Nr. 21 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mark; unter Kreuzband 4,25 Mart Berlin 22. Mai 1920 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin GW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplatz 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 fingster Das ist der Geist Bon Klara Müller- Jahnfe Das ist der Geist, der um die Söhen kreist Und der die Ziefen füllt: der heilige Geist. Rein hohles Ding, fein wefeniofer Schein: Lebendig Feuer und unendlich Sein. Dein Auge sieht, dein Ohr vernimmt ihn nicht; 3h fühlt dein Geist, der Licht von seinem Licht! Er ist es, der im Lied des Dichters webt, Der in des Denters Stirn zum Höchsten strebt. Er ist es, der den starren Stoff bezwvingt, Milt Formenreiz und Farbenglut durchdringt. Wer eine Welt voll füsner Schöpferkraft, Wie sie ein Gott erfunden, nachgeschafft, Wer in der Forschung Tiefen sich versenkt Und die Gedanken ewiger Liebe denkt, Und wer der Menschheit lichte Pfade weist Aus Elends Nacht, ist Geist von seinem Geist, Gein Odem weht, wo laut das Kampfhorn Flingt, Wo help das Volk nach Recht und Freiheit ringt; Sein Sturmwind braust und seine Slamme lost, Wen er berührt, den rührt nicht Rot und Tod. Und ob er spräch in fremder Zunge Bann, Verständlich wird sein Wort für jedermann. Biel tausend Flämmchen fuhren erdenwärts; In roter Lose steht des Volkes Herz. Der Zukunft Himmel ist ihm aufgetan, Bom Sturm verstäubt der graue Lügenwahn. Die lehte Rette schmilzt im Wetterlag Und Pfingsten kommt, der Bölferfeiertag. Und über der erlösten Menschheit kreist Auf Zaubenschwingen licht, der Weltengeist. 162 Die Gleich beit Nr. 21 Pfingsten Als die Jünger des gekreuzigten Jefu von Nazareth in heißester Sehnsucht und zugleich trostlosester Trauer hinter verschlossenen Türen beieinander saßen, erklang ihnen der Gruß ihres Meisters: Friede sei mit Euch. Er erschien ihnen im Geiste, daß sie ihn leibhaftig sahen, so erzählt die fromme Legende. Und wie mit einem Schlage war alles Bangen, alle Furcht von ihnen gewichen; sie gingen hinaus und verkündeten die Lehre von dem neuen, dem heiligen Geist. Sie bekannten sich zu dem Evangelium der Menschenliebe und Versöhnung und alle die zusammengeströmten Menschen der verschiedensten Stämme und Sprachen verstanden sie, ließen sich durchglühen von der heiligen Flamme der Liebe und wurden selbst zu Bekennern und Verkündern der neuen Lehre. So muß auch über uns alle der Geist der Pfingsten kommen. Ohne Furcht, ehrlich und frei müssen wir bekennen, was unsere Ueberzeugung ist. Bisher konnte sich die Verheißung: Friede sei mit Euch, nicht erfüllen. Immer wieder zerbrach sie an den Mauern des Hasses und der Gehässigkeit, welche die Menschen und Völker trennt, an dem alten Geist, der uns in den Weltkrieg führte. Aber nun will ein Neues werden. Ein neuer Geist will und wird die Welt wenden. An uns ist es, zu arbeiten, daß aus den Trümmern, die der Haß geschaffen, die versöhnende Menschenliebe sich neu aufbaut, die der Boden für Freiheit und Gerechtigkeit ist. Mit unserem Stimmzettel sollen wir daran arbeiten, daß die Verfassung der deutschen Republik, welche der neuen Zeit den Weg bahnt, erfüllt wird. Die Volfsvertretung, welche wir am 6. Juni wählen, macht für die nächsten vier Jahre die Geseze; aus ihrer Mitte wird die Regierung unseres Staates gebildet. Darum müssen wir genau prüfen und durchdenken, von welchem Geiste die Stan didaten der einzelnen Parteien, welche sich uns als Volksvertreter empfehlen, beseelt sind. Ist der alte Haß gegen die anderen Völker und der alte Hochmut gegen die arbeitenden Klassen des eigenen Volkes, die Verachtung des geistigen, wirtschaftlichen und politischen Freiheitsstrebens der Frauen ihr Grundzug und ihr Kampfmittel, dann müssen sie ohne weiteres für uns ausscheiden. Die deutsch nationale und die deutsche Volkspartei, welche beide in dieser Anschauungswelt stehen, die uns zurückführen wollen in die leidvolle Vergangenheit, müssen für jede denkende Frau erledigt fein. Aber auch das Zentrum und die Demokraten unsere bisherigen Koalitionsparteien sind mit ihrer Weltanschauung zu fest in dem Boden der Vergangenheit verwurzelt, als daß sie freudig und ohne Vorurteile dem neuen Geiste, dem die Zukunft gehört, dienen könnten. Sie sind oft auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete ein Hem nis für den Fortschritt zum Sozialismus getvejen. Und nur der Sozialismus fann uns erlösen. Wenn er durchgeführt ist im Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsleben, wenn von ihm alle Menschen und alle Gesetze durchdrungen sind, wird der Pfingstgruß: Friede sei mit Euch, Wahrheit werden. Nur wenn friedliche Zustände im Lande und an ben Landesgrenzen walten, kann der kommende Reichstag bie großen Aufgaben erfüllen, die ihm für den Wiederaufbau Deutschlands zugewiesen sind. Daran sollen und wollen wir helfen, durch die richtige Ausübung unseres Wahlrechtes am 6. Juni, durch die Abgabe unserer Stimme für die sozialdemokratische Partei Deutschlands. C. B.-S. Schulpolitik Bon Antonie fülf II. Es ist eigentlich ein ganz schlimmer Saß, daß„ wer die Jugend hat, die Zukunft habe". Denn die Jugend hat ihre eigenen Ziele und Ideale, die keineswegs immer zusam menfallen mit denen von uns Alten. Die Verkennung dieser einfachen Tatsache hat die Jugend vielfach in eine recht unfruchtbare Defensivstellung hineingetrieben. Man benke nur an den autoritativen Geist unserer Schulen. Wie notwendig ist es, daß durch die neue Reichsschulgesetzgebung ein freierer Zug geht. Da ist vor allem einzusehen bei der Lehrerbildung. Nus der freie Mensch bringt soviel Achtung vor der Freiheit anderer auf, daß er fähig ist, freie selbstwollende Menschen zu erziehen. Die schmale geistige Kost der bisherigen Lehrerbildungsanstalten, die Absperrung von dem freieren Geift der Hochschule war im Verein mit der systematischen wirk schaftlichen Niederhaltung zwar ein probates Mittel, ge fügige Untertanen zu erzeugen, aber ein ebenso miserables zur Heranbildung guter Erzieher. Darum soll nach Artikel 143 der Verfassung dia Lehrerbildung auf ganz neue Grundlagen gestellt werden. Ein Reichsschulgesetz wird die all mähliche Auflösung der Seminarien, und zwar mit Beginn bes Schuljahres 1920/21, zu bestimmen haben. Die Ausbildung wird sich zukünftig in freier Wahl an irgendeinem Gymnasium mit anschließender Hochschulbildung vollziehen, Daß diese letteren dem neuen Zwed entgegenkommen müssen, ist ein auch bei den Mittelschullehrern längst empfundenes Bedürfnis. Ferner bestimmt Art. 145: Es besteht allgemeine Schulpflicht. Ihrer Erfüllung dient grundsäklich die Volksschule mit mindestens acht Schuljahren und die anschließende Fortbildungsschule bis zum vollendeten achtzehnten Lebensjahr. Der Unterricht und die Lehrmittel in den Volksschulen und Fortbildungsschulen sind unentgeltlich. Auch hier muß erst ein Reichsgesetz bestimmend eingreifen, da ja die Grundrechte der Verfassung nur Richtlinie und Schranke für die Gesetzgebung sind. Es handelt sich darum der Jugend in der Zeit größter geistiger Empfänglichkeit zwischen 14-18 Jahren das Recht auf Bildung zu sichern Das Gesetz muß wahrscheinlich zwei bildungsfeindliche Ge walten überwinden: den Egoismus des Unternehmertums für welches unsere Jugend nur billige Arbeitskraft bedeutet, und den Egoismus vieler Eltern, welche das Kind möglichst schnell zum Selbsterwerb bringen wollen, wohl auch müssen Es ist freilich ein recht kurasichtiger Standpunkt von beiden Seiten. Denn Vermehrung der Bildung bedeutet bessere Arbeitsleistung auf der einen Seite, bessere Ver bienstmöglichkeit auf der andern- ganz abgesehen von den rein menschlichen Werten. Es ist ja auch selbstverständlich, daß dieses Gesetz seine Ergänzung finden muß in einem weiteren über Lehr- und Lernmittelfreiheit, als natürliche Folge des Schulzwanges, Das genügt aber noch nicht. Der Grundsatz des ungehemmten Aufstieges der Begabten in die mittleren und höheren Schulen wäre eine schöne Deflamation ohne jede praktische Bedeutung, wenn nicht schon Art. 146 bestimmen würde: Für den Zugang Minberbemittelter zu den mittleren un Höheren Schulen sind burch Reich, Länder und Gemeindent öffentliche Mittel bereitzustellen, insbesondere Erziehungsbel hilfen für die Eltern von Kindern, die zur Ausbildung auf mittleren und höheren Echulen für geeignet erachtet werden, bis zur Beendigung der Ausbildung. Von der großzügigen Ausgestaltung dieses Gesetzes häng bie ganze soziale Wirkung der gesamten Reichsschulgesetz gebung ab. Nr. 21 Die Gleich heit Ueberall dort, wo nach der Revolution die Kulturpolitik einen entscheidenden Schritt vorwärts getan hat, ohne daß doch die Gesetzgebung die neuen Errungenschaften schon gefichert hätte, erwartet man mit Ungeduld ein Reichsgesez, welches den sogenannten Sperrparagraph, Art. 174, aufhebt, indem es die Grundsätze für die Errichtung von Betenntnis- und weltlichen Schulen innerhalb der Gemeinden in aller Klarheit und Unzweideutigkeit aufstellt und damit die willkürliche Auslegung des Art. 146 Abs. 2 unmöglich macht und die Stellung der konfessionslosen Lehrer sichert. Es wird sich bei diesem Gesetz um nichts weniger als um bie geistige Freiheit der Volksgenossen handeln und man braucht kein besonders guter Prognostiker zu sein, um voraussagen zu können, daß die fortschrittliche Gestaltung dieses Gesetzes sich nicht ohne erbitterten Kampf vollziehen wird. Hier wie bei der ganzen Reichsschulgesetzgebung wird die Busammensetzung des nächsten Reichstages entscheidend sein. Wohlan denkt daran bel den Wahlen! Schafft geisti ges Freiland für unsere Kinder! Bevölkerungspolitische Forderungen an den kommenden Reichstag „ Die Mutterschaft hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge des Staates." „ Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche, seelische und gesellschaftliche Entwicklung zu schaffen wie den ehelichen Kindern." Auf diese zwei Säße der Verfassung sollten wir Frauen die Vertreter, die wir in den Reichstag entsenden, einschwören. Beides sind neue Gedanken, und nur unserer starken Vertreterzahl in der Nationalversammlung ist es gelungen, sie in die Verfassung hineinzubringen. Für die Verwirklichung des ersten Sages ist der Anfang gemacht worden mit dem Gesetz über Wochenhilfe und Wochenfürsorge. Aber es ist eben nur ein Anfang, ein Meilen * Feuilleton Nicht wenn du wendeft dein Haupt Von den Freuden der Erde, Wenn du fie dankend genießeft Ebrit du den Schaffenden Geiſt. * Vom Mütterlein die Frohnatur.... Literarische Plauderei von Josef Kliche Unser vor acht Jahren verstorbener, an Verdiensten um die deutsche Arbeiterbewegung außerordentlich reicher August Bebel hat einmal gesagt, daß es für einen im öffentlichen Leben tehenden Mann nicht gleichgültig sei, wes Geistes Kind die Frau an seiner Seite ist. Sie könne entiveder zur Förderin oder zum Semmnis seiner Bestrebungen werden. Daß diese Worte innere Wahrheit befizen, braucht nicht befonders betont zu werden. Man könnte höchstens noch hinzufügen, baß dieses Wort auch im umgekehrten Falle seine Richtigkeit habe. Auch für die Frau ist es nicht gleich, wie der Gefährte geistig beschaffen ist, mit dem zusammen eine große Strede ihres Lebensweges zu gehen sie sich entschlossen hat. Wohl beiden, wenn ein gemeinsames geistiges Band sie vereint, ein gleiches Ideal ihnen borschwebt. August Bebels Worte preisen das Verhältnis von Mann und Frau: Nicht weniger zu preisen ist das von Mutter und Kind. So manchem unserer Großen ist das, was sein Lebenswert ausmacht, bornehmlich geworden burch den günstigen Einfluß des mütterlichen Gemüts.„ Bom Vater erbt ich die Statue, des Lebens ernstes 163 stein auf dem Wege zur wirklich durchgreifenden Mutterschafts- und Familienversicherung. Mit dem alten Grundsatz der vorrevolutionären Zeit, daß die Quan. tität des Nachwuchses die Hauptsache sei, muß ein- für allemal gebrochen werden, und die ganze staatliche Fürsorge auf die Qualität gerichtet werden. So bedauerlich es ist, daß der Geburtenrückgang in den Kriegsjahren auf 912 Millionen geschätzt werden muß, so ist es sowohl vom rein menschlichen als auch vom bevölkerungspolitischen Standpunkt weit erschreckender, daß zum Beispiel die Tuberkulosesterblichkeit in Preußen im Jahre 1918 eine Zunahme von rund 70 Proz. gegenüber 1913 erfahren hat. Hier helfend einzugreifen, die gesundheitlichen und moralischen Folgen des Krieges möglichst auszumerzen und die Vorbedingungen für ein neues gesundes Ge. schlecht zu schaffen, muß in erster Linie die Aufgabe der künftigen Bevölkerungspolitik sein. Dem dient auch ganz besonders die Verwirklichung des zweiten oben zitierten Sazes. Eine unglaubliche Verblendung straft bisher in der Gesetzgebung das uneheliche sind für seine Geburt, indem es von vornherein dem Elend preisgegeben wird. Das uneheliche Kind steht in keinerlei verwandtschaftlichem Verhältnis zu seinem Vater." Kann man sich einen unsinnigeren Satz vorstellen als diese Bestimmung des Bürgerlichen Gesetzbuches? Und doch kennzeichnet er die ganze Stellung des unehelichen Kindes in unserer heutigen Gesetzgebung. Es ist deshalb bedauerlich, daß die Bahn, die durch den Verfassungsparagraphen vorgeschrieben ist, von der Nationalversammlung nicht mehr beschritten wurde. Ueberfülle an Arbeit war der Hauptgrund hierfür. Der Reichstag wird das Versäumte baldmöglichst nachholen müssen. Dafür ist freilich eine starke sozialdemokratische Fraktion nötig; denn so bereit die bürgerlichen Parteien, besonders die weiblichen Vertreter, sind, dent unehelichen Kinde durch Wohltätigkeit" zu helfen, zu dem Grundsaze, daß das uneheliche Kind als ein dem ehelichen vollkommen gleichwertiger und deshalb gleichberechtigter Mensch anzusehen ist, können sie sich nur schwer bekennen. Führen, vom Mütterlein die Frohnatur, die Lust, zu fabulieren." Die Worte, die der Altmeister der deutschen Dichtung, Wolfgang Goethe, rückblickend von sich sagen konnte, sie treffen auch auf manchen andern Stern im deutschen Dichterwalde zu. Wie Goethes Mutter, war auch die Schillers den schöngeistigen Künsten hold. Sinn für Natur, Dichtkunst und Musik war bei dieser in reichem Maße vorhanden, so daß also die Linie, die von ihr zu ihrem großen Sohn führt, unschwer zu erkennen ist. Nicht anders war es bei Scheffel. Der Dichter des„ Ekkehard" und des Trompeter von Säckingen" hatte ein Mütterlein, die, wenn auch keine große Dichterin, so doch immerhin ein Talent war, von der ihr Sohn mancherlei Anregungen empfing und durch deren Märchenvorlesungen beffen empfängliches Gemüt stark und entscheidend beeinflußt wurde. Das gegenseitige Verhältnis, das„ Frau Rat" Goethe und " Frau, Major" Schefsel zu ihren Söhnen gewonnen, bezw. das sich von frühester Kindheit an entwickelt hatte, hielt in beiden Fällen das ganze Leben an. Und auch dort, wo beleidigend für oberflächliche Charaktere, das traditio nelle Herkommen dadurch verletzt wurde, indem der gefeierte Sohn dieser Tradition fremde Wege ging, hielt besonders die reiche Frankfurter Patrizierfrau nicht ab, sich mutig zu dem Willen ihres Sohnes zu bekennen. Am Weimarer Hofe rümpften die Damen und Herren der aristokratischen Gesellschaft sehr bedenklich die Nasen, als es ruchbar wurde, daß der Minister Goethe sich mit Christiane Vulpius trauen ließ. Einer gewesenen Fabrikarbeiterin, von deren Jugendfrische und Natürlichkeit er einstmals entzückt und die er deshalb als Wirt schafterin in sein Haus genommen. Der Große, Vielgefeierte, der allenthalben wählen konnte, hatte sich ein einfaches Volkskind als Hausgenossin bestimmt. Grund genug für die Höflinge, an diesem Berhältnis zu mäkeln. Goethes Mutter aber bekannte sich fühn und zufrieden zu ihres Sohnes Wahl. Lediglich bessen Glück war für fie maßgebend. Zwischen Viktor Scheffel und dessen Mutter 164 Die Gleich beit Zwei weitere, für die Gesundung unseres Volkes ungemein wichtige Fragen sind die der Bekämpfung der Ge. schlechtskrankheiten und die der Prostitution. Beide hängen eng zusammen. Ist auf der einen Seite der heute bestehende Zustand der Reglementierung eines freien Volfes unwürdig, so muß andererseits alles geschehen, um die Berbreitung der Geschlechtskrankheit, dieser ärgsten Volks. feuche, Einhalt zu gebieten. Es ist außerordentlich bedauerlich, daß die Nationalversammlung gerade in dem Augenblick auseinandergeht, wo im Ministerium der Entwurf des GeJetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten fertiggestellt worden ist. Sache des Reichstages muß es sein, diesen Gesezentwurf sofort einzufordern und zu beraten. Neue Wege müssen hier gegangen werden; das Interesse des Volksganzen muß über das Interesse des einzelnen gestellt, das Verantwortungsgefühl jedes Menschen gestärkt werden. Nur so kann diejer Krebsschaden überwunden werden. So hat der kommende Reichstag in bevölke. rungspolitischer Hinsicht große Aufgaben zu erfüllen, die im obigen nur angedeutet werden konnten. So schnell wie möglich wird ein Ausschuß zur Lösung dieser Fragen gebildet werden müssen. Sache der Wähler und vor allem der Wählerinnen wird es sein, dafür zu sorgen, daß in ihm nicht die Mucker, sondern Menschen mit offenen Augen und warmen Herzen für die Nöte der Frauen und Mütter figen. Louise Schröder. Die Reichskonferenz unserer Partei, welche am 5. und 6. Mai im Reichstagsgebäude zu Berlin stattfand, nahm, als Auftakt zu den Wahlen, einen sehr guten Verlauf. Das Referat Scheidemanns gab in großen Bügen ein Bild der gegenwärtigen politischen Lage und ber sich hieraus ergebenden Haltung unserer Partei für die kommenden Wahlen. Wir müssen versuchen- führte er aus-, aus der bis jetzt durch die Stärkeverhältnisse der Parteien in der N.-V. bedingten Arbeitsgemeinschaft mit den bürgerlichen Parteien Herauszukommen, um eine Politik machen zu können, die mehr den Kurs zum Sozialismus nimmt, als es bisher möglich war. Geschehen kann dies aber nur auf dem Wege der Demokratie. hat bis zu der letteren Tode das zärtlichste Verhältnis bestanden. „ Alles, was ich Boetisches in mir habe, habe ich von meiner Mutter", pflegte der Verfasser eines der besten geschichtlichen Romane, der Meister des„ Effehard", zu sagen. Freilich, die Frauenliebe und das mitteilsame und fameradschaftliche Weibesverständnis, das unser Bebel pries, hat der Dichter des flangvollen„ Trompeter" nicht erfahren. Wie sein Werner Kirchhof, der relegierte Heidel berger Student, so hatte auch Viktor Scheffel sich ein„ adlig Fräulein" erblasen. Eine Lebensgefährtin, die ihn nicht verstand, so daß schon nach Jahresfrist diese Ehe auseinanderging. Der poetische Schwärmer und das laute Weltkind paßten nicht zusammen. Doch als das natürliche Berhältnis längst zerschellt, hat der liebenswerte Dichter noch mit tiefer Sehnsucht seiner Mutter gebacht. So etwa, wie der im Pariser Eril lebende Heinrich Heine von dort aus gefühlvolle Verse an sein Mütterlein in Deutschland fandte. Verse, die den gleichen Duft atmen, wie die treuen Briefe, die Anselm Feuerbach, der berühmte Maler, aus der Fremde an die luge Beschüßerin seiner Kinderjahre schrieb. Man spricht sehr häufig vom Sohn des großen Vaters und denkt dabei insbesondere an August Goethe, an Siegfried Wagner, an Herbert Bismard, an Karl Liebknecht, die, nebenbei gesagt, wohl im Schatten ihrer Väter wandeln durften, selbst aber das Jdeal nicht erreichten. An den Sohn der Mutter denkt man indes felten oder nicht, obwohl schon Herder mit Recht behauptet hat, daß man Humor und Talent in der Regel von der Mutter erbe, während man das Steife und Organisatorische, oder, wie Goethe sagt, des Lebens erastes Führen" vom Bater mit auf den Lebensweg bekomme. Geistig hervorragend tätige Mütter hatten auch der Philosoph Artur Schopenhauer und, um einen uns nabestehenden Lebenden nicht zu vergessen, Karl Kautsky gehabt. Johanna Schopenhauer sowohl als Minna Kautsky waren anerkannte Romanschriftstellerinnen. Die erstere ist heute vergessen, nur dem eingehender Nr. 21 wir lehnen jede Diktatur, ob bon rechts oder links tommend, ab. Den Wahlkampf wollen wir in der klaren Erkenntnis führen Der Feind steht rechts. Links von uns stehen die ehemaligen Brüder, von deren vernünftiger Ueberlegung es abhängt, ob eine Einheitsfront gegen rechts geschaffen werden kann. Wir wünschen und wollen fie. Werden wir aber von links angegriffen, dann müssen und wollen wir uns unserer Haut wehren in dem guten Bewußtsein, daß unser Weg und unser Ziel richtig sind und daß darum der Sieg lehten Endes uns gehören wird. Als zweiter Redner sprach Noste. Ga war für ihn ein unglücklicher Zufall, daß fein anderer Diskussionsredner sich vor ihm gemeldet hotte. Noste hilt eine Abwehrrede, obwohl er nicht angegriffen worden war, wie er es ja leider immer wieder unternimmt, etwas zu verteidigen, wo nichts mehr zu verteidigen ist. Sieht er nicht, daß er sich damit selber ungerechtfertigt antlagt? Eich in eine verbitterte Gegensäglichkeit zu ehrlichen Parteifreunden bringt, die unserer Sache nicht dient. Was dieser Mann der deutschen Republik geleistet hat, wird die Ge schichte festhalten und in diesem Licht wird sein großer, tragischer Jirtum Heiner erscheinen. Wenn er selber diesen Irrtum offen befennen würde, so rüdten seine übrigen Leistungen nur in helleres Licht. Bei der gegenwärtigen Stimmung ist es ziem helleres Licht. lich aussichtslos, daß Noste in den kommenden Reichstag gewählt braucht das Wissen, die Erfahrung und die starke Persönlichkeit wird. Das ist zu bedauern, denn die gefehgeberische Arbeit dieses Mannes. Wahlen sollten nie einzelne Personen handelt das Ergebnis von Stimmungen, sondern der Ausdrud flarer lleberlegung sein. auch wenn es sich um Die Diskussion lehnte Nostes Politik ab und stellte sich ein mütig auf den Boden des Scheidemannschen Referats, welches am zweiten Verhandlungstage durch die vorzüglichen Ausfüh rungen des Reichsfanglers, Genossen Hermann Müller, ergänzt wurde. Auch dieser wünscht, daß wir durch die Wahlen eine sozialistische Mehrheit bekommen mögen, die uns von dem Zwang der Koalition mit Zentrum und Demokraten befreit. Er betonte: die Arbeit in dieser Gemeinschaft drei verschiedener Weltanschauungen war fein Vergnügen, aber sie war eine Nottrendigkeit, wenn überhaupt gesehgeberische und Regierungsarbeit im Interesse der großen Masse des deutschen Boltes geleistet werden sollte. Darum soll der Kampf gegen diese Parteien sachlich geführt werden, denn wir sollten nie vergessen, daß wir mit ihnen ein Stück Weges der deutschen Geschichte gemeinsam gegangen sind, das schwer und steinig war. Die Frauen, welche als Wählerinnen ein ausschlaggebender Faktor in der Politik mit dem geistigen und geselligen Leben ihrer Zeit Vertrauten lebt sie als eine geistig anziehende Frau, um die sich ein Kreis feingefinn ter Seelen scharte. Minna Kautskys Romane aber dürften mancher Leserin nicht unbekannt sein. Liefen sie doch sehr häufig durch die Spalten unserer Parteizeitungen. Ihr Sohn ist allerdings nicht wie Feuerbach, Heine und Scheffel ein in tühner Phantasie schwelgender Schöngeist geworden, sondern wie Goethe, Schiller und Schopenhauer ein ernster Mann der Wissenschaft. Daß man auch bei dieser der Phantasie nicht entbehren kann, ist ebenso bekannt, als die Verschiedenheit der geistigen Qualitäten der im letzten Satz nebeneinandergeftellten Autoren. Eng verbunden ist die Phan tasie sogar bei den Dichter- Denfern, mit deren aufs WissenschaftTiche gerichteten Bestrebungen. Wenn wir von Schiller als Wissens schaftler sprechen, so denken wir an den Geschichtsforscher, an den Verfasser des Dreißigjährigen Krieges und des Abfalls der Niederlande. Ein sehr intimes und herzliches Verhältnis bestand zwischen Ludwig Anzengruber und dessen Mutter. Aehnlich Scheffel und Feuerbach hat dieser österreichische Dichter, dessen Dramen und Erzählungen fich schon seit langem auch in Norddeutschland Heimat recht erworben haben, zärtlich an seiner Mutter gehangen. Als fünfjähriger Knabe verlor Ludwig den Vater und von da an lag die tägliche Sorge der Ernährung und Erziehung in der Hand Maria Anzengrubers, der Wiener Bürgerstochter. Die. Staats pension, die ihr als Witwe eines fleinen Beamten zustand, war eine äußerst farge, und es galt mehr als einmal am Tage zu rech nen, um ja mit den Guiden und Kreuzern auszukommen. Dens noch hat die gute Frau alles versucht und getan, um ihrem Knaben eine leidliche Kinderzeit zu bereiten. Als die Jünglingsjahre famen, wurde es in dem ärmlichen Biener Haushalte nicht beffer. Der junge Anzengruber halte avar eine Anstellung an einem sprachen ganz dem Charakter dieser Bühne. In engem Raume leb sehr untergeordneten Theater erhalten, die Einnahmen aber ent Nr. 21 Die Gleich beit find, haben ihr volles Verständnis für die errungenen Freiheiten bei der Abwehr des Kapp- Butsches gezeigt und sie müßten bei den kommenden Wahlen den Beweis politischer Reise bringen. Jeder Schritt vorwärts auf dem Wege des Aufbaues ist durch den Friedensvertrag behindert, darum müßten wir uns für eine Revision des Vertrages einsehen. Das könne dadurch geschehen, daß der Ausfall der Wahlen in den Ententeländern das Vertrauen zu der demokratischen Republik stärkt. Würden die rechtsader linksextremen Parteien Erfolge haben, so würden wir neuen Erschütterungen innen und außen entgegengehen. Und darum müsse die Wahl des 6. Juni ein Bekenntnis zur Demokratie und gum Sozialismus werden. Die Einmütigkeit, welche die Reichstonferenz in der Frage der Wahltaltik bewies, soll gewiß nicht bedeuten, daß wir mit allen Maßnahmen der Regierung einverstanden sind und daß es in unferer Partei leine getrennten Meinungen über die zu gehenden Wege gibt. Aber die Diskussion über die Eingelfragen war fachlich, ohne Vorwürfe und persönliche Schärfe und deshalb fruchtbar. Es ist erfreulich, daß über der Differenz der Meinungen in den einzelnen Fragen nicht das gemeinsame Ziel vergessen wird und daß wir alle bereit sind, gemeinsam den Weg zu ebnen, mags auch schwer und mühselig sein. Der Kapitalismus muß durch den Sozialismus überwunden werden mit Hilfe dec Demokratie. Nach einstimmiger Annahme einer Resolution Dr. Braun und Genossen, welche das vorstehend Gesagte zusammenfaßt und die unferen Leserinnen durch die Tagespresse bereits bekannt ist, wurde auf Antrag der weiblichen Delegierten der Reichskonferenz noch folgende Entschließung gegen die Verwendung schwarzer Befohungstruppen im Maingau einstimmig angenommen: Wir protestieren gegen diese dem deutschen Bolte angetane Schmach, der Taufende wehrloser Frauen und Mädchen zum Opfer fallen. Wir warnen die siegreichen Völfer vor der Anwendung einer Waffe, die sich im letzten Ende verderbenbringend gegen die, gesamte weiße Raffe wenden wird. Wir rufen auf alle Männer und Frauen der zivilisierten Erde, insbesondere unsere Genossen und Genoffinnen jenseits der deutschen Grenze; wenn es Euch Ernst ist mit Eurer Sehnsucht, daß der Völkerfriede den Böllerhaß besiege, dann tretet ein mit aller Kraft für die Zurückführung der farbigen Truppen aus den besetzten Gebieten, deren Verwendung ein Schlag ist gegen Versöhnung und Verständigung der gequälten Menschheit. ten Mutter und Sohn, um nur das bloße, anspruchslose Leben fristen zu können. Abends erzählte der Sohn dann von seinen Plänen und Hoffnungen, die alle noch so weit lagen und so wenig Aussicht auf Verwirklichung zu haben schienen, an die aber Mutter und Sohn überzeugungsvoll glaubten. Fünfzig Jahre find im kommenden Herbst verflossen, seit Ludwig Angengrubers bekanntestes Bühnenwert Der Pfarrer von Kirchfeld" erschien. Wie dieser geboren wurde, ist nicht unintereffant, Wieder einmal, wie an so manchem Abend, saßen die beiden in ihrem ärmlichen Heim des schönen Wien. Und wieder einmal sprachen sie von des Sohnes Hoffnungen und Plänen. Sprachen von den Volksstücken und Erzählungen, die er geschrieben, die aber feinen spielbereiten Direftor, feinen zahlungsfähigen Berleger finden konnten. In dem einen und dem andern Falle batte gar noch die Zensur Schwierigkeiten gemacht, so daß in der Schublade des Tisches, auf dem sie die täglichen Mahlzeiten einnahmen, sich die Manuskripte häuften. Die Mitarbeit an dem politischer Wikblatt„ Stiteriti" brachte gar zu wenig ein. Ob er noch einmal an die Arbeit ginge und ein Bühnentvert schaffte? Nach den vielen Mißerfolgen war er mutlos, obwohl ihm ein beftimmter Stoff verschwebte. Doch die Mutter rät zu. Er solle es doch noch einmal wagen, vielleicht gelänge ihm diesmal eine gute Sache. Das Bureden hilft, mit Eifer geht er an die Arbeit. In turzer Zeit wird der Pfarrer von Kirchfeld" fertig; er geht über die Bühne und andern Tages wissen die Wiener, daß ein neuer, bisher völlig unbekannter Dichter unter ihnen weilt. Es war für Maria Anzengruber die größte Freude ihres Lebens, die sie an biesem Tage empfand. Und noch einmal, kurz vor ihrem Tode, wiederholte sich diese Freude. Das war, als der inzwischen bereits gefeierte Soba ihr einen Auffaß vorlesen konnte, in dem er als Dichter von Ruf gewürdigt wurde. Ludwig Anzengruber hat Später felbst gesagt, daß das Vorlesen dieses Aufsatzes die lette große Freude gewesen sei, die er seiner Mutter bereiten konnte. Die Frau im Wahlkampf Von Helene Weimann 165 Jahrzehntelang haben die politisch interessierten Frauen in Wort und Schrift für das Frauenwahlrecht gekämpft. Und wenn ihnen auch vor der Revolution ein positiver Erfolg in Deutschland nicht beschieden war, so ist es doch zum guten Teil ihrer unermüdlichen Tätigkeit zu danken, daß die deutschen Frauen im November 1918 die reife Frucht brechen konnten. Wenn auch die Sozialdemokratie als einzige Partei immer die Rechte der Frauen vertreten und die Forderung des Frauenwahlrechtes in ihrem Programm festgelegt hatte, so war es doch notwendig, daß die Frauen selbst für ihre Rechte eintraten und bewiesen, daß fie auch selbst den Kampf um diese Nechte führen fonnten. Zuerst war es ein bescheidener Kreis von Frauen, der sich zum Kampf zuſammenſand. Aber er wuchs ständig, bis dann die stattlichen Frauenversammlungen vor dem Krieg und während des Krieges, die der Agitation für das Frauenwahlrecht gewidmet waren, zeigten, daß die Forderung des Frauenwahlrechts von Tausenden begriffen wurde. Aber niemand hatte erwartet, daß das Frauenwahlrecht so schnell kommen würde, und als uns der 9. November 1918 die Erfüllung unseres sehnlichsten Wunsches brachte, da war unter den Frauen die politische Schulung noch nicht überall fo weit gediehen, wie sie zur wirklich zweckmäßigen Ausübung eines so wichtigen staatsbürgerlichen Rechts notwendig ist. Ich will bei dieser Gelegenheit gleich vorweg nehmen, daß ich keineswegs der Auffassung bin, daß etwa die Männer alle politisch geschult sind, denn hätten die Männer die politischen Zusammenhänge flar zu beurteilen bermocht, dann wäre eine überwältigende soziqlistische Mehrheit in die deutsche Nationalversammlung eingezogen. Es ist natürlich nicht zu leugnen, daß die Männer in weit größerem Maße als die Frauen eine gewisse politische Schulung besigen, die sie ganz von selbst durch ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung, durch den ständigen Verkehr mit ihren Berufskollegen und durch die gewerkschaftliche und politische Organisation sich erworben haben. Diese Möglichkeit bestand und besteht für viele Frauen, besonders die Hausfrauen, nicht, und das legt den Männern die Pflicht auf, sich, soweit es noch nicht geschehen ist, frei zu machen von dem Gedanken, daß die Frau nur ins Haus gehöre. Soweit es in ihren Kräften steht, Aufklärungsarbeit im eigenen Hause, in der eigenen Familie zu leisten, die noch zögernden Frauen einzuführen in die Organis fabion, wenn nicht gleich als Mitglieder, so doch wenigstens als Wie Viktor Scheffel, so hat auch Ludwig Artzengruber in der Ehe kein Glück gefunden. Das Mädchen aus seinem Bekanntenkreise, dem er die Hand zum Lebensbund gereicht, begriff von der Miffion und dem Schaffen eines Dichters ebensowenig wie Heinrich Heines Gattin Mathilde. Leichtfertigen und oberflächlichen Gemüts paßte sie nicht im entferntesten zu dem in der Harten Schule der Not des Lebens gereiften und von fühnem Schaffensdrange durchpulsten Manne. Dennoch hat dieser anderthalb Jahrzehnte lang geduldig das Joch getragen; aber stets hat er bei der Mutter das gesucht und gefunden, was ihm in geistiger Beziehung das Gattenband versagte War sie es doch, die den vom Vater her stark begabten Knaben fürsorglich ins Leben hineingeführt, die ihm aber auch in den Mannesjahren stets liebevoll tröstlichen Zuspruch gab. Dieser Zuspruch aus Maria Anzengrubers Herzen war dem Gestalter vollfafliger Baueracharattere jeweilig Labsal und Er quidung. Er gab ihm Mut in der dunklen Tagen des Zweifelns an seinem Schicksal und in denen des Ringens mit dem Stoff. Er gab dem ernsten Manne auch die Frohnatur, die uns zuweilen aus feinen Dramen und Romanen entgegenleuchtet. Bom Mütterlein die Frohnatur.. Das poetisch flangvolle Wort hat seine Bedeutung. In bezug auf verschiedene Vertreter deutschen Schrifttums aber ist es von besonderem Neiz. All euer girrendes Berzeleid Tut lange nicht fo weh, Wie Winterskälte im dünnen Kleid, Die bloßen Füße im Schnee. All eure romantiſche Seelennot Schafft nicht fo herbe Pein, Wie ohne Dach und ohne Brot, Sich betten auf einen Stein. Ada Chriften. 166 Die Gleich beit Gäste. Auch dafür müssen die Genossen unter allen Umständen forgen, daß ihre Frauen und Töchter teilnehmen an den Veranstaltungen, die die Partei speziell für die Frauen trifft, an den Frauenleseabenden und auch an den größeren Parteifrauenversammlungen. Nicht von heute auf morgen können sich die Frauen, die bisher abseits standen von dem Getriebe der Politik, das geistige Rüstzeug erwerben, das notwendig ist, um nicht nur selbst den richtigen Weg zu gehen, sondern auch anderen diesen Weg zu zeigen. Dazu gehört, daß die Frauen jede sich bietende Gelegenheit ausnüben, um ihr politisches Wissen zu erweitern. Die Frauen dürfen nicht nur so oder so wählen, weil ihr Mann das tut, sondern sie müssen auf Grund eigener Ueberlegung die richtige Wahl zu treffen wissen. Ich erwähnte schon, daß die Sozialdemokratie die einzige Partei war, die für die Rechte der Frauen von jeher auf Grund ihres Programms eingetreten ist, während die bürgerlichen Parteien eller Schattierungen unseren Forderungen mehr oder weniger ablehnend gegenüberstanden. Auch am 9. November haben diese Barteien nicht etwa gründlich umgelernt, sondern nur der Not gehorchend ihren Widerstand gegenüber dem Frauenwahlrecht aufgegeben. Sie haben sich abgefunden mit dieser Tatsache und fich gleichzeitig daran gemacht, die Situation wenigstens so viel wie möglich zu ihrem Vorteil auszunüßen. Schon während bes Wahlkampfes zur Nationalversammlung haben wir erlebt, wie die bürgerlichen Parteien um die Stimmen der Wählerinnen geworben haben, und wie ihnen fein Mittel zu schlecht war, ihren Zweck zu erreichen. Bei dem bevorstehenden Wahlkampf zum ersten Reichstag der deutschen Republik wird sich dieses Manöver in verstärktem Maße wiederholen. Sämtliche Parteien rechts von der Sozialdemokratie bauen auf die geringe politische Aufgeklärtheit der Frauen und haben ba ein, wo die Frauen, besonders die Hausfrauen, jetzt am meisten getroffen werden bei ben Wirtschafts- und Ernährungsverhältnissen. Sie haben die Tatsache für sich, daß früher diese Verhältnisse besser waren als jetzt, und sie nüßen das aus, um der Revolution und den nachrevolutionären Regierungen die Schuld an unserem Elend zuzuschreiben. Diese Beute wissen selbst sehr genau, daß es der Krieg war, der uns in diesen Abgrund hineingeführt hat. Sie wissen, daß die jahrelange Blockade Deutschland entblößt hat von allem, was es zum Leben braucht, und daß das im Krieg wie Pilze aus der Erde geschossene Schieber- und Wuchertum mit dazu beigetragen hat, baß das wenige, was vorhanden war, nicht in gerechter Weise unter alle Volksgenossen verteilt werden konnte, sondern da untergebracht wurde, wo den Schiebern der größte Profit winkte. Gerade das Schiebertum, das aalglatt durch alle Maschen der Verordnungen und Gefeße sich hindurchzuwinden verstand und noch versteht, ist auch nicht unschuldig an dem Tiefstand unserer Valuta. Ich denke dabei im besonderen an die Kapitalverschie bungen nach dem Ausland, durch die die" Patrioten" von ehedem und in erster Linie die schlimmsten Hyänen des Schlacht feldes, die Kriegsgewinnler, ihre Millionen der Erfassung durch bie deutschen Steuerbehörden entzogen und ins Ausland gerettet haben. Ueber die Schieber aller Schattierungen könnte man ein besonderes Kapitel schreiben, und ganze Bände selbst würden nicht genügen, ihr verbrecherisches Tun gebührend zu brandmarken. Und deshalb konnten sie hier nicht unerwähnt bleiben, weil sie wirklich ihr gerüttelt Maß Schuld an der Volksverelendung tragen. Auch der Friedensvertrag von Versailles lastet schwer auf dem deutschen Volke. Nicht allein, daß die Entente den Frieden so unendlich lange hinausgeschoben und bis zu seinem Abschluß die Blockade in weitgehendem Maße aufreshterhalten hat, sondern bie darin festgelegten Bedingungen sind so schwer, daß Deutschland viele Jahre unter diesem Drud unsagbar zu leiden haben wird. Diesen Friedensvertrag hätten wir aber nicht, und das ganze Glend wäre nicht gekommen, wenn uns nicht die leicht fertige Politik vor dem Kriege die Feindschaft der ganzen Welt gebracht und dadurch diesen Krieg möglich gemacht häite. Heute erleben wir nun, daß gerade die Parteten, die die frühere Bolitik maßgebenb beeinflußt haben, die ungeheure Schuld, die auf ihnen laftet, untergehen lassen wollen in einem Wust von Unwahrheit und Verleumbung. Sie rechnen damit, daß sich das Bolk der politischen Senechtung der vorrevolutionären Zeit nicht mehr voll bewußt sei, wobei man nur an das vrewgische Wahl. Nr. 21 unrecht, die Einschnürung der Stationsfreiheit zu erinnern braucht, um zu wissen, daß es anders ist. Viel, sehr viel ließe sich noch anführen, was sich die Frauen und nicht nur diese, bei den Wahlen klar vor Augen halten müssen. Ich will aber nur noch von einem sprechen: das ist die Religionsfrage. Gerade damit treibt die Christliche Volks partei( das Zentrum) in unverantwortlicher Weise Stimmen. fang unter den Frauen, indem sie der Sozialdemokratie vorwirft, daß sie dem Bolt die Religion rauben wolle. Das Gegen teil ist richtig, denn bei ruhiger fachlicher Ueberlegung und gründlichem Nachdenken muß man feststellen, daß der Sozialismus, der die tätige Nächstenliebe in ihrer schönsten Form predigt, der Religion nicht entgegensteht, sondern mit ihr viele Berührungspunkte hat und ich möchte sagen, in seinem Endzie gleich ist mit wahrer Religion. Was die Sozialdemokratie will, ist nur die Trennung der Kirche vom Staat. Nach unserem Programm ist Religion Privatsache, und es kann daher nach unserer Auffassung keine staatlich sanktionierte Kirche geben, die sich von ben Mitteln der Steuerzahler erhält. Diese Mittel aufzubringen muß Sache der einzelnen Religionsgemeinschaften sein. Bei dieser Gelegenheit darf auch wohl erwähnt werden, daß sich die Lehren der Kirche oft von wahrer Religion recht weit entfernen, was besonders im Krieg recht deutlich hervortrat. Wahres Christentum bedeutet Nächstenliebe und verbietet das Töten des Menschen durch den Menschen. Während des Krieges haben sich jedoch die Geistlichen aller Konfessionen und aller Länder nicht gescheut, von der Kanzel aus den Sieg für die eigenen Fahnen zu erflehen, die Siege der eigenen Heere zu feiern, trok dem dabei auf beiden Seiten der kriegführenden Mächte Hunderb tausende ihr Leben lassen mußten; weitere Hunderttausende so fchwer verwundet wurden, daß sie ihres Lebens mie mehr froh werden können. Das alles sind Fragen, die sich die Frauen wohl überlegen sollten und deren gründliches Durchdenken sie dazu bringen muß, mit unseren Genossen in Reih und Glied den Wahlkampf zu führen, damit wir eine Mehrheit in der Volksvertretung erhalten, die auch wirklich den Interessen des Volkes dient. Dazu muß und kann jede Frau beitragen, indem sie nicht nur selbst am Wahltag ihre Pflicht tut und sozialdemokratisch wählt, sondern indem sie alle Frauen, mit denen sie bis zur Wahl zusammen fommt, zu gewinnen sucht für unsere großen Biele. Die Opfer der Arbeit Von Minna Schilling Nur das Volk wird den Sieg erringen, welches versteht, seine Boltskraft zu stüßen und zu erhalten. In der letzten Nummer der„ Gleichheit" beleuchtete ich die Rechtsansprüche der Kriegsbeschädigten, Witwen und Waisen; hinzuzufügen wäre noch: füs die Zeiten außergewöhnlicher Teuerung sind allgemeine Teue rungszulagen vorgesehen, deren Höhe im Haushaltplan festgesetzt wird. Gegenwärtig beträgt diese Teuerungszulage 25 Proz. der Rente. Wie steht es aber nun mit jenen Aermsten der Armen, die nicht Opfer des Krieges wurden, die aber auf dem Schlachtfeld der Arbeit blieben? Was hat das kaiserliche Deutschland für ozialpolitik ausgegeben? Jämmerliche Renten von 7 bis 18 Pf. pro Tag hat es Witwen und Waisen geboten. Die Renten der Invaliden- und Altersrentner waren ein Schandfleck im sozialen Leben Deutschlands. Während man für den Militarismus Millionen vergeudete, hatte man für die, die der Gesellschaft ihre Gesundheit und Kraft gegeben hatten, nur Bettelbrocken übrig. In einem Land wie Deutschland, das wirtschaftlich auf der Höhe stand, in welchem die Produktion die höchste Steigerung erreicht hatte, hätte das Parlament eine Sozialpolitik leisten können, daß die Arbeiter vor Arbeitslosigkeit, Krankheit unb Alter nicht zu erzittern brauchten; daß für die verivaisten Kinder in ausreichendem Maße gesorgt werden konnte.. 3var wurde mit dem zunehmenden Einfluß der Sozialdemo fratie im Parlament fortschrittlichere Sozialpolitik getrieben, aber bas, was bei dem Stand unserer Volkswirtschaft vor dem Kriege hätte geschehen können und müssen, ist nicht annähernd erreicht worden. Der Krieg, ber uns wirtschaftlich ruiniert hat, hat auch in jeber Weise Raubbau an der Volkskraft getrieben. Unterernäh Nr. 21 Die Gleich beit rung und Ueberarbeit, die ganze Kriegsindustrie in ihrer Gefährlichkeit haben unzählige Opfer, gefordert. Frauen wurden zu Krüppeln und sanken ins Grab auf dem Schlachtfelde der Arbeit. Nie werde ich es vergessen, als die Opfer der furchtbaren Grplosion der Munitionsfabrik in Plauen i. B. begraben waren, wie die mutterlosen Kinder, deren Vater im Felde stand, am Abend die Mutter an der noch immer brennenden Fabrik suchten. Ich möchte dies Elend all denen, die im Lurus leben und noch heute ihren seichten Vergnügungen nachgehen, vor die Augen stellen und in die Ohren schreien. Als wir am 9. November das wrache Staatsschiff übernahmen, faben es unsere Führer als erste Pflicht an, durch erlassene Verordnungen das Recht der Versicherten zu erweitern und den Alters- und Invalidenrentnern Zulagen zu gewähren. Mit der gesamten wirtschaftlichen Not wuchs naturgemäß auch die Notlage der Rentenempfänger, ohne daß ihr unter den gegenwärtigen Berhältniffen auch nur annähernd abgeholfen werden konnte, denn ber gute Wille nuht jetzt wenig, weil wir zu arm sind, um unsere Pläne finanziell verwirklichen zu können. Der Wirtschaftsausschuß der Nationalversammlung hat sich mit den Unfallventnern beschäftigt. Nur der großen Sachkenntnis und der warmen Darstellung unseres Genossen Molkenbuhr ist es zu verdanken, daß eine Zulage von monatlich 20 Mt. gewährt wurde, doch ist natürlich dies auch noch lange nicht ausreichend und eine vollkommene Umgestaltung ber Reichsversicherungsordnung ist bringend geboten. Die Nationalversammlung geht zu Ende; fie ist nicht mehr imftande, biese Aufgabe zu erfüllen. Sorgen wir dafür, daß in dem ersten Reichstag der jungen Republik eine Vertretung geschaffen wird, die eine Reform der Reichsversiche rungsordnung vornimmt, wie fie im Interesse der Arbeitnehmer geboten ist. Starke Büste wird erlangt durch das echte BocatelBusenwasser, welches Formen zur Rundschan 167 Das Heiratsproblem der bayerischen Lehrerinnen Der Verfassungsausschuß des bayerischen Landtages hat fürzlich mit Etimmengleichheit einen Antrag der Sozialdemokraten abgelehnt, die von der bayerischen Regierung verlangt, die Frage des Rechts der bayerischen Lehrerinnen auf Verheiratung dem Staatsgerichtshof des Deutschen Reichs zu unterbreiten. * Doktorprüfung auch ohne Abiturium Die philosophische und naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Münster ist fürzlich dafür eingetreten, daß diejenigen Frauen, die auf einer zehnstufigen höheren Lehranstalt für die weibliche Jugend das Reisezeugnis erworben haben, auch zur Doktorprüfung zuzulassen wären. Zur vollen Immatrikulation und Ablegung der Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen find diese Frauen bekanntlich schon längere Zeit berechtigt. Der Minister für Volksbildung hat sich damit einverstanden er Märt, daß zur Doktorprüfung in der philosophischen Fakultät das Reifezeugnis einer Studienanstalt oder eines Oberlyzeums genügt. Wer dem Gedanken, der ihn quält, erliegt, Der bleibt auch in der Wirklichkeit fein Knecht. Erwirb im Geilte Herrenrecht, So hast du auch in Wirklichkeit gefiegt. Friedrich Kaysler. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckerei. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. S. fämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Bettrasse Photographen Befreiung sofort Alter und Geschlecht angeb. Ausk. umsonst. diskret. Margonal, Gaslicht-, Zelloidin- BromsilBerlin, Belle- Alliance- Str. 32. berkarten, per1000 Stck. 270,-, 100 Stck. 27,50, Platten billig. Liste frei. Verhütung von Eheunglück! höchsten Ent- Auskunft über Frauenschutzfaltung bringt mittel send grat. Fortschritt u. ein. gleich- Versand J. Menzerath, mäß. 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Trifft das bei Dir auch zu? Hast Du in der Lehre gut aufgepaßt, hast Du nichts vergessen? Denk einmal dariiber nach, was hinter Dir liegt, was Du durch gemacht hast, dann weißt Du schon, wie Du Dein Gesellen stück machen mußt. „Vorbereitungen?" fragst Du.„Das ist doch nicht nötig, ich wähle doch sozialistisch, das genügt doch!" Nein, liebe Genossin, das genügt nicht: Du sollst und mußt Vorbereitungen machen. Wie Du das machen sollst? Wie steht es um Deine Nachbarin, wählt sie auch sozialistisch? Das weißt Du nicht? Frage sie, und wählt sie nicht wie Tu. dann überzeuge sie von der Notwendigkeit dcS Wählens in Deinem Sinne. Das ist Deine Pflicht, sie aufzuklären über die Bedeutung eines sozialistischen Sieges. Sie hat die schwere Zeit mitgemacht, ihr war der Krieg ein ebenso stren ger Lehrmeister wie Dir. Du mußt ihr klarmachen, wie sie ihr Gesellenstück machen muß. Und hast Du sie bekehrt, dann ein Haus weiter zur nächsten Nachbarin, kläre auch sie auf, sorge dafür, daß auch sie die Prüfung in unserem Sinne besteht. Sag nicht, daß Du es nicht kannst: Du hast so oft gezeigt, daß Du stark bist, zeig es auch jetzt. Nütze die Zeit bis zur Wahl gut, dann hast auch Du ein paar Bausteine zum Auf- und Ausbau unseres freien Staates herbeigetragcn. Fang mit der Kleinarbeit an, und Du kannst den Segen dieser notwendigen Arbeit bei der Wahl spüren. Trage jeder dazu bei, was in seinen Kräften steht, keiner darf zurückstehen, jeder muß helfen. Wenn so die nötige Kleinarbeit von jeder Genostin bis zur Wahl geleistet wird, dann ist der Sieg unser. Wir wollen und wir müssen heraus aus unserm Elend. Darum, auf Genossin! Noch ist Zeit, noch kannst Du auf Deine Nachbarin einwirken: zeig ihr, wie sie das Ge- seilen st llck zum 6. Juni machen muß. Glück auf den Weg! Minna Lubitz. Jetzt vorwärts Von Gustav Fuß «Die Frau ist ein schnellwachsendes Unkraut, sie ist ein unvollkommener Mensch, dessen Körper nur deshalb schneller zur vollständigen Entwicklung gelangt, weil er von geringerem Wert ist und weil die Natur sich weniger mit ihr beschäftigt."(Thomas v. Aquino, 1227— 1274.) Vergleicht man heute die Stellung der Frau, die dies« in Staat und Gesellschaft sich einzunehmen schickt, mit jener Zeit, die obige Worte prägte, so liegt ein Stück staunenswerter Geschichte vor uns. Ueberall in Staat und Kommune Hütt die Knau ihren Einzug und uach zähem gewerkschaftlichen und politischen Kampfe fallen all mählich die eisernen Schranken, die sie bislang gefesselt hielten. Im geioerkschaftlichen Kampf zur Solidarität erzogen, im poli tischen Kampf für die Stellung in der Zukunft vorbereitet, steht die Frau heute als Siegerin an der Seite des Mannes im Emanzi pationskampf da. Niedergerissen sind alle Erschwernisse, fortge spült alle Hemmungen, die von einer mit allen Machtmitteln aus- Vestattet gewesenen Regierung aufgestellt waren. Heute ist alle Welt überrascht von dem glänzenden Triumphzug proletarischer Frauen; bloß unsere politischen Gegner sehen der freiheitlichen Entwicklung der Frauenbewegung mit einem nassen und einem trockenem Auge zu. Noch heute wohnt in ihrer Brust das Motto: »Die Frau gehört ins Haus." Weil sie aber wissen, daß zum politischen Kampfführen auch die Stimme der Frau gehört, um schmeicheln sie diese, um sie für ihre Zwecke zu gewinnen. Sie verschmähen zwar die Stimme der Frau nicht, wollen sie aber benutzen, um, wenn ihnen die Gelegenheit dazu willkommen scheint, ihre alte Herrschaft wieder zu etablieren. Wer war es, der von jeher die Rechte der Frauen vertrat? Greifen wir aus dem Fragenkomplexe einmal rein willkürlich die Frage des gesetzlichen Schutzes unserer Arbeiterinnen heraus. Im Jahre 1907 legte die Regierung dem Reichstag eine Novelle zur Gewerbeordnung vor, die durch das internationale Ueberein» kommen in Bern 1906 notwendig geworden war. Diese ver pflichtet die VertragSstnatem� in gewerblichsn Betrieben ein Ver bot der Nachtarbeit für Arbeiterinnen herbeizuführen. Ferner war in diesen Vereinbarungen eine mindestens elfstllndige Ruhe zeit vorgesehen, die in die Zeit von 19 Uhr abends bis 5 Uhr früh eingeschlossen sein mußte. Die tägliche Arbeitszeit sollte über 19 Stunden nicht hinausgehen. Für Arbeiterinnen sollte durch Ortsstatut der Fortbildungsschulunterricht eingeführt und der sanitäre Maximalarbeitstag künftig auch von der Polizei angeordnet werden. Der Entwurf brachte den Zehnstundentag an Stelle des bisherigen Elfstundentages für Arbeiterinnen in Vor schlag. Dieses Zugeständnis bedeutete jedoch keinen erheblichen Fortschritt, da sich der Zehn stundentag mit Hilfe der Gewerk schaften bereits von selbst eingeführt hatte. Die Ermittlungen der Gcwerbeinspektion ergaben schon 1992, daß von M799 Betrieben mit 813 599 Arbeiterinnen— 979« Betriebe mit 89191 Arbeite rinnen eine Arbeitszeit von 9 Stunden und darunter hatten, wäh rend in 18 267 Betrieben mit 347 814 Arbeiterinnen eine Arbeits zeit bis zu 19 Stunden bestand. Und doch war auch dieser immerhin gcriirge Erfolg nur dem unablässigen Drängen unserer Vertreter in den Parlamenten zuzuschreiben. In den folgenden Jahren hat die Durchführung des Zehnstundentages erhebliche Fortschritte ge macht. Die von der Regierung vorgelegte Novelle sanktionierte also im wesentlichen den bisherigen Zustand. Die Mitglieder der sozialdemokratischen ReichstagSfraktion beantragten eine wei tere Herabsetzung auf 9 Stunden und vom 1. Januar 1912 auf 8 Stunden. Dieser Antrag fand bei den bürgerlichen Parteien keine Unterstützung. Im Plenum beantragte die freisinnige Volks partei(Vorläufer der heutigen demokratischen Partei), daß Ar beiterinnen. die ein Hauswesen zu besorgen haben, Sonnabends nur 9 Stunden beschäftigt werden dürfen, zu streichen und auf 8 Stunden heraufzusetzen. Rationalliberale, Konservative und Wirtschaftliche Vereinigung traten diesem Antrage bei, den sie damit begründeten, daß die Arbeiterschaft mit der freien Zeit nichts anzufangen wisse. Schließlich hat die Beharrlichkeit de? Kampfes und die Einführung des gesetzlichen Achtstundentages, die sicher ohne die aktive Mitwirkung unserer Partei noch nicht gekommen wäre, doch den Sieg davongetragen. Er mußte kommen, denn der weibliche Organismus kann eine lange Arbeitszeit noch weniger vertrage»', als der des Mannes. Furchtbar sind die Wir kungen auf die heranzubildenden Familien, tvenn erst einmal Körper und Geist der Frau zu erlahmen anfängt. Am schlimmsten zeigen sich diese Wirkungen bei dem Martyrium der Mutterschaft. Mit dem Gefühl völliger Müdigkeit und Mattigkeit erhebt sie sich von ihrem Lager, mit zitternden Knien wankt sie zur Arbeit, bei der sie mit schmerzdurchwühltem Körper ausharren muß, wenn auch die Kräfte schier zu versagen drohen. Die Sorge um die Erhaltung der Arbeit zwingt sie oft, ihren Zustand zu verbergen und die quälende Sorge um die vermehrten Ausgaben für das zu erwartende Kind treibt ihr vielleicht einen Fluch auf die Lippen über das Unglück der Schwangerschaft. Sind auch seit dem 9. No- vember 1913 zum Teil sehr durchgreifende Reformen auf diesem Gebiete durch die Initiative unserer Vertreter in der National versammlung zu Wege gebracht worden, so kann die praktische Durchführung auf sozialpolitischem Gebiete nicht ohne Mitwirkung der Frauen selber vor sich gehen. Die Aufgaben der Frau in der Revolution sind grundverschieden von den in der vornovemberlichen Zeit. Haute gilt es einzu dringen in alle Zweige des öffentlichen und privakrechtlichen Levens, heute ruht die Verantwortung für das Geschick der deut schen Republik auf den Schultern der Männer und Frauen gleich- 170 Die Gleich beit mäßig. Hat uns nicht der mißlungene app- Butsch die Augen geöffnet über die ungeheuer großen Aufgaben, die es zu lösen gilt? Gemeinsam in der Abwehr brachten wir dieses gefährliche Experiment, das zum Endziel auch die Entrechtung der Frau hatte, zum Scheitern. In wenigen Wochen werden wir in den Wahlstrudel hineingerissen werden und dann muß sich zeigen, wer das wirkliche Interesse der Frau wahrgenommen hat. So sehr wir die Notwendigkeit einer Koalitionsbildung während einer vorübergehenden Epoche auch anerkennen, so muß unser Kampf doch ein sozialistischer sein. Es gilt klar herauszuarbeiten, welche Aufgaben wir unter dem Sozialismus zu erfüllen haben. Aufgaben, die nur erreicht werden können durch eine ungtveideutige Politik aller wahrhaft überzeugten Sozialistinnen. Jezt darf es teine Halbheiten auf dem Wege zur vollstän digen Befreiung vom Joche des Kapitals geben, jekt muß jede klassenbewußte Sozialistin mit ihrem ganzen Ich für die Forderungen ein. treten, die Gemeingut unseres Parteipro gramms sind und zu deren Erfüllung die gegen wärtige Verfassung auch für die Frauen die Bahn freigemacht hat. Nicht ängstlich sein! Wir haben viele tüchtige Genoffinnen in der Bewegung. Uner müdlich eilen sie von Haus zu Haus, Trepp auf Trepp ab. Kassieren, tragen die„ Gleichheit" aus und betätigen sich mit Erfolg bei der Hausagitation, wenn es gild, neue Kämpfer und Kämpferinnen für bie Partei zu werben. Sie beteiligen sich an der Diskussion in den Frauenmitgliederversammlungen und tragen gute Gedanken und brauchbare Anregung hinein. Doch jetzt, da fie herangeholt werden von ihrer Parteileitung, um kleine Vorträge in Versammlungen zu übernehmen, da sind sie ängstlich: Nein, das fann ich nicht!" Dies ist nicht recht gehandelt. Wir Frauen dürfen unser Können nicht verleugnen, sondern müssen mutig mit anpaden. Ich mache ben Genofsinnen, die ängstlich sind vor dem ersten öffentlichen Auftreten", den Vorschlag, stellt euch ein kleines Referat zusammen über eine Frage des öffent lichen Lebens, die euch der Natur nach am besten liegt. Haltet diesen Vortrag im Kleinen Streise( Distrift, Frauenversammlung), und es wird euch nach ben ersten Säßen schon leichter werden zu sprechen. Für gut, ja für notwendig, halte ich es, einen tüch tigen Genossen oder eine Genofsin mitzunehmen, welche man bann rückhaltlos nach dem Urteil fragt, um Fehler und Mängel, ein Zuviel oder Zuwenig, an mancher Stelle beim zweiten Male auszuschalten. Auch erhöht es das Gefühl der Sicherheit, wenn bas erstemal jemand dabei ist, der bei einer eventuellen Entgleisung beispringen kann. Vor allem ist es nötig, einen Gedanken flar durchzudenken und ihn vuhig auszusprechen und sich nicht durch unaufmerksame Besucher, die sich ungestört weiter unterhalten, abbringen lassen. Wagt einen Heinen Versuch und der Erfolg bleibt nicht aus. Denkt immer daran: mutig habt ihr 4½ Jahre die Opfer eines Krieges getragen, mutig die Männerarbeit verrichtet. Jetzt gilt es dem Erlöser Sozialismus ben Weg zu bereiten, und darum muß alle Aengstlichkeit zurückgestellt werden. Durch das Wort müssen wir unsere Jdeen verbreiten. Seid mutig und beweist, daß euch das Wohl der Menschheit am Herzen liegt. Der Erfolg wird euch neuer Ansporn sein! Alma Röhle Frankfurt. Zielsucher Bon Carl Diesel. II. Zielsucher sein, das bedeutet: Wege gehen, denen ber große Durchschnitt, die Masse des Alltags und der feelischen Niedrigkeit, fernbleibt, Wege, die von Gleichgültigen und Furchtsamen, vox Unvermögenden und Schwachen niemals beschritten werden. Und weiter bedeutet es, daß der Suchende aus eigener Kraft ein aus Sehnsüchten und Neigungen geläutertes, als wertvoll erkanntes, als heilig empfundenes Jdeal vor fich aufgepflanzt hat, dem er durch Wirrnis und Einsamkeiten entgegenstreben muß traft der göttlichen Sehnsucht seiner dürftenden Seele, Zielsucher find Auserkorene; wo aber steht geschrieben, baß fie es feien auf Grund der herrschenden gesellschaftlichen Nangord Nr. 21 nung? Wer wagt es zu behaupten, daß die gesellschaftlichen Vor rechte der Geburt ausschlaggebend sind bei dem Streben nach dem wahren, echten Menschentum, nach lauterftem Persönlichkeitswert, nach dem Göttlich- Schönen? Dennoch aber sind unter denen, die kraftvollen Herzens selbst gewollte Wege gehen, Unterschiede vorhanden, die von der Natur selbst getroffen wurden. Wir wissen von solchen, die ruhig und aufrecht ihre Bahn gingen, von anderen, deren Ruhe nur scheinbar war, von britten, die von Leidenschaften gepeitscht wurden und Leidenschaften zu besiegen hatten, bevor sie sich durchrangen. Und wir wissen weiter, daß die größten Zielsucher uns anderen die größten und verehrungswürdigsten Bielweiser sind; wir bedürfen ihrer wie des täglichen Brotes, und das Beispiel ihres Lebens wird für uns zum Hochgefang. Und wenn nun gar ein Mensch dieser Art sein Leben lang aus dem unergründlichen Borne bes qualvollsten Beides fchöpft, wenn Schmerz und tiefste Not der Seele sein ständiger Begleiter sind, dann müssen doch eigentlich wir anderen, die wir aus der Einsam feit, aus niederdrüdendster Meinlichkeit heraus nach Licht und Befreiung lechzen, diesen Menschen am ehesten begreifen können. Denn stets ist Schmerz der leise und ach!- bedenkt es nur recht! so wohltuende Vermittler, wenn er recht empfunden, wenn seine unantastbare Heiligkeit im höchsten Maße geehrt wird. Dein ist die Weisheit, Gott, und du beschließt, Daß auch wir Sterbliche die Weisheit schmeden Durch Leib, burch tiefes Leid, denn das macht Klug. Gestorbene Hoffnung gibt uns tiefste Einsicht. Wen Schmerz zerriß, der weiß Bescheid um Menschen, Bescheid um Götter. Wie zur Regenzeit Die grauen Wasser unablässig tropfen, So rauscht das Leid in unsere Nächte bang, Tropft unablässig auf das Herz und flößt Ihm Weisheit ein. Von Göttern aus der Höhe Hernieder quillt sie und wir werden weise Auch wider Willen..... ( Aeschylos.) Aus einem Zeitalter, das an Bewegtheit des politischen und geistigen Lebens, an herrschsüchtiger Unterdrückung und freiester Entfaltung, an offenkundiger Berachtung für vulgär gewordene, herabgezerrte, zu Hohn und Spott erniedrigte Religionsbegriffe, an höchstgesteigerter Verehrung für die keusche Unheiligkeit des Altertums, an wahnwißigem religiösen Fanatismus seinesgleichen sucht, fucht, aus der Renaissance heraus erwächst der Gigant des Schmerzes: Michelangelo. Die Tragit seines Menschentums, die alles überragende Größe feines Wirkens er war Bildhauer und Maler, Architekt und Boet vermag nur der zu erfassen, dem das glückliche Vermögen ward, jene Tragik und Größe mit zitternber Seele, in gänzlicher, ichbefreiter Hingebung mitzufühlen. Wen angesichts dieses Lebens, dieses Schaffens nicht tiefstes Mitleid, reinste Bewunde rung erfaßt, wen diese Fülle unjäglichen Leids nicht berührt, wer in dieses bon Furcht und Rubelofigkeit abgehetzte Gesicht blickt ohne Rührung, ohne Mitgefühl, ohne innerste, erschütternbe Betvegtheit, dem werden die Sterne ewiger Schönheit niemals leuchten. Wer Goethes Art kennt, weiß, was er mit diesen Worten sagen will, in denen Bewunderung und Ergriffenheit einen anscheinend so unzulänglichen Ausdruck finden: " Dann gingen wir in die Sigtinische Kapelle, die wir auch hell und heiter, die Gemälde wohl erleuchtet fanden. Das jüngste Gericht und die mannigfaltigen Gemälde an der Decke, von Michelangelo, teilten unsere Bewunderung. Ich konnte nur sehen und anstaunen. Die innere Sicherheit und Männlichkeit bes Meisters, seine Großheit geht über allen Ausdruck." Am 28. November kehrten wir zur Sirtinischen Rapelle zurüd, liegen bie Galerie aufschließen, wo man den Plafond näher sehen kann; man drängt sich zwar, da sie sehr eng ist, mit einiger Beschwerlichkeit und mit anscheinender Ge fahr an ben eisernen Stäben weg, beswegen auch die Schwindligen zurückbleiben; alles wird aber durch den Anblick des größ ten Meisterstücke ersetzt. Und ich bin in dem Augenblide so für Michelangelo eingenommen, daß mir nicht einmal die Natur auf ihn schmeckt, da ich sie doch nicht mit so großen Augen wie er sehen kann. Wäre nur ein Mittel, sich solche Bilder in der Seele vecht zu figieren. Wenigstens was ich von Kupfern und Zeichnungen nach ihm erobern kann, bring' ich mit." ( Aus der Italienischen Reise.Y Nr. 21 Die Gleichheit Es liegt in der Art des Menschen, daß Schilderungen, Beschrei bungen, Charakteristiken, die auf das Geistige und Seelische eines bedeutenden Menschen gerichtet sind, von der Borstellungskraft übernommen und auf das vein Körperliche angewandt werden. Würde nicht, wem Michelangelos Erscheinung noch unbebannt ist, thn einem felsenschleudernden Prometheus gleichstellen; givingt nicht die Betrachtung seiner Bildwerke, seiner Malereien mit ihren gigantischen Gestalten dazu, in ihrem Schöpfer einen Uebermenschen auch von förperlicher Größe und Kraft zu sehen? Die Schilderung eines zeitgenössischen Künstlers, Condiri, foll uns ein Bild von Michelangelos äußerer Erscheinung geben; in allem anderen soll er selbst zu uns sprechen, durch seine Gemälde, feine Bauwerke und Dichtungen. - Aus der Frauenbewegung des Auslandes Wie wir aus englischen Berichten ersehen, haben bis jekt vier Regierungen Delegierte für den Internationalen Frauenkongreß, ber in Genf vom 6.- 12. Juni stattfinden wird, ernannt. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika ernannten Frau Jofepha Danjels, ber englische Premier Lloyd George bat Frau Astor, die erste Abgeordnete im englischen Parlamente, die Britische Regierung zu vertreten, Fräulen Anna Whitlock, die erste Präsidentin der schivedischen Frauenbewegung vertritt Schweden, und die Regierung von Uruguay ernannte Frau Dr. Paulina Luist, die als Frauenrechtlerin und Bekämpferin des weißen Sklavenhandels sehr bekannt ist. Man ist zum Entschlusse ge= kommen, die Liga für Völkerbund offiziell vertreten zu haben, boch sind bis jetzt noch keine Namen erwähnt worden. Ein internationales Frauenbureau Aus England wird gemeldet, daß die Gesellschaft für gleiches Bürgerrecht am 8. Mai eine Frauenkonferenz zusammenberufen wird, um bie Einrichtung eines internationalen Frauenbureaus zu besprechen. Der Antrag für eine besondere Frauenabteilung, dem internationalen Arbeitsbureau entsprechend, soll auf dem Frauentongreß in Genf im Juni noch weiter entwidelt werden. * Am Mittwoch, den 28. April soll in London eine große Frauenbemonstration stattgefunden haben, deren Zweck es war, gleiche Rechte und Gehaltsansprüche für die weiblichen Beamtinnen zu erzielen. Am ersten Tage bes Frauenkongresses wird Fräulein Maude Royden in der Genfer Kathedrale eine Predigt abhalten, und sie wird somit die erste Frau sein, die in Genf eine Kirchenpredigt gehalten hat. * Aus Egypten wird eine gute Vertretung erwartet. Frau Sarogini Nardu und Frau Chandra Sen, atvei sehr bewährte Rednetinnen, werden an den öffentlichen Besprechungen teilnehmen, um zu beraten, wie bie Frauen des Abendlandes die Frauenbewegung im Morgenlande am meisten fördern können. Die Abgeordnete Frau Furujhelm aus Finnland wird über die Abgeordnetenversammlung der Frauen präsidieren, wo unter anderen die Vertreterin Dänemarks, Fräulein Elna Murich, der die Durchführung des Gesetzes für gleiche Bezahlung ber weiblichen Staatsangestellten zu verdanken ist, Lady Astor und Fräulein Ring Robinson, früheres Mitglied bes Senats von Cobrado, anwesend sein werden. Man erwartet eine große Delegation von Frankreich, Italien, Serbien und Holland. Wegen ber schlechten Bafuta in verschiebenen Ländern Europas, bon denen eine Delegation von allergrößtem Interesse sein muß, at man sich entschlossen, eine Sammlung zu veranstalten, um Delegierten dieser Länder die Reise zu ermöglichen. Aus unserer Bewegung Unfere abgeordneten Genoffinnen der Nationalversammlung haben eine gemeinsame Nunbgebung in folgendem Flugblatt, welches sich gegen bie beutschnationale Judenhete richtet, erlassen: Tausende von Flugblättern kommen in diesen Tagen in die Sände unseres Bolles. Jede Meinung, jede Weltanschauung 171 ringt um die Stimme des Wählers, der Wählerin. Wenn das Werben, die Beeinflussung und Beweisführung sachlich und an ständig sind, wenn bie einzelnen Parteien den Wahlkampf in ver fassungsmäßigem Sinn führen, werden wir Frauen manche Härte verständlich finden; benn das liegt im Wesen des Kampfes. Immer aber soll man als Mensch auch im politischen Gegner den Menschen achten. Aber was seit Monaten unser Volf wie eine schleichende Krank heit erfassen will, was uns beim Lesen in rechtsstehenden Zei= tungen entgegenstarrt, was beim Kaufmann, Bäcker, Fleischer und Gemüsehändler geraunt, getuschelt und laut geschimpft wird, was uns in widerlich aufgemachter Weise in Flugschriften geboten wird:„ Die Juden find an allem Unglüd schuld", das führt vom politischen Kampf zum blutigen Rassenkrieg. Das dürfen wir nicht hinnehmen. Dagegen müssen wir Front machen! Man pekuliert mit diesem Gerede, das schon seit Monaten herumgesprochen wird, auf die politische Gleichgültigkeit der Fraut Mit den groben Flugblattmachwerken soll sie eingefangen werden. Es sind dieselben plumpen Mittel, die früher in der Sudelküche der antisemitischen Presse angewandt wurden. Und sie stammen heute aus derselben schmutzigen Quelle. Warum greift man zu Lüge und Klatsch in der ekelsten Form? Warum stachelt man ein Sensationsbedürfnis niedrigster Ark auf durch erfundene Erzählungen von Kindermorden, die aus rituellen Gründen verübt wurden? Warum verschweigt man die Beweise? Weshalb predigt man widerlichen Haß gegen Menschen, die weiter nichts benn anderer Abstammung sind? Die Juden haben gewiß in ihren Reihen gute und weniger gute Menschen, minderwertige Naturen und Verbrecher, aber insgesamt sind sie nicht schlechter oder besser als andere Menschen auch, die von einer Mutter geboren. Oder können wir sagen, daß alle nichtjüdischen Menschen rein und engelgleich wären? Zehntausende jüdischer Mütter haben während des Krieges alles Leid, alles Elend getragen, genau wie die anderen. Fühlt Ihr es mit, wie einer Mutter zumute ist, die ihr blühendes Kind hingegeben hat, das man nun bis ins Grab als Feind und Drüdeberger schilt? Was den Volksfeinden in Deutschland nicht paßt, ist, daß an dere Kreise jetzt Einfluß in unserem Staats- und Wirtschaftsleben gewinnen sollen. Jahrzehnte haben sie, deren Anhänger vornehmlich in der deutschnationalen Partei sind, sich als die Herrscher, die Herrenmenschen gefühlt. Vor allem danken wir ihrem brutalen Machtdünkel Krieg und Niederlage. Die ehemaligen Konservativen, die Leute von der Vaterlandspartei, die heutigen Deutschnationalen find es, die sich zum Antifemitismus, zum Rassenkrieg bekennen. Sie waren es, die das deutsche Volt beinahe verbluten ließen. Nun wollen sie die Schuldspuren verwischen. Darum das Ge schrei in allen Arten:" Die Juden find an allem schuld!" Die Deutschnationalen haben ihre Stärke, politische More und ihr Ansehen, baher auch ihren Einfluß verloren. Daru scheuen sie vor feinem Mittel zurüd. Der alte Trick, der den flüchtenden Gauner Haltet den Dieb" rufen läßt, soll sie vor bem Zorn des Volkes, vor dem Voltsgericht in Sicherheit bringen. Deshalb suchen fie durch die Anstachelung ber niedrigsten Instinkte Verblendete oder oberflächlich Denkende au ihrer Gefolgschaft zu machen. Frauen und Mädchen! Hütet Euch vor all denen, die Euch vor und während des Krieges als Unmündige behandelten, Euch alle politischen Rechte vorenthielten. Ueberlegt und handelt dann! Wir fordern Euch auf: Lehnt den Antisemitismus ab, diese „ Abscheulichkeit, bie burch sittliche Aufklärung bekämpft werden muß", wie einmal ber Volksschriftsteller Peter Rosegger äußerte. Tolstoi, der edle Russe, ber in seinem Vaterland, das in der Kultur so weit zurück war, die fürchterlichsten Judenpogrome er lebte, fennzeichnet die Judenheze als ein„ Getvissenloses Treiben, um die Wut ber ungebildeten Masse gegen eine Minderheit zu erregen". Es wäre die größte Schante für das deutsche Bolt, seine Männer und Frauen, wenn es das letzte Machtmittel des verfommenen zaristischen Rußlands benußen wollte: systematisch geschürte Judenheze! Schlagt den Verderbern unseres Volkes biese schmierigen Mittel aus den Händen, denkt nach über die aufdringliche Art, mit der 172 Die Gleichheit man sich gerade an die Frauen und Mädchen unseres Volkes wendet, um die sich diese Leute vor dem Kriege nie gekümmert haben! Werdet nicht Handlanger ihres selbstsüchtigen Machtwillens! Stärkt den Einfluß derer, die treu im größten Unglück unserem Bolle helfen wollen, bie jede Unterdrückung bekämpfen, richte sie sich, wie es im sozialdemokratischen Programm heißt, gegen eine Klaffe, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Raffe". * Hauptversammlung Die foz. Frauengruppe Neu- Ulm fonnte am letzten Aprilsonntag nach einjährigem Bestehen ihre 1. Hauptversammlung abhalten. Die Vorsitzende Gen. Renz erstattete den Jahresbericht. Demselben war zu entnehmen, daß der heutige Mitgliederstand 128 beträgt; daß 11 Versammlungen mit Vortrag und eine gefellige Zusammenkunft( Weihnachtsfeier) stattgefunden haben; daß 11 von 24 Stadtratsfiben gewonnen wurden, darunter eine Genoffin( es könnten deren bereits zwei sein, wenn die an späterer Stelle rangierende Genossin nicht durch Wegzug am Nachrüden berhindert wäre). Wir haben ferner zwei Genoffinnen im Nom munalverbandsausschuß und je eine im Armen- und Waisenvat. Als Aufgabe des neuen Geschäftsjahres bezeichnete die Rednerin den Ausbau der Frauengruppe, denn ohne die Frauen sei das lebte Ziel, der Sozialismus, nicht erreichbar. Ueber all den Sorgen für Nahrung und Kleidung dürfe doch der Blick für die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge nicht verloren werden. Borsicht sei geboten gegenüber der oft raffinierten Agitation von rechts. Reif seien wir heute noch nicht viel mehr als anno 48; wir müßten uns alle Mühe geben, reif zu werden. Ein vorzügliches Mittel dazu fei bie„ Gleichheit". Hier spreche die Frau zur Frau, hier Klinge ettwas mit in uns, und die Stunden, in denen wir die„ Gleichheit" zur Hand nehmen dürfen, seien Feierstunden für uns Frauen. Rednerin ging dann über zu den Notwendigkeiten der nächsten Zukunft, zu den Wahlen. Das Wahlvecht, von der Sozialdemokratie uns geschenkt, müffe nun auch im Sinne der Sozialdemokratie von uns gebraucht werden. Bei teiner anderen Partei finde die Frau eine ähnlich kräftige Unterstüßung. Ein Beweis hierfür seien außer August Bebel auch die Berhandlungen der Nationalversammlung über die unehelichen Mütter und Kinder. Der Wahlkampf werde heftig werden; aber diesmal dürfen wir nicht wieder versagen; wir müssen Hindurch mit Freuden!" Nach lebhaftem Beifall für diese guten Ausführungen wurde in der Diskussion noch betont, daß die Frauengruppe jederzeit die kräftigste Unterstützung seitens der Genossen erfahren hat. Als Wunsch wurde ausgesprochen, daß die Genoffinnen im neuen Geschäftsjahr ihre heranwachsenden Töchter in die Versammlungen mitbringen möchten, nicht um fie sofort organisieren zu lassen die jungen Leute sollen sich frei entwickeln, nicht von Anfang an auf ein bestimmtes Programm festgelegt werden, selbst wenn es das unsrige wäre, aber sie sollen kommen, um unseren Ideengang wenigstens kennenzulernen. Hierauf wurden die Neuivahlen vorgenommen, aus welchen der Ausschuß in der alten Zusammensehung wieder hervorging, auzüglich einer jugendlichen Genossin, deren besonderes Mandat die Agitation unter ihren Altersgenossinnen sein soll. Zwei weitere Genoffinnen wurden in die Komission für die Hausangestelltenbewegung entfandt. Zu dem Thema" Politische Frauenbewegung" bekam dann ein Genosse das Wort. Seine Ausführungen gipfelten gleichfalls in der Aufforderung zu eifriger Wahlarbeit. Mit Befriedigung über den wohlgelungenen Verlauf konnte die Versammlung um 11 Uhr geschlossen werden. Möge unserer Frauengruppe ein fröhliches Weitergebeihen beschieden sein! Anna Pfänder. * Schwerin. Die sozialdemokratische Frauengruppe hielt am 23. April eine gut besuchte Versammlung ab. Auf der Tagesordnung stand: 1. Jahresbericht, 2. Vorstandswahl, 3. Berschie denes. In dem Jahresbericht wurde vor allem betont, daß die Hauspflege auf Antrag der sozialdemokratischen Frauengruppe bei der Ortstrantentaffe eingeführt wurde. Danach haben alle selbstversicherten Frauen sowie die Ehefrauen der Versicherungspflichtigen in schweren Krankheitsfällen Anspruch auf eine Hauspflegerin, die von der Krankenkasse bezahlt wird. Sind wir auch mit der Agitation nicht ganz zufriedengestellt trotz der Fortschritte, so ist das erklärlich, da die sozialdemokratische Frauengruppe Nr. 21 nicht eher zufrieden ist, bis auch die letzte Proletarierfrau zur Sozialdemokratischen Partei gehört. Wir dürfen den Glauben an die Menschheit nicht verlieren, denn der Sozialismus wird doch einft zum Siege kommen. Es wurde beschlossen, die Borstandswahlen in der Frauengruppe vorzunehmen, da bei der Sozialdemokratischen Partei der Jahresschluß Ende März stattfindet. Ge wählt wurden folgende Genoffinnen: 1. Borfißende Gen. Haller, 2. Vorsitzende Gen. Baumgarten, 1. Schriftführerin Gen. Rabe, 2. Schriftführerin Gen. Straßenburg. Jm 3. Punkt der Tagesordnung Berschiedenes wurde Stellung bazu genommen, ob die Frauengruppe eine Vertreterin in den Frauenrat senden will Es wurde eingehend der Paragraph, der von politischer Aufklärung handelt, erörtert, worüber man recht verschiedener Auffassung sein fann. Es wurde schließlich von der Frauengruppe abgelehnt, eine Bertreterin in den Frauenrat zu senden. Vielmehr wurde angenommen, endgültig in der Hauptversammlung darüber zu ent scheiden. Zum Schluß fand noch eine rege Diskussion statt über die diesjährigen Wahlen. * Von der Lahn. Recht verheißend läßt sich der Auftakt zur fommenden Reichstagswahl im Ober- und Unterlabutreis an. In außerordentlich start besuchten und zum Teil überfüllten Berfammlungen sprach die Genossin Röhle- Frankfurt in Aumenau, Hadamar, Hahnstätten, Gubach, Grävened und Limburg über die politische Lage und die kommenden Wahlen. Die guten Ausführungen wurden überall mit stürmischem Beifall aufgenommen. Tie Referentin fennzeichnete treffend das Gebaren der Rechten und ihr schändliches Doppelspiel, das sie insbesondere während der Rapptage trieben. Eie berurteilte unter Zustimmung der Ver sammelten jede Dittatur und wies nach, daß nur auf demokrati schem Wege dem Ziel des Sozialismus zugesteuert werden könne. Den anwesenden Frauen legte die Referentin besonders das Be deutungsvolle der kommenden Wahlen ans Herz. Sie streifte die foziale Gesetzgebung, den Mutterschuh und die Wochenhilfe. Mit der Aufforderung, fich der Partei anzuschließen, Leser der Parteipresse zu werden und sich stolz zum Cozialismus zu bekennen, beendete Genoffin Röhle ihre Ausführungen. Die Versammlungen brachten uns einen guten Erfolg, der um so höher zu bewerten ist, weil in den Zentrumsorten auch Frauen den Weg zu uns gefunden und die„ Gleichheit" abonniert haben. Limburg. Einen vorzüglichen Anfang hat für unsere Bartet der Wahlkampf in Limburg genommen. In gut besuchter Wäh Terversammlung sprach am 15. April Genoffin Röhle- Frankfurt über die Wählerpflichten am 6. Juni. In fluger Weise setzte sie sich mit all den Widersachern eines geordneten politischen und fozialen Aufbaues auseinander und hielt was in Limburg besonders not tut ein scharfes Gericht ab über die Unzuver lässigkeit des Zentrums, von dem man nach dem Vorstoß Trim borns in der Nationalversammlung wieder auf jede Möglichkeit gefaßt sein muß. Das unwandelbare Festhalten an den alt bewährten Zielen unserer Partei wird der deutschen Bolitik auch weiterhin die Stabilität verleihen, die durch die Rückgratlosigkeit anderer Elemente gefährdet erscheinen könnte. Genosfin Röhle erntete viel Beifall. Freude Tag für Tag in den Berufo, wie schön ist es, nicht nur für seinen Unterhalt zu sorgen, sondern zu wirken, aufzuklären, zu arbeiten für bie Unterdrüdten. Sie sollen emporgehoben werden zum Licht, zur Sonne. Wir dürfen nicht müde werden, müssen immer frischen Geist und Lebensmut haben, auch wenn noch so schwere Schickfasschläge kommen. Die elegante Dame wird müde durch Nichtstun. Die prole tarische Frau, die da körperlich und geistig arbeiten muß, soll und darf nicht müde sein, fie muß ihre Mitschwester, die unter der Arbeitslaft stumpf geworden ist, wieder aufrütteln, ihr wieder neuen Mut geben. Und doch wird es für sie, auch wenn sie alles mit freudigem Herzen macht, nicht immer leicht sein. Aber immer ist sie freudigen Mutes, für die Müden zu arbeiten, um ihnen ein besseres Dasein, eine bessere Zukunft erringen zu helfen. Das ist ihr Lebensinhalt und schafft ihr die Freude. Das läßt sie nicht müde werden. Elise Bahr Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckeret. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer 6. m. v. b. fämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3