Nr. 19 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichbeu erscheint wöchentlich Prets: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnuminer 30 Pfennig Durch die Pont bezogen viertelfährlich ohne Beftellgeld 3,80 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart Berlin 8. Mai 1920 Die Frau und ihr Haus Zuschriften sind zu richten an die Rebattion der Gleichbeit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplas 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Die Gipfel glühen Und aufwärts geht es Schritt für Schritt. Bei hunderttaulend fchreiten mit; In qualendunkle Seelen bricht Der Höhe klares Sonnenlicht: Die Freude am Leben. Wir lagen tief in Пot und Schmach, Bis unferes Welens Siegel brach, Bis uns der Schutt zerftob. Unter der Fauft, die fich erhob, Uns zu zerfchmettern. Da reckt empor aus, dunkler Haft Ihr blondes бaupt die Volkeskraft; Da fühlten wir an Schlag und Stoẞ, Am Strom, der heiß zum бerzen IchoB, Blut in den Adern. Da lebten wir die fchwere Zeit. Ein barter Lehrberr war das Leid: Es lehrte uns zulammenftehn, In klirrenden Ketten vorwärts gehn. Uns bäumen und wehren. Und raich verraufchte Jahr um Jahr, Verklungen ilt, was dunkel war. Wo Wundgepeitichte ftöhnten, gellt Ein Tubaton durchs flache Feld, Eine Siegesfanfare. beut stehn wir da; in ftolzer Wehr, Ein kriegsbereit Millionenbeer Statt Speer und Büchle Pflug und Beil, Der Zukunft Croft, der Menschheit beil In starken bänden. Das Deer der Arbeit! Sein die Macht! Wie anders kam's, als ihr gedacht: Das Schickial sprach fein Donnerwort, Und über eure Köpfe fort Grollt feine Stimme. Und vorwärts geht's mit bartem Schritt. Und Millionen schreiten mit. Aus heißen Kehlen bricht ein Schrei: Das Ziel fo nah- lo licht- lo frei! Die Gipfel glüben! Die Frauen und die Wahlen Von Clara Bohm- Schuch 3mm zweiten Male werden wir am 6. Juni unseren Willen über die zufünftige Entwicklung der deutschen Republif zum Ausdruck bringen. Die Entscheidung der Frauen kann aus. schlaggebend werden, denn sie sind zahlenmäßig die Mehrheit der Wählerschaft. Dadurch wird eine ungeheure Verantwortung in unsere Hand gegeben. Die Gegenwart ist schwer. Die zum Teil berechtigte Unzufriedenheit fann uns so leicht ungerecht machen; fann uns all die Schwierigkeiten und Hemmungen, mit denen die gegenwärtige Regierung, mit denen vor allem unsere Partei zu fämpfen hatte, übersehen lassen. Und doch darf das nicht sein. Das Ergebnis der Reichstagswahlen darf teine Augenblidsstimmung darstellen, sondern es muß die berantwortungsbewußte politische Reife unseres Boltes zum Ausdrud bringen. Die größere Hälfte dieses Volkes sind die Frauen und Mütter- find wir. Gefesselt lag unser politischer Wille durch Jahrhunderte. Rafttsäger im Wirtschafts- und Staatsleben durften wir fein, aber nie Freischaffende. Der Sozialismus schrieb ben Kanupf um die Befreiung der Frau aus dieser unwürdigen Gebundenheit auf seine Fahne. Seine Ver tünder wußten, daß ein Wolf erst dann innerlich frei sein kann, wenn die Mütter freie, wertbewußte Menschen sind. Der Sozialismus baut in der Gegenwart an dem Land der Bufunft, und darum ist er uns Frauen heilige Religion geworden. Zukunft heißt: Land unserer Kinder, und das sucht jede Frau mit brennender Sehnsucht. Alles, was wir nicht erreichen konnten, erhoffen wir für die Kinder. Aus diesem Hoffen muß ein Wollen werden. Wir waren Unmündige im monarchischen Staat. Nicht ein armseliges Wort hatten wir mitzusprechen, als die Entscheidung über den Krieg getroffen wurde; mit brutaler Selbstverständlichkeit zerriß man unser Leben. Alles Leid, das wir trugen, wurde nur bitterer und schwerer durch diese Schmach der Rechtlosigkeit. Die Revolution tam und machte uns zu freien Staats bürgern. Nun kann jede Frau mitentscheiden über ihr eigenes Schicksal und Millionen genügten bei den ersten Wahlen ihrer Pflicht. Aber so viele erfüllten sie nicht ganz, gaben nur ihrer Stimmung, nicht ihrer tiefsten Ueberzeugung, die aus flarem Denken und warmem Empfinden gebildet war, Ausdruck. Sie folgten den Parteien, die sich zwar vor der Revolution feindlich den Rechten der Frauen entgegengestellt hatten, vor den Wahlen ihnen aber einzureden verstanden, daß bei ihnen die Fraueninteressen am besten vertreten wären. Der Sozialismus, das Schaffen aller für alle, allein aber fann die Frauen als Menschen und als Staatsbürgerinnen 138 Ole Gleiobeit aufwärts führen. Jede bürgerliche Partet muß bersagen, weil sie im Kapitalismus, der Herrschaft des Besitzes, wurzelt. Um den Besiz, um des Rapitalismus willen, find alle Kriege der Weltgeschichte geführt worden. Wollen wir feinen Krieg wieder, dann dürfen wir auch keine der Parteien am 6. Juni wählen, deren Grundanschauung in diesem Boden wurzelt. Die Herrschaft der besitzenden Minderheit wurde durch die Revolution( der wir das Ende des Krieges zu danken haben) und durch die Wahlen zur Nationalversammlung gebrochen. Aber der Weg zum Sozialismus fonnte, da eine fozialdemokratische Mehrheit sich nicht ergab, nur erst freigemacht und durch die demokratische Verfassung beschritten werden. Die kommenden Wahlen sollen uns ein Stüd vor. wärtsbringen auf diesem Wege. Das geschieht aber nicht, wenn wir uns für eine Diktatur der Minderheit, wie fie von den Rechtsparteien und den Kommunisten angestrebt wird, entscheiden. Gewalt löst wieder Gewalt aus und des alb lehnen wir sie ab. Mr. 19 Die Mehrheitssozialdemokratie mußte in der Nationalversammlung mit dem Zentrum und den Demokraten zusammenarbeiten, um das Zustandekommen von Gesezen überhaupt zu ermöglichen, und ebenso mußte die Regierung zusammengesetzt werden. Aber das Arbeiten ist schwer gewesen und jeder kleinste Fortschritt auf dem Wege zum Sozialismus mußte diesen Parteien abgerungen werden. Daß wir trotzdem vorwärts gekommen sind, daß es unserer Partei gelungen ist, dennoch die Interessen der Arbeitnehmerschaft und der Frauen zu vertreten, beweisen die folgenden Auffäße. Selft alle mit, daß mehr und Vollkommneres geschaffen werden kann. Helft mit, daßendlich Friedewerde im Lande undinder Welt. Helft mit, daß die Hungernden wieder fatt werden. Helft schaffen, daß die 8u. funft unserer Kinder glüdlicher wird als unsere Gegenwart. Wählt am 6. Juni sozialdemokratisch! Was hat die Nationalversammlung für die Frauen getan? Die Beamtin in der Besoldungsreform dieses Dienstes gewachsen ist. Da es sich um keine ordentWährend der Dauer der Nationalversammlung haben die verschiedensten zur Beratung und Beschlußfassung gekomme. nen Gesetze die Aufmerksamkeit der Wählerschaft mehr oder weniger erregt. Ganz besonders groß war die aktive Anteilnahme der in Betracht kommenden Beamtengruppen bei der- Besoldungsreform, die die Nationalversammlung noch im Augenblick ihres Auseinandergehens verabschiedete. Schon während der Vorberatung der Vorlage im Reichsrat waren die Organisationen und Gruppen mobil und konferierten durch ihre Vertreter mit den Vertretern der eingelnen Staaten und den Abgeordneten, die selbst Staatsbeamte sind und deshalb mit Recht als besonders sachberständig galten. Die Frauen wandten sich ganz naturgemäß besonders an die Frauen des Parlaments, mit Recht hoffend, daß sie dort für ihre Wünsche das größte Verständnis finden würden. Artifel 128 der Verfassung sagt:„ Alle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte werden besettigt." Das bedeutet erstens: daß die in Beamtenstellung tätigen Frauen nicht länger zur Ehelosigkeit verdammt sein dürfen, zweitens: daß für sie die gleichen Aufnahmebedingungen ( Brüfungsbestimmungen) und drittens: dieselben Gehalts bestimmungen Geltung haben müßten. Der Zwang zur Ehelosigkeit der weiblichen Beamten ist, foweit sie Reichsbeamte sind, vollständig auf gehoben. Weiter soll die Einstellung weiblicher Beamten nach der zufünftigen Personalreform nach denselben Aufnahmebedingungen geschehen wie das bei den Männern der Fall ist. Das bedeutet für die Zukunft ihre Einreihung in die gleiche Gehaltsstufe. Damit ist den weiblichen Beamten, die schon jahrelang ohne Prüfung im Post- und Eisenbahndienst beschäftigt wurden, natürlich nicht gedient. Eine Veränderung der für die Postgehilfinnen besonders ungünstigen Gruppierung, wie sie von Negierung und Reichsrat vorgelegt war, fonnte nicht mehr vorgenommen werden, ohne das Zustandekommen des ganzen Gesezes zu gefährden. Das bleibt dem neuen Reichstag überlassen. Jedoch sollen nach den erwähnten Erklärungen des Reichspost- und Neichsverkehrsministers die seit zwei Jahren angestellten Gehilfinnen ohne Prüfung in die Assistentenstellen übernommen werden. Stupig macht nur der eine Satz in der Erklärung des Reichspostministers, wonach bor Uebertragung einer Betriebsassistentenstelle an eine planmäßige Gehilfin festgestellt wird, ob sie den höheren Anforderungen liche Prüfung handelt, muß man sich fragen: In wessen Hände ist diese Feststellung gegeben? Strittig für die Frauen war der§ 6, wonach jetzt auf das Besoldungsdienstalter den Beamten fünf Jahre, den bisher als Post-, Telegraphen-, Fernsprech- und Schreibgehilfinnen angenommenen weiblichen Beamten a cht Jahre angerechnet werden. Die männlichen Beamten haben die im Beamtenstil so schön mit„ Supernumerarzeit" bezeichnete Vorbereitung durchzumachen, die zukünftig mit 3 Jahren zu berechnen ist. Unter der langen Anwärterzeit hatten hisher die weiblichen Gehilfinnen besonders zu leiden. Ein Kinderzuschlag ist durch das Gesetz bewilligt, er gilt für alle unterhaltspflichtigen Sinder, also auch für an Kindes Statt angenommene, für ehelich erklärte und für die unehelichen Kinder, deren Unterhalt von dem Beaniten bestritten wird, sofern die Vaterschaft festgestellt ist. Et. waigen unehelichen Kindern weiblicher Beamten wird die im besten Sinne moderne Gesezes bestimmung borläufig deshalb nicht zugute kommen, weil die weiblichen Beamten in unbegreiflicher Rückständigkeit gewöhnlich selber dafür sorgen, daß ihre un glücklichen Kolleginnen, denen ein„ Fehltritt" nachgewiesen wird, vom Amtentfernt werden müssen. Hier macht der Wunsch nach Gleich berechtigung halt vor der Moralanschauung. Die Kinderzuschläge werden an weibliche Beamte nur dann gezahlt, wenn der Ehemann bei Berücksichtigung seiner sonstigen Verpflichtungen außerstande ist, ohne Gefährdung des standesgemäßen Unterhalts die Familie zu unterhalten. Sie fönnen alfo gezahlt werden, während die Teuerungszu schläge und 50 Proz. des Ortszuschlags gezahlt werden müssen. Nicht alle Wünsche der weiblichen Beamten find erfüllt, doch kann wohl gesagt werden, daß der Gedanke der wirtschaftlichen Gleichberechtigung sich in der Besoldungsreform fiegreich Bahn gebrochen hat. Marie Juchac Schulpolitik Bon Antonie fülf. schaftsordnung wird ganz wesentlich abhängen von der Durch Der fichere und bauernde Sieg der sozialistischen Gesell geistigung des Kampfes um diefelbe. Diese Erkenntnis hat das Interesse an der Jugendbildung im allgemeinen und an der staatlichen Schulerziehung insbes Nr. 19 Die Gleim beit fondere ganz ungemein gesteigert und schließlich ihren Nieber fchlag gefunden in dem Weimarer Verfassungswert. Die deutsche Verfassung hat in den Artikeln 145-150 in großen Bügen die Richtung für die von allen Seiten mit Ungebulb erwartete Reichsschulgesetzgebung gewiesen. Der National bersammlung war es bei der Ueberlast ihrer Arbeit nur möglich, bas erste dieser Reichsschulgesetze zu verabschieden, das sich mit der Schaffung der Grundschule und der Aufhebung der Vorschulen beschäftigt, wie es Artikel 146 der Verfassung vorge sehen hat: Das, öffentliche Schulwesen ist organisch auszugestalten. Auf einer für alle gemeinsamen Grundschule baut sich das mittlere und höhere Schulwesen auf. Für diesen Aufbau ist bie Mannigfaltigkeit der Lebensberufe, für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule sind seine Anlage und Neigung, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung oder das Religionsbekenntnis seiner Eltern maßgebend. Diese gemeinsame Grundschule ist nun geschaffen und damit ber erste Stein aur sozialen Einheitsschule gelegt. Die Basis ist freilich mit vier Jahren Gemeinschaftsleben schmal genug. Aber der feste Wille aller derjenigen, denen es mit der Ueberbrüdung sozialer Gegensätze ernst ist, wird sie Schritt um Schritt bis auf acht Jahre zu verbreitern wissen. Gleichzeitig wird mit dem Abbau der staatlichen und privaten Vorschulen begonnen, der Privatunterricht auf das unbedingt notwendige Maß beschränkt. 8wei Wirkungen wird dieses erste Reichsschulgesetz er Beugen: 1. Werden die Väter und Mütter, die in deutschen Barlamenten fizen, ohne Unterschied der Parteien in Zukunft die Mittel bewilligen, welche diese für alle gemeinsame" Grundschule zu einer unserer Kultursehnsucht entsprechen. ben Erziehungsstätte erheben. 2. Werden unsere Kinder hier das Fundament staatsbürgerlicher Gesinnung gewinnen. Sie werden hineinwachsen in den Gedanken, daß in der deutschen Republik nur ein Adel gilt: die persönliche Tüchtigkeit; daß es in ihr nur eine Auszeichnung gibt: größere und verantwortungsvollere Arbeit leisten zu dürfen als andere und den Schutz der Schwächeren übertragen zu bekommen. Mit einem Wort, sie werden sich einleben in die Religion des guten Bürgers" wie die Chinesen es nennen in den Sozialismus, dem die Zukunft gehört. * Feuilleton * Jede Staatsverfaffung foll nicht mehr und nicht weniger fein als die Form, welche der Geift eines Volkes fich fchafft, damit fein inneres Welen, welches Sittlichkeit ist, zur Wahrheit und Wirklichkeit werde. Das Märchen vom Herzen Ebrilch. in ganz armer Mann wußte wieder einmal nicht, von was er andern Tages satt werden sollte und hätte er sein kahles Dachstübchen zu unterst gefehrt, er würde fein Stücklein Brot gefunden haben. Ueberall, wo er um nahrungbringende Arbeit antlopste, wies man ihn ab; denn er war alt und schwach und biele träftige Leute dankten, wo fie arbeiten konnten. Schutz der Jugend Von Anna los 139 Artifel 122 der Berfassung des Dentschen Reiches lautet: „ Die Jugend ist gegen Ausbeutung sowie gegen sittliche, geistige oder förperliche Verwahrlosung zu schüßen. Staat und Gemeinde haben die erforderlichen Einrichtungen zu treffen. Fürsorgemaßregeln im Wege des Zwanges fönnen nur auf Grund des Gefeßes angeordnet werden." Dieser Artikel 122 ist von außerordentlicher Bedeutung nicht nur für die Jugend, sondern auch für die Frauen, die mit threm mütterlichen Empfinden ein warmes Herz und ein feines Empfinden für die Not der Jugend haben, die jetzt durch all den Jammer, den der Krieg in seinem Gefolge hat, so besonders schter gefährdet ist. Deshalb haben die weiblichen Abgeordneten gerade dem Artikel 122 große Aufmerksamkeit zugewendet und eifrig mitgearbeitet an dem Entwurf des Jugendfürsorgegesetzes, das nun dem neuen Reistag vorgelegt wird. Leider hat ja der Stapp Putsch eine frühere Beratung des Gesetzes bereitelt. Er hat also gerade hier auch außerordentlich viel Schaden angerichtet. Natürlich wird besonderer Wert darauf gelegt, daß die Jugend fürsorge eine vorbeugende Tätigkeit sein soll, und nicht wie bisher so oft gewartet werden darf, bis die Verwahrlosung mit ihren Folgen schon eingetreten ist. Der Schuß darf sich nicht nur auf bie Abwendung von Gefahren beschränken, er muß vielmehr auch in positiver Förderung und Pflege bestehen. Der Schwerpunkt liegt also in den Verwaltungsmaßnahmen. Zu diesem Zwed werden die Jugendämter geschaffen. Sie find guständig für die werdenden Mütter, die Kinder und die Jugendlichen ihres Bezirkes. Ihre Tätigkeit umfaßt also den Mutter schutz, wie die Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, ebenso auch die Fürsorge für die Schulfinder außerhalb der Schule und für die nicht schulpflichtigen Kinder, wie für die schulentlassenen Jugendlichen. Den Jugendämtern liegt ferner die Aufsicht für das Kost- und Pflegekinderwesen ob, die Unterstüßung und die Fürsorge für die Erziehung und Berufsbildung der elternlosen, der, unehe lichen und der dauernd getrennt von beiden Elternteilen unter gebrachten, hilfsbedürftigen Minderjährigen. Hineinbezogen in ihre Aufgaben ist die Führung der Berufsvormundschaft, die Beratung der Vormünder, der Schuß der Kinder und Jugend lichen vor Mißhandlung und Ausbeutung wie vor Verwahr losung. Die Jugendämter ziehen die Vereine und Personen zur Mitarbeit heran, die schon auf dem Gebiet der Jugendfürsorge tätig sind. Sie unterstützen die Justiz- und Polizeibehörden in den Fällen, in denen es sich um Jugendliche handelt. Sie wirken mit Da vergaß das Herz alles Leid, das es mit heraufgebracht hatte und schwamm in Glüdseligkeit und herrlicher Freude. Ez fing an zu glühen, wurde immer lichter und zersprang in tausend winzige Lichtpünktlein, die durch den Aether stoben und sich gafb freundliche Eterne fuchten. Ein Herzsplitterchen aber fiel leuchtend zur Erbe zurück und alle Augen glaubten, es sei eine Sternschnuppe. O nein! G verlosch nicht, sondern fiel in eine ärmliche Hütte. Dort hatte ein Weib in Wehen und Glüd in Kindlein geboren. Herzpünktlein tam hereingeflogen und machte die ganze Stube hell wie nie. Und die Mutter strahlte voller Freude; das fleine Wesen schien zu lächeln. Andern Tages ging ein Nachbar in des alten Mannes Stübchen und wollte den Armen zu sich nehmen. Der hatte den grauen Kopf aufs Fensterbrett gelegt und schaute gar friedlich in die auf springende morgentote Sonne. Die Sorgen ums Brot plagten ihn nicht mehr; denn er war tot. Franz Ofterroth Aussteuer So saß der Alte eines Nachts, als er vor Sorgen nicht schlafen fonnte, am fleinen Fenster und schaute tiefsinnig in das blaue Dunkel, an dessen Dede viele, viele flimmernde Sternchen hingen. Ach, wäre ich doch auch bei euch," dachte er,„ und könnte von bort oben auf die Erde schauen." Und wie er dies so meinte, plumpfte ihm sein sehnsüchtiges Herz aus dem hungrigen Leibe, sprang aus dem Stammerfensterdhen und fstieg immer hüber bort: Viel Freud und Leid bringt die Aussteuer einer Tochter in bis dortSin, wo die Fünflein glänzten. Als die Erde ganz weit unten und kaum noch sichtbar war, fühlte das Herz, daß es nicht mehr höher ging und sah sich um. O, wie war das schön! Alles war so ficht und freundlich Mosenrote Wöllchen strichen nedend an den Sternlein vorüber. Ganz unten dehnte fich ein riesenweiter Raum, hellblau und ohne Ende. Eine wahre Geschichte von Frieda galler Familie hinein. Freude, weil die Auszusteuernde, durch den Empfang der vielen müßlichen Sachen beglüdt wird, Leib, weil in den Familien, wo man von der Hand in den Mund lebt, es an dem Geld mangelt, der Tochter auch nur das Allernötigste für ihr eigenes Heim zu geben. Den meisten Proletarierinnen ergeht es ähnlich wie es" Fritt" erging, von der ich hier berichten möchte. Ihr eigentlicher Name war Frieda, doch da niemand von ihrem Biebesverhältnis ettvas 140 Die Gleichbeit bei der Fürsorgeerziehung, führen die Aufsicht über alle Einrich tungen und Anstalten der Jugendfürsorge usw. Den Frauen wird die Möglichkeit wirkungsvoller Tätigkeit in ben Jugendämtern eingeräumt. Sie müssen in den Jugend. ämtern wie in den Beiräten vertreten sein, sind als hauptamtliche Bezirksfürsorgerinnen und als freiwillige Selferinnen anzu ftellen, fönnen Geschäftsführerin eines Jugendamtes werden. Die Wichtigkeit des Jugendfürsorgegefeßes liegt auf der Hand, ebenso die Wichtigkeit der Mitarbeit dabei wie bei den Durch führungsbestimmungen von möglichst viel sachverständigen Frauen. Ibsen sagt irendwo:„ Die Jugend flopft heute an unsere Tür und wünscht gebieterisch die Erfüllung ihrer idealen Forderung, zu einem tüchtigen Menschengeschlecht erzogen zu werden." Die Frauen der Nationalversammlung haben geholfen, die Tür zu öffnen. Möchten die Frauen im Reichstag die Jugend durch diese Tür hineinführen in das Land, in dem ihre ideale Forderung erfüllt wird. Dann lösen die Frauen ihre vornehmste Aufgabe, Indem sie der Jugend helfen, die Not der Zeit zu überwinden und fie zu einem tüchtigen Menschengeschlecht zu erziehen. Die Wochenhilfe Jm alten Deutschland war es trop größter Anstrengungen unserer Partei nicht zu erreichen, daß der Staat seine Pflicht gegenüber der Mutter und ihren Kindern erfüllte. Die im Kriege geschaffene Kriegswochenhilfe erlosch mit seiner Beendigung; fo war es Sache der Nationalversammlung, endlich der dringendsten Not abzuhelfen. Seit 1. Oftober vorigen Jahres haben wir die Reichs. wochenhilfe, die durch eine jebt in Kraft tretende Novelle noch verbessert worden ist. Worin besteht die Wochenhilfe? Für die verficherte Wöchnerin in einem Wochengeld in Höhe des Krantengeldes für 10 Wochen, von denen 4 in die Zeit vor der Entbin bung und 6 in die Zeit nach der Geburt fallen, einem Beitrage zu den Kosten der Entbindung von 50 m., einem Beitrage für Hebammendienste und ärztliche Behand lung bei Schwangerschaftsbescpverden von 25 Mt., fowie einem Stillgeld in Höhe der Hälfte des Krankengeldes für 12 Wochen. Für die nicht durch Versicherung gedeckte Wöchnerin, deren Familienoberhaupt versichert ist: in einem Wochengeld von mindestens 1,50 Mt. täglich, einem Beitrage zu den Kosten der Entbindung in Höhe von 50 Mt. wissen sollte, hatte sie immer furzweg Friß unter Briefe und Starten geschrieben. Der Liebste hatte sie dann immer Frißi genannt, bis nach vielen Jahren er diesen Namen, der Kinder wegen, in Frieda verivandeln mußte. Die 4- und 5 jährigen tonnten es nicht begreifen. daß ihre Mutti einen Jungennamen hatte. Doch ich will auf die Aussteuer zurüdfommen. Frißi wollte Heiraten und brauchte eine Aussteuer. Sie wandte sich bittend an ihre Eltern, denen sie stets ihren Verdienst gesandt hatte. Einige Tage darauf kam dann ihr Vater zu ihrem Verlobten, und er flärte, er könne seiner Tochter weder Geld noch Möbel geben. Er wolle versuchen, ihr auf andere Art zu helfen, was er denn auch redlich getan hat. Mit Wäsche hatte Frißi schon etwas vorgesorgt, denn während der 10 Jahre, in denen sie in Stellung war, hatte sie sich stets Wäsche zu Weihnachten schenken lassen. Mit Bettwäsche hatte sie sich selbst beglückt und hoffte nun mehrere Jahre mit ihrem Vorrat auskommen zu können. Für gute Betten hatte Mutter schon lange gesorgt. Mutter jagte oft:„ Wenn ich sterbe, bevor ihr euch verheiratet, so will ich euch wenigstens anständige Betten hinterlassen, damit ihr ein nützliches warmes Andenken von eurer Mutter habt." Es wurden denn schließlich ein paar alte Bettstellen, ein alter Tisch, ein kleiner Koffer, wie ihn damals die besseren Handwerksburschen mit in die Fremde nahmen, und ein alter Waschtisch, der schon 1% Zentimeter breite Fugen aufwies, neu lackiert, oder wie man richtiger sagt, eigenhändig angepinselt. Eine Kommode besaß Friki, es war dieselbe, mit der einst Fribis Mutter in die Fremde gezogen war. Mit einer großen Weduhr, die ihren Eltern in den ersten 14 Jahren ihrer Ehe als einzige Uhr den Ablauf der Stunden- zeigte, war bie eigentliche Aussteuer beendet. Etwas, was bei den heutigen Lebensverhältnissen am wertvollsten wäre, fommt noch hinzu: ber Handwerksburschenkoffer war gefüllt mit Schinken, Sped, Mettwürften, Bütter und Schtveinskopf. Fürs erste waren beide Nr. 19 einem Beitrage für Hebammen- und Arzttosten tim Falle von Schwangerschaftsbeschwerden bon 25 MI., sowie einem Stillgeld von 75 Bf. täglich. Durch diese zweite Kategorie werden also nicht nur die ver ficherungsfreien Ehefrauen der Versicherten, sondern auch die fonstigen weiblichen Familienmitglieder erfaßt, soweit sie nicht aus eigener Versicherung gededt sind und mit dem Versicherten in häuslicher Gemeinschaft leben. Die minderbemittelte, nicht durch Versicherung geredte Wöchnerin erhält die gleiche Unterstüb.mg wie die Frau des versicherten Mannes, falls sie zusammen mit ihrem Mann oder, wenn sie alleinsteht, allein ein Einkommen von nicht mehr als 4000 Mt. bat. Für jedes vorhandene Kind kommen hierzu 500 Mt. Diese Verordnungen bedeuten einen bemerkenswerten Anfang auf dem Wege einer durchgre: fenden Mutterschaftsfürsorge, die bom fünftigen Reichstage zu schaffen sein wird. L. Sch. Das uneheliche Kind in der ,, Weimarer Verfassung" Bon Elisabeth Röhl Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlagt ihr ihn der Bein! Und alle Schuld rächt sich auf Erden. Ob Goethe an die Not der unehelichen Mütter und Kinder dachte, als er diese Verie schrieb, ist fraglich, ist aber auch im Grunde gleich. Doch es gibt auch heute noch fein feineres Wort, in dem der ganze Jammer der schon im Mutterleib gefennzeichneten unebelichen Kinder umrissen wird als dies. Vergegenwärtigen wir uns, daß mehr als 200 Jahre ins Land gingen, seit Goethe im 1. Teile der Faustdichtung die Tragödie der unehelichen Mutter fchrieb. Rönnen wir fagen, daß die Auffassung eine wesentlich andere wurde? Ist es nicht so, daß auch heute noch die Gretchentragödie fich tausendmal wiederholt? Mit ein paar modernen Sägen ist natürlich nun nicht aus der Welt geschafft, was jahrhundertelang die Frau, das Mädchen entrechtete, unter dem fie schlimme Qualen durchlitt, das fie abftumpfte gegen das Gefühl: Ein Heiliges foll in meinem Schoße werden, ein Kind, ein Mensch! Moralbegriffe formen fich aus dem gesellschaftlichen, wirt. mit Lebensmittel versorgt. Glücklich in dem Bewußtsein, ein ander anzugehören, begannen sie mit dem Wenigen ihr heim einzurichten. Frisch gewagt ist balb gewonnen. Die Arbeit be gann. Tischlerwerkzeug besaß der junge Ehemann, und was er nicht hatte, wurde zum Teil durch andere Gegenstände ersetzt. So murde der alte Tisch geichwind zur Hobelbank. Friki hielt das Solz fest und ihr Mann hobelte tüchtig drauf los. In vier' Wochen war die Schlafstubeneinrichtung fertig. Damals gab es noch 10ftündige Arbeitszeit, daher standen nur die Abendstunden und Sonntage für die Anfertigung der Aussteuer zur Verfügung. Ein Gegenstand nach dem andern wurde angeschafft, denn für Lebensmittel sorgten die Eltern. Jedes Etüd Möbel wurde mit vielen Küssen bezahlt. Nach und nach waren die alten Gegenstände durch neue ersetzt, bis auf die Kommode und den Tisch. Die Kommode sollte als Andenken an die inzwischen verstorbenen Eltern dienen. Der Tisch dagegen, den sie dazu gebraucht hatten, alles andere neu zu schaffen, fonnte doch unmöglich zum Dank da für in die Rumpeftammer wandern; dazu war seine Leistung zu groß gewesen. Er sollte als stimmer Zeuge all der glücklichen Arbeitsstunden jetzt schauen, was durch ihn entstanden war und nun noch seinen Dienst als Tisch erfüllen. Der Krieg hätte nicht kommen und die Schaffensfreude des fich glücklich fühlenden Paares zerstören dürfen. Vier Kinder hatte Frizzi während der Kriegszeit geboren. Das war für ihren früher so gesunden Körper denn doch zu viel gewesen, sie war alt geworden, bevor noch die besten Lebensjahre begonnen hatten. Die Lohnforderungen fonnten nicht so schnell bewilligt werden, wie die Preise stiegen, es mußten immer erst Berhandlungen statt finden, bevor der Lohn erhöht wurde. Da galt es eben, sich einzu schränken, um auszufommen mit dent, was der Mann heimbrachte. Nicht immer gelang es. Die Preise stiegen dauernd fort, es kommte nicht gekauft werden, was zur Erhaltung der Familie notwendig Nr. 19. ie Gleich beit schaftlichen und politischen Leben. Rähe haben sie sich eingewurzelt in das Bewußtiein der Menschen. Wirtschaftliche Umwälzungen von größter Bedeutung vollzogen sich. Längst ist das Leben der Töchter des Landes ein anderes geworden, denn vor 200 Jahren. Im mefentlichen, aber ist der Moralbegriff über die uneheliche Mutterschaft derselbe geblieben. Eine Selbstverständlichkeit ist, nachdem die politische Rebolution in Deutschland uns die Demokratie( den Frauen die Gleichberechtigung) brachte, daß sich nun auch in der langiam fortschreitenden sozialen Revolution die Verfeinerung der Moralbegriffe durchießen muß. Die Grundlage dafür ist, wenn auch für sozialistisches Denken und Empfinden noch mangelhaft, im Artifel 119 der Verfassung, letter Saz, geichaffen worden:„ Die Mutterschaft bat Anspruch auf den Schuz und die Fürsorge des Staates." Möge doch dieser Tag in Herz und Hirn bieler Menschen aufgenommen werden! Dann vollzieht sich ganz von selbst die Revolution des Geistes, von der der hier behandelte Gegenstand ein wichtiges Rapitel ist. Im Artikel 121 aber heißt es dann: Den unehe.. lichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ibre leibliche, seelische und gesellschaftliche Entwidlung zufchaffen wie den ehelichen Rindern." Wollen wir doch alle dieien Saz wie ein Gelöbnis auf fasten! Denn in ihm stedt, daß wir in unermüdlicher Arbeit ringen müssen um seine Erfüllung. Bei der Neuschaffung des Bürgerlichen Gesetzbuches. beginnt der Kampf, in den Gemeinden muß er geführt werden mit größter Ausdauer und mit praktischem, lebendigem Wollen! An unseren Genossinnen liegt es, wenn es gelingen foll! 141 er die berechtigten Forderungen der Opfer des Krieges regein foll. Die statistischen Erhebungen ergaben, daß wir annähernd mit 1% Will. Kriegsbeschädigten zu rechnen haben. Die Zahl und die der Kriegseltern auf 164 000 geschätzt. Welches Glend ber Hinterbliebenen wird auf 520 000, die der Waisen auf 1 130 000 bergen diese Zahlen? Wieviel Volkskraft ging uns verloren? Die Dienstbeschädigten und Hinterbliebenen wurden bisher nach bem Mannschaftsversorgungsgesetz und dem Offiziersgesetz von 31. Mai 1906 und nach dem Hinterbliebenengesetz vom 17. Mat 1907 geregelt. Diese Gesetze reichten aber nicht für die ent sprechende Versorgung der Kriegsopfer aus. Die Versorgung war verschieden geregelt zwischen Mannschaft und Offizieren. Das neue Gesetz bennt feinen Unterschied nach militäri. schem Rang und Dienstgrad. Beseitigt ist der Unterschied zwischen Kriegedienstbeschädigung und Dienstbeschädigung. Baragraph 27 des neuen Gefeßes regelt die Grundrente und Schverbeschädigtengulage wie folgt: An Grundrente und Schwerbeschädigtenzulage werden jährlich gewährt: bei einer Minderung der Erwerbsfähigkeit um 20 v.. 480 Mt. Grundrente, 80 80 720 " " 40 960 " 50 1200 60 1440 70 1680 80 1920 90 2160 10 880 " und 150 Mt. Schwer beschädigtenzulage und 300 M. Schwer beschädigtenzulage und 450 Mt. Schwer beschädigtenzulage und 600 ML. Schwer beschädigtenzulage und 750 Mt. Schwer beschädigtenzulage bei Erwerbsunfähigkeit 2400 Mt. Gambrente und 900 M Schwerbeschädigtenzulage. Diese Erhöhung der Grundrente hat eine wesentliche Steige nung aller übrigen Zulagen zur Folge. Fürsorge für Kriegsopfer und Soldaten Ortszulagen, die nunmehr betragen: Wenn wir die Folgen des Krieges fühlen, wohin wir bliden, öffnet sich der Menschheit ganzer Jammer in dem Gesezent wurf„ Ueber die Versorgung der Militärpersonen und ihrer Hinterbliebenen bei Dienstbeschädigung", den der 7. Ausschuß( für Sozialpolitik) der Nationalversammlung zu beraten hatte. Dieser Gesetzentwurf ist von so großer sozialer Bedeuning, weil war. Es mußte beraten werden, was zu tun sei, um dem Hunger einen Riegel vorzuschieben. " Frizzi, all das Grübeln hilft nicht, es muß sein, oder wollen wir weiter hungern? Nein, ich will nicht verhungern, so lange wir noch etwas haben, wofür wir uns Lebensmittel faufen fönnen. Der Kinderivagen und das Kinderbett sollen das erste sein, was wir verkaufen. Du siehst schon so elend aus, schau Dir doch die Kinder an." Nun ja, den Kinderwagen will ich schon missen, aber das Kinderbett nicht, der Kleine ist doch erst 2 Jahre alt. Weißt Du denn nicht mehr, wie wir es fertiggestellt haben?" Ich weiß, daß wir alle Hunger haben, Frizzi, sei doch vernünftig, der Alcipe fann bei mir schlafen." Ich weiß ja, es ist furchtbar schwer, wenn wir so Stück für Stüd aus unserem lieben Neft verfaufen müßten, alles, was wir mit so, unendlich viel Liebe und Freude zusammengezimmert haben. Gelt, Frigi, alles andere werden wir behalten, es wird bald besser werden, nur diesmal geht es wirklich nicht anders." Frieda sah nun wohl ein, daß bersucht werden mußte, durch die Aussteuer die Familie vor dem Bechungern zu schüßen. Und es ist doch so schwer, die Sacheti zu verkaufen, hängt doch an jedem Stüd Glüd, Liebe und Ledige Mutter Leben. Mieder ist ein harter Arbeitstag zu Ende, ihre Kolleginnen eilen wie sie der Heimstätte zu. Lautes Lachen tönte an ihr Ohr, da tommt die Erinnerung über sie an eine Beit, in der auch fie lachen konnte, die Erinnerung an das kurze Glüd, das sie einst genoffen. Jetzt ist all ihr Schnen und hoffen dahin, das Schicksal griff mit rauber Hand in ihr Leben. Der Mann, den sie geliebt, liegt begraben in fremder Erde. Heiß wollen die Tränen in ihr aufsteigen, aber lapfer bezwingt sie sich und eilt schneller Von besonderer Bedeutung ist die Beschlußfassung über die für die Drtsklasse A 85 vom Hundert " " M " " B 30 C 20 D 10 * Der§ 64 wird noch ergänzt durch folgenden Zusatz: Sowel das reichseinfommensteuerpflichtige Jahreseinkommen aus dem als sonst nach Hause. Nur selten wird ihr Stübchen warm, denn Not und Sorge wohnen darin. Nur Not und Sorge? Nein, dort in der Ede im Bettchen liegt ihr Kind, ihr blauäugiger blondgelockter Bub. Schnell nimmt sie ihn auf ihren Arm. Da wird es hell im Stübchen, buntes Lachen sprüht um sie her, und ein süßer Kindermund lallt unverständliche Worte. Aus den großen reinen Augen des Kindes lacht ihr, der Einsamen, Bera lassenen das Glüd entgegen. Vergessen ist alles Weh, aller Harm, Teise stammeln ihre Lippen:„ Mein bist du, ganz mein." Louise Birt Großstadtfrühling In den lieben, linden Lenzjonnenfchein Tragen die Mütter nun wieder die Kinder binein. Kinder mit Augen traumhaft- verfchlafen- füß, Balb fchon auf Erden, halb noch im Paradies. Kinder mit Fäuftchen, rolig und rund geballt, Kinderlippen, von denen ein Lallen kaum halit... Kinder, die trotz der bitterften бungersgefahr Heimlich der Winter dem künftigen Leben gebar. Arbeiterkinder, in Mietskalernen gezeugt, Armutgeboren, von Ichleichender Not gefäugt... Arbeiterfrauen tragen ihr junges Glück, Mütterlich lächelnd, felige Hoffnung im Blick. Arbeitermütter tragen die Kinder hinein In den lieben und linden lenzlichen Sonnenfchein. Ludwig Leffen. 142 ie Glei@ beit Nr. 19 Arbeitseinfommen der Witwen und Waisen besteht und nicht über richten, an die fich die Villenbefiger wandten, illuforisch gemacht, 10 000 Wt. hinausgeht, ist die Baisenrente unverfürst zu geweil die Verordnungen nach Ansicht der Richter feine Gesetzestraft währen. Nach diesen Grundregeln der Mente richtet sich auch die Wittven und Waisenrente, die auch unehelichen, Stief- und Pflege. lindern gewährt wird. Der Fürsorgegebante, von dem der Enttvurf ausgeht, unter fchejbet zwischen der erwerbsfähigen und erwerbsunfähigen Witwe und der durch die Pflege ihrer Kinder am Erwerb ber hinderten. Als die Demobilmachung der Seere fich vollzog, die Krieger in bie Heimat einzogen, da habe ich mit jenen am meisten gefühlt, für die niemand wiederkam. Nun ist es Pflicht, die Mutter der vaterlosen Stinder vor wirtSchaftlichen Sorgen zu schützen! befißen. In letter Stunde erhob die Nationalversammlung dis Berordnungen zum Gesez und in einigen Punkten wurden die. Machtbefugnisse der Gemeinden noch erweifert. In der Kom mission versuchte die Rechte das Zustandekommen dieses Gesetzes hinauszuschieben. Aber der Bertreter ber Regierung sowohl als die sozialdemokratischen Kommissionsmitglieder blieben feft. Wie fönnte es aber auch angehen, dem einen Teil der Bevölkerung unbeschränkten Wohnraum zu überlassen, während der andere Teil in drangvoller Enge zusammengepferdcht wird. Um dem Elend der Mietstaserne entgegenzuwirken, hatten sich bor dem Kriege gemeinnüßige Organisationen gebildet, die vor den Toren der Städte Land erwarben und dort Ein- und Zwei familienhäuser errichteten. Der Krieg hat dieser sozialen Tätig teit ein jähes Ende bereitet und die ungeheure Preissteigerung Wir sind es dem Manne, der für unsere Freiheit starb, schuldig ber Baumaterialien macht es fast unmöglich, jetzt diese segens baß auch seine Kinder eine sonnige Jugend genießen. Selft auch den greifen Mütterchen, die ihre Söhne hingeben mußten und die nun ein Alter ohne Sonne und Stütze haben. Nicht alles Erhoffte wird durch diesen Gefeßentwurf erreicht. Verlorener Krieg! Verarmies Land! An diesen harten Tat fachen scheitert der gute Wille. Der Entwurf fordert jährlich 5 Milliarden Mart. Trotzdem ist die Unterstüßung für den einzelnen bescheiden. Außer der Rente bringt der Entwurf den Anspruch auf Heilbehandlung, sowie den Anspruch auf berufliche Ausbildung auch für die Hinterbliebenen. Die Kriegsbeschädigten, Witwen und Waisen dürfen sich vom Beid nicht beugen lassen. Mit uns zusammen müssen sie Sorge tragen, daß der kommende Reichstag Vertreter hat, die sie ver fiehen, die ihre Interessen vertreten. Die für Völkerfrieden streben und deren Ziel ist, durch Verständigung zufünftig Kriege gu berhindern. Heimstätten Von Minna Bollmann Aus tausend Wunden blutend hat der schredliche Weltkrieg unser armes Vaterland zurückgelassen. An erster Stelle all der wichtigen und dringenden Probleme, die zu lösen sind, stehen Ernährung und Wohnung. Die Ernährungsfrage ist nicht nur im Augenblic, sondern auch für die Zukunft die schwerste Sorge. Um fie vom Auslande so unabhängig wie möglich zu gestalten, muß aller Boden, der jetzt noch nicht bebaut wird, nubbar gemacht werden. Vor dem Kriege hätte man mit Leichtigkeit die Mittel flüssig machen können, um großzügige Arbeit zu leisten. Jetzt fehlt es an diefen, denn wir sind bettelarm als Volt, müssen babei ungeheuer viel an Geldleistungen aufbringen. Un Menschen, die bereit wären, sich im Moor- und Oedland anzusiedeln, um die mühevolle Arbeit der Urbarmachung zu leisten, würde es uns nicht fehlen. Aber der Mangel an Baustoffen und die Transportsdavierigkeiten hindern uns, Neufiedlungen zu schaffen. Das Reichssiedlungsgesetz ficht daber nicht nur die Möglichkeit der Neusiedlung vor, sondern trägt auch in anderer Beziehung den neuen Verhältnissen Rechnung. Für den landwirtschaftlichen Betrieb in der bisher üblichen Weise fehlt es an Arbeitskräften. Uns fehlen die Wanderarbeiter. Nicht böser Wille oder Unlust zur Arbeit ist schuld daran, daß die Arbeitslosen in den Städten nicht in Massen aufs Land gehen. Hemmnisse mancher Art hindern sie daran; vor allem fehlt es an Wohnungen, um mit ihren Familien dort hinzuziehen. Außer dem wird ihnen die Arbeit zu schwer. Sie sind durch ihre bisherige Beschäftigung für die landwirtschaftliche Arbeit völlig ungeeignet. Daher versucht das Reichssiedlungsgejez neue Wege zu weisen. Dem kleinen Landwirt soll so viel Acker gegeben werden, um sich und seine Familie erhalten zu können. Den Siedlungsgesellschaften wird das Borkaufsrecht verliehen. Ader, der nicht rationell bewirtschaftet wird, fann enteignet werden. Es fell nicht mehr geschehen, daß es dem Willen des einzelnen überlassen bleibt, aus irgendwelchen Gründen ein so kostbares Gut wie den Boden ungenüßt liegen zu lassen. Zur Linderung der Wohnungsnot hat die Regierung verschie bene Verordnungen erlassen. Wo aber bie Wohnungsämter in den Städten auf Grund dieser Verordnungen die Besitzer von Villen zwingen, in die von ihnen allein bewohnten Grundstücke Mieter aufzunehmen, wurden diese Maßnahmen von den Ge. reiche Arbeit wieder aufzunehmen. Mit Wehmut erfüllt es uns, wenn wir die kleinen Anfänge der Gartenstädte an den Weich. bildern der Städte erblicken. Wie schmud nehmen sich die Häus chen inmitten des Grünen aus. Wieviel mehr fönnten die Vorteile des Achtstundentages sich auswirken, wenn der Arbeiter nach dem Getöse in der Fabrik Ruhe und. Erholung dort draußen finden könnte oder der im Bureau oder sonst in engen dumpfen( Stuben Beschäftigte durch Bearbeitung feines fleinen Gartens dem Körper die fehlende Bewegung geben. Wie gut fönnten alle eine fleine Aufbesserung der Kost durch selbstgezogenes Ob oder Gemüse gebrauchen; Kleinvieh fönnte gebalten werden und auch hierdurch ab und zu eine kleine Abwechslung in dem Ginex lei der Ernährung geschaffen werden. Aus eigenen Mitteln werden sich solche Seime nur für gans wenige Begüterte errichten lassen. Auch den Gewerkschaften wird es- nicht möglich sein, dies ohne Zuschüsse vom Staat schaffen zu fönnen. Wenn aber die Mittel der Allgemeinheit dazu ber wendet werden sollen.. hat diese, das Recht, die Erhaltung und awedmäßige Verwendung solcher Heimstätten zu übernehmen. Dies soll durch das Reichsheimstättengefeß erreicht werden. Auch hier wird, wie im Reichssiedlungsgesetz, ein gewiffes Ent eignungsrecht des für diese Heimstätten nötigen Grund und Bodens vorgesehen. Aber durch beide Geseze wird der Zwed, den fie anstreben, nicht in dem Maße erreicht werden, wie es die Not der Zeit erfordert. Die Enteignung soll zu einem angemessenen Breise erfolgen. Der Grund und Boden, der zur Schaffung von Heimstätten in Frage kommt, befindet sich zum Teil in Händen von Bodenspekulanten. Ein Antrag der sozialdemokra tischen Mitglieder der Fraktion ging dahin, die Enteignung aum Friedenspreis zu ermöglichen. Leider wurde es nicht angenome men. Bei der Zusammensehung der Nationalversammlung i es eben nicht zu erreichen, im Interesse der Allgemeinheit den übermäßigen Gewinn, einzelner zu verhindern. Zur Durchfüh rung geignete Maßnahmen muß eine sozialdemokratische Meh beit geschaffen werden. Dies zu erreichen muß jest unsere drin genoste Aufgabe sein. Es gilt in der furzen Spanne Zeit, die uns noch von der Wahl trennt, die Wähler und Wählerinnen aufzuklären. Die Frauen find jetzt dazu berufen, attiv mitzu wirken. Es gibt kein Gebiet der gesebgebenden Körperschaften. an dem die Frau nicht bas gleiche Interesse besitzt wie der Mann Wie glücklich würde es eine Mutter machen, mit ihrer Famille im eigenen Heim schalten und malten zu können, denn durch die wirtschaftliche Entwicklung ist es unmöglich geworden, allen Menschen ein eigenes Heim zu geben. Wenn wir aber bei den kommenden Wahlen eine sozialistische Mehrheit erreichen, fann in Bufunft bei der Schaffung dieser Gesetze der Eigennut weniger fein Hindernis mehr sein. Berichtigung! In dem Auffah:„ Die Frau als Richter" in Nr. 15 der„ Gleid heit" vom 10. April ist uns ein Druckfehler unterlaufen. Der dritte Sab muß heißen: Der Gefeßentwurf sicht in Fällen, in denen Frauen und Jugendliche unter 18 Jahren ab geurteilt werden, die Zuziehung eines weiblichen Schöffen ( Baienrichter) von 2 Schöffen beim Amtsgericht, von 2 Frauen bei 8 Schöffen bei der Straffammer und von 5 Frauen bet 12 Geschtvorenen beim Schwurgericht vor. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Kiara Bohn- Schuch. Druck: Borwärts Buchdruckerel Betlag: Buchbandlung Borwärts Paul Singer 6. m. 5. S. famili in Berlin S23 68, Lindenstraße 3 r. 19 Die Gleich beit 143 Starke Büste wird erlangt durch das echre BocatelBusenwasser, welches die Formen zur höchsten Entfaltung bringt u. ein gleichmäß Haisansatz bewirkt. Durch natürHche äußerliche Kräftigung wird die erschlaffte Brust gefestigt und die unentwickelte kleine Büste vergrößert. Zahirelche Anerkennungen. Wirkung unübertroffen. Flasche 6.- Mark. Kosmet. Laboratorium H. Bocatius, Berlin, Schönhauser Allee 132. Kluge Frauen lassen sich meinen Gratisprospekt kommen. Frau A. Tump, Berlin- Pankow 40, Postamt 1. J.H.Garich Stallschreiberstr. 50 empf. alle Arten Büsten, auch verstellbare u. Mas Fabrifor. 9-6 geöffnet Buchhandlung Vorwärts Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Als zeitgemäße Neuerscheinungen empfehlen wir: DIE ARBEIT IM ELTERNBEIRAT Ratschläge und Anregungen von Dr. Richard Lohmann. 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So sehr auch die Bestrebungen einzelner Filmfabrikanten, hier aus eige nem Besserung zu schaffen, anzuerkennen sind: die Filmfabri tation und der Betrieb der Kinos sind noch kapitalistische Unternehmungen; sie sehen auf den Verdienst, und, wie der Augenschein zeigt, blüht ihnen der nicht aus der ernsthaften Kunst, sondern aus der Darstellung von Schmutz und Schund! So mußte eingegriffen werden, und besonders die Frauen und Mütter müssen dieses Gefeß mit Freuden begrüßen. Worin besteht die 8ensur? Alle Bildstreifen müssen den amtlichen Brüfungsstellen zur Genehmigung unter breitet werden. Die Zulassung ist zu versagen, wenn die Brü fung ergibt, daß die Vorführung des Bildstreifens geeignet ist, bie öffentliche Ordnung oder Sicherheit zu gefährden, die Religion oder religiöse Einrichtungen herabzuwürdigen, verrohend oder entsittlichend zu wirfen, das deutsche Ansehen oder die Beziehun gen Deutschlands zu auswärtigen Staaten zu gefährden. Die Bulassung darf wegen einer politischen, sozialen, religiösen, ethischen oder Weltanschauungstendens als solcher nicht versagt werden. Bildstreifen, zu deren Vorführung Jugendliche unter acht. zehn Jahren zugelassen werden sollen( Jugendborstellungen), be. dürfen besonderer Zulassung. Von der Vorführung in Jugendvorstellungen sind alle Bild.. Streifen auszuschließen, von welchen eine schädliche Einwirkung auf die fittliche, geistige oder gesundheitliche Entwidlung oder eine Ueberreizung der Phantasie der Jugendlichen zu besorgen ist. Die Bensur umfaßt nicht nur die Vorführungen selbst, son.. dern auch den Titel des Films, den verbindenden Tegt und die Metlame, die oft, besonders in Form von Plakaten, schlimmer ist als die Filmstreifen selbst. Wer übt die Bensur aus? Die Prüfungsstelle entscheidet in der Besetzung von fünf Mitgliedern, die aus einem beamteten Vorsitzenden und vier Beisigern bestehen. Von den Beisitzern ist einer dem Lichtspielgewerbe und mindestens zwei den Kreisen der auf den Gebieten der Volkswohlfahrt, der Volks. bildung oder der Jugendwohlfahrt besonders erfahrenen Personen zu entnehmen. Bei Prüfung der Bildstreifen, die zur Vorführung in Jugendborstellungen bestimmt sind, find Jugendliche im Alter von 18 bie 20 Jahren nach Bestinimung der Ausschüsse für Jugendwohl fahrt zu hören. Es ist selbstverständlich, daß unsere Fraftion diese Zensur nur soweit wie dringend nötig ausgeübt wissen will; es wird des. hals streng darauf zu adjten sein, daß Personen damit betraut werden, die eine wirkliche Gewähr für freiheitliches Denken bieten. Luise Schroeder. Das dringende Gebot! In Nr. 16 der Gleichheit hat die Genoffin G. Büsing ein bezeichnendes Etimmungsbild jenes buntbemüßten Jungvolkes ent rollt, daß in seiner Naivität und vollständigen Unkenntnis unseres Bolts und Wirtschaftslebens gehalten, zu jenen Anschauungen Tommen mußte, deren Engstirnigkeit uns soviel geschadet hat. Systematisch wurde der bürgerlichen Jugend jener alle guten Regungen ertötende reaktionäre Geist eingeträufelt, damit sie, im Selaffenhag erzogen, nur ja nicht die künstliche Barrikade zu überschauen vermochten, die sie den arbeitenden Volksgenossen schon bon Jugend auf entfremdet. Mit Recht schrieb die Genoffin Büfing, gegen die Vergiftung der Jugend müssen sich die Mütter auflehnen. Der Stapp- Butsch hat ja 30. Jahrgang aller Welt offenbart, wohin die sogenannten„ nationalen" Volls beglüder streben. Die Maske ist gefallen. An den Müttern liegt es jetzt und speziell die sozialdemokra tischen Frnten müssen fordern: Heraus aus der Schule mit dem alten Geschichtsunterricht, mit der Verherrlichung der völkermordenden, verarmenden und ver nichtenden Ariege. Ein Geist der Versöhnung muß mit der Einheitsschule einziehen in die Schulgebäude. Der Gemeinschaftssinn muß bei der Jugend geweckt werden. Die Kinder müssen erkennen lernen, daß nur durch eine gänzliche Annäherung und Versöhnung der Boltsschichten und Klassen durch einen Bund der Völker das Glend unserer Tage, durch den schrecklichsten aller Kriege hervorgerufen, beseitigt werden kann. Erst dann wird das Gebot der Nächstenliebe mehr als ein leeres Wort sein. Nur der pazifistische Gebante wird die Jugend festigen und sie au stttlich und moralisch freien Menschen erziehen. Nur dann wird ein organisches Fortent wickeln aller fulturellen Bestrebungen der Völker gesichert sein. Dies muß die Forderung aller Frauen und Mütter und gans besonders der sozialdemokratischen sein. Sich dem dringendsten Gebot der neuen Zeit verschließen und entziehen, hieße an der Menschheit freveln. Nur der Geist der Versöhnung, der pazifififtische Gedanke, der Glaube an die Völkerverbrüderung, wird die Herzen der Jugend zu wahrer und reiner begeisterter Lohe au entfachen und zu entflammen imstande sein. Frik Pätsch Rants Lehre Von Dr. phil. Berta ipfmüller, Nürnberg Mir wär's dann immer, als wenn ich durch dieses blaue ätherische Feuer in Minervas Heiligtum blidte." Diefe Worte Jachmanns, ausgesprochen über das Auge Rants, lassen sich, unverändert übertragen auf das Studium seiner Werte Ja, wem dieser phänomenale Genuß geworden ist, wem es ge fungen, sich in freier, selbständiger Arbeit durch den Urwal Kantischer Gedanfengänge, unbekümmert um alle Hindernisse und Hemmungen, hindurchzuarbeiten, der kann sagen, daß er in Minerpas Heiligtum geschaut und den Weg, der zur Wahrheit Reinheit und Schönheit führt, tennengelernt hat. Wer die Straße gegangen ist, mühselig und beladen mit der falschen Schul erziehung und am Ende die Gipfel einer freien Weltanschauung erreicht hat, der möchte jedem Suchenden und Strebenden jubelnd zurufen: Stehe auf, nimm diesen Stab und mandle mit dem Manne Kant ins Land der Wahrheit! Wir dürfen uns nicht abschrecken lassen den steilen Weg zu gehen. Auch Sant war fein Vollendeier, als er seinen Lauf ontrat, sondern ein Suchender, ein ganz einsam rastlos Suchender. " Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will ich werde meinen Lauf antreten und nichts soll mich behindern ihn fortzusetzen", so schrieb er in seinem ersten Werk 1746, un er ist seinem Vorjah treu geblieben, bis er der staunenden Wel sein erstes Hauptwerk vorlegte: Die ritit der reine Vernunft. Behaupten seine Freunde, er wäre auf politischem Gebiet niemals Revolutionär gewesen was ich bezweifle auf philosophischem Gebiete war er der größte Revolua. tionär. Wenn man die Einleitung zur reinen Vernunft lief studiert, dann ist einem, ale sähe man einen antifen Rämpfer vor sich, der die ganze prähistorische Welt zerschlägt und uns mit bes Gewalt des Erlebten und Erschauten zuruft:. Ich aber sage Euch!" So stürzt er die alte Metaphysik von ihrem Throne und erklärt, daß die Erkenntnis des höchsten Wesens für den Menschen ein für allemal verschlossen ist, daß alles, was darüber je geschrieben und geredet worden, eitel Wahn und Trug set, Die ,, Anmaßung, veralteter, wurmstichiger Dogmatismus". Hauptfrage der Philosophie bleibe immer: Was und wie viel fann Verstand und Vernunft frei von aller Gr fahrung erkennen? Und die Antwort lautet: Wo die Vernunft das Gebiet der Erfahrung verläßt, wozu fie so große Lust hat, gerät sie auf Abwege; Schein und Täuschung; aber Wahrheit wird sie nicht erfahren. Gott, ala hödyfte Instanz und Intelligena bleibt ewig eine 3 bee. Wie Gott ist, werden wir 146 Die leich beit erfennen. Er bleibt das etrig unerschlossene Urbild der Aachenden Menschheit. 8u wiffen, daß wir nichts toiffen önnen", bas bat bamals hilosophen und Theologen einen furchtbaren Schlag gegeben, and Mendelssohn hat seinem großen Bruder in Philosophie den Beinamen der„ Alleszermalmer" gegeben. Ich gestehe, daß auch ich seinerzeit das große Wert Rants mit fchwerer, faft möchte ich sagen müder Enttäuschung aus der Hand gelegt habe. Nach Erkenntnis suchen und hören, daß sie für uns Menschen ein Schattenbild bleibt, war mir ein schwerer Jammer. Das alte Wort Rüderts: Das ist das Ende der Philosophie, zu wissen, daß wir glauben müssen, war mir zum Schmerz geworden. Aber im Schmerz um den verlorenen Glauben und die dennoch nicht erschaute Wahrheit und Erkenntnis tröstete mich des Philo. fophen großer Hinweis auf eine Gewißheit, nämlich die Sicherheit und Unwandelbarkeit des Sittengesebes, dessen Gebote wir halten müffen, nicht weil sie Gottes Gebote sind, sondern( weil toir) fie als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verBindlich sind." Ist Gott als Erkenntnisobjekt für uns ab. getan, eines bleibt uns: die Freiheit des Willens, das Sittengesetz heilig zu halten und damit dem göttlichen Willen zu bienen und zu glauben, daß wir das Weltbeste an uns nd anderen befördern." Mit diesem Gedankengange stehen wir aber schon bei dem gweiten Hauptwerk: Der Kritik der praktischen Vernunft, in welcher Darstellung Kant den Schlußstein" feines ganzen Bebäudes erblickt. Hat der Weise uns in der reinen Vernunft nachzuweisen gefucht, daß uns die Aussicht nach drüben verzaunt ist", so steht er Bier auf dem Boden dessen, was die Vernunft auf praktischem Gebiete durch das Sittengejez zu leisten vermag. Es ist bie Anerkennung des freien Willens, das den Menschen in bie Sphäre des Göttlichen erhebt, wenn er die Kraft besitzt, Herr keiner Natur und sinnlichen Triebe( Neigungen) zu werden. Freiheit und Notwendigkeit sind die Schwerpunkte bes menschlichen Daseins. Ich kann, wenn ich will. Diese Ed feiler schaffenden Lebens hat Kautsky in seinem prächtigen Buche Der Ursprung des Christentums" als bereits vorhanden gewesene philosophische Anschauung bei den Pharisäern nachgewiesen, die wir so gut oder schlecht aus der Bibel kennen. Sie waren eine demokratische Sette, die bewundert viel und biel gescholten", bei den Frauen viele Anhängerinnen zählte. Sie bildeten gleichsam die Sozialdemokraten des Ju. bentums und schützten die Frauenrechte, oder richtiger fle anerkannten, daß die Frauen Rechte haben sollten. Rant fordert in seiner praktischen oder angewandten Philosophie ben unbedingten Gehorsam gegen das Gesez, d. h. Anerkenaung der fittlichen Grundsäße, die in dem Pflichtgebot„ Du sollt!" bren furzen, zwingenden Ausdruck finden. Diesen unbeugjamen Befehl bezeichnet er mit dem jest weltbekannten Ausdrud: a te. orischer Imperativl Das moralische Gesetz erklärt tant als Gesetz aller Gefebe", als das Evangelium, als die sittliche Gesinnung in ihrer ganzen Vollkommenheit. Ale strenger unerbitt licher Gesetzgeber berlangt er Erfüllung aller Pflichten, bie das Gesetz auferlegt, rüdsichtslos, ob es uns gefällt, oder nicht. Die Achtung vor dem Gesez allein muß der restlose Grundfür seine Ausführung sein und bleiben. Unsere Neigungen haben gar nichts damit zu tun. Ja, je mehr diese bei Erfüllung unserer Pflichten zurüdireten, je näher kommen wir dem Ideal der Heiligkeit und Vollkommenheit, je mehr fritt die Persön Iich feit herbor, d. i. die Freiheit und Unabhängigkeit von dem Mechanismus der Natur". Kein Weiser hat uns den Pflichtbegriff so tief in die Seele gebohrt wie Kant, wenn er in begeisterter Anschauung fittlichen Erlebens ausruft: Pflicht du erhabener großer Namel der du nichts Beliebtes, was Ginfchmeichelung bei sich führt, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellteft, welches von selbst im Gemüte Eingang findet, und doch sich selbst wider Willen Verehrung( wenngleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen ber. tummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm entgegenwirken, welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel, deren edle Abfunft, welche alle Verwandtschaft stolz aus schlägt, und von welcher Wurzel abzustammen, die unnachläßliche Bedingung desjenigen Wertes ist, den sich Menschen allein selbst geben tönnen?" Sr. 19 Se lohnt sich, diefen geiftesfaweren Saz fo lange zu studieren, bis man ihn ganz erfaßt und verarbeitet hat. Dann ist er eine Brüde, die über alle Zweifel und Fragen, alle Konflikte des seelischen Lebens hinwegführt. Erfülle deine Pflicht! wo sie dir begegnet. Mag dein Herz bluten, mag es in Stücke gehen, mag alles versinken an Lust und Freude, tu deine Pflicht! Du hast beine Persönlichkeit, dein inneres großes Sein und Bleiben. Deinen Charakter. Deine Feftigleit fürs ganze Leben. Ats drittes Hauptwerk schließt sich die Kritik der Ur. teilstraft" an, in dem er sich mit der Beurteilung der Form in ihrer Schönheit befaßt. Er ist damit der erste wissenschaftliche Begründer der Aesthetik oder Schönheitslehre geworden. Hier hat er die Theorien aufgestellt, die uns in Goethe und Schiller, als leuchtende Vollendung entgegenstrahlen. Nun hat sich im Laufe dieser Auseinandersehungen gewiß bet mancher Leserin die Gretchenfrage aufgedrängt: Wie hält es Kant urit der Religion? Unser Philosoph war durchaus religiös, indem er das Göttliche, das ihm die höchste Idee darstellte, verehrte. Er war aber bescheiden genug zuzugeben, daß wir über Gott felbft nichts wissen und hat deshalb jedem Offenbarungsglauben entfagt. Er bekannte sich zur Vernunftreligion; den Geschichtsglauben lehne er ab. Daß dieses Pflicht sei und zur Selig teit gehöre, ist Aberglaube", schreib: er in seinem Streit der Fa kultäten", in dem er der Bibel die Stelle zuweist, die ihr als Ge schichtebuch und als Gesetzbuch für moralische Wahrheiten zukommt. Eben hier meint er: Die Göttlichkeit ihres moralischen Inhaltes entschädigt die Vernunft hinreichend wegen der Menschlichkeit der Geschichtserzählung". Rant batte natürlich von seiten der Theologen große Angriffe au ertragen. Sie, die sich als die Auserwählten und Stellvertreter Gottes betrachteten, konnten den mächtigen Aufstieg der Philosophie durch ihn nicht vertragen. Die Theologie, immer die erste Fatul. tät" genannt, hatte bisher die Philosophie als ihre Magd" be. trachtet und wollte ihr Erstgeburtsrecht nicht angetastet missen. Gut", meint Rant, man fann es ihr einräumen, nur bleibt die Frage, ob diese ihrer gnädigen Frau die Fa del vorträgt, oder die Schleppe nachträgt." " Uebrigens sagt er, würde ber Geistliche immer erst zuletzt gefucht werden ,,, ob es zwar um die Seligkeit zu tun tst; weil auch dieser selbst, so sehr er auch die Glückseligkeit der fünftigen Welt preist, doch, da er nichts von ihr vor sich sieht, sehnlich wünscht, von dem Arzt in diesem Jammertal immer noch einige Beit er balten zu werden." Gin so furchtbarer Ernst durch sämtliche Werke Kants geht hier sehen wir das feine sokratische Lächeln des Weisen und hören den Schalt, der einen himmlischen Wih besaß. Damit sei die Besprechung seiner Hauptwerfe abgeschlossen. Was bei dem Studium Rants abschreckt, ist die Konstruktion des Gebäudes, indem er sich in geradezu ausgesuchtem Bauherrnrechte bie Architektur der Kleinwohnung zum Vorbild genommen hat. Da geht es durch Stuben und Kammern, Seitens, Wendel- und Rebentreppen, alle forgfältig eingeschaltet in das Gebäude, und teine überflüssig, bis wir das höchste Stockwer! mit einem präch tigen Söller erreicht haben. Und wenn die herrliche Aussicht ba ist, dann vergessen wir die Mühe des Aufstieges und müssen dem Baumeister zustimmen, wenn er sagt: Tecum habita et noris, quam sit tibi curta supellex: Der Hausrat, ben du mit dir führst, von dem wirst du bald erkennen, wie ein fach er ist. Und tatsächlich, er ist einfach. Es ist der Hausrat bes gesunden Menschenverstandes, Nur machen wir so wenig Gebrauch davon. Erlöser Sozialismus Bon Jda Altmann- Bronn Zu allen Zeiten, die wir kennen und von welchen nur Ueber. lieferungen auf uns gekommen find, ebenso wie in ben bereits geschichtlich bekannten Zeitabschnitten gibt es viel, sehr viel, wovon der Mensch sich bedrückt, eingeengt und beklemmt fühlt, wobon er Ios fommen, erlöst sein möchte. Der hilflose, schwache, unselbständige Mensch, gewissermaßen der Mensch auf der Kindheitsstufe seines Geschlechts, der in sich nicht die Kraft fühlt und um sich nicht die Mittel fsieht, sich selbst zu erlösen von dem, was ihn drückt und beengt, schaut deshalb mit sehnsuchtheißen Augen aus, woher ihm die Erlösung wohl kommen, wer ihm die Befreiung bringen könnte. So erdichteten sich aller Mr. 19 Die Gleich beit arten die in Rot und Lets hemachtenben, aber die Busammen hänge der Dinge noch nicht erkennenden Menschenfinder ihre Er Biergestalten. Im uralten Chinefenreiche eivoriete man bor Jahrtausenden, Somge bor ber driftlichen Zeit, den Heiligen, der da lommen würde, um die Völker aufzufrischen und zu beglüden. Gr mirb, wenn er am Ende der Tage kommt, die schädlichen Gewächse ausrotten und die beilsamen mit Sorgfalt pflegen. Er ist ein Brieden& fürst, der die Tyrannen der Erde ver. nichtet und ihre Throne umstürzt. In dem von ihm ouf Erden begründeten Reiche werden die herrschenden Mächte Weisheit, Gerechtigkeit, Ordnung, Liebe und Vertrauen sein. In ähnlicher Weise dichtet in uralten Tagen auch in Indiens Bennigen Fluren die Sehnsucht der Notleidenden und Unterdrück Sen fich einen Erlöser weniger praktisch und nüchtern als der Chinese, dafür um so schwungvoller, aus leuchtender Einbildungs. Fraft heraus, in Bildern von bober dichtericher Schönbeit. In den Wolfen des Himmels erscheint er, fihend auf weißem Rosse mit weißen Flügeln.- In seiner Hand bält er ein flammendes Schtvert, seuchtend wie ein Komet. Wenn das Roß den erhobenen Vorder. fuß niedersetzt, wird die alte Erde mit dem gesamten verdorbenen Geschlechte, das sie getragen hat, in Trümmern versinken, und eine neue Erde wird erstehen und auf ihr anbrechen die ersehnte Seit der Reinbeit und Vollkommenheit." In den altgermanischen Dichtungen von der Weltbefreiung vom Bösen und der Welterneuerung durch die Götterdämmerung eben fo wie in den jüdischen und cheistlichen Messias- und Heilands bichtungen finden wir Nachtlänge jener älteren Andeutungen einer gemeinsam berlebten vorgeschichtlichen Urzeit, Alänge des gleichen Biedes vom Leide der Menschen, die erlöst werden wollen und den wahren, den einzigen Erlöser noch nicht erkannt haben. Jeder einzelne, auch der höchft begabte Mensch jener Frühzeiten, mußte erkennen. daß er selbst außerstande wäre, sich und seine Ge. fährten aus Drud unz Banden jeder Art zu befreien. Der dies bermöchte, wähnten sie, müßte also ein Wesen höherer Art sein. Deshalb sind auch alle die Erlöser, Heilbringer oder Heilande jener uralten Dichtungen mit übermenschlichen Eigenschaften aus gerüstet, meist übermenschlichen, göttlichen Ursprunges. Auf diesen Gegenstand wollen wir an einer späteren Stelle unserer Betrach tungen noch zurüdfommen. Wir haben es da mit jener zauber Eräftigen Seite des menschlichen Seelen- oder Geistesleben zu tun, aus welcher Märchen, Sagen, Mythen hervorblühten, zugleich aber auch mit dem Urfeim flarften, vernunftgemäßen, folgerichti gen Denkens. Vollkommen zutreffend ist die Erkenntnis der Vorzeitmenschen allerorten, daß fein sterbliches Wesen, d. h. fein einzelner Mensch imitande ist, sich und seine Mitmenschen zu erlösen und au befreien von dem, was sie alle gemeinsam und jeden einzelnen noch im besonderen bedrückt und leiden macht. Während aber auf der einen Seite die Erlösung im Reiche der Dichtung, der religiösen Märchen- und Mythenschöpfung gesucht wurde, griff auf der anderen Seite der Mensch mit frischer Entschlußfraft und Tat die Dinge selber an und versuchte, was der einzelne nicht bermochte, mit vereinten Kräften zu erreichen. Es entstanden so die Anfänge des geselligen oder Ge. meinschaftslebens der Menschen auf einer höheren Stufe als derjenigen gesellig beieinander lebender Tiere. In der lateinischen Sprache, die lange Zeit den Gelehrten der verschiedenen Völker als Berkehrssprache diente, heißt gesellig" Bocialis und die Gesellschaft" societas. Von dem lateinischen Worte socialis( gcfellig) abgeleitet, ent stand das jetzt zum Wortschatze unserer deutschen Sprache ge. hörende Wort Sozialismus. Um dieses Wort, das einen reichen und vielseitigen Inhalt hat, recht zu erklären, muß man etwas weit zurückgreifen in die Ver. gangenheit det menschlichen Gesellschaft. Nicht nur jede, selbst die allerkleinste, Gesellschaft von Menschen, fondern auch jeder Einzelmensch bedarf für sein Leben einer wirtSchaftlichen Grundlage, und diese wird durch Arbeit geschaffen. Die allerniedrigste Entwidlungsstufe des menschlichen Wirtschaftslebens, die wir uns vorstellen fönnen, ist wohl diejenige, auf welchen die Menschen zur Stillung ihres Hungers die Wurzeln und Früchte wildwachsender Pflanzen, Fische, Vögel und anderes Getter dienen. Jeder hat nur, was er sich durch seine Arbeit beranschafft; da gilt es also, fich zusammenzunehmen, zu leisten, was man vermag. So ersann der Mensch und schuf sich aus dem, was er in der Ratur borfand, aus Baumästen, Knochen, Geweihen, Steinen 147 einfache Werkzeuge; fertigte sich aus Bast und Binsen Gefäße, die er mit Lehm oder Ton bicht machte, um darin Vorräte aufzu. bewahren. Was ein jeder sich, fertigte, sammelte, bewahrte, was fein persönliches Eigentum. Höhere Entwicklingsstufen des Wirtschaftsleben sind das Halten bon Tieren, mit denen die Eigentümer von Weideplatz zu Weide plab ziehen, und der Anbau von Nahrungs- und anderen Nug pflanzen. Im Anschluß an den Feldbau, um dessen Früchte zu ernten und ben einmal urbar gemachten Ader nicht wieder aufzugeben, wird der Mensch seßbaft. Es beginnt der Bau fester Wohnsize und der Bu amanenschluß zu größeren Gemeinivesen, Der Acer, auf dem gegraben und gepflanzt wird, ist von nies mand geschaffen, also ist er auch niemandes persönliches Eigentum, er gehört vielmehr der Gemeinschaft( Gruppe, Horde, Stamm). Was auf ihm angebaut worden ist, gehört dem Erzeuger, ebenso wie dem nomadisierenden( umberziehenden) Hirten die von ihm gezüchteten Herdentiere zu eigen gehören. Bei der Bildung größerer Gemeinwesen erkennt man ben Nutzen einer mannigfachen Arbeitsteilung, je nach den törper. lichen Kräften, der Begabung und Geschicklichkeit der einzelnen Gemeinschaftsglieder. Aus der Arbeitsteilung entvideln sich im Laufe der Zeit die verschiedenen Berufe. Nun erzeugt der einzelne nicht mehr alles, was er braucht, felber, sondern jeder macht die Arbeit, die gerade er am besten leistet, und bauscht dann sein Arbeitserzeugnis gegen das eines anderen ein, dessen er bedarf. Wenn etwa Frau Armgard ihrem Nachbar Berthold einen von the gefertigten Topf oder Korb überläßt, sie aber mit dem, was er erzeugt, z. B. Messer, Beil oder Mahlstein, noch versehen ist, dann muß an Stelle des Tauschverkehrs der Rauf treten, wobet mit etwas bezahlt wird, was gewissermaßen als Wertmaß und Erwerbsvermittler für alle Dinge gilt, also die Rolle spielt wie nun seit lange schon das Geld. Solches Geld war je nach Ländern und Zeiten sehr verschieden: Steine, Muscheln, Vieh usw. Von dem lateinischen Worte für Vieh"( pecus) wurde deshalb sogar die Bezeichnung für Geld" ( pecunia) abgeleitet und noch beibehalten, als man bereits das Metallgeld eingeführt hatte. 28 So wurde allmählich das Wirtschaftsleben reicher und viel feitiger. Es entstanden neben der Viehzucht und dem Aderbau Gewerbe und Handel. Zur stärkeren Bereicherung und zugleich zur Anbahnung einer höchst verhängnisvollen Lebensgeftaltung führte, mas noch heute das größte Unglück der Völker ist, die kriegerische Grobe.' rungssucht. Eroberte Beute wurde Eigentum des gewalte tätigen Eroberers. Groberte Menschen wurden seine Eflaven, anderenorts feine Hörigen, d. h. sie gehörten ihm in einer Art von Halbsklaventum. Der Grund und Boden gehört nun meist dem Eroberer", ber ihn an andere verleiht, damit sie ihn bearbeiten oder bearbeiten lassen und ihm einen mehr oder weniger großen Anteil thres Arbeitsertrages abliefern. Diese arbeitenden Schichten bleiben daher arm und verarmen meist immer mehr, während die Eroberer" und ihre Nachkommen immer reicher werden. Besonders scharf treten die Gegenfäße zutage feit der groß artigen Entwidlung des Handelsverkehrs und der Gewerbe in folge der Entdeckungen der überfeetschen Erdteile und der Erfin dungen, welche die einfachen Werkzeuge zu gewaltig leistung fähigen Maschinen umgestalten. Solche Maschinen kann sich der arbeitende Besiklose nicht ans schaffen. Sie aufzustellen bedarf es auch großer Säume. Der Grund und Boden gehört aber dem Reichen, der somit zugleich über die zu verarbeitenden Stoffe verfügt, pie Flachs und Wolle, Holz, Eisen, Ton, Steine usw. Der Befikloje muß also im Dienste des Besitzenden um einen oft äußerst färglichen Lohn arbeiten, was der Besitzer des Bodens, der Maschinen und Rohstoffe zu seiner persönlichen( individuellen) Bereicherung erzeugen lassen will. Der selbst aufs höchste gesteigerte Reichtum dieser Individ buen( Einzelpersonen) bereichert aber durchaus nicht die ge famte Bevölkerung der Länder, vielmehr wird dadurch bie Armut der Befitlosen und auch deren Bahl vergrößert, was wir noch weiterhin ausführlicher besprechen wollen. Den furchtbaren Uebeln, unter denen der größte Tell jedes Boltes, nämlich die im Dienste des Individualbesitzes frondende Arbeiterschaft leidet, ein Ende zu bereiten, vermag nur eins 148 Die Gleid beit gänzliche Umgestaltung des wirtschaftlichen und öffentlich gefell. schaftlichen Lebens. Jedes Glied der menschlichen Gesellschaft soll zu seinem Rechte tommen, soll alle seine förperlichen und seelisch- geistigen Bedürf niffe befriedigen fönnen. Die Mittel hierzu werden reichlich durch die menschliche Arbeit hervorgebracht, nur müssen sie nicht einzel nen sondern der Gesamtheit zugute kommen. Diese Ordnung der Dinge, durch welche das Wohl aller Glieder der menschlichen Gesellschaft herbeigeführt werden soll, ift der Sozialismu8. Die Lehre des Sozialismus umfaßt die Untersuchun gen, wie der Sozialismus als Gesellschaftsordnung verwirklicht werden fann. Dabon das nächste Mal. Aus der Frauenbewegung des Auslandes Bertagung des Frauenstimmredits in England Der ständige Ausschuß des englischen Unterhauses hat sich mit bem Frauenstimmrecht beschäftigt. Es wurde der Vorschlag gemacht, das Stimmrecht den Frauen und Mädchen erst nach Vollendung des 29. Lebensjahres zu gewähren. Da auf diesem Punkte Ginigung nicht erzielt werden konnte, vertagte der Ausschuß die Weiterberatung. * Erfolgreiche Rede Hoovers im Interesse der Kinder des europäischen Kontinents Am 12. April sprach Hoover in New York über die Unterernäh rung der armen Bevölkerung des europäischen Kontinents und ber großen Gefahr, daß eine ganze Generation Europa verloren sein wird, wenn nicht von Amerika Hilfe in Form von Nahrungsmitteln und Heilmitteln fommt. Daraufhin würden von den Ver. sammlungsbesuchern 1 200 000 Dollars zur Linderung dieser Not gezeichnet. Spaniens Hilfe für die hungernden Kinder Zentraleuropas Anfang Mai wird in Madrid ein Stiergefecht abgehalten, dessen Ertrag der Sammlung.Save the Children Fund" zufällt. Außer bem hat der König von Spanien den Balast des Brado zur Be baufung 500 unterernährten Kindern zur Verfügung gestellt. A Mutterpenfionen In England wurde von der englischen Arbeiterpartei im UnterHaus ein Gesebentwurf eingebracht, der vorschlägt, daß aus öffent. lichen Mitteln ausfömmliche Pensionen bezahlt werden an verwitmete, geschiedene oder ebeverlassene Frauen mit einem oder mehreren von ihnen abhängenden Kindern. Solche Pensionen sollen auch an Frauen ausgerichtet werden, deren Männer infolge von Krankheit, Invalidität oder Unfähigkeit ihre Familie nicht ernäh ren können. Mit diesem Entwurf erfüllt sich eine Anregung, die aus radikalen Frauenfreisen schon vor einer Reihe von Jahren er. folgt, aber als unausführbar erflärt worden ist. Mit der Annahme einer Bestimmung, wonach der Staat Beiträge an alle Mütter entrichten würde, wäre auch die Frage der Familienzulagen gelöft; nicht der Arbeitgeber, sondern der Staat täme dann für diese Bulagen auf, und jeder Arbeiter würde nicht nach der Bahl der Familienmitglieder, sondern allein nach seinen Leistun gen bezahlt! Mit dieser Bestimmung wäre auch die Selbständig. feit und Höhereinschätzung der verheirateten Frauen berbürgt. Bücherschau 99 Die Befreiung der Frau.( Ein Buch von F. Müller- Lyer.) 8. Müller Byer: Phasen der Kultur und NichtungsTinien des Fortschritta." 5.- 10. Tausend. Albert Langen, München.( Bestellungen auch an Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW. 68, Lindenstr. 8.) Preis 13,20 Mt. und Porto. Welche wahrhaft fogialistische Arbeiterfrau hat nicht Bebels Lebenswert:„ Die Frau und der Sozialismus" gelesen?! Wer hat beim Studium dieses Buches nicht beilige Begeisterung empfunden, wenn man sah, wie der Sozialismus feine leere Bu funftsträumerei ist. sondern wie die Entwicklung der Menschheit allen Gegnern zum Hohn mit unwiderstehlich vorwärtstreibender Gewalt zum Sozialismus, d. h. in erster Linie wie Bebel fagt zur Befreiung der Frau, drängt! Aus der Erforschung der Vergangenheit schöpfen wir die flare Gewiß. heit auf den Sieg herrlicher Zukunft, an dem tiefen, fiaren Born ber Wissenschaft trinfen wir flammenden Mut für den unfteten, oft widertschen Rampf der Beit 6 Mr. 19 Bebel greift in seinem Werte aus der mannigfaltigen Ge. famtentvidlungsgeschichte ein im Gesamtrahmen fleines Gebiet heraus: Die Stellung der Frau in der mensch lichen Gesellschaft. Wer dieses Gebiet jedoch vollauf erfaffen, bersteben will, muß auch streben, wenigstens einen allge-meinen Ueberblid über die vielen anderen Gebiete der Ent wicklungsgeschichte der Menschheit zu gewinnen: er muß von höherer Warte aus seinen Blid in nebelverhüllte Vergangenheit richten, von einer Warte, die ihm gestattet, das gewaltige For schungsgebiet, das sich die neue Wissenschaft immer mehr erobert hat, in seiner ganzen vielseitigen Ausdehnung zu überbliden. Denn jedes einzelne Gebiet ist nur in der Verbindung mit den anderen zu verstehen; gerade in dieser Harmonie liegt auch die Kompliziertheit des heutigen fapitalistischen Wirtschaftssystems. Wer mit roher Hand in das feine Räderwerk unserer Produktion eingreift, ist damit ein Feind der Entwid. Iung, ist fonservativ und reaktionär. Denn auch der Kapi. talism u'e ist eine Stulturstufe( oder phase), die notwen dig ist, sie wird überwunden auf dem Wege zum Sozialismus, auf dem Wege vom Iaffenstaat zur Gemeinwirtschaft. Schon oben sprachen wir von den vielen Gebieten, in die man die Gesamentwidlungsgeschichte einteilt. Ueber alle diese Gebiete verschafft uns das Müller- her- Buch: Phasen der Kultur" einen großartigen Ueberblid. Dazu ist es in einer fließenden, packenden Sprache geschrieben, die den ohnehin interessanten Stoff noc, fesselnder gestaltet. Müller- Lyer zeigt fich uns so nicht nur als ein Renner aller Forschungen und Ent. deckungen der modernen, vorgeschichtlichen Wissenschaften, er zeigt sich uns auch als ein vorbildlicher Meister der Sprache. Jede Arbeiterfrau, die Bebels Werf gelesen, muß auch zu dem Buche Müller- Qners greifen. Es ist die beste, einzig- dastehende, sozialistische Sulturgeschichte. A. Scent. Uneheliche Mütter, ihre Not und Nettung Unter diesem Titel ist von Prof. Dr. P. Manet in Heymans Verlag, Berlin W. 8. eine Broschüre herausgekommen. Der\. Verfasser ist der Gründer der Näh-, Lehr- und Stillstuben, Ver. lin W. 10, Kaijerin- Augusta- Str. 80 I, und ehrenamtlicher Leiter berselben. Die Broschüre ist ein Bericht über eine umfassende, fleißige Arbeit auf dem Gebiete des praftischen Mutterschußes; der Verfasser selbst bezeichnet die Näh-. Lehr- und Stillstuben als einen jozialisierten Betrieb, dessen Erträgnisse' nur bedürfti. gen Schwangeren, bruststillenden und finderreichen Müttern zu fließen. Ueber die Art der Verwendung der Gelder wird Wericht gegeben. Den Müttern selbst lann, wie Prof. Manet jag:, tein demokratisches Mitbestimmungsrecht gegeben werden, weil fie naturgemäß in dem Betrieb nicht bodenständig werden können, infolgedessen den engen egoistischen Gefichtsfreis nicht bis zum Gefühl starter Gemeinsamkeit erweitern fönnen. Am sym patbifchten berührt in dem Büchlein der Vorschlag an die Stadt Berlin, nunmehr die Näh-, Lehr und Stilltuben zu übernehmen und mit thren Mitteln auszubauen. Genossinnen, die sich lernend mit den jest so sehr aktuellen fozialen Fragen beschäftigen, seien auf die Broschüre hinge wiesen. M. J. Rundichan Der Milchpranger In der„ Cstthüringer Beitung" war dieser Tage die folgende Anzeige zu lesen: Bekenntnis! Unterzeichnete erklären hiermit, daß sie die Einwohnerschaft Aumas in gemeiner Weise geschädigt haben, indem sie die Milch mit Wasser zersetzten. Jch, Lina Triller, habe ¼ Wasser zugesetzt. Jch, Otto Förster, habe ¼ Wasser zugescht. Jch, Jafob Schwarz, habe es am tollsten getrieben, habe % Wasser zugesetzt. Wir erklären hiermit, daß dieses nie wieder geschehen soll. Triller, Förster, Schwarz. Ganz freiwillig scheinen Fräulein Tiller und die Herren Förster und Schwarz diese Anzeige nicht aufgegeben zu haben Schade, daß das Rezept, mit dem sie zum ehrlichen Milchhandel erzogen wurden, nicht bekannt ist. Alle deutschen Milchtrinter hätten Interesse daran....