Nr. 15 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig. Durch die Post bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mr. 1.45. Wir wollen den Frieden. Stuttgart 25. April 1919 Schon die nächste Zeit muß die Entscheidung bringen, ob Friede werden soll zwischen Deutschland und der Entente, oder ob die gequälten Völker Europas weiter verharren sollen in dieser Schwebe zwischen Krieg und Frieden, zwischen Tod und Leben. Soviel an uns liegt, soll Friede werden; nicht nur, weil wir ihn schließen müssen, sondern, weil wir es wollen. Weil das deutsche Volk den Frieden wollte, stürzte es durch die Novemberrevolution die alten Machthaber und zerschlug das alte monarchische Staatsgebilde. Ehrlicher und offenbarer ist noch niemals in der Geschichte der Friedenswille eines Volkes dokumentiert worden. Aber die Regierungen der Entente wollten den Frieden nicht, darum glaubten sie nicht an unsere Ehrlichkeit. Haß und Rachgefühl schalteten die klare Überlegung aus, welche im Völkerleben noch notwendiger ist als im Beisammenleben der einzelnen Menschen. Das neue Deutschland sollte das Schuldkonto des alten, toten begleichen und das Schuldkonto des Krieges überhaupt. Denn wieviel Schuld an den Greueln und Schrecken des Krieges eine einzelne Regierung, einzelne Machthaber treffen mag, so ist doch der Grund all des Entseglichen, das wir und die anderen Völker erlebten, der Krieg an sich. Und darum muß man den Krieg bekämpfen, wenn man den Schuldigen treffen will, und man muß helfen, die Ursachen des Krieges überhaupt aus der Welt zu schaffen. Das ist in erster Linie der Kapitalismus, das Bestreben, größte Vermögenswerte in wenigen Händen zu vereinen, sie immer mehr zu vergrößern, jede Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen ohne Rücksicht auf das Wohl der Allgemeinheit. Diese tapitalistische Wirtschaftsweise hat den Drang, sich neue Absatz- und Rohstoffgebiete zu schaffen; seine naturnotwendige Folgeerscheinung ist also der Imperialismus, die Länder eroberungsfucht. Der Imperialismus aber hat die Gewalt nötig, um sich durchzusetzen, wo er in Verhandlungen oder im Austausch nicht bekommen kann, was der Kapitalismus an Waren, Absatz- und Erzeugungsgebieten gebraucht. Sein Mittel hierzu ist der Militarismus, und die Anwendung dieses Macht mittels heißt Strieg. Wer diese Zusammenhänge erkannt hatte, sah, in welchem Irrtum sich die Ententevölker befanden, wenn sie glaubten, den preußischen Militarismus niederkämpfen zu müssen, um sich und dem deutschen Volke die Befreiung zu bringen. Wir wußten, daß nur der Sozialismus den Kapitalismus und seine Gefolgschaft überwinden konnte, und lehnten deshalb die Einmischung irgendeines anderen kapitalistischen Staates in unsere eigenen Angelegenheiten ab. Wir wußten, daß eine solche Befreiung" von außen nur neue Knechtung unter anderem Namen bedeutet hätte. Wir wußten als gute Sozialdemokraten, daß der siegreiche Strieg den Kapitalismus und Imperialismus der siegenden Staaten ungeheuer stärken mußte, deshalb traten wir ein für einen Frieden der Verständigung, in dem es weder Sieger noch Besiegte geben sollte. Dann hätte der Sozialismus seine Rechnung mit dem Kapitalismus Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. glatt erledigen können. Es war der große Irrtum der unabhängigen Sozialdemokraten, daß sie die Schäden nur in und am Vaterlande entdeckten und den Gerechtigkeitsversicherungen der kapitalistischen Ententeregierungen gläubig und verstehend gegenüberstanden. Und doch floß alles Unheil, hüben wie drüben, aus denselben Quellen. Dadurch, daß der deutsche Militarismus zusammenbrach, fonnte die Revolution die kapitalistische Regierung beseitigen und durch eine provisorische sozialistische ersezen. Gleichzeitig aber war Deutschland durch den langen Krieg wirtschaftlich vollkommen am Ende. Sollte es von neuem wachsen, dann war die vereinte Kraft des gesamten Volkes nötig. Wir brauchten den Frieden; wir mußten Lebensmittel und Rohstoffe haben, um leben und arbeiten zu können. Aber wir wollten und brauchten auch den Frieden in der Arbeiterschaft selbst. Darum übernahmen unsere Genossen zusammen mit den Unabhängigen die Regierung. Und nun bestätigte sich, was wir vorausgesehen hatten. Der siegreiche Ententekapitalismus wußte nichts mehr von der verkündeten Gerechtigkeit; erobern, rächen, strafen war das Echo, welches dem Friedenswillen der jungen deutschen Republik entgegenschallte. Waffenstillstandsbedingungen wurden auferlegt, welche das deutsche Wirtschaftsleben treffen mußten bis ins Mart. Aber sie trafen die übrigen Völker mit. Die Schrecken des Krieges haben ganz Europa in Mitleidenschaft gezogen, darum mußte es auch die Fortsetzung desselben tun. Die organisierte Arbeiterschaft Deutschlands war reif zum Sozialismus. Wäre ihr die Möglichkeit geordneten Aufbaus gegeben gewesen, dann hätte sie die sozialistische Staats- und Wirtschaftsordnung entwickelt und ihr alle schaffenden Kräfte eingefügt. Sie hätte stufenweis den Volksstaat in den Besitz der Produktionsmittel gebracht und endlich den Sozialismus in seinen letzten Zielen verwirklicht. Nicht mehr gehörte dazu als Frieden, Lebensmittel und Arbeitsmöglichkeit. Da alles ausblieb, brach in Deutschland das Hungerfieber aus, und nun war der fruchtbare Boden für die bolschewistische Propaganda geschaffen. In dieser Zeit traten die Unabhängigen aus der Regierung aus. Als sie sahen, daß sie von der Entente verlassen waren, lehnten sie die Mitverantwortung für das schwere Schicksal des deutschen Volkes ab. Ohne den Hunger hätte die bolschewistische Bewegung in Deutschland nie größeren Umfang annehmen können, denn alle Vorbedingungen fehlten. Die Mitwirkung der Arbeiterschaft im Produktionsprozeß, wie das Rätesystem sie will, ist Sozialismus und nicht Bolschewismus. Sie bedurfte deshalb der blutigen Propaganda nicht, sie ist im sozialistischen Staate eine Selbstverständlichkeit, ob unter dem Rätenamen oder einem anderen. Die Errichtung des Sozialismus ist aber nur auf dem Boden der Demokratie möglich; so ist es uns gelehrt worden von unseren Altmeistern, so steht es in unserem Programm, und diesen einzig gerechten Weg ging unsere Regierung, als sie zur Nationalversammlung wählen ließ. Die Wahlen ergaben teine sozialistische Mehrheit; der Bruderzwist in der Arbeiterschaft ist zu einem großen Teil Schuld daran. Nur die Regie 114 Die Gleichheit rung einer sozialistischen Mehrheit kann aber die Lehren des Sozialismus in die gesetzgeberische Tat umsehen. Daraus ergibt sich für uns alle die Forderung, so für den Sozialismus zu werben, daß uns kommende Wahlen unserem Ziele näher bringen. Einen anderen Weg zur völligen überwindung der tapitalistischen Gesellschaftsordnung gibt es nicht. Kommunismus und Bolschewismus predigen die Diktatur des Proletariats, die Gewaltherrschaft der Arbeiterklasse. Sie versuchten sie in Deutschland zu erreichen, indem sie unser Volt gewissenlos in den Bürgerkrieg trieben und immer neue Streits, die den vollständigen Ruin bedeuten, heraufbeschwö ren. Wir lehnen sie ab, weil eine Gewaltherrschaft nie Bestand haben kann, weil die von ihr Unterdrückten sich immer wieder auflehnen würden und sie deshalb immer wieder zu blutigen Kraftproben führen würde. Zwischen Bolschewismus und Sozialismus stehen die Unabhängigen. Ihre Führer unterstützen die kommunistische und bolschewistische Propaganda des Verderbens, aber für die Folgen übernehmen sie keine Verantwortung. Wir aber wollen den Frieden, es ist zuviel Blut schon geflossen; die inneren Kämpfe zermürben die letzte Kraft. Deutschland ist am Rande des Abgrunds, und wenn es hinabstürzt, zieht es andere Staaten mit. Wir müssen uns flar darüber sein, wie es um uns steht, aber wir müssen auch wissen, wo wir stehen. Nur nicht schwanken jetzt; wir müssen fühlen, daß wir Sozialdemokraten sind und etwas anderes nie sein können. Wir wollen den Frieden mit der Entente, aber es muß ein ehrlicher Friede sein, der die Gewähr der Dauer in sich trägt. Er darf nicht von neuem Haß säen, sondern er muß von dem Willen beseelt sein, gegenseitig die geschlagenen Wunden zu heilen. Er muß uns sogleich unsere Gefangenen zurückgeben und uns Frauen und Müttern die Hoffnung geben, daß dieser Krieg der letzte war. Das kann er nur, wenn in seiner Gefolgschaft der Völkerbund einhergeht, der alle Völker, auch das deutsche Volt, als Gleichberechtigte umschließt und uns die Freiheit der wirtschaftlichen Entwicklung sichert. Nur ein Friede, der durch Gerechtigkeit und Versöhnlichkeit den Weg frei gibt für die natürliche Entwicklung zum Sozialismus, kann den Völkern der Entente den furchtbaren Leidens weg Rußlands und Deutschlands ersparen. Wir aber wollen arbeiten und nicht verzweifeln. Empor. Wir kommen aus der Tiefe, Wir kommen aus der Finsternis. Wir gingen ungekannt Dom ersten Tage bis zum Tod In einem Dulderland. Wir sahen nicht die Kette, Wir hörten nicht den Sklavenlaut. Wir schafften taub und blind Und schwiegen nachtbefangen In unserm Labyrinth. Es ist an einem Tage Ein schwerer Seufzer aufgewacht: Die Kette schmerzt so sehr. Der Seufzer wurde Flamme Und lohte vor uns her. Die Flamme ward zur Sonne, Die leuchtend überm Gipfel steht So warm, so voll, so rot. O Schwester, sie will brennen In unsre kalte Not! Wir wollen aufwärts steigen. Es führt ein Weg zum höchsten Grat Durch Dornen und Gestein. Wir schlagen in den Felsen Die Stufen uns hinein. Ernst Preczang. Freie Bahn der Tüchtigen. Nr. 15 Wenn es bislang hieß: Freie Bahn dem Tüchtigen, so nahm man offenbar an, daß die Frauen sich ihren Weg scho: selber bahnen würden. Oder übersah man sie mit Fleiß, tvie schon häufig? Daß die Bahn für die den Aufstieg Ersehnenden alles andere als frei ist, hat wohl manche Frau, manches Mädchen aus dem Arbeiterstand an sich erfahren, wenn fie sich einem sozialen Beruf zuwenden wollte. Die Schwierigfeiten werden in Zukunft nicht geringer. Es besteht starke Neigung, für die Besetzung der gehobenen Posten in der Wohlfahrtspflege den Besuch einer sozialen Frauenschule zu fordern. Diese aber machen die Aufnahme von der Absolvierung einer höheren Mädchenschule abhängig. Mit anderen Worten: Zur Arbeit an der Volkspflege hält man einzig nur bie „ höhere Tochter" geeignet! Nun kann ich aber aus Erfahrung sagen, daß eine ganze Anzahl meiner Kolleginnen weder die höhere Mädchenschute besuchten noch eine der sozialen Frauenschulen und seit Jahren in der praktischen Arbeit stehen und ihren Posten redit gut ausfüllen. Die sozialen Frauenschulen sind neueren Datums, und so wünschenswert ihr Besuch auch wäre, muß er häufig scheitern am Mangel an Mitteln der bereits praktisch Arbeitenden, und es muß gehen und geht auch. Denn die Praris bringt vieles, was auch die beste Schule nicht geben kann. Theoretische Schulung ist wertvoll, aber nicht ausschlaggebend für Berufe, die praktisch veranlagte Menschen zur Voraussegung haben. Wie häufig erlebt man, daß Mädchen mit höherer Töchterschulbildung im praktischen Leben glänzend Fiasko machen, daß sie selber tief unglücklich sind, weil sie den oft genug mühsam eingepaukten Wissenskram nicht verwenden können und ihn nur als Ballast empfinden, der zum allergrößten Teil über Bord geworfen werden muß, soll das Lebensschiff nicht fentern. Das ist darauf zurückzuführen, daß sich der Beruf der Wohlfahrtspflegerin nicht am grünen Tisch, nicht zwischen Büchern und Aftenregalen, nicht nach Schema F abspielt, sondern draußen im Leben, zwischen unbarmherziger Tatsachen, in krasser Wirklichkeit, wo es heißt: zugreifen, anpacken, schöpferisch gestalten. Nun wächst aber die höhere Tochter meist recht lebensfremd auf, sie kann vielleicht wunderbar gedankentiefe Themen im Aufsatzheft feint säuberlich niederschreiben, hat aber keine Ahnung davon, wie die Kreise, in denen sie arbeiten soll, fühlen, denken, wohnen, wirtschaften. Dann stehen sie da mit ihren Kenntnissen und können nicht weiter, befriedigen ihre Pflegebefohlenen nicht und sind selbst alles andere als befriedigt. Das bedauerlichste aber ist, daß man sie ohne weiteres für geeignet hält, weil sie höhere Mädchenschulbildung aufweisen. Sie denken auch nicht daran, umzusatteln. Mit ihrer Vorbildung steuerten sie auf einen gehobenen Beruf hin, weil eben nur dieser in ihren Kreisen für standesgemäß gilt. Häufig rückten sie in einen solchen Posten ein auf Grund freund oder verwandtschaftlicher Beziehung und Empfehlung und ergeben dann die Kategorie bequemer, gefügiger Berufsmenschen, die zu allem Ja und Amen sagen, was höheren Drts, also von der vorgesetzten Behörde, verfügt wird. Das liegt durchaus nicht im Sinne einer erfolgreichen Arbeit auf dem verantwortungsvollen Gebiet der Volkspflege. Vor allem bedeuten ungeeignete Frauen feine Förderung für das Volks wohl, sie diskreditieren nur die wichtige Sache. Daran ändert auch der Abgang mit bester Zenfur einer höheren Mädchenschule nichts. Auf der anderen Seite wäre es grundverkehrt, von jeder y- beliebigen Frau aus einfachen Kreisen anzunehmen, daß sie ohne weiteres für die soziale Arbeit berufen sei, weil sie aus den Kreisen kommt, denen die Arbeit gilt. Das ist ein Jrrtum, dem beizeiten begegnet werden muß, sonst nehmen die Enttäuschungen der Zurückgewiesenen, die darum meist gründ lich verbittert sind, kein Ende. Voraussetzung für Übernahme eines Postens in der sozialen Arbeit ist stets und immer: etwas Tüchtiges können! Und sei es wirklich nur auf einen Nr. 15 Die Gleichheit einzigen Gebiet, etwa der Hauswirtschaft, der Erziehung, der Kranken- oder Säuglingspflege. Eines schließt das andere nicht aus, aber eines von diesen Fächern muß gründ lich beherrscht werden. Und dann geht es in Etappen vorwärts. Wir fordern seit langem Mitarbeit für unsere Frauen auf dem Gebiet kommunaler Wohlfahrtspflege. Warum geht es gar so langsam voran? Nicht, weil es unseren Frauen an der höheren Mädchenschulbildung fehlt, sondern weil von ihnen mur zu häufig die Etappenvorbildung übersehen wird, die zur Übernahme eines Amtes nötig ist und allein befähigt. Wenn jetzt zum Beispiel die Gewerkschaften von behördlicher Seite darum angegangen werden, Vorschläge durch Namennennung geeigneter Frauen für diesen oder jenen Posten zu machen, so kommen sie direkt in Verlegenheit. Unter der Riesenschar ihrer weiblichen Mitglieder sind immer nur einige wenige, die vielleicht in Betracht kämen, und diese sind meist so besetzt und überlastet, daß eine weitere Belastung Quälerei bedeutet. Das muß anders werden. Warum trauen sich die Frauen auf der einen Seite so wenig, auf der anderen zu viel zu? Ein Meisteramt kann nicht vom Lehrling ausgeübt werden, erst heißt es: das Gesellenstück machen. Und Gesellenarbeit ist zum Beispiel der Beruf einer Kindergärtnerin, einer Erzieherin, einer Säuglingspflegerin, einer Krankenschwester, einer Heim leiterin und anderes mehr. Hier winkt der weiblichen Arbeiterjugend ein weites und dankbares Feld auf allen diesen genannten Gebieten. Hier kann sie Gesellenarbeit leisten und nach Eintritt einer gewissen Lebensreife und gemachten Erfahrungen ins Meisteramt einer Sozialbeamtin, einer Wohlfahrtspflegerin einrücken. Gerade die aus einfachen Kreisen stammende Persönlichkeit bringt vieles und manches mit, was sie von vornherein für einen solchen Posten prädestiniert. Die Not der Menschen, die sie lindern helfen soll, war einmal ihre eigene Not, der Schuh, der jene drückt, drückte auch sie selber einmal. Vor allem muß sich die aus einfachen Kreisen kommende Frau freimachen von dem Gedanken, daß man ihrer Herkunft eine Voreingenommenheit entgegenbrächte. Das ist ein Stardinalfehler vieler, den man unbedingt vor den Toren des Feuilleton Menschenseele, Menschenliebe, Spielgenossen, selig Paar, Werdet je des alten Spiels thr Müde werden? Nimmerdar! Ob Jahrtausend nach Jahrtausend Durch die Welten wandeln mag, Jmmer, wo die Liebe aufsteht, Ist der erste Schöpfungstag. Das Sterben. Von Werner Peter Larsen( München). Wildenbruch. ( Schluß.) 115 neuen Berufs lassen muß. Wer wirklich etwas leistet und wem es Ernst ist mit seinem Vorhaben, der wird auch ernst genommen. Voreingenommenheit aber macht unfrei, nimmt die frohe Unbefangenheit. Wie ich eingangs erwähnte, besteht die Neigung, die Wohlfahrtspflegerinnenposten nur mit Frauen zu besetzen, die eine soziale Frauenschule besucht haben. Diese wieder nehmen nur höhere Töchter auf. So würde für Mädchen mit Volksschulbildung keine Aussicht bestehen, jemals in Zukunft einen solchen Posten zu erlangen? Damit können wir uns nicht abfinden. Wir müssen versuchen, Anschluß an die sozialen Frauenschulen zu bekommen und sie zu veranlassen, für Mädchen mit Neigung und voraussichtlicher Eignung für einen sozialen Beruf Sonderkurse einzurichten, in denen sie nachholen, was ihnen der Lehrgang der heutigen Volksschule schuldig blieb. Intelligenten, geweckten Persönlichkeiten wird das weniger Mühe machen als umgekehrt der höheren Tochter mit Hochschulbildung der Übergang zur praktischen Arbeit. Wer aber trägt die Kosten? Hoffentlich werden die Stellen, welche die Parole: Freie Bahn dem Tüchtigen ausgaben, für Freibesuch Sorge tragen und auf die Weise auch der Tüchtigen die Bahn freimachen. Denn Arbeitereltern werden nur ganz vereinzelt in der Lage sein, die Kosten für die Ausbildung zu übernehmen. Vielleicht entschließen sich die Gewerkschaften zur Schaffung eines Fonds,* aus dessen Mitteln die Ausbildung geeigneter Mädchen aus Arbeiterkreisen bestritten wird. Von diesem Material ist sicher, daß Taktlosigkeiten unterbleiben, wie sie zum Beispiel die Proselytenmacherei für die gelben Werkvereine darstellen. Die Klagen darüber nehmen kein Ende. Und es ist tief zu bedauern, daß durch derartige ungeschickte Machenschaften eine gutgemeinte Sache total in Mißkredit gerät. über dem Kapitel„ Ungeeignete Fabrikpflegerinnen" - um nur ein Beispiel herauszugreifen sind die Akten noch nicht geschlossen. * In erster Linie kämen die Gemeinden in Frage, welche das größte Interesse haben müssen, in der kommunalen Wohlfahrtspflege bei den ausübenden Kräften praktische Lebenserfahrung und gründliches Wissen vereinigt zu sehen. Die Red. „ Nee," sagte Mutter Nanft, das ist es nicht. Gestorben ist mein Alter auch. Aber bei uns ist das anders, ja... Wenn da einer stirbt, o da spricht man noch lange von ihm. Am Sonntag gehen die Menschen auf den Friedhof und lesen die Streuze, und dann sagt einer zum andern: Ja, weißt du, sagt er, das ist nun hier der Schmidt, du weißt doch, der Krämer Schmidt', oder:, das ist nun der alte Ranft', und dann erzählen sie von ihnen, dies und jenes, ganze Geschichten. Das ist es. Wenn da einer stirbt, dann ist er nicht tot; er bleibt immer mitten unter allen, und der Friedhof liegt auch dicht am Dorfe. Und das alles macht auch das Sterben viel leichter. Aber in' ner Stadt, wer da stirbt der ist richtig tot. Da schleppen sie ihn Gott weiß wohin, und wenn auch mal jemand vorbeikommt, dann tennt er ihn nicht, einer den andern nicht, alles sind Fremde... Wer wollte ihn auch da ' rausfinden unter den vielen? Und heute denken sie noch an ihn und morgen auch, aber dann vergessen sie ihn. Alle haben Eile und Geschäfte. Dann ist er wirklich tot, nicht wie bei uns, wo man noch dreißig und vierzig Jahre..." ,, Möglich," sagte die Köchin. Möglich, daß er tot ist." Sie zuckte die Achseln. Die Zeit verging. ,, Nun muß ich bald nach Hause," sagte Mutter Ranft.„ Nun werde ich alt..." Die than the case. if ie Tochter des Hauses heiratete, und bald hatte Mutter Ranft zu wiegen und zu warten. Sie war nun zur Tochter übergegangen, und als bald darauf der alte Professor starb und nicht lange danach seine Frau, folgte ihr die Köchin zu dem jungen Paare nach. So war es in der Familie: die Beute blieben lange im Hause. " Da sehen Sie nun," sagte Mutter Ranft, wie lange ist es her, da lebte noch der Professor, und das Haus war voller Besuch und überall Bekannte und Freunde, und so... Na, und nun ist er tot. Wer weiß nun von ihm?" ,, Na ja! Er ist ja auch tot!" Ach, tot... Gewiß tot. Aber niemand spricht von ihm. Kein Mensch denkt, daß er gelebt hat. Und man will doch eigentlich nicht so ganz na, wie soll ich gleich sagen- so mit einemmal weg und vergessen sein..." " Ja, aber wenn man doch stirbt." " 1 Sie zählte ihr Geld. Es mochte reichen. Sie hatte ja ihr Leben lang tüchtig zugefaßt. Da mochte es zum Sterben reichen. Aber dann kam eines Tages ein Brief, darin stand, ihr Sohn läge im Krankenhause, irgendwo weit fort, und er habe die Auszehrung und kein Geld und niemand- keinen Menschen... Da schickte Mutter Ranft ein gut Stück Geld fort. Und als ein zweiter Brief kam, daß er tot sei, da schickte sie noch ein Stück fort, und nun war's auch zum Sterben zu wenig. 116 Die Gleichheit Die Gewerkschaften sollten sich den Einfluß nicht entgehen lassen, den sie sich sichern können durch sorgfältige Auswahl von Persönlichkeiten aus ihren Reihen, denen sie die Mittel eventuell auf dem Wege des Vorschusses zum Besuch einer sozialen Frauenschule vorstrecken, vorausgesetzt, daß die letzteren sich zur Einführung von Sonderkursen für Mädchen mit Volksschulbildung entschließen, eine Forderung, deren Ablehnung Menschen mit praktischen Erfahrungen schwer verstehen würden. Schwester Lydia Ruehland. Moderne Ehe. Die Probeehe, wie Frau Dr. Stricker sie vorschlägt, ist kein ausreichender Schutz gegen ein unglückliches Zusammenleben, da nach ihrem Vorschlag nach zwei Jahren doch eine unlösliche Verbindung geschlossen wird. Ich denke mir die Ehe der Zufunft wesentlich anders als Frau Dr. Strider. Unsere Kultur ist ja nicht die der alten Ägypter und unsere Lebensbedingungen nicht die gleichen. 1. Zunächst muß eine vollständige Vereinheitlichung und Vereinfachung des gesamten Rechtes erfolgen für unseren für unseren speziellen Gedanken der Gleichberechtigung der Frau erst einmal die Aufhebung des römischen Mundiums.„ Wir werden nicht den Gesetzen gehorchen, an denen wir nicht mitgewirkt haben." 2. Die Form der Eheschließung kann die bisherige bleiben, nur muß die Trennung erleichtert werden. Etwa so: Wohnt ein Ehepaar über ein Jahr getrennt, muß auf Antrag des einen Teiles vom zuständigen Standesamt die Scheidung der Ehe erklärt werden, so daß nicht Ehegatten, die auseinander wollen, wildfremden Menschen ihre intimen Ehegeheimnisse beichten müssen und schließlich aus Abscheu vor dem Prozeß ein unglückliches Leben nebeneinander weiterführen, während jeder für sich noch die Möglichkeit hätte, glücklich zu werden. Wie viele eheverlassene Männer und Frauen führen ein Leben unnatürlicher Enthaltsamkeit, wie viele verblühen, die wohl fähig wären, dem Staate eine gesunde Kinderschar Es war nur gut, daß sie damals nicht auf den Totengräber gehört hatte. Nun hatte sie doch recht behalten. Gewiß, so cin Junge zieht fort- weiß man, wo der zu liegen kommt? -Aber nun mußte sie achtgeben, daß sie selbst zurecht kami. Daß sie nicht auch noch in solchen Steinhaufen wie ihr Junge und der Professor und all die andern zu liegen kam... verschollen und vergessen... Und wieder sparte Mutter Ranft. Jeden Pfennig. Jedes Vierteljahr trug sie alles zur Kaffe und das Buch gab sie dem Herrn zur Verwahrung, der verwahrte es gut-in seinem Arbeitszimmer in einem eisernen Schrank. Die Jahre vergingen. Bald reicht es, dachte Mutter Ranft, bald reicht es... Und eines Tages sah sie es war genug. Es reichte. Gott sei Dank! Nun würde sie also doch zu liegen kommen, wo man sie kannte, nicht wie die Städter, einfach verschwinden - plöglich- spurlos für immer als hätten sie nie gelebt... Den Städtern mußte es ja grauen. Heute dachte noch einer an sie, einer oder zwei, aber morgen denen mußte es wirklich grauen. ,, Nun muß ich aber nach Hause," sagte sie. nein, Nr. 15 zu schenken! Es gilt also, die Ehescheu zu mindern durch Erleichterung der Ehescheidung. 3. Das Recht, von dem oder der Verlobten ein Gesundheitsattest einzufordern, wird bekanntlich nicht ausgeübt. Es muß zur gesetzlichen Vorbedingung der Eheschließung gemacht werden, daß beide Teile dem Standesbeamten ein Gesundheitsattest vorlegen müssen des Inhaltes, daß ärztliche Bedenken dem Eheschluß nicht entgegenstehen. Ein Arzt und eine Ärztin muß für die Ausstellung dieser Atteste bestimmt werden, so daß Schiebungen durch Hausärzte nicht möglich sind. " 4. Weiter sollte künftig die Arbeiterschaft den Standpunkt einnehmen( und verteidigen!), daß der Mann der Ernährer der Familie sein muß, daß jedenfalls die Frau, welche Mutter ist, ins Haus gehört! Die Familie ist die Keimzelle aller Kultur," auch die Arbeiterfamilie! Der Arbeiter muß sich so viel Lohn erkämpfen, daß sein Weib nicht erwerben braucht. Leisten beide Gatten Erwerbsarbeit, so leisten sie doch in einem sechzehnstündigen Arbeitstag nicht mehr als den Erwerb des Familieneinkommens. Damit die Unterhaltspflicht nicht umgangen werden kann, die Frau also ökonomisch freisteht, muß jeder Arbeitgeber verpflichtet sein, ein Haushalts-> geld in gesetzlich festzulegender Höhe auf Wunsch an die Ehefrau des Beschäftigten auszuzahlen. Unter solchen Bedingungen, glaube ich, kommen wir eher zu der ersehnten edelsten Form der Verbindung, zur wirklichen Einehe. Ella Wierzbikki. * * Die neue Zeit drängt mit Ungestüm nach immer weiteren Umwälzungen und Reformen auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. Nur das Eheproblem ist dabei noch nicht recht zur Geltung gekommen, Es ist daher zu begrüßen, daz Frau Dr. Stricker in Nr. 13 der„ Gleichheit" auf diese alle Volksschichten gleichstart interessierende Frage zu sprechen kommt. Die Frau hat ohne Zweifel, von Ausnahmen abgesehen, bis in die neueste Zeit hinein ein beschämend untergeordnetes Lebeit geführt. Sie strebt mit Recht nach größerer Geltung. Daran, daß sie diese bisher nicht hatte, ist sie nicht ohne Schuld. Auch für die Frau gilt Schopenhauers Wort, daß jeder Mensch in sechs Wochen etwa. Wenn sie dann schon gar nichts andres in Gottes Namen wollte, ja mun dann Als vier Wochen um waren, bekam Mutter Ranft Fieber. Sie ging den Tag über umher, aber gegen Abend mußte fie sich doch legen. Nun, es war wohl nicht weiter schlimm. Ant nächsten Tag aber lag Mutter Ranft noch, und am übernächsten auch noch, und es wurde doch wohl eigentlich schlimmer statt besser. „ Wenn nur die Herrschaft bald fäm," sagte sie. Jetzt müßte ich wirklich nach Hause..." Die Tage gingen. Die Herrschaft kam nicht. Sie war irgendwo im Süden, wo die Drangen blühen. Eines Nachts wurde Mutter Ranst unruhig. " Ich hatte es mir eigentlich anders gedacht," sagte sie,„ so überhaupt das Leben. Wenn man nicht leben konnte, wie man wollte, so möchte man doch wenigstens sterben, wie man will..." Nach zwei Tagen war sie tot. Das Sparkassenbuch lag im Arbeitszimmer des Herrn, in dem eisernen Schrank. D, er verwahrte es gut! Nein, Mutter Ranft, leben, wie man will, das kann man „ Nach Hause?" fragte die gnädige Frau.„ Aber Frau nicht! Heute noch nicht! Aber sterben, wie man will Ranft." " Ja, gnä' Frau, ich hab' da noch ein Stückchen Land..." ,, Und gerade, wo wir verreisen wollen! Wem soll ich denn die Kinder anvertrauen?" Mutter Ranft war ratlos. ,, Gnä' Frau müssen mir doch nicht übelnehmen, aber gnä' Frau finden wohl jemand..." „ Aber Frau Ranft! Frau Ranft...!" Wie sollte sie jemand finden? Es half nichts, Mutter Ranft mußte bleiben. Wenigstens bis die Herrschaft zurückkam, in noch viel, viel weniger. ... das An stillen Sonntagen, wenn das Wetter schön ist, steigen die Dörfler zum Friedhof hinauf, wandern durch die Reihen und lesen bekannte Namen. Jeder kennt ja den andern, und von jedem weiß man dies und jenes. Siehst du, sagen sie zueinander, da liegt mun der Strämer Schmidt und da liegt der Hans das war ein Prachtter!! und da liegt der alte Ranst... Keiner von all denen ist vergessen; der Friedhof ist ja auch dicht am Dorfe... Nr. 15 Die Gleichheit der Welt nur so viel gilt, als er sich selbst geltend macht. Hierin wurzelt jedwede Stellung und Wirkung des einzelnen sowohl wie von Gruppen in der Gesellschaft. Notwendig ist also vor allem, daß die Frau in weiterem Umfang als bisher Persönlichkeit wird, und das ist nicht möglich ohne Selbstbildung, ohne arbeitendes Eindringen in die allgemein gesellschaftlichen Verhältnisse, besonders die wirtschaftlichen und kulturellen. Ich komme hierauf am Schlusse noch kurz zurück und will zunächst der Übersichtlichkeit halber die einzelnen Paragraphen in der Anregung von Frau Dr. Stricker der Reihe nach durchgehen. § 1. Genossin Stricker spricht selbst davon, daß viele Gefühlsmomente gegen die Probeehe sprechen. Gefühlswerte spielen aber gerade vor und in der Ehe eine außerordentlich wichtige Rolle. Ich muß sagen, daß der Gedanke an eine Probeehe in mir das Gefühl der Liebe und Verehrung für den fünftigen Ehepartner äußerst ungünstig beeinflussen würde. Die Eheschließung bekäme dadurch noch viel mehr als leider jetzt häufig den Anstrich eines Geschäftes; sie würde„ amerikanisiert". Damit würde aber der ganzen Verbindung, die doch vorwiegend auf Neigung gegründet sein soll, von vornherein das Wertvollste genommen. In dem seligen Bewußtsein, dem Gegenstand seiner Liebe für immer in innigster Gemeinschaft verbunden zu sein, liegen ja gerade die zartesten Empfindungen. Das Gefühl der Hingabe des ganzen Selbst an den Geliebten ist meines Erachtens mit dem Gedanken an das ,, für immer" untrennbar verbunden. Das schöne ernste Wollen, mit dem Gutgeartete an die Ehe als an das wichtigste Vorhaben des Lebens herangehen, würde peinlich gemindert durch den Gedanken: es ist ja( zunächst) nur für zwei Jahre! Die Leichtfertigkeit, mit der schon unter den gegenwärtigen Verhältnissen vielfach Ehen eingegangen werden, würde noch vermehrt, und die Zahl der Ehescheidungen mit all ihren traurigen Folgen, besonders für Frau und Kinder, würde sehr zunehmen. Doch davon weiter unten. Die rechte Probezeit sollte die Zeit vor der Verlobung sein( das ist sie aber in den wenigsten Fällen); die Zeit zwischen Verlobung und Heirat sei ein letztes Besinnen. Goethe hat einmal die Ansicht geäußert, daß gerade die Erschwerung der Trennung der Ehe den Ernst Fern, in der Weltstadt aber, auf weitem Totenfelde, liegt Mutter Ranft. Wenige Schritte von ihrem Grabe saust das Leben vorbei... in Eile, in Geschäften... Das Leben hat nie Zeit. So liegt sie nun da und schläft, und niemand kommt zu ihr, und geht einmal jemand vorbei- er kennt sie nicht, und sucht sie einer er fände sie nicht unter den vielen... Ja, Mutter Ranft. Verschollen, vergessen... Eine Mutter spricht: Oft find' ich mich nicht mehr zurecht in der Welt. Alles, woran ich geglaubt, zerschlägt die blutige Zeit und zerfällt. Ich habe werdendes Leben an meiner Brust gehegt Und in empfängliche Herzen meine Liebe und Güte gelegt. Ich erfasste es nicht, dass einer den andern zu töten vermag. Meine Söhne zogen dorthin, wohin ich gar nicht zu denken wag'. Fremder Mütter Söhne töteten meiner Kinder Leib. 117 und das Verantwortlichkeitsgefühl stärke, mit dem zwei Leute in die Ehe treten, und daß es gegenüber diesem großen Vorteil wenig zu besagen habe, wenn eine geringe Anzahl von wirklich unglücklichen Ehen nicht getrennt werden können. Wenn wir uns auch in dieser Beziehung auf einen liberaleren Standpunkt als Goethe stellen wollen, so ist doch kein Zweifel, daß der Zwang zu dauerndem Zusammenbleiben ein gewaltiges erzieherisches Moment darstellt. Für unser modernes Empfinden sollten Ehen im Falle gegenseitiger unüberwindlicher Abneigung, nachdem noch eine sechsmonatige Bedenkzeit gegeben, ohne weitere Schwierigkeiten getrennt werden. Desgleichen muß die Ehe, falls sich zum Beispiel in ihr vor der Ehe verheimlichte ansteckende Krankheiten herausstellen, auf Verlangen eines der Ehegatten ohne weiteres gelöst werden(§ 9). Die Forderung nach Bezahlung der Arbeitsleistung der Frau im Haushalt muß aus dem schon oben angeführten Grunde, daß eine Verstärkung des geschäftsmäßigen Charakters der Ehe unerwünscht ist und ihre Sittlichkeit beeinträchtigt, abgelehnt werden. Immerhin möge es bei der Verschiedenheit der Verhältnisse und Charaktere den einzelnen Ehepaaren überlassen bleiben, in einem Ehekontrakt diese und ähnliche Punkte festzulegen. § 2. Die Probezeit von zwei Jahren gibt aber noch durchaus keine sichere Gewähr für das spätere Eheglück. Es ist der Fall wohl denkbar, daß einer der Ehegatten, der an der Weiterführung der Ehe vielleicht aus materiellen Gründen besonders interessiert ist, sich während der zwei Jahre zusammennimmt und erst nachher sein wahres Gesicht zeigt. Es ist auch gar nicht ausgeschlossen, daß sich nach Ablauf der zwei Jahre irgendwelche, in den äußeren Verhältnissen oder in der geistigen Entwicklung begründete, gar nicht voraussehbare Umstände einstellen, die zu einer Entfremdung der Gatten führen, wie sich das zum Beispiel während des Krieges 1914/18 in ungezählten Fällen gezeigt hat. Dem könnte vielleicht eine weitere Probezeit von mindestens drei Jahren abhelfen. Man wird mir aber zugeben, daß Ehepaare, die fünf Jahre und mehr zusammen ausgekommen sind, in den seltensten Fällen dann noch ernstlich an Scheidung denken. Somit wäre die ganze mein letztes Kind.... Ich habe es nicht mehr gesehn. Mütter! Ich rufe euch auf! Lasst nie mehr solch grausiges morden geschehn! In unsere Hand ist viel vom Schicksal der Welt gelegt. Mütter der Menschen! Erfasst dies Wort, das Himmel und Erde bewegt! Crotzdem ich von meinen Söhnen keinen am Leben weiss, Fühl' ich mich Mutter der Menschen und liebe die Menschen heiss... Erwacht aus Verblendung! Nur mit den Waffen des Geistes ge= winnt ihr die Welt! Oft aber wein' ich verzweifelt, weil uns Müttern oft auch die letzte Hoffnung zerschellt.... Hans Gathmann. Markgräfin Griseldis, ein mittelalterliches Frauenideal. Das Verhältnis zwischen Mann und Weib beruht auf natürlichen geschlechtlichen Bedingungen, die zu allen Zeiten die gleichen sind, es ist aber auch ein soziales Verhältnis, das durch die Umwelt be= Ich weinte.... War ich allein auf der Erde ein einsames, klagen- einflußt wird. Während also die geschlechtlichen Beziehungen zwischenr des Weib?! Einer kehrte mir endlich zurück, männlich, hassend den Bruderzwist. Und ich sah, wie sehr auch der Mann vor der Mutter noch Kind und voll Ehrfurcht ist. Da begann ein neuer Kampf in den Strassen der eigenen Stadt. Bruder erschlug den Bruder, und keiner wusste, was er in Wahrheit tat. mordmaschinen gellend zwischen den Häusern Verderben spien. Über die blutigen Strassen trugen sie die zerrissenen Menschen hin. Mann und Weib unabhängig sind von Zeit und Wirtschaftsweise, haben die sozialen Beziehungen mancherlei Wandlungen durchgemacht. In den Zeiten der Mutterfamilie bildete die Frau den Mittelpunkt der häuslichen Gemeinschaft, als das Vaterrecht zum Durchbruch gelangt war, wurde der Mann der Herr seines Weibes und seiner Kinder. Die alten Römer, bei denen der Ehemann der un umschränkte Gebieter seiner Familie war, waren höchlichst erstaunt über die einflußreiche Stellung, die die Frauen bei den alten Germanen einnahmen, und über die Achtung und Verehrung, die sie dort genossen. Unter dem Einfluß des Christentums wurde auch bei den Deutschen die Frau allmählich ihrer hohen Würde entileidet 118 Die Gleichheit Einrichtung der Probeehe zwecklos. Die Probezeit kann unter Umständen zu einem Erziehungsmittel für Ehegatten werden, die wirklich gemütlich an dauerndem Zusammenleben interes siert sind; sie kann aber auch zu heuchlerisch freundlichem, also unmoralischem Gebaren wenigstens während der ersten„ gefährlichen" zwei Jahre führen, wenn, wie gesagt, auf einer Seite ein materielles oder anderes besonderes Interesse zur Weiterführung der Ehe vorliegt. § 3. Die Unterbringung und Erziehung der Kinder nach getrennter Probeehe ist wohl das schwierigste Kapitel der ganzen Frage. Selbstverständlich bestehen diese Schwierig keiten auch schon unter den heutigen Verhältnissen. Wenn aber die Probeehe überhaupt einen Sinn haben soll, muß mit erheblich vermehrten Ehescheidungen( nach zwei Jahren) gerechnet werden. Die Einrichtung der Probeehe würde aber auch zu vermehrten erstmaligen Eheschließungen führen; dies soll ja einer ihrer Zwecke sein. Es würde also die Zahl der Familien ohne Mann( eine traurige, durch die Kriegsverluste häufig gewordene Erscheinung) noch wesentlich vermehrt werden. Die getrennte Ehefrau soll wieder dem Broterwerb für sich und ihre Kinder nachgehen. Die Kinder müssen also während des Tages in Horten untergebracht werden. Die Häuslichkeit wird vernachlässigt. Die Erziehung der Kinder ( besonders der Knaben) leidet unter der einseitigen Beeinflussung durch die Mutter( den fehlenden väterlichen Einfluß; siehe die Jahre 1914/18!). Die Aussicht auf Wiederverheiratung ist äußerst gering, einmal, weil die Frau mit Kindern an sich wenig begehrt ist, und dann, weil der getrennten Frau immer der Verdacht der Mitschuld an der Trennung und deshalb des Vorhandenseins wesentlicher Charakter- oder anderer Fehler anhaftet. Es muß nun jedem Mädchen überlassen bleiben, zu beurteilen, ob ihm unter solchen Umständen die Mutterschaft noch begehrenswert erscheint, oder ob sie es nicht vorziehen soll, wenn es ihr nicht vergönnt war, nach allseitiger reif licher Prüfung ihrer selbst und ihres künftigen Ehegatten mit voller überzeugung in die Dauerehe zu gehen, in zusagendem Wirken für die Gesellschaft und damit für sich und zur Magd des Mannes erniedrigt. Während des ganzen Mittelalters bis in die Neuzeit hinein war die Frau, aller schwärmerischen Verherrlichung durch Sänger und Dichter zum Troz, von dem Mann wirtschaftlich abhängig und infolgedessen sozial minderwertig. Diese Abhängigkeit drückte auch ihrem Geistes- und Seelenleben den Stempel auf. Die Ehefrau sollte unter Verzicht auf Bildung sich ausschließlich dem Hauswesen widmen und dem Manne das Leben angenehm machen; ihre hauptsächlichsten Tugenden waren Treue, Gehorsam, Unterwürfigkeit und Opfersinn, ihr ganzes Dichten und Trachten follte darauf gerichtet sein, für den Mann zu leben, ihre eigene Persönlichkeit sollte verschwinden im Dienste des Mannes. Wenn auch vielleicht die eine oder andere Frau sich innerlich und äußerlich gegen diese Versklavung durch den Mann aufbäumte, so fand sich doch die große Masse der Frauen damit ab und fügte sich widerstandslos ihrem Schicksal, wozu natürlich die Erziehung der weiblichen Jugend wesentlich mit beitrug. Es bildete sich ein Frauenideal, das uns moderne Menschen geradezu vorsintflutlich anmutet. Die Frau unterwarf sich willenlos und ohne zu murren dem Willen und den Launen des Mannes, demütig und unter Ertötung ihrer eigenen Persönlichkeit ließ sie alles über fich ergehen, was der Mann mit ihr anstellte. In zahlreichen Darstellungen erzählen uns die Dichter von der Frau als das Opfer männlicher Willkür, und zwar erzählen sie uns dies nicht im Tone der Mißbilligung oder gar der sittlichen Entrüstung, sondern in Ausdrücken hohen Lobes über das Verhalten der guten Frau. Eine der bekanntesten Erzählungen dieser Art ist die Sage von der Markgräfin Griseldis. Die berühmtesten Dichter: Petrarca und Boccaccio in Italien und Chaucer in England haben an diesem Stoffe ihre Kunst erprobt, Hans Sachs hat ihn zu einem Schauspiel verarbeitet, und in den Volksbüchern ist er Jahrhunderte hindurch lebendig geblieben. Die Sage erzählt uns von dem Markgrafen Walter von Saluzzo in Piemont, der die wunderschöne tugendreiche Tochter Griseldis eines blutarmen Landmannes zu seiner Gemahlin erwählt, nachdem sie gelobt hat, ihm in jeder Weise zu Willen zu sein. Die Braut wird in den Kreis der Herren und Damen des Hofes geführt, ihrer ärmlichen Kleidung entledigt Nr. 15 selbst, in ungestörter und ungehemmter Arbeit an der Entwicklung ihrer und ihrer Genossinnen Persönlichkeit ihr Lebensglück zu suchen. Angesichts der vorstehenden schwerwiegenden Bedenken gegen die Probeehe scheidet ein etwa vorhandener geheimer ,, bevölkerungspolitischer" Mitzweck der Probeehe natürlich vollständig aus. Derartige, bewußt auf stärkere Vermehrung der Bevölkerung ausgehenden Bestrebungen werden mit Recht heute fast allseitig aus guten Gründen abgelehnt. §§ 4, 6, 7, 8, 10. Auf die Schwierigkeiten der Eintreibung der beiderseitigen Beiträge zur Unterhaltung und Erziehung der Kinder, die durch böswillige Entziehung, Arbeitslosigkeit, Krankheit usw. entstehen können, sei hier nur hingewiesen. Die einseitige starke Belastung des Mannes mit Abgaben bei Trennung der Probeehe sowohl wie die ungünstige Stellung der getrennten Frau würde zweifellos die Zahl der Trennungen wie auch die der Wiederverheiratungen vermindern; durch die Erschwerung der Trennung aber würde ja gerade der Hauptzweck der Probeehe aufgehoben, und wir fämen wieder ungefähr zu den augenblicklichen Verhältnissen, daß nämlich viele unglückliche Ehen aufrechterhalten werden. Die Probeehe hebt, wenn sie die Trennung erschwert, ihren Hauptzweck selbst auf; erleichtert sie, ihrem Sinn entsprechend, die Trennung, so führt das, besonders bei der dann bedeutend größeren Zahl der Trennungen, zu schweren Nachteilen für Frau und Kinder( siehe das vorstehend unter§ 3 Gesagte). Richtiger erscheint mir deshalb fürs erste eine liberalere und schnellere Handhabung des Ehescheidungsverfahrens beim Vorliegen ernster Gründe. Die gründlichste Besserung der Stellung der Frau im Staatsleben sowohl wie in der Ehe kann aber nur dadurch herbeigeführt werden, daß die Frau immer mehr arbeitend und kämpfend, durch Organisation, Selbstbildung und Erziehung, ihre wirtschaftliche und geistige Selbständigkeit erhöht. Mit dem zunehmenden Be wußtwerden des eigenen Wertes wird sie auch immer mehr davon abkommen, sich dem ersten besten Manne fritif- und würdelos an den Hals zu werfen. Das eigene Wertbewußtund mit prächtigen Gewändern geschmückt. Sie soll ihrem Herrn und Gemahl eben alles verdanken. Ihr alter Vater Giamicola, ein vorsichtiger Mann, packt die schlechten Kleider in eine Truhe und trägt sie heim, vielleicht kann sie sie später noch einmal gebrauchen. Dann findet die Hochzeit unter großen Feierlichkeiten statt, und die Ehe verläuft zunächst ganz glücklich. Nachdem Griseldis ihrem Gemahl eine Tochter geboren hatte, beschloß der Markgraf, sie auf die Probe zu stellen, ob ihre Treue und ihre Ergebenheit unerschütterlich sei. Eines Nachts trat er an ihr Bett und erklärte, das Volk sei unwillig darüber, daß sie ihm teinen männlichen Erben geschenkt habe, und um es zu beruhigen, sei er entschlossen, das neugeborene Kind beiseite zu schaffen und töten zu lassen. Mit blutendem Herzen, aber in ihr Schicksal ergeben, liefert sie das Kind dem Diener aus, der es fortschafft. Nur um ein ehrliches Begräbnis für das arme Kind bittet sie, damit die Leiche nicht den Hunden und Raben zum Fraße werde. Der Diener bringt das Kind des Grafen zu dessen Schwester in Bologna, wo es aufgezogen wird. Als die Markgräfin später einem Knaben das Leben schenkt, wird ihr auch dieser entrissen und nach Bologna gebracht. Wohl trauert sie um den Verlust der beiden Kinder, und mit ernster Miene versorgt sie das Hauswesen, aber ihr Verhalten gegen ihren Mann bleibt nach wie vor unverändert. Nach zwölf Jahren wird sie auf eine noch härtere Probe gestellt. Der Mann erklärt ihr, sein Volk verlange dringend, daß er sie verstoße und ein Weib aus edlem Stande freie, er habe bereits vom Papste die Erlaubnis eingeholt, seine Ehe zu lösen und eine neue einzugehen. Voll Ergebung beugt sie sich seinem Willen, legt ihre kostbaren Kleider und die Schmucksachen ab und kehrt nackt und bloß in ihre väterliche Hütte zurück, wo sie sich in die ärmlichen Lumpen hüllt und die Arbeit einer Magd verrichtet. Ohne ein Wort der Klage oder des Vorwurfs trägt sie ihr Schicksal, ja sie entschuldigt sogar noch ihren Mann, daß er nicht anders handeln könne, denn hoch und niedrig paßten nun einmal nicht zusammen. Nach einiger Zeit verbreitet sich das Gerücht im Lande, daß der Markgraf seine junge adelige Braut nebst ihrem Bruder eingeholt habe und daß die Hochzeit stattfinden solle. Er erscheint bei Griseldis und fordert sie auf, Nr. l5 Die Gleichheit ll9 sein wird sie dazu führen, auch beim Erwählten das Vorhandensein gewisser Gemüts- und Charakterwerte zur Vorbedingung des Ehebundcs zu machen. Sind wir soweit, dann werden schon ungezählte Frauen vor einem traurigen Eheschicksal bewahrt sein; dann wird auch von selbst die Zeit kommen, die die Eheformen der Höhe der gewonnenen inneren Freiheit und der Geltung der Frau im Leben der Volksgemeinschaft anpaßt. W. Griechen. Kriminalität und Erziehung derIugendlichen. Die Klagen und auch die zahlenmäßigen Belege über die zunehmende Kriminalität der Jugendlichen mehren sich täglich. In der Hessischen Kammer hatte der StaatSminister auf den verderblichen Einfluß hingewiesen, den der Krieg auf die Moral des Volkes ausübt. Die Kriminalität der Jugendlichen sei erschreckend gestiegen. Während im Jahre 1914 in Hessen nur 96 jugendliche Personen bis zum Alter von 18 Jahren wegen Verbrechen rechtskräftig verurteilt wurden, ist die Zahl dieser Strafdelikte im Jahre 1917 auf 4912 gestiegen. Und im Bezirk des Oberlandesgerichts Düsseldorf ist die Zahl der verurteilten Jugendlichen von 872 im Jahre 1914 auf über 5000 im ersten Halbjahr 1917 gestiegen. Wirklich erschreckende Zahlen, die jeden Menschen und Jugenderzieher nnt banger Sorge erfüllen müssen. Auch ohne statistischen Nachweis ist die Tatsache offenbar, daß die Kriminalität der Jugendlichen während der Kriegszeit sehr gestiegen ist, wie denn die Zahl der strafbaren Handlungen in dieser Zeit sich sicher im allgemeinen stark vermehrt hat, ganz ungerechnet die militärischen Vergehen. Wie weit also der Krieg.veredelnd" aus die Bevölkerung einwirkte, wie von sogenannten Patrioten und schlechten Psychologen immer behauptet wurde, soll hier unerörtert bleiben; das ist ein Kapitel für sich. Die sozialistische Weltanschauung, die während der Kriegszeit in politischer, wirtschaftlicher, sozialer und psychologischer Beziehung sich so oft als richtig erwiesen hat, findet auch bei Beurteilung dieser Frage ihre Bestätigung. Nur wird, wie in so vielen Fragen, ihre Nichtigkeit noch nicht anerkannt, und es fehlt der Mut zum öffentlichen Bekenntnis. Die Grundursache der zunehmenden Kriminalität der Jugendlichen liegt in den veränderten sozialen Zuständen begründet. sie solle ins Schloß kommen und dort Magddienste verrichten. Ohne Widerrede folgt sie dem Nufe, sie reinigt die Zimmer im Schlosse, macht das Hochzeitsbett in Ordnung, bedient die Gäste, die die neue Gräfin als ein Musterbild von Schönheit rühmen, und zuletzt schmückt sie noch ihre Nachfolgerin zur Trauung. Als der Graf sie fragt, ob � seine junge Braut nicht schön und holdselig sei, antwortet sie:„Sie ist viel schöner als ich, ich will für sie und für Euch um den Segen des Himmels flehen. Nur um das eine bitte ich Euch, seid gut gegen sie, denn sie ist ein zartes Kind und vermag die Unbilden des Schicksals nicht so gut zu ertragen wie eine Magd aus armem Stande." Jetzt ist der Graf besiegt von so viel Güte, Demut und Opfersinn, er umarmt und küßt sie innig und enthüllt ihr, daß die angebliche Braut ihre totgeglaubte Tochter und deren Bruder ihr Sohn sei. Zu seiner Entschuldigung führt er an, daß er nicht aus Grausamkeit und Herzensbosheit so an ihr gehandelt habe, sondern um ihre Milde und Güte zu prüfen. Diese Prüfung habe sie bestanden, und nun solle sie wieder sein liebes Weib und die Mutter ihrer Kinder sein. Griseldis erwacht wie aus einem bösen Traum, und vor Freude weinend schließt sie Mann und Kinder in ihre Arme. So endet die grausige Geschichte mit einem glücklichen Ausklang. Einem modernen Menschen wird es nicht leicht sein, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt des Markgrafen und seiner Frau hineinzufinden. Er wird Abscheu verspüren vor der Härte des Mannes, der seine Frau einer solchen Probe unterzieht, und er wird kein Verständnis haben für die Unterwürfigkeit der Frau gegenüber dem Manne. Bei der Frau berührt uns am unangenehmsten ihre Sklavengesinnung und ihr Mangel an Selbstbewußtsein. Anstatt sich aufzubäumen gegen die Willkür und sinnlose Grausamkeit des Mannes, unterwirft sie sich seiner Laune in Demut und Gehorsam. Hier sieht man, wie wirtschaftliche Abhängigkeit und falsche Erziehung den Charakter verdirbt und den Menschen entwürdigt, und wie das soziale Bewußtsein der Menschen von ihrer Umwelt beeinflußt wird. Die mittelalterliche Frau lebte in einer ganz anderen sozialgeissigen Atmosphäre wie die Frau von heute. Wir haben heute ein ganz neues Frauen ideal. Die moderne Frau ist nicht mehr die unterwürfige Sklavin und ergebene Dienerin des Mannes, sie ist viel- Die durch den Krieg geschaffene wirtschaftliche Not ist zunächst das Grundübel der steigenden Kriminalität im allgemeinen. Es wäre bei der Beurteilung der zunehmenden Vergehen der Jugendlichen sehr wichtig und bedeutsam, wenn wir vergleichende Zahlen auch über die sicher sehr stark gewachsene Kriminalität der Erwachsenen Hütten. Daß diese bei der enormen Lebensmittelknappheit und den unendlichen Kriegsverordnungen und-strafbestimmungen das normale Maß bei weitem übersteigt, kann wohl ohne Gefahr, einer unrichtigen Behauptung geziehen zu werden, gesagt werden. Bei den Jugendlichen kommen aber noch eine Reihe begleitender Umstände in Betracht, die in gleichem Maße für die Erwachsenen doch Wohl nicht bestehen. Jede Familienmutter wird uns bestätigen, daß es ihr unsäglich schwer fällt, der Kriminalität im eigenen Hause zu wehren, wenigstens soweit es sich um die zwangsweise und rechtswidrige Aneignung der so karg bemessenen Lebensmittel handelt. Der Küchenschrank muß jetzt vielfach so achtsam verschlossen bleiben wie sonstwo der Geldschrank. Der Erwachsene legt sich mühsam Ztvang auf, das Kind und der Jugendliche verlangen unbekümmert um die staatliche Brot- und Kartoffelnration über ihr Quantum Humus. Wird es ihnen nicht gewährt— und es kann ihnen nicht gewährt werden—, so verleitet der in den körperlichen Entwicklungsjahren besonders rege entwickelte Appetit zu unreeller Beschaffung von Nahrungsmitteln. Was der Erwachsene im Schleichhandel zu erwerben versucht, eignet sich das Kind oder der Jugendliche, ohne Zahlung der Wucherpreise, bei sich günstig bietender Gelegenheit schließlich durch Diebstahl an. Die Eigentumsdelikte sind denn auch, wie die Statistik nachweist, gestiegen, nicht die Roheitsdelikte. Feld- und Forstdiebstähle, muh Obstdiebstähle sind die häufigsten Vergehen. Diebstahl unter erschwerenden Umständen, das Eindringen in verschlossene Räume, in Keller, Güterböden usw. kommen häufig vor, ohne daß der jugendliche Verbrecher sich der nach dem Gesetz sehr schweren Tat bewußt wäre. Es erscheint uns als eine völlig schiefe Darstellung, wenn der bayerische Staats- ininister in seinem Bericht an die Kammer der Abgeordneten die besondere Zunahme der Kriminalität der Jugendlichen in den größeren Städten darauf zurückführt, daß die Kinder in der Stadt weniger zur Arbeit angehalten würden als auf dem Lande, wo sie zum Viehhüten und zu landwirtschaftlichen Arbeiten gebraucht werden. Dort herrscht eben nicht im entferntesten ein solcher Mangel an Nahrungsmitteln, deshalb die weit geringere Ursache zu Eigentumsdelikten. Dazu kommt ferner, daß heute bei der kolossalen Wcrt- steigerung aller Lebens- und Gebrauchsmittel jede geringste An- mehr seine Gefährtin, seine Kameradin, seine Genossin, die mit ihm auf dem Boden der Gleichberechtigung verkehrt. Die Umwandlung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse und die daraus entsprungene Veränderung unserer sozialen Zustände hat auch unser soziales Bewußtsein von Grund auf umgestaltet. Die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau hat auch eine geistige und seelische Unabhängigkeit vom Manne mit sich gebracht, je fester sich die Frau auf eigene Füße stellt, desto mehr entfernt sie sich von dem Bilde, das in den mittelalterlichen Menschen lebte. Eine Markgräfin Griseldis, ein Käthchen von Heilbronn und ähnliche Gestalten, die die Dichter verherrlicht haben, sind für uns zu Zerrbildern gelvorden, die geradezu peinlich wirken. An dieser Gegenüberstellung zwischen einst und jetzt, zwischen dem alten und dem neuen Frauenideal können wir so recht deutlich die Entwicklung beobachten, die die Emanzipationsbewegung der Frauen durchlaufen hat, und wir können uns der Erfolge freuen, die errungen worden sind. Allerdings ist das neue Frauenideal noch nicht überall verstanden, geschweige denn verwirklicht worden, aber es wird in die Wirklichkeit umgesetzt werden, wenn Mädchen und Frauen nicht müde werden im Kampfe um ihre wirtschaftliche, geistige und seelische Befreiung. Franz Laufkötter. Mein Frühling. Die Welt ist schön, wo deine Füße schreiten, Die Sonne lacht, der Wolken Flor entweicht, Und bunte Blumen rings sich blühend breiten, Mein Herz wird fröhlich und mein Sinn wird leicht. So schau ich dich! Was andre Leute sagen, Das gilt mir nichts, wie es auch immer klingt. Du bist mein Frühling und dich will ich fragen, Und glauben, was mir deine Antwort bringt. W. ttnoll. Was ist es, sprich, was bei den Menschen Liebe heißt?— O Kind, das Süßeste und Bitterste zugleich. Cu.ipldes. 120 Die Gleichheit Nr. 15 eignung als Diebstahl betrachtet und oft zur Anzeige gebracht wird. Wenn, um unter vielen Beispielen eins zu nennen, im vergangenen Sommer ein Pfund Stachelbeeren 90 Pf. kostete, dagegen vor Jahren in Süddeutschland wie Schreiber dieser Zeilen sich erinnert die Kinder das Pfund dieses als minderwertig betrachteten Obstes das Pfund für 3 Pf. kauften und nur beim Obstzüchter sich selbst pflücken mußten, so zeigt sich daran der ungeheure Unterschied in der Wertschäzung. Was damals allenfalls als eine Unart angesehen worden wäre etwa die Entwendung eines Pfundes von diesem Obst, ist heute eine strafbare Handlung, namentlich in der Stadt. Der Mangel an Arbeitskräften hatte den Jugendlichen vielfach in Stellungen gebracht, in die er sonst nicht gekommen wäre und in die selbst Erwachsene sonst nur dank eines besonderen Vertrauens gelangen. Als Kassenbote, Kassierer, Post- und Bahnangestellte wurden sie in reicher Anzahl beschäftigt und erlagen dabei -gar zu leicht der Versuchung, infolge der wirtschaftlichen Not, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen. Und wenn die Roheitsdelikte nicht oder nur wenig gestiegen sind, so ist das angesichts mancher Tatsachen fast bewunderungswert. Das Kriegsspiel, die vielfach bluttriefenden Berichte von den Kriegsschauplägen, namentlich wie fie in der Kriegsschundliteratur dargestellt werden, regen nicht nur den Abenteuerdrang des unentwickelten jungen Menschen an, sondern wirken direkt vergiftend auf ein sonst unverdorbenes Gemüt. Allgemein ist die Klage, daß an der steigenden Kriminalität der Jugendlichen die fehlende Autorität des Vaters während der Kriegszeit schuld gewesen ist. Wohl nicht mit Unrecht. Viele Jugendein richter befunden, daß, weil die väterliche Aufsicht fehlt und ebenfalls sehr wichtiger Faktor die Mutter in Arbeiterkreisen auch vielfach die Aufsicht nicht ausüben kann, weil sie täglich außer dem Hause auf Erwerbsarbeit gehen muß, die Vergehen sich mehren. Bezeichnend ist, daß die jüngeren Altersklassen von zwölf bis vierzehn Jahren den größten Anteil an der Kriminalität haben, weniger die von sechzehn bis achtzehn Jahren. In Arbeiterkreisen liegt die Erziehung der Kinder doch eigentlich in der Hauptsache der Mutter ob, da der Vater wegen seiner langen Abwesenheit von Hause sich viel weniger um das Wohl und Wehe der Kinder kümmern fann. Sollte da nicht die Mutter viel größeren Einfluß auf die Erziehung der Kinder haben als er? Der Vater darf nicht der schwarze Mann in der Erziehung der Kinder sein, dessen abendliche Heimkehr mit Schrecken erwartet wird. Die Mutter muß soviel Einfluß auf die Kinder auszuüben vermögen, daß sie nicht erst der stärkeren Autorität des Vaters bedarf. Jede Mutter sollte danach trachten, ihren Kindern die volle Erzieherin zu sein. Die Kriegszeit hat allerdings gezeigt, daß sie das nicht immer ist. Im Interesse der Jugenderziehung aber ist es dringend zu wünschen. Georg Schmidt. Deutsches Hilfswerk für die Kriegs- und Zivilgefangenen. Opferwoche. Vom 3. bis 10. Mai d. J. wird im ganzen Deutschen Reiche eine Dpferwoche veranstaltet in der Art, daß an ein und demselben Orte nicht länger als zwei Tage hintereinander öffentliche Sammlungen stattfinden. Gemeinsam mit den bisherigen Fürsorgeorganisationen hat der Boltsbund zum Schuße der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen seine Mitwirkung bereitwilligst in den Dienst des Hilfswerks gestellt. Von den Erträgnissen der Sammlungen verbleiben den örtlichen Organisationen gemeinschaftlich 33% Prozent, die in der Hauptsache für den Empfang in der Heimat verwendet werden, während 66%/ s Prozent dem deutschen Hilfswerk zur Durchführung seiner Aufgaben: Empfang und Fürsorge vor und nach der Rück tehr unserer Gefangenen, zufließen. über die Verwendung der Sammlung bestimmt der Arbeitsausschuß der Reichszentralstelle für Kriegs- und Zivilgefangene, dem die großen charitativen Organisationen, sowie auch der Wolfsbund zum Schuge der deutschen Kriegs- und Zivilgefangenen angegliedert sind. Geldsendungen nimmt entgegen die Deutsche Bant, Depositentasse A, Berlin W 8, Mauerstraße 26/27 auf Konto: Deutsches Hilfswerk für Kriegs- und Zivilgefangene. Das ganze deutsche Volt wird aufgerufen, durch eine große Liebesspende unseren heimkehrenden Gefangenen einen herzlichen und würdigen Empfang mit brüderlicher Fürsorge zu bereiten. Wonach einer recht mit allen Kräften ringt, das wird ihm; denn die Sehnsucht ist nur der Ausdruck dessen, was unserem Wesen gemäß ift. Feuchtersleben. Frühling. O wie ist die Welt weit, wenn die Sonne des Frühlings über sie blüht! Alle Wege liegen lockend, alle Ströme brausen befreit, und die Berge rühren zaghaft den schimmernden Himmel! Herz! Welche Sehnsucht! Das alltäglich engumpanzerte Ich sprengen, Welt werden, Tempel, Heiligtum, das Schönheit sein eigen nennt und Glück und Liebe! Aus sich heraus strebt der Mensch. In die Weite, in die Höhe, in die lockende Tiefe des Seins! Aus sich heraus! Wie der Baum nach allen Seiten Äste streckt, breit, schattig und heimatlich, so möchte er Arme ausstrecken, liebevoll, gütig und hilfreich. Nieder die Mauern des Kleinmutes, die Stacheldrähte der bösen Selbstsucht, die morschen Gaffer des Neides und Hasses. Das reine Menschenherz verwandelt die Welf. O wie wird die Welt schön, wenn die Sonne der Menschenherzen über sie blüht! Hans Gathmann. Tagebuchblätter aus Weimar. Den 27. März 1919. Genosse Heinrich Schulz spricht zum Notetat. Unsere Partei fordert eine flave Formulierung für die Ausgaben der Reichsleitung. Die Redner der bürgerlichen Parteien sind in Form und Inhalt maßvoll. Bei Haase, der die Gelegenheit zu Angriffen gegen die verhaßte Regierung nicht vorübergehen läßt, hat man doch das Empfinden, daß er sich nicht vorbereitet hat. Seine scharfe Polemik gegen Noske ruft den Reichswehrminister zu Entgeg nungen auf den Plan. Zu einer Erklärung und Bekräftigung der Rede von gestern nimmt Scheidemann das Wort. Nach einer Richtigstellung Erzbergers, an Haases Adresse gerichtet, folgt einmal wieder ein Geplänkel persönlicher Bemerkungen. Wir Wilde( lies Frauen) sind doch bessere Menschen. Hoffentlich bleiben wir es bei so viel bösen Beispielen. Den 28. März 1919. Die Kommissionen, besonders der Verfassungs- und Haushaltsausschuß, arbeiten mit großem Fleiße, um Stoff für das Plenum zu schaffen. Die Tagesordnung sieht sehr reichlich aus, es fommt auch zu einigen Abstimmungen. Hierbei müssen wir wieder feststellen, daß unsere Partei, vielleicht durch gleichzeitige Tagungen der einzelnen Landesversammlungen, sehr schwach vertreten ist. Doppelmandate können sich schädlich auswirken, vielleicht faßt aber auch ein Teil der gewählten Vertreter zur Nationalversammlung die Verpflichtung zur Arbeit nicht sehr ernst auf. Den 29. März 1919. Der Nachtrags- und Notetat wird in zweiter Lesung beraten. Als Berichterstatter für den Haushaltsausschuß spricht Löbe, der sich seiner Aufgabe mit großem Geschickt entledigt. Die U. S. P. schickt Lautant( Berlin) vor, der den Beweis erbringt, daß in seiner Fraktion wenig Köpfe" sind; er ist nämlich keiner und gibt mehrmals unfreiwillig Stoff zu herzlichem Lachen. Annahme des Nachtragsetats.- Jm weiteren Verlauf der Situng wird lebhaft Klage von seiten der bürgerlichen Parteien geführt, daß in Militärwerkstätten zum großen Teil noch unproduktiv gearbeitet wird. Noske ist mit seinen Antworten geschickt. Er muß bestätigen, daß vielfach Betriebe schädlich und unproduktiv arbeiten, zum Beispiel geschieht das in Spandauer Werkstätten, wo Unabhängige die sogenannte Generaldirektion in Händen haben. Nach einer Geschäftsordnungsdebatte, in der Schulz( Bromberg) von der deutschnationalen Volkspartei nachzuweisen sucht, daß nur sie die außenpolitische Situation am besten verstünden, vertagt sich das Haus bis Mittwoch, den 9. April. Die Genossen in den Ausschüssen sind bis dahin in Weimar festgehalten. Hoffen wir, daß Deutschlands außen- und innenpolitische Lage keine Stöße erfährt. Sie könnten uns das Chaos bringen. Elisabeth Röhl. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.g. in Stuttgart.