Nr. 30 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Poft bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mark; unter Kreuzband 4,25 Mart Die Kohlennot -Berlin 13. September 1919 Wir werden einen schlimmen, Winter zu durchleben haben. In den Tageszeitungen aller Barteirichtungen ist genug meines Erachtens übergenug auf die Schrecken hingewiesen worden, die unser warten, wenn das gesamte Wirtschaftsleben Deutschlands sich nicht hebt, wenn die Produktion in allen Zweigen der Volkswirtschaft nicht bald erheblich gesteigert wird. Die Arbeitgeber versuchen die Schuld voll kommen auf die Arbeiterschaft abzuwälzen; die einzelnen Arbeiterkategorien haben es in den letzten Wochen unternommen, sich gegenseitig die Schuld an den bestehenden Zuständen zuzuschieben. Und doch ist das alles Unfinm. Es hängt im Wirtschaftsleben ein Nad im anderen und kein Mensch fann sagen, welches nun das wichtigste sei, weil das ganze Werk laufen muß, wenn das Volk als Ganzes bestehen soll. Die Förderung der Kohle ist ungeheuer zurückgegangen, und dennoch müssen auf den Gruben teilweise Feierschichten eingelegt werden, weil nicht genug Wagen da sind, um die geförderten Kohlen abzufahren; Wagen können nicht genügend gebaut werden, weil es an Rohmaterial, an Werkzeugen und an genügendam Arbeitsraum fehlt. An diese Zustände sind nicht geeignet, die gesunkene Arbeitsfreudigkeit zu heben, ob. wohl dies das einzige Mittel ist, die Hemmungen zu überwinden und wieder eine bessere Wirtschaftslage zu schaffen. Das einzige, was in diesen Jahren des Niederbruchs seinen bollen Wert behalten hat, ist die Arbeitsleistung. Denn nur durch diese ist es möglich, die Waren zu schaffen, welche als vollwertige Zahlungsmittel vom Ausland angenommen werden, wogegen wir andere Waren, die wir zum Leben nötig haben, bekommen können. Darum find alle Mittel, welche geeignet sind, die Arbeitsluft zu steigern, die Arbeit zu einer Freude werden zu lassen, au prüfen. Alle Privatintereffen, welche dem Volksinteresse in den Weg kommen, sind rüchaltlos, zu bekämpfen. Im Vordergrund der Erörterungen über die Hebung der allgemeinen Wirtschaftslage steht die Kohlenförderung, stehen die wirtschaftlichen Forderungen der Bergleute nach Einführung der Sechsstundenschicht; höhere Entlohnung, als sie für die Arbeitsleistungen im Lichte des Tages, über der Erde üblich ist; Ausbau des bergbaulichen Versicherungswesens; Zuweisung besonderer Lebensmittel; möglichste Versorgung mit Kleidung und Schuhzeug zu erschwinglichen Preisen. Früher war es so, daß die schwere und gefährliche Arbeit des Bergmannes unter der Erde diese Vergünstigungen genoß. Durch die Einführung des Achtstundentages und durch die Lohnsteigerungen in allen Berufen ist das anders geworden. Zwar ist im Bergbau die Siebenstundenschicht bereits eingeführt, aber in der Tat ist der Bergarbeiter durch Anfahrt und Ausfahrt mindestens 8 Stunden auf dem Werke. Das Refultat dieser Gleichstellung mit anderen Berufen ist, daß seit Monaten eine starke Abwanderung der Bergarbeiter in andere Berufe stattfindet; nach Angaben unseres Genossen Hue fehlen zurzeit im Bergban 150 000 Arbeitskräfte. Bielfach Zushriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin S28 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morisplay 147 40 Expedition: Berlin S 68, Lindenstraße 3 ist die Ansicht verbreitet worden, als ob eine Unluft zur Arbeit an sich unter den Bergleuten vorhanden wäre. Diese Unterstellung muß ganz entschieden zurüdgewiesen werden; aber es ist wohl für jeden arbeitenden Menschen verständlich, daß jemand nicht unter der Erde arbeiten will, wenn er über der Erde bessere Arbeitsbedingungen und dieselbe Arbeitszeit bei gleichem Verdienste findet. Darum ist gradezu unverständlich, wenn die Kommission( mit Ausnahme der Arbeitervertreter), welche für die Untersuchung der Lage im Kohlenbergbau eingesetzt war, zu dem Ergebnis kommen konnte, daß die Einführung der Sechsstundenschicht in den nächsten Jahren nicht möglich ist. Sollen die Dinge so weitergehen wie bisher? Es kann so nicht weitergehen. Es kann doch aber keinen vernünftigen Menschen in Deutschland geben, der glauben kann, mit Zwangsmitteln mehr Arbeiter in die Bergwerke zu bringen. Es geht nur, indem die Mrbeits- und Lohnbedingungen im Bergbau so verbessert werden, daß anderen Berufen gegenüber ein Vorteil vorhanden ist, und deshalb ein wirtschaftlicher Anreiz besteht, Bergarbei. ten zu berrichten. Der Genosse Aufderstraße- Bochum weist in einem Artikel im Vorwärts" sehr berechtigt auf die schlechten Wohnverhältnisse im Ruhrgebiet für neuhinzuziehende Arbeiter hin und berlangt weiter, daß den Bergleuten Arbeitskleidung aus den Heeresbeständen zu normalen Preisen verkauft werde, und daß bis zur ersten Lohnzahlung, welche im Ruhrbergbau erst nach 6 Wochen erfolgt, Vorschüsse gezahlt werden müßten. Im Zusammenhang mit der Forderung guter und billiger Kleidung für die Arbeiterschaft, welche mit Berechtigung aus allen Schichten der arbeitenden Bevölkerung erhoben wird, ist eine Auslaffung interessant, welche das Berliner Tageblatt" de den Kreisen des deutschen Konfektions- Exporthandels bringt. Es heißt da:„ wenn Exportversuche irgendwelche Aussicht auf Erfolg haben sollen, so müßte in diesem Augenblick der Staat helfen. Denn noch hat er es in der Hand, einen gewissen nicht zu fleinen Prozentsaz der aus soweit sie Qualialten Beständen zu verteilenden Gewebe tät haben tät haben für den Erport zu reservieren." Hier wird also verlangt, daß gute Friedensware für die Ausfuhr freigegeben werden soll, während weite Schichten unseres Volkes seit Jahren in sündenteure, schlechte Ersatzstoffe gekleidet sind, die bei der Arbeit in furzer Zeit verschleißen. Die Kosten der Lebenshaltung sind es ja gerade, welche die Arbeiterschaft zu immer neuen Lohnforderungen zwingen und selbstverständlich werden die Waren durch hohe Löhne nicht billiger. Es ist unbedingt notwendig, mit dem Abbau der Preise für die Lebenshaltung überall da zu beginnen, wo es möglich ist. Nach den oben zitierten Wünschen der Exporteure ist es in der Bekleidungsindustrie möglich. wenn die vorhandenen guten Stoffe nicht für die Ausfuhr, dagegen für die werktätige Bevölkerung unter bestimmten Bedingungen zur Verfügung gestellt werden. Es soll hier gewiß nicht unvernünftigen, wirtschaftlichen Forderungen, wie sie von kommunistischer Seite oft bropa 234 Die Gleich beit giert worden sind, das Wort geredet werden. Um so mehr müssen aber grade wir Frauen verlangen, daß begründeten Wünschen der Arbeiterschaft Rechnung getragen wird, damit wir nicht alle in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn das gesamte Wirtschaftsleben zu einem Kampfplatz zwischen Kapital und Arbeit gemacht werden sollte. Die Forderungen der Bergarbeiter, wie sie oben skizziert worden sind, erscheinen uns durchaus berechtigt, und wir erblicken in ihrer Erfüllung den einzigen Weg, die Kohlenförderung zu steigern. Notwendig ist es aber, immer wieder darauf hinzuweisen, daß nicht nur der Arbeitermangel schuld an dem Rückgang der Kohlenförderung ist, sondern daß eine wesentliche Ursache der jetzt herrschenden Zustände darin liegt, daß während des Krieges Raubbau an den Kohlenfeldern getrieben wurde. Nach dem Friedensvertrag sind wir verplichtet, 20 Millionen Tonnen Kohlen jährlich an die Ententestaaten abzuliefern und da die Kohlennot in ganz Europa gleich groß ist, wird die Entente auf ihren Schein bestehen. Wird der Friedensvertrag nicht erfüllt, so treffen das deutsche Volk also uns alle neue Härten, darum haben wir alle auch aus diesem Grunde Veranlassung, uns für die Kohlenförderung zu interessieren und zu verlangen, daß jeder gangbare Weg beschritten wird, um dieselbe zu heben. Dem Gedenken Lassalles Wir haben es herrlich weit gebracht. Wir sind schneller und leichter emporgestiegen, als es uns unsere Führer jemals prophezeit haben. Aber nun sind wir stolz und übermütig gewor den. Wir glauben derer nicht mehr zu bedürfen, in deren Zeichen wir stets gesiegt haben, in deren Geist wir von Erfolg zu Erfolg geschritten sind. Wir fühlen uns erhaben über sie. Bis weit in unsere Reihen hinein von unseren unabhängigen Freunden ganz zu schweigen hält man Mary, Engels, Lassalle und all die anderen, denen wir bis jetzt gefolgt sind, für überholt. Es liegt eine tiefe Tragik darin, daß man kurz vor dem Ichten Sieg, furz vor dem Erreichen des Ziels, die Männer verläßt und die Waffen fortwirft, durch die man einzig und allein alle bisherigen Erfolge errungen hat. Nicht unsere jezigen Führer verraten uns, sondern wir sind Verräter geworden an den Männern, die uns bisher geführt haben! Wir sind Verräter geworden an den Grundfäßen und Grundgedanken, die sie uns gelehrt. Und so verehren wir das Andenken jener Männer indem wir das Erbe das geistige Erbe, das sie uns hinterlassen haben mit Füßen treten. Ja, groß ist die Verwirrung in unseren Reihen. In den Reihen der Parteigenossen wie des gesamten Proletariats. Weil wir unsere Führer und ihre Lehren vergessen haben. Weil wir ihnen untreu geworden sind. Im rasenden Strom der Zeit, im brausenden Sturm des Lebens haben wir den Grund verloren, auf dem wir standen. Nun treiben wir hierhin und dorthin. Ohne Halt. Ist es nicht an der Zeit, uns wieder auf uns selbst zu befinnen? Wir feiern das Andenken Lassalles. Aber vergessen ist, daß Lassalle mehr ist als ein bloßer Name. Vergessen ist, daß Lassalle ein Programm bedeutet und ein Weg! " Im gehässigsten Bruderkampf zerfleischen wir uns gegenseitig. Vergessen ist, daß Lassalle uns gelehrt: Wahrheit und Gerechtigkeit auch gegen einen Gegner und vor allem geziemt es dem Arbeiterstand, sich dies tief einzuprägen! ist die erste Pflicht des Mannes." Für die meisten von uns ist nicht nur jeder Gegner, sondern schon jeder proletarische Genosse, der auf einem anderen Standpunkt steht, ein Lump. Lump. Vergessen ist, daß die Arbeit der Fels ist, auf dem die Kirche der Zukunft erbaut werden soll". Vergessen ist der wichtigste Grundsatz jeder Taktik und Strategie, wie ihn Lassalle flar und einleuchtend geformt hat: Meine Knaben Von Wilhelm Cennemann Die Felder reifen im glühen Brand Gelbe Aehren ftreift meine Hand Und Blüten, die am Wege steh'n Und blauen Auges zur Sonne feh'n. Mein Leben ist viel Пot und Plag', Und ohne Stern und Sonne mein Tag. Herrgott, und du haft doch der Sonnen fo viel, Und mein Leben will reifen und hat auch ein Ziel. Und Kinder hab' ich der Knaben zwei Ich laffe sie wachfen, ftark und frei; Es ist junge Saat, Gott, wehr' deinem Zorn, Daß fie nicht eríticke in Diitel und Dorn! Für mich erbitte und ilehe ich nichts, nur die Knaben laß blühen im Segen des Lichts, Daß fie reifen und wogen wie schwere Saat; Bezwinger des Lebens und belden der Tat. Bleib ich auch auf halbem Wege stehn, Meine Kinder werden ihn weiter gebn; Und fürder fo von Geschlecht zu Geschlecht: Dem Erben die Krone; das iſt unfer Recht! Nr. 30 Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder Zeit auf einen Bunft auf den wichtigsten Punkt zu fonzentrieren und nicht nach rechts noch linfs zu sehen". Und er hat uns feinen Zweifel gelassen, welches dieser wichtigſte Punkt ist. Im„ Offenen Antwortschreiben" ruft er den Arbeitern zu:" Das allgemeine und direkte Wahlrecht ist nicht nur Ihr politisches, es ist auch Ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller sozialen Hilfe. Es ist das einzige Mittel, um die materielle Lage des Arbeiterstandes zu verbessern." Und weiter: Bliden Sie nicht nach rechts noch links, seien Sie taub für alles, was nicht allgenieines und direktes Wahlrecht heißt oder damit in Zusammenhang steht und dazu führen kann!" Heute haben wir das allgemeine und direkte Wahlrecht. Aber haben wir 50 Jahre und mehr darum gekämpft, damit wir es nun, wo wir es besitzen, als ein wertloses Ding zum alten Eisen werfen? Weil es uns nicht gleich auf den ersten Anhieb den vollen Sieg gebracht? Auch für diese Tatsache, daß das allgemeine Wahlrecht noch nicht den Sieg bedeutet, hat Laffalle das rechte Wort gefunden: ,, Das allgemeine Wahlrecht gleicht der Lanze des Achilles; es heilt die Wunden, die es schlägt." Nicht um es wegzuwerfen, haben wir um das Wahlrecht gekämpft. Sondern um uns seiner zu bedienen als Mittel, als einziges Mittel zum Sieg! Verleugnen wir jene großen Männer und ihre Lehren nicht! Noch haben wir nicht gefiegt! Noch brauchen wir sie, ihre Verstandesschärfe, ihren Weitblick, ihren Feuergeist. Der Aufstieg der Arbeiterklasse unter ihrer Führung war ein nie geahnter und nie geschauter Siegeszug. Folgen wir ihnen auch fernerhin zu unserem eigenen Besten. Dann hat auch ein Lassalle nicht vergebens für uns gelebt und gekämpft. Kurt Heil5 ut. Wer Rechte hat, muß auch Pflichten erfüllen! Die den Frauen von der Revolution gegebene Gleichberechti gung legt ihnen neben den daraus sich ergebenden Rechten auch eine große Anzahl Pflichten auf. Pflichten, die zu erfüllen nicht nur im eigensten Interesse der Frauen selber liegen, an deren Erfüllung auf politischem wie auf gewerkschaftlichem Gebiet die Arbeiterklasse in ihrer Gesamtheit überaus stark interessiert sein muß. Im Verlauf der seit der Revolution verflossenen Zeit hat sich erfreulicherweise ergeben, daß gegen Nr. 30 Die Gleich heit über der vorrevolutionären Zeit das Interesse der weiblichen Bevölkerung für alles öffentliche Geschehen eine erhebliche Steigerung erfahren hat, ganz besonders in bezug auf die Politik. Und dennoch scheint es, als fönne nicht oft genug darauf hingewiesen werden, daß der Allgemeinheit erst dann ein sich ständig steigernder Nutzen aus der politischen Gleich berechtigung der Frauen erwächst, wenn jede Frau, jedes Mädchen die ihr innewohnenden Fähigkeiten nicht verkümmern läßt, sondern sie zum Leben erweckt, weiter ausbildet und ent. wickelt, um sie der Allgemeinheit nutzbar zu machen. Dabei soll keine denken, sie habe der Allgemeinheit nichts zu geben. Jeder Mensch, der, die Leiden seiner Klasse erkennend, ernstlich bestrebt ist, sie zu beseitigen, kann zu seinem Teil daran mitarbeiten, sofern nur der Wille dazu vorhanden ist, und man die Verpflichtung, der Allgemeinheit zu dienen, in sich fühlt. Die deutsche Arbeiterschaft hat, abgesehen von den Verbands. tagen der einzelnen Gewerkschaften, in der letzten Zeit zweimal große Heerschau gehalten. Auf dem Parteitag in Weimar hat unsere Partei vor aller Deffentlichkeit Bericht gegeben über ihre während des Krieges und der Revolution geübte Tätig keit, sowie über das wirken unserer Fraktion in der National versammlung. Der Gewerkschaftskongreß in Nürnberg berichtete über die Kriegstätigkeit der Gewerkschaften; beide große Tagungen legten die Richtlinien für die künftige Arbeit in den beiden großen Vereinigungen der Arbeiterklasse fest. Wer die Berichte aufmerksam verfolgte, mußte erkennen, daß die Gleichberechtigung der Frauen dabei entschieden zu kurz gekommen ist, ja daß die Beteiligung eine durchaus unzulängliche war. Konnte man mit der Anwesenheit der weiblichen Delegierten auf dem Parteitag noch einigermaßen zufrieden sein( 45 weibliche Delegierte bei ca. 14 Mill. weiblichen Parteimitgliedern), so war sie beschämend niedrig beim Gewerkschaftsfongreß, an welchem insgesamt 6 weibliche Delegierte teilnahmen. Das ist um so überraschender, als die Gewerkschaften ca. 34 Mill. weibliche Mitglieder zählen, und ebenso wie die Partei noch niemals eine so große Zahl weiblicher Mitglieder hatten. Ueberraschend auch deshalb, weil es eine ganze Reihe von Verbänden gibt, welche zur Hälfte, Zweidrittel und noch mehr aus weiblichen Mitgliedern bestehen und doch keine weibliche Delegierte entsandten, ja nicht einmal Frauen zur Wahl stellGe * Feuilleton Erfatz für manches beut die Welt, Für Liebe beut sie nichts. Die Mutter Bon Karl Schönherr * Platen. estern bin ich seit langem wieder an Vaters Grab gewesen. Es lebt von ihm kein Stäubchen mehr. Aber die Erinnerung ist noch frisch lebendig. Als der Bater starb, war ich noch klein, beinahe der kleinste von fünf Geschwistern; aber ich befinne mich gut; draußen war es schön, es blühte und grünte und die Sonne schien. Dicht vor unsern Fenstern stand ein alter, ruppiger Apfelbaum; der streifte mit den Aesten die Mauer; ein blühender Zweig recte sich gar wie ein langer, schneeweißer Gänsekragen zum Fenster herein; wollte man das Fenster schließen, so mußte man erst den Zweig beiseiteschieben. In der Stube lag der Vater tot. Die Stube hatte blaßgrüne Tapeten, das weiß ich noch gut. In der rechten Ecke, wo der Ofen stand, war die Tapete ein Stück weit losgelöst. Der Tapezierer hätte schon vor drei Wochen kommen solfen, aber er kam nie. Was hatten nicht Vater und Mutter über die faulen Hantierer gewettert! Und min war es so auch recht. Niemand ärgerte sich mehr über die losgelöste blaẞgrüne Tapete. 235 ten. Es ist das um so weniger verständlich, als es keine Frage auf gewerkschaftlichem Gebiet gibt, die nicht in gleichem Maße das Interesse der Frauen wie der Männer beansprucht; aber viele Fragen, die von weit höherem Interesse für Frauen als für Männer sind, z. B. Arbeiterinnenschutz, Mutterschutz, Jugendlichenschutz, die ohne Beratung mit Frauen gar nicht behandelt werden dürften. Und trotzdem eine so beschämend niedrige Beteiligung! Sucht man nach den Gründen, so scheint es, als hätten die weiblichen Gewerkschaftsmitglieder die Auffassung, es genüge schon, Mitglied der Berufsorganisation zu sein und zu wiffent, welche Vorteile sie bietet. Die Anwesenheit von Berufskollegin nen auf dem Gewerkschaftskongreß sei so sehr notwendig nicht. Die dort gefaßten Beschlüsse werden ja am Orte durchgefühit und eine leider überall viel zu kleine Gruppe von Kolleginnen arbeite ja an ihrer Durchführung init. Und dann ist wohl auch die gleichgültige Auffassung vorhanden: wozu soll ich mich erst aufstellen lassen, gewählt werde ich ja doch nicht! Gerade diese Auffassung muß ernstlich bekämpft werden. Wohl hängt jede Wahl vom Zufall ab, aber notwendig ist, daß die Frauen sich zur Geltung bringen, entsprechend der Zahl der weiblichen Mitgliedschaft Mandate verlangen, selbst Kandidatinnen benennen und aufstellen, vollzählig zur Wahl gehen und so ihre Kandidatin durchbringen. Es zeugt doch wahrlich nicht von großem Interesse an der Vertretung durch eine Kollegin, noch weniger aber von Solidarität, wenn eine aufgestellte Kandidatin nicht einmal alle abgegebenen Stimmen der Wählerinnen erhält, wie es bei Wahlen zu Verbandstagen schon vorgekommen ist. Damit ist erwiesen, daß die Tätigkeit der einzelnen Kollegin für die Gesamtheit noch nicht einmal von ihren eignen Geschlechtsgenossinnen richtig gewürdigt wird. Wie viele, die Zeit und Kraft für ihre Kolleginnen in der Gewerkschaft opfern, müssen sich anfeinden lassen, wie bielen wird Eigennüßigkeit, Selbstsucht oder gar noch schlimmeres unterstellt, weil sie im Interesse der Gesamtheit arbeiten. Wie viele wertvolle Kräfte sind der Allgemeinheit durch solche Unterstellungen wieder verloren gegangen, sehr zum Schaden der Frauen selbst. Solche Kleinlichkeiten sind nie om Plaze gewesen. Sie sind vollends überlebt in einer Zeit, die uns Frauen auf den Plan ruft und das Höchste von uns verlangt: mitzuarbeiten an der Ueber Vaters Schreibtisch hing an der Wand eine große, freisrunde Scheibe mit einem einzigen Schusse mitten int Zentrum. Das heißt man einen Jungfernschuß. Ja, Vater war weit und breit der beste Schüße und Jäger gewesen und hatte tagaus, tagein in der dumpfen Schulstube sitzen müssen, denn er war Schullehrer. Wir hatten auch einen alten, alten, verschnörkelten Pianoforte- Flügel im Zimmer stehen; ein Monstrum von einem Klavier. Mir kleinem Knirps wenigstens schien es nach Länge und Breite hin kein Ende zu nehmen. Auf dem Flügel hatte der Vater oft des Abends gespielt, und wir pflegten vor der Tür zu lauschen. Denn während er spielte, durfte niemand ins Zimmer. Wenn wir draußen zu laut wurden- und das traf jedesmal zu brach drinnen das Spiel plötzlich mitten im schönsten Takt ab und wurde heftig ein Sessel gerückt. Da war es jedesmal höchste Zeit, zu verschwinden. Aus weiter Ferne, in sicherer Deckung, hörten wir dann mit wohligem Gruseln den Vater in den dämmerigen Hausflur hinausschelten. Und nun war der riesige, hellbraun polierte Flügel schwarz ausgeschlagen. Darauf lag der Vater aufgebahrt. Mutter und Geschwister weinten im Nebenzimmer. Ich hatte mich zum Vater hineingeschlichen. Es Dar in dem Ramme recht still und friedlich. Nur eine große Fliege summte um die brennenden Wachskerzen herum und machte einen heillosen Lärm. Ich Dreikäsehoch recte mich in die Höhe, so gut es ging. Kaum daß ich mit Mühe Baters Fußspigen erreichte. Und fniff ihn beherzt in die große Zehe ganz gehörig. Noch 236 Die Gleichheit Neugestaltung der Gesellschaft auf politischem und wirtschaft lichem Gebiet. Zur Lösung dieser Aufgaben müssen sich eine immer größere Bahl von Frauen und Mädchen vorbereiten burch praktische Mitarbeit, agitatorische und verwaltungstech nische, in ihrer Gewerkschaft, dann werden sie selbst erkennen, wie notwendig es ist, daß bei Kongressen die weibliche KolLegenschaft vertreten sein muß. Aus den Reihen der tätigen Kolleginnen werden ja die Delegierten entnommen, und nur die Befähigsten sollten entsandt werden. Das trifft zwar nicht immer zu. Denn es ist namentlich für Frauen und Mütter Leichter, am Ort mitzuarbeiten, als fern vom Haushalt ein Mandat auszuüben. Doch ist die Vertretung der Arbeiterinnen bei größeren Tagungen von so großer Wichtigkeit, daß, wenn notwendig, auch persönliche Opfer an Zeit, denn nur um solche handelt es sich, gebracht werden müssen. Klar erkennbar wird die Notwendigkeit der Mitarbeit der Frauen in den Gewerkschaften, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß es auf lange Zeit hinaus nur sehr wenige Frauen geben wird, die ohne Erwerbsarbeit werden auskommen Können. Die Armut, in die uns der verbrecherische Krieg gestürzt hat, die Verpflichtungen, die wir durch Unterzeichnung des Friedens eingegangen sind, zwingen uns zu intensivster Arbeit; keine Arbeitskraft wird brachliegen können. Dazu kommt, daß aller Wahrscheinlichkeit nach die Lebenshaltung noch lange recht teuer sein wird, so daß der Zwang zur Arbeit für sehr viele Frauen gegeben sein wird. Der kritische Zustand unferes gegenwärtigen Wirtschaftslebens hat allerdings durch die Entlassungen von Frauen bei vielen große Erbitterung ausgelöst. Doch hat der praktische Sinn der Mehrzahl unserer Frauen es erfaßt, daß so außergewöhnliche Zeiten auch befondere Schwierigkeiten, die einzelne sehr hart treffen, hervor. rufen. Anerkennen müssen aber alle klarblickenden und klar. denkenden Frauen, daß die Parteivertreter in der Regierung bemüht waren, die Härten möglichst zu mildern, wenn sie sich nicht vermeiden ließen. Mag die Gegenwart uns noch so schwer bedrücken, wir wissen, daß wir doch zu einer besseren, lichteren Zukunft kommen, zu einer Zukunft, die auch den in der vorrevolutionären Zeit zum Schaden der Volkswohlfahrt über ihre Kräfte ausgenutzten Frauen das Maß ihrer gesellschaftlichen Arbeitsleistung verringern, ihnen dadurch mehr Zeit für ihre Familie, mehr Zeit rührt er sich nicht, aber gewiß spürt er es schon; er verbeißt nur den Schmerz. Warte nur, Vater! Ich weck dich doch auf! Und kniff immer fester und noch fester er verzieht noch immer feine Miene, er verbeißt es. Ich fühle, wie sich meine Nägel durch den dünnen Strumpf in seine Zehe bohren er sieht immer gleich ruhig und friedlich drein; das eine Auge blinzelte beinahe schelmisch unter dem halboffenen Lide hervor. Da wurde mir plößlich der ganze Bater über alle Maßen unheimlich; entsetzt floh ich aus dem Zimmer zu Mutter und Geschwistern; warf mich in Mutters Schoß und schluchzte Laut auf: ,, Gelt, Mutter, jezt sein wir wieder ledig!". Was weiß ich, wo der kleine Frak den Brocken aufgeschnappt Hatte, ben er jetzt so zur Unzeit von sich gab. Aber die Mutter mußte doch bei allem Elend einen Augenblick lächeln. Darauf bildete ich mir nicht wenig ein; in späteren Jahren, wo ich Leichtsinniger Mensch der Mutter manche Träne erpreßte, sagte ich mir's oft zum Troste vor: Hast doch die Mutter einmal mitten im knietiefen Kummer auf einen Augenblick lächeln gemacht!" Als der Vater begraben wurde, das war ein großer Tag. Es kamen viele Leute ins Haus, und alle waren mit uns lieb and freundlich. Viele sagten: Arme Kinder!" Aber mir kam es damals so schlimm nicht vor. Alle fagten, wie schade es um den Vater sei, und er wäre ein richtiger Kernmensch gewesen. Nr. 30 auch zur öffentlichen Betätigung geben wird. Das zu erreichen, muß jede Frau zur Mitarbeit anspornen. Deshalb werden auch unsere politisch geschulten Frauen bei ihrer Aufklärungsarbeit dahin zu wirken haben, daß alle erwerbstätigen Frauen und Mädchen sich ihrer Berufsorganisation nicht nur anschließen, das ist unabweisbare Pflicht, son. dern auch im Rahmen ihrer Organisation sich an allen Arbeiten beteiligen, denn nur so erwerben sie die Fähigkeiten, die Interessen ihrer Kolleginnen wahrzunehmen und in aller Deffentlichkeit zu vertreten. Es darf für die erwerbstätigen Frauen kein zweites Nürnberg geben, denn es ist der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnen unwürdig, auf einem Kongreß der deutschen Gewerkschaften nicht entsprechend ihrer Mitgliederzahl und der auf die einzelnen Verbände entfallenden Mandate vertreten zu sein. Martha Hoppe. Zur Sozialisierung der öffentlichen Wohlfahrtspflege VI. Die Hauspflege. Was ist Hauspflege? Hauspflege ist nicht, wie häufig angenommen wird, eine in der Familie geleistete Wochenoder Krankenpflege, sondern sie ist Pflege der Hauswirtschaft, Besorgung aller Hauswirtschaftlichen Geschäfte einschließlich des Kochens, Waschens und der Betreuung der Kinder durch eine familienfremde Arbeitskraft in solchen Zeiten, in denen die Hausmutter durch Wochenbett oder Krankheit an der Erfüllung ihrer Hausmütterlichen Pflichten gehindert ist. Sache und Name verdanken einer edlen Frau ihre Entstehung. Im Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gründete Frau Hella Flesch im Verein mit ihrent Manne, dem Frauenarzt Professor Dr. Flesch und ihrem Schwager, dem bekannten Sozialpolitiker Dr. Karl Flesch, den Hauspflegeverein. Sie hatte durch die ärztliche Tätigkeit ihres Mannes die Einsicht gewonnen, daß innerhalb der Schichten der Unbe. mittelten in zahlreichen Fällen die Geburt eines Kindes, statt eine Quelle der Freude und Hoffnung zu sein, zum Aus War das ein Haufen Menschen hinter Vaters Leiche her: die Schulkinder mit einem schwarzen Fähnlein, dann eine ganze Schar Klosterfrauen, dann die Lehrer aus allen Nachbargemeinden, gewiß ein Dußend, wenn nicht mehr, und dann ein Trupp Scheibenschützen in Lodenjoppen mit grünen Aufschlägen. Die waren von weit und breit herbeigekommen, manche gar über den Brenner herübec; denn die Schüßen sind gar getreue Brüder. Und die Musik spielte. Ich besinne mich gut, das„ Bombardon" brummte so drollig. Schön war es, schön! Ich dachte mir immer hinter dem Sarge her: Ach! Warum hat nur der Vater das nicht erleben können!" Auf dem Sarge lag Vaters Scheibenstuben und der Schizenhut mit dem Gemsbart. Der blanke Büchsenlauf funkelte in der Sonne, und vom Gemsbart ließ ich kein Auge. Ich sehe ihn noch heute lustig im Morgenvind„ wacheln" und die schönsten Rädlein schlagen. Das weiß ich auch noch gut, wie der Sarg mit zwei dicken Stricken in das Grab hinabgeseilt wurde. Drei Männer mit Schaufeln standen schon bereit. Satten die es eilig, den Vater einzuschaufeln! Als hätten sie gefürchtet, er könnte ihnen noch einmal entwischen. So oft eine schwere Erdscholle oder Stein und Bein polternd auf den Holzsarg follerte, weinte die Mutter laut auf. Nach dem„ Totenamit". fam der Mesner auf die Mutter zu und bedeutete ihr im Auftrag Seiner Hochwürden des Herrn Defans( Dechant), mit uns Kindern in den Pfarrhof zu kommen. Das weiß ich auch noch, als wäre es heute, wie wir alle in einer Reihe vor dem hochwürdigen Herrn Dekan standen. Ec Nr. 30 Die Gleichheit gangspunkt der Verwahrlosung und des Niederganges der Familie nur darum werden mußte, weil die Hausmutter in dieser kritischen Zeit ihren Hauswirtschaftlichen Pflichten nicht nachkommen konnte, oder wenn sie ihnen nachkam, das mit borübergehender oder dauernder Zerrüttung ihrer Gesundheit bezahlen mußte. Hier waren in solchen Fällen nur zwei Möglichkeiten gegeben. Die eine, daß während der Zeit des Wochenbettes oder der Krankheit Unordnung, Nachlässigkeit und Schmutz in den Haushalt einziehe, die so überhandnehmen, daß die vom Bett aufgestandenz, noch schwache und bielleicht durch minderwertige Ernährung heruntergebrachte Frau nach einigen vergeblichen Versuchen, der Wüstenei Herr zu werden, den aussichtslosen Kampf aufgibt und den Feinden geordneten Familienlebens das Feld überläßt. In solchen Beiten mag es dann leicht so kommen, daß der Mann, angewidert von dem häuslichen Elend, zum ersten, aber leider nicht zum letzten Mal den Weg ins Wirtshaus findet. Könnte man allen solchen Zusammenhängen bis zur ersten lirsache nachgehen, so würde man nicht selten erkennen müssen, daß die Geburt eines Kindes zum Ausgangspunkt von Trunksucht und Elend mannigfacher Art, von Verwahrlosung und Verwüstung eines bis dahin geordneten Familienlebens geworden ist. Oder die andere Möglichkeit. Wenn eine Frau so übermenschlich fleißig und pflichtgetreu ist, daß sie unmittelbar nach ihrer Niederkunft die Haushaltarbeiten wieder aufnimmt, dann zahlt sie recht häufig für Fleiß und Pflichttreue mit Krankhaftigkeit und Siechtum, und die Familiennot ist, bon einer anderen Seite her, wiederum da.. Beidem möchte die Hauspflege begegnen. Ihre Geschichte beweist, daß ihr das in Tausenden von Fällen gelungen ist. ( Vgl. die Berichte des Hauspflegevereins in Frankfurt a. M.) Im Laufe der Zeit entstanden dann an den verschiedensten Orten Deutschlands Hauspflegevereine, die sich im Jahre 1908 zu einem Verband der Hauspflege zusammenschlossen, der unter dem Vorsitz von Frau Hedwig Heyl zu seinen praktischen Aufgaben die weitere der Ausbreitung des Hauspflege gedankens und der Ueberführung der Hauspflegeeinrichtung aus einer Wohltätigkeits- oder Wohlfahrtsangelegenheit in einen Rechtsanspruch fügte. Der gesetzlichen Festlegung, die das letzte Ziel dieser Aufgabe ist, soll durch die Gründung recht zahlreicher Hauspflegekassen vorgearbeitet werden. faß eben beim Frühstück. Der Tisch war mit blühweißem Linnen gedeckt. Darauf stand ein schönes, bauchiges, dunkelblau geblümtes Kaffeegeschirr, und viel, viel Weißbrot. Die gelbe Butterflade, die sich auf dem fattblauen Teller gar so absonderlich einladend ausnahm, werde ich auch nie vergessen; für solche Dinge habe ich fleiner Bub ein Auge gehabt! Der Herr Defan war ein stattlicher, wohlhäbiger Mann mit einem immer freundlichen Gesicht. Er schob im Aufstehen den breiten, ledergepolsterten Sessel ein wenig hinter sich und hieß uns alle herzlich willkommen. Die Mutter füßte ihm als erste die Hand, dann drückten wir Kinder unsre nicht ganz trocknen Näschen auf seinen Handrücken. Aber er ließ es sich ruhig gefallen und hatte für jedes ein freundliches Wort. Dann sagte er zur Mutter: Harte Zeiten... was, Mutter!! Freilich ja! Wen Gott lieb hat, den sucht er heim!" Darauf sagte die Mutter: Dann muß er mich aber schon recht lieb haben!" Und es schlug ihr die Stimme um, da ihre Augen uns streiften, die wir zu fünft dastanden wie Orgelpfeifen und feinen Ernährer und Vater mehr hatten. ,, Mutter!! Nit verzagt sein! Ihr Seliger ist durch dreiundzwanzig Jahre Lehrer gewesen... und immerfort recht schaffen... ein Tiroler Kernmensch durch und durch! Das vergißt ihm die Gemeinde nit: Sechzig Gulden Witwenpension hat die Gemeinde für das Mutterl ausgesetzt- Jahr für Jahr; solang das Mutterl lebt; und wir hoffen, noch recht Jang!" 237 Der Verband soll mit allen Kräften die Umwandlung dec durch die Reichsversicherungsordnung vorgesehenen fakultativen Gewährung von Hauspflege in eine gesetzlich geordnete obligatorische Leistung der Krankenkassen und sonstigen verpflichteten Instanzen betreiben. Er soll ferner die Vereini gung von gesetzlich geordneter mit freier Vereinstätigkeit, bie wohl denk- und auch gesetzlich durchführbar ist, dadurch vorbereiten, daß er durch geeignete Propaganda dem Gedanken der Verpflichtung zur Hauspflegerischen Betätigung überall Eingang verschafft. Durch den Krieg ist nun eine ganz neue Sachlage geschaffen, die ganze Angelegenheit unendlich vorangetrieben worden. Die Tätigkeit der Hauspflegevereine hat sich wesentlich vermehrt und ist weitaus schwieriger geworden. Es fehlt an geeigneten hauspflegerischen Kräften und es fehlt an Mitteln. Dem kann nur abgeholfen werden, wenn die Krankenkassen unter finanzieller Beihilfe der Gemeinden die Hauspflege übernehmen und zwar als obligatorische Leistung in all den Fällen, in denen das Familieneinkommen der Kranken oder Wöchnerin eine gewisse Höhe nicht übersteigt und nachweislich niemand da ist, der, die Besorgung des Haushalts an Stelle der behinderten Hausfrau übernehmen kann. Soll freilich die Hauspflege den Krankenkassen als eine obligatorische Leistung auferlegt werden, so bedarf es einer Abänderung der Reichsversicherungsordnung, so daß man sich einstweilen damit begniigen muß, eine möglichst große Anzahl von Kassen zur freiwilligen Leistung von Hauspflege an ihre Mitglieder zu vermögen. Durch die Paragraphen 185 sowie 196 Absatz 1 Nr. 2 der N.V.D. ist den Krankenkassen das Recht auf Gewährung von Hauspflege eingeräumt, und einige Kassen haben von diesem Recht bereits Gebrauch gemacht. Ant frühesten war wiederum Frankfurt a. M. auf dem Plan. Int Jahre 1914 wurde vom 1. Juni bis 31. Dezember in 39 Fällen durch die Ortsfrankenkasse Hauspflege gewährt. Im Jahr 1915 waren es 53 und im Jahr 1916 46- Fälle. Die Kosten beliefen sich auf 1075 Mt. bzw. auf 1275 und 1179 Mr. Nach den vorliegenden Berichten erfährt dadurch die Kasse eine Belastung von etwa 1 Pf. pro Stopf und Jahr. Freilich ist die Zahl der Verpflegungsfälle, gemessen an der Mitgliederzahl der D.-K.-K. und den auf sie nach Maßgabe der städtischen Geburtenfrequenz entfallenden Geburten minimal. Aber Und der Herr Defan sette nun der Mutter des weitern auseinander, wie sich die Gemeinde auch bereits den Plan unsrer weiteren Versorgung bis in die kleinsten Einzelheiten zurechtgelegt hätte. Vor allem galt es, der armen Lehrerwitwe die drückende Kinderlast abzunehmen. ,, Kinder sind eine schwere Last; hab ich nicht recht, Mutterle?" Wir sollten von der Mutter; das eine dahin, das andere dorthin, zu fremden Leuten. Ich sollte an einen Bauec auf dem Nördersberg abgegeben werden; das weiß ich noch gut. ,, Ein guter, christlicher Bauer," fügte der Dekan hinzu. Weiß Gott, wir Kinder hatten uns oft gezankt und waren manchmal aufeinander gewesen wie Hund und Kaze; nun aber, da wir auseinander sollten, tasteten wir alle wie auf Kommando hastig nach des nächsten Hand oder Arm oder Rockfalte, und schlossen uns zitternd zusammen. Und unsre zehit Augen hingen, weiß Gott, in großer Herzensangst an der Mutter. Ich weiß noch gut, die Mutter schwieg ein Weilchen, aber in ihrem feinen, blassen Gesicht zuckte es und bebte es. Donn schiittelte sie lange bevor sie noch ein Wörtlein heransbrachte langsam den Kopf; endlich sagte sie und eine Blutwelle schoß ihr in die Wangen: ,, Hochwürden! Ich dank der Gemeinde! Aber ich laß feins weg! Gelt, Kinder! Wir bleiben beieinander! Ich will's schon so auch fertigbringen! Es muß gehn!" O, wie hell und wohl und warm wurde da uns Kindern. Ein heißer Hauch von Mutterliebe wehte uns alle an. So dankbar enge haben wir uns auch nie mehr aneinandergedrückt, als damals in Herrn Defans Frühstückszimmer. 238 Die Gleichheit selbst wenn die Inanspruchnahme so hoch wäre, als sie unter Zugrundelegung der dortigen Geburtenfrequenz sein dürfte, würden die sich dann ergebenden etwa 1500 Hauspflegefäll: die Kasse pro Mitglied mit etwa 40 Pf. jährlich belasten. Selbstverständlich müßte die Hauspflege nicht nur den felbstversicherten Frauen, sondern auch den versicherungsfreien Ehefrauen der Versicherten zugestanden werden. Dann wäre diese Leistung als Ausgleich einer etwa notwendig werdenden fleinen Beitragserhöhung anzusehen. Neben den Kassenmitgliedern kommen als Hauspflegebedürftig noch die Kreise der nichtversicherungspflichtigen selbständigen fleinen Gewerbetreibenden und endlich die der städtischen Armenpflege Zugehörenden in Betracht. Auch für Diese Schichten hätte die Gemeinde auf dem Umweg über die Krankenkassen einzutreten, mit der Maßgabe, daß je nach den Einkommensverhältnissen die Hauspflege entweder mentgeltlich oder zu dem Einkommen angepaßten Säßen gewährt werde. Um aber eine bureaukratische Erstarrung der Hauspflegeeinrichtung zu verhüten, sollte nicht auf die Teilnahme der freien Liebestätigkeit verzichtet werden. Das kann trotz der gemeindlichen und der Verpflichtung der Krankenkassen dadurch geschehen, daß man die Wahrnehmung der Hauspflege auf dent Wege des Vertrags den Hauspflegevereinen überträgt, wie das in Frankfurt mit gutem Erfolg geschehen ist. Es ist hier nicht der Ort, auf die Einzelheiten der bezüglichen. Ausführungsmöglichkeiten näher einzugehen. Uns genüge, dargetan zu haben, daß die Hauspflege im Reigen der Veranstaltungen des neuen Menschenschutzes nicht fehlen darf. Unsagbare Lasten und Leiden hat der Krieg uns auferlegt. Unendliche Opfer sind gebracht und werden gebracht werden müssen. Wir aber sind gerüstet und bereit, weiter zu kämpfen. Gerüstet und bereit aber auch, mit all unserer Kraft, und sei es die letzte, neu aufzubauen, was zerstört ist. So tut es not, die Hauspflege, diesen Grund- und Eckstein des Familien-, Mutterund Kinderschutzes, allenthalben einzuführen und sie aus einer Wohlfahrtseinrichtung in einen gesetzlich durchsetzbaren Rechtsanspruch zu verwandeln. Es ist jetzt die Zeit gekommen, an die der Mitbegründer des Hauspflegevereins gedacht hat, als er schrieb:„ Wir stellen uns zur Aufgabe, hier einzutreten, bis bielleicht in späterer Zeit staatliche Organisationen das zu erDie Mutter füßte dem Herrn Defan zum Abschied die Hand; dann drückten wieder wir der Reihe nach unsre feuchten Nosenspitzchen auf seinen weichen Handrücken. Dann gingen wir. Und wißt ihr, was das schönste ist? Sie hat es fertiggebracht! Denkt euch nur, sie hat es wirklich fertiggebracht Mutter! Herb it lied Von Klara Bohm- Schuch Schon kommt es dahergezogen Durch Wald und Wiefe und Feld In großen leuchtenden Wogen. Der Herbit durchflutet die Welt. Auf braufenden Sturmes Flügel Mit frischem verwegnem mut Koft lachend er Tal und Hügel, Sein Kuß ist rotflammende Glut. Und wie es noch einmal blühet Und leuchtet auf feiner Spur. In goldenen Farben erglühet Das Antlitz der Mutter Matur. Bald wird es die Schwermut umfließen, So nab ist der Tod und das Grab. Doch heut noch will froh fie genießen Was Liebe und Schönheit ihr gab. die Nr. 30 reichen vermögen, was wir jetzt erstreben. Nicht Wohltätigkeit gegenüber hilfesuchender Armut ist unsere Aufgabe; wir wollen ein berechtigtes Bedürfnis befriedigen; wir wollen einen sozialen Schaden ausgleichen, indem wir durch die Aufrechterhaltung der Hauspflege auch der Frau des Arbeiters die Möglichkeit geben, gesund und stark zu eignem Nuzen und zum Nuzen ihrer heranwachsenden Kinder aus dem Wochenbett und aus Krankheiten hervorzugehen.( Jahresbericht des Hauspflegevereins 1. Jahrg. 1892/93, S. 6.)" Henr. Fürth. Unsere Schulen Von Lisbeth Weiß- Rathenau Unsere deutschen Schulen sind wohl unbestritten die besten, aber wir Mütter, die wir unsere Kinder tagaus tagein in diese Schulen schicken, wir wissen doch so manches aus ihrem Betriebe, was verändert und verbessert werden könnte. Leider wurden wir Frauen bis jetzt nicht gehört, trotzdem wir sicher viel Gutes und Neues in die Schulen hätten hineinbringen können. Drei Gruppen sind es, die bei der Beurteilung der Vorzüge und Schäden von Schulen gehört werden müssen. Zuerst sind es natürlich die Lehrer, Schuldirektoren und Schulräte, die fachmännischen, entscheidenden Einfluß auf die Schulen zu nehmen haben; vieles werden sie durch ihr sachverständiges Urteil sicher am besten z regeln wissen. Nun gibt es aber in den Schulen Dinge und Verhältnisse, in die die beiden andern Gruppen, nämlich die Eltern und die Schüler, tiefer hineinsehen, als es je den Lehrern möglich sein wird. Bis jetzt hat man den Eltern fast gar keinen Einfluß auf die Schulen zugebilligt und hatte Damit den Hauptfaktor, der für Reformen sorgen könnte, ausgeschaltet. Gewiß haben die Lehrer Sprechstunden, in denen sie die Eltern empfangen, aber immer muß erst etwas Besonderes und meistens nicht Angenehmes vorliegen, bevor. sich eine Mutter oder gar ein Vater entschließt, einen Lehrer oder eine Lehrerin in der Sprechstunde aufzusuchen, und dann handelt es sich immer nur um persönliche Angelegenheiten, deren Besprechung selten dem Ganzen zugute kommt. Ich möchte einmal die Lehrer als Arbeitgeber, die Schüler und ihre Eltern als Arbeitnehmer betrachtet missen. Woran So fchmücke auch du dich, mein Herze, Mit letzter leuchtender Pracht. Vergiẞ was an Kummer und Schmerze Dein wartet in dunkeler Пacht. Vergiß was der Frühling versprochen In kolendem Knofpen und Blübn. Vergiẞ was der Sommer gebrochen, In Sturm und verlengendem Glübn. Beb jauchzend noch einmal die Schwingen Empor über Gruft und Vergebn. Laẞ hellauf noch einmal erklingen, Dein Lied zu den himmlischen Höhn. Und kommen die graufchweren Stunden, Dann denk an die Tage zurück. In denen du jubelnd gefunden, Dein letztes goldfchimmerndes Glück. Bücherschau Die Wisfellsche Planwirtschaft. Die gesamten Dokumente mit der ausführlichen Begründung, wie sie Wissell in seinen Vorträgen und Ausführungen gibt, erscheinen Mitte August in einer vcn Wissell selbst bearbeiteten Ausgabe in Buchform zum Preise von etiva 5 Mt. im Verlag Gesellschaft und Erziehung G. m. b. H., Berlin SW. 48, Wilhelmstr. 9. Das Werk enthält u. a. alle diesbezüglichen Reden Wissells in der Nationalversammlung, vor Interessenten und Organisationen, auf dem sozialdemokratischen Parteitag usw., ferner die v'el erwähnten Denkschriften, das Wirtschaftsprogramm nebst ausjührlichen persönlichen Kommentaren Wissells. Nr. 30 Die Gleich beit liegt es nun, daß diese Arbeitnehmer in unserer modernen Zeit fast gar keine Möglichkeit haben, auch ihre Rechte und Wünsche geltend zu machen? Zum Teil liegt es sicher an der unbegreiflichen Interesselosigkeit der Eltern an den Schulangelegenheiten ihrer Kinder, zum Teil ist es auch die leider oft nur zu berechtigte Scheu der Eltern, an der Schule irgend etwas auszusehen. Sie glauben immer, daß ihr Kind dadurch in den Augen der Lehrer weniger vorteilhaft erscheinen könnte. Und gar die Kinder irgendwie mitreden zu lassen, und wären ihre Wünsche auch noch so berechtigt, da würden die Lehrer immer fürchten, daß die strenge Disziplin, die sie für so notwendig halten, untergraben würde. Die Lehren eines Wyneken, Geheeb, Lujerke scheinen sie leider nicht zu kennen. In den Schulen geschehen nun aber fortwährend Dinge, die nicht im Sinne der Eltern oder der Schüler sind, die sie trotzdem in feiner Weise beeinflussen fönnen; auch geeignete gute Vorschläge für Neuerungen und Aenderungen hätten Eltern und Schüler sehr oft zu machen. Sehr unpädagogisch werden dagegen solche Schulangel genheiten im Hause oft von den Eltern mit den Aindern besprochen, gelangen aber fast nie an das Ohr des Lehrers, der daraus Vorteil ziehen fönnte. Warum stehen die Lehrer auf so hohen, den Kindern unerreichbaren Postantenten, von denen sie nur hinabsteigen, um zu ermahnen und zu strafen, anstatt gerade die intimen Aeußerungen der Kinderpsyche zu belauschen, indem sie die kleinen Freuden und Schmerzen der Kinder teilen und miterleben; viel Interessantes würde sich ihnen hier enthüllen, dessen Kenntnis wieder zur Herausbildung der Schulen beitragen würde. Wieviel besser könnte der Lehrer oder die Lehrerin ein Kind beurteilen, wenn sie genau über seine häuslichen Verhältnisse orientiert wären, wenn sie wüßten, ob ihm die nötige Schlafenszeit gegeben wird, ob es richtig ernährt wird, ob es ein Plätzchen hat, wo es in Ruhe seine Schulaufgaben machen fann. Wieviel Kinder werden von ihren Lehrern direkt verkannt. Sie werden für troßig gehalten, während sie nur schen sind, sie gelten für faul, während sie vielleicht mit ihrer ganzen findlichen Kraft den ganzen Tag einen Augenblick ersehnt haben, in dem sie ohne Ablenkung an das denken fennten, was der Lehrer ihnen gesagt hat. Solche Irrtümer würden nicht vorkommen, wenn die Lehrer dem ganzen Kinde mehr Interesse entgegenbringen würden und auch Gelegenheit hätten, mit den Eltern über die Kinder zu sprechen. Die Schuld liegt hier nicht nur an den überfüllten Klassen, sondern vielmehr an dem ganzen System. Immer wieder werden von einzelnen Lehrkräften in Deutsch, Geschichte, Religion Ansichten vertreten, die den Ansichten vieler Eltern durchaus entgegengesetzt sind. Die Eltern schweigen der Schule gegenüber; aus den Aeußerungen im Hause merken aber die Kinder sehr bald, daß die Ansichten ihrer Eltern mit denen ihres Lehrers durchaus nicht übereinstimmen, und werden dadurch in Widersprüche beripidelt. Allerdings bedeutet es für die Lehrer eine Unmöglichkeit, ihren Schülern die Ansichten sämtlicher Eltern borzutragen, aber mit etwas mehr Takt und nicht so ein feitig orientiert, könnte der Unterricht besser werden. Ich möchte aber von praktischeren Dingen sprechen, z. B. im Winterhalbjahr wird Afrika durchgenommen; da in der Fa milie mehrere Kinder einen Atlas benußen, so muß das arme Kind den schweren Atlas zu jeder Geographiestunde hin- und zurücktragen, trotzdem es das ganze halbe Jahr nur die Karte von Afrika braucht. Wäre es da nicht wirklich einfacher und billiger, eine Karte von Afrika auf Leinwand zu ziehen, und das Kind könnte das ganze Semester den Atlas entbehren? Oder müssen die Eltern nicht immer wieder teure Bücher anschaffen, um dann zu erleben, daß nur einige Seiten davon benutzt werden? Die Lehrer sollten sich doch wirklich über ihr Pensum und den Gebrauch von Büchern vor Beginn des Semesters orientieren können. Die Verleger würden ihnen sicher entgegenkommen. Immerfort werden neue Auflagen der Schulbücher gedruckt und sollen 239 dann gleich angeschafft werden; diese neuen, oft wenig veränderten Auflagen müßten wenigstens so eingerichtet werden, daß die alten Auflagen ohne Schwierigkeit daneben benutzt werden könnten, damit die Eltern nicht gezwungen wären, für jüngere Geschwister, die dieselbe Schule besuchen, neue Bücher anzuschaffen. Ein besonderer Zug von Pedanterie ist die Fortsetzung des Handarbeitsunterrichts bei dem jezigen vollkommenen Mangel an Stoffen und Nähgarn. War es mir z. B. durchaus unsympathisch, daß die Kriegs. anleihezeichnungen und die Goldjammlungen in den Schulen so gefördert wurden und ein Kind das andere immer überbieten wollte, so fand ich es ganz unerhört, daß die Kinder der Gemeindeschulen zum Betteln für das Vaterland in fremde Häuser geschickt wurden. Auch das Singen der Kurrende quf den Höfen der Häuser ist mit modernen Ideen von Jugenderziehung natürlich unvereinbar. Und dann sind so viele andere Dinge, die unmutig machen. Es werden Schullandpartien gemacht. Die Eltern möchten ihren Kindern natürlich das Vergnügen nicht vorenthalten. Könnten die Lehrer nicht wenigstens die verabredeten Zeiten genau einhalten, damit die Eltern nicht so lange in Angst auf ihre Kinder warten müßten? Ueberfüllte Schiffe oder Fähren und alkoholische Getränke scheinen auch zu fast allen SchulLandpartien zu gehören. Wieso jedes Kind einer Klaffe ganz genau weiß, welcher Schüler abschreibt oder abfiest, während es der Lehrer nicht weiß, ist mir unbegreiflich. Sie sind bei ihrer stets getadelten Unaufmerksamkeit immer noch aufmerksamer als der Lehrer. Vieles hören und sehen die Eltern mit Mißvergnügen, aber sie mudsen nicht. Ich kenne Schüler aus den höchsten Klassen, die nicht wissen, was der Reichstag oder der Landtag ist, während man ihnen doch wirklich als Hauptsache in großen Zügen in der Geschichtsstunde die Verfassung des Deutschen Reiches, ihres Vaterlandes, klarlegen müßte. Eine solche Unwissenheit in bezug auf die römische Verfassung würde der Lehrer jedenfalls stark rügen. Durch die Revolution haben die Kinder sozusagen die Politik am eigenen Leibe erfahren und dadurch ihre Kenntnisse bereichert, aber ebenso viele Unklarheiten und Umwahrheiten in sich aufgenommen. Durch einen methodischen Unterricht muß erst die Unterlage für eine spätere Betätigung geschaffen werden. Ein besonderes Martyrium für Eltern und Kinder ist der deutsche Aufsatz. Ich weiß natürlich, daß es Kinder gibt, die sich am letzten Tage erst hinfeßen und dann den Aufsatz gleich ins Reine schreiben und die auf diesem Wege etwas ganz Gutes zustande bringen. Aber diese Kinder sind die Ausnahme. Sie brauchen trotzdem mit ihren sonstigen Fähigfeiten gar nicht zu den besten Schülern zu gehören. Für die allermeisten aber ist der deutsche Aufsatz die allerschwierigste und gefürchtetste Aufgabe, mit der sie sich gar nicht recht abzufinden wissen. Ich möchte da die Kinder in zwei Gruppen teilen: in solche, die wohl den Stoff beherrschen, die aber den richtigen Ausdruck nicht finden können, und in solche, denen fein Stoff einfällt, die sich mit wenigen leeren Phrasen zu helfen suchen. In den meisten Fällen, wenigstens bei Schülern der höheren Lehranstalten, wird die ganze Familie zur Hilfe herangezogen, und aus der Bibliothek wird Passendes und Unpassendes abgeschrieben. Ich habe oft erlebt, daß bei Abschriften aus guten, anerkannten Schriftstellern dem Lehrer der Stil nicht gefiel und er int Heft eine dementsprechende Bemerkung machte, und natürlich amüsierten sich die Kinder darüber. Wieso kann der Lehrer seine Schüler so wenig beurteilen, daß er Eigenes und Fremdes nicht unterscheiden kann? Stoffmangel follte nie ein Erschwerungsgrund für einen Aufiat sein, denn wenn die Disposition in der Stunde klar und logisch durchgenommen würde, so wäre es unmöglich. Meist sind aber leider die Themen, besonders in Mädchenschulen, mehr auf Gefühlsausbrüche zugeschnitten, anstatt recht reale Dinge zu behandeln, die den Mädchen so förderlich wären. Trotzdem 240 Die Gleichheit glaube ich, es hat sich noch nie ein Bater oder eine Mutter über die Auffatthemen beklagt, obwohl sie doch so vielfach Sarunter leiden und auch sehen, daß die Kinder durch die Bearbeitung nicht gefördert werden. In den Rechenstunden müßte mehr Wert auf die Forderungen des täglichen Lebens gelegt werden. Die Schüler lösen oft mit Leichtigkeit schwere Gleichungen und manövrieren mit komplizierten mathemati ichen Sägen, aber wenn sie einfache Prozente oder Zinsen oder Umrechnungen von einer Münzforte in die andere vornehmen sollen, dann gelingt ihnen dies nur sehr langsam und mit großen Schwierigkeiten. Nach meiner Meinung müßten sie auch lernen, einen Kurszettel zu lesen und ein Budget für einen einfachen Haushalt aufzustellen. Wenn man sieht, wie schnell und meist richtig jede einfachste Marktfrau Geld wechselt und herausgibt, müßte man wohl auch eine Methode finden können, durch welche Schulkinder Kopfrechnen sicher und schnell lernen. ! Wie viele Schüler, selbst der Oberklaffen, fönnen sich eine richtige Vorstellung von einem Webstuhl oder einer Sepmaschine machen? Warum führt man die Schüler nicht durch große Betriebe, damit sie die Dinge in ihrer Entstehung sehen? ( Schluß folgt) Keine Reif' auf Erden Icheint mir fo groß und schwer zu fein, Als die Reil' aus uns heraus, als die Reil' in uns hinein. Wenn dir's im Kopf und бerzen Ichwirrt, Was willft du Belfres haben! Wilh. Müller. Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, Der lalle fich begraben. Goethe. * Immer Itrebe zum Ganzen, und kannft du felber kein Ganzes werden, als dienendes Glied fchließ an ein Ganzes dich an. Aus unserer Bewegung Schiller. Die britische Besatzungsbehörde in Köln hat unseren Antrag auf Zulassung der Gleichheit" abgelehnt. Es ist leider nicht möglich, den dortigen Genossinnen unser Blatt zuzustellen. Neue Aufgaben erwachsen der Frauenbewegung aus der Sozia lisierung der Wohlfahrtspflege, mit der die Stadt Berlin durch die Neuregelung der gesamten Jugendfürsorge im Herbst d. J. den Anfang machen wird. Die darauf bezügliche Magistratsvorlage zergliedert das Jugendamt in folgende vier Abteilungen: 1. Das Jugendpflegeamt mit folgenden Gebieten:. Säuglingsfürsorge, Mütterheime, Krippen; Kleinkinder und Schulkinderpflege; Landaufenthalt, Ferienkolonien, Jugendspiel und-sport; Schulentlassungspflege, Berufsberatung, Lehr- und Dienststellenvermittlung, Jugendherbergen, Jugendheime; Jugendbildung und unterhaltung; Wohnstellenvermitt lung für Jugendliche. 2. Das Jugendfürsorgeamt, dem die Fürsorge für sittlich gefährdete, schwer erziehbare, schwachsinnige, psychopathische, verfrüppelte, obdachlose und wandernde Jugendliche, der Schutz der Kinder vor Ausbeutung und Mißhandlung, Fürsorgeerziehung, Jugendgerichtshilfe, Schußaufsicht, Zentrale der gewerblichen und häuslichen Heimarbeit der Kinder obliegt. 3. Das Waisenamt, dem die Fürsorge und Erziehung für bauernd armenrechtlich hilfsbedürftige Kinder übertragen wird und endlich 4. Das Vormundschaftsamt, aus dessen Aufgabenkreis Pfleg schaft und Beistandschaft für eheliche und uneheliche Kinder, Adoptivvermittlung, Haltekinderaufsicht hervorzuheben sind. Für die einzelnen Stadtteile Berlins werden zunächst 14 Begirtsjugendämter eingerichtet. Ihre Hauptaufgabe ist die Uebers wachung der im Bezirk wohnenden Jugendlichen mit dem Ziel, jedem hilfsbedürftigen und verwahrloften Kinde möglichst schnell bie Hilfe zu verschaffen, deren es zu seiner förperlichen und fittfiden Fürsorge bedarf. Ferner sollen den Bezirksjugendämtern die Geschäfte der lokalen Gemeindewaifenräte übertragen werden. Nr. 30 Jedes Bezirksjugendamt untersteht der Leitung einer in der Jugendpflege und Jugendfürsorge erfahrenen, mit den erforderlichen sozialen und juristischen Kenntnissen ausgerüsteten Bersönlichkeit, dem ein Bureau mit dem erforderlichen Personal zur Verfügung steht. Außerdem werden noch jedem Bezirksjugendamt für den Außendienst beruflich und ehrenamtlich tätige Hilfsfräfte zugeteilt. Letztere sind also die ausführenden Organe in der Jugendwohlfahrtspflege. Unfere früheren Kinderschutzkommissionen haben sich in ver gangenen Jahren in wesentlichen Teilen der den Bezirksjugendämtern zufallenden Aufgaben betätigt. Die heutige Zeit steckt der Jugendwohlfahrt weitere, dem Sozialismus zustrebende Ziele. Sie ist also unser ureigenstes Gebiet. Organisatorisch werden wir uns dabei den 14 zu bildenden Bezirksjugendämtern anpassen müffen, da nach der Magistratsvorlage die Hilfskräfte in den Bezirken wohnen sollen. Die erforderlichen Vorarbeiten sind vom Frauensekretariat in die Wege geleitet und werden zum Abschluß gelangen, sobald die örtliche Abgrenzung für die einzelnen Bezirksämter bekannt ist. Das Sekretariat wird alsdann an die Funktionärinnen zivecs Durchberatung und Beschlußfassung über unsere Teilnahme an der Jugendwohlfahrtspflege herantreten. 2. Aus der Frauenbewegung des Auslandes Internationaler Sozialisten- und Arbeiterrat Neue Adresse. Nachdem die Militärzensur in Belgien aufge hoben ist, wird das Sekretariat der zweiten Internationale in Ausführung eines fürzlich in Southport genommenen Beschlusses des Exekutivkomitees ab 1. September 1919 feinen Siz wieder im Volkshaus in Brüssel haben, bis der im Februar in Genf stattfindende allgemeine Kongres fich über den endgütigen Sitz des Sekretariats ausgesprochen haben wird. Frauenstimmrecht in den holländischen Kolonien Schon während des Krieges brach sich die Demokratie in den Niederlanden Bahn: die Verfassung wurde geändert und allgemeines Wahlrecht für die Männer und Wählbarkeit für die Frauen singeführt. Zugleich fing der Sozialisnius an, sich in den Kolonien zu regen, die Javaner bildeten Vereine und man sah ein, daß das ganze Inselreich von Insulinde nicht für alle Zeiten ohne jede Vertretung des Volkswillens bleiben konnte. Zunächst wurde ihm im Volksrat gestattet, sich auszusprechen, jedoch ohne irgendwelche Autorität oder Macy, denn der Gouverneur ist nicht berpflichtet, auf die Aussprüche des Volksrats zu achten." Der Minister der Kolonien sah seinen Antrag, auch Frauen zu Mitgliedern des Volksrats zuzulassen, in den Generalstaaten abgelehnt. In Indien besteht aber schon lange ein Zweig des Vereins für Frauenstimmrecht mit verschiedenen Ortsgruppen. Diese berjuchen überall, wenigstens in der Kommunalvertretung der größeren Städte, Platz für die Frauen zu erobern. Neulich tat der Bürgermeister von Batavia den Vorschlag, man möge allen männlichen und weiblichen Einwohnern der Stadt, die Holländisch oder Malaiisch lesen und schreiben können, das aktive Wahlrecht für den Gemeinderat geben, und der Vorschlag wurde angenommen. Später befürwortete Warwurunto, Abgeordneter aus der Minahaffa, im Volksrat das Stimmrecht der Minahassafrauen und aller Frauen überhaupt. Sein Antrag wurde von einigen Regierungsmitgliedern unterstüßt. Dann kam die Eingabe des Bereins für Frauenstimmrecht an den Volksrat zur Beratung, welche die Unterstübung des Rates für seine Betition an den Gouver neur verlangte, und mit 20 Stimmen gegen eine wurde beschlossen, aktives und passives Wahlrecht für die Frau zu fordern. Am selben Tage aber, da die Erste Kammer im Haag der Frau ihre Bürgerrechte zuerkannte, schlug der Gouverneur von Niederländisch- Indien die Bitte ab. Die Unmündigkeit des weiblichen Geschlechts wird aber auch dort nicht lange mehr dauern, denn überall, wo man die Einrich tung von Regentschaftsräten zur Hand nimmt, sprechen sich die Gingeborenen für die Frauenrechte aus, die ja dem althergebrachten Abatrecht nicht widersprechen. Selbstverständlich reden alle sozialdemokratischen Holländer in den Kolonien der Reform eifrig das Wort. Martina G. Kramer 3. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Mara Bobm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckerei. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer 6. m. b. S., fämtlich in Be in W 68. Lindenstraße 3