Nr. 40 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Pout bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,69 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart Berlin 22. November 1919 Zuschriften find zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplatz 14740 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Die Geldquellen des Reiches Bon Gertrud Lodahl, M. d. N. II. Die stachligste Blume auf dem Riesensteuerbeet ist unstreitig die allgemeine umfassteuer, die jede Ware belastet und die jeder Käufer im Preis der Ware zu bezahlen hat. Auch sie ist in ihren Anfängen bereits vorhanden gewesen, hat aber durch den Entwurf eine unge ahnte Ausdehnung erfahren. Wir Sozialdemokraten waren von jeher Feinde der Umsatzsteuer wie überhaupt jeder indirekten Steuer, und wir haben unserm Standpunkt dazu bei früheren Steuerdebatten stets dahin Ausdrud gegeben, daß Umsatzsteuern erst dann herangezogen werden sollen, wenn alle andern Möglichkeiten zur Deckung der Ausgaben erschöpft wären. Das ist jetzt eingetreten; trotz der Erbschafts- und Reichseinkommensteuer, die auf unser Drängen erhöht wurden, trok des Reichsnotopfers, das dieser Tage aus der Ausschußberatung dem endgültigen Entscheid der Nationalversammlung zugehen wird, wird das Steuerergebnis nicht so sein. daß es die zur Deckung erforderlichen Summen aufbringt, und wir müssen wohl oder übel der Umsatzsteuer unsere Zustimmung geben. Der uns vorgelegte Regierungsentwurf wurde allerdings von dem Ausschuß stark zerzaust; seine Wirkung sollte für die große Masse der Verbraucher abgeschwächt werden, und der ganze Entwurf wurde daraufhin in gemeinsamen Beratungen des Ausschusses mit dem Finanzministerium auf eine ander Grundlage gebracht. Die vorgesehene 5prozentige Abgabe beim letzten Umfaß ist fallen gelassen worden, die Stenera in einer Höhe von 1½ Proz. auf alle Waren, auch Lebens. mittel, gelegt, und von Luxusartikeln, darunter auch feineren Genußmitteln, werden wahrscheinlich 25 Broz. erhoben werden. Natürlich erhebt fast die gesamte Geschäftswelt, die irgendwie mit derartigen Luxusgegenständen zu tun hat, gegen die geplante Steuer den schärfsten Protest nd fündigt als Folge diefer Stener den Untergang der verschiedensten Industrien an, aber daran dürfen wir uns nicht kehren; dieses Lied haben wir jedesmal zu hören bekommer, wenn durch Steuern oder soziale Geseze die Industrien eine Belastung erleiden sollten. Die Erfahrung hat gelehrt, daß beispielsweise gerade seit der Zeit, in der die Industrie durch die soziale Gesetzgebung mit Abgaben verschiedenster Art konkurrenzunfähig gemacht wurde", ihr stärkstes Aufblühen zu verzeichnen ist. Weit schlimmer däucht es uns, daß wir die Umsatzsteuer auf alle notwendigen Bedarfsartifel legen müssen und nicht einmal die Lebensmittel verschonen können. Die unglückliche Finanzlage erfordert nun einmal auch dieses Opfer, und es trifft die Bevölkerung ficher weit schwerer als das Reichsnotopfer die vermögenden Leute. Dieses ist eine Vermögensabgabe, welche nach der Höhe des Vermögens gestaffelt ist und bei den höchsten Spitzen so ziemlich einer völligen Konfiskation gleichkommen soll. Eine Erleichterung wird allerdings dadurch geschaffen, daß nach dem Entwurf die Abgabe sich auf 30 bis 50 Jahre erstrecken kann, um nicht etwa Betriebe, in denen das Vermögen angelegt ist, durch plötzliches Herausziehen desselben stillzulegen. Trotzdem erwartet der Entwurf eine jährliche Einnahme von 2½ bis 3 Milliarden Mark, im ganzen etwa 50 bis 60 Milliarden, so daß er für eine Reihe von Jahren eine regelmäßige Einnahme für das Reich bedeutet. Zu diesem Reichsnotopfer gesellt sich die erhöhte Wertzuwachs steuer, die hauptsächlich den Kriegsgewinn erfaßt, der gar nicht scharf genug angepackt werden kann, weil er zum großen Teil in der un. fairsten Weise erworben wurde durch gaunerische, Ausbowerung der Not des Volkes. Nur schade, daß ein großer Teil dieses Kriegsgewinns sich aus purer ,, Vaterlandsliebe" über die Grenzen gerettet hat und für den deutschen Steuersädel nicht mehr erreichbar ist. Die Art der Steuererhebung wird es allerdings nach dem Versprechen Erzbergers ermöglichen, daß auch die ins Ausland geflüchteten Vermögen ihren deutschen Steuertribut entrichten müssen, und das Gesetz gegen die Rapitalflucht wird weiteren Verflüchtigungen hoffentlich ein Ende machen. Die Vergnügungssteuer und die Besteuerung der Mineralöle wird voraussichtlich die Reihe beschließen, und wir wollen wünschen und hoffen, daß die Berechnungen des Reichsministers der Finanzen einigermaßen stimmen werden und er mit dem Ertrag dieser Steuern den Etat der Republic bilanzieren fann. Es hat schon immer Steuerdrückeberger gegeben, und die während der Kriegszeit so sehr veränderten Begriffe von Moral und Sitte, von Recht und Unrecht, wird diese Art Leute auch nicht gewissenhafter gemacht haben. Dem trägt die Reichsabgabenordnung, ein Wert von fast 500 Paragraphen, Rechnung, indem es die Strafbestim mungen gegen Steuerhinterzieher ganz bedeutend ver schärft und den zum Teil neu zu schaffenden oder umzuändernden Finanzbehörden der einzelnen Steuerbezirke große Machtvollkommenheiten einräumt, um sich der Steuerbetrüger und der hinterzogenen Steuerobjekte zu bemächtigen. Steuerpflichtige Vermögenswerte, die nicht zur Steuer angemeldet sind, sollen von dem Finanzamt beschlagnahmt und enteignet, Besikgegenstände, die offensichtlich zu geringwertig angegeben sind, sollen von ihm zu dem angegebenen Preise übernommen werden. Außerdem werden hohe Geldund Freiheitsstrafen die Steuerdrückerei zu einem fo gefährlichen Geschäft machen, daß wohl nur ganz ausgefeimte Gauner sich an solche Betrügereien wagen werden. Bei aller Schärfe, die durch die Reichsabgabenordnung Gesetz werden soll, wird doch das menschliche Empfinden mit Leuten vorhanden sein, die um irgendeinen fleinen Vermögensvorteil zu erhaschen oder aus Unwissenheit fehlen; das beweisen i'e Milderungen, die bei geringfügigen Bergehen angewendet werden können. Außerdem erkennt aber die Reichsabgaben 314 Die Gleich beit ordnung als völlig neu in der Steuergeseßgebung das im Artifel 115 der Verfassung niedergelegte Recht auf Wohnung an, indem sie sagt: In Kleinsiedlungen, die der Schuldner bewohnt, ist, wenn der Schuldner ein Dentscher ist, eine Zwangsversteigerung oder Zwangsverwaltung nur mit Zustimmung des Schuldners zulässig." Die Versteigerung des kleinen Grundeigentums wegen Steuerschulden ist also nicht mehr zulässig. Unsere republikanische Verfassung spricht von der sitt. Tichen Pflicht jedes Deutschen, seine geistigen und körperlichen Kräfte so zu betätigen, wie es das Wohl der Gesamtheit erfordert.. Das ist, mit schönen Worten umschrieben, die Arbeits... pflicht. Sie würde aber wirkungslos bleiben, wenn wie bisher eine Reihe von Leuten auf Grund ihres Vermögens im füßen Nichtstun leben könnten und andere für sich arbeiten lassen. Die Steuergesetze werden hier hinter die ittliche Pflicht" die wirtschaftliche Notwendigkeit" sezen; die Wegsteuerung großer Bermögensteile wird die bisherigen Drohnen zwingen, ins Erwerbsleben zu gehen und ihre Zeit in nugbringender Arbeit anzuwenden. Das wird manchem nicht recht sein, aber auch die erwerbstätige Bevölkerung wird nicht gerade erfreut sein über die zu zahlenden Steuern; troßdem müssen. wir dem Steuerblumenbeet ein gutes Gedeihen wünschen, auf daß es die erhoffte Frucht bringe. Denn unser Neichshaushalt muß wieder auf eine gesunde Basis gestellt wer den, muß nach innen und außen gesichert dastehen, damit unser Wirtschaftsleben wieder erstarken und leistungsfähig werden kann. Daran mitzuarbeiten if jedes Deutschensittliche Pflicht, um mit der Verfassung zu reden, ebenso wie er zu allen öffentlichen Lasten nach Maßgabe der Geseze im Verhä! tnis zu seinen Mitteln beizutragen hat. Ea gilt, unserm Vaterland, unserer jungen deutschen Republik die Existenzmittel zu beschaffen und ihre weitere Entwicklungs. möglichkeit zu sichern. Hugo Haase Am 7. November erlag der Führer der Unabhängigen fozialdemokratischen Partei Deutschlands nach heldenhäft ertragenen Leiden den Verlegungen, die ihm am 8. Oftober vor dem Reichstagsgebäude die Schüffe eines unzurechnungsfähigen Querulanten zugefügt hatten. Hugo Haases Lebens. arbeit war dem Dienste des sozialistischen Ideals gewidmet und dennoch war er der Führer der Lostrennung der V. S. P. D. von unserer alten sozialdemokratischen Partei. Als ein liebenswürdiger guter Mensch wird er allen in Erinnerung bleiben, deren Weg er frenzte. Die U. S. P. D. berliert in ihm den besonnenen Berater, der bei allem Idealismus die harten Forderungen der Wirklichkeit nicht vergaß. Den politischen Bestrebungen der Frauen hat er stets mit warmem Verständnis die Wege zu ebnent versucht. Wie sich die Revolution vollzog III. Wenn sich in ganz Württemberg, speziell auch in der Hauptstadt Stuttgart, die Revolution am 9: November in so maßvollen Formen, man fönnte fast sagen, mit solcher Selbstverständlichkeit vollzogen hat, so hat das seinen Grund sicher zum großen Teil in der Tatsache, daß der schwäbische Boden so reich ist an revo= tutionären Geistern, an demokratischen Gedanken. Wer könnte wohl an der Akademie vorübergehen, ohne daran zu denken, daß hier der freiheitsdurstige Geist eines Schiller dem despotischen Wirken eines fürstlichen Tyrannen geopfert werden follte, Bis er fich fobri, feine Schtingen entfaltete und seinem empörten Goldne Zeit, du kehrelt wieder Von Robert Seidel' Mutterliebe, ewig treue, Stets zum Opferdienít bereit, Kindesliebe, immer neue: Ihr fchuft einft die goldne Zeit., Goldne Zeit, dein rof'ger Schimmer Fiel in tieffter Kerker Schmach, Fielt der Freiheit Sehnfucht immer. Treu bei allen Völkern wach. Freiheit, die zur knechtelosen Goldnen Zeit vom Mutterrecht Blühte auch dem ganzen, größen, Lebentragenden Gefchiecht. Mutter! Prieſterin vom Feuer, Königin von Haus und herd; Mutter! Heilig, göttlich, teuer War dein Wort im Rat geehrt. Mutter! Deine Töchter, Söhne. Bauten treu das Mutterland, Und durch Arbeit alles Schöne Schuf das Volk vereinter Hand.. Arbeit! Deine Schöpferfreude Ward zum Felt bei Sang und Spiel, Und die Jagd und Fischerbeute Allem Volk beim Mahl gefiel. Alle gleich und alle einig! Alle frei, kein Herr und Knecht! Goldne Zeit, wie warit du heilig, Deilig durch dein gleiches Recht! Goldne Zeit, du kehrelt wieder Durch der Frauen gleiches Recht; Goldne Zeit, wo alle Brüder, Alle Schweitern all' ein frei Geichlecht. Nr. 40 Zorn Ausdrud gab in den Räubern", der Dichtung, die heute noch ewig jung einen Rausch der Begeisterung auslöst in allen freiheitstrunkenen Seelen. Wer könnte durch Stuttgarts Straßen gehen, ohne der Männer zu denken, die in Wort und Tat in der Revolution von 1848 für die demokratischen Gedanken kämpften, eines Uhland, Pfau, Herms, Karl Mayer und vieler anderer. Auch als wir am 9. November von den waldigen Höhen Stuttgarts hinuntergingen in die Stadt, die so friedlich dalag im deren Geschichtsschreiber mein Mann geworden ist. Nun sollte goldenen Herbstessonnenglanz, dachten wir der Zeit von 1848, er selbst die Revolution erleben, für deren Vorarbeit er sein Leben hindurch gewirkt hatte. . Zunächst merkte man wenig von Unruhe. Die, Wahnen fuhren nicht mehr. Ab und zu trafen wir aufgeregte, berängstigt aussehende Menschen. Das änderte sich, als wir uns dem Innern der Stadt näherten. Da tamen Männer und Frauen in Scharen, leuchtenden Auges, das Haupt stolz erhoben. Sie sangen Freibeitslieder, sie trugen rote Fahnen und sie riefen einander zu: Der Krieg, ist aus!. Wir sind frei, endlich frei!" Auf den großen Plägen standen. unsere Redner und Jübel und Beifall ertönte fajt nach jedem Say, den fie sprachen. Das wird wohl. überall ähnlich gewesen sein. Darum will ich hier nur einige persönliche Erlebnisse bezichten. Als ich am Rathaus vorbeikam, stand der Oberbürgermeister auf dem Balfon, um geben von Parteigenossen, und schwenkte eine role Fahne. ging hinauf und fand im großen Saal eine Anzahl Gemeinderäte, bleich, ratios, zitternd. Auch Demokraten waren darunter und jie traten jest wieder recht anders auf und wollten alle Errungenschaften der Revolution für sich in Anspruch nehmen. Ich Vor dem Gewerkschaftshaus, wo der Landesvorstand sich treffen wollte, stand eine drohende, aufgeregie Menge. Bir laffen nicht auf uns schießen", riefen sie und zeigten auf eine Reihe Maschinengewehre, die in der Torfahrt des Gewerkschaftshauses standen, bewacht von einem Unteroffizier. Troh, meiner Abneigung gegen Schießwachen trat ich an ihn heran, um wady dem Sed der Maschinengewehre zu fragen Aber, Genoffin Nr. 40 Die Gleich beit Blos," ladite er mich an, die hent- mile doch ebe aus'm Baischaus geholt un entlade." Ich schlug ihm vor, bie Maschinengewehre audrehen mit der Mündung nach dem Sof, um feinen falschen Berkacht zu erweden. Er tat es mit Hilfe einiger Soldaten. In der Sizung wurde berichtet, daß überall die Demonstrationen ruhig verlaufen waren, daß allgemein der Aufforde rung gefolgt werde, die Fahnen einzuziehen, die Schilder Der Heftieferanten abzuschrauben, dfefflappen und Rofarben vie Seitengewehre abzulegen. Wir gingen noch nach dem Schloß. Se interessierte uns body, was mit dem viclgeliebten gerra bon Württemberg, von dem man fich erzähtte, daß er wie einst jein Vorfahre, Eberhard mit dem Barte, jedem Untertan fein Haupt in den Schoß legen lönne, geschehen sei. Bon dem Schloß weḥte Die zote Fahne. Das Ministerium Liesching, das der König eben meu bestätigt hatte, war bei ihm, ats die Menge eine Deputation at ihm fchickte mit der Forderung der Abbanfung und der Eingichung der Königsstandarte. Nach kurzem Zögern gab er nadj. Bo waren all feine Getreuen, wo die Hofgesellschaft, die sich bei ihm gemästet hatte, wo die Mutertanen, die sich gerühmt hatten, Saß er ihnen fein Haupt in den Schoß legen" föune? Treulofer war wohl niemand als das Hofgeschmeiß, das auch heute wieder mit monarchischer Gesinnung haufteren geht. Nelu Latei, fein Untertan dachte daran, dem alten Manne beizustehen. Widerstand zu Leiften wagte nur der Befehlshaber der Wacje, ein junger Theploge. Er befam ein paar Hiebe, war auch das einzige„ Opfer", das Die Revolution in Stuttgart gefordert hat und fein„ blutiges"! Am Nachmittag war wieder Sigung im Landtagsgebäude und Die neue Regierung sollte gebildet werden. Meine Gefühle kann ich kaum mit Worten schildern, als plöglich von allen Seiten mein Mann zum Ministerpräsidenten ausgerufen wurde. Stola ezfüllte mich, daß gerade er das allgemeine Vertrauen genoß, daß dieser alte Vorfämpfer der Revolution nun die Krönung feiner Bebensarbeit erleben follte, aber auch namentoser Schmerz. Beldje Last, welche verantwortungsvolle Arbeit in seinem Alter! In seiner bescheidenen Art lehnte er ab. Aber wieder und wieder trat man an ihn heran, und so entschloß er sich zu dem großen Opfer, das die Annahme dieser Stellung für uns beide bedeutete. Wenn es dafür eine Genugtuung gibt, so die, daß an seinem siebzigsten Geburtstag fich alle Württemberger, ausgenommen notürlich die Unabhängigen, einmütig dahin erklärten, daß dieser flugen abgeflärten Persönlichkeit es das Land zu danken hat, wenn das Staatsschiff nur bisher einigermaßen glatt durch die Wogen der Revolution gleiten konnte. * Feuilleton * Des Lebens Mühe lehr' uns allein des Lebens Güter Schätzen. Revolution des Geistes Mom Carl Diesel IV. Goethe. cnn wir mun aber unser geistiges Berhältnis zu 34 23 Fünftigen Revolutionen irgendwelchen Ursprungs und irgendwelchen Charakters festgelegt wiffen wollen, so ist es vorher von Notivenbigkeit, zu erfahren, wie wir zu den Um ftürzen stehen, die wir miterlebten und deren Wirkungen wir noch in einer gewiffen Saltlofigkeit ausgesetzt sind, Tofern wir den Salt nicht in uns finden. Bevor wir uns fremden Ridjtlinien onvertrauen, die von einent unbekannt ten Ausgangsort nach einem unbekannten Ziel führen( fo hat es wenigstens den Anschein1), gilt es festzustellen, auf welchen Piaben wir der Tragödie der Gegenwart entgegen. geführt wurden. Und wieder werden wir dabei die feffende Beobachtung madjen lönnen, baß in der politischen Revolution die Forderung nach geistigen Zielen verborgen fit, mit anderen Worten: reales Wirfen und ideales Wollen ineinander verfähnoljen find, bak jebes von beiden fruchtbringens mir möglich ift derrch die Mitwirkung des anderent. Wie flegan noch inmitten fich findlich verjaylebender Er eigniffe, die tote mit umso größerent Rochie dls bloßes Late nelejehen betrachten mulicu, ole he die unmittelbaren Fort fegungen cines unmittelbaren Ausbruches bilden und ne 315 Gleich nach der Bildung der Regierung stellte sich der General von Ebbinghaus mit feinem Offiziertorps zur ufrechterhotang Ser öffentlichen Sicherheit zur Verfügung. Während die provi fcrische Regierung, die sich aus Mehrheitsfoglalisten and unab hängigen zufammenfekte, den ersten Aufruf an das Würstem bergische Boll berioste, erschienen gwei Landwehrleute, die einen Schein zum Schuß und freien Geleit für den abgejezten stönig verlangten. Sie erzählten, daß er ganz vertaffen wäre und daß fie, die auf dem Boden der Revolution ständen, ihn nach feinent Privatschloß Behnhausen bringen wollten. So forgien doch noc) Männer aus den Woll für Württembergs geliebten gezen", der freilich wenigen zu Leid, aber auch wenigen zu Freud regiert hat. Run strömfen eine Menge Menschen in das Landtagsgebäude, mit glühenden Wangen, leuchtenden Augen. Jeder, uste etwas Besonderes zu erzählen. Freunde umarmten fich. Beinde ver föhnten sich. Ich dachte an den schönsten Sag von Beethovens seunter Symphonie, das Quartett mit Schillers Worten: Alle Menschen werden Brüder", und an die alte Neberlieferung, daß Schillers 2teban die Freude" ursprünglich Lied an die Frei heit" gelartei hätte. Wie herrlich erschien mir dieser Tag, der uns die Erfüllung so vieler aller Forderungen brachte: Einfüh rung der Republit, allgemeines, gleiches, direttes und geheimes Wahlrecht zu allen politischen Körperschaften für sämtliche über 20 Jahre alten Staatsangehörigen ohne Unterschieb des Geschlechts und so vieles andere. Das bedeutete für uns Frauen noch eine besondere Genugtuung. Vor allem aber die Forderung schleu nigsten Friedensschlusses, brüstung und Auftöfang des stehenden Heezes. Das bedeutete ein Ende des Wölferntordens, Heimfehe jo bieler Lieben. War es ein Traum, war's Wirklichkeit, all bas große Grieben biefer Stuben! Freilich, in dem Raufdh der Begeisterung badjten wir nicht daran, daß die Revolution in Teutich tends fdjidiotsidyveriter Statade gefommen war. Besiegt, nieder gebrochen, gebeinütigt mußte unser Bolt werden, um endlicy za Der Grfemminis zie kommen, daß es stark genug ist, fein Geschic selbst in die Hand zu nehmen, daß es fich allzu lange hatte mißTeiten baffen. Auf die Blätenträume des 9. November ist mancher Reif gefallen. Die Menschen sind noch nicht Brüder geworden, nicht einmal die Arbeiter, die die Brüderlichkeit auf ihr Bannier geschrieben haben. Auch in Stuttgart ist seitdem Blut geflossen, aber es muß gesagt werden, daß es meist feine schioäbischen Gle mente sind, die die Uneinigkeit hierher gebracht haben. Der alte schwäbische Geift ist ein gut demokratischer Geift, durchtränft von mit Mühe ein Anhalten, ein beftinliches Verweilen des Geistes gellatten. Darum aber handelt es sich eben: daß der Geist Klarheit gewinnt über das physische Geschehen. Nod) wichtiger ift es, daß er dasselbe beſtimmt. Anders und positiver au gedrückt: jeder Umsturz auf politischem Gebiet müßte das Ergebnis reiner Gedankenarbeit fein, also nichts anderes als das notwendige Produkt anbanernder geistiger RevoTutionen in den Köpfen der Menschen. Das ist vorläufig noch ein Ideal,-es jel ausdrücklich betont: ein Ideal, feine Utopie!- aber fehrreich ist es doch, festzuhalten, wie diefem nur von den beften Köpfen gepflegten Ideal in Deutschland des alten Regime entgegengewirkt wurde, Das Deutschland bis zum neunten Robember war trotz feiner Lebendigfeit, feiner toictihaftlichen Beweglichkeit, seines als jo gesund bezeichneten Ausdehnungsdranges, feiner unerhörten Leistungen auf den Gebiete der Tecmit, der Chemie, ein erstarrendes Land. Oder, da das Wort zu viel fagt aid falfche Auffassungen hervorrufen fann: ed wor ein in den Hypnofezustand beriektes Land. Es lag im Banne Tausender von Herrisch- kalten Augen, die, um mit Ganghofers Frontpatriotismus zu reden und gleichzeitig Siefe ganze Periode ju fennaeiden, gefchmolzener St" isaren und aus denen das abfolute Invermögen sprach der Welt, den großen Bolke große Ideen zugänglich aut mothen, große been überhaupt nur zu begreifen. Vor Lautendea gefträubter Schaumibärte gitterte eine Nation, aus der tig Riefengeffatten eines Beethoven mud Badh, eines Dürer, elites Schiller und Goethe erwachsen find, Menschen, decen gewaltig geniales Schaffen sie über alle Zeiten emporhebt. 315 Die Gleich beit utalfes Kultur. Nicht umsonst wurde zur Feier der württem bergischen Verfassungsannahme im Landestheater das Drama des Schwabendichters, Schillers Wilhelm Tell", aufgeführt. Mit seinen zündenden Worten löste es jubelnde Begeisterung aus. Wehmütig aber flang die Mahnung des sterbenden Attinghaus in den Jubel:„ Seid einig, einig, einig!" Werden wir es lernen, einig zu sein, damit ter Frost nicht alle Blütenträume des 9. Nobember vernet? Anna Blog, M. d. Beibehaltung der Frauenreferate Fräulein Dr. Lüders, Mitglied der demokratischen Fraktion der Nationalversammlung, ist wiederholt schriftlich und mündlich für die Beibehaltung der sogenannten Frauenreferate eingetreten. Die Frauenreferate sind seinerzeit infolge des Gesetzes über den vaterländischen Hilfsd enst bei den Kriegsomthaupt- und nebenstellen eingeführt worden. Sie hatten die Frauenarbeitsmelde- und-beratungsstellen sowie die Fürsorgevermittlungsstellen zu organisieren und zu überwachen. Das Kriegsamt in Berl'n hatte als Zentralbehörde ein entsprechendes Frauenreferat, dem ein nationaler Ausschuß für Frauenarbeit im Kriege übergeordnet war. Die Frauenreferate hatten weibliche Arbeitskräfte für die Arbeiten zu gewinnen, die bis dahin von Männern geleistet worden waren, die für die Front freigemacht werden sollten, für Industrie- und Bureauarbeiten in Heimat und Etappe. Aus dieser Pflicht leiteten die Frauenreferate bre fozialen Aufgaben her: Schutz der arbeitenden Frauen durch besondere Vorkehrungen, Fabrikpflege usw., Erleichterung der bausfraulichen Pflichten durch entsprechende Fürsorgeeinrichtungen. So hatten sie für Unterkunft und Verpfle gung in das Kriegsgebiet, die Etappe oder in Industrieorte abgewanderter Frauen, für Unterbringung und Erziehung ihrer Kinder zu sorgen. Sie haben auf Grund dieser Aufgaben, wie das damals militärischer Brauch war, in alles hineinregiert. Wie Ludendorff die Kriegsbeschädigtenfrage vom Standpunkte des Endsiegs behandelte, so sic die Kindergärten. Wo sozial gesinnte und geschulte Frauen faßen, da Zu ihnen bekennt fich mir eine Gemembe; bei jenen anderen steht die Vielheit des Volfes, die sklavisch das erste der Gebote zu erfüllen bemüht war: nicht zu denken! Denn Nicht- Denken war im wilhelminischen Deutschland unbedingte Pflicht. Der Geist, alles Eigenleben. jedes Per jönlichkeitsgefühl, der den meisten innewohnende Drang nach Selbständigkeit wurde auf die ich möchte fagen: rafft nierteste Weise unterdrückt, erstickt, uniformiert. Der Drang unserer Zeit an sich, der verwärtszwingende Wille, das neue Seelenleben", der Geist der Unterneh mung"( um mit Kari Lamprecht zu reden) findet dadurch feine Berurteilung; das würde ja starr- fonservatives Festhalten am überholten Alten, würde& indseligkeit gegen jede Entwicklung bedeuten und wäre unvereinbar mit unferen Zielen. Wohl aber wenden wir uns gegen die trostlose Leere des Geistes, gegen dieses Hohle Produkt einer äußerlich so glanzvollen Kaiserz.it. Man lefe Heinrich Manna Der Untertan". In einem solchen Lande konnten sich Gedanken über die wahre Freiheit, den reinen Staatsbegriff, den notwendigen, aber noch nicht zur Tatsache gewordenen Zusammenhang von dem zur Bersönlichkeit gewordenen Individuum mit dem aus dr Freiheit erwachsenen und gebildeten Stoate nur auf Schleichhandelswegen entwickeln. Denn:„ Dent Gängelnden und Gegängelten, den zeitlichen Herrschern und * E3 versteht sich von selbst, daß diese Anklage nicht alleis gegen Deutschland gerichtet ist. Sie gilt anderen Staaten ebenso, in erster Linie natürlich denen die dank ihren überaus ent' widelten imperialistischen Tendenzen nicht dazu kommen, inner halb ihrer Grenzen eine Innenfultur" zu schaffen. Man verzeihe diesen Ausdruck, der jedoch das Richtige trifft. Mr. 40 ging es, das war aber feineswegs überall der Fall. Geschah die Auswahl der Referentinnen doch durchaus nicht immer nach fachlichen Gesichtspunkten, sondern nur zu oft nach den politischen Ne gungen des militärischen Systems und nach persönlicher Empfehlung durch höhere Cffiziere und Beamte. Mit Schaudern denkt man an manche etappenreisende Re ferentin. So ist es erklärlich, daß nicht, wie Frl. Dr. Lüders ausführt, die me sten Ober- und Regierungspräsidien sich auf eine Rundfrage nach dem Nutzen der Referate sehr entschieden für ihr Fortbestehen ausgesprochen haben, sondern daß die Meinungen hierüber geteilt waren. Zweifellos. haben manche Frauenreferate durch planmäßige Zeitung der privaten Wohlfahrtspflege und der öffentlichen kleinerer Gemeinden Nützliches geleistet. Ihrer Beibehaltung in der Uebergangszeit, die das preußische Staatsministerium beschlossen hat, steht daher nichts entgegen. Der Zweck der Frauenreferate ist allerdings mit dem Frieden weggefallen, und die fürsorgeriscen Ausgeben, die geblicben find, müssen in ganz anderem Geiste getan worden. Die Kriegsanits. fabrifpflege läßt sich z. B. n'cht mit dem Geist des Betriebsrätegeleges vereinbaren. Das wird bedingen, daß den Frauenreferaten neue Stichtlinien für ihre Tätigkeit geg ben werden, und daß an manchen Stellen ein Personenwechsel stattfinde. Bei Erörterung der ganzen Frage aber darf man nicht außer acht lassen, daß die Nevolution eine Neuregelung der. gesamten Wohlfahrtspflege bedingt. Frl. Dr. Lüders spricht schon aus, daß die private Fürsorge nicht mehr in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erfüllen, weil sie unter den heut gen Verhältnissen an Geldmangel leidet. Die private Wohlfahrtspflege follte im neuen Deutschland überhaupt ihre Rolle ausgespielt haben. Die ganze Politik Deutschlands muß und wird auf einen Ausgleich in den Besitz- und Vermögensverhältnissen hinzielen. Nur solange d'ese Politik in den ersten Anfängen steckt, ist es angängig, doß sich die Wohlfahrtspflege darauf stüßt, daß Vermögende No'leidende nach eigenem Ermessen freiwillig unterstützen. Mit der beut gen Auffassung von Menschenrecht und Menschenwürde den ihnen knechtisch Ergebenen ist ihre reine Einfachheit naturgemäß verbaßt."" Wie konnte fich unter folchen Umständen das Volk- ich spreche absichtlich nicht von der groß n Masse"! in diese Probleme geistig einarbeiten, einfühlen, einleben, dereit nachhalt afte Erörterung und Berlebendigung zu seinen unbedingten Dafeinsnotwendigkeiten gehören müßte? Es wird. ihrer ja faum bewußt, ihm waren nur unbestimmte Ahnun gen und Empfindungen und Shnsüchte zu eigen, die, in falsche Bahnen und zu trügerischen Zielen gelenft, fich aus wuch'en zu pofitiven Irrtümern, zu törichten. ewig schwanlenden Meinungen, und die in ihrer Gesamtheit mit zum Schuldfaktor wurden an der grausamen Torheit des entsetzlichsten aller Kriege. Wie hätte sich bei den gegebenen und hier flüchtig gefannzeichneten Verhältnissen ein Volk mit den Auswirkungen, den weittragenden Folgen, ja überhaupt auch nur mit den Bedingungen und den aus der Geschichte überkommenen. historisch n Forderungen eines Ereignisses beschäft men tönnen, das damals in unendlicher Ferne zu liegen schien, an das zu denken gleichermaßen Utopie und Verbrechen war? Ist doch sogar der Partei, die ja im Gedanken des Revolu tionären wurzelt, der Ausbruch überraschend genug ge kommen! Und wie endlich sollte immer unter Berücksichtigung der dame13 obwaltenden Verhältnisse ein Wolf endlich befähigt sein, darüber nachzudenken, daß Revolution n folcher Art, mit folchen grauenhaften Auswichsen, Belei. Alexander von Gleichen- Rußwurm in seinem Buche Di Schönheit". Erschienen bei Julius Hoffmann, Stuttgart. Nr. 40 Die Gleich beit verträgt sich das nicht. Alle Arbeitenden müssen ein ausreichendes Erwerbseinkommen haben. Arbeitslose, Kranke, Invaliden müssen auf Grund gesetzlicher, der öffentlichen Kontrolle unterliegender Bestimmungen unterstützt bzw. der Heilung zugeführt werden. Die Armen- und Jugendfür forge, Mutter- und Säugl ngsschuk, Tuberkulose- und Trinkerjürsorge, um nur die wichtigsten Gebiete herauszugreifen, müssen aufgebaut werden mit dem Ziele der Gwährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle", wie d'e neue Verfassung sagt, und mit dem Ziele der körper. lichen und fittlichen Gesundung unseres Volfes. Solange Deutschland fein Volfsstaat war, mag die Behauptung richtig gewesen sein, daß die private Wohlfahrtspflege erhalten werden müsse, weil sie besser als der Staat neue Wege sozialer Hilfe finden könne. D'e Bureaukraten des alten Regimes mögen dazu allerdings unfähig gewesen fen. Für sie war die soziale Fürsorge in der Regel nur diktiert durch die Sorge um d'e Militärtauglichkeit der Refruten und die Angst vor der Sozialdemokratie. Aber schon die Leistungen der Städte haben gezeigt, daß die Unter schägung der Tätigkeit öffentlich- rechtl cher Körperschaffen auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege unberechtigt ist. Heute liegt es auch im Staate ganz anders. Die Arbeiterschaft w.rd in den nächsten Jahrzehnten ausschlaggebend im Barlament und dam't auch in der Regierung sein. Ihre Vertreter kennen die Nöte des Volfes und werden ihre erste Aufgabe in deren Linderung sehen. Die noch zu schaffenden Arbeiter und Wirtschaftsräte, besonders der Reichswirtschaftsrat. hoben Gelegenheit zur iozialpolitischen Initiative, die ja auch jedem einzelnen verbleibt. Es soll ja kein Monopol geschaffen werden, sondern was geleistet werden muß, soll allgemein geschehen, unfer Kontrolle der Oeffentlichfelt, wozu es der gesézlichen Regelung und staat! cher Durch staatl'cher führung bedarf. Die deutsche Verfoffung fogt im Artikel 9. dok, soweit ein Bedürfnis für den Erlaß einheitlicher Vorschriften vorhanden ist, das Ne'ch die Gefeßaebung über die Bob'fahrtspflege hat. Die deutsche Nationalversammlung wird sich digungen, Beschimpfungen, Entehrungen der menschlichen Würde sind, wenn ihm nicht offenbart wird, daß much die größten und schwerstiegenden staatlichen Umwälzungen unblutig durchzusetzen sind. wenn Vernunft und Herz walten! Wie fcllte es in seiner Gesamtheit und bei einer derartigen bewußt und systematisch durchgeführten Verödung des Geistes den himmelweiten Unterschied zwi den Revolutionen und Revolutionen erblicken, und feststellen können? Alles das wird schwerlich misverstanden werden. Denn. es ist das System, das ich charakterisierte; ein System, das es sich mit rücksichtslosen und zum Teil verbrecherischen Mitteln angelegen se'n ließ, die menschliche Verdummung nochdrücklichst zu fördern. Und bei diesem Bestreben fand es Menich bleibt Mensch!"- willige Elemente zahlreich - ,, Menich genug, die sich ihm zur Verfügung stellten. Und es hatte in der Tat der Fortschritte genug zu verzeichnen, um zur Fortsetzung einer derartigen Stulturpolitik" dauernd angeregt zu werden. Es ist mir Klar, daß alles, was in diesem Stapitel g: jagt, wurde, eine ausfüh lichere und schärfere Darstellung ver dient; ich gebe eine zusammengedrängte Stizze, weil im Rahmen des gewählten Themas nicht Raum ist für Schil derung n historisch- politischer Art, fifr Erörterungen soziologischen Charcfters. Nichts anderes soll bezweckt werden, als daß sich die Leserin ein Gesamtbild zu schaffen in der 2ge ist von den Verhältnissen und Zuständen vor dein Kriege, als daß ihr ein Ausblick gegeben wird auf die mannigfachen Momente, die in mehr oder weniger unmittelborer Weise mitwirkten an dem großen Ereignis". lieberprüft sie das Ganze noch einmal, fiat sie ihr eigenes Erinnern, ihr persönliches Erleben und Fühlen hinzu, das 317 demnächst mit einem entsprechenden Rahmengesetz befassen, so daß es zu einer einheitlichen deutschen Wohlfahrtsgesetzgebung kommen wird. Die materielle Lösung der Frage steht her nicht zur Diskussion, wohl aber die organisatorische. Wahrscheinlich werden Wohlfahrtsämter entstehen, die nicht, wie die Frauenreferate, die Zusammenarbeit privaler und öffentlicher Wohlfahrtspflege Teiten, sondern die Wohlfahrtspflege selbst ausüben sollen. Dam't werden die Aufgaben der Frauenreferate und diese sclbst überflüssig. Bei den Wohlfahrtsämtern sollen nicht besondere Frauenreferate geschaffen werden, sondern Sachreferate, die vont noch Sachkenntnis und Erfahrung ausgewählten Perfönlichkeiten geleitet werden, gleichgültig ck Mann oder Frau, wo es sich nicht um besondere Spezialgebiete handelt, die, wie z. B. die Fürsorge für sittlich sehr stark vorkommene männliche Personen, am besten Männern, oder, wie z. B. die Fürsorge für Säuglinge, Kleir" nder und gefährdete Mädchen am besten Frauen überlassen werden. Gerade hier könnte e'nmal der Anfong gemacht werden mit einer wirklichen Gleichberechtigung der Frau, indem man davon ab? und int fieht ein poor Stonzessionsschinn: in übrigen behalten. eine rein männliche Beamtenschaft beizuD'e Träger der eigentlichen Wohlfahrtspflege mässen die Organe der Selbstverwaltung, die Städle, Gemeinden und Kreise sein. Bei ihnen sollten die Wohlfahrtsämter errichtet werden. Nach der Demokratisierung des Gemeindeund Kreiswahlrechts werden bei ihnen der Wohlfahrtspflege am ehesten Hilfskräfte aus allen Volfskreisen zugeführt wer den können. Hier können sie auch am chesten den jeweiligen örtlichen Bedürfnissen angepaßt werden. Ob eine Zufammenfassung dieser Wohlfahrtsämter noch Regierungsbezirken oder Provinzen stattfindet, hängt von der Neorganisation der preuß schen Verwaltung ab. Da wahrscheinlich die Negierungsbezirke aufgelöst und den Provinzen eine stärkere Selbständigkeit gegeben wird, wäre es am ziveckmäßigsten, wenn für Aufgaben, die von den Kreis- und Gemeindewohlfahrtsämtern n'cht gelöst werden können, 1hr in diesen Tagen das Sjerz bewegte, und zieht sie vor allen Dingen vergleichsweise heran, was ich in den voran g.gangenen drei Kapiteln g sagt habe, dann wird sie von selbst zu einem Schlusse kommen, der sich in seiner zwingenden Logik allem tatsächlich Geschehenen vollkommen anpaẞt: Die deutsche Revolution Fonnte fein geistig durchdachtes Werk, fonnte nicht das praktische Ergebnis vorangegan gener theoretischer Erörterungen sein. Und noch weniger war zu erwarten, daß das Volk in seiner großen Mehrheit Klarbeit und Uebersicht besaß über die großen ethischen Richtlinien, die zu jeder gewaltigen stactlichen Unnvälzung führen und wiederum. wenn sie gelungen ist, von ihr mit größerer Intensität ausstrahlen;- daß es die Erkenntnis besak: 23 ist Menschheitsaufgabe. die Revolutionen der ..praktischen" Tat, des politischen Mordes, einzuwandeln in solche des Geistes. Der Weg zu seinen großen Geistern, bei denen es diese Erfenntnis hätte finden können, war berramm: It von In differenz und Machtdünkel.... ( Fortsegung folgt) Mut haben! In einer Parteiangelegenhei' tußte ich heute einen Genossen besuchen. Die Schwester desselben, eine shmpathische Ersche:< nung, bittet mich, einzutreten. Sie führt mich in die gute Stube und entschuldigt sich mit Hausfrauenpfl chen, ihr Bruder würde gleich kommen. Mit Muße betrachte ich mir das peinlich saubere Zimmer. Häkeldecken liegen fein fruber auf der Kommode und dem altväterlichen Sofa. Inzwischen fonnte ich feststellen, daß es 318 Die Gleich beit Brovinzialwohlfahrtsämter gebildet würden, die gleichfalls von den Organen der Selbstverwaltung ausgehen. Also nicht staatliche, Frauenreferate aur Bufaninienfaffung und Leitung öffentlicher und privater Wohlfahrtspflege, sondern neben dem Arbeitsrecht auch ein Wohlfahrtsrecht und planmäßige Organisation der Wohlfahrtspflege muß im neuen Deutschland geschaffen werden. C Hedwig Wadjenheim. Aus unserer Bewegung Clara Settin ist von einem schweren Unfall betroffen worden. Sie stürzte vor ihrem Hause ieder und zog sich einen Blutergus ins Gehirn zu. Wir wünschen und hoffen, daß die Heis Jung schnell voranschreitet, damit Frau Zetkin bald wieder i alter Frische für die internationale Arbeiterschaft tätig fein fann. Kinder im Gefängnis. Nun 23. Oftober hielt Genoffe Dr, Caspari in Haverlands Festfoten in Berlin einen Vortrag über Jugendinohlfahrt und Jugends zedjt. Was uns da Genoffe Caspari vor Augen führte, war furcht bar, mich hat dieser Vortrag tief erschüttert. Tausende von Kindern zwischen 12 und 14 Jahren, so führte der Bortragende aus, fommen jährlich ins Gefängns wegen Bergehen, und meistens vegen Eigentumsvergehen. Ist das nicht ein Sohn auf die GeJellichaft, die Kinder hungern und frieren läßt, and wenn fie fich dann etipas zufchulden tommen lassen, te dann ins Gefängnis fedt; und da sollen die Kinder nun gebessert werden. Aber es ist ja gar nicht wahr, im Gefängnis tann man keine Kinder bessern. Das geht ja schon daraus hervor, daß 74 Broz, wieder rüdfällig geworden sind.) Da müffen ganz andere Wege eingeschlagen werden; und die große heilige Blicht unferes neuen Deutschland muß es sein, auallererst an die armen verwahrlosten Kinder zu denken. Da dürfen feine Mittel gescheut werden; Denn was der Staat Gutes an der Jugend tut, wird hundert, ja tenfendfältige Frucht tragen. Sozialismus ift in die Tat umgesezte Menschenliebe. Alle Menschen, die ein fühlend Herz in Der Bruft haben, müßten Sozialisten fein, müffen es werden annejichts so vielen Kinderelends. Jeber Bater, jede Mutter milßte ihre ganze Kraft dazu hergeben, um mitzuhelfen an der Befeiti gung der Zustände, die schuld daran sind, daß man Kinder ins Sie sich in dem Großvaterstuhl, in dem mich die Schwefter genötigt hatte, gut ausruhen läßt und fühlte mich von der ganzen Eine xichtung angeheimelt. Gine würdige Matrone tritt ins Zimmer ein und bietet mix ein herzlich Willkommen. Etwas Mütterliches strömt von dem Wesen dieser alten Frau aus. Ich acte bet ihr das Gefühl des Geborgenseins. Sie fragt mid) nadj dem Stand der Partei, Leser der Zeitung. wie die Versammlungen Besuch find, nad) Genoffen, die alt und grau in der Bewegung geworden sind, und durch das Fragen zittert leicht ein Ton: Sind fie alle treu geblieben, mit denen ich einft jung geschafft? erzählt mir von den Tagen des Sozialistengesetzes, von ben bielen Drangfalen unserer Partei. Ein Schimmer des Grids übersicht die sorgendurchfurdhte Gefichtszüge der alten Stämpferin, ats fie fich längst vergangener Tage erinnert. Blögtid bricht fie ab, schaut mich lange still an und spricht:" Sie haben fid) auch diefer gerechten Suche zur Verfügung gestellt. Meine Mädchen erzählen oft von ihnen, loenn sie aus den Bersammlungen kommen, und ich freue mich immer, wenn ich höre, daß fie junge Genoffin Sen Mat Haben, dem Volt die Wahrheit zu sagen. Ja ntte Frau tann ja nichts mehr nühen." Das löst mir die Sunge, idy preche von meinen inneren Erlebniffen, wie mein Herz fi auflehnte gegen den fürchterlichen Bruderfampf und es nicht Berstehen wollte, daß Brüder jidy fo bekämpfen fönnen. Jaj spreche Savon, wie ich mich auch durch dieses bardigerungen habe un mein Verstand die Entscheidung mit trifft; spredje auch dabon, doff gang im Innern manchmal eine Stimme der Berzagtheit fidy regt. Da spricht sie einfach und sagt: Lassen Sie sich nie enmutigen, unsere Sache ist gut und wird siegen. Nur zur Jungen müßt mehr Mat und Selbstvertrauen zeigen, bann inertet ihr das Werk zu Ende führen." In eindringlichen Worten legte die alte Genoffin auseinander, wohin es denn Yommen follic, wenn die Genossen muitos wiirden, die bisher die #artet nach außen vertreten hälen und wünschte von Sorgen, bimmer mehr sich der Partei hoidaten joltten, Damit wir mit Nr. 40 Gejängnis teden tann. Man möchte tausend Jungen haben, um es eindringlich jeden Menschen fagen zu können: helfe mit, habe ein Herz für die Tansende von Proletarieclindern, die durch Die Verhältnisse dazu gebracht werden, gegen die Gefeße zu fündigen; Helfe mit, daß die Verhältnisse so werden, wie lie eines freien Staates würdig find. Die Rinder sind unsere Zuunit, und die große Maffe sind die Profetarierkinder, da hat der Staat das größte Interesse, diese Kinder zu brauchbaren Menschen zu erziehen. Es gibt ja keine bornehmere Aufgabe als ble, den jungen Nachwuchs zu brauchbaren Gliedern der Gefellschaft zu machen. Unsere Genossen und Genoffinnen in den Jugendämtern haben ein dankbares Feld der Betätigung, und fein Genosse oder Genossin follte, fidh abhatten taffen, als Helfer oder Helferin mitzuarbeiten. Genosse Cospari sagte: wir allein fönnen es nicht schaffen, wir brauchen Setser und Helferinnen, Genofsinnen und Genossen, stellen wir uns alle in den Dienst Dieser großen Sache, daß es nicht mehr möglich sein fann, bay man Kinder ins Gefängnis bringt. Eines nur war sehr zu bedauern, daß die Ausführungen des Genossen Caspari nicht vor Tausenden von Menschen gemacht werben tomaten. Und wenn es zu machen geht, müßten sich große öffentliche Versammlungen mit dieser Sache beschäftigen. Das kann unsere Jugend von uns berlangen. Mathilde Splied. Welb, bu warbft frei, Haft Pflichten zu erfüllen, Denn du bist Mutter tommender Gejdylechyter! Wer Liebe jäen darf und Sehnsucht frillen, Der macht das Leben schöner und gerechter! An diefe herrlichen Worte von Ludwig Leffen dachte ich, ala id) als Witglied des Bevölkerungsausschusses der Landesversamm lung an einer Besichtigung des Krüppelheimes in Dahlem teilnahm. Wie viele unglüdliche Menschen leben dort in der Anitati, die doch alle auch ein Anrecht an das Leben haben. Welch eme große und schöne Aufgabe bietet sich hier dem Staat, all diese unglücklichen Menschen wieder für die Allgemeinheit zu retten. Der leitende Brofeffor zeigte uns, wie mit Hilfe von Technik und Wissenschaft die armen Krüppet wieder zu vollwertigen Menschen herangebildet werden können. Wie stoly waren die faft Geheilten, daß sie nun wieder auf eignen Füßen stehen, in Zukunft mehr Zuversicht in die Zukunft bliden tönnen. Ihren Worten entitrömte eine Wärme und ein Vertrauen zur Partei, daß ich bedrudt fühlte, nur einen Augenblick an dem hohen Ideal des Sozialismus gezweifelt zu haben. Diese furze Stande hat mir fo unendlich viel geschenkt, hat mich reich gemacht, und mögen die Stürme im politischen Leben toben und brüllen, ich halte es mit ber alten Genojin: Nie enimutigen lassent"( HeRoffianen, fernen Sie alle daraus: Mehe Mut und Selbstver Anna Nähe. trauen, dann geht es vorivärts. Winterlaat In des Kornields kahl Gebreite Tiele Furchen zieht der Pilug. Weißer Nebel hüllt die Weite, Büllt den Wald in Schleiertuch. Tur der Landmann noch beim Säen, Steht, vom letzten Licht umloht, Und ein schreiend Volk von Krähen bebt fich fcheu ins Abendrot. Hus dem bunten Spiel der Zeiten Wird uns letzte Weisheit hund, Lehrt uns ftill die Hände breiten Ueber mütterlichen Grund. ( Hua Klara Hüller- Jahnke, Gedichte, Prete 7,50 h. Verlag: Buchhandlung Vorwärta Patti Singer G. m. b. P., Berlin s@.68, Lindenir. 3). Dr. 40 Die Gleichbeit 319 für ihren Lebensunterhalt selber sorgen können und nicht mehe dem Staat zur Last fallen brauchen. Freudig, begrüßten wir deshalb folgenden Antrag des Professors Dr. Schloßmann im bevölkerungspolitischen Ausschuß: Die verfassunggebende Preußische Landesversammlung wolle truppel und der kriminellen Jugend und zeigte sich außerordentlich beschließen: hiermit umfaßt ist. Genossin Schöfer rollte die einzelnen Zweige der Wohlfahrtspflege, Armen- und Waisenpflege, Vormundschaft, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, die Fragen der Schulärzte. ** Schulspeisung und Schulpflegerinnen auf. Sie gedachte ber die Staatsregierung zu ersuchen, so rasch. wie möglich der ... verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung einen Geschentwurf vorzulegen, nach dem. den unbemittelten Krüppeln unter 18 Jahren öffentliche Fürsorge gewährt wird. liter. öffentlicher Fürsorge versteht der Ausschuß: a) rechtzeitige Auffindung der Krüppel; b) Behandlung heilbarer oder besserungsfähiger Krüppel; c). Berufsausbildung der Krüppel entsprechend ihrer Arbeitsfähigkeit; d) Apstaltsunterbringung für solche Krüppel, die ihrer bedürfen. Gegen den Antrag stimiinten drei deutschnationale Herren, darunter auch ein Pfarrer: Das ist sehr zu bedauern, da man in Preußen bis jetzt ganze 10 000 Mt. im Haushaltungsplan für Zwede der Krüppelfürsorge vorgesehen hat. In allen anderen Staaten ging man schon 1914 Preußen voran. In Bayern hat man jür eine staatliche Anstalt 2 Millionen Mark und einen Staatszuschuß von 77 932 Mt. bereitgestellt. In Oldenburg ist die Krüppelfürsorge durch das Gesetz vom 7. Dezember 1910 verstaatlicht worden. Die Thüringischen Staaten haben sich für die Zwecke der Krüppelfürsorge zu einem Verein für Krüppelfürforge in Thüringen" zusammengeschlossen. Die Staatsbeihilfe besteht hier in Zuschüssen zum Pflegegeld. In Braunschweig hat die Landesvertretung einmalig 200 000 Mt. bewilligt. Gegenüber diesen Leistungen steht Breußen wieder an letter Stelle. Wir Frauen der Landesversammlung müssen unsere ganze Kraft dafür einsehen, daß die Frattionen den Antrag des Professors Dr. Schloßmann einstimmig annehmen. Lina. Ege. München. Am 1. und 2. November fand hier im Gewerkschaftshause eine Frauenkonferenz für Oberbayern, Schwaben, Landshut und Pfarrkirchen statt. Die Konferenz war sehr gut beschickt; das Interesse der Genossinnen war sehr rege. Genossin Juchacz überbrachte die Grüße des Parteivorstandes und wünschte der Konferenz, besten Gefolg. Genoffe Nimmerfall hielt das erste Referat: Die Frau: in der sozialdemokratischen Ora ganisation." Diese Ausführungen waren auf die Verhältnisse in Bayern besonders zugeschnitten. Er sagte u. a.:„ Fürs erste habe uns das Frauenwahlrecht vielleicht geschabet; im Reichstag, im Landtag, in den Gemeinden säßen wahrscheinlich mehr Sozialisten, wenn die Masse der Frauen ihre Zeit schon begriffen hätte. Er erklärte es für bedauerlich, daß in die Gemeindeparlamente so wenig Frauen gewählt wären. Für das zweite Referat:„ Mutterschutz und Muterschaftsversicherung" hatte sich die Organisation Luise Schröder aus Altona, M. d. N. hergerufen. Betrachten wir den Ruf an die Genossin aus dem hohen Norden als ein gutes Omen für einträchtiges Zusammenwirken im ganzen Reich. In ihrer ruhigen, fachlichen und menschlich so warmen Art führte die Genossin Schröder die Teilnehmer in das große Gebiet der Bevölkerungspolitit. Der Wert der Frau als Mutter muß im Staatsleben anerkannt werden. Das höchste Glück der Frau, die Mutterschaft, ist oft die größte seelische und förperliche Qual; ganz besonders letbet die. uneheliche Mutter. Es müssen nicht nur die geschriebenen, sondern auch die ungeschriebenen Gejebe geändert werden; es gilt, den Kampf gegen Borurteile und überkommene Ansichten. Auf diesen Grundsäßen wurzelten in, reichem Maße, die angeführten. Tatsachen aus der Geschichte der älteren und jüngsten. Mutterschaftsbewegung und die gut durchdachten Vorschläge für die Gesetzgebung. Die Reiche wochenhilfe jei nur ein Mittel, nm vorübergehend die ärgste Not der Mütter zu lindern; der künftige Reichstag muß eine Mutterund Familienhilfe schaffen. Ob das in Form einer Versicherung geschieht oder durch eine allgemeine gestaffelte Steuer, fann heute nicht gelöst werden. Grundjab für fünftige Arbeiten aber müsse sein: Jeder Mann und jede Frau müssen dem Einkommen gemäß für Mutter- und Fa= milienhilfe zahlen, alle Mütter und Sinder follen gleichmäßig ilfe erhalten. 2. Genoffin Dr. Schöfer sprach über„ Kommunale und soziale Frauenarbeit". Es wurde den Zuhörenden bei diesem Vortrag. im ganzen Umfange Hlar, welch ein ungeheuer großes Gebiet 1 gut informiert auf dem Gebiete der Wohnungspflege und-aufficht, der Fürsorge für Gefährdete und der Erziehungsanstalten. Sie zeigte an der Hand eines reichen Materials nicht nur das ganze Elend der Gegentrart, sondern bewies auch dabei weiten Blick für die Arbeitsmöglichkeiten der Zukunft. Das vierte Referat hatte die Genossin Ostler aus Penzberg. Der Vortrag bildete eine wertvolle Ergänzung zu den Ausführungen der Genojfir Dr. Schöfer. Sie berichtete über ihre zehnjährige soziale Tätigfelt. Sie zeigte, wie für sie aus den kleinsten Anfängen der Selbsthilfe unter den Frauen der in Penzberg lebenden Bergarbeiterschaft bedeutende soziale Arbeit geleistet worden ist, die weit über die Grenze des Ortes bekannt und anerkannt wird. Man möchte wünschen, daß die Ausführungen der Genossin Oftler, die so ganz aus der Praris geschöpft waren und in wun derbar klarer Weise vorgetragen wurden, allen unseren Genofsinnen bekannt würden. Sämtliche Vorträge entfachten eine äußerst lebhafft und fachliche Aussprache. Der große Wert dieser Konferenz ist auch darin zu suchen, daß die Leitung der Organisation und die Genossinnen untereinander einmal einen Ueberblick erhalten haben, wie intensiv- schöpferisch die Frauenbewegung für Nordbayern ist. Ueber die Fraut und ihre Stellung in der Republik" sprach die Genossin Juchacz- Berlin, M. d. N., in einer sehr gut besuchten Frauenversammlung Montagabend int Thomasbräu. Genossin Juchacz erzählte von den Leiden und der Rechtlosigkeit der Frau, die dank der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das Erwerbsleben hineingezogen wurde. Das hatte eine große Uniwälzung im ganzen Geistes- und Seelenleven nicht nur der der Sozialdemokratie nahestehenden, sondern auch der bürgerlichen. Frauen zur Folge. Ihre rege Anteilnahme und die soziale Milarbeit während des Krieges hat die öffentliche Meinung für ihre politische Freiheit vorbereitet. Jetzt haben sie seit einem Jahre das Recht, zu mählen und gewählt zu werden. Sie können bei allen Gesezen, die speziell für uns Frauen von so großer Be= deutung sind, ihren Einfluß geltend machen. Folgen Sie, so schloß die Rednerin unter reichem Beifall, Ihrem sozialen Triebe, Dann haben Sie mehr vom Leben, als wenn Sie nur den egoistischen Trieb, nur für die engere Familie zu sorgen, verfolgen. Mit dem Verstand und mit dem Gefühl müssen wir arbeiten für die Allgemeinheit, dann schaffen wir für uns und unsere Kinder. Zum Schlusse verwies die Referentin auf die Notwendigkeit der Stärkung der Parteipresse und des Frauenorgans,„ Die Gleichheit". Mitteilungen Zur Beachtung. Der Parteivorstand hat den Bezirksorganisationen drei Broschüren für die Zwecke der Frauenagitation angeboten. Es ist. erstens die Broschüre Schuh unseren Frauen und Müttern". Die Broschüre enthält in überarbeiteter Form den Vortrag, den die Genossin Adele Schreiber auf der sozialdemokratischen Frauenkonferenz in Weimar am 16. Juni gehalten hat. Die Broschüre ist ihres Inhaltes wegen für Funktionärinnen, Referentinnen und zum Vorlesen an Frauenabenden sehr zu emp= fehlen. Dasselbe ist der Fall mit der zweiten Broschüre Frauen arbeit und Frauenorganisation. Es ist dies das Referat gleichen Namens, welches Genossin Gertrud. Hanna ebenfalls auf der Reichsfrauenkonferenz gehalten hat. Die erste Broschüre ist von den Organisationen zum Preise von 46,50 Mf. pro 1000 zu beziehen, die zweite kostet 42 Mr. Finanzschwache Kreise fönnen sie über die Bezirkskommissionen gratis beziehen. Ferner fei auf eine für die praktische Arbeit innerhalb der sozialdemo fratischen Frauenbewegung. geschriebene Broschüre von Genosfin Juchacz Praktische Winfe für die sozialdemokratische Frauenbewegung", hingewiesen. Genossinnen, die für ihre Arbeit diese " Broschüren wünschen, können dieselben durch ihre Organisation eder von Frauenbureau des Parteivorstandes, Berlin SW., Lindenstr. 3, unentgeltlich erhalten. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Borwärts Buchdruckerei. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. 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