Nr. 21 31. Jahrgang Die Gleichheit Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Mit den Beilagen: Für unsere Kinder. Die Gleichbett erscheint 2 mal im Monat Prets: Bierieljährlich 3,- Mart Inserate: Die 5 gespaltene Nonpareillezeile 3,- Mart, bei Wiederholungen Rabatt Zum 9. November Bon Clara Bohm- Schuch Berlin 1. November 1921 November 1918 November 1921. Eine Welt versant, eine neue erstand. Aber noch immer, auch nach drei Jah ren, sehen wir nur ihre Umrisse und manchmal will es uns erscheinen, als wären diese Umrisse, die einst flar aus Blut, Tod, Verwüstung sich zeigten, verschwommen geworden. Als sei das Ganze fast nur ein Gebilde unserer Sehnsucht. Aber es scheint nur so. Denn eins steht in diesem nebelhaften Weltbild; es ist da: die Deutsche Republik. Daß es schwer ist, eine Revolution durchzuführen, hat uns die Geschichte vor allem die der großen Französischen Revolution von 1797 und der Leutschen Volkserhebung von 1848 gelehrt. Wie schwer es ist, mußten wir selbst erfahren. Als vor drei Jahren die Monarchie in Deutschland zersplitterte wie faules Holz, als es den, durch die 41 Kriegsjahre Jeelisch und wirtschaftlich in den Zusammenbruch getriebenen arbeitenden Massen gelang, dennoch aus dem Trümmerhaufen die Republit zu errichten, da ging ein Ahnen von einer Kraft durch die Welt, wie die Menschheit sie noch nicht erlebt hatte. Mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit, die etwas Ueberwältigendes hatte, gebot ein zertretenes Bolt am Rande des Abgrundes der herrschenden Willkür Halt. Trotz der Stürme, die das neue Reich von außen umbrausten und innen erschütterten, wurde es durch eine Verfassung gefestigt und verankert. Das Gebäude stand und steht! Aber die es fertigbauten waren nicht mehr dieselben wie die Grundsteinleger. So fonnte es nicht in der großen freien Linie des Grundrisses aufwärts geführt werden. 3war fonnte es weder der kommunistische Putsch vom März 1919, noch der nationalistische Kapp- Putsch vom März 1920 stürzen; aber es betam Risse und Scharten und die Meinungen über die Reparierung vorhandener und Verhütung fommender Schäden gingen auseinander. Der Innenausbau unserer Republik aber litt unter der Notwendigkeit, den Schutz der Staatsform in den Vordergrund stellen zu müssen. Ungeheure Lasten waren aus dem Krieg erwachsen. Die Wirtschaft war die ganzen Jahre vollkommen auf den Kriegsbedarf eingestellt und dadurch ausgehöhlt worden; die große Masse des Voltes, alle Arbeitenden unterernährt, verelendet. Millionen Menschen, die bis 1914 als Werteschaffende im Wirtschaftsleben standen, müssen jetzt als Opfer des Krieges Dom Staat erhalten, Millionen Witwen und Waisen, die den Ernährer verloren, müssen versorgt, die aus der Heimat Bertriebenen entschädigt werden. Dazu kommen die Verpflichtungen gegen die Entente, die uns aus dem harten Friedens vertrag des verlorenen Krieges erwachsen sind und die erfüllt werden müssen bis an die Grenze des Möglichen, obwohl durch denselben Friedensvertrag reiche Gebiete deutschen Landes an den Feindbund fielen. Es ist notwendig, sich das alles wieder vor Augen zu halten, wenn wir gerecht bleiben wollen in der Beurteilung Die Frau und ihr Haus Zuschriften find zu richten an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Amt Morigplatz 14838 Expedition: Berlin SW 68, Lindenstraße 3 dessen, was durch die Revolution erreicht und nicht erreicht worden ist. Denn wenn es trotz dieser unerhörten Belastun gen möglich war, die soziale Gesetzgebung auszubauen und damit die Arbeitenden, aber auch die Schwachen anders zu schützen, als es das kaiserliche Deutschland tat, so ist das ein Fortschritt, der nur möglich wurde, weil die Sozialdemokraten durch die Revolution in eine andere Machtstellung im Staat gelangt sind. Ob auf dem Gebiet der inneren Berwaltung, der Republikanisierung der Wehrmacht, des Schulund Bildungswesens, der Umstellung der kapitalistischen zur sozialistischen Wirtschaft durch Beteiligung des Staats an den Sachwerten, diese Machtstellung in den verflossenen drei Jahren genügend ausgenutzt worden ist, wird von vielen verneint werden. Die Umformung des Wirtschaftslebens, die Demokratisierung des Staats, welche allein die Garantie für die demokratische und soziale Durchführung der Geseze gibt, sind so viel schwerere Aufgaben, als die Erneuerung der Staats form. Für diese ganze Arbeit war Kraft und können nicht da und darum mußte so oft Teilarbeit, fleinste Teilarbeit, geleistet werden. Die Entente tat alles, um die Fortentwicklung in Deutschland zu unterbinden. Sie wollte durch ihre immer neuen Zwangsmaßnahmen gegen Deutschland die wirtschaftliche Konkurrenz auf dem Weltmarkt und die Rückbildung zum monarchistischen Wehrstaat verhindern. Wie verkehrt zur Erreichung des Zwecks diese Politik war, wissen heute alle. Bei dem schlechten Wertstand unseres Geldes sind unsere Waren eine Schleuderkonkurrenz auf dem Weltmarkt gewor den; der nationalistische Geist, der die Rückkehr zur alten Herrlichkeit will, ist durch die ungerechten Härten der Entente so stark geworden, daß er heute eine ernste Gefahr für die Deutsche Republik bildet. Die kapitalistischen Ententestaaten wollten aber auch noch etwas anderes. Die Anfänge der Entwicklung zur sozialistischen Wirtschaft sollten vernichtet werden. Es ist aber eine Unmöglichkeit, den Monarchismus und die Entwicklung zum Sozialismus mit denselben Mitteln bekämpfen zu können. Wie widersinnig diese Politik ist, hat uns die Entscheidung über Oberschlesien von neuem gezeigt. Die Abtrennung des oberschlesischen Industriegebietes bedeutet eine neue Erschwerung der Erfüllungsverpflichtungen und den Sturz des bis zum äußersten zur Erfüllung bereiten Kabinetts Wirth. Es sollen Verträge zwischen Polen und Deutschland geschlossen werden, wonach die wirtschaftlichen Verhältnisse in dem geteilten Oberschlesien nicht geändert werden für die Dauer von 141 Jahren, jede Zwangsenteignung der jezigen.( Privat-) Besitzer soll in dieser Zeit unterbleiben. Das bedeutet für die Besizer zugleich einen Sozialismus, dessen Schutz gegen Polen und gegen den erste zage Anfänge, es bedeuten, wenn der Staat( also die Deutsche Republik) an den Sachwerten( Bodenschätzen, Industrieanlagen und Grundbesiz) beteiligt würde. Ob Verträge auf dem Wege der Verhandlungen zustande kommen oder ob die oberschlesische Frage durch neue Zwangs maßnahmen der Entente geregelt wird, hängt ganz davon ZUZ Die Gleich beit ab, wie die Regierungsfrise bei uns sich löst. Die bürger lichen Parteien des Reichstags sind heute noch für eine Ablehnung der Entscheidung, obwohl wir ein Mittel zur Abwehr nicht besitzen und uns dem späteren verstärkten 3wang fügen müssen. Wir sind für Berhandlungen, weil wir dem schon so schwer geprüften oberslesischen Volk neue blutige Leiden er paren wollen. Auf unserer Frauenfonferenz in Görlitz wurde folgende Ent hließung einstimmig angenommen: „ Die Reichsfrauenkonferenz gedenkt in herzlichen Sympathien der Frauen und Mütter Oberschlesiens. Die Genofsinnen der gesamten Deutschen Republik haben mit dem größten Mitempfinden die Leiden Oberschlesiens in den vergangenen Monaten verfolgt; sie sind stolz auf die würdige Art, in der sie gerade von der klassenbewußten Arbeiterschaft einschließlich der oberschlesischen Genofsinnen getragen wurden. Unseren oberschlesischen Schwestern unsere herzlichsten Grüße, in der Hoffnung, daß die Leidenszeit vorüber sein möge, und die Frauen und Mütter Oberschlesiens zusammen mit uns allen einer glücklichen Zukunft entgegengehen, einer Zukunft, in der wir gemeinsam arbeiten werden an der Ueberwindung des nationalistischen Haffes durch den Sozialismus." Dieser Wille zum Frieden allein darf trog alledem unsere Politik bestimmen. Dabei haben wir darauf zu achten, daß die Republik durch eine reaktionäre Gesetzgebung nicht von innen noch mehr in Gefahr gerät. Das heißt, die sozialistischen Parteien haben sich bewußt zu werden, daß sie mit vereinten Kräften innerhalb der Regierung diese Anschläge abzuwehren haben. Erkennen die Unabhängigen das nicht, dann ist unser verzweifeltes Bemühen, die Reaktion, die durch die unsinnige Politik der Entente so stark gestützt wird, aufzuhalten, ziemlich hoffnungslos. Millionen unserer Brüder, die mit uns dem Ideal des Sozialismus zustrebten, modern in der Erde der Schlachtfelder. Verpflichtete ihr Tod uns nicht zur Treue? Und da find die Toten der Revolution, die für unsere Freiheit starben. Gewaltiger noch als einst klingt heute der Mahnruf Ferdinand Freiligraths: O steht gerüstet, seid bereit, o schaffet, daß die Erde, darin wir liegen strack und starr, ganz eine freie werde. Daß fürder der Gedanke nicht uns stören fann im Schlafen! Sie waren frei! Doch weder jegt und ewig find sie Sklaven. Der Riefe Aus dunklen Tiefen Tagempor, Sonnenhungrig, Ringt ein Riele. Seine Schläfen triefen Von Schweiß. Mühfalheiß Durchs Trümmertor, Quaderwälzend, Schickfaltrotzig. Bricht er fich Babn. Ebern die Stirn, Muskeln von Stahl, In feinen Adern kreifen Der Menschheit Sehnsucht und Qual. Aus feinen Augen zucken Unlöfchliche Strahlen des Lichts. Und ob fie mit goldenen Händen Ihn niederdrücken und schänden, Der Riefe läßt sich nicht ducken Und wächft mit gewaltigen Rucken Aus dem verachteten nichts. Karl Bendell. Nr. 21 Beschlüsse der Görlizer Frauenkonferenz Die Reichsfrauenkonferenz protestiert auf das energischste gegen den Beschluß des Reichsrats, der die Hinzuziehung der Frauen zum Amt der Schöffen und Geschworenen ablehnt. Die Konferenz richtet an alle Genoffinnen im Lande die Aufforderung, in Protestfundgebungen dem Reichsrat zu zeigen, daß die Frauen nicht gewillt sind, diese Entrechtung stillschweigend zu ertragen. ( Dem Reichstag zugegangen). Frankfurt a. M.: Die Reichstagsfraktion wird ersucht, daß in dem kommenden Reichsjugendgefeß die Frauen gebührenden Einfluß und Gelegenheit zur Mitarbeit erhalten. München: Die sozialdemokratischen Frauen fordern, daß die friminellen Jugendlichen ausschließlich den Jugendämtern unterstellt werden, die ihren erweiterten und vertieften Aufgaben entsprechend auszubauen sind, und die geeignete Frauen und Männer aus der Arbeiterklasse zur Mitarbeit heranziehen sollen. Solange wir für Kinder und Jugendliche Jugend gerichte haben und nicht Jugend ämter, Staatsanwälte und nicht Pä dagogen, Gefängnisse und Zwangserziehungsanstalten und nicht Jugend heime, solange ist es Hohn, von Jugendrechtspflege" zu reden. Einzelne Milderungen, die das neue deutsche Strafgesetzbuch auch für Jugendliche vorsieht, fönnen uns nicht über die Tatsache wegtäuschen, daß auch der neue Entwurf den entscheidenden Schritt von der Strafe zur Erziehung nicht gewagt hat. Es ist eine Forderung einfacher Gerechtigkeit, daß die Gesell. fchaft aus ihren zahlreichen jugendlichen Opfern brauchbare und frohe Menschen zu bilden sucht, anstatt durch ein Schandmal in ihnen die Selbstachtung zu zerstören, die der beste Schutz gegen Keime des Verbrechens ist. ( Dem 29. Reichstagsausschuß für ein Jugendwohlfahrtsgesetz überwiesen). Die Görlizer Reichsfrauenkonferenz erflärt: Die deutsche Reichs regierung hat die dringende Aufgabe, endlich entschlossen und zielficher eine soziale Bevölkerungspolitik dadurch zu treiben, daß sie: 1. zur Verhütung und Heilung der entfeßlichen Gesundheitsschädigungen, welche die Geschlechtstrankheiten in der deutschen Familie anrichten, den Gesetzentwurf vom 10. März 1920 behufs Abschaffung der polizeilichen Reglementierung und Einführung der ärztlichen Meldepflicht für alle Geschlechtskranten zum fertigen Gefeß erhebt, sowie in Berbindung damit durch die Abänderung der§§ 218 und 219 des StrGB. durchsetzt, daß die Verbrecherstrafe für Abtreibungen durch eine soziale Regelung der Geburtenzahl und die Verhütung unsozialer Geburten ersetzt wird; 2. zur Versorgung der unehelichen Mütter und Kinder die rückständigen Bestimmungen aufhebt, welche die weiblichen Beamten, die uneheliche Mütter werden, mit einem moralischen Matel behaftet, aber die Väter dieser Kinder ruhig weiter Beamte sein läßt, wobei in allen Versorgungsgesetzen, namentlich auch in demjenigen für Beamte, die Bezüge an Waisengeld und ähnlichem für uneheliche Kinder der weiblichen Beamten zu sichern sind; 3. zur Versorgung und Versicherung der Mütter über. haupt dem internationalen Uebereinkommen beitritt, das vom Arbeitsamt des Bölkerbundes wegen Beschäftigung und Pflege der arbeitenden Mütter in mustergültiger Weise dem Deutschen Reich zum Beitritt vorgeschlagen und von einer Reihe auswärtiger Staaten bereits angenommen worden ist. Zugleich drückt die Görlitzer Reichsfrauenkonferenz ihr stärkstes Befremden über die frauenfeindliche Haltung der meisten deutschen Freistaaten im Reichsrat aus, der die unter 1 und 3 genannten Entwürfe in unverantwortlicher Weise verschleppt und ihre Gesetzwerdung zum größten Nachteil der Gesundheit deutscher Mütter jahrelang verzögert. ( Dem Reichstag zugegangen.) München: Die von der Reichsregierung in Aussicht gestellte Abänderung über Kaufmannsgerichte sieht ebenso wie der Entwurf des Arbeitsgerichtsgefezes das passive Wahlrecht der Frauen vor. Es wolle umgehend nach Verabschiedung eines dieser Gesetze von der Parteileitung dafür gesorgt werden, daß durch Herausgabe kleiner Leitfaden die Arbeiterfrauen über ihre Tätigkeit als Beisitzerinnen bei diesen Gerichten aufgeflärt werden. Ebenso soll an Hand dieser Leitfaden durch die Orts- und Begirlsbildungsausschüsse ein Ausbildungskurs für weibliche Beisitzer bei den Fachgerichten durchgeführt werden. Nr. 21 Die Gleichheit Hamburg: Die Frauenkonferenz in Görlitz beauftragt die Beitung der sozialdemokratischen Frauenbewegung, mit möglichster Beschleunigung die Frage zu prüfen, ob und in welcher Form unsere Genoffinnen der Gründung von Hausfrauenberufsorgani fationen nähertreten sollen. ( Dem Parteivorstand überwiesen.) Delizsch, Bezirk Halle. Die Frauenkonferenz erkennt die Notwendigkeit neuer Steuern an, die die Erfüllung der Ententeforderungen ermöglichen sollen; sie erhebt aber ganz ener gischen Protest gegen solche indirekten oder Verbrauchssteuern, die geeignet sind, die Lebenshaltung abermals zu verteuern oder zu verschlechtern. Zu solchen Steuern gehören die Erhöhung der Zuckersteuer, der Leuchtmittel- und Zündwarensteuer, der Mineral wassersteuer, die höheren Zölle auf Kakao und Schokolade, ferner die Erhöhung der Kohlensteuer und Verdoppelung der Umsatzsteuer, soweit sie Gegenstände des täglichen Bedarfs betrifft. Die Frauengruppe fordert die Reichstagsfraktion der SPD. auf, tein Mittel unversucht zu lassen, um diese Steuern und überhaupt eine neue Belastung der Lohn- und Gehaltsempfänger zu verhüten. Sie fordert dagegen eine ganz energische Besteuerung des Besitzes, wobei Maßnahmen zu treffen sind, daß diefer nicht wie bisher die Steuern größtenteils hinterzieht oder auf die Allgemeinheit abwälzt. Die Frauengruppe fann sich nicht davon überzeugen, daß der Besitz durch Steuern überlastet sei, solange fie dessen Angehörige einen derartig überspannten und schädlichen Lugus treiben sieht, wie er jegt überall zutage tritt. ( Angenommen.) Schwerin: Die sozialistischen Gemeindevertreter werden beauftragt, in allen Orten dafür zu sorgen, daß Frauenschulen errichtet werden, wo die Genoffinnen unentgeltlich in der Wohlfahrtspflege und auf fozialpolitischem Gebiete ausgebildet werden tönnen. Halle: Die Frauenkonferenz ersucht den Parteitag, durch die Reichstags- und Landtagsfraktionen dahin zu wirken, daß sobald wie möglich eine Neubearbeitung der deutschen Lehrbücher für alle Schulen vorgenommen wird und alle Sachen, die unserem pazifistischen Empfinden zuwiderlaufen, aus den Büchern zu entfernen sind. München: Die Reichstagsfraktion möge bei der ReichsSchulkonferenz dahin wirken, daß der praktischen und wissenschaftlichen Ausbildung der Mädchen das gleiche Gewicht beigelegt und die gleichen Möglichkeiten eröffnet werden, wie die der Knaben. Insbesondere sollen alle Beschränkungen bei der Zulassung zu Knabenschulen fallen, solange eigene gleichwertige Mädchenbildungsanstalten nicht vorhanden sind, z. B. Fachfortbildungsschulen, höhere Schulen usw. Zur praktischen Durchführung von Artikel 148 Abs. 1 der Reichsverfassung, Bildung im Geiste der Völkerversöhnung, möge eine Reinigung aller Lehrbücher von jeder Art Kriegsverherrlichung beantragt werden. ( Dem Zentralbildungsausschuß überwiesen.) München: Die Reichsfrauenkonferenz betrachtet es als ihre bringendste und vornehmste Pflicht, angesichts der bevorstehenden Änderungen des Deutschen Strafgesetzbuches von neuem durch ihre Reichstagsfraktion mit allen Kräften für die Abschaffung der Todesstrafe einzutreten. Die Todesstrafe ist die roheste Ausdrucksform des Vergeltungsgedankens, der einen Überreft der alten Blutrache darstellt; sie hat als Abschreckungsmittel von jeher versagt und ist zur Sicherung der Gesellschaft nicht notwendig. Hunderte von Justizmorden selbst aus neuerer Zeit sind einwandfrei nachgewiesen, und die Entwicklungsgeschichte der Wissenschaften berechtigt zu dem Schluß, daß unter den Opfern der Justiz weit mehr Geisteskranke sind, als die Psychiatrie heute zu erkennen und nachzuweisen vermag. Das Berbrechertum ist eine soziale Krankheitserscheinung, die nur durch soziale Reformen wirksam und fortschreitend bekämpft werden kann. Wir sozialdemokratischen Frauen erheben laut und einmütig unsere Stimme gegen ein Gefeß, das mit dem unglücklichen Verurteilten dessen unschuldige Familie in hoffnungslose Verzweif lung jagt. Wir sozialdemokratischen Mütter rufen zu flammendem Protest gegen die Zerrüttung des jugendlichen Rechtsbewußtseins, gegen die sittliche Verhöhnung, wie sie aus dem Wissen um blutige Gewalttaten, die im Namen der Gerechtigkeit verübt werden, notwendig erwachsen muß, und fordern in tiefer Sorge um die Zu tunft unseres Baterlandes, daß unsere Jugend endlich durch das Bet spiel zur unbedingten Ehrfurcht vor dem Menschenleben erzogen wird. ( Als Meinungsäußerung des Frauentages angenommen.) 203 München: Die Reichsfrauenfonferenz möge beschließen: Die Frauen unserer Partei mögen einen Appell an die Frauen der sozialistischen Parteien aller Länder richten, daß diese Frauen ihr ganzes Gewicht in die Wagschale werfen sollen, um eine Re vision des Friedensvertrages durchzusehen. ( Der Redaktion der„ Gleichheit" überwiesen.) Die Reichsfrauenkonferenz wolle beschließen, die bevölkerungs politischen Probleme auf die Tagesordnung der nächsten Frauenkonferenz zu setzen. Begründung. Referate und Diskussionen der Tagung für Arbeiterwohlfahrt und der Reichsfrauenkonferenz haben das tiefe Bedürfnis ge zeitigt, zu diesen Fragen unbedingt durch ausgiebige gemeinsame Besprechung nachdrücklichst Stellung zu nehmen. Die Lage unseres Volkes verpflichtet uns Sozialdemokratinnen, in diesen Fragen gesetzgeberisch, wissenschaftlich und aufklärend voranzugehen. Serualreform Kürzlich fanden sich in Berlin Aerzte und Forscher auf dem Gebiete der Sexualwissenschaft zu einem bedeutenden Rongreß, der 1. Internationalen Tagung für Segualreform, zusammen. Es waren nicht nur Männer und Frauen der deutschen Wissenschaft, sondern Forscher und Gelehrte des neutralen sowohl wie des uns früher feindlich gesinnten Auslandes erschienen, und es erfüllte mit Freude, endlich wieder einmal nach so langer Zeit die Vertreter zahlreicher Kulturnationen freundliche Begrüßungsworte sprechen zu hören. Die sich hier versammelt hatten, waren Menschen mit voll stem Verständnis für die mannigfaltigen Leiden und Kämpfe, die das Liebesleben mit sich bringen kann. Als Ziel der Tagung stellte der bekannte Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld auf, in voraussetzungsloser Erforschung an den Problemen des Geschlechtslebens dahin zu gelangen, Naturgesez und menschliche Sagungen in llebereinstimmung zu bringen. Darauf waren auch die äußerst zahlreichen und inhaltreichen Einzelreferate eingestellt. Aus der Fülle des Gehörten soll an dieser Stelle jedoch nur über das berichtet werden, was uns als Frauen und Mütter an erster Stelle interessiert. Das ist zunächst die Frage der Geburtenregelung und dann die der Segualpädagogik. Zum Thema Geburtenregelung bzw. künstliche referierten Schwangerschaftsunterbrechung mehrere Aerzte und ein Jurist. Dr. med. Goldstein wies an Hand der Statistiken nach, daß die Abwanderung vom Lande nicht auf Vergnügungssucht, sondern auf relativer Ueber. völkerung und Arbeitsmangel beruhe. Er will die strengen Strafbestimmungen aus dem Strafgesetzbuch entfernt sehen. Justizrat Dr. Rosenthal erörterte das Für und Wider der Straffreiheit für die Schwangerschaftsunterbrechung. Er be. zeichnete die Abtreibung an und für sich als verwerflich, die Durchführung des Antrages Schuch, Radbruch u. Gen. aber als einen Kompromiß, der unter den jetzigen Verhältnissen unbedingt notwendig ist. Besonders warm nahm sich dieser Frage der Hamburger Arzt Gen. Dr. Knaad an. Er führte aus, wie alle die so oft gemachten Einwände gegen die Ab. änderung des Paragraphen in sich zusammenbrechen. Es gilt zunächst die geistig leitenden Kräfte für unsere gemeinsame Arbeit zu gewinnen; danach muß die praktische Aufklärungsarbeit bei der gesamten Bevölkerung beginnen. Da nun die Bevölkerung in großem Maße zur Selbstregelung der Ge burten unter dem Druck der Verhältnisse geschritten ist, ist es die Aufgabe der Fachleute, die Regelung in gefunde Bahnen zu lenken. Die wichtigste Aufgabe der Geburtenregelung ist die die Schwangerschaftsunter. Empfängnisverhütung; die brechung selbst muß die Ausnahme bleiben. Der gesamte Rongreß sprach sich im Sinne des sozialdemokratischen Reichstagsantrages, der den Genoffinnen ja sämtlich bekannt ist, aus. Eine dahingehende Resolution wurde einstimmig angenommen. Ferner wurde der Gedanke laut, daß die inter nationale Friedensbewegung die Forderung der Geburten beschränkung in ihr Programm aufnehmen solle. 204 Die Gleich beit Nur ein Mißton störte die Harmonie der Meinungen. Eine Dame verlangte zwar Aufklärung in den Reihen der Frauen, begründete diese Forderung aber damit, daß die Frau sich vor der Empfängnis schützen solle, weil der Frauenkörper schon nach der ersten Geburt für den Mann nicht mehr be gehrenswert sei und die Kultur verloren ginge, wenn eine Che zu einer Kinderbewahranstalt würde". Von der Art, wie solche Frauen unsere Forderung auffaffen, müssen wir ganz entschieden abrücken. Jede gesunde und normale Frau fieht ihr Glück im Kinde, und sie entschließt sich nur dann zu einer Einschränkung der Geburten, wenn sie es nicht mehr mit ihrem Gewissen verantworten kann, einem Kinde das Leben zu geben, zu dessen Pflege und Erziehung die Möglichfeiten fehlen. Eine derart leichtfertige und egoistische Auffassung dieser so ernsten Frage können wir nur tief bedauern. Die verschiedenen Vorträge zu dem Sammelthema Sexualpädagogik brachten viel Wissenswertes und Interessantes. Auch zwei Frauenreferate waren darunter, von Frau Senator Kirchhoff- Bremen über„ Erziehung zur sexuellen Berantwortlichkeit" und von Frau Dr. Uhlmann über„ Jugendfürsorge und Sexualpädagogit". Frau Kirch hoff wies auf die Pflicht der Eltern und Erzieher hin, den findlichen Fragen ganz flar Rede und Antwort zu stehen. Die gesamte Erziehung muß auf Charakterbildung, natürliche Unbefangenheit und Selbstzucht eingestellt sein. Wir Er. wachsenen haben die Pflicht, dem Kinde aus seiner eigenen Unflarheit herauszuhelfen. Im Seguellen sehen wir nicht mehr nur Schmutz und Sünde, sondern Kraftquellen, die in richtige Bahnen geleitet merden müssen. Frau Dr. Uhl mann sprach von ihren Erfahrungen im Jugendamt. Sie machte darauf aufmerksam, daß zu den gefährdeten Kindern in erster Linie die unehelichen Kinder gehören. In Berlin allein stehen 40 000 Rinder unter Berufsvormundschaft. Dr. Kronfeld gab Aufschlüsse über die Sexualität des Kindes. Allen wirklichen Reformversuchen einer seruellen Erziehung muß erst eine gesamte Revolutionierung unserer übrigen moralischen Ansichten vorausgehen, deren Grundton die Wahrhaftigkeit fein muß. Dr. med. Saaler verlangte das Hauptsächlichste in der serualpädagogischen Erziehung vorläufig von der Schule, da das Elternhaus, die idealste Erziehungsstätte, heute in den meisten Fällen leider noch nicht genügend darauf eingestellt ist. Er ist ein eifriger Befürworter der gemeinschaftlichen Freishung von Knaben und Mädchen und spricht sich scharf geaen hie noch immer wieder auftauchende Behauptung aus, daß der moihliche Verstand dem männlichen unterlegen sei. Dr. Saaler macht im übrigen der gesamten Tagespresse den Vorwurf, daß sie zwar spalten lang sich mit der Schilderung von Luftmorden beschäftigt, für pädagogische und vor allem für die so michtigen serualpädagogischen Fragen aber niemals Raum hat. Auch das Gebiet der Ehereform und der Ehescheidung fand eingehende Berücksichtigung. Es wurde von den einzelnen Referenten auf eine Anzahl non aragraphen im Gesetzbuch hingewiefen, die dem Begriffe einer ehelichen und rein menschlichen Moral entgegenstehen. Besonders diejenigen Paragraphen des Gesetzes, die die Möglichkeiten einer Ehescheidung bezeichnen, bedürfen einer drin genden und baldigen Abänderung. Unter heutiger Chefcheidungsgesetz wird die Ehescheidung zu einem waren Kampf gestaltet, bei dem mitunter eine unglaubliche Menge von Häßlichkeiten vor die Deffentlichkeit gezerrt wird. Dr. jur. E. Schweitzer gab eine Reihe von Verbefferungsvorschlägen, die nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen sind. In fünf hintereinanderfolgenden arbeitsreichen Tagen fuchte der Kongreß das umfangreiche Gehiat der Fernal reform zu durchdringen und zu klären. Im Interesse der gefamten Menschheit ist es zu wünschen, daß die praktische Durchführung der zahlreich gemachten Borfine fich recht bald verwirklichen läßt. Elli Radtke. Nr. 21 Englische Arbeiter in Frankfurt a. Main In Wiesbaden haben sich die diplomatisch geschulten wirtschaftspolitischen Vertreter Deutschlands und Frankreichs miteinander an den Verhandlungstisch gesetzt und zum erstenmal seit Vorkriegszeiten als Gleiche miteinander verkehrt. Das ist ein erfreulicher Fortschritt, und wir wollen ihn nicht gering anschlagen. Aber immerhin: dort hat der Sieger mit dem Besiegten über die Bedingungen verhandelt, unter denen die Reparationspflicht erfüllt werden soll. Ganz anders der Auftakt zu einem geistigen Wiederaufbau, zur geistigen und kulturellen Regeneration und Wiederannäherung der Völker, der unter dem Namen eines Befuches der Adult- School( Schule der Erwachsenen) in Frankfurt a. M. fich vollzogen hat. 3wanzig Arbeiterver treter Englands sind dort zu Gaste gewesen. Sie haben einen Teil der Bildungs- und Fürsorgeeinrichtungen besichtigt. Sie haben am Denkmal für die Opfer des Krieges einen Kranz nieder. gelegt und haben in der Akademie der Arbeit Kenntnis genommen von dem Strom frischer und bildungsfähiger Kraft, der aus den Tiefen des Boltes emporsteigt und den Massen die Männer und Frauen geben will, deren sie bedürfen, um in Wirklichkeit das eigene Geschick in die eigene Hand nehmen zu können. Man fand sich zu fruchtbringendem Gedankenaustausch zusammen. In einer Ansprache wurde auch die Bitte an die englischen Gäste ausgesprochen, Deutschland nicht nach den Besuchern der Cafés und Bars zu beurteilen.- Genosse Ulrich, der Sekretär des Metallarbeiterverbandes, sagte, daß die Menschen und die Völker einander kennen lernen müßten, um einander verstehen zu können. Er forderte zur Solidarität aller Schaffenden jenseits und diesseits des Kanals auf. Im gleichen Sinne antwortete Genosse Strang, der Gauleiter eines Londoner Metallarbeiterverbandes. Er polemisierte gegen den Wahnsinn eines Krieges, in dem Menschen, die einander nicht kennen und sich nie etwas zu leide taten, aufeinander schießen, nur weil jeder eine andere Uniform trägt. Die gleichen Uebel, die gleichen Feinde bes drängen uns alle. Warum uns gegenseitig und nicht sie gemeinsam bekämpfen?" Mertens, der bewährte und hochverehrte Führer der ge= samten deutschen Quäferaktion, erneuerte seine Botschaft der Liebe, der Güte und des Friedens, und Frau Edinger, als Delegierte der Friedensvereine, bezeichnete die Tatsache des englischen Besuches als eine Insel der Vernunft im Strome des Wahnsinns, als eine Insel der Liebe im Meer des Hasses. Genosse Stranz, mit dem ich mich lange über alle möglichen Gewerkschafts- und politischen Fragen unterhielt, bat mich um Auskunft darüber, ob es wahr sei, wie behauptet werde, daß Deutschland in seiner Isolierung verharren wolle, weil es so mit seiner hochqualifizierten Arbeiterschaft jede Konkurrenz schlagen fönne? Ich antwortete, daß es allerdings bei uns wie auch in anderen Ländern eine Klasse von Ausbeutern gebe, denen nichts willkommener wäre als der Tiefstand unserer Valuta, der sie befähige, mit Hilfe einer zwar nicht absolut, aber relativ elend bezahlten Arbeiterschaft die ganze Welt zu dumpen( unterbieten) und das Ergebnis deutscher Arbeit mit schwerem Gewinn zu erporfieren; daß aber der deutsche Arbeiter nichts sehnlicher wünsche, als wieder mit der ganzen Welt auf Gleich und Gleich zu kommen und für eine ordentliche Arbeit einen angemessenen Lohn zu empfangen. Sache der Arbeiter, und zwar nicht nur der deutschen, müsse es sein, mit allen Kräften den Kapitalismus und seine Auswüchse und Folgeerscheinun gen zu befämpfen. Möchte der Besuch unserer englischen Freunde. ein Auftaft und eine frohe Bedeutung für diesen Kampf sein. Henriette Fürth. Nr. 21 ie Gleich beit Was muß die Wohlfahrtspflegerin von der sozialen Gesetzgebung wissen? ( Fortsetzung) Von Hedwig Wachenheim Fürsorge für die Kriegsopfer Die Zahl der Kriegsopfer wird auf 5 Millionen geschätzt. Die Fürsorge für die Kriegsopfer ist im Gesetz über die Verforgung der Militärpersonen und ihre Hinterbliebenen bei Dienstbeschädigung( Reichsversorgungsgesetz vom 12. Mai 1920) reichsgesetzlich geregelt. Die Leistungen des Gesetzes erstrecken sich auf die Angehörigen der deutschen Wehrmacht ( früheres Heer, Marine, Schutztruppe sowie neues Reichsheer und Reichsmarine) und ihre Hinterbliebenen, wenn das Versorgungsbedürfnis auf gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen einer Dienstbeschädigung zurückzuführen ist. Daneben erhalten auch solche Personen und ihre Hinterbliebenen die Versorgung, die auf Grund von Privatverträgen der Wehrmacht zu Leistungen verpflichtet waren, wenn der Versorgungsgrund auf dem Krieg eigentümliche Verhältnisse zurückzuführen ist. Die Grundlage der Versorgung der Kriegsbeschä digten bildet die Rente, die gewährt wird, wenn die Ermerbsunfähigkeit um mindestens 20 Proz. herabgesetzt ist. Die Rente wird nach dem Grad der Erwerbsunfähigkeit bemessen. Schwerbeschädigte von 50 Broz. Erwerbsfähigkeitsverlust und darüber erhalten noch eine Zulage, die ebenfalls nach dem Grad ihrer Erwerbsunfähigkeit steigt. Für jedes eheliche Kind unter 18 Jahren wird ein Zuschlag von 10 Proz. gegeben, der über das 18. Lebensjahr gewährt wird, wenn das Kind wegen geistiger oder förperlicher Gebrechen nicht erwerbsfähig ist. Für uneheliche Kinder, die vor der Dienstbeschädigung gezeugt find, wird bis zum 16., darüber hinaus bis zum 18., nur wenn der Vater es erhält, ebenfalls die zehnprozentige Zulage gewährt. Sie 1..ird auch für Adoptiv-, Stief- und Pflegefinder, die schon vor der Dienstbeschädigung zum Haushalt des Beschädigten gehören, gezahlt. Zu den Renten tritt ein Teuerungszuschlag von 10 bis 35 Proz., der nach den Ortsklassen der Beamtenbesoldung gestaltet ist. Außerdem wird eine berufliche Ausgleichszulage * Feuilleton Die Toten an die Lebenden Von Ferdinand Freiligrath 1848 * Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten. So habt ihr uns auf blut'gem Brett boch in die Luft gehalten! Boch in die Luft, mit wildem Schrei, daß unfre Schmerzgebärde Dem, der zu töten uns befahl, ein Fluch auf ewig werde! Daß er fie fehe Tag und Nacht, im Wachen und im Traume Im Oeffnen feines Bibelbuchs wie im Champagnerfchaume! Daß wie ein Brandmal fie fich tief in feine Seele brenne: Daß nirgendwo und nimmermehr er vor ihr fliehen könne! Daß jeder qualverzogne Mund, daß jede rote Wunde Ihn schrecke noch, ihn ängite noch in feiner letzten Stunde! Daß jedes Schluchzen um uns her dem Sterbenden noch schalle, Daß jede tote Fauft fich noch nach seinem Haupte balle Mög' er das бaupt nun auf ein Bett, wie andre Leute pflegen, Mög' er es auf ein Blutgerüft zum letzten Atmen legen! So war's! Die Kugel in der Bruft, die Stirne breit gespalten, So habt ihr uns auf schwankem Brett auf zum Altan gehalten! ,, Derunter!" und er kam gewankt gewankt an unfer Bette; ,, but ab" er zog er neigte lich!( fo fank zur Marionette, Der einit ein Komödiante war!)- bleich ſtand er und beklommen! Das Deer indeẞ verließ die Stadt, die sterbend wir genommen. Das war der Morgen auf die Nacht, in der man uns erfchlagen; So habt ihr triumphierend uns in unire Gruft getragen! Und wir wohl war der Schädel uns zerfchoffen und zerhauen, 205 gewährt, die nach den erworbenen Fähigkeiten und den für die Erlernung des Berufs aufgewandten Kosten berechnet wird. Hilflose Kriegsbeschädigte erhalten eine jährliche Pflegezulage. Der Grundgedanke des Reichsversorgungsgesetzes ist, die Beschädigten wieder zu wirtschaftlicher Gelbständigkeit und Unabhängigkeit von der Fürsorge zu führen und ihnen ein normales Familienleben zu erhalten oder zu ermöglichen. Deshalb wird Heil. behandlung gewährt; sie besteht in ärztlicher Behand lung, Arznei, Anstaltspflege und Krankengeld. Hausgeld wird im Notfall bei Anstaltspflege bewilligt. Diese Leistun gen erfolgen durch die Krankenkasse. Körperersatzstücke, Krücken, Blindenhunde und Badekuren, die nach dem Gesetz gleichfalls zu gewähren sind, werden vom Reich geliefert. Daneben sieht das Gesetz eine umfassende Familienfür forge, Berufsberatung, Berufsausbildung nach Eignung und Neigung und Beihilfe zur Be. rufsunterbringung vor. Die Hinterbliebenen der Angehörigen der Wehr macht, die Witwe, Eltern und Kinder, und zwar auch Adoptiv-, Stief- und uneheliche Kinder, bis zu 18 Jahren, für die der Verstorbene gesorgt hat oder versorgungspflichtig war, haben einen Versorgungsanspruch, wenn der Tod des Verstorbenen durch den Unfall im Dienst oder dem Dienst eigentümliche Verhältnisse herbeigeführt ist oder mit dem rentenempfangenden Dienstve Versorgungsleiden bei schädigten zusammenhängt. Die Hinterbliebenen von Kriegsbeschädigten erhalten ein Sterbegeld und die Rente des Beschädigten bis ein Bierteljahr nach seinem Tode. Die Hinterbliebenenrente wird von dem auf den Sterbetag folgenden Monat ab gezahlt. Die Rente der Witwe wird nach ihrem Alter, ihrer Erwerbsfähigkeit und ihrer Mutterpflichten berechnet. Hier wird zum erstenmal in der Gesetzgebung die Mutterschaft als Aufgabe bewertet, für deren Ausübung Mittel der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden müssen. Die Rente wird nach der Kriegsbeschädigtenvollrente bemessen und beträgt Doch lag des Sieges frober Stolz auf unfern grimmen Brauen. Wir dachten: hoch zwar ift der Preis, doch echt auch ist die Ware, Und legten uns in Frieden drum zurecht auf unfrer Babre. Web' euch, wir haben uns getäuscht! Vier Monden erft vergangen, Und alles feig durch euch verfcherzt, was trotzig wir errangen! Was unfer Tod euch zugewandt, verlottert und verloren Oh, alles, alles hörten wir mit leifen Geiſterohren! Wie Wellen brauft' an uns heran, was sich begab im Lande: Der Aberwitz des Dänenkriegs, die letzte Poleníchande; Das rüde Toben der Vendée in ſtockigen Provinzen; Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen; Der Kerkertore dumpf Geknarr' im Norden und im Süden; Für jeden, der zum Volke steht, das alte Kettenfchmieden; Der Bund mit dem Kolakentum; das Brechen jedes Stabes, Ach, über euch, die wert ihr feid des lorbeerreichften Grabes; Dann der Verrat, hier und am Main, im Taglohn unterhalten O Volk, und immer Friede nur in deines Schurzfells Falten? Sag' an, birgt es auch nicht den Krieg? Den Krieg herausgeschüttelt! Den zweiten Krieg, den letzten Krieg, mit allem, was dich büttelt! LaB deinen Ruf die Republik" die Glocken überdröhnen, Die diefem allerneueften Johannisfchwindel tönen! Umfonit! Es täte Пot, daß ihr uns aus der Erde grübet, Und wiederum auf blut'gem Brett hoch in die Luft erhübet! Nicht jenem abgetanen Mann, wie damals, uns zu zeigen, Пein, zu den Zelten, auf den Markt, ins Land mit uns zu fteigen! бinaus ins Land, Toweit es reicht! Und dann die Infurgenten Auf ihren Babren bingeftellt in beiden Parlamenten! 206 Die Gleich beit 50 Broz. nebst Bulage, wenn die Witwe über 50 Jahre alt, erwerbsunfähig oder durch Pflege der Kinder erwerbsverhindert ist, und 30 Proz., wenn sie erwerbsfähig ist. Ist der Tod nicht durch Dienstbeschädigung erfolgt, so fann eine Beihilfe bis zu zwei Dritteln der Witwenrente gewährt werden. Im Falle der Wiederverheiratung erhält sie eine Abfindung in Höhe des dreifachen Jahresbetrages der zuletzt bezogenen Rente. Halbwa isen erhalten 15 Proz., Bollwaisen 25 Broz. der Vollrente des Kriegsbeschädigten. Bedürftige Berwandte in aufsteigender Linie, Eltern und Großeltern, die über 60 Jahre oder erwerbsunfähig sind und deren Einkommen eine bestimmte Grenze nicht überschreitet und die keine unterhaltungspflichtigen Verwandten haben, erhalten für beide Eltern 30 Pro3., für einen Elternteil 20 Proz. der Vollrente des Kriegsbeschädigten, zu denen, falls mehrere Söhne gefallen sind, eine Zulage tritt. Die Renten der Kriegsbeschädigten und Kriegerhinter bliebenen werden bei werden bei anderweitigem steuerpflichtigen Einkommen je nach dessen Höhe gefürzt und ruhen bei einer bestimmten Höhe. Gegenwärtig wird zu allen Renten ein Teuerungszuschlag gewährt. Die Rente oder ein Teil der Rente tann für Bezugs berechtigte im Alter von 21 bis 55 Jahren tapitalisiert werden, um den Rentenempfängern die Möglichkeit zum Erwerb von Grundbesitz zu geben. Bor Ablauf eines Monats fann gegen alle Bescheide in Rentensachen Einspruch erhoben werden. Das Verfahren erfolgt dann öffentlich. Die Kosten trägt, wenn die Gerichte nicht mutwillig in aussichtsloser Sache angegangen sind, das Reich. Die Bearbeitung des Reichsversorgungsgesetzes liegt in den Händen des Reichsarbeitsministeriums, die praktische Durchführung bei den Kommunalverbänden. Beim Arbeitsministerium sowie bei den amtlichen Fürsorgestellen der Länder, Provinzial- und Kommunalverbände sind Ausschüsse zur Mitverwaltung der Stiftungsmittel( Ludendorff- Spende für Kriegsbeschädigte, Nationalstiftung für die Hinterbliebenen) zur Beratung und Entscheidung in bestimmten O ernite Schau! Da lägen wir, im бaupthaar Erd' und Gräfer, Das Antlitz fleckig, halbverweft die rechten Reichsverweler! Da lägen wir und fagten aus: Eh' wir verfaulen konnten, Iit eure Freiheit fchon verfault, ihr trefflichen Archonten! Schon fiel das Korn, das keimend ftand, als wir im Märze ftarben: Der Freiheit Märzfaat ward gemäht noch vor den andern Garben! Ein Mohn im Felde hier und dort entging der Senfe Hieben Oh, wär' der Grimm, der rote Grimm im Lande fo geblieben: Und doch, er blieb! Es iſt ein Troft im Schelten uns gekommen! Zuviel ichon hattet ihr erreicht, zuviel ward euch genommen! Zuviel des бohns, zuviel der Schmach wird täglich euch geboten: Euch muß der Grimm geblieben fein- oh, glaubt es uns, den Toten! Er blieb euch! ja, und er erwacht! er wird und muß erwachen! Die halbe Revolution zur ganzen wird er machen! Er wartet nur des Augenblicks: dann springt er auf allmächtig; Gehobnen Armes, wehnden бaars dafteht er wild und prächtig! Die roit'ge Büchle legt er an, mit Fenſterblei geladen: Die rote Fahne läßt er wehn hoch auf den Barrikaden! Sie fliegt voran der Bürgerwehr, fie fliegt voran dem Deere Die Throne gehn in Flammen auf, die Fürften fliehn zum Meere! Die Adler fliehn; die Löwen fliehn; die Klauen und die Zähne! Und feine Zukunft bildet felbft das Volk, das Souveräne! Indeffen bis die Stunde fchlägt, hat diefes unier Grollen Euch, die ihr vieles Ichon verläumt, das Herz ergreifen wollen! Oh, steht gerüftet, feid bereit, o fchaffet, daß die Erde, Darin wir liegen ftrack und ſtarr, ganz eine freie werde! Daß fürder der Gedanke nicht uns stören kann im Schlafen: Sie waren frei: doch wieder jetzt und ewig!- find lie Sklaven. Nr. 12 Fällen gebildet. In diesen Ausschüssen sigen neben Ber tretern der amtlichen Fürsorgestellen und der Stiftungen Vertreter der freiwilligen Wohlftahrtspflege und der KriegsZum beschädigten- und Hinterbliebenenorganisationen. erstenmal wirken in dieser Weise Fürsorgeempfänger bei der Ausübung der Fürsorge mit. Die größte Organisation der Kriegsopfer ist der Reichs. bund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteil nehmer und Kriegerhinterbliebenen( Bun desvorstand in Berlin, Belle- Alliancestr. 16). Er hat fich bisher am meisten für die Kriegsopfer eingesetzt und vertritt den Gedanken der Selbsthilfe, wie wir Sozialdemo fraten ihn immer verstanden haben. Wir empfehlen deshalb unseren Anhängerinnen, den Frauen, die der unselige Krieg zu Witwen gemacht hat, im Reichsbund gemeinsam mit den anderen Kriegsopfern für eine angemessene Versorgung ihrer selbst und ihrer Kinder zu kämpfen. Die Grundgedanken des Reichsversorgungsgesetzes sind gut und bilden Anfänge zu einer Reform der Wohlfahrtspflege. Das Versinken der körperlich Beschädigten, der Witwen und Waisen in Armut soll verhindert und ihnen die Möglichkeit zu selbständiger wirtschaftlicher Existenz und eigenem Familienleben gewährt werden. Deshalb die Erleichterung des Berufswechsels, die Familienfürsorge, die Anerkennung der Mutterschaftsleistung, furzum die ganze pflegliche Behandlung der Rentenempfänger. Das Gesetz hat allerdings auch Mängel, die besonders in der Höhe der Rente liegen und zum Teil durch die durch Friedensvertrag und unsere wirt. schaftlichen Verhältnisse fortdauernde Markentwertung hervorgerufen werden. Die Angabe von Zahlen und Rentenfäßen ist diesmal mit Absicht vermieden, weil sie in der Regel sehr schnell durch Gesetzesänderungen veralten. Unsere Helferinnen erhalten sie ja alle auf Anforderung bei den Fürsorgeämtern, bei denen fie arbeiten. Das beste mittel, die schlechte Zeit zu ertragen, ist es, an ihrer Belierung mitzuarbeiten, anitatt über lie zu jammern. la-la, la, la ch kann nicht vergessen! Nicht das ganze Bild steht por mir, aber einzelne Szenen fehren immer wieder. Nahe meiner Wohnung liegen gefangene Russen, hinter Drahtverhau. Es sind viel Menschen, doch wird man sie kaum gewahr. Den ganzen Tag verbringen sie dumpf in schwerer Arbeit. Sie als Masse wurden ein Etwas, ein Dunkles, Braunes. Braun ihre Uniformen, braun die Erde, man empfindet sie als Erdkloß, nicht als Menschen. Doch, heimgekehrt am Abend, im Lager, fommt etwas Regung in sie. Kein Leben, nur eine feine Welle Bewegung, die über sie hinstreicht. Sie singen. Gedämpft, luftlos, aus Heimweh geboren. Unsagbar traurig ist die Melodie, la, la, la, la-- verhaltend klingt sie an mein Ohr. Sie verfolgt mich, läßt mich nicht los und wird auch mir Grundton zu meinem erstarrten Leben. * * * Ich denke an ihn. Er ist draußen, im Feld, und die Nach richt blieb so lange von ihm aus. Ich kenne den Schritt des Briefträgers, und wenn er fommt, weiß ich, daß er feine Post für mich hat. Ich denke an ihn. Weilt auch er hinter Drahtverhau? Er, der Mitleid hatte mit den wilden Tieren in den zoologischen Gärten, weil sie gefangen sind. Ia, la, la, la, tönt's vom Russenlager her. Müde, ohne Aufschrei, einlullend in seiner Gleich mäßigkeit. Und so träg ist mein Herzschlag, so dumpf mein Empfinden, so traurig mein ganzes Sein." Nr. 21 Wie Glet d) bett Briefe über Kindererziehung XVII. Daß die Moral ein Eigengewächs der Erde, kein Absenter aus dem Himmel sei, genauer ausgedrückt, daß sie, als ein Erzeugnis der Willensschulung durch Bernunfterkenntnis innerhalb der aus der Tierheit emporstrebenden Menschengemeinschaft, nicht erst durch göttliche Gesetzgebung der zum Guten unfähigen Menschheit aufgenötigt worden sei, darüber, liebe Freundin, sind wir nun wohl einig. Wie nun aber im einzelnen die fittliche Entwicklung vor fich gegangen ist, darüber hat die Kulturgeschichte nur ihre Vermutungen. Als beinahe sicher dürfen wir annehmen, falls sich die Menschennatur nicht seitdem völlig geändert haben sollte, daß nicht die große Menge, sondern die, wenn auch aus ihr hervorgegangenen, fie aber geistig, an Alter, Kraft oder an Willensstärke überragenden Persönlichkeiten die ersten Gesetzgeber waren. Das gilt selbst von den ziemlich gleichgültigen Sitten und Lebensformen; zwar treten sie, wenn erft fertig und eingebürgert, dem einzelnen mit dem Anspruch auf schweigende Anerkennung gegenüber; es mußte doch aber einer immerhin der erste sein, der z. B. mit Handschlag, Kopfentblößung oder Berneigung( alles drei einfache Formen der Wehrlosmachung") Anstoß und Beispiel zur geselligen Grußformel gegeben. Und so mochten in der aus der Familie zum Stamm und dann zur Horde erweiterten Urgesellschaft, wie die Anstandsformen, so auch die ursprünglichsten und einfachsten Sittengebote, wie Ehrfurcht vor dem Alter, Gehorsam gegen den Häuptling, Achtung vor dem Leben und Eigentum des Stammesgenossen, turz alles an den einzelnen herantretende„ Du follst!" in dem„ So will ich's" einer Autorität ihre Wurzel gehabt haben. Daß diese Autorität sich gern mit dem geheimnisvollen Strahlenglanz religiöser Vorstellungen schmückte, daß Fürstengebot als Gotteswille auftrat und so das ewige Bündnis von Thron und Altar zustande tam, ist ebensowenig verwunderlich, als daß mit der Berselbständigung der sittlichen Vorschriften und dem Erbleichen des religiösen Heiligenscheins auch der autoritative Charakter der Moral langsam dahinschwand, und daß der aus den Retten der Erbuntertänigteit befreite Mensch auch auf dem sittlichen Gebiet nunmehr die Fremdgesetzgebung abschütteln und der Schöpfer seiner eigenen Moral sein will. Jedes Kind durch läuft, wie schon oft angedeutet, diesen Menschheitsprozeß noch heute in der eigenen Seele. Erst 3wang und Formung von Anstandsregeln durch Beispiel und Gewöhnung, dann das strenge Elterngebot, verstärkt durch das ehrfürchtigen Gehorsam heischende ,, Gotteswort"; darauf die Macht der Gemeinschaftsfitte, allmähliches Aufbäumen dagegen und ihre eben mit der Kritik einsehende Prüfung Ich sah die Russen auf der Landstraße, wie sie zur Arbeit geführt wurden. Braun in ihrer Uniform. Braun die Erde, braun der Staub, braun die Menschen, Staubwolfe selbst. Sie sind ruhig, lautlos. Doch ich höre die Eintönigkeit des la, la, la, la. Und die Traurigkeit ihres Liedes marschiert mit ihnen. la, la, la, la, Er ist tot. Liegt irgendwo verscharrt. Sein Leib ist von Erde bedeckt, bis eine Granate frepiert oder eine Fliegerbombe einschlägt und seine Knochen spielend ans Tageslicht wirft. Meine Augen wurden groß und böse.... Diese Melodie, von den gefangenen Russen gesungen, bringt mich auf. Das keifende, gellende Gekreisch eines Hyänenhundes wäre mir lieber. Dieses: la, la, la, la, ist so mutlos machend, so - ist so mutlos machend, so troftlos. Es ist die Wolfe von Traurigkeit selbst, in der wir leben. * Der Krieg ist vorbei. Aber wie ein Albdruck liegt dieses: la, la, la, la, auf mir. Ich denke an die Russen. Haben sie die Heimat wiedergesehen? la, Diese traurige Melodie klingt la, la, la, in unser aller Leben. Wir sind Gefangene. Weil die Tradition, dieses„ Es war so" und die Anbetung der Gewalt die Stacheldrähte sind, die uns umgeben. Die halten unser Können begrenzt, unser Wollen und unser Leben eingezäunt. Aber in Wirklichkeit ist das Drängen zu Neuem, zur Ur melodie in uns. Das Evangelium vom gleichen Recht für 207 durch die eigene Vernunft, endlich, wenn alles gut geht, Selbst. gesetzgebung und Selbstzucht. Sie sehen, verehrte Freundin, die weltliche Moral" ist nicht das zufällige Gedankenprodukt freiheitsberauschter Schwärmer, sondern das streng logische Endglied einer Entwicklungsreihe, die faft ohne unser Butun abläuft. Nun aber haben wir bisher nur ihre Entstehung beleuchtet; etwas anderes noch ist ihre psychologische Begründung, d. h. bie Beantwortung der Frage, wie denn noch in der Seele eines unserer Kinder von heute das Gefühl, der Gedanke und der Entschluß zu einer Verpflichtung entstehen könnte. Erinnern Sie sich des Schreckgespenstes des„ Anarchisten", mit dem die lammfromme Autoritätsmoral die artigen Untertanen graulig macht? Ein Kerl ohne Religion und Moral, der auf Staatsgesetze, Anstand, Sitte und erst recht auf„ Ideale" pfeift und einzig seinen viehischen Trieben nachgeht? Das sei, so behaupten die Lobredner der guten alten Zucht, die Frucht, die man von der religionslosen Erziehung und weltlichen Moral zu erwarten habe! Dabei vertauschen sie in aller Eile zwei völlig entgegen. gesetzte Begriffe: fie schieben für das Wort Freiheit", zu der mir ja wirklich erziehen wollen, das Wort und die Sache Zuchtlofig. keit" unter, und das Zerrbild„ Anarchist" ist fertig. Dafür aber brauchte man eigentlich kein Fremdwort; solche Kerie nannte man längst auf gut Deutsch: Schweinehund! Ich beanspruche nun aber auch nicht etwa das Fremdwort für das Produkt unserer neuen Erziehung, nicht einmal in der Aufmachung:„ Edelanarchist". Unser Schiller hat ihn schon getauft in dem bekannten Vers: ,, Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, Bor dem freien Menschen erzittert nicht!" Das ist's! Den freien Menschen wollen wir endlich era ziehen. Und nun das Wunderbare: dieses Eigengesez der freien Persönlichkeit, die, auch wenn sie fremden Zweden dient, niemals zum bloßen Mittel werden darf, sondern Selbstzweck bleibt, ist... die Pflicht. Ihr widmet der trockene Kant jenen Hymnus, der un endlich oft zitiert worden ist: Pflicht! Du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führte, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts droheft, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern bloß ein Gesetz aufstellft, welches von selbst im Gemüte Eingang findet und doch sich selbst wider Willen Verehrung( wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt... welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft? Es kann nichts Minderes sein, als was den Menschen über sich selbst... erhebt, was ihn an eine jeden, von der Freiheit und von der Brüderlichkeit ist die Freudenbotschaft, die unser ganzes Sein verkünden will. Darum auch sollen wir rufen, schreien, hell aufjauchzen im Wollen und Können. Wir sollen Kämpfer sein und unser Leben nicht verrinnen lassen in der einen traurigen Melodie. Erna Büsing Das Monopol des langen Lebens Rudolf Birchow, der große medizinische Forscher, dessen 100. Geburtstag fürzlich gefeiert wurde, hat den Ausspruch getan: Und wenn einer unter den Zelten aufträte und zu dem Bolte spräche:" In Berlin macht die Schwindsucht mehr als den neunten Teil aller Todesfälle und von den an der Schwindsucht Gestorbenen gehören fast 80 Proz. den arbeitenden Klassen an," nicht wahr, das wäre eine verabscheuenswerte Wühlerei? Das muß alles fein verschwiegen werden, damit das Volk nicht zu störrisch werde und auch etwas von Wohlsein und dem langen Leben der Wohlhabenden verlange. Sie sollen täglich beten:„ Und gib uns unser täglich Brot und ein langes Leben auf Erden," aber sie sollen nicht wissen, daß das lange Leben ein Monopol der Fürsten und Großen und der Fanatiker der Ruhe ist. Aber das Volk hat nun lange genug geharrt, geduldet, gefaftet und gebetet; sein Vertrauen auf die Fürsten und Grafen hat sich in Mißtrauen und zum Teil in Grimm verwandelt, sein Glaube an den Himmel ist so erschüttert, und es denkt energisch an das alte Sprichwort, daß jeder seines Glüdes eigener Schmied sein muß. 208 Die Gleich beit Ordnung der Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die ganze Sinnenwelt... unter sich hat. Es ist nichts anderes als die Persönlichkeit, d. t. die Freiheit und Unabhängigkeit von dem Mechanismus der ganzen Natur, doch zugleich als ein Bermögen eines Wesens betrachtet, welches eigentümlichen, nämlich von seiner eigenen Vernunft ge gebenen Gesetzen... unterworfen ist...!" Was ich durch Erziehung zu bilden suche: den freien Menschen, der nicht mehr nur Knecht, wenngleich immer noch abhängig, von seiner Umwelt ist, das nennt Kant: zur Persönlichkeit erziehen, nicht bloß ein Individuum mehr hervorbringen. Und das Adelszeichen beider ist das Bewußtsein selbstgewählter Pflicht. Wie tommt man zu solchem Bewußtsein? Davon das nächſtemal! Dr. Penzig. Zu Minna Cauer's 80. Geburtstag am 80. Geburtstag am 1. November 1921. Der Kämpferin. Es war ein kleiner, aber fampfesfroher Trupp von Vorkämpfern des Frauenrechts, der sich in den Jahrzehnten vor dem Krieg um Minna Cauer geschart hatte. Wer diese Frau zum erstenmal erblickte, der wird kaum hinter dieser kleinen, zierlichen Persönlichkeit eine Kämpfernatur vermutet haben. Das wurde aber anders, sobald man sie auf der Rednertribüne sah. Besonders die Polizei hatte es ihr angetan. Und zu einer Zeit, in der das feineswegs ungefährlich war, wetterte sie gegen diesen Götzen des alten Klassenstaates mit einem Mut, einer Leidenschaft und einer Kampfesfreude, die ihresgleichen suchte. Minna Cauer erlebte das feltene Glück, nach mancherlei Enttäuschungen doch noch das Ziel erreicht zu sehen, das sie sich in ihrem Leben gestellt hatte: die Gleichberechti gung der Frau. Allerdings unter Umständen( der Zusammenbruch unseres Vaterlandes), die ihr sicher sehr nahe gegangen sind; obgleich man ja auch sie der vaterlandslosen Gesinnung geziehen hat. Obwohl man ihr, der jahrzehntelangen Vorkämpferin. sogar das Recht absprechen wollte, ,, als führend in der Frauenbewegung angesehen zu werden". Alles nur wegen ihres tapferen Eintretens für die Friedens Büchersch a u „ Die Mutter als Erzieherin." Von Heinrich Schulz. Verlag Dieß- Borwärts, Berlin. Preis broschiert 6 Mt., in schönem Geschenkeinband 9 Mt. Das ist ein Büchlein, das in keiner Familie fehlen sollte. Es ist fein großes, Erziehungsprobleme behandelndes Wert, sondern mehr ein Nachschlagebüchlein für Mütter und Erzieher, das auf so manche Frage die richtige Antwort gibt. Ganz zwanglos sind kleine, kurze Kapitel aneinander gereiht, die aus dem täglichen Leben herausgegriffen sind. Da lesen wir beim flüchtigen Durchblättern die Ueberschriften: Du sollst Geduld haben!",„ Erziehe dein Kind zur Wahrheitsliebe!"," Bringe dein Kind auf andere Gedanken!" ,,, Lasse dein Kind mitarbeiten!" usw. So manche Mutter wird dankbar sein für einen Hinweis, der ihr und ihrem Kinde zugleich Nutzen bringt. Das Büchlein ist aus tiefstem Verständnis heraus geschrieben, und schon die Tatsache, baß es jetzt feine siebente Auflage erlebt, beweist seinen Wert. Es sei darum jeder Genossin, die das Glück hat, Mutter zu sein, als Ratgeber bestens empfohlen. * Das Schulprogramm der Sozialdemokratie." Bon Richard Lohmann. Preis 6,50 Mt. Ein Handbuch über die Ziele und Wege unserer Schulpolitik. ,, Wie eine Revolution zugrunde ging." Von Eduard Bern= stein. Verlag J. H. W. Dieß Nachf., Stuttgart. Preis fartoniert 6 Mr. Es handelt sich hier um die Geschichte der französischen Revolution von 1848. An der Hand der Ereignisse des Jahres 1848 in Frankreich und des Schicksals der Februarrevolu tion zieht der Autor eine Parallele zwischen damals und der Jeztzeit und bringt in seinem Schlußkapitel eine Nuzanwendung, von der er erwartet, daß sie für die praktische Politik nicht vergebens geschrieben worden ist. Nr. 21 gedanken. Sie wurde verhöhnt, verachtet und verfolgt. Sie und ihre Anhängerinnen man bezeichnete sie spöttisch als die Zielbewußten", die ja schon früher jahrzehntelang wegen ihrer Zielklarheit verleumdet und bekämpft wurden. Klingt es nicht wie ein Notschrei aus tiefster Seele, wenn fie 1917 über die Unmöglichkeit, für den Frieden zu wirken, schreibt: Belagerungszustand und Zensur hemmen alles, machen auch die Menschen ängstlich, besonders die Frauen, die überdies unter Arbeit, Sorgen, Mühen und inneren Schmerzen um ihre Angehörigen da draußen fast zu erliegen drohen. Passivität und Gleichgültigkeit waren aber auch vor dem Krieg bei den Frauen wie uoerhaupt bei der bürgerlichen Gesellschaft überall vorhanden." Aber sie ließ sich nicht unterkriegen. Und in all dem Elend des Weltkrieges behielt sie den Blick für das große Ganze. Schon im Sommer 1917 fühlt sie das Heranwogen einer neuen Zeit.„ Unsere Richtung aber erlebt doch jezt wenigstens den Anfang von all ihren Bemühungen und Arbeiten-- das Erwachen des Volkes für seine notwendige Mitverantwort lichkeit im Staatsleben." So schrieb sie mir damals ins Feld. Minna Cauer war mit eine jener Frauen, die mir die unerschütterliche Zuversicht gaben, daß ohne die Befreiung der Frau aus jahrtausendelanger Abhängigkeit und Unterdrückung niemals der Weg geöffnet wird für den weiteren Aufstieg und für die Befreiung der gesamten Menschheit. In diesem Sinne ist uns die Novemberrevolution ein verheißungsvoller Anfang. Aber wir sind nicht gewillt, bei diesem Anfang stehen zu bleiben: wir werden weiter kämpfen und weiter schreiten. Heute aber halten wir einen Augenblick ein, um eine Vorkämpferin und Wegbahnerin zu ehren: Wir grüßen dich, Minna Cauer, all die Jungen im Land, mit freudigem Herzen und lachenden, siegesfrohen Augen. Kurt Heilbut. Menfchliche Vollkommenheit Der Menschheit Aufitieg zum Gipfel reinfter menfchlicher Vollkommenheit gleicht der Echternacher Springprozeffion: drei Schritt vorwärts zwei Schritte zurück- und da es bergan geht, geraten die Rücksprünge meilt weiter als der Fortfchritt. Charlotte Buchow. „ Um die Fahne der deutschen Republik", ihre Bedeutung in Geschichte und Gegenwart. Von Dr. Eduard David. Preis 2 Mt. * ,, Adam Stegerwalds Todsünde." Von Ernst Heilmann. Preis 3 Mt. Für Organisationen billiger. Enthält den steno. graphischen Bericht von Heilmanns Rede im Preußischen Landtage, in der er mit der Reaktionsregierung scharf abrechnet. ,, Die notwendige Berständigung der Arbeiterklasse." Möglichfeiten und Voraussetzungen. Bon Viktor Schiff. Preis 2 Mr. * ,, 100 000 Millionen neue Steuern." Wer soll sie zahlen, Proletarier oder Befizer von Goldwerten? Von Ernst Heilmann. Die Broschüre, die im Buchhandel 2,50 Mt. kostet, wird an die Organisationen zum Vorzugspreise, und zwar bei Bezug von 50 Exemplaren mit 1,50 Mt. das Stück, bei Bezug von 250 Exemplaren an mit 1,25 Mt. das Stück zwecks Massenverbreitung abgegeben: * „ Geschlechtliche Erziehung in der Familie." Von Dr. Julian Marcuse. Ebenfalls eine Neuauflage. Hier ist in furzer, sachlicher Form eine Anleitung für Arbeitereltern gegeben, wie man mit den Kindern von sexuellen Dingen spricht. Preis 2 Mr. ,, Die erdolchte Front." Soldatenlieder von Erich Kuttner. Preis 3 Mr. Ferner machen wir auf den„ Arbeiternofizkalender für 1922" und auf den„ Vorwärts- Almanach 1922" aufmerksam. Preis je 4 Mt. Beides sind schön ausgestattete und mit lehrreichen Artikeln versehene Jahrbücher, die jeder Parteigenosse und jede Ge nossin besigen muß. Nr. 21 te Gletch bett Aus der Frauenbewegung des Auslandes Starte Zunahme der weiblichen Mitglieder in der österreichischen Sozialdemokratie. Die österreichische sozialdemokratische Partei fann mit Stolz auf das Jahr 1920-21 zurücksehen: Gegenüber einer weiblichen Mitgliedschaft von 76 709 Frauen im Vorjahr, sind jetzt 118 902 Frauen organisiert, d. i. eine Zunahme von 55,01 v. H. Da die Partet im ganzen jetzt 491 160 Mitglieder zählt, beträgt der Anteil der Frauen, der 1913 nur ein Achtel ausmachte, heute ein Biertel der Gesamtorganisation. Wir dürfen mit Bewunderung auf die österreichischen Genossinnen blicken, die in härtester Not ihre Pflichten nicht kleinmütig vernachläffigt haben. Wir wollen sie uns zum Vorbild nehmen. * Ch. 2. Der sozialdemokratische Frauentag in Holland. Die Sozialdemo tratische Arbeiterpartei und der Bund der sozialdemokratischen Frauenflubs hielten anläßlich des Frauentags am 18. September 16 große Versammlungen ab, welche von 25 000 Personen besucht waren. Die Losung war: Entwaffnung, Mutterschaftsfürsorge und Protest gegen das Verbot der Arbeit verheirateter Frauen. Infolge der kommenden Parlamentswahlen für 1922 mar das Intereffe der Frauen groß. Der prämienfreie Mutterschutz ist eine For derung, die von Frau Suze Groeneweg schon im Februar 1919 im Parlament beantragt worden ist, aber es erfolgte noch tein Gefeßentwurf. Es gibt nur einen Gesetzentwurf in Ueberein. stimmung mit den Washingtoner Forderungen für die verheirateten Arbeiterinnen. Es besteht aber die Gefahr, daß die Regierung in der Art der Auszahlung an verheiratete und unverheiratete Mütter einen Unterschied machen wird. Die holländische christliche Regierung will die verheirateten und unverheirateten Mütter nicht gleichstellen, denn alles, was sich chriftlich nennt, widersetzt sich dieser Staatlichen Gleichstellung. Die Ebenso ist das andere Stichwort, der Protest gegen das Verbot der Arbeit verheirateter Frauen, für die Frauen von großer Bedeutung. Die christliche Regierung hat verschiedene Male versucht, die verheirateten Beamtinnen und Lehrerinnen zu entlassen. fortschrittlichen Mitglieder der Gemeinderäte haben sich dem oft widersetzt. Ein Verbot für Fabrikarbeit der verheirateten Frauen wurde im vorigen Jahre bei der Thronrede angekündigt. Die holländischen sozialdemokratischen Frauen schickten dem amerikanischen Frauengewerkschaftsbund ein Sympathietelegramm. Diefer Bund will am 11. November eine Weltdemonstration für Entwaffnung abhalten. Dies ist ein Zeichen der Wiedervereinigung sozialdemokratischer Frauen aller Länder im Kampf gegen den Krieg. Hoffentlich iſt es L. Tilanus. das Morgenrot einer neuen Zeit. Aus unserer Bewegung Der Bezirksverband Halle a. d. S. hielt am 11. September seine erste fehr start besuchte Bezirksfrauenfonferenz ab. Auch die Genoffinnen Marie Juchacz vom Parteivorstand und Toni Bfülf waren anwesend. Das Referat über Zweck und Ziel der sozialistischen Frauenbewegung hatte die Genossin Bfülf, das über Aufbau und Ausbau der Frauenorganisation die Genoffin Undeutsch- Halle übernommen, während über die Jugendbewegung der Bezirksvorsitzende der Arbeiterjugend Willi Herzig sprach. Sämtliche drei Referate erweckten die regste Anteilnahme. Besonders bei dem Thema Frauenzeitschrift entspann sich eine rege Debatte, die dahin führte, den, Frauenbeitrag wöchentlich auf 60 Pf. zu erhöhen und dafür jeder Ges noffin die„ Gleichheit" unentgeltlich zu liefern. Einmütig stand die Versammlung dafür ein, daß die Frauenbewegung in unferm Bezirk unter allen Umständen weiter ausgebaut werden muß. Eine zu diesem Zwed veranstaltete Sammlung ergab den Betrag von 200 Mr. Möge der Geist, der sich in unserer jungen Frauenorganisation gezeigt hat, auch ferner erhalten bleiben zum Segen M. R. der gesamten Partei! Wohlfahrtspflege Das Hilfswerk für Oppav Die Arbeiterschaft ist durch das ungeheure Unglück von Oppau fo hart betroffen worden, daß es schwer fällt, sich das Unglück in feiner ganzen Auswirkung auszumalen. Hunderte von Arbeiterfamilien find mittellos, ohne Obdach und ohne Kleidung. Es war notwendig, daß sich weite Kreise zu schneller Hilfeleistung zu 209 fammentaten. Das ist geschehen durch den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund mit dem Freigewerkschaftlichen Hilfswerk", es ist aber weiter geschehen in dem Reichshilfsausschuß für Oppau, zu dem sich eine Reihe anderer Organisationen zusammengeschlossen haben, und dem auch der Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt angehört. Beide Hilfsaktionen arbeiten nebeneinander zu dem gleichen Zwed, und es kann den Ortsausschüssen für Arbeiterwohl. fahrt überlassen werden, sich je nach den örtlichen Verhältnissen an der einen oder anderen Aktion zu beteiligen. Gründet Kindergruppen! Der Zentralbildungsausschuß hat gemeinsam mit dem Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt und dem Hauptvor stand des Verbandes der Arbeiterjugendvereine Deutschlands die Bildung von Kindergruppen an allen Orten beschlossen und Richtlinien aufgestellt, die der Förderung aller Bestrebungen zum Wohle der Kinder dienen sollen. Es handelt fich hier nicht um die Schaffung einer ganz neuen Organisation, es sollen vielmehr die in dieser Richtung bereits beDen stehenden Organisationen zusammengefaßt werden. einzelnen Orten ist hierbei vollste Bewegungsfreiheit gelassen. Die Arbeit an den Kindern kann jedoch nur von pädagogischen Gesichtspunkten geleitet sein. Es darf auf feinen Fall dabei so verfahren werden, wie bei den Kommunisten, die ihre Kindergruppen völlig politisch eingestellt haben. Wir lehnen den Mißbrauch der Kinder zu politischen Zwecken als Versündigung an der Kindesseele ab. lleber alles Nähere geben die aufgestellten Richtlinien Aufschluß. Als Zentrale für unsere Arbeit an den Kindern ist eine aupttelle für Kinderwoh I" geschaffer worden, deren Geschäftsführung vorläufig dem entralbildungsausschuß obliegt. Alle Puschriften sind dabei an diesen( Zentralbildungsausschuß der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin SW. 68, Lindenstr. 3) zu richten. Wir lassen nun den Wortlaut der Richtlinien folgen: Hauptstelle und Ortsstellen für Kinderwohl. Richtlinien für deren Organisation und Tätigkeit. I. 3 wed und Organisation. Um alle Bestrebungen, die der Förderung des geistigen, förperlichen und sittlichen Wohles der Arbeiterkinder dienen, zusammen. zufassen, anzuregen und planmäßig zu betreiben, zugleich auch um die Erziehungsarbeit der Eltern zu unterstützen, werden Ortsstellen für Kinderwohl" gebildet, die aus Bertretern der auf diesem Gebiet interessierten oder bereits tätigen Organisationen bestehen. Als Zentrale für diese Bestrebungen wird eine Hauptstelle für Kinderwohl" eingesetzt, deren Geschäftsführung bis auf weiteres dem Zentralbildungsausschuß übertragen wird. Für die Vertretung in den Ortsstellen kommen die folgenden Organisationen in Betracht: der Bildungsausschuß, der Arbeiter. jugendverein, die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer und Lehrerinnen, die Elternbeiräte und der Ortsausschuß für Arbeiterwohlfahrt. Wo es möglich ist, wird man auch die Arbeitersportvereine mit heranziehen Die Ortsstelle darf nicht zu groß sein, wenn sie arbeitsfähig werden soll, 6 bis 10 Mitglieder sind ausreichend. Für besondere Fälle und Arbeitsgebiete kann sie Beiräte zuziehen. Soweit bereits bewährte Einrichtungen für Arbeiterkinder be. stehen, wird die Ortsstelle daran anfnüpfen, sie weiterführen und ausbauen. Die Tätigkeit einzelner Organisationen auf bestimmten Gebieten wird dadurch nicht überflüssig, sondern von ihr tatkräftig unterstützt und in die Gesamtarbeit für die Kinder eingegliedert. II. Aufgaben der Orts stellen. 1. Mitarbeit in der Kinderpflege, insbesondere Veranstaltung von Kinderwanderungen, sowohl Halbtags wie( in den Ferien und Sonntags) Ganztagswanderungen. 2. Veranstaltung von Spielen, Reigen und Bollstänzen im Freien. 3. Im Herbst und Winter regelmäßige Unterhaltungen und Beschäftigungen im Zimmer, wie Märchen- und Erzählstunden, Gefang- und Musikabende, Pflege der Zimmerspiele, außerdem Bastelabende für Knaben, Flick- und Handfertigkeitsabende für Mädchen. 210 Die Gleich beit 4. In Betracht zu ziehen sind ferner regelmäßige Turn- und Schwimmftunden, daneben Lichtbild- und Filmvorführungen fowie Theatervorstellungen, außerdem Feste und Feiern( Herbst, Weihnachts- und Frühlingsfeft). 5. Arzustreben ist auch die Errichtung von Kinderbibliotheken bzw. ein entsprechender Ausbau der bestehenden Arbeiter, Jugend-, Gemeinde- und Schulbibliotheken. 6. Förderung und Unterstützung der Tätigkeit der Ortsaus. schüsse für Arbeiterwohlfahrt auf dem Gebiete der Kindermohl fahrt. Bur Mitarbeit an diesen Aufgaben sind alle dafür in Betracht kommenden Organisationen und Kreise( Bildungsausschüsse, Arbeiterjugend, Jungsozialisten, Frauen, Lehrer, Elternbeiräte) willkommen. III. Erzieherische Grundsätze. Unfere gesamte Tätigkeit auf diesem Gebiete ist erzieherischer Natur, eingestellt auf die Psychologie des Kindes. Jede parteipolitische Beeinflussung oder Unterweisung der Kinder muß daher als eine Berfündigung am Recht und Wefen des Kindes unbedingt unterbleiben. Was für die Kinder getan wird, geschieht nur um des Kindes willen zur freien Entfaltung seiner geistigen, fiftlichen und förperlichen Kräfte. Besonders wichtig ist die Auswahl und Ausbildung geeigneter Kräfte zur Leitung und Mitwirkung bei den Kinderveranstaltun gen. Für diesen Zweck sind besondere Schulungskurse einzu richten. IV. Beschaffung der Mittel Die Roften für die Erfüllung der genannten mannigfachen Aufgaben sind aufzubringen durch Beiträge der Eltern der Kinder, durch Spenden, Zuschüsse des Reichs, der Länder und Gemeinden, Sonderbeiträge von Förderern, Festüberschüsse, Zuweisungen der Arbeiterorganisationen( Partei, Gewerkschaften und Genoffenschaften). Eine finanzielle Erleichterung ist ferner dadurch zu erreichen, daß bestehende Kinder- und Jugendheime sowie Räumlichkeiten der Gemeinden, ferner Turnhallen, Badeanstalten, Spielpläge, Landheime, Jugendherbergen und andere Einrichtungen in zwed mäßiger Weise ausgenutzt werden. V. Kinderzeitung. Die Kinderbeilage der Gleichheit" wird unter dem Titel ,, Rinderland" als befondere Monatsschrift in entsprechender Ausstattung herausgegeben. Für die Schrift ist unter den Eltern und Kindern eine lebhafte Agitation zu entfalten. Der Bezug der Schrift ist an den einzelnen Orten derart zu organisieren, daß möglichst alle für unsere Veranstaltungen in Betracht kommen den Kinder zu regelmäßigen Lesern werden. Die Bestellungen für die Schrift sind an die Buchhandlung Borwärts, Berlin SW. 68, Lindenstr. 3, zu richten. " VI. Kindergruppen. Nr. 21 Die Errichtung von besonderen Kindergruppen, in deren Rahmen die Kinder soweit als möglich schon zur verantwortlichen Mitarbeit und Selbstverwaltung erzogen werden, ist anzustreben. Sie werden sich im übrigen aus regelmäßigen Veranstaltungen von selbst entwickeln. VII. Berhältnis zu den Eltern, zur Schule und Lehrerschaft. Um die Eltern für die Tätigkeit der Ortsstellen zu intereffieren, muß eine rege Agitation unter ihnen durch die Bresse sowie in den Versammlungen der Arbeiterorganisationen betrieben werden. Daneben ist auf ein gutes auf Vertrauen gegründetes Verhältnis zu den Eltern Wert zu legen. Zu diesem Zweck empfehlen sich regelmäßige Zusammenkünfte, vor allem aber sind die Eltern, insbesondere die Mütter, des öfteren zu den Veranstaltungen einzuladen, auch sind regelmäßig gemeinsame Beranstaltungen für Kinder und Eltern zu treffen. Auch zur Schule und den Lehrern ist ein gutes Verhältnis anzubahnen, das ein gedeihliches Zusammen- und ergänzendes Nebeneinanderarbeiten gewährleistet. VIII. Allgemeines. Diese Richtlinien find als Anregungen und Vorschläge anzu sehen, nicht als allgemeingültiges Schema. Gerade die Arbeit an den Kindern läßt sich nicht in eine starre Form pressen, sondern muß aus dem bereits Bestehenden herous finngemäß weiter. geführt werden. Auch die besonderen örtlichen Berhältnisse, die zur Verfügung stehenden Mittel und Kräfte werden dabei oft entscheidend mitsprechen. Ebenso kann der Aufgabenkreis noch in mancherlei Hinsicht erweitert werden. Es ist dringend zu wünschen, daß sich recht viele Genos finnen an dieser neuen Arbeit lebhaft beteiligen. Die kleine Zeitung Kinderland", die nun auch gesondert von der Gleichheit" herausgegeben wird, kostet beim Bezug durch die Organisationen für das Quartal 50 Pf. pro Einzelexemplar. Die Bestellungen sind zu richten an die Buchhand lung Borwärts, Berlin SW. 68, Lindenstr. 3. Es ist auch notwendig, eine rege Agitation für die Kinderzeitung zu ent falten, damit sie in die Hände möglichst vieler Kinder gelangt. Wir empfehlen für die einzelnen Orte den Bezug möglichst an eine gemeinsame Adresse, weil dadurch nicht nur Unkosten gespart werden, sondern zugleich auch die Agitation für die Schrift erleichtert wird. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bohm- Schuch. Druck: Vorwärts Buchdruckerei. Berlag: Buchhandlung Vorwärts Paul Singer G. m. 5. S. sämtlich in Berlin SW 68, Lindenstraße 3 Sind Lungenleiden heilbar! Chemische Waschanstalt u. Färberei Bei Afthma, Lungen- u. Kehlkopftuberkulofe, Schwindfucht, Lungenfpitzen- Katarrh, veraltetem Huften, VerSchleimung, lang heftehender Helferkelt lese jeder die Broschüre mit obigem Titel. Der Verfasser, Herr Dr. med. 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