Nr. 23 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Post bezogen vierteljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mart Berlin 5. Juni 1920 Die Frau und ihr Haus Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplatz 14740 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Ende und Anfang Am 21. Mai ist die Nationalversammlung endgültig auseinandergegangen, nachdem sie für den 19. Mai noch einmal zur Erledigung dringender Gesetzesvorlagen zusammenberufen war. Von besonderem Interesse ist die Heraussetzung der Versicherungspflichtgrenze in der Angestelltenversicherung von 5000 Mr. auf 15 000 ME.; von unserer Partei waren als Höchstgrenze 25 000 mt. beantragt worden. Eine Verein heitlichung der sozialen Versicherung tut dringend not im Interesse der Versicherungsanstalten als Träger der Leistungen sowohl, wie im Interesse der versicherten Bevölkerung. Die Nationalversammlung fonnte bei der ungeheuren Arbeitsfülle, welche sie zu bewältigen hatte, dieses Gebiet nicht mehr in Angriff nehmen, um so notwendiger ist es, daß der kommende Reichstag sich sehr bald damit beschäftigt. Außer einer Reihe von Interpellationen( über den Protest gegen die Verwendung schwarzer Besagungstruppen im Rheinland ist in der letzten Nummer der„ Gleichheit" ein gehend berichtet worden) und gesetzgeberischen Maßnahmen stand auch der Entwurf zur Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit zur Verhandlung. Die Deutschnationale und die Deutsche Volkspartei wehrten sich energisch gegen dieses Gesetz; sie wollen diese Klassenjustiz nicht entbehren, und da unsere Koalitionsparteien, Zentrum und Demokraten, ebenso wie die U. S. P. D. schwach vertreten waren, blieb das Haus durch Obstruktion der Rechtsparteien beschlußunfähig. Die äußerst notwendige Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit scheiterte, und an der Bu= sammensetzung des kommenden Reichstages wird es liegen, ob wir von dieser Ungerech tigkeit loskommen. Die Prozesse über die ErSchießung der 28 Matrosen in Berlin und des in den Karpathen 1915 zu Tode gemarterben Soldaten Helmhake sollten jeden gerecht empfindenden Menschen mahnen, am 6. Juni dafür zu sorgen, daß eine Mehrheit in den Reichstag zieht, die mit der Masse des Volkes empfindet und die Beseitigung jeder Klassenherrschaft verlangt. Einem Ersuchen der beiden sozialistischen Parteien entsprechend, hob die Regierung den Belagerungszustand in den weitesten Teilen des Reiches auf. Es ist außerordentlich bedauerlich, daß die Verhältnisse in unserem Vaterlande noch immer Ausnahmezustände bedingen. Mit aller Kraft muß daran gearbeitet werden, daß Putschversuche unterbleiben, weil sie uns unserer verfassungsmäßig garantierten Freiheit berauben. Wir wollen die freiheitliche Ent. wicklung der deutschen Republik, und wer das mit uns wilk, der muß durch die Wahl zum Reichstag jeden gewaltsamen Umsturz ablehnen. Nur durch die Demokratie retten wir die Errungenschaften der Revolution, bahnen wir uns den Weg zum sozialistischen Staat. Um Die 1. S. P. D. sorgte dafür, daß der arge Mizton dieser letzten Sigung der Nationalversammlung in einem Gelächter ausklang. Sie stellte einen Antrag, der gegen wärtigen Regierung das Mißtrauen auszusprechen. überhaupt zur Abstimmung gebracht zu werden, mußte der Antrag von 15 Mitgliedern des Hauses unterschrieben sein. Die U. S. P. D. hat 23 Abgeordnete, sie konnte aber nur 14 Unterschriften aus der eigenen Fraktion für den eigenen Mißtrauensantrag aufbringen und so fiel er mit Gelächter unter den Tisch. Neichskanzler Müller richtete ernste, zur Eintracht mahnende Worte an die scheidenden Volksvertreter und an unser gesamtes Volt. Nie sollten wir vergessen, daß wir durch eiserne Bande der Not aneinandergeschmiedet sind und daß wir deshalb auch den schärfsten Kampf fachlich führen müßten. Nur durch gemeinsame Erfüllung der Pflichten, die uns der Friedensvertrag des verlorenen Krieges auferlegt, und durch den gemeinsamen Willen zür Verständigung mit den anderen Völkern, Iodern wir den eisernen Ring. Mit einer Botschaft des Reichspräsidenten, welche im Sinne der Ausführungen des Kanzlers entsprach, und mit einem herzlichen Abschiedswort des Präsidenten Fehrenbach schloß die Tagung des ersten Parlaments der deutschen Republik. Die Nationalversammlung hat in ihrer fast fünfzehnmonatigen Dauer eine ungeheure Menge von Arbeit ge leistek; gut und wertvoll ist sie sicher nicht immer gewesen. Ein Urteil darüber, ob es unter den sehr schwierigen inneren und äußeren Verhältnissen möglich gewesen wäre, Besseres zu leisten, wollen und können wir getrost der Geschichte überlassen. Es kommt jetzt alles darauf an, auf dem freiheitlichen Grunde der von der Nationalversammlung geschaffenen Verfaffung weiterzubauen. Die Zusammensetzung des Reichstages entscheidet über unsere staatliche und wirtschaftliche, soziale und fulturelle Entwicklung für Jahrzehnte. Besonders für uns Frauen. Die Grundlage unferes Kämpfens und Strebens nach vollständiger Gleichberechtigung vor dem Gefetz, d. h. also um die Erringung unserer Menschenrechte, ist unser unbeschränktes Staatsbürgerrecht. Nur solange wir wählen dürfen und Frauen und Männer unserer Ueber. zeugung in die Volksvertretung entsenden, haben wir einen Einfluß auf die Gestaltung der Gefeße. Und es ist so vieles, was um- und neugestaltet werden muß: das Arbeiterrecht, die Versicherungsgesetzgebung mit dem Rentenwesen, Mütter-, Kinder- und Jugendfürsorge, das Bürgerliche Gesetzbuch, das Strafgesetzbuch, das Schul-, Erziehungs- und Bildungswesen und vieles andere noch. Ergeben die Wahlen des 6 Junk eine Mehrheit der Rechtsparteien, dann ist unser freies Wahlrecht in Gefahr, dann ist das notwendige gesetzgeberische Reformwert, wie es oben gestreift ist, in Frage gestellt. Wir alle müssen dafür sorgen, daß die Reichstagswahlen des 6. Juni der Anfang einer stetigen Aufwärtsentwicklung werden, die unsere Kinder in das heilige Land des SozialisClara Bohm- Schuch. muß führen soll. 186 Der Arbeit Tag Von Ernit Preczang Die Gleich heit Ein Herricher bist du, auserwählt den Tagen, Die einmal find und Sterbend dann entgleiten; Es hat der kampferfüllte Geift der Zeiten Um dich das Licht als Hermelin geichlagen. Vor deinem Throne rubn gehäuft die Klagen, Die alten find es, die fich ftets erneuten; Ein Meer von Sorgen will fich um dich breiten, Und nach der Heimat will das Recht dich fragen. Da zeigit du zürnend, was am Grund verborgen; Was frevelnd fie erzeugt: den ganzen Jammer, Die Schuld wirfft du ins Angelicht der Welt. Beraus, ihr Schläfer: öffnet eure Kammer Und feht den Geift der zwifchen heut und morgen Schon feinen Grenzítein leuchtend aufgestellt! Dokumente des Kampfes der Sozialdemokratie um die Befreiung der Frau Von Dr. Olga Essig In einer Zeit tiefster völfischer Not in allerletzter Stunde wurden die Frauen zur Mitarbeit und Mitverantwortung aufgerufen. Auf ihren Schultern ruht heute neben der Last der Gegenwartsaufgaben die ganze Schwere der Verantwortung für die Folgen einer Jahrtausende alten Männerpolitik. Wer die feitherige Entrechtung des Weibes nicht nur als ein Verbrechen an ihrem Geschlecht, sondern in größerem Maße als ein Vers brechen am Manne und an der Wolfsgemeinschaft erkannt hat und von dem Glauben erfüllt ist, daß die Aufgaben der Frau nicht einfach zusammenfallen mit denen des Mannes, sondern daß jedes Geschlecht auf Grund seiner Eigenart eigenwertige Arbeit zu leisten hat, der wird den tiefen Ernst verstehen, mit dem die Denkenden unter den Frauen nach Erkenntnis der Mittel und Wege ringen, die zu ihrem Ziele führen. Ueber die Haltung der Frauenmassen bei den letzten Wahlen unterrichtet schlaglichtartig der amtliche Bericht über die Stadtverordnetenwahl einer weftdeutschen Großstadt. Es haben unter anderem Stimmen erhalten: die Sozialdemokratie. 47 074 Männer-, 29 026 Frauenstimmen das Zentrum 34 000 9 484 51 259 " W 1903 4 026 2.219 " " Nr. 23 Ein Jahrtausend später meint der heilige Thomas von Aquino: ,, Die Frau ist ein schnell wachsendes Unkraut, sie ist ein unbollkommener Mensch, dessen Körper nur deshalb schneller zur vollständigen Entwicklung gelangt, weil er von geringerem Werte ift und weil die Natur fich weniger mit ihr beschäftigt." Die Sozialdemokratie und das Frauenwahlrecht. Aus August Bebels erster Reichstagsrede für das Frauenftimmrecht: Wir verlangen, daß das Wahlrecht auch auf die Frauen aus-, gedehnt wird Wir erheben die Forderung des Frauenstimm rechts im Namen der Rechtsgleichheit der Geschlechter. Meine Herren! Wir erkennen lein Recht an für das männliche Geschlecht, irgendwie und irgendwo berufen zu sein, die Frauen zu bevormunden... Meine Herren! Ich sage mehr: für den Bestand unserer sozialen Ordnung, unseres gesellschaftlichen Lebens, für unsere soziale Entwidlung kommen die Frauen mindestens so in Betracht wie die Männer Ich behaupte, daß die Frauen weit mehr Gerechtigkeitsgefühl besiben als die Männer, ich behaupte ferner, daß die Frauen viel weniger forrumpiert find als die Männer, daß sie das moralisch höhere Element der Gesellschaft bilden." .. Wer heute sich berechtigt glaubt, über die Haltung der Frauen in der Politik nach 1½jähriger Geltung ihrer politischen Rechte zu verzweifeln, der gehe nochmals bei Bebel in die Schule und lese eine andere Stelle jener Rede nach, die folgende prophetische Worte enthält: Meine Herren! Ich habe die Ueberzeugung, daß, wenn wir in diesem Augenblick den Frauen das Stimmrecht gleich den Männern einräumten, die große Majorität derselben konservativ, höchstens nationalliberal wählen würde genau so, wie es in den 27 Jahren während der Dauer des allgemeinen Stimmrechts in der Männerwelt gegangen ist, so wird es später mit der Wirkung des allgemeinen Stimmrechts in der Frauenwelt gehen. Wir haben anfangs auch unter den Männern schwer zu arbeiten gehabt. Vor 27 Jahren eine fleine Schar, verlacht, verspottet, vielfach verlästert, sind wir heute die stärkste Partei im Reiche." Den Nachdenklichen unter unseren Lesern und Leserinnen und benen, die bei Diskussionen gerne auf die Quellen zurüdgreifen, geben wir die vorstehenden Dokumente, deren Wirkung darch jeden Busak nur abgeschwächt würde. die U. S. P.. die Deutschnationalen Man stelle dem entgegen die Einschätzung der Frau innerhalb ber Geistesrichtungen, die jenen Parteien als Grundlage dienen. Propheten und Vorläufer des modernen Sozialismus. " In der Politeia", dem Buch vom Staate als erste uns übertommene philosophische Rechtfertigung des Kommunismus, ftellt Platon den Lehrsatz von der politischen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung der beiden Geschlechter wie folgt auf: ,, Demnach ginge keine Aufgabe in der Staatsverwaltung das Weib etwas an in seiner Eigenschaft als Weib, noch den Mann in seiner Eigenschaft als Manh, sondern die Gaben der Natur sind unter beide gleichmäßig verteilt, und das Wetb hat feiner Natur nach auf alle Berufe ein Anrecht, auf alle der Wann...?" ,, Ganz gewiß!" Platons Staat, 5. Buch. Thomas More schreibt in einem Briefe an Gunnell, den Erzieher seiner Kinder: Der Unterschied des Geschlechts tut( in bezug auf natürliche Befähigung) nichts zur Sache Sie haben beide die gleiche Vernunft, die den Menschen pom Tiere unterscheidet. Beide find baber gleich befähigt au jenen Studien, durch welche die Vernunft bervollkommnet und befruchtet wird. Kirchenväter und Heilige zur Stellung der Frau. Der Apostel Paulus schreibt im 1. Briefe an Timotheus: ,, Einem Weibe aber geftatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht, baß fie des Mannes Herr sei, sondern stille sei;" ferner im Briefe an die Korinther: ,, Eure Weiber laffet schweigen unter der Gemeinde, denn es foll ihnen nicht zugelassen werden, daß fie reden, sondern untertan fein, wie auch das Gefet fagt... Es steht den Weibern übel an, unter der Gemeinde au reden." Kapitalismus oder Sozialismus? Jede Frau muß sich klar darüber werden, daß sie in der tapitaliſtschen Gesellschaft nie und nimmer die bolle Gleichberechti gung und Gleichstellung erringen wird. Je größet die Macht des Kapitalismus, um so größer die Ausnutzung der Frauen und Kin der in schutzloser, unbeschränkter, unerträglicher Arbeitsfron. Niemals ist der Kapitalismus imstande, den Konflikt zwischen Beruf und Ehe, zwischen Beruf und Mutterschaft in einer für die Frauen befriedigenden Weise zu lösen. Und fast jede Frau leidet doch direkt oder indirekt unter diesem Zwiespalt. Niemals ist die kapitalistisch- bürgerliche Herrenmoral gewillt, das zweierlei. Recht für eheliche und uneheliche Mütter und Kinder zu beseitigen. Genau so wenig, wie die doppelte Moral unter der Herrschaft des Kapitalismus verschwinden wird. Allerdings: mit schönen Worten find die Vertreter der kapitalistischen Interessen, die bürgerlichen Parteien, von jeher für die Frauen, für Ehe und Familie eingetreten und haben uns vor geworfen, daß wir Ehe und Familie zerstören wollten. Wo es aber auf Taten antam, da versagten sie stets. Da war es die vielgeschmähte Sozialdemokratie, die indem sie z. B. für die Verkürzung der Arbeitszeit eintrat ein Ghe- und Familien leben überhaupt erst ermöglichte. Da mar es die Sozialdemokratie allein, die stets für den Schuß der Frauen- und Kinderarbeit kämpfte, die durch eine gerechte Verteilung der Steuerlaften die Arbeiterfamilie vor der völligen Berrüttung und Zerstörung zu bewahren suchte. Gewiß, wir haben kein Interesse an der Erhaltung einer Ghe form und einer Moral, die neben der Ghe und auch die heu tigen Ehen sind ja meist auf alles andere gegründet, nur nicht auf Liebe die neben dieser Ehe die Prostitution gutheißt. Wir find gegen diese Moral, die ein Ausnahmerecht kennt für die uneheliche Mutter und das uneheliche Kind. Nr. 23 Die Gleichheit 187 Aber welche Frau würde noch für die Erhaltung dieser Eheform Bilder vom Landtagswahltage in einer fein, sobald sie einmal erkannt hat, daß ihre Stellung in der Ehe, in der Familie nur dadurch erkauft wurde, daß Tausende ihrer Schwestern sich prostituierten, daß Tausende ihrer Schwestern Tag für Tag ihren Körper feilbieten und verkaufen müssen? Nur die sozialistische Gesellschaft kann Frauen und Kinder von der Ausbeutung befreien. Nur sie kann uns eine neue, höhere Familienform geben, die nicht auf der anderen Seite zahllose Unglückliche zu förperlichen Sklaven ,, auf Stunden, Tage, Monate unb Jahre"( in vielen Ehen" selbst) macht. Nur der Sozialismus rinnen zugegeben haben wie selbst bürgerliche Frauenrechtlekann den Konflikt lösen zwischen Beruf und Ehe, kann den Müttern eine genügend große Rente aussehen, daß sie ihren mütterlichen Pflichten ihren Kindern gegenüber nachkommen können. Eine Rente, die zahllose Mütter überhaupt erst in die Lage setzen wird, ihrem Kinde eine Mutter zu sein! Nur der Sozialismus kann die Forderung: Gleiche Rechte und Pflichten!" erfüllen, und damit den Frauen und Müttern die Erfüllung ihrer Sehnsucht bringen. Wir wissen, daß der Sozialismus der einzige Weg in die Bu Kunst ist. Wir wissen, daß dieser Weg nicht in ein ungewisses Dunkel, sondern zu einem hellen, sonnigen Leben führt. Wir wissen, daß der Sozialismus für die Frauen bedeutet: die Befreiung vom Joch der kapitalistischen Arbeitsfron, die Lösung des Zwiespalts zwischen Beruf und Ehe, zwischen Beruf und Mutterschaft die Befreiung von der Unterdrüdung durch den Mann. Wir wissen, daß die Entwicklung über den Kapitalismus zur fozialistischen Gesellschaft führen muß. Mit Notwendigkeit. Wir können wohl die Entwicklung verzögern, aber nicht aufhalten. So wenig, wie eine Lawine, die zu Tal rollt. Wer sich ihr entgegenstellt, wird zermalmt. Wohl aber können wir die Entwicklung beschleunigen. Wohl kön nen wir arbeiten und kämpfen Männer sowohl wie Frauen daß wir schneller jenen Gesellschaftszustand erreichen, in dem es keine Klassen unterschiede mehr gibt zwischen Menschen und Menschen, zwischen Mann und Frau. In dem auch die FrauenMenschen sind. In dem die Forderung: Gleiche Rechte und Pflichten für Mann und Frau!" zur Wirklichkeit wird. Diese Entwicklung zu beschleunigen, das ist die Aufgabe, die wir Sozialisten uns gestellt haben und zu deren Erfüllung jede Frau am 6. Juni durch ihre Stimmabgabe beitragen soll. Kurt Heilbut. * Feuilleton * Denken, was wahr iit, fühlen, was schön ist, Und wollen, was gut ist: daran erkennt der Geift Das Ziel des vernünftigen Lebens. Sonnenandacht Platen. & war im September 1915. Wir lagen in Galizien in der Nähe von Stryj. Um 5 Uhr morgens zog ich auf Poften. Die Natur hatte feinen Anteil an dem fleinlichen, kriegerischen Ge baren derer, die vorgeblich einander Kultur" bringen wollten. Ruhe, göttlicher Friede ringsum. Da schien es, als begänne im Ost sich das Dunkel zu lichten. Ganz behutsam, um müde Schläfer nicht vorzeitig zu weden. Aber doch stetig vorschreitend. Lerchen waren die ersten, die dem werdenden Tag entgegen. kleinen mecklenburgischen Stadt 8 Uhr. Ich hole mir gerade Hut und Aktentasche, um zu unserem Versammlungsraum zu gehen, als ein Bote ange sprungen fommt. Der Protokollführer in F.s Lokal ist erkrankt, Frau M. möchte ihn vertreten und pünktlich 8½ Uhr im Lokal sich einfinden". 8½ 1 hr. Wahlleiter, deren Stellvertreter, Wahlbeisiber, Protokollführer sind vorhanden, werden verpflichtet, es wird die Wahlurne ausgemessen und alle anderen notwendigen Obliegenheiten. Die Vorbereitungen für den Tag sind erledigt. 9 Uhr. Mit dem Glockenschlage beginnen wir. In den ersten Stunden aber ist die Beteiligung noch gering. Einige Männer; Frauen noch fast gar nicht, die hält das Haus jetzt noch fest. 12 Uhr. Eine furze Zeit des Andrängens. Ich stelle fest, daß eigentlich ausnahmslos jeder Wähler auf seine Wahl hin einzuschätzen ist. Oder sollte jener Aristrokrat nicht Wahlvorschlag S., jener Arbeiter nicht S.P.D. oder Wahlvorschlag L., dieser nicht U.S.P.D., Wahlvorschlag S., dieser Landmann nicht Wahlvorschlag Schw. sein? Wenn man es ihren Gesichtern, ihrem Gang, ihrer Kleidung, ihrem Gehaben nicht ansieht, möchte doch das Grüßen und Verneigen nach dieser oder jener Saalecke, wo Gegenlisten geführt werden und wo man für sich ein Zusammensein hat, es schon verraten. Wie manche Wähler sind nicht eingetragen in unsere Liste. Beschwerde und Aerger. Und doch, wer ist schuld? Warum wird so wenig vorher in die Wahllisten Einsicht genommen? 4 Uhr. Jezt hat der Zudrang seinen Höhepunkt erreicht. Man arbeitet fieberhaft auf allen Seiten. Nur noch 1 Stunde, dann ist Schluß des Wahlaktes. 5 Uhr. Mit dem Glockenschlage wird die Wahlannahme ein gestellt. Wiederum Aerger bei einer Eiligen, die zu spät kam. Wahlzeit von 9-5 Uhr! ½27 Uhr. Nun sind wir mit Auszählen, Versiegeln, ProtokolTieren fertig! Bei uns wählte man gut, besser noch aber müßte es gewesen sein! Und die Uneinigkeit, die Zersplitterung in der Sozialdemokratie wird sich rächen dieses Mal, denn die Bürgerlichen einigten sich und verbanden sich untereinander. Das Wahlergebnis für den mecklenburgischen Landtag ist: 16 Sozialisten zu 18 Bürgerlichen. Die kommende Arbeit wird nicht leicht sein. Mögen die Neichstagswahlen des 6. Juni ein besseres Arbeiten im sozialistischen Sinne verbürgen. L. M Wie grüßt er froh das Erdenrund, Wie weckt er freundlich alles Leben! Er richtet auf, die todeswund Und gramdurchwühlten Herzens beben. Gibt neues Hoffen, führt zur Pflicht, Mit sanftem Drängen liebreich mahnend, Kennt selber Ruh'n und Rasten nicht, Strebt immer, neue Ziele bahnend. Drum wandelt seinen Pfaden nach, O folgt der Spur der lichten Reine! Bedenkt, wie schön der junge Tag Im goldgewobnen Morgenscheine! Das Bäuerlein in der Trambahn Bon Richard Rieß( München) jubelten. Immer weiter, heller, sonniger wurde die Welt rings In der Schwabing- Vorstadt stieg das Bäuerlein in die Trambahn, und so schön, so ohne jegliche Trübung, daß man seine helle Freude haben und alles Leid und Graufen, das die schwergeprüfte Gegend anklagend darbot, für Augenblicke vergessen mußte. Mir ging es so. Da schrieb ich nachstehendes Gedicht für meine Kinder: Sonnenaufgang Wie schön ist doch der junge Tag! Wie hebt er sich in lichter Reine Vom tiefen Dunkel allgemach In goldgewobnem Morgenscheine! Auf seinem Antlik ruht kein Arg, Kennt nicht das Schlechte, das Gemeine, Nur Gutes, Schönes, Edles barg Sein Blid, seit seinem ersten Scheine. und noch dazu in den Haupt- und Betriebswagen. Rennen denn Sie sich net in den Anhänger neiset'n?" fragte der Schaffner, der wußte, was sich gehört. ,, Noch dazu mit'm Korb, dem großen..." sagte der Mitfahrenbe der grade ausstieg. Das Publikum nahm Stellung zu der Frage: Zwei Damen fragten den Schaffner, ob man denn da gar nichts machen könne, und eine andere hielt ihr duftiges Battisttuch vors Näschen. Und der Herr im Pelz, der in der Reihe hinter dem Bäuerlein saß, 3wirbelte zornig an seinem Schnurrbart und dachte etwas sehr Böses. Ja mei, dö Trambahn is für alle Leut' da", sagte einer aus der Mitte. Worauf der Belzherr: Hm! Hm!" machte und pnch etwas Böjeres dachte. 188 Die Gleich beit Warum müssen wir Frauen wählen? Von Minna Schilling Jahrzehntelang hat die Sozialdemokratie den Kampf um das Frauenwahlrecht geführt. Warum? Die Antwort darauf gibt in vortrefflichen Worten unser hochverdienter Führer August Bebel. 1. Weil, wie Mann und Weib erst den ganzen Menschen bilden, die menschliche Gesellschaft und ihr politischer Oberbau, der Staat, ohne die Frauen unmöglich find. 2. Weil es eine schreiende ungerechtigkeit, ja ein Unding ist, die Frauen von den politischen Rechten und Freiheiten, die die Männer befißen, nur aus dem Grunde auszuschließen, weil der Zufall sie Frauen werden ließ. 3. Weil die Frauen für die Fortpflanzung des Geschlechts und seiner Erziehung ebenso notwendig sind wie die Männer, und weil die Dienste, die die Frau als Arbeiterin, Erwerberin, Erhalterin, Hausfrau und Mutter der Gesellschaft und dem Staate leistet, an Wert, Wichtigkeit nicht hinter den Diensten zurückstehen, die die Männer gegen die Gesellschaft und den Staat zu erfüllen haben. 4. Weil Frauen als Arbeiterinnen und Erwerberinnen ebenso gegen den Staat und das Gemeinwesen finanzielle Pflichten zu erfüllen haben wie der Mann in gleicher Stellung. 5. Weil die Frauen als Arbeiterin, Erwerberin, Erhalterin, Hausfrau oder Mutter an der Vernünftigkeit, Smedmäßigkeit und Gerechtigkeit der öffentlichen Einrich tungen- Erziehungswesen, Steuerwesen, Rechtspflege, öffentliche Verwaltung, Waisen- und Armenpflege, Sozialgesetzgebung, militärische Einrichtungen friedliche oder friegerische Politik usw., mit einem Worte am Kulturfortschritt auf allen Gebieten genau so interessiert sind wie ein Mann. 6. Weil die Bestimmung, daß die Frau als Uebertreterin und Berleberin bestehender Gesetze ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht gleich dem Manne zur Verantwortung gezogen wird, es gerechterweise bedingt, daß die Frau auch an den Immerhin, auch er betrachtete das Bäuerlein und war froh in seinem Innern, daß er am Odeonsplatz aussteigen mußte. Und wie sie das Bäuerlein betrachteten: die Damen und der Herr, da sahen sie plötzlich, wie der wackere Landmann ein paar Bafete aus seinen Taschen holte. Und aus dem einen Bafet schälte er ein großes Etüd geräuchertes Schweinefleisch sowie ein handliches Stück Spec. Das andere barg einen halben Laib Brot, weiß und appetitlich. Die Augen des Herrn im Pelz wurden immer größer und die Dame nahm ihr Batisttüchlein von der Nase und schnupperte nach dem Bäuerlein hin. Und sagte: ,, Wie gut er nach Ruhstall riecht!" Und die ganze Trambahn wurde zu einem Auge und dieses eine Auge hatte nur einen Blick. Und dieser eine Blick verschiang geradezu das Bäuerlein, das von alledem nichts merkte und wader an seinem Fleisch fäbelte und vom Brote herzhafte Schnitten teilte. Und es faute mit beiden Baden und schnalzte und schmeckte und fonzertierte mit Zunge und Zähnen und merkte nichts. Nur das eine merkte es, daß plötzlich jemand fam und den Platz neben ihm befette. ,, Sie gestatten," sagte der Jemand. Ja mei...", sagte das Bäuerlein und rückte ein wenig. Der Jemand trug einen Belz und zwirbelte an seinem Schnurrbart. Aber er dachte jetzt gar nichts Böses mehr, sondern nur, wie er mit dem Bäuerlein ins Gespräch kommen könnte. ,, Woher beziehen Sie denn, wenn ich fragen darf, Ihr Fleisch, Herr Nachbar?" sagte er schließlich. Das Bäuerlein sah ihn groß an. Wollte der Stadtfrack ihn derblecken? Er brummte nur: ,, Von der Sau" und schnabulierte weiter. ,, Aha, Sie sind ein Cekonom?" Da lachte das Bäuerlein: ,, Na... a Schuster bin i?!" Str. 23 gesetzlichen Einrichtungen der Gesellschaft gleich dem Manne mitwirken muß. 7. Weil weder in der Natur und dem Geschlechtsleben der Frau, noch in ihren physischen und geistigen Eigenschaften, noch in dem Triebe nach Vervollkommnung Ihres Wesens irgendein Grund zu finden ist, der dem Manne erlaubt, sie als Menschen zweiter Klasse zu behandeln und ihm, der doch nur dem Zufall der Geburt es verdankt, Mann geworden zu sein, ein Recht verleiht, sich zu ihrem Herren oder Vormund aufzuwerfen. 8. Weil der Fortschritt und die gesamte Entwicklung der Menschheit zu immer höherer Vervollkommnung aller ihrer öffentlichen und sozialen Einrichtungen erfordert, daß das große Maß von Kräften und Fähigkeiten aller Art, die in dem weiblichen Geschlecht vorhanden sind, nicht zum allgemeinen Besten angewendet und ausgenutzt werden wie die gleichen Eigenschaften bei den Männern. 9. Weil ohne vollständige Gleichberechtigung der Geschlech ter eine harmonische Entwidlung der Menschheit und ein harmonisches Gesellschaftsleben unmöglich ist. 10. Weil die Frau das allgemeine Stimmrecht benötigt, um sich nicht bloß als wirtschaftlich Unterdrückte und Ausgebentete zu befreien, sondern weil sie auch als Geschlechtswesen die volle Gleichberechtigung erringen muß. Für sie hat also der Kampf um die politische Gleichberechtigung ein doppeltes Ziel, an dem alle Frauen ohne Unterschied ihrer Stellung interessiert sind. Ob Anniker oder Rückwärtsler die Bestrebungen nach der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts verlachen, ob Dummhöpfe sie zu hemmen versuchen, sie werden zum Siege kommen, wenn anders das Streben der Menschheit nach Bervollkommnung aller ihrer Einrichtungen fein Icerer Wahn ist. Und mit den Frauen als Bundesgenossen wird der Kampf erleichtert und der Sieg beschleunigt. Dieses sind die tief empfundenen Gedanken unseres in jeder Seele eines Sozialdemokraten weiter lebenden August Bebel. Liebe Schwestern, Beherzigt sie! Die Revolution gab Euch das Wahlrecht. Machte Euch zum politisch freiesten Weibe der Welt. Und nun sprach der Herr über die Zeit und das Wetter und wollte wiffen, aus welcher Gegend das Bäuerlein sei, und bis wohin man fahren müsse, um zu seinem Hofe zu gelangen. Und ... ob er es nicht einmal besuchen dürfe. Ein paar Eier und ein Pfund Schmalz und ein Stüd so guten Fleisches werde es ihm doch wohl gelegentlich ablassen können? ,, Gel, dees Fleisch is fei guat?" sagte das Bäuerlein lachend. Meegn's a Stud vafoft'n?" Und es schnitt eine saftige Scheibe herunter. Der Herr hatte auch Handschuhe an. Aber er nahm das Fleisch doch. Und steckte es in die Tasche. Und notierte dann etwas. 11nd war auch schon am Odeonsplak. Und als sein Blak freigeworden war, kam die Dame mit dem Schnupftuche und meinte, auf ihrer Bank da ziehe es unerträglich Und: ob der Herr gestattete? ,, Sie meeg'n wohl aa a G'räucherts?" fragte der Bauer. Und die Dame ftellte dieselben Fragen wie der Herr. Und ob sie ihn nicht einmal besuchen dürfe Da gab es hinten einen Rud. Und die Freundin der Dame stellte die gleiche Frage. Und von allen Seiten famen sie herbei und umringten das Bäuerlein und betrachteten die Specjeite, die er inzwischen ausgepact hatte. Und alle, alle wünschten sie, nur aus purem Interesse an der Landwirtschaft, zu wissen, wo das Bäuerlein daheim sei. Und das Bäuerlein fühlte sich umdrängt und umengt und es hatte bald genug von der Unterhaltung mit den spinneten Stadtleut, die alle es besuchen wollten. Und es ftedte feine Badeln in die Tasche und erhob sich und bahnte fich einen Weg. Doch bevor es ausstieg, wandte es sich noch einmal um und es sagte:„ Bon mir aus, besucht's mi allemitanand am. " Aber es nannte nicht den Tag ,,, an" dem... es diesen Besuch erwartete.. Nr. 23 Die Gleichheit Jetzt zeigt Euch dieser Errungenschaft würdig! Ihr seid gleichberechtigte Staatsbürger; Ihr habt laut Reichsverfaffung nicht nur das Recht, sondern die heiligste Pflicht, am Wiederaufbau des zertrümmerten Staates mitzuhelfen.. Nun wohlan, Schwester, schreite zur Urne! Borher aber denke und bilde Dir eine klare Ueberzeugung. Denn dann wirst Du sozialdemokratisch wählen am 6. Juni. Lehren aus Fehlern Jeder Umsturz bringt Trümmer. Wenn das Neue wachsen soll, müssen starke Kräfte lebensfähige Tat schaffen. Der deutsche Trümmerhaufen brachte Rückgang der Volkswirtschaft. Jeder denkt privatwirtschaftlich, jeder sicht seinen persönlichen Vorteil. Wenn das Neue zum Segen werden soll, dann auf zur schaffenden Arbeit, auf zur vollewirtschaftlichen Eat. Unsere Arbeiter nennen sich mit Recht und mit Stolz die Träger des Sozialismus Soll der Sozialismus in der Welt siegen, dann muß er immer und immer mehr Anhänger gewinnen. Durch Haß und Neid find die Gegensäge im Boltsleben nicht zu überbrüden. Solange es unser Bolt nicht begreift, daß wir nicht alle denselben Nock zu tragen brauchen, um sozial zu denken und zu handeln, solange wird der Sozialismus an der Schwäche seiner Träger franken. Das Vorrecht der Geburt, der Klaffendünkel muß ausgerottet werden. Darüber sind wir uns alle einig. Nur ist es verkehrt, jeden besser gebildeten und anders erzogenen Menschen durch höhnische Worte zu beschimpfen. Die Macht liegt jetzt in den Händen der Arbeiterklasse. Sie darf aber nie zu wilden Streits, zur Erniedrigung der andern Menschen ausgenutzt werden. Macht ist Pscht, das vergiß nie, deutsches Volk. Die Freiheit, welche die Nevolution uns brachte, wird von vielen misverstanden und zu schrankenloser Genußsucht und Willkür mißbraucht. Aber weder Nachläffigteit in der Arbeit, noch willkür bei der Arbeitsverteilung haben ein Anrecht an unsere Freiheit. Freiheit ist Selbstzucht. Freiheit ist Berantwortlichkeit. Wenn wir durch Taten und durch unser ganzes Leben beweisen, daß wir würdig sind, freie" Menschen zu sein, erst dann werden wir die wahre Freiheit besitzen. Ueber all dem Kampf ist die Deutsche Voltsseele eingeschlafen. Der Mammonismus hatte sie unterdrückt, niemand hatte ihre feinen zarten Schwingungen Macht es auch so! 1g In einem hellen Morgen kommt ein alter Genosse, ein Invalide der Arbeit, der auf zwei Stöcke gestützt gehen muß, an dem offenen Fenster des Parteibureaus vorüber. Mit einem fröhlichen„ Guten Tag!" fragt er, wie es geht, wie es mit den Wahlen steht, wie die Kassenverhältnisse sind, und als ihm die Antwort wird, daß diesmal in jeder Bezi die Kräfte zusammengefaßt werden müssen, weil es für unsere Partei ein so schwerer Kampf werden wird, wie wir ihn noch nie geführt haben, bedankt er sich und geht weiter. Eine Stunde später fommt er ins Bureau. Einen Markschein legt er auf den Tisch und sagt: Ihr wißt ja, ich habe wenig und darum kann ich nicht viel geben; aber eine Mark will ich doch für die Wahlliste zeichnen, zumal ich Euch ja auch sonst nicht mehr viel helfen kann." Unser Genosse im Sekretariat fämpft mit einem Drücken im Hals. Er weiß, der alte Arbeitsinvalide, der seit 50 Jahren der Partei angehört, hat ganze 52 Mr. Rente im Monat. Er hungert sich buchstäblich durchs Leben, und die eine Mark, die er unserer Partei, die er seinem Idealismus opfert, bedeuten für ihn wieder einige Hungertage mehr. Aber der Alte sieht ihn mit so glücklichen Augen an, reicht ihm die Hand und sagt: Sabt man guten Mut. Ich denke, wenn wir alle unsere Pflicht hm, werden wir's schon schaffen." Ja, wenn jeder seine Pflicht so täte, wenn jeder so für unsere Sache glühte, dann schafften wir's trotz aller Widerstände. Alma Röhle. 189 gepflegt und gestärft. Die Seelenlosigkeit unserer Beit tut uns allen weh. Aber wir wollen beweisen, daß nicht die Sozialdemofratie an dieser seelenlosen Beit schuld ist, sondern, daß der Sozia lismus die Macht und den Willen hat, die deutsche Volksseele wie der wach und starf zu machen. M. Friedel Schneider. Die Mutter als Erzieherin Um dem herrschenden Militarismus, dem Schüren von Rache- und Haßgedanken gegen unsere sogenannten Feinde, ja, selbst gegen die eigenen Landesbrüder, wirksam entgegentreten zu können, ist die Gewinnung und Beeinflussung unserer Jugend erstes Erfordernis. Der größte Teil unserer Jugenderzieher aber ist selbst eifrig bemüht, Empfindungen von Haß und Verachtung, selbst gegen Andersdenkende, in den jungen Kinderherzen auflodern zu lassen und Versöhnungsgedanken, jedwede Friedensgefinnung und Verständigungswillen zu unterdrücken. Und der kleine Teil unserer Lehrerschaft, der seine ganze Kraft daransetzt, die Jugend sich frei entfalten zu lassen, der mit den ihm anvertrauten Kindern die innigste Gemeinschaft bildet, die auf gegenseitiges Vertrauen begründet ist, der in den Kindern den Keim legt, andere zu achten und sich gegenseitig zu unterstüßen, der Macht- und Gewaltmittel als mittelalterlich verbannt hat, muß selbst in beständigem Kampf stehen, von allen Seiten angegriffen und in seiner Arbeit gehemmt! Da ist es nun Aufgabe der Eltern, hier tätig mit Hand anzulegen. Wenn die kommenden Generationen einer ruhigen Friedensarbeit zugeführt werden sollen, so müssen sie auch für eine solche erzogen und zu ihr geleitet werden. Kinderherzen sind weiches Wachs, daß sich nach dem Willen der Erzieher formen läßt. Wer ist da berufener als die Mutter? Die ersten Kindeseindrücke haften immer am tiefsten in der Seele des Menschen und es ist den Eltern ein Leichtes, den Keim der Bruderliebe, der Versöhnung und der gegenseitigen Hilfe in die Kinderseelen zu legen, damit sie dereinst an einer neuen Welt, einer Welt ohne Waffen, einer Welt des Friedens und des Nechts mitbauen können. Micht klagen! Von Walter Schenk Und ob des Lebens Leid und Streit Wie wilder Sturmwind dich umbrauft, Und ob in diefer grimmen Zeit Die Sorge Itetig bei dir hauft, Ob auch der Kinder Bitt' um Brot Dir heiße Tränen Itill entlockt, Da unerbittlich bitt're Пlot An deinem kargen Tische hockt Du follit voll Stolz dir täglich lagen: Ich will nicht klagen. Und ob du um dich allerwärts Nur Elend fiehit und Gram und Leid Blick' vorwärts! hemme deinen Schmerz: Sieb klaren Blicks den Kampf der Zeit! Erkenne, wo die Wahrheit ficht Und Gleichheit und Gerechtigkeit! Verzage nimmer, weine nicht! In eriter Reihe Iteh' im Streit! Du follit den Kampf wie alle wagen Und niemals klagen! Sollit kühn und trotzig boch das Haupt Im Sturm und Graus der Zeit erheben, Denn nur, was an Erlölung glaubt, Dem wird fie gold'ne бoffnung geben! Sollit mutig- frei in düft'rer Zeit, Zum Morgenrot den Blick gewandt, mit deinen Schwestern ftehn im Streit Und kämpfen für der Freiheit Land! In Not und Leid und jäh' Verzagen Bleib feft! icht klagen! 190 Die Gleich heit Der Grundstein der seelischen Entwicklung des Kindes liegt bereits im Spiel. Wie gedankenlos handeln die meisten Eltern heute nochi Nach vier Jahre langem, verlustreichent Krieg, nach den Gewalttaten gegen Volksgenossen, sollte man glauben, daß es der Eltern heißes Bemühen sei, ihren Kindern eine Zeit zu wünschen, die frei ist von so furchtbaren, widernatürlichen Ereignissen, und daß sie alles aufwenden würden, um eine Wiederholung oder ein Fortbestehen gleicher pder ähnlicher Verhältnisse zu vermeiden. Was wäre natürlicher gewesen, als alle Spielwarengeschäfte zu boykottieren, die noch irgendein Spielzeug führen, das an Mord und Gewalt erinnert. Wäre es nicht Pflicht einer jeden Mutter, mit Entrüstung Bleisoldaten und Kindergewehre zurückzuweisen? Aber nichts von dem! Gedankenlos werden von den meisten Burgen, Soldaten, Kindergewehre, winzige Kanonen und Kriegsspiele gekauft. Und so kann man heute sogar noch im Schaufenster aufgebaute Schlachten sehen, Gewehrläufe, die sich in zarte Kinderherzen bohren, Und Kriegsspiele die die Lust am Töten weden wollen. alles wird gedankenlos gekauft!„ Es ist ja bloß ein Spiel. zeug." Und wie steht es mit den Büchern? Kriegs- und Mordgeschichten werden noch weiter gekauft, vergiften unsere Jugend weiter, lassen sich unsere Kinder an Macht berauschen. In der Ausübung brutaler Gewalt wird ihnen hier wahres Heldentum" vorgeführt. Schon bei solcher Lektüre wird das Rechtsgefühl untergraben. Hier liegen die Wurzeln der späteren Zust an Gewalt, Rache und Haß. Eltern, wenn ihr eure Kinder einer glüdlicheren Zeit entgegenführen wollt, dann seid nicht gedankenlos bei der Auswahl der Spielsachen! Gibt es nicht tausenderlei, womit den Kindern mehr Freude bereitet werden kann als mit Kriegsspielen und Bleisoldaten? Ist es nicht ein erfreulicheres Bild, ein spielendes Kind zu sehen, das aufbaut und schafft, als eins, das ständig niederreißt und zerstört? Wie oft ist micht schon das Spiel zur Wirklichkeit geworden! Ganz ohne Zweifel liegt schon im Spiel der Kinder der Anfang des Weges, den sie dereinst gehen werden! Mögen sich die Mütter zusammenschließen in dem Gedanken, ihre Kinder in eine freudevolle Zukunft zu führen! Mögen sie daran denken, daß in allen Ländern Mütter leben, denen auch ihr Kind das Liebste ist. Ihr Mütter, seid nicht gleichgültig und gedankenlos, ihr versündigt euch an euren Kindern! Ihr sollt die Liebe zur Menschheit in die jungen Herzen pflanzen und die Idee der Brüderlichkeit und der gegenseitigen Unterstüßung schon durch das Spiel mit der heißen Mutterliebe in die Seelen eures Kindes hineinbrennen! Charlotte Görke. Aus der Frauenbewegung des Auslandes In der Central Hall, Westminster, London, fand vor kurzem eine Massenversammlung statt gegen den Gebrauch schwarzer Truppen in Europa. Unter den Sprecherinnen befanden sich Frl. Margaret Bondfield, Herr E. D. Morel und der Vorsitz wurde von Frau H. M. Swanwick geführt. Die Versammlung, welche von der Internationalen Frauenliga organisiert war, wurde unter anderem auch von sieben großen Frauenorganisationen unterstützt. Wie wohl schon durch deutsche Zeitungen bekannt geworden ist, werden diese Woche 500 unterernährte Kinder von früher feind lichen Ländern in England untergebracht. Von Interesse mag es jedoch für die Mütter dieser Kinder sein, daß man, um Heimweh und Einsamkeitsgefühl bei den Kindern nicht hervorzurufen, den Beschluß gefaßt hat, in jedem in Frage kommenden Ort mindestens fünf Kinder unterzubringen, so daß sie sich miteinander berſtändigen können. Aus Kanada hören wir, daß eine Lugussteuer auf fast allen Gegenständen, außer denen für bescheidenen Gebrauch, erhoben werden wird, um die Verschwendung der Bevölkerung einzuschränken. Der 31. Parteitag der belgischen Arbeiter, der Anfang April in Brüssel stattfand, war von großem Erfolge. Die Zahl der org1= nisierten Arbeiter ist stark gestiegen seit dem letzten Parteitage. Trotzdem das Programm sehr weitläufig war, fand eine große Nr. 23 Diskussion statt. Die Delegierten waren sich darüber klar, daß die Besehung verschiedener Aemter durch Genossen von außerordentlich großem Werte für die Allgemeinheit sei, insbesondere was die Regulierung der Lebensmittelpreise anbelangt. Eine Delegierte betonte die Notwendigkeit der Durchsetzung des Frauenstimmrechtes vor den nächsten Wahlen, und der Kongreß trat am folgenden Tage durch Entschluß dem bei. J. B. Aus unserer Bewegung Westpreußisches Abstimmungsgebiet Unsere Wahlvereine Marienburg, Marienwerder, Rosenberg, Deutsch- Eylau und Stuhm hielten in der Zeit vom 9.- 15. Mai Frauenversammlungen ab, die durchweg gut besucht waren und gut berliefen. Genossin Eschholz legte dar, wie sehr die Ver gangenheit den Beweis erbracht habe, daß nur die Sozialdemokra tische Partei von jeher die Frauenrechte vertreten habe. Die lockenden Versprechungen der bürgerlichen„ Bolfs" parteien ständen in schroffem Widerspruch zu ihrem früheren Verhalten bei Wahlrechtsforderung und sozialen Fragen. Keine Frau soll sich von ihnen einfangen lassen. In eindrucksvoller Weise betonte Genossin E. auch unser Bekenntnis zum Deutschtum, das in der Haltung der Partei zur Abtrennungsfrage zum Ausdruck gekommen sei. Dem Recht der Frau steht die Pflicht zur Seite, sich politisch zu betätigen. Durch die Mitarbeit in unserer Partei müssen wir den Weg zur wirtschaftlichen Freiheit finden, um so das hohe Ziel des Sozialismus zu erreichen. In allen Versammlungen folgte dem Referat eine fachliche und dadurch sehr wirkungsvolle Debatte. Die Demokraten und die Frauen Während des Wahlkampfes sprach in Sonneberg in Thüringen auch Fräulein Dr. Gertrud Bäumer. Sie sprach- wie immer sehr schön. Ueber die innere Erneuerung Deutschlands. Auch über ihrer Nede stand der Wahlspruch, mit dem die Demokratische Partei dieses Mal in den Wahlkampf zieht:„ Wir treiben keine Sondern Parteipolitif. Wir treiben keine Klassenpolitik. nationale Politik!" Aber auch die formvollendetsten Reden können uns nicht über die innere Schwäche dieses Partei"-Standpunktes forttäuschen. " -Solange die Menschheit in Klassen geteilt ist, die sich auf Grund ihrer Klassen und Besikunterschiede bekämpfen, und solange den politischen Parteien die Führung dieses Klassenkampfes übertragen ist, solange wird eine politische Partei auch Klassenpolitik treiben müssen. Nun leugnen allerdings die Demokraten nicht nur die Notwendigkeit der Parteikämpfe, sondern auch der Klassenkämpfe. Aber auch hier können die schönsten Worte die Tatsache des Klassenkampfes nicht aus der Welt schaffen. Wie tief die Kluft zwischen den Klassen in Wirklichkeit ist, das bewies die Versammlung selbst. Als unser Genosse Brandel auf die kommende Arbeitslosigkeit hinwies und die Anwesenden, die fast ausschließlich der bürgerlichen Klasse angehörten, ersuchte, die Arbeitslosen in der Zeit der Not zu unterstützen, da antwortete die Versammlung mit einem lauten Hohngelächter. Volksgemeinschaft? Den ärmeren Bruder unterstützen? Nächstenliebe und Nächstenhilfe, wie sie die christliche Kirche lehrt und fordert? Die Antwort auf diese demokratischen Phrasen" war ein Hohnlachen! Männer und Frauen des arbeitenden Wolfes! Dieses Hohnlachen sollte euch noch recht lange in den Ohren flingen! Sehr scharf rechnete Frl. Dr. Bäumer mit der Gefühlspolitik ab. die während des Krieges getrieben wurde, als man sich der Siegerstimmung so schrankenlos hingab. Gar mancher wird heute tiefe Reue darüber empfinden, den Siegesrausch nicht früher bekämpft zu haben. In der Diskussion sprach Genosse Heilbut die Hoffnung aus, daß Frl. Dr. Bäumer diese Worte in aller erster Linie an sich selbst gerichtet hätte. Denn gerade sie war eine derjenigen getvesen, die während des Krieges dieser Siegerstimmung, die doch so ganz und gar unweiblich gewesen war, restlos unterlag. Als ein Teil der deutschen Frauen aus bürgerlichem Lager, die Klarer erkannt hatten, was die Pflicht der Frauen während des Krieges sein müßte, den Versuch machten, gemeinsam mit den Frauen des Auslandes für den Frieden zu wirken, da hatte Frl. Dr. Bäumer sogar den traurigen Mut als Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine den Antrag zu stellen, daß diejenigen Frauen, die für den Frieden wirken, aus dem Bunde Tr. 23 Die Gleichheit ausgeschloffen werden sollten.( Dieser Antrag ging selbst den reaktionären bürgerlichen Frauen zu weit, und er wurde nicht , angenommen!) Bergebens versuchte Frl. Dr. Bäumer die geschilderten Tatsachen in einem anderen Licht darzustellen. Bergebens ist auch ihr Versuch, eine aufgeklärte Frau davon zu überzeugen, daß, die Demoteatische Partei am besten von allen politischen Barteien die Interessen der Frauen vertreten wird. Diese Partei, die bis zur Revolution noch nicht einmal für das Frauenstimmrecht eingetreten ist! Und bezeichnend für den einseitigen Standpunkt dieser bürgerlichen Frauenrechtlerin ist es, daß sie unserer Partei den Vorwurf machte, bisher nicht mehr für die Ausbildung der Frauen getan zu haben. Dadurch seien wir nicht einmal imitande, genügend Frauen auf unseren Kandidatenliften aufzustellen. Frl. Dr. Bäumer dürfte es eigentlich nicht ganz unbekannt sein, da, es den deutschen Frauen bis vor wenigen Jahren überhaupt verboten war, sich politisch zu betätigen. Daß es den wenigen Frauen des arbeitenden Volfes allerdings nicht so leicht gemacht wird, sich Bildung und Wissen anzueignen, wie ihren Schwestern aus dem bürgerlich- befizenden Lager, weil sie bis zur Revolution meist 10, Frauen Die von der fr.Oberhebamme an der geburtshilflich. Klinik der Charité, Berlin, Frau Anna Hein, tausendf. erprobten Menstrual- Tropfen dürfen keiner Frau fehlen. Flasche M.22, Pulver M.10, Versand diskret p.Nachn.von Frau Annallein Gm. b.H. Bln. 101, Potsdamer Str.106a, I.Etg. Prospekt grat. Kluge Frauen lassen sich meinen Gratisprospekt kommen. Frau A. Tump, Berlin- Pankow 40, Postamt 1. Starke Büste wird erlangt durch das Bettnässe Befreiung sofort Alter und Geschlecht angeb. Ausk. umsonst. diskret. Margonal, Berlin, Belle- Alliance- Str. 32. 191 12 Stunden und wohl gar noch mehr arbeiten mußten, und daneben noch ihrem Mann eine Hausfrau, ihren Kindern eine Mutter zu sein hatten. Wo sie da noch Zeit und Kraft für ihre Ausbildung hernehmen sollten, das wird wohl ein Geheimnis von Frl. Dr. Bäumer sein und bleiben. 1 Ueberhaupt scheint man es sehr übel aufgenommen zu haben, daß unser Genosse als Mann so energisch für die Intereffen der Frauen eintrat. Denn eine Diskussionsrednerin meinte: die Männer sollten die Befreiung der Frau ruhig den Frauen selbst überlassen. Das ist typisch für die Stimmung in der bürgerlichen Frauenwelt, wie sie sich mit Naturnotwendigkeit aus der ablehnenden Haltung der bürgerlichen Männer ergibt. Die Arbeiterin, die Sozialistin wird es mit hoher Genugtuung erfüllen, daß im Kampf für den Sozialismus, wie auch im Kampf für die Rechte der Frauen, Mann und Weib als gleichgestellte und gleichgesinnte Kampfgenoffen Schulter an Schulter fechten und gemeinsam sich den Weg in eine schönere Zukunft erzwingen. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckerei. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. b. B. sämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3 J.H.Garich Stallschreiberstr. 56 empf. alle Arten Bürsten, auch verstellbare u. Maß 2.Fabritpr. 9-6 geöffnet Zinn, Messing, Kupfer, Blei, Zink, Weißmetall, Nickel, Aluminium, Metallspäne zahlt die höchsten Tagespreise per Kilo, b. größeren Posten mehr. Sendung. v. außerhalb werd. prompt erledigt. Métallschmelze Mariannenstr. 24, an der Kottbuser Brücke Amt Moritzplatz 106 58, Nebenanschluß. raunnlniden Spezialabteilung für Haut-, Harn- und Unterleibsleiden, giftfreie Kuren. 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