Nr. 41 1322 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichheit erscheint wöchentlich Prets: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart Berlin 29. November 1919 Die Frau und ihr Haus Zuschriften fino zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigpiat 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Wer trägt die Schuld? Die Arbeiten des zweiten Unterausschusses des parlamentarischen Untersuchungsausschusses für die Schuld am Kriege find weitergegangen und scheinen nun mit der Vernehmung Ludendorffs und Hindenburgs, welche am 17. November statt. fand, ihren vorläufigen Abschluß gefunden zu haben. Und was ist das Ergebnis der Bernehmung der Herren von Bethmann Hollweg, Zimmermann, Capelle, Dr. Helfferich und der beiden Generäle? Daß der Mann, der als Neichskanzler Die Geschicke Deutschlands lenkte, so schwach war, daß er einem Leid tun könnte, wenn nicht Berge von Leichen und Ströme von Blut so frisch in unserer Erinnerung wären. Militärpartei war allmächtig, dagegen war nicht aufzukom men und das deutsche Volk stand in seiner Mehrheit nicht Hinter der Regierung, sondern hinter den Militärs, also: das deutsche Volk hat schuld an dem traurigen Ende, so fehrt so fehrt die Klage um die eigene Machtlosigkeit und die Anklage gegen das deutsche Volk aus allen Aussagen des Herrn von Betha mann wieder. Und diese Anklage gegen das deutsche Volf machen sich nun fast alle folgenden Herren, Zimmermann, Dr. Helfferich, Hindenburg und Ludendorff, zu eigen. Sie halten es für die selbstverständliche Tat von Ehrenmännern, die jeweiligen Mitarbeiter zu decken, in schöner Einmütigkeit für den ehemaligen Kaiser einzutreten und das Volk zu belaften, es als den schuldigen Teil hinzustellen. Das Volt, welches gelitten hat und mehr, welches heldenmütig gelitten hat. Immer wieder steigt die Frage auf: was hätte dieses Bolt bei richtiger Führung erreichen können, wenn es schon bei diesem Kreuz- und Querregieren nicht tot zu kriegen war? Die Wahrheit wagte man diesem Volte im Dezember 1916 und im Januar 1917 nicht zu sagen. Warum denn nicht? Herr v. Bethmann stellt es heute als sein tragisches Geschick hin, daß er die Mehrheit des Volkes für seine friedLichen Ziele nicht hinter sich hatte. Wie kann der Wonn das behaupten, der nicht einmal den Versuch einer Feststellung der tatsächlichen Volksstimmung gemacht hat. Er sorgte im Dezember 1916 als die Frage: U- Boot- Krieg, oder: Friede ohne Sieg, zur Entscheidung stand nicht dafür, daß das Bolk die Wahrheit erfuhr, obwohl er seit dem Sommer 1916 wußte, daß eine militärische Entscheidung zu Lande unmöglich und Desterreich bald am Ende war. Oder war es so, daß die Regierung sowohl wie die Oberste Heeresleitung in ihres Herzenstiefen auf alle Fälle für den U- Boot- Krieg, die Ausnußung der letten Baffe, waren? Hätte das deutsche Volf gewußt, daß ohne U- BootKrieg Friedensmöglichkeiten bestanden, daß das Schicksal des deutschen Volkes auf Jahrhunderte entschieden war", wenn diese lette Rarte nicht stach", wie Herr Dr. Helfferich sich ausdrückte, hätte dann dieses Bolk nicht ein gewal. tiges: Salt! gesprochen? Fürchtete man an den entscheidenden Stellen diesen Volkswillen? Denn dann wäre ums allen zwar unermeßliches Elend erspart geblieben, Millionen blühender Menschen lebten und wären gesund, aber die Sieges hoffnungen der Generäle und Nichtgeneräle wären durch ein solches Volksbekenntnis zum Frieden für immer vernichtet gewesen. Und so sagte man uns dent Volk- die Wahrheit nicht, sondern der Krieg wurde weitergeführt und der U- Boot- Krieg brachte uns den stärksten Geg ner, Amerika, dazu. Die Friedenssehnsucht des deutschen Volkes war im Winter 1916/17 ungeheuer groß und nur der Glaube, daß unsere Feinde absolut keinen Frieden wollten, trieb es weiter. Diesen. Glauben mußten wir alle haben, weil wir das deutsche Friedensangebot vom 12. Dezember 1916 trotz seines Tones für durchaus ehrlich hielten. Ob es so gemeint war, oder ob die Absicht bestand, damit die Friedensaktion des Präsidenten Wilson zu durchkreuzen, sollte die Untersuchung ergeben. Bisher ist ein Ergebnis in diesen Fragen nicht vorhanden. Dem einfachen, nicht juristisch gebildeten Berstande will es bedünken, als ob die Klärung dieser Fragen, viel wichtiger gewesen wäre, wie die Erörte rung über Unterseebootsbau und Krieg, wobei die Marine. fachleute den Untersuchungsrichtern entschieden über waren. Das Bild hatte sich hierbei schließlich so verschoben, daß die Frage nicht mehr lautete: Warum haben wir uns durch den U- Boot- Krieg Amerikas Friedenshilfe verscherzt und es ins Lager unserer Feinde getrieben? sondern: Warum habent wir nicht genügend U- Boote gebaut, um damit den Krieg zu gewinnen? Wir Sozialdemokraten glaubten nie an einen Sieg und darum arbeiteten wir für einen Verständigungsfrieden. Warum dieser nicht zustande kam, wollen wir, vor allem wir Frauen, durch die Arbeit des Untersuchungsausschusses erfahren. Ueber unser Friedensangebot vom 12. Dezember 1916 sagte Herr v. Bethmann Hollweg als Zeuge: Im Sommer 1916 Hatte Baron Burian ein Friedensangebot der Zentralinächte angeregt. Baron Burian zweifelte nach meinen Eindrücken an der Möglichkeit, den Krieg ausschließlich durch Waffengewalt erfolgreich zu beenden, glaubte aber den Zeitpunkt kommen zu sehen, wo die gesamten Zustände der Donaumonarchie einen weiteren Durchhalten nicht mehr gewachsen sein würden, weder materiell noch moralisch. Da bisher alle Sondierungen über Friedensmöglichkeiten resultatlos verlaufen waren, Baron Burian aber überzeugt war, daß die öffentliche Dokumentierung der Friedens. bereitschaft der Zentralmächte unentbehrlich sei, um die moralische Stimmung in ber Donaumonarchie hochzuhalten, regte er ein öffentliches Friedensangebot an, von den er eine gute Wirkung selbst für den Fall erhoffte, daß die Feinde cs ablehnen follten...." Bei uns trat die erhoffte Wirkung ein. In England wäre unserem Friedensangebot eine freundItchers Aufnahme ziemlich sicher gewesen, wenn nicht gerade einen Tag vor unserem Friedensschritt, a Iso am 11. De8ember, das friedensgeneigtere Rabinett squith 322 Die Gleich beit burch das des friegswütigen, flugen und willensstarken Lloyd George abgelöst worden wäre. Die englische Beitung Morning Post" schrieb darüber:„ Es gehe ein allgemeines Gefühl der Erleichterung durch das Land, weil die englische Kabinettskrise vor dem deutschen Friedensangebot gelöst wäre."- Warum, fo fragen wir, wurde unier Frie bensangebot, wenn man schon nicht auf Wilson warten wollte, nicht etwas früher gemacht, da die englische Regierungskrise ber deutschen Regierung bekannt war und von ihr vollkommen richtig eingeschäßt wurde? Herr von Bethmann beantwortet die Frage- vorweg und erreicht damit, daß fie vom Ausschuß nicht gestellt wird. Er sagt: Deutschland mußte auf der Höhe militärischer Erfolge sein, wenn es ein Friedensangebot machen wollte, darum ist es nach der Einnahme von Bufa reft geschehen. Die Ausschußmitglieder schließen sich dieser Beweisführung an und wir faffen uns an den Kopf und fragen: Ist es möglich, daß einer so bedrängten Regierung, wie es die deutsche war, ein militärischer Teilerfolg für ihr Friedensangebot wichtiger fein konnte, als die friedensgeneigte Regierung ihres gefährlichsten Gegners? Man fonnte doch den Mißerfolg nicht wollen? Die Bernehmung des Generals Ludendorff hat aber gerade In diesem Bunfte einen Widerspruch ergeben. Er sagte näm Hich aus, daß wir uns im Dezember 1916 in einer schlechten militärischen Situation befunden hätten, durch den mächtigen Anprall der Franzosen bei Verdun und unfere dadurch er. littene Niederlage. Stimmt diese Darlegung des Generals, so kann die des Herrn von Bethmann nicht stimmen. Das deutsche Bolf hat von einer Niederlage bei Verdun im DeBember 1916 nichts gewußt. Wußte auch der verantwortliche Reichskanzler nichts? Warum machte man also das Friedensangebot am 12. Degember und warum machte man es überhaupt? Wir wollen Klarheit, nicht um unsere Feinde zu entlasten, sondern um in der Zukunft unsere Freunde zu erkennen. Clara Bohm- Schuch. Mach Sibirien Flockengetriebe und Wolkenflug Durch troftlofe Steppen ein troftlofer Zug. Zerfurchte Gefichter in düfterer Reih', Verfolgt von der hungrigen Geier Gefchrel. Sie kommen aus Knechtichaft und marternder Пot, Sie gehen in Knechtichaft und grinienden Tod; Sie wandern leit Wochen mit wankendem Schritt, Klirrende Ketten fchleppen fie mit. Durch Schneidenden Sturm, über eifige Flur Das blendende Weiß deckt die blutige Spur. Und über dem ɓaupt der Verfallenden lauft Geißelbewehrt die Kolakenfauft. boh, Brüderchen, holla! Da liegt fichs bequemSolch fammetnes Lager, das wär dir genehm! Und die Knute, fie tanzt dir im filbernen Glanz Zu Väterchens Ehre den luftigen Tanz! Bob, Brüderchen, Holla!- und tanzt du nicht mit, Dann: vorwärts, ihr andern, den zögernden Schritt! Da drüben, ein fchimmerndes Wunderreich, Erwarten die Luftgärten Väterchens euch!" Und die Knute fault, und die Peitfche knallt Ein banges Stöhnen im Wind verhallt. Vorüber, vorüber, der traurige Zug, - Rufende Geier und Wolkenflug... Und der Ichimmernde Schnee hüllt kalt und rein Taufendjährige Schmerzen ein. Clara Müller- Jabnke. ( Oblges Gedicht entnehmen wir den im Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer 6. m. b. 5., Berlin S.68, Lindenitr. 3, erichienenen ,, Gedichten", Preis in Ichöner Ausstattung Mk. 7,50.) Nr. 41 Rechtsstellung des unehelichen Kindes im Bürgerlichen Gesetzbuch GIse Jaquet, Mitglied der Preußischen Landesversammlung. Else Artikel 121 der neuen Verfassung des Deutschen Reiches lautet: " Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche, seelische und gesellschaft liche Entwicklung zu schaffen wie den ehelichen Kindern." In die Weite dieses Sazzes foll nun eine neue Auffassung der menschlichen Gesellschaft über die Stellung des unehelichen Kindes hineingebaut werden. Das Schicksal der unehelichen Kinder ist eine Quelle des Glends, die man zu stopfen gewillt ist. In pielen traurigen Erscheinungen stellte es sich der menschlichen Gesellschaft immer wieder vor Augen, beunruhigte fie und zwang sie zu Geldaufwendungen und vielfach vergeblichen Maßnahmen. Die Zahl der totgeborenen unehelichen Kinder war um ein Drittel stärker als die der ehelichen. In den deutschen Staaten war in dem letzten Jahrzehnt die Kindersterblichkeit bei den unehelichen Kindern fast doppelt so groß als die der ehelichen. In den Krüppelheimen und Zwangsanstalten bildeten sie den stärksten Prozentjaz. Aus der Zahl der unehelichen Kinder floß der größte Zustrom zu dem trüben Sammelbeden des Verbrechertums und der Prostitution. All diese Erscheinungen feßten schließlich die Anschauung durch, daß es schwerftes Unrecht sei, ein junges Men schentum mit dem Zwang des öffentlichen Rechts und der bürger. lichen Meinung in den Tiefstand hinabzudrüden, nur weil es nicht unter den gefeßlich zulässigen Bedingungen geboren ist. Es brach fich auch in Deutschland die Anschauung durch: Gier ist ein Mensch geboren, dem man sein Recht auf leibliche, feelische und gesell schaftliche Entwicklung nicht vorenthalten darf. Es wird nun nötig sein, die in§ 121 der Verfassung gegebene Auffassung in das Bürgerliche Gesetzbuch hineinzuarbeiten. Da nach wird vorzüglich die rechtliche Stellung des Kindes zum Vater eine von Grund auf andere, während die zur Mutter nur einiger Abänderungen bedarf. Nach§ 1706 des B.G.B. erhält das Kind den Familiennamen der Mutter, verheiratet sich die Mutter, führt das uneheliche Kind den Mädchennamen der Mutter weiter. Ging man bei dieser Maßnahme von dem Gefichtspunkt aus, daß das uneheliche Kind ber Mutter näherstehe als dem Vater, so würde ich vorschlagen, ben§ 1706 jo zu faffen, daß sich mit der Namensänderung der Mutter auch der des Kindes ändere, da man sonst durch die ver fchiedene Namensführung von Mutter und Kind aller Welt stets zu wissen gibt:" Dieses Kind wurde unehelich geboren, es führt den Mädchennamen der Mutter." Gerade dieses müßte vermieden werden. Biel großzügiger geht das norwegische Gesetz von 1915: Ueber Kinder, deren Eltern nicht die Ehe miteinander ge Schloffen haben", vor. Es gestattet dem unehelichen Kinde, den Familiennamen des. Baters oder der Mutter zu tragen, wohl, in der Annahme, daß die Empfängnis des Kindes durchaus nicht immer ein Aft der Verfehlung oder des Leichtsinns fein braucht, sondern vielmehr auf ernster Gemeinschaft beruhen kann, die sich aus irgendwelchen Gründen wirtschaftlicher oder seelischer Art dem gegebenen Ge febe nicht unterwarf. In diesem Falle wird man beim Vater dieselbe zärtliche Fürsorge für das uneheliche Kind voraussetzen müssen, wie fie dem ehelichen erwiesen wird. Es wäre eine Fassung des§ 1706 zu finden, die diesem Vater das Recht zubilligt, dem Kinde mit Einwilligung der Mutter feinen Familien namen zu geben. ( Schluß folgt) Revolution des Geistes Bon Carl Diefel V. Wenn in dem zweiten dieser Aufsätze in der Hauptfache nur die eine der drei Hauptrichtungen, die das deutsche Geistesleben der Gegenwart kennzeichnen, als innig verknüpft mit einem flaren, gefestigten Ideal angesprochen wurde, so bedeutete das nur eine Hervorhebung, die im Sinne dieser Ausführungen liegt. Es sollte damit keineswegs gesagt sein, daß nicht auch die beiden anderen Richtungen einem bestimmten Bielgegenstand entgegenführen. Im Gegenteil: es muß Nr. 41 Die Gleich beit bielmehr darauf hingewiesen werden, daß alle drei Nichtlinien nicht nur einer Quelle entspringen, sondern daß auch ihr Ziel ein und dasselbe ist; fie sind Wege, auf denen die Sehnsucht der menschlichen Seele dem Ziele der Schönheit entgegenstrebt. Nur daß eben dieser Schönheitsbegriff den verschieden artigsten Auffassungen unterworfen ist, daß er von den Menschen allermeist nur unflar oder gar nicht als bestehend empfunden wird, daß er weit mehr und öfter auf Neigung als auf Wissen gegründet ist, daß er in seiner Reinheit nicht erfannt und gepflegt wird, weil Surrogate ihn verdrängen. Aber auch das ist eine Frage, deren Lösung wir uns erst nach und nach zu nähern vermögen. Für den Augenblic gilt als Hauptsache, daß eben diese drei großen Richtungen den Beweis für die Lebensfähigkeit der mensch lichen Schönheitssehnsucht bilden und damit gleichzeitig den Beweis für deren Lebensnotwendigkeit. Die Sehnsucht nach Schönheit ist nicht zu erschüttern und zu ersticken auch durch die gewalttätigsten Ereignisse. Im Gegenteil: es fann natürlich immer den bestimmten Umständen des jeweiligen Zeitalters entsprechend gesagt werden, daß solche aufwühlenden Stürme erweckend und befreiend wirken. Dar über wurde ausführlicher bereits gesprochen. Es ist bekannt, mit welchem hoffnungsfrohen Enthut fiasmus Friedrich Schiller die französische Revolution begrüßte und welche Erwartungen und mit ihm viele Edle im Geiste an diesen gewaltigen Umsturz fnüpften. Briefe, Aufzeichnungen, Tagebücher geben Zeugnis davon. Und fast ist es müßig, nach dem Warum zu fragen. War es doch eine großartige, welterschütternde Bewegung, die in ihren Anfängen getragen wurde von den reinsten Wünschen und Bestrebungen, die durchglüht war vom Geiste eines Stoffeau, des so sehr Ueberschäßten, und deren wild lodernde Affekte mit Erfolg begrenzt schienen von dein Scharfsinn, dem politischen Weitblid eines Mirabeau. Die französische NevoIution von 1789 hätte schwerlich so gewaltige, überragende Bedeutung erlangen können, wäre faum in so tiefgehendemSinne revolutionär" gewesen, wenn sie nicht von den besten Geistern Frankreichs vorbereitet gewesen wäre. ☆ Feuilleton ★ Wollt ihr die Kinder treu behüten, laßt eure Sorge, Liebe lein, gedeihen doch die ſtarken Blüten, nur in der Liebe Sonnenfchein. heilt auch das Leben manche Wunden, die erfte schließt fich nimmermehr, und ganz wird nie das бerz gefunden, war feine Kindheit liebeleer. Albert Traeger. Neuland m vorigen Frühjahr erstand ich um billiges Geld eine Stren miese am Strand, die einem Schweizer gehört hatte. Die Thurgauer drüben haben ein abschüssiges Ufer mit bergigem Land; große, jahrhundertalte Keller stehen an der Uferstraße, Bergfeller, in die vierspännige Wagen dreißig Meter weit hineinfahren können. Bei uns im Deutschen steht die flache Niederung den Sommer über unter Wasser; faures Gvas wächst hier, Schilf and Binsenrohr, dazwischen blüht die schönste Augenweide von Teuchtend blauem Enzian und rotem Bienentraut. Das ist ein Nistplatz für Wasservögel, Negenpfeifer und Seeschwalben, und manches Jahr konnte man hundertundeins Kibikeier ausheben und in den Sachsenwald schicken, wenn der Alte noch lebte. Der Boden ist schwarz und moocig, bis vor vierzig Jahren wurde hier Torf gestochen, gleichfalls von Schweizern. Auf diesem fetten Sumpfgrund wachsen die Betten für Ochs und Kuh, eine Lagerstreu, die so hoch im Breise steht wie das beste Futterheu; darum find die Schweizer wie die Schelme dahinter her. Ich wirkte also noch dazu vaterländisch, als ich einen Morgen Ctreuland wieder in deutsche Hände brachte, obwohl ich ganz felbstsüchtig einen Blak zum Baden haben wollte. Jenseits der 323 Wie wenig angebracht, ist es um das hier einzuflechten, die deutsche Revolution jener gleichzustellen! Gewiß: auch der November- Revolution von 1918 ist eine Be riode der Vorbereitung vorangegangen. Aber diese Vorbereitung war ganz anderer Natur, trug einen völlig entgegengesetzten Charakter, war mehr mechanischer Art. Sie geschah", sie ereignete fich"-man muß trotz des Explofionsartigen, das ihren Beginn auszeichnete, diese abschwächenden, abstumpfenden Worte anwenden bei abioluter geistiger Teilnahmslosigkeit und Unberührtheit selbst der Kreise, die ihr doch naturgemäß am wenigsten fremd hätten gegenüberstehen müssen. Daran trägt nicht allein die Politik bzw. Kriegspolitik des verflossenen Regimes die Schuld. So zutreffend es natürlich ist, daß die wilhelminische Regierung alles tat, um sich nicht in die Karten sehen zu lassen, um den Glauben an einen endlichen Sieg der Gerechtigkeit" immer aufs neue durch Lügen und Fälschungen zu stärken, um endlich sogar die Gleichgültigkeit des Volkes geradezu zu pflegen,- so sehr es zutrifft( und das ist in diesem Falle von großer Bedeutung!), daß unter dieser selben Regierung in den gesegneten Jahren des Friedens" das geistige Eigenleben der Nation mit allen Mitteln und nach besten Kräften erfolgreich unterdrückt oder wenigstens in recht engen Grenzen gehalten wurde ebenso wahr ist es, daß sich die Nation und ihre führenden Geister diesem Zwang viel zu willig unterwarfen, von den vielen Ferdinand Bonns ganz abgefehen. " Auch an diese Tatsache der allgemeinen völkischen Gleich gültigkeit, des nationalen Philistertums habe ich bereits erinnert und erwähne ihrer jetzt nur aus dem Grunde noch einmal, weil sie schlagend beweist, daß von einer geistigen Durcharbeitung des Volkes im revolutionären Sinne wahr. haftig nicht die Rede sein fann. Es fann mit aller Bestinumtheit gesagt werden: der Kampf der Geister, soweit man ihn als einen solchen an Sprechen fann und wie wir ihn in der Vorkriegszeit er. lebten, war ziemlich primitiv, was seinen Inhalt anlangte, und recht verworren in Hinsicht auf Form und Art. Er wickelte sich auf einer ziemlich tiefen Stufe ab. Ich möchte ihn beinahe als einen Stampf der Ideenlosigkeit bezeichnen, Hochwassergrenze am Strand ließ ich einen Pfahlbau errichten, eine Hütte auf alten eichenen Pfosten, mit Fenster und Laden, und umgab sie im Halbgrund mit Gesträuch, zum Schutz gegen fremde Augen: Silberweiden, Pappelin und Birken wurden hoch stämmig gepflanzt; und daß ich mich recht heimatlich drunter fühlte, verschrieb ich mir die Sträucher von zuhause aus einer Schwabengärtnerei unter der Achalm. Der Strand war ungleich beschaffen; ein Teil trug feinen Sand mit abertausend fleinen Schneckchen, wie er hierzulande an infel artigen Landgungen und Buchten angeschwemmt wird. Die Bauerfrauen holen die Schneckenhäuschen in Körben als Futter für fallarme Hennen; das gibt die stärksten Eierschalen. Ein anderer Teil war blauschwarz und schwammig, schlecht zum Baden und gefährlich; schwarze Blutegel gedeihen darin. Da galt es, Kulturträger zu sein; schon stieg der See täglich. Zehn Meter vom Strand am Seebett, wurde aus Steinblöcken und Baumästen eine Faschinenmauer errichtet, seitlich durch eine bretterne Städe geschlossen; landeinwärts dahinter sollte aufgefüllt werden; wo. her aber Erde nehmen und nicht stehlen? Da ließ ich auf dem naffen Streusand breite und tiefe Grenzgräben öffnen, die dent versumpften und ersoffenen Boden Luft schafften; den Aushub fuhren wir auf kleinen Starren hinter die Faschinenivand. Das leuchtete den Bauern ein; zwei Muden auf einen Schlag, und die Bauern überließen mir gerne die zweifache Arbeit: ihr Land zu entwässern und meine Grube dafür zu füllen. Nun steht das Neuland, das ich dem See abgewonnen habe, feft und eben da, mit, Graswuchs und Sträuchern; wir haben es aus geprobt, es läßt fich prächtig baben, und die Kinder fingen schon an, um Boot und Städe zu schwimmen. Das war im Vorsommer. An dieser Stelle muß übrigens ein Hauptplatz der Pfahlbauten geit gewesen sein, eine alte Niederlassung am See; man findet im Winter noch genug Pfeilspiben und Steinbeile. Es gibt auch 324 Die Gleich beit natürlich nur insofern, als es sich um die Erscheinungen des Alltags handelt, die sich ja immer hervordrängen. Es war, soweit es sich um Politik und damit, wenn auch im entfernteren Sinne,") um um die Staatsform handelte, ein Kampf der fessellosen Gegensätze, der Leidenschaften, ein verwirrender Streit, in dessen Getümmel ein flares Biel nicht zu erblicken war. Während auf wirtschaftlichem Gebiet eine außerordentliche Blanmäßigkeit, eine aufbanende, schaffende Ordnung, ein geregeltes Wirken, verbunden mit einer zielbewußten Energie herrschend war, und ein Erfolg sich an den anderen reihte, bildete das poli. tische Leben ein Chaos. Der enge Zusammenhang aber mit dem geistigen Leben zeigt sich darin, daß auch dieses von feinen wahrhaften und großen, keinen aufrichtenden und Befreienden Ideen bewegt ward, daß es troß seiner Buntheit, seiner Mannigfaltigkeit tot war. In der Literatur jener Beit ist der Niederschlag enthalten, und die Revolution hat die Folgen aufgezeigt. ( Fortsetzung folgt) *) Jm entfernterén Sinne?" Wieso? O ja! Denn obwohl bie Erreichung einer gefestigten, wohlbegründeten und einwand freien Staatsform die jedem Politiker nächst liegende Arbeit und Aufgabe sein sollte, wird doch jeder Unbefangene zugeben, daß die Berufspolitiker unserer Kulturnationen sich durch eine Fülle von Kleinlichkeiten verwirren und ablenfen lassen, oft, sehr oft mit dem größten Vergnügen. Denn auf Umwegen lassen sich doch schließlich mehr Schäfchen scheren zu eigenem Vorteil, als bei gerader Verfolgung des Bieles! Du wirft nicht mufterhaft durch Jagd nach andrer Fehlern, Und nie wirft du berühmt durch fremden Rubmes Schmälern. * An der Geduld erkennt man den Mann. Rückert. Goethe. Aus der Frauenbewegung des Auslandes Die sozialistischen Parteitage im Oktober. Bei den Tagungen unserer Bruderparteien interessiert uns natürlich insbesonders ihre Stellung zu den Problemen und Fragen, die auch bei uns in Deutschland die öffentliche Meinung in erster Linie beschäftigen. ein schönes Echo da, und wenn man welter in den See hinaus fährt, sogar zwei, ein schweizerisches und ein deutsches, von beiden Ufern her. Das ist eine Lust für die Kinder, voller Rätsel und Geheimnisschauer. Sonrab, der Bub, kann es nicht lassen, mit seinen drei Jahren das Dunkel zu ergründen. Wenn wir im Wald das Echo weden, reizt es ihn, hinter alle Büsche zu steigen, voll Schen und Tapferkeit; er sieht es nie, es muß in einem Baum wohnen, wahrscheinlich in einem hohlen, und es wird wohl eine Frau sein. Und da er vor den Vogelscheuchen, die unsere Bauern Kunstvoll auf den Kirschbäumen anbringen, oft ein ähnliches HerzHopfen verspürt, so vermischt sich das Unheimliche in beiden Dins gen, und er heißt das Echo greifbarer: Bogelscheuch. Darunter Kann man sich was solides vorstellen. In gehöriger Entfernung verliert sich auch die Spannung in der Kinderfeele zu Lust und Uebermut. Kürzlich haben wir richtig Vogelscheuch" gespielt in unserer Stube. Ich stand hinter einem Raften und rief zu Rona rad und Bärbele hinüber: Hohoo!" Wie aus einem Munde era tönte es aus dem anderen Teil der Stube ziveistimmig im gleichen Tonfall? Hohoo!"" Wart," dachte ich, euch will ich friegen," und rief ein paar Säße hinüber, die die Vogelscheuch täuschend beantwortete. „ Vogelscheuch!"-... Vogelscheuch!"" Wo find die Kinder?" .Hast du sie nicht gesehen?" Wo sind die Kinder?"" 64 „ Sie müjen fortgegangen fein." fein."" .... Hast du sie nicht geschen?"" ... Sie müssen fortgegangen Hier hab ich ein Stüd Hier hab ich ein Stüd Schokolade." Schokolade. Wenn ich nur müßt, too bie Kinder find!"- Bärbele, die gute Seele, allein: Wenn ich nur wüßt, wo die Kinder find!"" 2-17 Möcht niemand Echokolade haben?" Bärbele allein: Möcht niemand Schokolade haben?"" Dänemar?. Nr. 41 Die dänische sozialdemokratische Partei beschloß mit überwältigender Mehrheit, die bolschewistischen Methoden abzulehnen und bei der 2. Internationale zu bleiben. Weiter wurden in einemt Aufruf an das dänische Volk, der mit allen gegen 2 Stimmen angenommen wurde, alle ganz oder halb anarchistischen Tendenzen" abgelehnt. Der Syndikalismus sei ein Rückfall in vers altete Methoden. Die Partei stelle sich wie immer auf den Boden der Demokratie. Das heißt, die Regierungsmacht wird nicht früher erstrebt, als bis die Partei sich auf eine Mehrheit im Volt stüßen könne. Als Hauptaufgabe wird erkannt, daß die Arbeiterschaft sich an der Leitung der Produktion beteilige. Dies und die Sozialisierungsvorschläge seien ein Anfang zur Verwirklichung ihres Zieles: die friedliche Umbildung der Gesellschaft vom Kapitalismus zum Sozialismus. Italien. Im Gegensatz zu der flaren Stellungnahme der Dänen gab es auf dem italienischen Parteitag in Bologna heftige Kämpfe zwischen den verschiedenen Strömungen. Schließlich siegt mit faft Dreiviertelmehrheit die gemäßigtere Richtung der Maximalisten. Man einigte sich auf ein Programm, das zwar die Gewalt neben dem Parlamentarismus als Hauptkampfmittel an erkennt. Jedoch soll die Gewalt nicht mehr Selbstzwed sein, sondern nur als Antwort des Proletariats auf Gewaltakte der Bourgeoisie eintreten. Auch wurde nicht mehr von dem Ausschluß derjenigen Mitglieder gesprochen, die ein Bekenntnis zum reinen Kommunismus ablehnen. Es ist bezeichnend für die Stimmung der Maximalisten, daß sie das Bekenntnis zur Einheit der Partei mit großem Beifall begrüßten. Auch in italienisch- sozialistischen Kreisen gibt man sich über die kommende Weltrevolution" feinen übertriebenen Hoffnungen mehr hin. Das läßt die Rede Trevis erkennen, der das Mißlingen des Internationalen Generalstreifs im Juli als Beweis dafür ansieht, daß die Vorbedingungen für eine, proletarische Revolution, die international sein müsse, noch nicht gegeben seien. Oesterreich. Der deutsch- österreichische Parteitag stand unter dem Eindruck der Notwendigkeit des Zusammenschlusses, der Einigkeit. So wurde einerseits der„ lebensnotwendige Anschluß Deutsch- Desterreichs an Deutschland" betont. Andererseits wurde flar erfaunt, daß zwei Internationalen Die von Lausanne und Moskau ein Unding sind. Daß zwei hier weniger bedeuten als eine. " Beider kann der Wiederaufbau der Internationalen Organisation nicht das Werk eines Augenblides sein, sondern er erfordert harte Arbeit und zähe Geduld."( Frizz Adler.) Große Stille. Plötzlich erscheint Konrad vor dem Kasten, ver Tegen und strahlend:„ Doch!" Ich muß zu seiner Ehre sagen, daß er sonst kein Spielvers berber ist. Ja, die Kinder! Sie schaffen sich Namen, schöpfen Worte und taufen. Ein rundes Beet im Garten, ein Rondell, nennen sie Ringrümle“, denn man kann da im Ring herumgehen. Sie arbeiten, bauen und erfinden; ein Stück Holz mit vier Nägeln darin ist ihnen mehr wert als das teuerste Spielzeug, denn sic machen sich daraus, was sie brauchen. Sie lachen und weinen, sie lohnen und strafen. Dieser Knirps weiß schon, wo er mich am tiefsten paden fann. Gestern verbot ich ihm, mit dem Blauftist bie Wände zu vermalen( er spielte Maler), worauf er uvich strafend anjah: So. Einfach, dann..." Was dann?" " Du weißt es schon." Nichts weiß ich; was dann? Du wirst doch nicht fortgehen wollen?"( Damit droht er gern.) Du weißt es schon." " Nein, ich weiß es nicht, wer sonst? Am End das Bärbele?" " Du weißt es schon." Ja, so sag doch, wer denn?" Da sieht er mich mit einem tieftraurigen Blick von innen heraus an und sagt vernichtend: 8' Muiterle." Ach auch der Kriegsrausch schlug seine Wellen bis zu uns herein. Gin Gast trat eines Tags in unsere Stube, kreuzte die Arme vor der Brust und grüßte: Galem aleikum." Die Kinder horchten auf, und als sie das nächste Mal zur Tür hereintamen, freuzten fie die Arme, verneigten sich und sagten feierlich:„ Soll amal reintomm.". Als der Krieg auf seinem Höhepunkt stand, gruben sie in ihrem Sandhaufen ein großes Loch. Bater, wir haben ein Borhaus gemacht." Nr. 41 Die Gleich beit In Deutsch- Defterreich liegen die Dinge ähnlich wie bei uns. Wuch dort sieht sich die Partei gezwungen, mit den Bürgerlichen ( Chriftlich- Sozialen) zusammenzugehen. Auch dort scheitert die fofortige Durchführung des Sozialismus an den augenblicklichen Verhältnissen. Auch dort ist die brennendste Aufgabe: die Förde rung der Produktion. Auch dort geht man den gleichen Weg wie bei uns, um die Arbeiterschaft praktisch zum Sozialismus zu ersichen: durch die Schulung der Betriebsräte in engster Verbin bung mit den Gewerkschaften", um auf diese Weise auch die Leitung der Produktion allmählich mit Arbeitern zu durchsetzen. Mögen die Wünsche unserer österreichischen Brüder nach der Bereinigung mit uns und nach der Wiederherstellung der Internationale sich rascher erfüllen, als wir es im Augenblick erwarten und hoffen dürfen. R. H. * ,, Teuflische Uebermacht". Die Proletarische Brouw", das Organ der sozialdemokratischen Frauen Niederlands, schreibt beklommen über die neuesten, auch, die neutralen Länder Europas bedrohenden Anmaßungen der Entente u. a.: " ... Die Entente hat gesiegt. Und wie nußt sie nun ihre Macht aus! Das Neueste ist, daß sie von den neutralen Ländern und von Deutschland verlangt, sich an der Aushungerung Ruß lands zu beteiligen. Um dadurch die gegenwärtige Regierung, die doch das Land sich selber eingesetzt, zu stürzen. Wodurch also wiederum das so hochgepriesene Selbstbestimmungsrecht" der Völker ignoriert wird. Das kann man nicht anders. denn als teuflische Uebermacht bezeichnen. Das Blait äußert dann seine Genugtuung darüber, daß die französischen Breß organe glücklicherweise ihre Entrüstung über das Vorgehen der Entente äußern und auch darüber, daß sogar offiziell für die Armee Denifins geworben werde. Die sozialistischen Blätter bezeichneten dies als eine Herausforderung der französischen Ar. beiter, gegen die sie mit aller Macht vorgehen müßten." Indessen fügt die„ Proletarische Broum" Teider mit Recht vorsichtig Hinzu: Man fann nur hoffen, daß diese Proteste fräftiger ausfallen als der ins Wasser gefallene Proteststreit vom 22. Juli d. J." Zum Schluß betont das Blatt, daß natürlich auch an die niederländische Regierung die Aufforderung zur Beteiligung an jenem Komplott gegen Rußland ergangen fei, wozu auch die niederländische Arbeiterflasie fich werde äußern müssen.( Das ist, soweit die S. D. A. P. in Frage kommt, bis zur Stunde noch nicht geschehen. D. B.)" Diese Aussprache," so Diese Aussprache," so schließt die B. B.", wird sich freilich nicht um die Frage für oder gegen die russische Räterepublik drehen, sondern sie wird sich Gin Borhaus? Was ist denn das?" „ Da werden Soldaten geboren, wenn Bärbele fünf Jahre alt ist." Jetzt ist es Winter, und sie tragen heldenhaft Eiszapfen vom Bach herauf, ich soll sie verbrennen. Vielleicht werden wir zu Fuß in die Schweiz hinübergehen können, wenn der See zugefroren ist; das ist auch Netland, schneller geschaffen und erworben als ich es tun konnte mit Spaten und Schaufel. Dreierlei muß geschehen, bis der See zu Eis wird. Es muß eine anhaltende Sälte kommen, die den Wasserspiegel abkühlt; es muß ein Sturm die Wasser mischen und die unteren warmen Schichten an die Oberfläche bringen; und es muß einmal in ben See geschneit haben. Dann friert es von den Rändern aus zu, und in zwei Tagen ist die gange Fläche tragfähig. Das Dampf, schiff fann mitten auf der Fahrt nimmer weiter und muß schleu nigst umkehren in den Winterhafen. Dann darf man aber auf deutscher Seite noch lange nicht übers Eis. Erst muß von Staatswegen die Eisdede geprüft und ein sicherer Weg ausgestedt sein. Anders die Schweizer; fie prüfen nicht und steden nicht aus; es ist jedermanns eigenes Vergnügen, ob er extrinfen will oder nicht; So kommt es, daß ble Schweizer schon lange auf dem See Schlitts schuh fahren und bis an unseren Strand kommen, ehe wir hinüber dürfen. Aber an Land gehen dürfen auch sie nicht bei uns; es ist ja berboten, auf unserer Seite zu fahren und also auch zu landen, ehe ausgestedt ist. Dann muß eine Wunne durchs Eis geschlagen werden quer über den gefrorenen See, eine Fahrrinne, bamit man auf alle Fälle noch im Boot hinüberkommen fann, wenn das Gis nicht mehr trag. fähig ist. Dann dröhnt nachts der See toieber bon tiefen, untera irdischen Glockenschlägen: die Eierinde ist irgendwo gesprungen, bie Wassergeister läuten mit fristallenen Schwengeln. Ludwig Finth. 1 325 mit der Uebermachtstaktik der Ententeregierungen beschäftigen, die fein Mittel verschmäht, um in Rußland eine ihr gefügige Res gierung zu installieren." Dieser letzte, recht fatalistisch flingenbe Satz fennzeichnet zur Genüge die Lage, in der Holland sich der Entente gegenüber be-findet. Uebrigens hat Holland sich an der Aushungerung Rußlands bereits seit diesem Sommer beteiligt oder beteiligen müssen. Im Auftrage der niederländischen Regierung werden nämlich seit Ende Juni in der Rotterdamer Getreidebörse große Mengen Bohnen, Erbsen usw. öffentlich meistbietend versteigert. In einer ganzen Anzahl der diesbezüglichen Bekanntmachungen hieß es zum Schluß:„ Ausfuhrfrei nach allen Ländern mit Auznahme Näte- Ungarns und Bolschewistisch RußJands." Deshalb ist tatsächlich nicht daran zu zweifeln, daß Holland sich auch in diesem Falle genötigt sehen wird, sich der„ teuflischen Uebermacht" zu fügen. P. W. Bugunsten der deutschen Kriegsgefangenen fand am 5. November in Haag- Scheveningen eine leider nur für erflusive Kreise berechnete Versammlung statt. Ste war von einem Damenfomitec einberufen worden, um einer nach Holland entsandten Vertreterin des Bundes Deutscher Frauen zur Befreiung der Kriegsgefangenen" Gelegenheit zu geben, holländischen Frauen das himmelschreiende Unrecht vor Augen zu führen, daß in Frankreich trob aller Versprechungen noch immer 400 000 deutsche Kriegsgefangene festgehalten werden. Und daß sie ungeachtet förperlicher und gei ftiger Erschöpfung schwere Wiederaufbauarbeiten leisten müßten unter Verhältnissen, die nach übereinstimmenden Berichten vielfach noch schlechter feien, als die Behandlung während des Krieges. Ferner gedachte die Rednerin, Fräulein von Negelein, der 50 000 deutschen Männer, die mangels Transportgelegenheit noch in Sibirien ein elendes Leben fristen, während dort bereits 40 000 gut grunde gegangen seien. Endlich erwähnte sie, daß außerdem noch 100 000 Gefangene aus Oesterreich, Ungarn und der Türkei in Sibirien schmachten. Wenn nicht Amerika, Japan oder die neutvalen Stanien Schiffsraum abstünden, stehe all diesen Unglüdlichen ein sechster, graufiger Winter bevor. Die Vorsitzende, Dr. med. Abetta Jacobs, unterstrich die Ausführungen der Nednerin und empfahl die Absendung einer Wittschrift an die Ena tenteregierungen. Diese wurde von den meisten der Besucher unterzeichnet. Nicht unerwähnt mag bleiben, daß die Berichte der Presse über die Versammlung fast ausnahmslos fühl und zurückhaltend sind. p. tv. Wir Wilden sind doch bessere Menschen Die Frankfurter Zeitung" berichtet über die Unterredung eines spanischen Reporters mit dem König Karl Atangana von Jaunde( Kamerun), der sich zurzeit in Madrid aufhält. Auf die Frage, wie ihm die spanischen Frauen gefielen, antwortete der König: Die spanischen Frauen gefallen mir sehr, sie sind sehr sympathisch, sehr hübsch. Aber da ich verheiratet bin, kann ich mich nicht weiter für sie interessieren. Ich bin Christ und fann daher nur einer Frau gehören." Recht bezeichnend ist dabei die Form Ses lehten Sakes: daß er nur einer Frau gehören fann, Gin Europäer hätte sich sicher anders ausgedrückt über die Stellung zu seiner Frau. Die Wendung des Negertönigs zeugt nicht mir von einer hohen Anschauung über die Ehe, sondern auch von einer hohen Achtung der Frau. Nach einer aften Legende müssen alle Mitglieder des König lichen Hauses von Jaunde ein sternartiges Zeichen auf der Stirn tragen. Durch das gleiche Zeichen werden jedoch auch die int Kindesalter Verwaisten fenntlich gemacht, um sie gleichsam au Angehörigen des Königs zu stempeln und der Achtung der Mit. menschen zu empfehlen". In allen anderen Dingen sind wir Europäer den„ Bilden" natürlich weit überlegen. Nur in punto Frauenachiung" uns „ Kinderfürsorge" scheint es doch, als ob besseren Menschen sind, die Wilden die Sturt Seilbut. 326 Die letch beft Aus unserer Bewegung Die Washingtoner Konferenz. Auf der Washingtoner Weltfonferenz für Arbeiterfragen wurde beschlossen, daß Frauen zur Konferenz bei Behandlung wichtiger Fragen zugelassen werden können. Weiter soll der Vertrag vers bessert werden, indem bei der Abordnung, jeder Nation eine Frau als Vertreterin der Arbeiter und eine Frau als Vertreterin der Regierung zugelassen wird. Uns mutet diese Beschluß an wie ein Klang aus ferner Vergangenheit. Für uns ist es heute eine Selbstverständlichkeit, daß Frauen an allen Verhandlungen teilnehmen fönnen. Darüber wird fein Wort mehr verloren. Aber wir brauchen uns nur um em Jahr zurückzuperfeben: 1918 mar es noch feineswegs felbstverständlich. Erst im neuen Deutschland hat sich die Stellung der Frau von Grund auf geändert. Und daß wir heute darin weiter sind als die meisten anderen Länder, beweist die Weltkonferenz, auf der die Zulassung der Frau erst ausdrücklich beschlossen werden mußte. K. H. * Die erste städtische Arbeiterin Bürgerdeputierte von Berlin. Auf Vorschlag der Arbeitsgemeinschaft der Arbeiterräte beim Magistrat Berlin" ist die Operationsdienerin im Krankenhaus im Friedrichshain, Fräulein Martha Krajezti, als Bürgerdeputierte in die Krantenhausdeputation gewählt worden. Fräulein Kra jetfi ist langjähriges Mitglied des Verbandes der Gemeinde. und Staatsarbeiter. Sie ist bereits zu einer Beit, als noch Mut dazu gehörte, in den städtischen Anstalten Berlins für die Ausbreitung der Organisation zu mirfen, als Vertrauensperson des Verbandes tätig gewesen und hat während der Kriegszeit den Vorsiz im Arbeiterausschuß geführt. Nach der Revolution wurde sie als eine der wenigen Frauen Verlins zum Arbeiterrat gewählt und schloß sich der Fraktion der S. P. D. an. Nun ist sie als Ar beiterrat Mitglied der Krankenhausdeputation geworden. 會 Ein Jahr ist dahingegangen feit Beendigung des Krieges, ber so unsäglich viel Kummer und Verzweiflung über die Menschheit gebracht hat und an deffen schlimme Folgen wir Deutschen am härtesten zu tragen haben, weil wir ja die Besiegten sind. Als das Waffenstillstandsangebot die hoffnungslose. Lage unseres Bandes erkennen ließ, fiei es dem deutschen Volte wie Schuppen von den Augen, Lawinenartig war der Unmille im Proletariat angewachsen und brach sich Bahn. Der Zweibund, den Junker und Pfaffen bildeten, murde gesprengt, die Revolution hatte sich über die ganzen Gaue Deutschlands vollzogen, Bücherschan Ein Buch bringt der Vorwärts- Verlag foeben heraus, welches auf jedem Weihnachtstisch liegen sollte. Clara Müller- Jahnke: „ Ich bekenne", ist, nachdem es vier Jahre vergriffen war, neu aufgelegt worden, und zwar erscheint es jetzt in den Hausbüchern des Vorwärts- Verlages. Der Dedel ist mit einer Zeichnung Oskar Jahnfes, des Gatten der verstorbenen Dichterin, geschmückt und alles, was in dem Buch von dem großen liebenden Verstehen gefagt wird, auf welches sich die Ehe gründet, spricht zu uns aus diesem einfachen Dornenzweig, der durch einen Sonnenstrahlenfranz geht. So war das Leben Clara Müller- Jahnkes; dieses starfe, schmerzensreiche, durch tiefste Tiefen führende und auf stolzesten Höhen des Menschentums endende Leben, und so führt sie es uns in ihrem Buche„ Ich bekenne" vor Augen. Ju der Sprache einzig schön, würde es dennoch nicht seine Bedeutung erlangt haben, wenn es nur die Schilderung eines Einzelschicksals wäre. Aber der Lebensweg der Wilma in dem Buche ist der Weg der um ihre Befreiung ringenden Frau überhaupt. In einem ihrer Gedichte( ebenfalls im Vorwärts.Berlag er Schienen) fagt die Dichterin: Nichts Menschliches ist mir fremb geblieben, Aus dem Becher trank ich ber bitteren Not. und ein wetterfturmwildes. gewaltiges Lieben Hat wie sengende Flamme mein Haupt umloht. Aber sie verbrennt nicht zu Asche in dieser wahnsinnigen Glut, fondern sie geht geläutert und geftählt daraus hervor, und sie weiß nun, daß die Lüge im Menschen selbst und in der Gesellschaft die Quelle aller Schuld und alles Unglücs ist. So wird sie eine Berkünderin der Wahrheit und in hellem Licht erscheint the ganzes weiteres Leben und Schaffen, das sie dem Manne Nr. 41 Das rote Sachsen, das die Mehrzahl der sozialistischen Ver. treter im Reichstag stellte, vollzog die Ablösung des alten Regi ments ohne große Schwierigkeit. In dem nicht allzu großen Städtchen Großenhain hatte sich die revolutionäre Gewalt zuerst Bahn gebrochen. In Chemnitz, Leipzig hatte die Arbeiterschaft am Morgen des 9. November bereits die Macht in den Händen, Vom Königlichen Schloffe in Dresden wehte die robe Fahne, eine neue Zeit verkündend. Mein Heimatstädtchen Döbeln durchstreifte ein Dußend Matrosen, die Kieler Beschlüsse anschlagend, nachdem die Kasernen des 139. und 106. Infanterieregiments gestürmt waren, Offiziere und Mannschaften fapituliert hatten. Bis in die kleinsten. Opte des Erzgebirges waren die Wogen der Nevolution geschlagen. Arbeiter- und Soldatenräte hatten die Ge. walt, sozialistische Regierungen wurden auf paritätischer Grund. lage gebildet. In Sachsen hätte Kulturarbeit geleistet werden können, denn bas freieste Wahlrecht der Welt brachte dem sächsischen Volle die Mehrheit im Landesparlament. Doch der selbstmörderische Bruder. tampf läßt Sachsen mit schlechtem Beispiel vorangehen. Anstatt gemeinsam die Errungenschaften der Revolution zu sichern, mußte die Regierung mit den Demokraten gebildet werden. Der Rückblick über das vergangene Jahr muß uns zeigen, daß mur Geschlossenheit, Selbstvertrauen und das alte Solidaritäts gefühl halten kann, was wir uns errungen haben. Minna Schilling Nach langem schmerzlichen Warten ist ein Teil unserer Gefan genen in der Heimat eingetroffen. In großzügiger Weise sind von der Regierung alle Maßnahmen getroffen, die unseren be bauernswerten Volksgenossen den Wiedereintrit in die Volks gemeinschaft erleichtern sollen. Die Durchgangslager, bie die Burüdgefommenen auf einige Tage aufnehmen, find so organis fier, daß alle Förmlichkeiten, die sich als nötig erweisen, in furzer Beit erledigt sind und die langersehnte Heimkehr in die engere Heimat erfolgen kann. Darüber hinaus sind aber auch überall eifrige Hände am Werke, bemüht, den Zurückkehrenden die ersten Stunden in der Heimat angenehm zu gestalten. Wenn man bieses geschäftige Treiben sieht, fühlt man sich untvillkürlich in die Herbsttage vor 5 Jahren zurüdverseßt. Die großen Bahn, höfe und Durchgangsstationen der Truppen zeigten dasselbe Bild wie heute die Empfangsstationen, wo die Langersehnten zum erstenmal heimatlichen Boden betreten. Wenn bei der Liebestätigkeit, die damals entfaltet wurde, als das große Unglück über unser Vaterland hereinbrach, die meisten unserer Genofsinnen entgegenführt, dem sie sich in einer Liebe verbindet, die wie ein helleuchtendes, unverlöschbares Feuer diese Ehe durchstrahlt. Clara Müller- Jahnke ist eine Bastorentochter. Ueber die Mystik bes Natholizismus entwickelt sie fich zur Atheistin, um zuletzt die Verkünderin des menschheitsbefreienden Sozialismus zu sein. Das ist der Ausklang dieses besten Frauenbuches, welches ich tenne. Die Dichterin ruht seit 18 Jahren in märkischer Erde, jäh und unerwartet fam der Tod, als sie faum 45 Jahre alt, in der Vollkraft des Schaffens stand. Ihr Bekenntnisbuch ist, als ob es heute geschrieben wäre, und wenn in fernen, glücklicheren Zeiten die Frauen dank ihrer politischen Freiheit auch freie Menschen sein werden, dann wird dieses Buch ein Kulturdokument unserer Beit und unseres Kampfes sein. Ich bin allein! Nun gehe ich einfam über das Feld, Grau, wie im Пehel erfcheint mir die Welt, Dein lieber Schritt nicht neben mir klingt. Deine weiche Stimme nicht mehr für mich fingt! Ich bin allein! War immer der Tag denn fchon fo lang, Schlug immer das бerz fo fchwer und bang, Und hab' ich in allen Stunden So bart und klar es empfunden: Daß ich allein? Du gingit fo mutig und tapfer von mir, Das will ich, mein Kind, nun danken Dir, Will stolz meine Einfamkeit tragen, Sag' felt und ohne zu klagen: Ich bin allein! Lotte Möller. r. 41 Die Gleich beit abseits ftanden, so hatte das die verschiedensten Gründe. Der Taumel der Kriegsbegeisterung, der über all diesem Bestreben lag, war uns allen in tiefster Seele verbaßt. Diese Stimmung war wohl für die meisten von uns ausschlaggebend. Außerdem wäre es uns wohl nur in wenigen Fällen möglich gewesen, als Gleichberechtigte neben den bürgerlichen Damen zu arbeiten. Anders ist es heute. Heute ist es unsere Pflicht, überall, wo es gilt, unseren aus der Gefangenschaft heimkehrenden Kriegern einen Heben Empfang zu bereiten, auf dem Posten zu sein. Wir dürfen uns dieser Pflicht um so weniger entziehen, da wir wissen, baß von gewisser Seite daran gearbeitet wird, in die Herzen der Rüdtehrenden Mißtrauen gegen die Regierung zu säen. Wir müffen dafür sorgen, daß unter den ersten Zeitungen, die ihnen in die Hand gedrückt werden, die unseren zu finden sind. Durch freundliche Willkommensworte, Nede und Gegenrede fönnen wir ihnen Aufklärung über vieles Neue geben, was ihnen in der Heimat überall entgegentreten wird. Die Gewigheit, wertvolle Parteiarbeit mit dieser Tätigkeit zu leisten, muß uns reiche Ents fchädigung für die Opfer an Zeit und Mühe sein. Wir an der Unterweser haben in Bremerhaven zugleich Empfangsstation und Durchgangslager. Somit war den Ge noffinnen schon einigemal Gelegenheit geboten, fich in oben ge schilderter Weise zu betätigen. In den Empfangsausschus, der sich aus den Behörden und den Vertretern der einzelnen Körperschaften zusammensett, ist auf unser Verlangen eine Genoffin hineingewählt worden. Dem Wunsch des genannten Ausschusses, daß die Helferinnen bei den Gmpfängen und im Durchgangslager burch Armbinde fenntlich sein sollten, hatten wir dadurch Recha nung getragen, daß wir uns Binden mit der einfachen Aufschrist Sozialdemokr. Frauen der Unterweserorte" anfertigen ließen. Bon bürgerlicher Seite hat man aber Anstoß an diesen Binden genommen, so daß man zur Schaffung einer Ginheitsbinde schrei ten wird. Wir werden uns ja dem Beschluß fügen müssen, obgleich wir nach unseren ersten Erfahrungen nur ungern unsere Binden ablegen. Worte der Anerkennung und freundliche Blide in den Augen der Heimkehrenden zeigten uns, daß unsere Weit arbeit ganz besondere Freude bei ihnen auslöfte. Eins steht jedoch fest: Wir werden uns auch durch solche Unftimmigkeiten in Zukunft nicht abhalten lassen, weiter auf dem Bosten zu sein. 3. 8. In einer Frauenzusammenfunft referierte Genosse Dr. Engel. Hardt über:„ Kirche, Schule und Erziehung". Der Referent ent warf den Anwesenden ein sehr anschauliches Bild besonders von der Stellung der Sozialdemokraten zur Religion. Vom alten Bebel anfangend, der noch von Religion und Sozialismus be. Hauptete, daß fie fich wie Feuer und Wasser gegenüberstehen, Tommt er zu Dießgen, der zwar das Christentum ablehnt, aber doch in seinen Schriften ein gewisses religiöses Hoffen und einen starten Zukunftsglauben lebendig werden läßt, dessen Erfüllung und Verwirklichung er aber noch auf dieser Welt erhofft. Bei thm wird sozusagen der soziale Gedante mit religiöser Straft er. faßt. Es wurde weiter geschildert, wie es durch diese Entwicklung möglich wurde, daß fogar Pfarrer Sozialdemokraten werden konnten, was auch wieder nicht ohne Einfluß auf unsere Bewe gung blieb. Der Vortragende tam zu dem Schluß, daß sich wirt schaftliche Biele mit jeder Weltanschauung vereinen, solange diese fich nicht herabwürdigen läßt, als Werkzeug einer herrschenden Klasse zu dienen. Unsere Stellung zur Kirche präzisierte der Redner in dem Gabe:" Religion ist Privatsache", und dessen klare Durchführung bedeutet volle Glaubensfreiheit für jedermann. Aber damit die Kirche ihren großen Einfluß auf die Wähler maffen, verliert, haben die Genossen, die noch der Kirche ange hören, dafür zu sorgen, daß dieselbe nicht Politik treibt, sondern meutral bleibt. Dieser Einfluß fann allmählich dadurch gewonnen werden, daß unsere Genossen auch in die Stirchenräte eintreten. Andererseits haben alle Genoffen und Genoffinnen, die innerlich völlig frei von der Kirche sind, die Pflicht, dies auch äußerlich durch ihren Austritt aus derselben zu befunden. Eie geben da. durch unseren Vertretern in der Nationalversammlung einen ge wissen Rückhalt bei den verschiedenen diesbezüglichen Debatten. Ebenso dringend notwendig ist es aber auch, daß unsere Genoffen aus. ihrem Stirchenaustritt bie weitere Konfequenz ziehen und thre Kinder von Religionsunterricht befreien und so bewirken, baß unsere Abgeordneten eine fräftige Rüdenstärkung haben. Auf alle berührten Einzelheiten der Erziehungsfragen einzugehen würde zu weit führen, aber eines ist sicher, hätten wir lauter Dehrer, die ihr Amt im Sinne Dr. Engelhardts versehen würden, 327 dann stände es gut um die Erziehung unserer Kinder und die Mütter brauchten weder nach Religionserfaß noch nach Moral unterricht zu rufen. Die sich anschließende Diskussion war aus dem Grunde nicht sehr rege, weil der Vortragende alles so flar und restlos ausgeführt hatte, daß taum mehr etwas hinzuzufügen war. Bei dem Buntt Verschiedenes" entspann sich dagegen eine um so lebhaftere Diskussion und es war eine Freude, zu bes merken, daß auch sonst schweigiame Zuhörerinnen allmählich aus ihrer Reserve hervortraten und das Wort, ergriffen. Es wurden außerdem noch Maßnahmen besprochen, um die Frauen noch mehr an uns heranzuziehen. Hoffen wir, daß sich schon zum nächsten Mal der gewünschte Erfolg einstellt. 2. Schaertl. Karlshorst. Rundschan Nachfolgende Notiz entnehmen wir der Tagespresse: Die Stel lung des unehelichen Kindes wird durch eine Gesetzesvorlage, die im Reichsjuftizministerium in Vorbereitung ist, neu geregelt werden. Die Neuregelung bewegt sich im Sinne der Verfügung vom 13. Februar 1919 über die Erteilung von Geburtsscheinen, in der bereits zum Ausdruck kommt, daß es unerwünscht ist, bie uneheliche Geburt von Personen ohne Not befanntwerden zu laffen. Das Personenstandsgeseh soll auch fernerhin in der Weise abgeändert werden, daß das uneheliche Kind im öffentlichen Le ben feinerlei Benachteiligung im Recht oder im Ruf ausgesetzt ist. Wir hoffen, daß dem unehelichen Kind durch die Gesetzgebung die Rechte gegeben werden, welche der Artikel 121 der Verfassung gewährleistet; fleine Mittel würden verstimmen und versagen. Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Im Ausschuß für Bevölkerungspolitik der Landesversammlung wurde am Dienstag abend der Antrag Dr. Wey!( U. Soz.) einstimmig angenommen, die polizeiliche Reglementierung der gea werbsmäßigen Unzucht zu beseitigen und zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und zur leberwachung der Prostitution die bisherige Sittenpolizei unter völliger Loslösung von der Kri minalpolizei in ein ausschließlich gesundheitlichen und pfleglichen Zwecken dienendes Amt umzuwandeln, an welchem außer einem Arzt eine sozial vorgebildete Fürsorgerin arbeiten soll. In der dann folgenden Debatte über den Antrag des Unter ausschusses wiesen die Vertreter der sozialdemokratischen Fraktion nen, Dr. Beyer( Soz.) und Dr. Wehl( U. Soz.) sowie auch Unter Staatssekretär Graef darauf hin, daß man die ersten Abschnitte nicht regeln könne, bevor man wiffe, ob die Anzeigepflicht für Geschlechtskrante beschloffen wird oder nicht. Die Behandlungspflicht und der Gesundheitsnachweis in dem Sinne, daß die Kran fen, die verdächtig erscheinen, durch die Polizei zur Behandlung angehalten werden sollen, bedeute allerdings eine Trennung der Stranten in zwei Kategorien, von denen die eine mit den Behör den gar nichts zu tun hat, die andere aber der Willtür des Arztes und der Polizei ausgeliefert ist. Deshalb müsse dafür gesorgt werden, daß die Anzeige des Arztes vollkommen geheim gehalten werde. Dann werden die Kranken, die ihrer Pflicht gegen die Allgemeinheit nachfommen und sich freiwillig behandeln laffen, in keiner Weise geschädigt, denn niemand außer dem zur Wahrung seines Berufsgeheimnisses verpflichteten Arzt erfährt etwas von ihrer Krankheit. Die anderen aber, die zur Behandlung ge zwungen werden müssen, haben den Schaden ihrem eigenen Ver halten zuzuschreiben. Als wichtigstes Argument wurden die Er fahrungen der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Ges schlechtskrankheiten angeführt, nach denen durch keine der bisherigen Maßnahmen quch nur das Mindeste erreicht worden ist. Es hat sich vielmehr herausgestellt, daß 67 Proz. aller Männer zwischen 25 und 65 Jahren geschlechtsfrank sind. Diese Zahl ist natürlich nur dadurch zu erklären, daß viele zugleich an mehreren Geschlechtsfrankheiten leiden. Empfohlen wurde auch das von Dr. Dreuw vorgeschlagene System, auch die Kurpfuscher zur Meldung zu verpflichten. Die Meldepflicht besteht nach diesen Vore schlägen praktisch also mir für die Kranken, die sich ihren Pflich ten entziehen. Die beiden sozialdemokratischen Fraktionen stell ten sich geschloffen auf den von den drei Rednern eingenommenen Standpunkt, während das Zentrum sich gegen die Anzeigepflicht erklärte. Die Stellung der Demokraten blieb vorläufig noch unentschieden, doch scheint es so, als ob ihre Mehrheit sich für die Meldepflicht entscheiden wird. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckeret. Berlag: Buchhandlung Borwärts Paul Singer B. m. b. S. fämilt in Berlin G2 68, Lindenstraße 3 328 Die Gleichheit Nr. 41 Stoffe für Damen- Kostüme Mtr. 20,-, 30,-. 40,-, 50.Herren- Anzüge Mtr. 50,-, 60,-. 70,-. 80Tuchlager Koch& Seeland G.m.b.H. Berlin C., Gertraudtenstr.20/ 21. Verkaufszeit von 8-2 Uhr Haar- Technische- Werke Wie ein Wunder Spezialität Haararbei ren, Trans formationen, Zöpf usw. Haar färb., blor dier., Kopfwaschen, Ondulieren. Berlin W., Bülowstraße 94. Zweiggeschäft: Schöneberg. Luitpoldstraße Nr. 35, Ecke Martin- Luther- Straße. 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