Nr. 40 30. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder.- Die Frau und ihr Haus Die Gleichheit erscheint wöchentlich Preis: Viertelfährlich 3,60 Mark Inserate: Die 5 gespaltene Nonpareillezelle 1,50 Mart, bet Wiederholungen Rabatt Berlin 2. Oktober 1920 Suschriften sind zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplag 147 40 Expedition: Berlin S2 68, Lindenstraße 3 Die Hausangestelltenrechtsreform geschieht das in erheblichem Maße, muß Entſchädigung gewährt Von Hedwig Wachenheim In der Nationalversammlung hat man erkannt, daß die Schaffung eines neuen, möglich einheitlichen Arbeitsrechts in Deutschland eine zum Schule der Arbeiter notwendige Maßnahme ist. Eine Kommission beim Reichsarbeitsministerium ist zur Bor bereitung berufen worden. Von dieser Kommission wird auch das neue Hausangestelltenrecht beraten. Durch die Aufhebung der Gesindeordnung in den verschiedenen deutschen Ländern ist das Bürgerliche Gesetzbuch§§ 611 bis 630 für den Dienstvertrag der Hausangestellten in Kraft getreten. Einen besonderen Schutz der Hausangestellten vor Ausbeutung sieht das Bürgerliche Gefeßbuch seiner ganzen Art nach nicht vor. Von Kollektiv. oder Tarifverträgen von Hausangestellten mit Hausfrauenorganisationen, der Dauer der Arbeitszeit usw. sagt es nichts. Diese Dinge soll nun bas neue Hausangestelltengeset bringen. Ueber die bisherige Beratung in der Kommission hat in der Oeffentlichkeit nichts berIautet. Der freigewerkschaftliche Zentralverband der Hausangestellten Deutschlands ist zu ihnen nicht herangezogen worden. In unserer Nachbarrepublik Deutschösterreich ist inzwischen ein Hausgehilfinnengesetz beschlossen worden. Das Vereinsblatt", Organ der Vereine der Heimarbeiterinnen, der Hausgehilfinnen, Schmuckfedern- und Kunstblumenarbeiterschaft Desterreichs, bringt dessen Vorgeschichte und Text. Wir sehen in Deutschland, wie zähe die sonst politisch so uninteressierten Hausfrauen gegen neue Mechte der Hausgehilfinnen zu protestieren wissen, dieses Zweiges der Arbeiterklasse, der zuletzt und spät erst anfängt, bom Gedanken der Arbeiterbewegung ergriffen zu werden. Bewußt oder instinktiv begreifen die Hausfrauen, daß das so gelobte, patriarcha lische" Dienstverhältnis die beste Möglichkeit zur Ausbeutung der Hausgenossin" gibt. Da wundert es uns nicht, daß in Defter reich die bürgerlichen Parteien lebhaft gegen das Gefeß gearbeitet, es in letter Stunde noch verschlechtert und besonders eine ausreichende Ruhezeit verhindert haben. PerDas österreichische Gesetz gilt für das Dienstverhältnis von Ber. sonen, die zur Leistung von Diensten für die Hauswirtschaft des Dienstgebers angestellt und in die Hausgenossenschaft des Dienstgebers aufgenommen sind", aber nicht für solche, die auch landwirtschaftliche Arbeiten verrichten. Es gilt nur in Städten mit mehr als 5000 Einwohnern. Ueber den Inhalt des Dienstvertrages sagt das österreichische Gesetz, daß die Löhne sich nach dem Ortsgebrauch regeln, und spricht von den Pflichten der Hausangestellten gegenüber dem Arbeitgeber. Der Hausangestellte hat die Dienstpflicht ordnungsgemäß zu leisten, gerechtfertigten Anordnungen zu entsprechen und die Gebote der Sittlichkeit zu beachten. Von den Pflichten des Arbeitgebers ist nicht die Rede. Der Lohn muß nachträglich, spätestens am Ersten, das Kostgeld voraus gegeben werden. Die Kost muß gesund und ausreichend und„, in der Regel" derjenigen der der erwachsenen Familienmitglieder gleich fein. Der Schlafraum darf Gesundheit und Sittlichkeit des Hausangestellten nicht gefährden und muß von innen verschließbar sein. Auch ein abschließbares Behältnis für den Hausangestellten muß vorhanden sein. Die Nubezeit muß täglich ununterbrochen 9 Stunden dauern und in die Zeit von abends 9 bis 6 Uhr früh fallen, und für Jugendliche unter 16 Jahren 11 Stunden zwischen 8 Uhr abends und 7 Uhr morgens dauern. Täglich ist eine Arbeitspause von insgesamt 2 Stunden, für Jugendliche 3 Stunden einzuräumen, die besonders für die Hauptmahlzeiten zu verwenden ist. Bei dringlichen Aufgaben darf die Ruhezeit gekürzt werden, werden. Für gestörte Nachtrube muß andere Schlafgelegenheit geschaffen werden. Freizeit mit der Erlaubnis zur Entfernung vom Hause ist zu geben an jedem zweiten Sonntag ab 8 Uhr und in jeder Woche an einem Nachmittage 4 Stunden zwischen 2 und 9 Uhr. Die Tagesruhezeit wird dafür an diesem Tage auf eine Stunde, auch für Jugendliche, verkürzt. Hausgehilfinnen, die zur Leistung von Diensten verwendet werden, deren Natur eine regelmäßige Unterbrechung ausschließt, wird eine entsprechende freie Zeit nach besonderer Vereinbarung gewährt. Urlaub sott nach einem Dienstjahr eine Woche und nach zwei Jahren ziet Wochen und nach fünf Jahren drei Wochen gegeben werden. Wäh rend dieser Zeit ist Gehalt und Urlaubszuschuß zu zahlen. Schon aus dem Angeführten gehen die Mängel des österreichi schen Gesezes hervor. Wir verlangen für Deutschland auch eine Hausangestelltenrechtsreform und wollen uns darum beizeiten flar werden, was sie bringen muß. Da müssen wir uns zunächst fragen, warum das Gesez nur für große Gemeinden Gültigkeit haben soll. Bedürfen Hausangestellte in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern denn feines gesetzlichen Schutzes? Statt der Festsetzung, daß das Gehalt durch den Ortsgebrauch bestimm wird, müßte bei uns der Hinweis auf den Tarifvertrag treten. Die gleiche Ernährung des Hausangestellten wie der Familien. mitglieder des Arbeitgebers muß nicht nur in der Regel", sondern überhaupt stattfinden. Das Gesez soll nicht die Ruhezeit feitlegen( das würde zu unaufhörlichen Reibungen führen), sondern die Arbeitszeit. Wegen des besonderen Dienstverhältnisses der Hausangestellten kommt eine Arbeitszeit von 10 Stunden in Frage, nicht vor 6 Uhr morgens und nicht nach 8 Uhr abends und füs Jugendliche 8 Stunden zwischen 7 Uhr morgens und abends. Die Arbeitspausen sollen täglich 2 Stunden betragen. Der vierte Sonntag foll ganz und die übrigen Sonn- und Feiertage von 2 Uhr ab arbeitsfrei fein, mit der Berechtigung zur Entfernung vom Hause. Ein zu vereinbarender Wochentag ist von 3 Uhr nach mittags ab arbeitsfrei, gleichfalls mit dem Entfernungsrecht Ueberstunden, die möglichst zu vermeiden sind, müssen mit Aufschlag bezahlt werden. Damit kommt das österreichische Beispiel für die Freizeit, das, was die Wochentage betrifft, durch den Fortfall der Arbeitspause ganz unzuträglich ist, für uns überhaupt nicht in Betracht. Wir halten bei allen häuslichen Arbeiten eine tägliche Pause für möglich. Da die Hausangestellten viel weniger als alle anderen Arbeiterkategorien frei über sich verfügen können, sollte ihnen nach zwei Jahren ein Urlaub von zwei, nach drei Jahren ein Urlaub von drei Wochen zustehen. Nicht Urlaubszuschuß, sondern das ortsübliche Kostgeld soll während dieser Zeit gewährt werden. Entgegen dem österreichischen Gesetz fordern wir die Einbeziehung der Hausangestellten in die Unfallversicherung, da feine private Versicherung die gesetzliche ersehen kann. Die Krankenversicherung- wir wünschen sie obligatorisch besteht ja in Deutschland schon, in Oesterreich verlangt sie jetzt eine Parlamentsresolution. Die Bestimmungen einer 14lägigen Kündigungsfrist, die wir für angemessen halten, wird im österreichischen Geseke in nicht zu rechtfertigender Weise stark verklausuliert. Prämien bei langjähriger Dienstzeit lehnen wir ab, wir wollen angemessenen Lohn. Zwangsmaßnahmen zum Wiedereintritt, selbst bei widerrechtlichem vorzeitigen Verlassen des Dienstes, dürfen nicht in das deutsche Geset tommen. Die Sonderbestimmungen für Dienstnehmer, die Dienste höherer Art leisten, lehnen wir ab. Ueber die Aufsicht über die Erfüllung der gajeßlichen Bestim 322 Die Gleichheit mungen heißt es in dem österreichischen Geseh:„ Durch Vollzugsanweisung fann bestimmt werden, in welcher Weise die Aufsicht über die Einhaltung der durch dieses Gesetz geschaffenen Verpflichtungen geregelt wird." Wir vermissen hier eine sachgemäße soziale Kontrolle. Auch vermissen wir die Ausschaltung der pribaten gewerbsmäßigen Stellenbermittlung. Die Schiedsgerichte müßten nach deutschem Brauch geregelt werden. Nach dieser Darstellung unserer Forderungen wollen wir uns noch mit den Richtlinien befassen, die ein von der Gesellschaft für Soziale Reform berufener Ausschuß aufgestellt hat. Diesem Ausschuß gehörten an: Prof. Dr. France und Prof. Dr. Heyde als Vorsitzende, ferner Abg. Behrens, Frau Gertrud Bernhard, Frl. Dr. Behrend, Frl. v. d. Decken( Zentrale der Landfrauen), Frau Berta Delbrück- Hindenberg( Arbeitsamt Schöneberg), Frl. Filling ( Reichsverband weiblicher Hansangestellten Deutschlands), Frau Fleck( Verband deutscher Hausfrauenvereine), Frl. Stadtv. Frie denthal( Ständ. Ausschuß z. Förd. d. Arbeiterinneninteressen), Frl. Dr. Gaebel( Bureau für Sozialpolitik), Frl. Abg. Gertrud Hanna( Allg. Deutscher Gewerkschaftsbund), Frau Gräfin Kayserlingf- Cammerau, Frau Baronin Kerferint, Frau Abg. Kaehler ( Zentralverband der Hausangestellten; später ausgeschieden), Frl. Krug( dgl.), Frau E. Mühsam( Groß- Berliner Zentrale der Hausfrauenvereine), Frl. Anna Schmidt( Verband katholischer erwerbs. tätiger Frauen und Mädchen), Frl. v. Sommerfeld( Ev. Verband zur Pflege der weiblichen Jugend), Frl. Voigt( Verband fatholischer erwerbstätiger Frauen und Mädchen) und Senatspräsident Geh. Justizrat Dr. Zimmermann. Die Vertreter des Zentralverbandes der Hausangestellten sind meines Wissens ausgeschieden, weil sie es zwecklos fanden, in einer Kommission mitzuarbeiten, deren Einzelmitglieder sich nicht verpflichteten, das Ergebnis der Arbeit vor den Gesetzgebern zu vertreten. Interessant ist, daß der Verband Deutscher Hausfrauenvereine dem Ausschuß ein Sondergutachten einreichen ließ, das die Arbeitszeit als solche überhaupt nicht und die Ruhezeit außer einigen Mindestbestimmungen Nachtruhe von 8-9 Stunden nach 10 Uhr, zwei Stunden Pause, Freizeit einmal in der Woche und jeden zweiten Sonntag von 3 Uhr ab nur im Einzelvertrage geregelt wissen wollte, und das ferner den Tarifvertragsgedanken völlig berwarf, weil seine Verwirklichung durchaus nicht ruhige und gesicherte Zustände im häuslichen Dienstverhältnis hervor gebracht habe, vielmehr zur Quelle dauernder Beunruhigung geworden sei!! Die Richtlinien der Gesellschaft für Soziale Reform wollen es den Landeszentralbehörden überlassen, die Geltung aller oder einzelner Bestimmungen für Gemeinden unter 5000 Einwohnern auszuschließen. Wir wiesen schon vorhin darauf hin, daß wir solche Ausnahme nicht wünschen. Als Hausgehilfe soll nach den Richtlinien gelten, wer zu Leistungen häuslicher Arbeit in die häusliche Gemeinschaft aufgenommen ist. Die Ehefrau, die auf Grund des§ 157 des Bürgerlichen Gesetzbuches den Haushalt führt, soll als Arbeitgeber im Sinne des Gefeßes gelten. Die Arbeitszeit entspricht unseren Vorschlägen, 10 Stunden zwischen 6 und 8 Uhr und zwei Stunden Freizeit. Es wird aber für leichte laufende Arbeit eine Stunde Arbeitsbereitschaft hinzugefügt, die wir entschieden ablehnen, da sie in der Praxis zu einer 11ftündigen Arbeitszeit führen würde. Jeden zweiten Sonntag soll die Arbeitszeit um 2 Uhr mittags enden und einmal wöchentlich werktags um 3 Uhr, ob mit Erlaubnis der Entfernung vom Haus, wird nicht klar ausgedrückt. Entfernung vom Haus soll zweimal wöchentlich von 8 Uhr abends bis zur Polizeistunde gestattet sein. Ganz arbeitsfrei soll im Sommer jeder vierte, im Winter jeder sechste Sonntag sein. Der Hausgehilfe hat nach Ablauf einer Dienstzeit von einem Jahr Anspruch auf 7 Tage Urlaub. Dieser steigt nach dem zweiten Jahre auf 10 Tage, nach dem dritten Jahre auf 14 Tage, nach dem vierten Jahre auf 17 Tage, nach dem fünften Jahre auf 21 Tage. Für die Urlaubszeit ist der Lohn, für etwa ausfallende Most die ortsübliche Entschädigung zu zahlen. Der Zeitpunkt des Urlaubs unterliegt freier Uebereinkunft. Wenn der Hausgehilfe im Falle der Erkrankung die erweiterte Krankenpflege im Sinne des§ 437 der Reichsversicherungsordnung von der Krankenkasse nicht verlangt, so hat der Dienstberechtigte die Verpflichtung, für die erforderliche Verpflegung im eigenen Haushalt oder anderweitig zu sorgen, und zwar für die Dauer von sechs Wochen, jedoch nicht über die gesetzliche Kündigungszeit hinaus. Findet die Verpflegung außerhalb des eigenen Hauses statt, so ist der Betrag des ortsüblichen Kostgeldes zugrunde zu legen. Der Gehilfe muß sich den Betrag des Krankengeldes auf Nr. 40 die Verpflegung anrechnen lassen. Die Vorschriften des§ 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches bleiben unberührt. Der Hausgehilfe hat Anspruch auf eine dem Haushalt angemessene ausreichende Belöstigung und Wohnung. Das Zimmer muß von innen und außen verschließbar sein und gesundheitlichen Anforderungen entsprechen. Ein eigenes Bett und ein verschließbares Behältnis zum Aufbewahren der Sachen muß zur Verfügung stehen. Die Vorschriften des§ 618 des Bürgerlichen Gesetzbuches bleiben unberührt. Der Hausgehilfe muß im Besize eines mit Lichtbild versehenen behördlich beglaubigten Personalausweises sein. Der Arbeitsvertrag muß schriftlich geschlossen werden; jeder der Vertragschließenden erhält eine Ausfertigung. Der Vertrag muß Bestimmungen enthalten über Art der beiderseitigen Leistungen, insbesondere Höhe der Vergütung. Er soll enthalten Bestimmungen über die ununterbrochene Nachtruhe, die zur Einnahme der Mahlzeiten usw. dienenden täglichen Ruhepausen, die an Wochen- und Sonntagen zu gewährende Freizeit, den alljährlichen Urlaub und die Kündigungsfrist. Es genügt die Bezugnahme auf die gesetzlichen Bestimmungen oder etwa bestehende Tarifverträge. Die Kündigungsfrist muß für beide Teile gleich sein. Die Kündigung ist nur für den Schluß eines Kalendermonats zulässig; sie hat spätestens am 15, jeden Monats zu erfolgen. 1. Das Arbeitsverhältnis kann von jedem Teile chine Einhaltung einer Kündigungsfrist gekündigt werden, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Wird die Kündigung durch ein vertragswidriges Verhalten des anderen Teiles veranlaßt, so ist dieser zum Ersatz des durch die Aufhebung des Arbeitsverhältnisses entstehenden Schadens verpflichtet. 2. Als wichtige Gründe, die den Hausgehilfen zur friftlosen Kündigung berechtigen, gelten, sofern nicht besondere Um stände eine andere Beurteilung rechtfertigen, namentlich: a) Unfähigkeit zur Leistung der Arbeit, z. B. schwere Krankheit; b) Tätlichkeiten oder grobe Beleidigungen durch den Arbeitgeber oder dessen Familienangehörige oder dessen Weigerung, den Hausgehilfen gegen solche Weigerungen seitens anderer Hausangehörigen zu schützen; c) Zumutung von Handlungen, die gegen die Gesetze oder die guten Sitten verstoßen; d) Gefahr für Leben und Gesundheit des Hausgehilfen, z. B. ansteckende Krankheit eines Hausgenossen ohne Anordnung der nötigen Vorsichtsmaßregeln; e) ständige Zuweisung anderer als der vertraglich übernomme nen Arbeiten wider Willen des Hausgehilfen; f) Nichtzahlung des fälligen Gehalts trop wiederholter Mahnungen, den ihm nach§ 618 des Bürgerlichen Gesetzbuches obliegenden Verpflichtungen nachzukommen. Als wichtige Gründe, die den Arbeitgeber zur fristlosen Kün digung berechtigen, gelten, sofern nicht andere Umstände eine andere Beurteilung rechtfertigen, namentlich: a) Nichtantritt und unbefugtes Verlassen der Arbeit durch den Hausgehilfen, sowie beharrliche Weigerung, den ihm nach dem Arbeitsvertrage obliegenden Verpflichtungen nachzukommen; b) Vorzeigung falscher oder gefälschter Zeugnisse oder Arbeitsbescheinigungen bei Abschluß des Arbeitsvertrages; c) Berheimlichung oder Täuschung über das Bestehen eines anderen, den Hausgehilfen gleichzeitig verpflichtenden Arbeitsverhältnisses, Diebstahl, Entwendung, Unterschlagung, Betrug oder liederlicher Lebenswandel der Hausgehilfen; d) Tätlichkeiten des Hausgehilfen gegen den Arbeitgeber oder dessen Familienangehörige; e) erhebliche und vorsäßliche und rechtswidrige Sachbeschädigung zum Nachteil des Arbeitgebers; f) Berleitung oder Versuche zur Verlcitung von Familienangehörigen des Arbeitgebers oder von Mitarbeitern zu Handlungen, die gegen die Gesetze oder guten Sitten verstoßen; g) Unfähigkeit zur Fortsetzung der Arbeit, ansteckende oder abschreckende Krankheit. Wir bringen die Bestimmungen so ausführlich, weil sie sorgfältig ausgearbeitet sind und wahrscheinlich den sozial gerichteten Elementen der bürgerlichen Partei zur Richtschnur dienen werden und weil an ihnen Mitglieder der Kommission für Arbeitsrecht beim Arbeitsministerium mitgearbeitet haben. Daß wir eine andere Regelung der Arbeits- und Urlaubszeit wünschen, haben wir bereits gesagt. Die anderen, zuleht angeführten Bestimmun gen sind annehmbar. Nur wünschen wir nicht fristlose Kündigung wegen ansteckender Krankheit. Wir wollen auch, daß auf Verlangen des Hausgehilfen das Zeugnis sich auf Führung und Leistung erftreden soll. Ferner begrüßen wir es, daß für Streitigkeiten Schiedsgerichte, paritätisch aus Hausgehilfen und Arbeitgebern Nr. 40 Die Gleich beit zusammengescht, im Rahmen des Arbeitsgerichtsgesetzes besonders gefordert werden. Den Richtlinien des Ausschusses für Soziale Steform fehlt aber die Kontrolle über die Einhaltung des Gesetzes, die gerade in diesem Falle, wo es sich um einzelarbeitende Arbeitnehmer handelt, sehr notwendig ist, und leider fehlt gleich falls die Ausschaltung der gewerbsmäßigen Stellenbermittlung. Wir haben die Pflicht, die Fürsorge für die Hausgehilfen, die am besten durch gesetzliche Schuhmaßnahmen, wie sie hier vorgeschlagen werden, durchzuführen ist, besonders zu fördern. Denn ihrer ganzen Lage nach, durch die Einzelarbeit und die Zugehörigkeit zur Hausgemeinschaft des Arbeitgebers, ist die Hausgehilfin schwer organisierbar und deshalb viel weniger in der Lage, selbst ihre Forderungen durchzusetzen. Der Schutz der Hausgehilfen gehört aber zu dem Schutz der Arbeiterschaft über haupt, den wir anstreben. Und besonders verdient dieser Berufszweig unsere Aufmerksamkeit, weil seine Angehörigen viel mehr noch leiden als die übrigen Arbeiter. Der Lohn der Hausangestellten ist heute so gering, daß Anschaffung von Kleidern und Wäsche unmöglich wird. Die persönliche Freiheit, und damit die Möglichkeit zur geistigen Entwicklung ist noch fast vollkommen beschränkt. Nach den„ Mitteilungen" des Hausfrauenvereins GroßBerlins hat die Fraktion der U. S. P. D. dem Reichstag einen Antrag zur sch eunigsten Erlassung eines Gesezes, welches das Arbeitsverhältnis der Hausangestellten auf Grund des achtstündigen Arbeitstages regeln soll, unterbreitet. Die Hausfrauen haben gegen dieses Notgesetz protestiert. Es wird gut sein, wenn sich die Kasseler Frauenkonferenz mit der Frage beschäftigt und dafür sorgt, daß der Parteitag die Förderung der Angelegenheit in der oben geschilderten Weise der Reichstagsfraktion zur Pflicht macht. Der Weg zum Volksstaat Von Carl Dieset ( Fortsetzung) Das eben ist es, was uns nicht allein auf dem Gebiete der Schule, des gesamten Erziehungspesens, sondern leider überall gefehlt hat. Die Schule, die Erziehung aber und die Notwendigkeit ihrer seelisch- geistigen Durchstrahlung betone ich deshalb besonders, weil sie ja bei geeigneter Ausgestaltung die gegebene Bildnerin ist, durchaus imstande und geeignet, das Volk von einem übeldrohenden, schrecklich überhand genommenen Mechanismus zu befreien und es schon von Jugend auf einer höheren Auffassung des menschlichen Lebens entgegenzuführen. * Feuilleton Erite graue Haare Ja! ja! ja! ja!... die Blätter färben! Und leise wie Dengeln klingt es im Wind! Wir müffen uns fchon daran gewöhnen... Wir müffen uns schon damit verföhnen, Daß Frühling und Sommer vorüber find! Aber es ist auch im Herbst noch schön! Wir dürfen nur nicht traurig werden, Wenn am Abend in den Gärten Frühe ſchon die Nebel stehn! Und ich glaube, es ilt falt mehr: Sich im Herbst noch freuen können, Wenn die Lichter fchon tiefer brennen! ☆ Und weht auch über die Stoppeln der Wind.. Wer weiß ob nicht die letzten Rofen Seliger noch als die erften lind!? Gott im Himmel Cafar Flailchlein. Ein neues Märchen von W. Lennemann( Köln). uf einem goldenen Sterne, weit irgendwo im Weltenraume, finden sich die Seelen der Gestorbenen wieder. Da wachen alle zu einem neuen Leben auf, die hier auf Erden gewandeit: Die Bösen und die Guten, die Herrscher und die Knechte, die Gläubigen und die Ungläubigen. Da wandeln verträglich neben323 Bei genauer Beobachtung kann allerdings gesagt werden, daß so manche, an sich fleine Erscheinung dazu beiträgt, die Hoffnung auf ein innerlich freies Deutschland nicht zuschanden werden zu lassen. Den Pessimisten sei gesagt, daß jedes Ding seiner Vorbereitung bedarf. In Zeiten der Uebergänge wird starrer Bestand und revolutionäre Idee in Kämpfen gegeneinandergeworfen, und dem Hoffnungslosen zeigen sich Bilder, die ihn noch mehr mit Berzweiflung erfüllen als vordem der Anblick geruhsamen Elends. Es ist freilich schwer, wenn nicht unmöglich, greifbare Tatsachen für die Behauptung zu bringen, daß sich des deutschen Volkes eine größere geistige Freiheit bemächtigt. Erschwert vor allem dadurch, daß sich jetzt, nachdem die deutsche Regierung sozialistenrein geworden ist, die Reaktion mit geradezu unglaublicher Unverschämtheit zeigt. Was wollen kleine Beispiele besagen, von denen ein großer Teil schließlich doch nur zu den rasch enteilenden Augenblickserscheinungen gehört? Das Gefühl ist auch hier der beste und zuverlässigste Beurteiler; ganz naturgemäß ahnt es lange vorher, ob es zu einer Wechselbeziehung zwischen der eigenen Seele und der Seele des Volkes kommt. Ich stehe nicht an zu erklären, daß mir sogar diese krasse Reaktion der Gegenwart als direktes Mittel zur Selbstbesinnung des Volkes und weiterhin zur Durchgeistigung erscheint. Wie diese Periode der Verbrechen am Vaterlande überwunden wird, fann uns hier gleichgültig sein; daß sie mit Kraft wohl gar mit wilder, neu entflaminiender revoIutionärer Kraft überwunden wird, halte ich für sehr wahrscheinlich. Denn es ist zu bedenken, daß die Revolution noch nicht zu Ende, die revolutionäre Idee zwar fünstlich eingedämmt, ganz und gar nicht aber ausgeschöpft ist.*) Es kann nicht deutlicher ausgedrückt werden, als daß ich sage: die Revolution ist narkotisiert worden, narkotisiert durch den Versailler Vertrag, der, obzwar von der großen Mehrheit noch keineswegs bis ins Leyte durchdacht, dennoch wie ein *) Es wird dies nicht etwa in der Hoffnung auf ein„ talfräftiges" Eingreifen Sowjet- Rußlands geschrieben. Wohl aber wird nicht geleugnet, daß sich das russische Beispiel im Geiste überträgt. Dieser Vorgang läßt sich am besten nur mit dem bekannten Bilde eines Krankheits- Bazillus vergleichen, der bei rapider Vermehrung ganze Länder ergreift. einander Juden und Christen, Mohammedaner und Buddhisten. Sie alle haben ihre irdischen Wünsche begraben; nur eine Sehnsucht wacht und lebt dem Tage entgegen, da sich ihnen die Tore des Baradieses öffnen und sie Golt schauen werden von Angesicht zu Angesicht. Denn die Priester unter ihnen haben sich wieder auf ihre ,, heilgen Pflichten" besonnen, ihre Gläubigen um sich gesammelt und Tempel und Altäre gebaut. Und Gebete flatterten wieder und der Rauch der Opferaltäre. Die Dogmen werden aus dem Schutt irdischer Vergessenheiten hervorgeholt; und siehe, ihre Stetten blinken und halten wie am ersten Tage. Und das Zuckerbrot der Verheißungen ist billig wie Erbsenstroh: Die ewige Seligfeit winkt allen Tempelsflaven! Das alte Bild des Gottes, wie es die Priesterhände in den ersten jungen Tagen der Menschheit nach ihrem Bilde geformt, ward wieder auf den Altar gestellt. Und Drohung und Verheißung zwingen wie chedem die Beter in die Knie, daß sie zu dem Gotte aufs schauen halb in Furcht, halb in gläubigem Vertrauen. Sie alle hoffen und harren, denn das Himmelreich ist ihnen greifbar nah. Denn da führt von jedem Tempel ein langer, geheimnisvoller Gang zu den nicht sernliegenden ewigen Gärten, zu den Toren des Himmels. Noch keine der Seelen ist durch die Weihrauchs wolfen, die ihn umlagern, gedrungen; doch die Priester verheißen. daß dieser Weg durch Kirche und Hochaltar sie dermaleinst zu den Throne Gottes führen werde. In dieser Meinung und Lehre sind sich die Priester aller Re ligionen einig. Sie wissen aber nicht, daß die Wege aus ihren Tempeln alle vor ein und derselben Tür münden; ein jeder von ihnen sieht rur seine Tür und wähnt in Eifer, Selbstgerechtigkeit und Hochmut, daß einzig fie ter wahre Zugang zu den Stufen Gottes bilde, jede der übrigen aber in Dunkelheiten und in die Jrre 324 Die Gleich beit Nr. 40 Keulenschlag wirkte allein durch die Gewalt des unmittel Reichsjugendtag der Arbeiterjugend in bar Faßlichen; narkotisiert durch die zweifelsohne viel zu weitgehende Solidität, Ehrlichkeit und Schonung, die man allen Vertretern des wilhelminischen Systems angedeihen ließ. Es war, um die Deutsche Republik nach außen hin und den republikanischen Gedanken im eigenen Bolke durchschlagender zur Geltung zu bringen, ein weit fraftvolleres Zufassen nötig! Revolutionen sind doch kein Kartoffelmus. Wenn nun aber auch schon die nächste Zukunft dazu Veranlaffung gibt, dazu zwingt, derart Versäumtes um so entschiedener nachzuholen, so soll das doch an dieser Stelle nicht Anlaß zu Spekulationen geben. Einmal muß ja doch der wirkliche, der ungestörte Neuaufbau Deutschlands erfolgen. In welchem Sinne? Nun, ich deutete ihn bereits an, und die bisher gegebenen Bemerkungen werden die aufmerksame Leserin genügend vorbereitet haben, eine Zusammenfassung der Notwendigkeiten für einen deutschen Volksstaat zu verstehen. ( Fortsetzung folgt) Zeitgeiſt Von Ferdinand Freiligrath Die Uhr der Zeit läßt nicht zurück lich ftellen, Denn vorwärts drängt der Zeiger ohne Raft; Und all das Bollwerk will und muß zerfchellen, Das hemmend in des Rades Speichen faßt. Die Zeit, wo man mit Ammenmärchen Schreckte, Die Zeit, wo man in Itarre Felfeln schlug Den Geilt, der tief im Schlamm des Irrwahns Steckte, Die ist vorbei, vorbei der Piaffentrug. Doch immer noch will man den Zeiger rücken, Damit's am Morgen fchlage litternacht; Noch immer will den Geift man niederdrücken, Der lichtwärts ítrebt, nach langer, banger Пacht. Toch fäen taufend finitere Gestalten Den Drachenfamen: Geiftesnacht und Krieg; Drum laßt der Freiheit Banner hoch uns halten, Laßt felt uns ſtehn, und unfer ist der Sieg. Die Uhr der Zeit läßt nicht zurück fich ftellen. Denn vorwärts drängt der Zeiger ohne Raft, Und vorwärts" ruft's aus Millionen Kehlen, Auch euch reiẞt's mit, die ihr den Fortfchritt haẞt! führe. Und die Menge der Beter vor den Tempeln glaubt und wartet, harrt durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. Die Sonnen rollen und die Erden kreisen ihre Bahn. Sterne flammen auf und vergehen: Immer noch harren die Gläubigen, daß ein Gott ihnen die Himmel öffne. Und neue Seelen fommen mit zerrissenen Leibern und llaffenden Schädeln. Sie sind aufgestiegen von den Blutfeldern Europaz. Sie alle treten vor ihre Priester und Bonzen und Zauberer:„ Wo ist der Himmel, der uns verheißen worden?" Und die Priester und Bonzen und Zauberer weisen auf ihre geheimnisvollen Gänge, murmeln Gebete und heben segnend ihre Hande. Und die todesmutigen Stämpfer aus fünf Weltteilen schweigen, awar enttäuscht und mißmutig; aber sie schweigen. Neue Seelen kommen, neue Frager. Sie erzählen, wie Himmel und Erde berste und das Feuer wüte, und wie die Würgengel schritten Stunde für Stunde und die Männer morden zu Tausenden und aber Tausenden, zu Millionen und aber Millionen. Herrisch wird das Fragen, ungestüm und begehrlich. Drohend lagern fich die Massen vor den Tempeln. Wir haben Thron und Altar gestützt, für König und Vaterland gefämpft; gebt uns die Seligkeit, die man uns wieder und wieder versprochen!" Do stürmen neue Seelen auf den Stern:„ Wir haben die Throne gestürzt und die Kronen gebrochen; wir haben das Joch zu Boden geworfen, das auf unseren Nacken gelegen; nun wollen wir vor Gott treten!" ,, Das Blut und die Not haben die Völler reif gemacht, daß sie ihr Geschick auf eigenen Händen tragen. Auch wir brauchen feines priesterlichen Mittlers!" rufen die Starfen und Kühnen. Und die Entschlossenen treten vor: Gebt u den Weg frei Weimar „ Nun, war's schön in Weimar?" Mit diesen Worten wurde ich allseitig bei meiner Rückkehr in Hamburg empfangen. Ja, es war schön!" war immer wieder meine freudige Antwort. Es war wirklich schön! Auf daß es auch die„ Gleichheit" in alle Winkel Deutschlands trage! Weimar war für alle, die dabei gewesen sind, ein einzig großes und schönes Erlebnis. Unsere Arbeiterjugend kam aus Nord und Ost und Süd und West in wenn sie diese kleine Dichterstadt zusammengeströmt. Und wieder zurückgekehrt ist in alle Provinzen und Städte, dann wird sie erzählen vom Reichsjugendtag, vom Zusammentreffen der vielen Hunderte von Jungen und Mädeln, vom großen Gemeinschaftsgefühl, das jeder Herz begeistert hat, das uns diese drei Weimar- Tage so reich und unvergeßlich gemacht hat. Alles und jedes und folgerichtig hintereinander läßt es sich taum berichten, so bunt und übervoll war die Tagung. Immer neue Jugendgruppen trafen in Weimar ein, marschierten mit Gesang und wehenden roten Fahnen durch die Straßen dem Volkshause zu. Die Zahl der Teilnehmer stieg ins Unerwartete. Die reichlich bestellten Quartiere genügten nicht. So wurden wir Mädchen insgesamt wohlwollend im„ Evangelischen Gemeindehaus" aufgenommen. Und es war ein feines Quartier! Am nächsten Morgen wurde in Gemeinschaft mit den Magdeburger Genofsinnen ein Jim- Schwimmbad genommen und dann ging's auf Entdeckungsreisen in die Stadt. Hier in Weimar gab's frische warme Semmeln ohne Brotmarken und gar nicht teuer. Das. war was für uns. Wir stürmten die Bäderleiden. Wahrlich, am letzten Tagungstag, gab's nachmittags teine frischen Semmeln und fein altes Brot mehr in Weimar. Unsere Jugend hatte dafür gesorgt. " Als wir am ersten Vormittag um 11 Uhr im großen Saal des Volkshauses zusammendrängten, allwo die Begrüßungsfeier stattfand, erlebten wir gemeinsam die erste festliche Stunde. Das waren nicht Begrüßungsreden im alten Stil, wie man sie fennt auf Kongressen und Konferenzen. Hier ging ein frisches Ein gangslied Wir sind jung, die Welt ist offen" durch den Saal. Genoffin Cllenhauer, Magdeburg, sprach einen Prolog, Willi Ragelmacher aus Hamburg rezitierte. Borsitzender Genosse Heine rich Schulz hielt uns eine Festrede. Das atmete Lebendigkeit und Freude aus. Als dann noch Genosse Voogd aus Holland das Wort ergriff und über die deutsche Grenze hinaus uns Grüße brachte von der Holländer Arbeiterjugend, seine Freude über uns au Gott, zu dem Lohne, der uns verheißen ein langes, blutiges Leben hindurch!" Und vor allen Tempeln erhebt sich ein Geschrei, weiße und farbige Hände reden sich hoch, streden sich vor; sie schieben die Priester und Bonzen und Zauberer beiseite und stürmen durch die Weihrauchnebel der Gänge. Und von allen Seiten treffen sie vor dem einen gewaltigen und hohen Portal zusammen, das zu dem einen Gotte des Himmels und der Erde führt. ,, Brüder!" rufen sie und fassen sich an den Händen. Tausend Fäuste drücken, tausend Arme stemmen und heben: Auf springt die Tür, und die gläubigen Völker stürmen in den weiten offenen Raum. Eine Fülle lichtblauer Glut umflutet fie; aber das ist kein Goit, fein Gabriel und fein Engel.. Aber doch stehen sie und staunen und sehen in die Weiten: Alle Himmel und alle Wellen find vor ihnen ausgebreitet; die blühenden Erden, die flimmernden Sterne und die brennenden Sonnen. Sie sehen, wie das Leben im Chaos der Nebel kreist und fich formt, wie die Sterne sich finden zu Kette und Kreis und alles seinen wohlgeordneten Gang läuft. Alles ist ihnen offenbar und nichts verborgen. Sie wissen, wie alles war und werden wird, und daß aus allem Chaos und allen Wirren tämpfend und blutend sich Harmonie und Einheit bildet. Das Wissen macht sie froh und reich; sie vergessen, daß sie cinen Gott gesucht, der nach irdischen Maßstäben geformt, von Priesterhänden geschaffen war. Sie reißen die Tempel und Mauern nieder, weit auf halten fie die ehernen Türen, daß das Licht ungehindert hindurchflutet, und jeder eintreten und dem göttlichen Sein und Werden ins heilige Angesicht schauen kann... So kom das goldene Zeitalter restloser Erkenntnis auf den goldenen Stern, als die Gläubigen die Mauern der Kirche brachen und die Priester samt den Ketten ihrer Dogmen und die Phrasen Nr. 40 Die Gleich beit ausdrüdte, und nur sehr bedauerte, daß nicht auch er mit einer Schar junger Mädel und Burschen aus Holland anrüden konnte, da waren unsere Herzen tiefbewegt von freudigem Stolz. Es war als perlten heiße Tränen durch jede Brust. Die Feier stunde endete mit dem Hamburger Lied Mit uns zieht die neue Beit!" Dann ging es fingend in einem kaum übersehbaren Buge durch die kleinen Straßen Weimars nach dem GoetheSchiller- Denkmal, um den großen Dichtern einen Kranz zu brin gen. Weimar fah hier unsere zusammengeströmte Arbeiterjugend zuerst in einem großen Zuge. Der Sonnabend hatte viele freie Stunden. Nachmittags um 4 Uhr tanzten und spielten wir mit den Kindern Weimars auf dem Marktplatz. Irgendjemand von uns hatte sie dort hinbestellt. Und sie waren gekommen! Hier erlebten wir etivas Neues. Die Weimarer Kinder kannten schon unsere Volfs- und Reigentänze! Und wie gewandt und frei fie fich bewegten. Ei, wie ging das zu? Hier hatten schon schaffende Menschen ge= wirft. Junge durchs Land ziehende Scharen haben es sich zur Aufgabe gemacht, alle Kinder zum gemeinschaftlichen Spiel zufammenzuführen. Und es ist ihnen gut gelungen. Da flammte auch in uns der Wunsch auf, in allen Städten und Städtchen, so wie hier die älteren und die nun auch Eltern, mit unsern Kindern zu leben und zu spielen. Unser Wunsch macht es uns zur Aufgabe, in unserer Heimat ebenso auf diesem Gebiete zu wirken. So sei es auch hier gesagt. Ist das nicht eine neue Aufgabe für unsere Mütter und Franen? Ueberall laßt uns Kinderabteilungen gründen und das Kinderspiel neu beleben, auf daß das Gemeinschaftsleben zwischen Eltern und Kindern wieder neu zu fammenwächst! In später mondtiarer Nachtstunde, als unsere Goethe- Feier im Nationaltheater zu Ende war, zündeten unsere Jungen Fadeln on. Woher die plötzlich kamen, das weig beiner. Alles war Begeisterung. Jeder hatte Anregungen, und die Ausführung folgte geschwind. So zogen wir durch die dunklen Gassen im hellen Feuerschein. Unerwartet wurde ein Spalier gebildet, zu beiden Seiten eine helleuchtende Fackelreihe und wir Mädchen mußten burchlaufen ins Evangelische Gemeindehaus"! Ja für uns hieß es pünktlich heimfommen. Die Hausordnung" schrieb das so bor. Die Burschen marschierten weiter in den Wald und nahe ihren Echlafbaracken, auf einer Wiese, stellten sich die Fackelträger in die Mitte, die übrigen vielen setzten sich rundherum. Da sprach unser junger Dichterling Willi Sagelmacher seine Gedichte in die Nacht hinaus und leise erfüllten unsere Volkslieder das stille Tunkel. " 1 ihrer billigen Versprechungen wie unnüßen Bopanz beiseite ge schoben.... Wir aber auf unserer Erde, wir Stolzen und Starken und Mutigen, wir treiben die Gewaltigen der Erde von ihren Fürstenfizzen als sei ein Hafenjagen; wir zertrümmern die Throne mit mächtigem Hammer; aber vor den Zwingburgen der Kirche machen wir halt; da regt sich keine Hand und kein Hammer! Unsere Furcht ist stärker denn unsere Sehnsucht, und unsere Kraft schwächer denn das Priestergesez. Aber ich weiß, einst wird der Tag kommen, da flutet auch auf Erden das blaue Licht durch alle Dunkelfammern, und da sind feine Zäune und feine Hecken und keine Mauern mehr, da steht das Volk auf zu einem letzten Freiheitskampf. Auf den Tag! Sozialiſt ſein heißt keineswegs bloß den Triumph einer beftimmten Partei vorzubereiten, einen bestimmten Teil eines Volkes einfach zur Macht bringen. Mein, es heißt arbeiten für eine Gefellſchaftsordnung, in der alle aktiven Kräfte harmonisch verbunden werden und zu aller Nutzen zufammenwirken follen. Das gilt für die Kinder eines Landes fowohl als auch für die verfchiedenen Nationen. Frieden foll an Stelle des Krieges treten, gegenseitige Dienste und Sympathie an die Stelle Streitenden Eigenwillens und die Solidarität der Intereffen an die Stelle der Zügellofigkeit, der Selbstfucht. Rugult Bebel. Der voritehende Ausipruch unferes unvergeßlichen Auguit Bebel eignet lich lehr gut als Wandipruch und follte in keiner Hrbeiterwohnung fehlen. Er iſt in zwei Farben, rot und fchwarz, lauber gedruckt( Größe 24,5X34,5 cm) und entIchieden ein schönerer Zimmerichmuck als manches Bild. Zu bezieben ist er im Verlage des Bildungsverbandes der Deutschen Buchdrucker 6. m. b. 5., Leipzig, Salomonitraße 8, zum Preile von 2,- Mk. 325 Unser Spielfest am Sonntag im Tiefurter Park! Früh um fieben Uhr ging's hinaus. Draußen hatten wir eine große Wiese gepachtet. Aber o je, das Heu, das noch in Haufen über die Wiese berbreitet war, mußte erst fortgeschafft werden. Zuerst hiez es also arbeiten. Und im Nu bewegten sich tausend laufende Heuhaufen über den weilen Rasen, dem Waldrande zu. Das hättet ihr sehen müssen! Die Sonne lachte und wir lechten mit ihr. Gin buntes Getümmel bewegte sich über die weite grüne Fläche! Die Süddeutschen kannten viel mehr Streisspiele als die Norddeutschen, aber wir haben eifrig zugeschaut und gleich mitgemacht. Von uns lernten die meisten unsere Boltstänge zur Laute und Geige! Ja, den Magdeburgern mußten wir sogar Privatunterricht erteilen! Die wollten ganz bestimmt einige unserer Tänze mit nach Magdeburg nehmen. Sie haben uns gut entschädigt. Ein feines Spiel mit Namen„ Spielmanns Schuld", ausgearbeitet vom SonnenMüller aus Magdeburg, führten sie im Freien auf. Aber auch die Frankfurter haben uns begeistert mit ihrer echt natürlichen prächtigen Aufführung von Schillers Räuber". Die Stunden eilten nur viel zu schnell. Ganz früh am Sonntag morgen hatten einige von uns entdeckt, daß unser Kranz am Denkmal gestohlen sei. Wir wußten zuerst darob nichts zu sagen. So harmlos, so unpolitisch war die Ehrung der großen Dichter von uns geschehen. Und dann beschlossen wir, einen neuen Stranz selbst zu winden. Aber das genügte nicht. Die Empörung war damit nicht gelegt. Unser Genosse Westphal sann auf Nache. Mit ein paar anderen zimmerte er in Tiefurt ein großes Hakenkreuz zusammen und ließ es beim dortigen Maler schwarz- weiß- rot anmalen. Und so fam es aus Herzinnerster Empörung heraus, daß wir am frühen Nachmittage abermals auf den Theaterplas in die Stadt zogen, das rote Banner voran, hinterher zwei Burschen, die am langen Tauwert das Hakenkreuz hinter sich auf der Erde nachschleppen ließen. Etliche zündeten aus dem Warde mitgebrachtes dürres Laub vor dem Denkmal an, eine mächtige Flamme schlug empor, und nach ein paar treffenden Worten gegen die, die den Kranz gestohlen hatten, schleuderte ein anderer Genosse das Hakenkreuz zum Verbrennen ins Feuer! Alle von uns waren heiß und aufgeregt und wir schmetterten laut und fest unser Jugendkampfeslied" Dem Mergenrot entgegen". Sonntag abend saßen wir wieder in dem schönen National-theater, wo uns die Genoffen Sollmann( Köln), Bröger( Nürn berg) und Schult( Hamburg) drei seine Vorträge hielten! Schon gleich wieder nach Hause, murrten wir Mädchen aus dem evangelischen Heim, als wir aus dem Theater strömten. Der VollHerbstnächte unkel, herb und nah die Nacht. Eine goldrote Kugel leuchtet der Mond aus der Finsternis, die Farbenpracht des Herbstes liegt verborgen im Mantel der Nacht. Aber so, ungeblendet von deiner vielseitigen Bracht, enthüllst du, Herbst, im tiefen Schweigen deine Seele. Müde, tältezitternd schlafen deine Stürme. Fröstelndes Riefeln durchbebt die Buchenstämme. In deiner Herbheit liegt ein tiefer Schmerz, das Geheimnis der Schöpfung, von dem ich weiß, und das ich doch voll tiefen Staunens nie ganz erfassen kann! Es reifen in voller Kraft deine Früchte. Ein starker Erdgeruch löst sich, schmerzentbunden, aufatmend zur Freiheit! Und doch liegt eine tiefe Frage in dieser gebenden Natur. Nackt breitet sie sich dem Himmel und den Winden, daß beide den vollen Samen aus reifen Früchten tragen und nähren mögen, und still, wie ein Heiligtum, wächst die Erfüllung der Naturgebete in ihrem Werden, in dem Winter, der eisig sich kündet, und dem Frühling, der werdend, tief im Schoße der Schöpfung schlummert. Lotte Witte. Der alte Wetterbahn ,, Man fagt mir nach, ich follte ewig mich drehn Nach jedem Wind; vor Zeiten ilt's gefchehn, Das räum ich ein," sprach stolz der Wetterhahn. ,, Doch folche Schwachheit hab ich abgetan; Seit Jahren Iteh ich feft auf meinem Turm Und biete Trotz dem Winde und dem Sturm." Er dreht lich auch nicht doch offenbar Tur deshalb, weil er eingeroltet war. Julius Sturm. 326 Die Gleich beit mond schien wieder so klar. Wir schlugen mit mehreren über den Zapfenstreich und spazierten, leise singend, mit den Jungen vor Goethes Gartenhaus auf dem silbrigen Rasen, der von hohen Baumwällen umfangen ist. Da klopfte manches Herz still und heiß für sich und suchte einsame Wege im Park. Nun fam der Arbeitstag. Wenn auch lange nicht für alle; denn nur etwa 100 nahmen als Delegierte bzw. Pressevertreter an der Konferenz teil. Wohl waren vormittags und nachmittags die Galerien gut besetzt von Zuhörern. Dennoch ein riesig großer Teil sah sich Weimars Sehenswürdigkeiten an, wanderte nach dem Schloß Belvedère hinaus, oder war sonst irgendwie anders beschäftigt. Verschiedene Gruppen fuhren schon in die Thüringer Berge. Der Konferenztag war reich an Arbeit, an hartem Kampf, aber auch an unbesiegbarer Freude! Unser Vorsißender Genosse Heinrich Schulz( Berlin), hatte recht, wenn er die Konferenz eröffnetie mit dem Wunsche, daß ein jeder denken, sprechen solle als Kamerad zu Kameraden. Dann mußte auch dieser letzte Tag würdig und schön verlaufen. Was konnte dienlicher sein für uns, als daß wir uns in den vorhergegangenen 2 Tagen schon persönlich kennengelernt hatten. Wir standen uns hier nicht mehr als Fremde, Unbekannte gegenüber. Wir hatten zum Teil unsere verschiedenen Eigenarten fennengelernt. Das hatte auf die ganze Konferenz einen günstigen Einfluß erwirkt. Das eine Große ging durch die Sizung, überhaupt durch die ganze Tagung: Die Jugend hat gesiegt durch ihr Wesen, ihre ungezwungene Freiheit und Natürlichkeit, die keinen Bureaufratismus duldet, keinen persönlichen Hader kennt. Sie hat ge= zeigt, daß sie zusammengekommen ist, der Arbeiterjugendbewegung neue frische Saat zu bringen und alles, was sie als alt und läh= mend empfand, hat sie abgeschüttelt. Unsere Freude wuchs gewaltig dadurch, daß unsere teilnehmenden älteren Genossen und Genossinnen, denen Jugendleben zum größten Teil noch fremd gewesen war, die unlöslichen Bande zu uns, zu ihrem Nachwuchs, fühlten. Wie lange haben wir Jungen schmerzlich darauf ge wartet. Unvergeßlich deshalb bleiben die warmen, herzdurchströmenden Worte unserer älteren Genoffin Ryneck vom Parteivorstand( Berlin), die die Fäden spannen von den Alten zu den Jungen, von den Jungen zu den Alten. Wünschen möchten wir Jungen alle miteinander, daß unsere gemeinsamen WeimarErlebnisse, die unser freudiges und festes Gemeinschaftsleben zwischen Jungen und Mädeln, unser Zusammengehörigkeitsgefühl zu unserer erwachsenen Arbeiterschaft gezeigt haben, auch in die Herzen derer dringen, die nicht dabei sein konnten, die aber bald eine ähnliche Zusammenkunft haben werden, im kommenden Parteitag und in der vorangehenden Frauenfonferenz. Tragt ihr, die ihr bei uns waret, unseren Jugendgeist in die Tagung der älteren Parteigenossenschaft und laßt auch uns als junge politische und tulturelle, sozialistische Stre ter mit teilnehmen an dem Parteitag. Noch einmal sprach Genosse Voogd( Holland) zu uns und berschmähte die nationalen Grenzen. Wir kennen uns alle ass gleichgesinnte Brüder und Schwestern. Wir streben gleichsam zur Höhe, zum Sozialismus. Mit einem bewegten jauchzenden " Frei Heil" dankten wir unserm ausländischen Genossen. Draußen regnete es bös. Damit war unser letter Plan buch stäblich zu Wasser geworden. Noch einmal wollten wir draußen im Walde ein großes Feuer entzünden. Das ging nicht. So blieben wir im großen Festsaal des Volkshauses. Und hier entspann sich ohne Programm, ohne Vorbereitung ein Bolfstanzjest mit Klampfmusik und eingeflochtenen rezitativen sowie gesanglichen Darbietungen, jedem zur Freude! Unsere alten Genossen und Genossinnen hatten dem Jungvolt zugeschaut bis zum letzten Augenblick, ja, unserm weißbärtigen Genossen Franz Diederich, dem allbekannten Arbeiterdichter, Icuchtete es aus den Augen: Sier bin ich noch einmal ganz jung geworden! Ist es nun wahr, daß unser Reichsjugendtag in Weimar ein einzig großes Erlebnis für unsere Arbeiterjugend Deutschlands war?! Alice Düsedau, Hamburg. " Hausangestellte, Hausfrau und Einzelküche II. Welche denkende Frau hätte sich nicht schon mit der Lösung der Rochfrage" theoretisch und praktisch bejaßt. Großküche, Hotelküche Kriegstüche! Hat nicht die lettere ein großes Gruseln bei allen Kennern und sogar bei den Frauen, die für GroßküchenNr. 40 betrieb find, hervorgerufen? Nein, ohne weiteres läßt sich die Kochfrage auf dem großzügigen Wege der Großküche nicht lösen. Aber wir hätten schon jetzt in vielen, vielen Fällen die Möglichkeit, Frauen vom lästigen Kochen zu befreien oder mindestens zum großen Teil zu entlasten. Ich möchte einmal ein kleines Beispiel anführen, wie ich mir ein jetziges modernes Mietshaus mit großer Küche denke, und zwar was das wichtigste bei der Sache ist ohne Umbau. Denn allein an dieser Frage möchten im Augenblic alle großzügigen Gedanken in besprochener Sache scheitern. Ein Haus mit Bier, in vielen Fällen auch ein solches mit Dreizimmerwohnungen, hat fast durchweg entsprechend annehm bare Küchen. Durch Inserat finden sich Familien in notwendiger Anzahl, um ein Haus zu bevölfern. Sie leben in ihren Woh nungen, ohne engste Fühlung mit den anderen Familien notwendig zu haben. Nur der Wunsch einer gemeinsamen Küche sammelt sie in ein Haus. Vorausschicken möchte ich noch, daß es Familien sein müssen, die materiell so ziemlich dasselbe für Essen ausgeben können. Es ist das zum Gelingen eine wesent liche Notwendigkeit. Die Parterrewohnung wäre der Sitz der Allgemeinküche. Eine der Hausfrauen hat die Leitung zu übernehmen. Es wäre ihr Beruf. Ihre andere Hausarbeit müßte entweder von den anderen Hausfrauen mitübernommen oder ihr durch entsprechende Ablohnung eine Hilfe ermöglicht werden. Letzteres wäre vorzuziehen, um vollständige gegenseitige Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. In erster Linie denke ich mir die Kochentlastung für die Hauptmahlzeit. Die fleineren Mahlzeiten könnten von jeder einzelnen Hausfrau der Gemütlichkeit halber selbst hergestellt werden. Ueberhaupt wäre die Arbeitsverrichtung nach Wunsch zu regeln. Die eine der Frauen könnte ihr Essen zum Teil verdienen, indem sie mitfchafft, die andere, indem sie irgendeiner Berufsarbeit nachgeht. Meiner Ansicht nach wäre es am einfachsten, wenn die Vorsteherin der Küche die volle Verantwortung für die Küche übernimmt. Sie müßte sich aber zur Vorlegung einer Abrechnung verpflichten. Wären besondere Arbeiten vorhanden, so hätte sie das Recht, dieselben auf die übrigen Hausfrauen zu verteilen. Ich verhehle mir nicht, daß zur Führung eines solchen Hauses die entsprechenden Frauen gehören. Aber sicher haben wir viele Frauen, die seelisch und geistig so weit wären, um eine solche Wirtschaftsführung zu ermöglichen. Dabei hätte Vorgegebenes den Vorteil, daß das Gesamtfamilienleben vollständig unberührt von dieser Neuregelung bliebe. Nun kommen noch viele Einzeldinge, die zu behandeln sind. Geschirr, Töpfeanschaffung usw. In den Familien passend Vorhandenes fäme unter Voranschlag zur Verwendung. Neuanschaffungen würden unter Umstellung auf die Kopfzahl gemacht. Unerwarteter größerer Bedarf durch Besuch, Krankenkost usw. durch Vorausbestellung kann dem größeren Bedarf Nechnung getragen werden. Bei besonderen Anlässen möchte man extra essen entweder man macht sich durch Hinzusehen entsprechender Gerichte einen er weiterten Speisezettel oder kann diese durch Vereinbarung an der Küche fordern, soweit dem Wunsche Rechnung getragen werden kann. In vielen Haushaltungen ist es üblich, zwei warme Mahlzeiten zu haben. Auf diese Art könnte übrigens Essen zu Verwendung kommen. Ich möchte solche Einzelheiten anführen, um zu zeigen, daß man bei einer wie hier angegebenen Küchenführung leicht allen Vorkommnissen begegnen kann; denn jeder Hausfrau steht ja ihre eigene Küche zum Behelf zur Verfügung. Man täme auch mit der Wohnungsnot nicht in Konflikt, denn fein einziger Raum eines Hauses brauchte erweitert werden, sondern die vorhandenen Näume würden nur be- resp. entlastet. Die Vorteile einer solchen Küchenführung müssen sofort einleuchten. Alles im Leben hat eine Sonnen- und eine Schattenseite. Aber ich glaube, daß hier die Sonnenseite überwiegt. Die Lösung der Kochfrage bedeutet vorliegender Vorschlag nicht. Bei der Verfassung vieler Frauen darf man sich nicht verhehlen, daß eine solche auch noch nicht endgültig gelöst werden kann. Ein gut Stück Erziehungsmöglichkeit würden aber unzweifelhaft gelingende Versuche nach sich ziehen. Berta Ulrich. Wohlfahrtspflege Kinderfürsorge in Bielefeld. Das städtische Wohlfahrtsamt führt gegen die Unterernährung und die damit verbundenen Gefahren für die heranwachsende Jugend einen entschiedenen Kampf. Es wurden bedeutende Mittel bereitgestellt und umfassende Maßnahmen getroffen, unt einer möglichst großen Zahl erholungsbedürftiger Kinder Aufenthalt in einem Badeort oder auf dem Lande zu vermitteln. Mr. 40 Die Gleich beit Die Kosten für eine viertvöchige Kur find gegenüber den früheren Jahren ganz erheblich gestiegen, so daß schließlich der Gedanke reifte, Maßnahmen zu treffen, die mit geringeren Mitteln die gleichen Ergebnisse zeitigten. Durch Errichtung eines Kinderluft- und-lichtbades wurde die Gelegenheit geschaffen, Kuren am Orte selbst einzurichten. Mit der Benützung des Luftbades wurde die teilweise Verpflegung verknüpft und Solbäder berabfolgt. Die getroffenen Maßnahmen gliedern sich nach vier Richtungen: 1. Aufenthalt in Badeorten( Oeynhausen, Salzuflen, Insel Wangeroog). 2. Landaufenthalt. 3. Solbadkuren mit Benutzung des Luftbades am Ort. 4. Ferienwanderungen und Verpflegung auf dem städtischen Gutshof. Die Aussendung der Kinder wurde schon in den Wintermonaten vorbereitet und zunächst 600 Plätze in den Kinder. heimen der obengenannten Badeorte festgelegt. Für eine vierwöchige Kur mußten im Frühsommer 150 Mt., im Epätsommer 250 Mt. bezahlt werden. Die Auswahl der Kinder erfolgte durch die Schulärzte und Lehrer, worauf dann die Ellern gehalten waren, die ausgewählten Kinder im Gesundheits, amt anzumelden. Kurze Zeit vor Beginn der Kur erhielten die Kinder eine Vorladung vor den Stadtfürsorgearzt zur nochmaligen Untersuchung. Hierbei wurde festgestellt, ob und in welcher Reihenfolge die Kinder die Kur anzutreten haben. Inzwischen waren die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eltern geprüft und festgestellt, in welchem Maße sie zur Beitragsleistung herangezogen werden können. Die nicht von den Eltern aufgebrachten Kosten werden durch das Wohlfahrtsamt getragen. Eine im Frühsommer vorgenommene Sammlung unter der Bürger- und Arbeiterschaft der Stadt ergab einen namhaften Betrag für diesen Zweck, der den von der Stadt bereitgestellten Mitteln hinzugefügt wurde. Im April wurden die ersten Kinder ausgesandt. Der letzte Transport wird im Oktober erfolgen. Während des Aufenthalts in den Badeorten bleiben die Kinder unter Aufsicht des Wohlfahrtsamtes. Mit den Kuren wurden durchweg gute Erfolge erzielt. Zum längeren 2andaufenthalt fonnten 124 Kinder ausgesandt werden. Als Ergänzung zu den bereits geschilderten Maßnahmen rich tete das Wohlfahrtsamt Solbäder in einer Badeanstalt ein, in Verbindung mit dem Luft- und Lichtbad. Soweit schulpflichtige Kinder in Frage kamen, wurden sie für diese Zeit von der Schule beurlaubt. Unter Aufsicht erfahrener Frauen und Mädchen werden die Kinder gebadet und dann dem Luftbad zur Ruhe zugeführt. Zwischen dem Bad und der Ruhestunde erhalten sie eine kräftige Mahlzeit aus der Stadtküche, die neben dem Luftbad errichtet ist. Nach der Ruhepause tummeln sich die Kinder im Luftbade. Das Luftbad wird täglich durchschnittlich von 50-60 Kindern besucht. 38 haben in Verbindung damit an den Solbadkuren teilgenommen. Auch hier sind die Ergebnisse durchweg befriedigend. 327 Als vierte Maßnahme seien die Ferienwanderungen erwähnt. Durch die Schulärzte wurden furz vor Beginn der Ferien 120 schwächliche und unterernährte Kinder ausgesucht. Diese Kinder versammelten sich dann täglich vormittags gegen 9% Uhr und unternahmen unter Begleitung von Kandidatinnen des technischen Seminars in fleinen Gruppen Epaziergänge von 1½- 2stündiger Dauer. Gegen 12 Uhr trafen sich die Kinder auf dem städtischen Gutshofe, woselbst ihnen nach kurzer Ruhepause ein kräftiges Mittagessen verabsolgt wurde. Nach dem Essen lagerten sich die Kinder auf der Wiese, mit Wolldecken versehen, zu 1-1½stündiger Ruhe. Dann tummelten sie sich in munterem Spiel und erhielten zur Vesperzeit Milch und Brot. Gegen 5 Uhr traten sie dann den Rückweg zur Stadt an. An der praktischen Durchführung dieser Einrichtung beteilig ten sich auch Schülerinnen aus den älteren Jahrgängen der Bürgerschulen, die der Wirtin auf dem Gutshofe bei der Berei tung des Mittagessens und bei der Verpflegung der Kinder behilflich waren. Diese Mädchen wechselten 14tägig, hatten aber soviel Freude an der Bewirtung ihrer jüngeren Schulfreunde, daß sie gerne die Arbeit dafür noch länger gemacht hätten. Es war eine besondere Freude, festzustellen, wie prächtig sich die Kinder erholten. Auch diejenigen, die sich der freiwilligen Ara beit der Bewirtung ihrer Jugendgespielen unterzogen hatten. Nach Abschluß der Ferienwanderungen fonnten Gewichtszunahmen bis zu 7 Pfund verzeichnet werden. Nur in einigen wenigen Fällen blieb das Körpergewicht das gleiche. An den Kosten der Verpflegung beteiligten sich die Eltern je nach Lage ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse nach denselben Grundsäßen, wie bei der Aussendung der Kinder in die Badcorte. Insgesamt fonnten 1100 Kinder an den vier verschiedenen fürsorgerischen Maßnahmen beteiligt werden. Es kann ohne Uebertreibung gesagt werden, daß durch diese Einrichtungen der heranwachsenden Jugend ein Strom blühender Lebens vermittelt werden konnte. Nicht nur in förperlicher, auch in geistiger Hinsicht hat die Teilnahme an der einen oder anderen Kur außerordentlich auf die Kinder eingewirkt. Angeregt durch die guten Erfahrungen und Erfolge will das W. A. im kommenden Jahre diese Einrichtungen weiter ausbauen. Die zu lösenden Aufgaben wurden unter reger Anteilnahme aller Wohlfahrts. vereine( auch der Gewerkschaften, die hier zu diesen gezählt wer. den) durchgeführt. Frauen und Mädchen aus allen Ständen wett eiferten miteinander, ihr Teil zu gutem Gelingen beizutragen. G. Binder. Aus der Frauenbewegung des Auslandes Ein Frauenkongres in Permanenz. Der gegenwärtig in Washington tagende internationale Kongreß der arbeitenden Frauen, der der Internationalen Arbeiterfonferenz angeschlossen ist, wird, wie wir hören, zu einem dauernden internationalen Arbeiterinnenparlament ausgestaltet werden. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckeret. Verlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer 6. m. b. S. fämilich in Berlin SW 68. Lindenstraße 3 agesgesprich • Jolare sind die vereinten 5 Butterhandig. F.F. Assman, Otto Reichell Ernst Cadenig Corelcy Union Billige Gute Preise 95 328 Kakao Deutschmeister Hervorragende Qualität Alleinige Fabrikanten: Petzold& Aulhorn A.-G., Dresden Vorrätig in den meisten Spezial-, Delikatessen-, Kolonialwaren- Geschäften und Konditoreien. 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