Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 4 0 O O O O O O O ooooooo o 1912 。。。 Beilage zur Gleichheit o Inhaltsverzeichnis: In Erwartung. Von Johann Gottfried Seume. Zur Psychologie der Frauen. I. Von Edmund Fischer.- Soll man bei offenem Fenster schlafen? Von th. Für die Hausfrau. Feuilleton: Utfu. Von Willy Seidel. In Erwartung. Don Johann Gottfried Seume. Vernunft, wann wirst du einst die wahre Freiheit setzen. Vor welcher Recht und Ordnung geht? Die kein Tribun, kein fürst, kein Bonze zu verlegen Sich frevelnd untersteht? Erwärme du mein Herz, des Lebens Götterflamme, Die tief durch meine Seele glüht, Daß nicht mein Auge kalt rund um sich her verdamme, Wenn es die Greuel sieht; Daß Kleinmut nicht und Angst zuletzt mich niederziehen, Wenn höhnend Druck und Willkür siegt, Wenn weit, weit aufgerollt, wohin die Blicke fliehen, Die Sündenmappe liegt. Bleib, Genius, damit uns nicht die Hoffnung schwinde, Die über der Ruine schwebt, Daß bald die Menschheit sich aus der Geburtsangst winde, In der sie jetzo bebt. 000 Zur Psychologie der Frauen. I. In der Verteidigung des weiblichen Geschlechts gegen ungerechte und voreilige Urteile und in der Forderung voller politischer und gesellschaftlicher Gleichberechtigung behaupteten in früheren Zeiten bürgerliche Frauenrechtlerinnen irrigerweise, Mann und Weib seien ihrem geistigen Wesen nach vollkommen gleich. Diese unhaltbare Auffassung hat in der proletarischen Frauenbewegung niemals einen Widerhall gefunden. Die proletarische Frauenbewegung ist von Anfang an ein Glied in der sozialistischen Bewegung gewesen, die sich von ihrem Ursprung an grundsätzlich zu der Gleichberechtigung der Geschlechter bekannt hat und in der Männer und Frauen einen gemeinsamen Kampf führen gegen die kapitalistische Ausbeutung und die Klassenherrschaft der Besitzenden männlichen wie weiblichen Geschlechts und für ein gemeinsames Ziel: die sozialistische Gesellschaftsordnung. Die bürgerlichen Frauen dagegent wollen lediglich die Vorrechtsstellung des männlichen Geschlechts beseitigen und im letzten Grunde die Privilegien der Männer ihrer eigenen Stlasse erringen, deshalb erhält ihre Bewegung so leicht einen ,, männerfeindlichen" Beigeschmack, deshalb wird aber auch gerade im Kampfe um die Forderungen der Frauenrechte so viel um die Eigenschaften und Fähigkeiten von Mann und Weib gestritten. Die proletarischen Frauen hatten niemals nötig, ihre Fähigkeiten abstrakt, in der Theorie zu beweisen. Seit langer Zeit stehen sie wie die Männer praktisch im Berufsleben, und die proletarischen Männer sind ihrerseits im allgemeinen von allen„ höheren" Berufen und den meisten höheren Ämtern ebenso ausgeschlossen wie die Proletarierinnen. In den Reihen der proletarischen Frauen braucht mithin auch für die Wahrung der weiblichen Eigenart" nicht besonders eine Lanze gebrochen zu werden. Diese Eigenart ist nicht geleugnet worden und wird nicht angefochten. Wenn sie jetzt in der bürgerlichen Frauenbewegung so laut und bis zum überdruß betont wird, so soll das nur den Eindruck der früheren Entgleisungen verwischen. " Von keiner Seite wird heute mehr bestritten, daß die seelischen Eigenschaften der Frauen von denen der Männer verschieden sind, womit ja nicht gesagt ist, daß sie minderwertiger seien. Wird aber ein psychischer Unterschied der Geschlechter anerkannt, so ist es zweifellos auch von nicht geringem Werte, uns über das Wesen dieses Unterschieds Marheit zu verschaffen. Es liegt bereits eine große Literatur über diese Frage vor. Die meisten der bisher erschienenen Bücher beschäftigen sich jedoch nur mit allgemeinen Beobachtungen und Betrachtungen, die oft nichts als gehaltlose Redens arten sind. Die Psyche des weiblichen Geschlechts wird meist er= örtert in Verbindung mit umlämpften Forderungen, wie die des Frauenwahlrechts, des Frauenstudiums, der Eignung der Frau für öffentliche Amter usw. Ein hervorragender Psychologe von Fach, Dr. G. Heymans, Professor an der Universität Groningen, hat im Gegensatz zu solcher Behandlung eine Analyse( Bergliederung) der Frauenseele in streng wissenschaftlicher Weise versucht. Das Ergebnis seiner Arbeit ist als dritter Band der von Ebbinghausen und Neumann Herausgegebenen Psychologie in Einzeldarstellungen erschienen. Die Untersuchungen des holländischen Gelehrten sind frei von jedweder Tendenz; sie halten sich streng an die Ergebnisse der angestellten Experimente und an die psychologischen Gesetze. Professor Heymans anerkennt aber auch selbst, daß wir auf dem von ihm untersuchten Gebiet noch sehr wenig wissen. Er will daher auch nur einen Beitrag und kein abschließendes Urteil über die Frauenpsychologie geben, und zwar in der ehrlichen Hoffnung, wie er im Vorwort sagt, daß sein Buch sehr bald als durchweg veraltet erscheinen möge". Diese wohltuende Bescheidenheit und Selbstkritik läßt es geboten erscheinen, über die Anschauurgen des Forschers lediglich zu berichten und mit ihm auf bessere und vollkommenere Ergebnisse weiterer Untersuchungen zu warten. Vom geistigen Wesen der Frau gibt es selbstverständlich keine Dar stellung, die für alle Frauen gelten könnte. Die geistige Eigenart des Weibes weist ebenso große Unterschiede auf wie die des Mannes. Es verhält sich in dieser Hinsicht genau wie mit dem Körperlichen. Wenn zum Beispiel gesagt wird, daß die Frauen kleiner sind als die Männer, so folgt daraus noch keineswegs, daß alle Frauen klein und alle Männer groß sind. Es gibt Frauen, die eine Körperlänge bis zu 230 Zentimeter erreichen, während einzelne Männer nicht mehr als 90 bis 100 Zentimeter messen. Wohl aber ist es richtig, daß die durchschnittliche Länge der Männer mit 170 Zentimeter diejenige der Frauen mit 150 Zentimeter überragt. Ebenso stimmt es, daß die längsten Männer mit 250 Zentimeter die längsten Frauen an Wuchs übertreffen, die mur 230 Zentimeter hoch waren, und daß die kleinsten Frauen mit 70 Zentimeter kleiner als die kleinsten Männer mit 90 Zentimeter waren. Endlich steht fest, daß für jede beliebige Störperlänge die Anzahl der Männer, die diese überschreiten, größer ist als die Anzahl der Frauen, von denen das gleiche gesagt werden kann. So aber liegen auch die Verhältnisse in bezug auf psychische Unterschiede der Geschlechter. Wenn also den Frauen eine stärkere Emotionalität( Gefühlserregung) zugesprochen wird wie den Männern, so soll damit nicht geleugnet werden, daß es leicht erregbare Männer und fühl überlegende Frauen gibt. Diese Behauptung besagt vielmehr nur, daß die durchschnittliche Frau in höherem Maße als der durchschnittliche Mann für starke Gefühle empfänglich ist. Diese Sachlage zu durchschauen und sich stets gegenwärtig zu halten, ist nach Heymans sowohl für die Theorie wie für die Praxis von höchster Wichtigkeit. Er betont, daß die Frau" wie„ der Mann" keine Abstraktion vorstellt, sondern einen Durch schnitt. Der Gelehrte anerkennt demnach, daß eine bestimmte Frau sehr wohl in einigen oder sogar in allen Punkten dem Durchschnittsmann psychisch näher stehen kann als der Durchschnittsfrau. In Sachen der psychischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern würde also die richtige Formulierung nicht lauten: die Frau hat oder die Frauen haben die Eigenschaft A, sondern nur: die Frauen haben durchschnittlich die Eigenschaft A in höherem Grade als die Männer. Mit dieser Begrenzung müssen alle nachfolgenden Ausführungen aufgefaßt werden. Eine Analyse der Frauenseele kann nur vorgenommen werden auf Grund von Merkmalen, die durch Beobachtungen, aus Biographien, Sprichwörtern, vor allem aber aus Enqueten, Umfragen gewonnen worden sind. Heymans stüßt sich bei seiner Untersuchung vor allem auf das Ergebnis von Enqueten, die durch ihn und von anderen in verschiedenen Ländern aufgestellt worden sind und sich auf Tausende von Männern, Frauen, Knaben und Mädchen jeden Alters erstrecken. Das so erhaltene Material ist natürlich sehr unzulänglich. Aber was aus ihm festgestellt wurde, sind Eigenschaften der Frauenpsyche, deren bisheriges und augenblickliches Vorhandensein nicht bestritten, sondern fast allgemein zugegeben wird. Aller* Die Psychologie der Frauen. Von G. Heymans. Karl Winters Universitätsbuchhandlung, Heidelberg. 44 14 Für unsere Mütter und Bausfrauen tings drängt sich dabei eine Frage auf: Haben wir in diesen Eigenschaften Geschlechtsanlagen vor uns, die von der Erblichkeit, ten wirtschaftlichen, sozialen und allgemeinen kulturellen Zuständen, also auch der Klassenlage unabhängig sind, oder erklärt sich das Wesentlichste der weiblichen Psyche aus den Stulturverhältnissen und ist daher Änderungen unterworfen? Mit anderen Worten: Was ist von der Natur gegeben und was im Laufe der Geschichte durch die Kultur erworben? Hierüber läßt sich kaum Bestimmtes sagen, denn die beiden Einflußreihen sind nicht ohne Berührung nebeneinander hergelaufen, es hat Wechselwirkung, es haben Berührungen statt gefunden. Nach der Untersuchung Heymans über die Frauenseele hängt die große Mehrzahl der charakteristischen weiblichen Eigenschaften aufs engste mit einer Grundeigenschaft zusammen, nämlich mit der Emotionalität( Gefühlserregung). Wir finden diese Grundeigenschaft ebensowohl bei emotionellen( leicht erregbaren) Männern wie bei emotionellen Frauen in einer Stärke, die mehr als durchschnittlich ist. Um das Wesentlichste der weiblichen Psyche als Niederschlag der Kulturverhältnisse erklären zu können, müßte man zu beweisen versuchen, daß die ihr durchschnittlich eigene größere Gefühlserregung durch die Stulturzustände erzeugt wurde. Ein solcher Beweis dürfte faum möglich sein. Es ist aber auch nach Heymans viel wahrscheinlicher, daß sich die größere Emotionalität aus der Matur des Weibes erklärt. über die größere Emotionalität der Frauen herrscht in der Psycholoaie der Geschlechter völlige übereinstimmung. Die Gefühlserregungen beeinflussen die gesamte Psyche, weil sie für den gegebenen Augenblick zu einer Verengung des Bewußtseins führen. Die psychologischen und psychopathologischen Untersuchungen der lezten Jahrzehnte haben den nachstehenden Tatbestand dargetan. Der jedem einzelnen Menschen in einem beliebigen Augenblick gegebene Bewußtseinsinhalt ist stets als ein Ausschnitt aus cinem viel umfassenderen, wesentlich gleichartigen Ganzen aufzufassen, das von der gleichen Gesetzlichkeit beherrscht wird. Es muß also angenommen werden, daß für jeden Menschen neben dem ihm Bewußten ein ihm Unbewußtes vorhanden ist, das zu jenem ihm Bewußten in enger Beziehung steht, dergestalt, daß die Bestandteile des Unbewußten jeden Augenblick unter günstigen Bedingungen dem Menschen bewußt werden können. So verursacht etwa der Druck unserer Kleider oder das Ticken der Zimmeruhr in unferent Hirn Vorgänge und Eindrücke, die unter gewöhnlichen Umständen sich dem Bewußtsein in feiner Weise unmittelbar bemerklich machen. Es genügt aber, daß wir den Kleidern, der Ihr die Aufmerksamkeit zuwenden oder auch daß andere, mehr die Aufmerksamfeit in Anspruch nehmende Umstände im Inhalt unseres Bewußtseins einfach in Wegfall kommen, unt sofort die empfangenen umbewußten Eindrücke als Druck- beziehungsweise Schallempfindungen zur Wahrnehmung zu bringen. Nicht anders verhält es sich mit den Kenntnissen, die wir im Verlauf unseres Lebens uns erwerben, sowie mit den Erinnerungen, die in unserem Gedächtnis aufgespeichert liegen. Der weitaus größte Teil davon ist uns in cinem beliebigen Augenblick nicht bewußt; unter günstigen Bedingungen aber, wenn wir diese Kenntnisse und Erinnerungen etwa brauchen, treten sie ins Bewußtsein, und auch ohne daß dies der Fall ist, beeinflussen sie unverkennbar unser Vorstellen, Fühlen und Denken. Diese uns nicht bewußten Vorgänge in unserem Hirn unterliegen aber sowohl in ihrem Entstehen als in ihrem Wirken genau den nämlichen Gesetzen, wie die im Bewußtsein gegebenen. Jene uns unbewußten Prozesse werden also ebenfalls durch Zuwendung der Aufmerksamkeit, Wegfall störender Reize zu bewußten Empfindungen. Es ist aber auch eine bekannte Tatsache, daß im Leben des einzelnen der Umfang des Bewußtseins in hohem Grade von der Gemütslage abhängig ist. Starke Gefühle haben ausnahmslos die Tendenz, das Bewußtsein zeitweilig einzuengen, es gegen andere Empfindungen und Wahrnehmungen abzuschließen. Sie machen„ blind", wie ter Volksmund sagt. Der Zornige überhört, was um ihn oder gar zu ihm gesprochen wird. Aus diesem Zusammenhang der Dinge ergibt sich eine Schlußfolgerung. Emotionelle, das heißt für Gefühleerregungen sehr zugängliche Naturen werden sich auch durchgängig durch einen höheren Bewußtseinsgrad, aber geringeren Bewußtseinsumfang auszeichnen. Die größere Emotionalität verschafft demnach den Frauen eine raschere Auffassung, weil ihre volle Aufmerksamkeit auf ganz bestimmte Dinge gerichtet wird, die zuerst in die Erscheinung getreten sind oder am meisten dem emotionellen Bedürfnis entsprechen. Allein diese Grundeigenschaft drängt auch ein gleichzeitiges Denken an andere Dinge mehr zurück, die etwa mit dem Gegenstand in Verbindung stehen. Auf der Grundlage der stärkeren Emotionalität soll sich nach Heymans die Frauenpsyche entwickeln. Wir werden uns damit in einem zweiten Artifel beschäftigen. Edmund Fischer. Soll man bei offenem Fenster schlafen? Nr. 4 Was Speise und Trank für den Magen, das ist reine Luft für die Lunge; was Gift für jenen, das ist verdorbene Luft für diese. Tausende und aber Tausende vergiften fich täglich ihre Lunge und damit ihr Blut und ihren ganzen Organismus durch Einatmen von verdorbener Luft. Daher die ungeheure Verbreitung aller Arten von Lungenkrankheiten, vom einfachen Spizenkatarrh bis zur Lungenschwindsucht, ganz abgesehen von dem vielen Siechtum, das sich nicht auf die Lunge beschränkt, sondern von dort aus den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht. Es sind nicht nur Fabrit- und Geschäftsräume, in denen die Proletarier häufig gezwungen sind, verpestete Luft einzuatmen. Leider bilden oft gerade die wichtigsten Räume der Wohnungen gefährliche Lufthöllen, nämlich die Schlafzimmer. Wer das nicht glaubt, mache einmal frühmorgens einen Rundgang und überrasche seine Bekannten noch im Bett oder im Schlafzimmer, bevor die Fenster geöffnet sind. Da dringt einem ein so widriger Dunst entgegen, daß man den Atem anhält. Und in dieser Atmosphäre bringen Leute täglich ungefähr acht Stunden lang zu, also den dritten Teil ihres ganzen Lebens. Ist es da ein Wunder, wenn sie morgens mit trägen Gliedern und trüben Sinnen erwachen, wenn es ihnen, wie Blei in den Gliedern liegt"? Wodurch wird die Luft gerade in den Schlafzimmern so verdorben? Zunächst fällt in der Nacht jene bedeutende Lüftung weg, die am Tage in Wohnräumen stattfindet durch das gelegentliche Öffnen des Fensters beim Hinausschauen und durch das weite Auf machen der Türe beim Aus- und Eingehen. Ferner ist wissenschaftlich erwiesen, daß wir im Schlafe weit mehr Sauerstoff einatmen und mehr Kohlensäure ausscheiden als im wachen Zustand. Die im Schlafzimmer befindliche wahre Lebensluft, der Sauerstoff, wird also schneller verbraucht und der giftigste Bestandteil, die Kohlensäure, fortwährend in reichlicherem Maße der Luft beigemischt, die nachher wieder eingeatmet werden muß. Jeder einzelne erwachsene Schläfer scheidet während der Nacht ungefähr 300 Liter Kohlensäure nebst Wasserdampf aus, dazu noch mehr oder weniger riechender Ausdünstungen. Die dadurch verpestete Luft wird im geschlossenen Zimmer die ganze Nacht hindurch immer von neuem ein- und aus= geatmet, so daß die Schläfer den Atmungsorganen eigentlich nur ihren und ihrer Mitschläfer Lungenschmutz darbieten. Wie können wir die Entstehung solcher verpesteten Zimmerlust verhindern? Einzig und allein durch fortwährende Lüftung während der ganzen Nacht. Am schwierigsten ist diese im Winter, weil dann mit der frischen Luft durch das geöffnete Fenster zugleich Stälte eindringt. Diese ist nun zwar für gesunde Personen an und für sich nicht schädlich, denn wir können uns im Bett durch mehrfache Bedeckung schützen, aber die Kälte darf nicht so stark sein, daß der ausgeatmete Wafferdampf fich an den Wänden niederschlägt, weil die dadurch entstehende Feuchtigkeit ungefund ist. Wir sollen fühl und luftig, aber nicht eiskalt schlafen; sich mit letterem zu brüsten, wie manche zu tun pflegen, ist eine Torheit. Im Winter ist es daher am besten, das Schlafzimmer eine Stunde vor dem Zubettegehen zu heizen und während der Nacht den oberen Fensterflügel ein wenig offen zu halten. Damit das Fenster in der gewünschten Stellung verharrt und nicht durch Zuklappen stört, flemmt man in den Spalt Kork oder Holz und bindet den Fenstergriff( Haken) fest. Bei Vorfenstern öffnet man außen unten und innen oben je einen Flügel. Darauf wird die Gardine vorgezogen, damit weder Wind den Schläfer unmittelbar trifft, noch das Mondlicht ihn belästigt. Hat man imt Schlafzimmer feinen Ofen oder kann man dort aus aufgezwungener Sparsamkeit nicht heizen, so lasse man die Tür zum erivärmten Nebenzimmer weit auf und unterhalte in diesem die beschriebene Fensterventilation. Auf jeden Fall muß auch im Winter die verdorbene Binnenluft fortwährend durch reine Außenluft genügend erneuert werden. Denn es ist ein lächerlicher Muhmenklatsch, daß die Nachtluft schädlich sei. Die Schauergeschichten, die von Erkrankungen nach Einatmen der Nachtluft erzählt werden, sind weiter nichts als törichte Ammemnärchen. Nachtluft ist vielmehr, abgesehen von sehr sumpfigen Gegenden, viel reiner und gesünder als Tagestuft, namentlich in den Städten. Am Tage wird der Straßenstaub mit all seinen Unreinigkeiten immer wieder aufgewirbelt von Fußgängern, Tieren und Wagen; die Ausdünstungen von Menschen und Vieh steigen von der Straße zu unseren Fenstern empor; Kraftfahrzeuge, Fabriken, Gewerbebetriebe, Schornsteine erfüllen die Atmosphäre mit einer Unmenge von Dünsten, Gasen und Verbrennungspro= duften; dies alles fällt in der Nacht fast ganz fort. Daher ist die Nachtluft entschieden viel reiner und gesünder. Weit einfacher als im Winter ist es in der warmen Jahreszeit, eine genügende Ventilation herzustellen. Da öffnet man im Schlaf Nr. 4 Für unfere Mütter und Hausfrauen zimmer mindestens die oberen Fensterflügel und zieht die Gardine vor. Das Bett soll nie, weder Sommers noch Winters, dicht am Fenster stehen. Besonders für die kleinen Kinder ist im Sommer das Schlafen bei offenem Fenster sehr nötig. Leider werden sie sogar in der heißen Jahreszeit oft mit dicken Federbetten zugedeckt, fangen an zu schwitzen und strampeln sich bloß. Daß dann bei der schweißig- feuchten Haut sehr leicht Erfältung( Brechdurchfall) eintritt, ist ganz natürlich. Vollständig unbeschadet dagegen ruht das Kindlein in einem angenehm fühlen Zimmer, welches durch die gleichmäßig eindringende frische Luft stets auf normaler Tempe • ratur erhalten bleibt. Ganz besonders heilsam wirkt die frische Nachtluft bei allen Schwachbrüftigen, Lungenkranken, Bleichsüchtigen, Asthmatikern und an Schlaflosigkeit Leidenden. Diese müssen auf stärkste Ventilation des Schlafzimmers halten und sich bei kalter Witterung Unterkleidung anziehen Wer sich überhaupt eines wirklich gefunden, erquickenden Schlafes erfreuen will, der für jeden Mensheit überaus wichtig, für seine Schaffensluft und Arbeitskraft durchaus nötig ist, der sorge Winter und Sommer für ständige Lufterneuerung durch ein entsprechend geöffnetes Fenster! th. O O O Für die Hausfrau. Modernes Kleid mit faltigem Rock. Die faltige Rockform, die uns von der Mode beschert worden ist, setzt sich immer mehr durch als Reaktion gegen die ganz engen, spannenden, glatten Röcke. Es wird nicht an Genossinnen fehlen, die mit der neuen Mode gehen wollen. Wenn man sich von übertreibungen frei hält, so fann der faltige Rock recht geschmackvoll wirken. Unser Modell zeigt ein Kleid im Empireſtil mit faltigem Rod und zeichnet sich durch einfache, schöne Linien aus. Die Bluse wird 3 bis 4 Zentimeter kürzer geschnitten, als das eigentliche Maß bis zur Taille beträgt. Der Vorderschluß ist schräg und wird mit einem Chif fonplissee oder mit Spitzen ver ziert, die oben unter dem Robes= pierrefragen hervortreten. Der Armelausschnitt muß, um modern zu sein, tief gehen und durch eine Stante, ein aufgefteppies Börtchen oderStüffchen markiert werden. Die Falten des Rockvorderteils werden an der Figur selbst aufgesteckt, so daß sie von den Hüften schön abfallen und deren Linie nicht beeinträchtigen. Die obere Schlußlinie des Rodes läuft im Vorderteil an der Bluse von rechts nach links unter den Bandgürtel Ober u. Unterarmel ohne Teilnaht BlusenVorderbahn Halber Hälfte der Vorder- Rockbahn Kragen Halber Blusen Rücken Ganze Hinter Rockbahn 15 wagrecht weiter bis zur hinteren Rockbahn, deren linke tiefe Falte den Rockschluß verdeckt. Der Rock wird an der Schlußlinie durch Druckfnöpfe an der Bluse befestigt. Die Falten können nach Geschmad und Figur an beiden Seiten oder auch nur an einer hochgenommen werden. Der Rock muß, soweit das der Seitenschluß zuläßt, an der Bluse festgenäht werden. Für starte Figuren ist eine angepaßte untere Grundform aus Futterstoff notwendig. Für das einfache, aber geschmadvolle Kleid braucht man: 4 Meter metallgraues Tuch, 12 Meter weiße oder cremefarbene Spitzen, 4 Meter Seide oder Batist zu Kragen und Aufschlägen in der gleichen Farbe, 3 Meter schwarzes oder dunkelmetallgraues Sammetband. Die Schnitte für Rock und Bluse werden gegen Einsendung von 50 Pf. für jeden durch die ReN. R. J. daktion der„ Gleichheit" vermittelt. Ein vorzügliches Fleckwasser, das von Schneidern vielfach zum Reinigen von Herrengarderobe verwendet wird, stellt man her, indem man ein Drittel Seifenspiritus, ein Drittel Ather und ein Drittel Salmiatgeist miteinander mischt. Ather ist sehr feuergefährlich, deshalb Vorsicht! Beim Gebrauch verdünnt man etwas von der Mischung mit der gleichen Menge kochenden Wassers, legt das zu reinigende Zeug auf eine Unterlage von sauberen Tüchern, iaucht einen reinen wollenen Lappen von der Farbe des Stoffes, falls es sich um eine empfindliche Farbe handelt, in die Flüssigkeit und reibt die Flecken unter wiederholtem Anfeuchten heraus.. Nachher hängt man das Kleidungsstück auf einem Bügel an die Luft, bis es trocken ist. Auch unsauber gewordene Kragen von Herrenröden und mänteln lassen sich mit diesem Fleckwasser leicht und gründlich säubern. M. Kt, Feuilleton Utku. * Von Willy Seibel. J. Der Schwiegersohn Utkus, des Korjäken, war eines Tages verunglückt, und die Tochter Utkus fieberte im Kindbett. Da der Stamm nicht am Drte verweilen durfte und Matka bei jeder Berührung flagte, tötete man sie und hätte auch das Kind mit ihr zusammen begraben, wenn nicht Utku so mächtig gewesen wäre. Er besaß eine Herde von fünftausend Ren, war trotz seiner siebzig Jahre zäh und behende und legte seine Hand auf das hilflose Wesen. So ließ man es in Utkus Jurte; und Utku betreute es. Der Stamm pendelte schon jahrhundertelang zwischen dem 58. und 63. Breitengrad im Norden Kamtschattas auf den grenzenlosen Tundren hin und her. So waren die Leute ein Spielball widrigster Gewalten, stumpf und verwittert; ihr Heimatslaut war das unaufhör liche Trampeln zottiger Hufe, das weiche Gegröhl qualmender Mäuler und Klappern von Geweihstangen; ihr heimatlicher Duft lam vom Dung ihrer Tiere und vom Brodem ihrer Jurten. Es war ein altes Volf; alt wie die Welt. Utfu, der Angesehenfte unter diesen fünfhundert Seelen, war einsam und ohne Verwandten; er hatte alles miterlitten; hatte ererbten Reichtum, Pelze, Schlitten, bemalte Häute und sechs Kessel. In den Pologs seiner Jurie hielt er Schäße versteckt; Waffen, in Petropawlowst gegen Zobelfelle eingetauscht; einen Topf voll Rubel und einen Rasiernapf, dessen Bedeutung ihm verborgen war und den er in Ehren hielt. Auch silberne Rosenkränze waren darunter mit großen Bernsteinfugeln, Spiegel und seidene Tücher, sogar ein scharlach; rotes Uniformstück, das Alerander I. für einen Führerdienst seinem Vater hatte überweisen lassen. Dies alles lag aufeinander gestapelt hinter dichten Schußwänden bemalter Häute und stand hoch im Preise. Als Mawka, seine sechzehnjährige Tochter, von dem Schamán, dem Priester, in öffentlicher Zeremonie mit sachlichem Ritual getötet wurde, hatte der siebzigjährige Utku ihrem Tode beigewohnt und die Hand, die das Messer führte, selbst gelenkt, so daß jenes halb besimmungslose Weib eines schnellen Todes starb. Sie war damit zufrieden gewesen; aus ihrem kleinen finsteren Gesicht ließ sich ein * Aus„ Der Garten des Schuchân", Infelverlag, Leipzig. Willy Seidels Novellen stellen in frischer, farbenprächtiger Anschaulichkeit mit plastischer Kraft Bilder aus dem fernen Osten und Afrika vor uns hin. Diese Bilder sind sicher nicht am Schreibtisch ausgeflügelt, sie wirken erlebt und empfunden. Sie lassen nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen der fremden Zonen für uns lebendig werden. Und diese Menschen erfassen wir als ein Stück Natur selbst, an dem langsam und tastend eine primitive eigenartige Kultur herummodelt, wie sie erdgebunden auf dem Boden des Landes erwachsen ist. Von außen her branden bereits die Wellen der europäischen Zivilisation zerstörend und neubauend zugleich an diese Welt an. Das Bändchen ist Bibliotheken zu empfehlen, die auf bildende und anregende gute Interhaltungslektüre Wert legen. 16 Für unsere Mütter und Hausfrauen dumpfes Einverständnis mit dem Ende lesen: das Einverständnis von vielen Generationen ihrer Stammschwestern, die dem Priestermesser ein Leben voll Stumpfheit und tierischer Schwermut geopfert hatten. Alsdann, während das gurgelnde Geschrei und das Dröhnen der Trommeln ihn verfolgte, hatte er den Kreis verlassen, sich zu den Renntieren gesetzt und das sind mit Milch genährt, wie eine Mutter besorgt und ohne Erregung, mur ein wenig matt, als ob er gefastet habe. Dann war er in seiner Jurte verschwunden und hatte sie erst verlassen, als man weiterzog. Die Tundra war im Umkreis vieler Meilen abgeäst, und man wollte die Zelte bei den Bergen bauen, weiter im Süden. Denn der Herbst neigte sich allgemach. Man hatte noch keinen Schnee verspürt; hatte, als der Wind ein wenig in Nordost umsprang, zwanzig Hunde geopfert, ihnen Grasfränze um die Hälse gewickelt und sie an Stangen aufgehängt. Die Zeit drängte; man 3og den Samankabergen entgegen, um Zobelfallen zu legen- wie seit einem Menschenalter, als die Leute, die jetzt eigene Herden trieben und Weiber besaßen, noch als freischende Knaben auf ihren Hirschen geritten famen. So ging es weiter, eine wogende, dunstige Wolfe zottiger Rücken, über denen die Jurtengerüste schwankten, von zusammengekoppelten Tieren geschleppt; eine mißtönende Lautwelle aus unzähligen Hundefehlen, wie ein Geräusch fröhlich drängenden Lebens, in einen einzigen rauhen Ton gepreßt. Das Opfer war nicht umsonst gebracht, denn in diesem Jahre, da Utku seine Hand auf das hilflose Enkelfind legte, war der Herbst noch bis in den September voll blau flimmernden Himmels, mit Vogelschwärmen und üppigem Tundramoos. Und als man an die südliche Streifgrenze gelangt war, verblieb man am Fuß der Berge und erwartete den Winter. Und plötzlich war er da; in einer Nacht kam er. Den Tag über war die Fernsicht seltsamt klar gewesen, bis ans Beringmeer hinüber. Auf dem Eiland Karagin hatte sich der Winter um ein weniges versäumt; er hatte sich damit vergnügt, in Brandungen zu plätschern und die ersten Eisblöcke an den Küsten zu zersplittern. Nun hatte er seine Kraft gestärkt; der Sturm aus seinen Nüstern ließ seinen Bart flattern wie Wolfenfeßen; er gürtete sich die Lenden und riß die hart knirschende Pforte der schlimmen Monate auf. Und dann sprang er mit einem Saße über den wild fochenden Wassergürtel von Kitschiginst und begann seine Steppentänze. Wie ein Raubtier überfiel er die Länderstrecken, mit einem Vortrab von Reif und erbarmungslosen Winden. Utfu spürte ihn um Mitternacht. Sein Nomadenblut hatte in den Adern geprickelt, noch bevor er sich niederlegte. Die Schnauze eines Fuchses hatte an seinen Zeltwänden geschnopert; die bösen Geister waren draußen geschäftig. Sie rannten auf Windfüßen um die Zelte und flüsterten hohl. Utku entstieg seinem Belzsad, entzündete das Moos, das in dem Seehundsöl eines Holzgefäßes schwamm, und stellte die Leiter auf, um aus dem Eingang der Jurte, dem Kamin, zu blicken. Der Wind peitschte, als er den Kopf hinausstreckte, sein gelöstes eisgraues Haar und zerrie es aus der Vielfraßboa, die dreimal um seinen Leib geschlungen war. Seine Nüstern nahmen fleine Kostproben aus der Luft: das war Schnee. Eine Säule von schwachem Licht brach aus dem Dualm, der ihn umspülte, und zitterte in der Luft gleich einer stiebenden Wand von unerschöpflich quellenden Flocken. Utku glitt zurück und nahm die Leiter sorgsam wieder herab. Der beizende Rauch hatte seine Lider mit Tränen gefüllt; er schloß sie und hantierte, blind und gelassen, in dem Raum umher. Dann setzte er sich nieder, immer noch mit geschlossenen Augen, zog alles Erreichbare um seine Schultern und begann zu grübeln. Er hatte, als er die Leiter herabhob, eine seltsame Schwäche seiner Handgelenke gespürt, eine Schwäche, derethalben er in dumpfes Erstaunen versant. Sonst hatte er beim Empfang des Winters die Flocken mit einer Art neuer Bereitschaft zu trogigem Widerstand auf den breiten Wangenknochen verspürt, hatte sich gegen die eisige Feuchtigkeit gewappnet, um einen Zoll aufrechter; aus einem gesammelten Schatz vieler zäh überwundener Winter heraus hatte er frisches Mark gewonnen und nun hatte ihn diese Schwäche angewandelt, die ihn erschreckte und ihm einige mutlose Minuten bereitete. Während er, tiefe Furchen in der Stirn, seinen spärlichen Gedanken eine unwillige Wanderschaft gewährte, dachte er plötzlich des Augenblicks, da er half, des Priesters Messer auf Mawka zu richten.... Warum er gerade jetzt daran dachte, das entzog sich ihm; denn flugs kamen die altgewohnten Bilder wieder, die sonst in seinem Hirn zu nisten pflegten; Vorstellungen, die in nichts zerflossen, wie die Steppe und ihr Horizont: wie es mit dem Winterjutter bestellt sei, ob die gelegten Fallen nicht verweht würden, oder ob da und dort, auf den russischen Niederlassungen, ein Tauschprofitchen fich machen ließe.... Nach einiger Zeit machten die müden, schwerfälligen Gedanken Halt und starben ab. Utku schlief wiederum. Nr. 4 Draußen war ein grobes Sausen, gleichsam ein Lärm von Floden, ein unablässiges Prasseln gegen die schwankenden Häute. Ein monotoner Singsang von Wind, ein steter Wirbel von haarfeinen Stristallen erfüllte den Raum. Das Feuer blatte und schickte seinen schwarzen Qualm an den Wänden entlang und doch, trotz Wind und Geächz, war eine Totenstille unter dem allem, die Stimme von Utfus stumpfem Schlaf, der mit pfeifenden Atemzügen die Stunden zerbröckeln ließ. Auf einmal ertönte ein heller, feiner Schrei, der in ein ersticies, hilfloses Husten überging. Utku öffnete seine schiefgeschnittenen Lider und blinzelte in den schwach erhellten Raum, ohne sich zu rühren. Das Husten wurde hoch und zornig, und dann machte es einem leisen Gewimmer Platz. Es kam aus einem Berg von Pelzen und gehörte Jamut, Utfus Entelfind. Dieses Wesen war kaum sichtbar; nur sein runder Kopf stand heraus. Es arbeitete sich in seiner Atemnot unter den Häuten hervor, mit kleinen gelben Fäustchen; die Augäpfel, mit brombeerschwarzen Pupillen, waren etwas hervorgetreten und schimmerten emailweiß. Der Großvater troch bedächtig herüber und blinzelte den kleinen Jamuk an, der alsbald sein Wimmern einstellte und befriedigt die Finger in den Mund bohrte. Der Sturm verstärkte sich. Er pfiff auf allen Registern und warf ganze Klumpen Schnee an die Pfosten. Und in all dem Aufruhr lag der kleine Jamuk ruhig da und fühlte sich geborgen- wenn er nicht vier Monate alt gewesen wäre, hätte er wohl einen zierlichen Dank für so viel treue Behütung abgestattet. Sein pechschwarzes Haar war wie ein kleiner Wust, ein Kissen für seinen Kopf; er sah aus wie ein Wechselbalg und mißgeschaffener Bastard und war doch nur ein mongolisches Nomadenkind, das schrie, Milch sog und sich anwärmen wollte wie irgend eines auf der weiten Erde. Und Milch bekam es, soviel in seinem elfenbeinfarbenen Bäuchlein Platz hatte; Utfu war geschäftig und sehr bedacht auf die Bedürfnisse des Kindleins. Und nachdem Jamut sich kullernd gesättigt hatte und ganz eingewickelt war, verstummte er völlig. Gleichzeitig gab es ein sprühendes Knistern, und die Schatten ballten sich herenhaft schnell zusammen. Der Moosdocht war erloschen und die Hütte tintenschwarz. Man sah nichts mehr; man hörte nur die tiefen Kehllaute Utfus. Er sang. Er saß in dieser erbarmungslosen Schlucht von Schwärze und urweltlichen Kälte, in seinen Belzen geborgen, und sang Großvaterlieder; sang den kleinen Jamuk in den Schlaf. Er schleppte eine große Last von Schwermut in diesen primitiven Versen einher und brach in einem hoffnungslosen Refrain traurig unter ihr nieder; er raffte sich wieder auf, klagte den Winter an, der das Moos vergrub, beschimpfte die Schneeteufel in hastigen Rhythmen, versöhnte die Drula, die Hundeblut leckte, mit schmeichlerischem Wohllaut und beschwor die Frostgeister in leierndem Tonfall. Alte Sagen fielen ihm ein; buddhistische Götter, von Aberglauben und allen Schrecknissen eines öden Daseinskampfes ins Riesenhafte verzerrt, grinsten ihn an, mit glanzlosen Augen, tückisch vor Einsamkeit, herz- und blutlos. Und diese Schemen besuchten zur Stunde jede Jurte, wie sie es seit Jahrhunderten getan; und die Herzen zitterten wie in der Todesstunde. Der Schnee war draußen versiegt; einen Fuß hoch hatte er die unendlichen Strecken überschüttet; nun war sein Maß erfüllt und die Wolfen erschlafften. Ein fahler Schein machte sich breit, und der eifige Nordwind lag gleichmäßig sausend in den Zeltwänden. Utfu hatte eine halbe Stunde lang geschwiegen; nun hörte er deutlich von draußen die Morgenschreie der Renniiere, ein unendliches, bald traumfernes, bald nahes Gegröhl, und vernahm aus dem Zelt des Schamán, das dem seinen gegenüberstand, das taktmäßige, dumpfe Trommeln von Füßen, das ziehende Kreischen einer Weidenflöte und Geklirr vieler Glasfetten. Das war der religiöse Akt, der die Bitte begleitete, das Flehen von vielen Menschen, von alt und jung einer heimatlosen Gemeinschaft, die kopflos wurde und doch verzweifelten Troß bewahrte: „ Der Winter ist da! Laßt ihn kommen. Wir haben unsere Herden, wir haben Hunde, warme Pologs und gedörrtes Fleisch. Wir haben Seehundsöl, Reis, Talg und geronnenes Blut, das wir backen. Wir haben Weiber und wachsame Kinder... wir sind bereit! Laßt den Winter kommen, wir fürchten ihn nicht...." Utku war müde geworden. Sein Haupt sank herunter, und die Bilder der nächtlichen Schrecknisse verließen ihn; sie wanderten als verblaßte Schatten in den Nebel, in dem die Sonne wie eine Blutlache schwamm. ( Schluß folgt.) Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe. Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. tn Stuttgart.