Uv. 38. Adomtments- Zedwgungtn: vbonnementS-Pret« pränumerando: Vierteljahrs SL0 Ml., wonatl. 1,10 3St., wöchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illustrtrter Sonntags- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mark pro Quartal. Eingetragen tn der Post-Zettungs- Preisliste für ISVg unter»r. 7576. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. 13. Jahrg. Die Inftrtions- Gebühr beträgt für die fechSg-spallene»olonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und VersammlungS-Anzeigeu, fowie ArbeitSmarlt 20 Pfg. Inserat« für die nächste Nummer müsse» bis t Uhr nachmittags in der Erpeditio» abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochenlagen bis 7 Uhr abends, an So»»- und Festtagen bis 8 Uhr vormittags geöffnet. Erscheint täglich ausjer Montag». Vevliner Volksblatt. Fernsprecher: Sink I, Nr. 1500, Telegramm-Adreffe: «Schialdeinokrak Berlin". Zentralorgan der sozialdemokratischen Vartei Deutschlands. Fiednklisn: SW. 19, ZSeuly-Straße 2. ELpedNion: SW. 19. ZZeuth-Stt.che S. Dev Mund vev Uerndmirkhe hat am Montag Mittag im Zirkus Busch wieder einmal eine seiner berühmten Generalversammlungen abgehalten. Wieder waren einige tausend Landwirthe aus den verschiedenen Theilen des dclitschcn Vaterlandes herbeigeeilt, um auch einmal einer der alljährlicheil Demonstrationen ihres Bundes beigewohnt z« haben und sich bei dieser Gelegenheit gleichzeitig die schöne Haupt- und Residenzstadt Berlin recht gründlich anzusehen und sich jetzt— wo für den Landmann die Arbeit ruht— einmal recht ausgiebig und großstädtisch zu amüsiren. Dabei sost keineswegs behauptet werden, daß nur der Großgrundbesitz seine Vertreter nach dem Sprcebabel entsandt halte. Im Gegenthcil, auch die wohlgenährten, blühenden Gesichter kerniger.Banerngutsbesitzer" sah nian in reicher Menge, wie auch die typischen Erscheinungen wirklicher Bauern mit verwitterten Gesichtern und schnintzigen Kniesticfeln, mit denen sie noch morgens über den aufgeweichten Feldweg gestampft zu sein scheinen. Wir schätzten etwa 250V Theilnehmer der wie immer trubulösen Versammlung. Es handelt sich bei diesen Zusammen- tünsten, wie schon gesagt, lediglich um Demonstrationen; es wird dabei absolut nichts gearbeitet, nichts berathcn. Die ganze Sache beschränkt sich darauf, daß einige wohl vorbereitete, mehr oder minder gute Reden gehalten werden, die darauf hinaus laufen, zur rührigen Agitation für den Bund und zum kräftigen Geldsammeln anzufeuern. Dabei ist das Bild einer solchen Generalversamullling nicht uninteressant. Den Eintretellden empfängt ein un- geheures Getöse. Festzeitnngen, Flugblätter, die Programnie des Apollo-Theatcrs, des Olympia-Theaters, der Zirkusse und sonstiger Spezialitäten-Theatcr werden den biederen„Ballern", bei denen man doch ein gutgefülltes Portemonnaie vermuthen muß, von allen Seiten aufgedrängt. Vor dem Eintritt in den Zirkusraum muß nian noch eine lange Reihe von mit Blech- büchsen bewaffneter Männer passircn, die eine Papptafel aus der Brust tragen mit der Aufschrift:„Für den Wahl- f o n d s des Bundes der Landwirthe" und die mit den bereits gesammelten Nickeln in ohrenbetäubender Weise klappern. Drinnen sind die schräg aufsteigenden Sitzreihen reich besetzt mit Männern und Frauen, und auch die Manöge, wo sonst auf munteren Pserdlein die hohe Schule geritten wird, ist mit Tischen und Stühlen versehen und zu einem Versammlungs- räum hergerichtet. Ein wahrer Jahrmarktstrubel herrscht im Raunie. Lustig huschen die Sonnenstrahlen über die gebräunten Gesichter und erhöhen noch die hoffnungsvolle Stimmung, die bei Rednern und Theilnehmern unverkennbar ist. Die Bündler wittern Morgenliift. Die Regierung ist den Agrariern günstiger gesinnt wie je, und diese hoffen, mit dem günstigen Winde segeln und in allernächster Zeit ertragreiche Fischznge in die Taschen des ihnen tributpflichtigen deutschen Volkes unternehmen zu können. Das klang ans allen Reden hervor. Der erste Redner war der„Vater Plötz". Er führte unter anderem ans: „Der Bund habe durch seine Agitation erreicht, daß bis in die böchsten Regiernngskreise die Ueberzeugung Platz gegriffen habe, der Notdstand der Landwirlhschast ist ein starker und gefährlicher. Es ist zweifellos in höchsten Kreisen ei» Umschwung ein- getreten. Man ist zu der Ueberzcugnng gelangt, das, dnrch eine falsche Wirlhschaftspolitik die Landwirlhschast der Konkurrenz des Auslandes erliegen muß. Noch vor z,vei Jahren nahm es sich der Landwirihschafts- Minister Freiherr v. Hammerstein heraus, im preußischen Adgeordnetenhause zu sagen:„Ich bezweifle, daß ein Noihflnud der Landwirlhschast vorbanden ist, in meiner Heimathsprovinz Hannover ist davon noch nichts zu bemerken." Heule bekennen sänuntliche Rälhe der Krone, daß fle sich im Jrrlhum befunden habe». Trotz alledem dürfen wir gerade jetzt nicht die Hände in den Schooß legen, sondern wir müsse» mit altgewohnter Energie und mit deutscher Zähigkeit festhalten an unseren berechtigten Forde- rungen, so lange bis sie voll in Erfüllung gegange» sind. Auch im Lande denkt man jetzt anders über uns; seltener hört man den Vorwurf, daß wir einseitige Jnteressenpolitik triebe». Man weiß, daß unsere Arbeit nicht nur de» Landwirlhen, sondern auch de» anderen produktiven Ständen glhört, daß wir für sie alle eintreten ivollen, u>n damit dem gesannuten Vaterlande zu nützen. Seit Jahre» hat der Bund schon das Bestreben gehabt, ernst und friedlich auch die Interessen der Großindustrie zu fördern, soweit deren Thätigkeit wahrhaft national ist. Und jetzt, wo wir vor den Neuwahle» stehe», müssen wir immer ivieder betonen, daß bei der nenerdings angebahnten Wirthschafts-Politik die Interesse» der Industrie ebenso zu söidern sind, wie die der Landwirlhschast, um gemeinsam vorzugehen gegen unsere politischen und sozialen Feinde." Herr v. Plötz sprach ferner über das Börsen- und das Margarinegesetz, mit dem er sehr zufrieden ist, welche Gesetze aber noch straffer durchgeführt werden sollen. Seine Rede klang aus in dem üblichen Hoch auf den Kaiser. Man kann dem Agrarführcr nicht unrecht geben, wenn er Freudenhymnen ob der Haltung der dentschen Regierung anstimmt. Und in denselben Ton stinimte der neue Direktor des Bundes, Dr. Diedrich Hahn, ein, der über die Organisation und die bisherigen Erfolge des Bundes reserirte. Er führte ans: „Der Bund habe, trotzdem vielfach Mitglieder gezwungen seien, ans Anlaß der schlechten Zeiten mit ihre» Beiträgen im Nüclstande zu bleiben oder gar aus dem Bunde auszntrete», gleichwohl Ersatz erhalten und weitere Vermehrung seines Mitgliederbestandes um reichlich 3000 Mitglieder erreicht, so daß er jetzt rund 137 000 Mitglieder zähle, von denen SI 000 östlich der Elbe, 96 000 westlich der Elbe wohnen. Davon gehören dem Groß- grundbesitz 1500 an, dem milleren Besitz 23 500 und dem keinere» Grundbesitz 157 000. Aus diese» Zahlen ergebe sich, daß derBund keine ostelbische Eigenthümlichkeit fei und daß sei» Schwerpunkt beim Klein- besitz liege. Ja, er richte sogar einen Appell an die deutschen Groß- grundbesitzer, dem Bunde in größerer Zahl, als es geschehen sei, beizutreten und die gouverneincntalen Nnckfichten anfzngeben." Herr Hahn ist mit dem, was die Regierung bis jetzt für die Landwirthschaft gethan hat,»och keineswegs zufrieden. Daß die Regierung nicht gewillt sei, ihren schönen, glatten Worten immer Thaten folgen zu lassen, zeige ihr Verhalten gegenüber der ausländischen Vieheinfnhr und ihre schlaffe Ausführnng des Börsengcsetzes.„Lassen ivir uns also nicht irre machen in der Ueberzeugtlng, daß die Ver tretung der Interessen der Landwirthschaft uns niemals von Ministern abgenommell werden können. Wir müssen für uns selbst sorgen, event. auch gegen die Regierung!" Herr Hahn legt der Versammlung sodann die folgende Resolution vor, die die Ziele und die Politik des Bundes der Landwirthe mit wüuschensiverther Deutlichkeit erkennbar mallst: „I. Im Gegensatze zu Kundgebungen, welche zu einer Politik der Sammlung aufrufen, ohne bestimmie und klare Ziele erkenne» zu lasse», vertritl der Bund der Landwirthe die Politik einer Sammlung, welche zur Stärkung Deuischlnnds im Inner» wie nach außen den Schutz der gesammten vaterländischen schnffeuvc» Arbeit gegen ausländischen Wetlbeiverb und inländische Ausbeutung erstrebt. Er verlangt die Wiedergewinnung einer erträglichen Konkurrenzlage für die deutsche Lnndivirihschasl gegenüber dein Auslande und die Wiederherstellung gesicherlcr Existenzbedingungen für de» in Landwirihschast, Gewerbe und Handel in gleicher Weife i» seinem Dasein bedrohte» Millelstand II. Die bisherige unsichere und schwankende Haltung unserer Rcgiernnge» in wirthschastliche» Fragen erfordert mehr als je starke Majoritäten im Reichstage wie in de» deulscheu Landes- vertrelnuaen, die aus dem Boden einer nationalen Wirlhschafls polilik stehen. III. Um bei den nächsten Wah'cn solche Mehrheiten zu er- ziele», ist der Zusammenschluß aller derer, die auf diesem Boden stehen, dringend erforderlich. Der„Bund der Landmirlhe" richtet deshalb a» die polilische» Paiteien, ivelche seine» Bestrebungen nahestehen, die Aufforderung, die Politik der Sammlung des Bundes der Landwirthe wirksam zu nnUrstütze» und die bevor� stehende» Wahle» nicht durch übertriebene Belonung parteil politischer Gegensätze und durch unberechtigten Einbruch i» solche Wablkreise nahestehender Pnrleien zu gesährden, welche zur Zeil im Sinne des Bundes der Lanhwirlhe wirlhschastspolilisch gut vertreten sind." Der Bund der Landwirthe, der sich bisher den Anschein gab, nnr eine Rolle neben den politischen Parteien spielen zu wollen, tritt damit selbständig in den politischen Kampf ein. Und dabei befolgt er eine garnicht ungeschickte Politik. Evangelisch oder katholisch, konservativ, antisemitisch oder nationalliberal, das soll alles vollständig glcichgiltig sein. Wenn der Kandidat nur ans das wirthschaftlich- poli tische Programm des Bundes schwört, dann bekommt er die Stimme der Bundesmitgliedcr. Es soll damit erreicht werden, daß der Bund, ganz abgesehen von der in den ver- schicdcnen Landesthcilcn vorherrschenden politischen Richtung, überall Mitglieder werben und vielleicht sogarWahlerfolge erzielen kann, Ivo nur begehrliche Agrarier wohnen.„Der Bund der Landwirthe," so führte sein Direktor ans,„ist weder eine Filiale der Konservativen, noch der dentsch-sozialen Reformpartei, noch irgend einer anderen Partei. Wir werden überall bestrebt sei, in den Wahlkreisen die politischen Gegensätze zwischen den uns wirthschaftspolitisch nahestehenden Parteien zu mildern und sie auf unserer Basis, d. h. der Basis des Schutzes der vaterländischen Arbeit, der Erhaltung des Mittel standcs und der Wiederherstcllnng einer günstigen Erwerbs- läge für die deutsche Landwirthschaft zu sammeln. In diesem Sinne giebt der Bund für die nächste» Wahlen die„Parole der Sammlung an s". Nach dem Direktor des Bundes sprach der Chefredakteur der„Deutschen Tageszeitung", Dr. O e r t e l, über die Welt- anschannng des Bundes der Landwirthe. Er behauptete, wenn man auch die Agrarier„nimmerfatt" und„begehrlich" nenne, diese doch von allen politischen Parteien die idealste Weltanschauung haben. Denn von der Scholle stamme alle Kultur, und ohne den soliden, Unterbau der Landwirth schaft müsse das ganze künstliche Gebäude der modernen Gesellschaft zusammenbrechen. Das niag ja sein. Herr Dr. Oertel hat nur vergessen zu beweisen, daß die gesellschaftlich nothwendige Funktion des Ackerbaues und der Bund der Land- wirthe in der Dessauerstraße zu Berlin dasselbe seien, und daß die menschliche Kultur zusammenbrechen müsse, wenn wir keine Liebesgaben heischenden Junker und Bündler hätten. Nachdem dann noch einige andere Redner unwesentliche Reden vom Stapel gelassen hatten, blieb es zweien Majors vorbehalten, für den Bund eme Reklame zu machen, wie sie besser die Schacherjnden des verflossenen Mühlendammes kaum fertig gebracht hätten. 30 bis 40 Sammelbüchsen (durch die man auch beim Hinausgehe» wieder Spießrulhen lausen mußte), hätten, so führte Major v. Loeii ans, so große Löcher, daß auch ein Fünfniarkstück hindurchgehe. Am 28. Februar müsse auch wieder der alljährliche„Bundes- Skat" gespielt werden, dessen Ertrag der Bnndeskasse zu überweisen fei und bei dem man nicht zu niedrig spielen solle.„Trinken Sie den Monat zwei Glas Bier weniger tind schwören Sie mir, auf das„Berliner Blatt"(einen Ableger der„Deutschen Tageszeitung") abonniren zu wollen!" Ein anderer Major aus Posen weist ebenfalls auf die Büchsen- sammlungen hin. Man solle Silber und Gold, noch besser Popicr geben.„Nehmen Sie aber das Portemonnaie gleich jetzt in die Hand, damit Sie es nicht erst beim Hinansgehen in der Tasche zu suchen brauchen!" Das ist gerade keine allzu glänzende Nolle, zu der sich da preußische Offiziere, wenn sie auch a. D. sind, hergeben. Die demonstrativen Generalversammlungen des Bundes der Landwirthe haben ja, wie schon ausgeführt, keine besondere politische Bedeutung. Aber die siegessichere Stim- ninng, die ans allen Reden dieser Agrarier herausklang, muß dem nichtagrarischen Theil der Bevölkerung und de- sonders den Arbeitern doch zu denken geben. Der Bund will jetzt energisch in den Wahlkampf eintreten; er hat große Mittel, eine ausgezeichnete Organisation und findet liebevolles Ent- gegenkoininen bei der Regierung. Da ist es wohl angebracht, daß man in den uichtagrarischcn Kreisen diesen bauernschlanen Herren, die dem Volke das Fell über die Ohren ziehen möchten, recht deutlich die Parole entgegensetzt: Gegen die B r o t w n ch e r e r! Ans England. Ans dem Parkment.— Irisches.— Die Regierung und die Streitklansel. — Minister Ritchie über den Maschiiieichancrkampf.- Oberst Dtzer und die angemessenen Aufgaben der Gewcrkvereinc.— Minislcr Gorst Uber Lohn- kämpfe.— Die Kosten des Maschinenbanerkampfes.— Die Grafschafts- Wahle». London, II. Februar 1893. Die erste Woche Parlament nach den Ferien ist vorüber. Außer den Srklärnnge» Lord Sal>sbnryS über den Stand der ostasiatischen' Frage hat sie nichts von größere» Interesse gebracht. Das Haus berälh noch, nach ehrwürdiger parlainentarilcher Silie die Anlivorts- adreffe ans die Thiourede, wobei die Milglieder oder Gruppen der Opposition in Form von Tadelsvote» aller- Hand Wünsche ober Beschiverdeu zur Sprache bringen. So brachte am Tounersiag der radikale Abgeordnete Pease(Quäker) die Sklavensrnge auf Sansibar vor. Dprl ist die Sklaverei zwar ge- fetzlich abgeschassl, dauert aber als Thatsache säst uuvermiudert fort, ipeil die arabische» Beaiuieu alles lhuu, die Sklaven über das Vor- hnndenseiu eines Gesetzes, kraft dessen sie sich durch Anmeldung bei der Behörde ihre Freiheit sicher» könne», in Unklarheit oder völliger Unwissenheit zu erhallen. Am Freitag brachte der parnellistische Nalionatralh John Redmond einen Antrag ei», der ein unabhängiges Parlament für Irland verlangte und mehr darauf brrechnel war, den Libeialen und den von John Dillo» geführte» irische» Nationalisten als der Regierung ein B-in zu stellen. Ader Herr Redmond ist kein Parnell, und sein Manöver wurde dadurch vereitelt, daß die Dillomiteu mit der Erklärung, sie würde» auch mit Homeeule unter eineni Reichsparlament znsrieden sein, sür. die Liberalen aber mit der Erklärung, sie hielten am Prinzip von Gladsloiie's Hoinernle-Bill fest, gegen das Amendement stimmte». Besseren Erfolg halle ein von W. Redmond(Bruder des obige») gestelltes Amendement, das„Wiedererwäguug" der Strafe» der in englischen Gefängnisse» befindlichen irischen Dynamit er(d. h. deren Begnadigung) verlangle. Es ward u. a. von dem soeben i» Aork gewählten kooservaliven Admiral BereSsord und dem Liberalen Morton»nlerstützl und vereiuigie, nachdem der Minister des Innern es mehr formell nl§ fachlich bekämpft Halle, blos eine Regierungsmehrheit von 22 Siiminen gegen sich. Sir Malhew White Ridley ließ klar durchschimmern, daß neue Begiiadiguiigeu bevoistehe». Der Versuch, die Mariuebehörde» darüber zur Rede zu stellen, daß sie de» Schisssban'Unternehmer» die Vergünstigung der Streik- klauscl zu gute kommen ließ, hat bisher nur soviel ergebe», daß sich die Behörden ivahrschciulich damit ausrede» werden, daß nur 25 pCt. der Gewelkschaslsmitglieder von den Unternehmern ausgesperrt wurde», 75 pCt. aber auf Veraulassnug der Gewerkschaft in Ausstand lrete». Folglich war's zu drei Vierteln ein Streik und nur zu eiueui Viertel Arbeitssperre'. Daß der Streik die Folge der Arbeitssperre war, kümmert die Behörden nicht, sie hallen sich an die nackte Thalsache. So lautete dem Geiste nach die Antwort, die am Freilag der Regiernngsvertreter dem liberale» Abg. Robertson gab. 3li» Montag wird derselbe min die Frage direkt an den Minister Gosche» stellen. Tags vorher, am Donnerstag, hatte der Minister Ritchie vom Haudelsauit seine Meinung über de» Maschineubauer-Kampf im Haus zum besten gegebe». Aus Anlaß einer Debatte über die Be- kämpsuug des Exporlprämien-Unsugs bemerkte der Minister, dessen Schlichtungsversuche von de» Unlernehmer» erst so ungnädig aus- genommen worden waren, es sei ihm von jemand, der die Sachlage genau kenne, auseinandergesetzt worden, daß wenn die Unternehmer die Freiheit der Betriebssührung gesichert Halle», für ivelche sie ge- kämpst, und nach seiner— des Ministers— Ansicht mit Recht ge- kämpst hätien, die Produktionskosten in der Maschinen- Industrie um ungefähr 15 pCt. ermäßigt werden könnten. Diesem Ziel müßten die Arbeiter im Verein mit de» Unlernchmern zustreben. Auch Oberst Dyer hat sich wieder über den Kampf vernehmen lassen. In einem Londoner Klub hielt er am Mittwoch einen längeren Vortrag über die Lehren des Kampfes hinsichilich der Beziehungen zwischen Kapital und Slrbeit. Er kam darin ans seine alte Anklag» zurück, daß die Gewerkschaft den Kamps unler falscher Flagge ge- führt habe. Während i»a» in der Presse schrie, der Uniernehmerbund wolle die Gewerkschaste» zerschinclterii, habe ihm bei den Konferenzen mit den Geiverkschaftsveriretern keiner derselben eine klare und bestimnu» Auskunft darüber gegeben, was denn die angemessenen Anfgabei» einer Gewerkschaft seien. Seme eigene— DyerS— Definition dieser Ausgabe» sei folgende: Eine Gewerkschaft habe„den Arbeiter gegen jede Art Unterdrückung zu schützen, seine Löhne so viel als es die Lage der Industrie erlaube, in die Höhe zu bringen und di» möglichst günstigen'Arbeitsbedingungen für ihn zu erwirken. Daz» könne man noch die Funktionen einer Unlerstütznngskasse fügen. Die Betriebssührung aber müsse dem Unternehmer bleiben." Sö der„englische Slninui", was er gegen die Lehre vorbrachte, daß lediglich die Arbeil Werth schaffe, ist hier gleichgillig. Bon dein Führer des Unternehmerbuiides ist die vorstehende Definition der Gewerkschaslsansgaben umnerhin interessant. Herr Dyer antwortet« Sir John Gorst, dem jetzigen Staatssekretär f für das Erziehungswese». Dieser radikale Ton), der sich nichts daraus macht, die Schulreformer öffentlich gegen dieselbe Negiernng aufzustacheln, wendete sich». a. gegen die Theorie, daß die Löhne unter allen Umständen von der Marktlage abhängig gemacht werde» sollten. Unter cinci» gewisse» Punkt dürste» die Arbeiter die Löhne nicht sinke» lassen. Könne die betreffende Industrie nicht dabei bestehen, so sei sie eben werlh unterzugehen. Man könne sie vielleicht nicht mit einem Ruck ausrotten, aber man soll sie dann langsam aussterben und anderwärts ihren Platz suche» lassen, wo sie vortheilhafter betrieben werden könne.— Die Einstellung der ausgesperrten Maschinenbauer macht an einzelnen Orten noch Schwierigkeile». Es werden Fälle von Maß- regelungen»nd auch Beispiele gemeldet, wo Unternehmer die Er- zwingung von Lohnreduktionen versucht haben. Die Leitung des Maschinenbauer-Vereins befolgt die kluge Politik, alle solche Fälle der Zeitung des Unternehmerbnndes zu»neide» und um Abhilse zu ersuchen. Verschiedentlich ist diese dann auch mit Erfolg eingetreten. Aber die örtlichen Friktionen»verde» doch»vohl noch eine Weile dauern. Verschiedene Blätter haben Berechnungen über die Koste» des Kampfes an Lohnverluste»:c. aufgestellt und sind dabei zu lächerlich übertriebenen Resultaten gelangt. Thalsache»st. daß bei weilein nicht so viel Aufträg« ans Ausland gegangen sind als während des Kampfes behauptet»vurde. Rechnet»na», daß alles in allen» durch- schnitllich 40 000 Arbeiter aller Kategorien 30 Wochen in» Ausstand waren»nd setzt man 25 Schillinge als Durchschnitts- lohn, so erhält man 1'/« Millionen Pfund Sterling oder 30 Millionen Mark. Dazu mag man»och eine halbe Million Pfund Sterling 10 Millionen Mark) Lohnverlust von Arbeitern anderer Geiverbe rechnen, die durch den Kampf in Mitleidenschaft gezogen wurde»»(Die Kesselschmiede» Eewerkichafl allein berechnet ihren Verlust auf 3 Millionen Mark.) An Unterftütznugen»vurde» etiva 750 000 Pfund bezahlt: 300 000 aus de» Kassenfonds der Geiverktchast, 300 000 durch Exlra-Auflage von den fortnrbeitende» Mitgliedern und 150 000 von anderen Geiverkschaslen, freilvilligen Sammlungen und Beiträgen aus den, Auslande. Gut ebensoviel, wenn nicht mehr,»vird man für Aufwendungen von Privai-Erspar- »lissen:c. zu rechne» habe». Aber man kann die letzleren Beträge nicht schlecbtiveg ans die erster«» schlagen und»vird ferner festzuhalten haben, daß von den entgangenen Löhne» ein Theil von anderen Arbeitern eingenommen»vurde und ein anderer Theil von den Ans- gesperrten»vieder eingeholt»verde»» wird. Alles in allen,»vird der direkte Verlust auf 2»/,— 3 Millionen Pfund--- 50— 30 Millionen Mark geschätzt»verde» müssei». Wahrhaftig groß genug, um keiner Uebertreibung zu bedürfen. Am Freitag»vurde der rirssische Revolutionär B u r tz e w und der Drucker W i e r l i tz k y, der erstere Redakteur, der letztere Drucker des Blattes„Naradmvoletz", das Wiederaufnahme der terroristische» Politik in Rußland empfahl, von den Geschivoreneu in Old Bailey zu der Aufforderung zmu Morde für schuldig er- kannt. Die glänzende Verlheidigungsrede des radikalen Lord Cole- ridge konnte die Geschivorenen nur dazu bcivegen, die Verurtheilte» 'der Milde des Richters zu empfehle». Trotzdem verurtheilte dieser Burtze»v zu 18 Monaten Strashast(darä labour), während Wierlitzky mit 2 Monaten davon kam. Der Verein„Free Rufsta" hatte die Kosten der Vertheidigung aufgebracht, aber ausdrücklich erklärt, daß er damit für die Ansichten Burtzeiv's, der ein ziemlicher Wirrkopf zu sein scheint, keine Verantivortung übernehme. Ausfallend ist die große Gleichgiltigkeit.»velche die Presse, bis in die radikalsten Kreise hinein, den» Verlauf der Affäre gegenüber an den Tag gelegt hat. Einige Blätter finden die gegen Burtzeiv erkannte Strafe zu hoch, aber dagegen, daß er überhaupt ver- urtheilt»vurde, erhebt sich nirgends Einivand. Und doch hatte Burtzeiv nicht die Hälfte von den» geschrieben und nichts von dem gethan,»vas vor jetzt vierzig Jahre» den» Freund Orsini's, Dr. Bernard, zur Last gelegt»vurde, ihn die Old Baile») Ge- schworenen unter dem Jubel Londons freigesprochen. Wie haben sich doch die Zeiten geändert! London befindet sich jetzt»nilten im Kampfe siir die am 3. März stattfindende Erneuerung des Grasschaflsraths. Der Hauptkamps findet natürlich zivischen den Konservative»(Moderales) »md den Radikalen(Progresststs) statt, für»velch letztere eine Reihe von Geiverkschaflsführer», kandidire». Die Unabhängige Arbeiterpartei ist mit fünf, die Sozialdemokratische Föderation— bis jetzt— »nit vier Kandidaten in den Kampf eingetreten, deren Aussichten theilweise recht gut sein sollen. Einer der Kandidaten der Unab- hängigei, Arbeiterpartei. Frank Smith,»vird auch von den Pro- gressisten unterstützt, die anderen und die von der Föoeration aus- gestellten Kandidaten haben dagegen»nil Progressisien und Ge- mäßigten zu kämpfen.__ �olMfche Xleberfichk. Berlin, 14. Februar, Aus dem Reichstage. Jetzt fangen selbst die Tribünen- besucher an, den Verhandlungen des Reichstages ferne zu bleiben, so daß lange Reihen der Sitzplätze leer stehen, »vährend doch in der Regel bisher immer Mangel an Karten für die Tribünenbesucher herrschte. Die Verhandlungen setzten heute mit der Berathnng der Regierungsvorlage über die Abänderung der Konkursordnung ein. Die vorgeschlagenen Aendernngen sind nieist nothwendig infolge derEinsührung des Bürgerlichen Gesetzbuches. Dazu liegen Anträge vom Zentrum(Rüitelen) vor, welche stark ein- schneidender Art sind. In welchem Geiste diese Anträge gehalten sind, das ergiebt sich aus der Rede des Antragstellers Rintelen, der den Standpunkt vertrat, daß Leichtsinn und Frivolität in den meiste» Fällen die Ursachen für die Konkurserklärungen seien. Dieser Standpunkt verkennt die wirthschaftlichen Ursachen, die zu den leider nur allzuhäufigen Konkursen führen, doch so sehr, daß selbst die Abgg. G a m p und v. B u ch k a erklärten, Herrn Rintelen nicht folgen zu können. Den Standpunkt unserer Fraktion legte Singer dahin klar, daß»vir den nothwendigen Aendernngen zustimmen, den Verschlimm- bessernngen des Herrn Rintelen gegenüber uns aber ab- lehnend verhalten. Die Vorlage nebst den dazu gestellten A»t- trägen wurden an die VI. Kommission veriviesen. Bei der nun erfolgenden Fortsetzung der Berathnng der Zölle und Steuern brachte Molkenbuhr wieder die That- fache zur Sprache, daß der Bundesstaat Haniburg höhere Ent, schädig»»ngen für seine Zollbeamten voin Reiche empfange, als er an diese auszahle. Der Vertreter Lübecks verivies unseren Genossen an die Hamburger Verivaltung. Molken- buhr wies aber sofort nach, daß es sich nn» einen Etatsposten handelte und deshalb die Behandlung im Reichstage am Platze sei. Ein Vertreter des Reichs- Schatzanites gab dann zu ver- stehen, daß es allerdings nicht angehe,»venn Einzelstaaten an solchen Posten, die vom Reiche nur als Ersatz für wirk- l i ch e Ausgaben bezahlt»Verden, sich bereichern. Eine höhere Verzollung der Fahrräder forderte Graf von L i m b u r g- S t i r u m. Dr. B a r t h widersprach und selbst der Agrarier-Profeflor P a a s ch e machte dem Verlangen gegen- über darauf anfmerksam, daß wir bei ca. 5000 Zentnern Einfuhr in Fahrrädern einesAusfuhr von 3000 Zentnern haben. Ans eine Anfrage des Abgeordneten R i ck e r t theilt der Staatssekretär v. Posadoivsky mit. daß noch vor Inkrafttreten des Margarinegesetzes eine RegieruiigZentschließung bekannt gemacht»verde,»vie die gesetzliche Bestimmung über die ge- trennten Verkaufsräume in der praktischen Handhabung zu verstehen sei. Morgen 2 Nhr Fortsetzung der Etatsberathung. DaS preußische RbgeorbnetenhauS hat henle von seiner reichhaltigen Tagesordnung nicht einmal den erstei» Plinkt, die Be- rathnng des Etats der Fo>stver>vallu»g, erledigt. Der Grund ist darin zu suchen, daß die Konservative»» ans Rücksicht auf die nahe bevorstehenden Wahle»» einen Antrag auf Erhöhung der Ge- hälter der Förster«ingebracht Halle», über de» sie sich, ob- gleich über die Rolbivendigkeit der Geliallserhöhnng dieser Beamten im ganzen Hause Uebereinstiininung herrscht, etiva fünf Stunden »»terhiellen. Auffallend war die große Schärfe,»nit der sich die Regierung bei dieser Gelegenheit gegen eine angeblich in de» Kreisen der Förster bestehende Aaitalion znr Aufbesserung ihrer Lage»vandle. So- ivohl der Lai»d>virthschnflsmi»ister Frhr. v. Hnnimerstein als auch der Finanzminister v M i q u e l gaben de» Konservativen darin recht, daß eine derartige Agitation zu vernrlheilen sei, da sie zur Jnsnbordi- Nation führe und die bisher königstreueste Beainlenklnsse unzufriede» mache. Und»vorin besteht diese ganze Agitatlon? In einem Fach- orgaii der Förster wird an die ganz unzulänglichen Besoldungen dieser Beamte» mit freien Worten Kritik angelegt, und außerdem habe,» einige Förster von dem ihnen nach der Verfassung zu- stehenden Pelitionsrecht Gebranch gemacht und sich, um auf eine sichere Berücksichligung ihrer Wünsche rechnen zu köinlen, direkt an einzelne Volksvertreter geivandt. Wahrlich, die Regierung muß mehr als furchtsam sei»,»»'enn sie schon hierin eine Gesährdiing des Slaates erblickt! Ob die Gehälter der Förster, die jetzt 1200—1800 M. betrage», im»ächstcn Jahre erhöht werde», ist nack» den Erklärungen der Regierungsvertreter zweifelhaft, Herr v. M i q u e l hielt bei dieser Gelegenheit»vieder»»» seine bekannte Rede, in der er ans die Unziveckmäßigkeit hiniveist, eine einzelne Beamteuklasse besonders herauszunehmen»nd auf die allgemeine Gehaltsaufnesierung der Unlerbeamte» vertröstet, die freilich von Jahr zu Jahr hinausgeschoben wirb. Der Antrag wurde schließlich der Budgetkommissio» überwiesen. Morgen fphi an erster Stelle die Verlesung der Interpellation S z m u l a(Z) betr. ländliche Gesinde- und Arbeiter- n o t h im Osten, an zweiter Stelle der Entwurf betr. E r- höh»» ng des Grundkapitals der Zentral-Genossen- s ch a f t s k a s s e aus der Tagesordnung. Ztim Fall Bosse. Als die»Lib. Korr.* ihre Enthüllung über das von dem Kultusminister ans eigener Machtvollkommenheit vergeblich versuchte Diszipliuarvorgehen gegen den Privatdozenten Arons brachte, schrieb die»Post" am 13. Januar: Es ist nicht anznnehnien, daß diese Mittheilnng den That- fachen entspricht. Hätte sich der Vorgang»virklich so abgespielt, »vie er hier dargestellt»vird, so halle der„Vorivärls" nur z» Recht, wem» er behauptet, daß der Herr Kultusminister mit dem Beivnßlsei» gehandelt habe, durch das Vorgehen gegen Dr. Arons seine Befugnisse überschritte» zu haben, und daß er, nachdem er ans Widersland gestoßen sei, ohne weiteres von seiner Absicht ab- ging; es»väre dadurch der Nachweis erbracht, dnß er lediglich eine Art von Ueberrumpelung beabsichtigt habe. Es»st aber nicht anziiiiehmei», daß die Unterrichlsverivallung sich zu einen» so fchiveriviegendeii Schritte,»vie die DiSziplinirung eines Privat« Dozenten, entschlossen haben»vürde, ivern» sie nicht die feste Ueber- zeugnng davon gehabt hält«, daß ihr das Recht, disziplinarisch einzuschreileii, in vollen» Unisange z»>stebt. Ebenso»venig, oder noch»veniger, ist anzunehmen, daß die Unterrichts-Verivaltung die Abfertigung des von ihr bestellte» Koimnisiars durch den Privat- dozenten einfach eingesteckt habe»»vürde, ohne»veitere Schritte i» der Sacke zu lhu». Letzteres»väre ein so bedenkliches Zeiche» von Schiväche, daß i»nr an die Möglichkeit eines solchen Vor- ganges nicht glaube» können. Es unterliegt keinen» Ziveifel, daß über diesen Vorgang bei den parlamentarischen Verha»dlU"qen völlige Klarheit geichafse»»veiden»vird. Jetzt, wo nach Veröffentlichung der Schriftstücke(„Vor- wärts" vom 12. Februar) die Richtigkeit der Meldung nicht niehr angeziveifelt werden kann, sucht die„Post" Ausffttchte. Entgegen ihrer jetzigen Darstellung hatte jedoch schon jene erste Meldung der„Lib. Korresp." berichtet, daß der ver- nnglückte niinisterielle Versuch zwischen die beiden bekannten Bittgänge an die' Fakultät fiel. Wenn die„Post" jetzt, nachdem Herr Bosse sich ini Ab- geordnelenhanse zum„nngesäumten" Strafvollzug gegen Arons mit oder ohne Gesetz verpflichtet hat, ihre Vorivürfe nicht nur nicht aufrecht erhält, sondern sogar den Minister verlheidigt, so folgt daraus nur, daß die Gruppe Stiimm ihre Abrechnung mit Herrn Bosse aufgeschoben hat, bis sich dieser Schivärmer für die„reine Bergcslust der Freiheit" das Odium der Revolution von Arons ganz auf den Hals geladen haben »vird.— Die agrarsozlalistische Beweg,»ig in Ungarn wird den magyarische» Machlhaber» von Tag zu Tag unbequemer. Im Pnllament und in der Presse»viederhallt der Angstrus:„Der Sozialismus hat in allen Gegend«»» des Landes die Bevölternng epi- demisch ergriffen!", oder,»vie es der Abgeordnete Rohonczy'letzihi» drastisch ausgedrückt hat, i»a» könnt«»nil rotheu Fähnchen auf der Landkarle Ungarns dc» ganze» Weg aiisstecke», den der Agrarsozialis- mils vom Aiföld nach Obernngar»»nd von dort»vieder in das Gebiet jenseits der Donau zurückgelegt hat. Der Agrar- sozialismuS macht,»vie die Wiener„?libeiter>ZeiIin,g" treffend sagt, vor keiner»alionalei» Schranke Halt. Das kernmagyarische Alföld ist sein Hauptherd; siidungarische Grundbesitzer entlassen rumänische Arbeiter, die an sozialistischen Versammlungen und Vereine» theil- nehme» sollen; in den Dörfern der nordnngarischen Slovakei, woher die Regierung noch im vorige» Sommer den größte» Theil der Streikbrecher bezog,»vird«ine sozialistische Bersamm- luug nach der anderen abgehalten. Landarbeiter und Bauern nehmen daran theil. Die Bauern kennen in Nngari» keine Furcht vor den böse» Theilern. Sie alle, Bauer» und Arbeiler, Magyaren, Rumänen. Slovake» und Deutsche, nmschließt dieselbe Kelle der Ausbeutung und Unterdrückung. Wo immer die soziale Roth und die politische Rechtlosigkeit eine Volks- bewegnng hervorrufen, von der sich die herrschenoen Klasse» bedroht glaube», kommt mit einen» Mal die Erkenniniß von dem in» Volke herrschenden Elend zu Worte, das bis dahin verschiviegen»vurde. Die Abgeordneten des»ingarischen Reichstages, ja selbst die osfiziöfen Blälter gestehen ausdrücklich zu, daß sich«in großer Theil der Land- bevölternng in der ärgste» Nolhlnge befindet; aber iver da mei»«» »vollte, ein solches Zugeständniß»»»isse den Appell an die Ge,valt ausschließen, da»nan den Hunger mit Flinienkugeln und dem Strick nicht heilen könne, der würde die Pester Herrschasien sehr schlecht kenne». Im Gegentheil. der.Pester Lloyd" schildert in einem und demselben Artikel die ivirlhfchafil»che Bedrängniß des Land- volles, Ulli daraus den Schluß zu ziehen, daß der Agrar-Sozialisnius nur das Werk gervissenloler Hetzer sei,„die das mnvisfende Volk bethöre» und irreführen nnd sich ins Fäustchen lachen,»venn sich die ausgeregte Menge zu Geivalllhäligkeite» hinreißen laßt, für die sie dann mit ihrem Blut« bezahlen muß". Er fordert die„ztir Hilse berufenen Doktoren"— die Regierung, die Pandnren»»»d de» Henker— auf,„dem Ueberwuchern der krankhaften gesellschast- lichen Ausivüchse durch einen operativen Eingriff Einhalt zu ge- bieten". In diese Ausbrüche unversälschter Rohheit mischen sich Be- kennliiisse einer ebenso echten Dunimbeit»nd Univiffenheit. die oft einen grimmigen Humor in sich tragen: so wenn der Abgeordnete Rohonczy erzählt, er habe sich bei seinen eigenen Erbediiiige» von der Roth der Landarbeiter überzeugt, habe ihn«», aber nicht Helsen und sie nur auf die Regierung verweisen können, oder»ven» ein Bndapestcr Blatt ans Arad berichtet, dort habe der Landes- Nationalverbaud die Macht der sozialistischen Hetzapostel ge- kröche,», indem er wissenschaftliche Vorlesungen sür das Volk veranstaltete, die den sozialistischen Versami»l»l»igen die Be- sucher abzogen. Dann aber ganz naiv hinzufügt:„Der Stadt- hauptman» hat die nach Arad nicht zuständigen sozialistischen i Agitatoren mit gebundener Marschroute aus dem Gebiete der Sladt' ausgeiviefen* In der That, ein Sieg mit geistigen Waffen nach echt ungarischer Art! Geradezu rührend ist zn lesen, wie sich jetzt einer nach dem andern in» Bndapester Parlament für die Freiheit der Preffe aus- spricht; auch Minister Daranyi bleibt nicht zurück,»vobei es ihm nicht iin»lindeste» beirrt, daß der Ministerpräsident Banffy vor drei Tagen eine Verschärfung der Preßgesetze ankündigte, weshalb sich da»» das ganze Preßfreiheitsgerede im Abgeordnelenhanse entsponnen. Die Regierung tan» ruhige» Muthes versprechen lassen, daß er die ungarische Preßfreiheit nicht abändern»volle. I» Ungarn muß jede politische Zeilnng eine Kaution von 12 500 fl.(21 000 M.) hinler- lege»; wegen einer Bemerkung von ein paar Worten, die dem Staatsamvalt als„politisch" erschienen war, sind Redakteure nicht- politischer Blälter schon»viederholt z» mehrmonatlicher Gesängniß- strafe verdonnert worden; ein sozialistischer Redakteur wird vo» den ungarischen Geschivorenen, stehe die Sache wie sie wolle, stets ver- urtheilt. Mit einer solche» Preßfreiheit, deren sich wohl kein ziveiter Staat in Europa rühme» kann, darf foivohl Banffy als das Pester Parlament ganz zufrieden sei», und sie„unenlivegt" versechte». Die Freiheilsreden der ungarische» Abgeordneten» die zugleich mit de» Androhungen des Standrechtes ins Land gehen,»vird kein Vernünftiger als anderes de»»» eine Komödie erkennen. I» einer Versamiulung des Verivaltungsausschnsses des Peller Komilats erhoben am Sonnabend Barm» Pronay, ei» alter An- Hänger der sogenannle» AchtundvierzigerParlei, und Julius Gnlner, ein hervorragendes Mitglied der Nalionalpartei, also ei» Radikalster und ein Radikaler, die Forderung, die Regierung solle das Preß- gesetz und da? Versammlungsrecht einsehränken. So viel sind diese» Verfechtern der Freiheitspriuzipien des Jahres 1843 Preß- und Versainmlnngsfreiheit»verlh, wenn es gilt, die Ar- beiler, die sich znr Abivehr gegen die Ansbentuug organisiren, zu knebeln. Die Regiernng geht diesen Freiheitshelde»»och zu schonend vor, und doch hat sie»virklich alles vorgeforgl, daß dem Arbeiter jede Möglichkeit der freie» Meinungsäußerung benommen»verde. Daranyi vc» sichert, es habe sich ein Ansknnflsmittel finden lassen, daß die Slnalsaiiivälte„innerhalb der bestehenden Gesetze" sozialistische Blälter und Broschüren vor ihrem Erscheinen konfisziren nnd vor der Versendung durch die Post in Beschlag nehmen könnte». Endgiltig werde» dann die Geschivorenengerichle über die Beschlag- nahm« zu enlscheiden habe»; bei der Stimmung, die im Bürgerlhun» herrscht, darf sich der Staatsamvalt ans sie verlasse». So hat die Regiernng durch eine geschickte Auslegung innerhalb der„bestehenden Gesetzt" ein Ausnahmegesetz für die Arbeiterpresse geschaffen;»»an sollte denken, das sei eine Leistung, die ihr das volle Vertrauen auch der ängstlichste» Geldsäcke versichern»inßle. Und doch hat der Minister Daranyi den Vorwurf hören müsse», daß die Regierung das sozialistische Blatt im Ezaboleser Komitat. den„Földmüvelö". zu gelinde behandle, und nicht einmal seine Einwendung, daß das ei» Jrrihnn» fei, den» es schivedte» ja vier Preßprozeße gegen den „Földmüvelö", befriedigte die Abgeordnelen vollständig.„Aber bisher ist es nicht geschehen!" rief man ikn» entgegen. Herr Daranyi hätte sich seinen Mahnruf wirklich ersparen können, Bürgerthnin und Jnnkerlhum vo» Ungarn stehe» im Kampfe gegen die Arbeiter treu geschaart hinter der Regierung und ihren Gendarmen und Heick"»-.. �... Das erst« Opfer ist gefallen. In Karasz im Szabolcser Konntat stachen die Gendarmen ein»vehrloscs Weib nieder. Die Bndapester Blätter schildern den Vorfall folgendermaßen: Die Arbeiter wolllen ihre gefangenen Gefinuiliigsgenossen befreien. Die in Bereitschaft gehallene Gendarmerie forderte die Menge auf, sich ruhig zu ver« hallen; das Volk drang auf die Gendarmerie ei», so daß diese die Vajonnetl« fällten. Ein Weib»vollte die Waffe dem Gendarnien entreißen. Der Gendarm stieß daS Bajonnett der Frau i» die Brust, so daß diese sofort lodt zusammenstürzte. Erst jetzt gelang es, die Menae zn zerstreuen. ES ivurden bisher fünfzehn Verhaftungen vor» genommen. Ans Ungvar wurde eine Kompagnie Infanterie nach Kievarda kommandirt. Da jedoch die Soldaten aus dein Szabolcser Komitat rekruiirt»vurde», fürchtet man, daß die Mann» schast mit de» Sozialisten sraternisiren werde.— Die Minister für Inneres, Justiz und Ackerbau habe», a» die ihn«»» unterstehende» Organe die dringende Weisung ergehen lassen, die in der Provinz zn tage tretende Bewegung mit der größten Ans- merksamkeit zu verfolge», die Führer im Auge zu behalte»»»»d durch gebotenes rasches Dazwischentrete» daS Um sich- greifen der Agitation zu verhindern. Die Ge- richte erhalten die Ermächtigung, an frei, e n d e Schriften, sobald sie von deren Drucklegung oder Verbreit»i»g Kenntniß erhalten, sofort zu konfisziren.- Also Schiehen lind Konfisziren! Aus dem Szabolcser Komitat werden telegraphisch neue blutige Znsammenstöße der Bauern mit der Gendarmerie geineldet. Zn de» Vorgängen i» China liegen folgende Mittheilungen vor. Die„Rorddenliche Allg. Ztg." schreibt: Der Kaiser vo» China hat durch eine», besondere» Erlaß den Generalgouverneur und die obere» Behörden der Provinz Kiangsu, in welcher Shanghai liegt. angewiesen, dem Prinzen Heinrich einen nach jeder Richtung hin »vürdigen Empfang zu bereiten. England verhandelt»vegen der Oeffnnng Jünn-Tschon's in Hunnan als Vertragshaseii soivie wegen der S ch» s f f a h r t aus den B i n>» e» g e»v ä sf e r». Rußland soll angeblich auch diesen Forderungen in de» Weg treten. Wie die„Times" aus Odessa von, 13. d. M. melden, ging der Kreuzer„Tauidoff" nach Wladhvostol in See mit 1000 Mann. 56 Hilfs- Wundärzte» und einein Stab von Kra»re»t»ägirn an Bord. Aus Shanghai»vird gemeldet! Ein Berichterstatter der„China Aazetie", der Port Arthur besuchte, versichert, laß die Russen dort beschäftigt seien, Kohlenlager zn baue»,»vo sie 10 000 Tonnen nnler- bringen können. Zwei russische Kreuzer ankern in Port Arthur, drei andere in Taliemva».— » * Deutsches Reich. — Todesfälle. I» Potsdam ist an, Sonntag früh der Chefpräsident der Oberrechnnngskammer, Wirlh Geh Ralh v Wolfs nnd am So»»iabe»id das Mitglied des Herrenhanfes, Schloß- Hauptmann nnd Kammerherr Hugo Graf v. Vi a t u s ch k a Freiherr v. Greiffenclau in Wiesbade» gestorben. Am Sonnabend starb der frühere Chef der Kolonial- verivaltung, NeichsgerichtS-SenatSpräsidenl Dr. K a y s e r in Leipzig. Er galt als ansgezeichneler Jurist j als juristilcher Lehrer der Söyne des Fürsten Bismarck kam er mit diesem in Beziehung nnd so zn einer auffallend raschen Karriere. Die an die 5kolonialverivnl>iing anläßlich der Fälle Pelers. Wehlan:c. geknüpfte Kritik Bebet's sühne zn seinem Rncklrilte. Seine Ernennung zum Senalspräsidenten rni» Reichsgerichte halte unter den ReichsgerichtSräthe» zn arger Miß- stimmung geführt. Mai» hielt ihn für eiiien sehr begabten, aber nicht genügend selbständigen und energischen Beamten.— — Znr Jnnungsorganifation. Wie die„N. B. K." erfährt, dürsten schon in der nächste» Zeit die näheren Bestimmungen über die Festsetzung des Zeitpunktes erlassen»Verden, von den» ab d i e b e st e h e» d e» I n n» n g e n sich darüber zu ent- scheiden habe» werden, ob fl« als s r e i« I» n u n g e n fortbestehen oder sich in Z»v a„gs»»» u» g e n»»nwandeln»vollen. Ebenso »vird demnächst auch die Frist festgesetzt werden, innerhalb der die mit den Rechte» aus Z Ivvo oder IVVk der Reichs-Geiverbe-Oidnnng ausgestnttele» Innungen den Antrag aus Errichtung einer Zwangs- iiinung stellen könne».— Weimarischcr Landtag.(Eig. Ber.) Anläßlich des Protestes gegen die Wahl des Abg. Dornblütb-Jena brachte unser Genosse Abg. B ändert ei»« Reihe Bcschiverdtn Über Wahlbenn- flnssniigen anläßlich der letzten Landlagsivahl zur Sprache; er»vies ans die Rolhivendigkeit, ein Wabl-Regiemenl zu erlassen, hin. Bei den ReichstagSivahlen sei ein solches vorhanden, und dennoch seien in diese»» Wahlkreise Beeinfliissungei» vorgckoiinnen(Reichmiilh), an denen selbst die großherzogliche Elaatsregierung mit intelessirt sei. Ohne ein Regleinent zu den LandlagStvahle»»vürde» für die Folge nvch viel mehr Wahlverstöße und Bteinflilssungen vorkommen.— Die Mahl des Abg> DornbliUH wurde gegen 3 Stimmen für gillig erklärt. München, 12. Fedrnar.(Fig. Ber.) Bayerischer Land- lag In der heutige» Kammetsitzuag erklärte Minister v. F e i l i tz s ch zu dein vom Genossen S ch e r m eingehend be- gründeten Antrag unserer Genossen betr. die Anstellung iveiblicher Assistenten bei der Fabrik- und Gewerbc-Juspektion. daß er sich gegen die Anstellung weiblicher Beamter nie prinzipiell ausgesprochen habe, aber das einstimmig ablehnende Botum der Fabrik- und Gewerbe-Jnspektoren habe ihn veranlaßt, ein Bedürfniß hierfür zur Zeit nicht anzuerkenne». Gleichwohl solle jetzt ein Bersuch mit zwei weiblichen Hilfskräften gemacht werden nnd. wenn er sich bewähre, so fei es seine feste illbsicht, weibliche Assistenten schon ins nächste Budget einzustellen. Ans diese befriedigende Erklärung des Ministers hin zog Genosse Sckerm im Einverständnis mit seinen Freunden seinen Antrag zurück.— Die sozialdemokratische Fraktion hat folgenden Antrag eingebracht: Der Landlag wolle beschließen: Die Staatsreglerung zu er- suchen: für eine den thalsächlichsten Verdiensten der Arbeiter mehr entsprechende Festsetzung der ortsüblichen Tagelöhne sowie des durchschnittlichen Jabres-Arbeitsver- dien st es für land- und forstwirthschaftliche Arbeiter Sorge zu tragen.— N»S Hessen, 11. Februar.(Eig. Ber.) Landta'g. Heute gab das stapilel Gendarmerie de» Verhandlungen der zweiten Kammer Inhalt und Würze. Die Vertreter vom Lande, einzelne nntionalliberale und antisemitische Bürgermeister wandten sich scharf gegen die geplante Vermehrung der Gendarmerie, die die Regierung „im Jnleresse des Sicherheitsdienstes" verlangte. Die Schikanirnng durch nbereisrige Gendarmen, insonderheit seitens der aus Preuße« imporlirten Unteroffiziere, hat die Herren aufsässig gemacht. Abg. Köhler(Reformp.) erging sich in derben Ausfällen auf das „Prenßenlbum" und Abg. Bähr(Reformp.) beantragte, die Forde- rimg für Vermchrnug ber Gendarmerie zu streichen. Als Rezept gegen den Uebereiser im Anzeigen empfahl er Entziehung der Extra- Reninnerationen. Abg. Ran(Soz.) wies auf die übergroße Für- sorge hin, die die Polizei der Ueberwachung von Arbeitervereinen und Versammlungen angedeihen lasse. Die Zeit könne man sich sparen, dann komme man mit der vorhandenen Zahl der Beamten schon aus. Selbst der Abg. Pitthan, der seine Jungfernrede hielt und sich darin als nalionalliberaler Eiferer erwies, meinte, die Bemühungen um die Feierabendstnuden könne sich die Polizei ersparen. In Pitthan, der an stelle seineS freisinnigen Verwandten gleichen Namens geinählt worden ist, haben die Nationalliberalen einen Mann mehr gewonnen. Auch ein Erfolg des indirekten Wahlverfahrens, daß bei Nachwahlen der Wählerschaft keinerlei Einfluß mehr gestattet! Die Abg. Ulrich und David erweiterten noch das Material durch Hinweis ans die Bemühungen der Gendarmen, um uns die Versammlungssäle abzutreibe». Gegenüber den Angriffen des Abg. Osann, der die preußisch-deutsche Rcichserrungenschaft als er- babenes Verdienst des geschmähten Prenßenlhnms feierte, erklärte Abg. David, daß ivir weder gegen das preußische Volk noch gegen die R e i ch s e i n h e i t als solche seien. Unsere Stellungnahme habe nichts mit jenem Philisterpartikularismus, der in Preubensresserei mache, zu lhun. Das Preußenlhum, das wir bekämpften, fei das preußische Junker- und B» r e a u k r a t e n t h» m. das die Reichseinheit sowohl früher verhindert, als auch heute noch au die Zerstörung deffelben durch Angriffe ans das Reichstags-Wahl- recht hinarbeite. Abg. Ulrich faßte als Referent unsere Gründe für Ablehnung wirksam zusammen. Trotzdem wurde die Forderung gegen die 12 Stimme» der Sozialdemokraten nnd Antisemiten an- genommen.— Unser« Genossen haben eine» Autrag auf Be- seitigung der Feierabend st unde bei Versammlunge» »ingebracht.— A„S de« RelchSkauden, 13. Febr.(Eig. Ber.) Unterstaats- sekretär v. P n t t k a m e r, die maßgebende Persönlichkeit im Ministerium für Elsaß-Lothringen, glaubte vor einigen Tagen an- läßlich der ersten Etatslesung im Landesausschnß die Klagen der Opposition über die jämmerlichen innerpolitischen Zustände des LanbeS dadurch niederschlagen zu können, daß er in der Pose des großen Staatsmannes mit Gelassenheit daS große Wort aussprach: „Es giebt keine Diktatur in Elsaß-Lothringen!" Da ivir«S für überflüssig halten, mit Herrn v. Puttkamer über den Begriff der„Diktatur" zu rechten, so wollen wir uns an dieser Stelle darauf beschränken, aus der allerjüngsten Zeit einige Bei- spiele reichsländischer Verwaltungspraxis anzuführen, die dem Leser das Material zur Beurtheilung des kühnen Ministerwortes an die Hand geben sollen. Nr. 1. Vor etwa einem Jahre wandten sich die Textilarbeiter Mülhausens mit einem Gesuch an die zuständige Behörde um Ge> nehmigung eines Verbandes elsaß-lothringifcher Textilarbeiter. Bis heute harren sie umsonst der Nachricht über das Schicksal ihrer Eingabe, sodaß angenommen werden muß, man habe die Gesuchsteller nicht einmal einer Antwort für würdig erachtet. Nr. 2. Gegenwärtig unterliegt der Entscheidung des Ministeriums eine Beschwerde des provisorischen Vorstandes eines für Schillighcim- Bischheim errichteten Arbeiter-BildungSvereins gegen den BezirkSpräsidenten des Unterelsaß, der de» hierum nachsuchenden Arbeitern die Genehmigung des StatulS verweigert hatte. Da der Verein laut Statut nur den Zweck verfolgen sollte,„seine Mit- glieder nach jeder Richtung hin aufzuklären und zu belehren", so ist auzunehuien, daß Aufklärung und Belehrung mit der elsaß-lothringi- scheu„Freiheit" unvereinbar sind. Nr. 3. Der Oberstaatsanwalt in Kolniar hat vor kurzem die Beschwerde gegen die Eulscheidung des Slraßbnrger Etaatsanwalls, der die Erhebung der öffentlichen Klage gegen den Polizcikommissar N o a ck daselbst ablehnte,„nach Prüfung der Akten" abschlägig be- schieden. Noack war in durchaus«mgesetzlicher Weise in die letzte Landeskonferenz unserer reichsländlschen Genossen ein- gedrungen und hatte deren Verhandlungen gewaltsam unterbrochen. Nr. 4. Am verflossenen Freilag ivollte Genosse B ö h l e in Straßburg in einer öffentlichen Versammlung über feine Tbätigkeil als Mitglied des Bezirkstags für Unterelsaß vor seinen Wählern Bericht erstatten. Das Bezirkspräfldium verbot ohne jede Angabe von Gründen die Versaminlnng, da man es in Elsaß- Lothringen nicht nölhig hat. einem Sozialdemokraten die Erfüllung seiner politischen und staatsbürgerlichen Pflichten zu ermöglichen. Schlimm genug, daß man noch nicht so weit ist, die Wahl eines solchen durch Erlaß des Bezirkspräsidiums verbieten zu können. Jedem vernünftig und rechtlich denkenden Menschen werde» diese wenigen Beispiele reichsländischer RegierungSknust genügen; doch:„ES giebt keine Diktatur tn Elsaß-Lothringen", nnd-- Herr v. Puttkamer ist ein großer Staatsmann.— — Chronik der MajestätsbeleidigungS-Prozesse. Aus Liegnitz wird der„Brest. Morg. Ztg." unter dem 11. Februar geschrieben: Einen argen Exzeß verüble am 14. Januar d. I. der Fleischergeselle Josef Jnkubietz, ans dem Kreise Ratibor gebürtig, der sich hier in Stellung befand. Er belästigte am Abend des ge- nannten Tages die Passanten der Burgstraße und wurde schließlich nach dem Polizeiamt gebracht, von wo er nach Feststellung seiner Personalien nach dem Polizeigefängniß übergeführt wurde. Ans dem Wege dorthin hatten die Polizeideamten einen schweren Stand, da Jakubietz seinerVerhaflung energischen Widerstand entgegen setzte und die Beamte» mit Schimpsrede» überschüttete. Als er dann in eine Zelle ein- gesperrt wurde, schlug er niit den Füßen ein Loch in die Wand und erging sich in Schmähungen gegen den Kaiser und den Oberbürger» meister. Von de» letzleren Beleidigungen konnte ein Mithästling Zengniß ablegen, der auch erklärte. Jakudietz hake am anderen Tage vo» diesen Dingen nichts mehr gewußt. In der Tdat wurde fest- gestellt, daß er stark angetrunken gewesen, daß er aber sinnlos be- trunken, wie er behauptete, hielt die Slraskammer, die sich mit der Sache beschäftigte, nicht sür erwiesen. Jnkubietz wurde wegen Majcstäts- und Beamtenbeleidigung. Widerstandes, Sachbeschädigung, Lärms u. s. w. zu vier Monaten Gefängniß und zwei Wochen Haft veriirtheilt, den Beleidigten auch die PublikationSbesugniß zu- gesprochen.— Vom Landgericht in Altona wurde der Schuhmachergeselle W.Koch aus Baimstedt wegen Majestälsbeleidigung zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt. Der Staatsanwalt kalte 1 Jahr beantragt. Die Verurtheilung erfolgte auf grund der Aus- sagen des Korbmachers I. Schnldt, der auch die Denunziation ein- gereicht hatte, und seiner Frau, bei welche» K. vor ca. eiuei» Jahr� längere Zeit gewohnt hat. Oesterreich. — Graf Kalnoky. der frühere österreichisch- ll»g:«rische Minister des Auswärtigen, ist gestern im 66. Lebensjahre gestorben. In den Ansangsstadien seiner diplomatischen Lansbahn war er auch in Berlin lhätig, von 1879—81 war er Bolschaster in Petersburg, von wo er zur Leitung der auswärtigen Angelegenheiten nach Wien berufen wurde. Als er sich zu gunsten der Klerikalen in die kirchen- politischen Elrcitigkeilen i» Ungarn einmische» wollte, erzwang im Mai I89ö die ungarische Regierung feinen Rücktritt. Er gali als entschiedener Vertreter des Dreibnndes und einer aniiriissischen"..... auf der Balkauhalbiusel. Sfrankresch. PariS, 12. Februar. Deputirtenkammer. Der Arbeits- mlnister Turrel legte den Gesetzentwurf betreffend den Bau einer Stadtbahn vor.--- Schweden. — Dem Reichstag ist von der Regierimg«in„R e f o r>»- Vorschlag" betreffend die kommmialen Wahle» zugegangen. Im Jahre 1396 war ein Komitee eingesetzt worden, das Vorschläge nach dieser Richtung ausarbeiten sollte, deren Publizirung im Sommer 1897 erfolgte. Sosort erhob sich ein Prolest der gesammlen liberal- gestnnte» Bevölkerung, denn man dielt ganz am alte» Prinzip fest, der Slimmberechlignng nach dem Vermögensstand, es fand nur eine kleine Herabsetzung der Stimmsummen statt, die eine eiitzelue Person in sich vereinen konnte. Dennoch ist der jetzige Regierungs-Antrag noch mehr in seinen „Reformen" beschnitte». Eine prinzipielle Aenderung soll„ans- geschoben" werden, bis eine Steuer-Enqnete vorliegt und vorläufig nur Iheilweise Neueintheilungen stattfinden. Bei den eigenartige» schwedische» Verhältnissen und dem bestehenden famosen Kommunal- Wahlgesetz haben die Junker im größten Theil der Kommunen die Alleingewalt. Die Junter-Regiernng will ihnen dieselbe natürlich nicht zerstören. Gelegentlich der Vorlage dieses Antrages der Re- gierung führte Hjalmar B r a n t i n g,(Soz.) u. a. aus: Der Antrag sucht die industriellen großen Einkommen in ihrem Einfluß zu schmälern, das ist ein Koniplimenr gegen die Reform- forderer, aber der Grundbesitz bleibt in nnerschntterter Allein- gemalt, er. der gerade die rücksichtslosesten Vertreter ans- weist. Die Annahme dieses Antrages würde für lange Zeit die Verhältnisse festlegen, da man behaupten wurde, man habe reformirt, nnd darum fei es besser, den Antrag ganz abzulehnen. Er müsse die Machthaber warnen, nicht in dieser Weise fortzufahren. Infolge der augenblicklich sehr guten Geschäfts- läge in Schweden herrsche eine verhältnißmäßige Zusriedenheit, aber das könne anders kommen, und dann würden die Bolksmassen, die keine Stätte hätten, wo sie ihre Wünsche ordentlich z» Gehör bringen können, denn doch vom Zorne gepackt werde», daß man sie von allen Rechten ausschließe. Jetzt, in den friedlichen Zeiten, müßte ein verständiger Machthaber dem Resoriubedürfniß entgegenkoiumeu. Auf diese Rede antwortete kein Parlamentsmitglied und auch kein Regierungsvertreter. Norwegen. — Die Miiiisterkrisis, welche daS Ergebniß der letzten Wahle» zur Nolhivendigkeit gemacht hat. ist uun eingelreteii. Der Präsident des Storthing, der Chef des frühere» radikalen Kabinets, Sleen, hat die Bildung des neuen Kabiuels übernommen.— Italien. Rom, 12. Februar. Heute wurde in der Kammer zur Aus- loosimg der Uuiversitälsprosefsore» geschritten, da nach dem Gesetz nur zehn im Parlament sitzen dürfen, während 29 gewählt worden sind.— — Der Fünfer-AuSschuß, der in Rom über Crispi abzuurtheilen hat, ist, dem„Berl. Tagebl." zufolge, am Ende seiner Thätigkeit angelangt. Nach de» gestrigen Bläiterberichten seien drei Mitglieder für Ueberweisung Crispi's an die gewöhnlichen Gerichte, zwei sür die Ueberweisung an den Senat gewesen. Die erftcren nehmen an, daß Crispi als Privatmann, die zweiten dagegen, daß er als Minister Geld von der Bank in Neapel erhalle» habe.— Spanien. Barcelona, 13. Februar. Etwa 10 609 Personen veranstalteten heute eine Kundgebung, in welcher sie gegen die in dem Gesängnisse Moutjuich gegen Anarchisten begangenen Gransainkeilen Einspruch erhoben. Eine Protest-Erklärnng wurde ans dem Bürgermeister- amte und in den Kousulaleir vo» Frankreich und England nieder- gelegt.— Havatia, 13. Februar. In einer Versammlung deS radikale» Flügels der Antonomisten wurde beschlossen, Verhandlungen mit den Ausständischen zu eröffne», da man glaubt, daß der Aufstand nicht mit Waffengewalt unterdrückt werden könne.— Rumänien. Bukarest, 12. Februar. Die Depiitirleukammer nnd der Senat genehmigte de» Gesctzeulwnrf, betr. die Erhebung einer Kons» m- >t e u e r von lö Cent, sür das Kilogram», Zucker.— Türkei. Konstantinopel, 14. Februar. In unterrichteten Kreisen wird entgegen anders lautende» Meldungen versichert, daß der Sultan auf das Memorandum des armenischen Patriarchen nicht geantwortet hat, weshalb der Patriarch benbstchlige, den Sultan nochmals zu bitten, daß er die Angelegenheit schnell erledige, da sonst z» besürchten sei, daß die zur Verzweiflung getriebenen Armenier zur Selbsthilfe greifen werden. Das Verlangen Bulgariens, den durch die Vorfälle im Vilajet Uesküb kompromiltirten Knimakam von Palanka abzusetzen, wurde abgelehnt, jedoch wurde der Bali von NeSküb beauftragt, eine Untersuchung gegen die kompromittirlen Personen zu vcr- anstalten. Das Blatt„Malumat", welchem Beziehungen zu Hof- kreisen zugeschrieben werden, veröfsenllicht eiiwn langen Artikel, der sich gegen die Berichte der bulgarischen Presse über Vorfälle in den VilajelS Uesküb. Monastir nnd Ealonichi richtet und in sehr heftiger, drohender Sprache abgefaßt ist. Der Artikel, welcher von allen türkischen Blättern abgedruckt worden ist, be- streitet alle Angaben der bulgarischen Presse nnd erklärt, die Be- »nrnhigung in den genannten Vilajels sei nur eine Folge von Treibereien bulgarischer Banden.— Griechenland. Athen, 13. Februar. Der Minislerrath beschloß, die D e p n- tirtenkammer im Laufe dieser Woche und zwar voraussichtlich am Donnerstag zur Abstimmung über die Finanz-Borlagen ziisammeiizubernsen.— Amerika. — Zollpolitik Kanada' s.'Aus Ottawa wird tele- graphirt: Dem Parlament wird zn Beginn der diesjährigen Sitzungsperiode ein Gesetzentwurf zugehen, durch welchen die Tarif- bestimm»»««!! in der Weise abgeändert werden, daß, vom Ablauf des deutschen und belgischen H.mdelsvertrages an, der Vorzug vo» LS pCt. nur noch Waaren ans England und den britischen Kolonien gewährt werden ivird.— — Unterstützung d e r k n b a n i s ch e n Insurgenten. Wie eine Depesche aus Tampa(Hafen im westlichen Florida) meldet. hat eine knbaniiche Expedition in der Stärke von etwa 70 Mann Sonnabend Nacht Tampa verlassen, um sich mit einer großen Menge Waffen nnd Munition nach Kuba zu begeben.— -»-Anarchie in Guatemala. Nach einer Meldung des „New Jork Herald" aus Guatemala herrscht im ganzen Lande An- arch'.e wegen des Todes des Präsideuten Bardos und des Komplol- tiraus der Führer, um die Herrschaft zu erlangen. Der vom Militär z'-er Präsidentschaft berufene General Mendizabal marschirt dem ge- nannten Blatte zufolge mit einer großen Streitmacht aus die Haupt- stadt zu.— Asien. — u e b e r den Bau ber sibirische» Bahn werden der „Vossischen Zeitung" aus Ostasie» einige Miltheilimgen gemacht, die den bisherigen Meldungen von den schnellen Forlschrcileu und der in wenigen Jahren zn erwartenden Vollendung des gewaltigen Bahnbaues entgegentreten. Bisher hofft mau, so schreibt die Kor- respoudeuz, die große sibirische Eisenbahn werde spätestens im Jahre 1902 vollendet sein. Den letzten Zeitnngen aus Oslasieu zufolge wird aber wohl noch wenigstens ein Jahrzehnt darüber bingehen, bis man von Petersburg bis Wladiwostok mit der Bahn fahren kann. Die nicht ganz 300 Kilometer lange Strecke von Wladiwostok bis Chabnrowka ist fertig; doch ist das rollende Material nicht ausreichend, iveshalb die Abfertigung nur langsam geht. Zwischen den Orten Chabarowka nnd Strjetensk, die" mehr als 2100 Kilometer von einander entfernt sind, ist noch kein Spaten- stich gelhan. Die dritte und letzte Strecke in Ostsibirien, von Strjetensk bis zum Baiknlsee, ist gleichfalls fertig. Im Sommer werden die Züge bereits aus zwei großen, von Slruistroug ge- lieferten Danipsfähreu über den Baikalsee hinübergesührt. Dagegen besiuden sich in Westsi b irren zwei weitere große Lücken. Auch hat man die B a i k a l- N i» g b a b ii, die um das Südeude des See's gehen soll, noch nicht begonnen. Ueberraschend kommt die Nachricht, daß maii die sibirische Bahn möglicherweise nun doch nicht durch die ch i n e s i s ch e M a n d s ch n r e i sichren wird. Die Über diesen Plan verschriebene viele Tiule wäre dann also nutz- los geflossen. Anfänglich glaubten die Techniker, der Bahnbau im westlichen Theile des nördlichen Zipfels der chinesischen Mandschurei würde wenig Schwierigkeiten bieten, weil die dortige Gegend eben wäre. Bei näherem Zusehen hat man indessen gesunde», daß diese Ebene voll Sümpfen und zudem von Flüsse» mit sehr unregel- mäßigem Laufe durchschnitten ist. Mau würde dort also eine Menge kostspieliger Brücken zu bauen haben, während am östlichen Ende mit vielen Durchbohrungen von Berge» zu rechnen ist. Die Russen scheinen deshalb jetzt wieder zweiselhasl geworden zu sein, ob sich eine Umgehung der chinesischen Mandschurei nicht doch leichler ausführen läßt.—_ Aus Spandau wird uns geschrieben: Unter Ausschluß der Oeffeutlichkeit— Sozialdemokrate» halten keinen Zutritt— präseulirte sich am Freitag der von dem Ordnungsbrei für den Kreis Osthavelland anfgestellle Kandidat, Tischlermeister Pauli- Potsdam, den hiesigen„Nalioual gesinnten Wählern". Sein poli- lisches Glanbensbekenntniß" legte er dabin ab, daß er sür ein starkes Heer und Marine, sowie für die Erhöhung der K o r n- z ö l l e eintreten wolle; die gegenwärtige Marinevorlage sei sehr be- scheiden, er werde,«venn cs verlangt werde, noch mehr b e- >»> i l l i g e n. Seine Stellung zur Judeufrage kennzeichnete Herrn Pauli als einen Antisemiten vom reinsten Wasser. Kandidaturen der s r e i s i u u i g e u V o l k s p a rt e i sind aufgestellt in T e l t o w- B e e s k o w- C h n r l o t t e n b n r g(Dr. med. A. Bernstein), in Hos(Oberfrankeu) Dr. phil. Robert Wagner, und in P f o r z h e i»i- D u r l a ch Fabrikant Alberl Maischhofer. Im Wahlkreis R u p p i»- T e in p l i n ist als Kandidat der vereinigten tonservaiiveu, uatiouallibernlen Parteien und des Bundes der Laudwirlhe Herr Stechlsamvall Dietrich aus Preuzlau ausgestellt. In einer stark besnchleu Volksversammlung im Dorfe Güste- b i e s'e wurde am Sonntag als sozialdemokratischer Kandidat für den Wahlkreis Königsberg in der Ne« mark eiustimmig der Parteigenosse Otto Görke ans Charloltenburg aufgestellt. Es> sind iinn in sämmllichen 26 Kreisen der Mark Brandenburg 5sau- didaleu unserer Partei ausgestellt. In ergötzlicher Weise haben die beiden freisinnigen Parteien in S ch l e s w i g- H o I st e i» wieder eine Probe ihrer „Einigkeit" gegeben. Bislang war der Wahlkreis S ch l es w i g- Eckern förde von dem Wadelstrümpfler Lorenzen vertrete». Da dieser Herr nun mit aller Entschiedenheit eine Wiederwahl ablehnte, habe» ans einer Konserenz in Schleswig, an der von beiden Parteien S3 Delegirte theihiahme», die Freisinnigen den Volks- pnrieiler Jakobse», einen Lederfabrikanten in Schleswig, mit 52 Stimmen gegen 1 ausgestellt. Im Falle der Wahl dieses Herren hätten nun die Nichler'scheu ein Mandat mehr und die Rickert'schen eines weniger gehabt. Das glanbie» die Leiter der„Vereinigung" in Kiel nicht zulasse» zn können und von Kiel ans wurde an den Führer der„Freisinnigen Vereinigung" in Schleswig das Ersuchen gestellt, zur Bekämpsung der Kandidatur Jalobsen ei» neues Komilee zu bilden. Der Herr zog es jedoch vor, von diesem Schreiben dem Komiiee für Jakoblen Kenntniß zu geben. Nun ist die Entrüstung auf Seiten der Vollsparteiler groß und sie machen der Ver- einigung nicht mit Unrecht dcn Vorwurf, daß sie eine Spalluug unter den bis jetzt einigen Freisinnigen im Wahlkreise Schlesivig- Eckcrulörbe, hervorgerufen haben. Der Kampf kann also zwischen den feindlichen Brüdern wieder losgehen. Im Kreise W e i ß e n s e l s- N a n m b u r g- Z e i tz haben Kon- servalwe, Natlonalliberale und Bund der Landivirthe sich ans die Kandidatur des Ritlergntsbesitzers Dippe aus Plotba geeinigt. Von unserer Seite landidirt Redakteur Adolf Thiele aus Halle. Für Bromberg will der Negierungspräsident v..Tiedema»n als konservaliver Kandidat austreten. Au» S t u in m's Wahlkreise. Nach einer Erklärung, die in Slumin's Leiborgau abgegeben wird und wahrscheinlich von dem nationalliberal-sreilonservativeii WaHltomitee ausgeht, dürfte es doch noch möglich sein, daß„unser bisheriger bewährter Reichstags- Abgeordneterslireiii« Wiederwahl zu gewinnen sein wird." Es heißt dann weiter, daß„bis zu den ReichstagSivatilen Verhältnisse eiulreteu können. welche es Frh.v. Stunim als unabweisbare, patriotische Pflicht ersitzci»e>i lassen, von seinein Entschlüsse zurückzukoininen."— Auch wir hoffen, daß Herr v. Stumm als„bewährter" Agitator sür die Sozial- demokralie im Vteichslage erhalte» bleibt. Der Verein der freisinnigen Partei im 21. sächsischen Reichstags-Wahlkrdse A» i> a b e r g- E i b e n st o ck beschloß, bei den bevorstehcudeii Reichstagswahlen mit keiner anderen Partei irgend ein Wahlbünduiß einzugehen. I m 1. w e i m a r s ch e u W a h l k r e i s e, der durch de» frei- konservativen Abgeordueleu Reichmulh im Reichstage vertreten wird, ist jetzt als gemeinsamer Kandidat der Konservativen, Freikonser- vative», des Bundes der Landivirthe und der deutsch-sozialen Resorm- partei der Laudes-Brauddirektor Oberst-Lientcuaut a. D. Fr Hr. von u. zu Eglofs sie in aufgestellt worden. Die Zuftiinmuiig der uativiialiiberaleu Partei zn der Kandidatur steht noch aus. Die Sozialdemokratie deö Rcgicruugsbezirks Kassel und deS FürsteiithuinS Walderk hielt am vorlegten Sonntag in M e l- u u g e n einen Pnrleitag ab, der von 29 Theilnehmern aus 14 Orten esucht war. Aus den Berichten der Delegirteu ging hervor, chaß in allen Wahlkreise» des Regieruiigsbezirks Kassel die Snalahtreiberci hoch in Blülhe steht; nur in wenigen Orlen können Versamw- liingen abgehalten werde». Die Einnahmen der Agsialionstounuissioii belrugeu im letzten Geschnstsjahre 1295,73 M, wovon 750 Dt. vom Parteivorstand hergegeben wurden; die Ausgaben für den Volkskalender, von dem 30 000 Exemplare verbreitet worden sind, nnd die übrigen Kosten ersorderlen iusgesainmt 1292,93 M. Bon den Beschlüssen des Parteitags sind die folgenden von allgemeinerem Interesse. Mit dem Angendlick, wo der Reichstag geschlossen wird. hat die AgitatioiiSkommission ein allgemein gehaltenes Ftugblalc in allen Wahlkreisen verbrejleii zu lassen. Zur besseren Agitation unter der Landbevölkerung soll ein ivöchentlich erscheinendes Blatt gegründet werden; die AnSfnhrnng dieses Planes ist den Parlcigcnossc» in Kassel iiberlnssen. Sllle Orte, rvo eine Parlcibeivcgnng existirt, haben künftig 20 pCt. ihrer Einnahme» an die Provinzial-Zentrale abzuführen. I» Beziehung ans die hessischen G e n> e i» d e>v a h l e n wurde folgendes be- schlösse»:..Unter schärfster Betonnng nnscrer Grundsätze i» der Wahl rechtssragc: Erlangung des allgemeinen gleichen, direkten n»d ge� h-imcn Wahlrechts zu allen Körperschaften, also auch zu den Kommunen, und nutet energischer Bekämpfung aller diesem entgegenstehenden Bestimmungen, wie solche in der neuen Stäbe- und Landgeureinde-Ordnung für Hessen zu Tage treten, erachtet der Parteitag es als erste Pflicht der Parteigenossen der Provinz, in der gegenwärtige» Konnnnnalbewegung sowie bei allen Ergänzungswahlen für eine Vertretung uusererseits in den Gemeiudekollegicn zu wirken. Um eine entsprechende Vertretung porzubereite», hält der Parteitag eine ansmerksamere Verfolgung aller kommunale« Angelegenheiten als bisher seitens der Partei- genossen snr unbedingt am Platze." Zun» Sitze der Agitationskounnisflon»vnrde Kassel be- ftitnmt; die Wahl derselben ist den dortigen Parteigenossen über- lasse». Der Parteitag konnte anstatt nin 11 Uhr erst um 3 Übt seine Arbeite» beginnen, da nach Aussage des Bürgermeisters Lötz der Regierungspräsident eine Verordnung erlassen haben soll,»vvnach Versammlunge» Sonntags vor 3 Uhr nicht tagen dürsten. Gegen diese Verfügung soll Beschiverde geführt»verde». Eine Parteikonferenz für den Wahlkreis Lanban Nörlitz, die auf Sonntag, den 2». Februar nach Görlitz eiuderuien ist,>»>ird n. a. die Frage der Reichsiags-Kandidatur erledige» und Stellung zu den preußischen Landtagsivahlen nehme»». Bo» der Agitation. In» Wahlkreise P o t S d a in- O st h a v e l- land vertlieilten die Spandauer Partcigeiwsse» am Sonntag emsig die Broschüren„Wen»vähle ich?" und„Klassenpolitik" und fände» bei der Landbevölkerung überall freundliche Aufnahme. Znr Feier der Polköerhcbnng der Jahre 1848 4S erläßt der LandeSnorsland der b a d» s ch e n Sozialdemokratie im Auftrage der letzten Ländesversammlung eine» Aufruf, worin er den Partei- genossen in den Siädten Konstanz, Villinge», Lörrach, Freiburg, Offenburg, Karlsruhe, Pforzheim und Mannheim u»ler anderem empstehlt, Sonnabend, den 19. März, abends Verfannnlungen ab- zuhalten und Sonntag, de» 20. März, die Gräber der in» Kampfe gefallenen oder standrechtlich erschossenen Freiheitsfreunde zu be- suchen. Todteiiliste der Partei. In M o or g a rt e n ist, wie der „Lübecker Volksbole" mitiheilt, der Parteigenosse K recker, ein alter Achtundvierziger, i»n 74. Lebensjahre gestorben. Polizeiliches, Gerichtliches er. — Am vergangene» Sonntag ha» der Parteigenosse John, früherer verantivortlicher Redakteur der Magdeburger„Volks- ft i m in e", das Gefängniß in Gonnnern verlasse», ,vo er»vegen Beleidigung des Kaisers(Besprechung der Letzlinger Jagd) und »vegen Beleidigung der Firma Koch u. Komp. im ganzen II Monate lang veriveilen niußte. An» gleiche» Tage wurde auch Reickwtags- Abgeordneter D r. L ü t g e n a»» aus dem Gefängniß zu Herford nach Verbüßung der dreimouaiigen Strafe enllafsen, die ihm»vege» Majestätsbeleidigung auserlegl war. — Der Augsburger Lokalredakteur der„Münchener Post", Ge- nosse H. M a t l u t a t in Augsburg, wurde»vegen Beleidigung des Ingenieurs Krantz zu 2 Wochen Gesängniß verurlheilt. Dvoxctz ZosA. Paris, 14. Februar. Die Wandelgänge des Gerichtspalafies zeigen heute ein»veniger belebtes Bild, als an de» voranfgegangenc» Tagen, auch der Sitzungssaal ist nicht so überfüllt, so daß verhältnißmäßige Stühe herrscht. Die Sitzung»vird»in» I2>/» Uhr eröffnet. Der Präsident verliest Briefe des Senators Le Prvvost de Lanuay und eines Journalisten Papchaiid, in welchen die Genauuten bestreiten, Jaures gesagt zu babe». daß sie Esterhazy für den Schreiber des Bordireaus hiellen. Advokat Lab ori erhebt Ei»- sprach gegen die Behauptuiig einiger Blätter, daß er deutschen Ursprungs sei und eine Jüdin geheirathet habe. Darauf erhielt das Wort zu einer Erklärung der Abg. I a» r ä s in betreff des Journalisten Popillaud: Niemand kann so,»vie ich bedauern, daß der Gesundheitszustand Papillaud'S ihm nicht er- laubt, hier zu erscheinen, denn den bestimmten Erinnerungen gegenüber, die ich in ihm»vachrufen»vürde,»viirde er meine Erklärung nicht bestreiten können. Ich verflchere hier nochmals, und zivar unler meinem Zeugeneide, die Richtigkeit meiner Aussage. JanräS fügt Hinz», Papiliaud habe ihm sogar gesagt, er hätte seinen Freunden von der„Lidre Parole" gerathen, nicht mehr in der Gefolgschaft Eslerhazy's zu marschiren. Jaurös schließt: Ich begreise das Jnieresse, das man daran hat, meine Aus- sage zu dementiren, ich halte die Nichtigkeit derselben aber durchaus aufrecht.(Bewegung.) Es»vird sodann die Vernehmnng des Schreibsachverständige» B e r t i l l o n»vieder aufgenonimen. Zeuge erklärt, nach reiflicher Ueberlegung habe er geglaubt, vom Kriegsminister nicht die Ernmchti- gung erbitten zu solle», dein Gerichtshose die von ihm angefertigte» Photographien vorlegen zu dürfen. Die Bcrtbeidigcr erhoben lebhaften Widerspruch gegen die Aiischauungs»veise des Zeuge». L a b o r i legt den Geschivorene» einen vollständigen Plan des Sachverständigen-Gulachleus vor. da? Bertillon vor dein Kriegs- gerichle über das Borderean abgegeben hat, und fragt Bertillon: Ist das ebenso richtig»vi« vollständig? Bertillon: Diese Arbeil bezieht sich auf nieine Aussage von I8S4 und ich gebe zu, daß ich Soiuinbend unrecht gelhan habe, mich auf dieses Gebiet verlocken zu lassen.(Lachen.) Zeuge fügt hinzu, es fehle eine Ecke des Löschpapiers. Lab ori: Ich verstckiere, daß dies ein ge> trener Abklatsch des Beiveisstückcs ist, das dem Kriegsgerichte vorgelegen hat. Bertillon: Ich beziehe mich auf de» Gerichlsbeschluß, der verbietet, von der Dreysus-Asfäre zu sprechen J>der»>n»n»vird begreifen, daß nieine Lage hier eine peinliche»nd»viderwärtige ist. Albert Clemenceau: Weshalb ist sie»viderwärlig? Bertillon: Weil ich nicht von dein sprechen darf,»vas sich vor dem Kriegsgerichte bei geschloffenen Thören zngelragen hat. L a b o r i fragt Beriillon: Wie kommt es. daß Zeuge, wie so viele Andere, erkennt, daß er von der DreysuS-Afsäre»ur dann nicht mehr sprechen darf, wenn er vor Gericht steht, nicht aber auch, wenn er sich von Berichlerflntter» der Zeitungen ausfragen läßi, die feine Erklärungen veröffentliche». Labori führt das von dem „Echo de Paris" veröffentlichte Jntervicrv Berlillon's an. Ber- tillon erividert: Das sind ebenso viel Uiigenauigkeiten»vie Worte. Labori: Meinetivegen; warum aber haben Sie hier ausgesagt, daß Sie der Schuld Dreyfus sicher sind, während Sie eben geglaubt habe», sich hinter de» Gerichlsbeschluß verschanzen zu sollen, um nicht den Beiveis Ihrer Behauptung zu liefer». Glauben Sie, daß das Bor- dereau von Esterhazy ist? Bertillon: Durchaus nicht! Präsident: Weshalb glauben Sie, daß das Bordereau nicht von Esterhazy ist? Bertillon: Weil es von der Hand eines anderen ist.(Lachen.) Präsident: Haben Sie die geheimen Schrift- stücke oder nur Bruchstücke der Handschrift Alfred Dreyfus' vor Augen gehabt? Bertillon: Ich habe die ge- Heimen Schriftstücke nicht gesehen. Labori: Erkläre» Sie uns vor Europa, das seine Augen auf uns gerichtet hält, warum und»vie Sie dahin gelangt sind, vor dem Kriegsgericht nach- zuiveise», daß das Bordereau von Dreysns ist. Bertillon: Das kann ich nur mit den Dokumenten, die nicht mehr in»»einem Besitz sind.(Lärm.) Labori:„Können Sie uns sage»,»velcher Art die Schrift des Bordereau ist?" Bertillon: Es ist unmöglich, aus diese Frage zu antworte», ohne auf meine Beiveisführnng von I8S4 ei»z»igehe». Der Präsident richtet dieselbe Frage an den Zeugen, kann aber auch keine andere Amwort erlangen. Clemenceau fragt den Generalstaatsanwalt, ob er den Zeuge» nicht auf grund des Gesetzes zur Antivort zivingen kann. Der Generalstaatsanwalt rührt sich nicht und bewahrt absolutes Siillschweige». Bertiklon kwiederholt: Ich kann keine Antivort geben.--- Präsident: Es ist unnütz, sich weiier zu bemühen. Labori: Haben Sie das Bordereau der Esterhazy-Affäre gefehe»? Keine Antivort. Präsident: Sie sehen, daß Sie ihn nicht zun, Sprechen bringen könne». Labori Leider, ja! Aber»vird uns Zeuge sagen, ob er das Ester- Hary zugeschriebene Onginal— aus sehr feinem Papier— auf das hin Dreyfus verurlheilt»vorden ist, gesehe» bat? Bertillon: Darauf will ich mit Ja antworlen. Labori: Endlich; das ist immerhi» etwas.(Heilerkeit.) Wollen Sie uns gefälligst sagen, ob die Schrist des Borderean eine naiürliche oder eine verstellte ist? Bertillon: Ich kann darauf nicht antworlen.(Wieder holles Lachen.) Labori: Run»vohl, meine Herren Geschrvorene», Sie»Verden sich des Schweigens des Zeugen erinner», der vor Ihnen»vohl erklären»vill, daß Dreyfus schuldig ist, der aber nicht den Beiveis für seine Erklärung beibringen»vill. Albert Clemenceau: Haben Sie»ich»»wanzig Minuten lang vor einem Advokaten des Apellhoses Ihr System auseinandergesetzt? Bertillon(nach einigem Zögern): Nein, man hat mich häufig dazu verleiten»vollen, ich habe aber iiniuer»viderstanden. Clemenceau: Ich kann Ihne» aber dei» Advokaten„eunen, den ich meine. Bertillon(gereizt): Sie machen mich ja hier zum Angeklagten. Clemenceau: Durchaus nicht; Sagen Sie uns einfach, ob Sie Decori nicht das Prinzip Ihres Ehst eins erklärt habe»? Bertillon: Ich habe niit ihm von ler Angelegenheit gesprochen, ihm aber nichts demonstrirt.— Clemenceau: Wenn Ihnen morgen eine ähnliche Angelegenheit vorkäme,»vürde» Sie sich desielben Systems bedienen, um sie auszukläre»?— Bertillon: Ich kann mich nicht e» klären.— Präsident: Aber das betrifft durchaus nicht die An- gelegenheit von 1894, Sie können also ohne Furcht aniivortei».— Bertillon: Nein, ich habe nichis zu sagen.(Anhaltender Lärm.) Labori erbebt sich und sagt lebhaft: Ich kann den Geschivorene» »ur eins sage»: Die Affäre von 1894, hier(auf Berlillo» zeigend) ist sie; Bltiillo»»vor der Hauptsachverstäudige, auf dessen Aussage hin Dreysiis verurlheilt»vorde» iii.(Bewegnug) Berlillo» zieht sich unter verschiedenartigen Kundgebilnge» des Pilbliknins zurück. Der Deputirt« H u b b a r d ivird aufgerufen. Er erzählt, daß sein leiblicher Velte> Beltillon ihm eine lange Auseinaiidersetziing über sei» System gegeben habe, von der er übrigens nicht viel ver- standen habe. Be>l>ltoii habe indessen auf seiner unabänderlichen Meinung beharrt, daß DreyfuS in der Thal der Schuldige fei. Als ich sah, sagt Hubbard, daß man Esterhazy der Urheberschaft des Bordereaus beschuldigte, begab ich mich zu Bertillon und theilte ihm ineiue Ziveifel wegen der frappanten Aehnlichkeil der Schristen mit; ich sagie zu ihm:„Hast Du die Schrist Esterhnz»)'s gesehen und kannst Du»viffenschafilich beweise»», daß das Bordereau nicht von ihn» ist?"— Er erwiderte:„Ich»vill diese Schrift des Majors nicht sehen; er ist der Strohmann der Juden. Esterhazy wird übrigens schließlich geüehe»; aber die Revision vornchmen, das wäre die soziale R-volntion, das aber darf nicht sein. Dreyfus ist der einzige Schuldige, ich bin dessen sicher." Hubbard fügt hinzu, daß in einem Gespräch über den DriysnShandel mit seinem Kollegen in der Kannner, General Iiiiig, dieser zu ihm sagte, daß das,»vas in den Bureaus des Kriegsmiiiisteriilins geschehen, abscheulich sei.(Au- dauernde Bewegung.) Hierauf»vird IueS G u y o t vernommen. Derselbe sagt aus, daß Berullo» in einer Unteihailnng über die Drcyfnssache zu ihn» gesagt habe, Dreyfus habe seine Schrist verändern müsse», um das Borderean zu schreibe».(Bewegung.)— Labori fragt den Zeuge»: Welches ist Jb>e Meinung über de» Esterhazy-Prozeß?— Antivort: Da Sic mir diese Frage stellen,»vill ich Ihne» aulivorle», daß ich die Meinung,»velche ick» über die Enerhazy-Afsäre habe und die bekannt ist,»ml der Elite der Jnlelligenz Frankreichs iheile. Zeuge wünscht sich Glück dazu, daß die ganze Elile sich in Uebereinslimmung mit Zola befinde. Es folgt die Vernehmung des Schreibsachverständige» T e y s s o i»» i ö r e s'. Er habe da? dem Dr-ysus ziigeschriebeue Bordereau zu prüfen gehabt»nd sich für die Jdeutiläl der Schrift auSgesplochcn. Er erzählt, später sei er zu seine»» großen Er- stniiiie» von der Liste der Schrcibsachversländige» gestrichen»vorden Tcyssonniarcs erklärt»veiter, er habe in feine», Bericht erivähnt, daß 30 Ziffern beziv. Worte absolut identisch waren; er versichert,»na» habe mit allerhand Künsten ein Facsimile des Bordcrcaus her- gestellt,»in» es der Schrift Esierh-izy's ähnlich zu machen. Cröpienx-Janiain, ein von der Familie Treynis zu Rathe gezogener Graphologe, habe eines Tages ox abrnxto die Frage an ihn gelichtet: Wieviel wird Ihnen Ihre Dreyius-Geschichte ein- bringe»? Darauf habe er geantwortet: 200 Franks. Nun, habe ihn» Eropieiix-Jama»»» dann erividert, die könnte ihnen viel mehr eiiibriiigei», 100 000 oder 200 000 Franks. Dies Ansinnen habe er entrüstet zurückgeivieseii.— Die Sitzung»vird»nterbroche». Bei Wiederausnahme der Sitzung sind noch etwa 30 Zeuge» zu vernehme». Das Verhör T e y s s o n» i ö r e s'»vird fortgesetzt. Labori fragt: Haben Sie Ihr Akleustück beiiimnile» Personen gezeigt? Antivort: Ja; nameicklich ErSpieux Jnmai» und Traricnx. Labori: Haben Sie dies Aktenstück noch? Antivort: Ja, ich habe es»och. Labori: Sie habe» es dainals nicht dem Kuegsiniiilsleruim übergeben? Antwort: Nein. Nach der Bernrtheilnng des Dreysiis bin ich nur ein Mal in» Kriegsininistcriiim»eiveien. Als General Gonsc zu ivissen bekam, dah ich in der Affäre Dreyfus als Schrist-Sach- verständiger fnngirt hatte, drohteer, mich verhaften z» lassen.(Beivegnng.) Clemenceau siagt: Hatte» Sie nicht ein Aktenstück bei sich,»velctes Sie nicht haben dursten? Antivort: Ja. Der Vertheidiger: Mehr veUaiige ich nicht für den Augenblick. Trarieux,»vieder aufgernie», erklärt, er habe im Jabrc l89ö, als er Juftizininifter ivar, Teyssonniöres wieder in die Lme der Schrcidsachveiständigei» ausneh»»«» lassen. enge hebt die Widersprüche hervor zivischen de» Zengenausiagen eyssonuiöres' hinsichtlich des Bordereaus und den Eiklänmgen. , velche de» selbe ihm früher über dasselbe Bordereau gegebe», bade. Hieraus»vird zur Veruehinilug des weiteren Schriflsach verständige» im Dreyfns-Prozesse, Charavay, geschritten. Der selbe vcriveigert die Aiilivorten auf die ihn» von der Vertheidigung gestellten Frage»; er sagt, Regel der Sachverständige»» sei, sich»ur über anhängige Slreifragen zu üiißer». Nach Charavey»vird Pelletier, gleichfalls Schriflsach verständiger iin Trcyfus-Prozesse, anfgernseii. Anwalt Labori fragt denselben, ob die Schrist des Bordercai» ein« natürliche, geläufige sei. Anlivort: Jaivohl, übrigens kann ich Ihne»,»venn Sie»volle», meine» Bericht vorlesen. Präsident: Das ist unnütz. Labori: Wie, eS soll unnütz sein,»venu jemand sich erbielet, etwas z» sage»,(Heiterkeit.) Sie»volle» das Verbör bindern! Präsident zum "engen: Also geben Sie uns kurz de» Inhalt Ihres Berichtes. Ins der Darlegung des Zeugen«rgicbt sich, daß seinem Berichte zufolge das Borderean ganz allgemeine Analogie» und Schrislähiilichkeiten auswies und nichts zu den» Schlüsse berechtige. daß das Borderean der einen oder der anderen der verdächtigten Personen zuzuschreiben sei.— Nunmehr»verde» nacheinander die Schriftverständigeii G o b e r t, C o» a r d imd B e l h o in»» e aus- gern sei». Die beide» letzle»«».»velckie Sachverständige in der Esterhazy- Sache waren, venvcigeui die Antivort ans die Frage» der Vertheidigung »»»ler Berufung auf das Amtsgeheimniß. Zeuge V a r i n a r d iveigert sich gleichfalls, über die Gntachle,»abgäbe in» Esterhazy- Prozeffe auszusagen.— Hierauf»vird die Sitzung geschlossen. Grivevksrlzttftlicho�. Berlin«nd llmgcbnng. Tie Bauarbeiter beschäftigten sich am Sonntag in einer gut besuchten Versninmlung»nit den Vorbereiiunge» zu ihrer i», Frühjahr einzuteiienden Lohnbewegung. Die bestehende Koniniissio»»vnrde »im zwei Milglieder verstärkt und außerdem beschloffen, ans jedem Bau eine» Deputirten zu»vähle», der mit der Kommission Fühlung zn nehme» und für die Durchführung der Beschlüsse seitens der Kollegen Sorg« zu trage» hat. Ferner»vird die Koinmissio» durch Ausgabe von Fragebogen eingehende Erbebungen über die Loh»- und Arbeitsverhältiiiffe je. anstellen, um eine sickere Grundlage für die Bewegung zu gewinne». Die ausgefüllten Fragebogen sind bis zum 15. März an die Kommission abzuliesern. Als Beitrag zu den Saminlungen»vurden 30 Pf. für Akkord-, 20 Pf. für Lohnarbeiter pro Woche festgesetzt. Die Maurer sollen ersucht»verde»», die Be- wegung der Bauarbeiter nach Krastel» fördern zu helfen. Achtung, Rabitzpntzer! Bei der Firma Zöllner u. Co., Bau Lindenstr I02/iv3 sind Lohndiffcrenzen ausgebrochen, 10 Kollegen habe» die Arbeit niedergelegt. Näheres in der heute Abend statt- findende» Versammlung bei Stabernack, Jnselstr. 10. D e r V e r- t r a n e» s m a» n. Tie Bnchblndereiarbeiter werden noch ganz besonders auf die heute Abend bei Kelter, Koppenstraße, iiattfiudende öffenlliche Versammlung aufmerksan» gemacht. Es gilt Protest einzulege» gegen die von Her»»» v. Posadoivsky beabsichtigte Entrechtung der Arbeiter. klaffe. Dasselbe Interesse durfte der 2. Punkt der Tagesordnung beanspruche»: Grüildnng eines Widerslandsfonds. Die iß er» trauenspers onen. Ortsverciu Berliner Buchdrucker. Schriftgiesier«nd berw. Bcrnfögciiofsc». Unter diesem Nainei» habe» sich jetzt die Tarisgen, ei»sch», isgegner unter den hiesigen Buchdrucker» eine be- sondere Orgauisatioi» gegeben. Tie Rixdorfer Gewerkschaften werden darauf anfineiksan, gewacht, daß am DienNag de» 22. Februar eine große öffentliche Versanimlung aller Arbeiter und Arbeiterinnen einberuseii wird, um Protest zu erheben gegen de» Posadoivsky'schen Erlaß. Es wird er- sucht, zu diesem Tage keine Versamiiilnngen einznbernfeii. Ferner sind die Liste» vom englffche» Maschiiicnbauer-Stre>k abzulieser». I u l. V i e w e g, Vertrauensmann der G e>v e r k- s ch a f t e n R» x d o r f s. An die Wcißgcrbcr, Lohgerber»nd Färber der Provinz Braudcllbiirg richiel die unterjeichnele Agilallo»skoii»»isio» das dringende Ersuchen, sich, soiveit dies»och nicht geschehen, der Organisation anzuschließen. Währenddem die Unternehmer»»- nblässig bemüht sind, ihre Organiialioi» ansziibane», bleiben die großen Massen der Arbeiter ihrem Verbände immer noch fern. So habe» sich erst kürzlich sämmtliche Unternehniergrnppe» der deutschen Leder-Jndustrie zu einem Zentralveiband vereinigt. Umso mehr ist es nottiivendig, daß auch die Zirbeiler sich fest zusanimenschließeii.— Die Gewerksckaslekarlelle in der Provinz Brandenburg sind gebeten, mit einzelnei» Berussgenossei» von»ins auznlnüpsen und uns dann deren Adressen zuznsciide». Die ZI gitatio>i s-Kom Mission für die Provinz B r a„ d e» b n r g. I. A.: Fr. Trapp, Schnlstr. 59, Berlin I?. Die Arbeilerbiätler der Provinz Brandenburg»verde» um Ab- druck gebeten. TeutscheS Reich. Achtung, Korbmacher l Bei der Firma G e b r. W o l f f in Bern barg soll der Lohn für Gescklvßkörbe von 4,70 M. ans 2,50 M. rednzirt»verde». Die Kollegen sind nicht geivillt, zu diesem Preise zu arbeite». Die Firma hat de» Lohnabzug nicht einmal 14 Tage vorher angekündigt,»vie es dem Geiste der Gelverbe-Ordnung einspräche. Ziizng ist streng fernzuhalten. In der Mühlcn-Baiianstalt von W e tz i g in W i t t e n b e r g sind Differenzen mit den Formern ausgebrochen. Agenten der Firma reisen umher, um Former gegen die Versprechung eines Tagesverdienstes von 5 bis 8 M. und Reisevergütmig anzuwerben. J» der Thonwaarci» Fabrik von Gebr. Reif i» K a m e n z in Sachsen sind Lohndifsereiizen ausgebrochen. AuS Arnstadt i. Th.»vird der Erfurter„Tribüne" berichtet: An» 15. Februar läuft die vierzehntägige Kündigungsfrist der Handschuhmacher und Dresseure bei der Firma Julius M ö l le r hier ab. Sollte die Firma die unbedeutende Lohusorde- rnng nicht noch in letzler Slnnde beivilligen, so wird der Ausstand «nveuiieidlich sein, da alle Man» fest aus ihrer Forderung beharren und alle gütliche» Einigungsversuche an der Hartnäckigkeit des Fabriknnlen gescheitert sind. Es komnien 18 Verheiralhete nnd 17 Ledige in belracht. Die Firma Brehme u. Siegel hat da- gegen ihren Handschuhmachern den auch i» der Fabrik von Lieb- manu u. Kiese weiter bewilligten Lohnzuschlag sosoit zu- gestanden. Die ausgesperrten Gipser in Kaiserslautern in der Rhein- pfalz haben sich nochmals a» die Meister geivandt. um eine gütliche Beilegung deS Lohnstreils herbeizuführen. Scheitert auch dieser letzte Borschlag, so soll das Geiverbegencht als Einigungsamt angeruse» »verden._ Vopeslhett und letzte Aschvichken« Hamburg, 14. Februar.(W. T. B.) Unter dem Viehbestände, den ei» Dampser heule Morgen aus Moorburg(Ort i» der Nähe von Hamburg) brachte, wurde die Maul- und Klanenseuche konstalirt. Die Ladung»vnrde beschlagnahmt und der Dampfer polizeilich abgesperrt. Wir«, 14. Februar.(W. T. B.) Die österreichische Staat?- hahnverwallnng steht im Begriffe, demnächst Maßnahiiien zu lresfen, die dazu bestimmt sind, die Sicherheit des Eisenbahnverkehis in er- höhlen» Maße zu verbürge» nnd zugleich eine Uebcrbürdiing des im nnsüi enden Belriebsdienste veiwendelen Personals zu verhindern. Bndapcst, 14. Februar.(W. T. B.) Abgeordneteiihalls. Graf Apponyi ersuchte die Regierung»in Aiifklärnng, wie sie die sozialistisch« Presse zu beschränken gedenkt. Der Ackcrbauminister Daranyi erklärte, daß es gemäß dem Preßgesetze von 1848 und»iiit Hilfe des Gesetzes über die Pflichtexemplare möglich sein werde, ausreizende soziatisiische Blälter»nit Beschlag zu belegen, bevor dieselben durch die Post ver- breitet werde». Prag, 14. Februar.(W.T.B) Landlag. Der Abg. Herold be- gründet sciuen Antrag aus Erlaß eines Landesgesetzes betreffend die Unlheiibalkeit Böhmens, und serner die sprachlickic Gleichdcrechtignng beider Nntioiialliälc» in Böhme». Abg. Eppinger«»klart sich namens seiner Gesiniinngsgenosse» gegen diese» Antrag. Während der Rede des Abg. Eppinger enisteht ein größerer Tunintt. Abg. Lud» ig ruft dem Abg. Breznoivsky, ivelcher einen Zimscheuuis machte, zu: Ter Abgeordnete Bieznoivsky»»»ß iiniuer hineinbellen. Abg. Breznowsly droht den» Ztbg. Lndivig mit Ohrseigen. Der Oberlandmarsckall rnst beide Zlbgeorduelen zur Ordn»ng. Lärm. Die Ruhe wird endlich»vieder hergestellt. Schließlich»vird der Antrag einer besonderen Komniission zugeiviesc». London, 14. Februar.(W. T. B.) UnlerhaiiS. Der Deputirt« Field fiägl an, ob die Reftiernng sich zur Förderung eines inlcr« nationale» Abkommens zur Erivägnng der Wädrnngssruge zu koope- rire» beabsichtige. Der erste Lord des Schatzes Balfour erllärt, er »vnrde gern ein internationales Abkonuneii über die Währnngssrage sehe», aber er habe der Jnsorinalioii, die das HauS über diesen Gegennand schon besitzt, nichts hinzlizufügen. London, 14. Februar. Wie„Loyds Agency" ans Suez gemeldet »vird. ist das auf ber Fahrt»ach China befindliche englische Kriegs- schiff„Bictorions" anfgelanfe». Hilfe sei abgesandt»vorden. Konstantinopcl, 14. Februar.(B. H.) Die Verstinimung der Pforle gegen Bulgarien ist im Wachsen begriffen. Die gesammle türkische Presse, besonders das Palastblalt„Malomet" veröffentlicht gegen die Publikationen der bulgarische» Blätter über die Vor- fälle in Makedonien längere Artikel und fordert die türkische Regierung auf, Bulgarien zn züchtigen, da jetzt der beste Moment hierfür vorhanden sei. Nicht die Türken, sonder» die Bulgaren, so behaupte» die hiesigen Blatter, begeben fortges'tzt Grausninkeiteu. So hätte unlängst eine bulgarische Bande, deren Führer im Solde der Sofialer Regierung stand, die Stadt Men» denik ndei falle» nnd die Einwohner niedergemetzelt. Der gleiche Fall sei in Kolschawo und Eerreo passirt, ,vo»>. a. ein Lsterreichisch-iin- garischer Konsulaibcamter gesangen genommen, nnd aus gran ame Weise getödtet»vorden sei. Unter solche» Umstände»»vürde sich die Türkei das Recht nicht nehme» lasse», die bulgarische» Briganten, »velche Leben und Eigenthnu» der osmanischen Unlerlhanen bedrohen, »ach Gebühr zu bestrafe». Lcrantwortlich« Nedatteiir: August Jacobe») in Berlin. Für den Jnseratentheil veraniwortlich: Th. Glocke in Berti». Druck und Verlag von 81! ax Babing ii» Berlin. Hierzu 2 Beiladen u. Unterhalt,»ldsblatt, st. 38. i5. mm- 1 Dtllllßt Meichskttg. 40. S i tz u n g. Monlag. den 14. Februar isss. 1 Uhr. A», Bundesratbslische: v. Nieberdiug. Ans der Tagesordnung steht zunächst die erste Lesung der Novelle zur Konlursordnung in Verbindung mit dem von den Abgg� Dr. Ninlelen«. Gen. eingebrachten Gesetzentivurf ans Ab- ündernng der Zlouknrsordnnng. Abg. Dr. Rintelen(Z.) bittet die Regierung um nachträgliche Vorlegung der vom Reichslage bereits iviederholt geforderte» Konkurs- statiuil und beantragt Ueberiveisnng seines'Antrages an eine Koin- uiilsion gemeinsam mit der Negiermigsvorlage. Die bisherige Konkursordnung habe zu memg Rücksicht darauf genominen, daß die meule» Konkurse eine Folge des Leichtsinns und der Frivolität seien; so komme bei der Eröffnung des Konkurses nicht das Verschulde», sondern die Zahlungsunfähigkeit allein in betracht, und nach Beendigung desselben finde die Einsehung in alle bürgerlichen Ehrenrechte statt. Redner geht dann noch auf verschiedene juristische Details ein und betont, daß man sich in allen diesen Fragen nicht ans die Handelskammern berufen könne. da in diese» selbst ganz verschiedene Meinungen vertreten seien. Abg. Bafsema»»(»all.): Die Regierung ist der Ansicht, daß sich im mcscniliche» die Bestimmungen der Konkursordnnng bewährt haben und daß mir einzelne Verbesserungen am Plahe sind. Wir weide»»us in der Kommission über diese Verbesserunge» unterhalten müssen,»msomehr. als auch die Handelskaminern über einzelne Punkte r crschiedener Meinung sind. Die streitige Frage, ob»ach Eröffnung des Konkurses noch Tratten ausgestellt werde» können, möchte ich mit„Nein" beantworte». Ebenso muß auch die Frage geregelt werden, ob der Konkursverwalter die Masse durch anderweitig be- zogene Maaren vergrößern darf. Vor allem aber möchte ich mich gegen den Vorschlag des'Abg. Rintelen. die Konkurseröffnung wegen bloßer lieber schnldung eintreten z» lassen, erklären. Das Prinzip der Verschuldung hall« ich an sich für diskutabel. Die Erleichterung des Zivangsvergleichs hat zu Mißständen geführt, die die Minoritäten der Gläubiger benachtheiligtcn. Di« Erschwerung des Zwangs» Vergleichs einspricht auch den Wünsche» einzelner Handelskammern. Abg. Ganrp(Rp) bedauert, daß die Regierung die Konkurs- ordnung nicht grundlegend geändert habe, sonder» sich nur aus die durch das Bürgerliche Gesetzbuch nothwendig gewordenen Aende- rungeu beschränkt habe. Er verlangt ferner mehr Be- rücksichtigung der Ueberfchuldung als der Zahlungsunfähigkeit des Konknrsmachers. Bei Aktiengesellschaften sei dieses Prinzip schon jetzt maßgebend. Der Zwangsvergleich müsse erschwert werden. Gegen leichtsinnige Kreditnehmer müsse man scharf vorgehen. Dem Antrage, die Borlag« an die Jnstizkoinmission zu überweise», schließt sich Redner an. Abg. Singer(So,.): Wir sind der Airsicht, daß die Vorlage der verbündeten Regierungen weit eher den vorhandenen Be- dürfnissen entspricht, als die Anträge der Herren von, Zentruni Dies« Anträge haben vor allem das Bestreben, de» soge»a»nlen Mittelstand zu schützen. Aber, meine Herren, die Wirkung der An- nähme dieser Anträge wird»ach unserer Meinung sein, daß gerade die kleine» Gewerbetreibenden dadurch noch mehr ins wirthschaftkiche Unglück geralhen; sie werden dadurch geradezu zin» Konkurs« getrieben und jedenfalls mehr geschädigt, als durch die bisherigen Bestimmungen. Die Anträge Rintelen und Ge- »offen stellen Gewerbetreibende, die i» Konkurs geralhen, mit Ver- brecher» auf ein« Stufe. Sie bedrohen sie mit schwere» Strafen und zwingen sie so, möglichst ihre Geschäftslage zu verschleiern, um so dem Schaden zu entgehe». Es ist auch eine durchaus unberechtigte Auffassimg, z» glauben, daß der größte Theil der Konkurse durch Leichtsinn herbeigeführt werde. Die Hauptschuld daran tragen unser« ganzen wirthschastlichen Anstände. Die kleinen Gewerbetreibenden können aber mit den großen nicht konkurriren, sie sind nicht in der Lage, dem Publikum durch große Auswahl und billige Preise die- selben Vorteile zu bieten. So sinken sie von Jahr zu Jahr tiefer. leben bald nur noch von ihren Gläubigern, bis es dann schließlich zum Konkurse kommt. Diese wirthschaflliche Lage zu verbessern, find die Anträge Rintelen natürlich durchaus nicht geeignet, sie bringen Bestimmungen in das Gesetz, die dort gar nichts zu thn» hab-n. Das Konkursgesetz kann nicht moralisch erziehend wirken, sondern es muß sich gegen bestimmte Mißstände richten, die die Praxis ergeben hat.— Dem Vorschlage, die Strasbestinimunge» zn erweitern, können wir uns durchaus anschließen. Dagegen, daß Leute, die wisse», daß sie vor dem Konkurs stehe», nur dnrch neue große Einkäufe, die sie billig losschlagen, sich Geld schaffen, müssen durchaus Borkehrungen getroffen werden; denn diese Leute sind»och außerdem die schlimmste» Konkurrenten für reelle Kausleute.— Die Frage, ob der Konkurs eröffnet werden darf bei Zahlungsunfähigkeit oder schon bei Ueberfchuldung, ist durchaus nicht leicht zu lösen. Wann tritt denn Ueberfchuldung ein? Ich gebe zu, daß das je nach den Umständen verschieden beurtheilt werden muß. aber nenn es sich nur mal darum handelt, zu bestimmen, was Jemand nicht thun darf, dann würde doch eine genauere Definition des Begriffs der Ueberschuldnna sehr wünschenSwerth sei». Geg:nüber Herrn Garnp bin ich durchaus dafür, daß die Aussonderung der bevorrechtigien Forderungen möglichst snmfangreich vorgenommen werde. Wir sind also der Meinung, daß die Regierung sich nicht dahin beeinflussen laffe, die Lag« der kleineu Gewerbetreibenden durch das Gesetz bessern zu wollen. I« rei»er das Gesetz von diese» Grundsätzen blc.ut, desto mehr nutzt es. Wir wünschen, daß die Kommission sich im großen und ganzen auf die Regierungsvorlage einige.(Beifall links.) Abg. v. Buchka(k.): Das bisher geltende Gesetz gehört zu den besten und es ist ganz richtig. eS nur insoweit zn ändern, alS das neue Bürgerliche Gesetzbuch eS bedingt. Herr Rintelen verfährt zu schemalisch in seiner Begriffsansstellui.g, z. B. in der Kredit- bestiiumung. Ich kann mir sehr gut denken, daß ein Kauf- mann, dessen Schulden seinen Aktivbestand längst an das Doppelle überschritten haben, doch»och sehr wohl kreditfähig ist. Dagegen halle ich eine Erschwerung des Zwangsvergleichs gleichfalls für sehr nützlich, umgekehrt soll man ader erner lliehabilitirnng nicht so riel in de» Weg legen, wie es Abg. Rinlelen wünscht. Dem Antrage auf KoinmissionSberathung schließe ich mich an. Die Diskussion wird geschlossen, die Vorlage an die Justiz- Kommission überwiesen. Hierauf wird die Etatsberathnng und zwar beim Etat der „Zölle und Verbrauchssteuer n" fortgesetzt. Alm 2 r. Barth(frs. Vg.) regt die BeseNigung der differen- tialen Behandlung der rohe» und veredelnde» Poiigeeseide» an. Direklor im Reichs-Schatznmt v Körner erklärt, er behalte sich näheres Eingehen auf die Anregung deS Vorredners bis zur Per- Handlung der beiden Initiativanträge vor, die beim Reichstage in dieser Angelegenheit eingegangen sind. Die Regierung sei gern bereit, eine» gangbare» Weg einzuschlaaen, um der deutschen Bercdelungsinduftrie zu ihr«,» Rechte zu verhelfen. Abg. Dr. Barth empfiehlt dem Bnndesralh möglichste Be- schlennignng in seinen Entschließungen. Abg. Dr. Pauli(Rp.) meint, die elsässischen Seidenfabriken würden»ach Forlfall der Differenzirung die Veredeln..») der Pvngee- seiden besser ausführen können, als die französische». Abg.«ichbichler(Z) fordert die Kündigung der noch be- stehenden Meistbegünstigungsverträge, vor alle» derer mit Nord- amerika und Argeminie». Abg Dr. Hammacher(natl.) fragt an, wie sich der Bundes- rath zu den früheren Reichstagsbeschlüsse» auf Schaffung von Zoll- anslunststelle» und eines Gerichtshofes zur Entscheidung van Zoll- slreitigkciten stellt. In» Interesse einheitlicher Zollbehandlung ditle er die Regierung, die bisherigen Bedenken bei seit« zu lasse». b Lmilits" Reichs-Schatzsekretär Freiherr v. Thiclmann envidert, die Auskünfte seien bereits vorhanden, könnten aber nur de» direkt Anfragenden nützen, nicht auch dritten, ein großer Theil der bisherigen Zolltarife werde durch sie beseitigt.— Ein Reichs-Zoll- gerichlshof widerspräche der Bestiinnnmg in der Bersassmig, daß de» Einzelregierungen die Verwaltung in Zollsachen zustehe. Abg. Graf Stolbcra(k.) hält einen Reichs-Zollgerichtshof sür sehr wiinschenswerth. Man könne ihn ja den Einzclstaaten nicht auf- drängen, aber vielleicht könne eine Einigung darin erzielt werden. Zur Beseitigung der Zolltarife müsse das ganze Skelett luiseres Zoll- tarifes umgearbeitet werden. Schatzsekretär Frhr. v. Thielinan» erklärt, das Neichsschahamt sei bereits mit dieser Umarbeitung beschäftigt. Abg. Fritzen(Z.) fragt an. ob Verhandlnnge» wegen eines Neichs-Zollgerichtshoses gepflogen und wie weit sie gediehen seien. Schatzsekretär Frhr. V. Thiclmann bedauert, daß die Ver- Handlungen darüber bisher»och zu keinem Ergebniß geführt hätte». Abg. Mcyer-Danzig(Rp.) erkundigt sich»ach der Slellnng des Bundesraihs zn den Beschlüssen des Reichstags über die Aufhebung der Zollkredile. Schatzsekretär Frhr. v. Thielnian» erwidert, der Bundesrath sei zu einer endgiltige» Beschlußfassung noch nicht gelangt. Abg. Molkcnbuhr(Soz.): Im vorigen Jahre habe ich bei dem Titel„Staatssekretär des Reichsschatzamts" an den Staatssekretär die Frage gerichtet, ob es de» Einzelstaateu gestaltet ist. aus de» Erhedungskoften ver Zölle sich besondere Einnahme» zn schaffen. Es wurde mir ausweichend geanlivorlel. das Reich habe nicht das Recht, darüber zu befinden,>vie die Einzelstaalen die Summe» ans de» Zöllen verivenden. Ich weiß»un wohl, daß bei der Berbranchssteuer bestimmte Prozentsätze in Anrechnung gebracht werden. Anders sieht jedoch die Sache bei den Grenzzöllen, denjenigen, die an der Grenze erhoben werde». Daß daraus die Einzelstaateu sich besondere Einnahmen mache», kann nicht zulässig sein, da ja an der Zollerhebung nicht alle Staaten betheiligt sind, andere Staate» also benachtheiligt wären. Ich fährte damals ans. daß speziell Hamburg dadurch Ueberschüsse erziel!. daß sie dem Reiche höhere Gehälter in Anrechnung bringt als die Zoll- beamten beim Grenzverkehr thatsächlich erhalten, sodaß erhebliche Summe» dabei erspart wurde». Der Rcichs-Schatzsekretär a»t- wortete»nr, über das„wie" habe sich das Reich»ich! zu tiiinmern, ober ich denke„ob" diese Summe» ansbezahlt werden, ist doch eine Sache, die das Reich wohl angeht. Wie seine damalige» Aussiih- rungtn in Hamburg aufgefaßt wurde», erhellt ans folgender Ans- führnng des Syndikus Boeloff eines der ersten Beamten in Hamburg. Seine Worte sind diese: Der Herr Borrcdner sagte, die Meinung sei die, daß überall im Reiche, daß was vom Reiche an die einzelne» Bundesstaaten gezahlt würde, auch an die Beamte» ausgezahlt werde. Mein« Herren, was eS heißt, es braucht nicht nacbgeiviesen zu werden, daß das ganze Geld ausgegeben wird, so ist der Sin» davon einfach der: es braucht nicht ausgegeben zn werden.— Er kommt später darauf zn sprechen, daß Bauten und andere Dinge auch davon ansgeführt werden könnte». Nu» sind die Grenzstaalcn überhaupt schon bevorzugt, sie könne» die Grcnzbeamten zu manchen Beschäftigungen heranziehe», sür die anderenStaaten eigene Beamten anstelle» müssen, ich erinnere an die Lagerkontrolle, n» die Post- zollerhebungsstelle». Ich denke aber, daß das Reich die Kontrolle haben muß, daß das Geld, welches es den Einzelstanten für Be- soldungen von Beamten giebt, auch dafür verwendet wird. Aber selbst mit dem„Wie" hat sich der Bundesrath schon beschäftigt. So wurde» selbst die Postfiihrerznlagen Hamburg nicht gleich den andere» Staaten bewilligt, mit dem direkte» Hinweis darauf, daß Hamburg von den Geldern, die es erhalle» habe, noch bedeutende Summen zur Verfügung habe. Auch in der Hamburger Bürgerschaft hat die Sache schon zn erheblichen Debatten geführt. Als ich damals die Sache hier zur Sprache brachte, antwortete der Bnndesbevollmächligle Senator Dr. Bnrchard zwei Monate später, als ich nicht anwesend war. Er führte ans, daß die Staaishaiishalls-Rechnnnge», aus denen ich meine Summen genommen hatte, selbst nicht ganz zuverlässig seien. In wie weit daS zutrifft, vermag ich nicht z» beurtheilen, da ich bei AussteNnng dieser Rechnungen nicht belheilt war. Aber seine Rebe schloß er mit de» Worten: Nu», meine Herren, wenn ich sanguinisch wäre, würde ich der Hoffnung Ausdruck geben, daß, wenn der Herr'Ibgeordnete Molkenbnhr etwa bei späterer Geleg.nheit sich veranlaßt sehe» sollte, ein so komplizirtes Thema, wie das gegenwärtige, zn be- handeln, er die Güte haben möge, sich vorher etwas ein- gehender zn inforiniren, als er es in diesem Falle gethan hat. Sanguine zn sein, ist aber meines ErachtenS aus politischem Gebiete eine Untugend, nnd deshalb bin ich nicht sanguinisch. So sagte Herr Senator Bnrchard, nachdem er 2 Monate Zeit gehabt hatte, sich zu inforiniren, am 29. März hier im Reichstage. Aber einige Monate später sprach er i» der Hainburger Bürger- schast, wie folgt: Nu» habe ich darauf am 29. März in Berlin erklärt, ich müsse die Behanplung des Herrn Molkenbnhr richtig stellen, und ich habe dann wörtlich gesagt:„Ich beabsichiige nicht, in die Sache weiter einzugehen, das Verfahren ist längst eingestellt, die Leute bekomme» ihre volle» Gehaltsbeträge ausbezahle". In dieser Bestiminlheit war in der Erklärung ein Jrrlhum enthalten(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten), und ich habe dann in meinen Ausführungen eine» zweiten Jrrthum begangen, dessen ich mich offen schuldig bekenne. Ich habe gesagt: Für diejenigen Beamte»- stellen, die nicht mit Assistenten erster Klasse besetzt sind, sondern mit Asststente» zweiter Klasse und Supernumeraren, würde vci» Reich auch nur der geringere Beirag vergütet. Das war ei» Jrrthum. ich bin inzwischen eines besseren belehrt worden. Nun, wenn der Herr Senator 2 Monate Zeit hatte und mir dann de» Rath giebt, ich solle mich in Zukunft eines Bessere» be- lehren, so halle er am meisten Ursach« gehabt, sich zunächst über den Zustand zu informiren. Die Summe» sind nicht so unerheblich. Herr SenatorÄurchard gab damals die gesammte» Ersparnisse ailf4t)tX>tX)M. an, wovon noch 239900 M. wieder für Superiiunierare verausgabt sind. Die Summen sind ganz erheblich höher. Ich habe hier eine Zn- sammenstelluiig aus dem Staatshanshakls-Elat, daß allein bei den Assistenten erster Klasse in den fünf Jahren von IS99— 94 die Summe von 376 999 M. gespart wurde.(Hört, hört!) Dabei ist noch zr. bedenke», daß nach den» Besoldungsgesetz vom 11. Mai 1883 die Asfistenle» erster Klasse mit einem Dnrchschmttsgehalt von 2959 M. eingesetzt sind, während man sie später im Etat aus 2999 M. herabgesetzt hat, ohne das Gesetz zu ändern, so daß die Ersparnisse noch erheblich größer geworden sind. Nun sagt zwar Herr RoSlvss's in der bekannten Bürgerschaftssitznng, die ich hier zitirte, das Etatvakanzen-System, nach welchem die Bezüge der Beamten dem Reiche gegenüber berechnet werde», passe eigentlich für einen so jungen Beamlenkörper, wie es die Ham- burger Zollbeamten sind, gar nicht. Es ist doch aber gesetzlich festgesetzt, s.e haben nicht daS Dienstaltersstnfen- System, sondern da? Elatoaka»ze»-Sysicm. � uiid trotzdem haben sie die Durchschnitlsgehalte nie,»als ausgezahlt und Jahr für Jahr er- heblich« Ersparnisse gemacht. Ich denke, hier hat das Reich sehr ivohl ein Recht mitzusprechen, denn die Summen werden direkt vom Reiche bewilligt. Entweder muß die gesammte Summe, die den Einzelstaateu für d,e Besoldung der Beamten über- wiesen wird, thalsächlich an dies« Beamten ausgezahlt oder die Ueberschüsse müssen an die Reichskasse Zu- zurückfalle». Als Entschuldigung dafür, daß diese Gelder nicht aus- bezahlt werde», wurde in der beregte» Bürgerschaftssitznng angesühr«, daß ja Hamburg auch dreißig Zollbootslente angestellt habe, wofür es in den erste» Jahre» vorn Reiche keine Bergütigung erhalle» habe. Nun sind aber doch diese Zollbootslente nicht im Interesse Diteßeg, 15. Miiar 1898. der übrigen Zollbeamle» angestellt worden, sondern im Interesse der Zollerhebung, und wenn Hamburg einfach darauf gedrungen hätte, dieses Geld vom Reiche zn erhalte». so würde es »»streitig diese Summe erhalten haben. Ganz bedeutende Summen sind bisher den Beamten vorenthalten worden. Ich habe voriges Jahr bereits daraus hingewiesen, daß die leihweise von Preuße» übernommenen Assistenten erster Klasse bei ihrem Rücktritt in den preußischen Dienst das vorenthaltene Geld ans Veraiilassnng des preußische» Jnstizministers von Hamburg ausgezahlt bekommen habe». Was aber den preußischen Beamten recht ist, sollte den Hamburger Beamten billig sei». Senator Dr. Kliigman»: Der Abg. Molkenbnhr irrt, wen» er annimmt, daß die betr. Summe»»ur zu ganz bestimmten Zivecke» überwiesen werden; verfassungsmäßig werde» sie als Pauschquanla bewilligt; über ihre Verwendung ist durchaus keine bestimmte Ver- sügung von Reichswegen getroffen. Es hat sich also weder der Reichs- tag noch der Bnndesralh da hineinzuinengen. Es ist über die Verwendung der Emnme» in den gesetzgebenden Körperschaften Hamburgs eingehend berathen worden; wir sind»»»mehr im Klaren darüber. Abg. Rlifcrt(srs. Vg.) fragt den Staalssekrelär Graf Posa- dowsky an, ob er bei einer Aenderung de? Margarinegesetzes daraus «ingehe» würde, daß die Treuiinng der Verkaufsräliine beseitigt oder doch gemildert werde. Staatssekretär Gras PosadowSky: ES ist in» B, indeSrath, eine Einignng darüber erzielt worden, was man als gelrennte Berkaufs- räume anfznfasse» habe; die betreffende» Bestimmungen werde» rechtzeitig genug veröffentlicht werden, so daß die Betheiligten sich genügend gegen polizeiliche Chikmie»'"erden schütze» können. Abg Molkenbnhr(Soz.): De», Herrn Bundesraths-Vertreter muß ich erwidern, daß es doch zur Kompetenz des Reichs gehört, über jene Summen zu verfügen; die Summen für dieZollerhebung werde» keines- wcgs im Pauschqnantnm bewilligt, sonder» mit der bestimmten Direktive, est für die Vesoldiing der Beamte» zn verwenden. Wenn diese auch Beamte der Einzelstaaten sind, ihre Bezüge werde» doch durch den Reichshanshalts-Etat geregelt. Was wäre den» die Folge, wenn jene Summen wirklich zur beliebige» Verwendung übergeben werden»nirde»? Es würden dann diejenige» Staaten, rvelche im der Zollerhebung belheilrgt sind, sich ganz erhebliche Einnahmen ans Kosten des Reiches verschaffe». Natürlich ist es aber unzulässig, daß sie sich in den Besitz von Borlheilen setzen, bei denen das Reich ober auch ihre Beamten übervortheilt werden. Schatzsekretär Frhr. v. Thiclmann stellt einige ziffernmäßige Angaben des Abg. Meyer richtig; derselbe habe sich in der Be- rechmmg der Zinswerthe der geivährten Zollkredile um das Sieben- fache geirrt. Direkior Dr. v. Körner wendel sich gegen die Ausführungen des Abg. Molkenbnhr; es seien Vorkelmmgen getroffen, die eS verhinderte», daß die einzelnen Grenzsiaalen sich an den gewährten Zuschüssen bereicherte». Die Sunune werde»ach dreijährigem Durchschnitt bestimini; es könne sich dabei allerdings ergeben, daß der-ine oder andere Staat, der zeitweilig wenig Beamte beschäftige. einmal eine Ersparuiß macht. Jiisgesammt aber werde wohl alles wieder misgegliche». Abq. Graf Limburg Stirtit»(k.) befürwortet ein- Erhöhung des Zolls gegen amerikanische Fahrräder, um die einheimische Fahr- rad-Jiidiistne besser z» schätze». Abg. Hilpert(oayr. Bauernb.) wünscht schleunige Nnfhebung der Zollkredile. Abg. Dr. Barth(frs. Vg.): Die deutsche F.rhrrad-Jndnsteie hat sich trotz des niedrigen Zollsatzes gegen ausländische Fabrikate in erstaunlicher Weise geHobe». Es liegt geradezu in ihrem Interesse, daß die Zölle»ichl erhöht werden. Dadurch würde nur die in- ländische Konknreuz erhöht werden. Der'Antrag Limburg-Stirmn würde nur die Konsumenten schädigen und die Entwickelnug dieses wichtigen Verkehrsmittels aushalte». Abg. Aichbichlcr(Z.): Für die Sorte Unterstützung. die der'Abg. Hilpert der Laudwirthschast angedeihen lassen rvolle, bedanken sich die bayerische» Bauern bestens. Präsident t>. Bnol: Das Wort hat der Abg. Dr. Hilpert. (Stürmische, allseitige Heiterkeit.) Abg. Hilpert(bayr. Banernb.) will über de» österreichischen und russischen Handelsvertrag sich verbreiten, wird aber vom Präsidenlen zur Sache gerufen und verzichtet anss Wort. Abg. Graf Litnbmg-Stirnin(k) befürwortet nochmals die Er- höhnng der Fahrrad-Zölle; das Interesse der Konsumenten dürfe nicht in de» Vordergrund gedrängt werden. Nach einem Schlußworte des Abg. Paasche, in dem auch er sich gegen die Erhöhimg des Fahrrnd-Zolles ausspricht, wird die Diskussion geschlossen, der Titel„Zölle" wird bewilligt, ebenso der Titel„Tabalstercr" ohne Debatte. Hierauf vernrgt sich das Hans. Nächste Sitzung D i e» st a g 2 U h r.(Forlsetzung der heutigen Berathung; Gesetzentwurf, betr die freiwillige Gerichtsbarkeil; Post- dampser-Subveiiiioiis-Novelle.) Schluß 5'/« Uhr._ BlbgvovdnekenhAUs. 21. Sitzung vom 14. Februar 1898, II Uhr. Am Miiiistertische: Dr. v. Miguel, Frhr. v. Hammer- stein und Kommissarie». Die Spezialberathung des Forst etat? wird bei dem Ein- »ahme-Titel: Von Torfgräbcreien fortgesetzt. Abg. Knebel(natl.) hält es für zweckmäßig, wenn der Staat als größter Besitzer von Torfgräbereien Torfstreu-Fabriken er- richtete. Rkgiernngskommissar Landforstmeister Donner hält dies« Fahrt- kation für wenig rentabel. Bei dem Ausgabetitel„Oberförster" bemerkt auf ein» Reihe von Bemängeliingeu Minister v. Miqnel: E. halte eine Vermehrung der Ober« sörsterfteNen blos zum Zivecke der schnelleren Beförderung für sehr bedenklich wegen der Konseguenze» für ander« Ressorts. Es ist ein Fehler der preußische» Verwaltung, daß die'Kandidaten ohne jede Eiiifcbräiikinig zugelassen worden sind. Hiergegen werden auf Dränge» der Finanzverwaltnng Maßregeln geiroffen werden. Bei de» Unterbeainten sind sie bereits eingeführt. ES ist besser, daß einzelne von der Karriere ausgeschlossen werden, als daß ein ganzer Stand unzufrieden wird.(Zustiinmnug.) Bei dem Titel„Revierförster und Förster" liegt ein Antrag v. Arnim(k) vor, die Regierung aufzufordern, im nächste» Jahre eine wesentliche Erhöhung der Förstergehälter eintrete» zu lassen. Abg. v. Wakdow(k.) schildert die Unzulänglichkeit der Förster- gehälter, die den Gehälter» anderer Beamte» gegenüber sehr niedrig sind. Die versüchle Agitation in den Kreiti"! der Förster, bei der bedauerlicherweise heftige AnSdrnckc vorgekornnie» sind, sei zu miß- billige», aber berechtigt sei die Forderung der Gehallserhöhrmg. Außerdem enrpfiehlt Redner die etatSmäßige Einstellung der Sekretäre bei den Oberförster», um dem heutigen beständigen Wechsel dieser Sekretäre vorzubeugen und damit den Oberförstern einen gvoße» Theil ihrer geschäftlichen kleineren Sorgen zu nehmen. Der neillich von dem Abg. Rickert erhobene Vorwurf, daß bei den Jagden die Förster lediglich eine Dienerroll« spiele», ist durchaus unbegründet. Minister Freiherr V. Hammerstei»: Die Vorlage enthält»ine nicht unwesentliche Verbesserung der Förstergehalter und für daS künftige Jahr sind weitere Erwägungen in Aussicht genoinme». Wir dürfen nicht übersehen, daß dnrch unsere Beschliißsassimg auch die Gemeinde» belastet werden. Bedauerlich ist das agitatorische AiiflreU» einzelner Beamten nnd die Ausführung des Abg. Rickert. Die Regierung wird allen berechtigten Ansprüchen gern genüge», aber tu Fälle» vo» Insubordination mit aller Strenge»in- schreiten. Negierungskoinniissitr Donner giebt eine Blmnenlese ans einer Förster. Fachzeilung. i» der nicht blos übertriebene Gehaltsansprüche erhoben werden, sondern auch znr Jnsnbordination gereizt wird. Die Förster werden als die eigentlichen Träger der Forstknltnr angesehen, die Oberförster seien überflüssig. Feruer wird aufgesordert. Allerhöchste Ausjeichnnngen nicht anzunehmen. In bezng ans Maßregelnng von Personen, die sttr die Förster eingetreten sind, werden unwahre Angaben gemacht. Abg. Horn(natl.) hofft, daß die heutigen Ansführungen de- ruhigend in Försterkreiscn wirken werden. Minister v. Miqncl: Die Begründung des Antrage? steht mit den thatsächlichen Berhältnissen nicht im Einklänge. Für die Grün- röck« hat hier im Hause immer eine günstige Stimmiing geherrscht. Schätzt man die Einkünfte der Förster richtig, so stehen diese heute besser, als etwa 20 000 andere Beamte, die früher mit den Förstern in gleicher Gehaltshöhe standen. Die Agitation ist auf daS Entschiedenste zu vernrtheilen, denn es»md darin direkt zur In- fubordination angeregt gegen die Oberförster. Jedenfalls kann jede Beamtenklasse sicher sein, daß diese Art der Agitation eher abschreckend als fördernd für sie wirkt.(Sehr richtig!) Abg. Frhr. t>. Erffa(k.) findet es begreistich, wenn die Förster nach Jahre langem Warten und nachdem andere Beamtenklasse» längst auf- gebessert sind, nun beunruhigt sind. Leider habe auch der Finanzminisier sich dem Versprechen für künftiges Jahr nicht angeschlossen und einer Erhöhung der Förstergchälter ans 1800 M. ist durchaus angemessen. Für die Zeitungsschreiberei kann man die Förster nicht verantwort- lich machen.(Sehr richtig! rechts.) Abg. v. WoWta(srk.) steht mit seinen Freunden dem Antrage sympathisch gegenüber. findet denselben aber zu unbestimmt, wird aber für den Antrag stimmen. Abg. v. Sande»(natl.) zitirt einige Aenßerungen des früheren Abg. v. M i q tt e l zu gunsten der Förster, die dem, was er heute sagte, schroff entgegenstehen. Die 100 Marl- Zulage im gegen- wärtigen Etat nmßle Enttäuschung hervorrufen. Nach einer kurzen Erwiderung des Oderlandforfimeisters Donner bemerkt Abg. Frhr. v. Heerenian(Z.): Wenn man auf die Agitation in den Kreisen der Förster hinweist, so ist das doch kein Grund gegen den Antrag. Vizepräsident des Staatsministeriums Dr. V. Miqnel warnt davor, den Beamten Hoffnungen ztt machen, die nachher nicht erfüllt werden können. Abg. Zlsörns(ntl.) bestreitet, daß die Förster erhebliche Neben- portheile hätten und betont, daß in den Auslassung«» der„Deutschen Förster-Zeitung" nichts Agitatorisches und Disziplinwidriges ent- halten sei. Oberlandforstmeister Donner legt Verwahrung gegen die Be- hauptung ein, daß die Regierung die Aeußernngen in der„Deutschen Förster-Zeitnng." den Förstern in den Mund gelegt habe. Abg. p. Schöning(k.) beantragt, den Antrag der Konservativen an die Budgetkommission zu verivetsen. Abg. v. Plötz(k.) bemerkt, daß seit dem vorjährigen Erlaß eine dankbare Gesinnung in die Försterkrcise hineingekomme» ist. Wenn der Minister davor warnt, in den Förstern unerfüllbare Hoffnungen zu erivccken, so müsse man dies der Regierung zurück- geben: sie habe die Förster in die zweite Klasse der Subaltern. beamten erhoben und damit in ihnen die Hoffnung erweckt, daß sie auch finanziell besser gestellt würden. Thatsächlich sei die Lage der Förster eine überaus traurige. Zwischen den Förstern und Ober- förstern besteht ein sehr koUegialisches Verhältniß. Wenn der Abg. Rickert das nicht glaubt, so begleite er mich heute Abend in den Zirkus Busch.(Heiterkeit.) Abg. Rickert(fr. Vg.) lehnt diese Einladung ab. da man ihm dort wahrscheinlich keinen sympathischen Empfang bereiten würde. In der Sache stimmt er zu �/s dem Abg. Plötz bei. Von einer Agitation sei keine Rede; die Beamten haben das Recht, sich au uns zu wenden. Es ist doch weit gekommen, wenn die konservative Partei für diese„Agitation" eintritt. Mit der Bezeichnung der Förster als Diener bei den Jagden sollte auf die Dienstinstruktion vom Jahre 1868 hingewiesen werden, die ja auch von konservativer Seit« bemängelt worden ist. Es sprachen weiter für den Antrag v. Arnim die Abgeordneten Schaffner(natl.), Hoffman»(natl), Schmidt- Merseburg(Z.). Schulz-Berltn(frs. Vp.) Abg. Graf Limburg(k.) wendet sich gegen daS Agitatorische in den Fachblättern der Förster ttnd den unangemessenen Ton in einzelnen Petitionen, auch Herrn Rickerl's erst« Rede konnte als agitatorisch aufgefaßt werden. Der Antrag v. Arnim geht an die Budgetkommission.— Einige Titel des Forstetals werden genehmigt. Morgen(Dienstag) 11 Uhr: Interpellation Szmula(Z.) betr. ausländische Arbeiter, Vorlage betr. Erhöhung des Betriebs- kapitalS der Zentral-Genoffenschaftskasse. Schluß 43i* Uhr. Die Kosten der Militärstrafprozest-Rovelle. Die über- schlägliche Zusammenstelluug der Mehrkoste», welche bei Einführung einer netten Milttärstrafgerichls-Ordnung für das Deutsche Reich, unter Zugruugelegung des Gesetzentivurfs. wie solcher in der ersten Lesung der achten Reichstags-Kommission gestaltet worden ist. ein- treten werden, ist der genannten Reichstags-Kommission zu- gegangen. Die Mehtkostett für das Reichsmilitärgericht und die preußische Militär- Jnstizverivaltung find aus 137 040 M. ver- anschlagt. Diese Berechnung kann nur einen durchaus schätzungsweisen, unverbindlichen Charakter trogen, da sie ohne Mitwirkung der ReichS-Ftnanzvertvaltuiig aufgestellt ist, deren Prüfung und Zu- stimmung ausdrücklich vorbehalten bleiben muß. Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Berathung de? Gesetzentwurss, betreffend die rechtliche Stellung der Privat« d o z e n t» n. ist auf de» 16. d. M., abends, einberufen worden. Uokttles» Sozialdemokratischer Wahlberei« für den 6, Berliner ReichStagö-Wahlkreiö. Die Mitglieder des Gesundbrunnens ttnd der Rosenthaler Vorstadt werden daraus anfmerksani gemacht, daß heule Abend ini Viktoria-Garten, Badstr. 12, Reichs- tags-Abgeordneter Pens spricht, während in der Versammliing für die S ch ö n h a u s e r B o r st a d t im Belforter Salon, Belforter- straße 15, Genosse Jahn referiren wird. Es wird um zahlretchen Besuch ersucht. Gleichzeitig sei darauf hingewiesen, daß die Billets zum Stistitugsfest am 19. März nur in den Zahlabenden von den Bezirkssührern verausgabt werden. Der Vorstand. Die 3 städtischen Krankenhänser haben 1806/97(bezw. 1805/06) neu ausgenommen: 12 666(12 OOI) Männer, 1487(1881) Knaben, 8939(9043) Frauen, 1804(1644) Mädchen, zusamnien 24 346(26 469) Kranke; vavou die Anstalt Am Friedrichshain 9102 <10 176). in Moabit 7361(7179), Am Urban 7883(8114). Rechnet man die als Bestand Otts dem Vorjahre übernommenen Kranken dazu, so würden überhaupt behandelt: zusammen 26 258 (27 296) Kranke; davon Am Friedrichshain 9755(10 838). in Moabit 8053(7776), Am Urban 8445(8682). Zugenommen hat die Zahl der neu Aufgenommenen bezw. der überhaupt Behatidelten nur in Moabit, wo 1806/97 durch Errichtung neuer Baracken mehr Platz geschaffen worden ist. Am Friedrichshain und Am Urban ist aber, zum theil iufolge vott Ueberweisimgen au die erweiterte Moabiler Anstalt, eine so er- hebliche Abnahme eingetreten, daß auch die Ettmme auS allen drei Anstalten für 1896/97 geringer als für da» Vorjahr ist. Die Behandlung erforderte zusammen 680 340(638 045) Ver- pfleg ungStage. Hier hat. trotz Rückgang der Zahl der Auf- genommenen und der Behandelten,«tue Zunahme statt- gesunden, die nur durch den erwähnten Erweiter»nas- bau in Moabit möglich geworden ist. Man hat den Kranken, weil etwas mehr Platz vorhanden war. im Durchschnitt wieder eine längere Behandlungsdaner gewähren können.— Von dem Rückgänge der Aufuaymen(um 1123 Persouen) kommt ein verhältuißmäßig großer Therl auf die auswärtig e tt Krauken. Unter den 25 460 Aufnahmen des vor- letzten Jahres waren 2850(=- 11,2 pCt.) von außerhalb, nuter den 24 346 Aufnahmen des letzten Jahres dagegen nur 2573(— 10,6 pCt.). (Von den letzteren kamen allein 2270 aus der näheren Umgebung Berlins, speziell aus den direkt angrenzenden Vororten Charlotten- bürg 260, Schöueberg 236, Rixdorf 442, Lichtenberg 204, Wcißettsee 254 it. s. ro.) In dem neuesten Verwaltttngsbericht der Kraukeuhaus- Deputation wird die Vermulhung ausgesprochen, daß die in die Augen fallende Abnahme der Zahl der auswärtigen Kranken zuntckzusllhren sei auf das Bekanntiverden der zeiliveiligen Ueber- f ü II tt n g der Berliner Anstalten. Bekanntlich hat die Krankenhaus- Deputation, als die Uedersüllttitg zu arg wurde, die Attfttahme- bedingungen für unbemittelte Kranke aus den Vorortgemeiudeu er- schivert. Dieses Gewaltmiltel hat seinen Zweck, die Zahl der auswärtigen Kranken möglichst einzuschränken, leiolich erfüllt. Es hat aber dock nicht verhindern können, daß selbst in dem ver- bälluißmäßig günsligen Jahre 1806/07 zeitweise wieder die ärgste Uebersüllung herrschte Während im Dnrschnitt des ganzen Jahres pro Tag 1800 Kranke verpflegt wurden(667 Zlm Friedrichshain, 652 in Moabit, 571 Am Urban), wurden dagegen im Durchschnitt des Februar 1807 pro Tag 2114 Kranke(603 Am Friedrichshain, 836 in Moabit, 535 Am Urban) verpflegt. Es liegt eben nicht nur an den Vororten, sonder» vor allem an Berlin selber, daß die Berliner Krankenhäuser in e r n st e r e n Zeiten nicht ansreichen. Die Neu- aufnahmen beliefen sich im Februar 1807 in den drei städtischen Anstalten auf durchschnittlich 76 pro Tag. Damals erfolglen täglich Abweisungen von Kranken, die dann auch in der Stadtverordneten- Versammlung znr Sprache gebracht wurden. Leider können sich solche Zustände jeden Winter wiederhole», diS das vierte städtische Ktankenhatts, an daS man viel zu spät herangegangen ist, fertig gestellt sein wird. DaS Berliner Miillabfulirwesen soll jetzt, wie eine Lokal- korrespondenz wissen will, durch die städtischen Körperschaften noch bis ztttu 1. April d. I. endgiltig geregelt werden, und zwar nach den Äedittgungeti, welche den beiden an den Magistrat als Offerenten herangetretenen Abfuhr-Gesellschaslett, der Charlottenburger Gesell- schast„Prompt" und der Budapester Müll-Perwerthungs Gesellschaft, gestellt sind in folgender Weise: die Absuhr ans den Häusern soll im ganzeu Stadtgebiete von Berlin täglich bis 12 Uhr mittags, in der Friedrich- undK öuigstadt aber sogar bis lOUHr morgens erfolgen. Dann soll das Müll bereits in den tt ä ch st e t> 24 Stunden beseitigt sein. Und damit dies gescheben kann, soll die den Zuschlag erhaltende Gesellschaft innerhalb des städlischen Weichbildes zwei Verwerthnngsanstalten errichten, weil die in 'Anssicht stehende RegierttiigS-Polizetverordmtttg, durch welche ans 8 Kilometer Entfernung von der Berliner Weichbtldgretiz« das Abladen von Müll streng verboten werden soll, eine schnelle Beseitigung und damit eine den destimmten Vorschristen der Stadt enlspiechende pünktliche und sorgsältige Absuhr bei Fortschaffung des Mülls nach weitab gelegenen Punkten unmöglich erschemen läßt. Die Re- girrttttgs-Veiordmtng soll bestimmt zum 1. Oktober d. I. in krast treten, und deshalb sollen bis zu diesem Zeitpunkte auch die beiden Verwrrthttngeanstalten(nach dem Sortirstistent) vollkommen fertig sein, für deren eine auch die Budapester Gesell- schast im Norden Berlins bereits ein Grundstück erworben hat. Diese Abstthrregelung soll den Hausbisitzern außerordentliche Er- leichterungen bringen, indem sie nur die Abfuhr mit'/« pCt des Gebäudesieuer-Ntttzniigswerthes bezahlen sollen, wobei es noch uu- bestimml ist. ob diese Kosten von den Besitzern direkt an die Unter- nehmer-Gesellschafl oder im Uinlageverfahren an die Stadt zu et»- richten sein werden, und diese sie dann an die Gesellschaft weiterzahlt. Für die Beseitigung des Mülles verlangt dann ferner die B u d a p e st e r Gesellschaft pro Tonne 1 M. Und da nach den Berechnungen der zur Vorderalhung der Müllfrage eingesetzten Kommission(unter dem Vorsitze des Siadtraths Mielenz) in Berlin täglich ca. 24 000 Ztr. Müll abzusahre» sind, so würden bei 300 Abstthrtagen die Kosten der Müllbeseitigung sich aus jährlich 360 000 M. belausen. Diese Summe soll aber nicht gleich den Kosten für die Abfuhr«beufalls v.tt den Hausbesitzeru aufgebracht, sondern in den Etat eingestellt und ans den Gesammt- steuern gedeckt werden. Die für die Aniadeplätze eingcstellteu Etats» Posten sind allein in den letzen drei Jahren— 1304/05—1396/07— um 377 000 M überschritten worden, wozu noch kommt, daß die Beseitigung der gesundheitsschädlichen Abladeplätze Berlins nach dem Gutachten des Professor Vogel zirka sütts Millionen Mark losten würde. VerkehrSnachrichten. DaS königl. Polizelpräsidinm hat den Antrag der Allgemeinen Berliner Omnibos- Aktiei>g«sellschast auf Herabsetzung der Fahrpreise der Linie Dönhossplatz— Zoologischer Garten von 15 Pf. auf 10 Pf. unter Vorbehalt der Zufttmmnng des Magistrats genehmigt.— Die städtisch« Berkehrsdeptttalion hat der Großen Berliner Pserdebahn-Geselllchafl die Genehmigung zum zwei- gelcisigen Ausbau der Straßenbahnslrecke in der Kommandanten- straße zwischen Brandenburger- und Alte Jakobstraße genehmigt und ferner ihre Zustimmung zur Ausstellung von Rohrmasten z rn Zweck der Einrichlung des etelirischen Oberleitungebetriebes auf oer Ring- bahnlittie erlheilt. Polizeiliche Postkarten. Vorladungen, Mitlh-ilnngen, Be- nachrichlignngen, die nicht sehr eilig sind und auch mit Um Dienst. nnd Amt-geheimnlß nichts zu tbun haben, sollen jetzt nicht mehr durch Polizisten überbracht werden, sondern durch Postkarten. Das Polizeiprästdium hat besondere Karten berstellen lassen In der oberen Ecke rechts steht ein eingedruckter Stempel mit der Umschrift: „Der königliche Polizeipräsident in Berlin." links die Attsschrtfl: „Frei laut OrdreS Nr. 21. Königl. pr. Polizeipräsident." Unten Unks sieht man noch die Attsschrtft:„Königliches Polizeipräsidium." Hoffentlich enthalten die Karten nur solche Miubeilmtgen, die auch von ttnberttfener Seite ohne Schaden für den Empsänger gelesen werden können. Die Berliner Polizeiznstände werden durch folgenden Vorfall drastisch beleuchtet: Ter Droschkenkutscher Karl Schneider aus der Rügenerstr. 23 war mit seiner Cepäckdroschke aus einer Fahrt in der Tieckstraß« begriffen, als er infolge eines plötzltchett Unwohlseins vom Bock auf die Straße fiel. Drei junge Lettle. die ihres Weges daherkamen,»ahmen sich des Hiflosen an und brachten ihn nach dem 11. Polizeirevier in der Jnvaltdettstraße, um ihn der Obhut der Beamten zu überlassen. Hier wurde ihnen bedeutet, daß die Polizei mit einem Kranken ans der Wach« nichts anfangen(!) könnt«, man müsse ihn nach einem Kranken- hause bringen. Die barmherzigen Samariter zogen nun wieder mit dem Kutscher ab nach einem Kiankenbaas und glaubten biermit ihrer Mettschettpflichl genügt zu haben Wäbrend sie aber dt« zur Aufnabme erforderlichen Angaben machen sollten, halt« ein Arzt den angeblich Kranken untersucht und festgestellt, daß er bereits tobt war. Natürlich wurdet die jungen Leute auch hier wieder abgewiesen ttnd mußten sich jetzt nach de», Polizeirevier zurück- begeben, das st« nach dem Krankenhaus geschickt hatte. Von dort wurde nun endlich die Fahrt nach dem Echauhaus« in Beglettung eines Schutzmannes angeireli». Verrathen. Mit einer Schußwunde in der Brust wurde am Sonntag Vormittag die 2ljäbrtge Hedwig K., Tochter eines städlischen Beamten, in ein Krankenbatti des Nordostens eingeliefert. DaS junge Mädchen war bis zum Spätherbst vorigen Jahres Ver» känferin in einem hiesigen großen Bazar geweser und hatte hier einen Kollegen kennen gelernt, mit welchem sie sich verlobte. Da der Bräutigam von Haus« ans nicht unbemittelt war, so wollte das junge Paar ein Posamentiergeschäst in der Vorstadt«labltren. Am letzten Weihnachten wobnte die K. mit ihrem Bräutigam etner VereinSfestlichkeit bei und machte hier die Bekannischast eines Frenndes ihres Verlobten, eines Reisenden, dem es in wenigen Wochen gelang, das Her» des jnitaen Mädchens dem Manne ihrer Wahl abspenstig und sich geneigt zu machen. Trotz drittgenden Ab- rathenS ihrer Eltern schickte Hedwig K. dein Verlobten den Ring zurück und gab ihre Stellung ans. Ende vorigen Monats war das Mädchen ans dem Hause ihrer Ellern verschwunden und den An- gehörigen gelang es nicht, den Aitsenthalt der Geflüchteten zu er- Mitteln. Die Belhörte hatte aus Anrathen ihres Verführers ihre Ersparnisse, mehrere hundert Mark, mit sich genommen und den Reisenden auf einer Geschäftstour begleitet. Als das Geld zu Ende, ließ der herzlose Bursche sein Opfer in München mittellos zurück und verschwand. Die Bedauernsiverlhe vermochte nur, indem sie ihre geringen Habseligkeiten verkaufte, Mitte voriger Woche nach hier zurückzukehren. Sie wagte es nun nicht, in das Elternhaus zurückzukehren, trieb sich vielmehr hnngernd in Berlin umher, die Nächte im Asyl verbringend. Am Sonntag Morgen scheint die Bedauernswerthe den Entschluß gesaßt zu haben, ihretn verfehlten Leben«in Ende zu machen. Hedwig K. begab sich nach der elterlichen Wohnung in der Pallisadenstraße, in welcher, wie sie wußte, während des Kirchgnngs der Eltern nur die alle schtverhörige Magd anwesend war. Es gelang ihr, iinbewerkt in das Zimmer des Vaters zu schleichen und sich den geladenen Re- volver desselben anzueignen. Hier ließ das Mädchen einen reuigen Brief an die Eltern und den früheren Verlobten zurück, riegelte die Thür ab und schoß sich eine Kugel durch die Brust. Als die Eltern bald darauf zurückkehrten, fanden sie ihr Krnd auf dem Fußboden fast verblutet liegend vor.— Es ist wenig Hoffuung ans Erhaltung des Lebens der K. vorhanden. Dr. John Volkmann, ein deutsch- amerikanischer Schriflsteller im Alter vo» 66 Jahren, der vor etwa fäns Motiaten in einer Erbschaslssache nach Berlin gekommen war ttnd hier in der Fleus- burgetstraße 9 wohnte, ist am Sonntag Abend um 0�/« Uhr auf der Straße zusammiilgebrochen und ans der Unfallstalioit 16 alsbald gestorben. Er war in Amerika verheirathel und im Begriff, vier eine neue Ehe einztigeheit. Am Sonntag befand er sich ans Besuch bei einer Fleischbeschauerin Dalley in der Konlgsbergcrstraße und war auf dem Wege nach Hause, als er in der Frankfurter Allee zusammenbrach. Ein Schutz- mann des 36. Reviers nahm sich seiner sofort an nnd brachte ihn nach der Uiifallstaiioti. Soweit bekannt, beschäsligte er sich auf religiösem Gebiet. Mit einer bevorstehenden Priifiing hängt aitscheittettd der Selbstmord des Rejerendars Heinrich v. Thun aus der Beruburger- straße 34 zusamnieu. Am Sonnlag Nachmittag um 2>/s Uhr hörten Bewohner des Hauses einen Schuß fallen, und die hinzueileude Wuthttt fand den 28 Jahre alten Mann schwer verwundet im Zimmer liegend auf. Ter Tod trat alsbald ein. Die Leiche vrr- blieb in der Wohnung. Die FricdrichSgracht von der Grün- bis znr Roßstraße wird wegen Ausbesserung des Bohlwnls bis auf weiteres für Fuhrwerke nnd Reiter gesperrt. Von einem weibliche» Mefferhclde» wurde der 10 jährige Schnhmacher Reimanit schwer verletzt, als er vorgestern nachts gegen 12 Uhr die Grenndicrstraße passirle. Retmarnt hatte ein ihm begegnendes Mädchen etwas unwirsch abgewiesen und ging, ohne sich urnzitsehen, feines Weges weiter, als er plötzlich hinterrücks attgegriffeit und bevor er sich noch nach seinem Gegner umwenden konnte, durch einen Mefferstich in den Rücken zu Boden gestreckt wurde. Das Mädchen machte sich schnell davon. Ein gefährlicher Kantionsschwindler ist in der Person deS Generalagenten einer Berliner Vetsichernngs-Gesellschaft. Namens Dtesedan, in Hamburg in dem Moment abgefaßt worden, als er sich, mit einem Auslandspaß versehen, auf ein Schiff begeben wollte, um mit seiner ziemlich bedeutenden Beute für immer das Weile zu suchen. 80 000 Franks rumänischer Rente sollen auf bisher nnerklärliche Weise der Breslaner Diskonlobank abhanden gekommen sein. Die hiestge Filiale der genannten Bank, die sich hier in der Charlottenstraße 57 befindet, sandte am Montag der letzten Woche einen mit 80 000 Franks deklnrirten Geldbries an ein Bankhaus in Galatz ab. Als die Absenderin bis Donnerstag keine Empfangs- beftätiguiig erhielt, fragte sie bei dem Adressaten an und erfuhr »ttit, daß nach einem Bericht der Galatzer Postbehörde der Brief verschwunden sei. Einer nnsinu.gen Weit« ist abermals ein Menschenleben zmn Opfer gefallen. Ein lOjähriger Schueidergeselle erbot sich in einem Schanklvkal an ber Tegeler Chaussee, in dem Zeitraum von 1»/r Stunden 1'/, Liter Siordhänser Kornbranntwein zu trinken. Trotz der Abmahnung des Wirthes nahmen mehrere Arbeiter die Wette an. Nachdem der junge Mensch einen Liter Branntwein genossen hatte, fiel er um und bekam Krämpfe. Kurz nach seiner Einlieserung in daS Kranke» Hans verstarb der Geselle, welcher die einzige Stütze seiner betagten Eltern war. Den Wirkungen deS Gifte» ist der 21 Jahr- alte Kaufmann Arthur Bogel anS der Marteustraße erlegen, der das Opfer seines Umganges mit einem liederlichen Frauenzitniner wurde. Vogel versuchte sich vor einiger Zeit zu erschießen, nachdem die unverehelichte tedwig K. ihn ans Abweg» und schließlich um seine Stellung in ranlfnrt a. M. gebracht hatte. Er wurde von seinem Wirlh dabei gestört, so daß die Kugel fehlging. Nach Berlin zurückgekehrt, wohin ihm attch die K. wieder gefolgt war. nahm er dattit vor acht Tagen St-blimat und wurde von der Polizei in ein KranlenhauS gebracht. Hier ist er in der Nacht zitttt Sonntag gestorben. Von einem jähr» Tode ereilt ist der Maler Lehmann an» der Eoti-ineistraße. L. ivar ans settter Arbeitsnälte, einem Bau in Rixdorf, plötzlich von Unwohlsein befallen worden und wurde zu- nächst nach der Unsallslation Xll und von dort nach dem Kraukeit- hause nm Urban geschafft. Auf dem Transporte dahin verstarb er indessen bereits. Ein Herzschlag hatte seinem Leben«in Ende gemacht. Zu einer Schlägerei wegen deS Zola-ProzcffeS kam eS am Sonntag in einem größtenlhetls von Stiideitle» besuchten Lokale am Oranietibttrger Thor. Ein Händler mit Zola-Kartei. der in zietttlich aufdringlicher Weise seine Waare ftilboi, wurde von einem deutsch- nationalen Sludettlen mit den Worten„Verdammter Jttdenschtvindei!" „Elende Reklame!" ztirückgetviefen. Ein an einem Rebenlische sttzeuoer Kattfmau» nahm für den Händler Partei und meinte, nur«in Schuft tön«« Zola seine Anerkennung versagen. Diese Betnerittng gab das Signal zu einem heftigen Woritvechsel zwischen den Studenten, welche ihrem Kommilttonen deisprangen, und den übrigen Gästen, der bald in ThäUichkeilen ausartete. Es regnete von beiden Seilen taustschläge nttd Stockhiebe, bis es endlich den Angestellten tes okales gelang, die tzueilendett zu trennen und die Haupttuhestörer zu«nlfernen. Ein Mörder und Einbrecher ist der hiesigen Polizei ans Hamburg sigttaltsirt worden. Es ist der Polizei- Ovservat Jguaz Schoo, der nach Verüdnng der Verbrechen flüchtig ist. Ter vo» der Dentsche» Gesellschaft für volkSthiimliche Naturkunde gemachte Versuch, neben ihren seitherigen reichhaltigen und vtelseiltgen Veraustalttutgen auch besondere Lebrkurs« uatnr- wissenschaftlicher Art einzurichten, kann alS ein in jeder Beziehuttg gelungener bezeichnet werden. Der erste KursuS dieser Art umsaßte das Gebiet der allgemeinen Chemie und lag in den bewährten Händen deS Herrn Profeffor Dr. Böttger, der es verstand, in ver- hältnißmäßig kurzer Zeil seine zahlreichen Zuhörer in die Gehetm- niffe jenes Wiffensgedietes einzusährei. und sie durch eine große An- zahl mit Sicherheit ansgeführter Experimente zu fesseln. Jin An, schluß an die Kurse sind noch besondere Exkursionen in Aussicht ge« nommen, so wird«Itter Fübrung des Herr» Professor Böttger von den Tbeilnehmern des chemtichen Zyklus am 17. d. einer städtische» Gasanstalt ein Besuch abgestaltet werden. An diesen chemischen Lehr- kursus reiht sich«in mineralogischer an, für welchen es dem Bor- stände gelungen ist, einen namhaften Gelehrten in der Person des Herrn Prof. Dr. Scheibe zu gewinnen und welcher am Dienstag, den 15 Februar, abends 8 Uhr, in den Rättmett der königlichen Bergakademie eröffnet werden wird. Besonders dankeitstoerth ist es, daß die Direllivn der lehtgenannten Anstalt ihre überaus werthvoll« L-dr»utIelsm»mI»ng ju de», Zwecke in bereitwilligster Weise zur Verfügung geiielU hat- Nähere Auskunft über die Kurs« ertbeilt der I. Schristfuhrer der Gesellschaft. Oberlehrer Tr. W. Greif. 8(X. Köpuickerstr. 142. . In de»» Expcrlmcntirsiiken der Urania(Taiibenstraste) ist eine Neihe von Apparaten ausgestellt»Vörden, unter denen neu« Fornien von Druckmessern besonderes Interesse finden dürften. Die- selbeu beruhe» auf dem Prinzip der bekannten Bourdon'sche» Metall- Barometer, bestehen also ans einen» gebogenen Melallrohr«, dessen Krümmung zu« und abnimmt,»veun der Druck im Inner» steigt oder kcillt. Neuerdings bat man zur Messung sehr hober Drucke bis zu 2000 Atmosphären— derartige Röhren aus Stahl an- gefertigt und man kann konslatiren, daß sich ei» solches Rohr unter dem Einfluß des hohen Druckes in derselben Weise biegt,»vie die aus zarte», Wellblech gefertigten Röhren bei einen» Drucke,»velche eine Million mal kleiner ist. Derartige Apparate bilden«inen »ulerestanlel» Beiveis dafür, daß sich der Bau von Meßinfirrimenten in sinnreicher Weise den Bedürfnisse» der Praxis anpaßt. Feuerbcricht. Sonnabend Abend 7 Uhr bra>,»te Magde- b u r g e r st r a ß e 3« Zivischengebälk. Ramlerstraße LS gingen m» 9 Uhr Gardinen und Kleidungsstücke in Flammen aus. Kurz vor Millernacht mußte Kreuzdergstraße?«in Schaden fencr abgelöscht werden, das die Balkenlage uud Schaldcck« zerüörte. Nachmittags S>/, Uhr hatte A l e x a n d r i n e n st r a ß e IV7 auf dem Gluudstück der Altieugesellschast.Berliner Messingwerke"«in Holzgerüst, das um«inen zu reparirenden Danipikrstel aufgebaut »var. Feuer gefangen, das»vohl nicht vollständig abgelöscht wurde. denn nach zwei Strnide» mußte die Wehr nochmals aus den, alten Brandherde eingreifen, da Eparr«» und Balken brannte». Ei» Fußboden- und Balkenbrand rief die Wehr kurz vorher nach Klosterftraße 31. Montag früh 12>/, Uhr verbrannien M ü h l e» st r a ß e 60 a in einer Chokoladenfnbrik mehrere Fässer. Aus gleicher Beranlassiing»vurde die Wehr nur S'/s Uhr nach L i n i e» st r a ß e 24 gerufen. Z>v«i Zimmerbrände riefen die Wehr nachmittags»ach Pallisadenstraße St und Swine- ü n d e r st r. 93. In beiden Fällen ginge» Bette» und Rleidungs- fiücke in Flammen auf. D« n n e»v i tz st r. 23 explodirte um 4 Uhr eine Petroleumflasche, doch konnte das dadurch entstandene Feuer- leicht gelöscht werden. Theater. Im Luisen-Theater ist daS.Kälhchen von Heildronu" den» lliepertoire einverleibt»vorden. Od dies romantische Schauspiel gut oder schlecht gespielt»vird, es regt durch die bunte Lebendigkeit seiner Bilder sowohl, wie durch die lieblich« Naivität seiner Heldin immer noch an; und es muß schon«in ganz ver- Härte, es Gemüth sein, das sich durch die Leide» und de» end- licken Sieg des schwärmerischen KälhchenS nicht in» Innern gerührt fühlle. An» Sonntag kamen Künstler und Publikum des Luisen- Theaters den, Stück ,»it gleicher Empiänglichkrit entgegen. Es ist ja für jede Schauspielerin eine heitere Ausgabe, in der Darstellung der verzückten Heldin das richtige zu treffen. Auch Frl. Alma Schwartz war eines der Kathchen.ivie sie schon zu Dutzende» dagewesen, aber in, Rahmen bergebrachier Darstelluugsweise hielt sie sich wacker, und dar,»» soll nicht lange über Einzelheiten genörgelt werden. Der Wetter vo» Sirahl des Herrn Kiedasch war etwas reichlich mit trockenem Renlismns ausgestaltet. Im übrigen ward das Stück leidlich gespielt. Im Schiller-Thcater»vird Heinrich Lee's neues Schan- spiel„Haus Wurst in Berlin" heule uud morgen wiederholt. Mitte nächster Woche findet die erste Aufführung von Grillparzer'S Trauerspiel.Die Ahnfrau" statt.— Für das O st e n d- T h e a t e r ist der jugendliche Komiker Rich. Heising verpflichtet worden. Der- selbe wird in dem Ausstattuiig-stück„vuter der Polarfoune".»velches am Mittwoch zum ersten Male in Szene geht, in einer größere» Rolle dtbütircn. Die Knltur-Scha>»blih»ie brachte am Sonntag einen Projektious- Vortrag von Franz Stahl.Aus de» Werkstätte» deutscher Meister". Herr Stahl verfolgte ein anerkenncnswerlhes Ziel; es war ihm darum zu thun. die Meinungen zu zerstören, die in den Köpfen der großen Masse über Kunst und Künstlerlebe» vielfach„och vorhanden sind und die vor allem in der seichte» Nnterhaltungslileratur.soiveit diese das KünstlerlebenauSschlachtet.ihre» Ursprung haben mögen. An mannig- fachen Beispielen zeigle Herr Stahl, daß der höher« Schwung und die Genialität des leichte» Hinwerfens ebensowohl bei große» als bei mittleren Künstlern«ine herzlich unbedeutende Rolle spielen; in den allermeiste» Fällen ist gerade bei hervorragenden Malern das»vie spielend auf die Leinewand gezanberle Bild ein Produkt durchaus nüchterne» Schaffen» und mühseligen Probirens. Wie der Literarhistoriker »veiß, daß die flüssigen Berse eines Goethe oder Heine in bestimmten Fällen vielleicht zivanzig Mal befeilt n»rd«», bevor der Dichter sie der Oeffentlichkeit übergab, so niininl gleich. falls der Ateliersbesucher wahr, daß der Maler an seinem Bilde immer vo» neuem ändert und experimentirt. Herr Stahl ging dann aus die ArbeitSiveis« einiger nainhafter Künstler ein und suchte an »nanchen Atelierintimitäten die Eharaktereinzelheiten von Lelbach. Menzel, Liebermann, Böcklin und der Bildhauer Begas uud Klinger zu erklären. Der vornehm gehaltene Vortrag bot vielfache An« regung und wird gewiß in manchem Zuhörer das Verftändniß für feinen Lieblingskünftler gefördert haben. Orgelkonzert. In der Marienkirche hält Herr Olto Diene! Mittwoch, den IS. Februar, mittags 12 Uhr,«inen Orgelvortag bei unentgeltlichem Eintritt unter Mitivirkuug von Fräulein Johanna Haacke aus Halle. Fräulein Maria Burand und Herrn Cchwiessel- mann. Ter fünfte Vortragsabend im Verein„Berliner Presie", der am nächsten Donnerstag, abends 8 Uhr, im ArchtteNenhause, Wtlhelnistr. S2, stattfindet, hat ein ausschließlich humoristisches Programm. Es werden die Herren Johannes Trojan und Sigmar Mehring eine Auslese heiterer Ge- schichten zum Vortrag dringen. An stelle deö Herrn Otto Sommerstorff, der leider durch den Spielplan des Berliner Theaters verhindert ist, die an- gekündigte Borlesung eigener humoristischer Gedichte auszuführen, wird ein anderer beliebter Berliner Darsteller treten. den Nachbarorten. Köpenick. Eine falsche Nachricht, der wir Raum gegeben habe», bedarf der Richtigstellung. Die Sprechstunden des Gewerbe, Inspektors finden nämlich nicht im Rathskeller, sondern im R a t h« Hanfe statt. Damit werden die Betrachtungen, die wir a» die an» V. d. M. gebrachte Meldung gebracht haben, natürlich hinfällig. Die Loh» erbesoldnngS Frage ist jetzt auch in T e m p« l h o f durch die dortige Gemeindeverlreiuug entschiede» worden. Nach der vo» letzterer aufgestellten GehaliSskala erhalten dort der Rektor 2000 M., die Haupilehrer 1600 M., die Lehrer 1300 M. und die Lehrerinnen 1000 M. Grundgehalt. Die AlterSzulagen betragen: für Lehrer 200 M.. für Lehrerinnen 130 M. Die Miethsentschädi- gung beträgt für de» Rektor 600 M., für Lehrer mit eigenen, HauS- stand 4S0 M., für Lehrer oh»« eigenen Hausstand und für einst- weilig angestellte, noch nicht 4 Jahre im öffenlliche» Schuldienst thätige Lehrer 300 M. und für Lehrerinnen 300 M. Verwegene Einbrecher haben dem Brunnenmeister Rudzen in Rlxdorf, Cannerftraße 23 wohnhast, einen unllebsamei» Besuch ab- gestattet. Nachdem die Spitzbuben da« verschloffene Komptoir erbrochen hatten, schleppten sie den dort befindlichen Geldschrank in die benachbart» Schmiede und bearbeitete» ihn mit große» Hämmer», bis die Thür aufsprang. Die erhoffte Beute fiel aber wider Er- warte» gering a»S uud lodnt« sich kaum der aufgewendeten Mühe. Es waren nämlich nur 30 M. in den» Geldschranke enthalten. Das Gehämmer war wohl in der Rachbarschast gehört worden, doch war es nicht iveiler anfgesalle». Zur Frage beS elektrische« Betriebe» auf der Wanusee- bah»»vird„och berichtet: Wen» auch der für die W»u„seebadi, gepmule elektrische Belrieb, wie mitgelheilt wurde, wegen Einspruchs deS Vorstandet des meleorologisch-magnetischen Observatoriums bei PotSdam nicht aus der ganzen Ausdehnung der Bah» wird ein- geführt werden könne», so soll doch der«leltrisch« Probebetrieb für die Strecke Berlin-Zehlendorf bestimmt ins Merk gesetzt werden. von Zehlendorf bis zum Observatorium sind niehr als IS Kilometer Lnstlinie, so daß der von dem wissenschaftlichen Institut geforderte Bannkreis nicht berührt»vird. Gerüsts■ Rbeiitener ans der Polizeiivache bildeten»vieder einmal den Mittelpunkt einer Anklage, die gestern die 1. Straskainmer des Land- gerichts l längere Zeit beschäfligle. De» Vorsitz führte Landgerichiz- direktor Fetisch. Wege» Mißhandlung, Widerstandes und Be- leidigiiug mittels der Presse halte sich der Telegraphen-Arbeiter Karl Fischer zu verantivorten. Dieser hatte an» 25. Juni v. I. mit zwei Freunden ehvaS gezecht; ans dem Heimivcge waren die drei»nit einen, Bäckerlehrling in Streit gerathen, die in«ine Schlägerei ausartete. Der Bäckerlehrling behauptet, daß er vo» allen dreien geschlagen»vorden sei. während der Angeklagte be- hanptet, daß nur sein« beiden Freunde geschlagen habe». Ein Schutzmann wurde herbeigernseu,»velcher die drei aufforderte, ihnen zur Fest- stellnng ihrer Personen nach der Wach« zufolge». Fischer, derimmer der Meinung geivesen, daß er nur als Zeuge und nicht als Angeschuldigter»»ilgehe» sollte, folgte nach dem 72. Polizei-Revier in der Tellower Straße. Was ihm dort passirt»st, hat er alsdan» in einem Artikel in der„Staatsbürger-Zeiluug" in einer Weise gc- schildert, die nach der Behanptmig der Anklage falsch sei» soll. Nach seiner Behauptung sei er aus der Wach« vo» dem Telegraphisten Ticserl nach seinem Namen befragt worden und habe sofort seinen Mckilärpaß voraezeigt, der auch vo» einem Echntzniaun gelesen worden sei. Alsdan» habe»na» ib», die Sachen abverlangt, er will auch dadurch nicht auf den Gedanke» gekommen sein, daß er gleichfalls die Rolle eines Augeschuldigten spielen sollte; er Hab« verlangt, daß sein« Sachen ausgeschrieben»verde» sollte», dies sei geschehen und dann bade»»an ihn»>» eine Zell« gebracht, die verschlossen»vurde. Er habe»viederholt an- gkklopst. da er habe»visse»»vollen,»varinn er festgehallen»verde. Nachdei» er»viederholt geklopst. sei die Thür geöffnet»vorden, eine Anzahl Schutzleute sei erschienen und mau habe ihn» Arm fesseln angelegt, indem man seine Hände auf dem Rücken fesselte. Tan» habe mau ihn nach dem Schlafzimmer getragen, aus de» Fußboden — bäuchlings und mit den» Gesicht»ach dem Fußboden— gelegt und ihm auch die Füße gefesselt. Mehr als sechs Schutz- leuie haben ihn dabei u»»standen. Da»»» habe man noch die Hand- fesseln und Fußsesseln mit einem Strick verbunden,»vobei man ihm,»vie er behauptet, mit einem Strick oder Riemen ins Gesicht geschlagen habe, ein Schlitz»,«»» mit der Nr. 3848 habe sogar einen Augenblick des Alleinseins benutzt, um ihm einen Fußtritt ins Gesicht zu versetze»», so daß er eine Wunde an der Backe und eine» Bluterguß am Auge davougetrage» habe. Er sei dann etiva IS Minuten in dieser Weise gejesselt ge- blieben, dann habe man ihm gesagt,»venu er bitte» könnte, würden ihm die Fessel» a b g e l» o in m«»»»verde,», dies sei da>»> auch schließlich geschehen.— So kantete die Bebanptnug des An- geklagicn in seinem Artikel und diese Behauptung hielt er im gestrigen Termin in jeden, Punkte ausrecht. Ganz anders iaulen die Aussagen der vernommene» 9 Echutzlent« uud des Wachlmcisters Büchseiilchnß, die a» jenem Abende in der Polizei- Wache amvesend ivaren. Sie bekunden überein- sli»»»e»d, daß der Augeklagie sich zunächst geiveigert habe. seinen Name» zu nennen—. daß er ihn schließlich aber doch ge- unnnt habe. Der Wuchtmeifter hat ssch dann durch Einsicht in das Revierbuch überzeugt, daß die Angabe richtig»var, er ha» dann aber d o ch seine Neberführung in die Zelle angeordnet,»veil der Au- geklagte, der sehr erregt gewesen sei, immer»v e i t e r spracht!) uud den Telegraphisten gestört habe. Ei» Schutzmau» molivirte dies Einsperren in die Zelle damit, daß„man sonst nicht >v» ß t e, ic o>» a n ihn lassen sollte". Uedereinstinnnend be- knudelen die Beamten, daß der Angeklagte»viederholt darrnff aus- merksan» gemacht»vorden sei, daß er nicht als Zeuge, sondern als Beschuldigter amvesend sei. Dieser habe»vieder- holt mit aller Geivalt gegen die Thür geschlagen; man habe ihm dies wiederholt verdolcn und ihn verivarvt, da er sonst gefesselt»verde», nüißle. Ter Wachlmeifter hat dann de» Befehl zur Feffelung gegeben,»vie er sagt„zur eigene» Sicherheit des Angeklagten, damit er nicht die Tdür zerlrümmern und sich dabei verletzen könnte". Der Angeklagt« habe sich nnn»vie ein Rasender gezeigt.>,m sich geschlagen i»id»»» sich gebissen, i»>d deshalb habe man ih» in de» Schlaframn gelragen uud dort auch die Füße gefesselt. Auch hierbei habe sich der Angeklagte äußerst renitent benommen, und als man ihn aus einen Stuhl gesetzt (»vas der Angeklagte entschieden bestreitet), sei er zu Boden gefalle»»nid Hab« in der Nähe der eisernen Bettstelle sich her>»nge»välzt, wobei er surchibar schrie»nid„Räuber! Mörder! euer!"»>. dergl. rief. Eämmtliche Beamie bestreiten, de» «geklagte», irgendwie mißhandelt zn haben. auch der Schutzmau», der den» Angeklagten den Fußtritt versetzt habe» soll, bestreitet dies. Die Beamte» behaupten, daß der Augeklagie sich»vie ein Wüthender benonnnen uud elivaige Verletzungen sich durch Aufschlagen aus die eiserne Bellstelle zugezogen habe» könne. Nebrigens wolle» die Beamte» an dem Angeklagten, alS er entlassen »vurde, gar keine Verletz»»«-» wahrgenommen haben, mit Ausnahme einer kleinen Schmarre aus der einen Back«, die zwei der Beamlen schon bei seiner Ein liefern»g gesehen haben»vollen. Da- gegen bchanpten mehrere Zeugen mit aller Bestimmtheit, daß Fischer keinerlei Verletzungen gehabt habe, als er dem Schutzmann zur Wache folgl«. Ei» Zeuge»vill ihn nach seincr Enllassung vo» der Wache gesehen und ihn nicht erkannt haben, weil er im Gesicht ganz zerschlagen»var; aus seine erstaunte Frage,»vi« er denn aussehe, hat der Angeklagte erividert, daß er so auf der Polizeiwache zu gerichtet »vorbei, sei. Er hat sich an» nächsten Tage zu dem pratlische» Arzt Dr. Rahm er begeben und dieser hat be» ihm eine starke Schwellung des Unterkiefers, Verletzuuge» an» Aug« und Ohr»md auf der einen Backe 3 bis 4 lange auffallend parallel lausende Striemen festgestellt. Nach der Ansicht des Arztes deuten gerade die letztere» darauf hin, daß eS richtig sei,»venu der An- geklagte behanpie, er fei mit einem Strick oder R i e n> e» geschlagen ,v erd e n.— R.-A. Dr. S ch ,v in d t stell»« sich i» erster Reihe auf den Standpunkt, daß die Beamten in uurechtmäßiger Ausübung de? Amtes»vare», da eine Körperverletzung sciteus deS Angeklagleu gar nicht vorlag»md eine Frsselnug desselben gar nicht berechtigt war. Es»vurde festgestep», daß Jnstruklionen über die Amvendbarkeit der Fesseln seitens der Polizeibeamlen nicht bestehen.— Staatsanwalt Dietz hielt durch die Beiveisaufnahine nicht für er» »Viesen, daß der Angeklagte sich an der Slraßenschlägerei belheiligt Hab». Aber er sei von dein Mißhandelten den» Schutzmanne gegen- über alS einer der Schläger bezeichnet»vorden und der Beamte Hab« daher feiner Pflicht gemäß nicht nur die Gebrüder Jeuisch, sondern auch de» Angeklagten z>tr Wach« geführt. Auch dem Wachlmeifter Büchsenschuß lag die amlliche Aufgabe ob, sämmtliche Sistiri« zu vernehme»». Da der Angeklagte sich seiner Vernehniung»vidersetzle niid zu toben anfing, so hatten die Beamte» das Recht, die geeignete» Mittel anzuivenden,»in» den Tobenden znr Ruhe zu bringen. Ob«3 zart, taktvoll oder nölhig war, ihn so zu beHandel»», wie eS geschehen sei, das habe der Ge- richlshos nicht zn entscheiden. Zuzuschreiben habe der Angeklagte sich diese Behandlung selbst, den» er mußt« sich sagen, daß die Beamten nicht»vissen konnten, daß er von de», Mißhandelte» zu Unrecht der Milthäterschaft beschuldigt»vorde», war. Sodann begab der Angeklagte sich zur Redaktion der„Staatsb.- Ztg."»»»d verlangte, daß man die vo» ihn» verfaßte Schilderung veröffentliche, obgleich ihin sofort entgegengehalten»vurde, daß die ausgestellte» Behaupiuuge» kaum glaublich seien. Nachdei» er dann das ärztliche Attest beigebracht habe, sei die Veröffentlichung erfolgt. Der Angeklagte habe den Beiveis der Wahrheit seiner in der „SlaatSdürger Zlg." ausgestellten Behauptungen nicht erbringen könne». Es sei nicht anzi nebuie», daß die Schutzleute, die den Ein- druck ruhiger Beamten machen, einen Meineid schivöre», wenn sie bestreiten, den Angeklaglen»nißhandelt z» haben. Letzlerer habe sich erst 24 Siunden nach den» Vorfall das ärztliche Attest über nicht bedeutende Verletzimge»» ausstelle»» lassen, letztere könne sich der Angeklagte ganz gul bei seinem Widerstände gegen t? Fesselung zugezogen haben. Audererseiis mache der A» g c k l a g! e einen ruhigen, anständigen Eindruck, man dürfe iipi nicht als einen Roivdy bslrachie»; man müsse ihm glauben, daß er nicht mitgeschlagcu habe»md deshalb ivohl der Ansicht sein konnte, daß er»»»ir alS Zeuge mit auf die Wache gehen sollte. Deshalb beantrage er,»mler Freisprechung vo» der Anklage der Körperverletzung, den Angeklaglen ivegen Widerstandes nur zu 30 M. «vent. 10 Tagen Gesänguiß und wegen der Beleidigung zu 100 M. event. 20 Tage» Gesänguiß zn verurtheilen.— RechtSamvall Dr. S ch>v» n d t glaubte, daß die Anklage in keiner Weise haltbar sei. Es sei nach dem Ergebniß der Beweisaufnahlne vorauszusehen ge- »vesen, daß der Stantsainvalt in seinem Plaldol)er mehr danach trachten würde, de» Wachtmeister Büchsenschuß und die Schutzleute zu vertheidigeu, als den Angeklagten zu belaste». I» der Thal gebrauche Herr Büchsenschuß schon eines so gewichligen Fürsprechers. >mr fein Verhalte» erklärlich erscheinen zu lassen. Thatsache sei, daß der nnbeschollene Angeklagte ohne Schrammen und Wunden auf die Polizeiivache nnd mit Verletzungen von dort»vieder herabgekoinmen sei. Wer mit 3 auffallend parallel ver- laufene» Striemen auf der Backe auf der Bildfläche erscheine, der müßte schon die höhere Mathemalik studirt haben, rvcn» er sich solche durch Anfschlagen auf die eiserne Bettstelle selbst zuziehen wollte. Gerade diese parallelen SIrieme» deuten klar darauf hin, daß er geschlagen»vorde» sei, als sechs Schutzleute an»hm herum- arbeitete»; daraus deuten auch die furchtbaren Schinerzeusrufe, die der Angeklagte in seiner entsetzlichen Situatio» ausgestoße» habe. Dies fei sicher keine Komödie gewesen. Wenn der Au- geklagte seine Erlebnisse schlicht und einfach einer Zeitung mitgelheilt habe, so liege darin keine Beleidigung.— Nach langer Beralhung erkannte der Gerichtshof dahin: Einer Körperverletzung ist der Angeklagte nicht überführt, er ist deshalb i» dieser Beziehung freizusprechen. Was die Ereignisse a»lf der Wache betrifft, so»var der betreffende Schutzmann, der ih» mit zur Wache »ahm, in seinem Recht, ih» als Beschuldigten mitzunehmen. Eocnso war der Wachtmeister objektiv in seinem Recht, wenn er sei» Verbleiben auf der Wache bis zu seiner Vernehmung anordnete. Ebenso habe der Wachtmeister seine Befugnisse nicht überschritten. wenn er den Angeklagte» in die Zelle bringen ließ; über die Ztveckmäßigkett dieser Maßregel habe der Gerichtshof Er- »vägungen nicht anzustellen. Auch die rechtliche Befugnis» der Be- mute», den lebhaft seine Freilassung begehrenden Augeklagie» fesseln zu lassen, könne nicht bestritlen»Verden, so daß sich der Angeklagte des Widerstandes schuldig gemacht habe,»v e n n»» au ihn» auch ein menschliches Mitgefühl b e>v a h r e n könne. Was die Beleidigung bettisst. so habe der Angeklagte ertviesen, daß er— absichtlich oder unabsichtlich— mit einen» R i e n» e n Schläge ins Gesicht erhalten habe, dagegen habe er nicht erwiesen, daß er auch einen Fußtritt ins Gesicht bekommen. Abgesehen davon, habe er in dem Artikel auch übertrieben und verschwiegen,»vas sür Nebenumsiänd« sich er- eignete». Der Genchishos habe aber dem Angeklagten de» Schutz des ß 193 zugebilligt und ihn ivegen des Artikels sreige- sprochen. Wege» des mm übrig bleibenden Widerstandes ist der Angeklagt« zu so M. Geldstrafe event. 10 Tagen Gesäugniß veumiheilt worden. lieber die Strafbarkeit»nz,»lässiger Lohnabziige»vege» von, Arbeitgeber sür den Arbeitnehmer venvendeler Juvaliditäls- und Allersversicherungs-Marken führt daß Reichsgericht in einem Urtheile vom 8. April 1897(Eutsch. d. R-ichsgenchls in Straff. Bd. 30, S. 86) ans:„Der 8 143 des NieichsgesetzeS vom 22. Juni 1889 bedroht , inier vir. 1»»>t der in 8>47 seftgesetzte» Straf« die Arbeitgeber, ivclchc de» von ihnen beschäfligteii, dem Versicherniigszwaiige linier- liegenden Personen»visseullich mehr als die Hälfte des für die beiden letzie» Lohnznhlungsperivdc» verwendete» beziehimgswelse in denselben fällig gewordenen Betrages von Marken de» der Lohn- zahkiiug in Anrechnung bringe». Die Worte des Gesetzes sind völlig'klar. Der Ee.etzgebcr»vvllte vtrhiuder»,, daß die Arbeii- geber die ihnen»aci> den» Gesetze obliegende Beilragspflicht (vgl.§ l00) ökonomisch auf die Arbeitnehmer: abwälze». u»d b-. drohte deshalb nicht nur in 8 147 alle daraus abzielende» Aerem- baruligen»nd Beslimmungen mit Viichligkeit, sondern stelile auch die den bezeichnete» Erfolg verunrklicheiide» Maßnahme» der Arbeitgeber»mler Slrase. Die Sirasvorschrist des 8 lsä Nr. 1 des Gesetzes ist aber nach ihrer Fassnug absolut. Jeder Ardeil- gelier vnsällt ihr. der dem versicherungspflichtigen Arbeitnehmer mehr als die Hälfte des im Gesetze dezeichnelc» Markeubelrages bei der Loduzahlmig anrechnet. Da? Geietz gestatte» schlechier- dings nichl die Amechnimg eines höheren BelrageS, es umsaßt uub irifst jede»visseuiliche Uebeischreilung der gezogeueu Grenze." Unk«>»>»,iß des Gesetzes uiid des Verbots höherer Abzüge ent schuldigt, wie»veiler ausgeführt»vird, den Thäter nicht, da cs pch dabei nicht um«inen thatsächliche» Jnihmn, sondern um einen rrlhnin über de» Inhalt des Strafgesetzes selbst handelt. Mit dem hatbestande des 8 ls8 not. kann der Thalbestand des Betruges ideell konkurrirc», da es nicht die Absicht des Gesetzgebers geivesen ist, im§ 148 des Gesetzes eine besondere Art des Betruges zu koii- struiren und unter Strafe zi» stellen. Eine sogenannte Gesetzes- konknrrenz liegt daher nicht vor, sondern Jdealkvnkurrenz, sobald die Krilerien des 8 263 Str.-G.-B. zugleich vorliegen. Ter Landrath v. Puttkanicr unter den Fittige« deS§ 103. Ans S t o I p i. P. w»rd vom 12. Februar berichlel: Heute fand vor der hiesigen Slraskammer als Berufmigsinstanz die Berhandluug gegen de» Geh. viegierungsralb Landrath v. Puttkanrer wegen Be- leidlgrnig des Redaklcurs des Organs des liberalen Bauern- Vereins„Nordost". Herrn Emil Brandt, statt. Ter Landrath hatte,»vie erinnerlich, in einem Erlaß a» die Lehrer deS Siolper Kreises,»vorin er die Verbreitung der von Brandt redi- girier, Zeitungen„Reichsblail" nnd„Bauer, rfr-ennd" durch sch»,l- Pflichtige Kinder rügte, diese Blätter als gemeiugefäbrlich bezeichne«. Auf die»vegen dieser Bemerkung erhobene Privaiklage halte das Schöffengericht den Landrath freigesprochen mit der Begründung, daß eS sich um die Kritik einer gerverbliche» Leistung handle und dem Verklaglen deshalb der Schutz des§ 193(Wahrung berechtigter Juleressen) zur Seile stäube. Auch die Sttaskammer erkarmte heule, auf Freisprechung.„ES sei zwar richtig," so führte der Vorsitzende des Gerichtshofes aus,„daß das Zirkular objekliv beleidigend, u»d daß der Redakieur der belreffeude» Zeiluirgen dadurch beleidigt sei. Auch sei der Einwand deS Angeklaglen zn venverfen, daß er nicht das Berrmßl- sein davon gehabt habe. Dennoch sei ihm der Schutz des§ 123 nicht zu versagen, da ihm»ach§ 7« der Kr-orsordurmg daS Reckt der Schnlanssichl zustehe, uud er deshalb i» seiner Eigerrschaft als Beamter gehaudcll habe. Er sei deshalb nur strafbar, wenn er den Zweck veriolgt hätte, den Privatkläger zu beleidigen. Eine solche Absicht kö»»« ihm aber nickt nachgewiesen werden." Der Bertleter des Klägers hat gegen dies Erkeirrrtnrß Revision eingelegt.— Es ist gewiß etwas schönes um de» 8 123 für— Landräthe uud andere Beamte. ZeitungSredakteure merken verleuselt feite»» etwas vor» seine» Segnunge».—_ VevfamnMtttgen. Die Stelnarbettcr waren am Sonntag sehr zahlreich i», „Englischen Garten" versammelt, UM z» dem Vorgehe» des Bor- standes der Sleinmetz-Jnnung, der die von de» Arbeiter» gervählle Taritkommission nicht anerkannte, Stellung z» nehmen. Au» den» Bericht der Kommission war zn entnehmen, daß Verhandlungen mit der Innung bisher nicht stattfinden konnten, weil die Vertreter der Innung»rur niit Jnuuiigsgescllen berarhen»vollen»ud jed- wede Verhandlungen im Beisei» von Kommissionsmitglieder,», die nichl in Jirnirngsgeschäsleu arbeile», ablehnte». In der Diskussio» sprachen sich fast sämmtliche Redner gegen eine Neuwahl der Tariskonrinission aus»»d wiesen darauf hin, daß sich die alle Jnirung aufgelöst hat und niemarrd weiß, welche Gesckasre der neuen Jrmnng angehören, und ob diejenigen, welche bei«ine», JnnuirgSnieister beschäftigt sind, nicht i» kurzer Zeit entlassen und da,», ebei>f.iNS wieder abgelehnt werden. Hinzu konnnt aber noch. daß der neue Tarif nicht nur für die Jnimngsgeschäste, sondern für alle Geschäfte in Berlin und Umgegend Geltung haben soll und damit die Konkurrenz beseitigt werden soll, über die sich die Innung fortwährend beschwert und den Geselle» hierüber Vorwürfe macht. A» der Diskussion belheiligle sich auch das Jnmingsinitglied Sieinmetznieister Zabel, der, um friedliche Verbandlungen zu ermöglichen, eine Neuwahl der Kommission ein- psiehlt, obwohl er die von de» Gesellen angeführten Gründe für völlig gerechtfertigt hält. Er spricht sich im weiteren für die acht- ftüudige Arbeitszeit und einen Lohn von 6 Mark aus, den jeder Steinmetz verdienen müsse, wünscht aber nicht die ollgemeine Ein- führung der Lohnarbeit, sondern eine«»tsprechcude Siegelung des Akkordpreises. Ans den Ausführungen des Redners ging auch her- vor, daß de» Jnnnngsmitglieder» von der Ablehnung der Kommission gar keine Mitlheilungen gemacht»vurden, viel weniger aber noch «in Beschluß gefaßt worden ist die Forderungen der Gesellen abzu- lehnen, sondern überhaupt noch keine Versammlung i» dieser Sache ftntl- gefunden hat. Demnach war der Obermeister gar nicht berechtigt, sich bei seinen. Vorgehen auf die Beschlüsse der Innung zu berufen. Nach- den, noch mehrere Redner dieses Verhalten einer herben Kritik unter- zogen hatten, wurde beschlossen, keine Neuwahl vorzunehme». sondern die Tariskoinmissiou in der jetzigen Znsainmenfetzung bestehe» zu lassen. Das Bureau winde beauftiogt, die Innung von diesem Beschluß in Kenntniß zu setzen. Das Verhalten der Innung soll abgewartet und dann entsprechende Schritte zu geeigimer Zeit zur Durchführung der gestellte» Forderungen»nternoinme» werden. Die Forderungen der Arbeiter sind: Einführung der allgemeinen Lohnarbeit. achtstündige Arbeitszeit im Sommer und Winter. 70Ps. Slundeuloh» und 20 Pf. Aufschlag sür Ueberstunden. Der Obermeister hat die Verweigerung dieser Forderungen in Aussicht gestellt und als Vor- schlüge der Meister die Beibehaltung des Akkordsystems und der Tagelohuarbeit bei einen, Stundenlohn von 6S Pf. angegeben. Außerdem sollten an de», bisherigen Tarnf einige Modifikatioue» vorgenommen werden. Der bisher vereinbarte Tan, ist noch bis zu», I. März giltig. Bekanntgegeben wurde noch, daß sich die Eteinbildhaner mit dem Vorgehen der Steinarbciter solidarisch erklärt haben. Zum Schluß wurde noch beschlossen, zur Unlerstntznug der ausständigen Steinarbciter in Snlzseld Markensammlungen vorzunehmen und pro Woche, so lange der Ausstand dauert, SO Pf. zu steuern. Nach de», Bericht über den Stand der Bewegung, de» Thomas erstattete, ist derselbe zur Zeil recht günstig für die Arbeiter. Bei de» Packern und BerufSgenossen(lokal) hielt am 8. d. M. Genosse V o g t h e r r einen Vortrag über China. Der Vorsitzende theilte sodann noch mit, daß in, Monat Januar 21 neue Aufnahme» erfolgt sind; eS wnrde» SOLI Wochenbeiträge vereinnahmt »nd ein Ueberschnß von 300 M. gemacht. Acht Mitglieder wurden als krank gemeldet. Ndlershof. A», Sonntag, den 6. Februar, tagte im Lokale des Herrn Herrguth«ine gutbesuchte össentliche Holz- arbeiter-Bersammlnng. in welcher Koblenzer über dir Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation rcferirte. Redner kam unter anderen, auf de» Posadowsky'schen Erlaß zu spreche», wodurch die Arbeiter in» Kample um bessere Arbeitsbedu gungen geknebelt werden sollen, wohingegen man de» sogeuauute», Aibeiis- willigen den größte» polizeilichen Schutz gewährt. An der Dis- kulsion belheiligte» sich Schlächter, Faber und H o f s in a n n. Nachdem»och die Verhältnisse i» der Lntze'schen Fabrik besprochen worden, erfolgte Schluß der Versammlung. Soziales. Tie Jahresberichte der bayerischen und badischen Fabrik- inspektorcn sind erschienen. Unfallversicherung. Eine Berliner Lokalkorrespondeuz berichtet: Wegen der mehrfach angeregten Refoi», der Unfallversicherung für die laudwirthschastlichen Betriebe finde» gegen- wärtig Erhebungen statt. Es soll hierbei insbesondere ermittelt werden: 1. die Zahl der vorhandene» lardwirlhschnslliche» Betriebe (diese Zahl ist de», Verzeichniß der Mitglieder der laudwirthschastlichen Bernssgenossenschaflcn zu entnchmen); 2. die Zahl der nach § 37 des Genossenschasts- Statuts versicherte» Betriebsunternehmer (das find diejenigen, deren Jahreseiukoinme» ans den, Landmirth- schastsbetriebe bei der letzten Einkonimeusteuer-Veranlagung auf nicht mehr als 200 M. geschätzt ist, wobei die Schuldenzinsen nicht abzu rechneu sind); 3. die Zahl der sämmtliche» im Bezirke in den land- wirthschastlichen Betriebe» beschäftigten versicherten Belriebsbemnte» und Arbeiter(hier ist die Zahl anzugeben, die bei voller laufender Tbätigkeit des Betriebes beschäftigt ist); 4. die Zahl der vorüber- gehend in den Betrieben beschäftigte» sonstige» Personen(Familien- angehörlge, Hausgesinde, das in der Landwirihschast gewöhnlich nicht beschäftigt ist n. s. w.). Die Unfälle in den Betrieben der Ziegelei-Berufs- genösse»jchaft sind in, Jahre IK97 bedeutend zahlreicher gewesen als im Jahre vorher. 1896 wurden 3468 Unfälle an- gemeldet, in, Jahre 1897 dagegen 4034, also 566 Unfälle mehr. 10g Unfälle hallen de» sofortige» Tod des Verletzten zur Folge; im Jahre 1896 betrug die Zahl der Unfälle niit tödtlichem Ausgange 95. Die Gesammtzahl der Unfälle mit schweren Verletzungen ist aber gegen das Jahr 1396 zurückgegangen. In» Jahre 1896 waren es 823, im Jahre 1897 nur 591. Wie weit jedoch dabei die Herabdrückung der Rente» eine Rolle spielt, wird sich erst beurtheilen lasse», wenn der Rechenschaftsberichl vorliegt, lieber 25 pCt. der Unfälle mit tödtlichem Ausgange ereignete» sich in den Thongrnben, was ausnahmslos auf die Nichtbeachtung der Vorschrtften über den Abbau der Thonläger zurückgesührl wird. Das bayerische Landes-VersicherungSamt ver- öffenllicht die Nachiveisung über die Unfälle, die im Jahre 1897 bei den ihm unterstellte» Anssührungsbrhörden und Beruisgeuosse». schafte» angezeigt worden sind. Bei dem industrielle» Theile kamen 193 Todesfälle, dann 2159 Unfälle mit mehr und 7948 mit weniger als dreizehnwöchiger Erinerdsbeichränkung zur Anzeige, bei de» land- und forslwirlhschastlichen Beruisgenossenschaften 315 Todes- sälle und 10406 beziehentlich 1929 Unfälle. Eine» Mißstand in der HanSindnstrie der Hntgarnirerei in Luckenwalde bringt die„Brandenb. Ztg." zur Sprache. Danach geben dortige Hnlfabriknnten ihren hansindustriellen Arbeiterinnen, die zumeist vcrkeiraihet sind, am Sonnabend Nachmittag bis zu drei Dutzend Hüte z»i» Garniren mit, und zwar mit de», Befehl, diese am Montag Boruriitag 9 Uhr fertig abzuliefern. Infolgedessen inüsien sich die Arbeiterinnen auch noch den ganzen Sonntag hindurch iiir die Fabrikanten abmühe». Ihren Pferden, schreibt unser Brnderorga», gönnen die Fabrikanten die nölhige Stühe, warum wird diese nicht den Hutgarnirerinncn gewährt? Tie Bedcntnug der Mißerfolge der„sozialistische» Kolonie»" wird von unseren Gegnern trotz aller Proteste von sozialistischer Seite immer wieder erörtert. Deshalb ist es interessant, Bellainy's Meinung zu hören, weil seine Anhänger— die Nationalisten— berauscht durch de» literarischen Riesenerfolg des Rückblicks, verschiedene Versuche der Gründung von Kolonien gemacht haben. Bellamy urlheilt hierüber aus S. 427. der deutschen Aus- gäbe der Fortsetzung des Rückblicks folgendermaßen: „Die zahlreiche,> Kolonien, welche i» den Vereinigten Staaten während der Periode des Umschwungs entstanden, lieferten den offenkundige» Beweis, wie sehr sich aller Mensche» Herzen»ach einer bessere» Gesellschastsordnnng sehnte». Sonst aber führten diese Ver- suche zu keinen, Ergebniß, wie sich von selbst verstand. Wirlhschaft- lich zu schwach.»ur der gleichen Gcsühlsrichtnug enlsprungeu, konnten sich diese Vereinigungen meist sehr wackerer, aber schwärme- rischer Leute inmillen einer feindlichen Welt, die über alle sozialen n»d wirihschaftliche» Vortbeil« verfügte, nicht behanpten."— Tie Zahl der Slnalphabete» i« Galizien wird von den, Blnlle„Ejtvlnimvo" ans fast S3/« Millionen beziffert. 700 000 schnlpfilchlige Kindel wachse» ohne Schulunterricht ans. Nach statistischen Daten ans den, Jahre 1890 gab es i» Galizien ganze Berirke, wo es schwer fiel, des Lesens»»d Schreibens lundige Menschen ansznfinde», so zum Beispiel in de» Bezirke» Borszczow, Listo»nd H o r o d e n k a. In dem lctzigenannie» Bezirk gab es unler der 62�00 Köpfe zählenden Ge- samnitbevöllernng 60000 Analphabeten. Sogar in dem durch de» Stand der allgemeinen Volksbildung am meiste» hervorragenden Bezirke T a r n o p o l gab«S auf 120 000 Einwohner im schnipflichtigcn und nachschnlpflichtigen Aller noch 47 000, denen Lese» und Schreibe» »»bekannt waren. Während die Zahl der politische» Gemeinden Galiziens 6292 betrug, hatte es nur 3707 Schulen. Aber noch giößer ist der Lehrerinangel. 1893 mußten 542 eiugerichte Schul- klaffen a»S Mangel au Lehrkrästen»nbenützt bleibe». Diese Ziffer ist fortgesetzt gewachsen, im Jahr 1896 konnten schon 647 Klaffen wegen Lehrermangels nicht benutzt werden. Dabei wirkten 1893 an den Volksschulen 863 Lehrpersonen ohne fachliche Befähigung. Tie Gründung»euer Schulen erweist sich gegenüber dem effektiven Lehrermangel in Galizien demnach als ganz zwecklos. Dafür verwendet man die dem armen Lande blutig er- preßten Groschen zur— Erhaltung und Erweiterung des polnischen Gymnasiums in Tesche,, in Oesterr.-Schlesien und zun, Bau einer polnischen Schule in Biala, das im ganzen vielleicht zwanzig polnische Schulkinder zählt. Arme 700 000 ohne Unterricht bleibende galizische Bauernkinder! Wie weit muß das Gewissen derer sein, die solches Unrecht nicht»ur gutheiße», sondern die es schaffen, und zwar nur zu den, Zwecke schaffen, u», billige Menschen- waare auf dem Arbeitsmarkt zu erhallen. Briefkasten der Redaktion. wir bitten, bi, jeder«»sraae«Ine«ihtssre tzwe,«»chgaden oder eine gab» a»,»aeben,»nter der die Aunvorl erlhetll werde» soll. Tie suriftischc Sprechstunde findet bis zum 5. März am Montag, Freitag und Sonnabend abends von 7V- bis 8V,>>br statt. R. Durch Gesetz vom 30. Juli 1883 bildet Berlin als„Stadtkreis Berlin" einen besonderen Verwaltungsbezirk. Abonnent Admiralstr. Ripper. Wende» Sie sich an C. Heitel, Orauicnstr. 180, IH. W. K. Ja. Nary. Die eingesandten Zeitungsausschnitte können wir, ohne uiünd- liche Rücksprache mit Ihnen genommen zu haben, nicht benutzen. P. K. 100. Die Ehefrau haftet iniosem sür die Miethe, als die der- selben gehörigen Sachen, die in die Wohnung eingebracht sind, sür die Miethe hasten. Für andere Schulden des Mannes hat die Frau nicht aufzulvinmen.— A. B. Die Sachen sind pfändbar.— L. 10. 1. und 2. sa. 3. Allgemeines Landrecht n. Theil 2 Titel§§ 251 252.— H. S. Zur Bcaniwortung ist die Einstcht der Bersichcningshedingungen erforderlich. — 1000. 1. Ja. 2. Kündigung kann nur erfolgen am 15. zum 1. des Monats.— Z. Z. 50. 1. Nein, wenn nicht der Ehemann der Vater des Kindes ist, 2.-5. Beim Standesbeamten. 6. Ja.— A. R. Die Alters- rrnte ist frühestens mit Beginn des 71. Lebensjahres zu zahlen. Für diejenigen, die vor dem 1. Januar 1851 geboren sind, beträgt die Wartezeit 1410 Bcilragswochcn. Für die nach dem 1, Januar 1851 geborenen vennindert sich die Wartezeit um so viel Beitragsjahre und Beitragswochcn, als ihr Lebensalter am 1. Januar 1891 an Jahren und vollen Wochen das vollendete 40. Lebensjahr überstiegen hat, Beltpiele siehe im„Arbeiterrccht". — M. W., Moabit. Ja.— H. B. 00. Der Meister muh kleben. Vom letzten Lohn kann er nur den Betrag der Marken für zwei Lohn- zahlungS-Perioden abziehen. Wende» Sie sich an die Polizeibehörde. Lehnt diese ah, jso beantragen Sie bei der Versicherungsanstalt, den Arbeitgeber anzuhalten, die fehlenden Marken nachträglich etnzullcbeii.— P. Ä00. Nein. — H. M. 5. 1. Ja. 1. An den Vorstand derjenigen Versicherungsanstalt, an welche zuletzt Beiträge entrichtet worden sind.— P. B. Nein.— W. D. 10. 1. An die Erben. 2. Bei der Gemeinde Möchelsdors.— 5 Streitende. Wenn sich die Arbeiter auf Anweisung jeden Montag und Mitttvoch im Komptoir gemeldet haben, ohne ihre Papiere zu erhalten, haben sie Anspruch auf den vierwöcheutlichen Lohn. WllttrnttgSiiberffssi« vom 14. Februar kKV8, Sllhr morgens. Wetter-Prognose für Tieustag» t?. Februar 1808. Zeilweise aufklarend, vorwiegend trüb« mit Niederschlägen und ziemllch frischen westlichen Winde»; Teniperatnr wenig verändert. SosialdemokrMcher Wahlverem für den 3. Bertiner Reichstags-Wahlkreis. Verseimxnlung am Mittwoch, den 16. Februar 1898, abends S1/: Uhr, im Lokal des Herrn Krieger, Wasserthorstraße 68. Tages-Ordnuna: 1. Vortrag des ReichStags-Abgeordneteu Ewald Vogtherr über: „China und Kiaotschau". 2. Dislussion. 3. Vereiiisangelegenheiten. Gäste sehr willlounuein Rege Betheiligung erwartet 240/6 Der vorstand. Maldemokratischer Mahlverein für den 4. Verl. Reichstagg-Mahikreis lAen). IHenatag, den 15. Februar, abends 8 Uhr, Im l-okal KOnigsbank(Haase), Gr. Frank farterstr. 117 Versammlung, Tagesordnung: 1. Bortrag des Genossen Friß Znbeil über„Die Sozialdemokratie und die letzte» 20 Jahre. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Laut Beschluß der letzten Versammlung wird dieselbe pünttlich eröffnet. Das Erscheinen jedes einzelnen ist Pflicht. Gäste haben Zutritt. stai 242/4 Der Vorstand. Achtung! Achtung! SozialdmoKraMer Mahiverein für den 4. Verl. Peichstagg-MahikreisMdoK). Dienstag, den 15. Februar, abends 8'/» Uhr, in der Urania, Wrangelstraße 11: MU" Grosze Versammlung. HW 1. Kulturhistorischer Vortrag über Robespierre. Referent Herr vr. SedüUo. 2. Dtslussion. 3. Vereinsangelegenheiten. 242/5* MM- Gäste haben Zutritt.'Mß NB. Die Mitglieder werden aufgefordert zahlreich zu erscheinen. Der Vorstand. ZNillldmoliraMn Mahltinei« für den 6. KerUlln Ueichslags-.. Dienstag, de» 15. Februar, abends 8'/- Uhr: 2 V SFfSsmmlimNSD. litt Schöilhuser Norkadt im Belfortcr Gesellschaftshaas, Uelforterstrasse 15. Tages-Ordnung: 1. Vortrag des Genoffen dabei. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten. Im Kokale„Viktoria- Garten", Dadstrasse Äio. IS. Tages-Ordnung: 1. Bortrag: Die Berliner Arbeiter und die nächsten ReichstagSwahlen. Referent: Reichstags- Abgeordneter Dens. 2. Diskussion. 3. Vereins- angelegenheiten. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Borstaad. Moabit. VI. Wahlkreis. Moabit. Mittwoch, den 16. Februar, abends 8 Uhr, im Saale der Derllner Kronen-Drnnerel, Alt-Moabit 47/49: LchMche WWersmilllliig. Tages-Ordnung: I. Der Erlaß Posadowskh's, Flottenvorlage und Reichstag. Referent: Reichstags-Abgeordneter Klehard Fischer. 2. Dtslussion. 219/5 Um rege Betheiligung bittet_ Der Vertrauensmann. BttUStUrlMs-Kminssm. Freitag, den 18. Februar 1898, abends 8V. Uhr: MM VtlMuiIung dttMlkgirtk» im Lokal„Rrminhallen*, Koi»»iaiida»te»straße 26. Tages-Ordnung: I. Rechenschaftsbericht. 2. Kaffenbencht.. 3. Bericht der Schuhmacher. 4. Wahl von drei Ausschußmitgliedern. 5. Gewertschaflliches. >ie Delegirten werden ersucht, pünttlich zu erscheine». Berliner Gewertschaftslommissioii. I. A.: 9. MHIorg. Di. 3276 Achtung! Rabitzpntzer. Achtung! Dienstag, den 15. Februar 1898, abends 8 Uhr: Außerordentliche Mitglieder-Versammlung bei 8tabernaek, Jnselftraße Nr. 10. Tages-Ordnung: 1. Di« Lohndifferenzen bei der Firn», Zöllner A Co. 2. Diskussion. 3. Bereinscmgelegenheiten und Verschiedenes. Drrrin der gWMrn Mkttrr und Arbetterinnen Deutschlands lWale BerlmI). Donnerstag, den 17. Februar, abends 8V- Uhr, Im liOkale des Herrn Hoffmann, Alexanderstr. S7e: Mitglieder- Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Geschäftliches. 2. Vortrag des Herrn Wnldek Manasse über: „Der Kampf ums Dasein". 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen ersucht 96/6_ Die Terwaltnng. Achtung! Zimmerer. Achtung! Ztiitml-KrMeii-». Ztttdeliaffc der Zimmerer (E. H. Nr. 2 Haniburg). Oettliche Verwaltung Berlin. Freitag, den 18. Februar 1898, abends 8 Uhr, in de»«rminhalle», «ommandantenftraße Nr. SO: Uiltglleder- V erHaiiiinliiiig. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 4. Quartal 1897. 2. Wahl der Revisoren. 259/4 Mitgliedsbuch legittmirt. vor Vorttand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. (Zahlstelle Berlin.) Mittwoch, den 16. Februar 1898, abends S1/« Uhr, bei Cohn, Benthftraße Nr. 20/31: Vertranensmänner-Versammlttttg fiir sämmtliche Bezirke«ud Branchen. Tagesordnung: Die Strasrechtspflege mit besonderer Berücksichtigung der KZ 152 und 153 der Gewerbe-Ordnung. Referent: Rechtsanwalt Dr. Belnemann. Werkstattstrcits und Differenzen. Verbandsangelegenheiten.— Jede Werk- statt muß vertreten sein. Die Ortsverwaltung. Dentscher Metallarbeiter-Verband Fem-altangsstelle Berlin. Heute Dienstag, den 15. Februar 1898, abends 8% Uhr: PT Bersammlnng"WW aller in der chirurgischen Branche beschäftigte« Arbeiter u»,d Arbeiterinuen in Gründers Salon, Brunnenstr. 188. Tages-Ordnung: I Bortrag des Genoffen P a u l I a h n. 2. Diskussion. sl 10/15 Wahl eines Brauchenverttetcrs in der OrtSverwaltimg. 4. Velbandsangelegenheiten uud Verschiedenes.— Nichtmitglirder als Gäste willkommen:— Die College» und Kolleginnen werden dringend ersticht, zahlreich und pünktlich zu erscheinen. Die Bibliothek des Verbandes besindet stch t», Restaurant Mörschel, Jüdcnstr. 35. Dieselbe ist geöffnet jeden Abend von 1l/2 dis 9 Uhr; Sonntags geschlossen._ Die Orts-Krankenkasse der Uhrmaeher, Berlin. Die in der Generalversammlung vom 12. Novbr. 1897 beschlossene Abänderung der Statuten betr. Streichung der Worte„Halidlungsgehilfen und Lehrlinge, sowie Erhöhung der Kranken- Unterstützung von 26 auf 52 Wochen ist seitens des Bezirks-Ausschuffes am 30. Dezember 1897 genchmigt. Der Borstand. 330b G. L ä t s ch, Vorsitzender. 511 W.Brot DM. $ liefert 30532» ' Albrecht's Bäcker«:, Wrangelsir. 8. Laiigest.26. Falckensteinstr. 28. Lausiherstr. 2. MußlonLn ß nahe Obcrbauin, iHUijiril|l1. Of Warschauerstr. und Schlesischem Bahnhof, sind von sofort und 1. April 1898 freundliche Vorder- und Hofwohimiigen von 2 u. 1 Stube nebst Korridor, Küche, Klosct u. Keller oder Boden billig zu vermiethen. Näheres beim Berwaltcr.(40662" v. 72—84 Thlr. z. vcrm. Friedrichsfclderstr. 39. Aldtitsiiiarkt. Blechspanner 3235 auf Stahlbleche gesucht Beneeke, Miltclftt. 16/17. Stepperin auf Hosen verlangt 331b Höchstestr. 29, 1 rcchtö. Bersilbercr verlangt Wiencrstr. 9. Plütterlnnen auf Stehkragen, Umlcgckr. u. Manschette» in und außer dem Hause sucht 51. Treppe, Lothringerstr. 16, 1. Quergeb. IV. KlcIÄchen-Arbclterlnnen im Hause und außer dem Haut« Pankow, Kaiser Fricdrichstr. 19. "Tüchtige Arbeiterinnen ans Knaben-Waschanzüge sind, dauernde Beschäftigung. Hohe Löhne. 325b J. Gottliebsohn, Prenzlauerstr. 29, Hos 3. Eing., 4 Tr. nur solcher, wird verlangt Admlralstrasse 7. Redegewandte Arbeiter werden als BernfSvertreter für BolkSverfichernng gegen festes Gehalt gesucht. Borbildung nicht erforderlich. Gesuche unter 16 1 an die Expedition des„Vorwärts". 326b Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jacvbey i« Berlin. Für de» Juserateutbeil verantworllick,: Th. Glocke in Berti». Druck und Verlag von Mar Vadiua in Berlin. i..» 15. ww 2. fcilnoc des Joiniirts" Kerl« WMM. tw».«•>«» T«ngenhettst8tte der Zerlimr Alters» und Invaliditiits- Uerftcherungsanstalt. Vom Vorstand der Berliner AiterS- und Jnvaliditäts-Versiche« rnngSanstalt mar nach dem Bürgersaale des Rathhanses zu Sonntag Mittag eine Vcrsannnliing eiubernfen, die den Zweck hatte, mit den Vertretern der hiesigen Krankenlasse» und der ärztlichen Vereini- gnnge» die Einführung des Heilversahrens für lungenkranke Ver- sicherte zu besprechen. Das einleitende Referat hielt Dr. Freund, der Vorsitzende der genannte» Versicherungsanstalt. Er führte aus: Für die Jnvaliditäls-Versicheruiigs-Anslalten könnten bei Ueber- nabine des Heilverfahrens nur die Fälle in Frage kommen, die einen länger dauernden Erfolg der Kur verspreche». In zweifelhaften Fällen dürfe das Geld der Anstalt nicht riskirt wer- den. Wie lange der Erfolg der Anstaltsbehandlung dauere. darüber habe ina» noch keine genügende Erfahrung. Mau dürfe die ganze Frage nicht so enthusiastisch auffassen, wie es vielfach geschehen sei. Leicht sei es zwar, eine» Kranken, den man in die beste Behandlung nimmt, ihn gut ernährt, ihn beste Lust athius» läßt und ihm die Sorge um die Existenz der Familie nimmt, sehr wesentlich zu bessern. Komme er aber dann wieder in die ungünstigen Wohnungsverhältnisse, in die schwere Arbeit, in die Sorge um die Eristcnz zurück, dann werde der Erfolg der Behandlung meist sehr bald wieder vernichtet. Bei dieser Lage der soziale» Verhältnisse müsse man sich daraus beschränke», nur die- jenigen Fälle in Behandlung zu nehme», die die größte Wahr- tcheiulichkeit für längere Heilung bieten. Die Versicherungsanstalt Berlin habe sich entschlossen, ncben'dem exislirenden Senatorium für allgemeine Krankheiten eine Heilanstalt für Lungen- k r a n k e z n errichten, und z>v a r solle e i n e A n st a l t allerersten Ranges geschaffen werden, tv i e sie bis jetzt nicht e x i st i r t. Man müsse sich aber vorläufig mit einer beschrünkten Zahl von Betten begnüge». Das Projekt sei so angelegt, daß die Anlagen, sofern sich günstige Erfolge zeigen, auf das vierfache vergrößert werden könnten. Dr. med. Friedeberg, der bekanntlich die eifrigste Pro- paganda für diese Idee entsaltet hat, sprach daraus im Namen der zur Förderung des Lungenheilstättenwesens geivählten Zentralkommission der Berliner ikrankenkassen. Er erkennt an, daß die Versicherungsanstalt Berlin den Gedanken von Ansang an warme Sympathien entgegengebracht hat. In den lhatsächliche» Leistungen sei jedoch die Berliner Anstalt von anderen Vcrsichcrungs- anstalte» weit überholt worden. Die Anstalt niüsse mehr als hnina- nitäres Institut wirken. Die Berliner Anstalt sei hierzu auch besonders gut in der Lage; sie brauche nur verhältnißmäßig wenig für Jnvalidilälsrente» und»och weniger für Altersrente» auszn- geben und habe infolge dessen sehr grobe Kapitalien aufspeichern können. Dies Geld solle sie im Interesse der Berliner Arbeiter verwenden. Aber von dem Humanitätspriuzip ganz abgesehen, liege m.h in finanzieller Beziehung ein günstiges Geschäft für die Anstalt in einer möglichst ausgedehnten Fürsorge für die Lungen- kranken. Weit vorgeschrittene Prozesse freilich bieten keine Aussicht ans Erfolg, aber wo die Tuberkulose noch in den Anfangsstadien sei, könne sie geheilt werden, wenn auch nicht im medizinischen, so doch im sozialen Sinne. Und je früher und je umfassender eingegriffen werde, um so sicherer sei der Erfolg. Dr. Friedeberg erläuterte dann im einzelnen fol- gende Forderungen, die von der Z e n t r a l- K o m m i s s i o n der Krankenkassen in dieser Hinsicht an die Anstalt gestellt werden: Errichtung eines eigenen Sanatoriums für beide Geschlechter; obligatorische Uebernahme des Heilverfahrens in der Aussicht ans Heilung bietenden Fällen aus Kosten der Anstalt; damit die Kranke» die Heilanstalt nicht vorzeitig zn verlasse» brauchen: Uebernahme der Faniiliennnterstützung nach Ablauf der Krankcnkasscnleistnng in Höhe dieser Leistung auf die Versicherungsanstalt; bei großer Nothlage der Familie auch vorherige Zuschnßunterstütznng; unentgeltliche' Ver- breilnng einer populären Schrift über die Tuberkulose; Herbei- führung eines Einvernehmens mit der Gewerbe- Inspektion"zwecks alljährlicher obligatorischer ärztlicher Untersuchung der in Fabriken jc. beschäftigten Personen. Di« Aulagen müssen dabei so ausgedehnt sein, daß nicht wegen Platzmangels Abweisung von Kranke» zu erfolgen braucht. Wer nach dem Urlheil der Aerzt« heilbar ist, für den müsse auch Platz vorhanden sein. Auch die öffentlichen Arbeilsnachweise könnten sich um die als geheilt Entlassenen ver- dient machen durch Nachweis passender, den Geheilten nicht aufs neue gefährdender Arbeit. Was die Untersuchung des Auswurfs tuberkelverdächliger Personen betreffe, so habe er von Wer- tretern des Kultusministeriums die Zusicherimg erhalten, daß jeder Kaffenarzt das Recht erhalten solle, den Auswurf seiner Patienten unentgeltlich im Koch'scheu Bakteriologische» Institut untersuchen zu lassen. Wünschenswerlh sei es endlich, wenn nnt der Heilanstalt ein landwirthschaftlicher Betrieb verbunden werde, damit die Geheilten in gesunder Thätigkeit ihre Kräfte wieder gebrauchen lernen. Alle diese Dinge ließen sich nicht plötzlich machen, aber die Forderungen lägen im Zuge der Zeit und seien auch so mäßig, daß die Versicherungsanstalt Berlin sie leicht erfüllen könne. Gehcimrath Dr. msä. Mariuse wünscht in den Friedcberg- schen Wein etwas Wasser zu gießen. Wenn Friedebcig gemeint habe, es müßten, um den Heilerfolg zu garantiren, die Kraulen bereits in die Anstalt, so lange sie noch arbeitsfähig sind, so sei das nicht durchführbar, weil die Krauken, auch wen» die Familie unterstützt werde, in diesem Stadium nicht in die Anstaltsbehandlnng gehen würden.(Lebhafter Widerspruch bei den Krankenkassen-Vertrelern.) Er begrüße die Gründung eines Sanatoriums durch die Berliner Ver- sicherungs- Anstalt mit großer Freude; denn die Tuberkulose sei in den Anfangsstadien zweifellos zu bessern. Aber Friedeberg und die Zentralkommission hätten durch ihre Agitation Hoffnungen bei den Arbeitern geweckt, die nie erfüllt werde» könnten. Prof. R e n v e r s(Chefarzt des Moabitcr Krankenhauses): Er sei ebenfalls überzeugt, daß geeignete Tuberkulosefälle heilbar seien. Es sei aber äußerst schwer, diese geeigneten Fälle zu finden. In den geeigneten Anfangsstadien hätten die Leute keine wesentlichen Schnicrze», und nur zeilweise leichte Temperatur- steigerungen und Magenkatarrhe. Diese Leute gingen nicht in das Heilverfahren, selbst wenn sie in diesem Stadium schon mit dem Arzt in Verbindung stünden, was in der Siegel ebenfalls nicht der Fall sei. Wenn die Tnberkelbazilleu erst im Auswurf nachzuweisen seien, dann könne jeder Apotheker die Diagnose aus Lunge». schwindsncht stellen. Die Hauptsache sei geeignete Auf. klärnng der Arbeiter, damit sie rechtzeitig zum Arzt kommen. Es sei ganz richtig, daß die Berliner Versicherungsanstalt mit der nölhigen Ruhe in der Frage vorgeht, da Hoffnungen geweckt worden seien, die nie und nimmer erfüllbar wären. Wenn die Schwind- sucht ausgerottet werden solle, dann müßte schon früh begonnen werden. Schulhygiene, Verschickung skrophnlöser Kinder in die Sce-Hospize, Hygiene in den Arbeitsstätten, frühzeitige Auffindung und Behandlung der Verdächtigen, Sorge dafür, daß die Verdächtigen oder Geheilten aus gefährlichen Berufen herauskommen. Dies alles müsse vom Standpunkt des»lrztes gefordert werden; wenn es durchführbar sei, und wenn gleichzeitig Wohnuugs- und Einkommensverhältnisse günstige seien, würde die Tuberkulosegefahr sicherlich stark zurückgedrängt werden. Dähne, von der Ortskrankenkasse der Maurer, wendet sich gegen die Vorwürfe des Geheimraths Markus« betreffs der von der Zentralkommission ausgehenden Agitation. Thalsache sei, daß auf diesem Gebiet bisher so gut wie nichts geschehen sei. Der Staat habe nichts gethan, die Gemeinde ebenso wenig, und die Kranken- kasseu hätten kein Geld dazu. Die aufgespeicherten Kapitalien der Berliner Versicherungsanstalt seien zum guten Theil von de» Arbeitern aufgebracht worden, und deswegen hätten diese das volle Recht, zu ver« langeii, daß etwas Nützliches für sie geschaffen werde. Jetzt komm« ja die Sache mehr in Fluß und dazu hätte die Agitation der Zentral« konimission beigetragen. Die Kommission habe lediglich ihre Schuldig- keit gethan. Dr. Freund konstatirt, daß die Berliner Versicherungsanstalt zu ihrem Vorgehen auf diesem Gebiete nicht durch die Agitation der Zentralkoinmission veranlaßt worden ist, sondern schon seit zwei Jahren das Projekt im Auge habe. Nachdem dann noch einige Vertreter von Orts-5krankcnkassen sich wesentlich im Sinne der voei der Zentralkoiuuussion aufgestellten Forderungen ausgesprochen und namentlich betont hatten, daß die kranken Arbeiter auch im frühen Stadium gern in die Heilanstalten gehen würden, wen» für die Familie gesorgt sei, nahm Dr. Freund noch zu einigen Schlnßausführuugen das Wort. Er sagte, die Berliner Versicherungsanstalt sei betreffs der Faniilienuulerstützung bis an die äußerste Grenze des möglichen gegangen. Bisher habe die An- stall nach dem Aufhören der Kraukcukassen-Leistung an die Familie» pro Woche 7,50 M. gezahlt und wolle in Zukuuft 10 M. gewähren. Wenn.man wolle, daß noch mehr geleistet werde, dann müsse das Gesetz geändert werden. Auf grund der Bestimmungen des Alters- und Jnvaliditätsversichcrungs-Gefetzes könne man nicht weiter gehen. Mit dem Bau der geplanten'Anstalt werde noch in diesem Sommer begonnen werden, und es werde in einigen Tagen bekannt gegeben werden, wohin die Heilanstalt kommt. Das Resultat der Zusammen- kunst erblickt der Redner darin, daß sich die Versicherungsanstalt und die Krankenkassen in ihren Wünsche» und Ansichten näher- gekommen sind. Verschiedene Wünsche der Krankenkasseu seien ohne weiteres erfüllbar. So beabsichtige die Versicherungsanstalt, den weitesten Arbeiterkreisen durch eine Broschüre Belehrung über die Tuberkulose zn verschaffen. Der Zuziehung der Kassenärzte zu den Rufuahine-Untersuchungen durch die Vertrauensärzte derVersichernngs- anstalt stehe wohl nichts im Wege, doch dürste diese Anwesenheit des Kassenarztes nicht obligatorisch sein, sondern ihm lediglich frei- stehen, sodaß deswegen keine Verzögerung im Beginn des Kur- Verfahrens eintrete. Der Redner schloß die Versammlung mit dent Wunsche, daß die jetzt gesicherte Gründung der Heilstätte von reichem Nutzen für die Arbeiter sein möge. Die Berliner Bersicherungs- anstalt habe das wärmste Interesse für die Zlrbeiterschaft Berlins und werde ihrerseits alles thun, was sich mit dem bestehenden Gesetz vereiüigen lasse, um die Arbeitcrwohlfahrt zn hebe». kziir de» Inhalt der Inserat übernimmt die Redattio» dem Publikum gegenüber keinerlei _ Berantwortnng._ �hrKtev. Dienstag den lö. Februar. Opernhaus. Geschloffen. Schauspielhaus. Der Burggraf. Anfang 71/2 Uhr. Deutsches. Mädchentraum. Anfang 7Vz Ubr. Lessing. Im weißen Röß'l. Anfang 7'/- Uhr. Berliner. S' Katherl. Anfang 71/3 Uhr. Residenz. Sem Trick. Anfang 7-/2 Uhr. Neues. Die Schildkröte. Anfang 7-/2 Uhr. Ostend. Die Waise von Lowood. Anfang 8 Uhr. Goethe. Ein Soinmernachtstraum. Anfang 71/j Uhr. Schiller. Hanö Wurst in Berlin. Ansang 8 Uhr. Unter den Linden. Fatimtza. Au- sang 71/, Uhr. Thalia. Das neue Ghetto. Anfang 7>/2 Uhr. Central. Die Tugendfalle. Anfang 71/2 Uhr. Lnise». Trilby. Anfang 8 Uhr. Friedrich- itvilhclmstädlischrs. Die kleinen Vagabunden. Anfang 8 Uhr. Belle- Alliauee. Kean. Anfang 8 Uhr. Alexanderplah. Verlorene Mädchen. Ansang 8 Uhr. Urania. Dnnbenstraste 48— 4S. Naiiirkimdl. Ausstellung v. 10 Uhr vormittags ab. Abends 8 Uhr Wisseuschaftl. Theater. Juvalideiistrasje 57/02. Täglich (nnßer Sonntags und Mittwochs) abends 8 Uhr: Wiffeiijchaftliche Vcuriige. America». Spezialitäten. Anfang 8 Uhr. Apollo. Spezialitäten. Auf. 7l/z llhr. Reichshalle». Spezialitäten. Anfang 7-/4 Uhr. Fcen-Pnlast. Spezialitäten. Passage> Panoptikum. Wiener Tanz- und Operetten-Gescllschaft. Central-Theater Alic Jakobstr. 30. Direkiiou Iticiiai-ri Kclmlts. Dienstag, den 15. Februar 1898: limll Xlioman a. G. Zum 25. Male: Die Tugend falle. Burleske Posse mit Gesang und Tanz mit Benutzung eines franz. Sujets von Jul. Freund und W. Mannstädt. Musik von Jul. Einödshoser. Ansang l/-ß Uhr. Morgen und die folgenden Tage: Die Tuge»dfnlle. Ofteiid-Theater. Gr. Fraiiksnrlcrflr.lSL. Dir. v. Weist. Dir Waise a«s Kowood. Schauspiel in 4 Asten von Charlotte Birch-Pscisfer. Anfang 8 Uhr."VE Im Tumicl vor und nach der Vor- stellung: Frei-Kouzert. Anfang 7 Uhr. Mittwoch, zum 1. Mal; Niitcr der Polarsonne. Gr. Aiisstatnuigsstück mit Gesang und Tanz in 5 Bildern von Soiidermann und Blick-of. Ge- sangStexte von Jos. Dill. Mt.fik von C. Schüler. llnsmN Tanbeneitr. Naturkundliche Ausstellung. Täglich. geöffnet von 10 Uhr voi mittags ab. Eintritt 50 Pf. Abends 8 Ohr. — Wissenschaftliches Theater.— Invaliflenair. A'o. 57— GS. Täglich äbends 7 Uhr: — Ausstellungs Saal und Vorträge.— Näheres die Tagesanschläge. Reiclisliallen- Theater. Loipzigerstrasse 77. ] Der grösste Triumph der Saison! Pawoll's Pantomime: Ein ruhiges Zimmer zu vermiethen! worüber sich jeder vor Lachen schüttelt. Ausserdem SO KnnNtkriirtc! Anfang 3/t9 Uhr. Entree 50 Pf. Im BctdiHhallcn-Tunnel: Zirei neue Kapellen. Mittwoch: 3. Bockbier-Fest. Passaye-Panopticum. m Theatersaal; der orientalische Magier und die 8 lustigen Wienerinnen. Sthillev�Thentoe (Wattner-Theater). Dienstag, abends 8 Uhr: Hans Wurst in Berlin. Mittwoch, abendS 8 Uhr: Han« Wurst tu Berlin. Donnerstag, abends L Uhr: Der Tugendwächtcr. Das Bcr- sprechen hinterm Herd. Lnisen- Theater 34. Rrichenbergerstraste 34. Abends 8 Uhr: Trilvtx. Schauspiet in 5 Alte» n. G. du Männer von Richard Marl. Trilby.. Anna Müller-viucke. Mittwoch: Zluf goldenem Boden. BoNmaiiit. Arthur Wnicklcr. Dora.. 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Wochentags U/, Uhr. �antmaniTs Variete I Die | JabililnniN-Vorstellansl zur 50. und letzten Aufführung der Burleske Familie Kochsalz findet heute statt. morgen Mittwoch Preiniercn- Abeml im Budapester Possen- und Operetten-Theater Direktion: Oebrlider llerrnfeld. itWT" Novität!'IBg ' Vou Dreien der GlücMlcüste. j Schwank von Gebr. Herrnfeld. Hauptrollen; Donat und Anton Herrnfeld. gap- Novität! Znm ersten Kai im Varidtd. Burleske m. Gesang v. 1. Armin. Vorverkaufs-Billets sind schon heute zu haben. Etisues Olympia-?,'"äter.[j (Circüs Renz.) Karlstrasso. Bolutssy lilralfy'M Konstantinopc'. GTössto Sensation(Berlins. Sfen!"WiE Im" Bild:„Alt- Wien" Neue humorist.Spezialifäteu- Eevue.— Auftreten der The jolly british girls. Sensutioncll! Im letzten Bilde; Con8tantinopel| Feuer- u. Flammen tanz, ausgeführt nicht von einer Person, sond. vom gesammten Ballet-Personal. ca. 1000 Mitwirkende. Anf. SUhr. Sonntags llYorst. Nachm. 1 Kind frei. g�Ü Feen-Palast aa iturft'Mtr. aa. Neu! Williiun u. 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(Ohiii Gewähr.) 169 310 439 555 607 762 915 SS 48*62 1096 181 TS 409(1501 16 70 515 781 835 85 S010 70 206 41 93 834 482 94 639 709 891 959 8030 93 200 366 403 509 55 756 804 7 19 4078 80 197 241 428 63 573 611 5012 361 88 979«205 64 91 417 52 646(1501 817 29 67 75 940 7170 75 289 848 593 95 608 768 74 871 1975 98 «213 603 57 640 72[150) 861 904 66»003 195 271 87 98 351 486 529 632 45 816 33 58 96 964 85 10236 85 818 26 448 542 643 828 993 11087 138 93 252 97 647 936 13256 61 343 613 90 677 830 943 i9 1 8127 94(150) 208 40 60 344 92 11501 503 613 791 19 953 14077 171 671 772 1 5220 24 63 308 440 534 .12 75 720 925 10391 408 585 690 17229 53 433 18019 €2 211 355 450 83 621 969 10108 463 782 956 *0028 145 349 498 608 648 58[150] 64 704 909 75 8114 4 223 96 468 507 73 685 733 823 68«2184 202 63 380 62 63 427 765 869 910 33098 178 229 584 712 73 S5 828 988«4152 518 64 67 659 912(1501 25012 230 86 84 323 34 49 402 18 60 626 822[2001 60 924 58[1501 26185 204 41 302 19 21 37 546 707 874 830«7371 492 603 87 853 949 88 3S028 33 67 834 432 68 557 632 44 [2001 744 45«»019 167 322 549 61 63 743 78 971 30111 300 87 636 50 68 31281 304 19 468 562 65 i79 712 37 915 38145 261 316 60 59 96 453 58 609 29 '0 700 66 818 946 12001 50 81 38224 649 736 889 902 2 84045 160 1300] 225 94 499 712 35025 228 70 171 660 778 98 821 29 95 SO012 102 20 345 51 403 661 705 908 8 7054 356 61 628 890 930 38042 383 403 630[160] 620 63 816 987 89054 351 85 695 895 974 40129 30 231 300 94 404 26 613 41010 48 51 152 862 1160) 440 583 807 4«026 47 51 77 83 588 663 819 86 48079 809 555 621 63 804 982(200) 4 4005 15*65 73[150] 166 93 320 33 684 633 4 5079 143 60 327 419 635 926 88 W6107 48 594 738 823 88 1150] 47522 25 75 738 64 4 8113 30 95 805 62 73 81 489 538 80 89 612 78 761 969 49372 811 50069 164 328 85 393 619 638 46 704 832 51027 S? 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