Nr. 34 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Poft bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mark; unter Kreuzband 4,25 Mark Das Betriebsrätegeseh Von Franz Krüger, M. d. N. Berlin 11. Oktober 1919 Täglich neue Enthüllungen führen den Völkern und besonders dem deutschen Volke mit immer größerer Eindringlich feit zu Gemüte, mit welcher Verantwortungslosigkeit die früheren ,, berantwortlichen" Machthaber den Weltkrieg heraufbeschworen haben. In blindem Vertrauen auf Macht und Gewalt jagte man die Völker in das furchtbare Elend der letzten Jahre. Militärischer, moralischer, politischer und wirtschaftlicher Zusammenbruch war die Folge. Deshalb fegte die Nevolution jene politischen Zustände hinweg, die die Herrschaft der Kriegstreiber ermöglicht hatten und die unfähig waren, uns aus dem Elend herauszuführen. Die Revolution war also nicht die Ursache, sondern die Folge unseres Busammenbruchs. Wir haben heute an Stelle der Monarchie die Republik; an Stelle der Herrschaft kleiner bevorzugter Klassen die Herrschaft des gesamten Volfes auf breiter demokratischer Grundlage. Freiheit und Demokratie bedeuten nicht, daß jeder es treiben kann wie er will. Wünsche und Interessen des einzelnen müssen ihre Grenze finden an dem Interesse des Gesamtbolkes. Und wo der einzelne oder Minderheitsgruppen sich anmaßen, gewaltsam über die Grenzen des Gesamtinteresses hinwegzugehen, müssen sie es sich gefallen lassen, daß die Volksgesamtheit sich gegen diesen Mißbrauch demokratischer Rechte und Freiheiten energisch zur Wehr setzt. Politische Demokratie allein bedeutet noch nicht Freiheit in vollem Sinne. Politische Macht und wirtschaftliche Macht standen seit jeher in engstem Zusammenhang. Wer in einem Lande die wirtschaftliche Macht in Händen hat, hat damit auch den Schlüssel zur politischen Herrschaft, und unzählig sind die Beispiele aus früherer Zeit, wo die wirtschaftlichen Machthaber ( Unternehmer) die wirtschaftlich abhängigen Volkskreise in der Ausübung ihrer damals bestehenden politischen Rechte behinderten. Auf der anderen Seite gibt aber der Besitz der politischen Macht auch die Möglichkeit, die wirtschaftlichen Besitzund Machtverhältnisse grundlegend zu verändern, Nachdem daher durch die Nevolution und die seitdem ge schaffenen Geseke an Stelle der Klassenherrschaft die demofratische Volfsherrschaft getreten ist, gilt es, diese Volfsherrschaft zu befestigen und zu ergänzen durch die Demokratisierung und Sozialisierung des Wirtschaftslebens. Nach der politischen Macht muß auch die wirtschaftliche Macht des Kapitalismus gebrochen werden. Es ist heute kein Raum mehr für die Alleinherrschaft des Unternehmers im Betriebe und im gesamten Wirtschaftsleben. Die Produktion und warenverteilung darf nicht mehr geleitet werden vom Brofitinteresse des einzelnen Unternehmers, sondern ihr ausschließliches Leitmotiv muß jein, den Interessen des Gesamtvolles zu dienen und gerecht zu werden. Nur wenige von denen, die heute mit dem Schlagwort der sofortigen Sozialisierung operieren, wissen, was Sozialisierung in Wirklichkeit bedeutet. Sozialisierung ist nicht bloß Verstaat Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplatz 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 lichung. Unter den früheren Verhältnissen wurden auch staatliche Betriebe fast durchweg im kapitalistischen Sinne berwaltet. Sozialisierung bedeutet auch nicht, an die Stelle des Unternehmers die Arbeitnehmerschaft eines Betriebes treten zu lassen. Das würde lediglich bedeuten, an die Stelle des Unternehmer- Kapitalismus den Arbeiter- Kapitalismus zu setzen und nach wie vor den Eigennutz über das Gesamtwohl triumphieren zu lassen. Sozialisierung des Wirtschaftslebens bcdeutet, den gesamten Arbeitsprozeß unserer Wirtschaft plan. mäßig in den Dienst des allgemeinen Volfswohls zu stellen. Sie bedeutet, daß alle im Volfe vorhandenen Kräfte geweckt und an geeignetster Stelle verwendet werden, daß die Leistungsfähigkeit des Volfes nicht beeinträchtigt wird durch Ausbeutung der großen Masse zum Wohle einiger Rapitalbesigenden, sondern daß der Produktionsprozeß unter Mitverantwortung und Mitbestimmung aller beteiligten Glieder geführt wird. Deshalb kann auch die Sozialisierung nicht ohne Rüdsicht auf die wirtschaftliche Entwicklung und Reife eines Industrie- oder Gewerbezweiges durch Geseze oder Zwangsmittel herbeigeführt werden, sondern sie kann nur das Werk ciner wohlüberlegten, planmäßigen und organischen Entwicklung und eines organischen Aufbaus sein. Rönnen wir also die Sozialisierung auch nicht in allen Wirtschaftszweigen sofort in vollem Umfange durchführen, so fönnen wir sie doch überall vorbereiten. Eine solche Vorbereitung der vollen Sozialisierung ist die gesetzliche Regelung des Mitbestimmungsrechts der Arbeitnehmer im Betriebe und die Schaffung eines gefeßlichen Organs zur Ausübung dieses Mitbestimmungsrechts in Gestalt der Betriebsräte. . Durch die Schaffung der Betriebsräte wird mit dem in der Verfassung festgelegten Aufbau der wirtschaftlichen Räteorganisation begonnen. Die Regierung und die hinter ihr stehenden Parteien, also auch die Sozialdemokratische Partei, stellen sich damit in bewußten und wohl überlegten Gegensatz zu dem von den Kommunisten und Unabhängigen geforderten politischen Rätesystem, nach welchem alle wirtschaftliche und politische Macht den Arbeiterräten gewährt werden soll. Wir lehnen es ab, den Arbeiterräten politische Macht oder gar alle politische Macht zu geben. Die Nätzregierungen in Rußland, Ungarn und München haben uns zur Genüge bewiesen, daß die Diktatur der allmächtigen Arbeiterräte nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diftatur einzelner Minderheitsparteien und darüber hinaus einzelner Personen ist. Die Rätediktatur ist die Herrschaft der Unwissenheit und Unfähigkeit, und noch überall sind es neben wenigen Idealisten Geisteskranke und Verbrecher gewesen, die diese Diktatur über das Volf zum Schaden desselben ausübten. · Es ist aber auch nicht möglich, den Betriebsräten a II e wirtschaftliche Macht zu geben. Wenn wir auch in Großstädten und Industriebezirken zum Teil bereits Erfahrungen mit der Tätigkeit der Betriebsräte gemacht haben, so sind diese Erfahrungen doch zu gering und verschiedenartig, 266 Die Gleichheit als daß man nun die weitere Entwicklung unserer gefantten Produktionswirtschaft lediglich auf den Betriebsräten auf bauen könnte. Sehr weitgehende Rechte aber sollen und müssen sie bekommen. Insbesondere soll ihnen bei der Regelung der Arbeitsverhältnisse weitest gehendes Mitbestimmungsrecht eingeräumt werden. -Der Gesetzentwurf über Betriebsräte stellt auch den Grundsatz auf, daß die Betriebsräte bei der Regelung der Arbeitsver hältnisse, beim Abschluß von Tarifverträgen usw., ihre Tätigfeit auszuüben haben im Einvernehmen mit den zuständigen Berufsorganisationen. Diesen Grundsatz müssen wir als durchaus richtig anerkennen. Die gewerkschaftlichen Organisationen sind die dauernde, bleibende Einrichtung, die eine jahrzehntelange Entwicklung und Erfahrung hinter sich Hat. Sie sind auch diejenige Organisationsform, die das Interesse der gesamten Arbeitnehmerschaft des Berufes zu vertreten hat und deshalb von einer höheren Warte alle Fragen beurteilen kann als lediglich die Arbeitnehmerschaft der einzelnen Betriebe. Die Betriebsräte sind eine wechselnde, auf den Betrieb beschränkte Einrichtung, bei deren Tätigkeit in viel Höherem Maße Augenblicksstimmungen eine Rolle spielen. Es fann dem Interesse der Arbeitnehmerschaft nicht dienen, wenn etwa bei der Regelung der Arbeitsverhältnisse solche Augen blicksstimmungen oder die egoistischen Interessen eines einzelnen Betriebes im Gegensatz zu den Interessen des gesamten Berufes durchgesetzt werden können. Ein enges Busammen arbeiten zwischen Berufsorganisation und Betriebsrat wird in jedem Falle von größtem Nuzen für alle Beteiligten sein. Es ist verkehrt, die neuen Betriebsräte lediglich als einen Abklatsch der bisherigen Arbeiter- und Angestelltenausschüsse zu bezeichnen. Die Betriebsräte werden im Gegenteil un geheuer viel weitergehende Befugnisse und Aufgaben zu erfüllen haben. Es ist aber natürlich nicht möglich, alle Wünsche, die von irgendeiner Seite gestellt werden, jest sofort zu erfüllen, wenn man unser Wirtschaftsleben nicht schwersten Erschütterungen aussetzen will. Von größter Bedeutung ist, daß es in Zukunft kaum noch irgendwelche Betriebe geben wird, für die kein Betriebsrat Besteht. Durch das Hilfsdienstgesetz wurden Arbeiter- und Angestelltenausschüsse nur vorgesehen für gewerbliche Betriebe mit mindestens 50 Arbeitern resp. Angestellten. Durch Verord mung der Revolutionsregierung wurde der Zwang zur Errich tung solcher Ausschüsse dann ausgedehnt auch auf nicht gewerbliche Betriebe und begann schon bei mindestens 20 Arbeitern oder Angestellten. Jetzt sollen Betriebsräte für alle Betriebe, Geschäfte und Verwaltungen des öffentlichen und privaten Rechts" errichtet werden, wenn insgesamt mindestens 20 Arbeiter Nr. 34 ganisationen, die ihre Existenz und Stärke im wesentlichen dem von ihnen gepflegten Angestelltendünkel verdanken, wollen natürlich verhindern, daß auch die Angestellten zu der Ueberzeugung gelangen, daß sie ihre Infereffen nur Hand in Hand mit den übrigen Arbeitnehmern vertreten können. Gewiß gibt es eine Reihe von Fragen, die nur eine der beiden Gruppen interessieren. Dafür trifft das Gefeß auch Vorsorge, indem den Angestellten eine ihrer Bahl entsprechende Vertretung im Betriebsrat gesichert werden muß. Auf jeden Fall muß, je nachdem ob Arbeiter oder Angestellte die fleinere Gruppe darstellen, ihnen ein Vertreter im Betriebsrat zugestanden werden und bei mindestens 50 vorhandenen Gruppenangehörigen zwei Vertreter. Ist eine Gruppe durch nicht mehr als zwei Mitglieder im Betriebsrat vertreten, so sind ihr außerdem ein bis zwei Ergänzungsmitglieder zuzubilligen. Fragen, die ausschließlich die Arbeiter betreffen, sind dann nur von den Ber tretern dieser Gruppe, Fragen, die ausschließlich die Angestellten betreffen, von deren Vertreter, eventuell unter Hinzuziehung der Ergänzungsmitglieder zu erledigen. Zu den Aufgaben, des Betricbsrats gehören aber eine große Reihe von Fragen, die über das Intereffe einzelner Gruppen weit hinausgehen und zweckentsprechend nur von der Gesamtarbeitnehmterschaft behandelt werden können. Dazu gehören insbesondere diejenigen Befugnisse des Betriebsrats, die eine ueberwachung der Geschäftsführung in Betriebe darstellen. Diese allgemeinen Befugnisse fönnen nur zwvedmäßig ausgeübt werden, wenn die Arbeitnehmerschaft geschlossen dem Arbeitgeber gegenübersteht und das Ausspielen einer Gruppe gegen die andere verhindert wird. ( Schluß folgt) Die Mütter der Zukunft Von Julius Zerfaß Das find die Mütter fchönrer Zukunft nicht, Die nur gebären, daß fie Liebe büßen, Und fo ins Joch der Dulder- Schwermut müffen, In hoffnungsarmer, ftumpfer Ehepflicht. Sie schwälen traurig wie ein Totenlicht Auch ihre Kinder werden Sklaven zeugen, Die fich der Fauft des Schickfals betend beugen Sich felbft im Lichte, finden fie fich nicht. Die Mütter ſchönrer Zukunft aber schauen Ilit tapfern Töchtern, freien, Itarken Söhnen, In Tage, die ihr Leid und Lieben krönen Und ihrem Leben goldne Tempel bauen.. Denn nur der Freiheit foll die Liebe frönen. Und keinem Gott, als ihrer Kraft vertrauen. und Angestellte beschäftigt werden. Nur für die fest Weltliche Schule und Religionsfreiheit! angestellten öffentlichen Beamten ist eine Ausnahme zugelassen, da für diese besondere Beamtenausschüsse errichtet werden sollen. Aber auch die Betriebe mit weniger als 20 Arbeit nehmern bleiben, wenn sie mindestens 5 Arbeitnehmer uit faffen, nicht ohne Vertretung, da für sie ein Betriebs. obmann zu wählen ist, der im wesentlichen dieselben Befugnisse hat wie der Betriebsrat. Soweit also überhaupt ein Bedürfnis nach einer gemeinsamen Interessenvertretung der Arbeitnehmer eines Betriebes vorhanden ist, wird diese durch das Betriebsratsgeset geschaffen. Nicht als Arbeitnehmer wer den angesehen diejenigen leitenden Personen, die auf Grund gesetzlicher Bestimmungen oder tatsächlich den Arbeitgeber gegenüber den übrigen Arbeitnehmern zu vertreten haben. Anstatt der bisher getrennten Arbeiter- und Angestellten ausschüsse soll für diese beiden Gruppen, das heißt für alle Arbeitnehmer eines Betriebes, ein gemeinsamer Betriebsrat gebildet werden. Diese Bestim mung wird nicht nur von den Arbeitgebern, sondern auch von einem Teil der Arbeitnehmerorganisationen, besonders von den Harmonieangestelltenverbänden, lebhaft bekämpft. Diese Dr Von Minna Lodenhagen. Der Kampf um die weltliche Schule ist der Kampf um den freien Menschen. Wir müssen ihn fämpfen, nicht nur gegen die prinzipiellen Gegner, sondern auch gegen die Unsicheren in unseren eigenen Reihen. Viele unserer Mütter halten die Religionsstunde für die einzige Erziehungsstunde in der Schule. Stellen wir Religion gleich Sittlichkeit, so ist das verständlich bei Müttern, deren Religion ein übernatürlicher Gottesglaube ist. ein übernatürlicher Gottesglaube ist. Ein Teil unserer Mütter glaubt aber auch an den erzieherischen Wert der Religionsstunde, trotzdem sie sich von dem Kirchenglauben frei gemacht haben; ja, sie berwerten in der häuslichen Erziehung den Glauben an Gott als eine Brücke zu den Seelen ihrer Kinder. Jahrzehntelang haben wir um die Befreiung der Kinder dissidentischer Ellern vom Religionsunterricht gefämpft. Jekt, da sie erreicht ist, ist der Erfolg ein geradezu fläglicher, geeignet, den Gegnern der weltlichen Schule Wasser auf ihre Mühlen zu liefern. Nur ein ganz geringer Teil hat die Konsequenz aus seiner Bekenntnislosigkeit gezogen, seine Kinder vom Religonsunterricht befreien zu lassen, und selbst in den Reihen der aufrechten Eltern be gegnet man vielfacher Befangenheit. 92r. 34 Die Gleich beit Neligion als Jnbegriff eines übernatürlichen Gottesglaubens hat ihre Quelle in der Hilflosigkeit des menschlichen Geistes gegenüber den erhabenen Erscheinungen im Weltall. Da, wo ihn das Erkennungsvermögen verließ, schuf sich der Mensch den Gottesbegriff. Mit der Entwidlung der Menschheit erfuhr dieser Cottesbegriff mannigfache Wandlungen. Der Mensch schuf sich Gott nach seinem Bilde und paßte ihn seiner Entwicklung an. Unsere Uvahnen beteten zu Gözenbildern; Göttern des Guten und Vösen, Produkte ihrer primitiven Kunst. Der moderne Der moderne Mensch bedarf dieser grobsinnlichen Veranschaulichung nicht mehr. Seine Seele ist auf die Seunst übersinnlicher Vorstellung eingestellt. Wir empfinden das als eine Höherentwicklung des Gottesbegriffes. War damit eine„ moralische Höherentwicklung" verbunden? Im letzten Kriege haben wir alle Brutalität der Urzeit in so und so vielfacher Wiederholung erlebt. Sie trat in der Urzeit grob und zügellos auf. Heute ist sie verfeinert und wohi organisiert. Das ist der Unterschied. Eine sittliche Höherent widlung hat also die Neligion im Verkehr der Völker nicht gezeitigt. Was von der Menschheit als Gesellschaft gift, trifft auch für den Menschen als Ginzelwesen zu. Der religiöse Sittenlose nicht nur im kriminellen Sinne ist durchaus keine seltene Erscheinung. Ich kenne Leute, die Lebensmittel im Schleichhandel erwerben, deren aufrichtige Gläubigkeit für mich außer Zweifel steht. Und ich möchte sie nicht zählen all die gläubigen Schieber. Der Zusammenhang zwischen Religion und Sittlichkeit besteht also nicht in dem Maße, wie angenommen wird. Der Glaube an sich löst feine Sittlichkeit aus. Es muß damit dás Sireben nach der Erlangung des göttlichen Wohlgefallens verbinden. Dafür ist sittliches Wohlverhalten Voraussetzung. Wer das Gute um des Guten willen lebt, fein sittliches Verhalten also nicht von der figierten Gottwohlgefälligkeit abhängig macht, der sollte seinen Kindern Sittlichkeit auf direktem Wege übermitteln können. Aus unserer eigenen Erfahrung sollten wir dabei lernen. Das Kind soll nicht erst, wie einst wir selber, in einen Himmel eingeführt werden, aus dem es später in die rauhe Wirklichkeit zurückgerissen wird. Im jungen Kindesalter ist die Seele des Kindes nicht auf das Uebernatürliche eingestellt. stellt sich den Gott, von dem die Mutter spricht, durchaus perfönlich vor. E3 Als meine vierjährige Nichte ein feines Vergehen( sie hatte es nicht begangen) nicht eingestehen wollte, fuhr die Mutter ih: * Feuilleton * Wenn der Mensch fich etwas vornimmt, fo ift ihm mehr möglich als man glaubt. Lobt froh den Herrn... Pestalozzi. ( Eine Anregung für die Umgestaltung der Fürsorgeerziehung.) Eine etwas ſonderbare Ueberschrift über einen Artikel- in unserem sozialistischen Frauenblatt, nicht wahr? Aber ich kann mir nicht helfen: Der Satz flingt mir trotz der dazwischenliegenden Zeit immer noch gleich lebendig- eindringtich, flagend und-mahnend im Ohre nach, daß er sich gleichsam bon selbst als Ankläger da oben hingesetzt hat. An einem strahlend schönen Augustsommertag vorigen Jahres war es. Da ging ich in fast lange verlernter Ruhe und Beschaulichkeit, von der Bahnstation V. kommend, die stille, menschenLeere Straße her auf die Knabenfürsorgeerziehungsanstalt S. in H. zu. Es wurde mir nach den gepeinigten Wochen der vorhergegangenen aufreibenden Kriegszeit einmal ganz wohl und leicht ums Herz in der betauten Morgenfrühe, zwischen den vollbeHangenen Wepfel-, Birn- und Zwetschenbäumen, die hüben und brüben die Straße einsäumten. In der Fürsorgeanstalt war schon längere Zeit ein feiner Anabe untergebracht, den ich s. 3t. während meiner Kriegshilfszeit auf unserem Rathause trotz des bösartigen Widerstandes einiger unfähiger, hirnbeschränkter Polizisten aus dem Sittchen" nach Hause zum Schlafen in einem richtigen Bette mitzunehmen burch gesetzt hatte und der dann der Fürsorge überwiesen wurde.. In dem etwa zwei Stunden von der erwähnten Anstalt entfernben schönen Streisstädtchen Sch. veranstaltete der Mhein- Mainische Verband für Wolfsbildung in jenen Tagen eine in ihrer Art feltene, schön verlaufene zehntägige Boltsakademie, wozu auch ich mich auf drei Tage eingefunden. 267 lebtes fchiveres Geschüß auf mit dem Hinweis auf Gott, der alles Höre und sehe. Worauf ihr das Kind prompt erklärte:„ Nun, so frage ihn doch, dann wird er dir schon sagen: nein." As unferes Nachbars Söhnchen gestorben war, fragte eins meiner kleinen Geschivister, ob der Sargträger der liebe Gott fei. Die Mutter hatte ihnen gesagt, der liebe Gott Hole das Kind zu sich. In nicht geringe Verlegenheit verfekte mich einmal mein vierjähriger Bruder, den ich als 18jährige mit in die Kirche zur Christseier genommen hatte. Nachdem er einige Minuten suchend umhergeblidt hatte, sagte er ganz laut:" In dieser Kirche ist der liebe Gott ja gar nicht; woll'n mal nach' ne andere gehen." Aehnliche Dinge wird wohl jede Mutter an ihren Kindern er= leben. Die Vorstellung vom übernatürlichen Gott erwirbt das Kind erst allmählich. Sie wird durch den Religionsunterricht in der Schule bis zu einem gewissen Grade iweiterentwickelt, unt dann, infolge der Widersprüche zu anderen Unterrichtsfächern allmählich zu verwischen, ohne vielleicht jemals ganz klar geworden zu sein. Tenken und Glauben geraten miteinander in Konflikt und wenn des Kindes Sittlichkeit im Glauben an Gott begründet wäre, so müßte sie im Augenblick des Konfliktes zusammenbrechen. Wie weit in einzelnen Fällen sittliche Entwurzelung zusammenfällt mit diesem Konflikt, läßt sich nicht feststellen. Von den Anhängern der religiösen Erziehung wird die bekenntnisfreie Ec ziehung mit dem Hinweis auf die sittliche Gefährdung bekämpft. Ist aber der Konflikt bei der religiösen Erziehung unvermeidlich und dadurch die Gefährdung möglich, so beweist das, daß die Neligion nicht die richtige dauerfeste Grundlage für die Sittlichkeit ist. Warum aber schaffen so viele Mütter ihren Kindern den Es fehlt Konflikt, trotzdem sie selber durch ihn hindurch mußten ihnen an einer leichtfaßlichen Form, dem Kinde ihre sittlichen Begriffe zugänglich und lieb zu machen. Der Gottesbegriff, in dem wir erzogen wurden, hat unsere selbstschöpferische Kraft ge= lähmt. Wir schaffen den physischen Menschen selbst und trauen uns nicht zu, auch seine Scele formen und bilden zu können. Zat zartesten, hilflosen Kindesalter gehört den Eltern, besonders den Müttern, die ungeteilte Liebe ihrer Kinder. Und sie verweisen diese Liebe, je mehr sie dem Stinde bewußt wird, an einen Gott, ins Ungewiffe. Ist das nicht widersinnig? Sollte man nicht bei der Natürlichkeit der kindlichen Seele auf diesem Grund aufbauen, aus der Liebe zu den Eltern gleichzeitig die Liebe zum Guten heranbilden können? Geben wir unseren Kindern nur Fleisch Wie hätte ich, auf diese Weise in die Nähe der Kindes gelangt, wieder nach Hause zurückkehren können, ohne den armen Hans einmal aufzusuchen? Nur wenige Menschen begegneten mir in dem kleinen, gleichnamigen Dorfe S., hinter dem die genannte Anstalt ganz im Grünen versteckt dastand. Unmittelbar vor dem Anstaltsgebäude lag ein sehr großer unbenutter Landstreifen gänzlich brach, bet dessen Ueberschreiten ich nicht umhin konnte, auszurechnen, wieviele arme Leute sich in dieser schweren, hungernden Zeit darauf Gemüse pflanzen und sich einmal salt daran essen könnten. Während ich vor lauter dichtbelaubten Hecken und Bäumen von der Anstalt selbst mich nichts weiter als nur eine graue Ralfwand durch das Grüne schimmern sah, schlug auf einmal der Gesang des als Ueberschrift dienenden bekannten Geßnerchen Liedes an mein Ohr. Unwillkürlich den Tönen nachgehend, stand ich plötzlich vor der weit offenen Türe einer kleinen Kirche, in der sich mir nun bei dem vollen Klang des Liedes ein unvergeßliches Bild darbot. Im Vordergrunde der Kirche ein Marienaltar, die Muttergottes mit ihrem Jesuskindlein auf dem Arme; beide streckten segnend die rechte Hand aus. Ringsum, wo sich auch nur noch ein ganz kleines Plätzchen dafür bot, vielfarbige Blumen und Gräser in Hülle und Fülle; das Ganze in seiner Gesamtheit eine überaus liebliche Harmonie. Im Hintergrunde aber auf einer Empore, blieb mein Blick dann so gebannt hängen, daß die Bracht im Vordergrunde im Nu um mich versant. Dicht gedrängt stan den da oben um ein Harmonium mit einem ganz jungen Lehrer oder geistlichen Anwärter davor etwa 20-30 Anaben im Alter von 8-13 Jahren. Barfuß, alle gleich die Köpfe geschoren, alle gleich in blauweiß gestreifte Kittel gekleidet, glichen sie einer Schar Gefängnissträflingen wie ein Haar dem andern. Als sich dann, wohl ob dem so äußerst seltenen Erscheinen eines Menschen aus der übrigen Welt hier in ihrer streng abgeschlossenen Stille, aller Augen scheu, aber in unverkennbarer Sehnsucht nach der Freiheit auf mich richteten, da ward mir ganz unbeschreiblich zu Mute. Da drinnen in der Brust wurde mir auf einmal so eng, fast förperlich web; mir war, als legte sich all das unansge 268 Die Gleich beit und Blut, geben wir ihnen nicht auch unseren inneren Menschen mit? Wir sind seelisch noch gar zu sehr befangen in der Unterwürfigkeit unter ein alles Menschliche überragendes Wesen. Er ziehung, Ueberlastung, Sorgen, haben uns gar zu lange unter diesem Druck gehalten. Run müssen wir uns frei davon machen. Nach besten Kräften müssen wir uns bemühen, die Lücken auszu füllen, die wir der vorrevolutionären Schule verdanken. Sich Surdhringen zu einer neuen Welt- und Lebensauffassung, das ist es, was uns nottut. Das Bekenntnis zum Sozialismus durch Erwerbung der Mitgliedschaft bei der sozialdemokratischen Partei tut's nicht. Een Sozialismus durchdenken mit aller Straft feines Hirns, um ihn zu erleben mit allen Fasern seines Herzens. Das ist's, was uns wurzelfest macht. In Rücksicht auf die Bedeutung, die die Genosfinnen für die Erziehung unseres Nachwuchses haben, ist gerade ihnen durch die Veranstaltung besonderer Belehrungsabende Gelegenheit dazu gegeben. Der Sozialismus macht nicht nur politisch, gesellschaftlich sondern auch geistig frei, Mütter, die sich wirklich zu ihm durchgerungen haben, werden die Erziehung ihrer Kinder in Haus und Schule auch auf natürliche Grundlage gestellt wissen wollen. Ein Religionsunterricht wirkt erzieherisch erst dann, wenn Der Lehrer es versteht, ihn mit dem natürlichen Leben in Verbindung zu bringen. Es ist ein Irrtum anzunehmen, der erzieherische Einfluß der Schule habe sich auf die Religionsstunde beschränkt. Jeder Unterricht wirkt belehrend und erziehend zugleich, vornehmlich Geschichts-, Literatur-, Naturgeschichts-, Geographie., Gefangunterricht. Bei Einschiebung eines besonderen Moralunterrichts würde es bei einer Kürzung dieser Fächer, wie bisher zugunsten der Religion, verbleiben. Er könnte aber doch letten Endes nur auf eine Zusammenziehung aller in den einzelnen Fächern enthaltenen erzieherischen Werte hinauslaufen. Andernfalls müßte er aufs neue in Gestalt eines Dogmas gegeben werden, und das wollen wir doch gerade vermeiden. Das Beispiel derer, die für unser neues Kulturleben gekämpft und gelitten haben, soll unsere Kinder zum Nacheifern anspornen. Ohne jedes Zwischenglied, in rein natürlicher Verbindung mit den Dingen( Naturlehre, Geographie usw.) und Menschen( Geschichte, Literatur), sollen sie selbst in ein natürlich- fittliches Verhältnis zu ihnen kommen. Das ist das Ziel der weltlichen Schule! Heber alle diese Unklarheiten, die auf diesem Gebiete noch herrschen, werden Schule und Haus am leichtesten durch Zusprochene Leid, das viele bewußte und unbewußte Weh und die geistige Mißhandlung und Mißachtung dieser jungen Kinderfeelen in seiner ganzen bleiernen Schwere auf das Herz. Und als nach einer fleinen Pause der Organist dann wieder anschlug: „ Es schall' empor zu feinem Heiligtume aus unserm Chor ein Lied zu seinem Ruhme da stieg es gallenbitter in mir auf: Für was sollen diese armen, von Menschen und Leben zertretenen, mit dem Stempel des Gezeichnetfeins für ihr Lebtag gebrandmarkten Kinder den Herrn Toben? Für was Lieder zu seiner Ehre fingen? Vielleicht dafür, daß er sie in solch elenden, sozialen Verhältnissen Mensch werden, an Leib und Seele vernachlässigt, unausbleiblich auf Abwege geraten ließ? Dafür, daß die andern, die in ordentlichen Berhältnissen aufgewachsen, ohne ihr eigenes Verdienst unversucht und wohlbehütet nicht auf Abwege gerieten, nichts Besseres wissen, als diese armen, bemitleidenswerten Kinder in diese einseitig- lieblosen Anstalten zu steden, die fie, genau wie die großen Entgleisten die Gefängnisse und Zuchthäuser, nur mit einem tiefen Stachel des Haffes gegen die übrige Menschheit und mit einem unsichtbaren, aber ebenso unabwischbaren Stempel der Menschen zweiter Klasse verlassen? Wo ihnen nur Vorschriften, Bang und Pflichten eingebläut, fie doch meist nur als nichtswürdige Teile der menschlichen Gesellschaft angesehen und be handelt werden, die die pharisäisch Selbstgerechten am liebsten ausrotten möchten? Ach, meine Sprache ist viel zu gering, meine Feder viel zu arm, um auch nur ein Tausendstel des großen Leides und gewalttätigen Unrechts zu schildern, was nach meiner innersten Ueberzeugung täglich, ja stündlich über diese ärmsten Kinder verhängt und an ihnen begangen wird. Hier in diesem einsamen, weit von dem großen Verkehr entfernten Dorffirchlein hat es mich geradezu überwältigt; die strahlende Sommersonne tat auf einmal meinem Auge weh und die mildlächelnde Madonna mit ihrem Kindlein auf dem Arme kam mir fast wie zu Stein gewordener Hohn auf all dieses, in seiner Größe und Tiefe erschütternde Unrecht an lebendigem, wehrlos- stillem Menschentum vor. T Nr. 34 sammenarbeit hinwegkommen. In gemeinsamer Aussprache zwischen Elternschaft und Lehrerfollegium wird so manches Vorurteil beseitigt werden. Die Echaffung von Elternbeiräten gibt dazu die beste Gelegenheit. . Bielsach bin ich in letzter Zeit unter bekenntnisfreien Ge nofsinnen der Auffassung begegnet, daß die Erklärung der Reli gion zur Privatsache in Widerspruch zu unserer eigenen Weltanschauung stehe. Das ist nicht der Fall. Wer sich zu unserer Weltanschauung nicht bekennen kann, den können wir durch keine Macht der Welt dazu zwingen. Jeder Versuch nach dieser Richtung wäre Terror. Als gute Demokraten müssen wir jedem Menschen Glaubensfreiheit zugestehen. Im Grunde genommen besteht auch zwischen den Menschen, die an die Grenze menschlichen Erlennens den übernatürlichen Gottesglauben sehen und denen, die in natürlicher Ehrfurcht vor Unergründetem dem menschlichen Geist unbegrenzte Möglichkeiten offen laffen, eine enge seelische Verwandtschaft. Beide Richtungen suchen das All auf ihre Art zu ergründen. Reines Wollen auf beiden Seiten vorausgesetzt, müssen beide gegeneinander duldsam sein. Daß das bisher nicht der Fall war, daran ist nicht der Gottesglaube schuld, sondern die menschliche Gesellschaft, die ihn zu eigensüchti gen 8weden mißbrauchte. Mit einem Gottesglauben in obigem Sinne unvereinbar ist die Herleitung gesellschaftlicher Einrich tungen, wie z. B. die der Monarchie, aus dem Willen Gottes. Dieser Mißbrauch zog weitere Sünden nach sich. Indem diese Gesellschaftsform sich aus göttlichem Willen herleitete, stellte sie dem geistigen Erkennen den Glauben überall da entgegen, wo sie sich durch Erkenntnis bedroht fühlte. Von den Kirchenfürften, die Kopernikus wegen seiner Entdedung, daß die Erde Kugelform hat, verfolgten, hat die Wissenschaft bis zur Regierung WilHelms II. mit mancherlei reaktionären Hemmnissen fämpfen müssen. Solche Zustände sollen mun überwunden sein. Die Kirche wird durch die Trennung vom Staat auf ihre ursprünglichen Aufgaben zurückverwiesen. Und wer sich nicht selbst die Feffeln einer Religion auferlegt, für den ist die Bahn geistiger Höherentwidlung frei. Darum haltet Guren Kindern diese Bahn frei, habt Vertrauen zu Euch selbst und helft die weltliche Schule aufrichten. Sie ist die Schule der geistigen Freiheit. Aus ihr sollen die Geisteshelden hervorgehen, die Deutschlands äußere Freiheit im geistigen Waffengang zurüderobern sollen. Diese Eindrücke konnte mir der nun auch nachfolgende, sehr freundliche Empfang der Anstaltsverwaltung, Direktor und Oberin, nicht verwischen. Auch nicht das Feststellen einwandfreier, förperlicher Pflege der Zöglinge, fauberer Schlafstätten. und das Vorhandensein eines Glases mit Zahnbürste neben jeder Waschschüssel.... Bon den Fenstern des einen Schlafsaales im dritten Stock hatte man einen wunderbaren Fernblick über die blauen Höhen des entfernten Bogelsberges, aber trotzdem fonnte ich in der Brust da drinnen das enge Gefühl nicht loswerden, denn alle Türen in der Anstalt waren wie in einem Gefängnis fest verschlossen. Lange sprach ich mit dem Direktor über die meist sozialen Aus einer peinlich Ursachen der Verwahrlosung der Kinder. geordneten großen Kartothek holte er die Personalien des fleinen Hans heraus:„ Hans... aus N. hat öfters seine Großmutter bestohlen las er u. a. bor. Was", sagte ich, von der wurde er ja zum Stehlen angehalten." Denn das wußte ich doch ganz genau; sah ich ihn doch früher immer auf dem Zimmerplats hinter meiner vorigen Wohnung, wie er nach 12 Uhr mittags, wenn die Zimmerleute fort waren, Späne aufzulesen geschickt wurde. Er war ein uneheliches Kind, der natürliche Bater Gott weiß wo in der Welt; die Mutter, die einen andern Mann geHeiratet hatte, war an der Schwindfucht gestorben, der zweite Vater im Kriege gefallen. Da ward er bei der Großmutter, die fich nicht sonderlich um ihn fümmerte, untergebracht. Von Natur aus ein fräftiger, intelligent- aufgewedter Knabe, berfiel er bei der schlechten, ihn meist sich selbst überlassenden Erziehung natürlich bald auf alle möglichen Ungereimtheiten. Seine Schul bücher legte er bald da unter einen Baum, bald dorthin an Straßeneden und Haustüren, einmal sogar an den Sockel des Bismarddenfmals in den Höchster Anlagen und ließ sie liegen. Da tamen sie natürlich fort und weil die Großmutter teine neuen faufte, fam er immer zu uns auf die Hilfskommission( Rathaus), durch welche in bedürftigen Fällen Schulbücher beschafft wurden. Damals schon ging mir das Echicksal des armen, fleinen Keris recht nah und es tat mir immer bitter leid, daß ich so arm war Nr. 34 Zur Sozialisierung Die Gleichheit der öffentlichen Wohlfahrtspflege IV. Die Fürsorge für die Kriegsbeschädigten. Eine ganz neue Klasse von Hilfsbedürftigen tritt hier auf den Plan. Als blühende, junge Menschen sind sie hinaus gezogen in den Kampf fürs Vaterland. Gebrochen oder zumindest geschädigt an Leib und Seele kehrten sie zurück. Man sieht es ihnen oft nicht ohne weiteres an, und die, denen man es ansieht, die eine äußerliche Verwundung davongetragen, ein Glied verloren haben, find manchmal günstiger daran, als jene anderen, die unterm Anschein äußerer Gesundheit den Schaden bergen, der am Mark ihres Leibes oder ihrer Seele zehrt. Wie oft sehen Schwindsüchtige, Herz- und besonders Nervenkranke so blühend aus, daß niemand sie für krank halten würde! Und wie oft wurde nicht mehr, aber auch nicht weniger als der Wille da draußen gebrochen und mit dem Willensvermögen das Können, die Arbeits- und Leistungsfähigkeit. Man kann keine organische Krankhaftigkeit an ihnen entdecken. Man schreibt sie 23 oder 34 erwerbsfähig, und wenn sie dann doch nicht arbeiten oder eine Arbeit rasch wieder fahren lassen, nennt man sie arbeitsschen und arbeitsunwillig. Die Menschen sind grausam gegen Willensschwäche und bergessen, daß fie unverschuldet kam, auch da, wo sie vielleicht in ererbter Anlage bereits vorhanden war.( Es soll gewiß nicht verkannt werden, daß solches Unvermögen auch leicht von minderwertigen und oft bösartigen Elementen vorgetäuscht werden kann und daß daher in manchen Fällen eine gewisse Härte der Beurteilung begreiflich wird.) Wir aber wollen uns daran erinnern, daß die Anlage zur Willensschwäche im normalen Verlauf friedlicher Tage bei vielen gar nicht zum Durchbruch gekommen wäre. Sie hätten in der Tretmühle des Lebens ihre genau vorgeschriebene Pflicht getan und wären ohne das erschütternde, alles aus den Fugen bringende Er lebnis des Krieges niemals entgleist. und es bei der herzlich wenigen Bezahlung kaum für meine eigenen Kinder reichte, sonst hätte ich den fleinen Hans längst au mir genommen. Es würde nun zu weit führen, sein nachfolgendes Echicksal bis zu seiner Unterbringung in die Fürsorge- Erziehungsanstalt hier zu erzählen und so fomme ich wieder zur Sache selbst zurüd. Während der Unterhaltung mit dem Direktor war es inzwischen Mittag und sehr heiß geworden. Durch ein weit offenes Ereppenfenster drang die Sonne ungehindert in den langen breiten Gang von roten Sandsteinplatten, wo vor einer Tür ein großer, schöner Schäferhund lang ausgestreckt in der Hike lag und dann und wann vor wohligem Behagen mit geschlossenen Augen leise vor sich hinknurrte. Als ich nun noch eine Weile so auf dem Gange stand und alle die verschiedenen Eindrüde auf mich wirken ließ, fam ein ungefähr 10-12 Jahre alter 8ögling vom anderen Ende des Ganges her. Scheu mich von der Seite ansehend, flopfte er leise an eine der vielen Türen auf dem langen Flur. Es wurde dann dieselbe etwa eine Hand breit von innen geöffnet und die schmale, falte Hand einer Schwester reichte einen Schlüs sel heraus, womit der Knabe ebenso lautlos wieder zurückging. Also find die Kinder in den Augen der„ frommen" Schwestern nicht einmal wert, in ihr Zimmer zu treten, sondern werden, soweit es nicht anders sein muß, vor und hinter den Türen abgefertigt. Nein, diese Anstalten mit ihrem Strafsystem sind nicht die richtigen Stätten, wo ein verwahrloftes Kind dem ordentlichen Leben zurüdgewonnen werden kann. Wo das ganze Verhältnis zwischen ihnen, den geistlichen Anstaltspersonen und den Zöglingen mur auf strafende Strenge und täglich mit dem Verlust der Freiheit neu zu büßende Schuld abgestimmt ist, wo den ganzen geistigen Lebensinhalt für den jungen, unfertigen, innerlich doch mit feinen verhängnisvollen, ererbten oder sonstigen im Blute liegenden Eigenschaften und Neigungen alleinstehenden und ringenden Menschen nur die„ Buße" für seine früher als Kind begangenen„ Sünden" ausmachen soll. Was wissen diese, zwischen lauter untadeliger, bürgerlicher Ordnung", einseitig- weltfremder 269 Zum andern wollen wir uns aber auch erinnern, daß wir diesen Kreuzträgern des Krieges damals, als die Wogen der Begeisterung hochgingen, den Dank des Vaterlandes gelobt haben und daß wir ihnen diesen Dank nun abtragen müssen. Die Zeit ist schlecht gewählt für solchen Dank. Ungeheures lastet auf uns. Diese Last muß aber trotz allem und allem zuerst getragen, diesen Opfern des Krieges muß zuerst geholfen werden. Das, was bis jetzt für sie getan wurde, genügt nicht. Zwar ist mancherlei in den Rentenansprüchen und Bezügen gebessert worden, aber viel mehr noch bleibt zu tun. Da ist einmal die Verbesserung der Behandlung und Beköstigung der noch lazarettbedürftigen Kriegsbeschädigten. Sie ist mancherorts angemessen, läßt an anderen Orten aber viel zu wünschen übrig. Dann muß die Bestimmung fallen, nach der den Kriegsbeschädigten die Rente auf den Lohn bzw. das Gehalt angerechnet werden kann. Diese Bestimmung umschließt eine durch nichts gerechtfertigte Härte und Ungerechtigkeit. Wie hoch auch der Arbeitsverdienst des einzelnen Kriegsbeschädigten fein mag: es ist zu unterstellen, daß er ohne die im Krieg erlittene Schädigung in seinem Beruf zu noch höheren Posten und Verdiensten hätte aufsteigen können. Aber selbst in den Fällen, in denen es sich um ungelernte Arbeiter handelt, darf. eine Anrechnung darum nicht eintreten, weil der Kriegsbeschädigte dauernd einer besseren Verpflegung bedarf, ist zu unterstellen, daß er frühzeitiger Ganzinvalide werden wird, als der dauernd gesund Gebliebene. Im Interesse etwa erforderlichen Berufswechsels und der entsprechenden Vorbereitung ist allerorten schon Erfreuliches geleistet worden. Hier ist zu fordern, daß der feinste pädagogische Taft, zusammen mit eindringender und umfassender Kenntnis der Gewerbe- und der Berufsaussichten, die sie eröffnen, die Kriegsbeschädigten berät und führt und in ihnen den Willen zum Leben, wie den Willen und das Vermögen zur Arbeit zu wecken und zu stärken weiß. Den Willen zur Arbeit! Man mag es wenden, wie man will: Arbeit, ehrliche, Von Seminar- und Klosterabgeschlossenheit und asketischer Entsagung menschlicher Lebens- und Liebensbegierde aufgewachsenen Men schen von dem wirklichen, dem natürlichen Leben? diefem grausamen, begehrlichen Leben, das im Rausch der Leiden schaften die Menschen einander zuführt, ein anderes Leben zeugen läßt und dann sich unverantwortlich von ihm abwendet! Wie können jene, die immer hatten, was sie brauchten, nachfühlen, wie so ein armes Kind dazu kommt, vom eigenen oder dem Hunger seiner Geschwister angetrieben, seine Hand nach fremdem" Gut oder besser gesagt, nach dem, was andere viel mehr besessen, als sie zur Stillung ihres Hungers brauchten, auszu strecken. Ich will durchaus nicht sagen, daß es nicht auch wirklich schlechte Eltern und Erzieher gibt, bei denen tatsächlich feine Kinder gelassen werden können. Auch nicht, daß es nicht sehr verftodie Kinder gibt, die nur schwer zu ergründen sein werden. Ich will überhaupt nicht vollendet sein sollende Vorschläge machen, denn ich maße mir gar nicht an, dies zu können. Aber ich habe die Empfindung, daß auch auf diesem Gebiete, das so weit, so wichtig und so eines neuen Geistes bedürftig ist, die Revolution nicht halt machen darf, sondern daß diese Anstalten, wenn ein Entfernen der Kinder aus ihrem vorigen Lebenskreise wirklich gar nicht au umgehen ist, gründlich umgestaltet und auf anderen als den bisherigen, humaneren, lebensverständlicheren Methoden aufzubauen find. Ueber das Wie maße ich mir, wie schon gejagt, keine Meinung an, dafür haben wir tüchtigere, mehr wissende, andere Männer und Frauen in unserer Bewegung. Aber daß aus diesen neuen Anstalten lebensfrohere und darum wohl unbestritten lebenstüchtigere Menschen hervorgehen, von denen wir jeden einzelnen in unserem neuen Staat bitter notwendig gebrauchen und der feine Stunde wegen seines Aufenthalts in dieser Anstalt auch nur einmal über die Achsel angesehen werden wird, davon möchte ich auch noch ein ganz fleines, bescheidenes Teil erleben. Marie Schleeh, Nied a. Main. 270 ie Gleich beit treue Arbeit ist die beste Medizin, ist der Quell, aus dem alle echte Lebensfreude entspringt und gespeist wird.„ Tages Arbeit, Abends Gäste. Saure Wochen! Frohe Feste!" Feste wollen durch saure Wochen verdient sein. So ist es schon, und daß es so ist, ist gut. Wessen Leben ein ewiger Ruhetag, ein ständiges Festen ist, der weiß nichts von der Süßigkeit rastender Feierstunden und Festzeiten. So soll die Heilkunst am Kriegsbeschädigten darauf gestellt sein, im Willensschwachen und Geschädigten den Willen zur Arbeit und die Freude an ihr neu zu pflanzen. Das ist eine ſchwere Aufgabe. Sie wird von vornherein unlösbar, wenn wir nicht die rechte Arbeit zu finden wissen. Wollen wir hier Erfolge erzielen, so müssen wir Arbeit aussuchen, die den KriegsbeschäSigten liegt. Am ehesten dürfte das der Fall sein bei all den Arbeiten, die den Menschen interessieren, bei denen er ein Ganzes entstehen und werden sieht, das ihm sein Entstehen verdankt.„ Daß er im innern Herzen spüret, was er erschafft mit seiner Hand." In der auf Arbeitsteilung eingestellten Fabrik ist das nicht möglich. Dort ist er ein kleines Mädchen in einer großen Maschine. Ein Rädchen, das nach dem Taft des ganzen Arbeits. chythmus, des einheitlichen Arbeitsprozesses eingestellt wird und abschnurren muß. Er darf weder später anfangen, noch friher aufhören als die andern. Er darf keine willkürlichen Bausen einlegen: er ist ein Kettenglied. Auch das muß sein und ist für den Gesunden ein heilsamer Zwang. Nicht aber für den Rranken und wäre er selbst nur frank an Willen. Darum fort mit dem Kriegsbeschädigten aus der Fabrik und hinein in die Natur. Ein Häuschen, ein Stückchen Garten- und Ackerland, Stall und Scheune mit Kuh und Ziege, Hühner- und sonstige Klein-. viehzucht. Land genug für diese Swede ist im deutschen Vaterland vorhanden. Hier wäre zu sozialisieren. Die Herren, die Tausende von Morgen Land haben, oft so viel, daß aus Arbeitermangel ganze Strecken brachliegen, sollen einen Teil ihres Besizes für Kriegsbeschädigtensiedlung hergeben. Hinzukommen müssen dann land- und gartenwirtschaftliche Der Kleine Das Schlußfest der Ferienspaziergänge war zu Ende. Ein löst Ficher Nachmittag von Kinderglück und Seligkeit rauschte eben nuter Jauchzen und Jubeln seine letzten Symphonien. Musik, Fahnenschwenken, froher Sang. Die heimkehrende Schar setzte sich in Bewegung. Wenige mur bleiben auf dem Festplak zurück. Es sind meist Kinder, deren Eltern oder größere Geschwister mit Ordnen und Aufräumen noch beschäftigt sind. Sie tummeln sich im Grase oder an den Turngeräten, ganz seliger Uebermut. Ein Kleiner löst sich aus ihrem lauten Gewühl. Ihn dünkt, er könne auf feinen zweijährigen Beinchen allein bestehen und glücklich, ob der ungewohnten Freiheit, taumelt er davon. Wie riesig weit ist doch die Welt für ihn. Was hat sie auch für wunderbare Dinge: Hier einen umgefallenen Stuhl, über den man flettern fann. Dort eine leere Schachtel, die zur Eisenbahn wird. Rasend schnell fährt sichs damit. Wohin? Immer im Streise herum, bis holderpaut der Eisenbahnführer im Grase liegt. Soll er nun weinen? Er weiß es noch nicht. Unschlüssig schaut er sich um, ob ihn niemand aufheben will, da streift sein Blick an ein Pferd, das vor seinen Wagen gespannt, geduldig auf seinen Fuhrmann wartet. Ein wirkliches lebendiges, riesengroßes Pferd. Bergessen ist die Eisenbahn und der jähe Sturz. Vergessen der Kummer, die weite Welt, alles. Eins, zwei, drei steht der Kleine auf seinen Beinchen und jubelnd schießt er auf den großen Gefellen zu. Knapp vor dem Pferde bleibt er stehen. Das neigt in instinktiver Bärtlichkeit seinen Kopf zu dem Kinde herab, was mit einem hellen Juchzer begrüßt wird. Ein vertrauensvolles Händchen streckt sich aus, das Pferdemaul nähert sich ihm. Unter wildem Freudengeschrei zieht der Kleine sein Händchen zurück. Dieses Spiel wird wiederholt, schier unzählige Male. Bis das Aermchen müde ist. Dann geht's ein Schrittchen näher heran. So ein bißchen Vorsicht scheint ihm doch geraten. Die Händchen auf dem Rüden, das strahlende Gesichtchen aufgehoben, das Röpfchen bald rechts, bald links brehend, beginnt er ein füßes Nr. 34 Unterrichtskurse, in denen dem künftigen Ansiedler das not. wendige Wissen theoretisch und praktisch beigebracht wird. Könnten alle dafür geeigneten Kriegsbeschädigten auf solche Weise untergebracht werden, so könnten wir nebenher wohl noch ein gut Teil unseres Eier- und Gemüsebedarfs aus eige ner Produktion decken und viele Millionen sonst ans Ausland zu zahlender Gelder im Inland behalten. Aber viel Wichtigeres noch könnte durch diese Art dec Kriegsbeschädigtenversorgung erreicht werden. Wer dem Kriegsbeschädigten ein Heim auf eigener Scholle gibt, so groß, daß es ihn neben seiner Rente ernähren kann, der gibt ihm die Möglichkeit zur Gründung einer Familie und damit zum Aufbau eines friedlichen Glücks, Seite an Seite mit einem treuen Lebensfameraden. Man kann die Bedeutung dieser Möglichkeit gar nicht hoch genug einschätzen. Nicht nur für den bis dahin heimat- und damit wurzellosen Mann, der sich zu seinem besseren Selbst zurückfinden und aus einent armen, mit sich selbst und der Welt zerfallenen Burschen zu einem fest in sich selbst ruhenden, fleißigen und frohen Menschen werden kann, sondern auch für die Frau. Damit rühren wir an einen gar wunden Punkt im Leben der Frauen von heute. So viele Hunderttausende von ihnen hat der grausame Krieg um jede Hoffnung auf Lebenserfüllung betrogen. Ehelos bleiben, auf persönliches Glück, auf das jedem Menschen eingeborene Geschlechtsrecht verzichten müssen, ist ihr hartes Los. Die trifft es am härtesten, denen Tradi tion und Erziehung unmöglich machen, solch Glück auf anderen Wegen zu suchen. Gibt man den Kriegsbeschädigten die Möjlichkeit der Heimgründung zusammen mit einer gewissen Lebenssicherung, so kann ebensovielen Jungmädchen das herbe Los der Lebensöde erspart bleiben und aus dem, was dem langsamen Untergang verfallen schien, wird neues Leben emporblühen. Das ist aufbauende Fürsorge und ihr zu dienen ist ein gutes Henr. Fürth. Ding. Geplauder, und das Pferd hört ihm verständnisvoll zu. Was schert sie der große Plak und die anderen. Sie beide verstehen sich und haben fich wichtiges zu erzählen:, bon süßem Brei und Haferförnern, von Kinderbeinchen und Pferdehusen, von jauchzender Seligkeit und Liebe. O, so großer Liebe, die in dem kleinen Menschenherzen und dem großen Tierherzen schlägt, warm, innig, zärtlich, die ihr Band herüber und hinüber webt und die beiden ungleichen Gesellen zu tiefer Freundschaft verbindet. Schon sieht es aus, als wollten sie sich küssen. Da freischt ein Weib herzu, padt den Meinen, reißt ihn zurüd, zetert entsetzlich und gibt ihm endlich ein paar Klapse hinten drauf. Das alles in einer jähen Minute. Zerrissen, zerschlagen die schöne Welt, die Liebe, die Freundschaft. Warum? Dem heulenden Kleinen wird feine Erklärung. Ein Trümmerhaufen liegt vor ihm und die erschreckte Mutter zerrt ihn darüber. Das Pferd schaut ihm traurig nach. Es erfaßt den Zusammenhang cher als der Kleine. Genau so wie die Mutter, macht es das Leben auch. Das wird er später noch erfahren. Aber dann hat er wenigstens Fäuste, die ihm helfen, die Trümmer aus dem Weg zu räumen. Frieda Rudolph- Staubik. Splitter Was ich nicht in der Liebe fand, Das drückte die Arbeit mir in die бand ,. Und sie nahm von mir der Einfamkeit Schmerz Und gab mir Troft für's verwaifte Herz. Ja! Wär mir die Arbeit nicht gewefen, Ich wäre nie und nimmer genelen, Ich hätte in Zweifels- Finfterniffen, In Geiftes- und Gewiffensweb Wie eine Blüte in Eis und Schnee Elend zugrunde gehen müffen... Walther Sturm. 9r. 34 Revolution des Geistes Ein Beitrag zur Menschheitserziehung Von Karl Diesel Die Gleich beit ( Schluß) Deutlich treten drei Hauptrichtungen zutage, in denen fich das deutsche Geistesleben der Gegenwart erstrect: außer einer solchen, die einen durchaus materiall- egoistischen Charakter trägt, eine rein mystische bzw. mystisch- ideologische Richtung ( die u. a. ihre äußerliche Kennzeichnung erfährt durch die zahlreichen spiritistischen Vorträge und Demonstrationen); die erste begünstigt durch die ungeheure Ausdehnung, die das anglo- amerikanische Imperium infolge des Krieges erfahren hat, während die zweite Richtung in der Hauptsache als Folge feelischer Depressionen anzusehen ist, die sich weiter Bevölkerungsschichten in den besiegten Ländern bemächtigt haben. Hervorgehoben sei noch, daß die materiell- egoistische Denkart feineswegs nur bei den fiegreichen Staaten zu finden ist; im Gegenteil, sie macht sich in auffallend starkem Maße auch in Deutschland bemerkbar. Die dritte Richtung endlich hat als Endziel einen flaren, bom Realismus der drei Zeitformen nicht abgetrennten Idea fismus aufgepflanzt; es ist die, um die es sich hier handelt, die weit mehr ist als bloke Zeiterscheinung, und die weit tiefere Spuren in der Menschheitsseele hinterläßt als jeweilige Modephilosophie. Diefer Drang nach einem flaren, gefestigten Ideal, wie er fich jetzt offener als früher zeigt, dieses aus innerster Notwendigkeit entströmende Sehnen ist ebensogut Folge der Revolution, wie es Folge des Krieges und der Zeit vor dem Kriege ist. Und es ist wahrhaftig fein müßiges Prophezeien, wenn ich sage, daß dieser Drang, dieses dem Herzen entquellende Bedürfnis nach innerer Festigung, diese heilige Sehnsucht nach der Reinheit und einfachen Größe einer tiefdurchdachten und geläuterten philosophischen Idee innerhalb gewisser Menschheitsgrenzen einen ganz außerordentlichen Untfang erreichen wird. Was sich jetzt in dieser Beziehung regt und offenbart, sind die Anfänge geistiger Revolutionierung, wie es die Folge jedes großen Umsturzes ist, der mehr umfaßt als das bloße politische oder wirtschaftliche Gebiet. Spuren, Andeutungen dieser ge waltigen Bewegungen zeigten sich bereits vor dem Kriege in der Kunst, denn mehr als alles andere ist die Kunst Hüterin und Trägerin der revolutionären Jdez. Eine festgegründete Wahrheit, die sich leider, leider nur der Menschheit nicht genügend in die Hirne gräbt. Es ist eine im Laufe der Weltgeschichte stets aufs neue bewiesene Tatsache, daß sich alle großen revolutionären Ereignisse zuerst in der Kunst ankündigten.*) Aber wie in der Politik die an sich weltBewegende, erste, revolutionäre Tat, also der unmittelbare Ausbruchsaft, das erste Aufflammen nicht das eigentlich Bedeutende und Wertvolle ist, sondern weit mehr die Berinnerlichung, die geistige Berarbeitung die wertvollste und eigentlichste Frucht der Revolution darstellt, 10 erfährt auch jede„ neue" Geistesbewegung nach mehr odec weniger langjan verebbendem Sturm und Drang eine außer ordentlich tiefgehende Verinnerlichung, eine Veredlung sonder gleichen, erst dadurch beweisend, daß sie daseinsberechtigt und lebensfähig ist und Früchte zu zeitigen vermag. Eins sei im voraus gesagt: es sollen an dieser Stelle( und nirgends sonst bei diesem Gegenstandel) Parallelen gezogen werden mit Erscheinungen unseres Zeitalters. Bei Vergleichen zwischen historisch Gewordenem und Gegenwärtigem wird in den meisten Fällen jenes zu kurz kommen, ja geradezu bernachlässigt werden, weil der moderne Geschmack" sich berechtigt glaubt, am Vergangenen stets Fehler zu finden, und weil er auf Grund seiner anders gearteten Anschauung das unmittelbar Wertvolle und dauernd Gültige und Wirkende nicht ohne weiteres aus dem Ueberlebten und Ueberholten herauszulösen vermag. Die Gegenwart hat die Fehler von * Ist das schließlich nicht auch ein Beweis für die innige Berquidung von Idee und Wirklichkeit? 271 einst ,, überwunden", darum rechnet sie sie doppelt hoch, wenn fie ihr aufstoßen; sie vergißt nur zu leicht, daß sie selbst auch wieder Fehler begeht, fie vergißt, daß Weltgeschichte nichts anderes bedeutet als Entwicklung, fie vergißt, daß das Vorangegangene in gewissen Bunften stets unvollkommener sein wird als das Augenblickliche. Wie gesagt: auf derartige Gegenüberstellungen soll hier keine Rücksicht genommen werden. Wir wollen vielmehr geraden Weges unserem Ziele entgegengehen: Schillers Geistesentwicklung und Lebensideen kennen zu lernen, um das Resultat als Maßstab für unser Denten zu gewinnen und zu verwerten. Aus unserer Bewegung Unterzeichnete hatte in der Zeit vom 6. bis 14. September im Bezirk Halle eine Reihe von Versammlungen, und zwar 4n Mückenberg, Falkenburg, Hohenleubisch, Bockwitz, Roßbach, Weißenfels, Bitterfeld und Halle. Mit Ausnahme von Halle und Weißenfels waren die Versammlungen sehr gut besucht. Die Rednerin sprach über die Pflichten und Rechte, welche die Frau im neuen Deutschland hat und gab Aufschluß über die Arbeit, die bisher von den Frauen in der Nationalversammlung geleistet worden ist. Und eine Fülle von Arbeit Harrt unserer Genossinnen in den Gemeindeparlamenten. Gerade als Frau und Mutter können sie in der Armen- nd Waisenpflege, in der Wohnungsfürsorge und Kohlenfrage segensreich wirken. Haben doch ganz besonders die Kriegsjahre gezeigt, daß alle Dinge in der Familie wie auch im öffentlichen Leben ebensosehr Sache der Frauen wie der Männer sind. Leider ist die Mehrzahl der Frauen politisch nicht so reif wie der Mann, darum ist es Pflicht unferer Genoffinnen, nicht nur Mitglied unserer Organisation zu sein, sondern zu ihrer Weiterbildung auch Leserin der„ Gleichheit" zu werden. Unsere Frauenzeitung wird ihnen stets mit Rat zur Seite stehen und sie über alle Fragen des täglichen Lebens aufklären. Eine so geschulte Genossin wird auch ihre Kinder im Geiste des, Sozialismus erziehen können und dadurch der Menschheit den größten Dienst erweisen. Denn nur die Jugend ist es, die unser sozialistisches Zukunftsideal verwirklichen tann. Der Erfolg dieser Verträge war, daß viele der anwesen. den Frauen Abonnentinnen der„ Gleichheit" geworden sind. Anna Simon- Brandenburg. Charlottenburg. Die feinerzeit in der Gleichheit" gegebene Anregung, innerhalb der Gruppen besondere Frauenabende eins zuberufen, hatte guten Erfolg. Unsere Bewegung hat bedeutende Fortschritte gemacht. Ein fester Zusammenschluß ist auch unbedingt nötig, nicht bloß unseren Gegnern, sondern auch unseren Genossen gegenüber. Es muß einmal offen gesagt werden, daß es die Männer noch immer nicht begreifen, daß wir nicht nur dieselben Pflichten, sondern auch diefelben Rechte haben. Und darum, Genoffinnen, weiter ans Werf. Maria Neumann. " Aus der Franenbewegung des Auslandes Streben nach besserer Mutterschaftsfürsorge in Amsterdam Jm Amsterdamer Gemeinderat reichten die beiden neugewählten weiblichen Mitglieder der sozialdemokratischen Fraktion einen Antrag auf gründliche Befferung der Sorge für Mutter und Kind ein. Es wird verlangt: Errichtung von Beratungsstellen in den verschiedenen Stadtteilen unter Leitung eines Arztes und gut ausgebildeter gemeindlicher Pflegerinnen. Errichtung einer gemeindlichen Zentraltüche zur Bereitung von Säuglingsnahrung, sofern und soweit natürliche Ernährung nicht möglich ist. Systematischer Ausbau der gemeindlichen Pflege und Aufwartung der Wöchnerinnen sowie der Versorgung des Haushalts. Zum Schluß wird gewünscht, ausdrücklich festzulegen, daß die geleistete Fürsorge in keinem Falle und in keinerlei Beziehung als Armenfürsorge betrachtet wird. Die Forderung auf Ausdehnung der Aufwartung und der Hauspflege bei Wöchnerinnen ist um so dringlicher, als es in Holland Landessitte ist, daß die Hebammen absolut nichts anfassen; außer nach der Geburt auch nicht das Kind baden. Dafür muß die besondere„ Verpleysterin" sorgen, die aber wiederum keinerlei Haus arbeit tat, sondern behoorlht" beköstigt und bedient werden muß. Paul Wolf. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckeret. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer m. b. S. sämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3 272 Die Gleichheit Nr. 34 Für Schwerhörige Leberflecke Haar- Technische- Werke D. R. G. M. ,, Margophon beseitigt unter Garantie ohne Schaden für die Haut in wenigen Tagen mein ges. ,, Lebral" gesch. Tausende Anerk. Kart. m. Zubehör M. 6,45 fr. durch Nachn. nur d. Karl Paesler, Berlin 42, f., Alexandrinenstraße 31. Stoffe für Damen- Kostüme Mtr. 20,-, 30,-, 40,-, 50, Herren- Anzüge Mtr. 50,-, 60,-, 70,-, 80, Tuchlager Koch& Seeland 6.m.b.H. Berlin C., Gertraudtenstr.20/ 21. Verkaufszeit von 8-2 Uhr. Spezialität Haararbeiten, Transformationen, Zöpfe usw. Haarfärb., blondier., Kopfwaschen, Ondulieren. wirkt verblüff. Beseit, Ohrgeräusche, nervöse Ohrenschmerz. Unnat. Grösse sichtb. beq. zu tragen. Preis 10 M. Margophonstäbch.1 Dtz. 4,00 M. Ausk. ums. MargonalCo., Berlin, Belle- Alliancestr, 32 Berlin W., Bülowstraße 94. Wie ein Wunder Zweiggeschäft: Schöneberg. Luitpoldstraße Nr. 35, Ecke Martin- Luther- Straße. 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