Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 3 OooOOOOO Beilage zur Gleichheit 。。。。。。。 o Inhaltsverzeichnis: Schmudfitten in der jüngeren Steinzeit. Von Hannah Lewin- Dorsch. ,, Die Masken Erwin Reiners". Roman von Jakob Wassermann. Von Dr. Jda Arelrod. Feuilleton: Wir Arbeitsfrauen. Von Emma Döltz. Der Apachenüberfall. Von Owen Wister. ( Fortsetzung.) Schmuckfitten in der jüngeren Steinzeit. Von Hannah Lewin- Dorsch. Die Sitte, den Körper zu schmücken und mit allerlei Zierat zu behängen, die schon in der älteren Steinzeit existierte, entwickelt sich im Neolithikum noch mehr und nimmt reichere und mannigfachere Formen an. Je weiter die Menschheit fortschreitet, desto mehr Rohstoffe lernt sie ja auch zu verarbeiten. So kommen zu den Schmuckmaterialien, die schon der Renntierjäger fannte, im Zeitalter des polierten Steines noch eine Menge neuer hinzu, während auch die altbekannten daneben weiter in Benutzung bleiben. Wir erkennen- die Schmucksitten der jüngeren Steinzeit wiederum hauptsächlich aus den Gräberfunden; die Beigaben an Schmuck, die den Steletten zur Seite liegen, berichten uns, was die Lebenden damals getragen haben. Besonders in den riesigen Steingrabmälern, den sogenannten Dolmen, und in Felsgrotten ist uns viel Schmuck erhalten worden. Während des jüngeren Steinzeitalters, namentlich gegen sein Ende hin, erscheinen hin und wieder schon fleine Schmuckteile aus Bronze, zum Beispiel in Form von winzigen Blättchen und Scheibchen, die zu Gehängen dienten. Die ersten Anfänge der Metallzeit spielen ins Neolithikum schon hinein und verkünden, daß eine Epoche im Herannahen ist, welche Umwälzungen mit sich bringen wird auf allen Gebieten auf denen der Nutzgeräte und Werkzeuge wie auch der Ornamente. Das Metall mit seinem verschiedenfarbigen Glänzen, mit seinen reichen Möglichkeiten der Verarbeitung ist natürlich, wo es einmal bekannt geworden war, in weitestgehendem Maße auch zum Schmuck herangezogen worden. Es überstrahlte an Pracht und an Beliebtheit bald alle Stoffe, welche die Steinzeit zu bieten hatte. Immerhin weist doch auch das Neolithikum bereits eine ganz ansehnliche Fülle von Schmuckmaterialien auf, und wir überzeugen uns leicht, daß auch die Steinzeitmenschen Gelegenheit und Möglichkeit genug hatten, ihren Körper reich und prächtig zu zieren. Unter den Schmuckstücken des Neolithikums kann man drei verschiedene Gruppen unterscheiden; das sind: erstens Perlen von ver schiedener Form zum Aufreihen auf Sehnen oder Schnüre, woraus sich Hals- und andere Ketten ergaben; zweitens Gehänge, das heißt einzelne, mehr oder weniger funstreich bearbeitete Stückchen aus verschiedenem Material, die gleich unseren Medaillons getragen wurden; und endlich Arm-, Fuß- und Fingerringe. Dabei ist aber zu betonen, daß wir lange nicht in allen Fällen genau wissen, in welcher Art irgend ein Stück, das uns vorliegt, seinerzeit getragen worden ist. Wir sind auch nicht selten im unklaren über die Art und Weise, wie es befestigt worden ist, ob und wie man es mit anderen Teilen zusammenheftete, und ob diese Teile dann von der gleichen Art waren oder anderartig als das uns vor liegende. Auch ist nicht zu vergessen, daß vom gesamten Schmuck des Neolithikums ja nur die dauerhaften Stoffe überhaupt uns erhalten geblieben sind. Alles, was aus leicht vergänglichen Stoffen bestand, mußte im Laufe der Jahrtausende natürlich zugrunde gehen. Dahin gehören Haare, Federn, gewisse Samen und Früchte und sicherlich auch mancherlei Webereien und Flechtereien. So wie sich heutzutage viele Naturvölfer mit bunten Federn, einzeln und in Form von Büschen und Hüten zu schmücken lieben, so werden es vielleicht auch die Steinzeitmenschen schon getan haben. Davon aber fann uns fein Fund in Gräbern mehr Kunde geben, denn Federn und ähnliches bleiben nicht lange erhalten. Wir dürfen also nicht meinen, daß wir ein ganz vollständiges Bild von den Schmuckfitten jener alten Zeiten durch Funde zu belegen imstande wären. Die Perlen, Scheiben und Kugeln, welche man im Neolithifum zu Retten aufreihte, sind nach Stoff und Form sehr mannigfach gewesen. Neben wirklichen Kugelformen kommen Würfel, Zylinder, einfache und doppelte Kegel und auch allerhand ganz unregelmäßige Formen vor. Mit Vorliebe hat man die Kettenglieder aus feinen, hellfarbigen Rohstoffen zugeschnitten: Perlen aus weißem Kalkstein und aus Gips sind zahlreich vorhanden; daneben gibt es solche aus 1910 Schiefer, aus Jet, aus Holzkohle, auch aus weichem Stein. Harter Stein ist schon viel seltener zu Perlen und anderen Kettengliedern verarbeitet worden; man nahm wohl den grünlichen Serpentin, hellen Quarz und den uns auch heute noch zu Schmuckzwecken wohlbekannten Amethyst. Ketten aus Feuerstein sind recht selten, kommen aber immerhin vor. Es mag ein schönes Maß von Geduld erfordert haben, bis der Neolithifer den harten Feuerstein perlenartig zugeschnitten und dann in mühevoller Arbeit von einer oder von beiden Seiten her durchbohrt hatte. Muscheln sind, wie schon in der älteren Steinzeit, so auch noch im Neolithikum gern zu Zieraten verarbeitet worden; wie schon früher, so wurden sie auch jetzt von weither geholt. So finden sich aus dem Mittelmeer stammende Muscheln in nördlichen Gegenden Frankreichs. Oft hat man die ganzen Muscheln einfach durchbohrt und auf Schnüre gereiht, oft hat man aber auch allerlei Formen aus der Muschel geschnitten. Knochenperlen kommen häufig vor; meist sind sie aus den Langfnochen verschiedener Tierarten geschnitten. Im jüngeren Steinzeitalter scheint man auch die Koralle bereits gekannt und als Schmuck getragen zu haben. Nicht weit von Lausanne fand man in einem Grabe, das der jüngeren Steinzeit angehört, ziemlich dicke Korallenperlen. Wahrscheinlich wird man sie noch öfter in neolithischen Gräbern finden; da die Koralle mit den Jahrhunderten gern eine weißliche Färbung annimmt und dann dem Kalt ähnlich sieht, so ist es möglich, daß man sie häufig an Orten, wo sie vorkam, gar nicht bemerkt hat. Auch Schmuckteilchen aus Schildpatt sind aus neolithischen Fundstätten nachgewiesen, sowohl in Pfahlbauten als in Landansiedlungen und in Erdgräbern. Glas ist im Neolithikum in Europa wohl kaum schon sehr verbreitet gewesen. Seine Kennt nis kam aus dem Süden und Osten in unsere Gegenden; in der zweiten Hälfte des Bronzezeitalters und in der frühen Eisenzeit sind Glasperlen im Überfluß verwandt worden. Aus der jüngeren Steinzeit sind freilich eine Anzahl bläulicher, halbdurchsichtiger Glasperlen aufgefunden worden, doch sind die Funde dieser Art noch zu selten und zu wenig gesichert, als daß man daraus auf ein verbreitetes Vorkommen des Glases schon für diese Zeit schließen dürfte. Vielleicht bringen uns aber weitere Entdeckungen hierüber noch mehr und besseren Ausschluß. Zu einzelnen Gehängestücken benußte der Neolithiker ebenso wie sein renntierjagender Vorfahre vor allem gern Zähne. Als Jagdtrophäen waren sie immer noch besonders beliebt, und es fommen die verschiedensten Arten vor: Eckzähne vom Eber, vom Hunde, vom Wolf und vom Fuchs, vom Bären, vom Pferd und vom Dachs, Schneidezähne vom Ochsen, vom Schwein, vom Biber und von manchen anderen Tierarten mehr. Der siegreiche Jäger durchbohrte die Zähne an einem Ende, knüpfte sie an einen Faden und trug sie stolz am Halse. Einen eigentümlichen Gebrauch hat man manchen Ortes von den Hauern des Wildschweines gemacht: man durchbohrte sie an beiden Enden, legte sie nebeneinander, etwa zehn bis zwölf an der Zahl, zog durch beide Löcherreihen je eine Schnur und erhielt auf diese Weise eine Art biegsamen Panzer, den man vor der Brust tragen konnte zum Schutze gegen feindliche Geschosse. Vielleicht verfertigte man auch auf gleiche Art für vornehme Leute einen Brustschmuck, indem man den Panzer aus Eberzähnen mit Federn oder anderem leichten Flitterwerk verzierte. Die südamerikanischen Indianer machen es heute noch ähnlich. In einigen neusteinzeitlichen Gräbern lagen derartige Panzer unter den Köpfen der Skelette. Es kommen im Neolithikum auch recht zahlreich kleine, fein gearbeitete und gut polierte Steinbeilchen vor, die an einem Ende durchbohrt und ersichtlich aufgereiht gewesen sind. Sie wurden als Gehänge getragen, und man konnte sich anfänglich diese Sitte nicht recht erklären. Seitdem man aber nachgewiesen hat, daß mit der Art schon in uralten Zeiten ein gewisser Kultus getrieben worden ist, versteht man, daß man den Toten und vielleicht auch den Lebenden die heilige Form der Art als Schmuck und gleichsam als Talisman umbing. Es gibt auch Anhänger in Form von Ringen, aus Knochen und dergleichen geschnitten, und bei diesen ist dann wohl manches Mal nicht mit Sicherheit festzustellen, ob es sich tatsächlich nur um Gehänge handelt, oder ob wir Arm- oder Fingerringe vor uns haben. Aus dem Neolithifum stammt der Fund einer Werkstätte, in der, wie es scheint, die ausschließliche Fabrikation von Armringen betrieben wurde. Es lagen dort in einer Grube mehr als dreitausend 10 Für unsere Mütter und Äausfrauen Nr. 3 Stück von solchen Armreifen in Schiefer; einige waren rok> zuge schnitten. andere schon feiner bearbeitet, und daneben lagen Schleif instrumente, die der Vollendung der begonnenen Stücke dienen sollten. Am feinsten gearbeitet sind die steinernen Armringe in den neolithischen Grabstätten von Ägypten. Hier ist überhaupt das Land, wo die Steinbearbeitung ihre kunstreichsten Blüten ge trieben hat, Ägypten hat Armreiten aus Feuerstein geliefert, tue nicht dicker als S Millimeter sind, und zu deren Herstellung ein ganz erstaunliches Maß von Kunstfertigkeit nötig gewesen ist. o O o „Die Masken Erwin Neiners". Roman von Jakob Wassermann.» Jakob Wassermanns Roman„Die Masken Erwin Reiners" kann unbedenklich als ein bedeutungsvolles Werk bezeichnet werden. Gestaltungskraft und Formgefühl sind Voraussetzungen beim Zu standekommen eines Kunstwerkes. Aber der bleibende Wert eines solchen wurzelt, wie die Erfahrung lehrt, in dem Ideengehalt, in dem Erfassen des Lebens einer Epoche. Und wir glauben, daß Wassermann in seinem neuesten Werke die künstlerische Durch dringung der Lebensmomenle einer Klasse unserer Zeit gelungen ist. Jakob Wassermann ist kein Anfänger mehr in der modernen deutschen Literatur. Sein Name hat eine» bekannten Klang für die jenigen, die mit ihr etwas vertraut sind. Er verdient als eines der stärksten Talente der heutigen Romanliteralur gewürdigt zu werden. Zuerst lenkte er die Aufmerksamkeit auf sich durch seine Romane„Die Juden von Zirndorf" und„Die Geschichte der jungen Renate Fuchs". Das erstgenannte Werk ist hauptsächlich interessant durch die wahre Schilderung des Lebens, durch die Realistik, die hier hervortritt, und den tlaren, die Dinge durchdringenden Blick des Autors. Ein phantastisch-mystisches Vorspiel zu diesem Roman enthüllt die andere Seite der Kunst Wassermanns, nämlich die Neigung zum Romantischen und Mystischen. Diese beide» Ten denzen des modernen deutschen Romans, die Realistik und Romantik, kommen noch stärker zum Ausdruck in der„Geschichte der jungen Renate Fuchs". Auch hier ist der Stoff realistisch und romantisch zugleich bearbeitet, freilich romantisch im modernen Sinne, der das Unbewußte im Menschen als geheimnisvolle», das Schicksal des Individuums bestimmenden Faktor zu erfassen sucht. Das Buch handelt eigentlich von der Erlösung der Frauen, allein diese Er lösung bekommt bei Wassermann einen besonderen, in den Geheim nissen der sinnlichen Liebe wurzelnden Charakter. Noch breiter macht sich das Romantische in den Novellen„Die Schwestern". Die Heldinnen dieser Novelle» sind Geschöpfe, die ein Traum, eine Sehnsucht, ein Wahn, sogar ein Averglaube den Dingen der realen Welt entfremden. Hier ist der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Traum aufgehoben, die Romantik ist zum Höhe punkt ihres Widersinnes gelangt. Allein die Psychologie der kranken Seele ist an manchen Stellen bewundernswert und die Erzählungs kunst, wie stets bei Wassermann, vortrefflich. Auch auf dem histo rischen Gebiet hat sich dieser Dichter mit Erfolg versucht. Sein„Ale xander i» Babylon" zeugt von einem Vermögen, sich in die Dinge und Verhältnisse vergangener Zeiten hineinzuleben. Wassermann be sitzt eine reiche Phantasie» vor allem aber einen klaren, prüfenden, kritischen Geist. Er ist ein Grübler, und er war auch damals in großem Maß« Rationalist, als er noch der Romantik und Mystik huldigle. Alle seine Werke enthalten geistreiche Bemerkungen, Einfälle und tiefe Ideen. Ein Werk, dem Gehalt wie dem psychologischen Problem nach von großem Interesse, stellt der„Moloch" dar. Allein das Beste hat Wassermann in seinem letzten Roman in „Erwin Reiners Masken" geleistet. Hier ist der Romantizismus des Dichters in den Hintergrund getreten. Wie im achtzehnten Jahrhundert die Mängel der gesellschaftlichen Einrichtungen in der Gewissenlosigkeit Franz Moors ihren Ausdruck fanden, so sind die negativen Seiten der modernen gesellschaftlichen Entwicklung in Erwin Reiner verkörpert. Als Sohn eines Millionärs ist er von Kindheit an keinen Sorgen unterworfen gewesen, war er nie Lebensgefahren und Lebeusnöten ausgesetzt. Vom Kampf ums Dasein befreit, sucht er seinen Tätigkeitsdrang durch Sinnengenuß zu befriedigen. Es ist der Fluch der Neichen, die auf Kosten der Mühe und des Schweißes der Mehrheit leben, der auf Reiner lastet. Der Fluch der modernen Gesellschaft, die groß« Schätze der Kultur angesammelt und zur Verfügung einzelner gestellt hat. Mit folgen den Worten charakterisiert der Verfasser seinen Helden: „Erwin Reiner führte das Leben eines jener drei- oder vier tausend Bevorzugten, die es in jeder großen Stadt gibt, ein Leben, " Verlag S. Fischer, Berlin. das, auf dem Fundament eines unerschütterlichen Reichtums ruhend, nur mit Rechten ausgerüstet und keinen Pflichten unterworfen scheint. In einem solchen Dasein spielt der Luxus dieselbe Rolle wie die Repräsentation im Dasein eines regierenden Herrn. Die Söhne reichgcwordener Bürger genießen nach jeder Richtung hin eine schrankenlosere Freiheit als etwa die Sprößlinge adeliger Familie», die sich durch Erziehung, Vorurteile, persönliche und Standesrück sichten eingeschränkt und befehligt finden. Dies ist bezeichnend für die vorherrschende und stetig anwachsende Macht des Bürgertums, und ob die jungen Leute, die seinem Schoß entwachsen, als Gelehrte und Künstler figurieren, oder ob sie als Müßiggänger, Dandies und Genüßlinge einer frech erklärten Ungebundenheit huldigen, so sind sie doch eines der wesentlichen Hindernisse für die Bildung eines blutvollen und harmonischen �Gesellschastskörpers, ja eines Staates in humanem Sinne, und der Sozialsorscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts wird vielleicht nachweisen können, in welchem Maße sie zur Zersplitterung und Verstümmelung der Völker, der Ideen und der Ideale beigetragen haben. Jede große Stadt zählt unter ihren Bewohnern drei- bis viertausend Menschen von einer absoluten Einsamkeit, von einer unheimlichen Versührungskraft zur Einsamkeit und geistigen Anarchie." So sieht ein Dichter die gegenwärtige Gesellschaft, ohne auf dem Standpunkt des Sozialismus zu stehen. Die kapitalistische Gesellschaft, die in Klassen geteilt ist und in der materiellen und geistigen Herrschaft der oberen Klassen gipfelt. Die unbeschränkte materielle Freiheit, in der die Angehörigen der privilegierten Klassen leben, führt diese zu einem Anarchismus in den Beziehungen zu ihren Mitmenschen so gut wie in der Kunst und der Philosophie. So erklärt uns mit Recht Wassermann die individualistische Tendenz der gegenwärtig vorherr schenden Geistesrichtungen. Die, welche materiell absolut frei sind, predigen ihre eigene, absolute Freiheit. Das Problem, das Wasser mann behandelt, ist nicht die soziale Frage als solche. Nicht die soziale Lage der Unterdrückten ist das Thema des Werkes, sonder» die Frage, ob unter der gegenwärtigen Güterverteilung und Klassen herrschaft die Menschheit große geistige Fortschritte machen kann. Die Sprößlinge der heutigen Bourgeoisie sind ein wesentliches Hindernis für die Bildung eines„blulvollen und harmonischen Gesellschasts- körpers, ja eines Staates im humanen Sinne" usw. Dies ist ein Urteil über das junge Geschlecht der bürgerlichen Klasse, zu dein der Verfasser kommt, indem er den gesellschaftlichen Fortschritt als Maßstab der Wertung nimmt. Gleichzeitig aber legt Wassermann dar, daß vom individualistischen Standpunkt aus durch die gegen wärtige Güterverteilung ebenfalls nichts gewonnen wird. Diese jungen Leute, zu deren Verfügung die größten materiellen und geistigen Güter stehen, sind nichts weniger als glücklich. Es existiert nichts unter der Sonne, das Reiner sich nicht zu eigen machen konnte. Die größten Schätze der Kunst aller Zeilen und aller Art standen ihm zu Gebot. Seine Begabung erwarb ihm die Bewunderung, Achtung und Liebe der Menschen aller Kreise. Die kaum entstandenen Wünsche konnte er mit Leichtigkeit befriedigen. Er besaß alles, was ein Sterblicher zu besitzen vermag, es fehlte ihm nur eine Kleinigkeit— die Seele. Er fühlte eine Leere, die er durch Genuß zu beseitigen suchte, die zu überwinden ihm indes nicht gelang, weil die Leere eine innere, seelische war. Reiner richtete viele Menschenleben zugrunde, ohne den Heißhunger, der ihn ver zehrte, zu stillen. Auch in seinem Verhältnis zu Virginia ist dieser Heißhunger das treibende Moment, und je mehr Wwerstand Vir ginia ihm leistet, desto größer und sehnsüchtiger wird sein Verlangen, auch dieses Mädchens Herr zu werden. Reiner scheut keine Mittel, um sein Ziel zu erreichen, allein das junge Mädchen besiegt ihn zuletzt durch etwas anderes als durch hartnäckigen Widerstand. Vir ginia zeigt sich zum Schlüsse bereit, ihm ein Opfer ohne Leidenschast und sinnliche Liebe zu bringen, und weckt dadurch das Menschliche in Reiners Brust, das durch ein ausschweifendes Leben tief zum Tierischen herabgesunken war. Virginia siegt über ihn, und Erwin ist gezwungen anzuerkennen, daß es etwas Höheres unter den Menschen gibt, etwas, das der Macht des Begehrens und der sinnlichen Triebe nicht unterworfen ist. Und da beginnt das Gewissen seine Arbeit. Es ist wohl begreiflich, daß Wassermann seinen Helden, nachdem dieser zum Bewußtsein seines Irrens gelangt ist, nicht am Leben läßt. Die seelische Umwandlung war Reiner schwer, denn seine Ver- irrungen steckten ihm schon tief im Blute; jedoch die alte Lebensweise fortzusetzen, war für ihn jetzt unmöglich. Nachdem er die Leere und Nichligkeit seiner Vergangenheit klar und deutlich geschaut hatte, fühlte er sich vollständig enttäuscht und kraftlos. Die Tragik in Reiners Figur macht am Schlüsse des Romans einen tiefen Eiw druck. Reiner ist«in Irrender, der die Anlage zum Großen in sich hatte. Er ist das Opfer der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ein richtungen geworden, die ihm ein müßiges Leben ermöglichen, ohne Nr. 3 Für unsere Mütter und Hausfrauen Forderungen an ihn zu stellen. Die Muße, die Unabhängigkeit von Sorgen ums Dasein, die einst, als die bürgerliche Klasse noch frisches Blut in ihren Adern hatte, zu wissenschaftlichen Arbeiten und geistigen Errungenschaften führte, bedingt jetzt Ziellosigkeit und seelische Leere. Leute wie Reiner fühlen sich und sind absolut frei, denn weder brauchen sie für sich zu sorgen, noch machen ihnen die Leiden ihrer Nächsten Kummer. Ihre Psychologie hat uns Wassermann in seinem Helden veranschaulicht. Er hat damit den Hintergrund zur Ideologie der Richtung gegeben, die sich am Schlusse des vorigen Jahrhunderts in der Philosophie, Literatur und Kunst äußerte. Das Streben, alle Gesetze und Regeln in der Kunst und Literatur abzuschütteln und der Persönlichkeit die absolute Freiheit oder vielmehr die reine Willkür zu gewährleisten, hat zur Voraussetzung die materielle Unabhängigkeit, die solche Müßiggänger wie Reiner besitzen. Die Lehre des Individualismus in der Kunst und Literatur hängt damit zusammen, daß ihre Bekenner tatsächlich mit der Menschheit durch keine geistigen Bande mehr verbunden find, denn die Klasse, zu der sie gehören, besitzt nur noch egoistische Intereffen. Im Gegensatz zu ihnen idealisiert Wassermann in einer feiner Figuren den Adel, der, wenn auch physisch entartet, doch nach seiner Ansicht gewisse seelische Vorzüge besitzt. Der Typus aber, den uns Wassermann aus dieser Klasse vorführt, besitzt nur Sentimentalität und den Hang zum Mystischen und damit unserem Empfinden nach keinen großen persönlichen Wert. Er hat keine Kraft, der rauhen Wirklichkeit zu trotzen, und verschließt sich in seiner Seele wie in seinem weit von der Stadt abgeschlossenen Hause. Dieser Figur haftet noch die Romantik der früheren Schaffens periode des Dichters an, während sonst der Roman die Vorzüge eines gesunden Realismus in sich trägt. Immerhin sind alle Nebengestalten, die Wassermann gibt, ebenfalls mit festen Linien gezeichnet und heben sich lebendig ab. Das Moderne, die Gedanken, Gefühle und Stimmungen, die hier hervortreten, erhöhen noch den Wert des Werkes. Dr. Jda Axelrod. Feuilleton Wir Arbeitsfrauen. Von Emma dölb. Richt in dem tiefsten Schacht, Der die Erde durchzieht, Wo nur des Bergmanns Licht Zwischen den felfen glüht, Jst so viel qualvolle Nacht, Jst so viel Schatten und Leid, Als aus dem Leben der armen frau'n Gellend über die Lande schreit. Sehren wir uns nach Licht, Schönheit und Lebensgenus, Rieder, zurück in den Staub 3wingt uns das eherne Muß. Zwischen Haus und Fabrik Jst unser Leben geteilt, Und wir merken es kaum, wie schnell Unsere Jugend und Kraft enteilt. Schaffen und plagen uns ab, Bis versagt unsre Hand. Bis unser Sinn so stumpf, Daß jedes Wünschen entschwand. Und doch wehrt unser Mühn Nur der drückendsten Not, Und wir benetzen mit unserem Schweiß Unfrer Kinder kärgliches Brot. Klingt's nicht wie äßender Hohn, Wenn unser Heim man uns stiehlt, Und uns mit heuchelndem Wort Doch es zu schmücken befiehlt? Wenn wir für unsere Herren Sollen die Söhne erziehn, Daß sie dereinst mit bewaffneter Hand Gegen uns selber zum Kampfe ziehn. Nicht im furchtbarsten Berg, Der das Feuer bewacht, Der die Erde zerreißt, Brüllende Lohe entfacht, Jst so viel Haß gehäuft Als in den Herzen der Frau'n, Die aus all ihrem Elend hinaus Brennenden Blick's in die Zukunft schau'n. Hört ihr das drohende Murren? fühlt ihr nicht wanken den Grund? Stößt uns nur höhnend zurück! Schlagt nur die Seele uns wund! Endlich werfen auch wir Von uns die Bergeslast, Und der rote, der flammende Zorn Hat euch in brausenden Wirbeln erfaßt. 000 Der Apachenüberfall. Von Owen Wister. 11 ( Fortsetzung.) Jones schüttelte ehrbar den Kopf und folgte dem schwarzhaarigen Jüngling mit den Augen. Der Junge jagte Mister Adams mit seiner Pistole im Zimmer herum und fühlte sich stolz wie ein Sieger. Das heißt doch nicht ganz so. Er war erst 19 Jahre alt, und wenn sein Herz auch mutig schlug, so schlug es eben doch allein in einem fremden Lande. Er war von der Eichhörnchenjagd am Sus-. quehanna, wo die Mutter in einem steinernen Farmhause Abendbrot für ihn warm hielt, direkt in dieses Abenteuer hineingeraten. Er hatte viele Bücher gelesen, in denen auf der letzten Seite die tapferen Helden stolz triumphierten aber alle diese Bücher hatten ihm kein Rezept für eine solche sonderbare Situation gegeben. Da gutes amerikanisches Blut in seinen Adern floß, dachte er jetzt nicht an den Susquehanna, sondern strebte nur mit aller Macht danach, ausfindig zu machen, was er jetzt tun müßte, um sich als Mann zu beweisen. Seine flammende Wut hatte sich bei dem heftigen Umherjagen des alten Mannes gelegt, und eine starke Reaktion trat jetzt bei ihm ein. Er glaubte, daß alle in diesem Raum seine Feinde wären; er ahnte nicht, daß da noch ein anderer amerikanischer Wanderer war, dessen zurückhaltende und seltsame Seele er durch sein kühnes Vorgehen gewonnen hatte. Im Augenblick jubelten die wetterwendischen Zuschauer ihm zu, weil er die Oberhand hatte, und weil sie sich amüsierten; aber einer im Zimmer war und blieb eben doch sein Feind. Das war der alte Mann. Er tanzte mit einem häßlichen Ausdruck im Gesicht, sah mit raschem Blick auf sein Messer, das er an der Seite trug, nieder und machte im stillen einige Betrachtungen. Er hatte fünf Schüsse abgegeben, der Jüngling nur einen. Vier und eins machen immer fünf," sagte er sich mit geheimer Freude und tat so, als ob er aufhören wollte zu tanzen. Der Junge lief geradewegs in die ihm gestellte Falle hinein und vers schoß seine letzte kostbare Kugel auf den Spucknapf, bei dem Mister Adams gerade stand. Im nächsten Augenblick sprang der Alte ihm an die Kehle. Sie kämpften, rangen, feuchten, und die Absätze ihrer Stiefel bohrten sich tief in die Erde hinein- endlich rollten sie auf den Boden und zappelten mit den fest verschlungenen Beinen. Der Junge schlug blindlings mit der Pistole auf den Alten los, die Zuschauer kamen näher, um sich nichts von dem Schauspiel entgehen zu lassen da blitzte plöglich ein Messer auf. In der nächsten Sekunde lag es am Boden; ein Fuß hielt den Arm Mister Adams nieder, und ein kalter Ring wurde an seine Schläfe ge= preßt. Das war die glatte, kalte Mündung von Proben- Jones' Sechsläufer. " Jetzt ist's genug," rief Jones. Mehr als genug!" Mister Adams stand sofort gehorsam wie ein gutes, altes Schaf auf und steckte sein Messer ein. Aber im Gehirn des überanstrengten und überreizten Jünglings tobte noch die Kampfeswut. Er erhob sich mühsam, nestelte an seinem Halfter und sah bleich vor Grimm nach einem neuen Feinde aus. Sein Auge heftete sich auf Proben- Jones, der behaglich am Schenktisch lehnte und ihn beobachtete. Die übrigen Zuschauer traten etwas weiter zu rückbereit, den Jungen sofort niederzuschießen, wenn er seine Pistole auf sie richten würde. Er zerrte heftig an seinem Halfter schließlich glückte es ihm, die Pistole herauszuziehen und sie auf seinen Befreier zu richten. Proben- Jones sprang wie eine Katze auf ihn zu, drückte den Lauf der Pistole nieder und umspannte das Handgelenk des Jungen. Ruhig, mein Sohn," sagte er, ich weiß, was du fühlst!" Der Junge rang in blinder Wut mit Jones plötzlich jedoch schien der ruhige Klang der Stimme in sein Gehirn einzudringen, und er blickte Jones forschend in das Gesicht. In den auf ihm 12 Für unsere Mütter und Hausfrauen ruhenden Augen las er ehrliches Wohlwollen mit einem Male stieg die Befürchtung in ihm auf, daß er sich als Narr gezeigt hätte. Die Hand, die die Pistole umflammerte, hing schlaff herab; Jones hielt den Lauf der Pistole noch gefaßt und hatte einen Finger sorglos vor die Mündung gelegt. " Nun, Kleiner"--- sagte Proben- Jones zärtlich zu dem Jüngling, der wie hypnotisiert dastand, wenn du die Spritze da auf mich abgeknallt hättest, hätte ich dich übergelegt und dir die Jacke vollgehauen... Ephraim, schent' ein," wandte er sich dann an den Wirt. Aber der geschäftskundige Ephraim zögerte und Jones begriff. Er war schon seit drei Tagen in Twenty Mile und hatte feinen Pfennig mehr in der Tasche. In Tucson wartete ein Freund auf ihn, außerdem hatte er dort Aussicht auf Verdienst. Er hatte hier Rast gemacht, weil er noch im Besitz von etwas Geld gewesen war. Jetzt war er mit seinem Gelde zu Ende, aber er war viel zu flug, um unter solchen Umständen sein Pferd oder seinen Sattel zu verkaufen, nur um weiter zechen zu können! Es hatte immer den Anschein, als ob er es sehr gern tun würde, aber er tat es niemals, und das gefiel Geschäftsleuten wie Ephraim nicht an Proben- Jones. Jones wollte dem Jungen helfen und gerade jetzt erinnerte Ephraim ihn daran, daß er kein Geld mehr hatte. Ach so," sagte er errötend und mit kurzem Auflachen. Dann fuhr er hastig fort: „ Ich glaube, das Ding da ist wohl zwei Dollars wert;" dabei holte er eine Rette unter seinem Flanellhemd hervor und zog sie langsam über den Kopf. Er hatte die Kette - sehr langsam seit einer Reihe von Jahren nicht abgenommen sie hatte dort immer versteckt geruht seit dem Tage, da sie ihm umgelegt worden war. Sie ist nicht von Messing," fügte er in leichtem Tone hinzu, als er die Kette, ohne hinzublicken, auf den Zahltisch warf. Ephraim besah sich das Ding genau. Dann öffnete er befriedigt eine neue Flasche, und die Gäste traten herzu, um sich den Trunk zu holen. Wollen Sie mir nicht die Bewirtung überlassen?" bat der Jüngling mit schwankender Stimme. Ich werde Ihnen vielleicht nicht wieder begegnen, mein Herr." ,, Wo wollen Sie denn hinwandern, mein Jungchen?" Der junge Mann, bei dem sich eine starke Reaktion geltend machte, bemühte sich, seiner Stimme Festigkeit zu geben und antwortete:„ D, weit in das Land hinein." „ Na, es ist ja immer möglich, daß Sie hinkommen. Wo haben Sie denn das Ding da aufgegabelt? Ihre Pistole, meine ich." „ Ein Freund hat sie mir zum Geschenk gemacht," antwortete der Jüngling mit Würde. „ Das war wohl ein Abschiedsgeschenk, mein Tierchen, was? Ja, das dachte ich mir gleich. Na, ich möchte so'n Ding nicht von meinem Freunde bekommen. Ich müßte dann ja denken, daß er es nicht gut mit mir meinte. Nehmen Sie Ihr Geld zurück, Kind. Sie trinken mit mir. Aber wie heißen Sie denn eigentlich?" Cumnor J. Cumnor." " " So, na also, ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, J. Cumnor. Ephraim, darf ich dir Mister Cumnor vorstellen? Mister Adams, Sie dürfen meinem Freunde die Hand schütteln, wenn Sie sich von Ihrer Quadrille ausgeruht haben. Kommt her, Ihr Miguels, Serapios und Cristobals oder wie Ihr heißt. Das ist Mister J. Cumnor." Die Merifaner verstanden gar nicht, was Jones eigentlich meinte, aber sie leerten ihre Gläser, und die Konzertina ließ wieder ihre Weisen ertönen. Unterdessen ging der Jüngling leise und unbemerkt hinaus. " Höre, Jones," sagte Ephraim, ich bin lein Schwein. Da hast du deine Kette. Du wirst schon wieder mal vorbeikommen." ,, Behalte sie, bis ich wieder komme," erwiderte Jones. „ Na, wie du willst," sagte Ephraim sanft und hing die Kette über ein Plakat, das eine nackte, milchfarbene Dame mit strohgelbem Haar und einer Champagnerflasche in der Hand zeigte. Proben- Jones sang nicht mehr; schweigend lehnte er am Schenktisch und rauchte. Die übrigen Gäste gingen zu Bett. Ephraim tauchte seine Gläser in einen Eimer und spülte sie für den nächften Tag. ,, Weißt du irgend etwas von dem Jungen?" fragte Jones plötzlich. fort. Ephraim schüttelte den Kopf und setzte schweigend seine Arbeit ,, Reist er ganz allein?" Ephraim nickte. " Wo hast du den Burschen gefunden, den die Indianer erwischt hatten?" s " Diesseits von der Schlucht zwischen den Sandhügeln." Nr. 3 ,, Was glaubst du wie lange mag er dort gelegen haben?" „ Na, drei Tage sicher." Jones guckte zu, wie Ephraim seine Arbeit beendigte. Dann deutete er auf die Uhr. Du mußt die Uhr reinigen. Der Schmutz verdeckt den Minutenzeiger ja ganz. Man fönnte glauben, es wäre erst neun und dabei ist's halb drei! Solche Uhr kann einen ja verrückt machen." „ Verrückt? Na ja, dann lebte es sich hier ja ganz gut," erwiderte Ephraim, während er die Zeiger richtig stellte und das Uhrglas polierte.„ Wenn der Mann, den ich heute begraben habe, verrückt gewesen wäre, wäre er jetzt wohl noch lebendig. Die Indianer rühren keinen Verrückten an." ,, Die Bande ist weiter nordwärts gezogen," sagte Jones.„ Ich hab' Rauch in den Vorbergen gesehen, als ich vorgestern vorübergekommen bin. Ich denke mir, es wird wohl die Bande aus San Carlos gewesen sein, die nach Sonora gezogen sein soll." ,, Als ich den Mann da fand, wußte ich gleich, daß die Bande uns nichts antun würde," sagte Ephraim, sonst wäre sie schon dagewesen." Proben- Jones hörte nicht mehr hin; seine Gedanken waren schon weiter gewandert. Er verließ das Zimmer in einer gewissen Haft und ging auf den Hof hinaus. Da stand der große weiße Frachtwagen der Mexikaner in einiger Entfernung von dem frischen Grabe. Jones blickte sich um. Plöglich erschreckte ihn ein feltsamer Laut! Er wußte, daß um diese Zeit kein Judianerbesuch zu befürchten war trotzdem spähte er aber vorsichtig umher und blickte in einen kleinen, ausgetrockneten Graben hinein. Da lag der junge Mann unter Steinen versteckt und schluchzte! „ Hölle und Teufel!" flüsterte Proben- Jones und trat zurück. Bei den romanischen Rassen ist Weinen und Schluchzen etwas ganz Natürliches, bei den Angelsachsen hingegen ist es ein schreckliches Ereignis. Jones wußte nie, was er anfangen sollte, wenn er eine Frau weinen sah- aber einen Mann weinen sehen, war ihm geradezu ekelhaft. Er war durch das Grenzleben abgehärtet und hatte schon viel hinter sich: er hatte in Stadt und Land, in Wirtshaus und Rancho gehaust, er hatte Wagen durch die Wüste geführt, er hatte es gelegentlich mit dem Heiraten versucht und war schließlich in die Minen gegangen. Jetzt trug er immer Steinproben in der Tasche, um über den oft nur sehr schwachen Mineralgehalt derselben zu diskutieren. Deshalb wurde er" Proben"-Jones genannt. Er hatte schon alle Sensationen der Welt durchlebt und war nun ziemlich stumpf geworden. Strogend von Gesundheit und Kraft kam es ihm nicht zum Bewußtsein, daß er im Grunde ein ziellos und traurig durch das Leben steuernder Mensch war. Als er den jungen Mann weinend fand, hätte er ihm am lieb sten für diese Babyvorstellung einen Fußtritt versetzt. Statt dessen aber trat er vorsichtig zurück, um seine Anwesenheit nicht zu ver= raten. Jetzt stand er da und starrte in die trostlos öde Wüste hinaus. Warum zum Teufel hat er sich denn so als Mann aufgespielt," brummte Jones." Ja, das hat er getan! Er hat den alten Pferdedieb, den Adams, fast zu Tode erschreckt! Mir hat er auch an den Kragen gewollt! Na, das hat ihn davor bewahrt, morgen früh selbst begraben zu werden. Ich hab's ebenso gemacht, wie er hätte auch am liebsten alles niedergeknallt!" Und Jones besah sich die Stelle, an der sein Mittelfinger gesessen hatte, bis zu einem gewissen Abend in Tombstone. Dann fuhr er, zum Graben hinüberblickend, fort:„ Aber geweint hab' ich niemals! Was kann das nur zu bedeuten haben? Warum, zum Teufel, weint er jetzt?" Ohne es selbst zu wissen, brummte Jones:" Ihr Schäfer, habt ihr meine Flora nicht gesehen?" Dann kam ihm ein Gedanke:„ Hallo, Böckchen," rief er erhielt aber keine Antwort. Na natürlich," murmelte Jones, jetzt hat er Angst, daß ich ihn so sehen könnte." Er ging langsam um den Hof herum und verbarg sich hinter einen Schuppen. Hallo, Böckchen!" rief er noch einmal. " Da tauchte der junge Mann plöhlich vor ihm auf und sagte: ich bin nicht daran ge" Ich will mich schlafen legen. Ich.wöhnt, den ganzen Tag zu reiten." Dann fügte er haftig hinzu: „ Aber ich werde mich daran gewöhnen." " Habt ihr meine Flora- Sagen Sie, Böckchen, wo wollen Sie denn hin?" ,, Nach San Carlos." „ San Carlos? D! D!... Flo- ra nicht gesehen?" „ Ist es weit bis San Carlos, Herr?" " " Schrecklich weit! Besonders durch die Arivaypaschlucht." ( Fortsetzung folgt.) Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmhöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.