Nr. 18 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig. Durch die Post bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mr. 1.45. Parteitag und Frauenkonferenz. Stuttgart 6. Juni 1919, Am 10. Juni, nachmittags 4 Uhr, findet in Weimar der nächste Parteitag statt. Die Tagesordnung ist durch die Tagespresse zur Kenntnis unserer Leserinnen gekommen. Im Anschluß an den Parteitag ist durch den Parteivorstand auch eine Frauenkonferenz einberufen worden. Die Tagesordnung lautet: 1. Die Aufgaben der sozialdemokratischen Frauenbewegung. 2. Frauenarbeit und Frauenschutz. Außer den von den einzelnen Streisen zu entsendenden Delegierten find die weiblichen Mitglieder der Nationalversammlung zur Teilnahme berechtigt, während den Fraktionen der einzelnen Landtage es freisteht, eine weibliche Delegation zur Frauenkonferenz zu bestimmen. Genossinnen! Die sozialdemokratische Frauenbewegung steht vor großen und schweren Aufgaben. Das politische Mitbestimmungsrecht legt uns eine größere und allgemeinere Verantwortung auf. Die Agitation, Aufklärungs- und Schulungsarbeit muß planmäßig betrieben werden, wenn wir den Aufgaben, die unsere Weltanschauung und die Zugehörigkeit zu unserer Partei uns auferlegen, erfüllen wollen. Es ist deshalb eine rege Beteiligung an dieser Frauenkonferenz erwünscht. Wegen Wohnungsbeschaffung ist das Lokalfomitee für den Parteitag( Adresse: Julius Palm, Weimar, Bertuchstraße 2a) zuständig. Die Delegierten mögen sich dahin wenden. Berlin, den 20. Mai 1919. Im Auftrag des Parteivorstandes: Marie Juchacz. " 1 An die Leserinnen der ,, Gleichheit“. Vom 1. Juli ab soll unsere Gleichheit" wöchentlich erscheinen. Der Druckfort wird von Stuttgart nach Berlin verlegt, so daß Redaktion und Druckerei in enger Verbindung sind. Durch diese Neuregelung wird es möglich, unser Blatt aktueller zu gestalten und in demselben zu den brennendsten Fragen Stellung zu nehmen, dieselben zu klären und dadurch für die Genofsinnen im Lande wegweisend zu wirken. Genossinnen! Nun sorgt alle, daß die„ Gleichheit" ihren Zweck, uns Waffen und Werkzeug schmieden zu helfen für die Durchführung des Sozialismus, erfüllen kann, indem sie gelefen wird. Werbt Leserinnen für die„ Gleichheit"! Mehr als je ist es notwendig, daß die Frauen zum politischen Leben erwachen. Die politischen Rechte legen politische Pflichten auf. Die Zeit ist bitter ernst. Der uns angedrohte " Friede" ist der letzte Kampf des Kapitalismus gegen den aufsteigenden Sozialismus. Wir brauchen denkende, wertbewußte Menschen, die für die heilige Sache des Sozialismus glühen. Lange war es der Wunsch der Genossinnen, neben der„ Gleich. heit" ein Blatt zu haben, welches ihnen in ihrer Häuslichkeit praktisch zur Hand ginge. Der Parteivorstand hat deshalb beschlossen, vom 1. Juli ab der„ Gleichheit" eine Beilage zu geben, die den Namen„ Die Frau und ihr Haus" führen soll. Dieselbe wird sich mit der Anfertigung praktisch- künstlerischer Frauenkleidung und mit allen Fragen des Haushaltes und der Kinderpflege usw. beschäftigen. Wir hoffen, daß auch das neue Blatt sich viele Freunde werben und den Genofsinnen in der Agitationsarbeit für die " Gleichheit" ein wertvolles Hilfsmittel sein wird. Redaktion und Verlag der„ Gleichheit". Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplatz 14838. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. Der neue Geist. In schicksalsdunklen Stunden leben wir. Bielleicht ist alles schon entschieden, wenn diese Zeilen in die Hände der Leserinnen kommen; wir wissen, ob wir, ob das deutsche Volt endgültig erdrosselt werden soll oder ob uns noch die Möglichkeit zum Leben bleibt. Wie es aber auch kommen- mag, über eines müssen wir Frauen und Mütter uns klar sein, ein großer, heiliger Wille muß in uns leben: es darf teinen neuen Krieg geben, wir und unsere Kinder dürfen nicht wieder durch eine solche Wüste von Blut und Leid gehen. ( Mit diesem Willensbekenntnis ziehen wir die Scheidegrenze zwischen uns und dem alten nationalistischen Geist e, den Herrn Stresemann und Gesinnungsgenossen jetzt so gerne wieder aufleben lassen möchten. Dieser Geist, welcher ein Unrecht nur dann empfindet, wenn es an ihm selbst verübt wird, hat kein Recht, sich mit uns in eine Reihe zu stellen. Dieser Geist, welcher fremdes Gebiet erobern wollte, darf sich nicht vergleichen mit unserer Hei. matliebe. Dieser Geist des Hasses und der Rache, des Blut- und Machtrausches, der uns in dieses Elend geführt hat und dessen Vertreter in Paris uns den Erdrosselungsfrieden entworfen haben. Wie es auch kommen mag: wir müssen erfüllt werden mit neuem Geiste von Grund auf. Wir Mütter und Väter müssen seinen Atem zuerst spüren, um ihn unseren Kindern mitteilen zu können, um sie zu neuen Menschen zu erziehen. Die Schule muß folgen und Schritt halten müssen mit dieser Entwicklung alle Einrichtungen des öffentlichen Lebens. Der heilige Geist der Freiheit muß uns aufgehen. Wir Frauen lehnten den Friedensvertrag ab, weil unsere Kinder nicht Sklaven werden sollen. Jedes Sklavenjoch fordert zum Widerstand auf: Drud erzeugt Gegendruck. Und die Folge müßte sein, daß noch einmal der alte Geist des Krieges triumphierte. Ich weiß, wie furchtbar schwer es für die Hausfrau, für die Mutter ist, auf das wenige Mehl und Fett, welches uns jetzt von Amerika gegeben wurde, zu verzichten, und dennoch soll sich jede Frau darüber klar sein, daß das Ja oder Nein zu dem Friedensvertrag nichts anderes war als die Frage: Sped und Mehl oder neuer Kriegt Bei dieser Erkenntnis kann aber die Entscheidung nicht schwer fein; wir wollen feinen Krieg wieder, denn in seinem Gefolge sind von neuem Tod, Hunger und Verbrechen. Aus freien Menschen muß ein Volt sich bilden, wenn es sich zu wirklicher Freiheit erheben will. Menschen, die nicht um eines Vorteils willen sich ducken, die nicht unehrlich sind, weil sie es für flüger halten, sondern die es wagen, der Wahrheit zu leben und alle Verantwortung für ihr eigenes Tun zu tragen; die sich stets vor allen eigenen Handlungen der Verantwortlichkeit gegen die Allgemeinheit bewußt sind. Menschen, die frei und stolz genug sind, begangene Irrtümer einzusehen und danach zu handeln. Der Haß aber war der bitterste Irrtum der Menschheit. Darum müssen wir uns zuerst von ihm bekehren. Die Liebe 138 Die Gleichheit Nr. 18 ® Ich warte dein. Ich warte dein, wenn über braune Felder Der erste Hauch des Lebens wieder weht; Ich warte dein, wenn durch die Winterwälder Der Frühlingssturm als Lebenswecker geht. Ich warte dein, wenn sich die Welt im Maien Ringsum mit Sang und Duft und Blüten schmückt, Und wenn der weiche, wilde Mohn erblühet Und meine Hand die roten Flammen pflückt. Wenn rings die Reife liegt auf den Gefilden, Und jeder Halm des Blühens Früchte bringt, Und wenn in glutgefärbtem Todesprangen Die letzte Ranke ihren Strauch umschlingt. muß den Haß überwinden auch im Leben der Völker. Nur durch die Liebe zu anderen Menschen lernt man die eigenen Schwächen erkennen und sie daraus an den anderen verstehen. Nur Menschen, die guten Willens zur Liebe und Verständigung sind, können die Menschheit aus der Qual erlösen, in der sie schmachtet. Nur sie werden stark genug sein, an die Stelle der Nache die Gerechtigkeit zu setzen. Wir wollen nicht zu Sklaven werden, weil wir den alten Kriegsgeist begraben wollen auf ewig. Der neue Geist aber ist der Geist der Freiheit, des Friedens, der Liebe und Gerechtigkeit! Klara Bohm- Schuch. Und noch in Eis und Schnee und Todesschauern Da wart' ich dein mit starkem, stolzem mut. Du Tag der Menschenfreiheit, groß und golden, Ich warte dein und deiner Flammenglut. An einem Morgen muß die Sonne grüßen Ein freies, neuerstandenes Geschlecht. Und neuerstanden wird zum Himmel lohen, Das lang zertretne heil'ge Menschenrecht. Don Pol zu Pol wird Freiheitsodem rauschen, Und Menschen werden wieder Menschen sein, Und Brüder werden Brudergrüße tauschen. Komm, goldner Freiheitstag, ich warte dein! Wir lebten, wir deutschen Frauen, weil wir auf den Frieden hofften. Wir glaubten, er käme als Himmelsbote mit Palmen in der Hand, das Antlig erfüllt von Liebe und Güte. Und Rosen wollten wir ihm streuen, Rosen der Liebe, daß Liebe wieder einzöge in die mit Haß erfüllte Welt. Der Friede aber, der uns geboten wird, das ist keine Gestalt des Lichtes, das ist ein Bote der Finsternis. Dieser Frieden trägt ein furchtbares Racheschwert statt Palmen. Sein Antlitz ist entstellt von Haß und Wut. Er kennt keine Liebe und keine Versöhnung. Tausenden unserer deutschen Kinder will dieser Frieden die Heimat nehmen, das Land ihrer Väter, die Sprache ihrer Warum auch für uns ,, unannehmbar". Mütter. Und nicht nur Heimat und Sprache soll uns geAls am 6. Februar die deutsche Nationalversammlung in Weimar zusammentrat, glaubten wir, die Schicksalsstunde des deutschen Volkes hätte geschlagen. Mit wieviel Hoffnungen, Plänen, Entwürfen gingen wir an unsere Aufgaben. Eine Verfassung wollten wir dem deutschen Volfe geben, beruhend auf dem Grundsatz der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, eine Verfassung, in der, wie die schon fertiggestellte württembergische Verfassung es so schön ausdrückt, alle Gewalt im Staate vom Volfe ausgeht. Wie sehr waren wir alle uns unserer Verantwortung bewußt und wieviel Glauben und Hoffen brachten insbesondere wir Frauen dem Gedanken entgegen, daß wir berufen wären, mitzuwirken bei einem Frieden des Rechtes und der Gerechtigkeit, einem Frieden, der zum Völkerfrieden führen sollte und alle Völker einen zum Bölkerbund. Grausamer sind Glauben und Hoffen wohl niemals getäuscht worden! Die wahre Schicksalsstunde des deutschen Volkes, die schlug am 12. Mai, als die deutsche Nationalversammlung wieder zusammentrat in der Aula der Universität Berlin unter dem Bilde, das Fichte darstellt, wie er dem deutschen Volke seine Erneuerung verkündet, die beruhen sollte auf der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlig trägt. Der Frieden aber, der uns da verkündet wurde, das ist kein Frieden des Rechtes und der Gerechtigkeit. Das ist ein Frieden, der das deutsche Volk zwingen will, zu verzichten auf alles, was Freiheit und Menschenwürde heißt. Das ist ein Frieden, der 70 Millionen deutscher Volksgenossen verdammen will, sein Dasein zu fristen hinter Kerkermauern und Stacheldrähten. Ein Schrei des Jammers ging durch ganz Deutschland an diesem 12. Mai, schmerzlicher, klagender als der Schrei, der am 4. August 1914 ertönte, damals, als wir verkündet bekamen, daß ein Weltkrieg entbrennen sollte, furchtbarer, als ihn die Welt jemals erlebt hat. Und wir deutschen Frauen, wir haben geopfert, geduldet, getragen, weil wir hofften. Wir haben selbst die langen, schweren Monate des Waffenstillstandes getragen, trotzdem in dieser Zeit, in der die Waffen ruhten, die schwerste Prüfung über uns kam, denn die Hungersnot raffte Tausende und aber Tausende unschuldiger Greise, Frauen und Kinder dahin. nommen werden. Zu Sklaven der Arbeit sollen unsere Rinder aufwachsen. Die Frucht ihrer Arbeit soll Fremden zugute kommen. Und wir werden kaum Arbeit haben, denn alles deutsche Gebiet, aus dem unsere Rohstoffe und Kohlen fontmen, soll uns genommen werden. Und wir werden kein Brot haben, denn wir werden fein Land zum Bebauen haben. Gerade die deutschen Gebiete, die uns Korn und Kartoffeln liefern, will man uns entreißen. Ja, die Milch soll unseren Kindern genommen werden, denn einen großen Teil unseres Milchviehs sollen wir den Feinden ausliefern. Das ist grausamer, unmenschlicher als der bethlehemitische Kindermord, von dem die Bibel berichtet. Und wir werden kein Geld haben, uns Lebensmittel zu faufen, weil wir nicht arbeiten können. Ohne Brot und ohne Arbeit aber wird der Mensch zum Tier. Alles, was wir Deutschen in jahrelanger Kulturarbeit geleistet haben, es wird vernichtet werden. Aber auch alles, was wir noch an fultureller und sozialer Arbeit leisten wollten. Der Mutterschutz, die Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, die Wohlfahrtspflege, die Sorge für die Kriegsbeschädigten, die Witwen und Waisen, die Wohnungsfürsorge, der Aufbau unserer Schulen, die Pflege von Kunst und Wissenschaft, alles das wird unmöglich gemacht auf Jahrzehnte hinaus, wenn wir diesen Frieden annehmen. Wir Deutsche im jungen Volksstaat Deutschland, wir wollten die Forderungen des Sozialismus verwirklichen: Brot und Arbeit für alle, aber auch Freiheit und Gleichheit für alle. Die Freiheit aber soll geknechtet werden unter fremdem Joche. Die Gleichheit soll vernichtet werden, denn Deutschland soll ausgeschlossen werden aus dent Bunde der KulturStaaten. Die junge Republik Deutschland sollte eine sozialistische Republik sein. Wir deutschen Frauen, die wir am 9. November befreit wurden, wir wollten den Frauen aller Länder helfen, gleich und frei zu werden gleich uns. Gleichheit und Freiheit aber haben keinen Bestand ohne Brüderlichkeit. Dieser Frieden aber dient nicht der Brüderlichkeit. Er trägt ein Nacheschwert. Er sät Haß statt Liebe in die Herzen der Menschheit. Die junge Republik Deutschland soll büßen für die Sünden des Imperialismus und des Kapitalismus, die die Monarchie Deutschland heraufbeschwor. Aber Imperialis Nr. 18 Die Gleichheit 139 mus und Rapitalismus haben diesen Frieden diftiert, der selbe unsagbare Leid. Wir haben gegen den Krieg gekämpft und uns strafen will, die wir unschuldig sind. Dieser Frieden bedeutet nicht nur die Erdrosselung Deutschlands, er bedeutet auch den Mord der Freiheit, des Sozialismus. Welche deutsche Frau wird noch Kinder erziehen wollen für solches Sklaventum. Wie soll eine deutsche Mutter noch Liebe pflanzen können in die Herzen ihrer Kinder? Darum erheben auch wir deutschen Frauen Protest gegen diesen Frieden der Gewalt und der Entrechtung. Dieser Frieden wäre der Beginn neuer, endloser Kriege. Darum erheben wir Protest dagegen im Namen unserer Kinder und Kindeskinder. Der Friede in dieser Form, mit diesen Bedingungen ist auch für uns Frauen„ umannehmbar". Ein Schrei geht durch Deutschland, ein Schrei des Jammers und der Empörung. Möge er gehört werden bei den Frauen und Müttern der anderen Länder, bei den Sozialistinnen der ganzen Welt. Ihnen rufen wir es zu: Helft Deutschland retten. Ihr rettet euch selbst und eure Kinder. Ihr rettet die Freiheit und den Sozialismus, an dem die Welt genesen soll! Anna Blos( M. d. N.) Die Frauen zum Friedensvertrag. In der denkwürdigen Sigung der Nationalversammlung vom 12. Mai zu Berlin, in der das einmütige„ Unannehmbar der Friedensbedingungen in dieser Form" ausgesprochen wurde, tamen auch zwei Frauen zum Wort. Die Ausführungen unserer Genoffin Bohm- Schuch folgen hier in dem Wortlaut des amtlichen Stenogramms: Meine Herren und Damen! Die Frauen aller Länder haben während des Krieges Unsagbares gelitten. Alle, welche Sprache- wir auch sprechen, trugen die quälende Sorge um das Leben unserer Lieben, die im Felde standen. Alle trugen wir das bittere Weh, daß Menschen von Menschen getötet wurden, und sie waren doch alle Söhne von Müttern und alle von Frauen geboren.( Große Bewegung.) Das Leid der Frauen und Mütter war international, solange der Krieg tobte. Dieses Gefühl haben wir deutschen Frauen immer gehabt: uns einte ja mit den Frauen der ganzen Welt dasFeuilleton Dem Fleißigen neid' ich seinen Fleiß: Goldhell und gleich fließt ihm der Tag herauf, Goldhell und gleich zurück, Hinab ins dunkle Meer Und um sein Lager blüht Vergessen, glieberlösendes. Das Ende der Welt. Ein Traum. Von Jwan Turgenjew. Niessche. Es träumte mir, ich befände mich in irgendeinem Winkel Rußlands in einem einsam gelegenen Bauernhaus. Groß und niedrig ist die dreifensterige Stube; die Wände find mit Kalk geweißt; aller Hausrat fehlt. Vor dem Hause zicht sich weithin eine fable, leicht abfallende Ebene. Wie ein großes Linnen hängt der einfarbig graue Himmel über sie herab. Ich bin nicht allein. Etwa zehn Menschen befinden sich noch im Zimmer, alles gewöhnliche, einfach gekleidete Leute. Schweigsam, mit schleichenden Schritten gehen sie auf und ab. Sie weichen einander aus. Doch begegnen sich dabei unaufhörlich ihre besorgten Blicke. Reiner weiß, wie er in dieses Haus gekommen ist, keiner fennt seine Gefährten. Unruhe und Bangigkeit liegt auf eines jeden Antlig. Alle treten nacheinander ans Fenster und blicken spähend hinaus, als ob sie von draußen her irgend etwas erwarteten. Dann gehen sie wieder ruhelos hin und her. Ein kleiner Knabe befindet sich unter ihnen; mit eintöniger, dünner haben geglaubt, unsere Schwestern jenseits der Grenzen müßten mit uns kämpfen. Wir glaubten, ihren Kampfprotest nicht zu hören, weil sie auch den unsrigen nicht hören fonnten, weil der Donner der Kanonen all unser Leid, all unsere Klagen verschlang. Aber als dann der Waffenstillstand kam, zeigte es sich, daß wir den Kreuzesweg nun allein gehen mußten. Ich weiß nicht, ob unsere Schwestern jenseits der Grenzen jemals ganz begriffen haben, welche Unmenschlichkeit in der Hungerblockade liegt. Wir deutschen Frauen und Mütter haben gehungert während des Krieges! Wir haben es sehen müssen, wie die Kinder hungerten und verhungerten! Wir haben es sehen müssen im letzten Sommer, wie ganze Scharen blühender junger Menschen im Lande an den Hungerkrankheiten zugrunde gingen!( Bewegung.) Wenn die Ententeregierungen eine Rechnung aufmachen wollten der Leiden von Frauen und Kindern in ihren Ländern, dann, sage ich, haben wir eine Gegenrechnung zu präsentieren, die geradezu ungeheure Schuldposten enthält( Lebhafte Zustimmung), die überhaupt nie im Leben wieder beglichen werden kann.( Erneute Zustimmung.) Und dieser Hungerkrieg gegen uns und unsere schuldlosen Kinder wurde auch nach Abschluß des Waffenstillstandes fortgeführt! Man gab uns unsere Gefangenen nicht zurüd. Schwer hat es uns die Entente gemacht, nicht zu hassen. Aber wir wußten, daß der Haß der Keim zu neuen Kriegen sein würde und sein müßte, und wir kämpften mit unserem ganzen Frauengefühl gegen den Krieg, alle, in welchem Lager wir auch uns befinden mochten, zu welcher Parteirichtung wir uns auch bekennen mochten. Weil wir mit unserem ganzen Naturgefühl gegen den Krieg sind, darum wollten wir den versöhnenden Frieden. Wir hofften nicht auf die Gnade der kapitalistischen Ententeregierungen, aber wir glaubten an die Gerechtigkeit der Völker. Von ihnen erwarteten wir unseren Frieden, denn sie trugen dieselben Wunden wie wir. Uns erschienen die 14 Puntte Wilsons. als die Grundlage eines solchen Friedens der Gerechtigkeit. Und nun ist uns ein Friedensvertrag vorgelegt worden, der diesen Glauben an die Gerechtigkeit zerschlägt( Sehr richtig!), der uns jede Hoffnung nimmt, daß wir in harter, ehrlicher Arbeit noch einmal unseren Kindern ein Leben ermöglichen, das besser ist als das unsere.( Sehr richtig!) Um unserer Kinder willen ist dieser Frieden für uns unannehmbar.( Sehr richtig!) Der Friede, wie er jetzt vorgeschlagen, würde unseren Willen zerbrechen. Was Stimme wimmert er von Zeit zu Zeit: ,, Väterchen, ich fürchte mich!" Dieses Wimmern erregt in mir ein banges Gefühlauch ich beginne mich zu fürchten.... Vor wem? Vor was? Ich weiß es selbst nicht. Nur das eine fühle ich: ein großes, großes Unglück kommt näher und näher. Dieser Kleine aber hört nicht auf zu wimmern. Ach, tönnte man doch fort von hier! Wie dumpf und schwül zum Ersticken! Aber es ist fein Entrinnen möglich. Der Himmel gleicht einem Zeichentuch. Kein Lüftchen regt sich. Ist denn die Luft erstorben? Plöglich eilt der Kleine ans Fenster und ruft mit fläglicher Stimme:" Seht nur, seht die Erde ist versunken!" ,, Was? Versunken?" - In der Tat: vorhin war eine Ebene vor dem Hause- jetzt steht es auf dem Gipfel eines großen Berges! Der Horizont ist heruntergefallen- hinabgefunken, und dicht vor dem Hause gähnt ein steiler, zerklüfteter schwarzer Abgrund. Wir drängten uns alle ans Fenster. Vor Schred erstarrten unsere Herzen.„ Dort, dort!" flüstert mein Nachbar. Und sich am ganzen weiten Erdrand entlang begann sich etwas zu rühren, fleine rundliche Hügel hoben und senkten sich in der Ferne. „ Das Meer?" fuhr es uns allen zugleich durch den Sinn. ,, Es wird uns sogleich verschlingen.... Aber wie kann es nur so wachsen und steigen bis hier zu der steilen Höbe!" 11 Und dennoch steigt es, steigt mit Riesenschnelle.... Nun sind es schon nicht mehr einzelne Hügel, die da in der Ferne auf- und niederwogen.... Eine einzige, ungeheuerliche, zufammenhängende Flut ist es, die rings am ganzen Horizont hereinbricht. Im Fluge, im Fluge kommt sie auf uns zu. Auf den Fittichen eines eisigen Sturmwindes braust sie heran, sich zu 140 Die Gleichheit Hunger und Not nicht fonnten in viereinhalb Jahren, das würde dieser Friedensvertrag, wenn er durchgeführt würde, vollbringen. Er würde uns zu willenlofen, feigen Sklaven machen.( Sehr richtig!) Dieser Vertrag nimmt uns die Möglichkeit zur freien Arbeit, und er nimmt uns damit die Möglichkeit zum Aufstieg im Sozialismus. Dieser Vertrag legt uns Lasten auf, welche die Fortführung der Sozialpolitik im eigenen Lande zur Unmög lichkeit machen. Die Rentenansprüche, welche der Entente aus dem Kriege erwachsen sind, sollen wir restlos tragen, aber für unsere Kriegsinvaliden, Kriegerwitwen und-waisen soll nichts bleiben, die werden von der Entente schonungslos dem Untergang preisgegeben.( Hört! Hört!) Das ist kein Friede, das wäre nie und nimmer ein Friede; kein Mensch mit Gerechtigkeitsgefühl könnte ihn als solchen bezeichnen. Es wäre die Fortführung des Krieges gegen Wehrlose mit anderen Mitteln.( Sehr richtig!) Wenn wir uns je wieder emporarbeiten sollen, muß die Quelle aller Volkskraft, muß die Mutterschaft geschützt werden. Wie soll es denn aber Deutschland möglich sein, eine Mutterschaftsfürforge durchzuführen, wenn es keine Mittel besitzt, und die Mittel will man uns nehmen. Man will uns nicht den Ertrag unserer Arbeit lassen, ja man will uns sogar die Möglichkeit nehmen, überhaupt zu arbeiten. Wie sollen wir die Kinder- und Jugendfürsorge durchführen, wenn wir nicht die Möglichkeit haben, dafür den Ertrag unserer Arbeit zu verwenden.( Sehr richtig!) Im Vertrag steht, daß die Blockade aufgehoben werden soll; also man tut so, als ob man uns nicht weiter hungern lassen wollte. Man will uns etwas Mehl, etwas Milch, etwas Fleisch verkaufen, aber dafür nimmt man uns die Kornkammern des eigenen Landes, dafür nimmt man uns 140 000 Milchkühe, und der Erfolg wird sein, daß Tausende unserer Säuglinge verfümmern und ver hungern müssen. Man nimmt uns 40 000 Stück Jungvieh, die den Grundstock bilden könnten, um die furchtbar gesunkene Milch- und Fettversorgung von neuem aufzubauen. Man nimmt uns 120 000 Schafe und verkauft uns etwas Gefrierfleisch und Baumwolle. Man verkauft uns Rohstoffe und nimmt uns die wertvollsten Rohstoffquellen. Damit aber nimmt man Hunderttausenden unserer Volksgenossen die Heimat. Man kann ja überall wohnen; denn überall ist die Erde schön, aber die Heimat hat man nur einmal in der Welt.( Lebhafte Zustimmung.) Es ist nicht gleich, ob wir unsere Muttersprache sprechen oder eine andere, ob unsere Kinder dieselben Laute hören wie wir oder fremde, ob wir am Volksleben sammenballend wie die Finsternis der Hölle. Alles erzittert ringsum dort aber, in jener sich heranwälzenden, unförmlichen Masse dröhnt und donnert und tönt es wie ein tausendstimmiger eherner Schrei. Ha, wie ein Brausen und Heulen! Die Erde selbst ächst und stöhnt vor Entsetzen. Ihr Ende ist da! Das Ende aller Dinge! Noch einmal ertönt das Wimmern des Kleinen. Noch will ich mich an meinen Gefährten flammern- aber schon sind wir alle erstickt, begraben und verschlungen, fortgerissen von jener pechschwarzen, eisigen, donnernden Flut. Finsternis... ewige Finsternis! Ich konnte kaum Atem holen, als ich erwachte. Weit und breit Liebesstrophe. Sehe ich nichts als deine Herrlichkeit. morgens weckst du die schlummernden Blumen auf, Abends trägst du die hellen Sterne an den hohen Himmel hinauf. Den ganzen Tag streust du Wunder vor deinem Schreiten her, Die ganze Nacht wird vor dir ein flammendes Lichtmeer: Für mich. Deine liebe Hand, Die so zart ist und sich doch so fest Um meine harten Singer spannt Und mich den unbesieglichen Willen jubelnd erkennen läßt: Um das Göttlichste von allen Dingen: Unsere Liebe Auch mit göttlicher Kraft zu ringen, Lasse ich nie mehr aus meinen Händen. Du trägst mein Leben, von deinen guten Händen umschlossen, Und kannst es blühen machen und kannst es enden.... Nr. 18 und am Schicksal unseres Vaterlandes mitarbeiten können oder nicht. Das konnten wir aber in unserer freien Heimat, in unserer jungen Republik, die wir durch treue Mitarbeit zu einem vorbildlichen Staatswesen, zu einem sozialistischen Staat emporbauen wollten. Die Franzosen haben ein so starkes Nationalgefühl. Wir haben es während des ganzen Krieges bewundert. Aber jetzt sollen sie auch in erster Linie verstehen, daß auch wir ein Heimatsgefühl haben.( Lebhaftes Bravo!) Das sollen fie anerkennen; sie sollen in erster Linie dafür eintreten, daß unseren Volksgenossen die Heimat nicht genommen werden darf. Sie sollen aus Gründen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit mit uns fordern, daß nur eine Voltsabstimmung in diesen Gebieten entscheiden darf über die Staatszugehörigkeit. Unsere junge deutsche Republik hat dieses Heimatsgefühl für alle in ihr lebenden fremden Nationen voll anerkannt, sie hat ihnen das Recht der Muttersprache wiedergegeben, und unseren Volksgenossen soll es genommen werden! Dazu können wir nie und nimmer ja sagen. Es gibt keine Macht der Welt, die einen gerecht denkenden Menschen zwingen könnte, dazu sein Ja zu sprechen.( Bravo!) Unsere Gefangenen will man uns jetzt zurückgeben, wenn das ganze deutsche Volk sich freiwillig dafür zu Sklaven macht. Das steht in dem Vertrag, den wir unterzeichnen sollen. Die Bereitwilligkeit zur Rückgabe unter diesen Bedingungen ist die furchtbarste Grausamkeit und Härte, die überhaupt Menschen erdenken fonnten.( Sehr richtig!) Eine Grausamkeit gegen das menschliche Fühlen der Frauen, gegen die heiligsten Gefühle, die überhaupt die Menschen bewegen können, gegen Eltern-, Gatten- und Kindesliebe. Unsere Sprache hat kein Wort, um dieses Verfahren zu kennzeichnen.( Sehr richtig!) Wir wollen unsere Gefangenen zurückhaben ich spreche das heute vor dem Forum der Welt aus, wenn es überhaupt noch eine Gerechtigkeit gibt bedingungslos, wie wir die anderen zurückgegeben haben.( Lebhaftes Bravo!) Wir deutschen Frauen wollen aber auch, daß dieser Krieg der letzte gewesen ist. Wir haben so Unmenschliches gelitten, daß wir nicht wollen, daß die Menschheit noch einmal durch diese Leiden geht, durch dieses Meer von Blut, und wir denken, alle unsere Schwestern jenseits der Grenzen, jenseits der Gebirge und Meere müssen dasselbe Empfinden haben; denn sie haben dasselbe gelitten wie wir. Darum müssen sie mit uns fordern, im Namen der Menschlichkeit, daß Deutschland gleichberechtigt in den Völkerbund aufgenommen wird. Jede andere Koalition müßte wieder in weit und breit Sehe ich nichts als deine Herrlichkeit. Aber mein ganzes Sein ist bereit, Dir zu schaffen, was dich beglückt und dich freut. Du bist in mein Leben wie ein Weckruf zum Glück gekommen Und hast mir alle 3iellosigkeit trüber Jahre genommen. Alles Lastende wich. Ich bin von einem hohen Glück durchrauscht, Und mir ist, als hätten wir unsere Herzen vertauscht. Ich will, ich weiß, ich lebe nichts, Als vor der Flamme eines neuen, ewigen Lichts: Dich! Bücherschau Hans Gathmann. Jm Firnverlag, Berlin, find unter dem Titel„ Anklage der Gepeinigten" in Broschürenform Auszüge aus den Tagebüchern eines Sanitätsfeldwebels erschienen, die auf Grund des in ihnen mitgeteilten Materials geradezu erschütternd wirfen. Sie sind frei von allem Romanhaften, sie entbehren der literarischen Durcharbeitung; gerade ihre Sachlichkeit, ihre Einfachheit ist es, durch die eine Wirkung erzielt wird, wie sie kaum Henry Barbusses realistisches Feuer" und Lotzkis Friedensgericht" auszuüben vermag. Und diese Schilderungen find wahr, sind Tatsachen, die jederzeit glaubhaft durch Zeugen nachgewiesen werden fönnen; der Verfasser selbst ist ein älterer besonnener Mann, der mit seiner Person für die volle Wahrheit des Niedergeschriebenen einsteht". Der Verlag selbst hat alle Angaben aufs gewissenhafteste nachgeprüft, bevor er sich zur Herausgabe entschloß- um so eindringlicher muß deshalb die Forderung erhoben werden, daß die in Frage kommenden Personen vor das Strafgericht gestellt werden. Wer das dünne Heft liest, der wundert sich nur, daß es nicht eher zum Ausbruch der Revolution gekommen ist. So kraß sind die geschilderten Zustände, so fürchterlich sind die Anklagen. Da ist kaum eine Tagebuchnotiz, in der nicht irgendein ge= meiner Diebstahl erwähnt wird, begangen an den Unglücklichsten Nr. 18 Die Gleichheit absehbarer Zeit au neuen friegerischen Zusammenstößen führen. Dieser Gewaltfriede, wenn er so geschlossen würde, würde überhaupt nicht nur der Keim, sondern der Anfang eines neuen Krieges sein.( Sehr richtig!) Das wäre dann die Zukunft unserer Kinder. Wir wollen aber unsere Kinder zu Kulturmenschen erziehen, sie sollen teilhaben an den Schönheiten und Freuden des Lebens. Wir Frauen sind die Trägerinnen des Lebens und nicht die Dienerinnen des Todes, und so fordern wir, daß unsere Schwestern überall in der Welt mit uns einstimmen in den Ruf gegen den Krieg; fie können nicht anders fühlen als wir. Würde dieser Frieden zur Wirklichkeit, dann bedeutete er auch für die übrigen Völker Europas Versklavung oder Aufruhr und neuen Krieg. Wir lehnen diesen Frieden ab um all dieser furchtbaren Konsequenzen willen, die er nach sich ziehen müßte. Wir fordern Verhandlungen auf Grund der deutschen Gegenvorschläge und auf Grund der 14 Punkte Wilsons. Wir Frauen sind Gläubige, bis uns der Tod trifft, und so rufen wir noch einmal das Gewissen der Welt auf, mit uns auf der Grundlage der 14 Punkte Wilsons einen Frieden der Gerechtigkeit zu erkämpfen.( Beifall.) Wir fordern Gerechtigkeit an Stelle von Gewalt und Rache. Wir wollen den Frieden, aber nicht dieses Zerrbild eines Friedens. Wir wollen die Freiheit zum Arbeiten und zum Leben behalten. Meine Herren und Damen! Ich glaube, wir Frauen gerade sind uns in diefer Stunde der furchtbaren Verantwortung bewußt, welche wir tragen; denn jede einzelne Mutter hat für die Zukunft ihrer Kinder einzustehen, für jede einzelne Mutter bedeutet es nicht nur den eigenen Untergang, wenn die ganzen Härten dieses Vertrags ausgeführt würden. Wir leben in unseren Kindern, aber weil es so ist, darum wollen wir, daß sie ein freies Leben haben, und um ihretwillen müssen wir diesen Frieden ablehnen.( Leb= hafter Beifall.) In der Begrüßungsrede wurde uns ein großes Wort aus der Vergangenheit gesagt:. Wenn ihr versinkt, versinkt die ganze Menschheit! Das ist nicht nur ein Wort aus der Vergangenheit, sondern es ist ein Wort, welches aus der Zukunft zu uns herüberklingt. Es ist für uns Frauen eine furchtbare Stunde! Dieser Frieden, den wir mit brennender Seele fast fünf Jahre lang ersehnt haben, wird uns nun in einer Form geboten, daß wir ihn um der Menschheit willen, um der Zukunft willen ablehnen müssen. Es ist nicht leicht! Aber es ist das, was wir unseren Kindern, was wir der Zukunft der Menschheit schuldig sind. Weil wir den Frieden der der Menschen, den aller Hilfsmittel beraubten Kranken und Schwerverwundeten. So heißt es am 10. November 1916: " Ich frage mich wieder und immer wieder, wie lange dieser Schwindel, dieser niederträchtige Betrug noch andauern soll. Wir empfangen täglich 80 bis 100 Liter Milch von der Ortskommandantur, darunter 14 Liter Vollmilch für Schwerkranke( Nierenentzündung, Gasvergiftung usw.), das übrige ist Magermilch. Die Vollmilch wandert sofort in zwei Eimern ins Kasino. Hier werden für die notleidenden Sanitätsoffiziere Streuselkuchen gebacken, desgleichen Torten, Cremeschnittchen, Budding usw. Das geschieht täglich ohne Ausnahme. Unseren Schwertranten, die mit dickgeschwollenen, aus den Höhlen tretenden Augen liegen und sich vor Schmerzen winden, für die die Vollmilch be= stimmt ist, weil fie teine feste Nahrung zu sich nehmen können, gibt man für den ganzen Tag zwei Becher blaues Wasser, genannt Magermilch. Davon sollen sie leben/ und wieder gefund werden. Wo die verordnenden Ärzte aus Pflichtgefühl und als Menschen handeln und den Schwerkranken und Verwundeten Erleichterungen und Zulagen durch bessere, kräftige Verpflegung herbeiführen wollen, streicht dieser gewiffenlose Lump, der sich Chefarzt nennt, auf 8Bureden seines Komplicen, des Lazarettinspektors, den Ärmsten der Armen alles. Ich kann das nicht zu beschreibende Elend nicht mehr mitansehen." Ganze Ladungen Liebespatete werden von den Offizieren geplündert; auf Anordnung des Chefs wird ein Paket, deffen Verpackung Fettinhalt vermuten läßt, beraubt. Tabat, 3igarren, Seife, Wein, Porzellan, kurz, alles, was sich nur denken läßt, verschwindet im Kasino; die Verwundeten erhalten keine genügenden Lebensmittel, denn:„ Wir wollen hier keine Masttur aufmachen." Diese rohe äußerung stammt vom Chefarzt, einem Manne, der seit Kriegsausbruch 30 000 Mart erhalten hat( abgesehen von allen Unterschlagungen) und dafür bis Ende November dreimal vergeblich versucht hat, einen Zahn zu ziehen! Roheit überall, ja direkter Mord: zwei Veripundete erhalten statt der Kochsalzlösung Wasserstoffsuperoryd eingesprigt: sie sterben! • 141 Völker wollen, darum ist dieses Berrbild eines Friedens für uns unannehmbar, und aus diesen Gründen müssen unsere Schwestern in den heute uns noch feindlichen Ländern mit eintreten in den Kampf: auch sie müssen diesen Frieden ablehnen. Sie müssen mit uns eins sein, daß ein Friede geschlossen.wird, der auch wirklich garantiert, daß nicht wieder ein solches Blutvergießen über die Menschheit kommen kann. Ein Friede in des Wortes heiligster und höchster Bedeutung!( Lebhafter, andauernder Beifall und Hände flatschen.) Für den gefährdeten Westen und für die besetzten Gebiete sprach Frau Weber vom Zentrum. In leidenschaftlich- schönen Worten gab sie ihrer Heimatliebe Ausdruck:„ Eupen und Malmedy sollen an Belgien fallen,... dann ist zu gleicher Zeit auch das Schicksal der Stadt Aachen entschieden." Von den Leiden unserer Volksgenossen in den besetzten Gebieten sprach sie und von der zerstörten Hoffnung, welche die Frauen an den Völkerbund geknüpft hatten. Im preußischen Abgeordnetenhaus sprach von jeder Fraktion eine Frau zu den Friedensbedingungen; für die Sozialdemofraten die Genossin Ege( Frankfurt a. M.). Die in Berlin erscheinende konservative Tageszeitung„ Die Post" schwieg die Frauenreden der Nationalversammlung tot. Die Leute glauben noch immer, die eine Hälfte der Menschheit in der Entwicklung der Geschichte ausschalten zu können. * Ein internationaler Frauenkongreß, der vom Frauenkomitee für dauernden Frieden einberufen war, tagte vom 5. bis 15. Mai in Zürich. Es wurden Resolutionen angenommen, welche die Aufhebung der Blockade und den wirklichen Völkerbund verlangen. Gegen Menschen und gegen Schicksale ist es nicht bloß die edelste und sich selbst am meisten ehrende, sondern auch die am meisten auf dauernde Ruhe und Heiterkeit berechnete Gemütsstimmung, nicht gegen sie zu streifen, sondern sich, wo und wie es nur immer das Verhältnis erlaubt, zu fügen, was sie geben, als Geschenk anzusehen, aber nicht mehr zu verlangen, und am wenigsten mißmutig über das zu werden, was sie verweigern. W. von Humboldt. Der dem Lazarett zugeteilte Pfarrer predigt von den Lilien auf dem Felde und macht die fluchwürdigen Treibereien mit. Diese Auslese wird genügen. Was man hier erfährt, ist himmelschreiend, läßt sich niemals entschuldigen, auch dadurch nicht, daß diese Vorkommnisse der Ausfluß eines ganzen Systems sind. Und Artur Bidler, der zu diesen Aufzeichnungen ein vortreffliches Vorwort schrieb, hat recht, wenn er sagt:„ Derartige Zustände, wie die hier geschilderten, in einem Lazarett während der langen Dauer des Krieges wären unmöglich, wenn nicht das ganze System einen ausgezeichneten Nährboden für die Fäulnis geboten hätte, wenn nicht der Körper selbst durchfault gewesen wäre.... Das einzige, was übrigbleibt, ist die Pflicht des Volkes, daraus zu lernen, zu lernen, daß um alles in der Welt kein System wiedertehren darf, das sich derartig an einem tüchtigen, arbeitsamen und leider nur zu autoritätsfrommen Volfe vergehen durfte." Den Frauen. Karl Diesel. Frauen! Mütter! Es ward unser Tag! Nun möge kommen, was tommen mag. Nun müssen Mut und Kraft wir spenden Und Segen und Sonne mit Mutterhänden, Daß unserm Volt in des Todes Nacht Noch einmal die Sonne des Lebens lacht. Lasset uns aufrecht zum Tode gehn. Das wir lebten, das Sein war schön. Es war der Arbeit, der Sorgen voll, Und doch von Segen es überquoll. Nun ist es vorbei. Wir flagen nicht. Es trifft uns schuldlos ein schwer Gericht. Wir bleiben aufrecht, wie tief es auch traf, Und sterben so. Lieber tot als Sklav. Henr. Fürth. 142 Die Gleichheit Nr. 18 An die sozialistischen Frauen und Mütter Das Waisengeld für die Waise eines Soldaten beträgt 68 Mark, aller Länder. Wir sozialistischen Vertreterinnen deutscher Frauen und Mütter wenden uns an euch, ihr sozialistischen Frauen und Mütter der uns feindlich gesinnten Mächte und neutralen Länder. Verschließt euer Ohr und Herz nicht dem Schrei der Gerechtigkeit, der ganz Deutschland erfüllt. Zusammen mit den Frauen der ganzen Welt haben wir die unsäglichen Leiden des Krieges ertragen müssen. Dann ruhten endlich die Waffen, die Sorge um das Leben unserer Lieben konnte verstummen. Aber unsere deutschen Männer, Söhne und Brüder mußten weiter qualvolle Gefangenschaft erdulden, unsere Volksgenossen, unsere Schwestern und Kinder fielen weiter dem Würgengel Hunger zum Opfer. Aus der Hoffnung, in gemeinsamer Arbeit mit unseren Volksgenossen unser zerstörtes Wirtschaftsleben wieder aufbauen zu können, schöpften wir Hoffnung für die Zukunft. Wir wußten, daß die Friedensbedingungen hart sein würden, hatten wir doch selber anerkannt, daß die Schäden, die der Krieg der belgischen und nordfranzösischen Bevölkerung zugefügt hatte, von uns wieder gutzumachen seien. Die Staatsmänner, die uns den Friedensvertrag präsentiert haben, wollen dem deutschen Volke aber nicht die zur Erfüllung dieser Pflichten notwendige Kraft lassen. Wird dieser Frieden zur Tat, dann wird die Folge sein: Versklabung, Hunger, Massensterben, physisches und moralisches Elend unseres ganzen Volkes. Dieser Frieden bedeutet aber nicht nur die Erdrosselung Deutschlands, er bedeutet auch den Tod der Freiheit, des Sozialismus nicht nur für uns, sondern für die ganze Welt. Euch, ihr sozialistischen Frauen aller Länder, ru fen wir zu: Helft Deutschland retten. Ihr rettet euch selbst und eure Kinder. Ihr rettet die Freiheit und den Sozialismus, an dem die Welt genesen soll. Im Namen der sozialdemokratischen Frauen der Nationalversammlung Deutschlands: Marie Juchacz. Die Not der Kriegshinterbliebenen. Der länger als vier Jahre andauernde Weltkrieg hat seine Schatten überall zurückgelassen, am schwersten aber sind die KriegsHinterbliebenen betroffen. Man erfährt jezt öfter durch die Tagespresse und auch sonst im täglichen Leben, daß in den Kreisen der Kriegshinterbliebenen eine große Erbitterung herrscht. Da taucht die Frage auf: Welche Entschädigung gewährt der Staat den durch den Krieg ihres Ernährers beraubten Witwen, Waisen und Eltern? Die Versorgung der Kriegshinterbliebenen ist festgelegt in dem Militärhinterbliebenengesez vom Mai 1907 und einigen in neuerer Zeit erschienenen friegsministeriellen Verfügungen. Das Gesetz Bennt zwei Arten der Versorgung: die allgemeine Versorgung und die Kriegsversorgung. Die Witwe eines gemeinen Soldaten erhält 300 Mark jährlich Witwengeld und 100 Mark jährlich Kriegswitwengeld; das letztere aber nur, wenn der Tod des Mannes unmittelbar mit dem Kriege im Zusammenhang steht. Wenn zum Beispiel der Tod eines Soldaten in der Garnison durch einen Unfall infolge einer militärischen Übung erfolgt ist, wird nach dem Gesetz Kriegsdienstbeschädigung nicht anerkannt werden, weil die Ursache des Todes nicht direkt auf den Krieg zurückgeführt wird. Die Witwe dieses Mannes würde nur 300 Mark jährliche Rente bekommen, während die Witwe eines Kriegers, der im Felde fiel, ohne weiteres allgemeine Versorgung und Kriegsversorgung, also 400 Mark jährlich bekommt. Das bedeutet eine große Härte. Mit Recht wird die Witwe, der nur die allgemeine Versorgung gewährt wird, sagen: Auch mein Mann ist als Folge des Krieges zum Militärdienst einberufen worden und hat für das Vaterland sein Leben lassen müssen, ob nun durch die Kugel des Feindes oder durch sonstige Umstände, darf aus Gründen der Gerechtigkeit nicht zu einer geringeren Entschädigung führen. Noch empfindlicher trifft in der Rentengewährung die Unterfcheidung zwischen Kriegsdienst und Dienstbeschädigung die Waisen. das Kriegswaisengeld 108 Mark jährlich. Es gibt also eine große Anzahl von Kriegerwaisen, für welche der Staat 68 Mark jährliche Rente zahlt. Wie soll jemand es ermöglichen, von diesem Betrag den vollständigen Unterhalt eines jungen Menschenkindes zu be streiten! Diese Summe fommt kaum als Erziehungsbeihilfe in Frage, geschweige denn als Ausgleich dafür, was ein Vater für sein Kind im Jahre aufwendet. Die unehelichen Kriegerwaisen haben gar keinen Anspruch auf Rente, es kann ihnen nach dem kriegsministeriellen Grlaß vom 3. August 1915 unter gewissen Voraussetzungen eine Zuwendung in Höhe von 150 Mark jährlich gewährt werden. Das ist nun so recht bezeichnend für die Unzulänglichkeit des Militärhinterbliebenengesetzes von 1907. Diese Unvollkommenheit ist darauf zurückzuführen, daß das Militärhinterbliebenengesetz zu einer Beit geschaffen wurde, als unser Staats- und Wirtschaftsleben ein ganz anderes war, wie es heute ist. Der den Frauen durch die Revolu fion gebrachte Einfluß auf die Gefeßgebung wird seine gute Wirtung hoffentlich bald auch hier wie in manchen anderen Angelegenheiten zeigen. Notwendig ist, daß der Staat auch in der Mentenversorgung die unehelichen Kinder den ehelichen gleichstellt. Wir haben nach dem menschenmordenden Kriege mehr denn je alle Ursache, das Leben eines jeden Kindes zu hegen und zu pflegen; auch nur dann kann dem in manchen Kreisen der Gesellschaft noch bestehenden Vorurteil gegen das uneheliche Kind wie gegen die uneheliche Mutter wirksam begegnet werden. Ganz mangelhaft ist ferner die durch das Militärhinterbliebenengesetz von 1907 vorgesehene Versorgung der Eltern. Es heißt: Anspruch auf Gewährung von Kriegselterngeld haben nur diejenigen Eltern, die von dem Gefallenen ganz oder überwiegend ernährt worden sind. Man bedenke doch, daß es meistens Jünglinge im Alter von vielleicht zwanzig Jahren waren, die der unselige Krieg zu Taufenden hinweggemäht hat. Diese jungen Menschen verdienten als Jugendliche im Erwerbsleben noch nicht so viel, um die Eltern unterstüßen zu können. Ihr Verdienst reichte faum zum eigenen Lebensunterhalt. Wenn sie jedoch den Eltern erhalten geblieben wären, dann könnten sie jebt Miternährer der Eltern sein. Außerdem muß man, den Verlust der Eltern menschlich betrachtet, zugeben, daß sie zweifellos in ideeller Beziehung von allen Kriegshinterbliebenen die größten Opfer bringen mußten. Mit den Söhnen, die sie unter Not und Entbehrungen in der Hoffnung auf eine Stüße im Alter großzogen, haben sie tatsächlich alle Freude ihres Lebensabends verloren. Es wirkt nun wie ein Hohn, daß die Bewilligung dieses Kriegselterngeldes, welches im Höchstfall 240 Mark jährlich beträgt, auch noch an eine solche Bedingung, wie fie oben genannt, geknüpft wird. Wenn auch zugegeben werden muß, daß durch die nachträglich herausgegebenen Bestimmungen des Kriegsministeriums schon eine Besserung der wirtschaftlichen Lage der Kriegshinterbliebenen angestrebt, auch eine geringe Zulage neben der Rente gezahlt wird, so bedürfen doch alle Bezüge der Kriegshinterbliebenen einer gründ lichen Aufbesserung, wenn die Hinterbliebenen bei der heutigen Teuerung vor der äußersten Not geschüßt sein sollen. Viele Kriegerwitwen, Waisen und Eltern müssen die Hilfe der privaten Wohltätigkeit mit in Anspruch nehmen, denn nicht alle Hinterbliebenen können durch Arbeitsverdienst bei dem Tiefstand des heutigen Wirtschaftslebens die Lücke in ihren Einkommensver hältnissen ausfüllen. Wie weit die private Wohltätigkeit dieser an sie gestellten Anforderung gerecht wird und gerecht werden kann, will ich hier nicht weiter erörtern. Das ist auch in jeder Gemeinde verschieden. Für die in der Gemeindearbeit tätigen Frauen ist das Gebiet der Hinterbliebenenfürsorge ein ersprießliches Arbeitsfeld; auch hier können die Frauen beweisen, daß sie wohl fähig sind, Pflegerin und Hüterin des Allgemeinwohls zu sein. Luise Grünheid. Sozialistische Kindererziehung. ( Schluß.) Anfänge auf dem Gebiet der Kindererziehung durch die Partei sind auch in Deutschland bereits zu verzeichnen. Während der großen Ferien wurden in früheren Jahren die Arbeiterkinder von Parteigenossinnen auf die Spielwiesen hinausgeführt. An Winter- und Sonntagnachmittagen wurden Märchenvorlesungen veranstaltet. Aber das waren nur zeitweilige, gelegentliche Veranstaltungen. Sollen diese aber wirklich segensreich wirken, so müssen sie zu einer ständigen Nr. 18 Die Gleichheit Einrichtung werden. Wenigstens einmal in der Woche müssen die Kinder für zwei bis drei Stunden versammelt werden. Der Kreis dürfte dreißig Kinder nicht übersteigen, da nur dann der Leiter oder die Leiterin sich eingehend mit den Kindern beschäftigen kann. Die ausländischen Parteiorganisationen sind uns darin ebenfalls vorangegangen. In Österreich bestehen einige Vereine, die ihre Aufgabe vor allem in der Beschäftigung mit der Arbeiterjugend sehen und den Namen„ Kinderfreunde" führen. In Steiermark, Kärnten, Nieder- und Oberösterreich bestehen Landesvereine mit mehr als 6000 Mitgliedern. Diese Vereine bereinigen die Kinder ihrer Mitglieder zu Spiel nachmittagen, Ausflügen, Wanderfahrten und zu verschiedenen Unterrichten. Sie haben ein eigenes monatlich erschei. nendes Blatt, Der Kinderfreund". Vom Parteitag 1912 ist Blatt ,,, Der eine besondere Institution geschaffen worden,„ Der Kinderrat", dessen Aufgabe es ist, allen Organisationen, die sich mit Kindern beschäftigen, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und durch Herausgabe von Merkblättern und Einflußnahme auf die Presse diese Bestrebungen zu fördern. In Böhmen veranstalten die Arbeiterturnvereine Turnübungen der Schulkinder und die Arbeiterakademie" besondere Kindertage" und Märchenabende. In Triest bestehen Einrichtungen, um die Kinder der organisierten Arbeiterschaft während der Schulferien tagsüber ins Freie zu bringen und zu bewirten. Hierzu werden eigene Feldküchen mitgeführt. Im Jahre 1913 wurden an jedem Sonntag 500 bis 900 Kinder aufs Land geführt. Die Veranstaltungen wurden vom Konsumverein reichlich unterstützt. Die Gesamtkosten, die jedes Kind zu zahlen hatte, betrugen 1914 nur 40 Heller. England und die Schweiz sind die Länder der sozialistischen Sonntagsschulbewegung. Die Tätigkeit der englischen Sonntagsschulen besteht in Unterricht der Kinder verschiedener Altersklassen. Als Lehrgegenstände für die älteren Kinder wurden selbst Nationalökonomie und Esperanto eingeführt. Die Schulen sind zu einem Nationalverein zusammengeschlossen, dem mehr als 7000 Schulen angehören, der ein eigenes Monatsorgan hat, Literatur und Lehrmittel herausgibt und periodisch Lehrerbesprechungen abhält. Eine feste organisatorische Beziehung der Schulen zu den sozialistischen Organisationen besteht nicht. Sind die Schüler erwachsen, so werden sie angehalten, der mit der Schule in Beziehung stehenden Organisation beizutreten. In der Schweiz gibt es in einzelnen größeren Städten, wie Basel und Zürich, sozialdemokratische Schulvereine, die Sonntagsschulen für Arbeiterkinder errichtet haben, die die Kinder so erziehen sollen, daß sie befähigt werden, klassen- und zielbewußt für den Sozialismus zu kämpfen. In sechs Klassen find die Kinder vom sechsten bis fünfzehnten Lebensjahr eingeteilt und werden alsdann Mitglieder der Jugendorganisation. Auch in Kopenhagen, Schweden, Amerika und Australien gibt es sozialistische Sonntagsschulen beziehungsweise sozialistische Jugendklubs für die Jugendlichen zwischen zehn und sechzehn Jahren mit Märchenvorlesungen, Spielnachmittagen usw. Besondere Erwähnung verdienen noch die Kindervereine in Holland. Ihr Ziel ist nicht die Erziehung zu frühreifen, sogenannten„ kleinen Sozialisten", vollgestopft mit sozialistischen Dogmen, sondern eine Erziehung, wurzelnd in unserer Weltanschauung, bestrebt, Menschen heranzubilden mit festem Charakter, Solidaritätsgefühl, starkem Rechtsgefühl, Achtung für die Arbeit. Unter Leitung von Eltern und Kinderfreunden wurden Klubs von acht bis zehn Kindern gebildet, in denen die Kinder im Alter von sieben bis zehn und von zehn bis dreizehn Jahren einmal in der Woche zusammenkommen, um Erzählungen zu lauschen oder gemeinsam zu lesen und zu spielen. Das Lesen und Erzählen ist die Hauptsache, und die besten Bücher der Kinderliteratur werden ausgewählt. 143 Bon all den ausländischen Vorbildern sagt mir das holländische am meisten zu. Zwar ist nach wie vor die Erziehung der Kinder Aufgabe der Eltern, aber die Jugendklubs können diesen in dieser schwierigen Aufgabe ungemein behilflich sein. Mehr und mehr tut es not, den Einfluß der sozialistischen Ethik in der Kindererziehung geltend zu machen. Die größte Schwierigkeit wird in der Gewinnung geeigneter Kräfte für die Leitung der Kindervereine zu sehen sein. Aber vor der Revolution lag diese Frage weit schwieriger für uns. Heute verfügen wir über einen großen Stab von Lehrern, Lehrerinnen und anderen kinderliebhabenden Menschen, die sich gern in den Dienst der Sache stellen. Die Hauptsache ist, daß endlich einmal in unserer Partei damit angefangen wird. Auf die äußere Organisationsform fommt es gar nicht an. Liegen genügend praktische Erfahrungen vor, so wird die geeignete Organisationsform schon yon selbst gefunden werden. Hoffentlich tragen diese Zeilen dazu bei, der Partei ein Neuland zu erschließen, aus dem reicher Segen für Kinder, Eltern, Partei und Volf ersprießen kann. Aus unserer Bewegung Wilh. Soldes. Die Krankenschwesteru organisieren sich gewerkschaftlich. Da scheint es angebracht, daß sich die Klassenbewußten Arbeiterinnen über die Lebensverhältnisse unterrichten, unter denen die neuen Genossinnen bisher gestanden haben und zum großen Teil noch stehen. Die berufliche Krankenpflege wurde in ihrem Beginn in Deutschland durch Ordensbrüder und schwestern ausgeübt. Diese aus religiösen Gründen im Kloster- hatten feine andere Lebensaufgabe, als, den Gesezen des Klosters folgend, ihre Pflicht, die sie in den Dienst der Krankenpflege stellte, zu erfüllen. Sie waren vont Orden für Lebenszeit versorgt, und ihr Glaube verhieß ihnen den ewigen Lohn um so größer, je mehr sie ihren Körper abtöteten. Später übten dann evangelische Pflegerinnen dieselbe Tätigkeit unter gleicher oder doch sehr verwandter Berufsauffassung aus. Der Bedarf an Pflegepersonal konnte aber durch diese sogenannten geistlichen Schwestern nicht gedeckt werden, zumal die moderne Medizin ganz andere Ansprüche an die Krankenpflege stellt, als das früher der Fall war. Und so bildeten sich eine ganze Reihe weltlicher Verbände, denen sich dann alle die Frauen und Mädchen anschlossen, die einem Kloster oder Diakonissenhaus nicht angehören konnten, die aber aus Liebe zu diesem schönsten weiblichen Beruf oder aus Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu suchen, die Krankenpflege erlernten. Ihre Arbeits- und Lohnverhältnisse waren ihnen von vornherein durch die geistlichen Berufskollegen festgelegt. Die Leiter der Verbände, die die Arbeitgeber bilden, hatten kein Interesse daran, ihren Arbeitnehmern andere Lebensbedingungen zu schaffen, vielmehr betonten die Mutterhäuser vom Roten Kreuz und ähnliche Institutionen immer wieder, daß der sittliche Wert der Schwester bedingt ist durch ihren restlosen Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten und willige Hingabe an den Beruf, ohne auf das eigene Wohl zu achten. Und nach diesem sittlichen Werte strebend, ließen sich die Schwestern von ihren Arbeitgebern ausbeuten und arbeiteten bei einem Lohne von 20 bis 40 Mark monatlich bei durchschnittlich täglich 15 bis 18 Stunden Dienst. Dafür hingen die Verbandsleitungen ihren Organisationen den Mantel der Wohltätigkeit um und zogen Frauen an sich, die zeitweise dort arbeiteten, ohne daß ihnen der Beruf zum Broterwerb diente. Gegen eine solche Einrichtung tamen natürlich diejenigen unter den Schwestern, die fich zur Klaffenbewußten Arbeiterschaft rechneten, nicht auf. Ihre Forderung nach besserer Bezahlung und Herabsehung der Arbeitszeit mußte unerfüllt bleiben, weil die Schwestern der Mutterhäuser und alle, denen das Verständnis oder der Mut zur Solidarität fehlte, zu Lohndrückern werden mußten. Erst der Krieg mit seinen ungeheuren wirtschaftlichen Anforderungen stellte einen großen Teil der Schwestern vor die Notwendigkeit, mit ganzer Kraft. für die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse einzutreten. Der 9. November gab ihnen dann die Mittel hierfür. So wählten fich die Schwestern der freiwilligen Krankenpflege eine Vertretung in den Arbeiterrat, und so schließt sich jetzt ein großer Teil der Krankenschwestern gewerkschaftlich zusammen und tritt in bie Reihen der Klaffenbewußten Arbeiterinnen ein. Genoffinnen, bie ihr zeitiger die Notwendigkeit derartiger Organisationen erkannt habt, nehmt die, die ihr Beruf in den besonderen Dienst der Nächstenliebe stellt, gern in eure Reihen auf. Seid ihnen Mit 144 Die Gleichheit schwestern, wie sie es euch immer waren und sind, damit immer größer, immer fester und stärker werde der Kreis der werktätigen Frauen, die zielbewußt arbeiten, die Menschen freier, gesunder und glücklicher zu machen. Schwester Hedwig Goldberger. Die Frauenbewegung des Auslandes Die Humanité" veröffentlicht zum französischen Frauentag folgende Resolutionen: 1. Die anläßlich des Frauentags am 27. April 1919 vereinigten sozialistischen Frauen senden ihren schwesterlichen Gruß den Genofsinnen der ganzen Welt, insbesondere denen, die in den revolu= tionären Ländern an der Seite des Mannes gekämpft und die Erlangung einer besseren Menschheit mit ihrem Leben bezahlt haben. Sie verurteilen die gegenrevolutionäre Politit, die von der französischen Regierung gegen die Staaten getrieben wird, die die Gleichheit der Geschlechter bereits verwirklicht haben. Demzufolge erwarten sie von den sozialistischen Abgeordneten, daß sie fortfahren in der Bekämpfung der Intervention in Rußland. Solidarisch mit den Müttern, deren Kinder zu Tausenden starben als Opfer der Wirtschaftsblockade, fordern sie in gleicher Weise die Abgeordneten auf, einen energischen Feldzug zu unternehmen, damit schnellstens diese unmenschliche und heimtückische Verlängerung des Krieges beendet wird. 2. Die zum Frauentag am 27. April 1919 vereinigten sozialistischen Frauen fordern die sofortige Amnestie, Aufhebung der Zensur und Wiederherstellung der Versammlungsfreiheit. Sie protestieren gegen die Schwierigkeiten, die von der Regierung den französischen Delegierten bereitet wurden, die sich zu der Konferenz des internationalen Frauenausschusses für dauernden Frieden nach Zürich begeben sollten. Sie begrüßen das Werk der Befreiung der Frau und die Morgenröte einer neuen menschlichen Gesellschaft, erneuert durch die Kraft des im Sozialismus vereinigten Mannes und Weibes. ★ Schweiz. Der Kanton Neuchâtel hat sich für das Frauenstimmrecht ausgesprochen. Polen. An den Arbeiten der konstituierenden Versammlung nahmen fünf Frauen teil. Ihre Vorschläge wurden auf das wärmste aufgenommen. Vereinigte Staaten. Der Stimmrechtsgedante marschiert unauf haltsam. Die Frauen haben jetzt in 25, das heißt der Mehrzahl aller Bundesstaaten das Recht, an der Präsidentenwahl teilzunehmen. Dänemark. Ein Gesezentwurf, die Zulassung der Frauen zu allen Staats- und Gemeindeanstellungen betreffend, wurde einer parlamentarischen Komission überwiesen. Den Vorsiz dieser Kommission, hat eine Frau. Belgien. Das erhoffte Wahlrecht wird den Frauen nur sehr beschränkt gewährt, nämlich nur den Witwen und Müttern der vom Feind getöteten Soldaten. Frankreich. Bei der Debatte über die Wahlrechtsreform lehnte die Kammer zweimal Verbesserungsvorschläge ab, die das Frauenstimmrecht betrafen. Tagebuchblätter aus Berlin. Berlin, den 8. Mai 1919. Seit dem 2. Mai tagt hier der Friedensausschuß. In Weimar wurde inzwischen an der Verfassung und im Haushaltausschuß gearbeitet. Nachdem ein Teil der Friedensdelegation unter Führung von Brockdorff- Ranbau nach Versailles unterwegs war, trat, wie vorgesehen, die neunte Kommission der Nationalversammlung zusammen. Ihre ersten Arbeiten standen unter dem Eindruck des unwürdigen Wartens unserer Delegation in Frankreich. Alle möglichen anderen Dinge, nur nicht der zu erwartende Vertrag boten Verhandlungsstoff. Man wurde das Gefühl nicht los, daß die nervöse Spannung des Abwartens krampfhaft zum Reden über an fich wichtige, im Augenblick aber sehr unwichtige Dinge zwang. Diese nervöse Redelust, hört auf, nachdem gestern der Reichswirtschaftsminister Schmidt Mitteilungen über unsere Ernährungslage, Erzberger über die Finanzierung unserer Lebensmitteleinfuhr und Gothein über den Stand unserer„ Reichsschäße" machten. Mit voller Wucht legt sich in der heutigen denkwürdigen Sißung des Friedensausschusses die Schwere des Augenblics, die GrauNr. 18 samkeit der im Friedens" vertrag niedergelegten Punkte auf unsere Seele. Der Ministerpräsident und sämtliche Minister sind erschienen. „ Wir stehen am Grabe unseres Volkes, wenn der Friedensvertrag Wahrheit wird", so greife ich einige Worte aus den Ausführungen Scheidemanns heraus. Wir wußten es ja, daß man im Lager der Entente Deutschland schwer treffen wollte. Die uns vorliegenden Vertragspunkte aber übertreffen jede im schwärzesten Pessimis mus einst geäußerte Ansicht. Wir sind ein totes Volt, wenn... Die Nationalversammlung tritt am 12. Mai in Berlin zusammen. Den 9. Mai 1919. Die Mitglieder der Fraktion, die heute schon eintrafen und die bereits in Berlin vorhandenen versammeln sich zu einer Sigung. Die Landsmannschaften der bedrohten Gebiete geben ein Bild von der Volksstimmung dort. Den 10. Mai 1919. Die Fraktion tagt mit den preußischen Kollegen in der alten Universität. Wir sind bekanntlich in Berlin froß des geräumigen Reichstagsgebäudes obdachlos. Die Aussprache ergibt eine einmütige Auffassung der Dinge, aber wesentliche Meinungsunterschiede in der Taktik. Man legt sich nicht fest, denn am Montag fann die Situation schon wieder verschoben sein. Den 12. Mai 1919, vormittags. Heute tagen wir im Saale unserer Kollegen im preußischen Abgeordnetenhaus. Das nochmalige Zusammenkommen ist sehr gut, " Denn die Situation hat sich verschoben". Die Fraktion kennt heute einen größeren Teil der furchtbaren Friedens" bedingungen. Den 12. Mai 1919, nachmittags. Berlin, das sich sein schönstes Frühlingskleid angezogen hat, erlebt den Tag der Nationalversammlung. Im Trubel des Geschäftslebens merkt man nicht viel von Spannung und besonderer Aufregung. Aber in der Bahn, auf der Straße, in den Läden, beim Vorbeigehen, in den Lokalen, das Wort vom Friedensvertrag schwirrt umher. Vor der abgesperrten Universität stehen viele Menschen. Professor Kahl begrüßt die Nationalversammlung im Namen der Berliner Universität. Das Untertauchen in die Vergangenheit, das Erinnern an Fichte, dessen Reden an die deutsche Nation im Wandgemälde der Aula dargestellt sind, passen in den Tag. Ministerpräsident Scheidemann, der uns nie so alt erschien, wie heute, spricht mit bezwingender Einfachheit. Minutenlanger Beifall unterbricht ihn, als er den Vertrag als unannehmbar bezeichnet. Sein Vortrag erschüttert, ist frei von jeder Phrase. Nach ihm spricht für die preußische Regierung Ministerpräsident Hirsch, aus dessen flaren Sätzen wir hervorheben:„ Lieber tot als Sklave." Hermann Müller ist unser Fraktionsredner, der der Bedeutung der Stunde in unserem Sinne den rechten Ausdruck gibt. Nach Gröber vom Zentrum spricht Genoffin Bohm- Schuch. Ihre von heiliger Heimatliebe, von innigstem mütterlichem Empfinden getragene Rede findet hoffentlich widerhall bei allen Frauen in den Ententeländern, die Feindinnen nicht nur des blufigen Krieges, sondern auch FeinSinnen des langsamen Hinmordens von Kindern und Frauen sein müssen. Alle, die nachher noch ihre Stimme zum Protest erheben, eint die Liebe zum Vaterland. Es geht nicht ohne Mißtöne. Denn mancher ist unter den Rednern, dem man das Recht absprechen möchte, in dieser Stunde von einer Vergewaltigung Deutschlands zu sprechen. Die Stresemann und Schulz( Bromberg). Nach Haase, der sich im zweiten Teile leider verflacht, legt die zweite Frau ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Vaterland ab: Frau Abgeordnete Weber vom Zentrum. Herr Professor Quidde, der weltbekannte Pazifist, spricht glänzend. Hoffentlich hallen seine Worte besonders im neutralen Ausland wider. Dann nimmt der Präsident zum Schluß das Wort. Das Haus ist hauchstill. Von tragischer Größe ist der Appell an das internationale Christentum. Ja, wo ist dies Christentum? Hier hätte der Schluß einsehen müssen! Die dann unterlaufenden Säße von Deutschlands Unschuld waren Mißtöne. Und darum ging der tiefe und wahrhafte Gehalt der Prophezeiung, daß einst die Enkel eines versflavten Volkes gewaltsam Ketten brechen könnten, im Mißverstehen unter. Aber aus allem schält sich der Wille zum gerechten Protest. Den soll das Ausland hören! Den muß es hören! Dem Präsidenten wird die nächste Einberufung des Hauses überlassen. Elisabeth Röhl. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.H.- in Stuttgart.