Nr. 45/46 29. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Port bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mark; unter Kreuzband 4,25 Mark Berlin 27. Dezember 1919 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Gernsprecher: Amt Morigplag 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Die soziale Schulung der Arbeiterfrau Von Henni Lehmann Göttingen. Der Gedanke, daß es zur Ausübung sozialer Arbeit einer Schulung bedarf, daß auch sie gelernte Arbeit darstellt, ist ein verhältnismäßig junger. Die soziale Arbeit früherer Zeit lag vorwiegend in den Händen der Geistlichkeit, die sich ihre Hilfskräfte aus ihr nahestehenden Kreisen heranzog und nach ihren Anschauungen bildete. Mehr und mehr ging dann diese Hilfsarbeit in die Hände der öffentlichen Gewalten, Gemeinde und Staat, über, daneben erstanden zahlreiche Vereine, die die sogenannte„ freie Liebestätigkeit" ausübten. Je mehr sich in den großen Städten, insbesondere in Fabriforten, die Menschenmassen häuften, je mehr damit die Not in den arbeitenden Schichten stieg, je stärker dort der Gegensatz zwischen Besitzenden und Besitzlosen hervortrat, desto mehr fühlten auch Frauen und Mädchen besitzender Kreise den Drang, solcher Not zu steuern, empfanden es als Pflicht zu helfen. Das sei ihnen nicht vergessen. Sie erkannten auch, daß ihnen vieles fehlte, um solche Pflichten nur einiger maßen zureichend erfüllen zu können. So suchten sie Kenntnisse. theoretisch und praktisch zu erwerben, die diesem Mangel aohelfen sollten. Es entstanden dann Schulen zur Uebermittlung solcher Kenntnisse, die sozialen Frauenschulen, die auch die Ausbildung für soziale Berufe übernahmen. Damit tam wohl ein gewisser größerer Ernst in die Arbeit. Nicht selten machte sich aber auch bei den so Geschulten, noch viel mehr bei den Nichtgeschulten, ein starker Dilettantismus dennoch breit. Die unbeschäftigte Tochter höherer Stände" man nennt sie auch kurz die höhere Tochter" tramte ein bißchen in sozialer Arbeit, uni ein paar Jahre auszufüllen, bis sie sich verheiratete. Die Frau aus arbeitendem Stande, die soziale Arbeit auf ihre Schultern nimmt, wird mit ganz anderen Gedanken und Empfindungen an die Arbeit herangehen, die ihr nie eine Ausfüllung leerer Stunden bedeuten kann, denn ihre Stunden sind mit Arbeit vollgefüllt im Beruf, im Haus; in der Familie. Für sie ist soziale Arbeit immer eine Pflicht, die sie aus warmherzigem Interesse für die Allgemeinheit auf sich nimmt. C = verschiedenen Stellen für Arbeit im allgemeinen Interesse gebraucht, für die der genannte Unterricht gar nicht in Frage kommt. Arbeiterfrauen, die sich solcher Tätigkeit widmen können, werden zurzeit wohl wesentlich etwas ältere Frauen sein, die nicht mehr durch die Sorge für kleine Kinder in Anspruch genommen sind, oder jüngere kinderlose Frauen. Diese Frauen werden mite zuarbeiten haben in verschiedenen Stellungen in der Gemeinde, als Mitglieder von Gemeindevertretungen, städtischen Kommissio nen und Deputationen und ähnlichem. Ferner werden sie sich mehr als bisher an der Arbeit der freien Liebestätigkeit zu be teiligen haben. Es ist dies durchaus wünschenswert, damit diese freie Liebestätigkeit nicht ausschließlich in den Händen bürgerlicher, insbesondere konservativer und kirchlicher Kreise bleibt. So sehr auch die Sorge für die allgemeine Wohlfahrt und für die Hilfsbedürftigen öffentliche Angelegenheit, Sache der Allgemein heit ist, so wenig wird man doch, wenigstens einstweilen, die freie Liebestätigkeit völlig ausschalten können. Es ist dies auch nicht ganz wünschenswert, denn die freie Liebestätigkeit kann nicht nur manchmal aus eigener Straft schneller Einrichtungen treffen, die nüßlich sind, an die doch aber eine Behörde schwerer herangeht, fie bildet auch nicht ganz selten ein heilsames Gegengewicht gegen behördlichen Bureaukratismus, den in der sozialen Arbeit mehe auszuschalten auch eine Aufgabe der sozial arbeitenden Arbeiter frau sein wird. Die Arbeit, an der sich Frauen in den öffentlichen Körperschaften zunächst vorwiegend beteiligen werden, wird voraussichtlich in ganz bestimmten Richtungen liegen. Es wird sich handeln un Sorge für Arme und Alte, für Frauen, Kinder und Jugendliche, für Kriegshinterbliebene und Kriegsbeschädigte, um Mitarbeit in Schul- und Wohnungskommissionen, für die Schulen auch in den zu schaffenden Elternräten. Außerdem kann vielleicht noch eine besondere Arbeiterinnenfürsorge in Frage kommen, wenn es ge= lingt, die im Kriege durch die Frauenreferate bei den Kriegsämtern geschaffenen Fürsorgevermittlungsstellen in kommunale Arbeiterinnenwohlfahrtsstellen umzuwandeln. Solche Stellen würden die Aufgabe haben, im Zusammenhang mit Arbeits- und Berufsberatungs- und Vermittlungsstellen alle Fürsorge zu treffen, die nötig ist, um eine aus dem Arbeitsverhältnis der Arbeiterin entstehende Schädigung ihrer Person und ihrer Familie und Häuslichkeit zu verhindern. Damit würde Hand in Hand die Tätigkeit in Arbeitsnachweisen und Berufsberatungen gehen, die eine besondere Schulung voraussetzt. Wer in der Armenpflege mitarbeiten soll, muß eine Kenntnis der in Frage kommenden Unterstüßungsmöglichkeiten haben, wie sie am Ort oder allgemeiner Natur vorhanden sind, muß be= Was bringt die Arbeiterfrau mit, das sie für diese Arbeit fähig macht? Fraglos eine Kenntnis der Lebensbedingungen und Lebensart der unbemittelten Volksschichten, die sie vor dem häufigen Fehlgehen sozial arbeitender Frauen der besitzenden Kreise bewahrt, denen solche Kenntnis fehlt, und die leicht überall den Maßstab ihres eigenen Lebens anlegen wollen mit seinen reicheren Möglichkeiten in bezug auf Sorgfalt, die der Ernährung, der Instandhaltung der Wohnung, der Kinderpflege und ähnlichem zu gewandt werden kann. Indes, so wichtig diese Lebenskenntnis, die die Arbeiterfrau mitbringt, ist, sie genügt nicht, sie zu sozialer Arbeit voll tüchtig zu machen. Dazu gehören doch soziale Kenntnisse von allerlei Art. Man muß dies und jenes wissen und gestehende Einrichtungen und Anstalten fennen. Gleiches ist na lernt haben. Die Einrichtung einer vollen sozialen Frauenschule für Frauen arbeitender Kreise wird kaum möglich sein, einfach schon deshalb, weil diese kaum die Zeit für einen doch mehrjährigen Bejuch solcher Schulen aufbringen können. Man könnte höch stens daran denken, für junge Mädchen aus Arbeiterfamilien, die sich vielleicht einmal einem sozialen Beruf, etwa als Fürsorgerin, Waisenpflegerin usw., widmen wollen, solche Schulgänge einzu- lichen Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches in Betracht, die richten, die denn wie eine andere Lehrzeit anzusehen wären. Es wird aber gegenwärtig eine größere Zahl von Arbeiterfrauen an türlich bei anderen Unterstützungsfragen nötig, insbesondere muz viel Vertrautheit mit der Sozialversicherung vorhanden sein. So ist z. B. bei aller Mütter- und Wöchnerinnenfürsorge eine Kennt nis der neuen Wochenhilfebestimmungen notwendig. Man braucht aber auch etwas weiter gehende Geseßeskenntnis. Bei der Für forge für uneheliche Mütter und Kinder kommen die diesbezüg hoffentlich bald erheblich verbessert werden. Auch für andere Fälle, für Vormundschaften überhaupt, fommt das Bürgerliche, 354 Die Gleich beit Gesetzbuch, das häufig abgefürzt nur das B.G.B. genannt und geschrieben wird, in Frage; ebenso für Bestimmungen über Mic ten von Wohnungen, über Erbrecht, über Ehescheidungen uno anderes. Diese Dinge müssen direkt gelehrt und gelernt werden, denn sie Es wäre Tommen immer wieder in der Fürsorgetätigkeit vor. jedoch meines Erachtens sehr unpraktisch, wenn man hierüber den Arbeiterfrauen einfach Vorträge halten lassen wollte. Zunächst ist es recht ermüdend und vielen schwer möglich, einem längeren Vortrag von Anfang bis zu Ende aufmerksam zu folgen. Danu behält man nicht, was so einmal schnell am Ohr vorübergeht, und rasches Mitschreiben des Wichtigsten ist schwer, oft unmöglich. Ferner wird auch leicht das eine oder das andere mißverstanden, besonders wenn sich der Redner nicht ganz klar ausdrückt. Dess halb empfiehlt sich eine andere Form, wie sie auch an Universt täten üblich ist, und dort als Seminar, als praktische Uebungen oder ähnlich bezeichnet wird. E3 müßte bei solchen Uebungen für Arbeiterinnen zunächst die gesetzliche Bestimmung mitgeteilt werden, dann ein praktischer Fall aus dem Leben, auf den die betreffende Bestimmung past, und dann wird dieser Fall mit den Arbeiterinnen besprochen, die möglichst an der Besprechung sich beteiligen, vielleicht auch selbst ihnen bekannte ähnliche Fälle heranziehen sollen. Dadurch wird auch der Scheu vieler Arbeiterinnen, zu sprechen und ihre Metnung zum Ausdruck zu bringen, entgegengewirkt werden. Diese müssen sie verlieren, wenn sie in der Allgemeinheit mitwirken wollen. Um Anstalten, in denen Hilfsbedürftige untergebracht werden, beurteilen zu können, dazu ist die Besichtigung dieser Anstalten nötig. Möglichst soll man nicht nur die in Frage kommenden Anstalten selbst, sondern auch ähnliche sehen, wenn es irgend möglich ist, besonders gute, die an Nachbarorten bestehen. Mit jeder Bes fichtigung muß eine Erklärung der Einrichtungen verbunden sein. Natürlich können auch außerdem Beschreibungen von Anstalten gegeben werden. Um Anstalten für Kranke oder zur Unterbringung von Kindern, um überhaupt die Versorgung von Kindern beurteilen zu können, dazu sind gewisse Kenntnisse des Gesund heitswesens, ber Hygiene, erforderlich, wie sie auch für Beurtei lung der Wohnverhältnisse notwendig find. Hierin gerade sind die Kenntnisse der Arbeiterin oft recht lüdenhaft, weil sie m engen, ungesunden Wohnungen gar nicht die Möglichkeit hat, die Anforderungen fennen zu lernen, die vom gesundheitlichen Standpunft aus an jede Wohnung gestellt werden müssen. In bezug auf Schulverhältnisse werden wohl eigentlich fachliche Kenntnisse weniger in Frage kommen. Hier wird mehr die na türliche Empfindung und die Erfahrung der Mutter zu sprechen haben. Vielleicht wird bei der bevorstehenden Ausgestaltung des Fortbildungsschulwesens etwas über die verschiedenen Pläne für solche Schulen, insbesondere die für Mädchen, zu sagen sein. Aber von der Jugendpflege, die sich mit den normalen schulentlassenen Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren, und der Jugendfürforge, die sich mit den nicht normalen im gleichen Alter, mit Gefährdeten und Straffälligen beschäftigt, sollte jede Arbeiterfrau etwas wissen, vor allem jede, die für das Gemeindewohl arbeitet. Diese heranreifende Jugend ist durch die Kriegsverhältnisse be= sonders gefährdet worden, und wir haben traurig viel jugendliche Verbrecher. Gerade der Einfluß guter Frauen würde hier von besonderem Segen sein. Er würde auch der gewissenlosen kommunistischen Verhebung entgegenwirken können, denen diese jungen, noch nicht reifen und leicht erregbaren Menschen oft allzu schnell zugänglich find. Praktisch werden sich am einzelnen Ort wahrscheinlich noch eine ganze Reihe verschiedener Dinge ergeben, an deren Ausgestaltung die Arbeiterfrau mitzuwirken berufen ist, über die sie sich demgemäß unterrichten muß. Am einen Ort ist dies, am anderen jenes von mehr Wichtigkeit. Ueberall werden heut von besonderer Bedeutung Beleuchtungs-, Heizungs- und Ernährungsfragen sein. Diese müssen natürlich praktisch nach den örtlichen Verhältnissen gelöst werden, aber es spielen doch die allgemeinen Gesichtspunkte, die Kenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse, eine bedeutende Rolle, und diese wieder greift über in allgemeine Fragen des Sozialismus, insbesondere die der Sozialisierung von Betrieben. So wird man Arbeiterfrauen hier nur zu vollem Verständnis schulen können, wenn man sie mit Ser Grundlehre des Sozialismus und mit deren Verwirklichungsmöglichkeiten in der gegen= wärtigen schweren Wirtschaftslage befannt Nr. 45/46 macht. Diese Bekanntschaft wird sie dann wieder überleiten in das große Gebiet des politischen Lebens überhaupt, auf dem mitzutun die Arbeiterfrau hoffentlich in immer steigendem Maße berufen sein wird. Auch hier wird ihr die allgemeine soziale Schulung und die praktische Vorarbeit in der Gemeinde von erheblichem Nußen sein, denn ein umfassender Ausbau der sozial politischen Gesetzgebung dürfte vor der Tür stehen. Damit die Frauen, insbesondere die Arbeiterfrauen auf die Entwicklung Einfluß ausüben können, sind erweiterte Kenntnisse und möglichst gute soziale Schulung unerläßlich. In den Formen, die ich andeutete, wird sie sich mehr oder weniger ausgedehnt fast überall ermöglichen lassen. Jahreswende Von Clara müller- Jabnke Am altersgrauen Baum der Zeit Ift eine Blume aufgeblüht, Und eine Knofpe tut fich auf. Die Menichheit feufzt in gleicher Fron; Von ihrer müden Stirne fällt Der Schweiß in Tropfen erdenwärts. Ihr Glaube aber träumt im Licht: Vor ihren Sebnfuchtsblicken schwimmt Das Morgenrot des neuen Tags. Wie auch die Kette klirrt und drückt, Der Zukunft Sturm zerbricht fie doch, Und jedes Jahr löft einen Ring. Und jede Knofpe, die erblübt Am altersgrauen Baum der Zeit, Birgt einen Keim der künftigen Frucht. So grüß ich dich, du neues Jahr; Du junge Knofpe tu dich auf, Und blüh' im lichten Rofenrot! Des Friedens milder Maienwind Umipiele deinen vollen Schoß. Der Liebe Geilt befruchte dich! 1 Und deine Düfte gieße aus, Mit Blütenblättern kränze du Der Menschheit tiefgefurchte Stirn. Und in der Zeiten Niedergang Sei du ein lichter Zukunftstraum, Sei du ein Gruß der neuen Zeit! Revolution des Geistes Von Carl Diesel ( Schluß) Aus dem Vergangenen läßt sich das Werdende erkennen, es gilt nur, das Vergangene zu fennen! Wir Träger der Gegenwart aber sind, einem Zeitalter angemessen, das mit allen Mitteln an der Einenging, der Trockenlegung des Geistes arbeitete, zu beschränkt, zu nüchtern, zu bureaukratisch, zu unpraktisch- praktisch, als daß es uns möglich wäre, unser Herz restlos dem ganz Großen, dem ganz Gewaltigen zu öffnen, erst recht nicht, wenn es vergangen ist. Müssen doch selbst die, denen es gegeben ist, die befähigt sind zu vertiefenden Einbliden, weiten orientierenden Ausblicken,- müssen doch auch sie sich erst frei machen von einem Bann, der alles niederzwang. Es zeugt von geringem Verstehen, wenn überragende Geister, die den Blick fühn und seherisch ins Weite senden, die unbeirrt bleiben vom Augenblidsgeschehen, als Schwärmer und Träumer verhöhnt, als Verräter gebrandmarkt werden. Aber die Kleinlichkeit ist der Fluch der Masse, unter dem sie selbst am meisten zu leiden hat. Weder Goethe noch Schiller entgingen den Verständnislosig feiten und Anwürfen dieser Art, und doch waren beide weit mehr Revolutionäre, als es bei den notariell beglaubigten Nr. 45/46 Die Gleich beit Revolutionsmännern zutraf. Nur daß sie es eben in einem höheren, unbegreiflichen" Sinne waren. Ihnen war der Weitblick gegeben, von dem ich oben sprach, sie zogen aus den Ereignissen von 1789, die für so viele Hemmung, Erstarrung, Schrecken waren, mit wundervoller Ruhe die Folgerungen praktischer und ideeller Art und bewiesen so am besten, wie gut fie ihre Zeit verstanden. Sie übertrugen, wenn ich das Bild amvenden darf, die Revolution auf ihr geistiges und seelisches Leben, verinnerlichten, durchgeistigten sie, setzten Kampf gegen Kampf und deuteten wegweisend aus dem Chaos in die Schönheit einer festgefügten, ehrlichem Wollen, edlem Sehnen erreichbaren Harmonie. Mochte auch Friedrich Schiller im Augenblick, da ihm schöne, beglückende Träume durch Ungeheuerlichkeiten zerstört wurden, verzweifeln und an der Menschheit irre werden: er ließ fich nicht werfen. Indem er sich Kant zuwandte, offenbart er, daß sein Aufstieg sich weiter fortsetzt, daß die gewaltsame Er. schütterung, die sein Ideal traf, den Willen und Drang auslöste nach einem unbeirrbaren, festgefügten Fundament. Mitten aus Zerstörung und Zusammenbruch gewann er„ Mut des reinen Lebens"; nie sind edlere Richtlinien aus einem Werke des Blutes und der Entschlichkeiten genommen worden. Mit dürren Worten läßt sich aussprechen, was Schiller zit Kant 30g: der Trieb zur Klarheit. Und unter welchen ginftigen Umständen geschah die Annäherung! In einem Augenblic, da die Gebilde einer eigenen unffaren und unentwickelten Sehnsucht von brutalen Tatsächlichkeiten zertrümmert wurden und sich mit Naturnotwendigkeit entweder Verzweis lung oder Entsagung oder neues Arbeiten Arbeiten ergeben mußten! Stant gab diese Klarheit, die Schiller für sich und sein Werk so dringend benötigte; in wundervollen Worten hat Wilhelm von Humboldt die einzigartige Leistung des Königsberger Philosophen gewürdigt: ,, Stant unternahm und vollbrachte das größeste Werk, das vielleicht je die philosophierende Vernunft einem einzelnen Manne zu danken gehabt hat. Er prüfte und sichtete das * Feuilleton * Sozialismus iſt nicht Bruderschaft Sozialismus iſt nicht Bruderschaft; er ist Gemeinschaft und Brüderlichkeit, iit Gelinnung. Die Menschheitsfamilie, der Sozialismus, it Golfftrom aller Erdteile. Aber da die Liebe zwifchen Brüdern beim Erbe auseinander Itrebte, fo wollet, daß der Sozialismus, das heiligste Vätererbe enger zufammenführe. So, daß aller Kampf nicht um das Erbe, fondern für das Erbe geführt werde. Denn Sozialismus ift auch Kampf! Durch Kampf geboren, wird er auch im Kampfe leben. Das durch Kampf erhöhte Leben ist Sozialismus. Die Brüderlichkeit aber bleibe der Golfitrom der vom Herzen zum Herzen geht. Meine Liesbeth Von einem luftigen Reichstagsmitglied Julius Zerfaß. 355 ganze philosophische Verfahren auf einem Wege, auf dem es notwendig den Philosophien aller Zeiten und aller Nationen begegnen mußte; er maß, begrenzte und ebnete den Boden desselben, zerstörte die darauf angelegten Truggebäude und stellte, nach Vollendung dieser Arbeit, Grundlagen fest, in welchen die philosophische Analyse mit dem... natürlichen Menschensinne zusammentraf. Er führte im wahrsten Sinne des Worts die Philosophie in die Tiefen des menschlichen Busens zurück."*) Nein, eine solche Erscheinung konnte an Schiller nicht unbemerkt vorübergehen. Ihn, der immer über seiner jedesmaligen Beschäftigung schwebte, der die Boesie selbst, fiir welche die Natur ihn bestimmt hatte und die sein ganzes Leben durchdrang, doch auch wieder an etwas noch Höheres anknüpfte, mußte eine Lehre anziehen, deren Natur es war. Wurzel und Endpunkt des Gegenstandes seines beständigen Sinnens zu enthalten... Es mußte ihn mächtig ergreifen, das natürliche, menschliche Gefühl in seine Rechte eingesetzt und in seiner Neinheit philosophisch begründet zu finden." Jm genanen Sinne ist die ganze Entwicklung des menschlichen Geistes, vom Anfang bis zum Ende, eine andauernde Revolution. Aber ebensogut läßt sich im entgegengesetzten Sinne von einemt fortwährenden Aufbau sprechen. Für uns find entscheidend die einzelnen Epochen der Geistesentwidlung, die Zeitpunkte, an denen gleichsam die Bilanz ge30gen wird, an denen sich zeigt, in welche Bahnen der reifer gewordene Geist drängt oder gedrängt wird, ob er resigniert versagt oder ob er vorwärtsgehend Neues produziert. Sie find Abschluß und Beginn. In heißen Kämpfen hat Schiller mit der Stantischen Lehre gerungen, bevor er dazu gelangte, sich in sie einzuleben und sie *) Es fällt mir schwer, eine Charakterisierung abzubrechen, die ohne alles schwärmerische Entzücken eine so gerechte und berständnisvolle Würdigung darstellt. Sie ist zu finden in der kleinen Schrift Ueber Schiller und den Gang seiner Geistesentivid lung", die als Band 88 der wertvollen Infel- Bücherei erschienen ist mir dadurch das Wohlgefallen aller Genossinnen, der schönen sowohl als der minderschönen, zuzuziehen. Es wäre ein Standal, wenn ein Mann, der an seiner Frau den Narren so gefressen hat wie ich an meiner Liesbeth, dem unbeweisten lachenden Philosophen nicht widersprechen wollte, der von gewissen Frauen die frivole Behauptung aufstellte, sie wären die Plagen, mit denen Moses die Aegypter zu schlagen vergessen hat. Ich kann auch die generelle Behauptung Heinrich Heines nicht unwidersprochen lassen, daß man bei Weibern nie wisse, wo der Engel aufhört und der Teufel anfängt; ich lege für meine Liesbeth ausdrücklich Verwahrung ein und behaupte, sie ist ein Engel, wenn sie auch feine Zähne mehr im Mund hat, weder echte noch falsche. Wenn sie noch fathe lisch wäre, würde sie sogar unfehlbar heilig gesprochen werden müssen und einen Platz einnehmen in der Legende der Heiligen. Für diesen Verlust soll sie aber durch diese Ehrenrettung in der Gleichheit" einen bollwertigen Ersatz haben. Dem liederlichen Nietzsche aber will ich erst recht auf die Finger Klopfen für die nichtsnugige Behauptung, das Weib sei der Freundschaft nicht fähig; das Weib sei entweder eine Was, Deine Liesbeth", höre ich die schönen Referinnen Rake oder ein Vöglein oder aber eine Kub; wenn ein Mann schon fragen: Was tut die in der„ Gleichheit"? Na, wenn die die Ehre hat, muß ich, die Anna, und ich, die Grete, auch hinein. Das balte ich für recht und billig, vorausgesetzt daß beide so viele schöne weibliche und mütterliche Tugenden und so viele Kinder haben wie meine Liesbeth, und daß die Chemänner der Anna und der Grete selbst von deren Engel haftigkeit überzeugt sind und ihre Stomplimente ebenso auf richtig schreiben wie ich. Außerdem lobe ich meine Liesbeth, weil ich den lachenden Philosophen Weber, den Spötter Heine und das Schandmaul Niessche ins Unrecht jeten will, in der Hoffnumz, zu einer Frau gehe, soll er die Peitsche nicht vergessen. Dec Nietzsche hätte ein Dutzend solcher Frauen verdient wie er sie schildert. Schade, daß er gestorben ist. Lebte er noch, würde ich ihn aus purer Begeisterung für meine brave Liesbeth auf frumme Säbel fordern. Von allen großen Männern, die fich über Frauen äußerten, fann ich nur Napoleon, dem Halbgott, zustimmen, der der Madame de Stael auf die Frage, welche Frau er am höchsten stelle, die prächtige Antwort gab: diejenige, welche die meisten Kinder hat. Meine Liesbeth hatte nämlich zwölf, wovon acht leben, und die sehen mir alle ähnlich. Die Aehnlichkeit der Halb 356 Die Gleich beit weiter zuführen. Im Rahmen dieses Themas darauf einzugehen, würde zu weit führen; das muß Zweck einer besonderen Arbeit sein. Denn es galt hier nur, die einzelnen großen Wegstationen festzuhalten, in denen der menschliche Geist, von langer Wanderung auf hundert Irrpfaden ermüdet, nur allzugern hängen bleibt, ohne die Kraft zum Weiterwandern zu finden, die nur aus dem eigenen Herzen strömen fann. Und wie notwendig ist uns in unseren Tagen diese Kraft! Noch einmal: sie entquillt nur dem eigenen Herzen. Das Wohlfahrtsamt ( Schluß) Von W. Michel, Minden, Mitgl. d. preuß. Landesversammlung. Die Rechts fürsorge, die, wie schon erwähnt, mit der Erwerbsfürsorge zusammengelegt werden fanu, verdient ganz be= sondere Beachtung. Bisher haben die von den Gewerkschaften errichteten und unterhaltenen Arbeitersekretariate mit gutem Grfolg die Bedürfnisse auf diesem Gebiet befriedigt. Jedoch ist der Kreis der Rat- und Hilfejuchenden weit über den Streis derjenigen hinausgelvachfen, für die diese Einrichtungen geschaffen wurden, nämlich für die Mitglieder der Gewerkschaften. In der Besucherzahl der Arbeiterjefretariate überwiegt vielfach die Zahl der Nichtgewerkschaftler die der Gewerkschaftler. Ein Beweis, wie dringend diese Frage der Lösung durch die Gemeinde bedarf. Die Rechtsfürsorge muß unentgeltlich für Minderbemittelte sein und in die verschiedensten Rechtsfragen, möglichst durch gütliche Regelung, Ordnung bringen. Die Erfahrungen mit den Mieteinigungsämtern sollten auf anderen Gebieten Anwendung finden und zur Errichtung von Schieds- oder Schlich tungsämtern führen, um unter Ausschaltung der ordentlichen Gerichte Zivilstreitigkeiten, Beleidigungen usw. durch Vergleichsberhandlungen auf billige, praktische und schnelle Weise aus der Welt zu schaffen. Beratung bei Streitigkeiten, die aus dem Arbeitsvertrag und der Unfall, Invaliden-, Alters- und Krankenbersicherung entstehen, Vertretungen vor den Gewerbegerichten und den Versicherungs- und Oberversicherungsämtern find Aufgaben, die der Rechtsfürsorge zufallen. jährigen Zwillinge geht sogar so weit, auch in der Psyche, daß ich den einen, der aus Eulenspiegellaune mit den Hühnerangen zuerst das Licht der Welt erblickte, Till nannte, während sein Zwillingsbruder Göz heißt, weil er sein Fleines Hinterteil ebenso rücksichtslos empfiehlt, wie der Nitter mit der eisernen Faust. Und die Mama Liesbeth macht, besorgt um das leibliche Wohl der fleinen Diosturen, Vierundzwanzigstundenschichten und hängt sie abwechselnd an die Brust. Zuweilen aber auch gleichzeitig, was ich selbst bei den wertvollsten Madonnen Rafaels noch nicht bewundern konnte. Und eine solche prächtige Kindermama sollte keinen Platz in der ,, Gleichheit" verdient haben? Anna und Grete, da könnt Ihr beide wohl nicht mitkommen. Ihr habt keine zwölf Kinder mit solcher Hingabe gestillt und fürchtet Euch erst recht vor Zwillingen, obwohl der Sozialismus den Nachwuchs so bitter nötig hat. Und Ihr habt wohl auch nicht solch göttliche Rückficht mit einem streitlustigen Mann, daß Ihr ihn trotz der großen Nachkommenschaft den Kaffee nebst Butterbrot und Honig im Bett serviert, und Ihr habt wohl auch nicht die Seelengröße, zu ertragen, daß der Mann aus purer KampfJust Ench 300 Tage allein zu Hause sigen läßt, daß er zwei Jahre seiner schönen Ehe im Gefängnis vertrödelte, weil er das lose Mundwerk nicht halten kann und seine Grobheiten gegen Herrenmenschen und Ausbeuter mit der Bergmannsjade schreibt. Die Liesbeth aber hat das alles ertragen mit einer heroischen Aufopferung und hat ihre Tränen um den streitbaren Mann in stillen Nächten geweint, während er hinter Schloß und Riegel immer neue Pläne ausheckte, um der Freiheit zu dienen und erneut Staatsfoft zu verdienen, bis die Revolution dem Eifer der Staatsanwälte Einhalt bot. Habt Respekt vor meiner Liesbeth, die mich bei all ihren Opfern immer noch mahnte, daß ich dem sozialistischen BeNr. 45/46 Der Jugendfürsorge werden all' die Aufgaben zugewiesen werden müssen, die zu erfüllen die genannten Jugendämter sich übernommen haben. Der größte Wert muß darauf gelegt werden, mit der Fürsorge sofort nach der Geburt, besser noch vor der Geburt zu beginnen. Die Jugendfürsorge ist so wichtig und ihr Aufgabenkreis so groß, daß ein ausführliches Eingehen darauf hier unmöglich ist. Grwähnt seien hier nur die wichtigsten Fragen, wie Mutterschutz, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge; Fürsorge für die Schulkinder und die schulentlassene Jugend, Waisenfürjorge, Regelung des Pflegekinderwesens und die wichtige Frage der Berufsvormundschaft. Ganz besondere Aufmerksamkeit muß der Fürsorge für uneheliche Mütter und Kinder gewidmet werden. Die Nebelstände, die gerade noch auf diesem Gebiete bestehen, schreien besonders in den Großstädten zum Himmel. Nirgends kommen die demoralisierenden Einwirkungen des Krieges mehr zum Ausdrud als bei unserer Jugend. Im Interesse des Wiederauflebens unseres Volkes müssen die hier geschlagenen Wunden möglichst schnell geheilt werden. Im engen Zusammenhang mit der Jugendfürsorge steht die Gesundheitsfürsorge, die ihrerseits wieder nicht von der Wohnungsfürsorge zu trennen ist. Ueberhaupt ist die ganze Frage der sozialen Fürsorge in der Hauptsache eine Wohnungsfrage. In fleinen, überfüllten und daher meist schmußigen Wohnungen, in ungesunden Schlafräumen ist der Nährboden für alle möglichen Krankheiten, besonders der Tuberkulose, gegeben. Die Schaffung geräumiger, luftiger und sonniger Wohnungen und die Beseitigung der durch den Krieg in allen Orten eingetretenen Wohnungsnot ist die beste Stärkung unserer Volksgesundheit. Das noch in vielen Orten bestehende Schlafstellenunivesen muß schnellstens beseitigt werden. Es verstärkt die Gefahr der Uebertragung der Geschlechtskrankheiten, nicht nur auf Erwachsene, sondern auch auf die Kinder. Zur weiteren Bekämpfung dieser Volksseuchen müssen Einrichtungen zur Beratung und Behandlung Tubertuloser und Geschlechtskranker geschaffen werden. Daneben darf die allgemeine Krankenfürsorge und behandlung natürlich nicht vernachlässigt werden. Das Sprichwort: Nur in einem gefunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist" muß zum Motto der Gesundheitsfürsorge werden. Vor allem aber darf die Fürsorge für tinderreiche Familien nicht vergessen werden. Daß auch die Fürsorge für Kriegsbeschädigte, Hinterbliebene und Kriegsteilnehmer, die ja wohl heute bereits in allen Gefreiungskampf nicht weniger gehöre als ihr. Ohne die Liesbeth wäre ich lange mürbe und flügellahm geworden und hätte das Phlegma gesucht statt den Kampf. Sie ist eine Heldin des Sozialismus geworden; aber auch eine sozialistische Erzieherin. Als ihr ältester Sprößling, der heute schon seinem ollen Vater Konkurrenz in der Parteipresse macht, mit 13 Jahren die erste Lofalnotiz für ein schlesisches Parteiblatt schrieb, weinte die Liesbeth in ihrem Mutterglück vor Freude. Und sie ist eine Propagandistin von großer Findigkeit. Sie schreibt prinzipiell ihre Warenbestellungen, mit welchen sie ihre Sprößlinge in die Geschäfte losschickt, nur auf sozialdemokratische Stimmzettel. Und prinzipientreu ist die Liesbeth auch. 1916 schrieb sie mir nach Polen, daß sie sich trotz ihrer Liebe scheiden läßt, wenn ich mich zu den Unabhängigen verirre. Sie berteidigt mich und ihre Jungen wie eine Löwin: als im Januar zwei Spartakisten mich aus dem warmen Bett holen wollten, um mich ebenso wie den Bürgermeister, den Landrat und den Soldatenrat zu verhaften, trieb sie die beiden Helden mit der Kohlenschaufel die Treppe hinunter. Jezzt, schöne Leserin, wirst Du begreifen, daß ich der Liesbeth gut bin und ihr Lob in der„ Gleichheit" singe. Ich habe allerhand Ursache dazu. Wer weiß, ob ich überhaupt eine Frau bekommen hätte, wenn die Liesbeth sich nicht um mich erbarmt hätte. In meinem katholischen Pfälzer Heimatdorf hätte jede Mutter ihrem Mädchen die Augen ausgefragt, wenn es auch nur mit mir gelacht hätte. Denn ich war in den Augen der frommen Mütter ein„ Antichrist". Die Liesbeth aus dent Nachbardorf hat sich um meinen bösen Nuf nicht gestört. Selbst mein alter spottsichtiger Vater schreckte sie nicht ab, der ihr bei der ersten Brautvisite fagte:„ Weeschte, Liesbeth, wer mein Lausbu kriet, es glücklich; wer'n awer net friet, es noch glücklicher." Nr. 45/46 ie Gleich beit meinden gepflegt wird, der einheitlichen Leitung des Wohlfahrtsamts unterstellt werden muß, ist wohl selbstverständlich. Auch hier wird das Zusammenarbeiten mit den übrigen Abteilungen und die Ausnutzung der von diesen gesammelten Erfahrungen viel dazu beitragen, durch eine vermehrte und verbesserte Kriegsfürsorge die Dantesschuld gegenüber den Kriegern und deren Angehörigen abzutragen. Die öffentliche Armenpflege ist ja durch die Kriegswohl= fahrtspflege mehr und mehr in den Hintergrund gerückt. Aber auch sie wird wieder in die Erscheinung treten, da die Kriegswohlfahrtspflege doch allmählich abgebaut und immer noch ein Teil Fürsorgebedürftiger vorhanden sein wird, für die die andern Zweige der sozialen Fürsorge nicht in Frage kommen. Schon bei oberflächlicher Betrachtung muß auffallen, daß die einzelnen Gebiete der sozialen Fürsorge so eng miteinander zusammenhängen und derart ineinandergreifen, daß eine Zentrali fation nicht länger aufgeschoben werden darf. Die ungeheuren Arbeiten, die im Interesse des Wiederaufbaues des deutschen Wirtschaftslebens, einer Stärfung der Volksgesundheit und der Hebung der sittlichen und moralischen Kraft unseres Volkes geleistet werden müssen, fönnen nur erfüllt werden, wenn fich jeder und jede einzelne freudig und mit ganzem Herzen in den Dienst dieser Sache stellt. Insbesondere wird die soziale Fürsorge nicht auf die Mitarbeit der Frau, besonders auch der proletarischen Frau, verzichten fönnen. Gerade lettere wird sich sehr bald das Vertrauen ihrer Pfleglinge aus den arbeitenden und schaffenden Ständen erwerben, da sie als Klassengenossin geistig und wirtschaftlich mit diesen Kreisen verwachsen ist und die besonderen Nöte meist aus eigener Erfahrung fennt. Wenn die Wohlfahrtspflege auch in Zukunft in der Hauptsache auf ehrenamtliche Tätigkeit angewiesen ist, so wird man doch nicht ohne die Schaffung hauptamtlicher Stellen auskommen. Bei Besehung solcher Stellen muß Wert darauf gelegt werden, möglichst Männer und Frauen zu wählen, die aus den Kreisen der Fürforgebedürftigen stammen und hervorgegangen sind. Geht damit Hand in Hand eine praktische Aus- und Durchbildung der in der Fürsorge tätigen Personen, so werden in sehr furzer Zeit die Wohlfahrtsämter die stärksten Stüben unseres gesamten Lebens sein. Zum Segen und Nuben unseres Landes und des schwer leidenden Voltes. Die Liesbeth hat mich genommen. Ihr Rosenglück aber hat biele Dornen gehabt. An ihrem letzten Geburtstag aber schrieb sie mir, sie hätte mich genommen und wenn sie gewußt hätte, daß sie zwei Dugend Kinder bekäme, und dieser Meinung sei sie heute noch. Ich bekenne mich zu der gleichen Ueberzeugung, und bin heute noch stolz darauf, daß sie vor 20 Jahren dem Standesbeamten auf die Frage, ob sie mich zum Lebensgenossen wolle, zweimal mit ja antwortete, obwohl sie nur einmal gefragt war. Frauengestalten des 19. Jahrhunderts Von Anna Blos, M. d. N. ( Fortsetzung) Tief erschütterte sie die Nachricht von Robert Blums Tod, und gleichzeitig erfuhr sie, daß Fröbel, der Begründer der Kindergärten, mit dem sie in Korrespondenz stand, in Lebensgefahr gewesen war. Nun vertiefte sie sich in der Heimat in das Studium der Philosophen, namentlich in die Werke Ludwig Feuerbachs, bei dem sie eine Bestätigung ihrer eigenen Ansichten über Religion fand. Schon damals plante sie in Erkenntnis der Lücken in ihrer Bildung eine Verbindung der Frauen in Deutschland zu dem Zwede einer besseren Erziehung, zur Erwerbung verschiedenartiger Kennt nisse zur Erlangung ökonomischer Unabhängigkeit. Wieviel später sollte sich ihre Anregung erst verwirklichen! So überwand sie den Schmerz, der ihr Herz zerrissen hatte. So zerbrach sie die Fesseln, die sie noch banden, und erhob sich weit über Schicksal und Tod in die Reihen seiner Geister, bestrebt, zu verstehen und verstanden zu werden. So bereitete sie sich darauf vor, vorwärtszudringen, wäre es auch gegen die ganze Welt. In dieser Zeit schrieb Malvida von Die Urform der Ehe 357 Für uns gibt die Schöpfungsgeschichte der Bibel, nach der Gott ,, einen" Mann und eine" Frau geschaffen hat, keine befriedigende Erklärung über die Entstehung des Menschengeschlechts. Wir wissen, daß es nie nur einen" Mann und nur eine" Frau ge= geben hat. Lesen wir doch in der Bibel selbst, daß die Kinder und Eufel Adams andere Menschen geheiratet haben. Es muß also außer dem ersten" Menschenpaar zu derselben Zeit noch andere Menschen gegeben haben. Uns befriedigt die Erklärung der Schöpfungsgeschichte nicht, nach der Gott ein einziges Menschenpaar geschaffen hat, um damit zu beurkunden, daß die Einche die" Form des menschlichen Geschlechtsiebens sei. Um so weniger, da ja die Bibel selbst von ten Erzvälern erzählt, daß sie zwei und mehr Frauen gehabt hoben. König Salomo hatte gar 1000 Frauen, ohne daß dies seinem Ansehen vor Gott und den Menschen sehr geschadet hat. 28ir wissen heute, daß auch das Verhältnis von Mann und Frau im Laufe der Jahrtausende den mannigfaltigsten Wandlungen unterworfen gewesen ist. Daß die Form dieses Verhält nisses, das heißt die Form der Ehe eine andere war in der Zeit der Wildheit oder der Barbarei als in der der Zivilisation. Mit anderen Worten: daß auch die Ehe nichts Ewiges", sondern ettras Gewordenes ist, daß auch die Ehe eine Entwicklung durch gemacht hat, Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit. Spät erft ist etwas Licht in das dunkle Gebiet der Urche gefallen. Spät erst ist es uns gelungen, die Geschlechtsformen unjerer Urbäter aus der vorgeschichtlichen Zeit festzustellen. Denn die Ausgrabungen, denen wir sonst unsere Kenntnisse der grauen Berzeit verdanken, schweigen sich über diesen Punkt natürlich aus. Ob die Wilden, die 10, 20 Jahrtausende vor unserer Zeitrechmang gelebt haben, zwei oder mehr Frauen hatten, davon verraten die Gesteinsschichten nichts, die uns sonst so viel von der Urzeit au erzählen wissen. Zwei Männern vor allem verdanken wir unsere Kenntnisse von der Urform der Ehe: den Deutschen Ba chofen und dem Ameria faner Morgan. Und das Merkwürdigste ist, daß beide, obgleich fie von ganz entgegengesetten Punkten ausgingen und die ver= schiedensten Methoden der Forschung anwandten, zu dem gleichen oder ähnlichen Ergebnis gekommen sind. Meysenbug den Schwur einer Frau", in deny. sie dem Verlangen Ausdruck gab,- zu leben, um der gemordeten Freiheit in den Frauen Rächer zu erziehen dadurch, daß sie fähig würden, eine Generation freier Menschen zu bilden. Eine neue Prüfung wurde ihr auferlegt durch die Nachricht, daß der einst so heißgeliebte Mann zu drei Jahren Festungshaft verurteilt worden war, da auch er sich an den Freiheitskämpfen beteiligt hatte. Nun schrieb sie ihm noch einmal Worte inniger Zeilnahme und schickte ihm einen Christbaum, der fein Gefängnis am Weihnachtsabend freundlich erhellte, denn sie war überzeugt davon, daß jedes reine und tiefe Gefühl eine solche Unschuld in sich hat, daß es nicht misverstanden werden kann. Ihre immer angegriffene Gesundheit veranlaßte Mal bida auf Anraten des Arztes. Oftende aufzusuchen. Der Aufenthalt dort brachte aber nicht nur ihrem franken Rörper Heilung, auch ihr Geist fand dort reiche Nahrung. Die Gemeinde derer, die durch das gleiche Streben nach dem Ideal verbunden sind, erstreckt sich ja über die ganze Welt. So war der Aufenthalt in Ostende physisch und moralisch eine Auferstehung für sie. Indessen trübten die traurigen Nachrichten über die Unterdrückung der badischen Revolu tion und den Fall Ungarns auch diese kurzen glücklichen Wochen. In der Heimat wurde sie mehr und mehr als Abtrünnige behandelt, und die Konflikte spigten sich so zu, daß fie schließlich eine endgültige Trennung als das einzige Mittel erkannte, ihre Individualität, ihre Gedanken- und Gewissensfreiheit vor der Unterdrückung zu bewahren. Sie faßte den Plan, nach Amerifa zu gehen, auf eine neue Erde, wo die Arbeit feine Schmach, sondern ein Ehrentitel war. Als Uebergang wollte sie die in Hamburg nengegründete Hochschule für Frauen besuchen, die den Mädchen vollstän 358 Die Gleichheit Bachofen( Mutterrecht" 1868) Holt seine Beweise aus der alten Literatur, die er in äußerst feinsinniger Weise zu deuten weiß. Er stellt fest, daß die Menschen ursprünglich in regellofem Geschlechtsverkehr lebten. Daß es bei dieser Form des Geschlechtslebens meist unmöglich war, die Vaterschaft festzustellen. Daß die Abstammung der Menschen daber damals nicht von Vater zu Baler, sondern von Mutter zu Mutter gerechnet wurde. Weshalb er diese Zeit treffend mit Mutterrecht" bezeichnet. Morgan dagegen( Ancient Society"-Urgesellschaft, 1877) geht von dem wirklichen Leben aus. Er hat 40 Jahre seines Lebens bei den Jrofejen, einem nordamerikanischen Indianersiamm, 3= gebracht und das Leben dieser Indianer wohl gründlicher studiert cis je einer vor ihm. Er erfannte zuerst die Bedeutung der eigentümlichen Tatsache, daß die Verwandtschaftsbezeichnungen Dieser Indianer mit den tajächlichen Verwandtschaftsverhältnissen nicht übereinstimmten. Die Jrofesen leben nämlich in Cingelehe. Trotzdem aber nennt der Mann nicht nur seine Kinder, sondern auch die Kinder seiner Brüder Söhne und Töchter", die Kinder seiner Schwestern da gegen ,, Neffen und Nichten". Ebenso nennt die Frau nicht nur thre eigenen Kinder, sondern auch die ihrer Schwestern Söhne und Töchter", die Kinder ihrer Brüder dagegen Neffen und Nichten". Die Kinder von Brüdern sagen zueinander Bruder und Schwester", ebenso die Kinder von Schwestern. Die Kinder von Bruder und Schwester aber Vetter und Base". Durch Nachforschungen, die von der amerikanischen Regierung unterstübt wurden, hat man festgestellt, daß die gleichen Verwandtschaftsbezeichnungen wie bei den Jrofesen nicht nur bei allen nordamerikanischen Indianerstämmen, sondern auch bei zahlreichen Volfsstämmen in Asien, Afrika und Australien Geltung haben. Weiter: daß dieses Verwandtschaftssystem eine vollständige ErKlärung findet durch eine Gheform( Gruppenche"), die auf Hawaii und einigen anderen australischen Inseln noch vorhanden, aber bereits im Absterben begriffen ist. Seltsam aber ist es, daß das Verwandtschaftssystem auf diesen australischen Inseln wiederum nicht dieser Gheform( der Gruppen. ehe) entspricht, sondern sich nur durch eine noch urwüchsigere, jett ausgestorbene Grippenehe erklären läßt: Hier gelten nämlich noch alle Kinder von Geschwistern, also von Brüdern und Schwestern, für die gemeinsamen Kinder. dige Mittel zur geistigen Entwicklung geben sollte. Vicle der jetzt verwirklichten pädagogischen Reformen wurden in dieser Anstalt vorbereitet. Malvida vertiefte sich hier namentlich in Fröbels damals viel angefeindeten pädagogischen Anschauungen, und ihr empfängliches Gemüt begeisterte sich an den neuen Grundsägen und Gedanken, zu denen ihre eigenen Vorstudien den Grund gelegt hatten. Hier trat sie auch aus der dogmatischen orthodoren Kirche aus und schloß sich der freien Gemeinde an. Ihren Plan, nach Amerika zu gehen, gab sie aus Rücksicht auf ihre Mutter auf. Es schien sich ihr auch in Deutschland eine vollauf befriedigende Tätigkeit zu bieten, denn sie wurde zur zweiten Vorsteherin der Frauenhochschule gewählt, der sie erst so furze Zeit als Schülerin angehört hatte. Mit begeistertem Eifer ging fie an ihre neue Aufgabe, und mit großer Liebe scharten sich die jungen Mädchen um sie. Ihre Pläne für Teilung der Arbeit, für gemeinschaftlichen Unterricht, für gleiche Bildung beider Geschlechter hoffte sie nun zu verwirklichen. Auch die konfessionslose Scule wurde damals von der freien Gemeinde beschlossen und Malvida zum Vorstandsmitglied gewählt. Als Lehrer an der Schule der freien Gemeinde wurde der Mann berufen, den Malvida einst so heiß geliebt hatte. So wurde ihre Ruhe noch einmal erschüttert, gerade als sie gehofft hatte, durch eine befriedigende Tätigkeit alles Leid überwinden zu können. Indessen verwandelte sich ihre Liebe bald in heißes Mitleid, als sie erkannte, wie ein phyjisches Leiden, zu dem der Grund wohl im Gefängnis gelegt war, das Leben des Geliebten verzehrte. Nie zeigte sich Malvidas große gütige Natur vornehmer, als diesem Manne gegenüber, der sie so schyver geträuft hatte. Gleichgültig gegen das Urteil der Welt brachte sie ihre Ferien in der Wasserheilanstalt zu, in der er vergeblich Genesung suchte. Nr. 45/46 Für diese Form der Verwandtschaftsbezeichnung gibt es nur die eine Erklärung, daß ursprünglich alle Männer und Frauen inner halb eines Stammes und innerhalb einer Generation in regellojem Geschlechtsverkehr lebten. Das heißt, Morgan tommt auf diesem Weg zu genau dem gleichen Ergebnis wie Bachofen bei feinen Literaturstudien. Man darf also heute mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß der regellose Geschlechtsverkehr die ur sprüngliche Form des geschlechtlichen Zusammenlebens, die Urform der Che war. Kurt Heilbu Durch Nacht zum Licht Helft alle an dem großen schönen Werke der Zukunft, der Beglückung der Menschheit! Obgleich der Kampf der arbeitenden Klassen in der vergangenen Zeit der Reaktion schwieriger war, weil sie zur Durchsetzung ihrer Ideen, ihrer gerechten Menschheitsforderung noch nicht die politische und wirtschaftliche Freiheit besaßen, so ist heute dieser Kampf, wo diese Schranken zum großen Teil gefallen sind, nicht zu unterschäßen. Sind die arbeitenden Stoffen nicht auf ihrer Hut, so fann es über Nacht eintreten, daß ihnen ihre junge Freiheit wieder genommen wird. Aber was ist Freiheit? Freiheit bedeutet die Zusammenfassung aller arbeitenden Kräfte zu einem großen Ganzen, die Verbreitung menschheitsbeglückender Ideen unter sich, ihnen eine Form zu geben, sie zu einem einheitlichen Großen ausarbeiten und zu tätigen zum Wohle der Allgemeinheit". Arbeiten wir auf diesem Wege, durchglüht von heiligen Idealen, durchdrungen von tiefem Gerechtigkeitsfinu, im gegenseitigen Verstehen, im sachlichen Kampf mit den Gegnern, dann muß der Widerstand der Gegner brechen, weil dem Gerechten endlich der Sieg gehören muß. Aber diese große Arbeit kann nur geleistet werden, wenn ein jeder sich der großen Verantwortung gegen die Augemeinheit bewußt ist und diese Pflicht ausführt. Ein jeder fann feinen Teil beitragen, indem er fest in der sozialSelbst im Leiden seine Freiheit ehrend, tat sie doch alles, was in ihrer Macht stand, um seine letzten Tage zu erhellen. Den Antrag eines Freundes, ihr Gatte und Beschützer zu sein, wies sie zuriid, um dem sterbenden Geliebten die Treue zu bewahren, ihn mit einer Liebe zu umgeben, die nichts fordert, aber gibt, hilft, tröstet und versöhnt. Er starb, ein Kämpfer, an den Folgen des Kampfes für die Freiheit. So konnte sie stolz auf ihn fein und ihm ein ( Fortjehung folgt) ingetrübtes Andenken bewahren. In bangen Stunden Von Wilhelm Cennemann Und Stille war fo bang und tief, Es fiel die Nacht von goldnen Sternen, Verichüchtert nur ein Glöcklein rief Und klanglos aus verlornen Fernen. Dein Herz ein Zittern überlief Und gab dir felig- frohe Kunde: Ein Leben, das im Dunkel ichlief, Gemahnte dich an feine Stunde. Was mondenlanges Sehnen schuf Und nährte aus der Seelen Fülle, Ilun löfte es mit wehem Ruf Sich aus der mütterlichen Bülle. Kein Tag, der je fo bang fich bot, So frob uns führte aus den Engen, Und jubeind floß das Morgenrot Ins Tal mit ftummen Jubeliängen. Die Verfasserin des Gedichtes in unserer Weihnachtsnummer A bie heilige Jungfrau" ist Starla Herr. r. 45/46 Die Gleich beit demokratischen Partei und Berufsorganisation wurzelt und ihr fortwährend neue Mitglieder zuführt. Alle die, welche noch abseits stehen, sich noch nicht aufraffen können, müssen emporgerissen werden. Es muß ihnen gesagt werden, daß die Welt fortwährend in der Entwicklung begriffen ist, daß zwar auch ohne sie das Weltrad weitergehe, aber daß sie dann nicht das moralische Recht F- ben, die Früchte der anderen, die jahrelang für sie unter Aufgabe ihres eigenen Ichs im bitteren Kampf gestanden, zu genießen. Dann müssen sie ja fonimen, müssen mit fortgerissen werden in den arbeitenden Strom, wenn sie nicht ohnmächtig beiseite stehen wollen und bergebens nach Kraft ihrer Seele ringen, die sie doch auch haben müssen, um ihr Leben fristen zu können. Wenn wir den Geist der Zeit, den uns auch der schlimmste Gewaltfrieden nicht nehmen kann, in diesem Sinne erfassen, dann müssen wir aus dem Dunkel zum Licht emporsteigen und die Träger der menschheitsbeglückenAIwine Wellmann. den Taten werden. Aus unserer Bewegung Breslau. Bei den Neuwahlen der Stadträte zog Genoffin Friedländer als 1. Stadträtin ins Breslauer Stadtparlament ein. * Am 11. November fand in Schiffbet unsere monatliche Frauenversammlung stait. Unsere Vorsitzende Genossin Blume eröffnete die Situng. Da wir diesmal feine Referentin hatte, begann Frau Blume mit dem Thema: Was gibt die neue Reichsverfassung den Frauen? Es entspann sich eine lebhafte Debatte, aus der zu ersehen war, daß es der feste Wille der Genoffinnen ist, mit zu helfen an dem großen Werk der politischen Freiheit und auch die wirtschaftliche folgen zu lassen. Hierauf wurden die Zustände in unserem Orte kritisiert und es war allgemein der Wunsch, tüchtig zu arbeiten, damit die Frauen aus ihrer Gleichgültigkeit wachgerüttelt werden, um mitzufämpfen, damit wir auch imstande find, das bis jetzt Grrungene uns zu erhalten. Unsere nächste Versammlung findet am 9. Dezember statt, wo uns die Genoffin Frau Henningsen einen Vortrag über Mutter und Kind halten Anna Mäser, Schiffbet. wird, * Frauenversammlung der drei Dresdener Unterbezirke Am Mittwoch, den 12. November, fand eine Frauenversammlung der Genossinnen der drei Dresdener Unterbezirke statt, die leider nicht so stark besucht war, wie es die Wichtigkeit der Tagesordnung bedingte. Genossin Dr. Stegmann sprach über Erziehungsfragen. Gerade ein solches Thema ist in der heutigen Zeit, wo die Erziehungsfrage als solche von so vielen Seiten und so verschiedenartig behandelt wird und wo eine andere Erziehung als die unter der früheren Gesellschaftsordnung Platz greifen muß, von ungeheurer Wichtigkeit. Es muß Pflicht aller Genossinnen sein, bei derartigen Veranstaltungen zahlreicher zu erscheinen, um dann unsere Ideen unter die uns noch fernstehenden Frauen zu tragen. Unfere Genossin Dr. Stegmann schilderte in großen Zügen, daß wir unsere Kinder zu Bersönlichkeiten erziehen müssen. Generation dürfe nicht zu furslosen Menschen heranwachsen. Erziehen heißt leiten, und deshalb müssen wir die Kinder sich entwickeln lassen und nur zu leiten versuchen. Am Kinde darf nicht zu viel herumgearbeitet werden. Es ist besser, ein Kind wird nicht erzogen, als verzogen. Wir dürfen an dem Kinde nichts verderben. Die meisten Eltern seien dem Kinde gegenüber Autorität, sie müßten im Gegenteil nur Schutz sein. Es ist das Schlimmste, wenn man dem Kinde die Freiwilligkeit unterbindet. Man muß nur den Tatentrieb im Kinde in die richtigen Bahnen Tenten. Troß und Eigensinn sind fast immer Fehler der Erziehung. Zum eigenen Willen und eigenen Urteil müssen die Kinder erzogen werden, denn einen eigenen Willen braucht ein Kind im späteren Leben ganz dringend. Es gibt Kinder, die große Phantasie besitzen und dabei in Lüge verfallen. Wie sollen aber nun die Fehler behandelt werden? Es ist ganz falsch, sich moralisch zu entrüsten; denn die Kinder haben noch gar keine Moral. Man muß die Phantasie des Kindes durch die Wirklichkeit beweisen lassen. Dann wird das Kind einsehen lernen, 359 daß es etwas falsches behauptet, und wenn die Kinder eininal einsehen lernen, dann haben wir in der Erziehung schon viel erreicht. Genoffin Dr. Stegmann ging dann auf das Schlagen der Kinder ein, und betonte, daß die Kinder, die oft und viel geschlagen werden, zu Tyrannen oder Sklaven erzogen werden. Es ist ferner ein großer Irrtum, wenn die Eltern glauben, die Kinder seien von geschlechtlichen Dingen unberührt. Die Frage, woher die Kinder kommen, ist die Frage, die die Kinder sehr interessiert. Dadurch, daß man den Kindern das Storchmärchen erzählt, werden sie zu leichtgläubigen Menschen erzogen. Eine gute Erziehung wird darauf sehen, die Geschlechtlichkeit nicht zu früh zu wecken. Ein großer Fehler ist es, wenn die Kinder, auch die noch ganz fleinen im Schlafzimmer der Eltern mit schlafen. Daß dieser Fehler natürlich nicht überall behoben werden kann, liegt an unseren elenden Wohnungsverhältnissen. Für die Wohnungsreform müssen wir ganz ernstlich arbeiten. In der lebhaften Diskussion fommen verschiedene Meinungen zum Ausdruck, vor allem die, daß der Krieg sehr viel dazu beigetragen hat, daß viele Eltern die Seele ihrer Kinder überhaupt nicht kennen. Ferner hat der Krieg uns die allerschlimmsten Wohnungsverhältnisse gebracht. Eine Rednerin ging ganz be= sonders darauf ein, daß endlich ausreichender Mutterschuh gewährt werden möchte. Wenn eine Frau erwerbstätig ist, so müßten ihr die häuslichen Arbeiten durch die Gesellschaft erleichtert werden; auch der Ausbau der Krippen sei nötig. Dem Tekteren stimmten aber andere Rednerinnen nicht zu, sie hielten die Erziehung durch die Mutter für das beste. Durch die Krippen sei heute nur eine schematische Erziehung möglich. Es wurde noch ein Teil Fragen gestellt, die durch die Rednerin beantwortet wurden. Genoffin Noad wies darauf hin, daß der 12. November der Jahrestag des Frauenwahlrechts sei. Sie forderte alle Genofsinnen auf, recht lebhaft für die Verbreitung unserer GleichM. Seifert. heit" zu sorgen. In den ersten Wochen des November hielt Genossin Schilling, M. d. N., in Breslau vier Vorstandsversammlungen ab. Genossin Schilling hatte das Thema:" Die politische Lage und die Frau im neuen Deutschland" gewählt und führte ungefähr folgendes aus: Dem vierjährigen Krieg folgte der unvermeidliche Zusammenbruch. Der 9. November räumte mit den alten militärischen Gewalten auf. Die Volksvertreter, die nach den Januarwahlen in die Nationalversammlung einzogen, traten ein böses Erbe an, denn der bankrotte Staat glich einem Trümmerhaufen. Aus diesem Chaos geordnete Verhältnisse zu schaffen, fonnte in einem Jahr Volksregierung nicht gelingen, dazu kommt noch die Bersplitterung in den Reihen der Sozialdemokratie. Rednerin führte besonders den Frauen die Errungenschaften der Revolution vor Augen, die uns die politische Gleichberechtigung mit dem Manne gebracht hat. Ferner machte die Genoffin Schilling die Anwesenden mit dem neuen Gesetz der Wochenhilfe bekannt und schloß ihre Ausführungen mit dem geistvollen Vers von Walt Withmann: " Ich bin der Dichter des Weibes Gleicherweise wie des Mannes, Und ich meine, es ist ebenso erhaben, Weib zu sein, Wie ein Mann, Noch erhabener aber, als die Mutter der Menschheit." Außerdem ermahnte die Rednerin die Versammelten, die bevorstehenden Kämpfe gegen die Reaktion einig und geschlossen zu führen. Die warmen und zu Herzen gehenden Worte der Genossin wurden mit reichem Beifall belohnt; auch konnten wir eine ganze Anzahl neuer Gleichheits"-Abonnentinnen und Parteiaufnahmen 6. Wel z. berzeichnen. " Postabonnenten der„, Gleichheit“ Alle Leserinnen, die nicht wollen, daß in der Lieferung eine unliebsame Unterbrechung eintritt, müssen sofort das Abonnement rechtzeitig erneuern! Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckerei. 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Lebensmittel- Großhandlung 42 Detailgeschäfte in Berlin und Vororten Diese äußerst wichtige Frage beschäftigt wohl alle, die an Asthma, Lungen, Kehlkopftuberkulose, Schwindsucht, Lungenspitzenkatarrh, veraltetem Husten, Ver schlelmung, lange bestehender Heiserkeit leiden und bisher keino Hellung fanden. Alle derartigen Kranken erhalten von uns ein Buch mit Abbildungen aus der Feder des Herrn Dr. med. Guttmann, Chefarzt der Eisenkuranstalt, über das Thema; ,, Sind Lungenlelden heilbar? Um allen Kranken Gelegenheit zu geben, sich Aufklärung über die Art ihres Leidens zu verschaffen, haben wir uns entschlossen, iedem cieses Buch umsonst zu übersenden. Man schreibe an Puhlmann& Co.. Berlin 128, Müggelstraße 25 a. Beilage zu ,, Die Gleichheit" Nummer 45/46 Berlin, 27. Dezember 1919 Robert Wilbrandt: ,, Sozialismus“ Professor Robert Wilbrandt in Tübingen, der schon vor mehr als einem Jahrzehnt als Berliner Privatdozent in seinem trefflichen Werk„ Die Weber in der Gegenwart" und in anderen fleineren Schriften seine Hinneigung zum Sozialismus offenbarte, hat nun nach dem. vor kurzem erschienenen ausgezeichneten MaryBüchlein( Teubner), während der Revolutionszeit ein größeres Werf ,, Sozialismus" beendet.( Eugen Diederichs, Jena.) Aus der hingebungsvollen Zuneigung an den Vater, den Dichter Adolph Wilbrandt, erkennt der Leser, daß hier ein außergewöhnlich leidenschaftlicher Wahrheitssucher zu ihm spricht, dem es nicht Teicht geworden ist, sich aus dem Milieu der nationalen Einheitsschwärmerei der Bismarckzeit zu dem allgemeineren Menschheitsideal des Sozialismus zu entwickeln. Aber um so mehr wird ihm selbst der bürgerliche Leser vertrauen dürfen, daß die Vereinigung von Vaterlandsliebe und Sozialismus, die sich in ihm vollzogen hat und die er ebenso in einem wahrhaft sozialistischen Staat von der Arbeiterschaft erhofft, der Ausdruck tiesinnerster Ueberzeugung und lautersten Wohlwollens ist. Die ersten Stapitel des Buches," Wurzeln des Sozialismus" und„ Aufteimende Praxis"( nämlich der verschiedenen Formen der Gemeinwirtschaft), die lange vor der Revolution entstanden sind, bringen für den sozialistischen Leser zwar meist schon Bekanntes. Doch die glühende Menschenliebe, die auch hier wieder, wie in 29. Jahrgang Seelenverfassung des heutigen Proletariats sich auftürmen. Aber, echt marxistisch, glaubt er, daß nur auf dem Untergrund einer sozialistischen Umwelt und Wirtschaft, nur durch Mitbesitz und Mitverantwortung am wirtschaftlichen Gedeihen die Arbeitermassen allmählich zu jener sittlichen Höhe heranzeifen werden, auf der eine Vereinigung von Sozialismus und Vaterlandsliebe fich vollziehen kann. Ein beredtes Beispiel für eine solche Entwicklung ist ihm das ruhige und besonnene Verhalten der Arbeiterschaft des Zeißwe: fes, die jahrzehntelang zur Mitverantwortung erzogen worden ist, inmitten eines Chaos von Streiks und wahnsinnigen Lohnforde= rungen. Ebenso die Tatsache, daß die extremsten Elemente im Ruhrrevier als Polizei wirken konnten, sobald sie ihre berechtigten Forderungen erfüllt sahen. In diesem Glauben an die Entwicklungsmöglichkeit der menschlichen Seele klingt das wahrhaft erhebende Buch aus. Sehr zu bedauern ist sein hoher Preis. Denn es wäre wert, die allerweiteste Verbreitung zu finden; unter den jog. Gebil deten, um sie in gemeinverständlicher Form über das Wesen des Sozialismus aufzuklären, unter dem Proletariat, um es von wahnwizzigen Taten abzuschreden, besonders aber unter den führenden Geistern der Partei, um ihnen Mut zu entschlossenen Dr. Dora Landé. Taten einzuflößen. allen Wilbrandtschen sozialpolitischen Schriften uns umweht, ber- Die Notwendigkeit von Rednerschulen leiht auch diesen Kapiteln einen sittlich originalen Wert, der nur mit dem der Schriften seines großen Meisters selbst, mit Marg, verglichen werden kann. Im dritten Teil des Buches„ Sozialisierung", der ganz und gar unter dem Eindruck leidenschaftlichsten persönlichen Miterlebens und Mithandelns an den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen der Revolution durchdacht und niedergeschrieben ist, übt Wilbrandt scharfe Kritik an der Regierung. Sein Standpunkt ist schon durch zahlreiche Aufsätze und öffentliche Vorträge der letzten Monate bekanntgeworden und gewinnt durch seine theoretische Mitarbeit wie durch sein persönliches Wirken im Ruhr fohlenrevier als Mitglied der Sozialisierungskommission eine praftische Bedeutung, die weit über den Bereich des reinen Theorifierens hinausgeht. Wie die Mehrheit der Kommission drängt auch Wilbrandt zur sofortigen Sozialisierung in weitestem Umfange auf allen Gebieten der Industrie und, was besonders zu bemerken ist, auch der Landwirtschaft. In der energischen und aufrichtigen Durchführung sozialisierender Maßnahmen sieht er die einzige Rettung aus dem Chaos der Gegenwart, das einzige Heilmittel für das arbeitsentwöhnte Proletariat wie auch für die ganze Unwirtschaftlichkeit der Volks- und Weltwirtschaft, den einzigen Weg endlich auch zu einem wahrhaften Völkerbundsideal. Doch ist Sozialisierung in seinen Augen nicht einfache Verstaatlichung, vielmehr im allgemeinen Ueberführung des Ertrages an die Betriebstätigen selbst und an den Staat oder auch an gemeinnüßige Zwede unter Anlehnung an den Staat und möglichster Wahrung der Initiative tüchtiger Betriebsleiter. Dafür gibt es mancherlei Möglichkeiten. Als Vorbilder im fleinen weist der Autor auf den Stiftungsbetrieb des Zeißwerkes in Jena und auf den Genossenschaftsbetrieb von Guise in Frankreich hin. Aber auch den Konsum- und Produktivgenossenschaften und kommunalsozialistischen Unternehmungen will er für die Zukunftsorganisation unserer Wirtschaftsordnung einen weiten Raum gönnen. Entweder, so meint Wilbrandt, man entschließt sich zu weitestgebenden Sozialisierungen, dann hat man es in der Hand, unsere Volkswirtschaft mit Vernunft wieder aufzubauen. Andernfalls greifen die Massen zur Gewalt, flüchtet die Seele in die Wildnis zu Spartakus Nicht daß der Autor die Regierung des bewußten Verrats an ihren bisherigen Jdealen oder des bösen Willens antlagt. Aber er zeigt, wie einseitig die Machtpsychose in einzelnen Personen wirkt, andererseits der fehlende Glaube an die heilende Wirkung der Sozialisierung, das allzu starre Festklammern an der revisionistischen Auslegung Margistischer Grundsäße ein Nicht können im tieferen Sinne, eine Lähmung des Willens erzeugt, die uns verhängnisvoll werden muß. Freilich auch Wilbrandt in seinem Optimismus fann sich nicht die Hindernisse verhehlen, die in den realen wirtschaftlichen Verhältnissen der Gegenwart und in der „ Rednerisch geschulte Kräfte sind eine Vorbedingung für die Ausbreitung der Ideen, die die Arbeiterbewegung erfüllen", so sagt Robert Albert in einem Aufsatze über Rednerschulen. Er errichtete selber Ende April 1919 eine Rednerschule, da er das Bedürfnis der Partei und der Gewerkschaften nach Nachwuchs rednerisch gebildeter Kräfte empfand. Wenn die Masse sogenannte Volksauch Redner, die volkstümlich sprechen redner am meisten schätzt, so ist doch ein Volksredner auf feinen Fall einer, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist", sondern vielmehr ein Redner, der seine natürliche Veranlagung durch Selbstzucht und Fleiß zur Vollkommenheit hin entwickelte, und der es versteht, seine und fremde Gedanken in einer dem Volfe gefälligen Form wiederzugeben. Robert Albert legt die Erfahrung über Rednerschulen in dem Sazze nieder: Das ganze Geheimnis( der Rednerausbildung) liegt in der Ausbauer, in der andauernden Uebung des lauten und deutlichen Sprechens," des fleißigen Aneignens von Wissen und Kenntnissen." Auch Frauen müssen jetzt vielfach öffentlich reden. Ihnen kommt die Beweglichkeit der Frauennatur entgegen und erleichtert ihnen, die ersten Schwierigkeiten des Auftretens und des Nedens zu überwinden. Darin aber liegt auch wiederum eine Gefahr. Nicht selten fehlt der Frau die Selbstfritik und sie ist nicht fähig, augenblicklichen Beifall, der sehr oft eine Stimmungsfache ist, von ehrlicher Anerkennung einer Leistung auf irgendeinem Gebiete 31 trennen. Die Frau läßt sich auch viel leichter verleiten, Studien aller Art für ihre Ausbildung als zu gering anzuschlagen, versäumt ein Nachholen der Bildung und redet vielfach über Dinge, die über ihrem Wissensgebiet liegen, und die sie somit gar nicht beherrschen kann. Will man über eine Sache reden, muß man sie von Grund auf bearbeitet haben. Es ist das notwendig, um frei sprechen zu können und die Punkte hervorheben zu können, die die Träger der Nede sind. Man soll immer nur über einen Stoff sprechen, den man beherrscht, und man sollte niemals einen Vortrag ohne Vorbereitung halten. Es ist notwendig, ihn sehr sorgfältig auszuarbeiten, die Einteilung auswendig zu lernen und den Vortrag selber frei aus dem Gedächtnis heraus zu halten. Als Hilfe mag zunächst die Einteilung der Rede, die man sich aufschreiben kann, dienen. Die Einteilung ist Nückgrat oder Gerüft des Baues der Rede. Sie muß far in dem Kopf des Redners sich entwickeln und darf nicht künstlich sich ausbauen, sondern muß aus sich selber herauswachsen. Wenn wir von„ geborenen" Rednern sprechen, hat dieses zwar eine gewisse Berechtigung, denn was man nicht lernen kann, wenigstens oft nur schwer sich erringt und aneignet, ist das freie Sprechen und die damit verbundene Hingabe an den Stoff und an die, zu denen man spricht. Eine einseitig mit dem Verstande gehaltene Rede fann nur den Verstand ansprechen und nur einen 362 Die Gleichheit Widerhall sehr beschränkter Art crweden. Eine Rede aber, frei gehalten, über einen Gegenstand, eine Arbeit usw., die man be= herrscht, durchwärmt von dem Ton der Ueberzeugung, beseelt von der Hingabe des Herzens, muß wirken und wird es auch stets fun. Bon begabten Rednern kann man hören, daß ihnen sich ihre Rede als Bild, Gebäude usw. darbietet und sie im Sprechen selber Sak um Cab aneinanderreihen in dem Bewußtsein der Bildung eines Ganzen; wenn man sich eines Bildes bedienen will, im Bewußtsein des Bauens eines Hauses. Satz reiht sich an Say. Gedanke an Gedanke und wird schließlich seine Krönung entp= fangen. Ein solches Reden ist Befreiung eines Schaffenden, ist Schaffen selber. Nicht jeder Redner, nicht jede Rednerin fann gleichzeitig Meister oder Künstler sein. Vielen versagte Mutter Natur eine oder die andere hierzu notwendige Gabe. Sie können aber sehr oft trotz dieser Versagung durch Fleiß und Ausdauer Redner oder Rednerinnen werden, die nicht nur das, was sie sagen wollen, flar zum Ausdrud bringen, sondern auch fesseln und mitreißen. Ohne Schulung aber wird das nicht erreicht. Nur Arbeit unter be= stitamien Gesichtspunkten führt zum Ziel. Schon in der Schule muß freier Vortrag, freier Austausch des Mortes, Rede und Gegenrede geprüft werden. Begabten Menschen und all denen, die im öffentlichen Leben stehen und ihres Wortes Einirud und Macht mit zu bauen haben, sollte eine fortlaufende Echulung in der Kunst der Rede, die ein Beherrschen der Sprache bedingt, ermöglicht werden. Lotte Möller, Fürstenberg i. Medlog. Akkordarbeit ist Mordarbeit. So urteilte in Friedenszeiten die organifierie Arbeiterschaft über ein Arbeits- und Lohnsystem, welches woh! dem fleißigsten und geschidiesten" Arbeiter neben färglicher Lohnsteigerung häufig schwerste förperliche Schäden brachie, dagegen dem Arbeitgeber bei Anwendung aller technischen Hilfsmitiel reiche materielle Gewinne abwarf. Schwere gewerkschaftliche Stämpje wurden geführt, um die Affordarbeit vollständig verschwinden zu lassen, oder wenigstens auf ein für den Arbeiter erträgliches Maß einzuschränken. In den Kriegsjahren forderte das Schwitzsystem unter den schlecht ernährten, zur höchsten Arbeitsleistung ge= peitschten Arbeiterinnen die schwersten Opfer an Frauenleben. Beschäftigte doch die mit den ausgeflügeltsten Spezialmaschinen affordarbeitende Metallindustrie hauptsächlich Frauen Mädchen. und Die Novembertage des vorigen Jahres räumten dieses Uebel mit einem Schlage hinweg. Fast resilos verschwand die Affordentlohnung, um dem Stundenlohn Platz zu machen, und damit verjant eine der Haupigrundlagen jeder intensiven Höchstleistung. Der Mangel an Kohlen und ähnlichen Betriebsstoffen sowie an den aus dem Ausland einzuführenden Rohstoffen aller Art zwingt uns, durch Höchstleistungen im Bergbau und in der Industrie einen Ausgleich dieser Mängel herbeizuführen. Das fann aber nicht durch Verfügungen irgendwelcher Regierungsorgane, sondern nur durch verständnisvolles Zusammenwirken der Hauptbeteiligten, also der Arbeiter und Arbeitgeber, erreicht werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Wiedereinführung der Afordarbeit, wenn auch nicht begrüßt, so doch geduldet trerden. Wer dem Kopfarbeiter es nicht verargen will, mehr als Das Existenzminimum zu verdienen, darf dem geschickten Handwerfer oder ausdauernden Arbeiter nicht den höheren Affordlohn verwehren. Da dauernde geistige und förperliche Höchstleistungen gesundheitliche Nachteile in sich bergen, muß das Streben nach mehr als durchschnittlichem Berdienst seine Grenze finden in dem Interesse der Allgemeinheit an der Gesunderhaltung der Arbeiterschaft, vor allem der Arbeiterinnen. Andererseits muß grundlegend gefordert werden, daß dem Affordarbeiter der größte Teil des aus seiner Mehrarbeit sich ergebenden materiellen Gewinnes zufließt. Ist doch nicht nur die geleistete Arbeit an sich, sondern auch die sparsame Verwendung und pflegliche Behandlung von Material und Werkzeug mit zu berechnen. In den für die Wiedereinführung der Affordarbeit besonders geeigneten Berufszweigen beraten Vertreter der Arbeiter und Unternehmer über diese Fragen und suchen eine Lösung, die den berechtigten Interessen aller Beteiligten entspricht. Ginen praltischen Versuch, der an dieser Stelle nicht näher behandelt werden fann, machen im Einverständnis und unter tätiger Mitarbeit des Betriebsrates die Märkischen Industriewerfe in Golm bei PotsNr. 45/46 damn. In den letzten Tagen fam es nach langen Verhandlungen zur Abstimmung über die Einführung der Affordarbeit auf den großen Werften in Hamburg, Stiel und anderen Seestädten. Ueberall wurde allerdings gegen erhebliche Minoritäten der Afordcrfeit zugestimmt. To liegt die lehte Entscheidung über die Einführung der Afford arbeit bei den möglichst sämtliche Berufsangehörige umfassenden Gewerkschaften. Denn nur diese bieten uns die Gewähr, daß bei vernunftgemäßer, den allgemeinen Intereffen Rechnung tragender Durchführung der Affordarbeit das Wort von der Mordarbeit seine Berechtigung verliert. Hermann Schröter. Zwangsgesetze Von Joh. Fer ch- Wien Es gibt Kulturforderungen die ja immer zugleich solche der Menschlichkeit sind, die über Parteipolitik und Weltanschauung hinweg die Denfenden einen und sie eine gemeinsame Straße be= fchreiten lassen. Es sind zumeist Forderungen, dem unerträglich werdenden Massenleib sich entringend, vorwärts gedrängt von dem 8: aftbewußtsein der Masse, daß es nur an ihr liegt, Zustände 3: beseitigen, die die Menschenwürde schänden und nur unter dem System aufrechterhalten werden konnten, das in schamloser Entartung im November 1918 niedergebrochen ist. Wir werden aber noch mit den Gesetzen dieses Systems regiert. S: Unfruchtbarkeit des ersten Jahres der Republik offenbart sich insbesondere auf diesem Gebiete. Nun befinden sich aber darunter Gejeße, die ein Hohn auf die Gegenwart sind und auch auf die im wei politische Umwälzung, welche die Unfreiheit der Frau teren des Individuums fortbestehen lassen und nicht auf die allgemeine Reform der Gesetzgebung warten dürfen, sondern raschestens verschwinden müssen. Eine der unwürdigsten Gesetzesbestimmungen ist, die jene Frauen mit Zuchthaus bestraft, die der Mutterschaft zu entrinnen versuchen. Und es ist einer der größten Fehler der Politik der arbeitenden lasse, daß sie bisher diesem Stiavengesetz für ihre Frauen feine Peachtung schenkte.. Es erübrigt sich eigentlich jedes Wort über die wirtschaftliche Vedeutung der Kindesschöpfung in der Gegenwart. In den furchtbaren Verhältnissen, die eine menschenwürdige Ernährung, Befleidung und Erhaltung des Kindes der breiten Massen ausschließen und das Elend der Familie mit jedem Kind verschärfen, in denen sich der Staat als unfähig erweist, das Leben des geborenen Kindes zu sichern, ist das mit Sterker drohende Gesetz unsinnig und unfittlich. In meiner Broschüre Kerker oder Zwangsmutterschaft"( Verlag Wiener Volfsbuchhandlung, 40 HelTer) habe ich eingehend diese Widersinnigkeit aufgezeigt. Und habe darin immer wieder darauf verwiesen, daß nur der imperialistische Etaat ein Interesse an dem unbeschränkten Kindersegen bejaj. Freilich war auch dessen Rechnung falsch, denn die Kindersterblich feit hob die Geburten auf, ohne daß der Staat dieser Selbstver nichtung zu steuern vermochte. In der ethischen Erwägung des Vermeidens eines unbeschränften Kindersegens sie wird gerne von den Salten und Sorgenlosen angeführt gelangt man bei nur flüchtigem Betrachten zum gleichen Schlusse. Die Eltern sind die allein Verantwort lichen dem geschaffenen Kinde gegenüber. In einem grauen, Such Not, Elend und Unterernährung verwüsteten Leben wird das Kind zum Antläger gegen die Schöpfer, die es mit Recht als leichtfertig und gewissenlos bezeichnen kann. Die dentenden Eltern, beseelt von dem Verantwortlichkeit3= gefühl gegenüber dem Ungeborenen, werden die Sindesschöpfung vermeiden, zur Selbsthilfe greifen, wenn fie der Frau eine durch die chaotische Lebensführung muilos werdende Mutterschaft ersparen wollen, vor allem im Proletariat. Dann ist noch die Persönlichkeit der Frau und Mutter mit der ungewollten Schöpfung des Kindes innig verbunden. Das Leben der Frau ist der Einfah. Echon aus diesem Grunde ist es das alleinige Recht der Frau, zu entscheiden, cb sie Mutter werden will, kann und darf. Sie trägt die Leiden, seelisch und körperlich, sie bleibt vont Staat unbeachtet, menn die Frucht ihres Leibes Hunger- und Entbehrungsseuchen erliegt, wenn sie feine Säuglingsnahrung bejizt. Die Frau, die an ihrer Mutterschaft zur Märihrerin wird, ist mun gleichberechtigt geworden. Damit aber beginnt ein Problemt der Lösung zuzuschreiten, das bestimmt ist, cine tausendjährige Soverei der Frau auszuheben und eine Revolutionierung des Nr. 45/46 Die Gleichheit weiblichen Denkens, damit auch die Stellung zu den Weltanschauungen und Parteien vorzubereiten. Die Sklaveret barg ein aufwühlendes Massenleid, das im Kriege und in seinen Folgen zu grauenhafter Entschlichkeit anschvoll, verschwiegen und übersehen von allen jenen, denen die polische Rechtlosigkeit der Frau lein Interesse für die Leiden der Frau erübrigen ließ. In dem Innern fast jeder Frau ist die Furcht vor dem Kinde, das sie dem Elend geben müßte, verschlossen. Das Schlachtfeld der Kinderslucht weiß von Tränen, Scufzern und Massentod zu erzählen, von der Angst vor dem Kerfer und von den das Hirn zermarternden Grübefeien, wie man die Schlachtfeldhhänen der Mutterschaftsflucht der Hilfe wuchernden Aerzte und Hebammen fönne. die mit befriedigen Crauerhaft ist der Gedanke, daß in einer Zeit, in der auf den Frauen die furchtbare Schwere des Krieges lastete, die Kime der hungerien und vergebens um Brot baten, die Kinderflucht die meisten Opfer forderte, daß der Staat es wagte, von diesen ärmsten, schmerz- und leidzerrissenen Opfern das Kind zu begehren, das dann im nadien Hunger unterging. Ja, ungeheuerlich ist der Gedanke, daß das Zwangsgesetz heute noch besteht, noch weiter bestehen soll, ein Ausnahmegesetz für die besikloje Frau im besonderen. Denn man braucht nur zu bedenken, daß die Hilfe der Hebammen von einem Honorar von 30 auf 300 Mt., die des Arztes von 50 auf 700 Mt., und die der Sanatorien von 300 auf 2000 Mt. stieg, um zu erkennen, daß die besitlose Frau zu der Hebamme, damit in die Todesgefahr, in die Verkrüppelung und schließlich noch in den Kerker gedrängt wird. Darum ist es ein Gebot der Zeit, dieses Zwangsgeset rajchest fortzuräumen. Es ist ein Silavengejeß, das der Mensch der Gegenwart einfach nicht mehr länger erträgt. Frauen, Mütter und Bräute sind ca, deren Leid auch unser Leid ist, deren Tränen auch uns brennen, Menschen sind- es, deren Urrecht man erschlägt. Sie zu unterstüßen, ihre Freiheit durch die Beseitigung des Gesetzes zu erringen, ist Pflicht jedes denkenden Menschen. Für sie überall, bei jeder freiheitlichen Partei zu werben, ist eine große und dankenswerte Aufgabe. Ueber alle Weltanschauungsdifferenzen hinweg müssen sich die Gegner dieser Gesetzgebung zusammenfinden. Nichts darf diese Front trennen, in der sich alle Bedrohten zusammenfinden sollen, bis diese Gesches= bejtiminungen gefallen sind. Genossenschaftliche Rundschau Tie in den Konsumgenossenschaften während der Kriegsjahre aufgespeicherte Energie macht sich fortgesetzt in neuen Unternehmungen und Erweiterungen der bestehenden Organisationen geltend. Ueberall in Deutschland wird eine starke Ausbreitung der konsumgenossenschaftlichen Bewegung gemeldet. Soweit die bestehenden Konsumvereine ihre Ausbreitungsbezirke noch nicht vollständig mit Verteilungsstellen bedacht haben, wird von der Grichtung neuer Verkaufsstellen berichtet. In Bezirken, denen es aus geographischen Gründen nicht möglich ist, sich einem bestchenden Konsumverein anzuschließen, werden neue Konjum vereine errichtet. Bekanntlich haben die Genossenschaftsleitungen feit Jahren vor neuen Gründungen gewarnt und einer Erfassung der bisher fernstehenden Gebiete durch die bestehenden älteren Konsumbereine das Wort geredet. Wenn zurzeit auch die Bewegung auf die entlegenen, bisher nicht erfaßten dünnbevölkerten Gebiete übergreift und die Errichtung neuer Konfumbereine notwendig wird, so ist das ein Beweis dafür, daß auch in den= jenigen Wohngebieten, die bisher der Konsumvereinsbewegung fernstanden, sich der Gedanke der konsumgenossenschaftlichen Organisation Geltung verschafft hat. Dort, wo die Bewegung älteren Datums ist und vielfach eine starke 3ersplitterung in fleinen und fleinsten Genossenschaften aufweist, zeigt sich in verstärktem Maße der Drang zur Konzentration der Kräfte. Es wird fortgesetzt von der Verschmelzung benachbarter Konsumvereine berichtet, auch in Gebieten. die sich diesem Gedanken hartnädig widersetzten. Gine weitere Tatsache zeugt von neuem lebendigen Geist in der Konsumgenossenschaftsbewegung. Die sogenannten. ,, wilden" Konsumvereine, die bisher außerhalb der Verbandsorganisation standen und darum auch zumeist in geistiger und materieller Hinsicht sehr rückständig waren, suchen jetzt Anschluß an die bestehenden großen Organisationen. Der Zentralverband deutscher Konjumvereine meldet fortlaufend den Anschluß der= 363 artiger älterer Konsumgenossenschaften an die ihm angegliederien Revisionsverbände. Eine nicht uninteressante Tatsache fann als Beweis lebendiger genossenschaftlicher Entwvidlung und starfen Zusammengehörigkeitsgefühls in der Konsumentenbewegung bezeichnet werden, nämlich der Umstand, daß Konsum= vereine, die bisher dem Verband der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften Deutschlands angeschlossen waren, neuerdings dem Zentralverbande deutscher Konsumvereine zuftzeben. Der Ausschluß von 99 vorwärtsstrebenden Arbeiterkonsumvereinen aus diesem Verband leitete bekanntlich im Jahre 1902 eine neue Epoche in der deutschen Konsumvereinsbewegung ein. Die Gesamtbewegung macht außerordentlich starke Fortschritte, die sich voraussichtlich im nächsten Berichisjahr in ungewöhnlich hohen Ziffern auswerten lassen. Die Ilmjäße der Konsumgenossenschaften zeigen fortgesetzt erhebliche Steigerungen. Der Verband mitteldeutscher Konsumbereine erzeichte im Juni d. I. einen Umsag von 8,1 gegen 4,1 Millionen im Vorjahre, der Brandenburgische Verband hatte im Juni 14,2 gegen 6,8 Millionen im Vorjahre, im Juli 15,8 gegen 6,9 Millionen vorigen Jahres. Der bayerische Verband Hatte im August 10,1 gegen 3,8 Millionen im Vorjahre umgesetzt, der mitteldeutsche Verband 10,3 gegen 4 Millionen. Große Fortschritte weisen auch die Sparkassen der Konsumvereine auf. To meldet der brandenburgische Verband im Juli 3,6 Millionen Einlagen gegen 2,1 Millionen 1918. Die Auszahlungen betrugen 1,5 bzw. 0,6 Millionen Einzahlungen gegen 6,8 im Jahre vorher. Infolge des großen Geldzustroms sind die Konsumvereine in der Lage, große Summen auszuleihen, der Bielefelder Konsumberein gab der Stadt Bielefeld ein Darlehn von 2 Millionen Mark zu 4½ Proz. An der Handelshochschule Berlin wurde ein Seminar. für Genossenschaftswesen eingerichtet. Dr. August Müller übernahm die Vorlesungen über das Thema:„ Geschichte, Wictschaft und soziale Bedeutung der Konsumgenossenschaften." Die Volkshochschule Gera Reuß hat auf Anregung des Konsumvereins Gera- Debschwitz das Genossenschaftswesen in ihren Lehrpian aufgenommen. Als Lehrer ist Herr Professor Dr. Staudinger gewonnen. Ein Konsumgenossenschaftsjeebad soll im nächsten Jahre durch den Konsumverein Westerland auf Sylt eingerichlet werden. Die Absicht ist, weniger bemittelten Personen die Möglichkeit zu schaffen, in Westerland die Ferien zu verleben. Der Konsumverein Westerland, der auf eine zehnjährige Entwicklung zurücblidt, hat in den letzten Jahren einen erheblichen Aufschwung genommen. Er besitzt ein Geschäftshaus, eine Bäckerei, eine Mühle, eine Fischräucherei und ein Landgut mit Gemüsegärtnereien. Im Bau ist ein großes Lagergebäude zum Vertrieb landwirtschaftlicher Produkte, wie Sämereien, Kunstdünger, Maschinen usw., wie alle Arten Baumaterial. Gingerichtet sollen weiter werden ein Schlachthaus sowie ein Staffee- und SpeiseHaus. In diesem Kaffee- und Speisehaus, das bereits vorhanden ift, und das erweitert werden wird, sollen im nächsten Sommer Surgäste billige Verpflegung finden, die durch Vermittlung des Konsumvereins nach Westerland gekommen sind. Darüber hinausgehend soll die Wohnungsvermittlung durch die Genossenschaft in die Hand genommen werden. Voraussetzung dafür, daß dieje Pläne der Konsumgenossenschaft ihre Verwirklichung finden, ist, daß die Insel Sylt, die in der Abstimmungszone liegt, auch deutsch bleibt. Anscheinend haben die Bewohner die Absicht, nach dieser Richtung zu wirken. Die amerikanische Genossenschaftsliga, die ihren Sitz in New York hat, richtete am 18. November 1918 ein Schreiben an den Internationalen Genossenschaftsbund, in dem warme Worte für den Völkerfrieden gefunden werden. Es wird in dem Schreiben gesagt, daß dies der letzte Krieg seir müsse. Der Krieg sei zum weitaus größten Teil eine Folge des wirtschaftlichen Wettbewerbes. Es müßten wirksame internationale Abkommen getroffen werden, durch die es dem Handel in weiten Kreisen unmöglich gemacht wird, die Völker auszu= beuten. An die Stelle des wirtschaftlichen Wettbewerbes müsse das System der Genossenschaften und der gegenseitigen Silfe treten. Das Schreiben ist infolge der fehlenden Postverbindung mit Amerika erst jetzt in den Besitz der Leitung des Zentralverbandes deutscher Konsumbereine gelangt. Von der ausländischen Stonsumvereinsbewegung wird aller Orten von günstiger Entwicklung berichtet. Dem Verband norwegischer Genossenschaften gehörten am 1. Januar 1919 233 364 Die Gleich beit Vereine mit 67 910 Mitgliedern an, die einen Umsatz von 40,6 Millionen Kronen erzielten. Die Bewegung nimmt zurzeit ge= waltigen Aufschwung. Die finnländische Konsumbereinsbewegung hat auch während des Krieges erhebliche Fortschritte gemacht. Die Zahl der Konsumvereine stieg von 419 auf 523, die Mitgliederzahl von 97 000 auf 177 000,- der Umsatz von 71 Miu. finnische Mart auf 368 Millionen finnische Mark. Mehrere befannie Mitglieder der finnischen Wirtschaftsbewegung sind in leitende Regierungsstellen eingetreten. Auch die niederländische Genossenschaftsbewegung meldet günstiges Vorwärtsschreiten. Die Umsätze der Vereine steigen zum Teil sprunghaft. Es entstehen aller Orten neue Verkaufsstellen bzw. neue Vereine. Auch die Großeinkaufsgesellschaft berichtet über rasch steigenden Umsay. Einer der Veteranen der britischen Konsumvereine, der Vorsitzende des internationalen Genossenschaftsbundes, Herr William Maxwell, ist in den Adelstand erhoben worden und darf somit den Titel„ Sir" führen. Herr Marwell ist 78 Jahre alt und von Beruf Stellmacher. Er hat die Auszeichnung angenommen, weil er sie als eine Ehrung der Genossenschaftsbewegung ansicht. Der allgemeine Konsumverein in Basel gehört zu den vorbildlichsten Genossenschaften der ganzen Welt. Ihm sind etwa 95 Pro3. aller Einwohner in Basel angeschlossen. Im letzten Geschäftsjahre erreichte er einen Umsatz von 38 Millionen Franken gegen 30,9 im Vorjahre. Interessieren dürfte es vor allem auch die deutschen Frauen, daß diese Genossenschaft im letzten Jahre Obst und Gemüse im Werte von 2,9 Millionen Franken, Wein für 2,2, Milch für 8,2, Schuhwaren für 2,2, Fleisch waren fü: 7,1 und Haushaltungsartitel für 0,8 Millionen Franken an die Mitglieder abseite. * Adolf Rupprecht. Wie Unabhängige und Kommunisten Mitgliederversammlungen für ihre politischen Zwecke ausnuten. Aut 11. d. M. fand in Charlottenburg eine Mitgliederversamm= lung der 64. Verkaufsstelle statt. Der Leiter der Versammlung, ein Kommunist Hutrich, hielt einen halbstündigen Vortrag, um nicht etwa, wie zu erwarten mar, über Wirtschaftsfragen und das verflossene Geschäftsjahr zu sprechen( er erklärte uns, daß er dazu noch nicht gefommen sei, sich den Geschäftsbericht, welcher seit 4 Wochen in unseren Händen ist, genauer anzusehen), sondern er hielt im wesentlichen eine politische Agitationsrede für seine radikalen, revolutionären Arbeiter, die mehr als bisher in den Aufsichts- und Genossenschaftsrat hineinmüßten. Der Erfolg war dann auch, daß der einzige Mehrheitssozialist hinaus gewählt und dafür einer seiner radikalen Freunde hineingewählt wurde. Von den Mehrheitssozialisten waren außer mir noch awei Genossen in der Versammlung anwesend, von denen der eine aber bald wieder ging, nachdem er den Zwischenruf gemacht hatte, daß Politik in einer Mitgliederversammlung der Konjumgenossenschaft nichts zu suchen hätte. Der Leiter erklärte u. a., daß die Regierung konsumfeindlich sei, worauf ich ihm zuries, daß er für diese Behauptung wohl die Beweise schuldig bleiben müsse, da sie nicht den Tatsachen entspreche. Dann griff der Redner den Genossen Mirus in einer solch unfeinen Weise an, daß ich meiner Empörung nur Ausdruck geben konnte, indem ich ihm sagte, dem Genossen Mirus fönne er das Wasser nicht reichen, der hätte sich schon mehr um die Genossenschaft verdient gemacht als er. Durch die Zwischenvuse wurden die Versammelten darauf auf merksam, daß wir Mehrheitssozialisten wären, und mun ging es über uns Verräter her in einer Weise, die jeder Beschreibung spottet. Wir waren früher in unseren Versammlungen der Konfumgenossenschaft ja auch nicht immer einer Meinung, aber wir haven niemals den anderen die ehrliche Gesinnung abgesprochen. Die Versammlung war sehr schlecht besucht, so daß man sich wirklich fragen muß, ob die anderen Mitglieder denn gar kein Interesse an unserer Genossenschaft mehr haben; oder sollten sic durch dieses Treiben der Unabhängigen und Kommunisten angewidert sein. Ich bin nun seit 17 Jahren Mitglied der Konsum genossenschaft, gehörte 6 Jahre lang dem Genossenschaftsrat der 16. Verkaufsstelle an; daher ist es für mich besonders kränkend, zum Mitglied zweiter Slaffe gestempelt zu werden, noch dazu von Menschen, die sich zum größten Teil früher niemals um die Genossenschaftsbewegung gefümmert haben. Mir fiel in der Versammlung noch ganz besonders auf, daß, obwohl so viel radikale Frauen anwesend waren, keine daran dachte, eine Frau für den Aussichts- und Genossenschaftsrat vorzuschlagen. Und wie notNr. 45/46 mendig ist es gerade bei einer Konsumgenossenschaft, daß die Sahungen nicht nur von Männern gemacht werden, und daß vor allen Dingen auch Frauen in der Verwaltung figen. Darum, ihr Genossinnen und Genossen der Mehrheitspartei, hinein in die Genossenschaft, helft uns Frauen unser Recht erkämpfen, die Wirtschaftsfrage ist lediglich eine Frauenfrage! Rundschan Technische Erfindungen von Frauen Mehr und mehr verliert die Ansicht, daß das weite Reich der Erfindungen ein ausschließlich der männlichen Welt vorbehaltenes Gebiet sei, an Boden. Ohne daß man das Beispiel der berühmten Frau Curie heranziehen müßte, genügt es wohl, anzus führen, daß allein in England und nur im laufenden Jahre 250 fleine Erfindungen von Frauen beim britischen Patentamt angemeldet worden sind, um die steigende Bedeutung der Frau als Erfinderin zu veranschaulichen. Auch schon während des Krieges befaßten sich Frauen mit Erfindungen, von denen zwei großen Wert erlangt haben. Mrs. Herta Hyrton erfand eine Vorrichtung, um erstickende Gase zu vertreiben, und Mrs. Ernestine Hart erdachte ein von der Admiralität, dem Kriegsamt und den Eisenbahngesellschaften Großbritanniens erivorbenes Verfahren, Gewebe so zu imprägnieren, daß sie keinerlei Flüssigkeiten mehr durchlaffen. * Die Befreiung der Hindufrau Frauenbewegung und demokratische Bestrebungen in Indien. Ueber Amerika kam die Nachricht, daß eine schon früher be= fannte indische Dichterin, Sarajini Naidu, jetzt einige neue Bände geschrieben hat, die die Frauen ihrer Heimat anregen sollen, sich gleiche Rechte im öffentlichen Leben zu erwerben, wie sie während der Kriegsjahre von so vielen Schwestern des Abendlandes erYangt wurden, und die im weiteren die alten, überlieferten Schranken des indischen Kastengeistes zu durchbrechen beabsichtigen. Zwar hat es gerade in Indien schon seit Jahrhunderten weibliche Dichter und Schriftsteller gegeben; der Eintritt der Frau in das politische Leben jedoch ist für das einstige Land der Witwenverbrennung etwas ganz Neues und Unerhörtes. Nicht einmal eine unter Hundert indischen Frauen hat bisher irgendwelche Bildung empfangen; deshalb dringen die wenigen gebildeten Vorfämpferinnen einer Emanzipation der verschleierten indischen Frau zu denen auch eine Fürstin, die Frau des Maharatscha von Baroda, gehört unbedingt auf eine allgememe Erziehung und Schulbildung des weiblichen Nachwuchses, dem man noch immer nach dem altindischen Sprichwort:„ Laß einem Mädchen Bildung angedeihen, und du gibst einem Affen ein Meffer in die Hände", in vollendeter Unwiffenheit aufwachsen ließ. Gleichzeitig aber verlangen die indischen Frauen die Beseiti gung der engen sozialen Kastenschranken. Sie sagen nicht ohne Recht: Wir haben für England unsere Männer und Söhne hergeben müssen, damit sie sich für die Freiheit der kleinen Völker" schlugen; jekt verlangen wir in erster Linie für uns selbst die Freiheit, auf die wir vollen Anspruch haben. In diesem Sinne sind sogar reichhaltige Frauenzeitschriften mit nur weiblichen Mitarbeitern entstanden, die alle traditionellen Kastensitten über Bord werfen und den Brauch, nur innerhalb der bestimmten Gesellschaftsklasse heiraten, verfemen. Noch bis vor kurzem berfiel die Hindufrau, die außerhalb der Hinduklasse einem Mann folgte, weil sie ihn liebie, einem religiösen und gesellschaftlichen Bann von mittelalterlicher Schwere und Düsterheit. Solcher Engherzigkeit vollen nunmehr die indischen Frauenrechtlerinnen eine Propaganda der Tat gegenüberstellen. So hat Sumalini Challopahhhay, die Schwester der vorhin genannten Dichterin Naidu, die in Cambridge studiert und sich dort ausgezeichnet hat, allen Ueberlieferungen getroßt und einen Journalisten geheiratet, der einer ganz anderen Kaste angehört. Uebrigens haben sich bereits früher die zum Christentum befehrten Inder und Inderinnen über die Kastenfitte hinweggejezt und viele Versuche unternommen, den jedem Fortschritt abholden Kastengeist zu zerbrechen. So finden auch heute die indischen Frauenrechtlerinnen das größte Verständnis für ihre Ziele bei den christlichen Missio naren, und zumal die dort berbreiteten amerikanischen Methodistenmissionare juchen ihrerseits wieder, durch Unterstüßung der modern- sozialen Bestrebungen der aufgewachten Inderinnen ihr K. H. Einflußgebiet beträchtlich zu eriveitern.