Nr. 20 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichheit erscheint wöchentlich Prets: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Post bezogen viertelfährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart Berlin 15. Mai 1920 Die Frau und ihr Haus Zuschriften find zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Mortaplag 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Der Menschheit Sehnsucht Von Clara Bohm- Schuh Ich möchte, eine lohende Flammenglut, Mein Sehnen werfen in die dunklen Nächte, Ich möchte brennend peitschen euer Blut, Wenn dieser Brand euch die Erlösung brächte. Erlösung! frei empor zu lichten Höhn! Was steht ihr zagend in der Nächte Dunkel? 3hr zagt, ihr könnt das goldne Ziel nicht sehn Und auf dem Weg gibt's nicht viel Sterngesunkel. Und doch, in eurer tiefsten Seele flingt Wohl auch ein Lied von goldnen Freiheitstagen, Nur, daß sein Laut nicht auf die Lippen dringf, Denn eure Losung heißt: geduldig fragen! Kommt nie der Tag, an dem thr euch versteht, Euch selbst, und all das flefe, fiefe Sehnen? Der Tag, an dem ihr aufrecht vorwärts geht, Den Blick zur Sonne, ohne of und Tränen? Ihr Zagen, Müden, wachet auf, wacht auf! Die ganze schöne Welt wolf'n wir erringen. Nichts hemmt der ew'gen Sonne Siegeslauf, Ihr Strahl muß auch die liefste Nacht durchbringen. Ja, einmal steigt der Menschheit großer Tag. Nun laßt uns fämpfen, daß es Wahrheit werde, Troh Not und Tod und was auch fommen mag: Ein freies Menschenfum auf freier Erde! Wen wählen wir? Die ständig wachsende Teuerung und die immer wache Sorge um den inneren und äußeren Frieden haben in weitesten Frauenfreisen eine Unzufriedenheit mit den gegen wärtigen Zuständen und eine Interesselosigkeit an deren Ursachen ausgelöst, die bei den kommenden Wahlen von Schlimmer Bedeutung für das gesamte Bolkswohl werden fönnen. Jede Unterlassung von Maßnahmen, welche dem Bolfsempfinden entsprochen hätten sei es auf wirtschaftlichem, militärischem, sozialem, kulturellem oder rein politischem Gebiete wird der Sozialdemokratie, wird unseren Genossen in der Regierung zugeschoben. Die erreichten Fortschritte aber bleiben fast unbeachtet. Von unseren Gegnern wird gerade den Frauen gegenüber fogar immer wieder die Frage gestellt: ist denn überhaupt etwas geschehen? In der letzten Nummer der„ Gleichheit" ist der Beweis erbracht worden, wieviel trotz aller Widerstände und Hemmungen in der Gesetzgebung der Nationalversammlung für unser gesamtes Boll und für die Frauen im besonderen geleistet worden ist. Mit der vorrevolutionären, politischen Entrechtung der Frau hängt es zusammen, wenn leider im Empfindungsleben des Volkes sowohl als auch in der Gesetz gebung gesonderte Interessen von Männern und Frauen vorhanden sind, wo es doch nur gesamte Menschheitsinteressen gibt und geben kann. Zu der Anerkennung dieser Selbstverständlichkeit werden wir aber erst in jabrelanger Entwicklung kommen; erst dann, wenn das rüdständige Necht der Frauen auf allen Lebensgebieten auf die gleiche Stufe mit dem Männerrecht gehoben ist. Schneller erreicht wird dieses Ziel durch kameradschaftliches Zusammenarbeiten von Männern und Frauen in der sozialdemokratischen Partei, weil hier das Ziel gemeinsam ist. Heute erklären alle bürgerlichen Parteien, daß auch sie nur das einheitliche Streben für Männer und Frauen kennen, aber vor der Revolution des 9. November 1918 flang es anders aus diesen Reiben. Damals lehnten fie alle die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Frauen ab; sie kannten fein gemeinsames Streben nach einem gemeinsamen Ziel. Die eine Hälfte des deutschen Volkes war für diese Parteien solange minderwertig, als sie politisch unmündig war. Erst als den Frauen durch die sozialistischen Volksbeauftragten der deutschen Republik das Wahl- und Wählbarkeitsrecht gegeben war, wurden sie wichtig für sämtliche bürgerlichen Parteien. Mit Hilfe der Frauen wollten sie wieder festen politischen Boden unter die Füße bekommen. Und die Rechnung stimmte; obwohl die Frauen der unermüdlichen Vorarbeit der sozialdemokratischen Partei und der damaligen sozialdemokratischen Volksregierung ihre Befreiung zu danken hatten, wählten sie nicht überwiegend sozialdemokratisch. 150 ie Gleich beit Saben sich nun die bürgerlichen Parteien in ihren Grundanschauungen zu den Rechten und Pflichten der Frauen geändert? Diese Frage muß mit einem flaren: Nein! beantwortet werden. Die Kämpfe, welche bei Schaffung der Verfassung um die Gleichberechtigung der Frau auf wirtschaftlichem, fulturellem, sozialem und rechtlichem Gebiete von unserer Partei geführt werden mußten, beweisen. das. Wenn wir auch mit dem Zentrum und den Demofraten in einer gesetzgeberischen Arbeitsgemeinschaft uns ausammenschließen mußten, um aufbauende Arbeit leisten au fönnen, so sind deshalb doch die Unterschiede der Weltanschauungen genau so scharf geblieben wie früher. Und deshalb kann eine denkende Frau keine dieser beiden Barteien für die Vertretung ihrer Interessen wählen. Die Reaktion von rechts die Deutschnationale Volkspartei und die Deutsche Volkspartei stellt in ihrer Agitation der Gegenwart die Vergangenheit vor dem Kriege entgegen. Den Krieg mit seiner Bernichtung alles Glückes und Gutes, der ihr Werk war, versucht sie vergessen zu machen und alle die wirtschaftlichen Folgen des Krieges, die wir jekt zu tragen haben, versucht sie als Ergebnisse der Nevolution hinzustellen. Aber auch mit den Gefühlswerten der Frauen wird von rechts- reaktionärer Seite dies Spiel getrieben. Waffenstillstand und Friede, diese Sklavenketten, die uns an einem wirtschaftlichen und geistigen Wiederaufbau hindern, werden als Werke der Revolution und der republikanischen Regierung dargestellt, um gleichzeitig den Höhenweg des Monarchismus und die Tätigkeit der Familie Hohenzollern in strahlendes Licht zu rücken. Und soviele Frauen lassen sich einfangen, weil sie müde und unzufrieden, weil sie zermürbt und zerbrochen sind; sie stellen fich mit ihren ganzen Gefühlswerten ein auf die Vergangenheit anstatt auf die Zukunft und wirken dadurch rückschrittlich und hemmend für die Entwicklung. Und doch war der Waffenstillstand und ist der Friede nur eine Folge des verlorenen Krieges und der wahnsinnigen Politit, die von den Par teien der Rechten, der Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei, durch die Unterstützung des Militärs getrieben wurde. Die Reaktion von links, welche sich Radikalismus nennt, verfolgt den umgekehrten Weg zu demselben Ziele, nämlich: der Beseitigung der demokra tischen Nepublik mit Hilfe der Frauen. Auch diese Leute verwischen die Ursachen der gegenwärtigen Zustände und entfachen nicht den Willen zum Aufbau, sondern nur lohenden Haß gegen die heutige Regierung und die Sehnsucht nach vollkommenen Niederbruch; sie glauben, auf den Trümmern die„ Diktatur des Proletariats" errichten zu können. Diese Fanatiker glauben vorwärts zu stürmen und dienen doch nur der rückschrittlichen Neaktion. ⚫ Beide verkünden die Gewaltherrschaft einer Minderheit des Bolles und jede Gewalt wird und muß an einer anderen Gewalt zerbrechen. Das Ergebnis war und wird immer fein: Krieg im eigenen Lande oder mit den Nachbarvölkern. Der Krieg ist aber die Quelle alles Uebels und darum müssen wir Frauen die friedliche Entwicklung wollen und wählen. An der Zukunft bauen wir, wenn wir am 6. Juni unseren Stimmzettel abgeben und darum dürfen wir nicht der Vergangenheit dienen. Wenn wir wollen, daß die kommenden Zeiten glücklicher sind als die gegenwärtigen, dann wählen wir die Liste der sozialdemokra tischen Partei Deutschlands. Nr. 20 Die Frauen im Betriebsrätegesetz Die Gleichstellung in der Lohn- oder Gehaltszahlung mit dem Manne wird von den im Erwerbsleben stehenden Frauen gefordert. Co berechtigt diese Forderung auch ist, der Erfolg ist bisher nur ein geringer gewesen. Selbst dort, wo Männer und Frauen gemeinsam schaffen und gleiche Leistungen zu verzeichnen sind, finden wir einen Unterschied zu ungunsten der Frau. Gegen diese geringere Bewertung der weiblichen Arbeitskraft haben die Cozialdemokraten stets gefämpft, und nunmehr haben sich ihnen große Kreise aus den Reihen der Arbeiterinnen, Angestellten und Beamtinnen angeschlossen, um nachdrücklichst die Beseitigung dieses Unrechts zu fordern. Das gleiche Staatsbürgerrecht erleichtert zweifellos den Kampf der Frauen um die wirtschaftliche Gleichstellung. Und die Rechte, die das Betriebsrätegesez den Frauen verliehen hat, werden bei richtiger Anwendung und Ausnuzung zur schnelleren Erreichung des gesteckten Bicles beitragen. Von den Rechten, die das Gesetz den Frauen gewährt, darf feines freiwillig preisgegeben werden. Der leider oft fehlende aber notwendige weibliche Einfluß in den Betrieben muß gesichert werden. Die Voraussetzungen dafür find gegeben. Den Bemühungen der weiblichen Abgeordneten ist es gelungen, dem§ 22 die folgende Fassung zu geben: " Bei der Zusammensetzung des Betriebsrats sollen die verschiedenen Berufsgruppen der im Betriebe beschäftigten männlichen und weiblichen Arbeitnehmer nach Möglichkeit berücksichtigt werden." Somit ist es in die Hand der erwerbenden Frauen gelegt, jedes aus dem Arbeitsverhältnis ihnen widerfahrende Unrecht zu bekämpfen und vor allem gegen die Zurüdjetzung der Frau hinter den Mann im Arbeitsprozeß erfolgreich zu wirken. Immer wieder wird lage geführt, daß die Entlassung weiblicher Arbeitskräfte gefordert und durchgesetzt wird ohne Rücksicht auf die schwere wirtschaftliche Bedrängnis, in die die Frauen nach der Entlassung geraten. Aber auch bei Einstellungen muß recht oft das weibliche Geschlecht hinter dem männlichen zurüdstehen. Diefe Ungerechtigkeiten werden bei richtiger Anwendung der Paragraphen 81 und 84 aus dem Wege geräumt. Sie seien den weiblichen Arbeitnehmern zur besonderen Beachtung empfohlen: § 81. Die gemäß§ 78 Siffer 8 vereinbarten Nichtlinien müssen die Bestimmung enthalten, daß die Einstellung eines Arbeitnehmers nicht von seiner politischen, militärischen, fonfefsionellen oder gewerkschaftlichen Betätigung, von der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem politischen, fonfessionellen oder beruflichen Verein oder einem militärischen Verband abhängig gemacht werden darf. Sie dürfen nicht bestimmen, daß die Einstellung von der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht abhängig sein foIL." Der§ 84 erhielt durch die Einfügung der Worte, wegen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht" folgenden Wortlaut: „ Arbeitnehmer können im Falle der Kündigung seitens des Arbeitgebers binnen fünf Tagen nach der Kündigung Einspruch erheben, indem sie den Arbeiter- oder Angeftelltenrat anrufen: 1. wenn der begründete Berdacht vorliegt, daß die Kündigung wegen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht, wegen politischer, militärischer, fonfessioneller oder gewerkschaftlicher Betä tigung oder wegen Zugehörigkeit oder Nichtzugehörig feit zu einem politischen, fonfessionellen oder beruf fichen Verein oder einem militärischen Verbande erfolgt ist; Nr. 20 Die Gleich beit 2. wenn die Kündigung ohne Angabe von Gründen erfolgt ist; 3. wenn die Kündigung deshalb erfolgt ist, weil der Arbeitnehmer sich weigerte, dauernd andere Arbeit als die bei der Einstellung vereinbarte zu verrichten; 4. wenn die Sindigung sich als eine unbillige, nicht durch das Verhalten des Arbeitnehmers oder durch die Verhältnisse des Betriebes bedingte Härte darstellt. Erfolgt die Kündigung fristlos aus einem Grunde, der nach dem Gesetze zur Kündigung des Dienstverhältnisses ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist berechtigt, so kann der Einspruch auch darauf gestigt werden, daß ein solcher Grund nicht vorliegt." Aber auch in anderer Beziehung können die Frauen das Arbeitsverhältnis günstiger gestalten. Sie haben das Recht, auf die Art und die Dauer ihrer Beschäftigung und ihrer Entlohnung einzuwirken, für durch greifende Schukvorrichtungen an den Maschinen und für geeignete Arbeits fleidung zu sorgen. Durch Rat und Tat können jebt die Frauen manches Unrecht beseitigen, das die Arbeitslust und die Freude an der Arbeit bisher nicht hat aufkommen lassen. Unter feinen Umständen dürfen weibliche Arbeitnehmer den Betriebsversammlungen fernbleiben, da diese berufen sind, Wünsche und Anträge der in den Betrieben beschäftigten Personen für den Betriebsrat entgegenzunehmen. Die Wirfungen dieses Gesetzes fonnten bisher noch nicht zur Geltung kommen. Die im Betriebsrätegesetz veranferten Rechte Fönnen nur dann wirksam werden, wenn die criverbenden Frauen ihre Rechtsansprüche auch geltend machen. Die gesetzlichen Vertreter, besonders die weiblichen, find sich bewußt, daß noch viel zu tun übrig bleibt, um allen berechtigten Wünschen der Frau nachzukommen. Letzten Endes liegt es an den erwerbstätigen Frauen selbst, durch Ausnugung all der im Gesetz gegebenen Möglichkeiten Gesetzgebung und Berwaltung weiter vorwärts zu treiben. In dieser Richtung ist ihnen die vollste Unterstüßung der sozialdemokratischen Vertreter gewiß. Johanna Reite. Feuilleton An ein Arbeitermädchen Von бans Gathmann Ich möchte dich nicht in Spitzen und Flitter fehn, Nicht mit Schmuck und blinkendem Tand behängt. Deine Augen find viel zu weit Schon in der Jugend aufgetan vom Leid, Als daß an folche armielige Dinge Sich ihre fuchende Schnfucht hinge. Weit hinaus in den Frühling müßteft du gehn. Vom Glück der Erde nur wäreft auch du beschenkt. Wer auf dem eiligen Gipfel des Clends ftand, Sieht die Dinge der Erde mit feltfamem Blick, Dichtet die lot und die felber erlebte Pein Auch in die Herzen glücklicherer Menichen hinein. Und wenn aus des eigenen Daieins quälender Enge Plötzlich ein Tor ins Licht und Glück aufipränge, Caitete doch deine rauhe, oft verftoẞene hand, Tach dem Elend der Mitmenschen bangend zurück. Geb du im Arbeitskleid ftolz durch die Welt. Schweiter der Armen: deine Heimat ist groß. Du weißt, daß du niemals einfam bift, Weil du überall lebit, wo deine Sehnsucht und бoffnung iſt. Mit jedem Cage dränget dein Glücksbegehren Ueberall auf der Erde ans Licht und will Wahrheit werden. Arm zu ſein in raftlofer Arbeit ist noch dein Los. Aber dein Wille zum Glück, du mutige, wandelt die Welt. Frauenwahlrecht und Parteiorganisation 151 Die Novemberrevolution hat der deutschen Frau das Wahlrecht gegeben. 21% Millionen weiblicher Wähler dürfen durch den Stimmzettel die deutsche Voltsvertretung ihren Wünschen ent sprechend gestalten, dürfen sich eigene weibliche Abgeordnete zur Vertretung ihrer Interessen wählen. Ein jahrzehntelanger Stompf der deutschen Frau hat damit seinen Abschluß gefunden. Die Sozialdemokratie war die einzige Partei, die ihre Forderung energisch und zielbewußt vertrat und, durch die Revolution in den Besitz der politischen Wacht gekommen, verwirklichte. Die bürgerlichen Parteien, die während der Ne volution plöblich ihr Herz für die Frau entdeckten, haben vordem feinen Finger für sie gerührt. Die Fortschrittliche Volkspartei( jekt: Demokraten) schute noch auf ihrem lehten Parteitag in Mannheim im Oftober 1910 bic Parteiprogramm ab. Als Abschlagszahlung für die demokratischen Aufnahme der Forderung der politischen Gleichberechtigung in das Frauen fand fediglich eine Resolution Annahme, die die unentschiedene Haltung dieser Partei deutlich illustriert:„ Die wirt schaftliche und soziale Entwicklung hat die Zahl der berufstätigen Frauen außerordentlich vermehrt. Diese Entwicklung, die sich zweifellos fortsetzt, und die wachsende Teilnahme von Frauen aller Schichten am öffentlichen Leben sührt mit innerer Notwendigkeit zur politischen Gleichberechtigung der Frau. Der Parteitag fordert deshalb die Parteigenossen auf, die Frau im Stampf um ihre politischen Rechte bis zur vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung zu unterstüßen." Die übrigen volitischen Parteien haben rein nichts für die Frau getan. Nach ihrer Ansicht gehörte die Frau ins Haus". Die Verlogenheit dieser Beweisführung braucht nicht erst ge= brandmarkt zu werden; sie richtet sich selbst. Die wirtschaftliche Entwicklung, der unersättliche Kapitalismus enthob die Frau ihres natürlichen Berufs als Hausfrau und Mutter und zwang sie, ihre Arbeitskraft für niedrigen Lohn der Industrie, dem Waren haus usf. zu verkaufen. Als Fabritarbeiterin arbeitete die Proletarierin unter den gleichen Bedingungen wie der Mann: gleiche Arbeitszeit, gleiche hygienische oder vielmehr unhygienische Verhältnisse, gleiche Berufskrankheiten und Betriebsgefahren, nur, nicht gleiche Entlohnung und gleiche politische Rechte. Der Industriefapitalismus zerstörte in ihr ganz andere Werte als im Der Revoluzzer Von Wilhelm 2ennemann as fleine Städtchen bot in seiner bescheidenen Atjungferlich. feit feine künstlerischen oder geschichtlichen Sehenswürdig keiten, die einen Reisenden auch nur ein Stündlein zum Ver weilen und Schauen gelockt hätten. Es war ein Landstädtchen, wie es hunderte im Reiche gibt. Und doch, wäre da ein Fremdenführer gewesen, der hätte seine Leute mit Stolz in ein buntes und wirres Blumengärtlein vor ein fleines Haus geführt, sich in die Brust geworfen und etwa gesagt:„ Hier, meine Herrschaften, wohnt der alte Revoluzzer, wo schon über die 80 Jahre ist. Der hat noch gegen unser hocherhabenes Herrscherhaus gestritten und dabei hätte er in tieffter Demut und Ehrfurcht die Stappe abgerissen das war im tollen Jahr, da man Barrikaden baute; aber heute ist der alte Herr vernünftig und still geworden!" So würde er etwa gesagt haben, stolz auf den bescheidenen Besitz seiner bürgerlichen Tugenden. Aber sein Schlußsak hätte doch das Rechte getroffen. Der da wohnte, war in der Tat still geworden. Wer in das Haus getreten und den Alten in seinem Stüblein aufgesucht hätte, der würde einen gütigen Greis gefunden haben, der beschaulich in das bunte Sommergärtlein gesehen und darüber hinweg wohl auch in die Wirren und flatternde Sehnsucht der Welt, da heute eine Tat wird, was gestern noch ein weher Traum war, und heute ein ferner, lockender Traum ist, der morgen schon in den Seelen unserer Kinder zum eisernen Gesetz des Lebens aufblüht. Und in die Vergangenheit schaute der Mann auch wohl... er ließ die Tage wie Perlen einer Schnur durch die haltenden Hände seiner Erinnerung gleiten. Und je weiter er zurüdging, desto lebendiger wurde dann wohl sein Auge, und dann griff er vielleicht gar nach einer Mappe, die alte Bilder und Handschriften barg. Und die granen Tage sprachen zu ihm von ihren Träumen und Wünschen, und die Sehnsucht 152 9ie Gleich beit männlichen Arbeitskollegen. Der weibliche Organismus lilt un sagbar unter dem Affordsystem, die Mutterschaftsleistung der Frau wurde aufs schwerste beeinträchtigt und damit die Volksgemeinschaft schwer geschädigt. Zu den Pflichten der Frau als Arbeiterin in Handel und Industrie, kamen die als Gattin und Mutter. Der tapitalistische Obrigkeitsstaat nutte die Proie tarierin bis aufs letzte aus, ohne ihr entsprechende Rechte dafür zu geben. Er fannte ihre Arbeitskraft, er nahm ihre Steuern, aber er gab ihr fein Bestimmungsrecht über diese. Einige zu ihren Gunsten getroffene Schutzbestimmungen waren alles, was Regierung und Parlament ihnen gaben, Die Frage des Frauenwahlrechte wurde für sie erst aktuell in der Sitzung des Interfraktionellen Reichstagsausschusses vom 8. November 1918. An diesem Tage jezten sich die bürgerlichen Parteien mit den Forderungen auseinander, die die Sozialdems frotie zur Bedingung ihrer Teilnahme an der Regierung des Prinzen Mag von Baden gemacht hatte. Dort bekannte sich außer der Sozialdemokratie die Fortschrittliche Bolfspartei un umwunden zu dem Grundsatz der vollen Gleichberechtigung der Frau. Selbst das Zentrum fühlte sich durch die außergewöhnliche Situation zu einer von dem gewohnten Gleise seines politischen Handelns abgehenden politischen Entscheidung genötigt und erTtärte sich für das Frauenstimmrecht. Die Nationalliberalen hiellen dagegen selbst in jenem Augenblid an ihrer ablehnenden Haftung fest. Die konservative Partei war in dem Interfraktionellen Ausschuß nicht vertreten. Das war am 8. November. Wer weiß, wie lange fich diefe Verhandlungen hingezogen hätten, ehe sie sich zu einem Gesetzentwurf verdichteten, und wer weiß, wie dieser ausgesehen hätte und verschandelt worden wäre in unzähligen Kommissions. fibungen und im Pienum des Reichstages? Bei der reaktionären Bujammensetzung des Hauses wäre von der„ Gleichberechtigung der Frau" wahrscheinlich nicht viel übrig geblieben. Das deutsche Proletarial hat am 9. November das reaktionäre Gebäude gestürzt und die Bahn freigemacht für die Frau. Der ,, Rat der Volksbeauftragten" gab auf dem Verordnungswege allen arbanzig Jahre alten weiblichen Personen das altive und passive Wahlrecht. Damit ist der Frau Gelegenheit gegeben, den Kultureinfluß der Frau zu voller innerer Entfaltung und freier sozialer Wirksamkeit zu bringen", wie es im Programm des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins von 1905 heißt. In Reich und Gliedstaat, in Provinz, Kreis und Gemeinde kann die Frau stand vor ihm mit weiten, großen Augen, und Kampf und Streit, Leid und Lust redeten laut und wirr auf ihn ein.. Dann trich er wohl noch einmal zärtlich und liebevoll mit zitternden Fingern über die vergilbten Briefe und Bilder, legte die Mappe wieder an seinen Ort und stände auf und ginge in den Garten, daß die Kühle des Abends ihm den alten heißen Sinn zur Ruhe brächte. Die Städter wußten nicht viel von dem alten Manne. Vor einigen Jahren war er in das Städtchen gekommen, ein müder und zerschlagener Mann, dem alle Hoffnung tot und alle kommenden Tage voll Dunkel waren. Und in dem Häuslein meiner Mutter hatte er Wohnung genommen. Da lag nun fein Schifflein gesichert vor Anker, und teine Brandung und fein Sturm schreckten es mehr. Die Legende aber tat bald darauf ihr geschwähiges Maul auf und bald wußte jedes Weiblein: der Mann in meiner Mutter Hause sei ein alter Revoluzzer, der als brausender Burschenschafter schon in den fünfziger Jahren auf den Berliner Barri faden gestanden habe. Eine vornehme und alleinstehende Dame habe ihn nachher unter den Trümmern hervorgezogen und in ihr Haus gerettet. Für mehrere Jahre sei er dann spurlos verschinunden gewesen. Aber die Zeit scheine er mit paradisischen Heimlichkeiten gefüllt zu haben. Sicher sei jedenfalls, daß die Dame nach einigen Jahren gestorben und die Verwandten als Erbteil auch einen fleinen naben mit sich genommen hätten. Der Revoluzzer aber sei dann unstet durch alle Lande gestürmt, alle Welt sei ihm zu eng gewesen und alle Ferne zu nah. Bis nach Jahren sein Blut ausgefocht und er sich nun hier zur Ruhe gesetzt. Was daran Wahrheit und Dichtung gewesen, hat kein Mensch erfahren. Ob meine Mutter davon gewußt, ist mir auch ungewiß; er hat ihr, da er älter geworden, in stiffen, besinnlichen Stunden manches erzählt, gleichsam als solle ihr warmes Mitleid sein wundes, wehes Herz streicheln. Während der ersten Jahre waren viele Briefe und Zeitungen in dem Häuslein ein- und ausgeflattert, und auch mancher BeMr. 20 ihre persönlichkeit in der ihr gemäßen Weise in den Dienst der Gesamtheit stellen. Der Wert ihrer Leistungen liegt nicht in ihrer Gleichheit mit der des Mannes, sondern vielmehr in ihrer Verschiedenheit. Die Frau bringt fraft ihrer Sonderanlage und ihrer Sonderbeftimmung zur Mutterschaft Elemente in die Arbeit, die man bisher nicht fannte, so lange diese Arbeit ausschließlich in Männerhänden lag. Diese Elemente bedeuten eine Bereicherung des Menschendaseins, eine Bereicherung der Kultur. Die Mitarbeit der Frau auf allen Gebieten politischer und sozialer Tätigkeit schafft somit Qualitätswerte von höchster Bedeutung. Durch den allzu schnellen Sprung aus der Politischen Rechts lefigleit zur politischen Gleichberechtigung ist die Frau vor große Aufgaben gestellt, ist ihr eine politische Verantwortung auferlegt worden, der sie nur zum Teil gerecht werden kann. Die deutsche Frau ist nicht politificrt". Nur wenige deutsche Frauen stehen seit Jahren im öffentlichen Leben und haben Einblid in die soaialen Zustände und Zusammenhänge gewonnen. Die vor revolutionäre Epoche hatte ja die Frau zur politischen Teilnahm3lofigkeit verurteilt. Bis zum 15. Mai 1908, dem Tage des Intrafttretens des Reichsvereinsgesches, war in einem großen Teil der deutschen Staaten, vor allem in Preußen, die Beteiligung der Frauen an politischen Vereinen und Versammlungen verboten gewejen. So ermangelt das Gros der deutschen Frauen jeglicher politischer Schulung. Im Gegensatz zum Auslande, wo es meist den Frauen vergönnt gewesen ist, sich durch Ausübung des Wah! rechts für Kirche und Schule, dann für die Gemeinde zu schulen und vorzubereiten für die größere Aufgabe, die das unbeschränkte politische Wahlrecht stellt. Sier liegt eine große fruchtbare Aufgabe der Sozialdemokratie. Tie als die größte politische Partei muß an ihrem Teile dazu beitragen, die deutsche Frau, insbesondere die Profetarierin, zu politisieren, das heißt, ihr Kenntnis der grundlegenden Begriffe und Einrichtungen unserer Gesellschaft: Staat, Verfassung, Gesetzgebung, Verwaltung usw. zu vermitteln, ihre politische Einsicht zu weden. Das Interesse der Frau an den Dingen des öffentlichen Lebens ist wachgurufen. Das geschiebt am besten in der Parteiorganisation. Der Beitritt zur Partei und die Mitarbeit in ihr ist die beste Gelegenheit politischer Echulung. Vorträge und Diskussionen weiten den Gefichtsfreis der Frau, die mühsame Organisations- Kleinarbeit erzicht sie zur politischen Aktivität. such war heimlich gekommen und bei Nacht wieder gegangen. Da aber dann im Epiegelsaal zu Bersailles das deutsche Kaiserreich proflamiert worden war, hatte er refigniert die Feder für immer hingelegt. " Run muß ein ander Geschlecht fommen, meine Augen werden's nimmer erleben!" hatte er trauernd gesagt. Sein Herz war eisern und hart, das ließ sich nicht bestechen und verwirren von dem Glanze einer Kaiserfrone und dem hohlen Taumel eines morschen Liberalismus. Sein Herz fonnte von dem alten Traume und der alten Sehn fucht nicht lassen, und gar oft habe ich ihn im Schatten der Hauswand sitzen sehen mit einer merfürdigen, glühenden Versonnenheit in den Augen. Dann ging ich scheu an ihm vorbei. Und da ich dann älter wurde und ein eigen Denfen in mir aufstund, ist er mir ein weiser Lehrer geworden. Uno meine Mutter ließ ihn gewähren, sie wußte, da war alles wohl und gut. " Habe einen Glauben und eine Treue!" sagte er zu mir, da ich zur Hochschule ging,„ wuchere mit dem Pfunde, das dir gegeben, und bereite Herz und Hände auf den einen Tag!" Darüber gingen die Jahr hin. Meine Mutter wurde alt und auch ich stand schon in den Mannesjahren. Der Revoluzzer aber hatte schon die 80 überschritten. Da tam der Mord von Serajewo... die Reichstrompeter stießen ins Horn und der Krieg schirrte seine Roffe. Auch in mir rauschte und gärte es wie junger Wein Der Alte schüttelte mißmutig den weißen Kopf, aber er sagte fein Wort. Da aber dann die Herzen sich besonnen, der blutige Wahn fein Ende finden wollte, Deutschland hinter verschlossenen Türen saß und zu dem Mord sich der Hunger gesellte, und da Stimmen laut wurden, hie und da, verstohlen und leise, aber doch bernehmbar als Herzensschreie wahnsinnig gefolteter und ber höhnter Seelen: da horchte der Alte auf und lauschte in die Zeit und in den Tag, und seine Augen wurden wieder hell. Es lag ein Warten und ein Hoffen und ein Fragen darin, das er doch scheute auszusprechen. Nr. 20 Die Gleich.beit Der große tiefe Sinn des Boltsstaates, den wir am 9. November zu schaffen begonnen haben, liegt darin, daß er unausgeseht die tätige An teilnahme aller seiner Bürger verlangt. Ohne sie ist die Jdce des Volksstaates von vornherein zum Scheitern ver urteilt. Die Etelle, wo sie ausgeübt werden fann, ist die Barte: erganisation. Sie ist der Boden, auf dem der politische Führer fich entwideft; sie bereitet die politischen Entscheidungen vor. Die gewählten Volksvertreter find in ihrer Stellungnahme an Parteiprogramm und Parteibeschlüsse gebunden und werden von der hinter ihnen stehenden Partei geftübt. Jede wahlberechtigte Frau gehört deshalb in die Parteiorgani Jation! Die Sozialdemokratie ist bestrebt, den demokratischen Volksstaat zum sozialistischen auszugestalten. Die Sozialdemokratie Hat der Frau die politische Gieichberechtigung gegeben, damit fie an ihrem Teile mithilft, das große Biel zu erreichen. Die Partei. organisation liefert ihr die geistigen Waffen, Kenntnis und Einficht, die notwendig sind, um praktische positive Arbeit zu leisten; die notwendig sind, will die Frau ihre Staatsbürgerrechte und pflichten bewußt erfüllen, Mehr als jemais hat jetzt die Arbeiterin, die Arbeiterfrau die Pflicht, sich mit ihrem männlichen Arbeits- oder Lebensgefährten in Reih und Glied der politischen Organisation zu stellen, zum unermüdlichen Kampf für die sozialistischen Ziele. Das Frauenwahlrecht war der Auftakt- als der größere Teil der deutschen Boltsgemeinschaft bestimmt jekt die Frau das Tempo der Ent wicklung zum Sozialismus. Wilhelm Soldes Republik oder Monarchie? Von Margret Arnold- Heilemann. Die Behandlung dieser Frage ist für die kommenden Wahlen von außerordentlicher Wichtigkeit; denn der großen Menge soll fargelegt werden, welche Vorteile und Nachteile diese Regierungsformen bieten. Republik bedeutet Herrschaft des Volkes, also der vom Volle Beauftragten; und Monarchie ist Alleinherrschaft der Fürsten, worauf alle Sonderrechte einzelner begründet find. Gerade diese Bevorzugung einer Minderheit, die vermöge Und dann kam der Zusammenbruch und die Revolution. Da hat der Greis stundenlang gesessen, und jedes Telegramm, das anfam, und jede Nemigkeit, die durch das Dorf flog, mußte meine Mutter ihm zutragen. Dann fluteten die Heere zurüd. Auch ich wurde entlassen, mein erster Gang war in die Heimat. Der Alte reichte mir beide Hände entgegen. Glanz und Freude blühten in feinen Augen. Er schien noch einmal jung werden zu wollen. Mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgte er die Ereignisse, die sich zu überſtürzen schienen. da Nach einigen Tagen wir saßen zu Dritt im Gärtchen flinkte ein junger, hoher Fremder das Gartentor auf und schritt auf uns zu. " Der Zufall führt mich in Ihr Dorf, da wollte ich nicht berfäumen. Dann schritt er an mir vorbei auf den alten Reboluzzer zu: Wen ich suchte, glaube ich gefunden zu haben-" und er murmelte, sich verbeugend, leise einen Namen Der Alte stand auf, groß und hoch, und sah auf den jungen Mann. Seine Augen sentten fich forschend in die seinen. 11d auch ich sah und erschrat über eine Aehnlichkeit in den Gesichtszügen der beiden, die auch der große Altersunterschied nicht hatte verwischen können. " Folgen Sie mir in mein Zimmer!" forderte der Greis den Fremden auf. Und seine dunkle Stimme schwankte wie bewegtes Waffer. Meine Mutter und ich hingen eigenen Gedanken nach und brachten sie wohl in Verbindung mit der romantischen Vergangenheit unseres Hausgenossen. Dann traten auch wir ins Haus. Im selben Augenblick öffnete sich die Zimmertür des Alten, und. der Fremde trat mit gesenktem Haupte heraus. Und wir hörten eine harte Stimme aus dem Gemas: Die Burschenschaft ist den hohen Bielen untreu geworden, die sie sich gestedt hatte. Auch Sie sind diese bequemen Pfade gegangen, obgleich Ihr Blut Sie andere Wege hätte weisen müssen. Ich habe mich nicht so weich gebettet, aber ich gehe auch mit einem unbefledten Gewissen und 153 einer Gewaltpolitif egiftiert, geftüßt auf die allgemeine Unwissen. heit weiter Bolfsschichten, rst schuld daran, daß wir nicht in einer Welt wertbewußter, denkender, vollendeter Menschen leben. Das nennen die Monarchisten die göttliche Ordnung!" Im Religionswesen hat das Königtum immer die Religionsbe dürftigkeit für ihre Swede ausnügend seine befte und fräftigte Stüße gefunden. Sind auch durch die Ausrichtung der Republik Maifer und Könige gestürzt, so ist damit noch feineswegs das Königtum vernichtet! Briefter und die Herren und Damen der Gesellschaft, der Diplomatie, der Kanzleien, alle die Würden träger, Generale usw. sind untereinander eng verbündet. Wie das Räderwert einer Uhr, so arbeiten sie unabläffig gemeinsam, um die Sonderrechte ihrer Klaffe zu stützen; denn sie find die Diener des Königtums. Das bedeutet Feinde der Menschheit. entwidlung. Nur durch die systematisch genährte Dummheit der Völker ist die Herrschaft der Despoten möglich. Daher ist es Staatsbürgerpflicht, Unwissende wiffend, Zaghafte- fühn zu machen. -Nur die republikanische Staatsverfassung ist geeignet, unser heimgesuchtes Volf aus dem Chaos zu retten. Der wertvollste Teil des Wesens der Republik ist das Selbstbestimmungsrecht des ganzen Volkes. Das Volf will nicht bloß duldende Arbeitskraft sein, will selbst mitgestalten am Etaate, an seinem eigenen Echicjal. In der Monarchie werden die Geschide der Völker durch die Eroberungspolitik geleitet und damit der Militarismus gefördert. Militarismus aber bedeutet Gewalt und Krieg, also neues Elend, neue Leiden. Gerade die Frauen, deren zahlenmäßige Stimmen mehrheit entscheidet, sollten daher bestrebt sein, Silterin des Friedens durch Pflege internationaler Beziehungen in der Politik zu werden. Mehr Menschlichkeit muß durch die Frau in die Politik kommen! Solange man in der Erfindung raffinierter Bernichtungsmittel den Höhepunkt der Wissenschaft erblickt,[ lange find wir leider von dieser Menschlichkeit noch sehr weit entfernt. Solange die Alexanders, Gustav Adolfs, Napoleone, Fochs und Hindenburgs als einzige Helden und Große gefeiert solange ist der Völkerfrieden und Völkerbund noch werden, lange nur ein schöner Zukunftstraum! Solcher Mangel an Verständnis für die Notwendigkeit der Völkerversöhnung findet sich vorwiegend in monarchischen Kreisen, wo man voll Rüdständigkeit zähe an der Tradition festhält: E3 reiner Treue ins Grab. Unsere Wege sind auseinander gegangen und ich wüßte nicht, was uns vereinen könnte!" Mit einem stummen Gruß schritt der Besucher an uns vorbei ins Freie. Der Alte hat sich den Tag über nicht mehr sehen laffen.. „ Sein Neffe!" mutmaßte die Mutter des Abends, da wir noch einmal das seltsame Ereignis besprachen. Der Greis hat in den folgenden Tagen den Fremden mit teiner Silbe erwähnt; doch war er zuweilen wortfarg und wie verfunken in alten Erinnerungen.... Und dann wurde der Greis mit einem Male fiech und bettlägerig. Das Leben hat seine schönsten und geheimsten Träume gereift, nun forderte es ihn selbst als Eaat. Und er weigerte sich nicht, er wußte, daß der Tod an seinem Bette stand. An seinem letzten Tage brachte ich ihm die Nachricht, daß die Nationalversammlung die alten Farben von 1848 für das Reichsbanner gewählt habe. Da richtete sich der Greis mit aller Anftrengung auf, knöpfte an seinem Hemde und zog hervor ein altes zerschliffenes Band, das die Farben Schwarz- Rot- Gold zeigte, zog es an seine Lippen und küßte es inbrünstig. Und fiel dann zurück und lag wie tot. Meine Mutter und ich waren erschüttert; Jahrzehnte hatte der Revoluzzer durch seine Jünglings-, Mannes- und Greisenjahre das heilige Band auf seiner Brust getragen wie einen Talisman, deffen Farbe einst gleich dem Phönig aus dem Schutte der Treulosigkeit und Vergessenheit auferstehen sollte. Und nun wies ihn der Tod in letzter Stunde dies leuchtende Bild. Und im trunkenen Glüde dieses Augenblicks ist er hinübergegangen, schmerzlos und ohne Klage; nur ein leises Lächeln lag wie ein Frührotschein auf seinen schmalen Lippen. Mit dem Bande um die Brust haben wir den lieben Toten ins Grab gesenkt. Er hatte es in Leid und Not nicht von sich ge= laffen, nun follte es ein Weiser auf den dunklen Pfaden des Todes sein! 154 Die Gleich beit soll alles beim alten bleiben! Fort mit den Verkündern der Wahrheit! Was braucht das Volt alles zu wissen! Monarchisch heißt absolutistisch, despotisch; d. h der Wille eines Herrschers bestimmt das Schicksal eines ganzen Bolles. Wären die Mensahen nicht mit Blindheit geschlagen, so müßten fie längst begreifen, daß die Zeiten des Absolutismus vorüber sind, und daß die neue Zeit nicht durch Anwendung von Gewalt zu überwinden ist. Die nicht mehr aufzuhaltende Entwicklung der Bildung aller Voltsschichten wird allmählich Einsicht und Erleuchtung bringen. Diese fortschreitende Entwicklung vermag heut niemand mehr zu unterdrücken oder gar dauernd zu vernichten. Darauf bauen wir unsere Hoffnung, das ist die sicherste Gewähr für bessere Zeiten, für das Verschwinden des Königtums". Nr. 20 Der Nepublif geht es aber entschieden entgegen: Jebes zibili fierte Bolt kommt daran, bei der ersten, zweiten, auch dritten Frist." Und der Lord- Dichter Byron hat in die Grabestille der„ Heis ligen Alliance"-Jahre hinein den gekrönten Staatsoberhäupterit prophezeit: ,, Stürzen werden die Throne, und die Zukunft gehört der Demokratie!" Voll Zuversicht fei hinzugefügt: ,, Und dem Sozialismust" Die Verfasserin des Artikels: Fürsorge für Striegeopfer und Soldaten", in Nr. 19 der Gleichheit", ist Genoffin Minna Bereits 1875 hat der nordische Dichter Björnstjerne Björnsen Schilling, M. d. N. borausschauend gesagt: ,, Raiser- und Königtum ist seit der französischen Revolution gefündigt. Es gibt Fristen, verschieden für verschiedene Länder. Kaffee Täglich frisch. Aus eigenen elektr. Röstereien! 4 Pfd. 7,- Mk. 143 Filialen in Groß- Berlin Butterh. Loreley Berantwortlich für die Redaktion: Frau Kiara Bohm- Schuch. Druck: Borwarts Buchdruckerei. 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Rites 15 jähriges Herzleiden geheilt. 13. Herr M. Außner, Reinickendorf- West, Antonienftr. 3. Kiefervereiferung geheilf.- 14 Frau H. Hagel, Sachsenhausen bei Oranienburg i Mart. UnterlBlutungen u. Nervenleiden geheilt. 15. Fran Ww. Fritschler, Berlin, Marienburger Straße 48. Darmgeschwulst geteilt. 16. Frau des Herrn Inspektors D. Heinrich, Berlin- Friedrichsfelbe, Magerviehhai. Bon Geb.- Knidung geheilt. 17. Herr Erich Bod, Berlin, Havelberger Str. 15. Bon Nieren- und Blafenleiden, Wassersucht, allgem. großer Schwäche geheilt. 18 Frau Restaur. Hering, Berlin, Schönhaufer Allee 87, Bon Basedowscher Kranfheit geheilt. 19. Herr 2. Broje, Bin. Tempelhof, Friedrich- Wilhelm- Str. 14. Schweres Rüdenmartleiden mit Lähmung der Beine vollständig geteilt. 20. Frau Eiferude E. Bopp, Berlin- Lichtenberg, Gärtnerftr. 10. Bon chron. Leiden, Herzschwäche und Bertopfung geheilt. 21. Herr 2. Schlabig, Berlin, Caprivi straße 24. Bon Gesichtslupus geheilt; vorher mit Radium erfolglos behandelt.- 22. 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Beilage zu ,, Die Gleichheit" Nummer 20 Kant und der Völkerbund Berlin, 15. Mai 1920 Von Dr. Berta ipfmüller- Nürnberg Nur machen wir so wenig Gebrauch davon," lautete der Schlußsai meiner lehten Ausführung über Sants Lehre, und gemeint war damit der Hausrat des gesunden Menschenverstandes, welche Gabe der Philosoph höher als alle erspeicherten Wissensstoffe einschäßt. Wäre jene Naturgabe nur ein bißchen mehr vorhanden gewesen in der Heimat und in der Fremde, Europa fäße heute nicht auf Scherben und Trümmern. Wäre der gesunde Menschenverstand der Leiter der Völfergeschide geblieben, wir hätten den Weltfrieden, von dem Kant den schönen Traum niedergelegt in seinem fleinen Werkchen 8um ewigen Frieden", das ich den Grund- und Eckpfeiler feiner ganzen Philosophie nennen möchte, ja ihre Erfüllung selbst. Es ist ein kleines Büchlein nur, ein philosophischer Entwurf", im Jahre 1795 bei Nicolovius in Königsberg erschienen, und es ist so geschrieben, daß es auch der Ungeschulte verstehen kann. Ver anlassung zu seiner Entstehung gab der Baseler Friede, jenes für Preußen so unrühmliche Friedensinstrumentum", in dem es in einem Geheimarlifel" sogar die endgiftige Abtretung bes linken Rheinufers beschloß wenn es nur andere deutsche Länder dafür erhalte! Vaterlandsliebe der Fürsten, Batertreue gegen die Untertanen. Rapitalismus auf dem Throne. 27 An diesen Baseler Geheimartikel schließt sich der kantische Ideen gang, als der erste Punkt, welcher die Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten enthält," mit der Warnung vor geheimen Abmachungen, die das Unglück der Menschheit bedeuten. Er lautet wörtlich:„ Es soll fein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffes zu einem fünftigen Kriege gemacht worden." Der Vorbehalt ist die Ursache zu einem neuen Kriege. Er ist dessen nächstes Ziel, von dessen Erreichung beide Teile heute nur Abstand nehmen, weil sie zu sehr erschöpft sind. Der zweite Präliminarartikel lautet:„ Es foll fein für sich bestehender Staat( klein oder groß, das gilt hier gleichviel von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung er worben werden können." Es ist ein Sas, bei dessen Betrachtung uns der Menschheit ganzer Jammer erfaßt und die Tragödie der Menschheit, wie sie uns aus den Erbfolgeschleichkriegen bekannt ist, bor unserem Auge steht. Mit feiner und zugleich beißender Jronie übergießt Rant in den weiteren Ausführungen die Tatsache, daß auch Staaten einander Heiraten können", was sattsam bekannt sei, und daß damit eine neue Industrie geschaffen werde, die den Zweck habe, sich auch ohne Aufwand von Kräften, durch Familienbündnisse übermächtig zu machen, daß aber dabei eines außer acht gelassen werde, den Staat als eine Summe moralischer Bersönlichkeiten zu betrachten und aus ihm eine Sache zu machen. Diese Säße erinnern uns an den leider zum Hohn gewordenen Wilsonschen Satz von dem Selbstbestimmungsrecht der Bölfer. Sie erinnern uns an Stants Lehre von der Freiheit ber Bersönlichkeit, als eines unumstößlichen Menschenrechtes. Sie erinnern an unsere Menschenwürde, die für die Gewaltherren niemals existierte. Sie weisen uns hier auf das Recht der freien Selbstverfügung, wie sie der Philofoph in seiner Kritik der prak tischen Vernunft" als letzten Ausfluß eines erhabenen Sittengebotes darstellt. Der dritte Banki gebietet:„ Stehende Heeresolfen mit ber Beit ganz aufhören." Durch sie werde der Friede noch drückender wie der Krieg und für die Menge der Gerüsteten gebe es schließlich keine Grenzen mehr. Unwürdig sei es vor allem, die Menschen als Maschinen zu gebrauchen. Hierin ist die schärffte Absage an den Militarismus entHalten. Die furchtbarste Anflage an die Bernarrtheit der Menschen, deren höchftes Glück der Anblick von Sanonen, Gewehren, Kriegsluftfahrzeugen ist! Der Menschen, die in Milliardenfreude unt den Kriegshaushalt taumelten. In dem Eaße:„ Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufHören," ist Stant der Schöpfer einer neuen Kultur geworden, der Erfüller eines neuen Gebotes:„ daß ihr euch untereinander liebet". Nur schade um die völlige Verstänonislosigkeit dieses Gebotes bei Junfern und Pfaffen, die das Volk in unaufgeklärtgeit und absoluter geiftiger unachtung erhieltent 30. Jahrgang Nur schade um die Schule, die ganz im Dienste des Dreinhaugedankens stand, die Hand in Hand mit der Kirche- ach, mit so wenigen, wenigen Ausnahmen nichts tat zur Erziehung eines neuen Geistes und einer neuen Gewissenspflege! In Nacht und Finsternis ist die Menschheit erhalten worden. Ja, das wollten siel Dem Volfe mußte die Religion erhalten werden, dessen Stifter gelehrt hatte, daß sein Reich nicht von dieser Weit war- ja dem Volke mußte die Religion der geistigen Abstinenz erhalten bleiben, damit ihr Reich immer mehr von dieser oder auf dieser Welt werde! Daß Kant diesen Weltkrieg erlebt hätte! Was für eine Flame menschrift würde er jetzt schreiben! Wird kein Philosoph sein Erbvollstreder? Ach, haben wir denn Philosophen? Im dritten Punkte von den stehenden Heeren ist bereits der vierte Punkt enthalten mit den unendlichen Kosten der Kriegsvorbereitung und des Krieges felbst. Stant faßt ihn also:„ Es sollen feine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staats händel gemacht werden." Dies bedeute das Unglück der Völker, weil es die Machthaber in ihrer Kriegslust stärke und weil der Staatsban ferott unausbleiblich kommen müsse. Wenn man Gelb anhäufen wolle, so sammele man es für Friedenszwede " zum Behufe der Landesökonomie, der Wegebefferung, neuer Ansiedelungen, Anschaffung der Magazine für besorgliche Mißwachsjahre usw." Ein Kulturprogramm liegt in diesen Worten. Schade, daß der Philosoph nicht an Stelle der drei Buchstaben weitere Ausführung gibt. Ich füge selbst hinzu: Sammelt Geld und baut große und weite und luftige Boltshallen zur Aufklärung! Wandelt unsere Kirchen um in Häuser des Lichtes und der Liebe für die ganze Menschheit! Zieht das Volk herein in diese heiligen Hallen", gebt ihm Anreger und Förderer, nicht Menschen im schwarzen Rock, denen sie widerspruchslos zuhören müssen! Bildet nicht' Anbeter, sondern Denker! Lehrt ihnen die großen Gesetze der Natur und des Weltalls! Baut Wolfstempel zur Pflege der Geisteskultur für alle, alle! Für die Reichen und für die Armen! Allen, allen fehlt sie, und erst, wenn sie alle haben, wird Brüderlichkeit sein! Werden die Waffen ruhn und des Krieges Stimme schweigen für immer! Gebt Geld, Geld und wieder Geld für Kulturstiftungen! Wir haben ja feine Kultur, wir haben Barbarei! Unwahrheit, verdammte Lüge! Im fünften Punkte äußert Stant: Stein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderu Staates gewalttätig einmischen." Wenn ich diesen Gaß lese, erstehen sie vor mir die schtvülen Das Hangen und Bangen und das furchtbare Julitage 1914. Würfelfallen! Ich ringe die Hände und presse sie: Muß es sein? Muß es sein??- Der Mord von Gerajewo! Zwei Menschen werden zum Ausgangspunkt eines Weltbrandes gemacht! Desterreich. Serbien!„ Die Ehre ist eben die Ehre," sagt Lessing in seinem Soldatenstück. Zum Teufel! Was ging denn die Millionen arbeitsfreudiger, lebensgefunder Menschen die österreichischserbische Ehre an? Fluch über die Lüge und die scheinheiligeMaterialistische Triebfedern beologengeschichtsschreibung! taren es! Wird den Wahnsinn unserer Zeit die neue, fünftige materialistische Geschichtsauffassung begreifen fönnen und wird sie a: 8 ihrer nüchternen und flaren Erfassung der Dinge, aus der Materie den Geist des ewigen Friedens erstehen lassen? Nicht mit einem: Lasciate ogni speranza des göttlichen Dante wollen wir Herantreten an die Beantwortung dieser Frage, sondern mit einem glaubensfrohen: Sperianco: Laßt uns hoffen! Zum sechsten und letzten der Präliminarartikel:„ Es soll sich fein Staat im Kriege mit einem anderen solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im fünftigen Frieden unmöglich machen müffen: als da find Anstellung von Meuchel mördern, Giftmischern, Brechung der Kapitulation, Anstiftung des Berrats in dem befriegten Staat." Das seien Stratagemena, die schließlich zum Vernichungs- und Ausrottungstriege führen würden. Auch die Verwendung von Spionen sei verwerflich. Diese sechs Bunfte nennt Sant Verbotsgesete. Sie bilben das Negativ seiner Striegsgesetzgebung, von denen cr auch erwartet, daß sie nicht auf den„ Nimmertag" verschoben werden. Hieran schließen sich drei Definitivartifel mit zwei Busäben, Sie enthalten bas Pofitio gum ewigen Frieben. 158 Die Gleichheit Erster Satz aus dem Herzen gesprochen:„ Die bürgerliche Verfassung muß republikanisch sein." Sie gründe sich auf das Prinzip der Freiheit und Gleichheit aller Staatsbürger. Die republikanische Verfassung ist dem reinen Quell des Rechts begriffes entsprungen und die einzige, welche die Aussicht hat den ewigen Frieden herbeizuführen. Jm republikanischen Staat ist der Untertan Staats genosse und hat bei der Entscheidung ,, ob Krieg sein soll oder nicht", das größte Interesse daran, das Unglück zu verhüten. Schon deshalb, weil er verpflichtet werden müßte, die Kosten des Krieges selbst zu tragen, die Verwüstungen zu verbessern, eine ungeheure Schuldenlast zu übernehmen, Dinge, die so schwer seien, daß er gern die Finger vom Kriege ließe. Anders bei den Fürsten, die Nr. 20 dokument des vereinigten Militarismus und Rapitalismus unters zeichnet, diese Satire auf seine eigene Lehre; ein Beweis vici leicht seiner Schwäche. Wir trauern. Aber: Die Sonne Homers, fiehe, fie lächelt auch uns. Sie wird die Blütenträume dennoch einige Früchte werden lassen. Freilich erst dann, wenn wir eins sind in der Anschauung: Fluch allen Kriegen! Segen und Ehre der Weltvernunft! Rückblick auf die Wahlbeteiligung der nicht Staatsgenossen, sondern Staats eigentümer find, durch Frau zur verfassunggebenden Nationalden Krieg nichts einbüßen, an ihren Tafeln, Jaaden, Hoffesten in Ewigkeit schwelgen und dem diplomatischen Korps die Rechtfertigung gleichgültig überlassen können. Es ist ein beißendes Urteil, das hier ausgesprochen wird, und es wäre zu wünschen, daß die monarchischen Brüder, die die alten Bustände herbeiwünschen, sich diese Stelle recht genau ansehen und im Original ganz lejen möchten! Der zweite Definitivartikel enthält die große Sehnsucht vom Wölferbund. Was hat man über dieses inhaltsschwere Wort gespottet, so lange der Sieges- und Eroberungstaumel das deutsche Volk beherrschte! Wie einen Fastnachtsscherz hat man den hohen Gedanken behandelt, wie eine Narretei wurden die Prediger der neuen doch so alten Bibellehre von der Verbrüderung der Menschheit überschüttet. Wie betrunken waren die Menschen. Sie lachten, lachten, wenn man ihnen sagte, daß der alte Mose schon verlangt: Du sollt nicht stehlen! Und daß„ Annegion" Diebstahl sei an Leib und Seele eines Volfes. Nichts wollten sie davon wissen. Sant gründet seine Volterbundsidee auf das, was der Menschheit fast zu allen Zeiten mangelte: Auf die Vernunft. Das Völkerrecht, das eigentlich ein Wölferunrecht wäre, fei abzuschaffen und ein neues Recht für die menschliche Gesellschaft zu gründen. Dem Kriegsrecht soll der Garaus gemacht werden. Die Völfer müssen den Krieg als Rechtsweg schlechterdings verdammen lernen. Der Friedenszustand muß durch Ver= trag der Völker untereinander zur unmittelbaren Pflicht gemacht, der Vertrag zum Friedensbund er= hoben werden, der alle Kriege ein für allemal ab= jchafft. Ehe dieses neue Völferrecht nicht geschaffen ist, werde es nic mals Friede geben; die Völfer werden den ewigen Frieden in dem weiten Grabe finden, das alle Greuel der Gewalttätigkeiten jamt ihren Urhebern deckt." Die Krönung des Völkerbundes wäre der Völlerstaat, die Welt republik, die alle Wölfer der Erde umfassen müßte. Dann wäre der ewige Friede auf Erden eingetreten. Mit diesem Völkerstaat, der den ganzen Weltkreis umschließt, wäre auch der Welt= bürger geschaffen, dem alle Länder der Erde offen stehen und wonach jedem Menschen das gleiche Recht auf den Besitz der Erde zustände, ein wahres Völkerfriedensrecht. Kant, der Meister der Vernunft, will das ganze Leben der Menschheit unter die Gesetze der Philosophie stellen und eine Berflärung schaffen durch die Idee der Güte und des Nechte s. Jedes Ma cht gefüjte jei ausgeschaltet. Darum fordert er in einem ,, Geheimartikel", den er aber mit lauter Stimme verkünden will, daß die Magimen der Philosophie über die Be dingungen der Möglichkeit des öffentlichen Friedens von den zum Kriege gerüsteten Staaten zu Rate gezogen werden." Mit der Politif, die den Satz liebt: Seid flug wie die Schlangen", wünscht er die Moral verkündet und als einschränkende Pedingung: ohne Falsch wie die Tauben". Der Staatsfunst gibt er die zwei furzen Sätze zu bedenken:„ EhrlichTeit ist die beste Politik und Ehrlichkeit ist besser als alle Politik." Wenn die Staatskunst nach diesen Grundsäken verfährt, wenn sie das als Pflicht erfüllt, was ihr die Vernunft vorschreibt, tönne der Völkerfriede, der lehte Schlußstein aller Religionen der Erde, Einzug halten unter den schwerbedrängten Menschenkindern. So schließt der Weise mit dem Ausblick, daß die Idee des elvigen Friedens feine leere Jdee sei, sondern eine Aufgabe, die nach und nach aufgelöst ihrem Ziele beständig näher fommt." Soffen wir mit Kant, daß die Menschheit ihrem Ziel enigegen reise. Der Friede zum Weltkrieg ist geschlossen. Wilson, der Philosoph und Schüler( nicht Jünger!) Kants, hat das Blutversammlung Von M. Friedel Schneider. " 1 Nur wenige Wochen trennen uns von der neuen Wahlperiode und wir Frauen sind mit dafür verantwortlich wie unsen, von schweren Lasten und Sorgen beladenes Etaatsschiff gesteuert wird. Clara Bohm- Schuch schreibt in Nr. 15 der Gleichheit" sehe treffend: Putsch oder Demokratie, Republik oder Monarchie, Völferhaß mit neuem Krieg oder endliche Völkerversöhnung und Friede werden die Losung im tommenden Wahlkampf fein. Wir Frauen werden mitentscheiden, wohin der Weg gehen soll; wir werden also von neuem mit an der Verantwortung für das Geschid unseres Volfes tragen müssen." Da ist es denn zived mäßig, Rückschau zu halten, um zahlenmäßig zu erkennen, wie die Frau sich an den ersten Wahlen, die im Frühjahr 1919 ftattfanden, beteiligt hat. Nach den Ermittlungen des Statistischen Reichsamts waren 46 Proz. Männer und 54 Proz. Frauen wah! berechtigt. Da die Demobilmachung noch nicht ganz durchgeführt war und die in Feindesland befindlichen- Kriegsgefangenen auch noch nicht in die Wählerlisten aufgenommen waren, war der Frauenüberschuß etwas größer als er in Wirklichkeit ift. -Insgesamt waren 15 061 114 Männer und 17 710 872 Frauen wahlberechtigt. In der Altersgliederung zeigen sich bei der Wahlbeteiligung bemerkenswerte Unterschiede zwischen Mann und Frau, obwohl die Wahlbeteiligung bei beiden fast die gleiche war, bei dere Männern 82,4 Proz. und bei den Frauen 82,3 Proz. Die Wahlbeteiligung der Männer im Alter von 20 Jahren betrug 249 775 Personen, wahlberechtigt waren 418 933. Von den 1717 619 Wahlberechtigten im Alter von 21 bis 25 Jahren wählten 1211 715, und von den 12 924 562 Männern, die über 25 Jahre alt waren, wählten 10 959 677. Bei den wahlberechtigten Frauen war die Wahlbeteiligung in den beiden jüngeren Altersklassen erheblich stärker als bei den Männern. Dagegen beteiligten sich die Männer über 25 Jahre viel stärker an der Wahl als die Frauen über 20 Jahre. Von 531 070 wahlberechtigten Frauen im 21. Lebensjahr wähl ten 427 448. Im Alter von 21 bis 25 Jahren wählten von 2413 027 Wah! berechtigten, 1953 271, und von den über 25 Jahre alten Frauen machten von 14 766 775 Wahlberechtigten nur 12 191 626 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Der Grund, warum die ältere Frau weniger start ihrer Staatsbürgerpflicht nachgekommen ist als der gleichaltrige Mann, liegt zum Teil in der häuslichen Gebundenheit, zum Teil aber auch in ihrer Gleichgültigkeit politischen Dingen gegenüber. Gar viele ältere Frauen haben unsere politijche Gleichberechti gung mit dem Mann als ein lästiges Geschenk hingenommen, daß man eben einfach beiseite stellte. Aber das Murren und Schelten über die Geseze und ihre Wirkungen ist geblieben. Diese Frauen bedachten nicht, daß das neue Recht, auch die Pflicht einschließt, nach bester Ueberzeugung an der Wahl der Volksvertretung teilzunehmen. Das Wahlergebnis in bezug auf die gewählten Frauen ist zur verfassunggebenden Nationalversammlung für die Frauen noch sehr bescheiden. Von insgesamt 421 Abgeordneten sind nur 39 Frauen in die Nationalversamm Tung eingezogen. Die Wahlbeteiligung zu den einzelnen verfassunggebenden Landesversammlungen und für die Gemeindepertretungen war noch geringer, weil die Bedeutung der Wichtigkeit auch dieser Wahlen noch lange nicht allen Menschen, und namentlich nicht allen wahlberechtigten Frauen, flar ist. Nr. 20 Die Gleich heit Ein Jahr ist seitdem vergangen und wir haben während dieser Zeit genug erlebt, um nun endlich flar zu erkennen, wo unsere Pflicht liegt. Jede einzelne von uns muß des Volkes Wohlfahrt als das oberste Gesez achten. Und wir Frauen müssen mithelfen und mitschaffen, daß Gerechtigkeit und Friede in unserem Vaterland herrschen. Auch wir sollen zuerst anstatt unsere Forderungen, unsere Fähigkeiten steigern. Daß wir erkannt haben, um was es geht, sollen die Wahlen beweisen, Der gute Geist im Hause Von Wilma Steintamp= Bochum. Man spricht von guten und bösen Hausgeistern, die dem Hause entweder einen anheimelnden, friedlichen Charakter. oder jenes unbehagliche fühle Aussehen geben, das trot feinster Einrichtung den Besucher nicht warm werden läßt. Die Frau ist es, die diesen Eindrud im Hause schafft. Sie soll es sein, die, wenn sie ihre Pflichten recht erfüllt, mit feinem Herzenstatt die Sitten im Hause hoch hält und durch ihr Wesen dem Hause den Charakter gibt. Der Mann vertritt das Haus nach außen und schafft das ein, womit die Frau haushält. Er formt die Faffade des Hauses und ist der Wächter unter dessen Schuß die Frau die Innenräume ausschmüdt und behaglich macht. Sie sorgt dafür, daß der Geist der gegenseitigen Achtung, der Liebe und das allerschwerste und wichtigste, der Geist der gegenseitigen Duldung, im Hause herrscht. In einem solchen Heim wird die Frau nicht in dem Manne denjenigen sehen, der nur das Geld für die Wirtschaft und Kleidung gibt und dessen Wesen und Fühlen sie oft nur in der ersten Zeit der Ehe Rechnung trägt. Eine gute Ehegefährtin wird es beachten, wenn der Mann müde und abgespannt nach Hause kommt und ihr nervös und zerstreut gegenüber sigt. Eine vernünftige Frau wird ihn dann nicht mit ihren Sorgen und oft fleinlichen Sümmernissen behelligen. In wärmender, wohltuender, beruhigender Art wird sie ihn umsorgen. So nach und nach wird dann der Mann auch fühlen, daß seine Frau nicht nur seine Haushälterin sei, die ihm das Essen tocht, Echuhe puzt und Strümpfe stopft, sondern auch die Gefährtin, der verstehende Kamerad. Er wird dann ihre Kümmernisse auch werten, er wird begreifen, daß diejenige, die vor allen anderen in Not, Krankheit und Entbehrung zu ihm steht und mitträgt, auch vor allen anderen die meiste Achtung, Liebe und Duldsamkeit erwarten fann. Und nun die Kinder, die in solch einem Heim aufwachsen! Sie haben Sonne im Herzen und Sonne in den Augen und die Welt lacht sie wieder an. Ein russisches Sprichwort sagt, daß Ein russisches Sprichwort sagt, daß der Mensch fast sein Leben lang sein Elternhaus mit sich trägt. Sein Elternhaus, nämlich die Kinderstube, die ihm dieses Elternhaus prägt. Nicht äußere Formen sind jetzt damit gemeint, die man, je nachdem die Lebenswelle einen trägt, im späteren Leben aneignen oder abtun kann, sondern die inneren Vorzüge. Diese festen inneren Grundmanern, die ein friedliches, glückliches Zuhause, auch wenn es das ärmste und fleinste ist, dem jungen Menschentinde mit auf den Weg gibt: Lebensfreude, Zielbewußtsein, Herzenstalt, Mitleid und Mitfühlen mit den schwächeren Weggenossen werden Eltern, die im innigen Verstehen aneinander gereist sind, in ihren Kindern groß ziehen fönnen. Frohsinn im Herzen und Reinheit der Seele als festes Bollwert gegen die Lebensstürme und Versuchungen sind die Güler, die ein Menschenfind aus solch wohlbehütetem Nestlein in die Welt mit hinaus nimmt. 159 den zu lassen. Nur Sonntags konnten sie die Kinderschuhe anziehen. Aber, wenn der Feierabend da war, wenn jeder nach des Tages Arbeit sein Verstehen beim andern suchte und fand, wurde es warm und friedlich um den Tisch, dann fühlte jeder, daß er in seinem Zuhause auch zu Hause war. Der Arbeiterstand muß zwar jcht emfiger und stetiger seine Kräfte anspannen als früher, um die drückende gemeinsame Not vermindern zu helfen. Doch dafür bringt die Gegenwart wieder andere Möglichkeiten den schaffenden Familienangehörigen das Ausspannen zu erleichtern. Unsere Regierung ist am Wege, der Arbeiterschaft, die mit immer größerer Einsicht sich bemüht, alle Kräfte zur Arbeit, zur Einigkeit und einsichtsvoller Politik anzuspannen, ihre Lage zu verbessern. Sei cs z. B. der Achtstundentag, der es dem Familienvater ermöglicht, sich in den freien Stunden etwas mehr der Erziehung und Beobachtung seiner Kinder zu widmen. Die im Haus und Hof schaffende Frau wird dadurch etwas entlastet, sie hat Muße und Ruhe, vor dem Schlafengehen bei einer Flickerei noch nachdenkliche Morte über ihre Lieblinge mit ihrem Manne zu reden. Die vielen Kinderhorte und heime werden immer mehr ausgebaut, unfere Vertreterinnen im Reichstag und in den Kommunen fämpfen für bessere Lebensbedingungen. Sie haben ErTeichterungen für Wöchnerinnen, für Witwen usw. erschaffen, und sie werden helfen, daß es besser wird. Unjere heranwachsende weibliche Jugend soll in Frauenschulen im Braktischen besser ausgebildet werden. Sie soll lernen das Leben flug und leicht anzufassen und auszubauen, damit sie die Aufgaben, die ihr späterhin ein Familien- oder Berufsleben stellt, glücklich lösen fann. Unsere Arbeiterfrauen bemühen sich immer mehr, politisch einig und fraftvoll die Forderungen ihrer Parteivertreterinnen zu unterstüben. Sie lernen immer mehr, an den Aufgaben, die ihnen die neue Zeit stellt, teilzunchmen, um einen Gewinn daraus für sich zu erzielen. Benn erst in dieser Hinsicht ein vollkommen geschlossenes, gemeinschaftliches Handeln geschaffen ift, dann fann es jeder Frau ermöglicht werden, troß aller Arbeit, je nach ihrer Veranlagung mehr oder weniger den sonnigen Mittelpunkt ihres Hauses zu bilden. Genossenschaftliche Rundschau mer Die wirtschaftlich bewegte Zeit bringt den Hausfrauen Schwierigkeiten über Schwierigfeiten. Eine Preissteigerung folgt der anderen und Lebensmittelpreise in ungeahnter Höhe belasten den Haushalt. Es wird der Proletarierin von Woche zu Woche schwerer, sich einen Etat aufzustellen. Und erscheint es schon unmöglich, die Ausgaben für die Küche auch nur auf wenige Zage hinaus zu übersehen, so ist es ganz und gar undenkbar, mit den Arbeitseinnahmen den Preisen für Hausstandsartikel, Kleidungs- und anderer Bedarfsgegenstände zu folgen, geschweige in eine Nachprüfung der Preise auf ihre Berechtigung einzu= treien. Ob der Kleinhandel in seiner Preisbildung den tatsächlichen Verhältnissen entspricht, oder ob er dabei mehr oder weniger sich an der Auswucherung des Volkes mitbeteiligt will das als Laie noch feststellen? Mehr als je müssen sich die Frauen in dieser wildbewegten Wirtschaftsperiode bewußt sein, daß allein die Konsumgenossenschaft als gemeinwirtschaftliches Unternehmen die Käufer vor der Ausbeutung durch wucherische Preisbildung schützt. Und mehr denn je sollten auch die Genoffinnen sich bewußt sein, daß fie praktisch und tatkräftig die Sozialisierung fördern, wenn sie die gewaltige Macht der in den Arbeitermassen angehäuften Kauffraft, in den Konsumgenossenschaften in wirtschaftliche Macht ummünzen. Jede Mark, die heute von den Frauen dem Privathandel zugeführt wird, stärkt das Kapital und nicht zum wenigsten das unlauterste Glement in ihm das Schiebertum. Umgekehrt aber wird durch energischen Ausbau der Konsumgenossenschaften, das am besten gefördert, was allzu viele heute nur in Wort unterstützen die So sialisterung der Wirtschaft. Es mag auf dem ersten Blick scheinen, als sei es wohl nicht leicht für eine Frau in dieser schweren Zeit ihr Denken und Handeln so oft auf diese guten Hausgeisteigenschaften einzustellen. Jeder Tag bringt neue Ansprüche, neue Bitterleiten, neue Kümmernisse, die aus dem Kampf um die Lebenserhaltung erwachsen. Man hat im Strudel der täglichen Sorgen kaum genügend Zeit, die äußeren Bedürfnisse zu befriedigen, stille Stunden der Einkehr, der inneren Erforschung gibt es wenige. Doch der gute Wille findet trotzdem über alle Sümmernisse hinweg seinen Weg. Denn niemals sah ich vordem solche guten Hausgeisterfrauen nur in Familien, wo man Zeit hatte zuni Gut- und Bravwerden, Zeit und Muße zur Einkehr und zum Wohlfun für seine Lieben. Nein, oft wurde mir das Herz warm bei Menschen, wo Mann und Frau in harter Arbeit für's tägliche Brot ihren Tag verlebten. Wo oftmals schon die schul- von der Konsumgenossenschaftsbewegung erfaßt werden. pflichtigen Kinder mitarbeiten, um den Brotforb nicht leer werJeber vierte Deutsche ist Mitglied einer Konsumgenossenschaft. Diese beachtenswerte Feststellung macht mit Genugtuung die Konsumgenossenschaftliche Rundschau". Insgesamt gehören nach diefer Quelle 3 200 000 Mitglieder, das heißt also, ebensoviel Familien den deutschen Konsumvereinen an. Und da die Familie durchschnittlich mit vier bis fünf Köpfen gerechnet werden kann, so bedeutet das, daß 13 bis 16 Millionen deutsche Volksgenossen Damit wird aber auch dokumentiert, daß die Konsumgenossenschafts 160 Die Gleich bett Bewegung eine Macht geworden ist, mit der alle Wirtschaftsfaktoren zu rechnen haben. Die wahnsinnigen Preissteigerungen belasten den Haushalt einer Konsumgenossenschaft nicht weniger als denjenigen der Einzelfamilie. Bisher wurde der Genossenschaftsbetrieb mit Betriebsmitteln aufrecht erhalten, die sich in der Hauptsache auf Geschäftsanteile in Höhe von 30 Mt. bis 60 Mt. stüßten. Alle vorwärtsstrebenden Konsumgenossenschaften hatten in den letzten Jahren die Geschäftsanteile von dem früher üblichen Durchschnittssak von 30 Mt. auf 50 Mt. bis 60 Mt. erhöht. Damit kommen aber die Genossenschaftsleitungen nicht mehr aus. In einer Zeit, in der das Pfund Hülsenfrüchte soviel Mark kostet, als es bordem Groschen wert war, kann man mit den niedrigen Borkriegssäten der Geschäftsanteile nicht mehr arbeiten. Vor dem Kriege konnte man mit 30 Mt. den monatlichen Durch schnittsbedarf eines Mitgliedes einkaufen, heute reicht der Betrag nur zu einem Pfund Schmalz wenigstens soweit es im freien Handel zu haben ist. Und die Konsumbereine sollen ja nicht mur sich aufrechterhalten, nein, sie sollen auch in raschem Tempo fich fortentwideln und neue Aufgaben erfassen. Dazu gehört aber Geld. Eine wesentliche Erhöhung der Geschäfts. anteile ist unumgänglich und dringlich. Wollte man der Entwertung des Geldes folgen, so müßte man die Ge. schäftsanteile auf 300 Mt. erhöhen. Wo weitsichtige Mitglieder dazu bereit sind, werden die Früchte nicht ausbleiben. Wo diese Erhöhung nicht durchführbar erscheint, sollte man wenigstens auf 100 bis 200 f. steigern. Wer auf diesem Gebiete nicht mitgeht. bindet der Leitung seiner Genossenschaft die Hände in einer Zeit, in der sie mehr denn je Bewegungsfreiheit und reichliche Betriebsmittel benötigt. Gewaltige Umsatzsteigerungen in allen deutschen Konsum bereinen fennzeichnen die gegenwärtige Periode. Bum großen Teil sind es die Preiserhöhungen, die darin zum Ausdruck fommen. Nicht univesentlich ist aber auch die größere Anteilnahme der Mitglieder und der Zustrom neuer Mitglieder, die zum Emporschnellen der Ziffern beitragen. Die 13 größten rheinisch westfälischen Konsumvereine haben den Umjazz, der im Jahre 1918 achtzig Millionen betrug, auf 121 Millionen im Jahre 1919 gebracht. Vei 26 nordwestdeutschen Konsumbereinen, die im Jahre 1918 einen Umsatz von 116 Millionen hatte, fonnte der Betrag im Jahre 1920 auf 240 Millionen gesteigert werden. Viel bedeutender aber noch ist das Emporschnellen der Ziffern in den letzten Monaten. Die brandenburgischen Konsumvereine zählten 19,4 Millionen im November 1919 gegen 6,4 Millionen Mark Umsatz im gleichen Monat des Vorjahres. Im Dezember erzielten diese gleichen Vereine 24,6 gegen 8,5 Millionen im Jahre vorher. Allein die große Berliner Konsumgenossenschaft erreichte einen Monatsumsatz von 10 Millionen gegen 3,9 Millionen im Dezember 1919. Aehnlich ist es im ganzen Deutschen Reich. Neugründungen, Verschmelzungen, Ausbreitung der Konsum bereine werden aus allen Teilen Deutschlands gemeldet. Ez geht stürmisch vorwärts, und man müßte tausend Einzelheiten aufführen, wollte man von allen Fortschritten berichten. Mehr denn je aber, ist es in dieser Zeit lebendiger Fortentwicklung notwendig, daß sich tausend Hände regen, um die an leitender Stellung befindlichen Genoffen zu unterstützen. Vertrauensvolle Mitarbeit der Mitglieder und vor allem auch der Frauen ist erforderlich, um die Errungenschaften zu mehren und das Erworbene zu festigen. Noch wiffen wir nicht sicher, was uns die Zukunft in wirtschaftlicher Beziehung bringt. Zweifellos werden harte Jabre wirtschaftlicher Schwierigkeiten und Kämpfe nicht ausbleiben. Was die organisierten Verbraucher an gefestigter Organisation und Macht in diese Periode hineinbringen, das wird dazu beitragen, ihnen die kommende Zeit erträglicher zu gestalten, und wer daran hilft, der nüßt sich und seinen Bolksgenossen mehr, als er augenblicklich übersehen kann. Abolf Rupprecht. Aus unserer Bewegung Wohlfairiskonferenz in Annaberg Wie anders sah das Erzgebirge heute aus als vor fünf Wochen. Damals Schnee und Tauwetter, heute der Frühlingsbeginn. Die Sonne lachte auf grüne, mit Blumen übersäte Wiesen, auf murmelnb awischen ihnen laufende Bergflüsse, auf Birken im ersten Grün. Die fleinen Städte lagen im Sonnenschein, und das Auge, das im Frühling das Schöne sucht und das Häßliche überjieht, schaute nicht auf die Fabriken, sondern ruhle gern auf den Nr. 20 alten Mauern und Fachwerkbauten, zwischen denen erstes Grün und erste Blüten schimmerten. Annaberg zeigt sich weit oben am Berghang überragt von dem mächtigen Bau der alten AnnenKirche. Vor fünf Wochen müßten wir im Glatteis hinaufMettern zum Marktplatz, heute schien wohlig warm die Frühlingssonne. Damals war ich mit einer aus dänischen und deutschen Gewerk schaftlern bestehenden sozialen Studienkommission hier gewesen. Grauenhafte Not, furchtbares Elend haben wir gesehen. Schlechte Löhne, dabei Teuerung wie in der Großstadt, Heimarbeit von Frauen und Kindern bis in die tiefe Nacht hinein haben Unterernährung, Erhöhung der Zahl der Nachitischen, Tuberkulöjen, der Sterbefälle im Gefolge. Heute berichtete der Leiter des Gewerkschaftsfartells zuerst mit innerer Zufriedenheit vom Generalstreit. Es war gelungen, die genügsame, im Frieden und Krieg, und nachher gegen ihr Schickfal viel zu gleichgültige Arbeiterschaft zum Stampf um Freiheit und Recht aus den Betrieben zu bringen. Feindlich standen ihnen die Arbeitgeber gegenüber. Das verlieh dem Kampf Schwung und nachhaltige Wirkung. Und die Konferenz, zu der wir heute gekommen waren, zeigte Wege, auf denen die Hilfe des Aus- und Inlandes Gutes, Hilfe vollbringen kann. Aber alle diese Knospen können nur blühen und reisen, wenn der Baum, an dem fie wachsen, wenn Deutschland wieder gedeiht. Nur dann kann die Gesundung der Arbeiterverhältnisse im Erzgebirge trop folidarischer Hilfe des In- und Auslandes kommen. Die Konferenz vom 12. April 1920 in Annaberg galt einer Aussprache der betreffenden Ortzausschüsse für Arbeiterwohlfahrt mit dem Bezirksausschuß in Annaberg und Vertretern des Hauptausschusses in Berlin. Dazu waren vom Hauptausschuß in Ber lin die Genoffinnen Nyned und Wachenheim, und von den Orts. ausschüssen zirka 25 Tellnehmer, auch Frauen, erschienen. nosse Jungnickel- Annaberg leitete die Sißung. Die Genossin Ryned berichtete zunächst über die Aufgaben, die sich die Arbeiterwohlfahrt gestellt hat und über ihre Biele. Alle Teilnehmer stimmten darüber überein, daß die Gründung der Arbeiterwohl= fahrt notwendig war, um ber Arbeiterschaft eine Basis zu geben, von der aus die Arbeiter die Wohlfahrtspflege in ihrem Sinne gestalten fönnen. Die Versammlung behandelte dann die Organisation im Erzgebirge. Der Leiter des Bezirksausschusses, Genosse Rudolf Schmieder- Annaberg i. S., Vogtstr. 3, Telephon 425, soll den Orisausschüssen Anregungen und Auskünfte geben. Die Notwendigkeit der Teilnahme an allen Wohlfahrtsarbeiten innerhalb der Orte, seien sie nun behördlich oder privat, wurde betont. Die Berliner Genossinnen wiesen noch einmal auf die Notwendigkeit einer besonders regen Mitarbeit der Frauen hin. Diese Arbeit interessiert die Frauen und so besteht die Möglichkeit, sie dadurch zur regeren Anteilnahme an dem Schicksal des Volfes, zur Politit, zu erziehen. Den 3. Punkt der Tagesordnung bildele die Hilfsaktion für die Kinder. Die erzgebirgischen Genossen haben schon Heime im Erzgebirge in Aussicht, in denen zirka 150 Rinder untergebracht werden können. Sie übernehmen es, nähere Abmachungen mit. diesen und anderen Heimen über die Dauer der Unterbringung zu treffen. Sie wollen sich dann an den sächsischen Heimatdienst, der eine Sammlung für das Grzgebirge eingeleitet hat, wegen Bewilligung von Mitteln für die Hilfsaftion wenden. Auch die Gemeinden sollen zusteuern. Vom Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrtspflege stehen dazu 100 000 21. zur Verfügung, die der deutsche Zweig der Internationalen Kinderhilfe durch Gemoffin Adele Schreiber gegeben hat, später kann wahrscheinlich noch mehr flüssig gemacht werden. Ueber die Verwendung des Geldes soll entschieden werden, wenn die Leistungen der Gemeinden und Amishauptmannschaften und des sächsischen Heimatdienstes geflärt sind. Der Hauptausschuß wird sich mit den bämschen Gnoffen, die bereit sind, Lebensmittel und Kleidung zu senden, in Verbindung seßen. Die Lebensmittel sind notwendig, um die Ernährung so gut zu gestalten, daß eine Erholung der Kinder möglich ist. Das kann aus deutschen Mitteln nicht geschehen. Die Kleidung soll vor der Abreise in die Heime ausgegeben werden. Der Verlauf der Konferenz war befriedigend. Wir gingen mit der Hoffnung auseinander, wenigstens ein paar Hundert der ärmsten Kinder etwas Gutes schaffen zu fönnen. Möge c gelingen! Hebwig Wachenheim. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Drud: Vorwärts Buchdruckerei. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. 6. S. fämtlich in Berlin GW 6, Cindenstraße