Nr. 19 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit der Beilage: Für unsere Kinder Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 15 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 95 Pfennig; unter Kreuzband Mr. 1.45. An unsere Leserinnen!. Stuttgart 20. Juni 1919 Wie bereits in Nr. 18 mitgeteilt wurde, wird die„ Gleich heit" von Nr. 20 ab wöchentlich erscheinen und zweimal im Monat eine Beilage„ Die Frau und ihr Haus" erhalten. Durch diese Neuregelung glauben wir den Interessen unserer Leferinnen sowohl politisch als Hauswirtschaftlich zu dienen. Der Bezugspreis beträgt ab 1. Juli für die„ Gleichheit" mit fämtlichen Beilagen im Monat 1,20 Mr. 31 Genossinnen! Werbt neue Leserinnen für unser Blatt, die Gleichheit"! Zur Sozialisierung der öffentlichen Wohlfahrtspflege. I. Seine Majestät der Mensch! Man hat uns zeitlebens mit mancherlei Majestäten geplagt. Die eine davon, die Majestät von Gottes Gnaden, die sogar den Vorzug hatte, erblich zu sein, ist in diesen stürmischen Tagen vom deutschen Boden weggefegt worden, als wäre sie nimmer gewesen. Aber da wir nun einmal nicht ohne Majestäten auskommen können und es eine gibt, die die höchste ist, obwohl sie bis jetzt vergessen im Winkel stand, tut es not, daß wir jener Majestät den Thron erheben und erhöhen, zu der alle anderen Majestäten, die des Rechtes wie die der Wissenschaft, der Arbeit und wie sie alle heißen mögen, sich verhalten wie die Trabanten zur Sonne: Seine Majestät der Mensch! Um seinetwillen ist alles, geschieht alles oder sollte alles geschehen, was Menschenhirne ausdenken, was Menschenarme schaffen. Es hat der Novemberſtürme des Vorjahres bedurft, um dieser Erkenntnis die Bahn freizumachen. Bis zu dieser Stunde war es Seine Majestät das Geld, dem alles und alle fich beugten beugen mußten. Die Diktate dieser Majestät waren uns geläufig als: Expansion des deutschen Marktes, Steigerung der Produktivität, Ausdehnung des Kolonialbefizes, Vervollkommnung der schimmernden Wehr" usw. Dab alle diese schönen Dinge zu ihrer Verwirklichung der Menschenkraft bedurften, daß hinter ihnen die gesteigerte und recht oft die übersteigerte Arbeitsleistung von Millionen stand, das berücksichtigte man nur so weit, als einmal Gott Mammoy es in seinem eigensten Interesse verlangte und als zum anderen die wachsende Macht der Arbeiterorganisationen ein Mindestmaß von Schutz und Fürsorge erzwang. Fürst Bismard hat selbst einmal zugegeben, daß unsere Arbeiterschutz gesehgebung durch das Drängen der politisch und gewerkschaftlich organisierten Massen zustande gekommen sei. Daneben hat es selbstverständlich in fast allen politischen Lagern nicht an sozialpolitisch geschulten, sozialreformerisch interessierten Persönlichkeiten gefehlt, denen nicht die Ware, sondern der Mensch das Maß aller Dinge war. So wie zum Beispiel Menger, der österreichische Staatsrechtslehrer, schon Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplag 14836. Expedition: Stuttgart, Furtbachstraße 12. vor Jahrzehnten das größte Glück der größten Zahl als den Leitspruch aller Sozialpolitik bezeichnet hat, war es ein anderer Deutsch- Österreicher, Rudolf Goldscheid, der in seinem Buche„ Höherentwicklung und Menschenökonomie"( linkhardt, Leipzig 1911) den Menschen in all seinen Beziehungen zur Umwelt in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt. Er weist außerdem überzeugend nach, daß bei einer allseitigen, das heißt aber von der Geburt bis zum Grabe auf alle Lebensbeziehungen sich erstreckenden Fürsorge auch die Volkswirtschaft und das Gemeinwohl am besten gedeihen werden.„ Es ist heute notwendig, darauf hinzuweisen, in welchem Umfang der Mensch selber den Mutterboden aller Kultur und aller wirtschaftlichen Produktivität darstellt. Ver geudung der Bodenkraft hat keine verheerenderen Folgen als Vergeudung, raubbauartige Ausnuzung der Menschenkräfte." Wir sind heute so weit, als einzige Glück und Zukunft verheißende Frucht der vernichtenden Kriegszeit das stolze: Der Mensch ist da um des Menschen willen; sein Wohl, sein Glück und alles, was diesem einen dienen kann, ist das oberste, für alles und für alle richtunggebende Gesetz! buchen zu können. Die Sozialisierung der Wirtschaft und der damit verknüpfte Um- und Ausbau des Arbeiterrechtes, die Einheitsschule, eine in grundlegenden Teilen neue Rechts- und Lebensordnung sind Etappen auf dem Wege zu diesem Ziele. Eine Etappe auch das, was uns in den folgenden Abschnitten beschäftigen soll: die Sozialisierung der Wohlfahrtspflege. II. Die Armenpflege. Es ist noch nicht so gar lange her, daß Armut und Verbrechen übereinstimmende Begriffe waren. In England steckte man die, die dieses Verstoßes gegen die öffentliche Ordnung schuldig befunden waren, in Armenhäuser, von denen Dickens in seinem berühmten Roman David Copperfield" eine erschütternde Schilderung gibt. Bei uns entzog man dem Empfänger von Armenunterstüßung gleich den Verbrechern und Geisteskranken die bürgerlichen Ehrenrechte. " Die Revolution hat diesem Unfug ein Ende gemacht. In Erfüllung des neuen Geistes, den sie uns gebracht, der neuen Ziele, die sie uns gesteckt hat, müssen wir nun daran gehen, die sozialen Krankheitserscheinungen zu erkennen und ihnen von der Wurzel, das heißt von der ihnen zugrunde liegenden Ursachenreihe her zu begegnen. In diesem Zusammenhang ist festzustellen, daß so Armut und Verbrechen in der Tat zumeist der gleichen Wurzel entstammen. Es sind Milieuerscheinungen, Folgen der in der wirtschaftlichen und geistigen Umwelt gegebenen Lebensbedingungen. Der Sohn des Millionärs braucht nicht zu stehlen. Er kommt auch nie in die Verlegenheit, Armenunterstützung annehmen zu müssen. Selbst wenn er arbeitsunfähig, geistig minderwertig oder sonst lebensuntauglich ist, wird so für ihn gesorgt, daß er nicht Gefahr laufen kann, irgendwie mit der öffentlichen Ordnung in Konflikt zu kommen. Ganz anders bei jenen breiten Massen, die, gänzlich mittellos, zur Er 146 Die Gleichheit ringung ihres Lebensunterhaltes lediglich auf ihre körperlichen oder geistigen Kräfte angewiesen sind. Der geringste Anstoß, die geringste Erschütterung können hinreichen, um sonst ordentliche und fleißige Menschen auf ewig aus der Bahn geordneten Lebens zu schleudern, sie zu Almojenempfängern oder zu Schädlingen der Gemeinschaft zu machen. Vorübergehende Arbeitslosigkeit, Krankheit, manchmal eine so natürliche Sache wie ein Wochenbett, können unter Umständen den Nieder- oder Untergang einer Familiengemeinschaft zur Folge haben. Da müssen Schulden gemacht werden, da reißt Unordnung ein; und einmal eingefangen in das Gewirr kleiner Verdrießlichkeiten, gelingt es nur sehr gesunden, charaktervollen und tatkräftigen Menschen, die Folgen solcher vorübergehender Zustände restlos auszugleichen und zu überwinden. Ist in diesem Falle erst einmal Armenunterstügung eingetreten, so wird die Hilfeleistung recht häufig zum ersten Schritte auf der Bahn unabwendbaren Niederganges. Ein altes gutes Volkswort sagt, daß nur der erste geschenkte Taler ein Loch in die Hand brenne. Ist erst einer an das Almosenempfangen gewöhnt, so brennt es ihm weder in der Hand noch in der Seele oder vielmehr dann hat es ihm Scheu und Scham aus der Seele gebrannt und er ist ein Lump geworden. Darum tut ein Doppeltes not: unser gesamtes soziales Leben muß so eingerichtet werden, daß das Versinken in Armut und Unterstützungsbedürftigkeit in der Mehrzahl der Fälle verhütet wird. Verhüten ist auch hier beffer und leichter als heilen. In den Fällen aber, die allen Verhütungsmaßnahmen zum Troße noch übrigbleiben, muß der Armenunterstüßung das Erniedrigende und Beschämende genommen werden, das ihren Empfänger zum Bürger zweiter Klasse herabwürdigt Verhütend wirken alle die Vorkehrungen, die die erwartungsmäßigen Störungen des Individuallebens, wie Wochenbett, Krankheit, Invalidität, Alter, Unfall usw., zum Gegenstand gesetzlich geordneter Fürsorge machen. Die bezüglichen Einrichtungen, wie Mutterschutz, Krankenversicherung, Alters, Invaliditäts- und Unfallversicherung usw., sind zum Teil in Ansägen, zum Teil in weit vorgeschrittenem Ausbau vorhanden. Hier gilt es weiterzuarbeiten. Wie das geschehen könnte, soll in einigen folgenden Artikeln gezeigt werden. Neben diesen Formen verhütbarer Unterstüßungsbedürftigkeit wird aber immer noch ein Rest bleiben, der ganz unabhängig von abwendbaren Einflüssen der Umwelt aus dem Wesen und der Eigenart der Unterstüßungsbedürftigen herauswächst. Es gibt Menschen, die aus natürlicher, ererbter Veranlagung lebensschwach oder lebensuntauglich sind. Pasfiert das in wohlhabenden Kreisen, so wird Vorsorge getroffen, daß der Lebensuntaugliche nicht in den Strom des kampfund verantwortungsvollen Lebens zu gehen braucht. Es wird eben leiblich und geistig für ihn gesorgt. Nicht so in den Tiefen des Lebens. Da wird von einem jeden verlangt, daß er, herangewachsen, für sich selbst sorge, sich sein Brot selbst verdiente. Der schwache, energielose, arbeitsscheue oder sonst körperlich oder geistig untaugliche und widerstandsunfähige, manchmal auch der bloß unpraktische Mensch kommt dabei unter die Räder. Er wird Landstreicher, Verbrecher, Prostituierte oder( und da kann man sagen günstigenfalls) Almosenempfänger. Mit welchem Rechte will ihn die Gesellschaft der Gesunden für einen Fehler strafen, den er ererbt hat? Die Gesellschaft kann durch eine vernunftgemäße Neuordnung des Erziehungswesens( siehe Einheitsschule usw.) dafür Sorge tragen, daß der angeborenen Minderwertigkeit auf dem Wege der Erziehung entgegengearbeitet werde( es sei in diesem Busammenhang auf die Erfahrungen an einer Schule für Minderbegabte und Lebensschwache verwiesen, die der treff liche Pädagog Johannes Langermann in seinem„ Erziehungsstaat" niedergelegt hat). Der danach noch verbleibende Rest sowie jene, die in der Vorkriegszeit oder durch die Kriegsnot unter die Näder gekommen sind, dürfen fernerhin nicht Gegenstand einer falten, schematischen Armenunterstüßung bleiben, fondern es muß für sie eine Fürsorge einsetzen, die in zartNr. 19 fühlender Weise sie und ihre Bedürfnisse zu verstehen und zu befriedigen sucht. Tolstoi sagt in einer seiner Schriften( ich glaube, es ist sein„ Meine Beichte"), wie sehr er sich jedesmal beim Almosengeben geschämt habe. Er habe immer das Gefühl gehabt, sich bei dem Empfänger entschuldigen zu müssen. In sehr glücklicher und feiner Weise hat damit Tolstoi das Empfinden gekennzeichnet, das wohl jeden tiefer fühlenden Menschen in solchem Falle beschleicht. Gerade die Erkenntnis, wie demütigend und schmerzlich es ist oder sein sollte, sich etwas schenken lassen zu müssen, sollte für unser bezügliches Verhalten maßgebend sein. Die Armenpflege muß zur freundschaftlich vertieften individualisierenden Wohlfahrtspflege werden. Im Ehrenamt* muß sie geleistet werden, und die sie leisten, müssen es sich zur Pflicht und Ehre machen, die ganz wenigen Familien, zu deren Betreuung sie sich verpflichten, ganz aus der Nähe kennenzulernen, ihnen in freundschaftlicher Beratung und in seelischem Verständnis nicht nur ihrer leiblichen, sondern auch ihrer geistigen und Gemütsnöte näherzutreten. Wer zur tatsächlichen Hilfe und zum sachverständigen Rate auch noch ein gütiges Wort zu geben hat, der aber auch nur der ist der rechte Helfer. Wenn der Wohlfahrtspfleger oder die Pflegerin in eine Familie kommt, dann muß es dort wie ein Aufatmen sein. Dann müssen die Augen strahlen und die Gesichter sich verklären in dem Gefühl: nun ist der Freund da, der meine Nöte ganz versteht, ganz mitfühlt und alles, was in seinen Kräften steht, tun wird, ihnen abzuhelfen. So muß die neue Wohlfahrtspflege aussehen. Dann wird das Los der unschuldig Schuldigen um vieles leichter werden, und es wird gelingen, auch von dieser Seite her das zu tun, was mehr ist als lindern und heilen, und das ist: Armut zu verhüten. Henriette Fürth. Trost im Leid! Es war nur ein sonniges fächeln, Es war nur ein tröstendes Wort, Doch scheuchte es lastende Sorgen Und schwere Gedanken fort. Es war nur ein warmes Grüßen; Der tröstende Druck einer Hand; Doch schien's wie die leuchtende Brücke, Die Himmel und Erde verband. Ein Lächeln kann Schmerzen lindern, Ein Wort kann von Sorgen befrein, Ein Händedruck Sünden verhindern Und Liebe und Glauben erneun. Es kostet dich wenig, zu geben Wort, Lächeln und helfende Hand! Doch arm und kalt ist dein Leben, Wenn keiner solch Trösten empfand. M. Röttges. Schulfragen im Verfassungsausschuß. Wie so manche Arbeit in der Nationalversammlung, so leidet auch die im Verfassungsausschuß unter dem Druck der Kompromisse. So werden alle diejenigen, welche sich seit langer Zeit mit Schulfragen, insbesondere mit Volksschulfragen beschäftigt haben, enttäuscht sein von Artikel 31. Wir erhofften gerade von der neuen Zeit für das Schulwesen eine gründliche Umwälzung. Wenn wir auch wissen, daß solche Umwälzungen sich nicht von heute auf morgen vollziehen, so sind wir doch der Meinung, daß es jetzt gilt, den Grund dafür zu legen, * In diesem Punkte weichen wir von der grundsätzlichen Meinung der Verfasserin ab. Jede Arbeit sollte entlohnt werden. Erst dann ist es möglich, daß Frauen mit sozialem Empfinden und Verstehen aus der Arbeiterschaft, welche auf den Erwerb angewiesen sind und deshalb sich ehrenamtlich nicht betätigen können, herangezogen werden. Die Redaktion. Nr. 19 Die Gleichheit und so können alle diesbezüglichen Geseze gar nicht gründlich genug geprüft werden. 147 entgeltlich ist, solche, wo Schulgeld bezahlt werden muß. Die zugelassenen Ausnahmen ändern an der Tatsache nichts. " In allen bürgerlichen Schulen ist persönliche und staatsDie allgemeine Schulpflicht beträgt heute schon in vielen Bundesstaaten acht Schuljahre. Der Fortbildungsunterrichtbürgerliche Tüchtigkeit und sittliche Bildung auf deutscher soll auf vier Jahre festgesetzt werden, also um ein Jahr respektive zwei Jahre verlängert werden. Wir wissen alle, daß die wenigen Wochenstunden für den Fortbildungsschulunterricht nicht genügen. Wir hoffen, daß bei den Arbeiterschutzgesetzen für die jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen bis zum achtzehnten Lebensjahr der Sechsstundentag festgesetzt wird. Dadurch würde mehr Zeit frei für die Fortbildung. Was aber hier vor allem not tut, ist eine sehr gründliche Reform des Unterrichts. Gewiß gehört Staatsbürgerkunde als neues Lehrfach hinein. Aber genügt das? Die Volksschule scheint beibehalten werden zu sollen. Nur für fie gilt Unentgeltlichkeit der Lehrmittel und des Unterrichtes. Der Aufstieg zu den mittleren und höheren Schulen soll jedem Unbemittelten durch Bereitstellung öffentlicher Mittel ermöglicht werden entsprechend seiner Neigung und Begabung. Wir werden also den Aufstieg der Begabten haben in ähnlicher Form wie bisher durch Freistellen. Der unbemittelte Begabte hat daher eine Ausnahmestellung in der höheren Schule. Man weiß, wie oft diese Ausnahmestellungen mit Demütigungen verbunden sind. Es follen allgemeine Vorschulen eingeführt werden mit gemeinsamer Grundlage. Der Ausbau und die Möglichkeit einer längeren Dauer ist ungemein wichtig, denn wir brauchen eine Hebung der allgemeinen Bildung. Private Vorschulen werden unter gewissen Bedingungen zugelassen. Natürlich sind sie nur den Kindern zugänglich, deren Väter einen gefüllten Geldbeutel haben. Also kommt von klein auf schon die Scheidung nach der sozialen Lage. Der Besuch der mittleren und höheren Schulen ist nicht unentgeltlich. Was hilft es, wenn für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule dessen Anlagen und Neigungen, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung seiner Eltern maßgebend sein soll. Sie wird immer maßgebend sein, solange wir zweierlei Schulen haben, solche, deren Besuch unFeuilleton Bei der Arbeit magst du fingen, Das verleiht der Arbeit Schwingen. Gretchen und wir. Grün. stets gleicher Ehrfurcht und Bewunderung stehen wir vor dem„ Faust", dem Meisterwerk Goethes. In ewiger Jugendfrische erscheint es uns. Ist Faust nicht noch heute das Idealbild männlichen Denkens, Sehnens und Wirkens? So wäre es sehr wohl denkbar, daß uns ein Dichter der Gegen wart eine Faust- oder faustähnliche Gestalt schaffen könnte. Unmöglich aber wäre es ihm, ein Wesen zu gestalten, das dem Gretchen Goethes ähneln oder gar gleichen würde. Unmöglich nicht aus dichterischem Unvermögen, sondern weil das Ideal, das Bild der Frau sich seitdem völlig verändert hat. Ja, eine solche moderne, veränderte Gretchengestalt wäre vielleicht das schönste Beispiel für die Aufwärtsentwicklung der Frau im letzten Jahrhundert. Eine Entwicklung, die darauf hinausläuft, den Vorsprung, den das männliche Geschlecht gewonnen hat, wieder einzuholen. Ist doch die Wertschäzung beider Geschlechter in der damaligen Zeit so unterschiedlich, so ungleich, daß das Verbrechen, das Faust an Gretchen begeht, weder in seinen Augen noch in den Augen der anderen als Verbrechen. gilt. Es ist ja alltägliches Frauenschicksal: verführt und sizzengelassen zu werden. Und die Geduld, die. Selbstverständlichkeit, mit der Margarete ihr Schicksal hinnimmt, ist restlos nur zu erklären durch die Unterordnung des weiblichen Geschlechtes unter das männliche. volkstümlicher Grundlage zu erstreben." Nirgends ist die Rede davon, daß dies Biel sich nur erreichen läßt, wenn Elternhaus und Schule Hand in Hand arbeiten. Nirgends wird darauf hingewiesen, daß die Schule auch für die Hebung der körperlichen Tüchtigkeit sorgen muß. Die Schule hat doch auch die Aufgabe, da einzuspringen, wo Eltern ihre hungernden und frierenden Kinder hinschicken. Sie hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß Kinder, die in ihren Freistunden aufsichtslos sind, in der Schule ein Heim finden. Sie hat zu sorgen, daß die Gesundheit der Kinder in der Schule geschützt wird. Hier sind noch so unendlich viele Forderungen zu stellen, daß die Forderung in Absatz 6: Jeder Schüler erhält bei Beendigung des Schulamterrichtes einen Abdruck der Verfassung" fast komisch berührt. Die sachverständigen Vertreter unserer Partei werden hier ihren ganzen Einfluß aufbieten müssen, um noch zu retten, was zu retten ist. Anna Blos( M. d. N.) Zur Siedlungsfrage. Unter der Fülle der Verordnungen und Erlasse, die seit dem 9. November herausgegeben sind, verdient die Verordnung zur Beschaffung von landwirtschaftlichem Siedlungs land besondere Beachtung, da durch sie wesentlich dazu beigetragen werden kann, brennende Fragen des Tages und der Zukunft zum Teil zu lösen. Die Ernährung des deutschen Volkes ist nicht nur die größte Sorge des Augenblicks, sondern auch die der Zukunft. Wenn es uns gelingen würde, dieselbe mehr als bisher vom Ausland unabhängig zu gestalten, würde sich der wirtschaftliche Aufbau Deutschlands viel schneller und wirksamer vollziehen. Diese Möglichkeit wäre vorhanden, wenn die weiten Strecken Moor-, Heide- und Ödland, die noch in Deutschland vorhanden sind, urbar gemacht würden. Zu diesem Zwecke müßten aber Zwar lieben auch heute noch viele Männer solch gretchenhaftes Denken und Empfinden, weil es zu der Verachtung paßt, die sie immer noch den Frauen entgegenbringen, obgleich sie in ihrer Unlogik und Gedankenlosigkeit auf der anderen Seite das„ bessere" und schönere" Geschlecht wieder in den Himmel heben. Auch Faust hat dieses halb spielende, halb verächtliche überlegenheitsgefühl Gretchen gegenüber. So wird es verständlich, daß ihm das„ Schnippische" in ihrem Wesen besonders gefällt: „ Wie sie kurz angebunden war, Das ist nun zum Entzücken gar!" Das ist die Siegerstimmung des sich überlegen Fühlenden, der nicht das geringste von Kameradschaft zwischen den Geschlechtern weiß. Natürlich ist Gretchen sitt- und tugendreich", Eigenschaften, die stets dann in erhöhtem Maße von der Frau verlangt werden, wenn sie der Mann recht nötig hätte. Und unter den menschlichen, das heißt weiblichen Eigenschaften find Demut und Niedrigkeit die höchsten Gaben der liebevoll austeilenden Natur...."( Das Wort„ Niedrigkeit" hatte damals einen anderen Sinn als heute und bedeutete etwa das Gegenteil von Hochmut.) Während das heutige Frauengeschlecht gerade in selbstbewußten, aufrechten, und hochgemuten Gestalten ihre nachzustrebenden Vorbilder sieht. Am treffendsten kennzeichnet Gretchen selbst diese weibliche Unterlegenheit: " Du lieber Gott, was so ein Mann Nicht alles, alles denken kann! Beschämt nur steh' ich vor ihm da Und sag' zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwissend Kind, Begreif' nicht, was er an mir find't." 148 Die Gleichheit Neusiedlungen geschaffen werden. Bei dem hohen Preise für Baumaterial, dem Mangel an Transportmitteln lassen sich diese im Augenblick nicht ermöglichen. Darum befaßt sich die Siedlungsverordnung nicht nur mit der Schaffung von Neusiedlungen, sondern gibt auch den Besitzern von kleinen Landstellen die Möglichkeit, ihren Besitz aus dem Bestand der großen Güter auf dem Wege der Enteignung durch die Siedlungsgesellschaften so zu vergrößern, daß sie sich auf ihm ernähren können. Wenn so die Aufteilung des großen Besizes zum Teil vorgenommen wird, schafft man auf der einen Seite, eine Reihe von Existenzen, die durch intensive Ausnutung des Bodens zur Erhöhung der Ernährung des Volkes beitragen können. Auf der anderen Seite gibt man den erwachsenen Kindern dieser Besitzer der Landstellen Arbeitsmöglichkeit bei ihren Eltern und entlastet hierdurch die benachbarten Industrieorte von überschüssigen Arbeitskräften; denn bisher waren sie gezwungen, dort Arbeit zu suchen. Da der Großgrundbesitz vorwiegend auf Wanderarbeiter angewiesen war, vorläufig aber großer Mangel an diesen sein wird, müßte damit gerechnet werden, daß große Ackerpläne zum Schaden unserer Volkswirtschaft brachliegen bleiben. Auch hier würde durch die Aufteilung vorgebeugt. Allerdings läßt sich auch vieles andere tun, um die Arbeiternot auf dem Lande zu heben. Was hat denn die Arbeiter vom Lande zur Stadt gezogen? Der reichlichere Verdienst, die kürzere Arbeitszeit, die persönliche Freiheit und nicht am letzten Ende die Möglichkeit, sich Abwechslung in der Unterhaltung zu schaffen. Die drei zuerst angeführten Gründe sind durch die neue Zeit, durch die Umwälzung im November zum großen Teil beseitigt worden. Im letzten Punkte müssen sich die Arbeitgeber auf dem Lande den Bedürfnissen der Arbeiter anpassen. Nicht nur um die Landflucht zu beseitigen, sondern um diejenigen Arbeiter, die durch die Arbeitslosigkeit in den Städten gezwungen sind, ihre Zuflucht auf dem Lande zu suchen, dort seßhaft zu machen. Durch Kino- und Theatervorstellungen, Einrichtung don Heimen in Verbindung mit fleinen Bibliotheken müßte auch in den größeren Gemeinden Faust dagegen fährt hoch, als ihm Mephistopheles gesteht, daß er über Gretchen keine Gewalt hat:" Sie ist über vierzehn Jahr doch alt!" Und weiter: ,, Hätt' ich nur sieben Stunden Ruh, Brauchte den Teufel nicht dazu, Solch ein Geschöpfchen zu verführen." So ist denn selbst Faust nur ein getreues, wenn auch gewaltiges Spiegelbild damaliger Sitten und Anschauungen, die die Frauen auf der einen Seite in den Staub ziehen, auf der anderen in den Himmel heben. Zwar haben wir es in dieser Beziehung noch nicht viel weiter gebracht. Besonders in weiten bürgerlichen Schichten ist die Stellung des Mannes der Frau gegenüber fast unverändert geblieben. Aber selbst hier und besonders in Arbeiterkreisen macht sich doch mehr und mehr ein Umschwung bemerkbar, zum großen Teil hervorgerufen durch das kameradschaftliche Zusammenarbeiten von Mann, und Frau in Werkstätten und Fabriken. Mehr und mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß die Frau nicht ein zweitklassiger Mensch ist, sondern daß ihre Befreiung und Aufwärtsentwicklung, ihre Gleichstellung mit dem Manne notwendig, ja eine Grundbedingung ist für den Aufstieg der Menschheit. Eine Erkenntnis, die für die Menschheit verwirklichen wird, was die Schlußworte des großen Faustdramas für den Einzelmenschen künden. Jener befreiend und versöhnend zugleich ausklingende Schluß, der mehr oder weniger widerwillig die ethische Gewalt des weiblichen Geschlechtes anerkennt: „ Das Ewigweibliche Zieht uns hinan." Seien wir stets dieser Worte unseres größten Dichters eingedenk. Und vertrauen wir auf die Wahrheit dieses Sates auch da, wo die Frau die Schwelle des Hauses überschreiten Nr. 19 dem Unterhaltungs- und Lesebedürfnis Rechnung getragen werden. Da viele Gründe, die im Rahmen dieser Abhandlung nicht näher erörtert werden können, dafür sprechen, daß wir in absehbarer Zeit unsere Industrieprodukte nicht in den Mengen ausführen können, als es vor dem Kriege der Fall war, so muß beizeiten für eine anderweitige Verwendung der dadurch in der Industrie freigewordenen Arbeitskräfte Vorsorge getroffen werden, um die Abwanderung nach anderen Ländern zu verhindern. Ein vielversprechender Schritt, um die Liebe zum Lande in die Herzen der Stadtkinder zu pflanzen, war die Einrichtung, Jungen und Mädchen in den Ferien aufs Land zu schicken. Wenn man dabei zunächst nur daran gedacht hat, die in der Stadt an Unterernährung leidenden Kinder durch die gesunde und reichlichere Kost auf dem Lande zu stärken und zu kräftigen, so ergaben sich doch Wirkungen, die in der jetzigen Lage Deutschlands nicht hoch genug bewertet werden können. Die Kinder wurden zu kleinen, ihren Kräften entsprechenden Hilfeleistungen herangezogen und lernten so die Landarbeit schäßen und lieben. Mancher der kleinen Feriengäste wird mit Tränen im Auge sich von seinen Gastgebern verabschiedet und nur allzu gern der Aufforderung Folge geleistet haben, im anderen Jahre wiederzukommen. Wie leicht würde es sein, hier weiterzubauen und aus dem Aufenthalt in der Ferienzeit einen dauernden Verbleib nach der Schulentlassung auf dem Lande zu ermöglichen. Aber nicht nur der Schaffung von eristenzfähigen Landstellen wollen wir unser Augenmerk zuwenden. Auch die brennende Wohnungsnot gilt es zu beseitigen. Da in der vom Landwirtschaftsminister Braun ausgearbeiteten Denkschrift zur Siedlungsfrage verlangt wird, daß alle diejenigen, die sich bisher schon privat mit diesen Dingen beschäftigt haben, in erhöhtem Maße herangezogen und interessiert werden sollen, kann auch nach dieser Richtung hin viel geleistet werden. In der Nähe der großen Industrieorte müßte Land erworben werden, uni dort kleine Häuschen, mit etwas Gartenland umgeben, zu errichten. Hier ist dann die Gelegenheit gewill, um im Staaten- und Völkerleben die Pflichten zu erfüllen und die Werte zu schaffen, die der weiblichen Hälfte des Menschengeschlechtes vorbehalten find. Kurt Heilbut. Die Natur. Ein Symnus von Goethe. Ein Fragment. unverNatur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen mögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in fie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Streislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder- alles ist neu, und doch immer das Alte. Wir leben mitten in ihr und sind ihr Fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie. Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. Sie lebt in lauter Kindern; und die Mutter, wo ist sie? Sie ist die einzige Künstlerin; aus dem simpelsten Stoffe zu den größten Kontrasten; ohne Schein der Anstrengung zu der größten Vollendung zur genauesten Bestimmtheit, immer mit etwas Weichem überzogen. Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles eins aus. Sie spielt ein Schauspiel; ob sie es selbst sieht, wissen wir nicht, und doch spielt sie's für uns, die wir in der Ecke stehen. Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr, und doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stilleſtehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie feinen Begriff, und ihren Fluch hat sie ans Stillestehen gehängt. Sie ist fest, ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Geseze unwandelbar. Ges dacht hat sie und sinnt beständig; aber nicht als ein Mensch, son Nr. 19 boten, durch Haltung einer Ziege und etwas Federvieh, und wenn's ganz hoch kommt durch Füttern eines Schweines die Ernährung der Familie zu verbessern. Mit welcher Freude erfüllt es mich immer, wenn ich im Vorübergehen die roten Dächer der Häuser der Gartenstadt meiner Heimatstadt leuchten sehe, die noch kurz vor Ausbruch des Krieges errichtet worden sind. Mit Schmerz und Trauer muß uns Frauen der Gedanke erfüllen, daß diese segensreiche Tätigkeit, mit der schon an vielen Orten begonnen war, durch den unseligen Krieg unterbrochen wurde, und daß durch seine Folgen die Schaffung solcher gesunden idyllischen Heimstätten allzusehr verteuert wird. Aber in weit erhöhtem Maße besteht die Notwendigkeit, unsere jetzt allzu schmal bemessenen Rationen durch etwas selbstgezogenes Obst oder selbstgeern- tetes Gemüse aufzubessern und bei der Schaffung dieser angenehmen und nützlichen Dinge in unseren Kindern die Liebe , zur Natur und zur Arbeit in derselben großzuziehen. Wir müssen der Siedlungs- und Heimstättenfrage das größte Interesse entgegenbringen und alle Bestrebungen der Regierung sowie der gemeinnützigen Gesellschaften auf diesein Gebiet zum Wohle des einzelnen und des gesamten Volkes unterstützen. Minna B o I l m a n n. Abend- und Sonntagsheime für Arbeitende aller Berufe. Die neue Zeit hat sich auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge für Haus und Familie, für Mutter und Kind ganz besonders weite und schöne Ziele gesteckt. Alles, was bisher als Wunsch in den Herzen warmherziger Sozialpolitiker lebte, soll sich im neuen Deutschland erfüllen, und zwar soll nicht mehr wie früher nur der dringendsten Not abgeholfen, sondern es soll darüber hinaus auch die Summe des allgemein menschlichen Glückes nach Möglichkeit vermehrt werden. „Glückliche Menschen sind gut", sagt man. Wohlan, schaffen wir Glück, damit wir gute Menschen haben I Viel Icitzt sich streiten über das Glück, jeder einzelne malt es sich anders aus, eine Formel gibt es aber doch für alle Menschen, die fast unbeschränkte Glücks- dern als Natur. Sie hat sich einen allumfassenden Sinn vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann. Die Menschen sind all in ihr und sie in allen. Mit allen treibt sie ein freundliches Spiel und freut sich, je mehr man ihr abge- winnt. Sie treibt's mit vielen so im verborgenen, datz sie's zu Ende spielt, ehe sie's merken. Auch das Unnatürlichste ist Natur. Wer sie nicht allenthalben sieht, steht sie nirgendwo recht. Sie liebet sich selber und haftet ewig mit Augen und Herzen ohne Zahl an sich selbst. Sie hat sich auseinandergesetzt, um sich selbst zu genießen. Immer läßt sie neue Genießer erwachsen, unersättlich, sich mitzuteilen. Sie freut sich an der Illusion. Wer diese in sich und anderen zerstört, den straft sie als der strengste Tyrann. Wer ihr zutraulich folgt, den drückt sie wie ein Kind an ihr Herz. Ihre Kinder sind ohne Zahl. Keinem ist sie überall karg, aber sie hat Lieblinge, an die sie viel verschwendet und denen sie viel aufopfert. Ans Große hat sie ihren Schutz geknüpft. Sie spritzt ihre Geschöpfe aus dem Nichts hervor und sagt ihnen nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur laufen. Die Bahn kennt sie. Sie hat wenige Triebfedern, aber nie abgenutzte, immer wirksam, immer niannigfaltig. Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben. Sie hüllt den Menschen in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie macht ihn abhängig zur Erde, trsm und schwer und schüttelt ihn immer wieder auf. � Sie gibt Bedürfniffe, weil sie Bewegung liebt. Wunder, daß sie alle diese Bewegung mit so Wenigem erreicht. Jedes Bedürfnis ist Wohltat. Schnell befriedigt, schnell wieder erwachsend. Gibt sie eins mehr, so ist's ein neuer Quell der Lust; aber sie kommt bald ins Gleichgewicht. Sie setzt alle Augenblicke zum schönsten Lauf an und ist alle Augenblicke am Ziele. Sie ist die Eitelkeit selbst, aber nicht für uns, denen sie sich zur größten Wichtigkeit gemacht hat. 149 Möglichkeiten in sich birgt: das ist das Verhältnis der Geschlechter in seiner lebenbejahenden freudigen Kraft. Die Stärke des angeborenen Triebes treibt Mann und Weib immer und ewig zueinander, und das Glück, das die Liebe schenkt, bereichert nicht nur den einzelnen Menschen, sondern führt die Menschheit aus der Dumpfheit tierischen Sinnenlebcns zu immer reineren Höhen bewußter Lebensführung. Wenn wir aber wissen, daß im Verhältnis der Geschlechter nicht nur der Fortbestand des Volkes, sondern vor allem seine sittlichen Veredclungsmöglichkeiten verwurzelt sind, dann mutz auch hier zuallererst die positive Arbeit einsetzen. Mit Worten, Lehren und Ermahnungen ist nichts zu gewinnen, nur das Leben selbst kann hier wirken, und zwar nur dann, wenn die Geschlechter in freiem, schönem Neben- und Miteinander sich gegenseitig erziehen. Trennt man Mann und Weib durch äußere oder innere Schranken voneinander, so verlieren sie— einmal entfesselt— nur allzuoft die Zügel über sich selbst und stehen schließlich vor den Trümmern ihres Lebens. Dafür liefert die Großstadt< täglich die erschütterndsten Beweise. Das Elend und die sittliche Verwilderung in dieser Beziehung erreicht auf dem Lande oder in den kleinen Städten nicht annähernd den gleichen Grad wie in der Großstadt, weil dort das Verhältnis der Geschlechter ein viel natürlicheres ist, indem sich Mädchen und Jungen von klein auf kennen und reif werden miteinander, vor allem aber, weil die Feierabendstunden und die Sonn- und Festtage der Jugend gemeinsam gehören und weil die Dorfstraße oder das Wirtshaus doch letzten Endes nur das erweiterte ,.Z u h a u s e" ist. Es ist kein Zufall, daß die Prostitution sich zum größten Teil aus„Dienstmädchen" und anhanglosen Arbeitenden der verschiedensten Berufe rekrutiert, sonder» hauptsächlich die Folge davon, daß diese arbeitende» Mädchen in des Wortes tiefster Bedeutung„heimatlos" sind. Nach einer Woche voll Arbeit wartet ihrer der krostlos einsame Sonntag in der Küche der„Herrschaft" oder der„Schlafstelle" in der engen Behausung fremder Leute. Kein Haus öffnet sich ihnen gastlich— teils weil der Raum einer Großstadtwohnung zu beschränkt ist, um einer größeren Zahl von Personen nllsonn- täglich Raum zu gewähren, teils weil Gäste Geld kosten. Es bleibt ihnen also tatsächlich als Sonntags- und Feierabendsvergnügen nichts anderes als die Straße— die Straße, auf der das Leben lockt und ruft— und das Cafö oder das Tanzlokal. Hier ist die große„Börse", wo um Mädchenglück und Müdchenehre gehandelt wird, hier der Ort, wo als wundersamer Roman beginnt, was nur allzuoft in Schande oder Not und Tod endet.— Wenn nicht weiter- Sie läßt jedes Kind an sich künsteln, jeden Toren über sich richten, tausend stumpf über sich hingehen und nichts sehen, und hat an allen ihre Freude, und findet bei allen ihre Rechnung. Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt; man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.> Sie macht alles, was sie gibt, zur Wohltat; denn sie macht es erst unentbehrlich. Sie säumet, daß man sie verlange; sie.eilet, daß man sie nicht satt werde. Sie hat keine Sprache noch Rede; aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht. Ihre Krone ist die Liebe..Nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen, und alles will sich verschlingen. Sie hat alles isoliert, um alleS zusammenzuziehen. Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos. � Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und schrecklich, kraftlos und allgewaltig. Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise � und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt ihr kein Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu guten, Ziele, und am besten ist's, ihre List nicht zu merken. Sie ist ganz und doch immer unvollendet. So wie sie's treibt, kann sie's immer treiben. Jedem erscheint sie in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namen und Tennen, und ist immer dieselbe. Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich'auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir schalten. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen, alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst. Weine dich aus im Schmerz; dann greif entschlossen zur Arbeit; was die Träne nicht löst, löst, dich erquickend, der Schweiß. Geib-l. Die Gleichheit 150 Die Gleichheit hin auf diese Weise unerseßliche Werte an körperlicher und sitt= licher Volkskraft verlorengehen sollen, muß dafür gesorgt werden, daß die Frauen nicht mehr als" Freiwild" die leichte Beute eines jeden sind, der sie einzufangen versteht. Zu diesem Zwecke müssen die jetzt schon bestehenden Arbeiterinnen woh n heime vermehrt und ausgebaut werden, daneben aber müssen Stätten geschaffen werden, in denen die Frauen ihre Freizeit verbringen, wo sie in natürlich- schöner Selbstsicherheit dem Manne gegenübertreten können, und wo der Mann es lernt, die Würde der Frau in dem einfachsten Mädchen zu achten. Es gibt wohl bereits Einrichtungen der privaten oder konfessionellen Wohlfahrtspflege ähnlicher Art, aber sie alle kranken an dem einen Mangel: kein Mann darf die geheiligten Räume betreten; höchstens einmal zu festlichen Veranstaltungen wird ihm der Zutritt gestattet. Das hält gerade diejenigen Mädchen ab, dorthin zu gehen, die des festen Haltes am chesten bedürfen, weil der natürliche Trieb in ihnen stark ist und nicht gehemmt wird durch eine selbstgewollte Bindung. Unbehütet, unbeschütt taumeln sie als Opfer der Großstadt dem Abgrund ents gegen, und erst wenn sie gefallen" sind, sucht die Gesellschaft zu ,, retten", was zu retten ist. Die Mittel, die für„ gefallene Mädchen", uneheliche Mütter und Kinder aufgewendet werden, könnten -wenigstens zu einem größeren Teilenuß- und segenbringender in den Frauenfreistätten angelegt werden. Hier dienten sie nicht allein der Linderung der Not, sondern würden zu einer Quelle der Freude durch die reine, schöne Lebensbejahung, die das Kennzeichen dieser Stätten sein muß. Solche Frauenheime sind zu denken als eine Art Klub. Sie werden mit öffentlichen Mitteln eingerichtet und unterhalten später sich selbst, so daß die Heime den Frauen gehören, die sie benutzen. Mitglied des Heimes kann jede Frau( verheiratet oder ledig) sein, und Gast des Heimes kann jeder( ohne Unterschied des Geschlechtes und Standes) werden, der die einzige unerläßliche Voraussetzung erfüllt, die gefordert wird: ein sittlich einwandfreies, anständiges Betragen. Was als Verstoß gegen Anstand und Sitte zu gelten hat, wird von Mitgliedern und Gästen( Männern und Frauen gemein sam) selbst entschieden und mit zeitweisem oder völligem Ausschluß aus dem Heime geahndet. Geöffnet sein müßten diese Heime täglich von etwa 11 Uhr vormittags bis 11 Uhr abends oder bis zur Polizeistunde. Leiterin des ganzen Betriebs soll möglichst eine fluge, mütterliche Frau sein( besoldet), als Helfer und Helferinnen find Männer und Frauen erwünscht, von denen aber als Hauptbedingung zu fordern wäre, daß sie sich gleichfalls als Gäste be* Der Schönheit Geburt. Wir schweben im Blauen, auf blitzendem Meer, Prinzessin Juliana zieht ruhig einher, Kristallene Wogen zu schneeigem Schaum Jersprühen, zerfließen im endlosen Raum. Hoch steigen die Wogen, ein stürmendes Heer Weißmähniger Rosse mit Rüstungen schwer. Sie ziehn einen Wagen aus blauem Kristall, Sie nichen und schnauben im wogenden Schwall. Da, schaut, ihr Beglückten, welch Wunder geschieht: Einher vor Juliana der Wagen nun zieht. Drin ballt sich's, und lebend erglüht es im Blau: Es atmet der Busen der göttlichen Frau. Frau Schönheit entsteiget dem Wogengebraus Empor aus dem blauen kristallenen Haus. Sie grüßt mit dem Schleier, sie neigt sich und winkt, Es blitt ihr Geschmeide, die Perlenschnur blinkt, mit der sie die Rosse, die feurigen, lenkt, Und huldvoll hernieder ihr Wagen sich senkt. Ihr strahlendes Auge, ihr göttlicher mund, Sie tun der Erhabenen Willen uns kund: „ Ihr Kinder der Erde, euch werde die Macht, mich bei euch zu haben bei Tag und bei Nacht. Ich bin, wo die Reinheit sich paart mit der Kraft, Ich bin, wo am Werke der Wahrheit ihr schafft, Ich bin, wo der Mensch nicht mehr Herr ist noch Knecht, Wo als stärkste der Waffen entscheidet das Recht, Wo der Dichter im Lied seine Seele ergießt, Wo die Lieb' mit der Treue das Bündnis schließt. Dieses Gedicht entstand auf dem Atlantischen Ozean an Bord der„ Brinzeß Juliana", eines sehr schmucken und schön eingerich teten Dampfers der Niederländischen Schiffahrtsgesellschaft auf der Reise zwischen Genua und Lissabon. Im Weltkriege fiel der„ Prinzeß Juliana" die schöne Aufgabe zu, die Austauschgefangenen über den Stanal nach der heißersehnten Heimat zu befördern. J. A. Nr. 19 trachten und jede Herablassung oder Leutseligkeit vermeiden. Es soll neben absolut zwangloser Geselligkeit durch Spiel, Musik, Lektüre und Vorträge die Freude an den wirklich wertvollen, underlierbaren Gütern des Lebens erweckt und gepflegt werden. Jede parteiische oder religiöse Beeinflussung ist auszuschalten, dabei aber doch dafür zu sorgen, daß in objektiver Weise jeder sich selbst über die ihn interessierenden Fragen unterrichten kann. Die Heimbesucher dürfen jedenfalls keinen anderen Zwang empfinden als den, um ihrer selbst willen nicht vom Besuch des Heimes ausgeschlossen zu werden. Zu begrüßen wäre es, wenn diese Heime gleich großzügig ins Leben gerufen werden könnten, in ähnlicher Weise vielleicht wie die wirklich mustergültigen Erholungsheime der Deutschen Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime in Wiesbaden. Es wären dann etwa folgende Räume in Aussicht zu nehmen: Gemeinschaftsraum zu Geselligkeit, Spiel, Tanz, Vorträgen, Theater, Kino ,. Musik usw., Speiseraum, einige abgesonderte Frauenräume, Lesezimmer, Rauchzimmer, Schreibzimmer, Kinderzimmer, Turnraum, Küchenräume, Ausschank usw. Sollte sich das für den Anfang nicht ermöglichen lassen, so genügen fürs erste zweckentsprechende Drei- bis Bierzimmerwohnungen möglichst in allen Stadtgegenden. Die Hauptsache ist und bleibt, die Frauen und Mädchen von der Straße hinweg in die Wärme und Behaglichkeit gastlicher Räume zu bringen, die ihnen die Heimat ersehen. Sie werden die Heime aufsuchen, wenn sie die Möglichkeit haben, Freundinnen und Freunde sich einzuladen und wenn sie in den Heimen völlig sie selbst sein dürfen. Sache der Leiterin wird es sein, den Ton zu bestimmen, der Herrschen soll. Daß er bei aller persönlichen Freiheit, die gefordert wird, der denkbar edelste sein muß, ist, wie bereits bemerkt, selbst= verständliche Voraussetzung. Über die näheren Ausführungsmöglichkeiten wäre zu gegebener Zeit zu reden und zu handeln. Das Schicksal jeden Volkes liegt in den Händen seiner Frauen. Hart und dunkel steht die Zukunft vor uns. Tragen wir in die Herzen unserer weiblichen Jugend so viel Wärme und Licht, als sie irgend zu fassen vermögen, damit ihr innerer Reichtum die äußere Armut überstrahle und aus der furchtbaren Not der Zeit ein freudig ehrfürchtiges Geschlecht erwachse. Charlotte Buchow. Anmerkung der Redaktion: Was hier angeregt wird, bestand vor dem Kriege in Berlin, Neukölln und anderen Orten bereits in den mustergültigen Arbeiterjugendheimen, die allein aus Mitteln der Arbeiterschaft eingerichtet und erhalten wurden. Der Ich bin mit dem Starken, der ohne Gewalt Durch Wissen und Weisheit in Stürmen ein Halt, Der über den brandenden Ozean mit machtvoller Hand lenkt den schwankenden Kahn. Ich steig' aus dem Meltmeer mit jauchzender Cust, Wo der Mensch seiner selbst sich als Schöpfer bewußt." So singt uns Frau Schönheit ihr machtvolles Lied, Und Prinzeß Juliana durchs Weltmeer zieht. Bücherschau Jda Altmann- Bronn. Dr. Karl Frant:„ Die Parteilichkeit der Volts- und Rasseabergläubischen". Angengruber- Verlag. Preis 1,50 Mt. Wer sich für Rasse- und Völkertheorien interessiert, wird in diesem Vortrag wertvolles Material finden. Nicht nur die Judenfrage, der Antisemitismus, erscheint unter völlig neuen Gesichtspunkten, sondern auch der Deutschenhaß der ganzen Welt, den wir so bitter empfunden haben, wird uns verständlich gemacht. Die Völker- und Rassengegensäze in ihren wirtschaftlichen und sexuellen Ursachen werden uns klar vor Augen geführt. Nur die zahlreichen Fremdwörter beeinträchtigen den Genuß der lehrreichen Schrift. * K. H. Fast zwanzig Milliarden Mark betragen im laufenden Rechnungsjahr die durch die Kriegsfolgen außerordentlich gestiegenen Ausgaben der deutschen Republik. Dabei sind in dieser Summe nicht enthalten die Gelder, welche die Entente im Friedensvertrag von uns noch fordert. Mit der einfachen Erhöhung der bisherigen direkten und indirekten Steuerarten sind die zwanzig Milliarden nicht aufzubringen; nur grundsätzliche Änderung der Steuersysteme des Reiches und der Bundesstaaten kann da helfen. Das erkennen auch die Finanzpolitiker der bürgerlichen Parteien und find bestrebt, Steuergesetze auszuarbeiten, die nach Möglichkeit das Kapital schonen, aber Mittelstand und Arbeiterklasse die größte Last aufbürden. Im schärfsten Gegensab hiezu stehen die Forderungen der Sozialdemokratie. Sie will durch eine die großen Ge Nr. 19 Die Gleichheit unselige Bruderzwist in der Partei forderte auch die Jugendheime zum Opfer. Der Staat und die Gemeinden sollten aber auf dem gegebenen guten Grunde weiterbauen. Aus unserer Bewegung Frauen, mehr Selbstachtung! In einem Aufruf an die Frauen Europas und Amerikas protestieren die künstlerisch tätigen und geistig interessierten deutschen Frauen" gegen den Gewaltfrieden. Von den Frauen, die unter dem Aufruf stehen, haben fast ein Drittel mit dem Namen ihres Mannes unterzeichnet. Muß das nicht ein seltsames Licht werfen auf die Gleichstellung, die die Frauen jetzt bei uns errungen haben, wenn selbst führende Frauen nicht einmal so viel Persönlichkeitsgefühl besitzen, um ihren eigenen Frauennamen hochzuhalten? Wenn sie sich nicht schämen, sich nur als die Frau von dem und K. H. dem zu bezeichnen!? Frauen, mehr Selbstachtung! * Die sozialdemokratischen Frauen des Bezirksverbandes GroßBerlin der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands richten an den Herrn Justizminister den dringlichen Antrag, der Nationalversammlung alsbald den Entwurf eines Gesetzes zur Beschlußfaffung vorzulegen, das bestimmt: 1. Die Strafmündigkeit wird auf das 14. Lebensjahr festgesetzt. 2. Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr dürfen zu Gefängnisstrafen nicht verurteilt werden; sie sind ausschließlich von Jugendgerichten abzuurteilen und Erziehungsmaßnahmen zu unterwerfen. 3. Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr dürfen den Strafbestimmungen des Gesetzes über den Belagerungszustand nicht unterstellt werden; sie sind auch bei Straftaten, die unter den Belagerungszustand fallen, den Jugendgerichten zu überweisen. 4. Die Bestimmungen zu 3 haben insofern rückwirkende Kraft für alle derartigen nach dem 9. November 1918 abgeurteilten Fälle, als die von Kriegsgerichten ausgesprochenen Gefängnisstrafen für Jugendliche aufgehoben werden und durch ein Jugendgericht zu verfügende Erziehungsmaßnahmen an ihre Stelle treten. winne besonders erfassende Einkommensteuer eine Grundlage für eine vernünftige Finanzreform schaffen und weiterhin durch eine scharfe Vermögensabgabe die Milliardenlasten der Berzinsung der Kriegsanleihen wesentlich vermindern. Von besonderem Interesse find da die Ausführungen des Mitglieds der deutsch- österreichischen Sozialisierungskommission, Genosse R. Goldscheid, die als Buch unter dem Titel„ Sozialisierung der Wirtschaft oder Staatsbankrott" im Anzengruber- Verlag erschienen find. Goldscheid hält den drohenden Staatsbankrott mit all seinen ruinösen Begleiterscheinungen nur dann für vermeidbar, wenn es gelingt, durch eine ausreichende einmalige Vermögensabgabe die Zinsenausgaben für die Kriegsanleihen auf ein Minimum herabzudrücken. Als ausreichend erachtet er nur eine Abgabe, welche die großen Vermögen bis hinauf zu 70 Prozent erfaßt und solche über fünf Millionen Mark vollständig dem Staate überantwortet. So hohe Summen fönnen gerade von den großen Vermögensbesitzern nicht auf einmal und in kurzer Zeit flüssig gemacht werden und würden die Kapitalisten lange, auf viele Jahre sich erstreckende Zahlungsfristen fordern. Dagegen wendet sich der Verfasser ganz entschie= den, da dann auf jeden Fall mit einer Abwälzung der Steuer auf die Konsumenten zu rechnen sei. Statt dessen fordert Goldscheid Abgabe der Vermögensteile nicht nur in barem Gelde oder in Kriegsanleihen, sondern in natura, das heißt übermittlung der Vermögensteile an den Staat ohne vorherige Umwandlung in Geld. Der Staat soll den ihm prozentual zufallenden Vermögensteil in dem zahlungspflichtigen Handels, Fabrik- oder sonstigen Betrieb lassen können und als Teilhaber sowohl am Gewinn als natürlich auch an etwaigem Verlust beteiligt sein. Bei Durchführung dieses Grundfazes erspart der Staat nicht nur Milliarden jährlicher Zinsen, sondern wird, ohne neue Anleihen aufnehmen zu müssen, Besizer eines sehr erheblichen Teiles des gesamten Nationalvermögens. Auf dieser breiten Grundlage, gespeist aus den überschüssen der rationell bewirtschafteten Staatsbetriebe, soll dann der vom einfachen Steuererheber zum kräftigsten Wirtschaftsfaktor gewandelte Staat die vollständige Sozialisierung der Wirtschaft vorbereiten und durchBegründung: 151 Die traurigste Folgeerscheinung des Krieges ist die sittliche Notlage unserer Jugend, die in einer bisher noch nie erreichten Steigerung der Kriminalität der Jugendlichen zum Ausdruck kommt. Schule und Haus werden durch die mannigfachsten Anforderungen des Krieges an der Erfüllung ihrer Erziehungsaufgaben behindert. Erschien uns Sozialdemokraten die Voraussetzung des Vorhandenseins der erforderlichen Einsicht für die Strafbarkeit einer Handlung schon unter normalen Verhältnissen bei einem 12jährigen Kinde nicht gegeben, so muß sie angesichts der Ver nachlässigung der sittlichen Pflege der Jugend und der durch den Krieg angerichteten allgemeinen sittlichen Begriffsverwirrung erst recht verneint werden. Die prinzipielle Anerkennung dieser Erkenntnis durch ein Gesez, das die Strafmündigkeit auf das 14. Le= bensjahr herauffeßt, entspricht dem sozialen Rechtsempfinden der breiten Volksmassen. Die Aburteilung Jugendlicher zu Gefängnisstrafen widerspricht unserer sozialpädagogischen Einsicht und den Anforderungen, die eine sozialistische Volksgemeinschaft an die fittliche Fürsorgetätig= keit des Staates stellt. Notbehelfe, wie Strafaufschub und Gnadenerlaß bei guter Führung, können das tatsächliche Bekenntnis des Staates zum Erziehungsprinzip nicht ersehen. Das muß angesichts der augenblicklichen Verhältnisse baldigst durch Notgesetz ausgesprochen werden. Die Unterstellung Jugendlicher unter die Strafbestimmungen des Gesetzes über den Belagerungszustand anläßlich der jüngsten politischen Unruhen hat berechtigten Unwillen nicht nur sozialpädagogisch geschulter Kreise, sondern breiter Volksmassen über= haupt erregt. Ihre Aufhebung entspricht durchaus den Gedankengängen der vorausgegangenen beiden Punkte. Den bei solchen Gelegenheiten begangenen strafbaren Handlungen Jugendlicher liegen häufig wertvolle Charaktereigenschaften zugrunde, wie die Hingebung an eine Idee, die Entflammbarkeit zu großscheinenden Taten. Die ungeklärtheit dieser Eigenschaften der Jugendlichen schafft der Phraseologie unverantwortlicher Heßer einen aufnahmefähigen Boden. Die Tatsache, daß selbst Erwachsene derselben häufig unterliegen, fällt für die Beurteilung der Vergehen der Jugendlichen auf diesem Gebiet durchaus mildernd ins Gewicht. Es muß in solchen Fällen Aufgabe einer wirklichen Fürsorgerziehung sein, die Jugendlichen in richtige Bahnen zu lenken. Das Gefängnis kann hier nur verderblich wirken. Die einfache Tatsache einer Aburteilungsmöglichkeit nach kriegsrechtlichem Brauch ist aber an sich führen. Auf die zahlreichen, jedem kritischen Leser sich aufdrängenden Wenn und Aber geht Goldscheid ausführlich ein und gestaltet sein Buch dadurch zu einer der lesenswertesten und interessantesten Schriften. * Hermann Schröter. Zur rechten Stunde in dem Augenblick, in dem Deutschland zerrissen und vernichtet werden soll, in dem der Tod unseres Volkes, eines Volkes von 65 Millionen, wegen seiner„ Schuld" am Kriege von vielen als„ gerechte Strafe" empfunden wird in dieser Stunde der Not ertönt„ Die Stimme aus dem Grabe", Reden von Jean Jaurès( Berlag Borwärts", Breis 1,50 Mark). Sollten die Worte Jaurès' vor dem Weltkrieg seine Landsleute, die ganze Welt mahnen und beschwören, dem drohenden Unglück, das er kommen sah, entgegenzuarbeiten, so warnen sie heute, nach dem Kriege nicht minder eindrucksvoll, alles, was er über die äußere Politik, Diplomaten, Geheimverträge usw. sagt, hat heute die gleiche Gültigkeit wie damals. Und wer noch immer von der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands überzeugt ist, der lese die erste Rede( vom 20. Dezember 1911). Welches Volk sich dann noch frei von jeder Schuld weiß, werfe den ersten Stein.... R. H. Morgenlied. Es taget in dem Often, Es taget überall. Erwacht ist schon die Lerche, Erwacht die Nachtigall. Wie sich die Wolken röten Am jungen Sonnenstrahl! Hell wird des Waldes Wipfel Und licht das graue Tal. Die Blumen richten wieder Empor ihr Angesicht; mit Tränen auf den Wangen Schaun fie ins Sonnenlicht. Und könnt ein herbes Leiden Je trüben deinen mut: Schau hoffend auf gen Himmel; Wie's heut die Blume tut; Und Frieden kehret wieder 3u dir und Freud' und Lust, Und wie's auf Erden taget, So tagt's in deiner Brust. Hoffmann v. Fallersleben. 152 Die Gleichheit allein schon geeignet, das Rechtsempfinden der breiten Volksmassen zu verlegen. Angesichts der politisch erregten Zeit ist die Wiederholung politischer Vergehen Jugendlicher mit absoluter Sicherheit zu erwarten. Die Vorwegnahme der strafrechtlichen Behandlung Jugendlicher aus dem Gesamtkomplex der allgemeinen Strafrechtsreform ist daher eine der dringlichsten Aufgaben der Gegen wart. Das rege Interesse an der Jugendpflege ist ein besonders wertvoller Wesenszug breiter Massen unseres Volkes, namentlich unserer Frauen. Schleunige Maßnahmen auf dem Gebiet der Strafrechtspflege für Jugendliche werden das Vertrauen dieser Kreise in den sozialen Rechtswillen der Regierung wesentlich stärken. Sie geben insbesondere aber uns Frauen auch formell die Sicherheit, daß wir in der deutschen Republik, befreit von den Fesseln veralteter Traditionen, unsere Fürsorgetätigkeit für die Jugend Hand in Hand mit den Organen des Staates nach sozialpädagogischen Grundsäßen zum Wohle unserer Jugend, zum Wohle unserer ganzen Zukunft ausüben fönnen. Für die sozialdemokratischen Frauen Groß- Berlins. Das Frauensekretariat. J. A.: Todenhagen. Bielefeld. Der Stadtverordnetenversammlung vom 28. Mai lag ein Antrag von Fräulein Dr. Morisse vor:" Der Magistrat wolle bei der preußischen Regierung dahin wirken, daß möglichst bald der Landesversammlung ein Gefeßentwurf borgelegt wird, nach welchem die Frauen zu den Ämtern der Schöffen und Geschworenen sowie als Beisigerinnen im Kaufmanns- und Gewerbege= richt und im Mieteinigungsamt zugelassen werden", welcher eine sehr lebhafte Debatte hervorrief und in erster Beratung gegen die Stimmen des Zentrums, der Deutschen Volkspartei und der Deutschnationalen Volkspartei angenommen wurde. Nach längerer Geschäftsordnungsdebatte kam der Antrag nochmals zur Abstim mung. Derselbe war nun so abgeändert, daß" Reichs" regierung anstatt„ preußische" und an Stelle von„ Landesversammlung"„ Nationalversammlung" gesagt wird. Bei der zweiten Abstimmung waren alle Parteien für den Antrag, nur die Deutschnationalen enthielten sich der Stimme. Hedwig Dohm. Die unermüdliche Verfechterin der Rechtsforderungen der Frauen ist, 86 Jahre alt, kürzlich in Berlin gestorben. Ihr Leben, das in der Rebellionsluft des Vormärz be= gann, ist streitbar, erkenntnisstark und in freudigem Schaffen auf gediehen und zu Ende gegangen. Große Romanwerte Hedwig Dohms sind zu lebenswahren Spiegelungen der Zeitabschnitte deutscher Frauenbewegung geworden. Ein Buch der Greifin„ Die Mutter" kämpfte für die Einsicht, daß Mutterschaft und Berufstätigkeit nicht als Gegenfäße aufgefaßt werden dürfen. Hedwig Dohm war die Gattin Ernst Dohms, des namhaften langjährigen Leiters des„ Kladderadatsch", dessen hundertster Geburtstag vor kurzem die Erinnerung an ein Stück alten Berlins wachrief. Zu diesem Alt- Berlin hat auch die nun verstorbene bedeutende Frau gehört, und geistfrisch hat sie darüber hinaus bis in eine Beit der Verwirklichung kühnster Jugendwünsche leben dürfen. Wie groß und richtig diese seltene Frau die Forderungen der neuen Zeit auffaßte, beweisen nachstehende Worte, welche die dreiundachtzigjährige Greisin schrieb:" Väter und Mütter klagen: die Kinder wollen uns über den Kopf wachsen! Jawohl, das sollen sie auch so will es ein Gesez des geistigen Kosmos. Neue Generationen, die hinter den älteren Generationen zurückbleiben, sind die Vorboten sterbender Völker. Der Beruf des Kindes ist: zu= fünftig zu sein." Die Frauenbewegung des Auslandes. Jm„ Daily Herald" vom 13. Mai ist eine Notiz enthalten, wonach die Frauenliga in London eine Sammlung zum Besten notleidender Kinder in Deutschland ausgeschrieben habe. Den Anlaß Dazu hätten Briefe englischer Soldaten gegeben, in denen das Elend in Deutschland geschildert worden. Es wird dann weiter berichtet, daß die erste Hilfeleistung in einer Million Gummisauger bestanden habe, die von einem Komitee in Berlin über das Reich verteilt worden sei. Eine Frage: Hat die Frauenliga auch daran gedacht, daß den Säuglingen mit den Stöpseln wenig geholfen ist, daß es vielmehr und vor allem an Milch und sonstigen Kindernährmitteln gebricht? Und weiß die Liga, daß der" Friedensvertrag" den Säuglingen sogar die wenige Milch noch vor dem Munde G. W. Ha a g. wegnehmen will? Franenwahlrecht in Holland. Die Zweite Kammer der General staaten hat nach dreitägiger Debatte die Vorlage zur Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechtes für sämtliche Wahlen ange= Nr. 19 nommen. Nur elf stock reaktionäre, protestantisch- klerikale Mitglieder stimmten dagegen, sämtliche Liberalen und Katholischen sowie auch die Sozialisten verschiedener Färbung dafür, so daß anzunehmen ist, daß auch die Erste Kammer in kurzem die Vorlage annehmen wird. In diesem Falle wird zum erstenmal im Jahre 1922 für das Parlament, im Jahre 1923 für die Kommunalund Provinzialwahlen durch Frauen mitgestimmt. Nur wenn vorher eine Auflösung der Parlamente stattfinden sollte, üben die Frauen schon vorher ihr Wahlrecht aus. Mit dieser Annahme ist die erste der Forderungen durchgesetzt, die unsere Partei zusammen mit der Gewerkschaftszentrale im November 1918 aufstellte, als die deutsche Revolution ihre Wellen auch nach Holland schlug. Daß die Arbeiter für die anfänglich scharf bekämpfte Reform reif geworden sind, ist hauptsächlich. dem unermüdlichen Wirken der sozialistisch organisierten Frauen zuzuschreiben, denen es zuerst gelang, eine wirkliche Volksbewegung für das allgemeine Frauenwahlrecht zu entfachen, was den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen mit ihrer Forderung des beschränkten Frauenwahlrechtes nie gelang. Die deutschen Gefangenen in Frankreich. Das nachstehende Schreiben wurde von französischen Arbeiterinnen an das Internationale Rote Kreuz gerichtet: Saint- Etienne du Rouvray, den 15. Februar 1919. Mein Herr! Entschuldigen Sie, wenn wir Frauen von Einberufenen uns erlauben, Ihnen zu schreiben. Wir möchten Ihnen mitteilen, was sich in unserer Stadt Saint- Etienne abspielt: Die deutschen Gefangenen, die auf der Eisenbahn beschäftigt sind, werden wie Sträflinge behandelt, sie werden wie die Hunde geschlagen und schlecht genährt. Das bricht uns Müttern der Einberufenen das Herz. Denn wir sehen, daß diese Männer vor Hunger sterben. Trotzdem es uns selbst an Brot fehlt, können wir nicht anders, als ihnen von Zeit zu Zeit, wenn der Zufall es gestattet, Brot zuwerfen. Sie stürzen sich darauf wie ausgehungerte Tiere. Die französischen Wächter behandeln sie roh, nur wegen eines Bissens Brot. Wir hoffen, mein Herr, daß Sie in dieser Angelegen heit einschreiten werden, um ihr Los zu verbessern. Wir haben deswegen schon an verschiedene Stellen geschrieben, leider aber ohne jeden Erfolg. jeden Erfolg. Wir begrüßen Sie. Eine Gruppe Arbeiterinnen aus Saint- Etienne du Rouvray bei Rouen( Seine- Inférieure). Bekanntmachung. Die Zwischenscheine der IX. Kriegsanleihe für die 4%%%% Schatzanweisungen können vom 4. Juni ab, für die 5% Schuldverschreibungen vom 23. Juni d. J. ab in die endgültigen Stücke mit Zinsscheinen umgetauscht werden. Der Umtausch findet bei der Umtauschstelle für die Kriegs. anleihen", Berlin W 8, Behrenstraße 22, statt. Außerdem übernehmen sämmtliche Reichsbankanstalten mit Stasseneinrichtung bis zum 5. Dezember 1919 die kostenfreie Vermittlung des Umtausches. Nach diesem Zeitpunkt können die Zwischenscheine nur noch unmittelbar bei der„ Umtauschstelle für die Kriegsanleihen" in Berlin umgetauscht werden. Die Zwischenscheine sind mit Verzeichnissen, in die sie nach den Beträgen und innerhalb dieser nach der Nummernfolge geordnet einzutragen sind, während der Vormittagsdienststunden bei den ge= nannten Stellen einzureichen; Formulare zu den Verzeichnissen sind bei allen Reichsbankanstalten erhältlich. Firmen und Kassen haben die von ihnen eingereichten Zwischenscheine rechts oberhalb der Stüdnummer mit ihrem Firmenstempel zu versehen. Von den Zwischenscheinen der früheren Kriegsanleihen ist eine größere Anzahl noch immer nicht in die endgültigen Stüde umgetauscht worden. Die Inhaber werden aufgefordert, diese Zwischenscheine in ihrem eigenen Interesse möglichst bald bei der ,, Umtausch stelle für die Kriegsanleihen", Berlin W S, Behrenstraße 22, zum Umtausch einzureichen. Berlin, im Juni 1919. Reichsbank- Direktorium. Havenstein. v. Grimm. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch, Berlin SW 68. Druck und Verlag von J. H. W. Dieß Nachf. G.m.b.g. in Stuttgart.