Nr. 24 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Frau und ihr Haus Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Vierteljährlich 3,60 Mart Inserate: Die 5 gespaltene Nonpareillezeile 1,50 Mart, bet Wiederholungen Rabatt Berlin 12. Juni 1920 Zuschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplatz 147 40 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Erholungsheime für Arbeiterfrauen und-kinder Von Henni Lehmann Göttingen In Nr. 31 der„ Gleichheit" vom vorigen Jahre hat Henr. Fürth davon gesprochen, wie nötig für die Hausfrau in Arbeiterfamilien eine Ferienzeit ist, in der sie ebenso wie Berussarbeiter verschiedener Art einmal ausruhen und sich erholen kann, und sie hat den sehr guten Vorschlag gemacht, daß die bereits bestehenden Hauspflegevereine für die Arbeiterhaushaltungen eine Ferienhauspflege stellen, soweit dies nötig ist. Damit ist aber nur die eine Seite der Frage gelöst. Der Hausfrau ist freie Zeit geschaffen, sich zu erholen. Es fehlt aber noch viel zu häufig die Stätte, an der sie sich erholen kann. Einzelne Arbeiterinnen haben vielleicht Angehörige auf dem Lande, bei denen sie die Ferienzeit zubringen fönnten. Das wird indes immer nur eine kleine Zahl sein können. Für die anderen kämen, da man doch einen beut sehr kostspieligen Aufenthalt in Bädern und Sommerfrischen nicht in Betracht ziehen kann, besondere Arbeiterinnenheime in Frage, Ferienerholungshäuser für Arbeiterinnen in schöner gesunder Lage, in den Bergen, im Walde, an der See. Je nach den Umständen wäre hier entweder ein kleines Kostgeld durch die Arbeiterfrau selbst zu zahlen, oder es wären Frei stellen zu gewähren, oder Gemeinden und Krankenkassen, eventuell die Landesversicherungsanstalten hätten die Zahlung für den Unterhalt zu leisten. Man wird meist, soll die Erholung wirklich etwas nüßen, eine Durchschnittsdauer der Ferien von etwa 3 Wochen ansehen. Für besonders erholungs- und pflegebedürftige Frauen müßte jedoch die Zeit des Aufenthaltes in dem Erholungsheim verlängert werden. Ich möchte nun aber eines sagen: derartige Ferienerholungen genügen in einer großen Zahl von Fällen nicht. Es sind Sommererholungen, die fraglos nötig und nüßlich sind. Die Hausfrau in arbeitenden Kreisen braucht aber noch etwas anderes, das ist eine bessere Erholungsmöglichkeit, wenn sie frank gewesen ist oder wenn sie sonst sehr pflegebedürftig und mit ihren Körperkräften herabgewirtschaftet ist- also eine Erholungsmöglichkeit für alle Zeiten des Jahres. Hierfür genügt nicht, daß ihr eine Hauspflege gestellt wird, die zumeist doch nur ebenso wie etwa hilfsfähige Familienangehörige während der eigentlichen Krankheit zur Verfügung steht. Für die Erholung nötig ist vor allen Dingen das Herauskommen aus dem eigenen Haushalt, in dem allein schon die Knappheit des verfügbaren Raumes meist die nötige Ruhe und Schonung verhindert, zumal wenn Kinder da sind. Der Unruhe, die lebhafte Kinder natürlich mit sich bringen, all ihren Wünschen und Fragen kann sich die schonungsbedürftige Mutter schwer entziehen. Auch all die kleinen und großen Sorgen des Haushalts dringen ständig auf sie ein; sie hat für alle zu denken und zu sorgen. Selten ist jemand da, der, für sie sorgt und sie pflegt, denn der Mann ist meist durch seine Arbeit tagsüber aus dem Hause, und abends kommt er müde und abgearbeitet heim. So brauchen wir für die Arbeiterfrauen Erholungshäuser Rekonvaleszentenheime die das ganze Jahr hindurch zur Verfügung stehen. Für diese zu sorgen ist Sache der Gemeinden und Kreise. Vor beinahe fünfundzwanzig Jahren schon haben wir ein solches Nekonvaleszentenheim es führte den Namen gehaus"- in Rostoc in Mecklenburg ins Leben gerufen. Es ist oft eine Freude gewesen, zu sehen, wie sich abgearbeitete Frauen und Mütter erholten, die bis dahin in schweren Jahren unter ständiger Last von Sorge und Arbeit nie eine Ruhepause hatten genießen können. Oft wurden sie direkt aufgenommen, wenn sie noch geschwächt aus dem Krankenhause entlassen wurden, so daß sie dann voll gesund und leistungsfähig wieder in ihre Häuslichkeit zurückkehren konnten. In dasselbe Pflegehaus nahmen wir außer den Frauen auch erholungsbedürftige Kinder auf, die dann natürlich von den Frauenräumen ganz getrennte Schlaf- und Wohnräume hatten. Nur die Mahlzeiten wurden meist gemeinsam eingenommen, auch zusammen mit den im Hause tätigen Schwestern. Ein netter Garten mit einer kleinen Liegehalle war zur Verfügung. Ein Arzt fam regelmäßig in kleinen Zwischenräumen in das Haus. Zur Aufnahme wie zur Entlassung war seine Bescheinigung wie die der Vorsitzenden der Pflegehausstiftung nötig. Vollbettlägerige Patienten, die ja eigentlich in ein Krankenhaus gehören, kamen nur in seltenen Fällen zur Aufnahme. Nachdem das Pflegehaus einige Jahre bestand, wurde dann im Anschluß auch ein Sommererholungsheim geschaffen. Zunächst in einem auf einem Gut zur Verfügung gestellten Haus in schöner Lage auf dem Lande; dann wurde in dem Seebad Warnemünde ein eigenes Haus erbaut. Auch hier kamen Frauen und größere Kinder zur Aufnahme. Ich habe diese Vereinigung nicht unzweckmäßig gefunden. Meist hatten die Frauen Freude an den Kindern und beschäftigten sich gern mit ihnen; natürlich muß dafür gesorgt werden, daß nicht ettva Rinderunruhe schwache und nervöse Frauen stört. Es erwies sich als meist günstig, daß zwischen den beiden Häusern, dem Pflegehaus in der Stadt und dem Sommererholungshaus, ein Zusammenhang bestand, denn nicht selten wurden Frauen aus dem Pflegehause zu voller Erholung noch in das Ferienheim, das etwa von Mai bis Ende September geöffnet war, aufgenommen. Die Pfleglinge wurden in 4 Serien jedesmal auf 4 Wochen aufgenommen. Wenn Die eine Serie abreiste, so kam die andere erst ungefähr 8 Tage später, damit inzwischen rein gemacht werden konnte, Betten geflopft wurden usw. Die Kinder fönnen in größeren Sälen zusammengelegt werden, in denen oder neben denen eine Schwester schläft. Für die Frauen ist es besser, Einzelzimmer zu haben, in denen 2 oder höchstens 3 schlafen, wenn nicht etwa eine Frau allein schlafen muß. Man fühlt sich so behaglicher als in Schlafsälen, und es wird das Anstaltartige vermieden, was überhaupt bei all solchen Erholungshäusern der Fall sein sollte. Sie sollen die Behaglichkeit des eigenen 194 Die Gleichheit Heims ersetzen, nicht etwa Krankenhauscharakter tragen. Deshalb sollen auch nie zu viele Frauen und Kinder gleich zeitig zur Aufnahme kommen. Eine Zahl von 20-24 Betten etwa ist eigentlich genug. Auch eine andere Bestimmung, die das Rostocker Pflegehaus hatte, zeigte sich als sehr nützlich. Es wurden Kinder aufgenommen in Fällen besonderer Notlage im Hause, also etwa, wenn die Mutter frank war und der Vater die Kinder nicht versorgen konnte, oder in Fällen von Verwahrlosung und Vernachlässigung, die ja leider noch öfter vorkommen. An den wenigsten Orten bestehen in ausreichendem Maße solche Unterkunftsmöglichkeiten für hilfsbedürftige Kinder. Vielfach werden diese in Armenhäusern oder an ähnlichen Stellen untergestopft, wo sie mit allerlei zweifelhaften Persönlichkeiten in Berührung kommen können und auch oft nicht die nötige Pflege und Aufsicht haben. Alle unsere Genossinnen, die in Gemeindevertretungen arbeiten und sonst Einfluß auf öffentliche Angelegenheiten haben, sollten darauf dringen, daß für vorübergehend unterzubringende Kinder gute Versorgungs- und Unterkunftsmöglichkeiten geschaffen werden. Oft wird dann auch, wenn ihre Kinder für eine Zeitlang versorgt sind, der erholungsbedürftigen Mutter die nötige Ruhe im eigenen Heim zuteil werden können. Es wird natürlich an vielen Stellen heißen, daß es an Geldmitteln zur Einrichtung solcher Heime für Frauen und Kinder fehlt, und ganz gewiß war es in feiner Zeit so schwer, Geldmittel für gemeinnütige Zwecke flüssig zu machen, wie heut, wo uns schon die Mittel für das Lebensnotwendigste fehlen. Wenn aber überhaupt noch gewirtschaftet, wenn für die Zu funft gearbeitet werden soll, dann muß man vor allem solche Einrichtungen schaffen, die der Entwicklung der kommenden Geschlechter dienen sollen. Hierzu gehört in erster Linie weitgehende Fürsorge für Mutter und Kind. Da aber liegt's Von Călar Flailchlen Was du vor dir bilt, entfcheidet! Der Spruch der Welt, du lieber Gott! Zerrt heute hü und morgen hott, Und wenn fie dich mit Purpur kleidet... Für das, was einer litt und leidet, Iit all ihr Purpur Fastnachtsspott! Was du vor dir bift, entfcheidet Und wird des Ganzen innerer Kern... Ticht Glück, nicht Zufall oder Stern! Und was dann auch dagegen ftreitet, Der Freie macht fich ftets zum Herrn! Was du vor dir bift, nur entfcheidet Und bleibt im buntverwirrten Spiel Des breiten Weltgetriebs das einzig Unverlierbar klare Ziel, Der einzig fchaffende Gedanke, Der all dem blinden her und бin Beziehung gibt, Verſtand und Sinn, Daß es fich formt und fügt und ordnet Und ſtill zu einem Ganzen webt... Der einzige feite Punkt, Von dem aus ein Starker Die Welt aus ihren Angeln hebt! Nr. 24 Anfangs bestand die Arbeit des Menschen nur in der Aneignung, dem Einsammeln dessen, was ohne sein Hinzutun die Erde hervorgebracht hatte. Beeren und andere Früchte, Blätter- und Wurzelgemüse, Getreidekörner, erfrischende und zuckerhaltige Baumfäfte, nahrhafte und wohlschmeckende Pilze bietet die Pflanzenwelt dem Menschen schon ohne Anbau dar. Mit ihnen fann man seinen Hunger und Durst stillen, wenn man sich nur der Mühe des Einsammelns unterzieht. In mancher Gegend mag diese Mühe keineswegs gering sein, wenn der Pflanzenwuchs spärlich ist, und zu manchen Zeiten des Jahres, wenn etwa Eis und Schnee die Gefilde decken, find solche Nahrungsmittel überhaupt nicht aufzutreiben. Der Uebergang zu Garten- und Acerbau bedeutete daher einen riesigen Fortschritt, eine unermeßliche Bereicherung für das menschliche Wirtschaftsleben. Ebenso ist dies der Fall in der Erweiterung der Beschaffung der dem Tierreiche entnommenen Nahrungsmittel durch die Viehzucht. Neben der reichlicheren und für das ganze Jahr anfammelbaren Nahrung pflanzlichen und tierischen Ursprungs verschafften Ackerbau, Viehzucht und Jagd dem Menschen auch die Stoffe zur Bekleidung, zur warmen und behaglichen Ausstattung der Wohnungen und taufend fleine und große Dinge zur Erleichterung und Verschönerung des Daseins. Begreiflicherweise entwickelte sich dadurch ein gar inniges, fast verwandtschaftliches Verhältnis des Menschen zur Erde und zur Tierwelt. Mit welcher Liebe und Hingebung sorgt der Bauer für sein Feld vom mühseligen Umbrechen der Aderfcholle für die Herbstund Frühjahrsbestellung bis zum Heimholen des goldenen Erntesegens, wenn die heiße Sommersonne die Halmfrucht zur Reife gebracht hat. Wie sorgsam bestellt die Frau ihren Garten, damit sie, wenn Ende März, um die Frühlings- und nachtgleiche Freund Storch seinen Einzug hält als Verkünder des Sieges, den der junge Lenz über den Griesgram Winter errungen hat, die ersten Samen in das feuchte braune Erdreich hineinbetten tann. Gemüsesamen aller Art werden gesät, Erbsen und Bohnen, später Kartoffeln gelegt, dann die jungen Pflänzlinge vereinzelt, versezt, alles mit treusorgender Gewissenhaftigkeit, trotz der schwer anstrengenden Natur aller dieser Arbeiten mit einer freudigen Selbstverständlichkeit, mit einem Gefühl, daß es anders gar nicht sein könnte. Welche Quelle ununterbrochener Arbeit für das ganze Jahr bietet den Frauen und Mädchen das Flachsfeld bar! Welche Freuden aber auch von dem Augenblick an, da die zarten jungen Blattspitzchen lichtgrün aus dem Boden steigen, über ihr Emporwachsen zu ansehnlicher Länge, über die lieblich blaue Blütenfläche, die leise, jedem noch so sanften Windhauche weichend, auf und nieder wogt wie leicht gefräuselte Wellchen, bis die Zeit herantommt, da die Samenkapsein in Goldbraun glänzen und die flinten Finger fleißiger Frauen- und Mädchenhände den Flachs aus dem Boden ziehen! Jft er nachher gedörrt, gebrochen, ge= Hechelt, so daß aus der Holzigen Hülle das lichte Blondhaar der seidig weichen und glänzenden Faser hervorquillt, dann kann das Spinnen angehen. Wie werden sich Truhen und Schränke mit dem feinen Gespinst, mit dem föstlich fühlen Linnen füllen, dessen Bleichen auf dem grünen Rasen der Jugend Anlaß gibt, um allerlei Scherz und Vergnügen neben und zwischen der Arbeit zu genießen! Von all diesen freilich mit viel schwerer Arbeit errungenen Freuden früherer Geschlechter ist dem arbeitenden Teile unseres Volkes eine Sehnsucht im Blute geblieben, ein Verlangen zur Wiedervereinigung, zur innigeren Verbindung mit Mutter Erde und ihrem unmittelbaren Schaffen. Erlöser Sozialismus Von Jda Altmann- Bronn III. Bei der Betrachtung der allerersten Anfänge der menschlichen Wirtschaft in ihrer Bedeutung für die Erhaltung des Lebens erfannten wir, daß Mutter Erde mit dem, was ihrem Schoße entsteigt, in Berbindung mit der Arbeit die Grundlage des menschlichen Lebens bildet. Der Siegeslauf des Frauenwahlrechts in der Welt Durch die Verordnung des Rates der Voltsbeauftragten vom 30. November 1918 über die Wahl der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung ist Deutschland in die Reihe der Staaten mit Frauenwahlrecht getreten. Die folgende kurze Be trachtung soll einen Ueberblick über den Stand des Frauenwahlrechts in den fremden Ländern geben. Der älteste Frauenwahlrechtsstaat ist Böhmen, wo die Frauen seit 1861 das aktive und passive Wahlrecht für den Land. Nr. 24 Die Gleich beit tag besiben. Vorbedingung des Landtagswahlrechts war die Wahlberechtigung in der Gemeinde, die den böhmischen Frauen, ausgenommen die Städte Prag und Reichenberg, im Jahre 1864 verliehen worden war. Im Jahre 1908 machte eine Vorlage der österreichischen Regierung den Versuch, den Frauen das passive Wahlrecht zu entziehen. Nur die deutschen Abgeordneten stimmten der Vorlage zu. Die böhmischen Abgeordneten richteten gegen diesen reaktionären Anschlag energische Proteste, und die Wähler beantworteten die Herausforderung damit, daß sie bei einer gerade erforderlich werdenden Nachwahl im Wahlbezirk JungbunalauNymburg mit 1161 von 1248 Stimmen eine Frau, Bozena VicovaKunetica, in den Landtag wählten. Der Statthalter verweigerte die Bestätigung der Wahl. Die Bestrebungen, die Bestätigung und die ausdrücklich gefeßliche Festlegung des passiven Frauenwahlrechts zu erreichen, hatten bis zum Ausbruch des Krieges zu einem bestimmten Resultat nicht geführt. Um die Jahrhundertwende hatten die Frauen außer in Böhmen das politische Wahlrecht, d. h. das Wahlrecht zu den gesehgebenden Körperschaften des Staates, in Neuseeland, einigen Teilen von Australien- hier jedoch teilweise nur aftives Wahlrecht und in vier Einzelstaaten der Vereinigten Staaten bon Nordamerika, Wyoming 1869, Colorado 1893, Jdaho 1896, Utah 1896. Bis zum Jahre 1910 wurde das Frauenwahlrecht in ganz Australien eingeführt. Im Jahre 1906 erhielten die finni= schen Frauen das allgemeine, gleiche, aftive und passive politische Wahlrecht. Im Jahre 1907 wurde den Frauen Norwegens, soweit sie im Besitz des Kommunalwahlrechts sind, d. h. über ein gewisses Einkommen verfügen, das Wahlrecht zum Landtag verliehen. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika machte das Frauenwahirecht seit 1910 Fortschritte. Zwölf Staaten zuletzt Newyork im Jahre 1917 führten es ein. Im Jahre 1913 erhielten die norwegischen Frauen ein allgemeines Wahlrecht, 1915 auch das Recht, in die Staatsministerien berufen zu werden. Im gleichen Jahre gaben Dänemark und Jsland ihren Frauen die volle politische Gleichberechtigung. Der Krieg hat dem Frauenwahlrecht in Europa freie Bahn geschaffen. Man sah erstaunt, welche Werte die Arbeit der Frau für die Gesellschaft schuf, welche Opferwilligkeit, Kraft und Intelligenz sie aufbrachte, welche Vielseitigkeit sie entwickelte, um Familie, Handel, Industrie, Verkehr, öffentliche Aemier usw., troß Han * Feuilleton Sieh doch den Wetteriturm am бimmel, Sieh doch die Wolken um die бöbn!.. Ich aber fag: das geht vorüber, Und auf den Abend wird es schön! * Auf der Suche nach einer Frau Von Hans Gathmann ans Joachim war auf der Suche nach einer Frau. Ihr glaubt vielleicht, es ist sehr leicht, eine Frau zu finden und es gibt se viele, die das Glück der Ehe ersehnen und verdienen, daß die Suche nicht allzu lange dauern werde. Ihr irrt! Es gibt viele Mädchen, die unterfommen wollen, wenige, die hoch und hinaufkommen wollen. Es gibt viele Mädchen, die äußerlich hübsch und äußerlich von der Natur reich und schön ausgestattet sind. Es gibt wenige Mädchen, die innere Tiefe, inneren Wert und Verständnis haben, das über den Kochtopf, den Putz und allenfalls ein Ullsteinbuch hinausgeht. Also: Hans Joachim war auf der Suche nach einer Frau. Er hatte Freunde genug, aber feine Freundin. Und er wollte eine Lebensgemeinschaft haben mit einem Menschen, der nicht nur am eigenen Jch hing und in der Ehe nur ein weniger oder mehr langweiliges Nebeneinanderleben wollte mit dem Zweck, Triebe au befriedigen, sich zu zerstreuen, ohne Verständnis für die Aufgaben und Pflichten des Menschen den Menschen gegenüber, ohne Verständnis für die unendliche Fülle des Lebens und Seins, in das uns ein grausamer oder gütiger Wille( ganz wie wir wollen) gestellt hat. 195 aller Schwierigkeiten aufrecht zu erhalten. Es ist einfach unmög lich, die Frau weiterhin vom Wahlrecht auszuschließen. In Großbritannien und Irland fand 1917 ein Gesels Annahme, das den Frauen das aktive Wahlrecht gibt, allerdings mit Einschränkungen nach zwei Richtungen hin, gegenüber dent Wahlrecht des Mannes. Während die Wahlberechtigung für den Mann mit dem vollendeten 20. Lebensjahr beginnt, ist die Frau erst mit dem vollendetem 30. Lebensjahre wahlberechtigt. Ferner ist als Grundlage für das Frauenwahlrecht das Kommunalwahlrecht festgesetzt, das einen engeren Wählerkreis umfaßt, als das Barlamentswahlrecht des Mannes. Diese Unterschiede haben ihren Grund darin, daß sie die Zahl der weiblichen Wähler vermindern sollen, die ohne die Einschränkungen die Zahl der männlichen Wähler erreichen, vielleicht auch überschreiten würde. Zurzeit finden Parlamentskämpfe im Londoner Unterhaus und Oberhaus über den Antrag der Arbeiterpartei statt, den Frauen die gleichen Rechte zu geben wie den Männern, also auch das passive Wahlrecht, und das Recht zur Wahl für alle Staatsämter. = Den russischen Frauen wurde im Jahre 1917 das allge= meine, unmittelbare Wahlrecht gegeben, und Frauen wurden in hohe verantwortungsvolle Staatsstellen berufen. Eine Frau führte unter Kerenskis Herrschaft den Vorsiz im vorbereitenden Barlament; eine andere saß in der die neue Verfassung vorbereitenden Kommission; eine Frau war unter den Delegierten zu den Frie= densverhandlungen in Brest Litowet. Sogar einen weiblichen Minister hat es in Rußland schon gegeben. Die russische Sowjetrepublik hat durch ihre Verfassung vom 10. Juli 1918 allen weiblichen Personen mit vollendetem 18. Lebensjahr das aktive und passive Wahlrecht zu den Sowjets gegeben, soweit sie die Mittel zu ihrem Unterhalt durch produktive oder gemeinnüßige Arbeit erwerben oder in der Hauswirtschaft beschäftigt sind. Inwieweit die Frauen an den Sowjets beteiligt sind, kann mangels authentischer Berichte nicht angegeben werden. In der ungarischen Sowjetrepublik, die sich in ihren politischen Einrichtungen an das russische Vorbild anlehnt, befizen die Frauen gleichfalls aftives und passives Wahlrecht zu den Sowjets. In Schweden find den Frauen am 24. Mai 1919 die gleichen politischen Rechte der Männer gegeben worden. Damit hat ein heftiger Kampf sein ruhmreiches Ende gefunden. Seit 1864 besaßen die Frauen, die ein persönliches Einkommen hatten ober Steuern zahlten, das Gemeindewahlrecht. Ihre wiederholten Anträge auf Einführung des politischen Frauenwahlrechts wurden Hans Joachim war ein eigener Mensch. Er lebte weniger für sich als für die anderen, sah des Lebens Zweck nicht darin, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern wollte nichts sein als ein Dienender in Liebe. Im Dienste der Menschen stehen, schien ihm das Höchste. Man muß sich selbst verlieren, man muß sich selbst beiseite stellen können wie einen alten Schirm, sagte er, das ist das wahre Leben. Wir leben nicht für uns. Wir leben für die anderen. Wir sind mit all unserem Tun erst den Mitmenschen, dann uns selbst verantwortlich. Und die Frau, war seine Ausicht, steht in borderster Linie im Dienste der Menschlichkeit. Sie ist die Gebärerin des Menschengeschlechts, sie trägt die Berautwortung für das gesamte Menschenleben. Man hat den Wert der Frau für das Geistesleben des Menschen, für die Beziehungen der Menschen untereinander, für den sittlichen und fulturellen Zustand der Welt verkannt. An einem frostflaren Nachmittag( Sonne tröpfelte spärlich durch die weißlichen Wolfen des Himmels) ging Hans Joachim aus, um zu suchen. Er ging auf die Straßen, spähte in die Gefichter und suchte die Seele. Was er fah? Was er fand? Hier ist es: Die Straßen waren belebt und hell. Worte flogen durch den flaren Tag, und flangen. Gine Freudigkeit, zu leben, zu sein, war unter dem Himmel laut. Da waren junge Damen, die vornehm in Lackschuhen über den Bürgersteig schwebten. Eine Atmosphäre von Wohlstand, Reichtum, Vornehmheit umhüllte sie und grenzte sie ab. Sie hoben den Blick in die Ferne, über die Menschen hinweg. Uns trennt eine unüberwindliche Schranke, dachte Hans Joachim. Ihr seid wohlerzogen, gepflegt, verwöhnt, gebildet, vielleicht vollgepfropft mit Kunst und Literatur ihr seid die Bevorzugten des bürgerlichen Begriffes: Glück. Ihr steigt nicht herab von eurer Höhe... ihr seid... eingebildet. Wohl, ihr habt Teilnahme und Mitleid. Seid vielleicht wohltätig und milde. Aber euch fehlt das Wesentliche: ihr habt nicht den Mut zu euch selbst, den Mut, der spricht: 196 Die Gleich heit von den beiden Kammern des schwedischen Parlaments immer abgelehnt. Die Nachwirkungen des Krieges und der Revolutionen haben endlich das politische Frauenwahlrecht gebracht. Die holländischen Frauen waren, ohne das Wahlrecht zu haben, seit langem wahlberechtigt für die beschließenden Versammlungen und bei den letzten Wahlen wurde eine Sozialistin in die zweite Kammer gewählt. Bei der voraussichtlichen Reform der holländischen Verfassung wird das aktive und paffive Wahlrecht der Frau verankert werden. Im Augenblick hat man sich damit gehol= fen, daß man das bestehende Wahlrecht durch Streichung des Wortes ,, männlich" abänderte. Die Frauen Frankreichs und Italiens besitzen das Wahlrecht noch nicht. Doch sind verheißungsvolle Ansätze vorhanden, wenigstens was Frankreich angeht, wo die Entscheidung über die Einführung des Frauenwahlrechtes nach der günstigen Abstimmung der Kammer jetzt dem Senat vorliegt. Unermüdlich wie die Sozialdemokratie der einzelnen Länder haben die zahlreichen Frauenstimmrechtsverbände die Forderung des Frauenwahlrechts propagiert und mit Nachdruck vertreten. 1904 schlossen sich neun nationale Stimmrechtsverbände zum ,, Weltbund für Frauenstimmrecht" zusammen, 1913 vereinte er bereits die Stimmrechtsorganisationen von 26 Ländern. Im allgemeinen haben die Frauen der Länder mit Frauenwahlrecht es bewiesen, daß sie ihr Recht auszuüben entschlossen find. Als praktisches Beispiel seien hier die Zahlen über die Jahr 1908.: 1909. 1910. 1911. Nr. 24 Anzahl der abgegebenen Prozentsatz der abgegebenen Finnische Landtagswahlen Wahlberechtigte Stimmen Stimmen Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen 604 315 664 862 416 373 401 194 68,9 60,3 523 202 681 888 439 347 412 780 70,5 60,5 631 615 642 811 693 316 707 247 409 886 419 491 386 683 64,9 55,8 387 603 65,3 54,8 Namentlich die neuseeländischen Zahlen beweisen, daß die Einführung des Frauenwahlrechts auch den Wahleifer der Männer beträchtlich anzufachen imstande ist. In Finnland sind von Anfang an auch weibliche Abgeordnete gewählt worden, und zwar in allen Parteien. Am meisten in der Sozialdemokratie. Im Jahre 1908 waren unter 200 Abgeordneten 25 weibliche. Seitdem ist die Zahl der weiblichen Abgeordneten langsam gesunken. Sie beträgt jetzt etwa 20. Daß die deutschen Frauen hinter den finnnischen nicht zurückstehen, das haben sie mit der Wahl zahlreicher weiblicher Abgeord neten in die Nationalversammlung und bundesstaatlichen Lan desversammlungen bewiesen. Auch in die Gemeindevertretungen sind weibliche Abgeordnete aller Parteien eingezogen. Wilhelm Soldes. Wahlbeteiligung der Frauen im Verhältnis zu der der Vom Individualismus und Sozialismus Männer aus einem alten und neuen Frauenwahlrechtsstaat nebeneinandergestellt: Wahlen zum Neuseeländischen Parlament Prozentsatz der abgegebenen Stimmen Männer Frauen Wahlberechtigte Jahr Anzahl der abgegebenen Stimmen Männer Frauen Männer Frauen 1893. 193 536 109 461 129 792 90 290 66,61 85,18 1896. 196.925 142 305 149 471 108 783 75,90 76,44 1899. 210 529 163 215 159 780 119 550 79,06 75,70 . 1902.. 229 845 185 944 180 294 188 565 1905. 263 597 212 876 221 611 1908.. 294 078 242 930 1911. 321 000 269 009 238 534 271 051 78,44 74,52 175 046 84,07 82,23 190 114 81,11 78,26 221 858 84,43 82,47 Gleiches Leben pulst in allen Adern. Ihr lebt nicht der Allgemeinheit, ihr seid nicht stark im Dienen, ihr kennt nicht den Reichtum des Geistes und der Seele, der sich verschwendet und im Spenden neue Schätze häuft. Ihr lebt in Bezirken, in denen alles das in euch wertlos und Atrappe wird, was, lebtet ihr im Dienste der Allgemeinheit, allen Menschen gleichermaßen Segen und Glüd sein würde. Diese nicht, sagte sich Hans Joachim. Mädchen waren da, die gut zu gepuzten Kindern waren, zierliche Wagen auf Promenaden schoben und mollig und süß ausjahen. Sie biickten fröhlich und feck. Dienende, wußte Hans Joachim, aber Unfreie. Mädchen, die aus der Begrenztheit ihres gewiß opferfrohen Lebens heraus das Abenteuer suchen, das sie erlöst und befreit. Für sie ist der Mann das Männchen, das Abenteuer, die Rettung aus der Dienststelle in die Selbständigkeit. Wie wenig kommt es darauf an! Niedliche Triebwesen, niedliche fleine Dingerchen! Ihnen fehlt das Verständnis für die Vielgestaltigkeit, den Sinn und Zweck des Lebens. Bürgerlich be= schränkt und menschlich frei. ein Abgrund Hans Joachim stolperte und schritt weiter. Aus Fabriken strömten Frauen und Mädchen, Bleich, verhärmt, elend. Das sind die Arbeitstiere, dachte Hans Joachim, die den Willen haben, und deren Kraft und Freiheit unterbunden ist. Kraft zerschellt an der Not des Alltags. Der Mensch ist arm, der nur die Sorge ums tägliche Brot hat und eine brennende Sehnsucht, die niemals Wahrheit wird. Aeußere Widerstände zersprengen Wunsch und Willen, Kraft und Hoffnung. Sie schleppen ja alle Ketten! Sie fönnen ja nicht einmal zu sich selbst kommen. Vor Arbeit und Sorge. Und zuallererst muß der Mensch zu sich selbst kommen, um zu anderen fommen zu fönnen. Hier ist Hilfe notwendig, dachte Hans Joachim. Sie ist schon im Anzuge! Befreiung marschiert!! Hier ist der Hunger nach Geift. Sier ist das wohlbestellte Feld, auf dem gesät werden muß. Individualismus und Sozialismus find Gegensätze!" las ich kürzlich. Der Individualismus will die Herrschaft des einzelnen Indibiduums, die Herrschaft der Wenigen, Auserwählten über die Masse der Durchschnittsmenschen. Das höherstehende Individuum soll die Möglichkeit zur vollster Entwicklung haben, soll im Aufstieg mit dem Recht des Stärferen alles niedertreten können, was seiner Herrennatur im Wege ist, Hunterte, Taufende in den Schatten zu drängen, um dem einzelnen der sogenannten Herrennatur den Platz an der Sonne zu sichern, ist die Forderung des Individualismus. Waren es auch wirklich Herrennaturen, denen die vom Sozialismus bekämpfte Gesellschaftsordnung das Recht einräumte, über ihre Menschenbrüder in grenzenlosem Egoismus hinwegzu schreiten? War es nicht vielmehr allzu häufig nichts als die Macht des Kapitals oder das Vorrecht der Geburt, die die ganze Herrennatur eines Auserwählten ausmachten? Kontoristinnen rannten vorüber zu leichten Abenteuern. Bärchen bummelten und hatten in den Augen einen trunkenen Glanz. Auf Hans Joachims Lippen schwebte oft die Frage: Was bist du, Menschenfind? Was tust du? Was will deine Liebe? Went gehörst du? Dein Sein verpflichtet dich der Menschheit, weißt du das?! Er sah die Satten und die Hungrigen im Geist, die Wohlbehüteten, die Ausgestoßenen und Abenteuerfrohen, die Sorglosen und die von der Not Zerfleischten. Und seufzte: Arme Frauen, arme Mädchen. Die neue Zeit will euch viel bringen. Was werdet ihr ihr schenken? Ihr müßt euch wandeln. Die neue Zeit hämmere in euch ein brennendes Verantwortungsgefühl. Denn von euch hängt ab die Zukunft des Menschengeschlechtes. Ihr könnt nicht flug genug, nicht reich genug an. Geist und Güte, nicht gesegnet genug mit Liebe und gutem Ber stehen sein. Es wird ein Unterschied sein, ob unsere Kinder von übersättigten, blasierten Dämchen, dummen, molligen Gänslein, niedlichen Dingerchen, armen, ausgepreßten förperlich und seelisch gefchundenen, von der Not geschlagenen Mädchen, oder von Klugen, in Liebe und Kraft und Güte starken, sich ihrer hohen Aufgabe festlich bewußten, freien, geistigen Mädchen geboren werden. Vergeßt das nicht! Hans Joachim fehrte traurig heim. Er sah wieder, was er so oft gesehen und was ihn so oft schmerzte. Der Mann von heute brauchte eine frohe, freie Gefährtin, die innerlich rein und gut, mit ihm das gleiche Ziel hat: Neue Menschheit. Hier muß gearbeitet werden, hier zu allererst und unermüdlich. Hans Joachim fand kein Ziel seiner Sehnsucht an diesem flaren Tage, wohl aber die große, deutliche Aufgabe: Die Arbeit am Geist und der Seele des Weibes, auf daß es frei und fähig werde, ein neues Menschengeschlecht der Erde zu schenken, das stark ist in selbstloser, dienender Liebe. Nr. 24 Die Gleichheit War es nicht sehr häufig der Fall, daß echte Herrennaturen, Bollblutindividuen von Knechtsseelen unterdrückt und geinebelt wurden? Saß nicht der wirkliche Künstler gar oft arm und verkannt in der Werkstatt, während lächerlicher Hokuspofus in geschickter Reflame verherrlicht und gepriesen wurde? Waren nicht manchmal die Millionen des Fabrikbesizers Früchte der Intelligenz eines armen Erfinders, der seine Erfindung nicht ausführen konnte und deshalb zeitlebens ein Lohnstlave bleiben mußte? Herrenmensch? Ist es etwa der dreiste, pfiffig- schlaue Egoist, der in rücksichtsloser Draufgängerei seinen sogenannten ,, Aufstieg" über Glück und Wohlstand seiner Mitmenschen macht, der den Rechtdenkenden, den Feinfühlenden verlacht, dem kein Mittel zu schlecht, sein Ich durchzusetzen? Auch ein Individualismus, wie ihn unsere Gesellschaftsordnung züchtete! Und hat nicht gerade der Zusammenbruch unseres stolzen Staatsgefüges, die furchtbare Katastrophe des verlorenen Krieges die ganze kläglichkeit mancher vergötterten Herrennatur gezeigt? Was ist dagegen Sozialismus und was fürchten seine Gegner von ihm? Der Sozialismus will allen Menschen das Recht, die Möglichkeit zu frohem, menschenwürdigem Dasein verschaffen. Was auf Erden Menschenantlik trägt, soll teil haben an der Schönheit der Erde, an den Errungenschaften der Kultur. Er bekämpft das Einzelne, den Egoismus. Alles für die Allgemeinheit ist seine Parole. Die Vielen sollen nicht mehr von den Wenigen abhängen. Der Proletarier, der ums tägliche Brot körperlich oder geistig Arbeitende soll nicht mehr Zeit seines Lebens in unvürdigem Abhängigkeitsverhältnis zum Bejizenden stehen, der seine Kraft ausbeutet, der aus der Geistesarbeit oder aus der Kunstfertigteit seines besizlosen Untergebenen mühelos Gewinn auf Gewinn häuft, sein untätiges und darum unnüßes Dasein verpraßt; während seine Lohnsklaven in viel tausend Fällen nur ein fümmerliches Leben fristen und oft an ihrem Lebensabend Not leiden müssen. Wenn diese überhaupt einen Lebensabend erreichen und nicht schon am Mittag ihres Lebens sich davonschleichen von dieser ungastlichen Erde, die die Mehrzahl ihrer Kinder darben läßt, während sie den Wenigen wenn es noch die Besten wären! ihre herrlichsten Genüsse verschwenderisch schenkt. Aller Ueberfluß der Wenigen, der Kapitalisten, aller unerhörter Lebensgenuß, den die schlechtbezahlte Arbeit des Proletariers den Wenigen" verschafft, muß aufhören, damit die Unterdrückten, die Enterbten des Menschengeschlechts aus ihren armseligen Winfeln ans Licht der Sonne steigen, daß sie sich als gleichberechtigte " Ein Der neuen Zeit entgegen in Gang durch die erwachende Natur löst das solange zurückgedrängte Sehnen in der Menschenbrust und läßt das bange Ahnen der Seele zur freudigen Hoffnung werden. Die Fluren haben ihr grünes Gewand angelegt, in den Gräsern am Bergesrand träumt versteckt das Beilchen und wartet auf den ersten Kuß des warmen Sonnenstrahls, dem es so gern in seinem schlichten Kleidchen gefallen und sich ihm ganz zu eigen geben möchte. Wandervögel durchstreifen die Felder und stimmen frohe Weisen an. Die Lerchen jubilieren in der Luft und preisen ihren Schöpfer; hie und da singt schon verstohlen die Nachtigall ihr Licd der süßen Liebe. An den Bäumen und Sträuchern aber drängen die vollen Knospen mit aller Gewalt dem Licht entgegen. So wie die Natur aus langem Winterschlaf zu neuem Licht erwacht, ringt auch der Mensch nach Befreiung von den düsteren Schatten der Vergangenheit. Was wenige Menschen jahrhundertelang an materiellen und geistigen Gütern als selbstverständlich hinnahmen, das blieb den meisten, und gerade denjenigen, die diese Güter schafften, vorenthalten. Gebarbt und gelitten hat die große Schar von arbeitsamen Menschen Jahr für Jahr. Für sie hieß es immer nur: Arbeit, Gehorsam, Entsagung. Nach beendeter mühevoller Tagesarbeit war der Körper müde, der Geist ermattet und nicht mehr aufnahmefähig für die Schönheit der Natur, für die Kultur des Lebens, für die großen Geisteswerke unserer Zeit. So blieb der Geist Teer, bis aus den blutigen Tränen des großen Menschenleibens der legten Jahre eine lebendige Kraft emporstieg und den Geist aus seiner Oede befreite, ihn zum Denken und Schaffen zwang. Zuviel haftet dem Geist von der Vergangenheit noch an, zu wenig noch gebraucht er seine Waffe, die uns allein von Mensch zu Mensch näher bringen kann. Die Menschen müssen auf geistigem Wege zur Verständigung gelangen. 197 Menschen fühlen, als Herven der Erde und Teilhaber ihrer Herrlichkeit. Daß fie Mitgenießer aller Kulturwohltaten werden, nicht bloß deren Schaffer. Daß unter der Last des Lebens nicht mehr seufzen zu müssen die Vielen, die nichts sehen, nichts spüren von seiner Luft, während den Wenigen, den Herren von Geldsacks Gnaden des Daseins höchste Wonnen blühen! Das sind die hohen Ziele des Sozialismus, für die unsere großen Führer kämpften jahrzehntelang einen schweren, zähen Kampf. Die Feinde des Eozialismus behaupten, nur die Aussicht auf Gewinn, die Aussicht, Reichtümer zu sammeln, um sich damit höchsten Lebensgenuß schaffen zu können, rege die Schaffensfreudigkeit des Geistes und Körpers zu neuen Forschungen, neuen Gestaltungen an. Falle dieser Anreiz weg, so erlahme die Lust zu schöpferischer Arbeit, Sie fürchten, daß der Qualitätsmensch, der Herrenmensch, selten werde, daß er untergehe in der Masse, wenn es ihm nicht mehr gelinge, seine Persönlichkeit rücksichtslos durchzusehen.. Es wird nicht so sein! Im Gegenteil! Das Gefühl, Herr zu sein und nicht Knecht, Meister, Teilhaber, Mitarbeiter und nicht blos Lohnsflave, wird die Freude am Selbstschaffen erhöhen. Das Bewußtsein, Anerkennung, Unterstübung und Hilfe zu finben, wird den Begabten anfeuern zu neuen Versuchen. Er wird Zeit und Mittel haben, seine Ideen auszuarbeiten. Aus ihrer Stumpfheit, aus dem traurigen Ueber sich ergehen lassen werden Tausende aufwachen, wenn sie wissen, daß sie gleichberech tigte, freie Menschen sind und nicht armselige Bettler, die man mit der Vertröstung auf das bessere Jenseits" vom Tische des Lebens stößt. Großes und Erhabenes wird geleistet werden, wenn die Bahn ganz frei sein wird dem Tüchtigen! 0 Wenn die Bahn ganz frei sein wird dem Tüchtigen! Wenn dies Wort feine Phrase mehr sein wird, fein einlullendes Beschwichti gungsmittel für wohlberechtigte, unabweisbare Angriffe auf eine ungerechte Gesellschaftsordnung, die wir gestürzt wähnten in dem Sturm des 9. November. Als das aufstehende Volk mit gewaltiger Geste den eisenbeschlagenen Militärstiefel von seinem Naden schleuderte, als die alten Kämpfer des Sozialismus mit biel tausend neuen Genossen, die die Macht der Geschehnisse aus dumpfem Geistesschlaf gerissen, ihr Banner frei entrollen fonnten. Da glaubten wir das Ziel erreicht zu haben, glaubten alles verwirklicht zu sehen, was wir ersehnt und erträumt, als noch das Joch der Gewaltherrschaft auf den breiten Schichten des Volkes Tag. Wir haben leider dieses Ziel um einige Pflöde zurüdsteden müssen. Mancher fühne, ideale Gedanke mußte zurüdtreten Der Frühling lockt, die Welt ist so schön und für uns Menschen geschaffen. Auf den Aeckern regen sich fleißige Frauen und streuen die Saat für die kommende Zeit. Frauenhände pflanzen im häuslichen Heim und auf den Veranden Blumen, aus Frauenmund ertönen Frühlingslieder und Frauenseele webt ein Frühlingsband, das die Seelen zu engster Gemeinschaft knüpfen soll. Alle sollen mit uns kommen; in den blühenden Frühling hinein wollen wir unsere begeisterten Lieder von der kommenden Befreiung der gefnechieten Menschheit singen und ihnen Treue und Arbeit geloben. Wenn der Frühling uns so finden soll, dann muß der Bruderkampf aufhören, dann müssen wir eine geschlossene Einheit gegen unsere Unterdrücker bilden, damit sie es nie wieder wagen fönnen, uns den Frühling zu rauben. Die Frau schaffe zwischen Mann und Weib eine echte Harmonie, die wir haben müssen, um gemeinsam den Wiederaufbau unseres Vaterlandes erstreben zu fönnen. Die Kinder aber lehren wir die großen Wunder der Natur, denn sie sind es ja, die die werdende Zeit zur vollen Blüte bringen sollen. Erzählen wir ihnen, wie jedes Pflänzchen sprießt und gedeiht; wie vieler Mühe es bedarf, um all das zu schaffen und zu erarbeiten, was notwendig ist zum menschlichen Leben. Sie müssen lernen, daß man nicht ein Zweiglein abbrechen darf, weil man damit anderen Menschen Freude nimmt. Die Schönheit der Blume, die Lieblichkeit des Vogelgesanges sollen sie erfassen lerUnd dann, liebe Mutter, vergleiche den erwachenden Frühling in der Natur mit dem Völkerfrühling; bringe ihnen so das Gebot zum Verständnis:„ Du sollst nicht töten." Von Frau zu Frau aber gehe dies wie ein Schwur für die neue Zeit. So wollen wir helfen, die Menschen reif zu machen für den seelischen Sozialismus, den wir erst haben müssen, wenn wir den wirtschaftlichen erreichen wollen. Der Freiheit Saaten stehen gut; Helfen wir, daß sie reifen zu guter Ernte. nen. Alwine Wellmann. 198 Die Gleich beit vor den schweren wirtschaftlichen und außenpolitischen Schwierigkeiten, die unsere Existenz als Nation bedrohen. Manches sozialistische Werk fonnte nicht durchgeführt werden. Die traurige Lässigkeit großer Boltsteile, der unselige Bruderkampf in der Arbeiterschaft waren schuld, daß wir nicht so start ins Parlament einziehen konnten, um eine eigene, ivahrhaft soziale Politit treiben zu können. Sie waren schuld, daß manches bedauerliche Zugeständnis gemacht, manches unleidliche Kompromiß geschlossen werden mußte, daß uns ein gut Stück zurückschleuderte auf der Bahn, die wir im Sturmschritt genommen hatten. Unsere ganze zielbewußte Arbeit muß nun darauf eingestellt sein, den sozialistischen Staat zu verwirklichen. Jeder muß an diesem großen Werk mit ganzer Liebe und ganzer Kraft arbeiten! Keiner dente, er sei nicht nötig; keiner denke, er sei nicht wissend, nicht flug genug dazu. In inbrünstiger, freudiger Zuversicht müssen wir dafür unsere ganze Kraft einsehen. Werben müssen wir, die Massen aufklären, die noch feindlich oder in Gleichgültigfeit abseits von uns stehen. Ueberzeugen müssen wir die, die feinen Glauben an eine glückliche Zukunft haben. Manche beutjame Errungenschaft hat uns ja die Revolution schon gebracht. Freier atmet der Mensch, der lange gefnechtet und entrechtet gebeugt ging. Freier noch wird sich die Persönlichkeit entwickeln, wenn einst, was wir in unermüdlichem Kampf erstreben müssen, die sozialistische Gesellschaftsordnung die kapitalistische verdrängt haben wird. Sie tötete schon allzu häufig Mut und Begeisterung, Geistesund Gewissensfreiheit, Selbstbewußtsein; Charakter und Stolz manches armen Lohnknechts des Fabritsaals und der Schreibstube, der ein Qualitätsmensch, ein Held und Denker war, um des armseligen Stücklein Brotes willen aber schwieg und sich unterwarf. Das sollten die Anhänger des kapitalistischen Individualismus wohl bedenken. Frei muß die Bahn werden dem Tüchtigen! Sie kann es nur durch unermüdliche, zielbewußte Arbeit im sozialistischen Gedanken werden. Darum wollen wir werben mit Wort und Schrift. Einig wollen wir sein, uns suchen und finden die feindlichen Brüder und Schwestern zu uns herüberzuziehen, stets aufs neue versuchen. Daß neues Leben aus den Ruinen erblühe! Daß in boller Reinheit der sozialistische deutsche Staat erstehe aus den Trümmern einer schmachvoll zusammengebrochenen Gewaltherrschaft. Dann, ihr Mütter der Zukunft, werdet ihr nicht mehr, wie gar biele unter uns, traurig verzichten oder tausend demütige Bettelgänge machen müssen, daß eurem hochbegabten Kinde die Ausbildung werde, die ihm kraft seines Menschenrechts werden muß. Freie Bahn wird sein dem Tüchtigen zum Nußen der gesamten Menschheit. Kein 3tvang materieller oder geistiger Art wird dann auf der freien Entfaltung der Persönlichkeit liegen. Frohe, gern getane Arbeit wird die Menschen zu Künstlern machen. Gesunde, schöne Lebensbedingungen werden die ArbeiNr. 24 vor 4½ Jahren verlobten, einigten wir uns auf evangelische Trauung und evangelische Kindererziehung. Vor der Hochzeit aber erklärten die Pfarrer meinem Mann, daß die katholische Kirche die evangelische Trauung verzeihen würde, aber verlangt, daß die Kinder katholisch erzogen würden, anderenfalls mein Mann die Zugehörigkeit zu seiner Kirche verlieren würde. Da meinem Mann der Gedanke sehr schmerzlich war, außerhalb seiner Kirche zu stehen, ich mich nicht entschließen konnte, meine Kinder katholisch erziehen zu lassen, standen wir kurz vor der Trennung. Schließlich einigten wir uns dahin, unserer Liebe das Opfer zu bringen und beide auf Kinder zu verzichten und heirateten uns vor 4 Jahren. Daß wir nicht die einzigen sind, die, um nicht ihr ganzes Glück aufzugeben, mit diesem Opfer die religiöse Frage umgangen haben, weiß ich durch viele Beweise anderer Mischehen. Abgesehen davon, wie schmerzlich es für ein glückliches Ehepaar, welches die Liebe zusammengeführt hat, auf das Kind, das Band ihrer Liebe, zu verzichten, so geht doch dem Vaterlande auf diese Weise manch guter, gesunder Nachwuchs verloren. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, daß die fatholische Stirche der protestantischen nicht die Gleichberechtigung versagt und die Protestanten nicht als Keber, sondern als Christen ansieht, wie die eigenen Mitglieder. Die protestantische Kirche ist tolerant, erklärt nicht, daß es Sünde ist, wenn ein protestantischer Mann sich katholisch trauen läßt und weist diesen nicht aus der Kirche, er seine Kinder katholisch erziehen läßt, trotzdem es Staatsgeset ist, daß die Kinder nach dem Manne erzogen werden müffen. Wir Protestanten müssen daher mit aller Energie von der fatholischen Stirche dieselbe Toleranz in diesen Bunkten fordern, wenngleich auch im katholischen Katechismus beim Sakrament der Ehe steht, daß die Kinder immer im Glauben des Mannes, wenn derselbe katholisch ist, erzogen werden müssen, da dieses Staatsgejet ist. Im Interesse vieler deutscher Frauen bitte ich daher, dahin zu wirken, daß die katholische Kirche nicht mehr einen derartigen Drud auf ihre Anhänger ausüben darf, der eines freidentenden und-handelnden Menschen doch einfach unwürdig ist. Ich denke, es ist jeßt weniger wichtig, über den Religionsunterricht der Kinder, ob er sein soll oder nicht, zu beraten, als über religiöse Gesezesfragen, die den erwachsenen Christen Sämpfe, Kummer und Sorgen machen können und ersonnen sind von fleinlichen, fanatischen Katholischen Menschen und die weiß Gott, in die jetzige Zeit nicht mehr hineinpassen. Daher soll die Losung heißen: ,, Mehr Freiheit im Denken und Handeln den katholischen Christen!" tenden umgeben, und keiner soll mehr sein, der unter der Last Was lehrt uns die gegenwärtige Zeit? wirtschaftlicher Sorgen zufammenbricht. Minna Heimannsberg, Frankfurt a. M. Mehr kirchliche Freiheiten Unsere Gegner von rechts stellen in ihrer Agitation immer wieder die Behauptung auf, daß die Sozialdemokratie die Familie zerstöre, daß wir Frauen und Kinder durch unsere Forderung der religiösen Neutralität in schwere Stonslifte brächten. Nachfolgender Brief, der uns zuging, beweist, wo die familienzerstörenden Konflikte zu suchen sind. Wir geben ihn ohne weiteren Kommentar und ohnе Abänderung wieder: ,, Seit, der Revolution fräumt ein großer Teil unseres Volfes von der Freiheit. Freiheit in Wort und Schrift" ist ein geflügeltes Wort geworden. Da die jetzige Politik sich auch mit religiösen Fragen beschäftigen muß, da wäre es jetzt wirklich der gelegene Zeitpunkt, von der katholischen Kirche mehr Freiheiten für ihre Gläubigen zu verlangen, da ihre firchlichen Geseze schon mehr als freiheitsberaubend auf ihre Mitglieder wirken. Ich selber bin Proteftantin, mein Mann ist Katholik, steht aber auf einem ziemlich liberalen Standpunkt. Als wir uns Der Sozialist betrachtet auf Grund der materialistischen Geschichtsauffassung die Wirtschaft, die Produktionsweise eines Boltes als den Unterbau der gesamten Gesellschaft, als den Grundstein, auf dem sich das gesamte kulturelle und geistige Leben aufbaut. Alles Bestehende hängt letzten Endes von der Produktionsweise, von den Produktionsmitteln ab. Diese sind auch der Ursprung der Klaffentrennung und des profetarischen und auf anderer Seite bürgerlichen Maffenbewußtseins. Während wenige Unternehmer durch Besitz der Produktionsmittel wie Maschinen usw. die Herrschaft über den Warenmarkt eines Volkes in Händen haben, finden wir in kapitalistisch orientierten Ländern, so auch in Deutschland, die Millionenmassen des besiklofen Volfes, die Proletarier, vor. Ihr einziges Eigentum" ist ihre Arbeitskraft, die sie gegen Lohn an den Kapitalisten verkaufen. Ist es wahr, daß die Verteilung der Produktionsmittel, daß die ganze Wirtschaftsorganisation den größten Einfluß auf das ful turelle und geistige Leben eines Boffes ausüben, fo muß logischerweise eine Umgestaltung der Wirtschaft auch eine Umgestaltung des menschlichen Denkens nach sich ziehen. Ebenso selbstverständlich ist es aber auch, daß sich dieser Prozeß nur sehr langsam, schrittweise, vollziehen kann. Wir wissen, daß der Sozialismus eine gewaltige Umwandlung der kapitalistischen Produktionsweise erstrebt. Diese Um. wandlung, die sich durch die fortschreitende Sozialisierung der hierzu reifen Unternehmungen allmählich vollzieht, ist jedoch, wie wohl schon die Leserinnen aus dem obigen ersehen haben, nur Mittel, nicht Zweck und Ziel. Unser Ziel und Ideal wird erreicht durch Mr. 24 Die Gleich beit die sich mit Notwendigkeit durch Umgestaltung der Wirtschaft sich ergebende Umgestaltung der Gesinnung. " Ein Hauptfennzeichen unserer heutigen Zeit ist das Strebertum, ist brutale, rüdsichtslose, feine Mittel scheuende Herrschsucht, ist traffer Egoismus. Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles.... Diese Gemeinsucht und Profitgier erhält ihr schärfftes Gepräge in den Kreisen der Kapitalisten. Denn die Kapitalisten bilden nur dann eine einheitliche Front, wenn es gilt, geschlossen gegen das immer mehr vorwärtsdrängende Proletariat zu fämpfen; sie sind uneinig und bekämpfen fich wütend unterein ander, sobald fie als Konkurrenten auf dem Weltmarkt auftreten. Tritt nun an Stelle der Kapitalisten als einziger Besizer der Produktionsmittel der Staat als Interessenvertreter der Allgemeinheit, so wird durch diese sozialistische Umgestaltung die Volksgesamtheit zur Ueberwacherin und Beherrscherin der Warenerzeugung. Bugleich mit dieser Wirtschaftsumwälzung wird an Stelle der Geld- und Profitgier eine wahrhaft ideale Gemeinschaftsgesinnung treten, die ihren edelsten Ausdruck in gleich bemessener Arbeit, im einheitlichen 3u= sammenwirten der vielen finden wird. Wie man durch die Erkenntnis, die uns die Marxsche Geschichtstheorie brachte, von der Produktionsweise auf das Massendenken( Klassenbewußtsein, Klassenhaß) schließen, ja, das gesamte kulturelle und geistige nationale Leben verstehen und seine tieferen Ursachen ergründen kann, so ist es selbstverständlich umgekehrt auch möglich, von dem Boltsleben und den Tageserscheinungen auf die Entwicklung der Wirtschaft zu schließen. Versuchen wir, diesen Sah einmal auf die unmittelbare Gegenwart anzuwenden, so werden wir mit freudiger Ueberraschung feststellen können, daß unsere Zeit eine Uebergangsepoche bom Kapitalismus zum Sozialismus darstellt. Die gewaltigste Menschheitsentwicklung zusammengedrängt in eine tleine Zeitspanne im Verhältnis zu den Jahrmillionen, durch die der Weg der Menschheit bis hierher geführt hat. Wohin wir blicken in heutiger Zeit: alles gärt, alles ist im Ver= gehen und Entstehen begriffen, überall sehen wir Altes und Ueberlebtes zusammenstürzen, um dem Neuen und Besseren Platz zu räumen. Alles wächst und wird und drängt aus den starren Formen des Alten heraus, um ins Land der Zukunft zu treiben. Nichts ist; alles ist Entwicklung. Alles fließt." Derartige erregte Zeiten bringen natürlicherweise auch Rückfälle mit fich. Ein Beispiel: der Kapp- Putsch. Für den gesamten Gang der Entwicklung ist er bedeutungslos. Er hat im Gegenteil eher die Entwicklung in ein schnelleres Tempo verfekt als bisher. Wir sagten oben, daß man sehr gut von den Tageserscheinungen auf die Wirtschaftsentwicklung schließen kann. Weist uns nun das Tagesgeschehen auf gärende und in Entwicklung begriffene Zustände des politischen Lebens hin, so können wir hieraus aufin Entwicklung begriffene Zustände auf dem Gebiete der Wirtschaft schließen. Wir gewinnen durch sorgfältige Betrachtung und Abwägung des heutigen Zeitgeschehens und der politischen Zustände ein getreues Bild der fortschreitenden Entwicklung der Wirtschaft, wir erhalten die Gewißheit, daß die Entwicklung unhemmbar, unaufhalt sam zum Sozialismus brängt! Gehen wir nach dieser Erkenntnis mit neugestärfter nie versie gender Hoffnung ans neue Werk, an die neue Arbeit, die unser harrt. Ihr Frauen, haltet euch bereit und steht treu auf eurem Posten. Werbt der Partei neue Kämpferinnen, denn ihr gehört die Zukunft, das lehrt uns die heutige Zeit. W. Sch. Aus unserer Bewegung Mitwoch, den 19. Mai, fand im Volkshause zu Niesa eine gut besuchte Frauenversammlung statt. Genosse Lehrer Günther sprach über:„ Die Frauen und die Reichstagswahlen." Er wies klar und leichtverständlich an der Hand verschiedener Beispiele nach, daß jede der rechtsstehenden Parteien, ohne Ausnahme, vor dent 9. November 1918 sich zur Frage der politischen Gleichberechtigung der Frauen ablehnend verhalten habe. Jetzt habe man sich den Verhältnissen angepaßt, durch Versprechungen suchen diese Barteien die Frauen für ihre Listen zu gewinnen. Sollten sie damit Glück haben, so werden sie bald ihren wahren Charakter zeigen und uns unser Recht fürzen. Es heißt daher auf der Sut zu sein und mit ruhiger Ueberlegung zur Wahlurne zu 199 schreiten. Es sind trok der schwierigen Verhältnisse doch viele segensreiche Einrichtungen geschaffen worden. Man denke an den Achtstundentag, die Steuergesebe, Erwerbslosenunterstützung, die Verbesserung des Invalidengefeßes und der Hinterbliebenenfürsorge, endlich aber an den großen Fortschritt auf dem Gebiet des Bildungswesens. Alles steht noch in den Anfängen, soll es vollendet wben, müssen die Arbeiterfrauen für die Liste Bud, Schmidt, Frau Luße stimmen. In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, daß auch die Töchter in häuslicher Stellung auf die Wichtigkeit der Wahl hingewiesen werden müssen. Es darf keine Frau am 6. Juni fehlen und alle müffen ihre Pflicht richtig erfüllen. Die Versammlung zollte den Ausführungen lebhaften Beifall. Frieda Flämig. Bücherschau Den Lebensweg eines Arbeiterfindes schildert der bekannte volkstümliche Schriftsteller Bruno H. Bürgel in seinen Lebenserinnerungen, die letzthin unter dem Titel: Vom Arbeiter zum Astronomen", im Berlage von Ulstein u. Co., erschienen find. Geboren und aufgewachsen in dem Berlin der Gründerjahre und seiner noch dörflichen Vororte, läßt uns Bürgel in den Kapiteln:„ Aus der Jugendzeit" und„ Als junger Arbeiter" einen tiefen Blick werfen in die Lebensnöte einer Generation und einer ganzen Klasse. Angesichts des sechzigjährigen sich für den Lebensunterhalt der Seinen als Flickschuster abrackernden Pflege= baters gehen ihm die ersten sozialen Betrachtungen, natürlich im findlichen Sinne, durch den Kopf. Im dreizehnten Lebensjahre teimt im Gehirn des Jungen ein Gedanke auf, der richtunggebend für sein ganzes Leben werden sollte. Obgleich in der Dorfschule niemals über astronomische Dinge gesprochen wurde, und der Junge den Begriff Himmelstunde" nicht einmal dem Namen nach fannte, entwickelt sich bei ihm ganz plötzlich eine wahre Sehnsucht nach dem gestirnten Himmel, und der Entschluß entsteht, ein Astronom zu werden. Ein früherer Lehrer der Mathematit, als ein Entgleister", ebenfalls Bewohner des ,, Grauen Glends", vermittelt dem jungen Bewunderer der Sterne die ersten wissenschaftlichen Begriffe der Naturkunde und lehrt ihm die Anfangsgründe mathematischer Forschung kennen. Der heiße Wunsch des Bierzehnjährigen, studieren zu können, wurde erdrückt von der Not um das tägliche Brot, die ihn zwang, als Fabrikarbeiter für sich und die Pflegeeltern den Lebensunterhalt zu verdienen. Auch diese Jahre verlebte der junge Bürgel nur auf der Schattenseite der gottgewollten Ordnung. Da waren es die Bücher mit ihren großen und guten Gedanken, die ihm das ferne Ziel wiesen. Wie schwer war doch der Weg dorthin. In dem Artikel: Per aspera ad astra", d. h. ,, Auf rauhen Wegen zu den Sternen", sagt Bürgel selbst: In der blauen Bluse, mit der Blechkanne voll Kaffee unter dem Arm, trabte ich im Winter, wenn die Sterne noch am Himmel standen, über die verschneiten Felder durch die langen Chauffeen von meinem Dorf nach meiner Arbeitsstätte in Berlin. Der Weg war fast anderthalb Stunden lang, und ich lief ihn fünf Jahre lang, Sommer und Winter, weil ich die 60 Pf., die damals eine Arbeiter- Wochenfarte foftete, sparen wollte, um mir Bücher dafür taufen zu können." So vergingen Jahre raftlosen Lernens und auch bitterer Not, bis der Tag fommt, an dem Bürgel mit dent Astronom M. Wilhelm Meyer bekannt wird und in demselben einen treuen Führer durch das Labyrinth der Wissenschaft findet. Da sich trotz späteren Universitätsstudiums feine Möglichkeit bot, auf einer Sternwarte tätig sein zu können, widmet Bürgel sich als volkstümlicher Schriftsteller der Verbreitung naturkundlichen Wissens, in dem Gedanken, daß jede Wissenschaft mit unge münztem Golde zu vergleichen ist, wenn sie nicht ins Voltsganze dringt. Dem kleinen Büchlein kann nur die größte Verbreitung gewünscht werden. Den Aiten als ein Stück Erinnerung an vorrevolutionäre Zeiten, den Jungen als Beispiel raftlosen Lernens, als Rüstung für den Kampf um den Besitz politischer und wirt. schaftlicher Macht, die nur mit geistigen Waffen errungen wird. Gilt doch mehr denn je das Wort: Wissen ist Macht, Macht ist H. Schröter. Wissen." " 1 Unsere Mitarbeiter: Agnes Vogt, Hermann Krafft, Felix Kaben werden um Angabe ihrer Adressen gebeten. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Borwärts Buchdruckerei. 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