Nr. 4 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus Die Gleichheit erscheint wöchentlich Prets: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Voit bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart Berlin 24. Januar 1920 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplag 14740 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Nicht weiter Der Friede ist am 10. Januar von der Entente ratifiziert worden; d. h. er tritt in Kraft! Die Hunderttausende der Frauen und Männer, welche über ein Jahr lang nach Aufhören des Krieges die Seelenqual des Wartens auf die Heimkehr ihrer Lieben durchmachen mußten, fühlen zunächst nur Erlösung.- Alles andere schaltet aus. Und das ist so verständlich; das ganze Volf trug mit an ihrem Leidund das ganze Volk empfindet Erleichterung, daß diese Schmach nun zu Ende. Aber an das Schwere, was nun von neuem beginnt, an das Erfüllenmüssen dieses Friedens" denken so wenige. Und doch werden die Lasten auf unser aller Schultern fallen und die wirtschaftlich Schwächsten werden sie am drückendsten empfinden. Und erfüllt werden müssen die harten Bedingungen; wir haben sie unterzeichnet und die Entente hat die Machtmittel, uns zu zwingen. Jeder Widerstand von unserer Seite würde die Stricke, die uns fesseln, nur tiefer ins eigene Fleisch schneiden lassen, und darum ist es Dummheit, Wahnsinn oder Verbrechen, wenn solche Auflehnung von irgendeiner Seite gepredigt wird. Wir müssen den Vertrag halten und dabei versuchen, der Bernunft im Lager der Entente Gehör zu verschaffen, damit er im Laufe der Zeit geändert wird. Es gibt nur diesen mühseligen und schweren Weg zur Abwendung des 30jährigen Frondienstes. Nur unsere Arbeit kann uns wieder zu einem wirtschaftlich freien Bolt werden lassen. Und darum ist jeder Versuch, unser Wirtschaftsleben lahmzulegen ob er von den Arbeitern oder von den Unternehmern kommt eine schwere Schädigung des einzelnen und der Gesamtheit. Das Streifrecht muß die blanke und beste Waffe der Arbeiterschaft bleiben, aber gerade deshalb darf es nicht mißbraucht, darf es nur als letztes Mittel, wenn alle anderen versagt haben, zur Anwendung kommen. Verträge, Verhandlungen, Verständigung! So fordern wir es im Völkerleben. Und so müssen wir es fordern und erfüllen im Wirtschaftsleben des eigenen Volfes, sonst haben wir fein Recht, uns Sozialisten zu nennen, international für den Frieden zu kämpfen. durch Blut! bedürftig war, im ganzen aber einen Fortschritt für die Rechte der Arbeiter bedeutete, ist in den Kommissionsberatungen von den Mehrheitsparteien verschlechtert worden. Die Unabhängigen haben nicht versucht, diese Verschlechterungen abzuwehren, ja sie haben überhaupt nicht mitgearbeitet. Dagegen haben sie für einen Generalstreik geworben, geschürt, in dem Augenblick, wo wir, arm und zerschlagen, den schyversten Frieden, den die Geschichte kennt, erfüllen sollen, für dessen bedingungslose Unterzeichnung sie im Mai v. J. schon eingetreten sind. Oja, sie haben gearbeitet: für den vollständigen Zusammenbruch, für das furchtbare Blutbad, welches sie am Dienstag, den 13. Januar, in Berlin angerichtet haben.- Nach außen ist endlich Friede, aber innen soll es nach dem Willen der unabhängigen Volksvertreter keine Stube geben.„ Sieg oder Tod" verkündete der Abgeordnete Hente am Mittwoch pathetisch in der Nationalversammlung; aber der Tod ist immer nur für die anderen. So haben wir es durch 44 Jahre Krieg erleben müssen. Und nun soll es so weitergehen, nur daß die Kampffront und die Nufer im Streite gewechselt haben? Nein, das darf nicht sein! Wir wollen nicht weiter durch Blut waten. Die deutsche Arbeiterschaft muß in ihrer Gesamtheit erkennen, daß dieser Weg immer weiter ins Elend führt und sie muß sich entschlossen abfehren von ihm. Das Betriebsrätegesetz war ein Vorwand für diese Demonstration, die so furchtbar enden sollte. Sie hätte ein Hilfs. mittel für unseren Kampf um die so notwendige Verbesserung des Gesetzes werden können; nun hat sie die Reaktion gestärkt; eine einheitliche Willensfundgebung der Berliner Arbeiterschaft wäre notwendig und möglich gewesen, und sie hätte ihre Wirkung nicht verfehlt. Die unabhängigen und kommunistischen Führer" wollten cs anders und unsere Arbeitsbrüder und-schyvestern haben sich willen los verwenden lassen. Empörung, Scham, Schmerz und Efel wallten wohl in jedem Sozialisten, der als Beteiligter diese Stunden miterleben mußte, Wer die Freiheit will, der muß ihr den Weg bahnen helfen durch Achtung vor dem Menschen. Genug des Haffes und des Mordes. Die Vernunft muß endlich fiegen und die Die politische Demokratie, welche wir uns durch die Nevolution errungen haben, soll uns die gesetzliche Handhabe für die Demokratisierung und Sozialisierung des Wirtschaftslebens, d. h. für die Durchführung obiger Forderungen schaffen. Das Betriebsrätegesetz soll eine solche Handhabe woerden. Der Kampf um dasselbe war hart. Die Regie rungsvorlage, welche in vielen Punkten verbesserungs- Führer. Erkenntnis, daß die Arbeiterschaft. sich und der Gesamtheit zu dienen hat und nicht den verworrenen Ideen einiger Clara Bohm- Schuch. 26 Zuruf Von Mattbilfon Alles kann fich umgestalten! Mag das dunkle Schiklal walten, Mutig auf der fteilften Bahn. Trau dem Glücke, trau den Göttern! Steig trotz Wogendrang und Wettern Kühn wie Cäfar in den Kahn. Laß den Schwächling angitvoll zagen! Wer um Hohes kämpft, muß wagen! Leben gelt es oder Cod. Laß die Woge donnernd branden! Пur bleib immer, magit du landen Oder Icheitern, felbit Pilot! Die Gleichheit 19 Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten durch gefeßliche Maßnahmen zur Verhütung, Heilung und Bestrafung I, Man geht im ganzen Gebiet der Strafrechtspflege immer mehr dazu über, den Gedanken der Vergeltungs- und Abschreckungsstrafe durch die bessernde oder wie bei Bekämpfung Der Geschlechtskrankheiten die verhütende und heilende Maß nahme zu ersetzen. Unter diesem Gesichtspunkt werden wir die zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gemachten Gesetzesvorschläge zu prüfen und je nachdem zu ergänzen haben. Der Paragraph 2 der Notverordnung vom 11. Dezember 1919 lautet:„ Personen, die geschlechtsfrank sind, und bei denen die Gefahr besteht, daß sie ihre Krankheit weiter verbreiten, fönnen zwangs weise einem Heilverfahren unterworfen, insbesondere in ein Krankenhaus überführt werden, wenn dies zur wirksamen Verhütung der Ausbreitung der Krankheit erforderlich scheint. Die Aufbringung der Kosten regelt sich nach Landesrecht." Damit wird zum erstenmal in diesem Zusammenhang die plumpe Strafandrohung durch die Auflage der Zwangsheilung ersetzt und damit einer Forderung genügt, die Geheimrat Blaschko bereits 1914 auf dem 13. Internationalen Medizin. Kongreß in London( vgl.„ Deutsche Medizin. Wochenschrift Nr. 1, 1916. Wie soll der Geschlechtsverkehr Venerischer bestraft werden?") dahin erhoben hat:„ Wer, obwohl er weiß oder den Umständen nach vermuten muß, daß er an einer Geschlechtskrankheit leidet, andere der Gefahr einer Ansteckung aussetzt, kann 1. durch die Gesundheitsbehörde angehalten werden, bis zur erfolgten Heilung in regelmäßigen Bausen amtsärztliche Bescheinigungen über seinen Gesundheitszustand beizubringen; 2. fann er nicht den Nachweis einer ausreichen. den ärztlichen Behandlung erbringen, so kann er einer zwangs. weisen Behandlung, eventuell in einem öffentlichen Krankenhause, unterworfen werden; 3. ist durch ihn eine Anstedung erfolgt, so fann er berurteilt werden, dem Geschädigten Schadenersatz zu leisten. Die Festlegung der Schadeahöhe erfolgt im Verlauf des Strafprozesses." Man mag gezen den Absatz 3 darum Bedenken haben, weil unter Umständen hier statt der Geldstrafe oder neben ihr eine Freiheitsstrafe barum am Blake wäre, weil der reiche Verbrecher auch durch eine hohe Geldstrafe nicht so empfindlich getroffen werden würde, als es nötig und gerechtfertigt wäre. Im gonzen ist aber eine Auffassung durchaus zu begrüßen, die das heilende und sichernde Verfahren an die Stelle des Strafenden fett. Für uns Frauen ist neben dem allgemeinen ein besonderer Fortschritt auch darin gegeben, daß wir hier zum erstenmal einer grundsätzlichen Aufhebung des gegen die Frau gerich teten Ausnahmerechts begegnen. Das bis dahin geltende Recht besagte in seinen berüchtigten§ 361 Absatz 6: Nr. 4 Mit Haft wird bestraft eine Weibsperson, welche wegen gewerbsmäßiger Unzucht einer polizeilichen Aufsicht unterstellt ist, wenn sie den in dieser Hinsicht zur Sicherung der Ge sundheit, der öffentlichen Ordnung und des öffentlichen Anstandes erlassenen polizeilichen Vorschriften zuwiderhandelt oder welche, ohne einer solchen Aufsicht unterstellt zu sein; gewerbsmäßig Unzucht treibt." Wie ganz anders mutet der von uns angezogene§ 2 der Dezemberverordnung an! Statt der ausschließlichen Strafandrohung Maßnahmen zur Heilung, die sich aber nicht mehr einseitig auf die Frau, sondern auch auf den Mann beziehen. Wir wissen zwar, daß einstweilen die Anwendung auch dieser Vorschriften sich in weit größerem Umfang als auf den Mann auf die Frau erstrecken wird, solange es keine auch den Mann bollständig einbeziehende Erfassungsmethoden gibt. Das wird erst dann der Fall sein, wenn das System der Beratungsstellen, von denen noch zu reden sein wird, lückenlos ausgebaut, und wenn ferner die Notwendigkeit, sich der durch die Wohl drohenden Gefahren zu erwehren, so tief in das Volksbewußtsein eingedrungen ist, daß man sich entschließt, die Geschlechtskrankheiten genau so zu behandeln, wie irgendeine andere unverschuldete Erkrankung und demgemäß ihre Heilung mit allen Mitteln zu betreiben. Geschlechtsfrankheiten dem persönlichen wie dem allgemeinen Solange das nicht der Fall ist, wird die Möglichkeit der Zwangsbehandlung hauptsächlich in dem Kreise gegeben sein, der von Haus als krankheitsverdächtig zu gelten hat, das heißt aber bei den Prostituierten. Aber gerade hier ist es zu be grüßen, daß nicht mehr die brutale Strafandrohung, sondern der Zwang zur Behandlung das Ausschlaggebende ist. Wir fönnen daher auch vom Frauenstandpunkt aus mit der geplanten Neuordnung zufrieden sein, müssen aber einige Zusatzforderungen stellen, die übrigens schon seit Jahren von der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtsfrankheiten( D. G. B. G.) erhoben werden: Die gesamte Ueberwachung der Prostitution muß den Polizeiorganen entzogen und den neu zu schaffenden Gesundheitsämtern übertra gen werden. Ferner muß die Behandlung der Prostituierten in den Krankenhäusern, die großzenteils noch viel zu wünschen übrig läßt, human gestaltet, das heißt aber: es darf zwischen ihrer und der Behandlung der übrigen Kranken fein Unterschied gemacht werden. Wie immer sich auch der einzelne zur Frage der Prostitution stellen mag: solange die Gesellschaft erklärt, der Prostitution nicht entraten zu können, bat keiner das Recht, sich pharisäisch über die Prostituierten zu erheben. Ganz gewiß ist aber das Krankenhaus der letzte Ort für solche Ueberheblichkeit. Das Krankenhaus verurteilt ia auch nicht den Trunkenbold, oder den Messerhelden, der mit einer Verwundung hereingebracht wird, oder den männlichen Geschlechtskranken. Es hat sich also auch hier aller jittlichen Werturteile zu enthalten. Um wieviel wirksamer ein solches Verfahren auch im Sinne sittlicher Beeinflussung ist, geht aus den Erfahrungen einer Aerztin hervor, über die sie wie folgt berichtet:( Dr. Julie Bender: Gefährdetenfürsorge und Aerztin.„ Westdeutsche Aerztezeitung" Nr. 15, 1919)„ Wenn man als Psychiater in solches Milieu gerät, so fann man nicht umbin, sofort psychiatrische Maßnahmen zu treffen...." 1. Von den öffentlichen Dirnen verlangte ich lediglich Anerkennung der Anstaltsdisziplin und Unterordnung unter dieselbe. Sofern sie sich diesen Forderungen fügten, begegnete ich ihnen wie den Patienten auf offenen Abteilungen. übrigen erwachsenen polizeilich Eingewiesenen. Ich hielt sie 2. In der gleichen Weise verfuhr ich auf der Abteilung der Festnahme ankommen zu lassen, sondern lieber freiwillig auf babei aber fortgesetzt dazu an, es nicht auf eine polizeiliche die offenen Abteilungen der Hautklinik oder zu Spezialärzten in der Stadt zu gehen." Dr. Bender führt dann weiter aus, daß sie bei diesen Erwachsenen feinen Versuch sittlicher Beein fluffung unternehme, während sie auf die Jugendlichen durch Nr. 4 Die Gleich beit gütiges Eingeben auf ihre Intereffen, durch Heranziehung zur Arbeit mit gutem Erfolg hinzuwirken versuche. Sie rühmt, und zwar im Gegensatz zur gebildeten Krankenschwester", wie treu ihr dabei eine dem Volf entstammte Wärterin zur Seite stand, welch guten und dauernden Einfluß diese ausübte und in wieviel Fällen es ihr gelang. Verirrte wieder ihren Eltern und einem geordneten Leben zuzuführen. Dr. Bender würde es daher ganz allgemein als einen Gewinn ansehen, wenn es Aerztinnen vergönnt wäre, in solchen Heimen als Hilfskräfte nur Frauen der Bolfsklasse zu haben". Ich bin hier mit Absicht etwas ausführlicher geworden. Geseb, und sei es noch so human, ist toter Buchstabe, wenn ihm die lebendigen und willigen Kräfte zur sinngemäßen Verwirklichung fehlen. So wird auch die Prostituierte von der Möglichkeit der Heilung im Krankenhause abseits von allen Polizeischikanen nur dann gern Gebrauch machen, wenn sie sicher sein kann, dort wie ein Mensch behandelt zu werden. Sowie sie sich auch der sittlichen Einwirkung cher erschließen wird, wenn sie nicht im Gewande tugendhafter Ueberhebung einhergeht. Ein anderer nicht zu unterschätzender Vorteil des zu schaffen. den Gesetzes wird sein, daß es die kostenlose Behandlung aller Bedürftigen und selbst Ersatz von Reiseanslagen, Lohnaus. fall usw. bringen soll. Henr. Fürth. Kants Mutter Von Dr. phil. Bertha Kipfmüller- Nürnberg Keines Mannes Name der Vergangenheit wurde während des Weltkrieges so oft genannt wie der des großen Königsbergers Kant, der in seinem 1795 erschienenen kleinen Werte Bum ewigen Frieden" der Menschheit jene geistige Brücke bauen wollte, die ihr das Glück der Völkerversöhnung bringen sollte, das große Glück, das durch Wilsons ständige Reden wirklich geschaffen hätte werden können, wenn des Amerikaners Charakterstärke der inneren Geistesgröße des deutschen Philosophen gleich gewesen wäre. Stants Name umstrahlt der Kranz Ser Unsterblichkeit, doch wie wenige tennen ihn selbst unter den Gebildeten, wie noch viel weniger unter dem Wolfe. Und dieses sollte ihn fennen, sollte wissen, was es dem Größten zu danken hat, sollte überhaupt erfahren, aus welchem Gedanken- und welchem Wirtschaftskreise die bedeu * Feuilleton Viel Klagen hör ich oft erheben Vom бochmut, den der Große übt. Der Großen Hochmut wird fich geben, Wenn unfere Kriecherei fich gibt. * Bürger. 27 tendsten Geister hervorgegangen sind, um aus diesen Umständen selbst Hoffnung zu schöpfen für die eigene Zukunft. Und insonder heit den Frauen müßten diese Verhältnisse bekannt sein und sie zu der Frage anregen: Wie, sollte es mir nicht auch möglich sein, der Welt einen Sohn, eine Tochter zu schenken, die der Menschheit Erlöser werden könnten? Wahrlich, der Menschheit Sehnsucht geht auf Erlöser. Und die Urschöpfer der Menschheit sind, wie Goethe in seinem zweiten Fauftteile klar erfannb hat, sind eben die Mütter". Kants Mutter. Sie war feine von jenen berühmten Frauen wie Johanna Schopenhauer, des Philosophen Mutter, mit ber er in ständigem Gegenjak lebte, sie war feine von der Art Frau Ajas", der Mutter Goethes, die aus vornehmem Patriziergeschlecht stammte und ob ihres berühmten Sohnes Größe Fürstinnen zu Besuch hatte und mit Fürstinnen in Briefwechsel stand. Sie war etwas ganz anderes: Sie war eine einfache, schlichte Bürgersfrau und lebte mit ihrem Manne, dem Riemer Stant, in der Sattlergaffe zu Königsberg, wohin sie ihm nach der Trauung gefolgt war. Das Leben war ernst und die große Familie verlangte das Busammenfassen aller Haushaltungsfräfte: Fleiß, Sparsamkeit, Ausdauer bis ins kleinste. Das Gewerbe des Vaters gab gerade den notwendigsten Unterhalt. Der Geistliche, welcher das Kantsche Paar seinerzeit eingesegnet hatte, Tegte den Text vom„ Tau des Simmels und von der Fettigkeit der Erde" zugrunde. Von dieser war aber in der Ehe nichts zu spüren, während sich jener äußerte in der großen Frömmigkeit der Familie, aus der die Mutter immer wieder Kraft, Trost und Hilfe sog, wenn ihr das Herz voll Sorge war. Die Eltern Rants gehörten dem strengen Pietisten furs an, dem die Frömmigfeit nicht äußerer Schein, sondern wirkliche Tugend war. Der Vater zeichnete sich durch Rechtlichkeit und Fleiß aus, ohne besondere hervorstechende Eigenschaften. Die Mutter hatte einen mehr ausgezeichneten Charakter". Der Vater verlangte Wahrheit, die Mutter forderte noch Höheres: fie verlangte eiligteit. Die täglichen Gebetsübungen, die sie durch Pastor Schulz kennen lernte, waren ihr fein Lippendienst, sie waren ihr tiefinnerstes Gemütserlebnis und ließen sie mit ahnungsvollem Blick hineinschauen in das Ueberfsinnliche, sie ließen sie in heiligem Sehersiun Gott erkennen. Ihre Seele ging hinaus, weit hinaus über das Jrdische und in der scharfen Klarheit ihres Geistes, in der vollen und reinen Tiefe ihres Gemüts schenkte sie einent Sohne das Leben, der der Menschheit eine Philosophie, eine Weisheitslehre, gab, von einer Tiefe und Weite, von einer Höhe und Erhabenheit, wie sie nicht vor und Man lese nicht nachher ein zweiter Denker schenken fonnte. ratur hat es zu allen Zeiten Vertreter gegeben, die volles Verständnis für die bedrängte Lage der moralisch und wirt schaftlich geächteten Mutter und ihres Kindes gehabt haben. Das Magdalenenmotiv nach der bekannten biblischen Büßerin benannt hat in unserer Dichtung von jeher seinen Plat beansprucht. Das Schicksal der Mutter wie des Kindes wurde dichterisch im Drama sowohl wie im Roman gestaltet, und auch jene zwei ungliidlichen Wendungen, dem Kindesmord wie der Selbsttötung, begegnen wir sehr häufig. Aber Vom Magdalenenmotiv in der deutschen wie das proletarische Klassenempfinden gegenüber solchen Dichtung Von Josef Kliche, Misiringen KinDie moralisch- rechtliche Stellung der außerehelich gebärenden Mutter ist noch heute nach Krieg und Revolution eine äußerst ungünstige. Noch immer glaubt prides Philister tum gegenüber einer solchen Frau gefittet Pfui fagen zu müssen und auch die Gesetzgebung hat erst die ersten zaghaften Schritte unternommen, um jenen Müttern und ihren in dern Schutz und Recht des Gesetzes zukommen zu lassen. Denn wie der Mutter ergeht es dem Kind. Ja in noch stärkerem Maße hat dieses den ihm vom Slaffenstaat umgehängten Mantel des Makels zu tragen. In der Beurteilung durch oberflächliche Mitmenschen aber trifft auf beide sehr häufig das Wort des Dichters zu: und schuldig hörst du ausge sprochen, wo Unschuld nur sich selber schützt. Indes ist eine solche Beurteilung von Mutter und Kind nie so recht Allgemeingut in der Denkweise unseres Voltes geworden, und besonders in der deutschen schöngeistigen LiteMüttern, so ist auch der Dichter meist mild und verstehend ge worden. Wagner, Bürger, Schiller, Goethe und andere weih< ten die Märtyrerin und nahmen sich auch der Kindesmörderin an. Goethe hat in seinem" Faust" die Körper- und Herzens. Vont Hein der Schmerzensmutter ergreifend geschildert. kleinstädtischen Abendgespräch der zungenfertigen Nachbarinnen am Brunnen bis zur Kirchen- und Kerkerszene gleitet das große Leid der jungen, ach so unschuldigen Mutter an uns vorüber, und wem ist wohl nicht schon in unseren Tagen der Gedanke gekommen, daß die harten Anklageworte, die der sterbende Bruder Valentin gegen die Supplerin schlendert, eigentlich ins Gesicht der Gesellschaft gehörten. Ein halbes Jahrhundert später schuf Friedrich Sebbel seine Klara in der„ Maria Magdalena" und gab seinem Werk den speziellen Namen der Gattung. Was sich bei Goethe laut und ver zweifelnd gebärdet, geht bei Hebbel, dem ehemaligen Maurerjohn aus Wesselburen, stumm und rettungslos feinem Schicksal entgegen. Ja, die Tragödie will uns hier noch düsterer 28 Die Gleich beit nux einmal einige Kapitel aus Kants Kritik der praktischen Bernunft"), wo er von der Heiligkeit der Pflicht" und von der feierlichen Majestät des moralischen Gesches" spricht, und fühle die tiefe Erschütterung in seinem Innern nach. Hier ift etwas so ungewöhnliches, Mose und alle Propheten( im weitesten Sinne!) Ueberragendes, daß wir uns ans Herz fassen und sagen: Hier spricht ein Mensch zu uns, dessen Reich gleich Christi Reich nicht von dieser Welt ist. Hier durchdringt das Göttliche das Menschliche wie der Sauerstoff den Aether und gibt eine Lebenskraft und einen Mut der Bejahung, der die Elemente schafft zu einem höchsten Dasein. Und wenn wir nach dem Urquell dieses höchsten moralischen Gesezes fragen, so lautet die Antwort: Rants Mutter. Sein Biograph Borowski fchreibt darüber kurz und schlicht:" Diese Forderung seiner reinen praktischen Bernunft, heilig zu sein, war schon sehr früh die Forderung seiner guten Mutter an ihn selbst", und er fügt ausdrücklich hinzu, daß Kant diese Stelle seiner Handschrift nicht abgeändert, nichts dabei notiert, folglich gebilligt hat. Sie gibt über den Rigorismus( Strenge) feiner Moral ein gewiß nicht unbedeutendes Licht." Seltsamerweise oder vielleicht auch begreiflicherweise? habe ich noch bei keinem Erläuterer der kantischen Philosophie auf diesen Umstand hingewiesen gesehen. Und doch, welch großer, ja eminenter Fingerzeig liegt darin, den Zusammenhang des feelischen Einflusses der Mutter auf das Kind festzustellen und den Beweis zu erbringen, wie Mutterdenken, Mutterempfinden, Mutterhandeln einem Kinde, ja oft der ganzen Menschheit wie Hier bei Kant zum Segen werden kann. Muttersegen, Elternhaus was bedeutet es nicht für jeden einzelnen! Nur wenige sind in der Lage, sich je in die Gedankenwelt des Königsbergers einzudenken, dazu gehört unendlich viel Beit und ein eiserner Wille zur Denfarbeit. Selbst Goethe schredte vor Rants Hauptwerk zurück; seiner Dichtersprache war die Ausdrucksweise zu spröde, zu überfinnlich, und so geht es vielen. Aber in sein Elternhaus- da können wir uns alle einfühlen, da herrscht der gute Geist, von dem jeder einen Hauch verspüren und mitnehmen kann in die Kinderstube, die Schule, die Werkstätte. Wenn wir Kant verehren als eine Erscheinung, deren die Welt nur alle Jahrtausende eine geschenkt erhält, so find uns die Eltern auch ein Vorbild, gleich ehrwürdig wie der Sohn, der von ihnen erzählt:„ Nie, auch nie ein einziges Mal habe ich von meinen Eltern irgend etwas unanständiges hören dürfen, nie etwas Unwürdiges ge= *) Neclams Ausgabe 1111/12, erscheinen, da fein einziger Sonnenblick über dem ganzen Drama leuchtet. Auch Klara Viebig, die tapfere Realistin in der Schilderungskunst, hat uns in ihrem Roman vom„ Täglichen Brot" solche Mutter- und Kindesleiden, wenn auch nicht mit der Wucht Goethes und Hebbels, geschildert. Sie läßt eine junge Mutter ihr Neugeborenes ausseßen, um es dann, von Muttersehnsucht gepackt, wieder aufzusuchen. Gerhart Hauptmann, der einst vielgefeierte schlesische Dichter, schuf in seiner ,, Rose Berndt" ebenfalls eine Magdalena, wie man diese unter den ländlichen Haustöchtern und städtischen Dienst boten gar oft begegnet. Und dieser naturalistische Wortführer hat den Konflikt seiner Heldin so ergreifend gezeichnet, daß wir mit dem Dichter überzeugt gestehen müssen: dieses Mädchen, dem die Männer keine Ruhe ließen, und ihr solange nachstellten, bis sie im Unglück saß, dieses Mädchen konnte nichts anderes fun, als was geängstigtem Herzen und beschränktem Verstande unter dem Elend der kapitalistischen Wirtschaftsweise als das nächstliegendste dünft, als das Kind zu töten. Kein Anklagewort ob des vernichteten armen Wurms kommt von unseren Lippen, ja wir sind geneigt, mit dem Volksmund zu sagen, daß das Kind der Sünde oder der Schandfleck, wie es in einer Erzählung Ludwig Anzengrubers heißt, so am besten aufgehoben ist. Hauptmann ist in seinem Werk den Spuren eines Jugendfreundes Goethes gefolgt. Schon vor hundertvierzig Jahren hatte Heinrich Leopold Wagner mit dichterischer Leidenschaft eine Borgängerin der Rose Berndt in seinem urwüchsigen Trauerspiel Die Kindesmörderin" geNr. 4 sehen." Er ist stolz auf sie, die ihm ein Muster des Fleißes, der Ordnung, der Menschenliebe find. Mit besonderer Freude erzählt er, wie sie Freunde der Wahrheit gewesen und nie sei aus ihrem Munde auch nur eine Lüge gekommen. Dabei herrschte im Hause nicht etwa ein finsterer, weltabgewandter Geist. Natürlichkeit und Heiterfeit, in deren Sonne sich alle guten Eigenschaften entwideln fönnen, waren die Hausgeister, mit deren Hilfe die Kinder- fieben an der Zahl- heranwuchsen.. Die Erziehung war eine streng christliche, aber frei von Muderund Zelotentum und unduldsamer Orthodoxie. Die Mutter führte ihren Manelchen", wie sie den Namen Immanuel kosend fürzte, als er sechs Jahre alt war, selbst zur Schule und nahm an seinen geistigen Fortschritten innigen Ana teil. Sie selbst lernte durch den Jungen, und einer ihrer liebsten Gänge war, ihn abends hinauszuführen, ihm die unendliche Sternenpracht zu zeigen, ihm das Universum zu erschließen, so weit sie dies vermochte. Wer weiß, ob nicht in jenen Kindestagen schon die Keime zu den Gedanken gelegt worden, die uns der Philosoph in seiner Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels" gezeigt hat. Nur schade, daß der Lebensfaden dieser lugen Frau so kurz gesponnen war. Sie starb, als ihr Sohn erst 13 Jahre alt war, zu einer Zeit, da sie wohl erkannt hatte, daß außergewöhnliche Fähigkeiten in ihm schlummerten, wo sie aber doch nicht ahnen konnte, daß das kleine, zarte, etwas berwachsene Bürschlein mit den blonden Haaren und blauen Sternenaugen eine Seele in fich trage, deren Schwungkraft einst die ganze europäische Gedankenwelt umformen sollte und der einMann werden würde, dessen Name in der Geisteslehre denselben Ruf bedeute wie der eines Kopernikus in der Körperlehre. Was Kant in seinem späteren Leben so beliebt machte bei hoch und niedrig, das waren seine guten Manieren. Der Geistesgewaltige konnte sehr ungehalten sein, wenn der„ gute Ton" übersehen wurde. Wir gehen nicht fehl, wenn wir hier auch wieder die„ edle Frau" erblicken, die ihrem Sohne das Feingefühl übertrug. Jenes Feingefühl für den inneren und äußeren Anst and, ohne deffen Beachtung der Verkehr von Mensch zu Mensch so unangenehm werden kann, dessen Vorhandensein uns ein Beweis guter Kindheitserziehung ist. Rant war stets stolz auf seine Erziehung im Elternhaus. Als ihn sein Schicksal Hofmeister in einem hochgräflichen Hause werden ließ, meinte er, daß er seine Erziehung und die Eindrücke seiner Kinderstube nicht vertauschen möchte mit dem, was er dort erlebt habe. Die einfache Handwerkerstube hatte ein besseres Edelreis hervorgebracht wie der gewaltige Schloßbau. schaffen. Bei ihm ist es eine Eva, die, vom Manne verführt, ihrem Kinde den Tod gibt. Woher der aus der Sturm- und Drangperiode der deutschen Literatur herüberragende Dichter seinen Stoff hatte, ist uns unbekannt. Bon Gerhart Hauptmann wissen wir, daß er als Geschworener einstmals ein Era lebnis hatte, das er später zu seinem erschütternden Drama formte. Anders als der Schlesier Hauptmann hat der oberbayerische Volksschilderer Ludwig Thoma das Elend der unehelich gebärenden Mutter gestaltet. Er läßt sein harmloses Landkind in die Stadt ziehen, allwo die Bedauernswerte einem Schwindler in die Hände fällt, um dann nach der Entbindung den Weg so vieler ihrer Schwestern, den der käuflichen Dirne zu gehen. Und als dann das unglückliche Mädchen nach der Heimat kommt, und die„ fromme" Zentrumsbevölkerung solch eine" nicht unter sich dulden will, da packt den Vater der„ ungeratenen" Tochter die Verzweiflung, er sticht Magdalena nieder, damit der fromme Böbel sein Kind nicht lebendig in die Hände bekommt. Der Pöbel, der das Haus des Nachbars stürmen will, um die Unglückliche dem Fanatismus zit opfern. Unter ähnlich fromme Elemente führt uns Sudolf Greinz in seinem Roman von der Gertraud Sonn weber". Doch hat dieser Tiroler Dichter das Motiv kompli zierter gestaltet. Hier ist es der junge Pfarrer des Dorfes, der in reiner Liebe das ihm zugetane Mädchen schwängert, aber nachher nicht den Mut findet, seine Tat öffentlich zu vertreten. Blindfanatische Dorfgenossen steinigen die Schwans gere aus dem Dorf. Bei Nacht und Nebel in Gegenwart zweier Holzknechte bringt sie in einer Berghütte ihr Kind zur Nr. 4 Die Gleichheit Eine der feinsten Blüten des Menschenherzens ist der Sinn für Freundschaft, das Gefühl der Hingabe und Aufopfe rung für ein anderes Wesen. Ich möchte dafür eine Erklärung wählen, die Ktant in seiner Abhandlung Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" einer andern Empfindung gibt und sie auch das Gefühl von der Schönheit und der Würde der menschlichen Natur" nennen. Dieses Herrliche Gefühl lebte wie im Sohne, so auch in seiner Mutter, wovon ihr Tod, ihr Opfertod ein Beweis ift.*) Frau Kant hatte eine Freundin, die sie zärtlich liebte. Diese war mit einem Manne verlobt, dem sie ihr ganzes Herz, doch ohne Verlegung ihrer Unschuld und Tugend, geschenkt haite. Ungeachtet der gegebenen Versicherung, sie zu ehelichen, wurde er aber treulos und gab bald danach einer andern die Hand. Die Folge davon für die Getäuschte war ein tödliches, hißiges Fieber, in welches Gram und Schmerz sie stürzten. Sie weigerte sich in dieser Krankheit, die ihr verordneten Heilmittel zu nehmen. Ihre Freundin, die sie auf ihrem Sterbebette pflegte, reichte ihr den angefüllten Löffel hin. Die Kranke weigerte sich, die Arznei zu nehmen und schützte vor, daß sie einen widerlichen Geschmac habe. Kants Mutter glaubte sie nicht besser vom Gegenteil überzeugen zu können, als wenn sie den selben Löffel mit Medizin, den die Kranke schon gekostet hatte, selbst nehme. Etel und falter Schauer überfielen fie aber in dem Augenblide, als sie dieses gelan hatte. Die Einbildungskraft vermehrt und erhöht beides, und da noch der Untstand hinzufam, daß sie Flecken am Leibe ihrer Freundin entdeckt hatte, so erklärt sie sofort: diese Veranlassung sei ihr Tod, legt fich noch an demselben Tage hin und stirbt bald danach als ein Opfer der Freundschaft." Mit dem Tode der Mutter war des Hauses Stern erloschen. Die Berhältnisse bewegten sich abwärts. Kant selbst war tief ergriffen, ihr früher Berluft hatte ihm das beste Gut, die verständnisvolle Seele eines werdenden hohen Geistes, geraubt. Noch im Alter gedachte er ihrer mit der ganzen Liebe seines reichen Herzens. Ein großer, starter Geist, eine reine Persönlichkeit war mit ihr aus dem Leben geschieden. Die einfache, schlichte Frau des Handwerkerstandes mit ihrem unverfälschten, gefunden Menschenverstand", auf den der Sohn so viel hielt, daß er ihm in seiner „ Kritik der reinen Bernunft", seinem Hauptwert, eine besondere Beachtung gibt, sie hat der Menschheit das Eine geschenkt: den größten Philosophen des Erdballs. Ihr sei die Ehre. *) Ich folge hier ganz der Darstellung Wafianstis. Welt. Und diese derben, aber ehrlichen Leute, die auf solche Weise Zeugen eines gräßlichen Mutterschmerzes wurden, fie übernehmen die Nächerpflicht: zwei Tage später, als der heuch lerische Priester die in den Wehen Gestorbene ins Grab seg net, trifft ihn die rächende Kugel. Aug um Auge, Zahn um Bahn. Es ist eine ergreifende Dichtung, dieser Magdalenenroman von der Gertraud Sonnweber. Lebensbejahender, dem Wesen des Viebigschen Buches verwandt, hat der zeitgenössische Realist Alfred Bock, ein eindringlicher Schilderer des hessischen Voltslebens, in seinem Roman Kinder des Volkes" das Schicksal seiner Heldin gefaltet. Nach trüben Tagen fiegt hier ein starker Wille und der Glückszufall des Lebens. Bock hat übrigens das Problem mehrfach, wenn auch nicht mit besonderer Tiefe, behandelt. Eine der besten Schilderungen- weil das Mädchen nicht an der Schande" zerbricht, sondern den Weg aufwärts findet gibt uns Clara Müller- Jahnke in dem Roman Ich bekenne". So hat die ernste deutsche Dichtung, soweit sie sich überhaupt mit Boltsleben und Bolfspsyche befaßte, auch die Tragik der außerehelichen Mutterschaft in wahrstem Wortsinne geadelt. Und das mit Recht, denn es ist kein geringes Heldentum, das uns zumeist in solch einer Märtyrerin entgegentritt. Man soll auch solch eine" ehren, denn der Begriff Mutter ist ein heiliger. Möchte die Zeit nicht fern sein, in der außereheliche Geburt weder in Volksmund, noch im allgemeinen Recht als ein Makel angesehen wird. Eine Zeit, in der der reine Menschheitsgedanke im Sinne der besten Vertreter deutschen Schrifttums Geltung erlangt, Beibehaltung der Frauenreferate*) 29 Bon Dr. Marie Elisabeth Lüders, M. d. N. Die unter obiger Ueberschrift erschienenen Ausführungen von Hedwig Wachenheim in Nr. 40 der„ Gleichheit" können nicht gut unbeleuchtet bleiben, da sie zahlreiche Irrtümer enthalten oder hervorzurufen geeignet sind, und letzteres vielleicht um so mehr, wenn die in jenem Aufsatz zitierte Schreiberin dieser Zeilen zu den erwähnten Ausführungen schweigt und man ihr Schweigen als Zustimmung deutet. Die Verjafferin des Auffakes fann zweifellos niemals im Rahmen der Organisation der sogenannten Frauenreferate" mitgearbeitet haben, sonst wäre z. B. nicht das Verhältnis der Frauenarbeitszentrale beim Kriegsamt- Stab"( später Referat Frauen beim Kriegs- Erjah- und Arbeitsamt) zum„ Nationalen Ausschuß für Frauenarbeit im Kriege" so grundfalsch und für jeden, der in dem üblichen Kompetenzverhältnis zwischen behörd licher Instanz und frei gebildetem Sachverständigenausschuß Bescheid weiß, unmöglich dargestellt worden. Ein Blick in die jedem zugänglichen Veröffentlichungen der Zeitschrift" Das Kriegsamt" konnte darüber belehren. Auch kann nur Unkenntnis der von den Frauenreferaten verfolg ten Ziele, Aufgaben, Methoden und der von ihnen erreichten Erfolge zu der apodiktischen Behauptung verleiten, es sei in alles hineinregiert" worden und wie Ludendorff die Kriegsbeschädigtenfrage vom Standpunkte des Endfieges behandelte, so sie die Kindergärten". Genau das Gegenteil ist geschehen im allgemeinen und auf dem Gebiete der Kinderfürsorge noch im be sonderen Sonst wäre es auch völlig überflüssig, für die Fortfegung der begonnenen Arbeiten- einerlei unter welchem Namen zu wirken, sondern gerade aus der von der Leitung der Frauenarbeitszentrale von vornherein ganz bewußten und den von ihr geschaffenen Frauenreferaten immer wieder eingeimpften leberzeugung, die Gelegenheit des an sich unglücklichen Augenblids für organisatorische und prattische Zukunftserfolge auszunuzen, und die unter diefem vom Kriege und seinem Ausgange völlig unabhängigen Gesichtspunkte erzielten Erfolge berechtigen überhaupt nur zu der Forderung, den beschrittenen Weg zu verfolgen. Wenn a. B. Städte die ehemaligen Frauenarbeitsmeldestellen zu weiblichen Abteilungen des Arbeitsnachweises ausgebaut haben; wenn diese eine organische Arbeitsverbindung mit der vorbeugenden und nachgehenden Wohlfahrtspflege suchen, wie z. B. die über 30 *) Vgl.„ Gleichheit" Nr. 40. Die Ehebrecherin folgedessen ist auch der Ehebruch häufiger, während die Berurtei Ohne Frage sind die ehelichen Sitten loderer geworden. Ina lung des Ehebruches und dementsprechend seine Bestrafung weniger streng ist als in früheren Zeiten, Bei dem Unterschied, den man zwischen Mann und Frau in Sitte, Recht und Gefeß macht, nimmt es nicht wunder, daß auch der Ehebruch verschieden streng beurteilt wird und der Chebrecher meist biel glimpflicher davon kommt als die Ghebrecherin. Bei zahlreichen Völkern muß die Frau den Ehebruch mit dem Lode büßen. So bei einigen australischen Stämmen, bei den Papuas, in Neukaledonien( hier wird auch der Ehebrecher getötel), in Amerika bei den Pampas- Indianern, wo ebenfalls der Verführer dem Tode verfällt, wenn es ihm nicht gelingt, seinen Gegner durch Geschenke zu beschwichtigen. Auch bei den Araukanern und bei den Turkmenen erhielt die Ghebrecherin früher die gleiche Strafe. Im alten Rom hatte nicht nur der Gatte das Recht, sein Weib und den Ghebrecher zu töten, sondern das gleiche Recht stand dem Vater zu gegenüber seiner Tochter und ihrem Verführer. Später wurde die Todesstrafe gemildert in Landesverweisung und Zuchthaus, noch später in Gefängnis, oder sie wurde gar in eine Gelds strafe verwandelt. Bei anderen Völkern ist die Todesstrafe noch verschärft durch ihre graujame Form. Bei den alten Juden wurde die Ehes brecherin gesteinigt. Der Ghebrecher nur dann, wenn er die Handlung mit einer Verheirateten begangen hatte. Der Mohamme daner hat das Recht, wenn der Ehebruch durch vier Zeugen er 30 Die Gleich beit Hilfsstellen des Arbeitsamtes in Württemberg; wenn die Zentralauskunftstellen und jetzt die Provinzial- oder Landesarbeitsämtet befondere Referentinnen zur Bearbeitung des weiblichen Arbeitsnachweises haben; wenn Kreise und Gemeinden aus ehemaligen Fürsorgevermittlungsstellen den Anstoß zum organischen Aufbau erstmals ber Kinderfürsorge und nicht selten auch anderer Gebiete genommen haben, zugleich mit Beibehaltung und Erweiterung der anfangs so angegriffenen„ Einrichterin", wenn an der orts- oder bezirksweisen planmäßigen Busammenfassung der Wohlfahrtspflege Behörden und Vereine- wie niemals zuvor!-in fried licher Zusammenarbeit beteiligt sind; wenn die Einrichtung der Fabrikpflege" zu einem Ausbau der Gewerbeaufsicht( worauf sie von vornherein im Einvernehmen mit der zuständigen Behörde innerlich hinzielte) führt, und die Stellung und Aufgaben der Fabrikpflege jetzt geschickt mit den Aufgaben und Befugnissen der Betriebsräte verknüpft werden können; wenn jebt die Karitas( 3.. in Krippen, Kindergärten usw.) das Einsichtsrecht eines unparteiischen Dritten als im berechtigten- 3. B. Hygienischen Interesse der Gesamtheit ansieht, so sind das und vieles andere zu einem großen Teile die Folgen des Hineinregierens" der Frauenreferate. All diese Tatsachen haben die befragten Behörden veranlaßt, sich bis auf zwei Ausnahmen dringend für die Beibehalfung der Frauenreferate auszusprechen, woran die einfache Gegen. behauptung nichts ändert, was leicht am Aftenmaterial nachzu sveisen ist. Oder kann man wirklich glauben, die Behörden hätten fich von außen her zur Fortführung der Referate drängen lassen, wenn nicht aus ihren eigenen Reihen fast einstimmig ja sogar mit Einschluß verschiedener ehemals heftiger Gegner, z. B. des preußischen Ministeriums des Innern sehr triftige Gründe vorgebracht worden wären, nicht die Auffassung zu teilen, daß der Zweck der Frauenreferate allerdings mit dem Frieden weggefallen" sei. Und min die in Nr. 40 erwähnten Personal angelegenHeiten: Bis zum Ende Juni 1917 ist mit einer Ausnahme gegen das ausdrückliche Votum der Schreiberin dieser Zeilen nicht eine einzige Referentin nach politischen Reigungen" oder nach persönlicher Empfehlung durch höhere Offiziere und Beamte" eingestellt worden, sondern die Auswahl und die Verantwortung für diese ist einer Frau überlassen gewesen. Und auch späterhin bis Ende November 1917. ist es dem militärischen Einfluß recht schwer gemacht worden, sich in Personalfragen durchzusetzen. Wie na ch nach dieser Zeit verfahren wurde, entzieht sich in Einzelheiten meiner Senntnis, aber jeden falls hat man von den vor Juni 1917 angestellten Referentinnen bis auf zwei, die sich nicht eigneten, und eine, die persönlichen wiesen ist, die Frau in seinem Haus einkerkern und verhungern zu lassen. Bei den Hindus wurde die Frau auf einem öffentlichen Platz von Hunden zerrissen, ber Verführer an ein glühendes eisernes Bett gefesselt und lebendig verbrannt. Eigenartig war die Strafe bei ben alten Aegyptern: der Frau wurde die Nase abgeschnitten.( Der Verführer erhielt 1000 Stockschläge.) Noch grotester geht es bei den Botofuden zu, wo der Mann seinem Weib ein Stüd Fleisch aus dem Steiß Herausschneidet. Bei den Beduinen verfielen die Ghebrecher der Blutrache. Im alten Athen durfte der Mann seine Frau, der Vater seine Tochter als Sflavin verkaufen, wenn er Beweise ihrer Entehrung besaß. Bei anderen Völkern kommt die Frau mit einer Tracht Prügel bavon. So zuweilen in Australien, und früher( im 11. JahrHundert) in Wales.( Ehebruch war einer der brei Fälle, wo der Mann seine Frau schlagen durfte. Sonst wurde er dafür bestraft.) Weiter aber durfte er feine Genugtuung fordern. Denn für basselbe Vergehen soll entweder Sühne sein oder Nache, aber nicht beides zugleich". Ebenso wurde die Sklavin bei den alten Juden durch Schläge bestraft, während der Mann, der ein Sflavenweib mißbrauchte, den Priestern einen Widder opfern mußte. Besonders schroff tritt das zweierlet Recht für Mann und Weib im französischen Gesetz( Code Napoleon) hervor, wo der Mann durch das Gesetz ausdrücklich das Recht zur ehelichen Untreue erhält, solange er nicht die Ehebrecherin in das cheliche Haus bringt. Andererseits wird er, wenn er seine Frau bei einem Chebruch auf der Tat ertappt und sie und ihren Mitschuldigen tötet, nur sehr gering( 1-5 Jahre Gefängnis) oder gar nicht Nr. 4 Angriffen leider weichen mußte alle bis Kriegsende beibehalten, und die meisten auf ausdrücklichen Wunsch der Zivilbehörden späterhin an diese übernommen. Schwerer als für die Heimat war es zweifellos für die Etappe, die Berufung der hinauszusendenden Referentinnen dem persönlichen oder militärischen Einfluß bestimmter Streise zu entziehen. Der Grund hierfür liegt aber nicht wie Fräulein Wachenheim anscheinend annimmt an der Unbrauchbarkeit oder Personenschieberei der Frauenreferate, sondern vornehmlich darin, daß die gesamten Etappen fragen für die Frauen erst im Spätjommer 1917 nach langem, zähem Stampfe den Frauenreferaten anvertraut wurden und biese natürlich die größte nicht immer erfolgreiche Arbeit hatten, ungeeignete welbliche Personen, die sich lange vorher schon ohne ihre Mitwirkung auf dem Wege der wilden Anwerbung in der Etappe festgesetzt hatten, nachträglich auf Herz und Nieren zu prüfen und aus den usurpierten Stellungen zurückzuziehen. ( Schluß folgt) Deutsche Kinder in Holland Haag, 7. Dezember. Allmählich beginnt man auch im fühlen Holland sich in größerent Umfange für die Hunger und Not leidenden Kinder in Deutschland, Oesterreich und Ungarn zu interessieren. Zwar wurden in Holland schon während der letzten Kriegsjahre viele deutsche Kinder verpflegt, teilweise gezen Vergütung, wofür von Vereinigungen und Romitees verschiedenster Art erhebliche Summen ausgegeben worden sind. Aber die Bereitwilligkeit für kostenlose Aufnahme in mehr oder minder wohlhabenden Familien nur solche fonnten im Hinblick auf die allgemeine Teuerung auch in Holland zunächst in Frage fommen hat sich doch erst in jüngster Zeit in höherem Maße bemerkbar gemacht.( 3iffernmäßige Angaben fehlen übrigens.) Budem darf man wohl erwarten, daß der Appell der fünf holländischen Gewerkschaftszentralen an die Hilfe der niederländischen Arbeiterschaft zugunsten des hungernden Wien, wobei auch zur Beherbergung von Kindern in Arbeiter. familien aufgefordert wird, die begüterten Streise Hollands anregt, mehr als bisher das ihrige zu tun. Inwieweit dies seitens der reichen Leute in Deutschland selber geschieht, darüber sieht und hört man hier freilich so gut wie gar nichts. Um so mehr von riesenhaften Summen, die zur Bekämpfung des Bolschewismus" innerhalb und außerhalb Deutschlands aufge bracht werden. # 1 Ueber die elementarsten Pflichten der Menschlichkeit gegenüber den schwerstleidenden Opfern des Weltkriegs- und des vernichtenbestraft. In Spanien wird die Rache des betrogenen Mannes von den Dichtern sogar als poetische Gerechtigkeit empfunden und von den irdischen Gewalten nicht nur entschuldigt, sondern belohnt. Wenn der Mann die Ehe bricht, ist das natürlich eine andere Sache. Auch bei den alten Deutschen wurde der Ehebruch streng bes straft: der Frau wurde das Haar abgeschnitten, dann wurde sie entkleidet und in Gegenwart ihrer Verwandten aus bem Haus und durch das ganze Dorf gepeitscht. Noch im Mittelalter genügte das Verzeihen eines Ehebruches, um den Mann aus der Zunft auszuschließen. Heute wird der Ehebruch in allen zivilisierten Ländern nur auf Veranlassung des unschuldigen Gatten verfolgt. Wiegenlied Von Walther Sturm Kurt Heilbut. Jetzt wirst du füß in Träumen rub'n und tiefe Atemzüge tun, Wie fie der Jugend eigen, Und Mund und Augen faften ftill, Weil deine Seele raften will Und feierliches Schweigen. Ja, heilig, heilig ist der Schlaf, Daß er dich wunderwirkfam traf Mit feinem Friedensiegen... So finn' ich in die nacht hinein Und bet' für dich und denke dein Und träume dir entgegen, 1.4 te Gleich beit den Dittat- Friedens" von Versailles ließe fich ja unendlich viel fagen. Sowohl bezüglich der Wohlhabenden in den friegführenden Staaten, als auch in den neutralen Ländern. Besonders wenn ntan sich der schönen angstgeborenen!- Versprechungen und Gelöbnisse aus den ersten Kriegsjahren in Deutschland erinnert. Und wenn man sich weiter erinnert, daß es in den Mittelländern inzwischen eine joziale Revolution gegeben hat. Für heute aber möchte ich nur die warmherzige Schilderung auszugsweise wiedergeben, die eine holländische bürgerliche Frau und Mutter im 1. R. E." über ihre Erfahrungen mit einem deutschen Kinde gibt: ... Also wir schrieben um ein deutsches Kind. Bei Tisch erzählten wir unsern eigenen Kindern, daß wir bald ein deutsches Mädchen auf einige Wochen hier haben würden. Natürlich fanden fie das wunderbar. Gleich suchten sie ihre deutschen Sprach tenntnisse zusammen und übten sich, um das liebe deutsche Maisje" würdig begrüßen zu können. Ja, Kinder, nun müßt Ihr aber bedenken, daß es vielleicht nicht gerade ein solch liebes Mädchen ist, wie Ihr es Euch vorstellt und daß Ihr es darum aber nicht minder liebhaben dürft. Ja, jal erwiderte das Duett fröhlich. Als sie dann eines Sonntags hörten, daß das Mädchen für den Abend erwartet würde, verschwanden sie mittage, tamen nach einiger Zeit wieder. um uns einzuladen, zu schauen, wie sie ihre Schlafkammer ausgeschmückt hatten. Sie hätten es nicht besser tun können. Die Auswahl der an den Wänden aufgehängten fröhlichen Bilder war besonders sorgfältig gewesen. Der Junge fam noch mit einem Soldatenbild an. Nein, wehrte sein Schwesterchen energisch ab, den Soldat nicht, sonst muß das Mädchen vielleicht wieder an den bösen Krieg denken.... Zum Abendessen war die Erwartete da. Zehn Jahre war sie; aber blaß und klein. Das Kind schien nicht älter als sechs Jahre. Es benimmt sich beim Essen durchaus nicht so, wie wir nach Erzählungen vermutet, sondern es ist wie ein Kind, das eben von einer Krankheit genesen. Vorsichtig, und es fühlt sich sehr bald gesättigt. Alsbald erzählt die Kleine uns tief bewegt, wie ihr auf der Reise ihre Puppe abhanden gekommen und daß sie diese schließlich mit Silfe eines gräuleins wieder erlangt habe. Kaum hatten wir unsern Kindern die schlimme Geschichte übersetzt, da war die leb hafteste Puppenunterhaltung im Gange, wobei die Kleine freilich nicht recht zu folgen vermochte. Alsbald aber, beim Spiel, taute die Kleine auf. Es schien, als ob die verschiedene Sprache kein Hindernis mehr für das gegenseitige Eichverstehen sei. Ob einer von uns allen, das deutsche Kind und die unseren, diesen Sonntagabend je vergessen werden?... Und dann zu denken an all die deutschen, österreichischen und ungarischen Kinderchen, die in diesen Monaten ein sicheres Plätzchen in holländischen Häusern haben. Sollte das alles nicht auch für unsere aufwachsenden Kinder von Bedeutung sein? Haben wir nicht während der letzten Jahre voller Parteilichkeit und Schroffheit, von" pro" und" anti", haben wir nicht inmitten all dieser harten und leidenschaftlichen Urteile auch hin und wieder sanftere Klänge gehört wie: Jch fann nicht frohlocken bei dem Gedanken an eine Niederlage eines Landes, in dem ich meine harten Studienjahre verbracht" Oder:„ Ich kann das Volk nicht absolut verurteilen, unter dem ich die besten Freunde habe, die ich hoch schätzen lernte." Und sollten unsere holländischen Kinder, die in diesen Wochen und Monaten Freundschaftsbande knüpfen mit deutschen, österreichischen und ungarischen Kindern, in ihren späteren Jahren jemals Gefühle der Feindseligkeit gegen die fremden Länder auffeimen lassen tönnen, wenn sie in einem Edchen ihres Herzens die liebe Erinnerung bewahren:„ Es kam einst ein Kind aus jenem fremden Land, das eine Zeitlang bei uns wie Bruder und Schwester war?" Und unser fleiner Gast nun? Beim Zubettgehen fragte das Kind vertraulich, wie es sagen solle:„ Tante oder Mama?" Frau... zu sagen, tam ihr offenbar gar nicht in den Einn. Sage, wie Du am liebsten sagen magst. ,, Wenn ich darf, dann Mama und Papa." Ihr eigener Vater ist im Krieg geblieben!... Eines Tags erzählte uns die Kleine, daß fie in Berlin noch täglich einen halben Liter Milch bekommen habe. Krantenmilch von ihrer Mutter, die frant war. Meine Mutti hat sie immer mir gegeben." Was muß es für die Mutter für ein Gefühl gewesen sein, selbst tranf und dann ihr Kind in die unge31 wisse Fremde gehen zu lassen.... Wie, wenn wir unsere Kinder so hinausschiden müßten, etwa nach Berlin, und zu Leuten, deren Namen wir nicht einmal wiffen? Das Kind selber ist inzwischen ganz heimisch gevorden, ist aufgeweckt und entzückt über die neuen Spielsachen. Da, an einem der ersten Tage, fam die Reaktion. Sie spielt still und zurückgezogen in einer Ede, gibt auf Fragen einfilbige Antworten. Geht ans Fenster, drückt das Gesichtchen an die Scheibe, starrt auf die dunkle Straße, hastiges Suchen nach dem Taschentuch. Sie weint. Meine Mutti!... Sind wir je hilfloser als gegenüber einem an Heimweh leidenben Mind, das wir nicht gleich zu seiner Mutter zurüdbringen fönnen? Wir suchen sie auf alle mögliche Weise zu beruhigen; fagen ihr, daß sie hier nach Wunsch essen und trinken könne, daß eher gesund sein werde. Aber sie schluchzt weiter und versucht ihre Mutter jetzt ihre Krankenmilch selber trinken und deshalb etwas zu sagen, das ich nicht zu reimen vermag. Bis ich schließlich die herausgepreßten Worte höre:„ Meine Mutti hungert fo... den Zeitungen über die Not zu lesen, oder die schluchzende WirkEs ist doch noch etwas anderes, die herzzerreißenden Berichte in lichkeit selber auf dem Schoß zu haben! Es ist erschütternd zu lesen, wie Eltern in Tränen ausbrechen über das Los ihrer Kinder. Aber unser Innerstes wird aufgewühlt, wenn wir weinende Kinder trösten müssen, die über das nackte Elend ihrer Eltern aufschreien. - Und immer wieder hören wir von hier zu Gast weilenden deut schen Kindern:„ Ich wollte, ich könnte Vater und Mutter etwas davon abgeben!" Oder: Wenn mein kleines Brüderchen auch hier mitessen fönnte... Entgegen einem fatalistischen Ausruf von Jean Webster, daß in Holland nicht genug Arme und Schöße seien, um all das Kinderelend auch nur in etwas zu lindern, appelliert die Schreiberin an die Arme derer, die immer nach einem Kinde verlangt haben. Und auch an die, die das Vorrecht hatten, Kinder ihr eigen zu nennen. und sie schließt ihre warmherzigen Zeilen also: Halt ja, ein wenig geopfert muß schon werden. Aber wenn wir erst das Kind im Haus haben. Das Kind, das ungeachtet des Unterschieds von Land, Art und Sprache vielerlei Hinsichten unseren eigenen Kindern gleich ist, so anhängdoch eigentlich in so lich, so nedisch, so naseweis und so lieb. 7 Und wenn wir dann das Kind sehen- ganz abgesehen von seiner sichtlichen förperlichen Erholung in der wohltuenden Ruhe unserer sicheren Häuslichkeit, dann ist das stärkste Gefühl, das sich schon eher geöffnet haben." unserer bemächtigt, die Scham darüber, daß wir unsere Arme nicht Das ist ehrlich gesprochen. Möchte diese schlichte Erzählung tausendfältige Nacheiferung zeitigen. Nicht weil wir in der Wohl. tätigkeit an sich einen wünschenswerten Zustand erblicken, noch weil sie, selbst in ausgedehnterem Maße geübt, das maßlos schwere Problem zu lösen vermöchte. Das Wiedererstehen der unterlegenen, durch die Sieger auch im Frieden noch dem Hunger überantworteten, wirtschaftlich gefesselten und geknebelten Völker ist nur durch großzügige wirtschaftliche und finanzielle Hilfe von augen ber möglich. Woher diese fommen soll, ist noch in völliges Dunkel gehüllt. Um so größer und unabweisbarer die Menschenpflicht aller derer, die mit Geld, vor allem aber mit Lebensmitteln helfen können, die Hungrigsten unter den Hungrigen zu unterstützen und ihre Kinder vor dem Untergange zu be wahren. B. W. Splitter Von Walther Sturm Was ich in der Liebe verlor und am Leben, Das hat mir die Arbeit wiedergegeben. Und ob ihr alle irre an mir werdet Und laẞt euch trügen durch den äußern Schein Es kann ein Menfch, der heiter lich gebärdet, Im Herzen einfam, ernit und elend fein. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Drud: Borwärts Buchdruckerei. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer 9. m. b. 5. sämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3 32 Die Gleichheit Nr. 4 Timner- Essig überall erhältlich! Nervöse Schlaflosigkeit wird behoben durch Angloval ( Extr. Valerian cps.) nur aus Pflanzen- Preis 4 Mark stoffen bereitet Generaldepot: Hohenzollern- Apotheke, Berlin W.10, Königin- Augusta- Straße 50. Telephon: Lotzow 133. Beachtenswerte Neuerscheinungen! DP Wir weben, wir weben! Die politischen Gedichte von Heinrich Heine. Gruppiert u. eingeleitet von Dr. Franz Diederich Geb. Preis 9,- Mt., Porto 30 Pf. Ich bekenne von Clara Müller- Jahnke. Mit einem Vorwort von Clara Bohm- Schuch Preis geb. 7,20 r., Porto 30 Pf. Buchhand ung Vorwärts Berlin SW 68 Lindenstr. 3 Sauger Reine Wäfche ohne Mühe Endlich das Richtige Haar- Technische- Werke Spezialität Haararbeien, Transformationen, Zöpfe usw. Haar ärb., blon dier., Kopiwaschen. Ondulieren. Berlin W., Bülowstraße 94. Zweig geschäft: Schöneberg Luitpoldstraße Nr. 35, Ecke Martin- Luther- Straße. Photographen Gaslicht-, Zelloidin- Bromsilberkarten, per 1000 Stck. 57,50, 100 Stck. 6,-. Platten billig. Liste frei. Foto- Industrie, Beriin SW.48, Friedrichstraße 237 t. Wie ein Wunder beseitigt S.-R. Dr. Strahl's Haussalbeeden Hautaus schlag, Flechten, Hautjucken, besond. Beinschaden, Krampfadern der Frauen und dergl, in Originaldosen 6,25, 9,75 erhältl. in der ElefantenApotheke, Bin.204 SW.19. Leipziger Str. 71. Dönhol Bettnässe Befreiung sofort Alter und Geschlecht angeb Ausk umsonst. diskret. Margonal, Berlin, Belle- Alliance- Str. 32. FRANZ ABRAHAM Messina- u. Römertrank- Kellerei Spez: Päseldorfer Klosterperle Ueberall zu haben! BERLIN C. 25, BARTELSTRASSE Kr. 8 a Ahlung! Wichtig für alle Eltern Achtung! deren Kinder Ostern iie Schule verlassen! Die Berufswahl mit Rücksicht auf die Tauglichkeit für den Beruf Von Dr. med. 3adet, Berlin Dieses Heft gibt Aufklärung über die für die Kinder wichtigste Lebensfrage und sollte daher vor der Entscheidung von jedem Vater, jeder Mutter gelesen werden Preis 1,20 Mart, Porto 10 Pfennig Buchhandlung Borwärts, Berlin, Lindenstr.3 Stoffe für Damen- Kostüme Mtr. 20,-, 30.-. 40.-, 50.Herren- Anzüge Mtr. 50,-, 60,-. 70,-. 80.Tuchlager Koch& See'and G.m.b.H. Berlin- C. Geriraudtenstr.20/ 21. Verkaufszerteon 3-2 Uhr • portofrei. Aufträge von M. 10.- an Neueste Preis liste umsonst anJedermann Meinel& Herold Harmonikafabrik u.Musikinstr.- Versat Klingenthal( Sachs.) No. 14lief. unt. voll. Garant. Harmonikas Spezialität: Wiener zu billigsten Breifen. Mundharm., Darinae Guitarr Bithern, Biolinen, Bandonions. Guitarreu, Mandolinen, Flöten- u.f.w. 14009 Dankschreiben. Bleichmiel L GAUGER Vom R.A.gen Luhles Sauerstoff Bleichinille NGAUGER Grease& furo Lerner Inhalt& With Govern 3 P 93455. überall erhältlich! BORUSSIA CaramelBier Aerztlich empfohlen! Ueberall erhältlich. Borussia- Brauerei A.-G., Berlin- Weißensee. Tel.: Amt Weißensee Nr 112 u. 113 Frauenleiden u. deren Verhütung Mit Anhang: Die Verhütung der Schwangerschaft. Mit 7 Abbildungen im Text. Von Dr. J. Zadek. Preis 1 Mk Porto 5 Pfennig. in geschlossenem Brief 30 Pf. Das Heft behandelt die besonderen, der Frau eigentümlich. Krankheiten, namentl. die der weiblich. Geschlechtsor ane. Buchhandlung Vorwärts Beriin SW. 68, Lindenstr. 3 Buchhandlung Vorwärts, Berl nSW. Lindenstraße 3. Die neue Reichsverfassung, ihre Entstehung und ihr Ausbau. Von Dr. Mar Quard. Mt. 1, Verfassung, Arbeiterklasse und Sozialismus. der Neichsverfassung vom Eine fritische intersuchung 11. August 1919. Von Friedrich Stampfer. Wit. 1, Verfassungswesen und Verfassungsfämpfe in Deutschland. Von Georg Gradnauer. Geb. Mt. 4,50 Drei AbUeber Verfassungswesen. Bandun gen von Ferdinand Lassalle. Soeben erschien neu in unserm Verlage: Schutz unseren f. 1,50 Frauenarbeit und Frauen und Müttern! Frauenorganisation. Vortrag, gehalten von Adele Schreiber. Vortrag, gehalten von Gertrud Hanna. Preis 50 Pfennig. Préis 50 Pfennig. Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW. 68, Lindenstraße 3. J.F.ASSMANN Sind Lungenleiden heilbar? Lebensmittel- Großhandlung 42 Detailgeschäfte in Berlin und Vororten Diese außerst wichtige Frage beschäftigt wohl alle, die an Asthma, Lungen, Kehlkopftuberkulose, Schwindsucht, Lungenspitzenkatarrh, veraltetem Husten, Ver schtelung, lange bestehender Heiserkeit leiden und bisher keine Heilung fanden. Alle derartigen Kranken erhaiten von uns ein Buch mit Abbildungen aus der Feder des Herrn Dr. med. Guttmann, Chefarzt der Eisenkuranstat über das Thema: ,, Sind Lungenleiden heilbar?" Um allen Kranken Gelegenheit zu geben, sich Aufklärung über die Art ihres Leidens zu verschaffen, haben wir uns entschlossen, iedem cieses Buch umsonst zu übersenden. Man schreibe an Puhlmann& Co.. Berlin 128, Müggelstraße 25 a.