Nr. 20 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Poft bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mark; unter Kreuzband 4,25 Mark Friede! Berlin 5. Juli 1919 Die Würfel sind gefallen. Am 23. Juni hat die Deutsche Nationalversammlung in Weimar die Regierung ermächtigt, den Frieden bedingunglos zu unterzeichnen. Kurz und zu unterzeichnen. Kurz und würdig war dieser letzte Akt des grauenhaften Dramas. Die Bestattungsfeierlichkeiten dagegen, welche am Sonntag vor fich gingen, konnten jeden aufrichtigen Menschen übel werden lassen. Im Angesicht des sterbenden Deutschland noch den Streit um den Lorbeer der Vergangenheit und der Zufunft von äußerst rechts und äußerst links. Die Gegenwart hat nur Totenfränze zu vergeben find die gibt man nicht den Totengräbern, sondern legt sie schweigend dem Opfer aufs Grab. In solcher Stunde elendes Pharisäertum; ein Streit um die Schuld". Wird es so weitergehen? Wahrscheinlich, den Deutschnationalen und den Unabhängigen zerläuft auch die größte Sache unter den Händen zu Agitationsbrei. Oder gibt es Männer und Frauen auf der äußersten Linken, die in der kommenden schweren Not start und selbstlos genug sind, über alle Verbitterung, über allen Irrtum hinwegzuschreiten, die Vergangenheit versinken zu lassen und an dem Wiederaufbau zu helfen? " Dieser Friede der Gewalt, wie sie sich nackter, brutaler niemals in der Weltgeschichte enthüllt hat, schlägt Deutschland in die Fessel des Ententekapitalismus und Imperialismus. Das Deutschland, in dem eben die Fesseln des eigenen Kapitalismus eine nach der anderen flirrend zersprangen. Das deutsche Volk, welches vor dem November 1918 mit Peitschen geschlagen war, soll nun mit Storpionen gezüchtigt werden. Kann dabei der Sozialismus weiter wachsen? Der Bolschewismus wohl. Er ist wie eine rasende, zehrende Glut, die unter den Händen des Unterdrückers aufspringt, vernichtet was in ihren Bereich kommt und zusammenfällt, trostlose ausgebrannte Trümmer zurücklassend. Er ist die Gewalt der Empörung gegen die Gewalt der Unterdrückung. Aber der Sozialismus ist das starke, reine Feuer, welches von arbeitenden Händen seine Nahrung erhält und den arbeitenden Händen ihr Werk schaffen hilft; welches die Herzen erwärmt und die Hirne durchleuchtet. Sozialismus ist Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit; Sozialismus ist Menschenliebe! Kann die Freiheit gedeihen in Sklaverei? Kann Gleichheit sich entwickeln unter Sklaven und Stlabenhaltern? Kann Brüderlichkeit gedeihen unter Nichtern und Verurteilten? Wird unter folchen Verhältnissen die Menschenliebe oder der Haß den Sieg dabontragen. Wir Frauen, alle, alle, wo immer wir wohnen, wollen feinen Krieg mehr. Das habe ich aussprechen dürfen am 12. Mai in der Nationalversammlung. Darum hat keine Frau an einen bewaffneten Widerstand gegen diesen Frieden gedacht, als wir unser Nein aussprachen. Wir haben uns gewehrt gegen diesen Frieden bis zulett, weil er die Keime neuer Die Frau und ihr Haus Zuschriften find zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplan 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Kriege in fich trägt. Wir wehren uns gegen den Haß, den dieser Friede sät. Unser Nein war der letzte Widerstand gegen das Versinken unseres Menschheitsglaubens. Der Wille zum moralischen Widerstand war zerbrochen. Das ist das furchtbarste Opfer des Krieges, daß er ein Volk zerbrechen konnte. Nun mußte das Ja gesprochen werden und wenn wir es selbst nicht sprechen konnten und können, weil wir nicht zu Verrätern an uns selbst werden wollten, dann wollen wir doch für alle die anderen die harte Notwendigkeit des inneren Zwanges anerkennen. Und darum stehen wir zusammen, auch nach diesem furchtbaren Tag. Wollen und müssen zusammenstehen in dem Willen, gemeinsam zu tragen, was kommen wird. Gemeinsam alle Kraft daran sehen, die heilige Flamme des Sozialismus zu hüten und zu erstarken. Das können wir alle nur, wenn wir der Wahrheit ohne Furcht ins Gesicht sehen. Durch das Ja des deutschen Volkes hat die Entente den Rechtstitel für ihre Forderungen erhalten. Es steht nun in ihrer Macht, die Erfüllung des Vertrages zu erzwingen. Ob sie es tun wird, weiß niemand, aber sie kann es, darüber müssen wir uns Tlar sein. Die Blockade wird aufgehoben, aber wir sind ein bettelarmes Volf, wir wissen nicht, wieviel der köstlichen Dinge, die man uns bietet, wir bezahlen können. Kaufen wir Rohstoffe, um arbeiten zu können, dann haben wir vielleicht die Zahlungsmittel nicht, um auch die Kohle zu erwerben, welche notwendig ist, um die Maschinen laufen zu lassen und decken wir den Bedarf an Kohle, dann werden wieder die Rohstoffe fehlen. Wertvolle Nohstoffquellen, die bisher Deutschlands Eigentum waren, gehören ihm nicht mehr. Ein bitterschweres Leben bleibt es für das deutsche Volk, auch nach dem Frieden. Darauf müssen wir uns einstellen. Nur wenn wir flar sehen, wenn wir ehrlich sind bis in den Grund, können wir klar fämpfen. Nicht schwankende Nohre im kommenden Sturm dürfen wir sein. Nur der zielflare Wille: daß der Sozialismus in diesem großen Zusammenbruch nicht untergehen darf, daß er, nur er, uns allen, der ganzen geknechteten Menschheit, die Erlösung bringen muß. fann uns helfen. Der Sozialismus ist unser Glaube, er set auch unser Willel Klara Bohm- Schuch. Unsere Gleichheit" Nach 28 jährigem Erscheinen hat die„ Gleichheit" ihren Druckfort gewechselt und gleichzeitig ihre Erscheinungsfrist. Bisher erschien sie 14täglich im Verlag von Diez- Stuttgart, ab 1. Juli aber 8täglich im Vorwärtsverlag in Berlin. Diese Aenderung entspricht einem längst empfundenen Bedürfnis. Denn dadurch, daß Redaktion und Druckort sich in zwei verschiedenen Orten befanden, und besonders durch den in der letzten Zeit verschlechterten Post- und Eisenbahnverkehr wurde es immer schwieriger, die„ Gleichheit" den 154 Die Gleichheit Tord Folefon ( Aus dem Norwegilchen des Per Sivle) Sie ftanden in Norwegs Feld gerüftet zum Streit: Die alte gegen die neue Zeit. Das, was mußt fallen, gegen das, was beſtehn follt', Das, was wollt' wachien, gegen das, was vergehn solit'. Da zogen das Schwert fie zur felbigen Stund', Der kühne junge Olaf und der graue Torehunt. Und der Beerruf erfcholl, daß die Erdfelten dröhnten Und die Pfeile fchwirrten und die Spieße Stöhnten. Пun meldet die Sage: Da trug ein tapfrer Mann, Cord Folefon, Olafs Banner voran. Von diefem Bannerträger wird man fingen und fagen, Solang man in Norweg Banner wird tragen. Beitbedürfnissen anzupassen. Unsere Gleichheit" aber muß schnell zu allen Fragen des wirtschaftlichen und pofitischen Lebens Stellung nehmen können und dadurch ihre Leser und besonders ihre Leserinnen belehren und schulen. Unsere Gleichheit! Mit Stolz und Freude sagen und betonen wir: Unsere Gleichheit. Haben doch alle tätigen Genoffen und Genossinen Anteil an dem Aufstieg unserer Frauenzeitung. Den ersten Gedanken zur Schaffung einer proletarischen Frauenzeitung faßte Emma Ihrer im Jahre 1890. Eine von ihr einberufene Besprechung der damals bereits nach besten Kräften und Rönnen tätigen Frauen zeitigte das Ergebnis, daß die Frauenzeitung Die Arbeiterin" im Verlag von Jensen- Hamburg unter der Redaktion von E. Ihrer erschien. In äußerst geschickter und doch einfacher, den Frauen verständlicher Sprache wurde das Blatt bald ein guter Bundesgenosse in der Agitation und Aufklärungsarbeit unter den Frauen und Arbeiterinnen der einzelnen Industriegruppen. Doch nach reichlich einjährigem Bestehen wurde die Arbeiterin" durch die Gleichheit" abgelöst. Genossin Clara Zetkin, die damals von Paris zum dauernden Aufenthalt nach Deutschland kam und in Stuttgart festen Wohnsitz nahm, wurde mit der Redaktion der„ Gleichheit" beauftragt. Als Herausgeberin wurde aber weiter der Name E. Ihrer bis zum Jahre 1896 geführt. Genosse Diez- Stuttgart nahm die neue Zeitschrift in feinen Verlag. Persönliche und finanzielle Opfer sind von ihm für unsere ,, Gleichheit" gebracht worden. Ihm verdanken wir, daß das Erscheinen einer Frauenzeitung gesichert war, denn der Parteiorganisation fehlten damals die finanziellen Mittel. Lange Jahre war die Gleichheit" das Sorgenkind des Genossen Diez. Auf eigenen Füßen konnte die„ Gleichheit" erst furz vor Ausbruch des Krieges stehen. Erst mit dem Augenblid, wo die Parteiorganisationen bestimmter Bezirke und Gebiete die obligatorische Einführung der „ Gleichheit" für die weiblichen Mitglieder beschlossen, und auch die Gewerkschaften mit großer weiblicher Mitgliederzahl die„ Gleichheit" neben dem Verbandsorgan ihren weiblichen Mitgliedern lieferten, stieg die Auflage der„ Gleichheit". Im allgemeinen wurde die Zeitung auch gern gelefen, aber immer mehr stellte sich heraus, daß sie nicht von der Masse der Frauen, besonders den neu zuftrömenden verstanden wurde, da die Schreibart der„ Gleichheit" die Vorbedingung eines schon großen geistigen Wissens an die Leser stellte. Genossin Zetkin, der die Frauenbewegung viel berdankt, schrieb das Blatt nicht so, daß es den Bedürfnissen der geistig und politisch ungeschulten Massen gerecht wurde. Nur verhältnismäßig wenige Genossinnen konnten der Schreibweise und dem Gedankengang der Genossin Zetkin bollständig folgen. Schließlich aber billigte ein großer Teil auch nicht mehr ihre politischen Anschauungen. Die Folge war, daß das Interesse der Frauen an der„ Gleichheit" zurüdging, und gleichzeitig die Auflage der„ Gichheit" unDenn wie er die tödliche Wunde empfing, Weit vor in den Kampf mit dem Banner er ging, Und bevor er fiel mit der letzten Kraft Felt in die Erde ftieß er den Schaft. Und die alte Sage, fie tut uns kund: Cord fiel zu Boden, doch das Banner Itund! Und folches foll fürder ein jeder noch wagen, Der das Freiheitsbanner im Kampf mag tragen. Der Mann mag finken, wenn das Banner nur ſteht, Gleich jenem in Iorwegs Feld, wie die Sage geht. Und das ist das herrliche, Große auf der Welt: Das Banner kann ftehn, wenn der Mann auch fällt! Nr. 20 geheuer fant. Dieser Vorgang machte sich während der Kriegsjahre und besonders nach der Spaltung der Partei bemerkbar. Als der Genosse Heinrich Schulz die Redaktion der „ Gleichheit" übernahm, war die Auflage bis auf 13 000 gefallen. Besonders schmerzlich war dies nicht nur für die Frauenbewegung, sondern auch für den Genossen Diez, der in so mühsamer Arbeit die„ Gleichheit" mit erstarkt hatte. -Dem Genossen Schulz und der Genossin Juchacz gelang es, die Gleichheit" wieder so zu gestalten, daß die Genofsinnen gern in freien Stunden zu ihrem Blatte griffen. Besonders die Ausgestaltung der Kinderbeilage, ja die Heranziehung der Kinder zur Mitarbeit an ihrer Kinderbeilage fand regen Beifall in den Kreisen der Leserinnen, und damit war ein stetiges Steigen der Auflage verbunden. " 1 Seit April d. I. haben wir nun die bisherige Mitarbei terin der„ Gleichheit", die Genossin Bohm- Schuch, als Schriftleiterin. Ihre Schreibweise kennen wir bereits und wir alle hoffen und wünschen, daß es ihr gelingen möge, den Ton so zu treffen, daß die Frauen ihn verstehen und begreifen und ihre Zeitung lieb gewinnen. Nun wird vom 1. Juli an die Gleichheit" auch 12monatlich eine illustrierte Frauenbeilage bringen, die in allen Fragen des häuslichen Lebens den Genoffinnen mit Rat und Tat zur Seite stehen soll. 11 Unsere Gleichheit", die uns eine treue Weg- und Kampfgenoffin gewesen, hat keine ganz leichte Entwicklung hinter fich. Sie immer mehr auszugestalten und ihre Auflage in die Höhe zu bringen, das geloben wir Frauen heute unserem alten Freund, dem Genossen Diet. Denn nur dadurch können wir ihm die Dankesschuld abtragen. Die Agitation und Werbearbeit für unser Blatt muß wieder systematisch einsezen wie früher. Keine Versammlung darf stattfinden, ohne daß nicht Abonnenten für die Gleichheit" gewonnen werden. Die„ Gleichheit" gehört in jede Arbeiterfamilie, fie muß werben und belehren im Sinne des völkerbefreienden Sozialismus. Möge dieser erhoffte Aufstieg und die gestellte Aufgabe der„ Gleichheit" in ihrem neuen Lebensabschnitt gelingen. Wilhelmine Kähler. Zur Sozialisierung der öffentlichen Wohlfahrtspflege III. Geburt und Tod im Lichte des Bevölkerungsproblems. Die Geburtenzahlen weisen in Deutschland bei einer bis zum Jahr 1909 anhaltenden absoluten Steigerung seit Jahrzehnten eine prozentuale rückläufige Bewegung auf. Im Jahr 1876 entfielen auf das Tausend der Bevölkerung 42,61 Geburten. Im Jahr 1912 waren es nur noch 29,12 pro Tausend.( Das weitere Absinken während des Krieges Tassen wir als eine durch vorübergehende Ausnahmeverhält Nr. 20 Die Gleich beit nisse bedingte Erscheinung außer Betracht.) Diese Abnahme könnte so bedrohlich sein, wie sie von den Fanatikern der Bahl hingestellt wurde, wenn sie gleichzeitig einen Stillstand oder gar eine Abnahme der Gesamtvolksziffer bedeutete. Das Gegenteil ist der Fall. Trotz der hohen Geburtenziffer des Jahres 1876 betrug der Geburtenüberschuß nur 12,58 pro Tausend, während er seinen höchsten Stand mit 15,63 pro Tausend im Jahre 1902 erreichte( damals ergab sich ein Bevölkerungsmehr von 902 243 Köpfen) und im Jahre 1912: 12,7 pro Tausend betrug. Sogar das Jahr der verhängnisvollen Gluthiße und Dürre, 1911, ergab mit einem Geburtenüberschuß von 740 431, also von drei Viertel Millionen Menschen, einen Satz von 11,33 pro Tausend. Aus dieser Gegenüberstellung geht hervor, daß die starke Geburtenabnahme durch ein noch stärkeres Sinken der Sterbeziffer mehr als ausgeglichen wurde. Nun pflegt in diesem Zusammenhang der Einwand erhoben zu werden, daß das ein magerer Trost sei, denn während dem Sinken der Geburtenziffer keine Grenze gefeßt sei, könne man nicht dasselbe von der Verminderung der Sterbeziffer behaupten. Das ist richtig und doch falsch. Ein Volk, das sich nicht selbst aufgibt und dann mit seinem Untergang ein verdientes Schicksal erleidet, wird stets eine seinen allgemeinen Verhältnissen angepaßte Geburtlichkeit und Lebenskraft aufweisen( man erinnere fich nur an die Kriegsleistungen des von unsern Bevölkerungstheoretikern längst zum Tode durch Selbstmord verurteilten Frankreich). Und auf der andern Seite ist die deutsche Sterbeziffer, insonderheit der Säuglinge, weitaus höher, als sie zu sein brauchte und in anderen Kulturländern tatsächlich ist. 1901 betrug die Säuglingssterbeziffer bei uns 20,7 Proz. 1911/12 war fie auf 14,7 Proz. herabgegangen. Trotzdem standen wir noch an 5. Stelle der Säuglingssterblichkeit innerhalb der großen Industrievölker, während z. B. die Niederlande 8,7 Proz., Schweden 7,5 Proz. und Norwegen 6,5 Proz. SäuglingsSterbefälle aufwies. Setzen wir aber selbst eine Säuglingssterbeziffer von 10 Broz. als unvermeidbar, so würde das * Feuilleton Trotz alledem! Ob Armut euer Los auch fei, hebt hoch die Stirn, trotz alledem! Geht kühn dem feigen Knecht vorbei; Wagt's arm zu fein trotz alledem! Vom Verlieren ( Aus„ Graspfeifer" von Ludwig Finch) * 155 bedeuten, daß z. B. von den 311 462 Sterbefällen des Jahres 1910 119 202 vermeidbar gewesen wären. Wären diefe 119 202 Kinder überhaupt nicht geboren worden, so hätten wir doch am Ende des Jahres bei einer Sterbeziffer von 10 Proz. den gleichen Geburtenüberschuß gehabt. Aus alledem erhellt, daß es nicht in erster Linie und ganz gewiß nicht ausschließlich auf die Zahl der Geborenen, sondern auf die Zahl der gesunden Ueberlebenden ankommt. Ja, mehr noch. Die schon im Säuglings- oder Kindesalter Hinweggerafften bedeuten nicht nur Sorge und Leid für die betroffenen Familien, sie sind auch volkswirtschaftlich gesehen ein nationales Unglüd. Sie bevölkern erst den Friedhof, nachdem sie den Müttern ein gut Teil Kraft, Zeit und Lebensfreude, den Geschwistern das Licht aus der Stubg und das Brot vom Munde weggenommen und durch Aufwartung für Hebamme, Arzt, Arznei, Ernährung und endlich Totengräber, eine Reihe familien- und volkswirtschaftlich unnüber, weil ungenütter Ausgaben verursacht haben. So kann also die Aufgabe nicht sein, ein Mehr von Geburten herbeizuführen, sondern dafür Sorge zu tragen, daß nur gesunde und lebensfähige Kinder geboren und alle Vorbedingungen gesunder Aufzucht geschaffen und gesichert werden. Wie das geschehen könne, sei weiteren Erörterungen vorHenr. Fürth. behalten. Parteitag und Frauenkonferenz Der Parteitag von Weimar tann einen Marfstein in der Geschichte der Sozialdemokratie bedeuten. Er war ein glänzendes Zeugnis für den Geist der Demokratie und des Sozialismus, der trotz allem, was wir mit der Revolution an Enttäuschungen erlebten, in der Partei herrscht. Jeder einzelne trägt heute sein Bündel Unzufriedenheit und Leid, ist mit vielen Einzei maßnahmen der Regierung nicht einverstanden. Als es nun aber darauf anfam, das Ganze zu beurteilen, ließ sich keiner greifbare Ergebnis dieser Abende waren rote Backen, sprühende Augen, Kraft und Gewandtheit in allen Gliedern, eine mächtige Stimme und der Verlust irgendeines Gegenstandes aus der Schatkammer meiner Schwester. Gestern war's ein Ringlein, heute war's ein Tuch. Was schadet das, wenn man ein wildes Mädchen ist und dunkle Locken hat? Aber die Kinderzeit verflog, und meine Schwester ist eine F. Freiligrath. Frau. Eine Bande von drei Kindern kann sie nun selbst zu den alten Spielen stellen. Und es ist immer noch eine eigene Sache mit ihr. iemand versteht die goldene Kunst zu verlieren so gut wie meine Schwester; sie war meine Lehrmeisterin. Schon in den seligen Tagen, da wir allabendlich im Nach bardorfe unsere wilden Spiele trieben, fand sie mühelos in sich die Kraft, einen Verlust zu überwinden und mit einer gewissen Großartigkeit hinzunehmen, was das Leben brachte. Bielleicht ist die Kunst zu verlieren nur eine Kunst, Tränen zu berbeißen. Damals waren es geringe Dinge, nicht wert der Tränen, und ich habe später weit größeres hergeben müssen. Aber man fängt in der Schule mit dem Bescheidensten an, und der ist der Beste, der mit dem Größten aufhören kann. Einen Meisterbrief hat uns das Leben später überreicht mit einem tiefen Knids. An der Lehne des alten Giebelhauses standen wir am Abend, drei oder vier in einer Reihe, uns gegenüber ein Kamerad, dem wir auf seinen Ruf:" Fürchtet ihr den sa varzen Mann nicht?" einmütig und begeistert zuschrien: Nein!" worauf wir gegen ihn losstürmten mit der Aufgabe, uns um keinen Preis von ihm fangen zu lassen. Das Etwa sie hat ihren Geldbeutel verloren, wahrscheinlich, auf dem Wege zum Markt, mit 20 Mark mühsam erspartem Gold, an dem Schweiß und Hoffnungen Kleben eines halben Jahres. Aber sie schweigt und sagt niemand davon. Nur geht sie in den nächsten Tagen in Gedanken verloren umber, macht hier ein Kästchen auf und dort eine Schublade, einen Schatten stiller als sonst. Und nach acht Tagen, wenn sie gewiß ganz still und demütig geworden ist wie ein verscheuchtes Häschen und sich in den Verlust gefügt hat, fommt fie einmal glüdstrahlend daher, denn sie hat das Verlorene wiedergefunden, nicht auf der Straße, nicht im Kasten, sondern in der Tasche eines anderen Rodes. Dann jezen wir uns zusammen und halten ein fleines Fest und haben eine Freude aneinander. Meist geht dabei der Inhalt des wiedergewonnenen Geldbeutels drauf. Aber wenn der liebe Gott wüßte, wie die Augen meiner Schwester glänzen können, er würde sich bloß noch darauf verlegen, ihr Verlorenes wiederzuschenken. Meine Schwester verliert die Hoffnung nie, wenn sie auch manches andere verliert. Ein Liebling@ verlieren von ihr betrifft ihre Augengläser. Nun bitte ich alle, die hochgradig kurzsichtig sind, sich zu erinnern, was es heißt, die Brille 156 Die Gleich heit beeinflussen von den Quälereien des Alltags; geschlossen fand der Parteitag die große Linie, stellte er sich einmütig hinter die auswärtige Politik dev Regierung und der Partei. Ebenso bekannte sich die übergroße Mehrheit des Parteitages - trotz scharfer Kritik im. einzelnen zu der inneren Politik unserer Genossen in der Regierung. Durch die Beratungen über die innere Politik ging der auf richtige Wunsch nach einer Einigung innerhalb der sozialistischen Arbeiterschaft. Die U.- S.- P.- Führer werden aber nach dem Ver. lauf dieses Parteitages zu der Erkenntnis kommen müssen, daß es mit der von ihnen so sehr gewünschten unaufhaltsamen Berfeßung" in unserer Partei nichts ist, daß eine Einigung nur möglich ist, wenn auch auf ihrer Seite ein ehrlicher Wille zur Einigung herrscht. Bisher meinten gar zu viele auf jener Seite mit der Einigung ein„ Schuld" bekenntnis unsererseits und darauffolgend den„ Gnaden" alt ihrerseits. Peinlich berührte der Streit zwischen dem Leiter des Neichs, wirtschaftsamts, dem Genossen Wissell und dem Reichsernäh. rungsminister Genossen Robert Schmidt. Und dennoch war es vielleicht gut, daß er ausgetragen wurde. Zeigte doch der Ausgang jedem objektiv Zuhörenden, daß die beiden Männer des halb in Kompetenzstreitigkeiten geraten sind, die sich dann bis zur gegenseitigen Verbitterung zuspißten, weil jeder glaubte, durch seine Forderungen dem Volte am besten zu dienen. Genosse Wissell hält es für das Wichtigste, Rohstoffe zu laufen, um arbeiten zu können; Genosse Robert Schmidt erblickt in dem Ankauf der ausländischen Lebensmittel die größere Notwendig keit. Beides in ausreichendem Maße zu beschaffen, fehlen uns leider die Zahlungsmittel. Von größter praktischer und fachlicher Bedeutung waren die Referate der Genossen Cohen und Singheimer über das Rätesystem. Det Parteitag stellte sich einmütig auf den Boden der Sinzheimerschen Ausführungen, welcher die Betriebs- und Wirtschaftsräte zur Wahrnehmung der sozialen Arbeiterrechte und zur Durchführung der Vergesellschaftung der Warenerzeugung haben will, ihnen hierfür alle Vollmachten ausstellt, aber die politischen Entscheidungen dem gesamten Bolke durch die von ihm gewählte zu verlieren. Nichts andres, als mit einem Schlage hilflos in der Welt zu stehen, ausgesetzt zu sein wie ein kleines Kind. Die Erde wankt, ein Grashalm wird zum Heuschreck. Meine Schwester denkt freilich nicht daran, sondern macht sich insgeheim auf die Suche nach ihren gläsernen Augen, besinnt sich, wo sie sie das letztemal gelassen hat und irrt rast los im Hause herum. Diesmal erbarmt sich der liebe Gott nicht. Endlich entschließt sie sich, ihre Sorge um ihre Brille mir anzubertrauen, der sie nun gewinnend, aber schadenfroh anlächeln fann:„ Aber Kind, Du hast sie ja auf der Nase", worauf wir wieder Anlaß nehmen, ein kleines Jest zu feiern und eine Freude aneinander zu haben. Nun, meine Schwester hat mich also das Verlieren gelehrt. Was verliert man nicht schon als kleiner Bub auf der Gasse, Pfennige, Naßtücher, Taschenmesser. Frauen berlieren am liebsten Haarnadeln, sie sind ihre Hufeisen, und es ist eigentümlich, wieviel Haarnadeln ich schon gefunden habe. Ich ging einmal im Walde von Vizzabona, im Gebirge von Korsika, durch tiefes Gestrüpp; seit Stunden hatte ich kein Dorf und keine Hütte gesehen; plötzlich Ist plößlich" nicht ein erschreckendes Wort? Mir hat es immer gut gefallen. Als ich noch Indianerbücher las, pflegte ich den Wert eines Buches nach der Häufigkeit dieses Wortes einzuschäßen; oft überschlug ich viele Seiten voll langatmiger Gespräche, bis ich irgendwo wieder das Wort„ plötzlich" herausleuchten sah, faszinierend, blinkend wie ein Stern, und ich nahm mir vor, später einmal ein Buch zu schreiben, in dem auf jedem Blatte plöblich" vorkommen würde. Bei plötzlich" ereignet sich immer etwas. Indianer rufen: Howgh!" Ein Knabenherz schlägt höher. Es ist ein prickelndes, leicht aufregendes Wort, ein Tat- und Schicksalswort, es kann alles mögliche dahinter kommen, Nr. 20 Bertretung vorbehält. Aufgabe der Gewerkschaften bleibt die Rea gelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Ueber die Arbeiten der Frauenfonferenz, welche im Anschlus an den Parteitag zusammentrat, schreibt Genossin Johanna Neige Mit der Zunahme der organisatorisch erfaßten Frauen wächst nicht nur die zu leistende Aufklärungsarbeit, sondern auch der Drang nach Betätigung innerhalb des Parteikörpers wird bei den Genossinnen größer und größer. Das ist verständlich und begreiflich. Die politische Gleichstellung hat die Revolution wohl den Frauen gebracht, aber eine auf Jahrhunderte getragene Versklavung und ihre Folgen können nicht von heute auf morgen abgeschüttelt werden. Das kann nur durch zielflare und plans mäßige Arbeit von unten auf geschehen, die in erster Linie von den Frauen vollbracht und gefördert werden muß. Manche Probe ihres Könnens haben bisher die Frauen gezeigt und der Verlauf der diesmaligen Konferenz hat erneut Zeugnis von dem Ausstieg nach innen und außen abgelegt. Eine Fülle von Aufgaben sehen wir vor uns, die zahlreiche Kräfte beansprucht zur Grreichung des geftedten Zieles. Welches Maß von Arbeit unserer harrt, das zeigte mit aller Deutlichkeit der Beratungsstoff, der mancher Genossin, die mitten drin im Parteigetriebe steht, nichts neues war, aber doch durch Zusammenfassung ganz allgemein wirkte. Das Gefühl, eigentlich für den Aufbau des neuen Reiches recht wenig beitragen zu fönnen, ist durch die Vorträge und Aus sprache allen Teilnehmern genommen worden. Jetzt kommt es nur noch auf die Tat und auf das Handeln an. Und jeder und jede wird wie bisher nicht nur die eigene Kraft in dew Dienst des Sozialismus stellen, sondern auch versuchen, neue Kräfte zu werben und heranzuziehen. Die Referate der Genossinnen Marie Juchacz, Klara Bohm- Schuch, Gertrud Hanna und Adele Schreiber wirften so überzeugend, daß niemand sich der Mitarbeit entziehen wird und kann. Handelt es sich doch um die Formung neuer Menschen, die in der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft zu leben verstehen sollen. Es kommt dabei alles auf die Vorbereitungen an. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Und doch wird und muß sie gelöst werden. Ein Teil dieser Arbeit ruht nun auf den Schultern und es ist nicht ohne Kraft. Oft ertönt ein Schuß, oft rollt eine Lawine und oft küssen sich zwei. Ein interessantes Wort. In meinem Falle, im Walde von Vizzavona, büdte ich mich und hob plöglich eine Haarnadel auf, verloren vielleicht von einer Banditin, von einer schönen Hirtin, von einer fremden Bergsteigerin. Nun, das sind Kleinigkeiten, Haarnadeln, leicht berschmerzt und leicht zu ersehen. Aber ich will von den größeren Dingen reden, die man verliert, von Freunden, von einer Liebe. Man verliert sie, während man sich fest im Besiz glaubt, in aller Unschuld, man weiß nicht wie. Da gilt es zu suchen, leise und unmerklich, daß man wiederfinde. Da gilt es festzuhalten und nicht loszulassen, wenn man nur einen kleinen Zipfel wieder erwischt hat, durch die Jahre zu gehen in heimlichem Suchen und Opfern, zäh und tapfer und treu bis zum letzten Blutstropfen, und dann vielleicht gilt es, das Schicksal zu verstehen. Denn es mag sein, daß man eines Tages einen Größeren über sich fühlt, der mit dem Tode befreundet ist, und ihm ins Auge blicken muß, der spricht: Verliere. Dann hilft kein kleines Suchen und Anflammern und Halten mehr, dann heißt es still sich beugen und hinzugeben. Was ist's auch weiter? Eine bon den schönen Glaskugeln in meinem Garten ist zerbrochen. Ein Reicher ist verarmt, ein Armer ist ärmer. Ein Herz ist still und leis geworden. Das Leben ist nun so, daß man gut daran tut, sich zu gewöhnen, wie man alles, was man erwirbt, am besten hergibt, ohne zu großes Klagen, ftola, ohne Bittern, furchtlos, wenn die Stunde kommt. Denn alles hat seine Stunde. Nr. 20 Die Gleich beit der Frauen, und freudig und gern wollen fie mitarbeiten. Ber schiedene Wege führen nach Rom und mannigfaltig ist das Feld der Betätigung, das den Frauen winkt. Sie wollen aber nicht nur die ihnen bisher zugewiesenen Arbeiten verrichten, sondern sie fordern auch, in Stellungen einzubringen, die ihnen bisher so gut wie verschlossen waren. Sie wünschen einen größeren weiblichen Einschlag, einen vermehrten Einfluß auf die Gestal tung der Dinge auszuüben. Ms Spenderin des werdenden Lebens hat die Frau einen Rechtsanspruch darauf. Die Produktion eines neuen Menschen bedeutet für die Gesellschaft vermehrter Reich tum, der mehr als bisher von den Frauen gehegt und gepflegt werden soll. Die Parteiorganisation hat nun die Pflicht, den Frauen in diesen Dingen Wegweiser und Wegbereiter zu sein. Wie sie auch die Frauen verstehen wird, die mehr denn je aftiv für den Aufstieg der Menschheit tätig sein wollen. Andererseits stehen aber noch Hunderttausende gänzlich den neuen Dingen unwissend gegenüber. Diese zu rufen und au mahnen zur Anteilnahme an der Arbeit, soll unsere vornehmste Aufgabe sein. Eine große Auswahl zum Mittun ist allen gegeben. Für die Kleinarbeit, die unscheinbarste, aber die wichtigste von allen, sollten sich alle Frauen zur Verfügung stellen. Dann gilt es, Borstandsämter zu befehen; Sekretärinnen, Redakteurinnen werden verlangt. Frauen, die befähigt sind, soziale Berufe zu ergreifen, wie auch geeignete Frauen, die parlamentarisch sich betätigen wollen. Mehr als bisher muß eine Gesundheits- und Wohlfahrtspflege geübt werden. Die Parteipreffe, die uns führend zur Seite steht, muß in erster Linie die Unterstützung der Frauen finden. Werben für das Parteiorgan, werben für unsere Frauenzeitschrift" Die Gleichheit". Lettere wird wöchentlich erscheinen und durch die Beilage„ Die Frau und ihr Haus" eine besondere Ratgeberin den Frauen sein. Wer führend vorwärts will, dem sei das Studium unserer Presse empfohlen und wirke für die Erweiterung des Leserkreises. Auf wirtschaftlichem Gebiete finden die Frauen ein nicht minder großes Arbeitsfeld vor. Den Berufsintereffen wird leider heute noch viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die Klagen un Großstadthimmel Wie ist der Himmel über Großstadtftraßen doch so tot! Grau ift er oder blau, und abends hängt er voller Dunft. Laftkähnen gleich auf trägem Strom Ziehn Haufenwolken ibre Bahn, Und wenn die wilde Jagd am himmel tobt, Schleift durch die Gaffen nur der Jäger Mantelfetzen. Wenn Bergeszinnen türmt Gigantenfauft, Dann leuchtet nur des Firníchnees Glanz Als Ahnung fel'ger Welten über fchwarze Mauern, Und wenn die leichtbewegte Schar der Zirruswolken Durchs dunkle Blau der ew'gen Räume zieht, Irr'n nur verlorne Schäflein über Straßenzeilen. Wie Sage klingt's, daß irgendwo die blaue Glocke Sich über grünen Fluren wölbt und daß an ihrem Rande Der Himmel und die Erde fich berühren. Hier läuft er als ein helles Band Mit dunkeln Mauern um die Wette, Zerriffen jäh vom Riefenfinger einer Kirche, Oder hängt als ausgefranites löchrig Tuch um бäufergiebel, Befudelt und befchmutzt von Schwaden schwarzen Rauchs. Gefangnem Vogel gleich, der immer wieder Mit mattem Flügelfchlag am Käfiggitter flattert, So irr' ich durch der Straßen Schluchten Voll heißer Sehnsucht nach des Himmels Weite, Nach seiner Wolken ew'gem Wechselspiel. Und wenn des Abends rote Glut Wie Flammenfchein durch Parkesbäume Ichimmert, Dann eil' ich wohl zur nächsten Brücke, Daß ich ein wenig Schönheit in mich trinke. Doch eb' der Fuß erreicht, Was Aug' und Seele heiß erlehnen, 157 gevechter Entlassung wären weit weniger, wenn die Arbeite rinnen sich mehr um die Berufsinteressen gefümmert hätten. An Mahnungen hat es in der Tat nicht gefehlt. Der Konkurrenzkampf der Frauen und Männer wird ja erst verschwinden, wenn die Arbeiterinnen in den Genuß der gleichen Berufsbildung gelangt sind. Ihr muß natürlich eine dementsprechende Erzichung in Schule und Haus vorangehen. Die Erziehung der Mädchen muß fünftig eingestellt werden auf die spätere Be rufsarbeiterin und nicht nur auf die Ehe. Vor allen Dingen ist aber zur Gesundung der Verhältnisse ein staatlicher Schutz für Mutter und Kind nötig. Wenn es auch eine restlose Lösung der Frage Mutterschaft und Beruf nicht gibt, so wird doch die Arbeiterin, Frau und Mutter, durch eine umfassende Mutterschaftsversicherung von vielen Feffeln befreit. Die Mutterschaft zu einer Quelle' reinen Glüdes zu machen, ist eine hohe und heilige Aufgabe, der sich niemand entziehen soll. So sehen wir eine Fülle von Arbeit vor uns, die jeden tafa Träftigen Mitstreiterin bie Auswahl eines bestimmten Arbeitsgebietes ermöglicht. Je mehr die einzelne ihre Arbeitskraft auf ein Gebiet zu konzentrieren versteht, je mehr wird sie der Dr. Gine Zersplitterung ganisation wie auch dem Ganzen dienen. der Kräfte wird nicht nur weniger fruchtbringend sein, sondern auch ein Gefühl der Unzufriedenheit hinterlassen. Das darf und das braucht nicht zu sein. Prüfe jede, wo sie am meisten zu leisten vermag und dann an die Arbeit gegangen. Das ist das Ergebnis der Frauenkonferenz, das uns sicherlich eine reiche Ernte einbringen wird. Zur Reform des Jugendstrafrechts Eine Anregung. Die Revolution, deren Endziel die Befreiung der Mensch heit durch die Befreiung des Proletariats ist, darf über dem Ziel nicht den Weg zu ihm übersehen, darf nicht vergessen, daß sie, eine rein geistige Bewegung, sich der Menschen als Mittel bedient. Wie in der Natur ein ewiges Entstehen und Vergehen herrscht, so im Leben des einzelnen, der Nation, Ift aller Glanz erlofchen, fahl der Himmel, Die letzte Glut gefangen noch in einer Feniterreihe Und in dem Schwarz des Fluffes ein paar schmutzigrote Flecke. Ich warte bis das letzte Licht erftirbt, Dann wend' ich mich und wandre traurig Durch langer Straßen graue Dämmrung. Charlotte Buchow. Bücherschau Paul Duysen:„ Das Leben, die Lüge und die Menschheit", eine Tragödie in fünf Bildern. Verlag Konrad Hanf, Hamburg. Die Schicksale der beiden jungen Soldaten, von denen der eine fällt, der andere vom Kriegsgericht zum Jrrenhaus- begnadigt oder verurteilt wird, sind eine Anklage gegen den Krieg, nicht weniger ergreifend und wuchtig als„ Das Feuer" Henry Barbusses. An die Stelle des Sterbens, des Sichopferns, tritt wieder das Leben. Wir alle haben ja draußen gelernt, das Leben zu lieben. Aber nirgends fand ich ein leidenschaftlicheres Bekenntnis, eine tiefere Sehnsucht zu leben, bewußt zu leben, als in diesem Buch. Der natürliche Rückschlag nach den Jahren des Krieges sind die Worte:„ Wir haben die Bestimmung, das Leben zu leben und nicht es einer Jdee wegen wegzuwerfen." Und dieser neue Egoismus, diese neue Jchsucht wird geadelt, weil sie leben und glücklich sein will für die andern. Hinter dem Glück des einzelnen steht das des ganzen Wolfes, hinter des Volkes Glück. das der Menschheit. Der nationale Gedante aber mußte zum Irrtum werden, weil er nationalistischy" ausgemünzt wurde. Der Menschheitsgebanke ist die Wahrheit, er muß gelten im Bolfe und in den Völkern. Ohne den Krieg selbst auf die Bühne zu bringen, zeigt uns Duhsen die lehten Wirkungen des Krieges, padt er uns, er schüttert er uns bis in die tiefsten Tiefen unserer Seele. Und standen wir nicht alle unter dem Vann dieses Gedankens: Wer ist denn eigentlich wahnsinnig? Wir, die wir glaubten, brennen, 158 Die Gleichheit der Menschheit. Die Jugend aber ist das Fundament, auf dem aufzubauen ist; sie ist dem Marmorblock gleich, der rohe Maffe zunächst von Künstlerhand zu edler Form und reiner Harmonie gebildet wird. Ein Teil der Charaktereigenschaften, die wir bei dem Menschen im reifen Alter finden, ist schon in der Jugend ausgeprägt; die Menschen sind von Natur aus weder absolut gut, noch absolut schlecht und mag auch der immerwährende Kampf ums Dasein ein Hartwerden des Charakters mit sich bringen, so hat doch als Folge der ökonomischen Verhältnisse sowie auf Grund der Vererbung auch schon die Jugend Fehler, die sich bis zu Vergehen und Verbrechen steigern und damit in den Kreis des öffentlichen Interesses treten. An dieser Grenze greift die Staatsgewalt ein, und die Anklagebehörde bemächtigt sich des jugendlichen Verbrechers. Nun sind wir ja über jene schreckenerfüllte Zeit des Mittelalters hinweg, in der Tierprozesse an der Tagesordnung waren und in der natürlich auch der Jugend gegenüber irgendein tieferes psychologisches Verständnis nicht zu finden war. In dieser Hinsicht verdanken wir eine große Besserung in der öffentlichen Strafrechtspflege wie in der Behandlung der Jugendlichen der Aufklärungszeit und den ihr folgenden Jahrzehnten, und so finden sich denn auch im Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich" vom 4. Mai 1871 Bestimmungen über die Bestrafung jugendlicher Personen, welche dem Verständnis für den jugendlichen Delinquenten in gewissem Sinne entgegenzukommen sich bemühen. Das Alter vom 12. bis 18. Jahre gilt als Strafmilderungsgrund; der Jugendliche ist freizusprechen, wenn er in diesem Alter die zur Erkenntnis der Strafbarkeit der Handlung erforderliche Einsicht nicht besessen hat(§ 56); er ist milder zu bestrafen, wenn er diese Einsicht besaß. Der wesentliche Inhalt des hierüber bestimmenden Paragraphen 57 ist der, daß gegen den Jugendlichen nicht auf Buchthaus erkannt werden kann, daß die bürgerlichen 21 morden, zerstören zu müssen, oder diejenigen, die sich gegen diese Wahrheit" auflehnten und deswegen für verrückt erklärt wurden? Müssen wir uns denn der Lüge unterwerfen?„ Wenn wir das Elend, den Jammer der Welt erkennen, es still hinnehmen und uns nicht bemühen, es mit allen Sträften zu bekämpfen, so beweisen wir nur, daß wir dieses Glend verdient haben." Hier ist Duysen nicht nur Dichter, sondern Kämpfer und Vorfämpfer! Das Theater wird zur revolutionären Stätte! Es wird zum Mittel, das unserem Willen die Richtung geben soll. Und diese Willensrichtung Duysens, der von der Kunst ausgeht, eint sich mit der wissenschaftlichen der Sozialisten: beide suchen über das Religiös- lebersinnliche fort lebenslängliche, lebensbejahende Wurzeln zu schlagen in der irdischen Welt. Und aus der tiefsten Sehnsucht und Not heraus mendet er sich an die Mütter:" Ja, warum schriet Ihr nicht, als Ihr in Eurem Lebensnerb gebroffen wurdet.... als man Euch Eure Kinder nahm? Ihr wäret die Berufenen gewesen." Der Höhepunkt der Tragödie ist die Gerichtsszene. Und diese wie das letzte Bild am Sterbelager der Mutter sind von hoher dramatischer Wirkung. Den ersten Bildern fehlt diese und trotz der Schönheit und Gedrungenheit der Sprache und Ge. staltung und trotz des Gedankenreichtums, findet sich vielleicht kein Theaterdirektor, der das Wert auf die Bühne bringt. Es gehört Mut und Können dazu, aber wenn beides vorhanden, dürfte der Versuch lohnen. K. H. N. Lenin,„ Die nächsten Aufgaben der Sowjet- Macht", Berlag Franz Pfemfert, Berlin- Wilmersdorf. Leo Trogli, Arbeit, Disziplin und Ordnung werden die sozialistische Sowjet- Republik retten", Verlag Gesellschaft und Erziehung G. m. b. H., Berlin. Der stärkste Eindruck, den die Ausführungen der beiden russischen Kommunistenführer hinterlassen, ist der einer rücksichtslosen Offenheit. Diese Selbstbefenntnisse, die schonungslos alle Fehler aufdecken, die von den Führern der russischen Räterepublik ge= macht wurden, verdienen in der Tat, von jedem Arbeiter, von jedem Sozialisten gelesen zu werden. Denn nur wenn das ProNr. 20 Ehrenrechte ihm nicht abgesprochen werden können, sowie daß er nicht unter Polizeiaufsicht gestellt werden darf. Personen, welche bei Begehung der Handlung das 12. Lebensjahr nicht vollendet haben, können strafrechtlich nicht verfolgt werden. In diese nüchternen Paragraphen ist das Schicksal unserer Jugendlichen gelegt. Daß dem Gesetzgeber jedes tiefere Verständnis für das Wesen des jugendlichen Verbrechers fehlt, dürfte auch dem Laien ohne weiteres flar sein; hier muß eine Reform an Haupt und Gliedern einsetzen, soll nicht der Gesamtheit des Volkes unsäglicher Schaden bereitet werden. Was wir zunächst fordern, ist die weibliche Advo tatur im Verfahren gegen Jugendliche. Die Frau, oft selbst Mutter, muß naturgemäß ein anderes, tieferes Verständnis für die Seele des Jugendlichen befizen, als es der Mann selbst beim besten Willen haben kann. Gerade hier, wo es weit weniger auf eine wissenschaftlich- jurisusche Durchdringung doktrinär- theoretischen Stoffes ankommt, als auf ein liebevolles Versenken in die Ideenwelt eines jungen Menschen, der sich auf Irrwegen befindet, gerade hier kann die Mitarbeit der Frau nicht entbehrt werden. Die Frau, von der man sagt, daß sie noch einmal das Leben ihrer Kinder mitlebt, muß naturgemäß anders in das Wesen des Jugendlichen einzudringen imstande sein als jemand, dem die Frage lediglich eine Angelegenheit des juristischen Interesses oder der Uebertragung einer theoretischen Norm auf den praktischen Einzelfall ist. Aber bei der bekannten Nichtachtung des Anwaltstandes durch das Richtertum fönnen wir uns mit der Frau als Verteidigerin nicht zufrieden geben; es würde ihr in diesem Falle eine lediglich beratende Rolle zugewiesen werden, während das Urteil legten Endes doch wieder in die Hände eines Richters gelegt würde, der vielleicht den Anregungen der Verteidigung nicht zu folgen imstande wäre. Unsere Forderung geht also dahin, der Frau das Mitbeschließungsrecht einzuräumen, das heißt, letariat in seiner Gesamtheit sich die russischen Grfahrungen zu eigen macht, ist die Gewähr vorhanden, daß die gleichen Fehler bei uns vermieden werden. Troß der Einsicht in die begangenen Fehler, troß der erkannten Notwendigkeit, die Revolution zurückzuschrauben, die Sowjetrepublik aus dem erträumten Idealzustand in die Wirklichkeit zu retten, halten Lenin und Trotti am Bolschewismus, das heißt an der russischen Form des Kommunismus fest. Ich dagegen habe aus beiden Schriften vor allem die Erkenntnis gewonnen, daß nicht die Kommunisten, sondern wir Mehrheitssozialisten auf dem rechten Wege sind. So viel ist gewiß, daß von den rein kommunistischen Ideen und Grundsäßen, die die Bolschewisten bei Beginn ihrer Herr. schaft in die Tat umsetten, nicht mehr viel übrig ist. Daß die Bolschewisten gezwungen sind, ihren Radikalismus mehr und mehr abzuschwächen, und so allmählich durch die Macht der Tatsachen auf den Weg gedrängt werden, den die Sozialdemokratie von Anfang an als den einzig richtigen und einzig gangbaren erfannt R. H. hat. Die Broschüre„ Die Anklage der Gepeinigten", die wir in unserer Nr. 18 ausführlich besprochen haben, ist in dem Verlag " Der Firn", Berlin W. 62, Lutherstr. 19, erschienen. Der Preis beträgt 80 Pf. Kein Vorbereiten hilft, das Rechte recht zu tun, Denn anders dachteft du, und anders tuft du nun. Ein andrer füblit du dich im Tun, als du dich dachteft, Und findelt andres vor, als du in Rechnung brachtelt. Drum ist kein Rat, als dich im ganzen recht zu fallen, Und dann das Seinige dem Augenblick zu laffen. Friedr. Rückert. Nr. 20 Die Gleichheit fie soll fortan nicht nur als Verteidigerin, sondern auch als Richterin des jugendlichen Delinquenten fungieren. Mit diesem Schritt wäre schon vieles erreicht, und wir wären vielleicht nicht mehr gezwungen, den Jugendlichen gegenüber jenes Korrektionsmittel anzuwenden, das seiner besonderen Schwere halber an dieser Stelle erwähnt und hervorgehoben sein soll, nämlich die Unterbringung in eine Erziehungs- oder Besserungsanstalt.§ 56 bestimmt nämlich, daß der wegen mangelnder Einsicht Freigesprochene, falls er nach dem Urteil nicht seiner Familie überwiesen wird, solange in der Anstalt zu behalten ist, als die der Anstalt vorgesetzte Verwaltungsbehörde es für erforderlich erachtet, jedoch nicht über das bollendete 20. Lebensjahr. Und sogar dem Verbrecher" unber 12 Jahren kann das gleiche Geschick zuteil werden; auch er kann, wenn durch Beschluß des Vormundschaftsgerichtes die Begehung der Handlung festgestellt und die Unterbringung für zulässig erklärt ist, in eine Erziehungsoder Besserungsanstalt gebracht werden. Für den Richter, der die Unterbringung anordnet, ist die Angelegenheit mit der Verkündung des Urteils erledigt; wer sich aber einigermaßen mit den Wirkungen dieser Besserungsanstalten auf den Charakter der Jugendlichen beschäftigt und sich die Mühe gegeben hat, den Jugendlichen vor der Unterbringung in die Anstalt und nachher einer Untersuchung seines Charakters zu unterziehen, der wird mit Schaudern die in vielen Fällen vernichtende Wirkung dieser Anstalten auf den sittlichen Charakter des Menschen wahrnehmen. Besseres fordern bedeutet nicht Gutes ablehnen. Deshalb sei an dieser Stelle auf die positive Mitwirkung von Frauen vor den Jugendgerichten hingewiesen, die durch die Zentrale für Jugendfürsorge" ins Leben gerufen worden ist. Unsere Forderung nach Zulassung von Frauen als Verteidigerinnen der Jugendlichen ist in gewissem Umfange bereits heute erfüllt. Auf Antrag der Eltern bzw. des gesetzlichen Vertreters ist es nämlich möglich, dem Jugendlichen eine weibliche Helferin zur Seite zu stellen, die in dem Jugendlichenverfahren als Wahlverteidigerin auftritt. Es ist ihre Aufgabe, weniger das formal juristische, als das psychologische Moment zu betonen und die Kenntnis, die sie sich über das Vorleben des Jugendlichen aus dem persönlichen Verkehr mit ihm, sowie aus gründlichem Aktenstudium angeeignet hat, diesem nuzbar zu machen. Doch hiermit ist die Mitwirkung der Frau im Jugendlichenverfahren noch nicht beendet. Sie besitzt nämlich ein weiteres Mitwirkungsrecht, und zwar nicht nur vor den Jugendgerichten, sondern auch vor der Straffammer. Hier beschränkt sich ihre Tätigkeit nicht auf die Verteidigung, sondern sie hat dem Gang des gesamten Berfahrens zu folgen und hierüber einen VerhandIungsbericht aufzunehmen. Dieser Verhandlungs. bericht, der in gedrängter Form ein möglichst zuverlässiges Bild über den Gang der Verhandlung, sowie über den Charakter des Jugendlichen und sein Verhalten in der Situng geben soll, wird später nach beendetem Verfahren den Akten der Fürsorgeerziehung einverleibt und dient hier dazu, jederzeit Auskunft über den jugendlichen Delinquenten zu erteilen. Daß für diese wichtige Aufgabe nur solche Helferinnen gewählt werden, die sich bereits in gründlicher sozialer Vorarbeit bewährt haben, liegt auf der Hand. Deshalb bedürfen sie zur Vertretung des Jugendlichen der Ermächtigung des geseßlichen Vertreters bzw. des Vormundschaftsgerichts. Um in dem Jugendlichen nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, die Vertreterin habe die Aufgabe, seine Schuld zu vertuschen, ist den Helferinnen keine Pflicht zur Verschweigung etwaiger Borstrafen des Jugendlichen auferlegt. 159 Wird nun die Unterbringung des jugendlichen Delinquenten in Fürsorgeerziehung angeordnet, so endet hiermit die Tätigkeit der Helferin nicht, sondern sie erstreckt sich auch auf diese Zeit, indem weiterhin eine günstige Beeinfluffung auf den Charakter des Verurteilten durch Aufrechterhaltung der Fürsorgetätigkeit verursacht wird. Einiges ist also tatsächlich heute schon erfüllt, was als dringlichste soziale Forderung verlangt werden muß, und es ist begrüßenswert, daß die Bentrale für Jugendfürforge" ihre helfende Tätigkeit weiter auszubauen beabsich tigt. Das aber kann uns nicht veranlassen, von unserer eingangs dieser Zeilen gestellten Forderung abzugehen, nämlich den Frauen nicht nur den sozialen und psychologischen Teil der Arbeit zu überlassen, sondern sie in jeder Hinsicht den Männern völlig gleichzustellen. Sollte es eine Feststellung, die erst durch praktische Erfahrungen be stätigt werden kann sich zeigen, daß den Frauen die Richterqualifikation abgeht, so wird die Uebernahme dieses Berufes von selbst alsbald aufgegeben werden. Der Versuch aber muß unternommen werden: es gilt ein hohes Biel, eine jede Frau wird sich sagen: tua res agitur, um dich selbst geht es, deine eigene Sache steht auf dem Spiel. Und wir zweifeln nicht, daß sie, die als Frau und Mutter das Höchste und Heroischste geleistet hat, was Menschenlippen besingen können, auch als Jugendrichterin im besten Sinne des Wortes nicht versagen wird. Dr. W. Peiser. Genossenschaftliche Rundschau Ausländische Genossenschaftsbewegungen, Die englische Großeinlaufsgesellschaft hat eine Abteilung für Vermittlung von Fischen, Wildpret und Geflügel eingerichtet. Um in den Monopol ring der Fischereiunternehmer Bresche zu legen, hat sie eine leistungsfähige Fischräucherei erworben. Das Programm der französischen sozialistischen Partei für die kommenden Wahlen fordert unter anderem Gründung von Konsumgenossenschaften in allen Gemeinden. Ueber die Konsumgenossenschaftsbewegung in Polen wird mitgeteilt, daß von den in Galizien bestehenden reichlich 60 Konsumvereinen eine Anzahl ihre Tätigkeit infolge der Nachwirkungen des Krieges noch nicht wieder aufnehmen tonnten. konnten. Die finnische Großeinkaufsgesellschaft tann auf eine 15jährige Tätigkeit zurückblicken. Im Jahre 1918 wurde ein Umsatz von 107 Millionen finnische Mark erreicht. Diese Bentrale der finnischen Konsumbereine versorgt mehr als 500 angeschlossene Vereine und kann eine fräftig entwickelte Eigens produktion aufweisen. Die englische Großeinkaufsgesell schaft erzielte im letzten Geschäftsjahre einen Umsatz von 1329 Millionen Mart. Tas find 148 Millionen Mark mehr als im Vorjahre. Adolf Rupprecht. Mitteilungen Der Volkschor hielt vor kurzem seine Frühjahrs- Generalver sammlung ab. Der Vorstand erklärte unter allseitiger ZuStimmung der Mitglieder, daß der Chor ein unteilbares, wertvolles Instrument der fünstlerischen Bestrebungen der gesamten Arbeiterschaft sei. Deshalb muß er bedacht sein, alles zu vers meiden, was zu einer Bersplitterung durchy politische Gegensäte führen könnte. Der Chor glaubt seine Auffassung von der Notwendigkeit der proletarischen Einheit am besten dadurch dokumen tiert zu haben, daß er am 1. Mai nachmittags bei einer Feier der S. P. D., abends bei einer solchen der U. S. P. D. mitwirfte. Zum ersten Vorsitzenden wurde Leo Kestenberg, zum Dirigenten Dr. Ernst Zander einstimmig wiedergewählt. Dem Chor ges hören zurzeit 590 Mitglieder( 419 attive und 171 passive) an. Für das nächste Konzert plant der Chor Aufführungen von Berlioz' " Fausts Verdammung", Bachs„ Weihnachts- Oratorium" und Schumanns Manfred". Außerdem soll durch Einrichtung syste matischer Kurse das Verständnis für musikalische Literatur ge fördert werden. Neue Mitglieder fönnen Freitag vor oder nach den Chorproben, die von 8 bis 10 Uhr abends in der Aula der 5. Pflichtfortbildungsschule, Lange Str. 37, stattfinden, aufge nommen werden. 160 Die Gleich heit Für die Einheitsanrede. In München und Frankfurt a. M. find Werbestellen gegründet worden für die Einheitsanrede der Frau. Die unverheirateten Mitglieder müssen sich verpflichten, fich Frau" zu nennen. Diese Bestrebung ist nur zu begrüßen. Ja, sie sollte dahin ausgedehnt werden, daß man nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen unverheirateten Mädchen von einem bestimmten Alter ab mit Frau" anredet. K. H. Tagebuchblätter aus Berlin und Weimar Berlin, den 2. Juni 1919. Im Rheinland sind Umtriebe im Gange, die Republik auszurufen. Der Ministerpräsident hat deshalb sämtliche Abgeordnete aus dem besetzten Gebiet zu einer Situng nach Berlin gerufen. Alle Vertreter, auch die Kollegen aus Preußen einigen sich in einer Resolution, die energisch den Willen zur deutschen Einheit bekundet. In der Pfalz haben politische Wirrköpfe eine eigne Republik gegründet". Die sozialdemokratische Fraktion der Deutschen Nationalbersammlung tritt zu einer Sigung im preußischen Abge. ordnetenhause zusammen. In gegenwärtiger Beit hringt jeder neue Tag Ueberraschungen, Verhandlungsstoff ist immer da. Der Stand der Arbeiten im Verfassungsausschuß wird besprochen. * Weimar, den 15. Juni 1919. Vom 10.- 15. Juni hat der Parteitag im Saale der Nationalversammlung gearbeitet. Eine große Zahl Frauen waren delegiert. Trotz mancher Mißtöne, mancher Unebenheiten, ist die Gesamtleistung der Tagung eine erfreuliche. Im Zeichen eines Druces, einer Beklemmung, wurde gearbeitet; denn die Erwartung der Ententeantwort Lastete. Trotzdem wurde viel und gute Arbeit getan. Als Höhepunkt der Tagung ist wohl zu bezeichnen, daß Sinz Heimers Referat viel flärende Gedanken in der Betriebsund Wirtschaftsratsfrage brachte. Den 17. Juni 1919. Die anschließende Frauenkonferenz, von zirka 80 Teilnehmerinnen beschickt, ist nach der übereinstimmenden Meinung der Genossinnen im Arbeitsergebnis dem Parteitag gleichzustellen. Die Referate der Genossinnen Juchacz und Bohm- Schuch, Organisation und Presse behandelnd, wurden noch am Sonntag gehört. am Montag früh setzte eine sehr lebhafte und durchaus sachliche Debatte ein, die jedenfalls den beiden weiblichen Mitgliedern des Parteiborstandes und der Redakteurin der„ Gleichheit" wertvolle Anregungen und Fingerzeige zur Pflege und Belebung bon Agitation und Organisation im Lande gegeben hat. Die am Nachmittag erstatteten Referate der Genossinnen Hanna und Schreiber- Krieger wurden mit größter Uebereinstimmung( und wenn ich nicht irre einstimmig), ohne Debatte, aufgenommen. Eine Reihe wertvoller Anträge und Anregungen wurden dem Parteivorstand überwiesen. Von dem Wert ihrer Arbeit im Dienste des Sozialismus überzeugt, gingen wohl sämtliche Teilnehmerinnen der Konferenz aus dem Weimarer Volkshaussaal. - Die Abgeordneten bleiben in Weimar und harren der kommenden schweren Dinge. Das Ultimatum der Entente ist da. Bald fallen die Würfel. Kurz tritt der Friedensausschuß unter zahlreicher Beteiligung sämt licher Abgeordneter zusammen. Die vorliegende Mantelnote genügt nicht, um irgendeinen Beschluß zu fassen. Den 18. Juni 1919. Die Fraktion tritt vor- und nachmittags zusammen. Erregung, lebhafte Aussprache über die Möglichkeiten einer Volksabstimmung. Die Situation ist ganz ungeklärt, daNr. 20 Eer ist es unmöglich, irgend einen Beschluß zu fassen. Die Friedensdelegation hat die Erklärung abgegeben, nicht unterzeichnen zu können, Den 22. Juni 1919. Tagebuchblätter schreiben und die wichtigsten Vorkomm nisse festhalten kann man nur, wenn Hirn und Herz klar und imftande sind, bestimmte Gedanken zu fassen. Seelenlos und kalt stehen Buchstaben auf dem Papier; wie soll ich sagen: dies und das ist das Wichtigste von borgestern, gestern, heut? Die Tage bisher waren angefüllt von den schwersten Kämpfen in unserer Fraktion. Jeder einzelne Mensch hat mit sich gerungen, um die klare Erkenntnis zu dem Ja oder Nein, den bedeutungsvollsten Worten zu finden. Denn Deutschlands Schicksal hängt davon ab. Deutschlands Schicksal! Ich erspare mir, festzuhalten, welche Folgen und Ausblicke beim Ja oder Nein sind. Das steht in der Tagespresse. Eine Ministerkrise ist unvermeidlich gewesen, da Scheidemann und Landsberg, ebenso alle Demokraten im Kabinett bei dem Nein bleiben. Daß das neue ein schwarzrotes( Bentrum und Sozialdemokraten) wird, muß der Arbeitsfähigkeit halber in auf genommen werden. Bauer ist Ministerpräsident. Die Fraktion ist mit ihrer Mehrheit zum Ja entschlossen. Als Sozialistin bedaure ich das. Ich füge mich der Mehrheit. Die Zeit wird lehren, in welches Stadium der Sozialismus jetzt in Deutschland tritt. Nina Bang, eine liebe Genossin aus Kopenhagen, weilt bei uns und erlebt den schweren Kampf. Und dann tritt um 12 Uhr die Nationalversammlung im Plenum zusammen. Bei namentlicher Abstimmung wird das schicksalsschwere Ja mit ziemlicher Mehrheit ausgesprochen. Was werden die kommenden Wochen bringen, die Monate, die Jahre? Nach den fürchterlichen Seelenkämpfen der letzten Tage würde eine Entspannung von einigen Tagen gut tun. Aber die Nationalversammlung tagt weiter. Den 23. Juni 1919. Wir sollen noch nicht mit unseren zerwirbelten Gedanken und aufgewühlten Herzen zur Erholung kommen: Die Entente hat das eingeschränkte Ja abgelehnt: Sie will das bedingungslose unterwerfen. Und in der Nachmittagssigung wird die Regierung zu dem äußersten ermächtigt. In kühler Geschäftsmäßigkeit werden dann noch einige Punkte der vorgesehenen Tagesordnung erledigt. Den 24. Juni 1919. Gestern abend erfuhren wir die Annahme der deutschen Antwortnote in Paris. Heute werden eine Nette kleiner Anfragen erledigt. Dann folgt die Beratung des Gefeßes über Landkrankenkassen, Rassenangestellte und Ersatkassen. Es wird einstimmig angenommen. Die nächste Sigung soll am 1. Juli stattfinden. Elisabeth Röhl Für das Hauptbureau des Zentralverbandes der Hausangestellten in Berlin wird für möglichst sofort eine mit der Kassenführung vertraute, auf gewerkschaftlichem Gebiete erfahrene Kraft gesucht. Gehalt nach Uebereinkunft. Bewerbungen sind bis spätestens zum 15. Juli mit der Aufschrift Bewerbung" an die Vorsigende des Verbandes, Frau Luise Kähler, Berlin SD. 16, Engelufer 21, einzusenden. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckerei. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer 6. m. 6. S., sämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3