Mr unsere Mütter und hausstauen Nr. 9 00000000 Beilage zur Gleichheit oooooooo 1911 Inhaltsverzeichnis: Aus dcr Geschichte uiiscreS Hausrats: Herd und HerdgerSte. III. Von Hannah Lewin-Dorsch.— Da» gefährliche Alter. Von Hermann Wendel.— Zitronen und Apfelsinen. Von Iii. Xt,— Feuilleton: Herakles. Von Adam Asnhk.— Wie Klein-Ianet sterben mußte. Von Kettli Guttmann. Aus der Geschichte unseres Äausrats. Von Sannah cewtn-Dorsch. Herd und Herdgeräte. III. Zuin Herde gehörten schon frühe ein paar Geräte, um das Feuer anzufachen und instandzuhalten. Im Althochdeutschen wird zum Beispiel die Ofenkrücke erwähnt, ein einfaches Instrument, mit dem man die Glut aufeinanderhäufte und die Asche zusanimenfegte. Es ist eine Stange, deren eines Ende ein viereckiges oder halbkreis förmiges Brettchen trägt. Der Bäcker verwendet noch heute ein ganz ähnliches Gerät. Auch der Feuerhaken oder Schürhaken, der jetzt noch zu jedem mit kohle geheizten Zimmerofen gehört, geht ins frühe Mittelalter zurück. Zum Anblasen der Glut gebrauchte man fächerförmige Wedel aus Schilf, aus Blättern oder aus Stroh geflochten und später die bekannten Blasebälge.— Der Feuerdeckel, Feuerstulp oder Stülpe war ein hutartiges Gerät von Kegel- oder Halbkugelsorm, das man des Nachts zum Schutze gegen Feuers gefahr über die glühenden, mit Asche bedeckten Kohlen stülpte; in den mittelalterlichen Küchen Deutschlands finden wir es gewöhnlich aus Messingblech.— Auf allen Bildern schon sieht man neben dem Herde den Besen zum Abkehren der Herdplatte an der Wand hängen; dem gleichen Zwecke diente auch der Flederwisch aus Gansflügeln; solche fand ich übrigens auch noch jetzt in älteren Haushaltungen über dem Herde hängend.— In mittelalterlichen Gedichten kommt bei der Küchenausstattung nicht selten der„Panzerfleck" vor, den nur auch noch zum Herd« und seinem Zubehör rechnen dürfen. Er dient zum Reinigen der Böden des Kochgeschirrs vom schwarzen Herdruß und besteht aus einem Stück Drahtgeflecht, Drahtpanzer. Grimm macht in seinem berühmten großen Wörterbuch darauf anf- mertsam, daß in der Gegend von Basel ein zum Reinigen der Pfannen gebrauchtes kleines Drahtgeflecht noch jetzt„Harnischblatz" genannt werde(Bläh— Fleck, Flicken, Lappen). Dieser„Panzerfleck" hat sich ja auch, wie belannt, in vielen Gegenden von Deutschland bis in die Gegenwart hinein erhalten und wird von unzähligen Frauen alle Tage in ihrer Küche benutzt. So unscheinbar er aus sieht, und so unansehnlich nnd schmutzig sein Amt ist, so ehrwürdig ist er doch durch sein Alter.— Neben jeder Feuerstelle hing in alten Küchen auch stets ein Kessel- und Pfannenuntersetzer, oft sogar deren mehrere. Sie wurden als Unterlage benutzt, wenn man die rußigen Schüsseln von der Glut der Herdplatte hob und auf de» Tisch setzte, um die Mahlzeit zu halten. Denn ein Umfüllen der Speisen aus dem Kochtopf in besondere Schüssel» kannte man natürlich zunächst noch gar nicht; und später, als dergleichen Geschirr gebräuchlich wurde, fand es sich doch auch nur in reicheren Küchen. Wird doch »uf dem Lande und in ärmlicheren Haushaltungen auch heute noch die Pfanne mit den gerösteten Kartoffeln, mit den geschmälzten Knödeln oder dergleichen geradewegs vom Herde auf den Eßtisch gestellt; und auch heute noch braucht man dann Psannenunterj etzer, gerade wie früher. Im Mittelalter waren diese meist aus Slroh geflochten. In den niederdeutsche» Häusern des nordwestlichen Deutschland findet man sie jetzt unter dem Namen Schüsselkranz oder auf Platt: Schötelkrans. Es sind hübsche zierliche Gerätlein, die ihre Entstehung häufig der Hand eines kunstfertigen Schäfers verdanken. Der Schötelkrans besteht aus etwa k> Zentimeter lange» und 1'/» Zentimeter breiten Holzpflöcken, deren jeder in der Mitte eine» Einschnitt trägt. Durch Verzapfung in diese Einschnitte werden die einzelnen Holzstäbchen zu einem kunstvoll aussehenden Kranze von etwa L2 Zentimeter Durchmesser und s Zentimeter Höhe zu sammengefügt. Jetzt samnielt man diese anspruchslosen alten Geräte für die Museen, während sie früher in jedem, auch dem einfachsten Haushall zu finden waren; die mittelalterlichen Küchenbeschreibungen vergesse» nie, dieses Gerät zu erwähnen als einen notwendigen Bestandteil der Einrichtung. Wichtiger im Gange der Kultur und charakteristischer für den Herd und seine ganze Ausstattung, als die eben behandelten so genannten „kleinen Herdgeräte", sind einige andere Stücke des Haus rats, die gleichfalls mit der Feuerstelle zusammenhängen, und von denen wir vorab den Feuerbock erwähnen müssen. Der Feuerbock ist seit Jahrhunderten unter einer Unmenge verschiedener Namen bekannt; er heißt: Feuerroß, Feuerhengst, Feuerhund, Brandbock, Brandeisen, Brandreide, Brandrute, Brandert usw. Man darf den Feuerbock vielleicht das wichtigste unter allen Herdgeräten nennen, wenigstens vom Standpunkt der Völkerkunde aus. über die Geschichte seiner Entstehung und Verbreitung im Laufe der Zeiten sind wir noch nicht in allen Punkten genügend aufgeklärt; aber wie vieles da auch im einzelnen noch zweifelhaft sein mag, „das steht doch durchaus fest," sagt der Kulturforscher Professor Meringer in Graz,„daß seine Erfindung in sehr alte Zeilen zurückgeht". Jedenfalls reicht der Feuerbock bis in prähistorische Zeiten hinauf, wie eine Anzahl von vorgeschichtlichen Funden be weist. Auf deutschem Boden allerdings scheint er so frühe noch nicht bekannt gewesen zu sein, wenigstens fehlen Belege dafür. Alle Funde von prähistorischen F�uerböcken sind in Italien gemacht worden, oder doch in Gegenden, die unter italischem Kulturein- flnß standen; das nördlichste Exemplar fand sich, soviel ich weiß, auf dem Grund des Sihlflüßchens, nicht weit von Zürich.— Der Feuerbock dient als Unterlage für die großen Holzscheite, die man auf der Herdplatte entzünden will. Er besteht aus einem halbkreis förmig oder halbmondförmig gebogenen Gestell aus Ton oder aus Metall, das an seinen beiden Enden durch Füße unterstützt ist. Man hat zu unterscheiden den vierbeinigen und den dreibeinigen Feuerbock; der erstgenannte stellt die ältere Form dar, alle vor geschichtlichen Feuerböcke sind ausnahmslos vierbeinig. Häufig ist die Form äußerst einfach: über je zwei Füßchen rechts und links ist eine Stange oder ein Wulst gelegt, der an beiden Seiten mehr oder weniger bügel- oder hornartig in die Höhe gebogen ist. Man hat die Urform vom Halbmond abgeleitet, auch wohl vom Hörner paar des hochgeschätzten und oft heilig gehaltenen Rindes. Sicher lich hat der alte Feuerbock eine noch nicht völlig und einwandfrei aufgeklärte Beziehung zu frühen kultischen Anschauungen gehabt. In Deutschland ist der Dienst des Feuerbockes lange Zeit hin durch von dem sogenannten„Wilstein" erfüllt worden, über den wir in einem früheren Aufsatz berichtet haben; er ist aus Stein und dem Herde fest angebaut. Vielleicht kaum vor dem Jahre Illvv nach Christi Geburt wurde der„Wilstein" ersetzt durch den Feuer bock, der sich von Süden nach Norden hin verbreitete. Übrigens ist dieses für Deutschland damals neue Kulturelement nicht von allen Germanen angenommen worden, bei den nordisch-germanischen Völkern findet es sich nie. Hingegen hat man ihm auf südlicherem Boden nach und nach, neben der Erfüllung seines eigentlichen Zweckes: die Holzscheite zu unterstützen, noch manche andere Haus haltungsfunktionen übertragen. Dcr Feuerbock hat infolgedessen Erweiterungen und Veränderungen seiner ursprünglich einfachen Form erfahre», von denen wir später reden wolle». o o O Das gefährliche Alter. Unter anderen Büchern gleicht„Das gefährliche Alter" von Karin Michaelis" einem Feldstein, der in einen Sumpf hinein platscht und die Frösche zum entrüsteten Quaken bringt. Von Däne mark kam das Buch, und ehe es in Deutschland gelandet war, schallte schon von drüben der laute Streit der Meinungen herüber. Hier tobte er mit nicht minderer Leidenschaft. Im Handumdrehen hatten sich zwei Parteien gebildet. Die einen, voran die mehr oder minder verschrobenen Amazonen der bourgeoisen Damenemanzipation, aber auch ganz gescheite Köpfe darunter, riefen begeistert: Hört die neue Offenbarung! Die Frau zwischen vierzig und fünfzig ist entdeckt! Sie fordert das Recht auf Umarmung! Die Frau zwischen vierzig und fünfzig ist die Losung der Zukunft! Die anderen, in der Haupt sache die Vertreter der flanellenen Tugend mit und ohne Bäffchen, zeterten in sittlicher Entrüstung: Das Buch ist ein Giftquell! Die Frau zwischen vierzig und fünfzig hat kein Recht aus Leidenschaft und Umarmung! Die Frau zwischen vierzig und fünzig gehört im * Karin Michaeli», Da» gefährliche Alter. Tagebuchauszeichnungen und Briefe. Konkordia, Deutsche Verlag»anstalt G. m. b. H. Berlin W»y. 34 Für unsere Mütter und Äausfrauen Nr. 9 Ballsaal auf den„Drachenfels", wo die werdenden Schwieger- und Großmütter thronen! Haltet das deutsche Haus rein! Prüft man das Buch und das Problem, soweit ein solches darin aufgerollt wird, vorurteilslos, so wird man sich zu keinem der beiden Heerhaufen schlagen können. Als erstes Gefühl nach der Lektüre des wenig umfangreichen Bandes stellt sich eine ehrliche Enttäuschung ein, denn zweifellos finden sich in der gewaltigen Bucherwelle, die jährlich über den Markt dahinrauscht, Werke von ähnlich dokumen tarischer Bedeutung und tieferem Werte, die unbemerlt vorüber gehen. Dieses hat vor den anderen Glück gehabt und ist zu einem Verlegererfolg und zu dem geworden, was man das Buch der Saison nennt. Dann flößt die Heldin der Tagebuchaufzeichnungen beim besten Willen zum seelischen Verständnis im ersten Augenblick kaum ein anderes als medizinisches Interesse ein. Diese Elsie Lindtner ist ein reiches, verwöhntes, hysterisches Weibchen, das zwei Jahrzehnte mit ihrem Gatten friedlich zusammengelebt und ohne Bedenken und nicht ohne innere Teilnahme alle ehelichen Pflichten erfüllt hat, und das ihm im zweiundvierzigsten Jahre seines Lebens davongeht, ohne ersichtlichen äußeren Grund, nicht von einer Leiden schaft fortgerissen: sie muß„fort von den Menschen, heraus aus dem Ganzen". In Einsamkeit und Abgeschiedenheit läßt sie sich eine Villa bauen und lebt nun dort, mehr und mehr einer wachsen den Männertollheit verfallend. Schließlich bietet sie sich einen» jüngeren Manne an, der früher einmal für sie in Leidenschaft flammte. Dieser konimt, sieht die Spuren des Allers an dem einst geliebten Weibe, die Krähenfüße um die Augen, die formlosen Hüften und wendet sich. Nur damit er ihr ewiges Weh und Ach aus dem einen Punkte kuriere, wirst sie sich daraus ihrem geschiedenen Manne wieder an den Hals, aber auch er dankt: mit einer Neun zehnjährigen hat er sich bereits verlobt. Dazwischen orakelt Elsie Lindtner in den seltsamsten Aphorismen über die Beziehungen der Geschlechter zueinander, die meist von der Tiefe jenes vielzitierlen Wortes sind:„Wenn Männer ahnten, wie es in uns Frauen aus sieht, wenn wir über die Vierzig hinaus sind, sie würden uns fliehen wie die Pest oder uns niederschlagen wie tolle Hunde." Zweifellos ist diese unbefriedigte Hysterika ein Typ, der in der weidlichen Bourgeoisie von heute nicht gerade selten ist und der neben der schneidenden sozialen Not unserer Zeit mit seiner win selnden erotischen Not fast verächtlich erscheinen mag. Denn mehr noch als von den großen Leidenschaften der Seele gelten hier die Verse der Ada Christen: All euer girrendes Herzeleid Tut lange nicht so weh Wie Winterkälle im dünnen Kleid, Die bloßen Füße im Schnee. All eure romantische Seelcnnot Schasit nicht so herbe Pein, Wie ohne Dach und ohne Brot Sich bellen aus einen Stein. Körperlich ausgeruht und überernährt, geistig unbeschäftigt, ge schlechtlich unbefriedigt, mag dieser Typus wohl schließlich in dem Verhältnis zum Manne den Mittelpunkt alles Seins, Fühlens und Denkens finden und von einer hitzigen Brunst verzehrt oder zu Katastrophen getrieben werden. Man täte im übrigen Karin Michaelis unrecht, wenn man glaubte, sie hätte dieses Entartungs geschöpf als ein Vorbild hinstellen wollen.„Ich hatte," mit diesen Worten hat sie sich darüber ausgelassen,„tatsächliche Beobachtungen an einer Anzahl mondainer Frauen, Gesellschaftsschönheiten gemacht. Der Zusammenbruch, den sie erlitten, wenn es galt, Abschied von der Jugend zu nehmen, gestalte'« sich mir zum künstlerischen Pro blem. Es gibt ein gefährliches Alter, eine Krisis für die Mehrzahl, aber so wie meine Frau Elsie Lindtner erleben sie die Inhaltslosen, Leeren, Krankhaften. Ich habe doch die Heldin ironisiert als eine mit Flittergold übertünchte, geistig abnorme Frau. Vielleicht habe ich ihr mitunter Dinge in den Mund gelegt, die ich denke und nicht scharf genug herausgehoben, was sie meint, so daß es als meine Ansicht gilt." Aber es geht doch nicht an, das Buch lediglich als eine litera rische Sensation oder eine Modetorheit zu verwerfen. Mag der Typ, den es schildert, ein unerfreuliches Produkt einer sich zersetzenden Gesellschaftsordnung sein, so ist er doch auch zugleich ihr Opfer. Und wenn der Widersinn unserer sozialen Verhällnisse, im letzten Grunde bedingt durch den Konflikt zwischen Produktivkräften und Produttionsverhältnissen, sich bei den Besitzenden in derlei erotischen Leibes- und Seelennöten äußert, so steckt auch darin ein Stück Tragik. Es ist ja eines unserer wuchtigsten Argumente gegen die bestehende kapitalistische Ordnung, daß ihr Druck Mitgliedern aller Klassen auf die eine oder andere Art unerträglich wird, und wie unsere sozialistische Erkenntnis den spießbürgerlichen Hohn über die„alte Jungfer"— ebenfalls eines und vielleicht das jämmerlichste Opfer unserer Gesellschaftsordnung— als eine verständnislose Grausam keit brandmarkt, so sollten wir uns auch nicht an dem billigen Spott über jene anderen Opfer genügen lassen, ob uns nun ihre Erschei nung menschlich sympathisch ist oder nicht. Sobald man den Horizont weiter spannt, kann man sogar einen Fortschritt der Entwicklung darin erkennen, daß auch die Frauen zwischen vierzig und fünzig ihr Recht auf Leidenschaft fordern. An sich wäre es eine sehr dankenswerte und ergiebige Aufgabe, zu untersuchen, wie sich in den Dramen und Romanen das Lebens alter der Heldinnen immer höher hinaufschiebt. Es würde sich er geben, daß Karin Michaelis mit ihrer Frau von Vierzig schon Vor gänger gehabt hat. Ganz zu schweigen von Balzac, der den Back fisch zur Seite schob und die Frau von dreißig Jahren einführte, schrieb bereits vor Jahrzehnten der berühmte französische Kritiker Jules Janin:„Die Frau von dreißig, vierzig Jahren war früher ein Territorium, das als verloren für die Passion, das heißt für den Roman und das Drama galt; aber heutzutage, dank der Ent deckung jener lachenden Gefilde, herrscht die vierzigjährige Frau allein in Drama und Roman. Diesmal hat die neue Welt ganz die alte Welt unterdrückt, und die Frau von vierzig Jahren besiegt das junge Mädchen von sechzehn.„Wer klopft?" rust das Drama mit seiner tiefen Stimme.„Wer ist da?" schreit der Roman mit seiner hohen Fistel.„Ich bin es," antwortet zitternd das sechzehnte Jahr mit seinen Perlenzähncn, seinem Busen von Schnee, mit seinen weichen Linien, seinem frischen Lächeln, soinem sanften Blick.„Ich bin es. Ich stehe in dem Alter wie Julie bei Racme, Desdemona bei Shakespeare, Agnes bei Moliöre, Zaire bei Voltaire, Manon Lescaut beim Abbö Prövost, Virginie bei Saint Pierre. Ich bin es, ich habe dasselbe liebliche, flüchtige, bezaubernde Atter wie alle jungen Mädchen bei Ariost, bei Lesage» bei Byron und Walter Scott. Ich bin es, ich bin die Jugend, die hofft, die unschuldig ist, die ohne Furcht einen Blick, schön wie der Himmel, in die Zukunft wirft. Ich habe das Alter der keuschen Steigungen, aller edlen Instinkte, das Aller des Stolzes und der Unschuld. Weist mir meinen Platz an, lieber Herr!" So spricht das liebliche Alter von sechzehn Jahren zu den Romanschriststellern und Dramen dichtern.„Wir sind," lautet die Antwort,„mit deiner Mutter be schäftigt, Kind; komm' nach zwanzig Jahren wieder, und wir wollen sehen, ob wir etwas aus dir machen können." Warf sich Jules Janin hier zum Verfechter der Sechzehnjährige» gegen die Vierzigjährige auf, so unterließ er es, nach dem Grund zu forschen, der die Vierzigiährigen im Leben wie in der Literatur an eine Stelle rückte, an der sie früher nie gestanden haben. Ohne Zweifel prägte sich darin ein Forlschritt in der Befreiung der Frau aus. Nach der Zertrümmerung des Mutterrechts hat die von Männern beherrschte Gesellschaft des Privateigentums das Weib zum Geschlechtstier entwürdigt mit dem einzigen Zwecke, den Vätern Erben zu gebären. Aber um ganz zweifelsfrei legitime Erben zu gebären, mußte gleichzeitig in diesem Geschlechtstier Weib das Geschlecht nach Kräften gefesselt werden. Der Orientale behängte zu diesem Ende sein Weib mit Schleiern und sperrte es hinter Gitterwerk; für den Abendländer tat eine juristische Vergitterung und eine moralische Verschleierung dieselben Dienste. Von der Überzeugung durchdrungen, daß heißes Blut das Schloß auch des raffiniertesten Keuschheitsgürtels zu sprengen vermag, hat die Ge sellschaft durch Jahrtausende hindurch dem Gesühl des Weibes Ketten angelegt. Sie hat ihm suggeriert, daß, was beim Manne eine flüchtige Entgleisung der Minute ist, für die Frau die dauernde Schande des Lebens bedeutet; sie hat ihm eingeredet, daß durch natürliche Bestimmung der Mann zur Vielweiberei, aber nicht das Weib zur Vielmännerei neige; sie hat ihm beizubringen gewußt, daß wieder von Natur die Frau weniger sinnlich sei als der Mann. In allen medizinischen Handbüchern findet sich diese Lüg« einer Gesellschaft, deren Gesetze bis heute nur von Männern ge schrieben wurden, und eine Lüge, denselben Gründen enlsprungen und demselben Zwecke geweiht,»st es, wenn man die Frau zivischen vierzig und fünfzig zwingt, nicht mehr Weib zu sein und schon in ihrem Äußeren, schmucklos gekleidet, auf alle die Reizmittel Verzicht zu leisten, die nun einmal im Verkehr der Geschlechter eine so große Rolle spiele». Nicht die Natur in ihrer unerschöpflichen Güte, son dern die engherzige Gesellschaftsordnung des kapitalistischen Private eigenlums ächtet es als einen Schimpf und eine Schande, wenn sich eine Frau mit graue» Haaren bacchantisch benimmt, während sie für einen greisen Sünder männlichen Geschlechts das verstehende und verzeihende Lächeln immer bereit hat. Hätte die Natur das Weib von seinem vierzigsten Jahre ab zur Entsagungsrolle ver dammt, so hätte sie auch von diesem Jahre ab den Brand der Nr. 9 Für unsere Mütter und Äausfrauen 35 tobenden Sinne in seinen Adern gelöscht; wenn man einwendet» daß die Natur die Frauen früher welken läßt, so doch sicher nur die Frauen, die nichts anderes als Last- und Geschlechtstier des Mannes und nie dazu gekommen sind, alle ihre Kräfte ausreifen zu lassen. Man braucht sich wahrhaftig nicht auf das abgeleierte Beispiel der Ninon de I'Enclos und der unersättlichen Katharina von Rußland zu berufen, um vorauszusagen, daß einst auch jene Generation von Frauen der sieghaften Anziehungskraft blühender Geschlechtsreize nicht ermangeln wird, der es heute versagt ist, Weinlaub im Haar zu tragen. Wenn sich darum heute die Frauen zwischen vierzig und fünfzig Jahren gegen die Aschenbrödelrolle im erotischen Leben wenden und wehren, so steckt auch darin ein erfreuliches Stück Auflehnung gegen den Zwang einer überlebten, zum Untergang reifen Gesell schaftsordnung. Die Elsie Lindtner der Karin Michaelis sieht wohl ein. daß die Grausamkeit, mit der man die alternde Frau mit ihrem Hoffen und Wünschen sich selber überläßt, der Gesellschaft entspringt. „Niemand." schreibt sie,„hat bisher jemals laut die Wahrheit aus gesprochen, daß die Frau mit jedem Jahre, das vergeht wie wenn der Sommer kommt und die Tage länger werden—, mehr und mehr Weib wird. Sie erschlafft nicht in�dem, was ihr Ge schlecht betrifft, sie reift bis tief in den Winter hinein. Aber die Gesellschaft zwingt sie. einen falschen Kurs zu steuern. Ihre Jugend darf nur bestehen, solange die Haut glatt und der Körper verlockend ist. Sonst gibt sie sich dem boshaften Gelächter preis. Eine Frau, die es wagt, das Recht des Lebens in den späteren Jahren zu fordern, wird mit Abscheu betrachtet." Aber die sich bäumende Verzweiflung der Alternden bei Karin Michaelis klingt schließlich in eine dumpfe Entsagung aus, und in der Tat birgt die Gesell schaftsordnung von heute in sich keine Lösung dieses Problems. Die Lösung schlummert vielmehr im Schöße der sozialistischen Gesellschaftsordnung von morgen, sowenig wir im einzelneu wissen, wie sich in ihr der Verkehr der Geschlechter regeln wird. Aber auf jeden Fall bringt sie die Befreiung von allen äußeren Schranken. Es war kein Geringerer als Fourier, der große französische Utopist, der in der Liebe der Geschlechter die stärkste Triebfeder in dem Uhrwerk seiner erträumten Zukunftsgesellschaft sah und der auch für seinen Teil die Frage löste, die Karin Michaelis mit ihrein Buche oberflächlich genug angestochen hat. In seiner„llniversitS universells" verkündet er, daß das Alter die berauschende» Freuden der Menschen seines Harmoniestaates kaum zu mindern vermöge. Sie leben vielmehr in ewiger Jugend, und in den Beziehungen der Ge schlechter zueinander spielen selbst große Altersunterschiede keine Rolle. Gewiß war Fourier ein heilloser Utopist und Phantast, aber nichtsdestoweniger führt der Sozialismus mit der großen Befreiung auch des Weibes ein Zeitalter herauf, in dem keine Küsse ungcküßt bleiben, mich die nicht, die den Frauen im Hochsommer ihres Lebens die Sehnsucht heiß auf die Lippen treibt. Hermann Wendel. o o o Zitronen und Apfelsinen. Kennst du das Land, wo die Zitronen blitli», Im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn, Ein sanfter Wind vom blaue» Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht? singt Goethes Mignon in Sehnsucht nach dem sonnigen Süden. Uns. die— um mit demselben Dichter zu reden—„ein graulicher Tag hinten im Norden umfängt," uns schickt der Süden jetzt in Fülle herbe Zitronen und köstliche Orangen. Apfelsine, das heißt Apfel von Sina(China), wird die Orange nach ihrem Ursprungslande in ganz Norddeutschland genannt. Zitrone und Orange entstammen derselben Pflanzenfamilie. Beide Früchte sind geeignet, treffliche Dienste zu leisten im Kampfe gegen den Alkoholismus, denn sie liefern gesunde und billige Ge tränke, deren man nicht leicht überdrüssig wird. Die Verwendung der Zitrone zu Kühltränken ist allgemein bekannt, wiewohl mancher ihre erquickende Wirkung nur in Krankheitstagen erfährt. Weniger bekannt ist die warme und die heiße Limonade, die in der kalten Jahreszeit ein wahres Labsal ist. Bei Sporttreibenden ist sie seit langem geschätzt. Als Nansen seine wellberühmle Polarrcise machte, wurde a» Bord seines Schiffes, der„Fram". des Abends gewöhn lich ein„Frampunsch" gebraut, der indes nichts anderes war als eine heiße Zitronenlimonade. Ihre belebende und erwärmend« Wirkung bewährte sich in den eisigen Polargegenden auf das beste. Man sah, es ging auch ohne Alkohol, und der ausgezeichnete Ge sundheitszustand der Mannschast unter außergewöhnlich schwierigen Verhältnissen und bei sehr großen körperlichen Leistungen war die beste Empfehlung der Abstinenz. Wenig bekannt ist bei uns die Orangeade, der Apfelsinentrank, der gleichfalls kalt und heiß ausgezeichnet mundet. Die natürliche Süße des Saftes bedingt, daß hierbei nur ein kleiner Zuckerzusatz nötig ist. Sehr gut ist auch eine Mischung von Apfelsinen- und Zitronensaft mit Wasser und Zucker. Zum Auspressen der Früchte bedient man sich vorteilhaft einer gläsernen Zitronenpresse, die sür 10 Pf. läuflich ist. Die gesundheilfördernde und anregende Wir kung der Zitronen- und Orangentränke beruht auf ihrem Gehalt an Fruchtsäure und Zucker. Die Fruchtsäuren gellen erfahrungs gemäß als Vernichter einer Menge von Bakterien im menMichen Körper, sie fördern außerdem die Verdauung und regen den Appetit an. Der Zucker ist ein vortrefflicher Nährstoff, der von dem Körper unmittelbar ausgenützt wird. Bei Katarrhen gibt eine Mischung von Zitronensait, reinem Bienenhonig und heißem Wasser— nach Belieben noch mit Eigelb verquirlt— ein schleimlösendes und be ruhigendes Getränk. Zu Salaten verwende man, wenn irgend möglich, frischen Zitronensaft an Stelle von Essig, der selten von einwandsreier Be schaffenheit ist. Gebackene Fische, gebratene Koteletts und Schnitzel werden durch Beträufeln mit ein wenig Zitronensaft im Geschmack gehoben. Man liebt auch einen Zusatz von einigen Tropfen Zitronen saft zum Tee, dem dadurch etwas von der aufregenden Wirkung genommen wird. Die Verwendung der Zitronenschale in frischem oder ge trocknetem Zustand als Würze für Kuchen, süße Suppen und Breie ist allgemein. Am feinsten wirkt diese Würze, wenn man die Schale der vorher sauber gewaschenen und abgetrockneten Früchte an Würfel zucker abreibt. Solche Zitronenzuckerstückchen lassen sich in einem verschlossenen Glase längere Zeit ausbewahren. Die Schalen aus gepreßter Zitronen werfe man nicht gleich fort. Sie dienen, solange sie innen noch feucht sind, zur mühelosen Reinigung sür schmutzige Finger. Auch Hühnereier lassen sich damit säubern, bevor man sie kocht. Harte Zitronen werden saftreich, wenn man sie einige Zeit an einem trockenen dunklen Orte ausbewahrt. Die in Drogenhand lungen käufliche kristallisierte Zitronensäure kann nötigen falls als Ersatz für frische Früchte dienen. Sie wird auf chemischem Wege aus dem Safte der Zitronen gewonnen. Freilich fehlt den in Wasser gelösten Kristallen das Aroma der frischen Zitrone. Mit einigen Tropfen Apfelsinen- oder Zitronenessenz läßt sich— zum Beispiel bei einer Limonade— auch dem abhelfe». Diese Essenz stellt man her, indem man die dünn abgeschälte gelbe Haut der Früchte ganz fein hackt, in ein verschließbares Glas gibt und mit Kochzucker vermengt. Die sich bildende Flüssigkeit verwende man vorsichtig, um durch ein Zuviel nichts zu verderben. Die Apfelsine, die alle anderen Fruchtarten an Saftfülle über trifft, gibt auch einige gute süße Speise», von denen die einfachsten folgende sind: Apselsinenreis. Ein Viertelpfund Reis wird in einem reich lichen halben Liter Wasser mit etwas abgeriebener Apfelsinenschale ausgequollen. Kurz vor dem Garwerden der Speise süßt man nach Geschmack und fügt reichlich Apfelsinensaft hinzu. Man kann zum Ausquellen auch Apfelwein und Wasser zu gleiche» Teilen ver wenden. Einige gezuckerte Apfelsinenscheiben legt man nach dem Erkalten obenauf. Süßer Salat von Apfelsinen und Äpfeln. Apfel werden geschält und in Achtel, diese wiederum in feine Scheibchen geschnitten. Apselsinenspalten werden zerschnitten, gezuckert und mit den Äpfeln gemischt. Der Salat muß 1 bis 2 Stunden durchziehen. Man kann ihn verändern und gehaltreicher gestalten, indem man einige fein geschnitzelte Nüsse oder Bananenscheibchen hinzufügt. Orangenmarmelade ist ein vorzüglicher Aufstrich für Weiß brot und Zwieback, ein angenehm schmeckendes Nahrungs- und Genuß mittel, das auch dem schwachen Magen wohlbekommt. Der Februar ist die beste Zeit zur Bereitung dieser Konserve. Von recht süßen Apfel sinen, denen man einige bittere Orangen beifügen kann, entfernt man Schale und Kerne. Die Apfelsinenschale wird mit kaltem Wasser bedeckt zu Feuer gebracht und weichgelocht. Dan» legt man sie noch ein Weilchen in kaltes Wasser. Die gelbe Schale wird darauf von der weißen abgezogen und in feine Streifchen geschnitten. Auf jedes Pfund vorbereiteter Früchte rechnet man ein Pfund nngeblauten Zucker. Einen unversehrten Emaille-, Aluminium- oder Vunzlaucr Topf reinigt man sorgfältigst mit kochendheißem Sodawasser. Der Zucker wird mit wenig Wasser hineingegeben und das in Scheiben geschnittene Apfelsinenfleisch mit den Schalenstreifchen hinzugefügt. Alles zusammen wird unter fleißigem Rühren dick eingekocht. Das Schalenwasser wird am besten nicht mit verwendet, da es die Marme lade zu bitter machen würde. In gut vetschlosseuen Gläsern oder Steintöpfen aufbewahrt, hält sich diese Marmelade sehr lange. Isi. kt. 36 Für unsere Mütter und Kausfrauen Nr. 9 Feuilleton Neraklex. von NSsin Ninyk. Herakles hießen ihn der Griechen Sagen. Doch anders wird in Wahrheit er genannt� Sr heißt das Volk; in Sklaverei gebannt, Hebt rastlos er den Arm zu harten Plagen. Geduldig, stark, mit wenigem zufrieden, Das LöwenfeU um seinen nackten Leib, Lrbebt er vor dem Herrn, scheu, wie ein Weib. Und hilft die eignen Ketten willig schmieden. Gin Held, vollbringt er spielend Riesenwerke, Gar furchtbar anzuschaun in seiner Stärke. Und dennoch dient und front er llberall, Den Blick gesenkt zur Srd'; und höhnend lachen Db seiner Hände Schmuh die Zeigen, Schwachen... Gr schweigt und reinigt des Auglas Stall. o o o Wie Klein-Ianek sterben mußte. Bon Ketty Suttmann. Es war in einer Fabrikstadt Russisch-Polens. Eine Stadt, die aussieht wie ein ungeschlachtes, ungewaschenes, mürrisches Riesen kind, das die gigantischen Glieder nur träge hebt— das aber Ströme von ungeweclter, ungeheurer Kraft in sich trägt, eine Kraft, die Berge versetzen kann, eine Kraft, die strahlende Wunder voll bringen wird in der Zukunft. Es war eine Fabrikstadt, in der es nur ganz wenige reiche, sehr reiche Leute gab und eine Unmasse zer lumpter, verhungerter, unmoralischer Habenichtse. An einer Straßenkreuzung konnte man das eigentümliche Lebe» dieser Stadt besonders gut beobachten. Die Straßen waren mit einer unglaublich hohen Schmutzschicht bedeckt, die jetzt, im Winter, gefroren, beschneit, aufgetaut und wieder gefroren war. An den Gossen, i» denen die warmen, trüben Abwässer der Fabriken flössen, hatte die halbmeterhohe Schmutzlage einen Bruch, an dem man das Muster geologischer Schichtungen studieren konnte. Die Häuser ivaren nicht alt; nicht älter vielleicht wie die Industrie hier. Aber sie waren leichtfertig und hastig gebaut und gänzlich verwahrlost. Darum fiel der Stuck von ihre» Fassaden, darum hingen die Fenster windschief in den Angeln. Die Häuser sahen verkommen und trüb selig aus. Mit Planken verschlagene Lagerplätze gab es zwischen diesen Häusern, und naive winzige Hüttchen, die nur ein Geschoß halten und»och aus der Zeit stammten, da man in der Stadt nur Ackerwirtschaft und Hausweberei kannte. Eine mächtige, düsterrote, vierstöckige Zwingburg stand dazwischen mit stinkenden Schlote» und einein surrenden, fauchenden, unermüdlichen Lärm, der weit hinaus auf die Straße drang: eine der Riesenfabriken. Hier an der Straßenkreuzung drängte sich ein betäubendes Durcheinander von Frachtfuhrwerke», klapprige» Droschken, eiligen Passanten. Fluchen und Schreien betrunkener Kutscher, aufgeregter Juden, ängstlicher Passagiere tönte durcheinander, die eilten, den Zug nicht zu versäumen— um die eine Ecke herum stand der Bahnhof. Aus dem breit offenen Torweg des Güterbahnhofs holperten die Lastfuhrwerke in ununterbrochener Reihe; zumeist hochgeladene Kohlensuhrwerke mit Futter für die glühenden Rachen der Fabriken. Auf dem schmalen Trotloir standen allerhand obskure Gelegen heitsmacher herum. Die anständigen Fuhrleute, meist Juden, deren speckige,. lange Stöcke bis unter die Arme zerschlissen waren, und die sich u, allerhand Lumpen eingewickelt halten, um der Kälte einigermaßen zu wehren. Diese Fuhrleute hatten nichts Schlechtes im i-inn; sie waren hier mit ihren erbärmlichen Wägelchen und den zerbeulten, todtraurigen Mähren davor und warteten auf ein Geschäflchen— aus eine Fuhre oder so. Aber da ivaren auch andere! Verwegene, düstere Kerle, die die rechte Hand in der Brust tasche hatten, auf eine so verdächtige Weise, wie sie Straßenräuber zu hallen pflege». Es gab hier manchmal Nbersälle auf reiche Leute, die vom Bahnhof kamen, oder auf die Geldtransporte der Post, die auch an dieser Kreuzung vorüber mußten. Dann war da ein minder gefährliches, flinkes Heer von Taschendieben, alte und junge. Und noch eine besondere Art von Gelegenheitsmacher war hier. Kleine, kleine Jungrns, die Kohlen stahlen. Zu denen ge hörte unker Janek. Das Kohlenstehlen war nicht schwer. Das brachten die Schwächsten und Ungeschicktesten fertig; aber auch dazu war der Janek eigentlich noch zu klein. War er doch kaum drei bis vier Jahre alt und konnte beileibe noch kein R aussprechen. Seine Mutter hatte ihn eingewickelt, so gut sie konnte; denn es war eine unbarmherzige Kälte. Schuhe hatte Janek nicht. Am linken Fuße war mit Bindfaden eine Sammlung von Lumpe» be festigt, der rechte steckte in einem zerrissenen Frauenzugstiefel. Da, wo sich das Oberleder von der Sohle dieses Ungeheuers gelöst hatte, guckte ein scharlachrotes, verquollenes Fleischklümpchen her vor: das winzige erfrorene Füßchen des kleinen Janek. Eine weite, grobe Hose hatte das Jüngelchen an, deren Boden ihm bis zu den Füßen herabhing, und die klappersteif gefroren war; denn Janek konnte sie nicht ausmachen, wenn er cin Bedürfnis hatte. Der Oberkörper war in Lumpen gehüllt, und das Kindergesichtchen wurde fast ganz verdeckt von der spitzen Tuchmütze, die der Kleine über die Ohren gezogen hatte. Man mußte genau zusehen, wenn man seine Augen entdecken wollte— die bläulich schimmernden, unschuldigen Augen eines kleinen Kindes. Die Nase troff ihm, und er weinte leise und inbrünstig in sich hinein. Von einem Füßchen auf das andere trippelte er vor Pein und plagender Kälte; er flüsterte in seinem Kinderwelsch abgerissene Worte vor sich hin. Sein Riesensack, den er in klammen Fingern hielt, war leer, ganz leer! Janek hatte nicht den Mut, zwischen die Wagen zu rennen und Kohlen aufzulesen. Er hatte eine rasende Angst vor den schnaubenden, prustenden Pferdeköpfen, vor der pfeifenden Peitsche des Kutschers. Es war ja kinderleicht, die Kohlen aufzulesen; man mußte sich bloß beeilen, daß man nicht unter die Räder des folgenden Wagens geriet. Daß die Kohlen herunterfielen, dafür war gesorgt. Zwei, drei kühne Jungens taten weiter nichts, als stets hinten auf die fahrenden Wagen zu springen und in rasender Hast mit blutenden Fingern die scharfen Kohlenstücke von dem Wagen zu werfen; einige große Stücke, dann kollerten noch immer einige nach. Hiebe setzte es ja dabei ab, aber die Jungens lachten und zeigten die Zunge. Die Säcke der Herabwerser wurden von den anderen, die sich zwischen den Rädern und den Pserdehufen tummelten, mit gefüllt. Der Tag begann sich zu neigen. Aus den Slraßenwinkeln krochen giftige Dünste. Die Kohlenwagen kamen nicht mehr so häufig; sie ivürden bald ganz aufhören. Klein-Ianek wimmerte in Verzweif lung. Kein Stückchen Kohle im Sacke, ein schreckliches, nagendes Gefühl im Leibe: Hunger! Und es war so kalt! Heimgehen ohne Kohlen? Und die Mutter, die so schrecklich weinte und ihn so jämmerlich zerschlug, wenn er nichts brachte! Sonst gaben ihm die Kameraden wohl ein paar Stückchen. Ader heute hatten sie selbst nicht so viel wie sonst. Es waren heute weniger Kohlenwagen. Wenn nun gar keiner mehr käme? Solange sie da vorbeiratterten, hatte er immer gehofft, es könne doch vielleicht ein Stückchen zu ihm hinüberfliegen. Ein Splitterchen und noch eines. Aber nun waren die Wagen bald zu Ende! Janek durfte sich nicht fürchten vor den Pferdeköpfen. Er mußte auch wie die anderen unter die Räder, wo die glänzenden schwarzen Kohlen blinkten— viele, und immer neue flogen hinzu. Der kleine Kohlensucher machte ein paar schüchterne Schrittche» auf den Fahrdamm, blickte sich verängstigt nach allen Seiten um, kehrte zurück und legte seinen zerlumpten großen Sack neben die Gosse, schlich vorsichtig wieder zu den Wagen— ein Augenblick bebender Angst, dann mutig rasch hinter einen Wagen, dem sofort die großen Köpfe der Gäule des anderen Wagens folgten -- Ah, die schönen Kohlen!— Das Kind verstand nicht wie seine er- sahrenen Kameraden, im richtigen Takt zwischen den Wagen durch zulaufen und im Fluge die Kohlen aufzulesen. Es hatte auch seinen Sack nicht dabei. Es stand still und lud sich glückselig die Rrmchen voll Kohlen und— da! da war es geschehen! Wie hätte der Kutscher den winzigen Dieb bemerken sollen! Wie wäre es ihm möglich gewesen, schnell in der trottenden Reihe still zuhalten! Und den Schrei, den dünnen Kinderschrei hörte er auch nicht im Lärm. So ging ein Wagen über das kleine Körperchen— der zweite zermalmte, was noch Form an ihm hatte. Die Pferde des dritte» Wagens aber blieben stehen, hoben die Köpfe, legten die Ohren zurück und schnaubten mit einer Gebärde des Entsetzens in den weilaufgerissenen Augen. Da merkte man denn, daß etwas pas siert sei. Und sie zogen das zermalmte Kind aus den Rädern. Da.- arme zerquetschte Köpfchen baumelte am Rumpfe— den Leib hatten die erbarmungslosen Hufe aufgerissen.-- Sie riefen einen der müßigen Judenfuhrleute, der den kleinen Janek fortschaffte in die Leichenhalle deS Friedhofs.—_ «erantwortttch für dt« R-dakU-n: Frau Ulara ZeMu(Zündet). Wtlhelm»höhe. Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.