Nr. 2. 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Pont bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart Aufgaben der Erziehung Berlin 10. Januar 1920 Wie oft ist es seit dem Aufhören des Krieges gesagt worden, daß der Wiederaufbau der Menschheit an den Kindern beginnen müsse, und was ist geschehen, um diese richtige Erfenntnis zur Tat werden zu lassen? Nicht viel, soweit es das öffentliche Erziehungswesen betrifft; noch weniger, wenn wir die Erziehung in der Familie betrachten. In den Schulfragen konnten wir nicht viel am Vorwärtskommen helfen. Es ist da wie auf allen Gebieten: trot manches guten Willens, der bei den Regierungsstellen vorhanden ist, konnten die neuen Wege nur eben angebahnt werden. Bureaukratismus und Neaftion hängen zäh ineinander und beherrschen auf allen Gebieten die Verwaltung. Zeit und ein unbeirrbarer Wille zum freien Geist werden nötig sein, um die geistige Erneuerung und die geistige Einheit in Deutschland zu schaffen. In der Verfassung wird uns der Anfang dieser geistigen Einheit welche meines Erachtens die Grundlage aller Einheit allein bilden kann und müßte versprochen, aber noch haben wir kein Reichsschulgesetz, welches die Ausbildung der Lehrerschaft einheitlich regelt und insgesamt auf eine höhere Stufe hebt; welches die unentgeltlichen Lern- und Lehrmittel zur Tatfache werden läßt und den Gemeinden Sorge und Streit hierüber abnimmt; welches die Mittel durch Reich, Staat und Gemeinden bereitstellt, um allen begabten Wolfsschülern den Aufstieg zu den höheren Lehranstalten zu ermöglichen. Nein, alle diese durch das Schulkompromiß der deutschen Verfassung uns versprochenen Dinge sind noch nicht Wirklichkeit gewor. den. Bis jetzt hat uns dieses Kompromiß nur den Streit um die Seelen der Kinder in verschärftem Maße gebracht. Es hat das religiöse Empfinden, welches mehr als alles andere Sache des einzelnen Menschen ist, auf den offenen Markt gestellt. Eine gute Seite bat freilich auch dieser bäßliche Stampf: die Eltern werden zur Wahrheit gegen sich selbst und zum Nachdenken gezwungen in Dingen, denen die meisten so gerne ausweichen. Für jeden, dem Religion mehr bedeutet als angelerntes- meistens sehr mangelhaftes- Wissen, dem sie heilige Gefühls- und Gewissenssache ist, wird es heißen müssen: Weltlichkeit der Schule und religions geschicht licher Unterricht, der in den Kindern Verstehen und Gerechtigkeit gegen Andersdenkende emporwachsen läßt. Was die jungen Menschenkinder bei ihrem Eintritt ins Leben gebrauchen, ist ein innerer, sittlicher Halt, der nicht im ersten Sturm niederbricht. Lebenslehre sollte den Kindern gegeben werden, die ihnen das Leben in seiner höchsten Schönheit und Heiligkeit zeigt, die eine so starke Verantwortung gegen dieses Leben und alle seine Geschöpfe in ihnen erivedt, daß sie mit offenen Sinnen und ehrfürchtiger Freude über die Schwelle der Kindheit ins Jugendland treten. Das müßte die Schule erreichen, wenn sie ihre hohe Aufgabe: Menschen zu erziehen, erfüllte, und ich glaube an die Zukunft, die uns dies sonnige Land bringen wird. Aber jetzt sind wir in der öffentlichen Erziehung noch nicht so weit, und deshalb müssen wir unseren Kindern in der häuslichen Erziehung den Weg suchen helfen, Die Frau und ihr Haus Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplag 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 den wir mit ihnen finden wollen: den Weg zum neuen Menschentum. Die Verwüstungen, welche der Krieg angerichtet hat, sind am schlimmsten an den Quellen des Lebens: an der geschlechtlichen Gesundheit und Moral Und wenn wir wollen, daß wir aus diesem ganzen Elend wieder herauskommen, müssen wir hier beginnen, an die Stelle der Lüge und falschen Scham die Wahrheit und wissende Reinheit zu sezen. Die Geschlechtskrankheiten hatten bereits vor dem Kriege einen traurigen Umfang angenommen. Professor Blaschko schreibt 1914 in einer sehr lesenswerten Broschüre: „ Geburtenrückgang und Geschlechtskrankheiten":" In einer großstädtischen Bevölkerung wie in Berlin kann man auf Grund des vorliegenden Zahlenmaterials wohl ohne Uebertreibung annehmen, daß der größte Teil der männlichen Jugend im Laufe des vorehelichen Lebens, ein anderer Teil während der Ehe gonorrhöeisch infiziert wird." Und er kommt zu dem Ergebnis, daß ein jährlicher Geburtenausfall infolge der Geschlechtskrankheiten von 100 000 angenommen werden müsse. Der Krieg hat die Geschlechtskrankheiten sehr gefördert und das Verantwortlichkeitsgefühl nicht gehoben. Weite Kreise der ländlichen Bevölkerung sind durch die aus dem Kriege geschlechtsfrank heimgekehrten Männer verseucht worden. Der Krieg ist eben kein Jungbrunnen", fein erneuerndes Stahlbad" gewesen, sondern er war und wird immer sein das größte Verbrechen an der Menschheit und die Zuchtstätte von Verbrechen und Zuchtlosigkeit. Ein Gesetz zur Bekämpfung der GeschlechtsFrankheiten ist in Vorbereitung, welches sich in allen wesentlichen Punkten dem Entwurf vom Oftober 1918 und der Verordnung vom Dezember 1918 anschließt. Dieses Gesch ist eine dringende Notwendigkeit, und die Mehrzahl der Frauen erwartet, daß es für alle Geschlechtskranke den Zwang zur ärztlichen Behandlung bringen wird. Aber wie gut auch immer die Wirkung gesetzlicher Maßnahmen sein mag, so können sie doch stets nur Hilfsmittel sein; die große Aufgabe zur vollkommenen Umformung unserer sittlichen Zustände fällt der Erziehung zu. Bei den Erwachsenen wird es in vielen Fällen vollkommen aussichtslos jein, durch Belehrung erreichen zu wollen, was während der ganzen Kindheit und Jugend versäumt worden ist: die Achtung vor der Frau als Geschlechtswesen zu heben und den Frauen die nötige Selbstachtung beizubrin gen. An den Kindern müssen wir beginnen, und zwar nicht mit Belehrung", sondern mit einer Erziehung, welche sie zu einer selbstverständlich- natürlichen Auffassung der natürlichen Lebensvorgänge bringt. Jah weiß wohl, wie viele ernste, ringende Mütter sagen: ich fann mit meinen Kindern nicht über diese Dinge sprechen; sie stehen ihr Leben lang so unter dem Bann einer verlogenen Gesellschaftsmoral, daß nicht einmal die Liebe zu ihren Kindern stark genug ist, ihn zu brechen. Aber dieselben Mütter bringen es fertig, ihre blühenden Jungs und Mädels schn 10 Die Gleichheit süchtig, neugierig, halbwissend und gefahrenblind ins Leben. Hinauszuschicken. Geschlechtskrankheiten und Prostitution sind ihnen für die eigenen Kinder so lange nebelverbangene Sümpfe, bis sie darin versunken sind. Und da sind die anderen Mütter, die gedankenlos ihre Kinder in die Aufklärungs" Kinos schiden, die ihnen gedankenlos den Schundroman geben, den sie selber lesen, weil darin immer ein armes Mädel einen reichen Mann und ein armer Junge ein reiches Mädel bekommt, und weil sie es so gerne lesen, wie gewisse Leute die Nacht vergeuden und den Tag verschlafen. Die ebenso gedankenlos ihre Kinder der Aufklärung der Straße überlaffen. Gewiß, der Krieg hat so vielen Müttern die Möglichkeit der Erziehung genommen, weil sie arbeiten mußten ums harte, tägliche Brot; hat so viele Kinder der Erziehung der Straße anheimgegeben, weil er ihnen Vater, Mutter und Häuslichkeit nahm. Und dennoch. Wäre unsere ganze häusliche Erziehung auf geschlechtlichem Gebiete seit Generationen anders gewesen, unendlich viel Unheil hätte nicht geschehen Tönnen. Es ist weder schwer noch zeitraubend, die Kinder in eine natürliche Erkenntnis der Lebensvorgänge hineinwachsen zu lassen, nur muß man selber rein zu den Dingen stehen. Ein derbes Wort Kindern gegenüber kann berlegen, wird aber nie schaden; ein schlüpfriges schadet immer. Und Vertrauen müssen wir zu unseren Kindern haben, wenn sie es uns entgegenbringen sollen. Sie müssen wissen. daß sie als kleine Lebewesen in der Mutter gewachsen sind, wie die Knospe am Baum; daß sie die Liebe des Vaters zum Leben wecken mußte, wie die Sonne den Keim im Samenforn. Ein große Liebe zur umgebenden Natur sollen wir in unseren Kindern großziehen und mitten hinein den Menschen stellen. So viel Schönes, so viel mendlich Liebes und Feines läßt sich sagen; nur sollen die Kinder die Führenden bleiben, damit wir nicht zu viel auf einmal sprechen. Das ist vielleicht die größte Erziehungskunst überhaupt: den Kindern so zu folgen, daß wir sie sicher leiten und dennoch nie als Führende zu sehen jind. Und geschriebene Worte von unendlicher Feinheit gibt es, die wir lesen sollen und die wir den Kindern in die Hand geben können. Das schönste Buch heißt„ Am Lebensquell", herausgegeben vom Dürerbund, und ist in jeder Buchhandlung zu haben. Es sollte in feiner Familie fehlen, wo heranwachsende Kinder sind. Schön ist auch Gertrud Prellwitz Bom Wunder des Lebens"; Agot Gfems- Selmer„ Die Doktorfamilie im hohen Norden", und die feinen naturwissenschaft lichen Erzählungen von Wilhelm Bölsche und Hermann Löns. -Für die, welche schon zu den Erwachsenen zählen und trotz aller„ Erfahrungen nach Klarheit ringen, seien die Schriften von Professor Blaschko, Dr. Zadeck, Dr. Marcuse und Henriette Fürth empfohlen. Menschenseelen zu bilden ist die feinste und schwerste Kunst, lebendiges Material ist den Bildnern anvertraut, die gleich zeitig seine Schöpfer find. Wir werden das heilige Mysterium des Lebens nie ergründen, aber mit Ehrfurcht und Freude follen wir seine wunderbare Schönheit erkennen und es in das helle Leuchten der Wahrheit stellen. Zur Menschenliebe und zum Glück auf Erden gibt es nur einen Weg: die Liebe zum Leben. Clara Bohm- Schuch. Lohn, Lebenskosten und Geldwert Nach der Berufsstatistik von 1907 waren etwa 80 Broz. aller Berufstätigen Lohn- oder Gehaltsempfänger. Die wach fende Konzentration aller Betriebe läßt, zusammen mit den Kriegswirkungen, bermuten, daß diese Bahl sich seitdem noch weitaus vermehrt hat. So ist es als eine Tatsache anzusprechen, daß unsere gefamte Bolts-, insbesondere aber unsere Verbrauchswirtschaft An die Frauen Von бans Gathmann In die unruhvolle, wilde, aufgepeitichte Zeit, In das Gelärm eitler Worte und Phrafen Fällt, wuchtig und zur Vollendung bereit, Fällt mitten hinein in das wüten und Rafen Keuchender Not, der Ruf nach Gemeinſamkeit, Und aufichreit, Entflammt, und von taufend Zungen getragen, Der Schrei nach Brüderlichkeit. Waffen roiten. Ueber die Blutäcker zieht der Pflug. Die Luft heult nicht mehr vom Flug der Gefcholie. Unerbittlich enthüllt ist der Schlachten graufer Betrug Und von der Menschheit gebändigt des Kriegsgottes Roffe. Uebergenug Des. Leid's liegt auf der Menfchen Schultern Nr. 2 und aus den Schächten der Qual hebt fich des Geiftes Flug. Berbit geht über das müde, zermarterte Land, Und die Menfchen rüften lich wieder zum Schaffen und Bauen. Kraftvoll spannt fich die der Arbeit entwöhnte hand, Und das Auge fehnt lich, ein Werk des Friedens zu ſchauen. Ein Werk! Eine Tat der Güte, die jahrelang unbekannt; Ungenannt Unter den Trümmern der Städte lag. O das Vertrauen Von Menfch zu Menich müllen wir wieder errichten, Vertrauen von Land zu Land. Die Frauen hören der menfchenkinder erften Atem gehen Und stehen leile an den unfchuldigen Betten. Sie find's, die am tiefften in die berzen ihrer Kinder feh'n, S'e müffen helfen, verlöhnen, retten Soll jemals wieder das Wunder der Liebe gefcheh'n. Unendlich fchön Sind ihre Hände, wenn fie uns von den Ichmerzenden Ketten Des bailes befrei'n uns fanft geleiten zu des Friedens funkelnden Bruderftätten. auf den Schultern der Lohn- und Gehaltsempfänger ruht. Von der Beziehung zwischen ihrem Ein- und Auskommen wird unser volkswirtschaftliches Schicksal in entscheidender Weise bestimmt. die weittragenden Folgen des heutigen Mißverhältnisses zwischen Diese unwiderlegliche Feststellung macht uns Ein- und Auskommen der meisten Lohnempfänger flar. Ge wiß, die Bezüge der Lohnempfänger haben sich bedeutend erhöht. Weit mehr sind aber die Preise aller lebensnotwendigen Gebrauchsgüter gestiegen. Beispiele zu bringen ist darum überflüssig, weil die Richtigkeit dieser Feststellung uns durch die Wucht der Eigenerfahrung eingehämmert wurde. sachen. Oberflächliche oder Böswillige werden sagen, daß die Diese ungeheuerliche Preissteigerung hat verschiedene Urfortgesetzten Lohnsteigerungen eine der wesentlichsten dieser Ursachen seien. Sie haben Unrecht. Die Lohnsteigerung ist eine unausweichliche und, wie zu zeigen sein wird, nicht weit genug getriebene Folge der Preisverschiebung. allen geläufigen Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Es ist Preisverschiebungen vollziehen sich allemal nach den uns aber gleichfalls eine uns allen geläufige Tatsache, daß heute in der ganzen Welt die Nachfrage nach Gütern das Angebot weitaus übersteigt. Millionen Tonnen wertvollster Gebrauchsgüter wurden während des Krieges versenkt, das heißt Sabre hindurch hat die ganze Welt nicht wie sonst Werte geaber der Befriedigung des Weltgebraud; s entzogen. Vier schaffen, sondern für die und an der Zerstörung von Werten gearbeitet. Und es ist die ganze Welt, die die Folgen dieses Wahnsinns gemäß am schwersten. Auch darum am schwersien, weil die at tragen hat. Uns treffen sie als die Unterlegenen naturbielgepriesene geschlossene Volkswirtschaft, zu der uns die Nr. 2 Die Gleich beit Blockade verdammte, die Zufuhr von Rohstoffen und Nah rungsmitteln auf ein Mindestmaß beschränkte und uns nötigte, unsere letzten Güterreserven anzugreifen und aufzuzehren. So stehen wir nun am Ende des Krieges als ein Volk von Bettlern. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß niemals der zahlenmäßige Reichtum in unserem Lande größer war als heute. Man springt mit Milliardenwerten um wie früher nicht mit Millionen. Während aber früher diese Millionen auf der festen Grundlage wirklicher Werte ruhten, während sie ein anderer Ausdruck waren für Bodenschätze und Verkehrs. mittel, für industrielle auf der Höhe der Technik stehende Anlagen, für im Land lagernde Rohstoffe, Halb- und Fertigfabrikate, für Erlös aus dem Transportgewerbe( siehe Hamburg- Amerika- Linie und Norddeutscher Loyd), für Zins. ansprüche an das Ausland, für werbende deutsche Auslandsunternehmungen oder in deutschem Besitz befindliche Auslandspapiere, sind sie heute zu einem nicht unwesentlichen Teil nichts anderes als Produkte einer gefälligen Notenpresse. Nach den Angaben des Stocholmer Professors Cassel verhielt sich die Beziehung zwischen dem Friedensnotenstand und dem vom Oktober 1918 mie 100 zu 440. m Oktober 1919 wie 100 zu 800. Aus dieser Feststellung erklärt sich unschwec der Tiefstand unseres Geldwertes im Ausland. Unschwer aber nicht restlos. Zu seiner Sentung trägt daneben die durch gewissenlose Schieber und Vaterlandsverräter auf Schleichtwegen bewerkstelligte Abschiebung großer Vermögen ins Ausland bei. Er ist ferner mitverschuldet durch das Treiben in- und ausländischer Spekulanten, die aus durchsichtigen, hier nicht zu erörternden Gründen ein Interesse daran haben, den Markfurs niedrig zu halten und ihn jeweilig wieder zu werfen. Wir sagten, daß in Friedenszeiten unser Notenumlauf durch Gold und andere Werte reichlich überdeckt war und die Noten Das waren, was sie immer einzig und allein sein sollten: eine Erleichterung des Austauschverkehrs, der Produktions- und Konjumtionsbedingungen durch bequeme Wertzeichen. Der heutige Tiefstand der ausländischen Schätzung dieser Wertzeichen entspricht aber trotz allem, was wir selbst geltend * Feuilleton Vergänglich find der Erde reichlte Gaben, nur, was wir außer dem Gebiet der Zeit Gewirkt als Geilter auf die Geifter haben, Das währt und bleibt in alle Ewigkeit. * Goethe. 11 gemacht haben, darum nur teilweise den Tatsachen, weil wir immer noch über ansehnliche volkswirtschaftliche Innemverte und ferner über etwas verfügen, das von je und das auch heute noch die unbedingte Anerkennung der ganzen Welt findet: unsere Arbeitskraft, unsere Wissenschaft und Arbeitstüchtigkeit. Hier gilt es anzuknüpfen. Von diesem Punkte aus muß das Problem der Geldentwertung, des damit gegebenen hohen Preisstandes aller lebensnotwendigen Gebrauchsgüter und des daraus folgenden Mißverhältnisses zwischen Einkommen und Auskommen der Lohn- und Gehaltsempfänger angefaßt werden. Henr. Fürth. Vorläufige Wirkungen des Frauenstimmrechts Als im Frühjahr 1914 in Belgien der sozialistische Wahl rechtskampf den herrschenden Merikalismus zum Einlenten zwang, erklärten sich die Klerikalen Parteihäupter zu einer neuen Wahlreform auf der Grundlage des gleichen Wahlrechts bereit unter der Bedingung, daß dann auch das Frau en stimmrecht eingeführt werde. Die schlauen Politifer wusten, warum. Gerade die Herital beherrschten Gebiete Belgiens find fulturell rückständig; die Schulbildung steht auf tiefer Stufe, bie Allgemein bildung ist erschreckend gering. Das Frauenstimmrecht würde unter solchen Umständen durchaus reaffionär gewirkt haben. Selbst in Deutschland beobachten wir trok seines zweifellos höheren Kulturstandes, daß die Verleihung des Stimmrechts an die Frauen zunächst den Rechtsparteien zugute kommt. Bei den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung wählten it mehreren Städten, darunter Köln und Bruchsal, Männer und Frauen in getrennten Lokalen, mit überraschender Schärfe zeigte sich, daß die Frauen zu einem viel höheren Prozentsatz den Mittel- und Rechtsparteien folgen als die Männer. Genau die gleiche Beobachtung wurde neuerdings bei den am 5. Oftober in Köln getätigten Stadtverordnetenwahlen gemacht. Bei einer Wahlbeteiligung von etwas mehr als 50 Pros. wählten 105 747 Männer und 97 012 Frauen. Davon wählten 8entrum: 34 000 Männer und 51 259 Frauen( 89,8 und Zu ihren Erholungen gehörte der Besuch von Kinkels Borlesungen über Kunstgeschichte. Neben Johanna Kinkel trat ihr Therese Pulsky sehr nahe, die mit ihrem Gatten den Mittelpunkt der ungarischen Emigration bildete. Gleich Johanna Kinkel trug sie das Los der Verbannung mit bewundernswerter Energie und beteiligte sich mit Eifer an der ungarischen Agitation. Bei ihr traf Malvida Kossuth, der aber durch den Nimbus, mit dem er sich selbst zu umFrauengestalten des 19. Jahrhunderts geben liebte, feinen günstigen Eindruck auf fie machte. Bo Bon Anna Blos, M. d. N. ( Fortsetzung) on tief eingreifender Bedeutung in Malvida von Meyfenbugs Leben war die Bekanntschaft mit dem Russen Alexander Herzen. Sein Buch„ Bom andern Ufer" hatte schon in Deutschland einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. „ Ein Feuerstrom lebendiger Empfindungen, leidenschaft licher Schmerzen, brennender Liebe, unerbittlicher Logik, beiBender Satire", das alles brauste ihr aus diesem Buch entgegen und beleuchtete ihr im erbarmungslosen Lichte der Wahrheit die Frühlingshoffnungen vom Jahre 1848 und ihre traurige Zerstörung. In Kinfels Haus traf sie zuerst mit ihm zusammen, und eine seltene Uebereinstimmung ihrer Gesinnungen stellte sich von der ersten Unterhaltung an Heraus. Dieses Finden verwandter Seelen brauchte fie, um ihr Leben erträglich zu finden, denn sie mußte hart arbeiten, um sich ein bescheidenes Dasein zu ermöglichen, um sich in den Sommerferien auszuruhen und um einen Sparpfennig übrig zu haben. Ihre Gesundheit litt unter der aufreibenden Tätigkeit des Stundengebens, aber sie fühlte sich immit ten der Strömung eines großen, politisch freien Lebens, und sie bewahrte sich die so schwer errungene innere Freiheit. Eine tief eingreifende Aenderung trat ein in dem Leben der Verbannten, als Herzen die Aufforderung an Malvida richtete, die Erziehung seiner mutterlosen Rinder zu leiten. Die tätige Freundschaft, die sie allen ihr Rahestehenden erwies, bestimmte sie, sich der Waisen anzunehinen und ihren Unterricht zu leiten. In Herzens Haus fand sie Gelegenheit, in freundschaftliche Beziehungen zu Joseph Mazzini zu treten, dessen Bescheidenheit in Haltung und Auftreten sie im Gegensatz zu Kossuth angenehm überraschte. Er irug den von den italienischen Fürsten so sehr gefürchteten Verschwörer niemals zur Schau. Während der Sommerferien, die Malvida am Meer ver brachte, vertiefte sie sich immer mehr in das Studium der weiblichen Erziehung. Heiß wünschte sie sich, ein weibliches Geschlecht heranbilden zu können, in dem alle sittliche Feigheit verschwände, das sich nur der fittlichen Freiheit unterwirst, indem es die Notwendigkeit einer sittlichen Weltordnung anerkennt." In einer eifrigen Korrespondenz mit Herzen entwickelte sie ihre Gedanken und erhielt von ihm manche wertvolle Anregung. Die Korrespondenz hatte zur Folge, daß Malvida nach ihrer Rüdfehr nach London ganz in das Herzensche Haus übersiedelte, um die Erziehung seiner Kinder und seinen Haushalt vollständig zu leiten. Beide 12 Die Gleich beit 60,2 Prozent), dagegen mehrheitssozialistisch 47 074 Männer urd 29 026 Frauen( 61,8 und 88,2 Proz.). Auch Auch bei der deutschen Volkspartei, den Demokraten und den Unabhängigen alle drei Parteien hatten medrige absolute 8ahlen waren die Männer stärker als die Frauen bertreten, wogegen die Deutschnationalen wieder einen stärkeren Prozentjah Frauen aufwiesen( 46,1 gegen 53,2 Prozent). Namentlich zeigt aber die Gegenüberstellung der für das Zentrum und die Mehrheitsfozialisten abgegebenen Stimmen, in wie startem Maße das Frauenftimmrecht das Zentrum begünstigt und die Sozialdemokratie fchädigt. Zum Glück dürfen wir überzeugt sein: nur vorläufig. Denn mit fortschreitender politischer Echulung werden. fich auch die Frauen von überkommenen Vorstellungen und geistigen Bindungen immer mehr zu befreien wissen; dann werden sie nicht mehr, wie heute noch, eine Stüße Hlerifaler und reaftionärer Politik sein. J. M. Mr. 2 Frankreich berechtigt, die Gebiete zu behalten, die früher von ihm annektiert wurden; nachdem die Eigentümer, denen sie einst genommen wurden, ihre Hände darauf gelegt haben. Die Franzosen beklagen sich bitterlich bei denen, die ihnen zuhören, daß sie BerTusten ausgesetzt sind, die ihre Ehre bedrohen, und sie bitten un aufhörlich und dringend das Volk, das arme Frankreich nicht zu entehren, seine Ehre unbefleckt zu lassen. Indessen, wird seine Ehre bewahrt bleiben, wenn Frankreich sich weigert, für das seinem Nachbar gebrochene Wort zu bezahlen? Die Tatsache ist, daß es seine Ehre verlor, als es das Wort seinem Nachbar brach, und nur seine tieje Neue und sein ehrlicher Entschluß, das Vergehen nicht zu wiederholen, kann sie wieder herstellen. Wir müssen mit aller Offenheit sagen, daß Frankreich sich niemals so finnlos, so fläglich, so verachtungs- und verdammungswürdig gezeigt hat wie in diesem Augenblick, wo es sich hartnäckig sträubt, den Tatsachen ins Gesicht zu blicken, und sich weigert, das Unglüd anzuerkennen, welches seine eigene Führung über es gcbracht hat. Ein Frankreich, das in völliger Anarchie aufgelöst ist, Minister, die feinen anerkannten Führer haben, die sich aus dem Eine englische Stimme über Frankreich Staub erheben in ihre Luftballons, mit denen sie als Ballast und Deutschland Der Socialist Review" entnehmen wir folgenden Artikel, den die„ Times" am Ende des Krieges 1870/71 veröffentlichten: „ In der gegenwärtigen Krise ist es nicht die Pflicht der Deutschen, ein tiefes Mitgefühl mit ihrem besiegten Gegner zu zeigen und ihm großmütig zu vergeben. Die Frage ist vielmehr eine einfache Sache des Geschäfts und der Klugheit: Was wird der Feind nach dem Kriege tun, wenn er seine Stärfe wiedererlangt hat? Das englische Volf hat nur eine schwache Vorstellung von den zahlreichen grausamen Lehren, die Deutschland von Frankreich wäh rend der letzten Jahrhunderte erhalten hat. Während 400 Jahren hai kein Voit solch schlechte Nachbarn gehabt, wie Deutschland sie in den Franzosen fand, die stets ungesellig waren, unversöhnlich, gierig nach Land, sich nicht schämten, es zu nehmen, und ewig bereit, zum Angriff überzugehen. Während dieser ganzen Zeit ertrug Deutsch land die Eingriffe und Widerfäßlichkeiten Frankreichs. Jetzt, wo es den Sieg errungen und seinen Nachbar besiegt hat, wäre es unserer Meinung nach sehr töricht von ihm, wenn es die Gunst der Lage nicht wahrnehmen würde, um für sich eine Grenze zu erwerben, die ihm für die Zukunft den Frieden zu sichern verspricht. Soweit wir wissen, gibt es fein Gesetz in der Welt, das gingen diesen Vertrag als freie, gleichberechtigte Menschen ein mit voller gegenseitiger Freiheit". Es war nach Malvidas Schilderung„ ein ideales Zusammenleben". Die Kinder Herzens fanden in Malvida eine Mutter, die an Liebe und Pflichttreue von der eigenen nicht übertroffen werden konnte. Herzen fand eine feinsinnige Gefährtin, die seinen verwaisten Haushalt ausgezeichnet leitete, die tiefes Verständnis besaß für seine geistigen Interessen, die es mit feinem Zakt verstand, die verschiedenen Elemente, die bei ihm verkehrten, zu verbinden und anzuziehen. Vor allem waren es ihre pädagogischen Studien, die sie nun in das praktische Leben übertragen konnte. Ihre Zöglinge zu Persönlichkeiten zu erziehen, ihnen eine freie und schöne Bildung zu geben, dieses Ideal suchte sie zu erreichen. Die jungen Menschen mit schönen Eindrücken zu umgeben, ihnen borleuchten mit edlen, erhabenen Beispielen und im übrigen die Natur ihren Gang mit innerer Notwendigkeit gehen laffen, ohne sie zu stören, darin sah sie die Weisheit der Erziehung, die aus den Athenern einst Lieblinge der Götter gemacht hatte." Die heiße Sorge um den Charakter, die volle Entwicklung aller Fähigkeiten, die Sehnsucht, in den jungen Leben die eigene Unsterblichkeit zu erleben, das, was in uns als Ideal gelebt, in ihnen hervorzurufen, das Hüten der jungen Seelen, sie zur Erfenntnis eigenen Bewußtseins zu wecken, dies höchste Ideal der Mutterliebe schenkte sie den ihr anvertrauten Kindern. Verschiedene interessante Persönlichkeiten traten ihr in dieser Zeit näher. Louis Blanc z. B. war ein häufiger Gast des Herzenschen Kreises. Sie schildert ihn als einen liebenswürdigen, aber eitlen Menschen. Sympathischer war ihr Barthélemy, ein französischer Arbeiter, der in den Junitagen 1848 mit 2öwenmut auf den Barrikaden gekämpft schmachvolle und offenbare Lügen und Bekanntmachungen fort fchaffen von Siegen, die es nur in ihrer Einbildung gibt, eine Regierung, die durch Lug und Betrug aufrechterhalten wird und die es vorzicht, die Vergeudung menschlichen Lebens fortzusetzen und zu vermehren, anstatt auf ihre eigene Diftatur und ihre wunders volle Utopie einer Republif zu verzichten; das ist das Schauspiel, das Frankreich Heute bietet. Es ist hart zu sagen, ob jemals ein Volk zuvor sich mit einer solchen Schandlast belud. Die Zahl der Lügen, die Frankreich offiziell und inoffiziell für uns angefertigt hat mit vollem Pewußtsein, daß es Lügen sind, ist schrecklich und einfach beispiellos. Vielleicht ist es trotz alledem nicht viel im Vergleich zu der unermeßlichen Zahl von Täuschungen und unbewußten Lügen, die so lange unter den Franzosen in Umlauf waren. Ihre genialen Männer, die als solche auf allen Gebieten der Literatur anerkannt sind, find augenscheinlich der Meinung, daß Frankreich die anderen Völker an übermenschlicher Weisheit überstrahlt, daß es das neue Zion der ganzen Welt ist und daß die literarischen Erzeugnisse der Franzosen während der letzten fünfzig Jahre-wenngleich geschmacklos, ungesund und oft wirklich teuflisch, ein wahres Evangelium enthalten zum Segen für alle Menschenfinder. Wir glauben, daß Bismard so viel von Elsaß- Lothringen nehmen wird, wie er will, und daß dies das beste für ihn, das beste hatte und dafür im Eril büßte. Sie bewunderte seine harmonische Durchbildung, sein taftvolles Benehmen. Er wurde später wegen eines Mordes hingerichtet, was Malvida qualvolle Stunden bereitete. Bon den italienischen Emigranten jab sie häufig Sassi, den Genossen Mazzinis, den sie als literarisch hochgebildeten, poetischen, träumerisch- melancholischen Menschen hochschätzte. Weit tieferen Eindruck aber machte Garibaldi auf fie, der, noch von dem Glanze seiner heldenmütigen Verteidigung von Nom 1849 umgeben, in London wieder als einfacher Schiffsfapitän erichien.„ Seine Erscheinung war wie der stille Zauber eines schönen Tages," schreibt sie. Er flößte das tiefe Vertrauen eines Menschen ein, bei dem nie zwischen Rede und Tat ein Zwiespalt obwalten fonnte, und obgleich sein Name schon damals neben dem Mazzinis der berühmteste war in Italien, war fein Auftreten einfach und anspruchslos. Sie besuchte ihn auch auf seinem Schiff, das einer kleinen schwimmenden Republit glich. Auch Freunde aus Deutschland suchten Malvida auf, und durch die schöngeistige Entwicklung ihrer Zöglinge, das harmonische Leben, das sie zu führen imstande war, empfand sie, daß sich ihr im Eril eine neue liebe Heimat aufgetan hatte. Von größtem Interesse war für sie die Ankunft Nichard Wagners, der nach London kam, um dort einige Konzerte zu leiten. Sie hatte schon in Deutschland verschiedene feiner Schriften studiert, auch die Texte zu Lohengrin Tannhäuser und den Ring der Nibelungen gelesen. Die„ Bollendung und Erlösung durch die Seunst" schien ihr in Wagners Genie ermöglicht, und sein Konzert schloß ihr die geheimnisvolle Sprache der Tonwelt auf. Wagner zeigte sich bei seiner ersten Begegnung mit Malvida kühl und zurückhaltend. Die warme Freundschaft, die sie mit ihm verband, Nr. 2 Die Gleich beit für uns, das beste für die ganze Welt sein wird, Frankreich ausgenommen, und auf die Tauer auch das beste für Frankreich selbst. Durch starte und ruhige Maßnahmen erstrebt Graf Bismard mit außerordentlichem Geschick eine einzige Cache: die Wohlfahrt Deutschlands und der Welt; des großempfindenden, friedliebenden, aufgeklärten und rechtschaffenen Bolts Deutschlands, das zu einer Einheit zusammenwächst; und wenn Deutschland die Herrin des Festlandes an St: le von Frankreich wird, das leichtherzig, ehrgeizig, streitfüchtig und überaus reizbar ist, wird dies das wichtigste Ereignis der Gegenivart fein, und die ganze Welt muß hoffen, daß es bald dahin kommt. Die politische Bedeutung dieses Wechsels der Lage fann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gine riefige Umwälzung( Revolution) ist in Europa vollendet, und alle unsere althergebrachten Ueberlieferungen find plötzlich veraltet. Niemand kann die Beziehungen voraussagen, die zwischen den Großmächten entstehen werden, aber es ist leicht, die Tendenz dieser Zeitspanne, in die wir eben eintreten. in ihren großen Zügen zu sehen. Da wird ein starkes und einiges Deutschland sein, an dessen Spitze eine Familie steht, die die Interessen des deutschen Vaterlande und seines militärischen Rufs vertritt. Auf der einen Seite stößt dieses Deutschland an Rußland, einer starken und wachsamen Macht, auf der andern Seite an Frankreich, das entweder ruhig die Zeit abwarten wird, in der sein Sandial sich noch einmal verändert, oder vor Rachheburst brennend im Hinter Halt liegen wird, um auf die günstige Gelegenheit eines Angriffs zu warten. Es wird für lange Zeit gewiß nicht in der Lage sein, die große Rolle wieder aufzunehmen, die es in Europa gespielt hai, die ihm eingeräumt wurde während der glänzenden Zeit der napoleonischen Wiederherstellung. Was England anbetrifft: anstatt wie bisher zwei starke Militärmächte auf dem Festland zu haben, mit einem Volk zwischen sich, dessen Kräfte zersplittert und unvorbereitet für einen Kampf find, welches in jedem Augenblick vernichtet werden kann, wenn dieje übermächtigen Gewalten sich einigen, würden wir eine fräftige Schranke in der Mitte Europas haben, die geeignet ist, das ganze Bauwerk zu verstärken. Die politischen Hoffnungen der früheren Geschlechter englischer Staatsmänner find nicht erfüllt worden. Sie alle wünschten eine Starke, zentrale Macht; sie wirtten dafür im Strieg sowohl wie im Frieden, durch Verhandlungen und Verträge, bald mit dem Karjer reich, bald mit der neuen Macht, die aus dem Norden aufstieg. Zndatiert aus späteren Jahren. Aber sie lernte bei dem Zu sammentreffen in London durch Wagner die Grundgedanken des Philosophen kennen, dessen Richtung ihr Leben beeinflußte. Sie hatte Schopenhauer in Frankfurt gesehen, aber feine Werke noch nicht gelesen. Der Satz von der Verneinung des Willens zum Leben traf sie mit besonderer Macht, wie ein Rätsel, vor dessen Lösung sie nicht zurückschrecken dürfe und dessen Verständnis in ihr vorbereitet läge. Ihre philosophischen Anschauungen standen von da ab im Banne Schopenhauers. Die innere und äußere Klärung verlieh Malvidas Wesen einen so unendlichen Zauber, eine so edle Harmonie, daß 28 nicht übertrieben war, wenn Johanna Rinkel nach einem Besuch bei ihr, bei dem sie Zeuge ihres segenspendenden Waltens war, ihrem Empfinden mit den Worten Ausdrud gab:„ Es war mir ganz, ale träte ich in ein fleines Himmelreich." Aber die Wolfen sollten diesem Himmelreich nicht fernbleiben, Malvidas bewegtes Leben sich noch nicht ruhig gestalten. Ihre Beziehungen zu Herzen waren durch das enge Zusammenleben, durch die Liebe zu seinen Kindern, durch die gemein. famen Interessen immer inniger geworden. Sie spricht es nie aus, daß fie ihn geliebt hat, aber ihr reiches großes Herz hat sich wohl ganz dem Manne zugewandt, der ihr so viel Be winderung einflößte, und der ihr sein höchstes Gut, seine Sinder anvertraut hatte. Ihre Stellung in seinem Hause blieb aber nicht unangefeindet. Es drängten sich Fremde zivischen fie und Herzen, der eine eigentüinliche Schen vor energischem Auftreten besaß. Man mischte sich in ihre Erziehungsprinzipien, in die von ihr geführte Hausordnung, und gerade weil Malvida ihre Pflichten nicht als geschäftliche, sondern als innerste Herzenssache betrachtete, konnte sie diese Einmischung auf die Dauer nicht ertragen. Sie mußte zu ihrem Schmerz 13 Bon diesem Tage ab muß Deutschland zur Wirklichkeit machen, was lange Zeit nichts mehr als ein politischer Gedanke ge= wefen ist." Alles, mas in diesem Artikel gesagt ist, haben wir nach unserer Niederlage so oft gehört, nichts hat sich in fast 50 Jahren in der englischen Chauvinistenpresse geändert, nur die Adresse, an welche solche Liebenswürdigkeiten sich richten. Der Erfolg entscheidet in der kapitalistischen Weltordnung. mit welchen Opjern er erlauft wird, tommt nicht in Betracht. Erst der Sozialismus wird Menschentum und Menschenleben als Höchstes werten, und nur er wird uns vor neuen Kriegen, die um der Vorherrschaft willen geführt werden, bewahren. Wenn die breiten Massen in allen Ländern zu dieser Erkenntnis kommen, wird der Völkerversöhnung - trotz aller Striegsheber hüben und drüben der Weg gebahut werden. Zur Religionsfrage Obwohl der folgende Aufsatz in wesentlichen Bunften von unserer Auffassung abweicht, glauben wir auch dieser Meinung das Wort geben zu sollen. Die Redaktion. Das Erfurter Programm der Sozialdemokratie erklärt die Refigion zur Brivatangelegenheit. Darin könnte der höchste Grad von Toleranz liegen, d. h. Ehrfurcht vor der heiligsten, innersten Ueberzeugung jedes Menschen. In Wahrheit aber hat sich eine starte Kirchenfeindschaft, ja Religionsfeindschaft innerhalb der Sozialdemokratie entwidelt. Nun soll in feiner Weise geleugnet werden, daß zahlreiche Vertreter der Kirche selbst einen großen Teil der Schuld an den: gegenwärtigen Zustand tragen. Alle wahrhaft religiösen Menschen werden ihren inneren Seelenzustand in dieser Hinsicht als Gnade, als den größten seelischen Schatz ihres Lebens empfinden. Bei den religionslosen Menschen aber ist es vielfach üblich, mit etwas spöttischem Mitleid auf die religiösen Naturen herabzusehen, sie für beschränkt zu halten und doch sind die religiösen Menschen innerlich die Reicheren, ja, fie haben eben den Sinn für das Unerforschliche über uns vor den andern voraus. Der Sozialdemokrat Baul Göhre, ehemaliger Pfarrer, fennzeichnet den Unterschied zwischen dem religionslosen und dem religiösen Menschen in folgender Weise*): Dieser weiß *) In seiner Bekenntnisschrift:„ Der unbekannte Gott." erkennen, daß das Geben nicht vollkommen gegenseitig, daß; Herzen nicht der Mann war, ihr seine Freunde zu opfern, un ihre Stellung dadurch erträglich zu machen. Die bewunderns werte Energie, die ihr in allen Lebenslagen eigen war, verließ sie auch jetzt nicht. Mit blutendem Herzen riß sie sich los von dem Hause, das ihr eine zweite Heimat geworden, und von neuem begann der harte Kampf um die Existenz, doppelt hari, da sie wieder einsam geworden, nachdem sie das Glück der Heimat kennen gelernt. Die Bitterkeit, daß es von der anderen Seite zu dieser Trennung hatte kommen fönnen, kämpfte mit dem Schmerz um das verlorene Glid. Mit aller Macht suchte sie in der Arbeit Trost zu finden und wandte sich der schriftstellerischen Tätigkeit zu. Dem Reichen, auch wenn er das Geliebteste verloren, bleibt noch der Trost, dem Verlorenen einen Tempel zu bauen", schreibt sie resigniert in dieser Zeit, ihm bleibt die Macht, fremde Tränen zu trocknen. Dem Armen, dessen Herz blutet, was bleibt ihm, als die innere Arbeit der Resignation, die unter dem Druck des äußeren Taglöhnertums nur zu oft zur Tantalusarbeit wird." Das Benehmen Alexander Herzens, den Malvida weit über schätzt hat, kommt bei ihr mit einem allzu leichten Tadel da von. Andere haben diese Persönlichkeit in ein richtigeres Licht gerückt. Auch die traurige Erfahrung, daß sich manche ihrer Freunde abwandten von ihr, um den Vorteil des gastfreien Herzenschen Hauies weiter zu genießen, blieb ihr nicht erspart. Andererseits erleichterte aber gerade trene Freundschaft ihe die Zeit der Einsamkeit. Große bedeutende Menschen können nicht in unser Leben eintreten, ohne eine Spur zu hinterlassen, das erfuhr auch Malvida. Der innige Verkehr mit Kinkels. Freiligrath, dem Kunsthistoriker Professor Springer, mit Mrs. Gaskell, der Verfasserin des vielgelesenen Romans Mary Barton", mit Mazzini, halfen ihr, das schöne Gleich 14 Die Gleichheit nur von einer mit den Sinnen wahrnehmbaren Welt, jener sucht noch eine Macht hinter ihr." Religiöses Empfinden und religiöses Erleben lassen sich nicht geben, vielleicht auch nicht anerziehen. Aber man darf dem Menschen auch nicht den Weg zum immern Reichtum der Religiosität von vornherei zu versperren suchen. Dies geschieht aber mit der Agitation für die Abmeldung der Kinder vom Religionsunterricht. Ich kenne Persönlichkeiten, die in einem völlig religionslosen Hause aufgewachsen sind, in denen sich aber im Laufe ihres späteren Lebens eine tiefe Religiosität entwidelte, fie fönnen es noch heute ihren Eltern nicht ver= geben, daß sie sie ohne Religion, also nach ihrem jetzigen Erkennen innerlich arm, bettelarm aufwachsen ließen! Das noch harten parteipolitischen Kämpfen zustandegekommene Schulfompromiß ist nach meiner Meinung der übelste Punkt unserer neuen Verfassung. Es fann nur zum Unfrieden, ja zur Bersehung führen, wenn die Stämpfe un die religionslose oder die fonfessionelle Schule durch das Abstimmungsrecht der Erziehungsberechtigten nun in jede Gemeinde, in jeden Bezirk, ja in jedes Haus getragen werden! Meiner Meinung nach wäre die beste Lösung der Schulfrage etwa folgende gewesen: 1. In der Schule selbst wird wöchentlich eine Stunde religionsgeschichtlicher Unterricht auf neutraler Grundlage erteilt; 2. die Schule stellt jedoch Raum, Zeit und auch die Besoldung der Lehrkraft zur Verfügung für eine zweite Wochenstunde, in der die Kinder je nach dem Be fenntnis der Eltern Religionsunterricht im Bekenntnissinn er halten; 3. die Eltern sind verpflichtet, ihre Kinder an beiden Religionsstunden teilnehmen zu lassen. Satz 1 und 2 entsprechen ungefähr bem Schulprogramm, wie es in bezug auf den Religionsunterricht von der deutschdemokratischen Partei vertreten wurde. Mit dem Wunsche, die Eltern zu verpflichten, gehe ich über dies Programm hinaus. Ebensowenig wie ein Elternpaar sein Sind vom Unterricht der Grundschule fernhalten darf, ebensowenig wie es sein Stind förperlich verfümmern lassen darf ebensowerig darf ein Elternpaar sein Kind seelisch verkümmern lassen, indem es ihm den Weg zur feelischen Bereicherung durch die Religion versperrt. Eine größere Freiheit als bisher möchte ich den Eltern nur insofern in bezug auf den Religionsunterricht der Kinder zugeftehen, als für die Wochenstunde des bekenntnismäßigen Unterrichts nicht nur die großen Religionsverbände der Katholiken, Evangelischen und Juden in Betracht kommen sollen, sondern auch die kleineren Gemeinden einerseits die Freireligiösen, anderer gewicht der Seele wiederfinden und innerlich immer mehr zu wachsen und sich zu veredeln. Mazzini namentlich zeigte sich von einer Seite, die man an diesem Manne wenig fannte. Ju zarter, freundschaftlicher Weise nahm er sich der Verlasse nen an, ihren Freund und Berater nannte er sich und in all feine Pläne weiht er sie ein. Sie war eine fleißige Mitarbeiterin seines revolutionären Journals. Durch ihre Vermittlung schrieb auch Lothar Bucher, damals noch radikaler Demokrat, später die rechte Hand Bismards, für dieses Jour nal. Mazzinis Einfluß bewog Malvida zu dem Versuch, unter den deutschen Arbeitern in London für die Ideen des republitanischen Verschwörers zu agitieren. Damit erlebte fie, wie sie selbst wehmütig schildert, einen vollkommenen Mißerfolg. Sie behauptete, von den Arbeitern nicht verstanden worden zu sein, aber es war wohl umgekehrt. Die Arbeiterwelt war ihr fremd. Mazzini verwarf bekanntlich den Klassenkampf, und feine Republik war eben eine Bourgeoisrepublik, die man den Arbeitern nach der Junischlacht von 1848, in der sie von der Bourgeoisrepublik so blutig niedergeworfen worden waren, nicht als das Ziel einer sozialen Bewegung hinstellen konnte. Mit dem modernen Sozialismus und seiner Fortentwicklung hatte sie sich wohl noch weniger als Mazzini selbst beschäftigt. Sie gab die politische Propaganda unter den Arbeitern auf, und sie tat wohl daran. Eine empfindliche, nicht auszufüllende Lücke riß in diesen Freundeskreis der so unerwartete Tod Johanna Rinkels. Malvida war eine der ersten, die dafür eintraten, daß Johanna ihrem Leben nicht freiwillig ein Ende gemacht haben könne. Sie war mit unter den vielen Leidtragenden, die Johanna Kinkel auf ihrem letzten Wege geleiteten, auch eine jener Bersprengten, die die deutsche Frau im fremden Band begruben. Mr. 2 feits aber auch die strengeren Geffen der Quäfer, Mennoniten, Gemeinschaftschriften das Recht zur Erteilung des Religions unterrichts auf Wunsch der Eltern haben sollen. Bei dieser RegeTung würde sowohl der freiheitliche Gedanfe wie das Recht des Kindes auf Religion zur Geltung gekommen sein. In der Gleichheit" las ich neulich ein inniges Wort, das allen Müttern tief ans Herz greifen wird:„ Es muß wieder Frieden werden in den Seelen unserer Kinder" Die Verfasserin wandte sich mit Recht gegen das Hineintragen der parteipolitischen Agitation in die Schule. Aber wir gefährden den Frieden in den Seelen unserer Kinder vielleicht noch viel mehr, wenn wir sie in den Streit um den Religionsunterricht in der Schule hineinstoßen. In mir stieg beim Lesen aber noch ein anteres Wort vom Frieden auf, von einem Frieden, den ich allen Kindern wünsche, ja, den wir alle, alle mehr wie je gebrauchen nach all der Qual und Zerrissenheit der letzten fünf Jahre. Es sind die ergreifenden Heilandsworte aus dem Johannisevangelium: Den Frieden lasse ich Euch, meinen Frieden gebe ich Euch." Wer einmal diesen Frieden in seinem Leben erfahren hat, der fühlt sich innerlich so geborgen. innerlich so reich, daß er allen Menschen zu einem ähnlichen Glück verhelfen möchte. Unter den Leserinnen der„ Gleichheit" sind gewiß viele, denen noch kein stacles religiöses Erleben zuteil geworden ist. Aber gerade auch an sie ergeht mit diesem Aufsatz die Bitte:„ Versperrt Guren Kindern, denen Ihr doch alles, alles Gute zufügen möchtet, nicht den Weg zu diesem innern Seelenfrieden, wie ihn nur die Religion zu geben vermag." Und auch den Müttern selbst möchte ich von Herzen toünschen, daß sie den Weg zu diesem Frieden suchen und finden möchten. Zwischen Religion und Sozialismus ist fein Gegensatz, der ist nur durch die Fehler von beiden Seiten( Kirche und Partei) hineingetragen worden. Es mehrt sich aber- namentlich unter den jüngerer Theologen die Zahl der Geistlichen, die mit aller Hingabe um die Seele des Boltes ringen und Verständnis für den Sozialismus befunden. Unser Volk wird, durch schwere Schicksalsschläge bezwungen, für Jahrzehnte durch bittere Not und tiefes Glend wanbern müssen. Möchte ihm in diesem Dunkel das Licht echter, tiefer Religiofität aufgehen, dann werden wir trotz äußerer Verarmung innerlich viel, viel reicher sein als in der durch und durch materialistischen Zeit zwischen 1870 und 1914. Else Lüders. Inzwischen fam das Jahr 1859 heran, und die italienischen Patrioten kehrten in ihr Vaterland zurück, um sich an dem Unabhängigkeitskampf Italiens zu beteiligen. Dadurch kamen bittere Trennungen für Malvida. Auch von Herzen trennte sie sich ein zweites Mal, nachdem sie einen vergeblichen Verjuch gemacht, ihre frühere Stellung in seinem Haus und bei seinen Kindern wieder auszufüllen. Dazu kam die Sorge um ihre immer schwächer werdenden Augen, die eine Erblindung fürchten ließen. Wie furchtbar wirfte diese Herzensöde auf sie, um so furchtbarer, da ihr körperliches Gebrechen den Geist hinderte, seiner Arbeit zu leben und so das erschütterte Gleichgewicht wieder herzustellen. Ich hatt' so Heimweh... Von Martha.Role Thomas ( Schluß folgt) Ich hatt' fo Heimweh nach den grünen Feldern, Dem Tannenraufchen in den Heimatwäldern, Ich hatt' fo бeimweh! Wie ein Bettelkind Lief ich den Wolken nach, dem Sonnenwind Und dacht, fie müßten mich nach Haufe bringen.Und lief und lief. Tiit mir ein irres Träumen, Als hätt' ich Wunderfüßes zu verfäumen. Und wußte doch: Ift alles Lug und Schein, Zur Fremde kehrit du, nimmer aber heim; Läufft du die Füße dir auch wund und müde, Er winkt dir nicht, der goldne Beimatfriede. Stumm kehrt' ich um- und meine Seele- weinte. 97r. 2 Die Gleichheit Zwölf Tage im Erzgebirge Die Arbeiter und Arbeiterinnen der S.- S.- Werke hatten, wie schon borher andere große Berte, eine Sammlung zugunsten der notleidenden Bevölkerung des Erzgebirges veranstaltet. Auch die Beamtenschaft und Direktion hatten zu dem Liebeswerke geftiftet, und ferner Nürnberger Firmen und deren Arbeiter Waren und Geld zur Mitnahme bereitgestellt. Bon den Summen wurden Lebensmittel und Bekleidungsgegenstände gefauft und diese durch die gewählte Kommission, bestehend aus vier Personen, welcher fich dann noch zwei Frauen aus der Fabrikpflege der SiemensSchuckert- Werte anschlossen, sowie ein Herr der Fränkischen Schuhfabrik nach dem Erzgebirge gebracht und dort persönlich an die Bedürftigsten verteilt. Biel ist schon über die Not der armen Erzgebirgler gesprochen und geschrieben worden, aber wer das geschaut hat, was diese Kommission sah, der kann und soll nicht aufhören, in die weitesten Schichten der Bevölkerung hinein: Helft! Helft! au rufen. Wer von uns, die wir ja auch unter den obwaltenden Verhältnissen litten und noch leiden, fönnte sich nur annähernd ein Bild von diesen oft grauenerregenden Zuständen des Jammers und des Elends machen. Namentlich im böhmischen Erzgebirge, das jetzt zum Tschechoslowakischen Staat gehört, boten sich Bilder von Verkommenheit und Armut, die die eindringlichste Schilderung noch weit in den Echatten stellen. Jedermann weiß, daß nur die Hoffnung den Menschen in schweren Tagen aufrechterhält, und man stelle sich diese Menschen vor, halb nadt, frierend, in einem Stall fampierend, ohne Licht, ohne Heizung, seit Jahren nur von Kartoffeln und Rüben lebend, ohne jede Verdienstmöglichkeiten, in vollständigster Hoffnungslosigkeit dem langsamen Hungertode entgegensehend! Die mit thachilischen Köpfen, Wasserbäuchen, frummen Beinchen, mit Ausschlag und Ungeziefer bedeckten Kinder, die halb nadt im Stroh liegen, sterben schnell, Erwachsene langsamer an Hungerödem! Ganze Familien und Teile von Ortschaften sind dem Hungertode verfallen und ausgestorben. Die Ortschaften sind selbst arm und auch die sogen. Wohlhabenden dort können nur schwer das Nötigste beschaffen und geben stets noch, zu ihrer Ehre sei es gesagt, von dem We migen, das sie haben, ab. Und nun bedente man, daß es Men= schen sind, die so haufen! Kinder von Menschen, deutsche Menschen, Mütter, die hilf- und tatenlos dabeis stehen und zusehen müssen, daß ihre Kinder wie sie selbst langsam Hungers sterben. Kinder, Ehefrauen, Männer, Eltern, Menschen mit Liebe und Güte im Herzen. die einander lieben und sich beistehen möchten und vor Hunger fich gegenseitig verzehren könnten! Und es ist ein deutsches Land, das sich ein Kulturland nennt, in dem solches möglich ist, ein Kulturland, in dem es noch ganze Bevölkerungsfreise gibt, die trob aller Schwere der Zeit vor Uebermut nicht aus noch ein wissen, die Lugus treiben wie nie zuvor. Die Kommission bat 12 Tage ihres Amtes gewaltet. Sie ist im tiefften Schnee und Regen und allen Unbilden der dortigen Witterung tropend, bergauf, bergab in die weit auseinanderliegenden Heimstätten der Armut gegangen und hat Trost und Hilfe in manch verzweifeltes Menschenherz getragen. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur gesammelt zu haben und die Sammlung zu überbringen, lie wollte felbst di: Gaben in die Hände derer legen, deren Not am lautesten um Hilfe schrie. Das hat sie getan und hierdurch sind ihr auch diese furchtbaren Zustände offenbar geworden. Wie vom Himmel fielen die Gaben, unerwartet und unangemeldet, den Wermsten in den Schoß. Hätten doch recht viele Beuge sein fönnen von diefer unaussprechlichen Dankbarkeit, nicht nur der hungernden Bevölkerung, nein auch der gemeindlichen Beamten, Lehrer und Geistlichen, welche treu und aufopfernd zu ihren Gemeindemitgliedern stehen, viel Not mit ihnen teilen, aber nichy Macht und Mittel genug befizen, durchgreifend zu helfen. Trok allen Dantes aber und trotz der tiefen Nührung, die die hundertfachen Segenswünsche von allen Seiten auslöften, mußte man fich traurigen Herzens fagen, wie lange wird die gebrachte Hilfe anhalten? Die Kommission der Arbeiter der SiemensSchudert- Werke brachte biel! Es war den meisten der Armen ganz unbegreiflich, daß sie nun mit einem Male ganze Sörbe voll Suppen, Reis, Raffee, Mepfel, ferner für Stranke, alte Leute und Kinder Milch, Kakao und Bein, für Klein und Groß Stiefel, Strümpfe und Bekleidungsgegenstände mit nach Hause nehmen durften; aber wie wird es jetzt schon nach kaum 14 Tagen, wieder mit der Versorgung dort aussehen? Ein kurzer Lichtblid nur war es im Leben diefer armen Menschen! Um hier richtig und überall zu helfen, wären ähnliche Erpeditionen mindestens allmonatlich vonnöten! Dann fönnte man in Jahresfrist vor der Tatsache 15 stehen, daß sich diese Menschen zu neuem Leben aufgerafft haben und an die Möglichkeit denken könnten, sich auf Grund zu schaffender Arbeitsmöglichkeiten selbst durchs Leben zu bringen. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, daß immer neue Kreise sich zur Hilfe aufammenschließen, und jeder einzelne sein Scherflein dazu beizusammenschließen, und jeder einzelne sein Scherflein dazu beiträgt. Frau Clementine öppel, Fabrikpflegerin der Siemens- Schuckert- Werke. Aus unserer Bewegung Am 17. Dezember fand in Berlin im Saale des LehrervereinsHauses eine Weihnachtsbescherung statt, welche die Dänischen Ge werkschaften denjenigen Kindern bereitet hatten, die bis jetzt zur Erholung in Dänemark gewesen find. Die ganze Feier fügte fich ganz dem Rahmen großzügige: Menschenliebe ein, welche die dänischen Genossen den Kindern des besiegten Deutschland erweisen. Besonders schöne und warme Worte fard der Genosse Andersen, Kopenhagen, als er den Kindern die Grüße der dänifchen Gespielinnen überbrachte, und unser Genosse We18 vom Parteivorstand, als er die Kinder aufforderte, ein Hoch auf Dänemart auszubringen, das über die ganze große Ostsee fchallen solle, damit den dänischen Epielfameraden in diesem Augenblic beide Ohren llingen. Ein fleines Mädchen sprach den nachstehen den Weihnachtsgruß an Dänemark" von Emma Dölk, welcher ausspricht, was wir alle empfinden. Weihnachtsgruß an Dänemark. Fünf Jahre ward der Haß gefät, Der bittre Früchte hat getragen, Wie hat die Brante, die er hob, So tiefe Wunden uns geschlagen. Schlich nicht das Leid in jedes Haus, Klopft nicht der Schmerz an jede Tür; Da draußen sät und mäht der Tod, Und Not und Glend herrschten hier. So manche treue Waterhand, Die sonst zur Weihnachtszeit im Haus Den grünen Tannenbaum geschmüdt, Ruht jetzt in fremder Erde aus. Und mancher, der gebrochen kam Aus all dem Höllengraus zurüd, Weiß nichts in dieser schweren Zeit Von Freude oder Weihnachtsglüd, Doch mitten in der dunklen Nacht Englüht ein Feuer hell und heiß Die Menschenliebe ist erwadyt, Die nichts von Haß und Rache weiß. Die leuchtet über Land und Meer Und heilt die Wunden leis und lind Und zieht die Kinder an ihr Herz, Die Kinder, die die Zukunft sind. O meergewiegtes Dänemark, Wie bist du in der Liebe groß! Manch jämerzdurchfurchtem Mutterhers Erleichterst du das schwere Los. Du nahmst die Kinder an dein Herz, Du säugteft fie mit deiner Kraft; Ein heilig Ruhmesdenkmal ist's, Was du in Liebe dir erschafft. Nun steht bereint die Kinderschar, Die durch dich froh geworden ist, Die du zur lieben Weihnachtszeit In ihrer Heimat nicht vergißt. Und wenn fie längst erwachsen find, Der Menschenliebe warmer Schein Durchsonnt ihr spät'ftes Alter noch; Das soll der Dank der Kinder sein. * Emma Döl. Es gibt Mütter, die ihren Kindern etwas fein wollen, und Mütter, denen ihre Kinder etwas lein follen, und Mütter, die an keins von beiden denken. K. 17. Verantwortlich für die Redattion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckeret. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G, m. b. S. fämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3 16 Wie ein Wunder ne eitigt S.-R. Dr. Strahl's Haussalbe eden Hautaus schlag, Flechten, Hautjucken, besond. Beinschaden, Krampfadern der Frauen und dergi.. in Originaldosen 6,25, 9,75 erhältl. in der ElefantenApotheke, Bin.204> W.19. 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