Nr. 16 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig. Durch die Post bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mr. 1.45. Stuttgart 1. Mai 1919 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin S2 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. Des deutschen Volkes Maientag! Zum erstenmal grüßen wir als freies Volt den 1. Mai, und zum erstenmal gehört unser Früh lingsfesttag dem deutschen Volke. Bis hierher gehörte er uns, der Arbeiterklasse; wir hatten ihn uns ertrozt und erkämpft. Er war das Wahr zeichen unseres starken Willens, er war der Meilenstein für den Aufstieg zum Sozialismus! In den furchtbaren und jammervollen Jahren des Krieges war er der Tag des Trostes, an dem sich immer wieder die aage Hoffnung hob, daß trotz allen Niederbruchs dennoch einmal ein Völkermaientag kommen werde; der Anfang einer Zeit, welche die Menschheit nicht wieder durch Blut schreiten lasse. Ewig ist das Leben. Es vergeht und kommt wieder in jedem Jahre von neuem. Unwandelbar ist das heilige Naturgesetz, welches Knospen, Blüten und Früchte bringt, das die Sehnfurcht und den Glauben an das Gute im Menschenherzen immer von neuem zu reiner Flamme entzündet. Und nun soll der Maitag über alle Volksgenossen seine Biten streuen. Nun ist er ein Ausdruck des Sieges der Arbeiterklasse, der allen Menschen in deutschen Landen ein Sagen werden soll, geworden. Zwar feiern viele den Tag noch nicht mit uns, weil sie seinen Sinn nicht begreifen, weil ihnen unsere Ideale so fremd und fern sind. Ihnen war Waffengeklirr schönere Musik als uns die Symphonie des Lebens, des Friedens, der Schönheit, welche der Mai verfündet. Aber es ist an uns, dafür zu wirken und zu schaffen, dah einst alle Menschen unseren Festtag verstehen und jubelnd mit uns dem Ziele entgegenschreiten. Der Wille der deutschen Arbeiterklasse 3er brach im Novembersturm das alte morsche Gebäude der Monarchie, zerschlug die Ketten, die das deutsche Bolt politisch und moralisch fesselten. Der Wille des freigewordenen Volkes schuf durch die Nationalversammlung die deutsche Republik. Das ist das Ergebnis des Jahres, wenn wir zurückblicken an diesem 1. Mai. Wenn wir vorwärtsschauen, sehen wir, ragend über einem Trümmerfeld, leuchtend und unverrückbar unser legtes Ziel: den sozialistischen Staat. Nun gilt es, den Weg freizu machen. Wollten wir über die Trümuner hin zum Ziele stürmen, dann würden es vielleicht einige erreichen, aber die Gesamtheit unseres Volkes müßte elend, kraftlos zusammenbrechen. Rückwärts gibt es feinen Weg und darf es keinen geben, weil er uns in die Wüste zurückführen würde, die wir eben durchwandert haben. Darum müssen wir alle mit Hand anlegen, ihn nach vorwärts zu schaffen: aufräumen und aufbauen. Und bei diesem Wiederaufbau muß die Arbeiterklasse so die Führung übernehmen, wie sie dieselbe beim Niederbruch übernommen hatte. Das ist ihre historische Aufgabe, und wenn sie sich reif genug erweist, dieselbe zu vollenden, dann wird sie in der Geschichte ewig leben als die Erlöferin der Menschheit und Wegbahnerin des Menschenglücks. 43, Und wer ist mehr zur Mithilfe an diesem großen Werke berufen als wir Frauen 1 Durch die blutigen Gründe des Völkerkriegs mußten wir wandern; mit Ketten des Schmerzes aneinandergeschmiedet, gingen wir über vier Jahre den Kreuzesweg. Wir waren Unfreie und mußten schweigen; wohl gellten Schreie von unseren Lippen, aber unsere Unterdrücker achteten ihrer nicht. Bis die Revolution auch uns zu Freien unter den Freien machte. Die Arme streckfen wir dem Licht entgegen, als die Last von unseren Schultern fiel, und den Blick erhoben wir, um die Sonne zu suchen. Es schien, als wolle Haß und Feindschaft versinken auf ewig. Dis beide sich von neuem emporrecten, sie hatten zu lange die Welt regiert, um mit einem Anlauf überrannt zu werden. Wir mußten es erleben, daß der Bruderkrieg im eigenen Land raste, nicht uns und unsere Kinder schonend; wir mußten den Kelch des Leides leeren bis auf den Grund. Nun aber ist es genug. Wir wollen, daß die Liebe wieder durch die Welt gehe, die Wunden heilend, die der Haß geschlagen. Wir wollen, daß das Leben über den Tod triumphiert. Wir Frauen sind ewig Suchende auf Erden! Wir suchen das Land des Glückes, das Land unserer Kinder! Darum sind wir die Künder der Zukunft, die in unseren Kindern lebt. Und an dieser Zukunft wollen wir bauen. Liebe gilt es in die jungen Seelen zu pflanzen; Liebe zum Leben als dem Urquell aller Schönheit und Wahrheit; Liebe zur Natur, die uns alle Schönheit offenbart, und Liebe zum Menschen, als dem beseelten Werke der Natur. Aus dieser Liebe muß die Achtung vor dem Werke der Menschen, der Arbeit, quellen. Denn nur treue, Werte schaffende Arbeit sichert uns den wirtschaftlichen Aufstieg, ohne den der geistige, sittliche Aufsteg undenkbar ist. Wir wollen aber hinauf zu den Höhen des Menschentums. Wir sind nicht frei, wenn nur unsere äußeren Stetten zerbrachen. Erst wenn wir Menschen voll verstehender Liebe sind, Menschen, die den Frieden wollen um des Segens willen, den er bringt; Menschen, die sich ihrer Schwäche bewußt sind und daran arbeiten, besser zu werden, erst dann sind wir frei. Ein solches Volf von Freien sollen unsere Kinder sein, und ihr Schwestern jenseits der Gebirge und der Meere, ihr Schwestern in aller Welt, mit denen uns dieselbe Menschheitssehnsucht eint, helft, daß wir alle, alle das Land unserer Kinder finden. Wir wollen uns die Hände reichen in berSöhnender Liebe. Nur noch einen Haß soll es geben in der Welt: den Haß gegen die Unterdrückung des Menschentums, den heiligen Haß gegen den Krieg. Wir wollen den Frieden! Helft, ihr Schwe stern in allen Landen, daß dem deutschen Wolke die Möglichkeit gegeben wird, diesen heiligen Willen zur Tat werden zu lassen. Das ist unser Gruß an unseres Volkes erstem Maientag! Klara Bohm- Schuch. 122 Den Frauen einen Frühlingsgruß! Euch allen, die in Fron und mühen 3hr dornenreiche Pfade geht, Euch sollen Maienrosen blühen! Greift lachend in die rote pracht: Ein Morgen glüht, den keine Wolke In schwarze Schatten hüllen wird, Ein Festtagsmorgen allem Volke! Die Gleichheit Den Frauen. Und ob ihr wohnt am Seinestrand, An Skandinaviens Felsentoren, Ob Londons Nebel euch umspinnt, Ob Rußlands Steppe euch geboren, Ob euch Italiens Sonne scheint, Ob euch Germaniens Eichenstärke Die muskeln spannt: ich rufe euch 3u einem großen Maienwerke! Den Haß, der die Nationen trennt, Soll eure Liebe überwinden, Wenn schwesterlich die Hände sich Sum letzten großen Kampfe finden. Des Sturmjahrhunderts Morgenschein Soll eurer Rechte Sieg verklären: Erst müßt ihr freie Menschen sein, Um freie Menschen zu gebären! Den Frauen einen Maiengruß! Ihr tragt die Zukunft unterm Herzen, Thr fängt die Freiheit an der Brust, Das ist ein heilig Recht der Schmerzen: Das ist ein göttlich Frauenrecht, Das haltet fest mit starkem Wollen... Und eure rote Blume blüht, Wenn rings umher die Wetter grollen. 080000000000 Der erste gesetzlich eingeführte Maifeiertag im neuen Deutschland. Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muß. ( Goethe.) Wir stehen still, schauen zurück auf die Vergangenheit des ersten Mai, erleben noch einmal in furzen Augenblicken die qualvoll schmerzhafte Gegenwart und versuchen über Wolfen von Jammer und Wirrnis hinaus das Frührot der neuen Zeit, der Zukunft zu erspähen. Mit ganz eigenen Gefühlen empfinden wir Frauen diese Maifeier. Wir sind politisch freie Menschen geworden und haben doch noch nicht das sichere, beglückende Gefühl der Freiheit; zu viele Ketten flirren noch an unseren Gelenken. Unverstand und Vorurteil begegnen uns noch immer auf Schritt und Tritt, mit geistigen und materiellen Nöten haben wir täglich zu kämpfen. Unsere Friedenssehnsucht ist noch nicht gestillt, die Wunden unserer Krieger sind noch nicht geheilt, viele unserer Söhne ertragen noch immer die Leiden der Gefangenschaft. Und doch sollen wir uns des Sieges freuen. Der Blick der sozialdemokratischen Frauen soll sich mit Stolz auf ihre Organisation richten, sie war uns das Mittel zum Zweck und wird es weiter sein. Viele schöne Gedanken werden täglich in den Köpfen der Menschen geboren und verdichten sich zu Ideen; aber nur selten hat der Schöpfer der Idee allein die Kraft der Durchführung. Einigkeit macht starf, das war das Leitmotiv bei allen gemeinsamen Handlungen des Proletariats der Welt, die zum Aufstieg und Erfolg führten. Vertreter organisierter Arbeitermassen waren es, die 1889 auf dem Arbeiterkongreß zu Paris die Feier des 1. Mai beschlossen; die Idee wurde zur Tat. Das organisierte Prole tariat aller Länder kämpfte in der Folge gemeinsam für seinen 1. Mai. Wie oft stellte sich dem Begehren der Arbeiter massen der harte Unternehmerwille, das krasse Machtbewußtsein des wirtschaftlich Stärkeren entgegen. Wie oft haben Arbeiter empfindlichen wirtschaftlichen Schaden erleiden müssen, weil sie sich um ihrer Ideale willen einen Feiertag nahmen. Die Organisation ließ die dee nicht niederdrücken, immer wieder stellten wir am 1. Mai gemeinsam unsere berechtigten Menschheitsforderungen auf. Uns ging es um das höchste Ziel, ums Menschentum und um den Völkerfrieden, wir wollten Licht, Luft und Sonne haben, auch uns verlangte nach den Höhen des Lebens. Der Krieg, der organisierte Menschenmord, erschien stärker als unser gemeinsames Streben, wie ein Orfan ging er über uns hinweg, während wir am Boden lagen. Noch leiden wir unter den Nachwehen dieser furchtbaren Zeit, noch haben wir von unserer Zukunft kein klares Bild; trotzdem aber erheben sich die Menschheitsideale des 1. Mai in schönerer und gefestigterer Form. Nr. 16 Klara Müller- Jahnke. Aus märchenblauen 3eiten klingt Ein Segenswort: den Fluch des Bösen, Der auf das Haupt der Menschheit fiel, Wird einst die Hand des Weibes lösen. Aus Lügenschlamm und Gassenstaub wird sie den Schatz der Wahrheit heben Und segnend ihn als Hort des Rechts Den kommenden Geschlechtern geben. Den Frauen einen Segensgruß! Aus alter Kindermärchen Klarheit Lacht hell in all den Sonnenglanz Das heilige Angesicht der Wahrheit. Kein Traumglück mehr, kein Sehnsuchtslaut: Es gilt den Kampf! auch euch, den Frauen, Und eure Kinder werden einst Der Freiheit maitag feiernd schauen! 00000008 Und das ist doch das Große für uns Frauen: wir durften mitwirken, durften helfen in dem harten Kampfe um die gesekliche Festlegung des 1. Mai. Diesmal ist es gelungen, es muß weiter gehen, immer vorwärts dem Licht entgegen. Wir müssen stärker werden. Dazu hilft uns die Organisation. Mehr noch als bisher müssen wir dieses Machtmittel gebrauchen lernen in dem vollen Bewußtsein, daß uns jeder Erfolg nur den Weg öffnet zu neuen Wünschen und neuem Streben. Es geht um den Völkerfrieden und den Völkerbund, um den Schutz der Arbeit in der ganzen Welt. Es geht dem Sozialismus entgegen. Marie Juchacz. Einst und jetzt. Das Alte stürzt, Es ändert sich die Zeit Und neues Leben blüht aus den Ruinen. Als im Jahre 1889 der Internationale Arbeiterkongreß in Paris tagte und außer anderen Beschlüssen auch den faßte, den 1. Mai alljährlich als Weltfeiertag des Proletariats aller Länder festzusetzen, wie jubelte da die deutsche, besonders die Industriearbeiterschaft dem ersten Weltfeiertag entgegen. Um so mehr, da zur selben Zeit das Sozialistengesetz nach zwölfjährigem Bestehen endlich als unhaltbar aufgehoben wurde und die so lange unterdrückte Arbeiterklasse nun endlich in aller Öffentlichkeit ihre Veranstaltungen pflegen konnte. Ich lebte damals in Hamburg und beteiligte mich bereits lebhaft an der dortigen Parteibewegung. Besondere Aufmerksamkeit widmete ich den in schwerer Arbeit steckenden und doch in Armut lebenden Arbeiterfrauen. Unter diesen Umständen war es gar nicht schwer, eine Anzahl Frauen für die Forderungen des Maitages: Achtstundentag, Arbeiterschutz usw. zu begeistern und zur Teilnahme am Maizug zu bewegen. Und wider Erwarten groß war die Teilnahme der Frauen am ersten Maizug in Hamburg. Mancher zopfbehängte Spießbürger hat sicher das Ende der Welt vor Augen gesehen ob der Teilnahme der Frauen an diesem politischen Auftakt der Arbeiterklasse. Aber die alte Klassenwelt und-herrschaft war noch lange nicht zermürbt genug zum Zusammenbruch, und die Arbeiterschaft noch nicht flug genug, ihre eigenen Kraft- und Machtverhältnisse richtig zu beurteilen. Die Folge war, daß nicht nur bei der ersten, sondern auch bei den späteren Maifeiern oft Arbeitsmaßregelungen von 3, 5 bis 8 Tagen die Strafe waren für diesen selbst gegebenen Feiertag. Mittlerweile aber wuchs die Gewerkschafts- wie die Parteibewegung riesengroß an, und nach vielen Kämpfen wurde sogar in manchen Tarifabschlüssen der Gewerkschaften der erste Mai tariflich als Feiertag festgelegt. Besonders schwer war in den neunziger Jahren die Agitations- und Werbearbeit unter den Frauen, nicht nur wegen der besonderen Eigenart der Frauen selbst, sondern vielmehr Nr. 16 Die Gleichheit der Polizeischikanierungen wegen, wozu die Vereins- und Verfammlungsgesete reichliche Handhabe boten. Volksversamm. hmgen wurden wegen der Beteiligung von Frauen kurzerhand aufgelöst, bald durften Frauen nicht mit den Männern vermischt im Saale sitzen, bald mußten sie sich rechts, bald links, bald auf der Tribüne placieren. Ja, die„ liebe Polizei" war damals emsig bemüht, die Frauen vom Versammlungsbesuch abzuschrecken. Aber es war vergebliche Arbeit, zu immer größerer Zahl wuchs die organisierte Frauenwelt. Und endlich, im Jahre 1908, wurde der§ 8 des preußischen Vereinsund Versammlungsgesetzes, der die Frauen mit politisch unmündigen Personen in eine Reihe stellte, beseitigt. Dies war der erste Schritt zur Aufhebung der politischen und rechtlichen Ungleichheit der Geschlechter. Jedoch noch weitere zehn Jahre haben die Frauen der Arbeiterklasse schwer an threr Arbeitsbürde getragen, und die gesamte Frauenwelt hat noch das ungeheure Leid, verursacht durch den schrecklichsten aller Kriege, ertragen müssen, bevor die Frauen als gleichberechtigte Menschen anerkannt wurden. Die siegreiche Revolution hat nun endlich die politische Gleichberechtigung der Geschlechter, wofür die Sozialdemokratie ja ständig gekämpft hat, gebracht. Wir Frauen können hente zu allen Körperschaften wählen, und wir fönnen auch selbst gewählt werden. Die Tatsachen beweisen es. In allen Parlamenten siben heute Frauen, und an dem Beschluß der Nationalversammlung, daß in diesem Jahre der 1. Mai als Nationalfeiertag gelten foll, haben Frauen mitgewirkt. Es gilt, am 1. Mai für den Völkerfrieden und den Völkerbund, für einen besseren Arbeiterschutz und flir die Herausgabe unserer Gefangenen zu demonstrieren. Deshalb, Frauen, herbei! Zeigt, daß ihr das Ein st gewesene begreift und das Jetzt bestehende durch eure gewissenhafte Mitarbeit auf allen Gebieten bis zur höchsten Vollendung auszubauen gewillt seid. Dann wird sicher aus den Ruinen der alten monarchistischen Zeit das neue Leben der sozialistischen Republik erblühen. Wilhelmine Kähler. Maienwünsche der weiblichen Parlamentarier. Durch die Verjüngung und Verschönerung, die alljährlich in der Natur vor sich geht, werden zugleich tausenderlei Winsche in den gequälten Menschenherzen wachgerufen. Ein einziger Sonnenstrahl inmitten tobender Stürme erfüllt uns oft mit neuem Lebensmut und neuer Schaffenskraft. Wie die Pflanzenwelt nach oben, dem Licht entgegenstrebt, so wollen auch die Menschen das traurige und düstere Ungemach von sich abschütteln und lichtvollere Wege wandeln. O du Wonnemonat Mai, ahnst du die Fülle von Hoffnungen, die du immer wieder und wieder mit deinem Eintritt erweckst? Alles will eine Erlösung aus Not und Pein, alle wollen mithelfen, das Leben auch wirklich lebenswert zu gestalten. Und jeder und jede will dazu beitragen. Die neuauffeimen den Kräfte lechzen nach Betätigung, im eigenen Interesse sowohl wie im Interesse des Allgemeinwohls. Und da ergibt es sich von selbst, daß der Wunschzettel inhaltlich je nach Art und Weise der Veranlagung und Neigung des einzelnen ausfällt. Die Hausfrauen möchten eine Erleichterung ihrer drückenden hauswirtschaftlichen Sorgen, so insbesondere in der Beschaffung der notwendigen Nahrungsmittel und der Gegenstände des täglichen Bedarfs. Die Mütter wünschen das sonnige Rinderland herbei, das die Möglichkeit schafft, zukunftsfrohe Menschen heranwachsen zu sehen. Die Mütter, Gattinnen, Bräute und Schwestern, die einen Lieben noch draußen in der Gefangenschaft haben, sehnen den Augenblick herbei, wo sie den gewaltsam Entriffenen in die Arme schließen können. Die Arbeite rinnen verlangen nach einem durchgreifenden Arbeite 123 rinnenschutz, die Beamtinnen, die Angestell. ten des Handels und der kaufmännischen Berufe wollen ebenfalls eine Erleichterung ihrer schweren Bürde. Die Hausangestellten, die Landarbeiterinnen und Frauen und all die hier nicht genannten Berufsgruppen haben ihre besonderen Wünsche. Und so dürfen denn auch die Parlamentarierinnen an diesem Tage einmal aussprechen, was für Hoffnungen sie hegen und wie sie deren Erfüllung sich denken. Große Hoffnungen sind durch den Eintritt der Frauen in das parlamentarische Leben geweckt worden. Sie fanden ganz besonders ihren Ausdruck in der Wahlbeteiligung zur deutschen Nationalversammlung, wo oft stundenlanges Warten vor den Wahllokalen erst die Stimmabgabe ermöglichte. Ruhig und würdevoll harrten die Wählerinnen aus, bis auch sie den Stimmzettel in die Urne legen konnten. Und das taten sie in der Erwartung besserer Zeiten. Sie bauten auf die Mitschwestern, die sie in das Parlament entsandten, und erwarteten nun mit Recht eine Erleichterung ihres überaus schweren Loses. Trotzdem nun durch verschiedene gesetzliche Maßnahmen eine Verbesserung in- mancherlei Hinsicht eingetreten ist, merkt die einzelne von einer Hebung ihrer Lebenslage kaum etwas. Das hat seinen natürlichen Grund in den überaus traurigen wirtschaftlichen Verhältnissen, in der großen Notlage, in der wir uns befinden. So türmen sich Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten, die die Wirkungen eines an sich guten Gesetzes nicht zur Geltung kommen lassen. Auch die Parlamentarierinnen müssen sich mit den gegebenen Verhältnissen abfinden, der gute Wille allein macht es nicht. Wohl können sie auf die jetzigen Zustände einwirken, damit diese sich so nach und nach zum Wohle der Allgemeinheit verändern, was zum Beispiel beim Wiederaufleben der Industrie, der Landwirtschaft und des Handels der Fall sein wird. In diesem Sinne wirken sicherlich alle Männer und Frauen, die von den Volksgenossen zur gesetzgeberischen Arbeit berufen sind. Doch damit soll nicht etwa den Vertrauenspersonen des Volkes ein Freibrief ausgestellt werden. Im Gegenteil. Eine kritische Würdigung und eine eingehende Betrachtung aller gesetzgeberischen Taten durch große Volfskreise ist unbedingt notwendig, wenn eine ersprießliche Tätigkeit dabei herauskommen soll. Sind doch die Volksvertreter nichts anderes als ausführende Organe des Volkswillens. Ein gegenseitiges Verstehen zwischen Wählern und Gewählten bürgt nur für eine fruchtbringende Tätigfeit aller parlamentarischen Arbeit. Bei einem Mangel an Vertrauen auf beiden Seiten wird Unmut, Verbitterung, Verärgerung und Unzufriedenheit erzeugt, was ein Aufleuchten der Augen nach getaner Arbeit nicht aufkommen läßt. Ein solcher Zustand ist wahrlich der Entwicklung und dem Fortschritt nicht dienlich und schädigt die Allgemeinheit. Das darf nicht sein. In diesen trostlosen Zeiten ist eine gerechte Würdigung der Arbeit der einzige Lichtblick, um den wir uns selbst nicht ärmer machen sollten. Manches ist seit Bestehen der Volksregierung auf gesetgeberischem Gebiet geleistet worden, vieles bleibt zu tun noch übrig. Da wollen denn die Parlamentarierimen am heutigen Maitag die Bitte an die Frauen und Mädchen richten: Behaltet und sucht engste Fühlungnahme mit uns. Kritisiert unser Verhalten, ermahnt uns, wenn ihr meint, daß wir unsere Schuldigkeit nicht getan oder gar etwas versäumt haben. Teilt uns mündlich oder schriftlich euren Kummer mit, der nach eurer Meinung sich mit unserer Hilfe beseitigen ließe. Wir sind jederzeit bereit, gute Ratschläge entgegenzunehmen und Versäumtes nachzuholen. Zürnt aber auch nicht, wenn der Wille des einzelnen sich nicht durchsetzen läßt, weil es im Interesse der Allgemeinheit nicht geht oder sonstige widrige Umstände seine Durchführung hindern. Lernt uns verstehen, wie auch wir uns bemühen wollen, eure Sorgen voll zu erfassen und auf Abhilfe zu sinnen und zu drängen. So wird sich niemand überflüssig vorkommen. Eine jede hat 124 Die Gleichheit das Gefühl, daß auch sie mitarbeitet am Aufbau des neuen Deutschlands und damit an der Befreiung des ganzen Volkes. An die männlichen Kollegen, die eine reiche parlamenta rische Erfahrung hinter sich haben, richten wir die Bitte: Lernt auch ihr uns verstehen. übt Nachsicht mit uns, wenn Fehler und Mängel bei der Beurteilung der jeweiligen Fra gen sich einstellen. Seid uns nicht nur Kollegen, sondern auch gute Lehrmeister, ihr werdet stets arbeitsfreudige Kollegin nen und Schülerinnen haben. Allen, die es angeht, sei dieser Wunschzettel gewidmet. Johanna Reige. Die Frau im Erwerbsleben und der Maigedanke. Seit zum erstenmal im Jahre 1891 das deutsche Proletariat seinen Maientag feierte, haben auch alljährlich die Frauen am 1. Mai ihre Stimme erhoben für die Gleichberech tigung der Geschlechter. Aber dieses Verlangen nach Gleich heit galt nicht nur dem politischen Leben; es galt ebensosehr der wirtschaftlichen Befreiung, und in diesem Streben wußten die Frauen der arbeitenden Klassen sich eins mit den Männern, hier kämpften sie, mehr vielleicht noch als im politischen Kampfe, Schulter an Schulter mit ihren Arbeitsbrüdern. Nun hat, ehe wir es zu hoffen wagten, die Revolution uns Frauen die politische Gleichberechtigung gebracht. Durch einen Sumpf von Blut und Zerstörung, von Völkerhaß und Völkermord mußten wir waten, unsagbares Herzeleid ertragen, ehe der Tag unserer Freiheit heraufdämmern konnte. Und hat er uns nun wirklich glücklich gemacht? Ist besonders die Frau in der Arbeitsbluse, in der Fabrik, an der Nähmaschine, im Verkaufsladen oder im Bureau wirklich froh? So groß wie nie zuvor ist infolge des Krieges die Zahl dieser Frauen geworden, und was hat nun die Revolution ihnen von dem gebracht, für das wir alljährlich am 1. Mai eingetreten sind? Der Krieg hatte ihr Los infolge der Aufhebung der Arbeiterschußbestimmungen härter als je gestaltet; diese Schutz bestimmungen sind sofort wieder in Kraft gesezt worden. Der achtstündige Arbeitstag, eine unserer vornehmsten Forde rungen jedes 1. Mai, wurde durchweg eingeführt; eine ganz besondere Erleichterung für all die vielen Frauen, die neben ihrer Berufsarbeit für Hausstand und Kinder zu sorgen haben. Aber wohl die größte Errungenschaft ist die ErwerbsIosenunterstüßung. Durch den entsetzlichen Krieg und durch fein unglückliches Ende für Deutschland ist unser Wirtschaftsleben vollkommen zusammengebrochen, können die großen Betriebe teilweise ihre Arbeiter und Arbeiterinnen, ihre Angestellten nicht weiterbeschäftigen. Hinzu kommt, daß die während des Krieges eingestellten Frauen und Mädchen den heimgekehrten Kriegern ihren Platz einräumen müssen. So ist die Schar der weiblichen Arbeitslosen gewaltig groß; ihnen allen würde Hunger und Verzweiflung drohen, hätte nicht der Staat seine Pflicht erkannt, für seine Mitbürger, soweit er ihnen nicht Arbeit verschaffen kann, zu sorgen. Freilich, vieles bleibt noch zu wünschen übrig und wird auch so lange zu wünschen übrigbleiben, als der Kapitalis. mus nicht vollkommen dem Sozialismus Plaz gemacht hat. Aber dieses unser Ziel kann nicht von heute auf morgen erreicht werden; wir leben in einer Zeit wirtschaftlicher Zerrüttung, wirtschaftlichen Niederganges. Das ist jedoch kein Grund, an einer besseren Zukunft zu verzweifeln, und wir sollten das, was wir erreicht haben, nicht vergessen über dem, was noch erkämpft werden muß. Wenn deshalb der diesjährige 1. Mai für uns Frauen ein Festtag sein wird, der besonders dem Siege des Gedankens voller Gleichberechtigung der Geschlechter gewidmet ist, so haben gerade die erwerbstätigen Frauen allen Grund, hieran teilzunehmen. Wenn jezt in Weimar eine Neuregelung des Arbeiterrechtes vorgenommen wird, so haben die Frauen die Gewißheit, daß auch die weiblichen Volksvertreter mit daran Nr. 16 arbeiten und daß deshalb ihre besonderen Bedürfnisse nicht vergessen werden. Wenn in der Gemeinde soziale Einrichtungen getroffen werden, so werden die weiblichen Stadtverordneten dafür sorgen, daß zuerst der arbeitenden Frauen gedacht wird, daß ihnen die Sorge für ihre Kinder soweit wie möglich erleichtert wird, daß Einrichtungen geschaffen werden, die ihnen die Berufsarbeit zur Freude anstatt wie bisher zur Last machen. Freilich sind alle diese Aufgaben in der gegenwärtigen schweren Lage Deutschlands nicht leicht zu lösen. Aber wie wir alle erkannt haben, daß die Arbeitskraft, also auch die weibliche Arbeitskraft, das einzige Kapital für unser Vaterland ist, und daß dieses Kapital soweit wie möglich geschützt und in den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden muß, so sind sich auch die weiblichen Volksvertreter dessen bewußt, daß es ihre vornehmste Aufgabe sein muß, den arbeitenden Frauen ihre Pflicht zu erleichtern. Und deshalb bedeutet der Sieg des Frauenwahlrechtes in Deutschland auch für die erwerbstätige Frau einen Schritt vorwärts auf dem Wege der Freiheit und Gleichheit. Luise Schroeder. Der Einfluß der Frauen auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Sowohl die alten Griechen wie die Germanen hatten Schicksalsgöttinnen. Die einen nannten sie Parzen, die anderen Nornen. Sie saßen am Rocken und spannen die Fäden der Weltgeschichte, schürzten die Knoten der Menschheitsgeschicke. Mir erscheint es von besonderer Bedeutung, daß unsere Vorfahren die Gestaltung des Schicksals in Frauenhände legten. Das Werk, das uns einen genauen überblick gibt über die Bedeutung des Fraueneinflusses in der Geschichte, ist eigentlich noch nicht geschrieben, wird auch kaum geschrieben werden können, denn was wir an geschichtlichen überlieferungen haben, das ist ja fast immer mehr eine Geschichte der Fürsten als eine Geschichte der Völker selbst. So wissen wir von einer Zahl hervorragender Frauen, die als selbständige Regen. tinnen oder als Gattinnen regierender Fürsten weitgehenden Einfluß ausübten. Wir wissen von Frauen, die, im Glanz der Throne, überragend durch Geist oder strahlend in Schönheit zum Heil oder Unheil der Völker ihre Macht verwendeten. Harte Arbeit, unaufhörlicher Kampf ums tägliche Brot aber erschwerte mehr noch den Frauen als den Männern des Volkes die Möglichkeit zum geistigen Aufschwung, läßt sie stumpf und gleichgültig erscheinen, während gewiß auch viele unter ihnen waren, die sich heraussehnten aus den ihnen so eng gesteckten Grenzen. Ihre Beteiligung bei allen Rämpfen, die der Befreiung der Menschheit galten, war vermutlich viel größer als der Anteil, den sie nach den Berichten der Chronisten daran nahmen. Warum das so ist, beruht einerseits auf dem Mangel jeglichen öffentlichen Rechtes, das den Frauen von jeher fehlte und sie zur Hintertreppenpolitik nötigte. Vor der französischen Revolution zum Beispiel waren nach Montesquieu die Frauen ein Staat im Staate: Wer die Minister handeln sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Kräfte nicht kennt, die sie bewegt." " Andererseits erklärt Zimmermann, der bekannte Geschichtschreiber des Bauernkriegs, die Vergessenheit, der die Namen der Frauen aus dem Volfe anheimfielen, sehr schön in seinem Bericht über die schwarze Hofmännin, eine der Heldinnen des Bauernfriegs: Schwarzes unterdrücktes Weib aus der Bauernhütte am Neckar mit deinem glühenden Herzen und deiner Liebe zum Volfe," schreibt er, wie lebtest du in Sage und Geschichte, stammtest du nicht aus einer Bauernhütte oder wäre wenigstens die Sache, der du dientest, nicht die Sache der Armen und Unterdrückten." Diese schwarze Hof Nr. 16 Die Gleichheit männin war eine der hervorragendsten Führerinnen und Beraterinnen des Bauernaufstandes in Schwaben. Gleich ihr aber kämpften damals viele Frauen gegen Junker, Pfaffen und Städter, denn das Los der Frauen unter den Bauern und Leibeigenen war vor dem Bauernkrieg ja fast noch härter als das der Männer. Nicht nur auf ihre Arbeitskraft, ihren Besitztum hatten die Feudalherren Anspruch. Auch ihre Jungfräulichkeit mußten sie ihnen opfern, wenn sie es forderten, und ihre Kinder schon in früher Jugend dem harten Frondienst anheimfallen sehen. Aber nur ganz wenige Namen der Freiheitskämpferinnen des Bauernkriegs sind uns bekannt. Mehr wissen wir von den Frauen, die sich an den Kämpfen der französischen Revolution beteiligten. Doch sind es hauptfächlich die Namen der bürgerlichen Frauen, die uns erhalten blieben. Gerade die französische Revolution zeigt aber den großen Einfluß, den die Frauen auf die Entwicklung der Geschichte und der Menschheit haben. Es ist kein Zufall, daß die Zeit, in der Rousseaus Werke erschienen, zusammenfällt mit der Geburt und Kindheit der Robespierre, Danton, Desmoulins und anderer Helden der Revolution. Die Mütter hatten sich in diese Werke vertieft, und mit der Muttermilch fogen die Kinder die Jdeale der Freiheit und Gleichheit ein, wurden sie auf die Wege geleitet, auf denen sie schritten, um ihr Ideal der Menschheitsbefreiung zu verwirklichen. Wir wissen aber auch, daß am 9. Oftober 1789 nicht die Männer des Pariser Volkes, sondern die Frauen, mehr als 8000 an der Zahl, nach Versailles zogen, Arbeiterinnen der Vorstädte, Händlerinnen der Halle, getrieben von Not und Hunger, und daß sie den eigentlichen Sturz des Königs und des Königtums herbeigeführt haben. Auch ihre Namen sind vergessen, während die Namen einer Stael, einer Roland in keinem Bericht über die Vorgänge in Frankreich fehlen, deren Verdienste natürlich auch unbestritten sind. Als Frau aus dem Volfe, wenigstens stammte sie aus ganz einfachen Verhält. nissen, besaß Marie Gonge, Olympe des Gonges, wie sie sich später nannte, hervorragenden Einfluß. Mit Wort und Schrift war sie nicht nur eine der glänzendsten Verteidigerinnen der Frauenbewegung, sondern der Freiheit überhaupt. Wenn das Urteil über die öffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt wird nach den Wirkungen, die er durch seine Tätigkeit auf den sozialen Fortschritt ausgeübt hat, so verdient der Name Olympe des Gonges mit an erster Stelle genannt zu werden. Neben ihr verdient der Name von Rose Lacombe genannt zu werden, die den Zug der Frauen nach Versailles geleitet hatte, die den ersten revolutionären republikanischen Frauenverein gründete und die ihre Aufgabe darin sah, einer fozialen Revolution die Wege zu bahnen. Eine ähnliche Wirkung auf den sozialen Fortschritt übte Mary Wollstonecraft aus, auch sie eine Erscheinung der Revolutionsbewegung, die in England mit ihrer Schrift ,, Die Rechtfertigung der Menschenrechte" Bahn brach für die Gedanken der Freiheit und Gleichheit. Auch in Deutschland blieben die Wirkungen der Gedanken der französischen Revolution auf die Frauenwelt nicht ohne Wirkung. Vom Salon der Nahel und ihrer Freundinnen, aus dem Kreise der Weimarer Frauen gingen ungeheure Wirfungen aus. Die Frauen lernten teilnehmen an den großen Interessen, die die Welt bewegten. Das neunzehnte Jahrhundert wurde das Jahrhundert der Frau. Die deutsche Revolution von 1848 meist eine Reihe von Frauen auf, welche direkt oder indirekt nicht nur an dem Kämpfen und Ringen der Freiheitskämpfer teilnahmen, sondern mit eigenen neuen Gedanken bahnbrechend wirkten. Ich habe vor kurzem erst darauf hingewiesen, mit wie sicherem Blicke Luise Otto erkannte, daß Deutschlands Zukunft in den Händen der Arbeiterschaft lag. Insbesondere erscheint bedeutungsvoll, daß überall von den Frauen eine Vertiefung und Erweiterung der weiblichen Bildung gefordert wurde, damit der Einfluß der Mütter auf die heranwachsende Jugend größer wird. Da125 mit ist natürlich auch ihr Einfluß auf die Entwicklung des ganzen Volfes ein sehr großer. Der Sozialismus aber vor allem ist es, der den Frauen die Bahn frei macht, nicht nur für ihr eigenes Geschlecht, sondern für alle die großen Gedanken mitzufämpfen, mitzuarbeiten, die ihm als Ideal vorschweben und die der Befreiung der ganzen Menschheit dienen. Die Arbeiterinnenbereine waren die ersten, deren Mitglieder sich 1874 an der Wahlbewegung durch unermüdliche, opferfreudige Agitation beteiligten. Die Arbeiterinnenbewegung trug die revolutionierenden Ideen bis in den Schoß der Familie. Die Arbeiterinnen nahmen mehr und mehr Stellung zu allen politischen Tagesfragen. Weibliche Vertrauenspersonen und Agitatoren trugen mit wahrhaft apostolischer Begeisterung, den Verfolgungen der Behörden, der Verachtung von seiten der bürgerlichen Gesellschaft trozend, die Gedanken des Sozialismus in die fernsten und kleinsten Winkel des Reiches. So haben die Frauen, und gerade die Frauen des Volkes geholfen, die neue Zeit herbeizuführen. Noch war ihre Macht nicht groß genug, den Krieg zu verhindern, und doch waren es wieder die Frauen, die unermüdlich im Kriege Friedensarbeit verrichteten. Und die Frauen des Volkes sind am 9. November Seite an Seite mit ihren Genossen hinausgezogen und haben geholfen, den Sieg der Arbeiterklasse und damit des Sozialismus herbeizuführen. In dem Augenblick ist nun auch der Einfluß der Frauen auf die Geschichte gesichert. Sie ſizen in den Parlamenten und helfen Gesetze schaffen, die dem Wohle der ganzen Menschheit dienen sollen. Nun müssen sie Brücken bauen helfen, die wieder Mensch zu Menschen führen sollen. Die Frauen müssen die Fadel entzünden und mit ihr voranleuchten, daß wir aus dem finstern Tal der Gegenivart emporsteigen zur lichten Höhe, einer Zufunft, in der Frieden und Freiheit unseren Kindern und Kindestindern gesichert wird für ewige Zeiten. Daß uns Frauen die Möglichkeit eines solchen Wirkens gegeben ist, das danken wir dem Einfluß der vielen unbekannten Geschlechtsgenossinnen, die seit Jahrhunderten all die Fäden gesponnen und geschürzt haben zu dem Gewebe, das wir die Entwicklungsgeschichte der Menschheit nennen. Anna Blos( M. d. N.) Krieg, Jugend und Maientag. Wohl dir, Mat, wie du beglücktest Alles weit und breit! ( Walter von der Vogelweide.) Vier lange Jahre hat der Krieg gewütet. Wie eine schwere Wolfe lag es über unserem ganzen Lande. Wohl spielten die Theater, wohl gab es herrliche Musik in den Konzerten. Die Kinos waren voll und an den heißen Sommersonntagen zogen wohl auch einmal die hier gebliebenen Väter mit Frau und Kindern in den Wald. Aber es war nicht wie sonst, wo man jubelnd und frohen Herzens sich einmal einen freien Tag erlaubte. Man entrann jetzt nur der rastlos drängenden Arbeit in der Fabrik. Seinen Gedanken, seinen Sorgen konnte man nicht entrinnen. Die Erwach fenen hatten venigstens das eine fie suchten zu begreifen, was um sie her geschah. Aber die Kinder! Man spricht so leichthin von„ der sorglosen Jugend". Ja, wer die Kinder, gerade in den Großstädten, in diesem Kriege gesehen und in ihrer allmählichen Wandlung beobachtet hat, der merkte wohl, daß hier von Sorglosigkeit im alten Sinne teine Rede war. Sie spielten Krieg, bauten Schüßengräben, warfen Handgranaten und machten Gefangene. Oder sie versuchten im Scherz und schließlich auch im Ernst Einbrüche und Diebstähle. Sie lernten, das knappe Pflichtteil ihrer Lebensmittelration durch kleine Gaunereien zu vergrößern. Sie sahen, wie die Mütter schieben und vertuschen mußten, um durchzukommen. Sie halfen dabei. Der Sinn für Recht und Unrecht, für Billigkeit und Wahrhaftigkeit ging naturgemäß dabei verloren. Die Forderungen, die die Schule an sie richtete, wurden immer weniger befriedigt. Dagegen stellte sich stetig zunehmend eine Verschlagenheit und eine oft ans Verbrecherische grenzende geschäftliche Gewandtheit heraus. Das war die Erziehung, welche der Krieg unserer Jugend brachte. Und auf die Schultern der Halberwachsenen jungen Mädchen und 126 Die Gleichheit Burschen legte er schwerste Pflichten. Sie mußten die Sorge für Familie und Häuslichkeit mit auf sich nehmen. Diese Zeit der Not machte die Menschen schneller reif. Die Revolutionsregierung zog daraus die Konsequenzen; sie gab den Männern und Frauen mit Vollendung des zwanzigsten Lebensjahrs ihr volles Staatsbürgerrecht. So schafft auch die Jugend mit an der Gesetzgebung im neuen Deutschland. Und die Jugend wird mit dafür streiten, daß das Leben freier wird in jeder Beziehung. Jede gesetzliche Freiheit, die neu erstritten wird, ist eine Hemmung weniger für das kommende Geschlecht. Und eines ist vielleicht das größte, was unsere Arbeiterjugend jetzt leisten kann, das ist: daß sie im Kampfe um ihr Recht geistige Waffen gebrauchen lernt, ja, daß es ihr vielleicht sogar gelingt, auf der Gegenseite nicht nur Entgegenkommen aus Zweckmäßigkeitsgründen zu wecken, sondern es dämmert vielleicht schon manchen, die jetzt so schwer den Herrenstandpunkt verleugnen können, in einigen Jahren die Erkenntnis auf, daß ihr Recht Unrecht ist vor dem Gerichtshof der Menschheit und daß das gleiche Recht für alle die höchste Stufe der Kultur an sich auch ihrer eigenen Kultur bedeutet. Diese Erkenntnis zu fördern wird die vornehmste Aufgabe der reiseren Arbeiterjugend sein. Sie seht viel Selbstbeherrschung voraus und viel Gerechtigkeitsjinn auch für die andere Klasse. Und viel Mut. Diesen Mut wird sie auch brauchen in ihren eigenen Reihen unter ihren jüngeren Volfsgenossen, die noch zu start an die Sorge für das eigene Leben, zu wenig an die Pflicht gegen die Gemeinschaft denken. Wahrhaftigkeit und Zuverlässigteit müssen wieder das Ehrenschild der deutschen Jugend werden. Daß sie es werden können, dafür müssen unsere Volksvertreter sorgen, indem sie alle Lebensbedingungen sozialer gestalten. Es wird wieder Mai- der erste Maimonat nach vier Jahren Strieg. Für viele Kinder ist es der erste Friedensmai. Und unserer Jugend müssen wir ein Maienfest bereiten, ein Freudenfest nach allem, was sie entbehren mußte. Darum, ihr Eltern, Lehrer und Lehrerinnen, habt ihr irgend Zeit, geht mit euren Kindern einmal in die Maienwelt hinein. Ein Feiertag im Freien wirft seinen Glanz über viele einförmige Schultage, und wenn ihr gemeinsam dem schmetternden Sang der Finken lauschtet, dem Siegeslied der Amsel oder dem zärtlichen Zwitscherton der Kleinen Meisen, dann wird eine Schranke zwischen euch niederfallen und ihr werdet euch menschlich lieben und verstehen lernen. Kein noch so fest geschlos= senes Tor sollte der Maiensonne widerstehen. Auch die Waisenhäuser sollten einen Festtag machen. Wenn man die kleinen armseligen Gestalten sieht, die alle im langen Buge bereint jeder in sich vereinſamt über die Straße ziehen, da weiß man, daß auch hier neue Lebensbedingungen geschaffen werden müssen. Denn auch diese Jugend, die der Elternliebe und Zärtlichkeit entbehren muß, drängt in die Weite und in die Höhe und lebt doch wie im Kerker im fest zugewiesenen engen Raume, jahraus, jahrein. Auch hier müssen wir der Jugend, muß die Jugend selbst ihren Altersgenossen einen Platz an der Sonne erkämpfen. Auch diesen Kindern soll der Völkermai seine warmen Sonnenstrahlen senden. Vielleicht wird einmal doch der 1. Mai der Weltenfeiertag in werden! Daß er es wird, dazu kann die Jugend helfen jeder Generation immer wieder die Jugend. Heute schon, wo die Jugend bei uns frei geworden ist von allen Schranken und allen Banden, die sie in ihrer ureigensten Entwicklung hemmten, heute, wo sie die Kraft des jungen Lebens zugleich mit der Verantwortung für Gegenwart und Zukunft in sich fühlt, heute schon muß fie für das große Ziel arbeiten, das fern vielleicht, aber nicht unerreichbar vor uns liegt, daß jedes Menschenkind, das geboren wird, gleiches Recht am Leben hat. Mag es nun werden, was es will, mag Geist und Gesinnung es drängen, nur die Freiheit der Entschließung muß gewährleistet werden. Und daß diese Freiheit nicht eine Hemmung des Gesamtwohls, sondern eine Förderung der menschlichen Gesellschaft bedeutet, dazu muß die immer tiefer begriffene Idee des Sozialismus führen. Hildegard Vielhaber. Frauenkultur im neuen Deutschland. Wie sich die Kultur im besiegten Deutschland gestalten wird, vermag niemand vorauszusagen. Denn die geistige Entwicklung eines Volkes hängt von seiner politischen und wirtschaftlichen Lage ab. Die Frauen stehen jedenfalls vor gänzlich neuen und schwierigen Aufgaben. Denn sie sollen einerseits an allen öffentNr. 16 lichen Angelegenheiten tatkräftig mitwirken, andererseits ihre natürlichen Aufgaben erfüllen, das heißt heiraten, gebären, Kinder erziehen und einen Haushalt führen. Man pflegt zu sagen, daß eine Mutter eher sechs Kinder ernähren kann als umgekehrt sechs erwachsene Kinder eine Mutter. In der guten alten Zeit"- vor dem Kriege- war das noch möglich; in dem verarmten und ausgehungerten Deutschland werden Ehepaare vermutlich sechs Kinder nicht aufziehen wollen die Geburtenzahl wird sinken. Die wirkliche Frauenkultur kann nur abseits vom brutalsten Erwerbskampf gedeihen. Denn eine abgehezte und vom täglichen Daseinskampf erschöpfte Frau hat nicht mehr die Straft, in ihrem eigenen Heime viel Kultur zu verbreiten. In einem wirklich sozialistischen Staate muß auf die schwächeren physischen Kräfte der Frau Rücksicht genommen, das heißt, Frauenkräfte dürfen nicht ausgebeutet werden. Im öffentlichen Leben wird die Frau ohne Zweifel durch Taft und Güte dort, wo sonst die männlichen Leidenschaften sich zu gewalttätigen Gefühlen steigern mildernd eingreifen. Niemals werden Frauen, die in der öffentlichen Volksvertretung Sitz und Stimme haben, Kriegsvorlagen annehmen und in neue Kriege einwilligen können. Allerdings haben sie bei Striegsausbruch in die allgemeine„ Kriegsbegeisterung" miteingestimmt weil eben Massensuggestionen von unerhörter Gewalt sie dazu zwangen. Die Hauptaufgabe der Frau im neuen Deutschland liegt auf dem Gebiet der Friedensbewegung, vielmehr der tatkräftigen Kriegsverhinderung. Nie mehr sollten Frauen ihre Männer und Söhne mit dem Wahlspruch der alten Spartanerinnen: Mit dem Schilde oder auf dem Schilde" in den Krieg schicken, sondern eher den Machthabern, die sie zu Ariegen zwingen wollen, mutigen Widerstand entgegenstellen. " 1 Warum man Revolutionen erst nach einem verlorenen Kriege macht anstatt bei Ausbruch des Krieges, darüber habe ich mir vergebens den Kopf zerbrochen. Auch der glänzendste Sieg würde ja für die furchtbaren Menschenverluste keine Entschädigung bedeuten. Die Kultur der Frauen muß sich dahin entwickeln, daß sie ihren Söhnen von Kindheit an den Abscheu gegen den Krieg einprägen und sie lehren Speere werfen" gegen diejenigen, die ihnen zumuten, Menschen zu töten! Die Kultur der Ehe ist die eigentliche und intimste Sphäre der Frau. Bei dem Gefahrenwirbel, der das Leben geworden ist, ist dringend zu raten, diese Gemeinschaft so dauerhaft wie möglich zu erhalten, damit die Menschen nicht ganz atomisiert werden und nicht bloß in staatlichen und anderen sozialen Berufspflichten aufgehen, die ihnen niemals das ersetzen, was nur ein Mensch dem anderen geben kann: Liebe! Grete Meisel- Heß. Die Genossenschaften und der Friede. Die demokratische Republik, die wir uns errungen haben, ist der Boden, auf dem wir die soziale Republik aufbauen wollen; wir dürfen die demokratische Grundlage nicht gefährden, wenn wir den Sozialismus wollen. Und für den Sozialismus, für das Glück der Menschheit, für Herausgabe unserer Gefangenen und für den Weltfrieden werden wir demonstrieren am 1. Mai. Die Errungenschaften der Revolution müssen wir sichern und stehen vor dem schweren Problem, die Sozialisierung zu beginnen in einer Zeit, in der die Industrie daniederliegt, die zum großen Teil ihrer Arbeitsfähigkeit durch Kohlen- und Rohstoffmangel beraubt und durch Arbeitseinstellungen start erschüttert ist. Da sollten wir uns daran erinnern, daß wir einen wichtigen Faktor in unserer Genossenschaftsbewegung haben, die schon seit Jahrzehnten die Sozialisierung mit Erfolg in die Praxis umzu setzen bestrebt ist. Der bei der Warenverteilung sich ergebende Überschuß fällt der Allgemeinheit der Mitglieder zu, zum Teil durch prozentuale Anteilnahme des einzelnen Mitglieds, zum überwiegenden Teil durch überführung in die Gemeinschaftskaffe, aus welcher heraus dann Erweiterungen der Eigenbetriebe und Neueinrichtung solcher geschaffen werden, die ohne weiteres auf Nr. 16 Die Gleichheit das Wohlergehen der dort beschäftigten Arbeiter eingestellt sind durch vorbildliche Lohn- und Arbeitsverhältnisse. So wird hier der Unternehmergewinn durch die Genossenschaften ausgeschaltet und der Ertrag der Allgemeinheit zugeführt und hiermit das Proletariat aus der Knechtschaft des Kapitalismus befreit. Im Wirrwarr der Revolutionszeiten ist die Genossenschaftsbewegung in den Hintergrund getreten. In der jetzigen hochpolitischen Zeit ist für sie nicht viel Raum gewesen, aber doch steht fie da als ein Felsen von Erz, der den Untergrund abgeben muß für die Sozialisierung der gesamten Lebensmittelversorgung unserer Bevölkerung. Schon drohen die Inhaber der privaten Lebensmittelgeschäfte mit Streit, wenn nicht bald die ihnen unangenehme und ihren Verdienst einschränkende Zwangswirtschaft aufhört. Und das weiß jeder einsichtige Volkswirtschafter: es fann fein größeres Unglück für Deutschlands Ernährung geben als die Wiedereinführung des freien Handels, solange die Knappheit der Waren anhält. Mögen sie streiken, die Lebensmittelhändler, mögen fie ihre Drohung wahr machen die Konsumentenorganisation fann nur Vorteil davon haben, und den ihr noch fernstehenden Bevölkerungskreisen wird dadurch die Wichtigkeit und Notwendigkeit der wirtschaftlichen Selbsthilfe am schlagendsten bewiesen. Die Genossenschaft ist die Vorstufe zum Sozialismus. War es nicht unsere kapitalistische Wirtschaft, die im Verein mit Militarismus und Herrschsucht zu dem unseligsten aller Kriege geführt hat? War es nicht das wilde Drauflosproduzieren ohne Frage nach dem Bedarf, war es nicht der Kampf um den Arbeitsmarkt, durch den die Handelsleute aller Staaten zu Konkurrenten wurden, die sich gegenseitig den Absatz streitig machten? War es nicht derselbe Kapitalismus, der seinen Arbeitern die Arbeitszeit nicht verkürzen wollte, der sich um einige Groschen Lohnerhöhung sträubte, weil er fürchtete, daß sein Konkurrent im Nachbarland ihm dann die Kundschaft fortnehmen würde? Daher die überfüllung des Weltmarktes mit Waren, daher der Kampf um die Absatzmärkte. Alles Teile der Ursachen, die zum Völkerkrieg geführt und uns arm und elend gemacht haben. Den Bedarf der Menschheit an Gütern feststellen und dann diesen Bedarf in Betrieben produzieren, die der Allgemeinheit gehören, unter Wahrung der Rechte der Arbeiter, der Verbraucher und der Allgemeinheit; Austausch von Rohstoffen und Fabrikaten mit anderen Ländern nach Maßgabe der Aufnahmefähigkeit; Regelung der Erzeugung, Regelung des Verbrauchs- und das Wort wird zur Tatsache werden: Die Genossenschaft ist der Weg zum Frieden! Wer den Frieden will, der wolle auch die Genossenschaft, sie darf nicht vergessen werden am ersten Weltenmai der Revolution. Gertrud Lodahl. Feiger Gedanken Truk. Allen Gewalten Bängliches Schwanken, Zum Truk sich erhalten, Weibisches Zagen, Angstliches Klagen Wendet kein Elend, Macht dich nicht frei. Nimmer sich beugen, Kräftig fich zeigen, Rufet die Arme Der Götter herbei. Tagebuchblätter aus Weimar. Goethe. Den 8. April 1919. Der Präsident der Nationalversammlung hat die erste Sizung nach der Pause auf den 9. April angefeßt. Heute haben wir Wichtiges in der Fraktion zu besprechen. Redner für den Etat werden bestimmt, die Stimmung im Lande besprochen. Schluß 10% Uhr. Den 9. April 1919. Schiffer bespricht die Finanzlage. Zahlen schwirren. Milliarden, Millionen! Uns schwindelt. Doppelt und dreifach armes Deutschland! Den 10. April 1919. Scheidemann spricht. Die Zuschauertribünen sind bis auf den letzten Platz besetzt. Die sozialdemokratischen Fraktionen weisen große Lücken auf: in Berlin tagt der Rätekongreß! Es kommen am Vormittag noch Pfeifer vom Zentrum in einer großangelegten, für das Ausland bestimmten Rede und von uns Hoch zum Wort. Am Nachmittag marschieren dann in mehr oder weniger gehaltbollen Reden die Redner der anderen Parteien auf. Abgeordneter 127 Rießer von der Deutschen Volkspartei hat auch diesmal wieder Bech: das Haus ist fast leer. An diese parlamentarische Unart haben sich im Laufe ihres" Dabeiseins" auch die Frauen gewöhnt. Es ist aber verständlich, wenn man nach vier tapfer angehörten Reden einmal verschnauft. Den 11. April 1919. Die Tagesordnung sieht zum Fürchten lang aus. Zuerst die berühmten kleinen Anfragen, dann die Beratung der Sommerzeit. Herr Geheimrat Koebner gibt sich rechtschaffen Mühe, die Regierungswünsche vorzutragen und für die Sommerzeit Stimmung zu machen. Es ist ihm aber nicht gelungen, wie die oftmals heiter aufgenommenen Reden der einzelnen Fraktionsredner beweisen. Mit Ausnahme eines deutschnationalen Arztes find alle Parteien gegen die Sommerzeit; bei der Abstimmung wird die Wiedereinführung abgelehnt. Wir Frauen sind besonders froh darüber. Wissen wir doch, daß den Kindern die Stunde Schlaf täglich ge= raubt war und sie körperlich sehr darunter litten. Folgen noch Landsbergs eindringliche Ausführungen zum Entwurf eines Ge setzes über die Ausbildung von Kriegsteilnehmern zum Richteramt. Ohne Verweisung an eine Kommission wird das Gesetz von allen Parteien des Hauses angenommen; ebenfalls und ohne Debatte findet das Kriegssteuergesetz vom 21. Juni 1916 Annahme. Den 12. April 1919. Eine merkwürdige Aufgeregtheit liegt als Stimmung über demt Hause, als der Präsident um 10 Uhr vormittags die Sizung eröffnet. Bei den folgenden Verhandlungen wird die Tagesordnung nicht eingehalten und der letzte Punkt, die Regelung der Kaliwirtschaft, vorweggenommen. Dies und das Gesek, welches die Regierung ermächtigt, Berordnungen zu erlassen, wird nach ausgedehnter Beratung an Ausschüsse verwiesen. Das Haus vertagt sich dann mittags 2 Uhr auf Montag. Dann soll die bedeutsame Interpellation der Sozialdemokraten, die Ernährungsfrage be= handelnd, besprochen und vom Reichsernährungsminister beantwortet werden. Den 14. April 1919. Die sozialdemokratische Interpellation, die vom Reichsernährungsminister Antwort auf schwierige Ernährungsfragen verlangt, gibt zuerst unserem Genossen Röhle( Sachsen) Gelegenheit, seine erste Rede in der Nationalversammlung zu halten. In seiner Antwort ist Minister Schmidt von strengster Sachlichkeit. Er bekräftigt nachdrüdlich, was wir ja leider zur Genüge wissen, daß das Sinken der Valuta unsere Ernährungsschwierigkeiten berschlimmert. Und jeder Streittag läßt die Valuta mehr sinken. Eine wichtige Fraktionssißung, die unbedingt zwischendurch stattfinden muß, verhindert uns am Anhören der Debatteredner. Wir kommen gerade hinzu, wie der Abgeordnete Wurm( U. S. P.) feststellt, daß unser Volt sich nur durch angestrengteste Arbeit retten tann, daß wir ohne diese verloren find. Es folgt noch eine Sitzung der Fraktion. Den 15. April 1919. Heute soll Schluß vor Ostern gemacht werden. Auf der langen Tagesordnung steht unter anderem die Beratung des Gefeßentwurfes der Regierung zum 1. Mai. Minister David begründet in wundervollen Säßen den Entwurf. Alles bringt er zum Ausdruck, was uns aus chaotischer Gegenwart hoffnungsfroher in die Zufunft schauen läßt. Markant sind seine Worte über den Krieg und seine Folgen. Der Zentrumsredner und auch der Vertreter der Demokraten äußern sich sehr vorsichtig, aber zustimmend. Von ganz rechts kommt angriffsluftiger Widerspruch, von einem protestantischen Prediger in pastoralem Pathos vorgetragen; von links spricht Haase, dem der von den Mehrheitsparteien eingebrachte Antrag zum Regierungsentwurf nicht weit genug geht. Ein Deutschnationaler beweist, daß er und seine Partei an den Dingen nicht lernen wollen. In geschickter Weise spricht Hildebrand von unserer Partei. Eine Geschäftsordnungsdebatte nimmt Zeit und Geduld weg und beschert uns eine namentliche Abstimmung. Das Gesetz ist angenommen. 161 Abgeordnete stimmten dafür, 80 dagegen, darunter die Abgeordneten der 1. S. P. Nachdem noch die übrigen Punkte erledigt sind, vertagt sich das Haus, bis es durch den Präsidenten Fehrenbach wieder zusammenberufen wird. Einige Bemerkungen muß ich heute am Abschluß dieser Tagung hierhersehen: Neben den verschiedensten Unarien der früheren Parlamentszeit ist auch eine unleidliche, unwürdige Geheimnistuerei in die Gegenwart herübergenommen worden. Zum Beispiel haben wir Abgeordnete bei dem Abgang Schiffers das Blümchenzupfspiel befragen müssen: Geht er, geht er nicht? Eine solch schlechte Informierung der Fraktion führt zu Beinlichkeiten. Elifabeth Röhl. 128 Ehre der Arbeit. Wer den wucht'gen Hammer schwingt, Wer im Felde mäht die ähren, Wer ins Mark der Erde dringt, Weib und Kinder zu ernähren, Wer stroman den Nachen zieht, Wer bei Woll' und Werg und Flachse Hinterm Webestuhl sich müht, Daß sein blonder Junge wachse: Jedem Ehre, jedem Preis! Ehre jeder Hand voll Schwielen! Ehre jedem Tropfen Schweiß, Der in Hütten fällt und Mühlen! Ehre jeder nassen Stirn Hinterm Pfluge! Doch auch dessen, Der mit Schädel und mit Hirn Hungernd pflügt, sei nicht vergessen! Ferd. Freiligrath. Zum ersten Mai. Die Gleichheit Willkommen! Willkommen, du erster Mai! so jubeln Millionen Frauen dir entgegen. Denn du bist ein Tag der Frauen, der Mädchen, der Mütter. Du Feiertag aller Arbeitenden. So vieles versprichst du uns: Verkürzung der Arbeitszeit! Welche Arbeiterin fühlt dabei ihr Herz nicht höher schlagen? Völkerfriede! Welches Mutterauge blickt bei diesem Gedanken nicht freudiger, zuversichtlicher auf ihren Jungen. Voll Hoffnung, daß seine Hände einst der Arbeit dienen und nicht dem Krieg, der Zerstörung. Gleiches Recht für alle! Das heißt auch: gleiches Recht für Mann und Frau. Mancher dieser Maiwünsche ist uns bereits in Erfüllung gegangen im deutschen Land. Durch den Willen des Volkes, das sein Recht forderte. Darum ist uns der erste Mai 1919 mehr als ein Feiertag. Er ist ein Freudentag: nach den Jahren der Knechtschaft wurden wir Freie. Nach den Jahren des Krieges kommt der Friede. An die Stelle der Arbeitsfron sehen wir das Arbeitsrecht. Der erste Mai ein Frauentag auch in anderer Hinsicht. Ist er doch der Anfang der Blütezeit, der Minnezeit. Und wem ist diese Zeit der Liebe mehr geweiht als den Frauen? Aber auch hier muß es anders werden: wohl soll die Frau fürderhin die Trägerin der Liebe sein. Aber sie soll es nicht nur sein. Zu lange schon war die Frau nur Weib, nur Geschlechtswesen. Durch das Privateigentum entrechtet, zu einem Besitz des Mannes geworden, durch den Kapitalismus zu Boden getreten, der letzten Freiheit beraubt, wird die Frau Recht und Achtung nur wiedergewinnen in dem Maß, wie die Macht des Sozialismus wächst. Denn Sozialismus heißt nicht nur Befreiung der männ lichen Arbeiterklasse, sondern auch Befreiung der Frau. Ja, wir wissen Dank Bebel- daß das eine ohne das andere ein Unding ist; daß erst die Befreiung der Frau aus Knecht schaft und Ungleichheit uns und der ganzen Menschheit die Freiheit bringen kann. Nr. 16 Die Frau soll dem Mann nicht nur Liebste sein, sondern Lebensgefährtin im schönsten Sinne des Wortes: Wegund Kampfgenoß. Natürlich verlangt das eine Umwertung unserer ganzen gesellschaftlichen Anschauungen: doppelte Moral, Ehe( un-) recht, Prostitution, Achtung der Unehelichen, all das muß beseitigt werden. Deshalb ist das schwerste Bedenken, das ich gegen das Rätesystem in seinen bisherigen Formen habe: es droht, die kaum errungene politische Gleichstellung der Frau wieder zu beseitigen. Es droht, die Frau wieder zu einem Staatsbürger zweiter Klasse herabzudrücken. Es wird weder der Tätigkeit der Arbeiterin, geschweige denn der Arbeit der Hausfrau und den Aufgaben der Mutter gerecht. Dem neuen Inhalt entsprechend, wird das Zusammenleben der Geschlechter nach neuen Formen verlangen, sich zu neuen Formen gestalten. So sehen wir das Recht und die Stellung der Frau sich ändern, den Naturgefeßen folgend, wie sie uns Hegel und Mary gedeutet: Jeder Satz, jedes Ding, jeder Begriff schlägt erst in sein Gegenteil um, bis dann aus der Vereinigung, der Zusammenfassung von Satz und Gegensatz( These und Antithese) ein dritter, höherer Begriff( Synthese) entsteht. So folgte auf die Zeit des Mutterrechts" das Zeitalter der Mannesherrschaft. Und jetzt sehen wir vor unseren Augen von diesem Männerrecht Stück um Stück abbröckeln- ein neues will werden: das gleiche Recht von Mann und Frau, von Mutter und Vater. Das ist die frohe Botschaft dieses Maientages. Das läßt zahllose Frauen aufjubeln: Willkommen! Willkommen, du erster Mai! Hauswirtschaftliches Kurt Heilbut. Kopfbedeckung für Frauen und Mädchen. Märchenhaft muten uns in dieser Saison die Preise für Hüte an. Wie manche Frau und manches Mädchens hat sich den Wunsch versagen müssen, einen neuen Hut zu kaufen, weil der Preis zu hoch war. Wer jedoch nur ein wenig mit der Nadel umzugehen weiß, kann sich mit Leichtigkeit eine nette Müße aus Stoff, Seide oder Samt herstellen. Aus gee ringerem Stoff hergestellt bietet die Müze bei Regenwetter gute Dienste, aus besserem Stoff gearbeitet ersetzt sie den Hut. Alte Kleidungsstücke sowie Reste tönnen dazu verwendet werden. Futter oder Gaze muß unbedingt gleichzeitig mit dem Stoff zusammen berarbeitet werden, damit die Müge den nötigen Halt bekommt. Fallen 33cm 33 cm Fig.1 8cm 39 cm 32cm Fig. 2. 63 cm Fig.3. 8cm Futterstreifen Fig. 4. Fig. 1 stellt den Kopf dar und wird tellerförmig zugeschnitten. Der Durchschnitt desselben muß 33 Bentimeter betragen. Dann legt man den Rand in kleine Falten, bis er die Weite von 62 Zentimeter hat. Hierauf werden vier Teile nach Fig. 2 zugeschnitten. Es muß darauf geachtet werden, daß diese Teile eine leichte Rundung haben, da sie als Hutrand dienen. Die äußere Weite muß 39 Zentimeter, die innere Weite 32 Zentimeter und die Höhe 8 Zentimeter betragen. Je zwei Teile werden an der mit o bezeichneten Seite zusammengenäht, so daß der Rand zweimal vorhanden ist. Die beiden Teile des Hutrandes werden rechts auf rechts aufeinandergelegt und am äußersten weiten Ende zusammengenäht und dann gewendet. Jezt schneidet man von Futter oder Gaze nach Fig. 8 einen Streifen von 68 Zentimeter Länge und 7 Zentimeter Höhe, säumt ihn an beiden Seiten um, so daß er die Höhe von 5 Zentimeter behält. Nachdem man den Streifen zusammengenäht hat, wird an diesem nach oben der Kopf und unten der Rand aufgearbeitet( siehe Fig. 4). Der Futterstreifen wird durch einen Seiden- oder Stoffftreifen, der die Höhe von 5 Zentimeter hat, verdeckt. Um die kleine Naht des Streifens zu verdecken, arbeitet man ein Stückchen Seide oder ein Schleifchen darüber. Beim Tragen der Müze wird der Rand ein wenig hochgebogen. Bu empfehlen ist, die Müge erst in Papier zuzuschneiden und mit Stecknadeln zu steden, um die Fasson auszuprobieren. Emilie Sommer. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.h. in Stuttgart.