Nr. 18 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart Berlin 1. Mai 1920 Die Frau und ihr Haus Zuschriften find zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplay 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Der heilige Lenz Durch Alltagslärm und Fabritenstaub Leuchtet ein Tag voll Licht und Laub. Leuchtet ein einziger Tag im Jahr: Rote Rosen im blonden Haar. In Wanderschuhen, im Festgewand Schreitet der leuchtende Tag durchs Land. Und wo er wandert durch Feld und Dorn, Da blühen die Schlehen und freibt das Korn. Und wo er rührt an des Armen Haus, Lodt er lachende Menschen hinaus. Biel jubelnde Kindlein laufen mitHart auf der Erde dröhnt sein Schriff: Bis in die Tiefen der ewigen Nacht, Zu den schwarzen Gesellen im Kohlenschacht. Da sinkt der Hammer zum letzten SchlagUnd sie steigen empor und grüßen den Tag. Und grüßen das Licht und das blauende Meer... Ueber die Wogen rollt es daher. Heim ziehen die Schiffe in freudiger HaftDer rote Wimpel fliegt am Maft. Und über der Menschheit, erlöst und frei, Leuchtet der große, der heilige Mai. O Mai der Menschheit, du Traum voll Glüd, Eine Träne feuchtet den Mannesblick... O Tag der Zukunft, voll Glanz und Grün, Wann wird deine strahlende Sonne glühn? O Fest der Freiheit, du blühender Mai, Kein Sinnen und Träumen sehnt dich herbei. Noch hegt dich das Dunkel, noch schirmt dich die MachtUnd wir müssen hindurch durch den Kampf und die Nacht! Die weichliche Träne versiegt und erstarrt, Und es ruff deine Zukunft:„ Mein Bolf, werde hart. Werde hart und sei wach, du, und schlage den Schlag, Dein harrt ein fruchtschwangerer Sommertag. Und wählst du gut, wie das Los dir fällt, So ist dein die Macht und die blühende WelfUnd über Woge und Flur und Flor Dämmert der heilige Lenz empor!" Clara Müller- Jahnte. Maiaufruf zum Frauentag Wenn die Arbeiterschaft Deutschlands vor dem Kriege ihre Maifeier abhielt, dann demonstrierte sie für Völkerfrieden und Freiheit, für Arbeiterschutz und Achtstundentag. Das tlassenbewußte Proletariat und seine Frauen aber zählten zur Freiheit auch das Frauenwahlrecht. Diese Forderung ist für uns erfüllt. Wählerinnen! In wenigen Wochen werdet Ihr wieder an die Wahlurne treten, um als politisch mündige Menschen neben den Männern Euer vollgültiges Staatsbürgerrecht auszuiiben. Es gilt diesmal die Wahl des ersten Reichstages der jungen Republikl Der Parteivorstand hat beschlossen, daß vom 9. bis einschließlich 16. Mai ein Frauentag stattfinden soll. In diesen Tagen sollen in allen Orten des Deutschen Reiches Versammlungen stattfinden, in denen sozialdemokratische Redner und Rednerinnen zu den Frauen sprechen. Parteigenossinnen und Parteigenossen! Nützt die Zeit! Jede Stimme der Sozial. demokratie! Die Frauen müssen in die sozialdemokratische Partei. Werbt Leserinnen für unsere Frauenzeitschrift„ Die Gleichheit". Die Sozialdemokratie übernahm am 9. November 1918 das Steuer des führerlosen Staatsschiffes. Ihre erste Tat war die Erfüllung ihres lange vertretenen Programmpunktes nach voller politischer Demokratie. Damit war den deutschen Frauen aller Schichten ihr Staatsbürgerrecht gegeben. Die Sozialdemokratie hat gehalten, was sie versprochen: die Verfassung des neuen republikanischen Deutschland sichert den Frauen in Reich, Staat und Gemeinde das aktive und das 130 Die Gleich heit passive Wahlrecht. Sie fönnen wählen und gewählt werden. Der Volksstaat brachte das Ende der poli. tischen Bevormundung; frei und gleich steht heute die Frau neben dem Manne! Wohl tragen die Frauen noch ganz besonders schwer an den Folgen des blutigen Krieges. Noch sind die seelischen Wunden nicht vernarbt, die den einzelnen geschlagen wurden. Noch immer ist es die bittere Sorge ums Dasein, der Kampf um das tägliche Brot und um die dringendsten Bedürfnisse für die Familie, die das Denken und Fühlen stark in Anspruch nehmen, der die Frauen bitter und oft ungerecht werden läßt. Die Sozialdemokratie will vollenden, was sie begonnen hat. Eine klare und zielbewußte Wirtschaftspolitik muß uns herausführen aus dem Elend des Hungers und der Entbehrungen. Neben der politischen muß die wirtschaftliche Gleichberechtigung für Mann und Frau errungen werden. Die Verfaffung gibt hierfür die Grundlage. Im Befriebsrätegeset und in der Beamten besol. dungsreform hat sich dieser Grundsatz Bahn gebrochen. Es ist das Ziel der sozialdemokratischen Partei, im fommenden Reichstag weiter zu wirken für die volle wirtschaftliche Gleichberechtigung beider Geschlechter. In der sozialpolitischen Gesetzgebung ist die Sozialdemofratie von jeher für einen ausgedehnten Schuß für die erwerbstätigen Frauen und Mütter eingetreten. So soll es auch in Zukunft werden. Im Gesez über die Schwangeren- und Wöchnerinnenfürsorge ist der Anfang gemacht mit der Erfüllung unserer alten Forderung nach einem ausreichenden Schutz für Mutter und Kind. In der Verfassung ist den kinderreichen Familien der besondere Schutz des Staates zugesagt. Die unehelichen Kinder sollen die gleichen Vorbedingungen für ihre förperliche, seelische und geistige Entwicklung erhalten wie die ehelichen. Die in der Verfassung festgelegten Grundsätze zu verwirklichen, ist Aufgabe des kommenden Reichstags. Die Sorge für die Jugend des deutschen Volkes muß vornehmste Pflicht des deutschen Staates sein. Ueber die bisher geübte Sozialpolitik hinaus muß in der Gesetzgebung für das förperliche und seelische Wohl der Jugend gesorgt werden. Die Reichsschulgesetzgebung bedarf dringend des weiteren Ausbaues, um allen Kindern nach Anlage und Begabung ihre Borbildung zu geben, ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Kräfte der Erzeuger. In religiösen und kulturellen Fragen muß Toleranz und vornehmer Geist in Schule, Haus und im gesellschaftlichen Leben herrschen. Wählerinnen! Sagt nicht: Was sollen wir Frauen dabei tun? Der weibliche Einfluß in der Politik muß stärker werden, damit er das politische Leben der Zukunft gestalten hilft. Sorgen wir dafür, daß dies im Interesse der breiten Masse des arbeitenden Volkes und der Kinder geschieht, vor allem aber im Sinne des Völkerfriedens! So hat die Sozialdemokratie stets gewirkt. Auf dieser Auf dieser Bahn geht sie weiter. In die Hand der deutschen Frauen ist es gegeben, dem Sozialismus zum Siege zu verhelfen durch ihre Stimmabgabe für die sozialdemokratische Partei! Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. J. A.: Marie Juchacz. Wir wollen! Mai ist es wieder. Der Frühling blüht um die Fenster, und die grauen Großstadtstraßen sehen in dem jungen Schmuck der Linden und Ulmen aus, als ob jeder Tag ein Fest wäre. Und das Herz wird froh und leicht; es will sich so gerne freuen in all der Dunkelheit des Seins. Und der Freude, der großen, heiligen, schöpferischen und schaffenden Freude soll dieser Maitag geweiht sein. Denn Nr. 18 vor uns liegt die Zukunft grauverhüllt, schwer, mutlosmachend, und wenn wir sie zwingen wollen, brauchen wir Kraft; brauchen wir den Mut, an uns selbst, an unser Volk und an die Menschheit wieder glauben zu lernen. Kraft und Mut schöpfen wir aber nicht ans Sorge und Bitterkeit, sondern nur aus der Freude an der Schönheit des Lebens um uns. Und war die Welt am ersten Tag des Mai schon je so schön wie in diesem Jahr? Eine Ueberfülle blühender Lebensbejahung umjauchzt uns auf Schritt und Tritt. Doch auch uns Menschen segnet die Allmutter Sonne mit ihrem reinen, warmen Licht, das alles um uns zum Leben rief. Auch wir find Geschöpfe dieser ewigen Schöpferkraft, und da sollten wir berzweifeln an unserem Schicksal? Nein, gestalten wollen wir es nach unserem Willen. Unser Wille ist, daß in Deutschland eine Politik betrieben wird, die nach außen und innen ausgleichend und versöhnend wirft. Wir wollen den Frieden, weil nur in friedlicher Arbeit sich die guten Kräfte in unserem Volfs- und Wirtschaftsleben wieder entwickeln können. Der Krieg hat überall das Verbrecherische und Gemeine wachsen lassen; er ist die Hemmung aller Höherentwicklung der Menschheit. Darum ist jeder, der uns von neuem in friegerische Verwidelungen bringen will und der bersucht, dafür die heiligen Gefühle der Heimatliebe und des Heimatstolzes in seine dunklen Bahnen zu lenken, unser Feind. Und unser Todfeind ist, wer verantwortungslos oder verbrecherisch den Bruderkrieg entzündet. Den Opfern der letzten blutigen Tragödie geloben wir es an diesem blühenden Maientag, daß wir Frauen nicht ruhen und rasten wollen. bis endlich Friede ist im Lande. Wenn wir uns nicht wieder verstehen wollen, die wir doch eine Sprache sprechen, die wir von derselben brutalen Macht dem Krieg und seinen Fol gen- zerschlagen sind, wie fönnten wir je auf eine Verständigung mit den Völkern rechnen, die unsere Feinde waren? Und doch glauben wir an diese Bölferverständigung, weil wir sie wollen. Durch die Uebergriffe der Franzosen im Westen und der Polen im Osten werden ihr Drahtverhane gebaut und ob die Konferenz der Alliierten, welche im sonnigen Süden, in San Remo, in diesen Tagen stattfindet, viel davon wegräumen wird, wissen wir nicht. Aber wir wissen, daß die Lebensnotwendigkeit der Völker Europas eine Verständigung gebietet und die Arbeiterschaft muß ihre Trägerin sein. Sie muß sich darum finden auf dem Boden, der ihr Grund ist, der sie trägt: auf dem Boden der Arbeit. Der Versailler Friedensvertrag. muß erfüllt werden bis zur Grenze der Möglichkeit. Aber die Grenze ist da, wo uns die Mög Iichkeit zur Arbeit genommen wird. Die Entente soll uns lassen und geben, was wir gebrauchen, um arbeiten zu können und unsere Regierung muß der schaffenden Arbeit den Ehrenplag einräumen, der ihr gebührt in der Leitung des Staates. So ist die Mitarbeit der Gewerkschaften gemeint und gewollt. So geht der demokratische Weg zum Sozialismus. Arbeit allein fann uns retten und mit uns die Völker Europas. Darum muß und wird sie die Führung bei der Verständigung von Volk zu Volf und in den einzelnen Ländern übernehmen. Das ist der gerade Gang der Entwicklung und sie läßt sich nicht aufhalten oder hindern, ob wir sie wollen oder nicht. Aber wir wollen sie. Nicht durch Diktatur, sondern auf dem Wege der Demokratie, nur müssen wir uns bewußt bleiben, daß dieser Weg nicht nach rechts abbiegen darf. Wir wollen für unsere Kinder das Glück auf Erden und heit und Schönheit: im Sozialismus liegt. wir wissen, daß es nur in der Vereinigung von Arbeit, FreiWir wollen die Verwirklichung des So. zialismus. Wir wollen einen Maitag der Menschheit. Wir wollen ein freies Menschentum auf freier Erde. Clara Bohm- Schuch. Nr. 18 Vor dreißig Jahren Die Gleich beit Am Donnerstag, den 1. Mai 1890, sah man bereits in den frühen Vormittagsstunden sonntäglich gekleidete Gruppen von Arbeiterfamilien hinausziehen ins Freie. Wie war das nur möglich? An einem Arbeitstage wagten die Proletarierscharen nicht zu arbeiten, dem Unternehmer damit den Arbeitsverdienst zu kürzen? Sie wagten zu feiern an einem Tage, der nicht von Staat oder Kirche als Feiertag festgelegt worden war? War dies die Frucht des erst vor wenigen Monaten zu Grabe getragenen fluchwürdigen Schandgefeges? Jawohl, die Arbeiter hatten es gewagt, sich selbst nach eigenem Willen einen Feiertag zu schaffen, und nicht nur die Arbeiter Berlins waren so vermessen, sondern die der ganzen Welt. Auf dem Internationalen Sozialistenkongreß zu Paris im Juli 1889, dem Hundertjahrestage, der großen französischen Revolution, war der 1. Mai als Weltfeiertag der Arbeit eingesetzt worden. Dieser Feiertag war dazu angetan, in gleichem Empfinden und Denken das Proletariat der ganzen Welt zu einigen. Auf dem Pariser Kongresse war man zu dem Ergebnis gelangt, daß auf dem ganzen Erdenrund das Proletariat zwar graduell verschieden, doch überall gleich unterdrückt und schutzlos ausgebeutet wurde. Es war daher vereinbart worden, daß in allen Ländern an die Regierungen und gesetzgebenden Körperschaften Forderungen zum Schuße der Arbeiter gestellt und mit Nachdruck vertreten werden müssen. Die Arbeitszeit sollte berkürzt, Kinderarbeit verboten werden u. a. m. Dann erst würde der Arbeiter sich seiner Familie widmen können und dann endlich einmal Zeit finden, an seiner geistigen Fortbildung zu arbeiten. Ferner sollte dieser Feiertag dazu dienen, in der ganzen Welt einmütig gegen den immer mehr überhandnehmenden Militarismus Front zu machen. Welch herrlicher Gedanke, zu wissen, daß die Ausgebeuteten, die Unterdrückten der ganzen Welt an diesem Tage seelisch miteinander verbunden sind, daß sie mit allen zu Gebote stehenden Mitteln ihre Forderungen an die Regierenden stellen. Welch Schrecken dieser erste Weltfeiertag auf die herrschende Klasse ausübte, beweist wohl am besten, daß an diesem Tage * Feuilleton * Ein Ziel bleibt uns immer noch... Wir haben zwifchen Tod und Leben gestanden Wie Menfchen keiner Zeit. Was wir überwanden War immer nur eigenes Leid. Wenn wir Troft und gütige Worte Spendeten, Wohl fiel ein Glanz in unfer eigenes Herz. Je mehr wir Leid von anderen wendeten, Defto mehr trugen wir uns felbft aufwärts. Wir wachien nnd werden im Ueberwinden, Wenn wir ein starkes Geschlecht. Wir künden im Leidtragen und Troftfinden Der Liebe unantastbares Recht. nur nicht müde werden, tapfere Schwefter, Wir haben längst nicht alles erreicht. Gib mir die band und stehe furchtlos und fefter: Gemeinfam getragen find die Laften leicht. Wir haben längst nicht alles erlitten, In Leid und in der Liebe, Schwefter, noch nicht. Was nützt's, wenn wir den Glauben an uns felber erftritten Und an die Menschheit noch nicht? Ein Ziel bleibt immer noch zu eritreiten, Zu erleiden, zu erfterben vielleicht, wer weiß... Streuen wir in der Cage qualvolle Dunkelheiten, Liebe und Blüten aus einem neuen Paradeis. Dans Gathmann. 131 das Militär in den Kasernen gehalten wurde, damit es gegebenenfalls einschreiten könne. Auch wurden viele Bahnhöfe durch Militär gesichert"! Einige vernünftige Bahnhofsvorsteher hatten auf Anfragen das Militär abgelehnt, da sie keine Gefahr erblickten und den Arbeitern vertrauten. Die Arbeiterbevölkerung Deutschlands, befreit vom Druck des Sozialistengesetes, jubelte diesem Tag entgegen. Und der Himmel selbst schien im Bunde mit ihnen zu sein, denn einen so wunderbar herrlichen ersten Maitag hatten wir seitdem nicht wieder. Der warme Sonnenschein, der klare, wolfenlose Himmel, das wunderbare zarte Maigrün an Bauni und Strauch; die lebenschwellenden Knospen, die sprießenden Saaten, der Vogelgesang, kurz, die wie Leben, Kraft und Schönheit wirkende Natur mußte auch den Menschen neuen Lebensgenuß und Kraft einflößen, mußte sie lehren, alles daranzusehen, die Schönheiten der Welt auch für sich und die Ihren zu gewinnen. Als ich an diesem ersten Maitag vor dreißig Jahren mit meiner Organisation der Schäftearbeiter und-arbeiterinnen im Kreise lieber Menschen hinauswanderte nach Grünau, war es herzbewegend für uns alle, als wir unsere geliebte Marseillaise von einem Zeierkasten ertönen hörten. Die Gaben flossen reichlich, und erfreut darüber sagte der Drehorgelspieler zu seiner alten Lebensgefährtin:„ Siehste Mutterken, daß ich recht hatte." Er hatte das Stück zu diesem Tage auf den Leierkasten bringen lassen. Nur wer weiß, daß bis zur Aufhebung des Sozialistengesetzes unsere Lieder verboten waren, und daß wir Liederbücher oder einzelne Blätter gedruckte Lieder nur heimlich vertreiben konnten, wird unsere Freude über das Spiel des Leiermannes begreifen. An dem Bestimmungsort angelangt, wurden nun nach Herzenslust unsere Arbeiterlieder gesungen, wenn auch von ungeschulten, so doch von begeisterten Sängern; revolutionäre Gedichte von Heinrich Heine, Freiligrath u. a. wurden vorgetragen. Wohl jeder der mit uns Feiernden gelobte, eifriger noch als bisher für die Erlösung der Menschheit aus Not und Unterdrückung wirken zu wollen, sein Leben in den Dienst unserer großen heiligen Sache zu stellen. Im ganzen Reiche, ja in der ganzen Welt hat wohl dieser erste Weltfeiertag wie Der Weg durch den Felsen Mittagsjonne liegt auf dem Steinbruch am Waldesrand. Ich jige unter einer Birke, geschützt von ihrem dürftigen Schatten und schaue, den Kopf in die Hände gestützt, den Arbeitern zu. Monoton flingt das Tid- Tad ihrer Spighacken, die sich nie rastend in den Sandstein hineinbeißen. Schon ist eine tiefe, meterbreite Grube in den Boden gegraben. Immer wieder sollen neue Blöcke des weißgelben Sandsteines herausgeholt werden. Darum schwingen die Schaffenden schweißigen Körpers ihre Werkzeuge und eine Kerbe nach der anderen zeichnet sich auf dem Grunde des Bruches und deutet damit an, daß bald ein neuer Blod gewonnen ist. Am Rande des Steinbruches drehen Arbeiter die Winde, um. die fich das einen Felsblock emporziehende Drahtseil wickelt. Sie keuchen vor Anstrengung. Doch ihre braungebrannten Arme fallen nicht. Es ist schwerer, aber auch guter Stein. Ich schaue alldem zu. Die heiße, schiere Luft senkt sich auf meinen Kopf und er sinkt, von Müdigkeit überwältigt, in das Gras. Auf der Grenze zwischen Schlaf und Wachsein, höre ich noch das monotone, einförmige Tid- Tad. Ich schlafe, schlafe. Was sehe ich im Traum? Vor mir ist ein riesiger Berg erwachsen. Um mich halbdunkel, grau und freudlos. Keine Sonne scheint. Sie liegt hinter dem Berg und hat hierhin noch nie ihre warmen Strahlen gesandt. Der Berg mags nicht leiden... Ich sehe eine Schar von Frauen und Männern. Sie wollen den Weg durch den Berg schaffen die Sonne sehen, mit ihr das gelobte Land. Und sie schaffen! Die einen bedienen die Bohrmaschine und viele andere schavingen unermüdlich die Spißhaden. Der Weg wird breiter und tiefer. Man ist dem Ziele nah. Ein Felsblock nach dem andern weicht der zielbewußten Arbeit. Jahr 132 Die Gleich beit eine Erlösung gewirkt und Kampfesmut und Kampfesfreudigkeit ausgelöst. Ms die Bourgeoisie merkte, daß die Demonstration, der Feiertag der Arbeiterschaft friedlich verlaufen war( von der Macht der Revolutionierung der Geister hatte sie wohl noch feine Ahnung), glaubte sie ihre gewohnten Machtmittel wieder anwenden zu können. In den folgenden Jahren suchte das Unternehmertum seinen Herrenstandpunkt dadurch wiederher zustellen, daß es Arbeiter, die am 1. Mai gefeiert hatten, auf Tage und oft auch noch länger aussperrte. O, die Toren, die da glaubten, damit eine Bewegung, die in der wirtschaftlichen Entwicklung ihre Wurzeln hat, unterdrücken zu können. Der grausige Krieg, den wir hinter uns haben, hat die Maifeier, wie so vieles, hinbangehalten. Jetzt aber wird dieser Tag in Deutschland ein offizieller Feiertag werden. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, an dem er es auf dem ganzen Erdenrund ist. Wir aber wollen uns am fommenden 1. Mai geloben, nicht zu ruhen und zu rasten, bis der Sozialismus seinen Siegeszug vollendet hat und die Menschheit frei und glücklich ist. Ottilie Baader Dietrich 3. Die Arbeiterin und der 1. Mai Der Weltfeiertag des Proletariats war den herrschenden Klassen vom Beginn seines Bestehens an ein Dorn im Auge. Aus eigener Machtvollkommenheit von der Arbeiter schaft eingesetzt, wurde er, troß aller Bekämpfung vom Klassen. staat und seiner Organe, alljährlich aufs neue zu einer Willenskundgebung der um ihre Menschenwürde kämpfenden Arbeiterklasse. Der Achtstundentag, der Ausbau der Arbeiter schutzgesetzgebung, das Frauenwahlrecht waren die hauptsäch lichsten Forderungen, für sie traten die Arbeiter und Arbeiterinnen immer um so energischer aufs neue ein, je mehr diese Forderungen von der Kapitalistenklasse bekämpft wurden. Je mehr die Frauen in das Erwerbsleben hineingezogen wurden, um so dringlicher wurden die Forderungen des Achtstundentages und des Frauenwahlrechts.- War es doch Lebensbedin zehnte schon wird an dem Weg geschafft und fiel ein Arbeitender müde um, schon sprangen andere hinzu, nahmen ihm das Werkzeug aus den Händen und fügten sich dem Arbeitsheere ein. So fagen Es waren aber welche, denen schien der Weg zum Ziele zu lang. Schneller, sofort wollen wir die Sonne sehen!.. fie, und raten, mit Dynamit den Berg zu sprengen. Doch die Alten, Bedächtigen warnen: Der zusammenstürzende Fels wird euch begraben und ihr werdet nie am Ziele stehen. Weil ihre Worte einleuchten, folgen ihnen alle und die Uebereiligen stehen allein.... Die Haden picken noch immer monoton, als ich die Augen aufschlage.... Tick- Tack. Einen Block nach dem andern muß der Steinbruch hergeben, von den rastlosen Händen der Schaffenden bezwungen. Franz Osterroth. Ein Frühlingserwachen Die Sonne sendet aus fast wolkenlosen Himmelsblau ihre warmen Strahlen, die, durch das vielgestaltige Geäst der Baumkronen gebrochen, am Boden in Kringeln hin und her huschen. Die zarten feingeschnittenen Blätter der Weißbirke( betula alba), die dort brüben am Rande der Waldblöße steht, vereinigen ihr leuchtendes Hellgrün mit dem blendenden Weiß des Stammes in ein farbenfreudiges Bild. Hier stehen noch die sparrigen Aeste allerlei Gesträuches blattlos, doch mit schwellenden Knospen versehen, da in der Anpflanzung dunkle Fichtenpyramiden zwischen ben welken Gräsern des Vorjahres. In wiegenden Stößen schwingt sich ein Specht über die Blöße, fällt in die alte SamenKiefer ein, bie dort drüben mächtig breitausladend steht; dann erflingt bes Spechtes Hämmern, sein geller Schrei: hihihihi. Kohlmeisen turnen im Geäst der Kiefer, der Birke. Und dir zu Nr. 18 gung für die Arbeiterklasse, die Frauen zu Mitkämpferinnen heranzubilden, um die politische und wirtschaftliche Macht des Proletariats zu stärken. Mit dem Eintritt der arbeitenden Frauen in die Gewerkschaften nahmen diese erst vereinzelt, dann in immer größerer Zahl, gemeinsam mit den Männern den Kampf um die Ziele auf, welche die Grundlagen zum politischen Aufstieg der Frauen und durch diese der gesamten Arbeiterklasse sind: Der Achtstundentag und das Frauenwahl. recht! Beides hat uns die Revolution gebracht. Wir haben das Frauenwahlrecht und den Achtstundentag. Durch die politische Gleichberechtigung mit dem Manne steht nun der Frau der Weg offen, sich auf allen Gebieten zu betätigen, jetzt erst fann sie mit Hilfe ihres Stimmzettels gleich dem Manne direkten Einfluß auf die Gesetzgebung ausüben. Durch den Achtstundentag wird sie mehr als früher Zeit finden, politisch und gewerkschaftlich mitzuarbeiten, wenn auch nicht verkannt wer den darf, daß gleichbedeutend mit der achtstündigen Arbeitszeit des Mannes nur ein Sechsstundentag für die Frau sein dürfte, da ja für sie neben der Berufstätigkeit noch die Erledi gung ihrer Hauswirtschaft hinzukommt. Wie dringend notwendig die politische und gewerkschaftliche Mitarbeit der Frau ist, beweist das Erstarken der Reaktion, die bereits Versuche unternimmt, die Errungenschaften der Revolution wieder zu beseitigen. Der Achtstundentag, um dessen Einführung die Arbeiterklasse jahrzehntelang heiß und leidenschaftlich gekämpft hat, ist in Gefahr. Die Unternehmer laufen Sturm gegendas Gesetz. Gewiß, Arbeit, intensivste Arbeit auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens ist das einzige Mittel zin Wiederaufbau unserer Volkswirtschaft. Diese Arbeit darf aber nicht gesteigert werden durch eine Berlängerung der täglichen Arbeitszeit, sondern durch eine den Bedürfnissen der Boltsgesamtheit angepaßte geregelte Produktion unter Herau ziehung aller arbeitsfähigen Glieder der Gesellschaft. Es darf keine Drohnen mehr geben, die von der Arbeitsleistung anderer leben. Jeder soll sich seinen Unterhalt durch Arbeit verdienen. Die Arbeiterinnen haben also wachsam zu sein, daß erhalten bleibt, was die Revolution. für sie schuf, und daß den vielgeplagten erwerbstätigen Frauen weitere Erleichterungen geschaffen werden durch Ausbau ter Füßen balgen sich ein paar farbenprächtige Finkenhähne, zefern und schimpfen, während ein dritter mit seinem kräftigen PinkPink Frühlingsstimmung hervorzaubert. Die Lenzesboten der Insektenwelt fehlen nicht. Schaukelnden Fluges wiegen sich Zitronenfalter( Genopteryx rhamni L.) durch die storren Kiefernstämme; auf den sonnenwarmen Steinen am Wegrande laffen Füchse, C- Vögel ihre Farbenpracht bescheinen, während die stolzen Trauermäntel( Nanessa antiopa L.) um Fichtengipfel ihr tolles Spiel treiben. Deine Augen leuchten vor Begierde; ich sehe es, du möchtest in den Besitz dieser fliegenden Blumen gelangen. Laß sie sich des Lebens freuen. Denn berschliffen sind ihre Flügel, die Farbenschuppen lädiert. Im ver gangenen Herbst sind diese Falter der schützenden Puppenhülle entschlüpft. Sie haben im Jmagozustande, als fertiges Tier, überwintert. In den Mauerrissen jener einsamen Ruinen an der südlichen Waldecke, zwischen den geschichteten Steinen der Feldraine, den Spalten des Holzstoßes, dort drüben ging es während des Winters nur zu eng zu, um diese leicht verlebliche Pracht der Schmetterlingsflügel unbeschädigt den ersten Lenzestagen als Gabe zu bringen. Viele der damals Geschlüpften liegen begraben im Magen bom Igel, Epißmaus, dem Wiesel. Aber die wenigen Falter, die sich der Frühlingstage freuen dürfen, sorgen durch reichliche Giablage für das Fortbestehen der Art. Steigt die Sonne höher, lassen die Weiden( Salix) ihre gelben Räbchen erblühen, dann erwachen auch frischgeschlupfte Falter aus der Puppenstarre zur Liebeslust. Immer größer wird die Artenzahl der blumenumspielenden Sonnenfinder. Und wenn der reizende Aurorafalter( Euchloe cardamines L.) mit seinem orange roten Fled auf den milchweißen Flügeln, um die rosafarbigen Blüten des Wiesenschaumtrautes irrt, Bläulinge( Lycaena) zuckenden Fluges über blumenbunte Wiesen tändeln, ist des Winters Macht gebrochen. Nr. 18 ie Gleichheit fozialpolitischen Gesetzgebung. Dazu gehörte, daß die Ausnahmebestimmungen der Gewerbeord nung, soweit sie sich auf Verlängerung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen durch Ueberstunden beziehen, beseitigt würden. Ausgenommen dürften davon nur die mit leicht verderblichen Produkten arbeitenden Industrien werden, sofern sich nicht durch Schichtwechsel die achtstündige Arbeitszeit aufrechterhalten ließe. Die Ermächtigung des Bundesrats zur Erlassung folcher Ausnahmebestimmungen wäre aufzuheben, weil durch sie der achtstündige Normalarbeitstag illusorisch gemacht wird. Einen wichtigen Fortschritt sozialpolitischen Charakters haben ja die Gewerkschaften in den Arbeitsgemeinschaften durch Abschluß kollektiver Tarifverträge erreicht, daß Arbeitern und Arbeiterinnen je nach der Dauer der Beschäftigung Ferien von 3-14 Tagen unter Fortzahlung des Lohnes gewährt werden. Wie sehr hatten die erwerbstätigen Frauen den Wunsch, einmal im Jahre eine Zeitlang auszuspannen, einmal sich selbst zu gehören. Durch die Gewerkschaften ist ihnen das jetzt ermöglicht worden. Diese hochbedeutende Einrichtung auszubauen, vor allem aber die Arbeiterschutzgesekgebung ins besondere für die Frauen zu erweitern, ist durch das Wahl recht der Frau ermöglicht worden. Besonders wichtig sind auch die Wahlen zu den Betriebs. räten. Diese haben nach der Reichsverfassung die sozialen und wirtschaftlichen Interessen der Arbeiter und Angestellten wahrzunehmen. Darum ist auf die Mitarbeit der Arbeiterinnen in Frauenarbeitsfragen ein ganz besonderer Wert zu legen, weil in den Betriebsräten für eine Innehaltung der Arbeitszeiten, für eine wirkliche Bekämpfung der Gesundheits- und Unfallgefahren im Betriebe, für Schutzvorrichtungen an den Maschinen, geeigneter Arbeitskleidung für Frauen zu sorgen ist. Zu diesem Zweck müssen die Gewerbeaufsichtsbeamten durch Anregung, Beratung und Auskunft unterstützt werden und auf die etwa im Betrieb vorhandenen Wohlfahrtseinrichtungen bestimmenden Einfluß ausüben. Es liegt also in der Hand der Arbeiterinnen, ob sie bei der Fabrikarbeit gesund und leistungsfähig bleiben können.( Denn sie können mit bestimmen über die Arbeitszeit, die Ar Auf leisen Schwingen fommt der Abend. Die Sonne scheidet bom Frühlingstag mit buntem Feuerwerk. Dann heißt es hin in die Weiden am Steinbruch. Die goldenen Blütenkätzchen haben neue Gäste zum Festmahle vereint. Aus allen Schlupfwinkeln heraus, unter dem Fallaub hervor sind die Eulen der Schmetterlingswelt gekommen; lautlos, wie ihre großen Bettern der Vogelwelt. Du staunst ob der Menge der Schmauser, die der Lichtkegel der Handlaterne an den Weidenblüten zeigt. Immer neue Anfömmlinge drängen zum Mahl, immer enger rücken die Faiter aufammen, bis das Weidenfäßchen einer Traube saugender NachtSchmetterlinge gleicht. Neben den frischgeschlupften Frühlingseulen ( Taeniocampa) finden sich eine große Menge im fertigen Falterzustande überwinterte Arten vor. Einem Sammler, Forscher. bringt der Weidenanflug Studienmaterial genug. Denn unter dem bom Nektargerusse erstarrten Tieren befinden sich viele befruchtete Weibchen( am starken Hinterleibe leicht fenntlich), deren baldiges Eigelege reichlich Zuchtmaterial liefert. Den Werdegang vom hartbeschalten Gi zur immerfressenden Raupe, zur ruhenden Puppe und zum leichtbeschwingten Falter zu verfolgen, bieten dem Naturfreund Stunden innigen Naturlebens. Doch davon ein andermal. Interessantes Beobachtungsmaterial bieten zur Frühlingszeit frischgeschlupfte Weibchen unserer schönsten Augenspinner, des Nagelfleds( Aglia tau L.) oder des farbenprächtigen fleinen Nachtpfauenauges Saturnia pavonia L.) Wer diese Weibchen in den abenddämmerigen Buchenwald trägt, wird sich bald van Dußenden liebestollen männlichen Faltern umschwirrt sehen. Dazu aus finsterer Didung den heiseren Liebesruf der Käuzchen, das vieltausendstimmige Geschrei von Wandervögeln, ziehendes Wild und Teises Rounen der Baumkronen. Das ist ein Bild deutschen Waldes, nächtlichen Lebens, wie man sichs schöner nicht wünschen Felig Kaden. tann. 133 beitsart und über die Wirtschaftsweise des Betriebes, in welchem sie arbeiten.) Dem weiteren Vordringen der erwerbstätigen Frauen entsprechend müssen auch alle unsere Forderungen des Mutterund Säuglingsschutzes als Ergänzung des durch Gesetz von 26. September 1919 geschaffenen Ausbaues der Wochenhilfe und Wochenfürsorge der Erfüllung näher gebracht werden. Reich, Staat und Gemeinden haben dafür zu sorgen, daß Schwangeren, Wöchnerinnen und Säuglingsheime in ausreichendem Maße vorhanden sind, daß Aerzte und Hebammen allen Gebärenden gestellt werden können und den jungen Müttern die Möglichkeit des Selbststillens ihrer Kleinen gegeben ist. Dadurch wird die Säuglingssterblichkeit auf das wirksamste bekämpft und die Volkskraft gehoben werden. Das Bürgerrecht der Frau, ihre politische Macht schafft ihr die Möglichkeit, das zu fordern und durchzusehen dadurch, daß fie die Partei wählt, welche die im Interesse des arbeitenden Volfes liegenden Einrichtungen schafft, weil sie von deren Notwendigkeit überzeugt ist, das ist die Sozialdemokratische Partei. Zu diesen Forderungen Tommt noch die der Herbeiführung eines wirklichen Völkerfriedens durch Verständigung der arbeitenden Klassen, ganz gleich, welcher Nation sie angehören. Die Frauen haben in den Blutjahren des Krieges und der ihm folgenden Zeit so ungeheure seelische Lanalen erdulden müssen, sie haben Hunger und schwere Arbeit ertragen, daß in der Seele jeder Frau, jeder Mutter und jedes heranwachsenden Mädchens der heiße Wunsch lebendig sein müßte, dauernd mit anderen Völkern in Frieden zu leben, um solche Verbrechen an der Menschheit, wie wir sie erlebten, unmöglich zu machen. Denn nur im Frieden können die Völker gedeihen; durch friedliche Arbeit kann unser Wirtschaftsleben wieder gesunden, kann die Arbeiterschaft aus der wirtschaftlichen Not herauskommen, kann das Ziel der Arbeiterklasse, der Sozialismus, erreicht werden. Deshalb müssen alle Arbeiterinnen am Weltfeiertag der Arbeit sich geloben, einzutreten für die Sozialdemokratie. Wir brauchen eine sozialistische Mehrheit in der Regierung, um die notwendigen Reformen durchzuseßen. Hätten alle arbeitenden Frauen bei den Wahlen zur Nationalversammlung sozialdemoBücherschau Wilhelm Reimes: Durch die Drahtverhaue des Lebens. Aus dem Werdegang eines flassenbewußten Arbeiters. Dresden, Kaden u. Co. 96 Seiten Preis 4,50 Mt. Seitdem August Bebel seine Memoiren beröffentlichte, sind zahlreiche Bücher auf den Markt gekommen, die in selbstbiographischer Art das Leben des modernen Arbeiters, zum mindesten aber die Jahre seiner Entwidlung schildern. Sie alle geben ein Stück Stulturgeschichte unseres Zeitalters, in dem das Leben des einzelnen zum Spiegel des Klassenkampfes einer ganzen Volksschicht wurde. Ein zäher Wille spricht aus allen diesen Buchveröffentlichungen: sich durchzusehen und sich aus den Niederungen des Alltags emporzuschwingen ans Licht. Auch das Buch von Wilhelm Reimes gehört hierher. Ein im zentrumschwärzesten Dunkel Deutschlands großwerdender, zum Tertilarbeiterberuf bestimmter Mensch erzählt von den Jahren seines Werdens und Hineinwachsens in die fozialistische Gedankenwelt. In schlichten, aber um so eindringlicheren Worten legt er seine Jugendbeichte ab. Leicht war der Weg nicht, den er ging. Aber er schritt ihn erhobenen Hauptes, beseelt von dem hohen, hehren Ziel, das gleich ihm Tausenden von Klaffengenossen voranleuchtete. Wie er den Dornenpfad ging, bas erzählt sein Buch; das liest am besten jeder selbst nach. Und er wird beim Lesen nicht nur diesen Lebensweg geschildert finden, sondern auch noch manches andere, das ihm die Augen öffnet für die Art des eigenartigen parteigenössischen Mannes, der hier zu Worte fommt. Die hübsche Ausstattung des Bandes, die es zugleich als Geschenkwerk empfiehlt, wird die Lektüre noch angenehmer machen. Wir glauben im Interesse unserer Leserinnen auf diese beachtenswerte Neuerscheinung aufmerksam machen zu müssen. [. 134 Die Gleichheit Nr. 18 kratisch gewählt, so wären wir den, Sozialismus schon näher gekommen. An seiner Schwelle stehen wir, wir wissen, daß unser volles Menschentum sich erst in einer sozialistischen Ge- sellschast entfalten kann. Darum fordern wir am 1. Mai, daß die Einrichtungen geschaffen werden, die es der arbeitenden Frau ermöglichen, ohne Schaden an ihrer Gesundheit zu nehmen, ihre Arbeitskrast in den Dienst der Gesamtheit zu stellen und sich doch ihrer Familie zu widmen. Wenn alle arbeitenden Frauen mit dem Gelöbnis, treu zur Sozialdemo kratie zu stehen, den 1. Mai begehen, dann geben sie dem Maientag des Proletariats, dem Weltseiertag der Arbeit, seine rechte Weihe! MarthaHoppe. „Jugend-Mai 1920� Unter diesem Titel gibt der Verband der deutschen Arbeiter- jugendverein« eine Festschrift zum 1. Mai heraus, die ohne Zweifel auch großes Interesse der sozialdemokratischen Frauen finden wird Unter der Redattion von Karl Korn ist sie präch tig ausgestattet und gestaltet worden. Zunächst gibt der Zeitschrift ein festliches Gepräge die Titel blattzeichnung der Künstlerin Ilse Schütze-Schur, von der auch die übrigen wirklich guten Zeichnungen stammen. So zeigt «in Vild in musterhafter Ausführung einen Jüngling, der ein Schiff, das vorn am Kiel den neuen Reichsadler trägt, durch hoch gehende Wogen und stürmische See hindurch der aufgehenden Sonne entgegensteuert. ES gibt den neuen Kulturidealen des freien deutschen Volkes symbolischen Ausdruck. Aus dem überaus reichhaltigen sonstigen Inhalt— zehn Auf sätze und zwei Gedichte— wollen wir nur einiges hervorheben. Da ist zunächst«in Beitrag von Karl Korn, dem Gestalter des .Jugand-Moi", zu erwähnen, der durch guten Stil und Inhalts- ffülle hervorragt. Von den anderen Aufsätzen seien genannt: I. S ch u l t- Hamburg:.Der Tag der Kultur".— Dr. Richard L oh m ann:»Vom März zum Mai."— RichardWeimann: .Jugendschutz und Jugendrechi."— August Albrecht:„Uns'r Verband."— Besonders dieser Aufsatz wird auch daS Juteresse der ,Gleichheit".Leserinnen finden, da er über die Ziele unse. rer Arbeiterjugeudbewegung berichtet.— Der.Ju gend-Mai ISA)" ist umgehend(nur kleine Auflage!) durch die Buchhandlung Vorwärts oder vom H a u p t v or st a n d (A ugust Alb recht), beÄ>e Linden st raße 3, gegen Vor einsendung von 50 Pst zu beziehen. sck—. Aus unserer Bewegung Eine sehr gut verlaufene Frauenkonfercnz fand für den kreis Rirderbarnim statt, in der die Genossin Juchacz darlegte, daß die Pressenachrichtcn durchaus nicht dazu angetan seien, den Eindruck zu erwecken, als könnten wir den kommenden Zeiten mit weniger Sorge entgegensehen. Es sei tragisch für unsere Partei, die Macht in einem Augenblick übernehmen zu müssen, in dem sie nicht in der Lage sei, ihre lblachi Position im Sinne ihrer Grund sätze voll auszunutzen. Aus Liebe zum Volke, aus Verantwor tungsgefühl heraus mußten wir sie aber antreten. Auch eine andere Regierung hätte eine bessere wirtschaftliche Lage nicht schaffen können. Ter Friedensvertrag, der geschlossen werden mußte, hat diese Situation heraufbeschworen; er ist die Folge des verlorenen Krieges und der Politik, die von den Inhabern der Macht vor uns getrieben wurde. Wir haben an dem Frie densvertrag keine Schuld. Unsere Partei hat alles getan, und sie wird auch zukünftig alles tun, um diesem Friedensvertrage die Stacheln zu nehmen. Es muß dem deutschen Volke ermöglicht werden, an der Weltwirtschaft teilzunehmen. Wir leben noch immer in der kapitalistischen Wirtschaftsform, in der die einzel nen Mächte versuchen, sich auf dem Weltmarkte den Rang abzu laufen. Die wirtschaftlichen Fesseln dieskS Friedens müssen ge brochen werden, nicht durch einen blutigen Krieg, sondern auf dem Wege der Vernunft, durch«erhandeln auf dem Gebiete der auswärtigen Politik. Diese Gesundung der Politik, die sich ganz leise anbahnte, ist jäh unterbrochen durch die Vorgänge vom 13. März. Man könne aus den Alarmnachrichten der letzten Tage leicht den Eindruck ge- Winnen, daß sie von den Putschisten in der Absicht inspiriert seien, die Bevölkerung einzuschläfern, um sie dann in einem Augenblick zu überfallen, in dem sie es nicht mehr erwarte. Es heiße wachsam zu bleiben und die Presse so lesen zu lernen, daß jeder einzelne zu gegebener Zeit selbst wisse, was er im Interesse der Sache zu tun habe. Was sich im Ruhrrevier gezeigt habe, scheine auch hier in Berlin angebahnt zu werden, nämlich die Verbindung der Offizierskamarilla mit den Kommunisten, um so die Demo kratie zu Fall zu bringen. Nur durch die Demokratie ist eine Hebung unseres politischen und wirtschaftlichen Lebens möglich, ir Fraurnwahlkonferenz Telt»w-Becsk»w Die Konferenz war sehr gut besucht und von starkem Geist beseelt. Die Genossin Ryneck gedachte in ihrem Vortrage.Was soll nun wecken?" der Hoffnungen, die am Anfang der Nationalver sammlung standen, und der Hemmungen, die sich ihren Arbeiten in den Weg legten. Aus den verschiedensten Ursachen erwuchs viel nutzlose Arbeit. Wir glaubten den Krieg hinter uns zu haben, und eÄebten einen ungeheuerlichen Friedensvertrag. Was wir im Augenblick er fahren, ist für uns Frauen wohl daS schmerzlichste. Was anderes bedeutet die Besetzung einzelner Landesteile durch die Sieger als offenen Kriegszustand, den wir denselben Schurken verdanken,' die den verlorenen Krieg verschuldet haben. Ganz allmählich hatte sich unsere Lage Verbeffert. Das Ausland faßte Vertrauen zu dem Deutschland, das durch zähe, ehrliche Arbeit wieder empor kommen wollte. Es wird uns schwer werden, erst einmal wieder dahin zu kommen, wo wir vor dem 13. März standen. Wäre dos unverantwortliche Unternehmen geglückt, es hätte Deutschlands Untergang bedeutet. Di« Narren von Rechts glaubten in zwei Stunden alles zerstören zu können, was die Arbeiterschaft in 1l4 Jahren nach svjährtger organisatorischer Vorarbeit aufge richtet hat. Sie haben die Rechnung ohne das Volk gemacht. Es ist nicht so unmündig, daß es die Leute, die«S am S. November mit Schimpf und Schande davonjagte, mit aller Liebe wieder auf nehmen würde. Es hat sie energisch abgeschüttelt. Den Tag des 13. März sollte sich die Arbeiterschaft merken für alle Zeit, der Schlag, den sie geeint gegen die Reaktion geführt hat, sollte ihr vorbildlich sein für die kommenden Wahlen. Die Frauen haben sich bei der schwierigen Arbeit im Parla ment tapfer gehalten. Der kommende Wahlkampf sei ein Zeichen unserer inneren Stärke. Die Parole heißt:.Gegen die Reaktion!" Es Wunde der einstimmige Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß Genossin Ryneck auch im Reichstag den Wahlkreis Teltow- Beeskow vertreten möge. Grotz-Berlin Am 9. April gaben die Genossinnen Groß-Berlins mit einer eindrucksvollen Kundgebung den Auftakt zu den kommenden ReichstagSwahlen. Nach dem Referat der Genossin Bohm-Schuch, das in Richtung nach Links mit scharfer Front gegen Rechts den Weg der Demokratie als den einzig gangbaren zum Sozialismus wies, nahm die Versammlung folgende Re solution einstimmig an: »Die Niederwerfung des Putsch«? hat gezeigt, was die ver einten �Kräfte-des Proletariats zu schaffen vermögen. Sie müssen fortwirken in regierender und verwaltender Zusammenarbeit der Arbeiterschaft aller Richtungen. Die Verantwortlichkeit für die Interessenvertretung der breiten Massen des Volkes lastet in der Regierung allein auf den Schultern unserer Genossen, von denen wir erwarten, daß sie den durch den Putsch vermehrten Schwie rigkeiten äußerste Tatkraft entgegensetzen. Wir Frauen, die wir unter den Folgen politischer Exzesse am schwersten leiden, be grüßen die wirtschaftspolitische Besinnung, die sich bei der U. S. P. D. gegenüber dem Rätegedanlen bemerkbar macht, und knüpfen daran die Hoffnung, daß die Gefahr der Gefährdung des wirtschaftlichen Aufbaues durch überradikale Experimente überwunden ist. Im Lollbewußtsein unserer politischen Mitver antwortlichkeit bringen wir aber zum Ausdruck: Die Hochburgen der Reaktion in Regierung und Verwaltung kann die Arbeiter schaft nur mit vereinten Kräften von innen heraus sprengen. Nur Wenn die gesamte Arbeiterschaft die volle Verantwortung in der Regierung gemeinsam trägt, kann sie sich gegen die Reaktion durchsetzen. Die Wahlen zum Reichstage müssen so ausfallen, daß keine Partei in Deutschlaad es mehr wagen kann, dem Willen der BolkSmchrheit Gewalt entgegenzusetzen. Daher heißt eS: Alle Kraft zusammenfassen im Kampf gegen die Reaktion, für Freiheit. Demokratie und Sozialismus!" BeranlworlUch für die RedaMoii� ffrau NIara Dr»it: Donvär«« BuchdruSeret. Benag: Buchhandlung Bonns«« Baul Singer ch. m. d- sämtlich in Berlin SW S8, Lindenstraße Z Nr. 18 Die Gleichheit 135 Starke Büste Aerztliche Beratungsstelle wird erlangt durch das echte BocatelBusenwasser, welches die Formen zur höchsten Entfaltung bringt u. ein. gleichmäß. Halsansatz bewirkt. Durch natürliche äußerliche Kräftigung wird die erschlaffte Brust gefestigt und die unentwickelte kleine Büste vergrößert. Zahlreiche Anerkennungen. Wirkung unübertroffen. Flasche 6.- Mark. Kesmet, Laboratorium H. 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