Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 19 。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit oooooooo OOOOOOOO Inhaltsverzeichnis: In der Todesnacht. Von Sinaide Konopljanikowa. Von den Eingeborenen Inner- Australiens. IV.- Johann Peter Hebel. I. Von Dr. Wilhelm Hausenstein. Feuilleton: Die Exekution. Von Leo Tolstoi. In der Todesnacht. Don Sinaide Konopljanikowa.* Für die Hausfrau. Es schäumt im fluß und es flüstert im Ried, die Nacht war so düster- der irdische Tod! Durch Laub und Halme ein Sehnen zieht: Schön ist es zu sterben im Morgenrot! Es purpurt im Osten... es jubelt und klingt! Einen Kuß dem traurigen Monde bot der Wind, der über der Steppe fingt: Schön ist es zu sterben im Morgenrot! Smaragden, Demanten der Tau versprüht, mit dem Dunkel entfleucht die nagende Not! Auf ragenden Höhen ein Sonnenstrahl glüht: Schön ist es zu sterben im Morgenrot! Wach auf! Sei frei!- Ein Ruf ertönt... Der Acker ist dein... Süß duftet das Brot!... Und strahlend im Lichte die Erde sich dehnt: Schön ist es zu sterben im Morgenrot! 000 Von den Eingeborenen Inner- Australiens. Nach Spencer und Gillen, The Native Tribes of Central Australia". IV. Die Eingeborenen erreichen nicht ganz die durchschnittliche Körperhöhe der Engländer. Ihre Hautfarbe, die gewöhnlich als schwarz bezeichnet wird, ist dunkelschokoladenbraun. Das Haupthaar der Männer ist üppig und wellig; der Bart- Backenbart und Schnurrbartist gut entwickelt, gewöhnlich geträufelt und pechschwarz. Die Nase mit tiefsitzender Wurzel ist ausgesprochen breit. Die Augenbrauenwülste sind stark ausgeprägt; die Stirn weicht nach hinten zurück und erscheint durch die Entfernung des Stirnhaares noch vergrößert. Der Körper der Männer ist gut gebildet und außer ordentlich geschmeidig. Obwohl die Beine nicht besonders stark und die Waden dünn sind, so find sie doch keineswegs so spindeldürr, wie sonst gewöhnlich bei Australiern, und die Muskeln sind sehr hart, da der Eingeborene stets in Übung ist. Der Eingeborene be wegt sich anmutig und hält sich bemerkenswert aufrecht, das Haupt nach hinten zurückgeworfen. Das Aussehen der Frauen hängt ganz von ihrem Alter ab. Die Jüngeren, das heißt die Frauen zwischen vierzehn und zwanzig Jahren, besitzen entschieden schöne Gestalten, und die Gewohnheit, auf dem Kopfe Tröge mit Wasser und Nahrung zu tragen, verleiht ihren Bewegungen außerordentliche Grazie. Aber, wie gewöhnlich bei wilden Völkern, fällt die Last der Nahrungssuche und des Kindergebärens bereits in einen so frühen Alter auf die Frauen, daß sie zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren ihre Anmut zu verlieren beginnen. Das Gesicht wird runzelig, die Brüste hängen herab, der ganze Körper krümmt sich, in einem Alter von etwa dreißig Jahren sind alle Spuren der ehemals schönen Gestalt und anmutigen Haltung geschwunden. Die Frau wird zu einer alten runzeligen Here. Beginnen noch die Haare auf Oberlippe und Kinn stark zu sprossen, so erreichen die alten Weiber eine Stufe der Häßlichkeit, die der Beschreibung spottet. Die Frauen tragen das Haar gewöhnlich kurz, da sie es hingeben, um daraus einen Leibgurt zu flechten für den Mann, der ihrer Tochter als Gatte bestimmt ist. Im allgemeinen sind beide Ge schlechter gut genährt, doch hängt dies in starkem Maße von der Natur der Jahreszeit ab. Wandern die Eingeborenen und leiden fie Hunger, so schnüren die Männer den Leibgurt enger; dadurch entsteht am Unterleib ein loser Hautlappen, der namentlich an älteren Männern sehr bemerkbar ist. * Die russische Revolutionärin Konopljanikowa erschoß 1906 den Henkergeneral Min und wurde hingerichtet. 1911 Ganz besonders fallen am Körper der Männer und Frauen Narben ins Auge. Manchmal bilden sie parallellaufende Streifen an Brust, Unterleib und Armen, und gewöhnlich sind sie bei den Männern zahlreicher und größer als bei den Frauen. Die Narben werden erzeugt, indem die Haut mit einem Stück Feuerstein geschnitten wird, oder auch heutzutage mit einem Stück Glas, wenn ein solches zu erlangen ist. In die Wunde wird Asche gerieben oder Daunen des Adlerfalkens. Und zwar soll dies, wie die Ein geborenen sagen, die Heilung fördern und nicht etwa die Entstehung einer auffälligen Narbe bewirken, was doch wahrscheinlich die Folge einer solchen Behandlung ist. Diese Narben dienen ausschließlich als Schmuck. Wenigstens spricht bei den Stämmen des Inneren nichts dafür, daß sie als Stammes- oder Gruppenabzeichen gelten könnten. Von diesen Schmucknarben abgesehen, ist gewöhnlich jeder Mann an der linken Schulter mit unregelmäßigen Wundmalen gezeichnet. Diese Wunden brachte sich der Eingeborene bei Trauerfeiern für Tote bei, zu denen er in bestimmten verwandt schaftlichen Beziehungen stand. Ebenso schneiden sich die Frauen beim Tode gewisser Verwandten, und die Schnitte lassen häufig am Körper der Frauen auffällige Narben zurück. Diese Narben sind manchmal von Schriftstellern als der augenscheinliche Beweis für die grausame Behandlung der Frauen durch die Männer angeführt worden. Und doch sind sie meist nur die Folge selbst beigebrachter Wunden, und die Frau ist stolz auf sie; denn sie zeugen laut dafür, daß sie wirklich und in richtiger Weise für den Toten getrauert und seinem Geist ihr Blut geopfert hat. Sind die Lebensbedingungen günstig, so herrscht im Lager Fröhlichteit. Ab und zu entsteht ein Streit und artet auch wohl zu einer Schlägerei aus, die von viel Geschrei und wenig Blutvergießen be gleitet ist. Kommt es dabei zum Kampfe zwischen Frauen, so ge brauchen diese hölzerne Fechtfnüttel, und zwar in ziemlich ausgiebiger Weise. Diese Fechtknüttel werden mit beiden Händen ge führt, und die Frauen teilen mit ihnen Hiebe aus, die unter Zivili sierten nicht nur eine Frau, sondern auch einen Mann außer Gefecht setzen würden. Um so mehr, als die Hiebe, dem Komment gemäß, vor allem auf das Haupt ausgeteilt und empfangen werden. Nun ist dies aber bei den Eingeborenen der am wenigsten verwundbare Körperteil, und so richten diese Schlägereien unter den Frauen wenig Schaden an. Gelegentlich mag ja dabei ein Knochen gebrochen werden, und wir sahen einmal eine alte Frau ritterlich weiterfechten, der der eine Arm gebrochen an der Seite niederhing. Diesen Frauentämpfen sehen die Männer mit größter Gleichgültigkeit zu, greifen aber doch manchmal ein und sehen dem Gefecht ein Ende. Kämpfen indessen zwei Männer miteinander, so scharen sich um jeden von ihnen Mutter und Schwestern. In den höchsten Tönen schreiend, tanzen sie mit einer sonderbaren drolligen Bewegung der Knie um den Kämpfenden herum und suchen ihn vor den Schlägen des Bumerang oder Fechtknüttels des Gegners so erfolgreich zu schützen, daß sie gewöhnlich die für den Schüßling bestimmten Hiebe emp fangen. Jm allgemeinen betragen sich die Eingeborenen sehr freundlich gegeneinander, das heißt natürlich innerhalb der Grenzen des eigenen Stammes. Aber auch wo die Mitglieder zweier Stämme an der Grenze ihrer Gebiete miteinander in Berührung kommen, herrschen gewöhnlich freundschaftliche Gefühle zwischen ihnen. Unter den Stämmen des Innern gibt es teine, die in beständiger Fehde mit anderen Stämmen leben. Hin und wieder kommt es jedoch zu Kämpfen zwischen örtlichen Gruppen, mögen sie nun dem gleichen Stamme oder verschiedenen Stämmen angehören. über den Charakter der Wilden vom Standpunkt des Zivilifierten aus zu urteilen, geht nicht an. Ihre Moral weicht von Grund aus von der unserigen ab. Aber jedenfalls kann nicht be= stritten werden, daß das Leben der Eingeborenen von Moralgesetzenbeherrscht wird, deren Bruch sichere und schwere Folgen hat. Der Weiße, der nicht unter die Oberfläche sieht, spricht gar häufig von geheimen Morden in Fällen, wo die Eingeborenen in Wirklichkeit eine Strafe vollziehen. Bei solch geheimen Tötungen, da ein Mann oder mehrere Männer hinter dem Opfer herschleichen, um es niederzuschlagen, wird nur ein Leben für ein anderes eingefordert. Denn die angegriffene Person ist von dem Medizinmann beschuldigt, den Tod einer anderen Person durch Zauberei herbeigeführt zu haben. So empörend dieses Abschlachten für unser Gefühl sein mag, es steht auf einer Stufe mit der Verfolgung von Heren vor noch nicht 74 Für unsere Mütter und Hausfrauen so langer Zeit in Europa. Einen natürlichen Tod kann sich der Eingeborene nicht vorstellen. Ein Mann, der stirbt, ist notwendiger weise von einem anderen Menschen getötet worden, und früher oder später muß dieser dafür büßen. So bedeutet unter gewöhnlichen Umständen jeder Todesfall die Tötung einer anderen Person. Natürlich wirkt dies start darauf ein, die Zahl der Mitglieder des Stammes niederzuhalten. Vereint mit folch grausamen Gewohnheiten finden wir andere, die gefälligere Seiten des Charakters des Wilden enthüllen. Freigebigkeit ist eine feiner hervorstechendsten Eigenschaften. Der Eingeborene ist gewohnt, stets feinen Kameraden einen Teil seiner Nahrung zu geben oder deffen, was er sonst besitzen mag. Man könnte einwerfen, er befolge damit nur eine alte Sitte, deren Nichtbeachtung ihn harter Behandlung und schlechtem Rufe aussetzen würde, und er hoffe dabei, später seinerseits etwas dafür zu erhalten. Doch jedenfalls zeigt schon das Bestehen einer solchen Sitte: der Wilde ist sich bewußt, eine Handlung, die anderen nüßt, ist wert, ausgeführt zu werden. Gar häufig wird ihm der Vor wurf gemacht, er sei des Gefühls der Dankbarkeit unfähig. Und es ist zweifellos richtig, der Wilde hat nicht die Gewohnheit, übermäßige Dankbarkeit zu äußern, wenn er von einem Weißen ein Geschenk erhält. Aber ebensowenig hält er es für notwendig, Dankbarkeit auszudrücken bei einem Geschenk, das ihm ein Stammesgenoffe macht. Für ihn ist es feste Gewohnheit, einen Teil dessen, was er hat, wegzugeben, und ebensowenig wie er dafür eine Außerung der Dankbarkeit erwartet, erachtet er dergleichen für nötig, falls er ein Geschenk von einem Gefährten erhält. Geben und Empfangen bilden natürliche Vorgänge feines täglichen Lebens. Erhält der Wilde nun von einem Weißen etwas geschenkt, so tommt es ihm gar nicht in den Sinn, daß eine Äußerung der Dankbarkeit notwendig wäre. Andererseits gibt aber der Eingeborene ohne weiteres für den reinsten Tand und zwar für Dinge, die nicht nur uns, sondern auch ihm als Tand erscheinen Gegenstände her, die er mit viel Mühe herstellte, auf die aber, wie er bemerkt, der Weiße ein Auge geworfen hat. Daß der Wilde in Wirklichkeit des Gefühls der Dankbarkeit unfähig wäre, ist, soweit unsere persönliche Erfahrung reicht, durchaus unwahr. Und zieht man alle Umstände in Rechnung, so hat der Eingeborene vielleicht auch nicht einen einzigen Grund zur Dankbarkeit gegen den Weißen oder besser gegen die weiße Rasse, denn man muß bedenken, daß seine Gefühle stets mehr mit der Gruppe verknüpft sind, der ein Mensch angehört, als mit dem einzelnen selbst. Mit den Weißen in Berührung kommen, bedeutet für den Eingeborenen meist nichts anderes, als daß die Möglichkeit, Nahrung zu finden, eingeschränkt wird. Häufig wird er dann von den Wasserstellen vertrieben, die die Mittelpunkte seiner besten Jagdgründe waren, und zu denen 1er sich zum Vollzug heiliger Handlungen zurückzuziehen pflegte. Der Weiße tötet und jagt seine Känguruhs und Emus, dem Wilden ist es verwehrt, seinerseits das Vieh des Weißen zu jagen und zu töten. Läßt er sich gelegentlich einmal zu einer Jagd darauf hinreißen, so hat das gewöhnlich äußerst verderbliche Folgen für ihn. Und im ganzen erliegt der Eingeborene mit großer Ergeben heit seinem Schicksal, da er nur zu gut die Unmöglichkeit empfindet, das zu verteidigen, was er als sein Eigentum ansieht. Die Frauen haben, wie auch bei anderen wilden Völkern, einen beträchtlichen Teil der Arbeit für den Lebensunterhalt zu leisten, aber durchaus nicht die gesamte Arbeit. Diese Arbeit ist in guten Jahreszeiten nicht allzu groß, und in schlechten Jahreszeiten leiden Männer und Frauen gleichermaßen, und von dem, was an Nahrung vorhanden ist, erhalten die Frauen ihren Teil. Sicherlich werden sie nicht übermäßig hart behandelt. Glaubt allerdings ein Mann mit Recht oder Unrecht sein Weib schuldig des Bruchs der Gesetze, die die ehelichen Beziehungen regeln, so wird er roh und oft empörend streng gegen die Verdächtige verfahren. Gegen ihre Kinder sind die Eingeborenen, wir können sagen insgesamt, mit ganz wenigen Ausnahmen, lieb und verständig. Männer sowohl wie Frauen tragen die Kinder, wenn diese auf der Wanderschaft ermüden, und stets wird darauf gesehen, daß die Kinder einen guten Teil von jeder Nahrung erhalten. Natürlich ist der Wilde plöglichen Anfällen von Leidenschaft ausgesetzt, und so mag er ein mal im Jähzorn, da er kaum weiß, was er tut, ein Kind auch mit großer Strenge behandeln. Die Sitte, alte oder kraftlose Menschen zu beseitigen, besteht bei diesen Stämmen nicht; im Gegenteil, mit solchen Personen wird besonders freundlich umgegangen, und sie erhalten ihr Teil von der Nahrung, die sie sich selbst nicht mehr verschaffen können. Kindestötung findet unzweifelhaft statt. Doch werden die Kinder mit ganz seltenen Ausnahmen nur unmittelbar nach der Geburt umgebracht, und nur dars, wenn die Mutter außerstande ist oder Nr. 19 glaubt außerstande zu sein, das Kind zu nähren, da sie bereits ein anderes Kind fäugt und vielleicht noch einige Jahre lang säugen wird, wie es bei den Wilden Gewohnheit ist. Diese glauben, der Geist des getöteten Kindes gehe an seinen Ursprungsort zurück und fönne zu späterer Zeit wieder geboren werden. Sehr selten werden mehrere Jahre alte Kinder getötet. Der Zweck ist, mit dem getöteten Kinde ein älteres, aber schwächeres Kind zu nähren, von dem man glaubt, daß es dadurch die Stärke des getöteten annehme. Zwillinge werden ohne weiteres getötet als etwas Unnatürliches. Doch wird die Mutter der Zwillinge feineswegs schlecht behandelt wie bei manchen anderen Völkern. Was diesem Widerwillen gegen Zwillinge zugrunde liegt, ist nicht ganz flar. Bielleicht sind die Wilden darüber aufgebracht, daß zwei Geister in den Körper der Mutter eindrangen, obgleich sie wissen mußten, daß diese nicht imstande wäre, beide aufzuziehen. Ferner sind Zwillinge bei den Eingeborenen äußerst selten, und der Wilde hat stets Furcht vor Erscheinungen, die aus der Reihe des Gewohnten fallen. Tritt einmal, was auch nicht häufig ist, infolge eines Unglücksfalls eine Fehlgeburt ein, so kann nichts die Eingeborenen davon überzeugen, daß dabei ein unentwickeltes menschliches Wesen geboren wurde. Sie sind überzeugt, daß das Junge eines Tieres, zum Beispiel eines Känguruhs, zur Welt kam, das durch irgend ein Versehen in den Körper der Frau gelangte. Das Kind sehen die Eingeborenen überhaupt nicht als die Folge des Geschlechtsverkehrs an. Nach ihrer Meinung bereitet dieser die Mutter nur vor zum Empfang und der Geburt des schon existierenden und ausgebildeten Kindesgeistes. Unfruchtbarkeit ist heutzutage sehr häufig unter den Frauen der Eingeborenen. Namentlich haben die dünnen, schwächer gebauten Frauen sehr selten Kinder. Möglicherweise wird die Unfruchtbarkeit in manchen Fällen verursacht durch Verletzungen der jungen Mädchen bei gewissen Einweihungszere monien aus Anlaß der erlangten Geschlechtsreife. Sind die Zeiten günstig, so ist der Eingeborene so fröhlich wie nur möglich. Er denkt nicht daran und sorgt sich nicht darüber, was der kommende Tag bringen mag, er lebt ganz in der Gegenwart. Nachts sammeln sich Männer, Weiber und Kinder um die gemeinschaftlichen Lagerfeuer und schwatzen und singen ihre eintönigen Lieder Stunde um Stunde. Dann schleicht einer nach dem anderen aus dem Kreise und sucht seine Ruhestätte auf. Volltommene Stille tritt ein, nur manchmal unterbrochen durch das Geschrei eines Kindes, das ins Feuer rollte, und das nun wieder in Schlaf getröstet oder gescholten wird. Indessen herrscht im Gemüt des Wilden auch eine Unterströmung von Angstgefühlen. Diese mag zuzeiten stille stehen, nicht empfunden und vergessen werden, ist aber doch stets vorhanden. Der Wilde glaubt gar häufig, irgend ein Feind suche ihm durch Zaubermittel zu schaden. Auch muß er stets darauf gefaßt sein, durch den Medizinmann einer fremden Gruppe bezichtigt zu werden, daß er den Tod einer Person durch Zauberei herbeigeführt habe. Aber man darf diese Umstände nicht überschätzen, um fie richtig zu bewerten, muß man sich in die Geistesverfassung des Wilden versetzen und darf ihm nicht unsere Gefühle unterlegen. Die Behauptung ist durchaus nicht richtig, der Australier lebe in beständiger Furcht vor dem bösen Zauber eines Feindes. Das Gefühl dieser Furcht liegt für gewöhnlich schlafend unter der Schwelle des Bewußtseins. Es kann allerdings jederzeit geweckt werden, so durch irgend einen fremden ungewohnten Ton, wenn der Wilde allein im Busche ist, namentlich zur Nachtzeit. Andererseits kann der Wilde, genau wie ein Kind, mit Leichtigkeit alles Unangenehme vergessen und sich ganz der Freude des Augenblicks hingeben. So kann man das Leben der Eingeborenen im Innern Australiens als angenehm bezeichnen, stets vorausgesetzt, daß der Nahrungsvorrat gesichert ist. 000 Johann Peter Hebel. I. Johann Peter Hebel wurde in die badische Kleinwelt des acht zehnten Jahrhunderts, über die der Markgraf Karl Friedrich als aufgeklärter und wohlwollender Alleinherrscher gebot, hineingeboren. Hebels Vater, Jakob Hebel, aus dem Hunsrück gebürtig, ein gelernter Weber, wie es heißt ein Mann mit lebhaftem Bildungstrieb, insbesondere theologischen und poetischen Neigungen, hatte den schweizerischen Major Iselin auf allerlei Kriegsfahrten durch halb Europa als Diener begleitet. Im Hause des Majors zu Basel lernte er dann die Dienstmagd Ursula Örtlerin kennen. Er heiratete sie und setzte sich mit ihr im Schwarzwalddorf Hausen im oberen Wiesental fest. Das Paar bewirtschaftete im Sommer ein bescheidenes Hintersassengütchen. Im Winter lebten die beiden zu Basel Nr. 19 Für unsere Mütter und Hausfrauen im Jelinschen Hause als Dienfiboten; und in Basel kam Hebel am 10. Mai 1760 zur Welt. Schon ein Jahr nach der Geburt des Sohnes starb der Vater. Die Mittel waren knapp, und der junge Hebel mußte, sobald er sich bewegen konnte, hart mitschaffen und sein Brot verdienen. Er hatte Holz einzusammeln, Wasser und Kohlen zu schleppen und arbeitete im Knabenalter an einem nahen Hochofen als Handlanger für schlechten Lohn. In dem Gedicht über den Schmelzofen erinnert sich Hebel mit Behagen der männ lichen Gebärden des Kindes. Do fangt e Büebli z'raucha a und meint, er hönn' s as wie ne Ma, se macht der Schmelzer churze Bricht und zieht em' s Pfifli usem Gficht. Er feit' s ins Füür und balgt derzu: " Du dunderschießige Lappi du, fug ame Störzli Habermark, weisch? Habermart macht Bube start!" Die drückenden Verhältnisse machten das Kind von Anfang an zur Selbstbescheidung geneigt. Der Nerv, der sich zum sozialen Protest frampft, war ihm ohnehin nicht gegeben. Die gute Mutter, der die durch Jahrhunderte vererbte Bauerndemut und Herren furcht tief im Gemüt saß, tat das übrige, um den Knaben im Respekt vor allen Autoritäten zu erziehen. Wie Berthold Auerbach in seiner lesenswerten Arbeit über Hebel, Schrift und Volk erzählt, hat Hebel später einmal ausdrücklich zu Freunden darüber gesprochen. " Ihr habt gut reden, ihr seid des Pfarrers Sohn aus N..... Ihr wart noch nicht zwölf Jahre alt, so hat schon mancher euch Herr Gottlieb geheißen, und wenn ihr mit eurem Herrn Vater über die Straße gingt, und es begegnete euch der Vogt oder ein Schreiber, so zogen sie den Hut ab, und erst, wenn euer Water den Gruß zu rückgab, habt auch ihr euer Räpplein gelüpft. Ich aber bin... als Sohn einer armen Hintersassenwitwe... aufgewachsen, und wenn ich mit meiner Mutter nach Schopfheim, Lörrach oder Basel ging, und es kam ein Schreiber an uns vorüber, so mahnte fie: , Peterle, zieh'' 3 Ghäppli ra,' 3 chumt e Her! Wenn uns aber der Herr Landvogt oder der Herr Hofrat begegnete, so rief sie mir zu, ehe wir ihnen auf zwanzig Schritte nahe famen:, Peter, blib doch stoh, zieh' gschwind di Chäppli ra, der Her Landvogt chumt. Nun könnt ihr euch vorstellen, wie mir zumute ist, wenn ich daran und in der Kammer sitze denke und ich denke noch ost daran mitten unter Freiherren, Staatsräten, Ministern und Generalen, vor mir die Standesherren, Grafen und Fürsten und die Prinzen. des Hauses...." Die erste Schulbildung empfing Hebel in der Haufener Boltsschule. Weilte die Mutter zur Arbeit im Jfelinschen Haufe, so ging Hebel in die Basler Münsterschule. Die Liebe und der verständige Ehrgeiz der Mutter brachten die Mittel auf, die nötig waren, das mit Hebel hernach die Schopfheimer Lateinschule besuchen fonnte. Da gab es zweimal täglich einen Marsch von einer Stunde. Nach einiger Zeit nahm dann ein Schopfheimer Oberlehrer den jungen Hebel zu billigen Bedingungen ins Haus. Das war im Frühling 1778. Jm Herbst darauf starb das treue Mütterlein. Ein winziges Vermögen, das nachblieb, genügte gerade, um die Weiterbildung Hebels dürftig zu ermöglichen. Der Vormund schickte den jungen Menschen Ostern 1774 nach Karlsruhe ans Gymnasium illustre. Hebel hatte schon damals die ausgesprochene Absicht, Theolog zu werden. Die Neigung war natürlich konventionell, denn jeder Bauernbub, der Lateinisch lernt, will Pfarrer werden, weil er eben den G'studierten bloß als den Pfarrer kennt. Der Karlsruher Hofdiakon Preuschen nahm Hebel unentgeltlich ins Haus und wirkte ihm für jeden Tag der Woche einen Freitisch aus. So lebte Hebel in bildsamen Jahren von der Gnade guter Leute vielleicht da und dort mit einem kleinen, mit einem halben Gesinnungsopfer. Eine solche Jugend ist dem Wachsen aufrechter und harter Charak tere nicht günstig. 1778 war Hebel fertig. Er ging an die Universität Erlangen, genoß als Mitglied der Verbindung der Amizisten das übliche studentische Leben, das schon damals aus leeren Treibereien große Geschichten machte, zechte beträchtlich mit und machte 1780 ein flaues Examen. Bei einem Schwarzwälder Pfarrer fand er Stellung als Privatvitar und Hauslehrer. Nach zwei Jahren beim Hertinger Pfarrer erhielt Hebel dann seine erste offizielle Anstellung als Lehramtspraktikant am Pädagogium in Lörrach - als Präzeptoratsvitari, wie man damals fagte. Das Gehalt war lumpig, so daß der anspruchslose Hebel sich mit dem Gedanken trug, Mediziner zu werden. Dazu kam es nun nicht, wohl aber zu einer heiteren, treuen Geselligkeit und auch zu einem ernsthaften Liebesroman mit der schönen Gustave Fecht, der fein förmliches 75 Ende fand und von vielen feinen, verschwiegenen Kämpfen gewußt hat. Hebel gründete mit einigen Freunden einen halb fomischen, halb ernsten Geheimbund, den der Proteuser, der das in jenen Jahren klassische liberalisierende Geheimbund- und Logenwesen ironisierte, eine vertrackte Geheimsprache und gewisse wichtigtuerische Formalitäten besaß und seine Weisheit nach einem Hauptberg des füdlichen Schwarzwaldes, dem Belchen, den Belchismus nannte. Hinter der oft reichlich primitiven Satire stat ein positiv wertvoller Kern. Die Freunde trieben einen innigen, sehr unlutherischen Naturgottesdienst von sinnlich froher Farbe. In jenem Zeitalter gestei gerten Naturgefühls, im Zeitalter des Göttinger Hainbundes, Rousseaus und der Wertherromane, im Zeitalter des Sturms und Drangs war dieser Kultus geschichtlich wohl am Plazze, zeichnete sich aber durch eine geschmackvolle Zurückhaltung und eine in jenen Iyrisch redseligen Tagen nicht allgemein übliche Scheu vor dem Aussprechen aus. Der Bund der Proteuser hatte weiter einen ausgesprochenen Haß gegen alles philosophische Systematisieren, Abftrahieren und Klaffifizieren, einen naiven und gesunden Haß gegen alle anspruchsvoll rasselnde Begriffswirtschaft. In einem Brief an seinen lieben Zenoides, den Pfarrer Hitzig in Rötteln, schrieb nach der Lörracher Zeit, im Jahre 1797, Parmenides, Hebel felber, von der Entbehrlichkeit der Philosophey" als dem eigentlichen Glaubenssatz der Proteuser, die vieler Verwandlungen fähig die Dinge nicht vom Standpunkt eines und desselben Systems, sondern ein jegliches mit einem neuen Auge betrachteten. Im näm lichen Briefe heißt es auch einmal:„ Ich hab' angefangen, die Kantische Philosophie zu studieren auf Anraten eines sehr gelehrten Ungarn... und laß es nun wieder bleiben auf Anraten meiner. Sie sei dem Desegelisgeinet* im Augenblick seiner schlimmsten Laune preisgegeben mit allen Kategorien." Das war die Reaktion auf die Übermacht des theoretischen Philosophierens, die der mächtige Kopf des Königsbergischen Philosophen geschaffen hatte. Dr. Wilhelm Hausenstein, Für die Hausfrau. Honig als Nähr- und Heilmittel. Es wird immer noch nicht genügend gewürdigt, daß wir im Honig ein Lebensmittel haben wie faum ein zweites, was Leichtverdaulichkeit, Nährkraft und Wohlgeschmack anbelangt. Es ist hier natürlich nur von reinem Bienens honig die Rede, nicht von den unter allerhand Decknamen int Handel befindlichen Kunstprodukten, die meist aus fünstlichem Frucht zucker bestehen und außer der Süßigkeit in feiner Beziehung mit dem echten Honig etwas gemein haben. Wie das Wasser im Körper unmittelbar in die Blutgefäße übergeht und keinen Rückstand hinterläßt, wie auch ein reines Öl im Darme in bestimmter Menge in eine Emulsion umgewandelt in das Blut aufgenommen wird, ge= nau so geht der Honig, ohne auch nur die geringste Spur eines Rückstandes zu hinterlassen, unmittelbar in die Blut- und Nährsäste über. Der Beweis dafür liegt schon in der Tatsache, daß die Nachkommenschaft der Bienenkönigin, die ja ausschließlich mit Honig gefüttert wird, solange diese Fütterung erfolgt, zwar einen Mund und eine Art Darm besitzt, jedoch keinen After eben weil sie ihn nicht nötig hat, da das gesamte Nährmaterial, der Honig, vollständig verdaut und resorbiert wird; Rückstände, die aus dem Körper entfernt werden müßten, gibt es nicht. Ganz ebenso vers hält es sich mit der Verdauung des Honigs im menschlichen Or ganismus: was wir von ihm zu uns nehmen, kommt diesem unbeschränkt zu, und es bleibt nichts übrig, alles wird in das Blut aufgenommen. Bei seiner chemischen Umwandlung im Körper dient der Honig zur Erzeugung von Wärme und lebendiger Kraft. Er ist somit, wenn er auch nicht für sich allein genügt, das Leben zu erhalten, einer der ausgezeichnetsten Nährstoffe. Wenn der Tourist sich durch das mit Honig versehene Frühstück auf dem Lande in höherem Maße gekräftigt und leistungsfähiger fühlt als zu Hause, wo der Honig fehlt, so beruht das durchaus nicht auf Einbildung. Denn er hat mit jedem Löffel Honig, mit dem er fein Brot bestrichen, mehr Nahrungsstoff zu sich genommen als zu Hause mit, sagen wir, der besten Rittergutsbutter". Und in allen Fällen von Blutarmut, Bleichsucht, Schwächezuständen ist der regelmäßige und reichliche Genuß von Honig von der allerwohltätigsten Wirkung. Daß der Honig aber auch ein ganz vorzügliches Heilmittel bei Entzündung der Luftwege ist, darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden. In wissenschaftlichen Kreisen machte der Bericht zweier Dengelegeist, ein Dämon auf dem Feldberg. Desegelisgeinet" ist eine närrische Umstellung aus der Sprache des„ Belchismus". 76 Für unsere Mütter und Hausfrauen italienischer Arzte und Professoren Aufsehen, die sogar bei der Be handlung der Lungentuberkulose mit Honig die besten Erfolge erzielt zu haben behaupten. Der Honig enthält nämlich nicht nur Zucker, sondern auch einige heilkräftige chemische Stoffe, wie zum Beispiel Ameisensäure usw., die sich ja auch schon durch den Geschmack fundgeben. Alles Vorgesagte gilt jedoch nur ausschließlich vom reinen Bienenhonig. Auch solche Bienen, die mit Kristallzuckerlösung gefüttert werden, um eine größere Menge Honig" zu erzielen, verarbeiten aus diesem feinen richtigen Honig, sondern es tristallisiert in den Wabenzellen wieder Kristallzucker aus. Es wäre daher angezeigt, ähnlich den Anstalten zur Ergänzung von Kindermilch, auch solche zur reichlichen Gewinnung reinen Bienenhonigs zu schaffen, die es ermöglichen würden, den Honig als wichtiges Nähr und Heilmittel in viel größerem Umfang als bisher nament lich der städtischen Bevölkerung zugänglich zu machen. Feuilleton Die Exekution.* Bon Leo Tolstol. A. M. Zur gewohnten Zeit ertönten in den Korridoren des Gefäng nisses die Pfeifen der Aufseher. Klirrend öffneten sich die Türen der Korridore und Zellen, nackte Füße und Pantoffeln begannen zu schlurren. Durch die Korridore gingen die Kufenträger und ersüllten die Lust mit einem abscheulichen Gestank. Die Arrestanten und Arrestantinnen wuschen sich und kleideten sich an und kamen zur Kontrolle auf den Korridor hinaus. Nach der Kontrolle gingen sie, um sich heißes Wasser zum Tee zu holen. Während des Teetrinkens wurde in allen Zellen ein lebhaftes Gespräch darüber geführt, daß am heutigen Tage zwei Gefangene mit Ruten bestraft werden sollten. Der eine der beiden Arrestanten war ein junger Mann mit guter Schulbildung, ein Kommis namens Wassiljew, der seine Geliebte in einem Anfall von Eifersucht ermordet hatte. Seine Bellengenossen hatten ihn gern wegen seiner Heiterkeit, Freigebigkeit und seines festen Auftretens den Vorgesetzten gegenüber. Er fannte die Gesetze und verlangte deren Einhaltung. Vor drei Wochen hatte einer der Aufseher einen in der Küche beschäftigten Arrestanten geschlagen, weil dieser ihm die neue Uniform mit Rohlfuppe begossen hatte. Wassiljew war für den Kameraden eingetreten. Es sei nach dem Gesetz verboten, die Arrestanten zu schlagen, hatte er gemeint.„ Ich werde dir zeigen, was Gesetz ist!" hatte der Aufseher gesagt und Wassiljew geschimpft. Wassiljew hatte ebenso geantwortet. Der Aufseher wollte ihn schlagen, aber Wassiljew faßte ihn an den Händen, hielt dieselben etwa drei Minuten, drehte ihn dann um und stieß ihn zur Tür hinaus. Der Aufseher klagte, und der Inspettor befahl, Wassiljew in den Karzer zu sperren. Die Karzer waren eine Reihe finsterer Kammern, die von außen mit Riegeln verschlossen wurden. Im dunkeln falten Karzer gab es weder Bett, noch Tisch, noch Stuhl, so daß der Eingesperrte auf der schmußigen Diele fizzen oder liegen mußte, wo über ihn und auf ihm herum die Ratten liefen, die im Karzer so zahlreich und dreist waren, daß es im Dunkel unmöglich war, das Brot vor ihnen zu hüten. Sie fraßen den Eingesperrten das Brot unter den Händen weg und überfielen sogar die Menschen, wenn dieselben aufhörten, sich zu rühren. Wassiljew sagte, daß er in den Karzer nicht gehen werde, weil er unschuldig sei. Man führte ihn mit Gewalt ab. Er versuchte sich loszumachen und zwei andere Gefangene halfen ihm, sich den Aufsehern zu entreißen. Die Aufseher liefen zusammen, unter ihnen auch der durch seine Kraft berühmte Petrow. Die Arrestanten wurden geknebelt und in die Karzer geworfen. Dem Gouverneur rapportierte man sofort, daß etwas wie ein Aufruhr passiert sei. Und von demselben Gouverneur, der, die volle weiße, mit einem Türkis geschmückte Hand zusammenballend, davon sprach, daß Fürsorge und feste Macht zugleich gezeigt werden müßten, traf ein mit einem prächtigen Namenszug unterfertigtes Schreiben ein, das die Anweisung enthielt, den beiden Hauptschuldigen, dem Wassiljew und dem Vagabunden Ohnenamen, je dreißig Rutenhiebe zu geben. Die Exekution sollte im Besuchszimmer der Frauenabteilung ausgeführt werden. Seit dem Abend war das allen Bewohnern des Gefängnisses bekannt, und in den Zellen wurde eine lebhafte Unterhaltung bezüglich der bevorstehenden Exekution geführt.... * Aus der„ Auferstehung". Die Ausgabe von Eugen Diederichs in Leipzig ist die einzige ungetürzte Übersetzung dieses großen Werkes. " Was steht ihr denn da? Leg' dich hin!" Nr. 19 Der Vagabund ließ die Hosen herunter. Sie fielen zu Boden, er trat aus ihnen und den Pantoffeln heraus und ging selbst zu der Bank. Die Beine des Arrestanten hingen zu beiden Seiten der Bank herunter. Einer der Aufseher zog dieselben in die Höhe und legte sich darauf, zwei andere Aufseher vackten den Arrestanten an den Armen und drückten dieselben an die Bant. Ein vierter Aufseher hob ihm das Hemd bis über das Kreuzbein, wodurch die unter der gelblichen Haut hervorstehenden Rippen, die Rinne des Rückgrats, die Lenden und die festen muskulösen Waden der krummen Beine entblößt wurden. Petrow, der breitschultrige muskulöse Aufseher, suchte unter den zurechtgelegten Bündeln eins aus, spuckte sich in die Hände, und die zusammengebundenen Stiele der Birkenruten fest zusammen drückend, begann er mit den Ruten, die beim Ausholen pfeifend durch die Luft fuhren, auf den entblößten Körper einzuschlagen. Bei jedem Schlage gab der Vagabund einen dumpfen Laut von sich und schüttelte sich, von den auf ihm sitzenden Aufsehern an die Bank gedrückt. Wassiljew war blaß; er stand da und schlug nur zuweilen die Augen auf, warf einen Blick auf die sich vor ihm abspielende Szene und sah dann gleich wieder zu Boden. Auf dem gelblichen Hintern des Vagabunden zeigten sich schon fich kreuzende blutrünstige Striemen, und die dumpfen Laute gingen bereits in ein Stöhnen über. Aber Petrow, dem bei der Prügelei, als Wassiljew in den Karzer abgeführt wurde, ein Auge blaugeschlagen worden war, zahlte jetzt die empfangene Kränkung heim und schlug so drauf los, daß die Spigen der Ruten abbrachen und das rote Blut auf den gelben Oberschenkeln und Hüften des Vagabunden zu großen Flecken ausgewischt wurde. Als man mit dem Vagabunden fertig war und er mit bebendem Unterkiefer, sich das Blut mit dem Saum des Hemdes wischend, seine Hosen anzuziehen begann, griff der Oberaufseher nach dem Schlafrock des Wassiljew. " Bieh aus," sagte er. Wassiljew lächelte gleichsamt, indem er seine weißen, vom schwarzen Bärtchen abstechenden Zähne zeigte, und sein Kluges, energisches Gesicht wurde entstellt. Die Schnüre zerreißend, nahm er die Kleider ab und legte sie vor sich hin, nachdem er seine schönen, dünnen, geraden und muskulösen Beine entblößt hatte. ,, Man hat gegen Euch..." sprach er den Anfang irgend eines Sayes, brach aber plöglich ab und preßte die Zähne zusammen, bereit, den ersten Schlag zu empfangen. Petrow warf die mürbe gewordene Ruten weg, nahm vom Fenster ein neues Bund, und eine neue Folter begann. Gleich bei den ersten Schlägen schrie Wassiljew auf. Och!... D?" Und er begann sich so zu werfen und um sich zu schlagen, daß die Aufseher auf die Knie niederglitten, sich an seine Schultern hingen und vor Anstrengung ganz rot wurden. ,, Dreißig," sagte der Inspektor, während es erst sechsundzwanzig waren. Mit Verlaub, Ew. Hochgeboren, sechsundzwanzig." ,, Dreißig, dreißig," sagte der Inspektor, sich am Bärtchen zupfend und das Gesicht vor Unbehagen verziehend. Wassiljew blieb, als man ihn losließ, liegen. „ Na, steh auf," sagte einer der Aufseher und suchte ihn aufzuheben. Wassiljew erhob sich, wankte aber und wäre hingefallen, wenn ihn die Aufseher nicht gestützt hätten. Er atmete schwer und kurz. Seine bleichen Lippen bebten und gaben einen sonderbaren Ton von sich, ähnlich dem, mit welchem man, auf den Lippen spielend, die Kinder amüsiert. Seine Knie zitterten und schlugen aneinander. Wirst nächstens die Aufseher in die Schnauze schlagen," sagte Petrow, die Ruten hinwerfend, bemüht, sich innerlich zu rechtfertigen und zu ermuntern. Aber in der Seele fühlte er sich doch unbehaglich und verließ das Besuchszimmer, indem er die über den behaarten Armen aufgeschlagenen Ärmel der Uniform zurückzupfte und sich mit dem schmutzigen Taschentuch den Schweiß von der Stirne wischte. Ins Lazarett," sagte der Inspektor. Und er verzog das Gesicht und räusperte sich, als hätte er etwas Bitteres oder Giftiges verschluckt, setzte sich auf das Fensterbrett und rauchte eine Bigarette an. „ Ob ich nach Hause gehe?" dachte er. Aber die schnellen Afforde der ungarischen Tänze im Arrangement von Liszt, die er schon zwei Tage und heute den ganzen Morgen gehört hatte, kamen ihm in den Sinn, und in der Seele wurde es ihm noch finsterer. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.6.§. in Stuttgart.