Für unsere Mütter und Hausfrauen O O O O O O O O Nr. 24 。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit ooooo Inhaltsverzeichnis: Johann Peter Hebbel. V. Von Dr. Wilhelm Hausenstein. Deutsche Kulturgeschichte im Lichte unserer Fremd- und Lehnwörter. Von E. Hoernle. Die Mutter als Erzieherin. Feuilleton: Hafis verlegt das Paradies. Der Kuli. Von Johannes B. Jensen. Johann Peter Hebel. V. Es ist charakteristisch für den sogenannten Jdyllifer Hebel, daß fast alle seine Gedichte auf das Motiv der Arbeit gestimmt sind. Das Lied an den Morgenstern ist nicht der Seufzer eines Roman titers, der mit einer preziösen Untätigkeit und einer Gitarre am himmelblauen Bande durch die Natur streift, sondern das Lied eines bäuerlichen Geistes, der sich einen Moment auf sich besinnt, wenn der Körper eine kleine Ruhe fordert. Woher so früeih, wo ane scho, Her Morgestern enanderno, in diner glitrige Himmelstracht, in diner guldige Lockepracht, mit dinen Auge chlor und blau und sufer gwäschen im Morgenthau? Hesch gmeint, de seisch elleinig do? Nei weger, nei, mer meihe( mähen) scho! Mer meihe scho ne halbi Stund; früeih ufftoh isch de Gliedere gfund, es macht e frische, frohe Mueth, und d' Suppe schmeckt eim no so guet. ' s git Lüt, fie dose frile no, sie chonne schier nit use cho( fommen). Der Mähder und der Morgestern stöhn zitli uf und wache gern, und was me früeih um Vieri thuet, das chunnt eim 3' Nacht um Nüni z' guet...." Kommt in solchen Gedichten die Sonne vor, so ist sie nicht eine arbeitslose Majestät, sondern ein schaffendes Bauernweib. Wie eine Bäuerin strählt sie sich in der Frühe energisch die Haare, ,, und wenn sie gwäsche und gstrelt isch, chunnt sie mit der Strickete füre hinter de Berge...." Der Sommerabend wird bei Hebel zu einer Etappe im Prozeß ber harten täglichen Bauernarbeit. lueg doch, wie isch d' Sunne müed, lueg, wie sie d' Heimeth abezieht! Olueg, wie Strahl um Strahl verglimmt, und wie fie's Fazenetli( Taschentuch) nimmt, ne Wülfli, blau mit roth vermüscht! und wie sie an der Stirne wüscht! ' s isch wohr, sie het au üebel zit, im Summer gar, der Weg isch wit, und Arbet findt sie überall in Hus und Feld, in Berg und Thal. ' s will alles Liecht und Wärmi ha und spricht sie um e Segen a. Meng Blüemli het sie usstaffirt und mit scharmante Farbe ziert, und mengem Immli z' trinke ge und gseit: hesch gnuog und witt no me? und' s Chäferli het hinteno doch au si Tröpfli übercho...." Die Sonne hat die Samen gesprengt, die Kirschen gemalt, die Speise der Vögel abgebräunt. Sie hat auf der Bleiche geschafft und ohne Dank. Drum ,, isch sie jetzt so fölli müed, und bruucht zum Schlof fe Obedlied. Ke Wunder, wenn sie schnuuft und schwitzt. Lueg, wie sie dört ufs Bergli sizt!..." Und damit ist es nicht getan. Die brave Sonne hat einen lieders lichen Mann, den Mond. Sie het ihr redli Huschrüz( Hauskreuz) au. Sie lebt gwiß mittem Ma nit guet, und chunnt sie heim, nimmt er si Huet. Und was i sag, jetzt chunnt er bald, Dört fist er scho im Fohrewald...." Ist das Motiv der Arbeit nicht angesprochen, so erscheint bei Hebel doch überall ein bewegtes, kräftiges Leben. Goethe sagt, ' O O O O O O 1911 Hebel habe das Universum auf geschmackvolle Art verbauert. Das Wort will da keinen schiefen Klang haben. Es besagt, daß Hebel feine verträumten Augen hatte. Bei ihm wird selbst das rein vege tative Leben eines Haferkörnleins fräftig- menschlich. Das Haferförnlein in der„ feuchtigen Wärme" der Erde ist dem Säugling im Wickel verglichen. Die Parallele wird wunderhübsch durchgeführt, auch in die unfrohen Teile hinein. ,, uf de Berge schneit's und witer niede hurniglet's( hagelt's). Schochelischoch, wie schnatteret jetzt und briegget mi Chiimli( Keimlein), und der Boden isch zu und' s het gar chündige Nahrig. , Isch denn d' Sunne gstorbe, seit es, aß sie nit cho will? Wäri doch bliebe, woni gfi bi, still und chlei im mehlige Chörnli... Lueget Kinder, so goht's! Der werdet au no so sage, wenn der use chömmet, und unter fremde Lüte schaffe müent und reble, und Brod und Plunder verdiene: , wär i doch deheim beim Müetterli hinterem Ofe!..." Die Wiese, das heimatliche Flüßlein wird zum Wiesentäler Maidschi; aus der herrlichsten aller Frühlingsbeschreibungen", wie Klaus Groth das kleine Epos mit Recht genannt hat, wird eine individuelle Mädchengeschichte von der Geburt bis dahin, wo der väterliche Dichter das Recht verliert, bis zur Vermählung mit dem Rhein. Und wieder sett in neuen Gedichten das Motiv der Arbeit ein. Die Spinne wird zur bewußten Arbeiterin. Die Marktfrauen entwickeln ihre simple und gesunde Lebenweisheit, während sie die städtischen Gassen entlang wandern, um ihre Waren anzubieten. Jo weger, me meint, in der Stadt feig alles fufer und glatt; die Here sehn eim so lustig us, und' s Chrüz isch ebe durane Chromet( taufet) jungi Hahne! mengmol im pröperste Hus..." Es fehlt in der Poesie Hebels auch nicht an tragischen Momenten. Aber sie sind nicht wortreich vorgetragen, sondern mit einer bündigen Sachlichkeit, die echt bäuerlich ist. Im Karfunkel, dem Epos vom Spielteufel, wird die tragische Wendung zweimal mit den knappsten Worten in wenigen Zeilen erledigt. Michel kommt vom Wirtshaus und findet das weinende Weib. ,, Hülsch( heulst du) au wieder? Du hesch' s nöti, falsche Canali! Surchrut( Sauerkraut) choch mer!'' s Chätterli seit:,' s isch niene te Füür me!' Surchrut will i! Lueg, i dreih der' s Messer im Lib um!..." Und das tut er ohne Umstände. Man sieht, daß der Idylliker Hebel Töne findet, die an die stärksten dramatischen Wirkungen Gerhart Hauptmanns erinnern. Nach vollbrachter Tat empfindet Michel Reue. Der Teufel macht es mit der Seele, die ihm verfällt, ganz kurz. Wie de meinscht! Di Wahl isch schlecht, i mueß der' s bikenne. Seh, do hesch e Messer! I ha' s am Blogzemer Mert( Markt) gchauft. Hau der d' Gurgele selber ab, se chost's di chei Trinkgeld!..." Und der Michel tut wortlos, was Vizli Buzli ihm vorschlägt. Hierher gehört ein kleiner Zug aus der Korrespondenz Hebels mit Gustave Fecht. Der Dichter erzählt der Freundin einmal, er habe eine Eule, die bloß die beiden Fehler besitze, alles herabzuwerfen und immer ,, etwas anderes" dafür hinzulegen.„ Ich hatte auch einen Laubfrosch.... Aber wie einem immer das Alte verleidet,... so ging's auch hier. Am 28. Jänner, als dem Namensfest des Herrn Markgrafen, gab ich ihn der Eule zu fressen." Das ist der ganze Hebel mit aller seiner Loyalität, mit seinem Humor und mit der bäuerischen Sachlichkeit, die gar nicht auf den Gedanken kommt, daß es Dichter gibt, die bei solchen Ereignissen sentimental werden und überhaupt teinen Käfer zertreten fönnen. Hebel war kein dichtender Sommerfrischler, der einmal eine empfindsame Reise aufs Land macht, sondern einfach ein Bauer. 000 Dr. Wilhelm Hausenstein. Deutsche Kulturgeschichte im Lichte unserer Fremd- und Lehnwörter. Bon E. Hoernie. Die Kultur eines Volkes wird nur dann weit und tief wirken und sich höher entwickeln können, wenn sie in lebendigem Zusammenhang mit anderen Kulturen steht, wenn ihre Träger regen Verkehr mit fremden Völkern unterhalten, mit Völkern, die unter anderen Naturbedingungen und Produktionsverhältnissen leben und 94 Für unsere Mütter und Hausfrauen einen anderen geschichtlichen Werdegang hinter sich haben. Ein Volk, dessen Entwicklung dahin drängt, sich fremden Kultureinflüssen zu verschließen, versumpft oder versteinert. Davon gibt in der alten Geschichte Ägypten Zeugnis und in der Neuzeit innerhalb gewisser Grenzen China. Werfen wir einen Blick auf die Unmenge ausländischer Waren, Bodenerzeugnisse, Industrieprodukte, auf die zahllosen fremden Erfindungen, wissenschaftlichen und künstlerischen Werke usw., von denen wir hören, die wir täglich sehen, im Beruf oder zu Hause in die Hand nehmen und benüßen. Er muß uns überzeugen, daß die fremden Elemente aus unserer heutigen Rultur nicht wegzu denken sind, daß sie einen wesentlichen Bestandteil dieser bilden. Allein unsere Kultur birgt auch eine Menge Bestandteile, die wir nicht so leicht als ausländische erfennen, weil sie zum Teil schon vor vielen Jahrhunderten in unser Volksleben eingedrungen find. Wir denken nicht daran, daß die Kunst des Straßenbaus über die Alpen zu uns gebracht wurde, daß es ein fremder Mönch war, der den ersten Kohl in unserem Land baute. Erst die Geschichtswissenschaft gibt uns darüber Aufschluß. Aber auch diese Wissenschaft, die in erster Linie von geschriebenen überlieferungen abhängig ist, läßt uns im Stiche für Beitabschnitte, in denen es noch feine Schrift gab, und bei vielen Einzelheiten und Vorgängen, die nicht aufgezeichnet wurden. In solchen Fällen nimmt der Forscher feine Zuflucht zu Hilfswissenschaften, insbesondere auch zur Unters fuchung der Sprache. Die Sprache ist ein Spiegel der Kulturge schichte. Sie spiegelt noch jetzt Zusammenhänge und Veränderungen wider, die zu früheren Zeiten eintraten, so daß wir an ihrer Hand auch das Eindringen fremder Kulturelemente in das Leben eines Boltes erkennen fönnen. Die Bodenfrüchte, die gewerblichen Erzeugnisse und Fertigkeiten, die Künste und Wissenschaften, Sitten und Gewohnheiten, die von fremden Völkern eingeführt werden, bringen ihre Namen und Bezeichnungen mit, und diese verraten bann durch ihren fremdsprachlichen Laut noch zu späteren Zeiten die ausländische Herkunft der Dinge, die sie bezeichnen, auch wenn biese längst im neuen Boden heimisch geworden sein mögen. So ist auch die deutsche Sprache zu allen Zeiten durch Kulturaustausch mit anderen Völkern bereichert worden und hat Fremdwörter aufgenommen. Viele solcher Wörter haben sich im Laufe der Zeit ben rein deutschen Wörtern angenähert, find den Laut- und Schreibgesetzen unserer Sprache unterworfen worden, wie zum Beispiel bie Wörter Dame, Kamin, Koffer und andere. Solche Wörter nennt man Lehnwörter. Sie gelten allgemein als gut deutsche, sind aber nichts anderes als Verletzerungen fremder Wörter. Zu einer Zeit, ba die Schrift, die die Wörter in ihrem ursprünglichen Laut zu erhalten vermag, der großen Masse des Volkes noch nicht geläufig war, wurden fremde Wörter einfach so ausgesprochen, wie es am leichtesten ging. Wem würde es einfallen, hinter dem Worte Pferd bas lateinische paraveredus zu suchen. In vorgeschichtlicher Zeit sind die Germanen, die Vorfahren der heutigen Deutschen, Niederländer, Engländer, Schweden, Norweger und Dänen, in Berührung mit fremden Völkern getreten, und zwar sowohl auf dem friedlichen Wege des Tauschhandels als auch als triegerische Eroberer. In der finnischen Sprache finden sich eine Menge germanischer Bestandteile. Da sich alle lebenden Sprachen, also auch die deutsche, im Laufe der Zeit stark verändern, die finnischen Lehnwörter aber auf Formen zurückgehen, die in keiner schriftlichen Quelle der deutschen Sprache vorkommen, so fann man bie Zeit ihrer Aufnahme annähernd feststellen; fie muß stattgefunben haben, noch ehe germanische Völker schriftliche Denkmäler hinter laffen konnten. Die germanischen Sprachen haben andererseits teinerlei finnische Bestandteile aufgenommen, wohl ein Beweis da für, daß die Germanen den Finnen gegenüber die Träger einer höheren, wenn auch noch so einfachen Kultur waren. Die Germanen hingegen, die während der Völkerwanderung Frankreich, Spanien und Italien eroberten, haben überall Sitten und Sprache der unterworfenen Völker angenommen, weil diese eine höhere Kultur besaßen. Die unterworfenen Romanen aber nahmen verhältnis mäßig nur wenige germanische Wörter in ihren Sprachschah auf. Als germanische Stämme vor Beginn unserer Zeitrechnung, zum Teil von der Ostsee kommend, im heutigen Deutschland sich ausbreiteten, trafen sie auf teltische Stämme. Diese besaßen schon eine höhere, seßhaftere Kultur als die Germanen. Sie wohnten in Dörfern und Städten, trieben Ackerbau und unterhielten Tauschhandel mit fremden Kaufleuten und fannten Privateigentum. Eine Reihe Flurs, Bach- und Ortsnamen erzählen heute noch von den Siedelungen feltischer Stämme in Deutschland. Namen wie Rhein, Main, Donau, Jsar, Vogesen, Mainz, Worms gehen auf feltische Bezeich nungen zurück. Das noch heute gebräuchliche Wort„ welsch", dessen Stamm auch in Walnuß" vorkommt, leitet sich her von dem tel" ber ben vorbringe Nr. 24 tischen Stamm der Volcae, der den vordringenden Germanen zu nächst wohnte. Sein Name wurde die allgemeine Bezeichnung für alles Ausländische und Unverständliche. Wahrscheinlich feltischen Ursprungs find auch die Wörter reich( ursprünglich= mächtig) Pferch, Habicht, Falke. Nachdem die Germanen bis Rhein und Donau vorgedrungen waren, wurden sie die Nachbarn des römischen Weltreichs, eine fampf und raublustige Nachbarschaft, die nur durch Heeresgewalt im Baume zu halten war. Trotzdem fand der römische Kaufmann den Weg zu den rauhen, in Tierfellen gekleideten Barbaren und tauschte für Waffen aus Stahl, Schmuck aus Glas und Gold, Kleider, Wein und anderes mehr Felle, Leder, Rinder und Sklaven ein. Junge Germanen fanden Gefallen daran, als Söldner die römischen Schlachten zu schlagen, ganze Bölterschaften, die sich ihrer Feinde nicht länger erwehren konnten, siedelten sich auf römischem Boden an. Mit den Gegenständen römischer Kultur wurden auch die römischen Ausdrücke übernommen. Besonders auf drei Gebieten waren die Germanen die Schüler der Römer, im Straßenbau und im Hausbau, namentlich soweit dieser Steinbau war, im Garten- und Feldbau und in der Kochkunst. Hier sind fast alle Bezeichnungen uralte lateinische Lehnwörter, ein Beweis, daß die Germanen vor der Berührung mit den Römern in diesen Kün ften nicht weit vorgeschritten waren. So sind zum Beispiel lateinischen Ursprungs Wörter wie Kalt, Pflaster, Straße, Play, Mauer, Pfosten, Pforte, Keller, Turm, Ziegel, Schindel, Fenster, Pfütze, tünchen. Lehnwörter aus dem Gebiet der Bodenkultur sind Birne, Kirsche, Kürbis, Kohl, Lilie, Rose, Rettich, Rarbel, Rübe, Wein, Most, feltern, pfropfen, impfen( ursprünglich= pfropfen). Das Wort Pflug ist nicht ein lateinisches, sondern ein slawisches Lehnwort. Die Wörter Küche, Kochen sind lateinischen Ursprungs, ebenso Käse, DI, Pfeffer, Semmel, Senf, Becher, Kopf( ursprünglich Trink schale), Schüssel, Kiste. Allerdings gingen auch manche altdeutschen Wörter einfach verloren zugunsten des eindringenden Fremdwortes, so sagen wir Butter statt Schmer oder Anke, Tisch statt Biut, Fen ster statt Windauge. = Ganz besonders start wurde die Aufnahme römischer Kultur und römischer Sprachelemente, als die deutschen Stämme zum Christentum übertraten. Waren doch die Bischöfe und Mönche vor allem die Pioniere einer höheren Kultur, sie waren keineswegs nur Prediger des Wortes, sondern vorbildliche Ackerbauer. Viehzüchter und Bauleute. Ferner entstanden auf dem gewerbliche und landwirtschaftliche Erzeugnisse reich tragenden Boden der Kirchen und Klöster, durch die religiösen Feiern, zu denen eine Masse Volkes zusammenströmte, die ersten großen Märkte in Deutschland. Die Ausdrücke des einfachen Handels, die Geld, Maß- und Gewichtsbezeichnungen famen zum Teil mit der Kirche, zum Teil mit den lombardischen und jüdischen Kaufleuten ins Land, sie sind daher spät lateinischen Ursprungs, so zum Beispiel Markt, Münze, Pfund, Zoll. Vom Militärwesen der Römer übernahmen die Germanen nur wenige Wörter, wie Kampf, Pfeil, aus dem politischen Leben Kaiser, Krone, ein Zeichen, daß sie für das Kriegswesen genug eigene Bezeichnungen hatten, die politischen Zustände des römischen Weltreich aber nicht ohne weiteres übertragbar waren. Ebenso wenig übernahmen sie oder ihre Frauen die römische Kleidertracht, was schon die geringe Anzahl derartiger Lehnwörter aus dem Lateinischen beweist. Dagegen hatten die Germanen noch keine Schrist. Die sogenannten Runen find in Holz oder Stein eingerigte Zeichen, die nicht gelesen, sondern von Eingeweihten gedeutet wurden. Das eigentliche deutsche Wort für schreiben wäre demnach„ rißen", was sich noch heute in Wörtern wie Umriß, Aufriß, Reißbrett erhalten hat. Das Wort„ schreiben" kommt vom Lateinischen scribere, Brief vom Lateinischen breve, Siegel von sigillum. Auch das Wort „ dichten" stammt vom Lateinischen dictare, was laut hersagen bes deutet. Gedichte wurden in ältester Zeit vom Dichter nicht aufgeschrieben, sondern vorgetragen. Es ist selbstverständlich, daß fast alle Wörter, die dem religiösen und firchlichen Leben angehören, lateinischen Ursprungs sind, soweit sie nicht durch künstliche Neuschöpfungen ersetzt wurden. Der lateinischen Kirchensprache entnommen sind zum Beispiel Kloster, Münster, Altar, Kanzel, Krug, Oblate, Orgel, Abt, Küster, Mönch, Nonne, Probst, Messe, Feier, Fest, Segen, Almosen, Opfer, Predigt, Engel, Marter, Pein, Plage, Pech, verdammen. Andere tirchlichen Lehnwörter sind aus dent Griechischen übernommen. Das ostgermanische Volk der Goten war nämlich während der Völkerwanderung nach der Balkanhalbinsel gekommen und hatte um die Mitte des vierten Jahrhunderts das Christentum angenommen, natürlich mit einer Menge griechischer Ausdrücke. Von ihnen gelangten manche griechischen Lehuwörter in unsere Sprache, so Kirche, Pfingsten, Teufel, Pfaffe. Die Kirde brachte den Deutschen neben dem Christentum auch die Gelehrsam Nr. 24 Für unsere Mütter und Hausfrauen keit. An den Kloster- und Domschulen wurde alles gelehrt, was zum Wissen der damaligen Zeit gehörte. Das Wort Schule ist ein lateinisches Lehnwort. Eine Menge Fremdwörter, die in den übersegungen und gelehrten Schriften jener Zeit vorkommen, sind jedoch niemals ins Volk gedrungen. Im zehnten Jahrhundert brachte die Weltpolitik der sächsischen Kaiser Deutschland in Beziehungen nicht nur zu Italien, sondern auch zum griechischen Kaiserhof in Konstantinopel. Allerlei byzantinische( Byzanz Konstantinopel) Kleidermoden, Sitten, Geräte und Kunstformen fanden damals den Weg nach Deutschland, unter anderem auch das Wort Papst. Damit war die erste große Periode der Sprachbereicherung aus dem christlich- römisch- griechischen Wortschatz beendet; die zweite bedeutende Periode ist das Zeitalter der Kreuzzüge. Ritterheere aller Bungen und Völker des Abendlandes zogen nach Italien, Konftantinopel, Palästina; mit den Rittern ihre Knechte, und hinter den Heeren her zogen Priester und Mönche, Kaufleute und Marke tender, Spielleute und Gaukler. Frankreich stand damals an der Spize ritterlicher Kultur; Waffenfertigkeit und Frauenverherrlichung, höfische Bucht und seiner Anstand, Sang und Sage wurden dort gepflegt. Der deutsche Ritter erschien bäuerisch und plump neben seinen glänzenden westlichen Nachbarn. Mit Eifer ahmte er baher französisches Leben, französische Mode und französische Poesie nach. Ein Strom französischer Wörter ergoß sich nach Deutschland. In den Gesängen deutscher Dichter jener Zeit finden wir ganze französische Verse. Wörter wie Turnier, Jagd, Spiel, Tanz, Musit, Abenteuer, Harnisch, Banner, Plan fanden im Zeitalter der Kreuzzüge ihren Weg in die deutsche Sprache. Französischer Worts bildung nachgeformt sind Worte wie halbieren, marschieren, man ( Schluß folgt.) cherlei, vielerlei, Partei, Jägerei. oo 0 Die Mutter als Erzieherin. Mißbrauche in Konflikten nicht deine Macht! In Konfliften? So fragst du erstaunt, zu einem Konflikt gehören doch stets awei gleichberechtigte Mächte; mit meinem Rinde kann ich daher nicht in Konflikt kommen. Aber ich gebe dir nicht recht. Dein Kind ist nicht dein Untergebener, den du durch deine Übermacht zur blin den Unterwerfung zwingen darfst. Wenn dein Kind widerstrebt oder widerspricht, so breche seinen Widerstand nicht kurzerhand mit Hilfe deiner übermacht. Frage dich lieber ernstlich, ob du auch im Rechte bist; suche in die Gedanken- und Gefühlswelt deines Kindes einzudringen; versehe dich in seine Lage und stelle dir vor, wie du in solchem Falle gehandelt hättest. Ist dein Kind im Unrecht, so versuche ihm sein Unrecht zum Bewußtsein zu bringen. Gelingt dir dies nicht, so überlege noch recht vorsichtig, ob es nicht besser ist, daß du den Streitfall ruhen läßt oder ihn vertagst. Mußt du aber in ernsten Fällen deine Macht zur Geltung bringen, weil auf andere Weise der Konflikt nicht zu beseitigen ist, so gehe milde und wohlwollend in der Form vor, wenn auch streng in der Sache. Vermeide ängstlich, daß dein Kind aus deinem Verhalten, wohl gar aus deiner spöttischen oder schadenfrohen Miene oder aus der grausamen Schroffheit deines Vorgehens den erbitternden Schluß ziehen kann, daß es dir nur auf die Ausnügung deiner Übermacht ankommt, daß du nur darum Recht behältst, weil du die Macht haft. 307 Feuilleton hafis verlegt das Paradies.* „ O Hafis, wag' es niemals, an die Pforte Des Paradieses anzuklopfen. Niemals Läßt man dich ein. Du sündigtest zu viel. Du bist nicht würdig' in die hehren Räume Der letzten Wonne einzutreten. Ewig, Mit fieben Siegeln, bleibt das Tor dir zu." h. sch. Hafis. Deutsch nachgedichtet von H. Bethge, Inselverlag. Der große perfifche Dichter Hafis, mit eigentlichem Namen Schems ed- din Mohammed, lebte im vierzehnten Jahrhundert zu Schiras. Er soll Bäckerlehrling gewesen sein, studierte Theologie und Rechtskunde und lebte als Derwisch in freiwilliger Armut. Er lag in stetem Kampfe mit der Geistlichkeit, die ihm wegen seiner ,, frivolen" Lieder das Ehrenbegräbnis verweigern wollte. ,, Noch heute fingen die Kamel- und Maultiertreiber seine Strophen, auch aus den Schenken flingen fic!" Mir recht! Ich werde meine liebe Laute Vor der geschloffnen Tür erklingen lassen, So lock' ich alle Huris mir hervor! Sie werden meinem Liede lachend folgen, Jch werde sie zur Erde niederleiten, Wo Wein winkt und das Lied der Nachtigail. und keine bleibt zurück, fie kommen alle, Befeligt und berauscht, und so verleg' ich Den Garten Eden auf die liebe Erde. Leer und verödet wird der alte Himmel Herniederschaun, und Langeweile wird ihn Erfüllen, doch bei uns ist Seligkeit. 000 Der Kuli.* Bon Johannes V. Jensen. 95 Er hieß so etwas wie ein Räuspern, ein Niesen und ein Spucken, und war Rickschawfuli, Droschtenpferd in Singapur. Die Personenbeförderung geschieht in dieser Stadt wie überall im Osten durch Rickschaws, leichte zweirädrige Wagen, zwischen deren Deichselstangen ein Chinese läuft. Es soll über zehntausend solcher Beförderungsmittel in Singapur geben. Der Nickschawfuli steht auf einer tiefen Stufe, nicht viel höher als ein Huftier, dessen Amt er übernommen hat; viele von ihnen haben kaum sprechen gelernt, sondern behelfen sich in ihrem Beruf mit leichtfaßlichen Gebärden, kennen den Unterschied zwischen rechts und links, wenig stens wenn man mit einem Stocke nachhilft; fie lassen sich durch Burufe in Gang setzen und anhalten und haben im übrigen feine Verwendung für Geistesgaben. Und doch sagt man, daß die meisten der steinreichen chinesischen Kaufleute in Singapur ursprünglich als stumme Zugtiere begonnen haben. Der Weg ist so: man mietet einen Rickschaw, nachdem man durch den ungeheuren Bevölkerungsdruck daheim in China aus dem Lande herausgedrängt wurde, mit einer Djunte nach Süden auss gewandert und in Singapur an Land gegangen ist. Und wenn man einige Monate mit dem Fahrzeug gelaufen ist, erwirbt man es und läuft weiter, bis man ein zweites erwerben kann, das man einem anderen Anfänger vermietet, und so immer weiter, bis man schließ lich Fuhrwerksbesitzer ist, Kapitalist, Wucherer, Besitzer eines Spielhauses und einer Opiumkneipe, Schiffsreeder und Millionär, wor auf man entweder wie ein frommer Sohn des Himmels nach China, dem Lande der Gräber, zurückkehrt, oder ein Abtrünniger bleibt, der mit amerikanischen Stiefeln an den Füßen und mit einem runden, englischen Filzhut auf dem bezopften Haupt in einer Equipage mit australischem Vollblutgespann fährt, und sich vorfichtig an der Schnur auf der Rennbahn vorbeidrückt, außerhalb derselben, während die weißgekleideten, faltblütigen Engländer sich auf dem Rasen ergehen und kaum zu wissen scheinen, daß der gelbe Millionenfürst verliebt und haßerfüllt zu ihnen hineinstarrt und nie verzeiht, nie vergißt, daß diese Weißen, auf die er tief herab. sieht, ihn niemals als ihresgleichen betrachten wollen... das ist der Weg. Hoang Tchin Fo hatte ihn auch einst vor sich gesehen, ja, vor zwanzig Singapursommern, was so viel wie eine Ewigkeit bedeutet. Aber es war beim Weg geblieben, nichts anderes als der Weg, bis Hoang Tchin Fo sich selbst und sein Ziel vergessen hatte, bis er das älteste Geschöpf der Welt, und laufend ein altes Sfelett ge= worden war, das kleine Schritte machte, aber doch lief, wie cine steifbeinige Mähre, die über den Boden jammert. Ach, er hatte getrabt, ja, er hatte gelausen, gelaufen, gelaufen, tausend Jahre lang, bis seine nackten Füße dieselbe Färbung bekommen hatten wie der ockergelbe Staub auf den Wegen in Singapur, und er trabte noch immer und hatte es noch nicht einmal soweit gebracht, den zerlumpten Rickschaw selbst zu besitzen, in dem er die Fremdenteufel mit den steinharten, blauen Augen zog, bald vom„ ofis" zut shaw- shaw", was Essen und also Hotel bedeutet, bald durch die Malay Street und bald nach Bukit Tima, einen Weg von sechs Stunden unter der Tropensonne in dreiunddreißig Grad feuchter Wärme, bis er wie aus dem Wasser gezogen war und das Lendentuch von Schweiß trieste, bald nach den Wasserwerken und bald nach dem Votanischen Garten, Trablauf kanan und firi... und außerdem mußte er noch bei jeder zweiten Tour " * Aus„ Erotische Novellen" von Johannes V. Jensen. S. Fischer, Ber lag, Berlin. 96 Für unsere Mütter und Hausfrauen Ströme von fünftlichen Tränen vergießen, um seine Bezahlung, fünf oder zehn merikanische Gents, von dem bleichen Satan von einem Reisenden, den er umhergeschleppt hatte, zu bekommen; oder er mußte sich durch Flucht retten, wenn die weiße Gottheit ihn bei Betrügerei ertappt hatte und das spanische Nohr über seine nackten Schulterblätter schwang.... Ach ja, und das schlimmste war, daß er sich wegen jeder Tour, die er überhaupt bekam, wie ein Ertrinkender mit seinesgleichen, den anderen Kulis, herumschlagen mußte, die immer zahlreicher und immer jünger wurden, neue Zufuhr aus China, lauter junge Athleten, deren Sprache er kaum verstand, und die ihm immer zuvorkamen und ihm den Raub vor der Nase wegnahmen... denn er war ja alt, freilich, er hatte sich durch seine Jugend und seine kräftigen Jahre hindurchgelaufen und trabte jetzt düster vor sich hin; ja ja, Hoang Tchin Fo war alt geworden. Hatte er nicht während der letzten Zeit, hatte er nicht schon lange in den unbarmherzigen Augen der weißen Männer gelesen, daß er überflüssig sei; sie glitten über ihn hinweg und suchten in dem Haufen der herbeistürmenden Kulis nach dem Stärksten, nach den besten Beinkeulen... ihn sahen sie nie mehr; und wenn sie seiner ansichtig wurden, stießen sie sich an der offenen grünen Wunde, die er längs des Schienbeines hatte, und wählten einen anderen, wogegen sich nichts sagen ließ, obgleich die Wunde ihn nicht am Hinken hinderte.... Hoang Tchin Fo sitzt ganze Tage lang auf seinen Wagenstangen und wartet unter den Akazienbäumen vor den Hotels, er streift durch die Straßen, zieht am Hafen auf und nieder, durchstöbert die Insel meilenweit und findet keinen Passagier, kehrt in die Stadt zurück, fährt längs der Fußsteige und sieht den Leuten in die Augen und ruft alle Welt an... Sa... Sa... und häufiger und häufiger kommt es vor, daß sich erst gegen Abend die Rettung einfindet in Gestalt zweier Gelben, wie er selbst, die sich damit brüsten, zu zweien in einem Rickschaw zu fahren, und die die Tage kennen, verlaß dich darauf, die aber Trablauf verlangen, und die sich oft nach einer Stunde Fahrt mit dem Bugtier in einer dunklen Allee durch Fußtritte abfinden, ohne einen Gent zu bezahlen. Ach ja, Leute, die selbst Kulis gewesen sind, ach ja... Hoang Tchin Fo aber, der Heimatlose, schläft in dieser Nacht unter der Wachsdecke auf seinem Rickschaw, ohne sich durch das Pfund gekochten Reis gesättigt zu haben, das das einzige Bedürfnis des alten Mannes ist...so ist es um ihn bestellt. Und doch hofft er, doch träumt er noch davon, sich selbst einst auf einen Rickschaw zu sehen und den schweißtriefenden Rücken des Kulis, der zwischen den Stangen läuft, zu betrachten... und ihm Fußtritte zu versetzen, und ihn wegen der Bezahlung zu prellen; dieser Traum hält ihn aufrecht. ** Sein Leben ist nicht ganz ohne Freuden. Das Schicksal ist ihm hin und wieder einmal günstig. Wie zum Beispiel heute, wo er so viel Glück gehabt hat, daß er dessen Süßigkeit noch immer fühlt. Hoang Tchin Fo fizt vor dem Hotel de l'Europe und wartet, daß die Weißen aus dem Tiffin kommen, und ihm ist gleichsam etwas froher und hoffnungsvoller zumute. Er sitzt und raucht, hat ein paar Schillinge verdient und gönnt sich eine Stärkung. Er hat die Messingpfeife hervorgezogen und verbreitet einen Gestank wie von gebranntem Leim um sich herum; es ist eine scharfe Mischung, die er raucht, halb„ Tabak" und halb Harz, und während er sich daran labt, durchlebt er sein Glück noch einmal in Gedanken. Ja, es war vormittags unten am Hafen gewesen, als die Passagiere eines neuangekommenen Dampfers an Land gingen nicht, daß er sich nicht, daß er sich eine Fuhre ficherte, nein, er bekam teine, aber er hatte das Glück, Ling Chang seine eine spize Wagenstange zwischen die Rippen zu rennen und den hübschen Burschen ziemlich übel zuzurichten. Es war bei dem gewöhnlichen Andrang der Kulis gewesen, die sich bemühten, einen Bissen zu bekommen, und in diesem Gedränge war es Hoang Tchin Fo gelungen, Ling Chang zu treffen. Und er selbst war unbeschadet davongekommen, denn Ling Chang fiel ja gleich in Ohnmachter hatte den Stoß in die Herzgrube bekommen, mit Vorbedacht- und was fümmerte es die anderen. Ach, es war herrlich gewesen. Hoang Tchin Fo stopfte die Pfeife wieder und tat mit Wohlbehagen die zwei, drei Züge, die der winzig kleine Pfeifentopf enthielt. Es roch wie der Rauch eines verbrannten Viehbestandes, sehr süß und kräftig. Hoffentlich hatte Ling Chang sich noch nicht davon erholt; er litt gewiß fürchterlich, denn es tut furchtbar weh, das spitze Ende einer Wagenstange in die Herzgegend zu bekommen; man kann daran sterben, und das geschieht einem recht. ' Ling Chang war ein junger, bernsteinfarbiger Klepper, frisch aus China eingetroffen, der Hoang Tchin Fo mehr als sonst plagte. Die Weißen entdeckten diesen Kuli gleich, der wie ein asiatischer Gott in Safran getaucht aussah, und der nicht vor dem Rickschaw Nr. 24 lief, sondern in schwebenden Sprüngen dahineilte wie ein Hirsch im Frühjahr; die Räder des Rickschaws drehten sich hinter ihm in den Staubwolken wie zwei Sonnen. Er war ein Läufer, der einen anderen, der hinter ihm kam, zum Heulen bringen konnte. Wenn eine Gesellschaft von Weißen mehrere Wagen nahm und in der Reihe fuhr, sah Ling Chang nicht zurück; wollten sie mit, dann bitte keine Müdigkeit vorgeschützt! Der Schweinehund wartete auf niemanden. Und er war überall, allerwärts tauchte er mit seinem funkelnden Rickschaw auf, den er selbst besaß und deshalb rein hielt; überall nahm er den anderen den ersten Platz fort, oder die Fremdenteufel erspähten ihn weit hinten und konnten scheinbar feinen anderen als ihn sehen. Er bekam die Fuhre, immer lächelnd und seine dicke Flechte wie eine Krone von Ebenholz reinlich auf dem frischrasierten Kopfe aufgesteckt, immer sauber gewaschen und mit einem Dufte von Blumentee aus dem Munde, immer mit ruhigen Lungen, denn der Atem schien ja in diesem Goldkörper nie zu versagen.... Ah, bis er heute vormittag einer Wagenstange zum Opfer fiel, die aus Neugierde die Bekanntschaft seiner Einge weide zu machen wünschte. Tjip! Der Stoß ermattete ihn, der gab ihm glücklicherweise einen Vorgeschmack davon, was es heißt, Blei in den Fußsohlen zu spüren, wie jemand, der alt war, wie Hoang Tchin Fo, der immer schwerer lief, je mehr er abmagerte, der aber auch einst in seinen jungen Tagen, als er von China fam, ein Läufer mit einem privilegierten Vorsprung gewesen war. Hoang Tchin Fo strich sich über seinen nackten Brustkasten, der sich seinen knochigen Fingern wie ein zusammengefallenes Statet darbot; es war eine eigenartige Musit, die er durch diese Berüh rung hervorlockte, ein stummer Knochenalford, der seine Seele häß lich stimmte; er betrachtete seine Beine, die die Zeit, die Knecht schaft und die Tropen geplündert hatten, so daß er sie kaum ertennen fonnte; er bewegte seine Zehen, die wie zerfressen vom Wege waren... ja, noch war er es, aber wie lange würde es dauern? Jetzt begannen die Fremden aus dem Hotel zu kommen, bis an den Hals vollgestopft mit Essen und kohlenfauren Getränken, die ihnen aus der Nase dampften. Einige blieben auf der Terrasse stehen und besahen die spanischen Rohrstöcke mit Silberknöpfen, die ein Armenier feilbot, andere tamen mit fürstlichem Verweilen auf jeder Stufe die Treppe hinab und blickten mit ihren Eisaugen im Schatten des tiefen Tropenhelmes vor sich hin... Sa... Sa ... endlich war die Chance da, auf die Hoang Tchin Fo so lange gewartet hatte, bis ihm alle anderen Gelegenheiten entgangen waren; er fuhr fieberhaft bei der Treppe vor, fehrte die Wachstuchseite des Wagentissens nach außen und strich einladend mit seinem alten, widerlichen Schweißlappen darüber hin; sehen Sie, nicht eine Staubfaser, mein Lieber, und Hoang Tchin Fo strahlte übers ganze Gesicht, trat feurig von einem seiner steifen Unterschenkel auf den anderen, wie ein Roß, das die Erde schrabt und nach Galopp verlangt... diese Tour war ihm ja sicher, hatte er doch drei Stunden vor dem Hotel gesessen, nur um der allererste in der Reihe der Rickschaws zu sein... Sa... Sa... Aber nein, da geschah das Verzweifelte, daß fein einziger der Fremdenteufel ihn haben wollte. Er war der erste, ohne Zweifel, er hatte ein Anrecht auf eine Tour, wenn sie aber dem alten, häß lichen Gerippe abwinkten und in der Schar von wiehernden Kulis auf hübschere, stärkere Läufer deuteten, was war da zu tun? Fo versuchte es im guten, er lächelte den weißen Teufeln so süß, so Sternenmild zu, er öffnete seinen Kopf wie einen Klumpen Knall gummi und ließ einige verfaulte Zahnstummel sehen, er kniff die Augen ganz klein zusammen und bewegte die Ohren vor hündischer Unterwürfigkeit auf und nieder, er kroch förmlich auf der Erde und flüsterte, flüsterte wie in tiefer Geheimnistuerei... Sa... Sa ... aber nein, sie hatten keine Verwendung für ihn, sie gingen an ihm vorbei, und der eine Rickschaw nach dem anderen wurde hinter ihm besetzt und fuhr ab. Fo machte einen einzigen übelgesinnten Versuch, einem Weißen seine Wagenstangen vor die Beine zu schieben, um ihn am Weitergehen zu hindern, aber da wollte seine weißgekleidete Majestät kaum seinen Augen trauen, und es flim merte durch die lotrechte Sonne wie von spanischem Rohr, so daß Hoang Tchin Fo zitternd vor Angst und mit frummen Knien den Play räumte, während der leere Rickschaw hinter ihm herrasselte. Es war vorbei. ( Fortsetzung folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dtez Nachf. G.m.b.$. in Stuttgart.