen zur gesundheitlichen und sittlichen Hebung der Jugend in einem Reichsjugendgesetz sind die Forderungen auf dem Gebiet der Jugendfürsorge. Auf demselben Gebiet liegt schließlich die Einsetzung von Wohnungsämtern zur Kontrolle der Wohnungen und des Wohnungsbaus. Für Kriegsbeschädigte, witwen und-waisen wird der Ausbau der Renten gefordert, für die ersteren die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten und für die Striegsteilnehmer die Wiedereinstellung in ihre frühere Arbeitstätigkeit. Sämtliche Arbeiter über achtzehn Jahren sollen nicht mehr als acht Stunden täglich arbeiten, für die Arbeiterinnen und jugendlichen Arbeiter soll die Arbeitszeit be= sonders eingeschränkt werden. Das Koalitionsrecht soll von allen Schranken befreit und ein allgemeines Arbeiterrecht geschaffen werden, das der heutigen Moral und Rechtsanschauung, unter Wahrung des Persönlichkeitsrechtes des einzelnen Arbeiters, entspricht. Für die Tarifverträge soll durch ein besonderes Arbeitstarifgesetz eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden, in allen Betrieben sollen Arbeiterausschüsse gewählt werden, die die Interessen der Arbeiter in den Betrieben vertreten. Es sollen örtliche Einigungsämter ge= schaffen werden zur Schlichtung gewerblicher Streitigkeiten. Sie sollen für größere Gebiete und schließlich für das ganze Reich zusammengeschlossen werden. Besondere Berufe sollen auch im Arbeiterrecht besonders berücksichtigt werden. Die Arbeitsvermittlung soll einheitlich geregelt werden. Die örtlichen Vermittlungsstellen sollen zu gleichen Teilen aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern bestehen, unter Leitung eines unparteiischen Vorsigenden. Die einzelnen Arbeitsämter sollen zu Bezirksarbeitsämtern zusammiengelegt wer den. Zur Erforschung und Durchführung der sozialpolitischen Aufgaben soll ein Reichsarbeitsamt gebildet werden. Ein unabhängiger Gerichtshof soll die Rechtsfragen auf sozialpolitischem Gebiet und die Streitfragen in der sozialen Versicherung entscheiden. Daß diese Forderungen auf sozialreformerischem Gebiet einen großen Fortschritt bedeuten, ist flar. Sie würden die ganze soziale Nr. 10 Fürsorge auf einen gesetzlichen Boden stellen. Sie geben die Möglichkeit der öffentlichen Kontrolle und dadurch der Einwirkung der Öffentlichkeit. Die Dbjette der sozialen Fürsorge würden ihr zustimmen. Beides, das Vertrauen der Arbeiterschaft und die Kontrolle durch die Öffentlichkeit, sichert der Arbeit derjenigen, die die Sozialfürsorge prattisch ausüben, eine erfolgreichere Wirksamkeit, als das bisher der Fall sein konnte. ( Schluß folgt.) Die bürgerliche Frauenbewegung und die Frauen. Auch die Mitglieder der bürgerlichen Frauenvereine in ihrer großen Mehrzahl standen den Forderungen der Frauen ebenso ablehnend gegenüber wie die Männer der bürgerlichen Parteien. Von einer Heinen Anzahl linksstehender Frauen abgesehen, überboten sich die bürgerlichen Frauen förmlich darin, auf ihre eigenen Geschlechtsgenossinnen zu schmähen, sie herunterzumachen, ihnen alle Rechte und alle Freiheiten zu verwehren. Statholische Frauen brachten es fertig( in Starlsruhe 1909), dagegen zu protestieren, daß der Mann sich die Gleichstellung der Frau gefallen lassen müsse". Als auf dem bürgerlichen Frauenfongreß 1912 die Stimmenrechtlerin Frau Cauer für das gleiche Wahlrecht eintrat, wurde sie deshalb auf das heftigste angegriffen. Die Referentin, eine Frau Fischer- Eckert, sprach von Phrasen" und dem„ Gefasel" unantastbarer Menschenrechte. Bekannt ist ja auch die Stellung der bürgerlichen Frauenbewegung während des Krieges: jede Arbeit für den Frieden war ihnen unvereinbar mit der vaterländischen Gesinnung". Wollten sie doch sogar die Frauen, die auch während des Krieges den Mut fanden, sich zum Frieden zu bekennen und für den Frieden einzutreten, aus ihrer Bewegung ausschließen. Nicht genug, daß die deutschen Männer gedrillt wurden und unter dem Zwange des Militarismus seufzten: Else Lüders meinte 1915, auch die Frauen gebrauchen etwas Potsdam"! Als auf dem Frauenkongreß 1912 eine Diskussionsrednerin es wagte, die traurigen Verhältnisse der Strankenpflegerinnen zu beleuchten- jenes Frauenberufs, der wirtschaftlich und sozial am traurigsten gestellt ist, da wurde sie vom Referenten im Schlußwort der„ Verdächtigung vaterländischer Einrichtungen" geziehen! " 1 Wie haben die bürgerlichen Parteien stets die Frauenrechte bekämpft! Wie wurden die Frauenrechtlerinnen und Stimmrechtlerinnen von ihnen verspottet und verhöhnt! Und heute? Da sind sich diese selben Frauen gut genug, von den Parteien, die bisher nichts von ihnen wissen wollten, als Aushängeschild und als Lockmittel zu dienen. Eine Frau, die noch Stolz und Selbstgefühl besitzt, kann und darf das nicht mitmachen. Eine Frau, der es wirklich Ernst ist um ihre Rechte und Forderungen, die gehört nicht in die Reihen jener Verräter am Frauenrecht. Sie gehört zu uns, in die Reihen der Partei, die allein stets für die Frauen eingetreten ist: der Sozialdemokratie. Zukunftsdant. Karl Hendell. Den Kämpfern, die uns ihr Blut geweiht, Dankt nur der Schatz der Gerechtigkeit. An ihren Kindern laßt es uns lohnen. Im Haus der Freiheit sollen sie wohnen. Die Ortsgruppe Berlin des Zentralverbandes der Hausangestellten sucht möglichst sofort eine Geschäftsführerin. Es wird nur auf eine agitatorisch und organisatorisch tüchtige Kraft reflektiert. Meldungen sind schriftlich unter Bewerbung" an Luise Kähler, Berlin SO 16, Engelufer 21 III zu richten. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Marie Juchacz, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nacht. G.m.b.8. in Stuttgart.