Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 5 o O O O O O O O Beilage zur Gleichheit oooooooo Inhaltsverzeichnis: Gewalt und Betrug. Von Leo Tolstoi. Psychologie der Frauen. II. Von Edmund Fischer. zeug und Spielmaterial. Von Toni Sußmann. Uttu. Von Willy Seidel.( Schluß.) Gewalt und Betrug. Männer 21,7 Prozent Frauen 30,7 Prozent 41,8= Zur Von SpielFeuilleton: radikal gemäßigt. konservativ . . . . 61,2= 17,1 d Im Altertum überfielen die Krieger mit ihren Führern die Einwohner eines Landes, unterwarfen sie und plünderten sie aus. Und alle teilten sich in die Beute nach dem Maße ihrer Tapferkeit und Grausamkeit, und jedem Krieger war es klar, daß die Gewalttaten, die er verübte, für ihn von Vorteil seien. Seute überfallen die bewaffneten Menschen, die hauptsächlich der Arbeiterklasse entnommen sind, wehrlose Menschen, streifende Arbeiter, Aufrührer, oder die Bewohner fremder Länder, unterwerfen sie und plündern sie, das heißt zwingen sie, den Ertrag ihrer Arbeit abzugeben. Aber das tun sie nicht für ihren eigenen Vorteil, sondern für Menschen, die nicht einmal selbst mitkämpfen. Der Unterschied zwischen den Eroberern des Altertums und den heutigen Herrschenden besteht darin: Jene Eroberer überfielen selbst mit ihren Kriegern wehrlose Menschen, und im Falle, daß diese sich widersetzten, marterten und mordeten sie selbst. Die heute Herrschenden aber bringen die Martern und Morde an wehrlosen Menschen nicht selbst zur Ausführung, sondern zwingen betrogene und eigens zu diesem Zwecke vertierte Menschen, das zu tun, Menschen, die in vielen Fällen eben dem Volke entnommen sind, das sie vergewaltigen müssen. So daß früher es noch persönlicher Anstrengungen zur Ausführung der Gewalttaten bedurfte: der Tapferkeit, Grausamkeit, Gewandtheit der Eroberer selbst; die heutigen Gewalttaten werden aber durch Betrug verübt. Leo Tolstoi in: Moderne Sklaven". O OO Zur Psychologie der Frauen. II. Die für unsere Frage in Betracht kommenden Erhebungen haben zum größten Teil Studenten und Studentinnen, auch Schüler Knaben und Mädchen in Gymnasien und Realschulen erfaßt. Ebenso wie andere angestellte Beobachtungen haben sie nach Professor Heymans ergeben, daß die Frauen eine größere Aktivität zeigen als die Männer, sie an Fleiß, praktischem Sinn, Mut, Geduld, Glaubwürdigkeit übertreffen, auch weniger ihre Pflichten vernachlässigen, seltener zerstreut, uneigennüßiger, weniger egoistisch sind. Alle diese Eigenschaften, erklärt Heymans aus der stärkeren Emotionalität des weiblichen Geschlechts. Wenn bei dem Manne irgendein Ziel im Bewußtsein auftaucht, mag es größer oder kleiner, näher oder entfernter sein sieht er meist im ersten Augenblick neben dem Für auch einiges Wider, oder er sucht doch instinktiv nach einem Gegengewicht. Es kommt dies daher, daß weder das Für noch das Wider in seinem Gefühl stark genug betont ist, um sein ganzes Bewußtsein in Anspruch zu nehmen. Bei der Frau dagegen soll beobachtet worden sein, daß häufig fast gleichzeitig mit der Vorstellung eines bestimmten Ziels auch seine entschiedene Bejahung oder Verneinung auftritt. Erst allmählich wird durch Gegengründe das anfängliche Urteil abgeschwächt oder in seiner Richtigkeit angezweifelt. Die zuerst erfaßte Seite des vorgestellten Zieles löst starke Gefühle aus und zieht dadurch die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Jene Gefühle müssen etwas nachlassen, damit auch die anderen Seiten der Sache sich im Bewußtsein Geltung verschaffen. Im Handeln des weiblichen Geschlechts soll deshalb mehr innerer Zusammenhang, mehr Trachten nach dem Ganzen zu finden sein, in dem des Mannes aber mehr Zerstückelung. In der Folge pflegen die Frauen auch in großen und in fleinen Dingen leidenschaftliche Parteigänger zu sein, fast immer sind sie mit ganzer Seele für oder gegen etwas oder jemand. Lauheit ist ihnen im allgemeinen verhaßt, und sie vertreten gern die Ansicht, daß man den Dingen„ kalt oder warm" gegenüberstehen soll. Bei einer Erhebung wurde zwar festgestellt, daß die Zahl der Frauen, denen überhaupt eine politische Richtung zugeschrieben werden konnte, bedeutend geringer als diejenige der Männer ist, von denen das galt, nämlich 342 gegen 918. Unter den So= Frauen jedoch befanden sich prozentual viel mehr Radikale zialisten, Anarchisten- und Konservative und beträchtlich weniger Gemäßigte als unter den Männern. Es waren • 27,5 : 1912 Unter den radikalen Männern befanden sich 8,9 Prozent Sozialisten oder Anarchisten, unter den radikalen Frauen aber 13,7 Prozent. Die Erhebung hatte nur Personen der gleichen Gesellschaftsklasse erfaßt. Übrigens läßt sich nach unserer Meinung gerade der starke Prozentsatz konservativer und radikaler Parteigängerinnen sehr wohl auch anders als mit den hervorgehobenen„ weiblichen" Eigenschaften erklären. Nämlich aus der sozialen Stellung des weiblichen Geschlechts. Die künstlich gezüchtete politische Gleichgültigkeit der Frau und ihr Hängen am Hergebrachten mit ihren Begleiterscheinungen geben einen guten Nährboden für konservative Gesinnung. Sind aber diese Überlebsel der Vergangenheit überwunden, so weist das Streben der erwachten Weiber nach sozialer Gleichberechtigung, nach harmonischem Menschentum auf radikale Lösungen hin. Professor Heymans schließt auf Grund der angeführten Ergebnisse weiter, daß die Frauen seltener für einen Kompromiß zu gewinnen sind. Auch soll es ihnen bei der Parteinahme für oder wider eine Sache schwerer gelingen, relatives Recht und relatives Unrecht nebeneinander in den richtigen Verhältnissen zu sehen. Das Eindrucksvollere oder zeitlich Frühere würde eben bei ihnen das weniger Eindrucksvolle oder Nachkommende aus dem Bewußtsein verdrängen. Die starken Gefühlserregungen sollen ferner einen so starken natürlichen Wesenszug der Frauen bilden, daß diese solche Erregungen wünschen und suchen. Heymans findet darin die Wurzel einer angeblichen Neigung der Frauen zum Verbotenen, die in Ibsens" Frau vom Meere" den großartigsten Ausdruck gefunden hätte, sich aber auch im Kleinsten offenbare. So zum Beispiel darin, daß viele Damen mit Vorliebe die Zollgesetze umgehen, indem sie gelegentlich zollpflichtige Gegenstände über die Grenze schmuggeln, und zwar nicht etwa des Gewinnes wegen, sondern gewissermaßen als Selbstzweck, aus Freude an der Sache. Unmittelbar äußert sich das emotionelle Bedürfnis in der Anziehung, die dramatische Szenen auf der Bühne und im Leben auf die Frauen ausüben, ferner in deren lebhaftem Interesse an sensationellen Kriminalfällen und endlich im allgemeinen darin, daß sogar entschiedene Unlustgefühle wie Mitleid, Furcht, Schauder für sie auch eine reizvolle Seite haben. Die Behauptung von der Willensschwäche der Frauen ist nach Heymans durch eine Erhebung widerlegt worden, die folgendes Ergebnis geliefert hat: Männer Frauen emotionell nicht emotionell emotionell nicht emotionell Prozent Prozent Prozent Prozent Mutig Ängstlich. Geduldig Ungeduldig. 25,9 36,5 38,3 50,1 • 36,9 19,6 30,2 15,0 33,5 43,9 43,4 56,4 32,0 . 20,0 22,4 11,2 Chirurgen und andere Ärzte erklären ziemlich einstimmig, daß die Frauen bei Operationen viel standhafter Schmerzen ertragen als Männer und auf dem Krankenbett mehr Mut und Geduld beweisen als diese. Heymans schließt aus allen seinen Beobachtungen, daß sich die Frauen nur willensschwach in demjenigen zeigen, was außerhalb der Sphäre der großen Pflichten und Interessen liege. Die ruhige Fassung, die eine Frau auf dem Krankenbett, beim Schiffbruch oder während einer Epidemie an den Tag lege, werde sie vielleicht nicht behaupten können im schaufelnden Ruderboot, im Wagen hinter etwas feurigen Pferden oder selbst beim Erscheinen einer Maus oder einer Spinne. Die unendliche Geduld, die sie als Mutter bei der Erziehung ihrer Kinder, als Gattin bei der Pflege eines invaliden, reizbaren, hypochondrischen Mannes erweist, werde sie verlassen, wenn sie als Ladnerin einer sich schwer entschließenden Kundin immer mehr Neues vorzuzeigen oder als Postbeamtin stets wieder die nämlichen dummen Fragen zu beantworten habe. Wo große Motive vorliegen, nehmen sie bei Frauen das Bewußtsein so vollständig 18 spreads, so Für unsere Mütter und Hausfrauen in Anspruch, daß die kleinen dauernd zurückgedrängt werden. Wo jedoch große Gesichtspunkte fehlen, fönnen fleine Dinge vorübergehend so stark das Gefühl erregen und beherrschen, daß sich die Stimmung in unbedachtem oder unvernünftigem Handeln entladet. Vielfach wird behauptet, daß die Frauen besonders starkes Sprachentalent, dagegen nur schwache mathematische Begabung besäßen. Eine Umfrage sollte diese Streitfrage erhellen. Sie hatte nach Heymans folgendes Ergebnis. Unter 100 der Befragten hatten Männer Frauen emotionell nicht emottonell emotionell nicht emotionell Prozent Prozent Prozent Prozent Mathematisches Talent. 14,9 Sprachtalent 15,1 19,2 3,0 4,4 10,3 13,7 16,2 Sehr bemerkenswerte Versuche, auf die hier nicht eingegangen werden kann, zeitigten ähnliche Ergebnisse. Heymans erblickt in ihnen den Beweis dafür, daß die Abstraktion den Frauen innerlich zuwider ist, weil sie ihren emotionellen Bedürfnissen keine Befriedigung gewährt. Damit soll des weiteren die Abneigung der Frauen gegen Analyse( Bergliederung) zusammenhängen, besonders aber gegen die Analyse von Vorstellungen, die dem Gemüt teuer sind. Der Forscher beruft sich darauf, daß es liebenden Frauen nicht nur widerstrebt, danach zu fragen, in welchen Eigenschaften des geliebten Mannes ihre Liebe begründet ist, sondern daß sie häufig versichern, es gebe solche Eigenschaften überhaupt nicht, ihre Neigung gehöre nur dem geliebten Manne selbst", nicht seinen Eigenschaften. Den meisten Frauen wird nach Professor Heymans aus den nämlichen Gründen auch eine wissenschaftliche Untersuchung wenig zusagen, die etwa das ästhetische Gefühl oder die geniale Geistestätigkeit auf ihre Elemente und Bedingungen zurückzuführen sucht. Sie werden eine solche Zergliederung und Prüfung leicht als eine Art Entweihung empfinden oder doch das Gefühl haben, dabei mehr zu verlieren ols zu gewinnen. Und da schließlich in allen Dingen die Vorstellung eines vielgestaltigen Ganzen einen größeren Gefühlswert hat als die Vorstellung seiner einzelnen Bestandteile, so werden nach Heymans' Meinung auch stets im Denken der Frauen die Bestandteile eines Vorstellungskomplexes mehr zusammengehalten, inniger verbunden bleiben als im Denken des Mannes. Es geschicht daher nicht, daß einige dieser Bestandteile gleichsam über die Köpfe der anderen hinweg nach sachlichen Gesichtspunkten mit Bestandteilen anderer, weit entfernter Vorstellungsreihen zusammengefaßt werden. Jeder einzelne solcher Bestandteile wird vielmehr stets wieder die Erinnerung an das Ganze hervorrufen, dem es ursprünglich angehörte, nur diesem Ganzen ein- und untergeordnet, wird er also zum Bewußtsein gelangen. Es ist männliches Denken, die Erscheinungen zu zergliedern und zu ergründen, das weibliche Denken ist andächtig dem Ganzen gewidmet. Daraus soll es sich erklären, daß die Leistungen von Mann und Frau auf den Gebieten der Kunst, der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens verschieden sein müssen, obschon fie gleichwertig sein können. Mit den aufgezeigten Wesenszügen soll es zusammenhängen, daß das Denken des Mannes in der Wissenschaft, das der Frau hingegen im Leben seine höchsten Erfolge erreicht, denn dort kommt es eben vorzugsweise auf das Algemeine, hier auf das Besondere an. Im Zusammenhang damit nimmt Heymans an, daß es das Allerbesonderste, das Einzelndastehende oder Individuelle ist, dem der Geist der Frau tiefstes Verständnis entgegenbringt. Reigungen und Fähigkeiten treffen hier auf das glücklichste zusammen: das Individuelle ist das Konkrete, Lebenswarme, Gefühlsbetonte, aber auch das Unendlichreiche, Unaussagoare, das sich durch die bewußte Zergliederung niemals ganz erschöpfen läßt, dagegen der unbewußten Intuition den passendsten Boden bietet. Daher nach Heymans die be= dcutenden Leistungen der Frauen auf der Bühne. Man vergesse nicht: Professor Heymans anerkennt, daß er mit seinen Untersuchungen keine erschöpfende Darstellung der Frauenjeele geben konnte, sondern nur einen Beitrag dazu. Er schließt sein interessantes Buch mit der Frage:, Und das wäre also die Frau"? So viel Bewußtseinsumfang, so viel Emotionalität, Aftivität, Pflichtgefühl usw., das alles machte zusammen die Wesensart der Frauenseele aus? Sicher nicht. Genau so wenig wie die botanischen Merkmale der Rose alles an der Rose sind. Und Heymans kommt zu dem Schluß, daß alles in allem nicht nur das Individuum, sondern auch das Geschlecht unaussagbar" sei. Gewiß besitzt auch die typische Frau die ihr zugesprochenen EigenNr. 5 schaften nicht schlechthin, sondern mit bestimmten, vielleicht äußerst vielgestaltigen Veränderungen, gewiß hat sie neben diesen Eigenschaften noch viele andere Wesenszüge, die wichtiger oder unwichtiger, selbständig oder von anderen Umständen abhängig sind. Aber um diese Wesenszüge aufzuhellen, dazu bedarf es noch eines bef= seren, genaueren, viel zuverlässigeren Tatsachenmaterials, als es uns heute zu Gebote steht. Einwandfreies, fest begründetes Tatsachenmaterial zu beschaffen, das ist nach Professor Heymans der Zukunft vorbehalten. Diese Einschränkungen machen eine kritische Würdigung seiner recht interessanten Arbeit überflüssig, die verdient, von den Frauen gelesen zu werden, wenngleich sie in sehr vielen Punkten scharfen Widerspruch herausfordert. Edmund Fischer. O O O Von Spielzeug und Spielmaterial. Sehnsüchtig schauen die Kinderaugen nach Knecht Ruprecht aus, denn nur noch wenige Wochen, und er erscheint mit seinem großen Sacke, in dem alle Herrlichkeiten dieser Welt nur darauf warten, in den kleinen Händen Leben zu gewinnen. Ist Kinderjauchzen und Kinderlachen nicht unzertrennlich vom Weihnachtsbaum? Und doch, wie wenigen ist solches Lachen vergönnt! Wie oft ist es mit Nachtarbeit und schweren Sorgen erkauft. Mutter will, daß auch ihre Kinder wissen, daß heute Weihnachten ist. Und der Jubel der Kleinen macht sie reich und läßt sie vergessen, daß sie zu vielen Überstunden gezwungen war, um dieses Püppchen kaufen zu können, und daß das Mittagessen in den letzten Wochen noch färglicher ausfallen mußte, weil sie dem Buben das Pferdchen auf den Weihnachtstisch legen wollte. Wie oft werden aber diese sauren Spargroschen in falscher Weise verausgabt. Das müßte im Interesse des Kindes vermieden werden. Betrachten wir daher das übliche Spielzeug. Da ist vor allem die Königin der Spielzeugwelt: die Puppe. Eine Puppe muß nicht sämtliche Gelenke bewegen und darf nichtsprechen können. Moderne Kleider und Hüte, angeklebte Augenwimpern und Brauen, Laufen, Stehen und Tanzen sind alles Dinge, die mit der eigentlichen Puppe nichts zu tun haben und völlig überflüssig, ja für das Kind sogar schädlich sind. Ich habe meine anderen Puppen viel lieber," sagte mir ein Kind. Die hier kann nur Papa und Mama sagen, die anderen fönnen alles sprechen." Wie bei allem Spielzeug, das möglichst „ vollkommen" sein soll, wird durch kunstvolle, reich ausgestattete Puppen die Phantasie des Kindes start eingcengt und sein Spiel behindert. Eine Puppe braucht nicht viel Kleidung, aber was sie anhat, muß sich an und ausziehen lassen. Der Körper besonders Gesicht und Hände muß abwaschbar sein oder sich mit Benzin reinigen lassen wie der Lederbalg. Für kleine Kinder ist die fast unzerbrechliche Badepuppe aus Zelluloid mit aufgemaltem Haar und Gesicht das idealste Spielzeug. Das jetzt so bc= liebte Baby mit dem von Künstlern entworfenen Kopfe ist- wcnigstens in größeren Städten in allen Ausführungen und Preislagen zu haben und macht mit Windelhöschen und Jäckchen ausstaffiert sehr viel Freude. Bei der Auswahl muß man den Gesichtsausdruck beachten: ein Baby, das immer lacht oder weint, wird dem Kinde auf die Dauer unerträglich. Wünschenswert, doch nicht notwendig ist, daß die Puppe die Augen schließt, und für größere Mädchen eine solche, die man tüchtig kämmen kann". = Was für die Puppe gilt, das gilt auch für die anderen Spielsachen wie Pferd und Wagen, Stall usw. Die naturgetreu nachgebildeten Tiere werden den Kindern bald langweilig, fie regen zum Vergleich mit den wirklichen" Tieren an und ziehen dabei den kürzeren. Ein Tier, das nur die typische Grundform seiner Rasse klar zeigt, bietet dem Spiel reiche Möglichkeiten. Ebenso ein Wagen, der außer den vier Rädern und der Deichsel nur noch die notwendigsten Umrahmungen, Stäbe oder Wände aufweist. Er fann alles sein und zu allem benutzt werden: jekt bringt der Holzhauer darin Baumstämme, und wenige Minuten später fährt die Equipage mit dem Königssohn vor, um Aschenputtel abzuholen. Puppenstube, Küche und Kaufmannsladen und ähnliche Spielsachen müssen so einfach wie nur irgend möglich sein. Es sind keineswegs die billigsten Puppenstuben, die einfach ausgestattet sind. Mit Tand, Flitter, ein paar blikenden Knöpfchen und glänzenden Seidenresten lassen sich weit billigere Möbel für die Puppenstube herstellen als aus festem Holz mit solider Arbeit. Aber wie schnell fallen die goldenen Verzierungen und schlecht geTeimten Hölzchen auseinander. Davon abgesehen ist aus erzieherischen Gründen solcher Flitterkram verwerflich. Das Auge des Kindes gewöhnt sich an blizende, blendende Gegenstände, und sein Echönheitsempfinden wird in falsche Richtung gelenkt. Gin wert Nr. 5 Für unsere Mütter und Hausfrauen volles Spielzeug für Kinder jeden Alters ist der Ball. Für jüngere Kinder genügt ein selbstgefertigter Wollball, der der Größe der kleinen Hände entspricht. Die Ballspiele machen geschickt und flint, schärfen das Auge und die Aufmerksamkeit und regen zu gemeinsamer Betätigung und Freude an. Alle bisher erwähnten Sachen sind fertiges Spielzeug. Beobachten wir aber spielende Kinder, so bemerken wir bald, daß sie mit solchem weit seltener spielen als mit Dingen, die sie sich selber sammeln und die häufig genug gar nicht als Spielzeug gedacht find. Diese Dinge bilden nur das Material für das wirkliche Spielen. Das befannteste Spielmaterial ist der Sand. Und dieses Spielmaterial ist nicht bloß billig, sondern was das wichtigste ist: außerordentlich bildend. Das Spielen mit Sand eröffnet der Phantasie, dem Tätigkeitssinn des Kindes geradezu unbegrenzte Möglichkeiten. Leider wird das von vielen Frauen nicht erkannt. Oft mußte ich vermittelnd dazwischentreten, wenn Mütter ihre Kinder vom Sandhaufen fortholen wollten, weil diese sich dort schmußig machen". Wieviel Tränen und heimliche Sehnsucht hängen an dem Verbot, nicht mit Sand zu spielen. Haben wir nicht alle den ersten Berg auf dem Sandhaufen gesehen? Und den Backofen, die Burgen und Schiffe, die Gärten, in denen die Papierpuppen spazieren gehen. Es gibt kaum etwas, was Kinderhände nicht schon aus Sand geschaffen hätten. Dazu das Gemeinsame des " Spieles: die Großen und geistig Lebhaften verteilen die Aufgaben, die anderen führen sie aus. Wehe dem Störenfried! Und das alles soll aufhören, weil der Winter da ist und das Sizzen im Sande nicht zuläßt? Nein, nichts davon. Für wenige Pfennige kaufen wir unseren Kindern zu Weihnachten reinen weißen Sand, schütten ihn in einen großen Karton, und der Sandhausen ist fertig. Wie jauchgen die Kinder! Versucht es, ihr Mütter. Aus gesammelten Zweigen und Silberpapier baut euch euer Kind das Paradies auf Erden. Ein kostspieligeres Spielmaterial, das aber ebenfalls großen erzieherischen Wert hat und zu den merkwürdigsten Schöpfungen Anlaß gibt, ist das Wachs und das Pla= stilin. Auch Ton kann zum Kneten benutzt werden, ist aber unpraktischer, weil er vor dem Gebrauch mit Wasser durchsetzt werden muß und daher viel Schmutz macht. on Wie beim Sande, beim Wachs, Plastilin und Ton ist auch beim Baukasten das Spielen ein Schaffen. Jüngeren Kindern sollten nur die Baukästen von Friedrich Fröbel geschenkt werden, die außerordentlich preiswert find man kauft sie von 15 Pf. und alle Formen enthalten, die zum Bauen gebraucht werden. Auch kann man die folgenden Nummern dazu kaufen und damit dem Alter des Kindes entsprechend die Bauformen vervielfältigen. Sehr schön, aber teuer sind die Autersteinbaufästen. Sie kommen für größere Kinder in Betracht und enthalten so viele Formen, daß mit ihnen Bauten in sämtlichen Stilarten errichtet werden können. Zum Spielmaterial gehören ferner alle Mosait- und Zusammensehspiele, die die langen Winterabende verkürzen und an Geduld gewöhnen. Die Kugelspiele, bei denen Sterne und Muster gelegt werden, entwickeln den Schönheitssinn und machen geduldigen Kindern viel Freude. Wo mehrere Kinder beisammen sind, sollte auch das eine oder andere Gesellschaftsspiel unter dem Weihnachtsbaum liegen. Gesellschaftsspiele aller Art regen die Aufmerksamkeit, schnelles Überdenken an und lehren dem kleinen Ehrgeizigen, daß man auch das Verlieren mit Würde ertragen kann. Ein Kapitel für fich bilden die Fröbelschen Beschäfti gungsmittel. Sie sind sehr billig, doch bedarf das Kind der Anleitung, wenn es sie ausnuten soll. Ich nenne nur das Flech= ten, Ausnähen, Ausstechen usw. Auch die Laubsäge und der Handwerkskasten für die Knaben und die Nähund Stickkästen für die Mädchen müssen in diesem Zusammenhang genannt werden. Ich möchte jeder Mutter raten, die Nähund Stickfästen möglichst selber herzustellen. Sie stellen sich zwar nicht viel billiger als die fertig gekauften, und ihre äußere Aufmachung ist nicht so elegant wie bei diesen, dafür aber können die Mädchen sie auch wirklich benußen. Sehr empfehlenswert sind Mal- und Zeichenhefte mit Tuschkästen oder Buntstiften. Ebenso die Ausschneidepuppen und Häuser, aus denen das Kind ganze Dörfer zusammenseßen kann. Auch ein Puppentheater läßt sich auf diese Weise billig herstellen. Bei allem Spielmaterial ist das Kind der alleinige Schöpfer seines Spielzeugs; die Phantasie hat freien Lauf, der Geist wird angeregt, die Aufmerksamkeit gefesselt, die Geduld geübt, Auge und Hand werden geschickt und der Sinn für Formen entwickelt sich. Leider wird noch immer viel zu viel Spielzeug und zu wenig Spielmaterial getauft. Und das, obgleich das letztere weit billiger ist als fertiges Spielzeug. 19 Das Geld, das man für mechanisches Spielzeug, fahrende Autos, Karussels usw. ausgibt, ist meist hinausgeworfen. Das Auto versagt häufig schon am Weihnachtsabend und liegt nach zwei Wochen vergessen in der Ecke. Anders verhält es sich mit der Eisenbahn. Es gibt Lokomotiven, die bei guter Behandlung jahrelang unermüdlich ihre Wagen ziehen, doch sind sie teuer. Am liebsten ist dem Kinde eine Eisenbahn aus Holz vielleicht hat Vater sie gemacht?-, mit der es ordentlich spielen kann, ohne befürchten zu müssen, daß der Mechanismus zerbricht. Muß ich noch erwähnen, daß wir keine Soldaten, Kanonen, Ge wehre und Säbel kaufen? Ich glaube kaum. Gerade jetzt wird das Entsetzen vor dem Massenmord und allem, was damit zusammenhängt, so groß und lebendig sein, daß wir unseren Kin dern keine Kriegswerkzeuge zum Spielen in die Hand geben werden. Auch eine Beitsche würde ich niemals schenken. Beitschen find zum Schlagen da; der Knabe schlägt erst sein Pferd, dann seine Geschwister und Kameraden. Es war in diesem Artikel nur möglich, einen sehr gedrängten Überblick über Spielmaterial und Spielzeug zu geben, das die Mutter bescheren kann, die nicht nur an den Zeitvertreib, sondern auch an die Entwicklung ihrer Kinder denkt. Das Verzeichnis empfehlenswerter Jugendschriften, das der Bildungsausschuß der fozialdemokratischen Partei Deutschlands herausgibt, beantwortet der aufgeklärten Proletarierin die Frage: Welche Bücher schenke ich meinen Kindern zu Weihnachten? Toni Sußmann, Charlottenburg. Feuilleton Utku. Von Willy Seidel. II. ( Schluß.) Tage rannen und Monate rannen, bis ein Punkt kam, wo alle Winde aufhörten und alles verstummte und erstarrte. Der Himmel war an den Tagen ganz blaß, schier weiß, und in den Nächten, die sich endlos dehnten, tiefblau, wie poliert, von grellen Sternbildern erfüllt, so daß er wie ausgeschüttetes Geschmeide funkelte. Die Kälte troch in alle Winkel; der Rauch von zweihundert Jurten stieg wie ein Wald von grauen Säulen in die Höhe, und das unablässig genährte Feuer fraß am Ol des Stammes, so daß die Fa milien, deren Vorräte knapp bemessen waren, eingewickelt in der Dämmerung verweilten und die Tage hindurch schliefen. Und als ein weiterer Monat vergangen war, drängten sich die Renntiere mit angstvollen, durchsichtig grauen Augen bis in die Hütten. Sie glichen hochbeinigen weißen Jgeln, denn jedes Haar ihrer Belze hatte einen Panzer von Reif, so daß sie aufgebauscht erschienen; an ihren Stangen flimmerten dice Krusten, und um ihre Nüstern, die plump nach der Wärme stießen, lagen ganze Maulkörbe von Kristallen, von steingewordenem Odem. Manche brachen in die Knie, bevor sie das Futter erreichten, oder rannten sich sinnlos die Stangen in die Leiber. Andere erhielten sich, indem sie sich auf einen großen Klumpen zusammendrängten und eine gemeinsame Schußwand von feuchtem Dunst errichteten, die Kälber in der Mitte tief in den Flaum der Muttertiere vergraben. Utku hatte ein Rudel von hundert Hunden für seine gewaltige Herde, die hielten die Masse zusammen, indem sie tagsüber mit klagendem Gebell die langen Kolonnen gesenkter Geweihe hinunterflogen. Die Moosvorräte von Utfus flachen Schobern begannen einzuschrumpfen, und der harte Schnee ließ den Hufen keinen Eingang mehr. Und die Kälte wuchs. Sie wurde erbarmungslos, lähmend. Die Stimmen der Leute tönten einsamer. Sie lagen überall in der von Kohlensäure belasteten Luft ihrer geschlossenen Jurten, wie Tiere zusammengedrängt, und schnarchten mit rasselnden Kehlen. Auch Utku tam selten hervor. Er war abgemagert, schlafsüchtig und hatte das Hirn voll Träume. Ein stilles Fieber hatte ihn ergriffen, das er in sich hineinwüten ließ. Er saß zusammengezogen in einem Winkel, und man sah es seinem Gesicht kaum an, daß ihm ein Frostschauer nach dem andern über den Leib ging. Seine ledernen, zerknitterten Wangen hatten einen Wachsglanz, und die Schlitze seiner Augen schienen erweitert. Den breiten Mind hatte er zusammengepreßt, gleichsam gespitzt vor Unbehagen, und sein Gesang war verstummt. So hatte er Muße, dem Saufen und Quirlen des eigenen Blutes zu lauschen; gewaltsame Mühe kostete es ihn, dem kleinen Jamuk die Rasierschale voll Milch zu reichen, ohne sie auszuschütten. Utku sagte es niemanden, daß er krank sei; 20 Für unsere Mütter und Hausfrauen er wollte nicht. Er hatte die Vorstellung, daß er es allein überwinden müsse. Da die Luft still war, so konnte er ungehindert mehrere Moosdochte entzünden, ohne daß der Qualm ihn belästigte. Drei bläuliche Flammen, von roten Funken gesprenkelt, schwammen lautlos in den Holzgefäßen und schickten ihren schwarzen Ruß gleichmäßig aus dem Kamin. Eine feuchte Wärme füllte die Jurte. Der beizende Geruch des frischgegerbten Leders, das die Nähte doppelt überspannt hielt, vermengte sich mit dem säuerlichen Duft von schwarzem Mandallabrot und dem Dunst zweier Lebewesen, die seit Wochen eingeschlossen waren. Es war eine Nacht am Ende des Februar. In dieser Nacht hatte Utkus Fieber seinen Höhepunkt erreicht. Er bewegte sich rhythmisch in hockender Stellung von einer Seite zur andern, und seine Augen waren blind. Sein Gesicht glich dem eines alten, geängstigten Weibes, und sein Atem kam wie der Laut eines Ventils über seine gespitzten Lippen. Denn er träumte und konnte seinen Träumen nicht wehren. Er sah ein unendlich großes Nordlicht, einen zadigen Kranz von drei untereinandergehängten Glanzbändern, die wie die Reifen cines entseßlich großen Regels in einer fremden, frostweißen Luft hingen. Von diesem Nordlicht gingen Strahlen aus, die alles mit ciner Verwesungsfarbe badeten; ein Gefühl größter Einsamkeit ging von diesen eiszapfenähnlichen, violetten, zitternden Ringen aus, die aus Eisregionen, vom Wrangelland und den Aleuten, herüberwuchsen und ihren Ausgang dort hatten, wo jene wahnwißige Stille ist, die keines Menschen Chr je erlauscht hat. Und das Nordlicht wuchs und schob Quadern von rosigem Quarz vor sich her, die ihn zu zermalmen drohten. Er stand allein auf der Tundra und fürchtete sich sehr. Seine Herde war gestorben, die Jurten waren abgebrochen: das Ende aller Dinge nahte. Sieben Regenbogenfarben, unerträglich flimmernd, nahten sich in schweigsamem Pomp; und als sie dicht über ihm waren, wurden sie zu einem Chaos schreiender Töne. Das Not gewann die Oberhand und blendete ihn stark. Er bewegte sich hastig und erwachte halb. Er blickte in das Innere der cigenen Jurte, das sich wirbelnd um ihn drehte... Nur die Blflammen lohten in stiller Beständigkeit. Utfus Arme lagen schwer wie Blei in den Pelzen; und das Nordlicht Tam wieder auf ihn zu und bedrängte ihn. Da sah er sich nach Jamuk um und sah ihn nicht; er wußte, daß Jamuk in allernächster Nähe ruhen müsse und nach ihm verlange. Er rief und lockte ihn; er irrte ratlos umher; er mußte ihn finden... Er riß die Augen gewaltsam auf und fiel nach vorn. Da schnellte das Nordlicht wieder zurück, es ward dunkel und traulich, und Jamuk lag in seinem Kinderschlaf mit einem halb trotzigen, halb friedlichen Gesichtchen im Bereich seiner Hände. Doch ein neues Traumbild erwachte: ein Dritter war in der Jurte, der Schamán, der Priester. Er trug eine Mitra auf dem kahlen Schädel und über seinen dicken Pelzen eine Stola, mit Vögeln bestickt, die bis zu seinen gegerbten, perlbeseßten Stiefeln reichte. Ein großer Rosenkranz aus Jaspissteinen hing um seinen Hals. Sein gelbes, rundes Geficht mit der breiten Geiernase war vorgestreckt, und in den Händen hielt er cin großes Messer, das Messer, mit dem er Mawka getötet hatte. Blut tropfte von diesem Messer, und Blut war an den Händen des Schamán, deren Finger wie Krallen aus dem Otterbesatz der Ärmel hervorschlichen. Utku beugte sein Haupt und wartete voll Ehrfurcht, bis der Schamán beginnen werde. Dieser trat dicht an ihn heran und sprach mit heiserer Stimme:„ Es ist falt, Utku; es ist bitter falt. Nie noch hatten wir einen solchen Winter. Du bist frank, Utku; ich weiß es, wenn du dich auch versteckst. Du wirst sterben müssen, und es ist gut, daß du geopfert werdest. Hängst du am Leben?" Utku neigte sich tiefer, ganz in Demut und Bereitschaft. Er starrte auf die bunten Vögel und hörte das Rascheln der langsam bewegten Seide. Er war bereit zu sterben. Alle mußten sterben. Er war alt und nuklos. Schon vor Monaten hatten seine Handgelenke gezittert. Der Schamán begann seine Beschwörungen. Da aber ertönte ein Heller, troziger Schrei, und Jamuk war erwacht. Utfu fuhr zusammen. Er machte einige ratlose Bewegungen mit dem Kopfe nach der Ecke hin, als wolle er den Schamán bitten, darauf zu achten, daß das Kind schreie; denn das Kind brauche ihn doch! Der Priester wandte sein gelbes Gesicht und machte runde Augen. „ Es ist Mawkas Kind," sprach er.„ Wir haben es nicht begraben. Wir haben cs den Göttern vorenthalten. Es ist an der Kälte schuld. Wir wollen es opfern, Utku. Wir haben schon fünfzig Hunde geopfert; es war fruchtlos. Gibst du es uns, dann darfst du leben. Nr. 5 Der alte Buginik kaufte sich mit seiner Herde los. Das Kind ist groß und fett; ein gutes Kind; es wiegt eine Herde auf. Gib es mir, Utfu!" Utku stand auf und ging in der Hütte umher. In der Not seines Herzens wiegte er den Kopf wie einen Pendel.„ Laßt das Kind leben," sagte er in tiefen Stehllauten zu den gefräßigen Göttern, die die Kälte schicken.„ Laßt es leben. Ich will sterben. Ich bin ein alter, nußloser Mann." „ Das Kind ist ein besseres Opfer als du," flüsterte der Priester und spielte mit dem Messer. Du bist weise und rüstig. Sieh! schon gehst du frank umher, und das Feuer aus deinen Adern ist gewichen. Was soll dir das Kind? Es ist eine Last. Sein Tod wird die Götter versöhnen." Und Utku neigte sich über das Kind und sah in seine brombeerschwarzen Augen. Die gelben Fäustchen griffen nach ihm, und er grinste. Da sah er das Messer des Schamán, der wie ein böser Geist über dem Kinde schwebte, funkeln: und wurde irr und wild. Er hockte sich dicht neben das kleine Wesen, beide dürren braunen Arme darübergestreckt, und heulte vor Angst und Schrecken. Dann erhob er sich taumelnd und ging dem Priester zu Leibe; er tastete nach dem Polog, wo die Waffen lagen, und vertrieb ihn Schritt um Schritt; er sah, wie er sich hob, durch den Kamin entschwand, mit hämischem Gesicht und wackelnder Mitra, wie seine perlbesetzten Stiefel durch den Qualm entglitten und Utku nahm die lange Flinte und schoß blind hinter ihm drein. Der Schuß krachte wie ein Donner von tausend Kartaunen; es war ein schneidender Krach, ein Bersten, eine flammende Explosion mit einem Getümmel von nachspringendem Echo Und Utku erwachte mit zitterndem Herzen. Nichts in der Jurte war verändert. Es war totenstill. Utku sah sich erstaunt und atemlos um; sein Kopf war frei, und ein fernes Läuten war in seinen Ohren. Ein wohliges Gefühl hatte ihn ergriffen; es war warm und traut ringsum. Und draußen hatte sich ein Sausen erhoben. Die Flammen erloschen knisternd; und Utku begann zu singen. Er sang im Tremolo; es waren liebliche Dinge, an die er dachte. Und wenn es auch wieder dunkel um ihn war er wußte, daß draußen etwas im Werk sei: Der Frost war gebrochen! Utku wußte: nun ist der Südsturm da; endlich ist er da. Er kommt vom Ganaltal und vom Fuße des Kljutschew. Und der Alte dachte während dieser Nacht mit ihrem weichen Winde und ihren Tropfen an den Garten Kamtschatkas; dachte an Fünffingertraut, an blauen Rittersporn und hohe Doldenstauden mit gezackten Blättern. Sein Lied wurde weich und zu einer einzigen trillernden Passage, die er sich zum Vergnügen unzählige Male wiederholte so feierte der alte Utku die gehobene Last, die weggeblasene Schwermut, den Einzug des März und die gesprengten Ketten des Frostes. Nun keimt der Roggen, nun blüht das Moos... und wir werden westlich ziehen, ans Ochotskische Meer, und die laichenden Lachse mit den Händen greifen! Und als der Morgen graute, stieg die Sonne nicht mehr blutig, sondern rosenfarbig aus dem Nebel. Die Kälte war gesunken, und Utku verließ mit dem Kinde das Zelt. Alles war auf den Beinen. Knaben balgten sich kreischend. Die jungen Leute hatten ihre schlafwirren blauschwarzen Haare in manierlichen Frisuren unter den eckigen Müzen versteckt. Gestern waren noch viele Tiere erfroren, und Rudel von Hunden wühlten jauchzend in dem Fraß. Der Schamán trat heraus. Sein gedunsenes Gesicht hob sich blinzelnd in den Wind; er war friedfertig, in graue Felle gehüllt, und war so klein und so unscheinbar wie jeder Korjäke. Er hatte -mit Eßpausen an die siebzig Stunden geschlummert; sein Tamtam hatte geschwiegen, sein Rosenkranz hatte geruht. Nun stimmte er seinen langgedehnten Ruf an. Der Horizont glich einem üppigen Schwall von Rosen. Und Utku, sein Enkelkind auf den Armen, ging zu seiner Herde, drängte sich durch die feuchten Pelze, streichelte, hieb und stieß mit Besitzerwonne und versteckter Schelmerei; er hatte allerlei Flausen im Kopf, rosenfarben wie der Morgen, und war sehr vergnügt. Die Tiere schoben ihre Nasen an seinen Nacken und rieben sich an dem quarrenden Bündel, das er im Arme trug. Der Märzsturm blies wie eine Orgel, und alle Götter waren versöhnt; sie hatten keine glanzlosen, hungrigen Augen mehr: sie waren satt und lenzhaft heiter. Sie plauderten im Winde mit dem fleinen Jamuf. Dieser schrie, hoch und schrill; und Utku freute sich der Musik. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel). Wilhelmshöhe. Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. 6.m.b.6. in Stuttgart.