Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr.25 O O O O O O O O 。。。。 Beilage zur Gleichheit oooooooo Inhaltsverzeichnis: Erkenntnis. Von Wolfgang Goethe. Johann Deutsche KulturPeter Hebel. VI. Von Dr. Wilhelm Hausenstein. geschichte im Lichte unserer Fremd- und Lehnwörter. Von E. Hoernle. Für die Hausfrau. Hygiene. Feuilleton: Licht den Lebendigen. Von Conradi. Der Kuli. Von Johannes V. Jensen.( Fortsetzung.) Erkenntnis. Don Wolfgang Goethe. Jns Jnnre der Natur du Philister! " „ Dringt kein erschaffner Geist." Mich und Geschwister Mögt ihr an solches Wort Nur nicht erinnern; Wir denken: Ort für Ort Sind wir im Innern. „ Glückselig! wem sie nur Die äußre Schale weist!" Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen. Jch fluche drauf, aber verstohlen; Sage mir tausend tausend Male: Alles gibt sie reichlich und gern; Natur hat weder Kern Noch Schale, Alles ist sie mit einem Male; Dich prüfe du nur allermeist, Ob du Kern oder Schale seist. „ Wir kennen dich, du Schalk! Du machst nur possen; Vor unsrer Nase doch Jit viel verschlossen." Jhr folget falscher Spur; Denkt nicht, wir scherzen! Jit nicht der Kern der Natur Menschen im Herzen? 000 Johann Peter Hebel. VI. Aus Hebels Briefen gewinnt man manchen wesentlichen Aufschluß über die Persönlichkeit. Aber die Briefe sind auch an sich felber von eigenartigem, starkem künstlerischen Werte, und es wäre Sünde, sie in einer Betrachtung seines Werkes zu vergessen. Hebel war einer der glänzendsten Briefschreiber aller Zeiten. Bereits die Briefanfänge packen einen an, so daß man nicht mehr loskommt. 1792 beginnt er einmal einen Brief an Gustave folgendermaßen: „ Rathen Sie, was ich thue. Biertrinken? Nein. Taback rauchen? Nein. Hanf reitteln? Oho! In der Residenzstadt und noch dazu am Sonntag unser Lebtag nicht. Oberländer Wein trinken auf Ihre Gesundheit? Ja! Das thu' ich. Wenn's an einem Sonntag schön Wetter ist, und ich nur halbwegs glaube, daß iemand von Lörrach nach Weil komme, so laß ich mir's nicht abfauffen, daß ich nicht in den Keller gehe, und mein Gläslein mittrinke, und mein unmaßgebliches Ja oder Nein zu dem gebe, was ich denke, daß diesen Nachmittag droben abgehandelt wird. Zum Exempel heute ist meiner Vorstellung nach die Rede davon, ob sich die Jungfer Gustave auf die Basler Messe auch so einen schönen Huth faufen soll, wie die Frau Speciälin( Dekanin) einen von Karlsruhe mitgebracht hat...." O 1911 Diese Bildmäßigkeit, die so innigen Sinn für alles Endliche hat und doch nie kleinlich wird, diese Bildmäßigkeit, die an jedem Des tail ein festes und ein eigenes Angesicht herausmodelliert und dennoch durch die kunstvollste erzählerische Verschlingung des Ganzen so geschickt organisiert wird, daß man nie an einer Einzelheit hängen bleiben fann sie ist auch ein künstlerisches Hauptgeheimnis des ,, Kalendermachers". In scheinbar harmlosem Vorbeigehen erfindet Hebel mit kostbarer List das unbezahlbare Wort vom dreischläfrigen Galgen. Das Rädern heißt ein biegsamer Tod; das Henken ist, zumal wenn der Wind geht, ein beweglicher". Einmal erzählt Hebel von einem Bauern, dem„ die Geduld immer näher zusammen ging und der Hunger immer weiter auseinander". Ein armer Teufel weiß in einer Geschichte nicht mehr, ob die bayrischen Thaler rund oder eckig sind". Kommt ein Wirtshaus vor, so ist es nicht irgendeines und irgendwo, sondern ganz gewiß der Storch in Basel oder das Lamm in Kehl; bei dieser individuellen Bestimmung glaubt natürlich jeder, genau so gut dort gewesen zu sein wie unser wirts hauskundiger Dichter selber. Alle diese klug gewählten Besonders heiten, die durchaus dem Allgemeinem abgeneigten Geiste des Bauern entsprechen, gehen nun geräuschloß in den Fluß der Fabel ein, die in ihrem tünstlerischen Ablauf schr stark durch das lehrhafte Inters esse orientiert wird. Aber wie wunderbar weiß es doch Hebel, durch das Lehrhafte den Rhythmus der Geschichte zu beleben, wo er anderen erlahmen würde! Mit einem einzigen Säzchen gibt er Einleitung und Moral zugleich, erreicht er sicheren Sprunges die Sache selber. Man muß Gott nicht versuchen, aber auch die Menschen nicht. Denn im vorigen Spätjahr kam in dem Wirtshaus zu Segringen ein Fremder an..." und nun folgt die Geschichte von dem Säbelrassler, der den Barbier für den ersten Schnitt von vornherein mit Erstechen bedroht und sich dann mit Schrecken sagen läßt, daß das Rasiermesser im Notfall rascher in die Gurgel als der Säbel aus der Scheide gefahren sein würde. Das Lehrhafte spielt in den Kalendern eine große Rolle, teils als Verstandesaufklärung, teils ethisch- erziehlich. Gerne folgt Hebel namentlich der charakteristischen Neigung, naturwissenschaftlich zu belehren. Die Partien über das Weltgebäude sind ein Muster von Klarheit. Im Ethischen betont Hebel gerne, als Bauer und als Sohn der Aufklärungsperiode, den Vorteil, das Nüzliche. Aber auch der letzte, der entscheidende Wert der Moral, die rein ideale Bedeutung des Guten, klingt vernehmlich an. Notwendig nimmt Kalendermoral den Weg über das Zweckmäßige. Bekämpft Hebel den Geisterglauben, so stellt er nicht eine abstrakte Forderung auf. Vielmehr zeigt er zuerst mit aller künstlerischen Kraft die Atmos sphäre des Kirchhofs, in der der Geisterglaube ja zur sinnlichen Notwendigkeit zu werden scheint. Dann führt er einen fräftigen Bauern ein, der immer eine tageshelle Seele hat und das Gespenst beim Kragen padt. Das Gespenst offenbart sich dann als Dorf genosse oder als Falschmünzer oder als ein anderes unmetaphysisches Individuum. Aber von allen Hebelschen Moralitäten soll eine am wenigsten vergessen sein, und das ist die, die in vielen Geschichten für das Gauner- und Vagabundenproletariat eintritt. In dem Epos über den Statthalter von Schopfheim hat Hebel eine Art Seitenstück zu Schillers Näubern geboten. Im Hausfreund plädieren die Geschichten vom Zirkelschmied, vom Zundelfrieder und dem Heiner zugunsten der besseren Seele in den Spigbuben. Das Epos vom Statthalter hat erhabenen Ernst. Die Kalendergeschichten find lustig bis zum Übermut. Die Kalenderspitzbuben sind Hofnarren des Publikums, und Hofnarren sind schätzbare übermenschen vielleicht die einzigen. Mit dieser Deutung bereitet Hebel einer milden Auffassung des Kriminellen Boden. Er hat seine Liebe zu den Gaunern einmal direkt gestanden.„ Es ist gar herrlich, so etwas Vagabundisches ins Leben zu mischen. Das ist es, was den Bettler groß und stolz macht. Ich habe diese Glücklichen immer beneidet." Er selber brachte es nicht so weit. Aber einmal setzte er sich doch- oder geschah es öfter? in Bruchsal um 6 Uhr abends schon ins dritte Wirtshaus und zechte da bis zwei,- wie es scheint, unisolo nach seinem bekannten Rezept. " Bu solchen Einleitungen kommt dann ein Kontext, dessen epigrammatische Schärfe an Lessing und Voltaire erinnern würde, wäre er nicht so grundgütig. An Hizig schreibt Hebel 1802 über einen Freund, der mineralogische Funde gemacht hat. Ich werde an seiner Freundschaft melken, auch für dich." Hebels Hauptvorzug im Briefschreiben ist die eindringlich freundliche Bildhaftigkeit. Wünscht der Dichter dem Freund in Rötteln, gute Erholung, so geschieht es nicht in einer Allerweltsphrase, sondern in einem mög lichst prägnanten Einzelbild. Jetzt darfst du wieder ein wenig ausschnaufen und Taback nachdrucken mit dem Finger. Brenu di nit!" Und Müllheim war für Hebel ein wenig überall. 3' Müllen an der Post, Tufigfappermost, trinit me nit e guete Wi? Goht er nit wie Baumöl i? 3' Müllen an der Post?..." 98 Für unsere Mütter und Hausfrauen Diesem ganz und gar ursprünglichen Geiste, dem, wie nur je dem jungen Goethe, Dichten, Schreiben glückselige Gelegenheitsarbeit im innerlichsten Sinne des Wortes war, riet der ältere Goethe in einer steifleinen- wohlwollenden Rezension der Jenaer Literaturzeitung, er solle einmal zu mehrerer Übung hochdeutsche Verse ins Allemannische übersetzen. O neinum größere Formenreinheit war es Hebel so wenig zu tun wie je einem Wiesenblumenstrauß um ein venetianisches Glas oder einer Schwarzwaldlandschaft Hans Thomas um eine Seidentapete. Goethe hat Hebel nicht verstanden. Jean Paul wußte es besserer, der Liebling Hebels. In seiner er, der Liebling Hebels. In seiner bizarr- begeisterten Art rief er aus, da er es nicht deutlicher sagen konnte, man solle Hebel lesen wie alles Gute, wenn nicht einmal, so doch wenigstens" zehnmal. Dr. Wilhelm Hausenstein. Bemerkung. Gedichte und Schazkästlein sind bei Reclam zu haben( 24, 143, 144). Die Gedichte sind unbedingt im Originaltext zu lesen; übersetzung ist unmöglich. Der Gedichteausgabe bei Reclam ist ein Wörterverzeichnis beigefügt. O O O Deutsche Kulturgeschichte im Lichte unserer Fremd- und Lehnwörter. Von E. Soernle. ( Schluß.) Die italienischen Städte hatten die Situation, die durch die Kreuzzüge geschaffen wurde, energisch ausgenügt. Genua riß den Handel an sich, der seit uralten Zeiten von Ost- und Südasien sich nach dem Schwarzen Meer bewegte, und Venedig beherrschte den Handel mit Agypten und den Arabern. Von Norditalien famen die Maultierkarawanen nach Deutschland mit den Erzeugnissen Südeuropas und des Drients, wie Zucker, Melone, Ingwer( früher Gingiber) und Safran. Solche Wörter sind zum Teil arabischen oder indischen Ursprungs. Die Araber entfalteten damals eine blühende Kultur, und das Abendland stand, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiet, in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu der arabischen Welt. Das fönnen wir schon an der Menge der Wörter erkennen, die auf Umwegen über andere Sprachen oder unmittelbar aus dem Arabischen in den deutschen Wortschatz gelangten, zum Beispiel Alchymie, Almanach, Algebra, Alkohol, Admiral, Diwan, Matratze, Damast, Alkoven. Die Kreuzzüge hatten Bahn gebrochen für die frühkapitalistische Entwicklung. Nicht nur in Italien, auch in Deutschland blühten die Handelsstädte empor, mächtige Handelshäuser geboten auf dem Weltmarkt. Aber daß diese Bewegung von Italien ausging, sieht man an italienischen Lehnwörter wie Bant, Tara, Brutto, Netto, Tratte, Agio, Giro und anderen taufmännischen Ausdrücken. Die kapitalistisch- bürgerliche Entwicklung hatte ein neues Geistesleben zur Folge. Kunst und Wissenschaft fanden die materielle Möglichkeit und die innere Kraft, sich ihrer kirchlichen Gebundenheit zu entledigen. Der kühne Handelsherr, der ganzen Flotten gebot, fühlte sich nicht mehr ausschließlich als Mitglied einer Gemeinschaft, die ihren Mittelpunkt in der Kirche hatte; er lebte nicht mehr um der Kirche willen, sondern um seiner selbst willen. Der Mensch wurde Selbstzweck. Im heidnischen Altertum war bereits eine solche Ent wicklungsstufe erreicht worden. Und als von den andrängenden Türken gehetzt, im fünfzehnten Jahrhundert griechische Gelehrte nach Italien tamen und die Kenntnis antiker Kunstdenkmäler und Wissenschaften sich verbreitete, da hob ein Zeitalter der Renaissance, der Wiedergeburt, an, und zwar zuerst in Italien. Auch in Deutschland begann man eifrig, die griechischen und römischen Schriftsteller zu studieren. Die Gelehrtensprache war allenthalben Latein, eine Menge Universitäten wurden gegründet. Diese Gelehrtenbewegung nannte man Humanismus. Bis auf den heutigen Tag spricht man von humanistischen Gymnasien. Die wissenschaftliche Sprache ist seit jener Zeit durchsetzt mit lateinischen und griechischen, zum größten Teil höchst unnötigen Fremdwörtern. Auch wurden Bezeichnungen für politische Einrichtungen der Griechen und Römer furzweg auf moderne Verhältnisse übertragen, auf die sie streng genommen gar nicht paßten. So sprechen wir heute noch von einem Senat, Wagistrat und dergleichen. Die Studenten schufen sich allerlei seltsame Wortformen, indem sie an deutsche Wörter griechische oder lateinische Endungen anhängten, zum Beispiel burschifos, Pfiffifus, Luftibus, Schwachmatifus. Seit der Mitte des siebzehnten und im achtzehnten Jahrhundert waren die Franzosen die tonangebende Nation Europas. Das stehende Heer des französischen Königs wurde vorbildlich für alle absoluten Fürsten Deutschlands, daher heute noch so viele militärische Bezeichnungen französische Fremdwörter find. In bezug auf Nr. 25 Eleganz, Geschmack, Mode stand Frankreich lange Zeit an leitender Stelle, was wir an den vielen französischen Bezeichnungen für Putzund Friseurartikel, für allerlei Delikatessen und Luxuswaren ents nehmen können. Noch heute ziehen viele Gewerbetreibende rein französische Bezeichnungen, zum Beispiel coiffeur, café, charcutier den deutschen Wörtern oder den unserer Sprache einverleibten Lehnwörtern vor, wie man auch häufig französische Wortwendungen neben deutschen findet, zum Beispiel Friseuse neben Friseurin, Directrice neben Direktorin. Bemerkenswert ist dabei, daß wir manches Fremdwort in einem ganz anderen Sinne gebrauchen, als dies in seiner Heimat der Fall ist, zum Beispiel heißt unser Eisenbahncoupé( Abteil) auf französisch compartiment, was wir Rouleau nennen heißt le store. Gänzlich überflutet mit französischen Fremdwörtern war Deutschland im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, die Gebildeten sprachen fast nur Französisch, bei den à la mode Menschen war mindestens jedes zweite Wort französisch, ein Zeichen, welch schwere Wunden unter anderem der Dreißigjährige Krieg der deutschen Kultur geschlagen hatte. Gelehrte und Sprachgesellschaften haben sich seither um die Reinigung der Sprache bemüht, aber noch heute leiden wir an dem Ballast ganz unnötiger Fremdwörter, die statt die Sprache zu bereichern, ihre Deutlichkeit nur verdunkeln. Der Überschwemmung Deutschlands mit französischen Worten ging seit dem siebzehnten Jahrhundert ein fleinerer italienischer Strom zur Seite. Die Italiener brachten uns mit ihrer Musik und Oper eine Unmasse italienischer musikalischer Fachausdrücke, zum Beispiel Largo, Allegro, Piano, Rondo usw. Auch die Bezeichnung Ballade für ein erzählendes Voltslied stammt aus Italien. Mitten unter den Deutschen wie unter den anderen Völkern fristeten seit Jahrhunderten die Juden ein gedrücktes und gehetztes Dasein. Von allem gesellschaftlichen und politischen Leben ausgeschlossen, wie auch von den meisten Erwerbszweigen, lebten sie von Geldgeschäften oder Hausierhandel. Ost fielen fie dem irregeleiteten Hasse des Volkes und der Habgier der Fürsten, immer aber der Spottsucht des christlichen Pöbels zum Opfer. So kommt es, daß die meisten Wörter jüdischen Ursprungs, die in Schriftsprache oder Mundart heute noch gebräuchlich sind, dazu dienen, Geringschätzung auszudrücken oder jedenfalls einen verächtlichen Beiklang haben, man denke nur an Wörter wie Gauner, Schacher, Pleite, schmusen, schofel, koscher. Auch von den östlichen Nachbarn, den slawischen Völkern, zum Beispiel Russen, Tschechen, Polen, haben die Deutschen allerlei Wörter übernommen, die den östlichen Kulturverhältnissen entsprechen. Wörter wie Knute, Kutsche, Peitsche, Droschke, Dolch, Petschaft, pomadig, Hallunke sind slawischen Ursprungs. Das Wort Stlave ist aus Slave entstanden. In den unaufhörlichen Kriegen im Mittelalter der Deutschen mit ihren östlichen Nachbarn, den Slawen, wurden von den Deutschen eine Menge Kriegsgefangener gemacht und an die Italiener und Franzosen als Knechte verkauft. Im Munde der Romanen wurde der Name zu esclave, esclavo, schiavo und erhielt die Bedeutung nicht des Volkes, sondern des Standes( Knecht). Von den romanischen Ländern kam das Wort wieder nach Deutschland. Solche zurückgeflossene Lehnwörter gibt es eine ganze Zahl, zum Beispiel liegt dem Worte Balfon, das wir aus der italienischen Sprache übernommen haben, das deutsche Wort Balfen zugrunde. Das Wort Biwat ist eine Entstellung des französischen bivouac, das seinerzeit aus dem deutschen Beiwacht entstanden ist. Manche Wörter haben den Weg durch mehrere Sprachen und wieder zurück ins Deutsche gefunden, zum Beispiel das althochdeutsche Wort band, bandi Band ging zunächst ins Italienische über als banda Zeugstreifen. Daraus entstand das italienische Wort bandiera. Die Franzosen machten daraus bannière, und aus dem Französi schen entstand das deutsche Wort Banner. = In neuester Zeit brachte die reißende Entwicklung des Kapitalismus mit ihrem beispiellosen Aufschwung von Wissenschaften und Technik, Welthandel und Industrie einen gesteigerten Verkehr und Kulturaustausch zwischen fast allen Bölfern der Erde mit sich. Auch England bereicherte jetzt unseren Sprachschatz besonders mit Wörtern aus der Welt des Sports. Das Wort Sport selbst, Sweater, Velvet, Pudding, aber auch das Wort Streit sind englische Fremdwörter. Fremdwörter wie Telegramm, Photograph, Lokomotive, Barometer sind spezifisch modern, man hat sie nicht einfach übernommen, sondern aus lateinischen oder griechischen Sprachteilen neu zusammengesetzt. Eine Neubildung aus griechischen und latei nischen Elementen zugleich ist zum Beispiel Automobil. Eine oft ganz sinnlose Nachahmung dieser Art der Wortschöpfung sind die häufigen Fremdnamen, welche die Industrie ihren Erfindungen beilegt. Nr. 25 Für unsere Mütter und Hausfrauen Konnten wir so den verschiedensten Rultureinflüffen an der Hand unserer Schriftsprache nachgehen, so würden wir bei den einzelnen Mundarten zu oft noch interessanteren Ergebnissen kommen. In den Ausdrücken des Volkes lebt noch manches Fremdwort fort, das nie den Weg in die Schriftsprache fand oder schon längst wieder aus dieser verschwunden ist, Wörter, die von den Landsknechten Karls V. aus Italien, von den Mordbrennern Ludwigs XIV. aus Frankreich, von einwandernden Waldensern oder Hugenotten in einzelne Teile Deutschlands getragen wurden und dort noch fortleben. Es ist ein Gesetz jeder Sprache, daß sie, um mit den Kulturfortschritten Schritt zu halten, allerlei brauchbare Elemente von fremden Völkern übernimmt und ihre eigene Ausdrucksfähigkeit dadurch steigert. Es kann deshalb auch nie unser Bestreben sein, jedes Fremdwort auszumerzen, sondern nur solche, die aus schlechter Gewohnheit und Nachahmungssucht ohne irgend welche Notwendigkeit gebraucht werden. So verdanken manche Fremdwörter ihren Gebrauch nicht dem Mangel des deutschen Sprachschayes, sondern nur dem Bedürfnis gewisser Kreise, so namentlich von Sports leuten, sich von der übrigen Masse des Volkes abzuschließen. Derlei Fremdworte sind natürlich überflüffig. Bei den übrigen ist es besser, fie so rasch wie möglich der Rechtschreibung, den Laut- und Wortbildungsgesehen unserer Sprache anzupassen und dadurch das volkstümliche Sprachgut zu bereichern. Für die Hausfrau. Wenig bekannte Kohlgerichte. Der ungewöhnlich heiße und trockene Sommer hat die meisten Gemüse fast gänzlich mißraten lassen. Was man noch bekommt, ist drei- bis viermal so teuer als in anderen Jahren. Am wohlfeilsten ist zurzeit noch die Verwendung von Weiß- und Wirsingkohl im Haushalt. Der Gemüsekohl stammt wahrscheinlich aus Süd- und Mitteleuropa. In Deutschland war er schon vor mehr als anderthalbtausend Jahren ein beliebtes Gericht. In Rußland gehört die Kohlsuppe zu den Nationalspeisen. Das deutsche Nationalgericht, das Sauerkraut, hat seinen Weg in die Küche aller Kulturländer ge= funden. Die verschiedenen Kohlsorten enthalten im Durchschnitt 87 bis 90 Prozent Wasser, 6 Prozent Kohlehydrate, das heißt Stärkemehl und Zucker, 1/2 bis 2 Prozent Fett, zirka 2 Prozent Eiweiß und 1/2 Prozent anorganische Bestandteile in Form von Salzen. Wenn sie auch einen Gehalt an verschiedenen Säuren haben, die anregend auf die Verdauung wirken, so gehören Weiß- und Wirsingkohl im allgemeinen doch nicht zu den leicht verdaulichen Gemüsen. Nur bas Sauerkraut macht eine Ausnahme. Es erleidet durch die Gärung eine Umwandlung, bei der sich die für die Darmverdauung so nützliche Milchsäure bildet. Ein Abbrühen oder Abkochen des Kohles in Salzwasser vor der eigentlichen Zubereifung ist im allgemeinen nicht zu empfehlen, da dadurch wichtige Nährstoffe verloren gehen. Nur Kohl, der von zu stark gedüngtem Boden stammt, zum Beispiel von Riefelfeldern, muß leicht abgewellt werden. Sehr große Rohlköpfe sind in bezug auf ihre Herkunft verdächtig. Alle Kohlgerichte vertragen nicht nur, sondern verlangen geradezu reichliche Beigabe von Fett und gehörig langes Kochen. In Westfalen sagt man: Kohl muß kochen, daß ihm die Schwarte knackt! Einige erprobte, aber wenig bekannte Vorschriften zur Bereitung von Weiß- und Wirsingkohl mögen hier folgen: Pichelsteiner Fleisch ist ein außerordentlich kräftiges und wohlschmeckendes Gericht. Zu seiner Bereitung bedarf man eines sehr gut schließenden Kochtopfes, der während der ganzen Kochdauer nicht geöffnet wird. Den Boden dieses Topfes bedeckt man mit dünnen Scheibchen von Rindermark oder Nierenfett. 3artes Ochsenfleisch( von der Blume zum Beispiel) wird in Würfel geschnitten und daraufgelegt. Zwiebelringe und reichlich feingeschnit tenes Suppengrün bilden die nächste Schicht. Darauf kommt eine Lage zerschnittener Wirsingkohl. Den Schluß bildet eine Schicht roher Kartoffelscheiben. Jede Lage wird vorsichtig gesalzen und wenig gepfeffert. Dann gießt man einen halben Liter kochender leichter Brühe dazu, die man sich mit Hilfe von 1 bis 2 Bouillonwürfeln herstellen kann, und verschließt den Topf. Auf kleinem Feuer wird das Gericht in 1 bis 2 Stunden gargedünstet, oder man focht es 20 bis 30 Minuten an und gibt es 3 bis 4 Stunden in die Kochkiste. Die Brühe wird nicht seimig gemacht. Man kann auch halb Rind- und halb Schweinefleisch zum Bichelsteiner verwenden. Irish Stew( fprich: Eirisch Stiu) wird ähnlich behandelt. Bon rohem Hammelfleisch, Keule oder Rippenstück, schneidet man alles Fett herunter und belegt damit den Boden eines dicht schließenden Rochtopses. Das Fleisch wird in Würfel geschnitten und darauf, gelegt. Dann folgt eine Schicht dünner Zwiebelscheiben, eine Schicht 99 zerschnittener Mohrrüben, eine Schicht Wirsingkohl und zum Schlusse rohe Kartoffelscheiben. Alles wird gesalzen und gepfeffert, ein halb Liter leichter Brühe darüber gegossen und weiter damit wie mit dem Pichelsteiner verfahren. Gefüllter Kohl kann sehr einfach bereitet werden wie folgt: Bon Wirsing oder Weißkohl löst man einige große saubere Blätter ab. Dann höhlt man den Kohlkopf von oben so weit aus, daß die Fleischfüllung darin Platz hat. Zu dieser nimmt man gehacktes Schweinefleisch oder halb Rind- und halb Schweinefleisch. Von dem gehackten Fleisch macht man mit einem Ei, geweichter Semmel, Salz, Pfeffer und Muskatnuß ein Füllsel, das sorgfältig abgeschmeckt werden muß. Dies kommt in die Höhlung des Kohles. Mit kleinen und zuletzt mit großen Kohlblättern wird die Öffnung bedeckt und der Kohlkopf mit gebrühtem Bindfaden umschnürt. Nun bringt man den gefüllten Kohl in einen mit Speckscheiben ausgelegten Topf, in dem er gerade Platz hat, und füllt leichte, gesalzene Brühe darauf, die mit Schwihmehl dünnseimig verkocht wurde. Wirsingfohl würzt man mit Muskatnuß, Weißkohl mit Kümmel. Auf kleinem Feuer wird das Gericht in 1/2 bis 2 Stunden gargemacht oder eine halbe Stunde vorgekocht und 3 bis 4 Stunden in die Kochtiste gegeben. Sehr gut schmeckt der gefüllte Kohl, wenn man zu der Brühe das Gerippe einer gebratenen Gans abfocht, etwaige Reste von Gänsebratensauce hinzufügt und Gänsefett zum Schwitzmehl verwendet. Salzkartoffeln passen zu diesem Gericht. Weißkohl mit Hirse. Das Kraut wird fein geschnitten. Eine große Zwiebel wird in Fett gelb gedämpft, leichte Brühe daraufgefüllt und der Kohl darin zum Kochen gebracht. Für 3 bis 4 Personen nimmt man ein Viertel Pfund Hirse, die mehrmals tüchtig abgebrüht und dann in Wasser mehrere Stunden eingeweicht wurde. Hirse und Kohl müssen zusammen in etwa zwei Stunden dicklich und gar kochen. Man würzt mit Salz und Pfeffer. Da dieses Gericht leicht anbrennt, empfiehlt es sich, es in der Kochtiste fertigzustellen. Bereitungsdauer wie bei den anderen Kohlgerichten. Brat wurst, Bouletten oder dergleichen passen dazu. Wirsingkohl mit Reis wird ebenso bereitet. Nur streue man zuletzt gehackte Petersilie oder geriebenen Parmesanläse über das fertige Gericht. Suppe von Rohl und Mohrrüben. Beide Gemüse werden ganz fein geschnitzelt. Für drei Personen rechnet man einen gehäuften Suppenteller voll davon. Dann röstet man sie in Fett leicht an, füllt Knochenbrühe darüber, salzt und läßt alles weichtochen. Man würzt mit ganz wenig Pfeffer sowie gehackter Peter filie und reicht geröstete Würfel von Weißbrot dazu. M. Kt. 000 Sygiene. Zwischen Schielen und der Gesamtveranlagung des Judividuums hat Dr. Krusius bestimmte Beziehungen aufgedeckt. Von der Tatsache ausgehend, daß nicht selten die Anverwandten, zumal die Eltern und Großeltern schielender Kinder, mit demselben übel behaftet oder schwachsichtig sind beziehungsweise waren, erklärt er das Schielen, das bisher gewöhnlich nur als ein Schönheitsfehler angesehen wurde, für eine ausgesprochene Entartungserscheinung. Gestützt wird diese Behauptung durch die Erfahrung, daß gar häufig schielende Kinder an nächtlichem Bettnässen leiden und einen überaus unruhigen, von aufgeregten Träumen und schreckhastem Ausfahren und Schreien unterbrochenen Schlaf haben, also Merk male einer nervösen Erfrankung zeigen. Unter jugendlichen Schie lern findet man mit auffälliger Regelmäßigkeit entweder geistig Zurückgebliebene oder nervös intelligente Individuen, wie man ja auch im Volte mit dem Begriff der Schieläugigkeit häufig den der Geistesschwäche oder aber einer sonstwie abnormen, moralisch bedenklichen Veranlagung verbindet und eine Scheu einfacher Menschen vor Schieläugigen wahrnehmen kann. Natürlich können auch umgekehrt Kinder, die das Unglück haben, zu schielen, durch die Abneigung oder Spottsucht anderer Menschen dazu gedrängt werden, sich abzusondern, wonach sie durch ihre Befangenheit das gegen sie herrschende Vorurteil nur wieder verschärfen. Der Arzt hat manchmal Gelegenheit, zu beobachten, daß das Schielen sehr wohl durch nervöse Einflüsse, wie Schreck oder Schwächungen der Ge samtkonstitution wie in der Rekonvaleszenz nach Masern bei schon dazu veranlagten Kindern zum mindesten ausgelöst werden kann, indem es vorher schon latent" gewesen ist, das heißt zeitweilig verborgen blieb und noch nicht in die Erscheinung trat. Die richtige Würdigung der Schreckwirkung auf latentes Echielen liegt der heute meist nur noch scherzhaft gebrauchten volkstümlichen War nung an Kinder zugrunde, nicht zu schielen, wenn die Uhr schlägt, da sonst das Schielen sich nicht wieder wegbringen ließe. In 100 Für unsere Mütter und Hausfrauen gleicher Weise tritt bisweilen das Schielen bei Kindern auf infolge einer übermüdung durch die Schule. Noch andere körperlich schädigende und hemmende Momente, wie Nasenpolypen, die häufig bei Kindern Kopfschmerzen und vor allem Mangel an Aufmerksamfeit und Konzentrationsfähigkeit wie andere Erscheinungen der findlichen„ Nervosität" hervorrufen, scheinen mit dem Schielen manchmal in Verbindung zu stehen; jedenfalls sah man das Schielen nach Entfernung der Polypen durch Operation sehr oft von selbst zurückgehen. Abgesehen natürlich von der notwendigen Behand lung durch einen Augenarzt muß gleichzeitig bei schielenden Kin dern eine allgemeine Behandlung Platz greifen, die darauf hinzielt, diese häufig start nervösen fleinen Patienten einer beruhigenden, regelmäßigen Lebensweise zu unterwerfen. Schutz vor geistiger Überanstrengung, viel Bewegung in frischer Luft, frühzeitiges Schlafengehen, vor allem aber Tatt und Geduld seitens der Eltern und Erzieher sind die besten Hilfsmittel gegen das übel. C. Bgg. Feuilleton Licht den Lebendigen. Von Conradi. Wohl soll des Sängers Lied auf Wunden leise den Balsam legen! Von den Stirnen banne die Furchen es und Tränen aus den Augen... doch gibt's auch Lieder, die dazu nicht taugen. Sie ragen troig wie die Wettertanne, sie zucken wie ein Blitz mit lohenden Zungen, sie hallen wie der Donner krachend hallt sie singen von der Schergen Allgewalt, von Buben, die der Knechtschaft sich verdungen! Sie fingen eine einzige Weise nur, die Weise der Empörung gen Despoten! Sie flammen wild zusammen zu dem Schwur: Licht den Lebendigen die Nacht den Toten! oo 0 Der Kuli. Von Johannes V. Jensen. ( Fortsetzung.) Es war vorbei. Fo schlich durch die Straßen, in dem glühenden Sonnenschein, der den Raum zwischen den Häusern füllte und alles weiß und unwirklich machte, zitternd unsichtbar, wie einen blendenden Tiegel; er ging lange mit frummem Rücken, von Enttäuschung verzehrt. Dann blieb er stehen, wandte betrübt den Kopf, blickte zurück, setzte sich wieder in Bewegung, das Kinn auf die Brust gedrückt, und jetzt kamen ihm die Tränen. Er schwankte traftlos zwischen den Stangen, der Rickschaw folgte seinen Bewegungen, ungeschickt, aber getreulich wie ein elender Wagen, der seinen Herrn trösten will. Fo schwankte wie ein Betrunkener durch die Straßen und erleichterte sein verbrühtes Herz durch Tränen. Wie immer, wenn er weinte, wurde er hungrig, und das rettete ihn. Er war bis ins Chinesenviertel gekommen, und dort kaufte er sich für seine letzte Kupfermünze einen halben Meter grünes Zuckerrohr. Er setzte sich auf seinen Wagen und begann sich mit dem Zuckerrohr in den Mundwinkeln zu stochern, nagte es von einem Ende ab wie ein Schaf, das einen Kohlstock beknappert, saß mit leerer Miene und verweinten, ausgelöschten Augen und faute, als wolle er alle Welt auffressen. Als der Saft ihm zu schmecken begann, wurden ihm die Augen wieder feucht, und ein Schluchzen rüttelte seine Brust, aber dann ergab er sich und aß dankbar, wurde ruhig und begann seinen traurigen Gedanken nachzuhängen, während das Zuckerrohr kürzer und kürzer wurde, ebenso wie sein verfehltes Leben. Weshalb hatte Fo kein Glück gehabt, warum war er allein von der ganzen Schar, die vor zwanzig Jahren aus China kam und den Wettlauf begann und vorwärts tam, auf dem Wege zurückgeblieben? Weshalb besaß er noch heutigentags nichts, nicht einmal Obdach, weshalb war er langsam aber unabwendbar Nummer zwei geworden, und dann Nummer drei und jetzt der letzte bei dem Wettlauf des Lebens in der roten Wüste der Singapurwege? Ach, wohl aus demselben Grunde, weswegen er jetzt hier saß und über den Wohlgeschmack des Zuckerrohrs weinte, bis in die Seele hinein von Dankbarkeit gerührt über den Reichtum und die Freigebigkeit, die das Mark des Zuckerrohrs barg. Anstatt es den Schweinen vorzuwerfen und aufzustehen und vor den Türen der Reichen shaw shaw zu brüllen, bis man ihm in den Hals hinNr. 25 untersah und Ansteckung von ihm befürchtete und ihn als Teilhaber eines Bordells aufnahm! Fo hatte sich nie auf seinen Vorteil verstanden. Er eignete sich nicht für die obere Klasse, er war ein Gefühlsmensch. Ja, das war's, er hatte zu viel Herz, seine Gefühle gingen immer mit ihm durch. Dies vermochte Fo sich natür lich nicht durch Selbstüberlegung flarzumachen, aber der Sinn schwebte ihm wie ein unersetzbarer Kummer vor, weil er nicht die Fähigkeit oder den Willen gehabt hatte, andere Leute zu hunzen und sie als Reitpferd zu benußen, wenn sie ihm in einem schwachen Augenblick Freundlichkeit erwiesen hatten. Auf diese Weise tamen andere Chinesen vorwärts. Fo verstand sich nicht darauf, und das war sein Unglückt. Er liebte den Genuß, und der Genuß des Augenblicks ist zu teuer. Sich beherrschen und für später sparen, das verstand er nicht. Wie zum Beispiel heute vormittag, als er Ling Chang übel zurichtete, das hatte er getan, weil sein Herz mit ihm durchging, das geschah aus einer Gefühlsinnigkeit heraus, deren Folgen er nicht berechnete. Er hätte als nüchterner Chinese heimlich den Giftzahn einer Kobra in Ling Changs Hutriemen stecken oder ihm jahrelang Dienste erweisen sollen, um schließlich den Augenblick zu erleben, in dem er ihn in einen Brunnen stoßen fonnte. Aber wie gesagt, sein Herz ging mit ihm durch; so war es und so blieb es. Fo war ein Genußmensch, das isolierte ihn, das ließ ihn in Armut leben. Er war ein Esser und ein Beschauer, er liebte das Leben im kleinen Stil. In früheren Jahren war er auch glücklich gewesen; viel zu froh mit nichts, hatte er sich manch liebes Mal wie ein Gott in der Genügsamkeit gefühlt; bei solchen Gelegenheiten distanzierten ihn die anderen. Während der guten Jahre, als er noch ein Schnelläufer von Rang war, so daß er gut verdiente, war er auch nicht so allein und obdachlos gewesen wie jetzt. Da hatte er ein Loch gehabt, das er hinter sich zuschließen konnte, in einem der großen Chinesenbienenkörbe in der South Water Street, und hier wurde er jeden Abend von einer zahmen Ente empfangen, die viele Jahre sein Glück ausmachte, bis auch hier sein Gefühl ihn einsam machte, indem er ihr einst in zärtlicher Raserei den Hals umdrehte. Seitdem war Fo allein. Und jetzt war er alt und litt Not. Aber das Zuckerrohr schmeckte doch nach dem Überfluß der Welt, und für diesmal war er satt. Jeßt, als seine Adern von Ernäh rung schwollen, empfand er den Sonnenbrand nicht mehr als eine Plage; er empfand ihn als das, was er war, Wärme in gutem Glauben, wenn auch etwas reichlich viel des Guten. Ja ja. Man mußte sich durchschlagen. Jedenfalls so lange, bis man das Geld für einen Sarg zusammengespart hatte. Fo erfaßte die Stangen seines Rickschaws und machte sich wieder auf den Weg, er stieß recht gefaßt auf, die letzte Faser des Zuckerrohrs saß ihm noch behaglich im Mundwinkel. Er meinte, daß es das beste sei, zum Botanischen Garten zu pilgern; vielleicht fand sich irgend ein weißer Fremder, der zur Stadt zurückgefahren werden wollte. Wer weiß, vielleicht ein netter, liebenswürdiger Mensch, deren es doch auch hin und wieder einen gab. Dann kam es darauf an, seiner nicht froh zu sein und ihn zu schonen, sondern im Gegenteil die vierfache Tage zu verlangen und hochfahrend auf seinem Rechte zu bestehen oder lange Krokodiltränen zu weinen, je nach Umständen, bis der Einfaltspinsel darauf reinfiel. Noch war es wohl nicht zu spät, seinen Charakter zu verbessern. Und dann immer so weiter. Fo zog seinen Rickschaw den steilen Weg hinauf, bei den Eiswerken vorbei und weiter hinauf zu den Gärten, wo die vornehmen Bungalows der Europäer zwischen Palmen und Mangobäumen lagen. An einer Stelle rechts vom Wege war das Terrain nicht bebaut, und hier gleich neben dem Graben stand ein einsamer Riesenbaum, in dessen Schatten gewöhnlich eine Gruppe ruhender Rickschawfulis zu liegen pflegte. So auch heute. Einige aßen bei einem umherziehenden chinesischen Restaurateur kleine Fleischstückchen in Cayenne, die auf Wurstspieße gezogen und an Ort und Stelle glühend heiß geröstet wurden, verfaulte, getrocknete Fische, und was der Mann sonst Leckeres hatte; einer saß, die Augen vor Wohlbehagen zugedrückt, bei dem ambulanten Barbier und wurde tief im Ohrloch mit einem langen, dünnen Ohrlöffel behandelt. Andere rauchten oder lagen und schliefen, mit dem Kopf im Rickschaw und mit den Beinen draußen; es war allgemeine Siesta. Draußen im Sonnenbrand, mitten auf dem Wege, gingen zwei schwarzbraune Hindus und hackten in dem Staube die harte Kiespflasterung auf. Etwas weiter entfernt führte ein malaiischer Polizist seine Würde in Khatiuniform spazieren, mit den Orden geschmückt und mit nackten, behaarten Beinen samt Säbel. Sonst tiefe Stille in der Mittagshite. ( Schluß folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.