Nr. 23 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mark Berlin 26. Juli 1919 Der 10. Gewerkschaftskongreß und die Frauen Weit ist der Weg bis zur vollen Gleichwertung der Geschlechter! Diese Erkenntnis mußte dem Teilnehmer des Nürnberger Gewerkschaftskongresses unwillkürlich zum Bewußtsein kommen, denn von zirka 645 Delegierten waren ganze 6 weiblich. Da darf es nicht wundernehmen, wenn auch sonst die Kongreßverhandlungen des nötigen Einschlages fast ganz entbehrten, den eine stärkere weibliche Delegiertenzahl wohl bei manchen Punkten der Tagesordnung zur Geltung gebracht hätte. Gewiß, auch die Tagung der Partei in Weimor wies ungenügende Beteiligung der Frauen auf, immerhin waren sie in stattlicher Zahl angerückt und wußten sich in den verschiedensten Debatten zum Ausdruck zu bringen. Nun könnte man vielleicht sagen, die separate Behandlung solcher Fragen, die nicht mit der besonderen seelischen oder förperlichen Eigenheit der Frau zu rechnen haben, ist seit den November- Revolutionstagen nicht mehr unbedingt erforderlich. Aber selbst wenn diese Gebiete nicht so strittig wären, mußte der aufmerksame Beobachter öffentlicher Vorgänge doch zugeben: einstweilen und auf längere Zeit hinaus wird eine ftärfere, ziel bewußte Regiamkeit der Frauen notwendig sein. In Gewerkschaft, Partei und breitester Deffentlichkeit müssen erst die Traditionen" überwunden werden, die heut noch eine große Rolle spielen.... Allzusehr stand der Nürnberger Kongreß im Zeichen der sozialistischen Parteispaltung. Das kam beim Sachen schaftsbericht der Generalfommission durch das GegenWährend sich referat Dißmanns scharf zum Ausdruck. Legien bemüht hatte, die Dinge in ihrem wirtschaftlich- gemertschaftlichen Zusammenhang darzustellen, verwechselten die Oppositionsredner zum Teil die Gegenwart mit der Vergangenheit wie auch Partei mit Gewerkschaft. Was in bestimmten Zeiten des Krieges bittere Notwendigkeit war,( wie z. B. das Hilfsdienstgesetz) ist, gemessen an den jetzigen Verhältnissen, leicht zu verdammen! Die gewerkschaftliche Taftif muß mit den Tagesrealitäten rechnen, und Schritt für Schritt die Hemmungen überwinden, die sich ihr in den Weg stellen, während die politische Partei ,, beinahe" einen großen Sprung borwärts gemacht hätte- wenn nicht die Uneinigkeit vieles in Frage stellte. So fonnte der Ausgang der fast 2 tägigen Debatte zum Rechenschaftsbericht nicht zweifelhaft sein. Nicht durch die parteipolitische Brille der U.- S.- P.- Leute fah der Kongreß die Dinge der Vergangenheit an, sondern unbeschadet der Meinungsverschiedenheiten über einzelne Vorgänge stimmten 435 Delegierte mit 3,3 Millionen Stimmen der Vertrauens. resolution für die Generalfommission zu, während nur 179 Delegierte mit 1,4 millionen Stimmen dagegen potierten. Bieht man dabei die neu gewonnenen Scharen der Gewerkschaften in Betracht, deren Radikalismus" sich doch wohl erst erproben soll, und deren Vertreter in Metall Die Frau und ihr Haus Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplatz 147 40 Expedition: Berlin W 68, Lindenstraße 3 arbeiterverband, bei den Eisenbahnern und Handlungsgehilfen zu erheblichem Teil für die Oppofition eintraten, so gewinnt man noch stärker den Eindruck, das Gewerkschaftsganze wird auf die Dauer nicht so schwer geschädigt als die Partei und der zerstörenden Elementen sind hier Grenzen gezogen, über die sie nicht hinwegkommen. Die Brandmarkung der wüsten Maßregelungssucht von Gewerkschaftsangestellten, wie sie 2egien mit herzerfrischender Deutlichkeit vornahm, hatte wohl volle vier Fünftel der Kongreßteilnehmer hinter sich. Nach den allzu reichlichen Geschäfsordnungsdebatten fam am 3. Tage endlich Gertrud Hanna zu ihrem Referat über die Organisation der Arbeiterinnen". Eindringlich und schlicht, wie immer, schilderte sie die Wirkung des Krieges auf die Frauen, wie sie massenhaft in die Kriegsindustrie einbe zogen wurden und wie jetzt selbst einzelne Führer" sogar bestrebt sind, die Frauen aus den Betrieben zu entfernen mit einer Motivierung, die einstmals von konservativer Seite vorgebracht wurde. Die Frau gehört ins Haus" wird jetzt von Leuten gerufen, die nur an die eigene Mannessolidarität denken auf Kosten der Frau! Gerade weil sich die Frau in vielen Berufen vorzüglich bewährt hat, stimmen jezt weniger die Unternehmer, wohl aber manche Arbeiterkategorien in diesen Ruf ein! Und wenn im Handelsgewerbe sich auch die Bezahlung allmählig für die weibliche Arbeitskraft bessert, so dürfen dann nicht die eigenen männlichen Kollegen in den Arm fallen. Die Lohndifferenzen müssen möglichst ausgeglichen werden und wo es irgend durchführbar, da ist gleicher Lohn für gleiche Leistung zu zahlen ohne Rücksicht auf das Geschlecht. Um gerecht zu bleiben, muß man allerdings zugeben, daß fich der so sehr befürchtete Kampf der Geschlechter"( um Stel Iung und Lohn) noch immer in erträglichen Formen abspielt. Eine Reibungsfläche bleibt wohl auf lange Jahre hinaus. Auch hier kann nur regste gewerkschaftliche Betätigung der Frau Wandel schaffen. Die Referentin wies darauf hin, daß trotz der 400 000 weiblichen Mitglieder, die Bertretung in der Gewerkschaftsbewegung ungenügend sei. Millionen Frauen gehören heute zur wecktätigen Bevölkerung, da muß noch ganz ander3 aufgerüttelt werden. Für die Agitation sind auch weiterhin besondere Frauenversammlungen beizubehalten, während bei Berufsfragen zweckmäßiger gemeinsam mit den männlichen Kollegen beraten wird man weiß wohl, warum! Für die gewerkschaftliche( und politische). Organisation aber muß der Wahlspruch stärfer Geltung gewinnen: Gleiche Rechte und gleiche Pflichten für Männer und Frauen!" Das Referat fand eine recht aufmerksame Hörerschaft, was in dem Riesensaal mit seiner entseßlichen Akustik immerhin etwas bedeutete. In der anschließenden Debatte brachte Frau Lungwit ( Fabrikarb.- Verb.) zwar zunächst den bekannten„ Barteiton" der U. S. P., dann aber wies auch fie treffend auf die gesundheitsschädlichen demoralisierenden Folgen der weiblichen Tätigkeit in Munitionsfabriken hin. Die Führer" 178 Die Gleich beit haben der Frauenfrage zu wenig Interesse zugewandt. Die Verbände sollen mehr Frauen anstellen als bisher und energischer für die wirtschaftliche Gleichstellung der Geschlechter eintreten. Dem fann man durchaus zustimmen und es ist charakteristisch, daß der Vorsitzende Reipart, namens des Nongresses im Anschluß hieran sein Bedauern aussprach über die geringe Zahl der anwesenden weiblichen Vertreter. Hoffent. lich bleibt es nicht bei dieser platonischen Erklärung, sondern die Kongreßdelegierten ziehen auch daraus alle praktischen Nonsequenzen. Am Nachmittag des 3. Tages setzte sich noch eine kurze Zeit die Debatte über die Arbeiterinnenfrage fort. Genossin Grünberg wandte sich gegen die Sonderorganisationen der Frauen. Unser Platz ist an Seite der Männer." Die neu eingerichteten Frauenämter" sind schädlich, dafür soll man den Arbeiterfekretariaten gewerkschaftlich geschulte Sekretärinnen beigeben. Hierbei darf indessen nicht verschwiegen werden, daß zurzeit ein so großer Mangel an geeigneten Kräften( für Agitation und Verwaltungstätigkeit) besteht, sowohl in den Gewerkschaften als in der Partei, daß jede tüchtige Kraft, ob weiblich oder männlich, gern genommen wird. Nur wird leicht das eigene Rönnen überschätzt, die gewaltigen Ansprüche folcher Aemter an Fleiß, Nerven und Robustizität aber unterschätzt. Fast möchte man mitunter mit Jagow ausrufen:„ Wir warnen Neugierige!" Aus der weiteren Diskussion mag noch hervorgehoben werden die Feststellung Schumachers( Schneider), daß neuerdings Angestellten- Betriebs- Organisationen" gebildet werden für weibliche Angestellte, die einen gelblichen Einschlag haben und nicht einmal als Gewerkschaftsersatz gelten fönnen. Frau 2. Köhler und Marie Haut- Hamburg traten für weitere Besserstellung der Hausangestellten ein. Ob es freilich zutrifft, was Frau Köhler meint, wer sich Hausangestellte halte, fönne auch zwei anstellen", erscheint uns doch etwas zweifelhaft. Uns will bedünken, der 8- Stundentag müsse auch bei Beschäftigung nur einer Angestellten leicht durchführbar sein. Nach einem kurzen Schlußwort Hannas wurden zwei Entfchließungen angenommen für regere Agitation, sowie der berufstätigen Familienmitglieder in die Gewerk. schaften. Einstimmig gelangte die nachfolgende Resolution der Referentin zur Annahme:„ Der Kongreß erneuert die bereits mit früheren Rongressen gefaßten Beschlüsse, die auf die Notwendigkeit, intensivster Aufklärungsarbeit zur Gewinnung der weiblichen Arbeitskräfte für die gewerkschaftliche Organisation hinweisen. Er sieht darin und in der Heranziehung der organisierten Frau zur tätigen Mitarbeit in den Gewerk schaften ein Mittel, etwaige Interessengegensäge zwischen Männern und Frauen im Arbeitsverhältnis auszugleichen und den Frauen eine ihren Leistungen entsprechende Stellung zu verschaffen. Das Wirken für Gleichstellung von Männer- und Frauenarbeit in der Bezahlung bei gleichen Leistungen erscheint dem Kongreß selbstverständlich. Der Rongreß anerkennt das Recht der Frauen auf Arbeitspläge, die ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechen. Er macht den Gewerk. schaften zur Pflicht, darauf zu achten, daß bei Einstellungen und Entlassungen von Arbeitskräften frauenfeindliche Bestre bungen nicht zur Geltung kommen." und Den weiteren Teil des Kongresses fönnen wir hier summa risch wiedergeben. Die Referate Deiparts A. Cohens über die Wirksamkeit der Gewerkschaften und die künftigen Betriebsräte" sowie über die Arbeitsgemeinschaften" wurden durch 2 Gegenreferate Nich. Müllers ,, ergänzt", die aber mehr durch ihre Länge als durch den Inhalt ausgezeichnet waren. Im letzten Grunde ist es der alte Streit um Tarifverträge, der bereits auf dem Gewerkschaftsfongreß 1896 in Frankfurt a. M. ausgefochten wurde. Die wilde Streik- Taktik" hat durch ihre vermehrte Praris in Nr. 23 den letzten Monaten an Ueberzeugungskraft für den Sozia. listen wahrlich nichts gewonnen. Das Nätesystem kann nur dann segensreich wirken, wenn seine Träger die volle Verantwortung für die gedeihliche Fortführung der Volkswirtschaft mit übernehmen wollen und wenn solche Streiks, die auf Kosten der Allgemeinheit eine Berufsgruppe begünstigen( oder gegen die andere ausspielen), nach Möglichkeit vermieden werden. Das können wohl gewerkschaftlich geschulte Betriebsräte und Wolfswirtschaftscäte, nicht aber politisch fanatisierte Arbeiterräte", denen jeder Maßstab für die reelle Wirklichkeit fehlt. Dieser Kernpunkt des Räteproblems wurde in den Schlußworten der Referenten gebührend und treffend gekennzeichnet. Der neue Allgemeine Gewerkschaftsbund"( die bisherige Generalfommission) wurde ohne besondere Schwierigkeiten aus der Taufe gehoben nach einem Referat Leiparts und eingehender Kommissionsberatung. Deren Berichterstatter Peter Graßmann hatte die schwere Aufgabe, den vielen Abänderungsanträgen den Garaus zu machen, was auch zumeist gelang. Die Betriebsorganisation ist indirekt für Eisenbahner und Gemeinde- und Staatsarbeiter durch besonderen Beschluß anerkannt. Damit ist die Bahn für die weitere Entwicklung freigegeben. Einstweilen sind freilich die Betriebsorganisationen in überwiegender Mehrzahl und der Verschmelzungsprozeß zu Industrieverbänden geht allzu langsam vor sich. Ueber die Sozialisierung" referierten dann umbreit und Hilferding, nicht weit von einander in ihrer grundfäßlichen Auffassung. Wir verweisen auf die Tagespresse! Das Thema bleibt ja auch dauernd in Fluß. 11 Gern hätten wir uns noch etwas eindringlicher mit der Lehrlingsfrage" beschäftigt, weil sie gerade für das weibliche Geschlecht noch immer reichlich ungeklärt ist. Der Kongreß hatte leider keine Zeit" mehr infolge der Oppositionsreferate, Debatten und vielen namentlichen Abstimmungen, die 311sammen fast einen Tag kosteten. So wurden die Thesen Sassenbach 8 ohne wesentliche Debatte angenommen. Die Vorschläge D. Albrechts( Gärtner) waren vom Referenten mit übernommen. Es soll an Stelle der bisherigen Lehrlingsausbeutung ein behördlich überwachtes System planmäßiger Ausbildung für beide Geschlechter auch in der Großindustrie durchgeführt werden. Auch die schon abgeGroßindustrie durchgeführt werden. schlossenen Lehrverträge sollen einer Neuordnung von Gesetzes wegen unterzogen werden. Das Vorrecht der„ Innungen" ist zu beseitigen. Wer die Schwierigkeiten dieser Materie fennt, wird leicht geneigt sein zu zitieren:„ Die Botschaft hör ich wohl!" Allein die Gewerkschaften haben es doch fertiggebracht, mit noch schwierigeren Dingen fertig zu werden; jetzt, da Staat und Gesetzgebung von ihrer Mitwirkung abhängen, muß es möglich sein, dieser Quelle dauernder Unzuträglichkeiten in allen Gewerben und Industrien beizukommen. Deutschland kann nur genesen und wieder hochkommen, wenn es tüchtige Qualitätsarbeit leistet. Daß von den neu zu schaffenden Ausbildungsmöglichkeiten beide Geschlechter zu annähernd gleichen Teilen profitieren, kann nur geschehen, wenn alle weibIichen Kräfte sich dafür regen. Hier winft eine Aufgabe von allergrößter Bedeutung für die Berufsausbildung der Frauen. Der Vorstand des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes" hat in seiner persönlichen Zusammensetzung eine ganz erhebliche Aenderung erfahren. Nicht weniger als 7 neue Männer sind eingetreten. Wir geben darum nachstehend die Namen der Gewählten auch hier bekannt: 1. Vorsitzender: C. Legien, Solzarbeiter; Stellvertreter: P. Graßmann, Buchdrucker; Stellvertreter: A. Cohen, Metallarbeiter; Stassierer: S. Kube, Bimmerer; 1. Redakteur: P. Umbreit, Holzarbeiter; Sekretär: A. Knoll, Steinsetzer; Sefretär: H. Löffler, Bergarbeiter; Beisiger: E. Backer, Brauereiarbeiter, L. Brunner, Eisenbahner, 1 Nr. 23 Die Gleich beit C. Bruns, Fabrikarbeiter, C., Giebel, Bureauangestellter, G. Sabath, Schneider, J. Sassenbach, Sattler, G. Schmidt, Landarbeiter, H. Silberschmidt, Bauarbeiter. Im Arbeiterinnen- Sekretariat verbleibt Genossin Hanna. Es wäre bei alledem wohl nicht zu viel verlangt gewesen, wenn auch ein weibliches Mitglied dem Bundes. borstand angehörte( der sozialdemokratische Parteivorstand hat seit Weimar jogar eine 2. Sekretärin). So müssen sich die Frauen auf die nächste Wahl, nach 3 Jahren, vertrösten, wo sie dann hoffentlich mit ihrer Millionen- Anhängerschaft Ansprüche erheben können auf stärkere Vertretung in allen gewerkschaftlichen Körperschaften! E. Dittmer. Heimkehr Nach der Melodie: un ade, du mein lieb' Heimatland. Пun kehren wir mit frohem Sang Zum Heimatland zurück! * Die Bruit erfüllt von füßem Drang: Zum бeimatland zurück! Und Sonnenglanz und Vogelflug Begleiten unfern frohen Zug Zum бeimatland zurück. Die Sehnsucht fang vom Wiederfehn Im teuren Heimatland, Mun foll es in Erfüllung gehn Im teuren Heimatland, Und viele rub'n in fremder Erd', Wir halten ihr Gedenken wert Im teuren Heimatland. Schon locken ferne Berg und Wald Zum Heimatland zurück. Der Sang erichalit, das Echo hallt: Zum Heimatland zurück! Verwebt ist alles Berzeleid: Wir ziehen ja, o fel'ge Freud, Zum Heimatland zurück! Feuilleton Kurt Hellbut. * Nicht alles, was wahr ift, müffen wir fagen, aber alles, was wir lagen, muß wahr fein. Der kleine Philosoph Von Anna Mosegaard P. Rolegger. Die Vögel legen Eier und brüten sie aus, die Säugetiere bringen lebendige Junge zur Welt", zwanzig mal hatte der kleine Friß diesen Satz geschrieben. Es war Strafarbeit. Friß war unaufmerksam in der Naturgeschichtsstunde gewesen. Er hatte wieder einmal philosophiert". Geradezu lächerlich war es dem kleinen Kerl, wenn ihm der Lehrer so und so viel vorerzählte, was er doch längst wußte. Schon gewußt hatte, ehe er überhaupt zur Schule ging. Wie oft hatte er's gesehen, wenn Nachbar Schulzens Sau Ferkel bekam. Nachbar Schulze hatte ihn ja selbst hingestellt, damit er aufpasse, daß die Sau nicht in seiner Abwesenheit die Ferkel fraẞ. Und nun erst die Bögel! Ha! Wie viele Nester mit lebendigen Jungen und halben Eierschalen hatte er auf feinen Streifzügen entdeckt. Und wie viele Rücken sich aus dem Ei picken sehen! Einfach lächerlich, dabei noch Zeit zu verschwenden, dachte Friz. Wenn ihn doch lieber ein Mensch darüber belehren wollte, auf welch geheimnisvolle Weise er zur Welt gekommen sei. Als er noch ein kleiner Knirps war, hatte er einmal die Mutter danach gefragt, die hatte ihn einen dummen Jungen gescholten, da war er underdrossen zum Vater gegangen. Na, der erzählte ihm Zur Sozialisierung der öffentlichen Wohlfahrtspflege 179 IV. ,, Notwendigkeit und Ausbau des Mutterschutes"* Die erste Forderung eines rationellen Mutterschutzes ist: Reichliche ausreichende Fürsorge für die werdenden Mütter. und unentgeltliche Nahrungsmittel für die Unbemittelten unter ihnen. Die Möglichkeit des vermehrten Rebensmittelbezugs für a II e. Dieser Forderung, die für die Bemittelten nur für die Dauer der Nationierung nötig ist, gesellt sich die des Dauerschutes. Die Kriegswochenhilfe gibt hier wertvolle Anhaltspunkte. Sie muß erweitert und ausgebaut werden. Eine bezügliche Eingabe der Frankfurter Fürsorgevereine, die unter Führung der Ortskrankenkasse und des Hauspflegevereins an den Bundesrat und Reichstag gerichtet wurde, verlangte in folgender Weise Mutterschaftsfürsorge für erwerbstätige Personen wie für nichterwerbstätige Ehefrauen. Daneben: Gleichstellung der ehelichen und unehelichen Geburten. Leistungen der Mutterschaftsversicherung: a) Gewährung eines Wochengeldes für die Dauer von 8 Wochen nach der Entbindung in Höhe von 75 Proz. des Lohnes. b) Gewährung eines Schwangerengeldes bis zu 6 Wochen für den Fall einer durch die Schwangerschaft herbeigeführten Erwerbseinbuße( Erwerbsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit) in Höhe des Wochengeldes. c) Gewährung von ärztlicher Hilfe und Hebammendiensten bei Schwangerschaftsbeschwerden und bei der Entbindung. d) Stellung einer hauswirtschaftlichen Hilfskraft zur Aufrechterhaltung des Haushalts für höchstens 14 Tage, soweit erforderlich. * Bergl. Fürth: Mutterschaftsversicherung", Fischer, Jena 1911, und Fürth:„ Der Rückgang der Geburten als soziales Problem." Conradsche Jahrbücher. Dritte Folge. Bd. XLV( C.) 9 Dinge, die Fritz einfach nicht glaubte. Wie sollte Freund Adebar wohl mit einem kleinen Menschen im Schnabel unversehrt durch den Schornstein rutschen können. Nein, das gibts nicht. Nun, in der Schule wird man es dir sagen tröstete sich Friz. Ja, prost die Mahlzeit. Jetzt war er bald zehn Jahr alt und wußte doch nicht mehr. Er mochte es bald nicht mehr mit anhören dieses ewige: Die Vögel legen Eier und brüten sie aus, die Säugetiere bringen lebendige Junge zur Welt. Und der Mensch?" möchte Fritz am liebsten rufen. Mit der Zeit hätte sich Fritz vielleicht nicht mehr den Kopf über seine Entstehung zerbrochen, wenn die Nachbarn und Tanten ihn nicht wieder darauf gebracht hätten. Tante Jette hatte zu ihm gesagt: Na Frip, nun bekommst Du gewiß bald wieder ein Brüderchen, freust Du Dich auch darauf? Fritz sah die Tante groß an:„ Woher weißt Du denn das?" „ Na, der Klapperstorch hat mir's erzählt." „ Der Storch? Der kann nicht sprechen." ,, Dummer Jungel Das verstehst Du nicht," lachte Tante Jette. Da ging Fritz zu seinem Freund Schulze in den Ziegenstall und fragte:„ Nachbar Schulze, wißt Ihr, daß wir bald wieder ein Kind bekommen?" Ja, mein Junge." war die offene Antwort,„ der Storch wird nun wohl wieder zu Euch kommen. Dann seid Ihr Eurer sechs; da werden die Brotschnitten noch kleiner. Na, Du weißt ja, wo der Nachbar Schulze wohnt." Friß sperrte Mund und Nase auf. Nachbar Schulze sprach immer die Wahrheit. Woher wißt Ihr denn das?" fragte er darum halb verzagt. Nachbar Schulze lachte:„ Ja mein Junge, das verstehst Du noch nicht. Sag nur Deinem Vater, er soll den Schorn 180 Die Gleich beit Nr. 28 e) Gewährung von Anstaltspflege an die Wöchnerin nor. Die Verfassung der Deutschen Republik malerweise für höchstens 14 Tage, soweit erforderlich. f) Gewährung eines Stillgeldes an Wöchnerinnen, die ihre Neugeborenen selbst stillen, für die Dauer bis zu 8 Monaten in Höhe von ein Viertel des Lohnes, mindestens aber 50 Pf. täglich. Die Leistungen a und b sollen nur den Selbstversicherten zugute kommen, die Leistungen c- f auch den Ehefrauen von Versicherten." Diese Forderungen geben eine brauchbare Grundlage ab. Sie wären dahin zu vervollkommnen, daß das Wöchnerinnenund Schwangerengeld in der vollen Höhe des Lohnes zu gewähren wäre. Auch müßte der Mindestsatz des Stillgeldes auf das Doppelte erhöht werden. Ferner sollte der Kreis der Versicherungspflichtigen und Versorgungsberechtigten in einer den veränderten allgemeinen Lebensumständen angepaßten Form neu umgrenzt werden. Großes steht auf dem Spiel und Großes gilt es zu schaffen. Es ist nicht länger angängig, sich hinter das ökonomische Nicht fönnen zu verschanzen. Wir haben vor dem Kriege jährlich 2 Milliarden für Kriegszwecke, d. H. aber für Zwecke der Zerstörung, aufgewandt. So dürfen wir nicht zögern, heute die gleiche Summe und, wenn nötig, mehr für Zwecke des Wiederaufbaues von Menschenkraft und Volksgesundheit hinzugeben. Aber so schlimm wirds nicht einmal werden. Ich habe im Jahr 1911 auf Grund genauer Unterlagen den Jahresbedarf für alle die genannten Aufwendungen mit 203,5 Millionen Mark errechnet, von denen nur ein Teil neu aufzubringen gewesen wäre. Selbst eine Vervielfachung dieses für damals utopischen Betrages würde noch keine Milliarde bedeuten. Die Zeit ist reif. Die Aufgaben drängen. Zeigen wir uns der Zeit und ihren Aufgaben gewachsen. Seien wir wahrhaft Sozial. Henr. Fürth. 營 Fürth:„ Mutterschaftsversicherung." Jena 1911. S. 205. stein verstopfen und die Fenster gut schließen, damit der Storch nicht mehr hinein fann." Friz sagte es seinem Vater und bekam eine derbe Ohr. feige dafür. Schluchzend ging er zur Mutter, erzählte ihr alles und schloß doch mit derselben Frage, die ihn peinigte. Mutter sah ihn traurig an, Wie Gott will, mein Kind, besser wärs schon, wir bekämen kein Brüderchen mehr. Wir sind unser schon genug."„ Mutter, dann nimm es doch nicht, wenn der Storch es bringt," sagte Frit altklug. Die Mutter hatte nur ein wehes Lächeln und Frizz schlich kopfschüttelnd davon. Stundenlang lag er im Heu und bachte über die wunderlichen Dinge nach. Es mußte doch wohl so sein, daß der Storch die Kinder brachte. Und drohend erhob er die kleine Faust gegen den Gevatter Langbein, der gravitätisch auf dem Strohdach stand.„ Warte nur, rein kommst Du nicht!" rief Frizz trozzig. Dann aber taten ihm seine Worte leid. Eigentlich geschah ja der Mutter ganz recht; warum war ihr so bange vor dem Vieh! Warum warf sie ihn nicht einfach zur Tür hinaus! Und wie er so dalag und grübelte, bekam er mit einem Male eine tiefe Abneigung gegen alle Mütter; überhaupt ärgerte ihn die ganze Menschheit. O, diese Menschen, wie waren sie doch feige! Jedes Tier brachte sein Junges selbst zur Welt, nicht die Haustage, nicht einmal die kleine Maus ließ sich das nehmen; nur der Mensch das erhabenste Geschöpf- wie der Lehrer sagte, ließ sich seine Nachkommen durch ein Tier ins Haus bringen. Es würde also gar keine Menschen mehr geben, wenn die Störche einmal streiften. Das wäre wirklich nett! Und Frik nahm sich vor, der Mutter ordentlich seine Verachtung zu zeigen. In dem Gedanken ging er heim. Da saß die Mutter in der Küche und weinte, die Von Marie Juchacz. I. Tie Verfassung ist das Grundgeset, auf dem sich alle anderen Geseze aufbauen müssen. Die Revolution hat die monarchische Regierungsform vernichtet und damit den Unterbau des politischen Lebens zerstört. Das dringendste Bedürfnis der Stunde war und ist deshalb die Schaijung eines neuen, moderneren und gerechteren Fundamentes unseres staats cechtlichen Lebens. Deshalb die Eile der Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung, deshalb die Wichtigkeit der Arbeiten der gewählten Volksvertreter, die wohl noch eine Menge anderer auch wichtiger gesetzgeberischer Arbeiten( vor allem den Friedensschluß) zu erledigen hatten und haben, deren Hauptaufgabe aber doch in der Schaffung dieses Grundgeseges besteht. Jedes in der Folge beschlossene Gesetz muß in seinen Grundgedanken und Einzelbestimmungen mit der Verfassung in Einklang stehen. Gegen die Bestimmungen der neuen Verfassung über bestehende Gesetze hinaus, so ist damit die Notwendigkeit schleuniger Abänderung der einzelnen Gesezes. paragraphen gegeben. Alle wichtigen und schwierigen Gesetze, die einer längeren Beratung bedürfen, werden nach der ersten Lesung im Parlament einem Ausschuß überwiesen. Das geschah auch mit diesem wichtigsten Gesetz. Nachdem in erster Lesung die einzelnen Parteien der Nationalversammlung ihre grundsätzliche Stellung in je einer großen kritischen Rede dargelegt hatten, wanderte es in einen Ausschuß von achtundzwanzig Mitglie dern, in dem, gemäß der Zusammensetzung der Nationalversammlung, elf Sozialdemokraten, fünf Demokraten, sechs Mitglieder von der christlichen Volkspartei( 3entrum), drei von der Deutschnationalen Volkspartei, zwei von der Deutschen Volkspartei und eins von der Unabhängigen Sozialdemofratie entsandt wurden. Bevor das alles geschah, erhob aber die Nationalversammlung eine ihr von der Regierung vorgelegte Notverfassung zum Gesez, um überhaupt erst einen gesetTränen liefen ihr nur so über die Wangen und fielen allesamt auf ein buntes Kinderjäckchen, woran sie grad nähte. Verdugt blieb Frizz in der Tür stehen, dann war er mit einem Sprunge bei der Mutter:" Mutter, warum weinst Du?" Ich weine ja gar nicht, Junge." ,, Doch, Du weinst!" „ Das Brot will nicht reichen und Vater bekommt erst übermorgen Geld." Gute Aussicht, dachte Fritz- und dann noch ein Kind mehr. Ne, daraus wird nichts. Weg noch ein Kind mehr. Ne, waren seine schwarzen Gedanken. ,, Weine man nicht, Mutter," bat er weich ,,, ich hol mir schon beim Nach bar Schulzen ein Stück brot. Damit ging er. Doch ehe er ging, sah er nach, ob auch alle Fenster gut verschlossen waren, und der Schornstein, - na auf dem Herd stand ein großer Topf siedendes Wasser, da sollte Gevatter Langbein schön ankommen. Noch in derselben Nacht weckte ihn das Seufzen und Stöhnen der Mutter. Frit lag und lauschte. Nun sprach sie mit dem Vater: wenn ich nur mit dem Leben davonkomme, ach Gott, was soll aus den Kindern werden! Friz bekam einen heillosen Schreck.„ Mutter, bist Du krank?" rief er laut und weckte damit die andern vier auf. ,, Nein, mein Junge," und dabei krümmte sie sich vor Schmerz. ,, Bringt die Kinder zu Tante Jette," hörte Frig die Mutter sagen. In fünf Minuten waren sie alle notdürftig bekleidet und schoben ab. Frig warf schnell noch einen Blick in die Küche; da brannte Licht und eine fremde Frau stand am Herd. Jetzt mitten in der Nacht! Es war ihm einfach rätselhaft. Tante Nette vadte die Kinder allesamt in ihr breites Bett, sie selbst ging in der Stube auf und ab. Die vier kleinen schliefen bald wieder, Fritz lag wach, unverwandt sah er hinüber nach Nachbar Schulzens Hausdach. Wie hell Nr. 23 Die Gleich beit lichen Boden für ihre Arbeiten herzustellen. Dabei wurde auf längere prinzipielle Auseinandersetzungen und auf jeden Meinungskampf verzichtet, weil die Parteien die Notwendig. feit eines solchen geseßmäßigen Zustandes anerkennen mußten. Auch die Regierung verzichtete auf eine ausgedehnte gesegliche Festlegung ihrer Stellung. Man beschränkte sich auf die allernotwendigsten nicht zu entbehrenden Bestimmungen. Ehe die jetzt zur Beratung stehende Verfassung an das Hohe Sans" gelangte, hatte sie schon eine gründliche Beratung und Aenderung im Staatenausschuß durchzumachen. Zur Erklä rung dieses Vorganges soll das Folgende dienen: Trotz der Revolution hat Deutschland seinen Charakter als Bundesstaat nicht aufgegeben. Der Gedanke eines einheitlichen Deutsch lands, das von einer Stelle aus regiert wird und höchstens in Verwaltungsbezirke eingeteilt wird, hat sich auch in dieser großen politischen Umwälzung noch nicht durchsezen können. Noch immer gibt es fast zwei Dußend Einzelländer, die jedes für sich noch eine eigene Verfassung haben wollen, die alle, genau wie in der vorrevolutionären Zeit, mit der Reichsverfassung in innerem Einklang stehen müssen, was eine Verschiedenartigkeit einzelner Begriffe und Bestimmungen in ihrer Form natürlich nicht ausschließt. Aus diesem Zustand heraus war es selbstverständlich, daß die Einzelstaaten oder, um in der Sprache der kommenden Verfassung zu sprechen, die Einzelländer ihre Vertreter nach Berlin sandten, um den vom Reichsamt des Innern verfaßten Entwurf durchzuberaten und mit den eigenen Interessen in Einklang zu bringen. Hatte der sogenannte Preußsche Entwurf( genannt nach dem Reichsminister Dr. Preuß) schon in der Oeffentlichkeit viel scharfe Kritik erfahren, so erging es der durch den Staatenausschuß ,, berbesserten" Gesetzesvorlage im 8. Ausschuß durchaus nicht besser. Der parlamentarische Neuling( und das sind wir Frauen ja alle), der zur Mitarbeit oder auch nur zum Zuhören in den 8. Ausschuß ging, hat sich diese Arbeiten wohl anders vorgestellt, oder er müßte sich schon einen ganzen Sac voll juristischer Vorkenntnisse mitgebracht haben. Wohl jeder machte sich auf einen frischen Kampf der Geister um politische Ziele es schon war; ob es wohl bald Morgen ward? Was sollten sie doch nur hier? Dann nahm Gevatter Langbein wieder feine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Wie ruhig er auf seinem Neste über den Jungen saß. Das war gewiß die Storchmutter. Nun fam ein zweiter, gewiß der Vater, im Schnabel hatte er einen zappelnden Frosch.„ Tante Jette!" rief Frib ,,, sieh nur, der Storch hat so früh schon was zu fressen für seine Jungen geholt!" Tante Jette antwortete nicht. Die Stubentür wurde aufgerissen, Frizz hörte des Baters harte Stimme:„ Gott sei Dank, es ist da! ein Mädchen." Nun stürzte Tante Jette in die Kammer:" Friz, soeben hat der Storch Dir eine kleine Schwester gebracht!" Friß riß die Augen auf, eine kleine Schwester?- Der Storch? -Der sitt ja oben auf dem Dache." Nun lachte Tante Jette:„ Es gibt doch mehr als einen!" Und Friß war so flug wie vorher. Er freute sich gar nicht über das Schwesterchen, das jede Nacht schrie, so daß er nicht schlafen konnte. Und die Mutter war so frank. Bater verbrachte fast die halbe Nacht an Mutters Bett; er gab dem Schwesterchen süßen Tee zu trinken, aber es schrie nur noch mehr. Und die Mutter war so bleich und schwach; nicht mal allein aufrichten konnte sie sich. Tante Jette war bei ihnen und fochte; aber Vater war dennoch sehr betrübt. ,, Wenn doch nur das Kind nicht so unruhig wäre, dann würde Marie auch bald wieder gesund," hörte Fritz ihn meist zur Tante jagen. Das gab ihm wieder zu denken. Stundenlang lag er hinterm Haus und philosophierte. Hm, - der Storch hat Mutter ins Bein gebissen batte der Vater gesagt. Aber so was, das ist doch nicht so schlimm. Ja, wenn es noch ein Löwe gewesen wäre! 181 und Grundsäße gefaßt und befand sich dann plötzlich inmitten juristischer Auseinandersetzungen, bei denen es sich in der Hauptsache um das Suchen nach der einwandfreien juristischen Formel" drehte. Es sollen hier keine Mißverständnisse entstehen, tatsächlich ist auch das ein Kampf um das Prinzip, vielleicht der schwerere. Es soll hier nur zum Ausdruck gebracht werden, daß dem Neuling diese Formen des Kampfes ungewohnt sind, weil die Sprache der Juristen und Staatsrechtslehrer, und sie bildeten den Stamm der Ausschußmitglieder, bei derartigen Verhandlungen eine ganz andere ist, wie sie im täglichen Verkehr und im gewöhnlichen Leben gesprochen wird. Die Sozialdemokratie stand in diesem Kampf der Geister durchaus nicht verarmt da. Die Genossen Quard und Kazenstein waren die juristischen und durchaus fähigen Köpfe unserer Fraktion. Erst nach und nach gewöhnt sich der Anfänger an diese Art des Verhandelns, er fühlt sich schont erleichtert, wenn es ihm gelingt, den Verhandlungen zu folgen, um sich bei den Abstimmungen auf seine eigene Urteilsfähigkeit zu verlassen. Das persönliche Eingreifen in die Verhandlun gen kommt bei den meisten erst später. Die Ausschußmitglieder wurden während ihrer Verhand lungen über die Verfassung von außen her mit einer wahren Flut von Anträgen, Zuſchriften und ganzen Verfassungsent würfen in dicken Broschüren überschüttet. Es war dem ein zelnen nur möglich, einen ganz kleinen Teil dieser Zusen dungen wirklich zu bewältigen. Der Entwurf selbst, die schwie rigen Verhandlungen, die Hunderte von Anträgen, die von den Ausschußmitgliedern selbst zu den einzelnen Artikeln gestellt wurden, nahmen alle Zeit und Kraft der beteiligten Barlamentarier in Anspruch. Manchen schweren Irrtum hatten die Neulinge zu korrigieren. Wenn sie sich nämlich früher die parlamentarische Arbeit leicht vorgestellt hatten, mußten sie jezt einsehen, daß von der Gesamtheit und vom einzelnen eine ganz unerhörte Fülle von Arbeiten zu bewältigen sind, namentlich in dieser Zeitepoche immerwährender politischer Hochspannung. Seit einiger Zeit hat der 8. Ausschuß der Nationalver sammlung seine Arbeiten beendet. Die Leserinnen der„ GleichUnd heute war die Mutter so frank, daß sie gar nicht mehr sprechen fonnte. Spät am Abend fam der Doktor noch einmal. Da schlief sie fest. borüber," hatte er gesagt fommnt." Nun, die Gefahr wäre ,, wenn sie nur Ruhe be Da schrie das Schwesterchen grad wieder. Und der Vater seufzte wenn doch das kleine Wurm nicht wäre." Frizz verbrachte die halbe Nacht im unruhigen Halbschlummer. Als am Morgen der Vater auf Arbeit ging und so bekümmert nach Mutters Bett sah, war sein Ent schluß gefaßt. Das Schwesterchen muß fort, solange die Mutter frank war. Was war denn dabei! Satte es bis jezt im Teich gelegen ohne Schaden zu nehmen, konnte es auch noch ein paar Tage darin liegen. Als alles noch fest schlief, schlich er zum Bett, nahm das Kind hoch, ganz behutsam, und trug es fort, hin nach dem Teich, der hinter Nachbar Schulzens Haus lag, und legte es ins Schilf. Bis Mutter gefund ist," sagte er leise; dann eilte er heim. " Tante Jette stürzte ihm schon schreiend entgegen:„ Was haft Du getan! Bengel, wo ist das Kind!" Im Teich," sagte Friz sehr ruhig, sonst wird Mutter nicht gefund." Kreischend lief sie zum Wasser. Da stand Nachbar Schulze und hielt das Kind im Arm. „ Es hat noch gut gegangen, Jungfer Jette; ich sah es vom Stalle aus. Ein Teufelsbengel, der Frip! Der Junge denkt zu viel." Tante Jette riß ihm das Kind aus dem Arm und rannte davon. Der Kranken verschvieg sie Frißens Tat. Aber draußen hatten sich schon Leute angesammelt, schimpfend und geifernd hatten sie Frit umringt. Er hats töten wollen!" schrien sie, Prügel muß er haben, der 97 182 Die Gleichheit heit" wissen aus der Tagespresse, daß der Entwurf nunmehr die 2. Lesung im Plenum der Nationalversammlung durchmacht. Binnen kurzem wird die Verfassung wahrscheinlich Gesetz sein, von ihrer Gesamtgestaltung hängt es ab, wie die einzelnen Parteien sich zur Abstimmung stellen. Aber noch immer regnet es Anträge der einzelnen Mitglieder und Parteten des Hauses. Die Zahl beträgt jett fast 500. Die Sprache, die im Plenum geführt wird, ist nicht ganz so juristisch trocken ( oder haben wir uns nun schon daran gewöhnt?), man kann biel leichter folgen und ist ganz im Bilde". Wohin steuern wir? Die Hungerblockade ist aufgehoben, Deutschland hat wieder Berbindung mit der Welt. Die Ratifikation des Friedensvertrages durch die deutsche Nationalversammlung hat uns von der Abschnürung mit der Außenwelt befreit. Was bedeutet das? Es bedeutet eine Befreiung von schwerstem Drucke, der auf uns lag. Der Lebensmittelmangel hat nicht nur hunderttausende Opfer gefordert, sondern auch den größten Teil unserer Volksgenossen frank und schwach gemacht. Nun haben wir Aussicht, die so lang entbehrten Lebensmittel und auch Rohstoffe zu bekommen, die zugleich unserer Industrie die Möglichkeit zum Wiederaufbau gibt. Lebensmittelknappheit und Arbeitslosigkeit haben geradezu verheerend an unserem Volfsförper gewirkt. Und nun endlich ein Ausblick auf bessere Zeiten. Ist jemand da, der diesem Hoffnungsstrahl sich gegenüber perschließt? Ganz gewiß nicht. Und doch will echte Freude bei uns noch nicht auffommen. Die inneren Zustände bereiten uns noch Kummer und Sorgen und stimmen uns traurig. In Hamburg Lebensmittelfälschung schlimmster Art. Ein sehr berechtigter lebhafter Protest gibt den unsicheren Elementen der Großstadt Gelegenheit zu Ausschreitungen und Plünderungen größeren Stils. Deffentliche Gebäude werden besetzt und beschossen, Aften verbrannt, Gefängnisse geöffnet, Lebensmittelgeschäfte und GoldGalgenstrick." Nun kam auch der Vater hinzu und schlug unbarmherzig auf ihn ein. Friß schwieg trotzig auf die Frage des Vaters, warum er das getan habe. Nicht einmal weinen konnte er. Alles trug er geduldig, aber zum Sprechen kriegte ihn feiner. Mit der Kranken ging es besser als man gedacht. Der Schreck war spurlos an ihr vorüber gegangen. Zärtlich brückte sie das kleine Ding in ihren Arm, und zog ihren Weltesten zu sich ans Bett:„ Weine nicht mehr, Friß, es lebt ja. Warum hast Du doch das Schwesterchen töten wollen? Nicht wahr, nun hast Du es doch lieb?" " -Frizz schlug beschämt die Augen nieder; sein Trop war gebrochen. Der Mutter gegenüber war er ein anderer geworden: Mutter! ich habs ja nicht töten wollen, Du solltest gesund werden, und das Kleine schrie so, daß Du nicht schlafen konntest, da trug ich es in den Teich, Ich wollte es ja wieder holen, wenn Du gesund warst. Mutter, glaubst Du, daß ich es töten wollte?"- schluchate er herzzerbrechend. Mit beiden Armen umschlang die Mutter ihren Fritz: Mein mein Junge, nicht Du, wir selbst, Dein Vater und ich, wir tragen die Schuld. Nicht wahr, Du zürnst Deiner Mutter nicht mehr, und hast Bater lieb. Wie konntest Du es auch besser wissen! Sieh, die kleinen Kinder können ja auch nicht im Teich liegen, fie müßten ja elendiglich ertrinken." Mutter!" Friz sah die Sprecherin groß an,- ,, und der Storch bringt sie nicht!" „ Nein, mein Junge, wir Mütter sind dazu auserschen, daß wir die Kinder zur Welt bringen, die Bäter wieder müssen hart arbeiten, um sie zu ernähren. Das sind lange, qua! volle Wochen, ehe der Keim zu einem kleinen MenschenNr. 23 warenläden geplündert. Die Unsicherheit wird immer größer und die ruhige Abwicklung der Lebensmittelversorgung nicht nur Hamburgs, sondern eines großen Teiles des Deutschen Reiches ist bedroht. Da kann die Reichsregierung nicht erst den weiteren Verlauf der Dinge abwarten, sondern pflichtschuldigst hat sie den Anfängen zu wehren. Denn sie allein trägt die Verantwortung für die Folgen einer Stockung der Lebensmittelzufuhren. Reichstruppen, die der Regierung verpflichtet sind, sollen Ruhe und Ordnung wieder herstellen und rücken ein. Nach fünfjähriger Kriegszeit bersteht man die Abneigung gegen die bewaffnete Macht und ihren nicht gerade freundlichen Empfang. Hinzu kommt, daß feit Ausbruch der Revolution der Unmut über die Regierungstruppen von den Gegnern der jegigen Reichsgewalt geflissentlich genährt wird. Eine systematische Heße hat eingesetzt, die der gegenwärtigen Regierung alle Schuld an dem jetzigen Elend zur Last legt und ihr den guten Willen zur Behebung der großen Notlage abspricht. Diese Hezarbeit beeinflußt natürlich die niedergedrückte Stimmung großer Volkskreise außerordentlich, die kaum noch die Kraft zum klaren Nachdenken aufbringen können. So ist es denn zu verstehen, daß die Reichsregierung sowohl wie auch die Reichstruppen mit allerlei„ Liebenswürdigkeiten" bedacht werden. Die erstere weiß nun mit eiserner Ruhe diesen Schmähungen zu begegnen, nicht immer so die Soldaten der Reichswehr. Diese lassen sich oft hinreißen zu Taten, die bei den unbewaffneten Volksgenossen helle Empörung auslösen. Der Gerechtigkeit halber sei hier aber auch eine Schandtat, von der uns die Nr. 310 des„ Hamburger Echo" berichtet, erwähnt. Es ist das Eingeständnis eines Werftarbeiters, zwei Reichswehrangehörige ermordet zu haben. Wörtlich heißt es: In der Verhandlung vom 8. Juli erklärte der Beschuldigte Giehmann:„ Meine mir soeben verlesene Anklage vom 7. Juli ist richtig. Ich habe die beiden niedergeschlagen und in die Elbe geworfen, weil sie zur Noske- Garde gehörten. Ten Schlüssel, mit dem ich sie niederschlug, hatte ich so in der geschlossenen Faust, daß der Schlüsselbart unten hervorstand. Mit dem Schlüsselbart habe ich ihnen den Schädel eingeschlagen." finde im Körper wächst und groß wird. Viele Mütter sterben von den großen Schmerzen, die sie ausstehen müssen, wenn sich das Kindlein loslöst von ihrem Herzen. Achte und ehre daher jede Mutter. Je mehr sie leidet, je größer ist die Liebe zu ihrem Kind." Frizz hatte begriffen. Die große Frage des„ Menschwerdens", sie war ihm gelöst. Vor dem Bett der Kranken war er in die Knie gesunken, andächtig sah er zur Mutter empor. In heißer Liebe und Dankbarkeit drückte er die schmale bleiche Hand, die so sorgend über ihn wachte. Und so fand ihn der Vater. Im Walde 0 Täler weit, o бöhen, O fchöner, grüner Wald, Du meiner Luft und Wehen Andächt'ger Aufenthalt: Da draußen, ftets betrogen, Sauft die gefchäft'ge Welt; Schlag noch einmal die Bogen Um mich, du grünes Zelt! Wenn es beginnt zu tagen, Die Erde dampft und blinkt, Die Vögel luftig schlagen Daß dir dein Herz erklingt: Da mag vergeh'n, verwehen Das trübe Erdenleid, Da follft du auferstehen In junger Herrlichkeit. Es steht im Wald geschrieben Ein ſtilles, ernítes Wort Von rechtem Cun und Lieben, Und was des Menschen бort. Ich habe treu gelefen Die Worte, schlicht und wahr, Und durch mein ganzes Wefen Wird's unausfprechlich klar. Bald werd' ich dich verlaffen, Fremd in der Fremde geh'n Auf buntbewegten Gaffen Des Lebens Schauspiel feh'n. Und mitten in dem Leben Wird deines Ernít's Gewalt Ilich Einfamen erheben; So wird mein Herz nicht alt. Eichendorff. Nr. 23 Die Gleichheit Aljo Brutalität auf beiden Seiten, die doch nur durch die Rückkehr zur Besonnenheit vermieden werden kann. Und dazu können die Genossinnen ihr redlich Teil beitragen. Auch in unseren Reihen werden Ausdrücke wie Bluthunde, Noskegardisten u. a. ähnlich klingende Worte den Angehörigen der Reichswehrtruppe gegenüber gebraucht. Nur gedankenlose Schimpfereien können solche Wörter einem in den Mund Iegen. Wir Frauen wissen doch nur zu gut, was eine Störung in der Lebensmittelversorgung heißt. Danken sollen wir denen, die für regelrechte Lebensmittelzufuhren Sorge tragen und wenn nötig, ihnen unsere Unterstützung nicht versagen. Dann werden sicherlich die Uebergriffe auf ein ganz beschränktes Maß zurückgeführt. Aber der Lebensmittelversorgung drohen noch andere Gefahren. Die Eisenbahner sind vom Streiffieber befallen. In Erfurt, Berlin, Frankfurt, Schlesien, Hannover und Hamburg sind zum Teil die Eisenbahner im Ausstand gewesen, zum Teil haben sie Forderungen gestellt, die bei Nichterfüllung mit Arbeitseinstellung beantwortet werden follen. Tritt letzteres ein, dann haben wir nicht nur feine Lebensmittel, sondern auch keine Kohlen. Die Industrie wird dadurch lahmgelegt, ein Mangel an Hausbrandkohle wird eintreten, Gas und Elektrizität wird nicht mehr erzeugt werden tönnen. Ein Chaos wird entstehen, das zweifelsohne unseren ficheren Untergang nach sich ziehen wird. Das schlimmste und furchtbarste aber ist es, daß damit die Arbeiterschaft, die sich mit Recht nach einer Gesundung sehnt, ihr eigenes Grab schaufelt. Was die Hungerblockade der Ententeländer an Lebensfraft noch übriggelassen hat, wird durch die Kurzsichtigkeit der eigenen Volksgenossen vernichtet. Das Weltdrama hat endlich seinen Abschluß gefunden. Jetzt liegt es an uns, ob wir wieder aufsteigen wollen oder untergehen. Im Interesse unserer Kinder müssen wir das letztere zu verhüten suchen durch Aufflärung und beruhigendes Wirken. Fest und bestimmt den irregeleiteten Frauen und Männern auseinandersehen, wohin die Neise geht. Aus den Trümmerstätten des Krieges fann von heut auf morgen kein Schlaraffenland entstehen. Not und Entbeh. rungen werden noch lange Zeit unsere ständigen Begleiter sein. Darum sollten mir uns hüten, durch eigenes Verschulden das Jammertal noch größer zu machen. Durch Freigabe von Stoffen und Tertilien wird in allernächster Zeit eine Erleichterung in der Beschaffung von Bekleidungsgegenständen eintreten. Die Lebensmittelzufuhren werden reichlicher sein und die hohen Preise mancher Lebensmittel durch die Hilfe des Reiches, der Einzelstaaten und der Gemeinden eine Preisfenkung erfahren. So wird schrittweise der Aufstieg beginnen und dessen sollen wir uns freuen. Johanne Reite. Genossenschaftliche Rundschau Die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine feierte am 29. März ihr 25jähriges Bestehen. Die Einkaufszen trale der deutschen Konsumvereine fann auf eine glänzende Ent widlung zurückblicken. Das Stammfapital der Gesellschaft stieg in der Zeit des Bestehens von 24 500 M. auf 10 Millionen. Der Umjah, der im ersten Jahre wenig über eine halbe Million betragen hatte, steigerte sich bis auf 157% Millionen im Jahre 1914, um dann leider infolge der kriegswirtschaftlichen Berhäl: nisse einen Rückgang bis auf 104½ Millionen im Jahre 1918 zu erleiden. Der Wert der eigenen Produktion von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen bezifferte sich in der günstigsten Periode im Jahre 1916 auf rund 21 Millionen Mark. In diesem Jahr wurde auch der größte Reingewinn erreicht in Höhe von 2 176 000 1. Die Bilanz zeigt ein glänzendes Bild und weist für das Jahr 1917 nicht weniger als 13 957 000 Mt. Reserven auf. Die einzelnen Produktionszweige sind bekannt und an dieser Stelle wiederholt aufgeführt worden. Auch die Bankabteilung der G. E. G. nahm eine glänzende Entwicklung. Die Giroumfäße betrugen im Jahre 1918 545 Millionen Mark bei einem Bankeinnahmebestand von 128 Millionen Mark. Leider haben die Striegsjahre diese große gemeinwirtschaftliche Organisation nicht in dem Maße gefördert, wie es mit Rücksicht auf die deutschen 183 Verbraucher notwendig erschienen wäre. Um so mehr muß er wartet werden, daß die gut fundierte wirtschaftliche Zentrale der deutschen Konsumbereine nach Beendigung des Krieges einen neuen Aufschwung verzeichnen kann. Zur Minderung der Möbelnot beabsichtigt die bisher größte deutsche Konsumgenossenschaft, der Konsum-, Bau- und Ep trverein Produktion" in Hamburg, die Eigenproduktion von Döbeln in größerem Umfange aufzunehmen. Die von der„ Produktion" hergestellten Hausstandseinrichtungen sollen möglichst geschmad. voll, dauerhaft und zweckmäßig hergestellt werden. Die Fabrik beschäftigt zurzeit etwa 40 Personen und ist mit Maschinen modernster Art ausgestattet. Der Umsatz dieser genossenschaftlichen Möbelfabrik betrug im ersten Monat nach Beginn des Bertaufes 160 000 Mt., auch auf diesem Gebiete zeigt die Produktion" sich als bahnbrechend und gibt ein Beispiel genossens schaftlicher Tatkraft. Die Teilnahme der Frauen an Genossenschafts- Generalversammlungen sucht Herr Dr. Deumer in Hamburg dadurch zu erleichtern, daß er die Beseitigung der Bestimmung des§ 42 Abs. 4 des Genossenschaftsgesetzes anregt, wonach es dem Statut überlassen ist, Frauen von der Teilnahme an der Generalversamm lung und damit auch von der Etellung eines Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedes auszuschließen. Für die weitaus meisten deutschen Konsum genossenschaften hat diese vorgeschlagene enderung keine praktische Bedeutung, da sie in ihren Statuten feinen Gebrauch von der Bestimmung der erwähnten Paragraphen gemacht habe. Wenn auch die Frauen bisher verhältnismäßig wenig in den Verwaltungen der Genossenschaften mitwirkten, jo war doch die Möglichkeit geboten. Die Kinder Europas Unser englisches Parteiorgan" The Labor Leader" schreibt: Die schreckliche Ernte der europäischen Militaristen geht weiter. Und die Ententemächte vergrößern sie mit Bedacht. Das Komitee der neutralen Aerzte, bestehend aus Professor Tendelco( Holland), Brandt( Norwegen), Johannsen und Gadelins, Bergman( Schweden), haben Wilson telegraphisch gebeten, die ernsten Folgen zu bedenken, die die Friedensbedingungen auf die Ernährung der deutschen Frauen und Kinder haben müssen, besonders wenn Deutschland gezwungen ist, die Mehrzahl seiner Milchkühe herzugeben. Der Freiburger Aerztebund hat angekündigt: die Folge der Ablieferung der deutschen Milchkühe, die durch den Friedensvertrag befohlen ist, würde die sein, daß die kondensierte Milch, die vom Ausland eingeführt wird, jetzt für Kinder gebraucht werden muß. Ganz abgesehen von der volkswirtschaftlichen Sinnlosigkeit dieser Aenderung, wird diese Nahrung, wenn sie als dauernder Ersatz gebraucht wird, mit Gewißheit zu einer Epidemie von Kinder- Skorbut führen. Am 31. März schrieb Professor Abderhalden aus Halle( Sachsen): „ Die Milchkürzung wird täglich größer.... Ich würde sehr glücklich sein, die Verteilung der Milch persönlich vornehmen zu können und darauf zu sehen, daß nur diejenigen, die in der größten Not sind, Milch für ihre Kinder erhalten." Und am 16. April schrieb er: „ Sie waren so gut, einen Weg zu weisen, um den in der größten Not Befindlichen kondensierte Milch zu verschaffen. Die Not ist unermeßlich gestiegen. Die Tuberkulose wächst in entsegenerregender Weise unter den Kindern.... Die hiesige wund. ärztliche Klinik kann die Kinder nicht mehr fassen, die an Knochentuberkulose leiden, obgleich in jedem Bett zwei Kinder liegen. Kein einziger Fall ist heilbar.-Jedes dieser Kinder ist verurteilt. ... Es ist ein furchtbarer Anblick. Wenn diesen Kindern Milch gegeben werden könnte, wäre ich unaussprechlich dankbar." Augenblicklich erlaubt die Milchmenge Groß- Berlins nur eine Verteilung an Kinder bis zu drei Jahren. Kranke und Kinder über drei Jahre müssen ohne Milch auskommen. Die verfügbare Menge beträgt weniger als die Hälfte der vor einem Jahr verfügbaren. Ein beredter Beweis dafür, in welcher Lage Deutschland sich was die Milch anbetrifft befand, lange bevor der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Kinder, die seit dem Krieg geboren wurden, haben sehr oft noch nie Milch gefoftet. Wie können deshalb die Alliierten für Frankreich und Belgien 140 000 Milchfühe fordern? 184 Die Gleich beit Wedt die englischen Arbeiter auf und sprecht ihre Gefühle in dieser Sache aus. Biele in unserer Unabhängigen Arbeiterpartei find Mitglieder bon Brüderschaften, wie auch von Arbeiterräten und Gewerkschaften. Sicherlich können sie dort Resolutionen einbringen und in anderer Weise denen tätig helfen, die die Kinder Europas zu retten versuchen. ( Deutsch von Kurt Geilbut.) Aus der Frauenbewegung des Auslandes Bom englischen Arbeiterkongreß Frau Harrison Bell, unterstützt von Dr. Ethel Bentham, brachte eine Resolution ein, die die Arbeiterpartei zur Einführung des Gefeßes über die Gleichstellung der Frauen beglückwünscht und fordert, daß die Regierung jede Erleichterung zur Durchführung der Maßnahme gewährleisten soll. Die Resolution wurde angenommen. Als weitliche Vorstandsmitglieder wurden gewählt: Dr. Ethel Bentham, Fräulein Susan Lawrence, Fräulein Mary R. Macarthur, Frau Philipp Snowden. Die Liebe ist ja tief wie das Meer, je mehr fie gibt, je mehr auch hat sie noch. Shakespeare. Gedanken, Leidenfchaft, Entzücken, Was immer auch bewegt das Blut, Sind fämtlich nur der Liebe Diener Und nähren ihre heilige Glut. * Gib niemand ungebetenen Rat, Es konnte, wenn man ihn befolgt, miẞglücken, Und dir legt man die Schuld der Tat Als Schwere Lait dann auf den Rücken. Tagebuchblätter aus Weimar Coleridge. Bodenstedt. Weimar, den 4. Juli 1919. In der gestrigen Situng gab es noch eine kleine leberraschung: Frl. Behm von der Deutschnationalen Volkspartei fetzte sich mit Frische und Wiz daür ein, daß das Wahlalter heraufgesetzt wird. Ihr antworteten treffend Genossin Haute und Frau Zieß. Heute geht die Beratung weiter. Um die einzelnen Punkte wird gerungen und gestritten. Immer neue Anträge werden eingebracht; es ist der Kampf der Weltanschauungen. * Den 5. Juli 1917. Heute wollte man mit der zweiten Lesung fertig sein; frommer Wunsch! Es hat wohl feiner daran geglaubt. Das Haus ist fehr schwach besetzt, besonders von uns, die Abstimmungen ergeben merkwürdige Resultate. Es kommt allerdings erst auf das Ergebnis der dritten Lesung an. Die jetzige mutet an wie eine Ausschußsizung. * Den 7. Juli 1919. Das Haus ist nicht beschlußfähig. Das ist das erste Mal. Um brei Uhr wird weiterberaten. Mit dem heutigen Tage bricht die Verfassungsberatung ab. In dieser Woche sollen die neuen Steuervorschläge in erster Lesung beraten werden. Den 8. Juli 1919. Ein sogenannter großer Tag". Erzberger hält seine Antrittsrebe als Finanzminister." Gin guter Finanzminister ist der beste Sozialisierungsminister."„ Die allgemeine Wehrpflicht machte Halt vor dem Kapital und Besik."" Der größte Steuersouverän tann nur das geeinte Deutsche Reich sein." Dann ein Gegenüberstellen der früher erhobenen Steuern und der um zirka 900 Prozent höher zu erhebenden Steuersätze. Riesenzahlen schwirren! Ein magerer Trost: In England und Frankreich fieht's ähnlich aus. Als erster Debatteredner kommt Genoffe Keil an die Reihe, der an Erzbergers Rede nur auszusehen hat, daß sie zu spät gehalten wurde. Ihm folgte Schiffer, dessen Ausführungen im ersten Teil eine Abwehr der Keilschen Kritet ist. . Nr. 23 Den 8. Juli 1919. Das Haus ist voll besetzt. Hermann Müller hat die schwere Aufgabe, für die Ratifizierung des Friedens eintreten zu müssen. Es folgen die Erklärungen der Parteien. Ein Zwischenspiel der Deutschnationalen„ Bolts" partei schlägt in eine energische Abfuhr um, die dieser Partei von allen Seiten des Hauses zuteil wird. Schon Traubs Rede fiel auf wegen der Ausfälle, die sich der Mann der„ Eisernen Blätter" erlaubte. Es war ein schlimmes Schauspiel in schicksalschwerster Stunde. Die Beute kennen keinen Taft. In der namentlichen Abstimmung find über 200 Karten mit Ja und ungefähr 105 mit Nein abgegeben. Die Natifizierung durch die Nationalversammlung ist also vollzogen. In der Nachmittagsfißung, die bis 8 Uhr abends währte, folgt die weitere Steueraussprache. Bis 11 Uhr nachts ist dann noch Fraktionssitung. Ein langer Arbeitstag! Denn um 7% Uhr morgens begann er mit einer interfraktionellen Frauenbesprechung, die eine Einigung erzielen sollte in der Frage der Gleichstellung der unehelichen Mutter und ihres Kindes in der Verfassung. Schweres Bemühen! * Den 10. Juli 1919. Es regnet Anträge. Ich glaube, es sind bereits 550 an der Bahl. Selbstverständlich hat jede Partei das Bemühen, aus den Verhandlungen dies und das herauszuholen, was als durchges führte Parteiforderung dann im künftigen Wahlkampf glänzend leuchtet. Bis 12 Uhr nachts folgt für unsere Fraktion die wichtige Sigung, die fich nach Anhören Wissels mit dessen Blanwirtschaft befaßt. Grregter Kampf der Meinungen; morgen wird die Sache ausgetragen. * Den 11. Juli 1919. In der heutigen Vormittagssihung wird die Beratung der Grundrechte noch einmal zurüdgestellt. Daraufhin Krisenstime mung beim Zentrum, die meines Erachtens auf Grund verschiedener Mißverständnisse sich bildet. Heute sollten nun Stellung der Frau in der Verfassung, der unehelichen Mutter, des unehelichen Kindes, ferner der Todesparagraph und solche die Frauen sehr stark interessierende Artikel besprochen werden. Nachmittags arbeiten die Ausschüsse. In der Fraktionsfißung am Abend hat der Meinungsausschuß im Falle Wissel soweit zu einem Ergebnis geführt, als auch die Fraktion die Wisselschen Vorschläge ablehnt, aber Wissels Arbeitskraft dem Kabinett erhalten wissen möchte. * Den 12. Juli 1919. Wahlprüfungsberichte nehmen einen breiten Raum der ohne dies recht reichlichen Tagesordnung ein. Das Haus ist, weil Samstag, schlecht besetzt. Der Rest des heutigen Programms wird Mentag ecledigt. Den 14. Juli 1919. Die Interpellation Auer, die Fürsorge auf allen Gebieten der Invaliden, Unfall, Witwen- und Waisen-, KriegshinterbliebenenEinrichtungen usw. behandelnd, wird von Meier- 3widau begründet. An der Debatte beteiligen sich wieder wirkungsvoll zwei Frauen: Frau zich und Frau Reiße. Unsere Genossin hat einen schweren Stand, da sie vor einem schwachbesetzten Hause als letzte Rednerin spricht. Ihre Ausführungen wären wert, ganz abgedruckt zu werden. * Den 15. Juli 1919. Gin Stimmtag! Artikel 108 der Verfassung, der grundlegende Absatz für die Gleichberechtigung der Frau, wird lebhaft besprochen. Interessant ist, daß eine Frau( Frau Teusch vom Zentrum) sich gegen die vollkommenste Gleichberechtigung wehrt, während ein Mann( Genosse Dr. Quard) in der denkbar besten Ferm dafür eintritt. Ebenfalls sprechen Genossin Juchacz und Frau Biet dafür. Die bessernden Anträge werden leider abgelehnt. Die Arbeiten sind dadurch erschwert, daß der Präsident die Verfossung in der zweiten Lesung bis Freitag erledigt haben möchte. Zum Artikel 113 gibt es eine sehr lebhafte Debatte; denn die Unabhängigen haben einen Bassus, die Befreiung der Prostituierten, eingebracht. Er wird abgelehnt. Elisabeth RöHI. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckeret. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Ginger G. m. b. S., sämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3