Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 6 。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit 0 Inhaltsverzeichnis: Jugendschriften. Von Bernhard Rausch. Mais als Voltsnahrungsmittel. Von M. Kt. Für die Hausfrau. Feuilleton: Die Veef. Von Else Belli. Jugendschriften. Der Jugend kennzeichnendste Eigenschaft ist ihre freudige Bereitwilligkeit, zu empfangen, in sich aufzunehmen. Wie sie mit allen Sinnen die täglich nenen Erscheinungen der Außenwelt einsaugt, so gibt sie sich mit offener Seele den Einflüssen des gedruckten Wortes hin. Sie vermag es nicht, sich in bewußter Auswahl vor schädlichen Einwirkungen zu schüßen. Wer erinnerte sich nicht des goldenen Zaubers, den ein edles Buch, wer nicht der vergiftenden Schwüle, die ein ekles Buch über seine Jugendtage breitete? Wie oft ist ein Buch sogar von entscheidender Bedeutung für das Schicksal eines Menschen geworden! Jahraus jahrein werfen Spekulanten Berge wertlosen, ja gemeingefährlichen Schundes mit raffinierter Reflame auf den Büchermarkt. Um schäbigsten Profits willen freilich unterstüßt durch die Unwissenheit oder Fahrlässigkeit der Käufer richten sie eine wahre Verwüstung in jungen Köpfen und Herzen an. Die leichtverletzte Jugend vor der kapitalistischen Giftpflanze Schundliteratur" zu schützen, ihren empfänglichen Sinn zu den reinen Quellen der Erkenntnis und Schönheit zu führen, ist eine der wichtigsten aller Erziehungsfragen. Seit etwa zwei Jahrzehnten ist man auf bürgerlicher Seite, voran in der deutschen Lehrerschaft, bemüht, aus dem kaum überschbaren Wust der Jugendschriften das Wertvolle herauszuheben. Ganz besonders anregend und erzieherisch hat das Erscheinen der verdienstvollen Schrift von Heinrich Wolgast gewirft:„ Das Elend der Jugendliteratur", Hamburg 1896. Die vereinigten deutschen Prüfungsausschüsse, unter Führung der Hamburger Lehrer, lassen sich beim Zusammenstellen ihrer Jugendschriftenverzeichnisse im wesentlichen von dem Grundsatz leiten, den H. Wolgast in seinem erwähnten Buche in die Worte geprägt hat:" Die Jugendschrift in dichterischer Form muß ein Kunstwerk sein." So Anerkennenswertes die Sichtungsarbeit der Prüfungsausschüsse auch geleistet hat, den Bedürfnissen des Proletariats vermag sie nicht voll zu genügen. Die Sorg- oder Ahnungslosigkeit, mit der man sich zum Teil auch in unseren Reihen früher bescheiden zu können glaubte, ist besserer Einsicht gewichen. In der bestehenden Klassengesellschaft muß die Erziehung des proletarischen Nachwuchses notwendig eine Klassenerziehung sein, über die die Entscheidung nur dem Proletariat selber zusteht. Da das Proletariat die vorwärtsdrängende, fortschrittliche, revolutionäre Schicht der Gesellschaft ist, kommen gerade dadurch die höchsten, reinsten Menschheitsideale zu ihrem Recht. Auch bei subjektiv erstrebter„ Tendenzlosigkeit" lassen die bürgerlichen Prüfungsausschüsse ganz naturgemäß leicht Machwerke gelten, die im schroffen Gegensatz zu den sozialistischen Idealen stehen. Namentlich ist das bei sogenannter" patriotischer" Literatur der Fall, die sich nur um so cher ein„ künstlerisches" Mäntelchen umhängt, je windiger es für sie wird. Es gilt aber, den proletarischen Nachwuchs in die Gedanken- und Gefühlswelt des Proletariats einzuführen, die gleichbedeutend ist mit dem umfassendsten Reiche der Erkenntnis und Schönheit; es gilt alles von ihm fernzuhalten, was das Erwachen cines flaren Klassenbewußtseins stören könnte. Unter diesen Grundsäßen ist das Jugendschriftenverzeichnis des Zen= tralbildungsausschusses entstanden. Aus der Fülle der Neuerscheinungen sei auf einige der besten hingewiesen. Proletarische Jugendschriften. Das verflossene Jahr hat uns erfreulicherweise wieder eine Reihe von Schriften beschert, die eine spezifisch proletarische Jugendliteratur bereichern. Eine prächtige Jugendschrift ist Leo Kolischs Reisebeschreibung Das Land der Zukunft, Vorwärtsverlag Berlin( 1,25 Mt.). In packenden Schilderungen der Erlebnisse eines Proletariers erschließt sich uns Argentinien, .das Land der Zukunft", während die wechselvollen Schicksale mit Arbeitern der verschiedensten Nationen in den Pampas, unter halbwilden Horden, auf der See usw. die jugendliche Abenteuerlust befriedigen. Das Buch fesselt den frischen jugendlichen Sinn, wirkt jedoch gleichzeitig ungleich erziehender als das beste Indianerbuch, da die Erlebnisse in Südamerika mit den Augen eines O 1912 bewußten Sozialisten gesehen und gewürdigt werden, so daß eine Beeinflussung und Bereicherung in sozialistischem Sinne erzielt wird. Jugendlichen Proletariern, die das Leben bereits kritisch zu erfassen wissen, wird eine soeben erschienene Sammlung von Stizzen und Erzählungen Robert Größsch eine willkommene Gabe sein: Verschrobenes Volk und andere Geschichten, Vorwärtsverlag, Berlin( 1 Mk.). Ein Buch voll lachender Satire und keckem Humor, auf dem festen Boden proletarischer Weltanschauung erwachsen, ein Buch, das nicht redet, sondern mit frischem, helläugigem Sinn gestaltet.- Empfehlens wert ist auch die ernste Erzählung Der Ausweg von Ernst Preczang, Vorwärtsverlag, Berlin( 1 Mt.). Ein Arzt von idealem Sinn wird in die schwersten Seelenkämpfe gestürzt, weil die zahlreichen Unfälle und Betriebskrankheiten chemischer Arbeiter ihm erkennen lassen, wie eng begrenzt die soziale Wirksamkeit seiner Berufsarbeit ist. Da eröffnet ihm der Sozialismus die einzige Aussicht auf eine dauernde Heilung der gesellschaftlichen Schäden und ruft ihn aus seinen Qualen zu neuer Lebenszuversicht. Die weit verbreitete Schrift Bellis, Die rote Feldpost unterm Sozialistengesez, Diez, Stuttgart( 1 Mt.) sei auch hier hervorgehoben. Der Verfasser wendet sich mit seinen vorzüglichen Schilderungen des Werdeganges des Arbeiters und Handwerkers der alten Schule" und der Erlebnisse während seiner Tätigkeit in der roten Feldpost" auch an die junge Generation der Arbeiter". Obwohl von einem bürgerlichen Verfasser stammend, gehört doch unbedingt in diese Reihe Wilhelm Lamszus, Das Menschenschlachthaus, Bilder vom kommenden Kriege". Hamburg, Janssen( 1 Mt.). Hier wird ein mit den Mitteln moderner Technik geführter Krieg zum erstenmal künstlerisch gestaltet, als Maschinerie zur Massenvernichtung und Zerstörung, als wahnsinnige Verirrung verglichen mit dem Reiter- und Jägerleben früherer Jahrhunderte. Ganze Berge hurrapatriotischen Gefasels zerstieben vor den mit knappster Anschaulichkeit gezeichneten Bildern unsagbarer Greuel im„ Menschenschlachthaus", zu dem die Welt durch den Krieg wird. Gerade weil sich der Sinn der männlichen Jugend leicht von eingebildeter Kriegsromantif gefangen nehmen läßt, kann die aufklärende Wirkung dieser Schrift nicht überschätzt werden. Ein vortreffliches Gegenstück zu den „ Bildern vom kommenden Kriege" sind die Schilderungen eines verflossenen Krieges in Karl Chr. Rückert, Mit dem Tornister, Ungeschminkte Feldzugserinnerungen eines Infanteristen aus dem Jahre 1870". Sie rühren ebenfalls nicht von einem Sozialdemokraten her und sind fürzlich in einer Volksausgabe im Vorwärtsverlag" erschienen. Als der Verfasser mit dem Tornister auf dem Rücken in den Feldzug 1870/71 marschierte, war er noch vollkommen. in den militaristischen und nationalen Vorurteilen des Bürgertums befangen. Seinem offenen und gescheiten Sinn enthüllten sich aber bald die Scheußlichkeiten des Krieges, das Barbarische des Militarismus. Die mit schlichter Anschaulichkeit vom Standpunkt des einfachen Feldsoldaten erzählten Kriegserlebnisse müssen allen romantischen Nebel über die Jahre 1870/71 aus den jugendlichen Köpfen verscheuchen. Eine gute Veröffentlichung ist auch Emma Adlers Neues Buch der Jugend", Wiener Volfsbuchhandlung( 3 Mt.). Mit feinem Sinn sind hier eine Reihe zum Teil vortrefflicher Erzählungen, Aufsäße und Gedichte für die proletarische Jugend zusammengestellt. Gute Bilder erhöhen den Wert des Buches. Aus der im gleichen Verlag erscheinenden Sammlung Die junge Welt" sei das sechste Bändchen herausgegriffen: Adelheid Popp,„ Mädchenbuch"( 20 Pf.). Die Verfasserin redet mit schlichten und eindringlichen Worten zur weiblichen Jugend. Die Sammlung würde durch ein ansprechenderes Äußeres gewinnen. Sagen, Märchen, Erzählungen. Von dem erfolgreichen Wirken der Prüfungsausschüsse zeugent eine Reihe neuer Jugendschriften, die sowohl alte Schäße an Märchen, Sagen und Erzählungen heben, wie neuen Erscheinungen den Weg bahnen. Von den billigen Sammelausgaben haben die " Deutsche Jugendbücherei", herausgegeben von den vereinigten deutschen Prüfungsausschüssen für Jugendschriften, und die„ Bunten Jugendbücher", herausgegeben von der 22 Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr.6 Auf dem weiten Gebiet der Jugendschriften gibt es keine, die so das jugendliche Gemüt zu fesseln vermögen und gleichzeitig zur Bereicherung geographischer und völkerkundlicher Kenntnisse beiBändchen( 30 Pf.) enthalten eine Zahl ganz prächtiger, spannender und lehrreicher Quellen. So: Festes Land am Südpol, Ergebnisse auf der Expedition nach dem Südpolarland 1898 bis 1900 von Borchgrevink, Im australischen Busch von Stefan v. Koze, Bei den Indianern am Schinpu bon Karl von den Steinen, Im neuen China, Reiseeindrücke von J. Dittmar, und Eskimoleben, Eindrücke von der Polarfahrt 1903 bis 1907 von Roald Amundsen. Die oben angeführte Sammlung Erlebtes und Erschautes weist eine Zusammenstellung aus Alexander v. Humboldts Berichten über seine Neise in die Aquinoktialgegenden des neuen Kontinents auf in F. W. Burr, Durch das tropische Südamerika ( 1,80 Mt.). Sven Hedins bekannte Schrift Von Pol zu Pol( 3 Mt.) sei nicht vergessen. Zwar stößt sie in den ersten Kapiteln durch Chauvinismus ab, führt uns dann aber auf einer Fahrt mit packendster Anschaulichkeit durch die Welt. Beschäftigungsbücher. Freien Lehrervereinigung für Kunstpflege zu Berlin, sich wieder um eine stattliche Reihe neuer Bändchen vermehrt( je 10 Pf.). Sie sind als wirksamstes Mittel gegen Nic Cartergeschichten und ähnlichen Schund freudig zu begrüßen. Wolgast hat seinen„ Quel- tragen wie Reise schilderungen. Schaffsteins grüne len"( 25 Pf.) einige Nummern hinzugefügt. Besonders verdienstvoll ist Gudrun", Bericht von Ludwig Uhland, und Neun Abenteuer, übersetzt von Karl Simrock. Konegens Kinderbücher"( 20 Pf.), herausgegeben von Helene Scheu- Riesz und Eugenie Hoffmann, fragen erfolgreich zur Verbreitung guten Lescstoffes bei, der namentlich aus Sagen und Märchen gewählt ist. Die im allgemeinen mit glücklicher Hand zusammengestellten Büchlein würden durch ein festeres und sorgfältigeres Äußeres gewinnen. Gleichfalls nur broschiert, aber in immerhin gefälliger Ausstattung erscheinen die schon älteren Wiesbadener Volksbücher", Verlag des Volksbildungsvereins Wiesbaden. Sie find um eine größere Zahl fast durchweg empfehlenswerter Erzählungen bereichert worden. In Schaffsteins„ Volksbüchern"( je 1,50 mf.) gibt Kurt Poller Schilderungen aus dem Kampfleben der Fremdenlegion. Fesselnd zeigt er das Schicksal des jungen deutschen Schriftsezers, den nagender Hunger in die französische Fremdenlegion trieb und der dort, in diesem Produkt folonialer Raubpolitif, sieben Jahre unter militaristischer Barbarei zu leiden hatte. Ein schönes Buch sind Gotthold Alees Deutsche Heldensagen", nach den Quellen erzählt( 3 Mf.). In schlichter, volkstümlicher Sprache, aber auf wifsenschaftlicher Grundlage übermittelt es die ewig schönen Mythen des deutschen Sagenkreises, die namentlich die Jugend bezaubern. Viele Schäße ungehobener Jugendliteratur liegen auch in den historischen Quellen, die wir unserer Jugend wegen ihrer Objektivität und ihres unvergleichlich bildenden Wertes zugäng lich machen sollten. Gegenwärtig wird aus Schaffsteins grünen Bändchen( 30 Pf.) besonders interessieren Förster Flecks Erzählung von seinen Schidjalen auf dem Zuge Napoleons nach Rußland und von seiner Gefangenschaft 1812 bis 1814. Die wahrheitsgetreue, schlichte Schilderung erwedt gleichzeitig eine ehrliche Abscheu vor den Kriegsgreueln. Auf Quellen führt auch die Sammlung zurüc Erlebtes und Erschautes, herausgegeben von der Freien Lehrervereinigung für Kunstpflege zu Berlin. Es liegen hier neu vor: Fr. Ekin, Aus deutscher Ritterzeit. Göz von Berlichingen. Hans von Schweinichen. Eigene Berichte ihres Lebens und ihrer Taten. Die Herren von Zimmern. G. Krüpel, Aus dem großen Kriege( Dreißigjähriger Krieg). Jeder Band kostet 1,80 Mr. " 1 Natur und Neiseschilderungen. Nie können die Wunder der Natur wieder so stark und lebendig wirken wie in der Jugend, weil der Mensch nie wieder so rege mit feinen Sinnen lebt, so unabläffig Erfahrungen sammelt wie in der Zeit des Hineinwachsens in die Welt. Wie muß aber gerade die Großstadtjugend in steinernen Käfigen auf die schönsten Jugendfreuden, auf das tummelnde Reifen in freier Natur verzichten. Hier hat die anschauliche naturkundliche Jugendschrift Ersatz zu schaffen. Wir weisen zunächst auf einige wohlfeile Sammlungen hin. R. A. Francé hält in seiner Naturbibliothek( 65 Pf.) Umschau unter den Klassikern der Naturwissenschaft. Neu liegen eine Reihe Bändchen von A. v. Humboldt, G. Keate und D. G. Förster und Roßmäßler vor. Billige und gemeinverständliche Schriften enthält die anspruchslose Naturwissen= schaftlich- technische Boltsbücherei der Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, aus der namentlich erwähnenswert sind: Fischer, Die Batterien, und Berg, Wie unsere Erde geworden ist, je 20 Pf. Aus Gansbergs Wissenschaftlichen Voltsbüchern( 1,50 Mt.), die sonst vorwiegend geschichtliche Stoffe behandeln, sei hier besonders auf M. Maeterlind hingewiesen, Das Leben der Bienen, mit 4 Tafeln. Ein Buch, das geeignet ist, die Liebe zur Natur durch seine Frische und Anschaulichkeit zu wecken und zugleich das Interesse an einer ernsten wissenschaftlichen Darstellungsweise zu fördern, ist Friedrich Goll, Bilder aus der Natur. Naturkundliche Schilderungen für Schule und Haus ( 2 Mt.). Auf streng wissenschaftlicher Höhe stehend und deshalb nur für die reifere Jugend geeignet ist das bei Diek in Stuttgart crschienene Buch Dr. S. Tschulot, Entwidlungstheorie ( Darwins Lehre), 3 Mt. Verhältnismäßig leicht verständlich), sest es die Hauptlehren der modernen Naturwissenschaften auseinander und erläutert fie an zahlreichen Abbildungen. Eine vortreffliche Einführung in die Wissenschaft von der Erde gibt A. Berg, Geologie für jedermann. Mit 154 Abbildungen( 3,75 Mt.). Der wichtigste pädagogische Fortschritt der Gegenwart ist die Einsicht von der ungeheuren Bedeutung der selbständigen arbeitenden Betätigung des Kindes, als wesentlichste Grundlage seiner Erziehung. Dank der wachsenden psychologischen Erkenntnis werden die Methoden auf diesem Gebiet weiter ausgebildet, und nur der verknöcherte bureaukratische und bildungsfeindliche Schulbetrieb hindert ihre Nußbarmachung für die Jugend. Die häusliche Betätigung des Kindes muß deshalb möglichst die einseitige intellektuelle Beschäftigung der Schule ausgleichen. Eine erfreuliche Anleitung dazu ist die schon 22 Bändchen umfassende Samm= lung Selbst ist der Mann! Anleitung zur Anfertigung lehrreicher Apparate, praktischer Haushaltungsgegenstände und allerhand Spielsachen. Herausgegeben von F. Pezold. Jedes Heft 25 Pf. Das umfangreichere Buch von H. Pfeiffer, Häusliche Steinkunst und Bastelarbeit in Wort und Bild( 3 Mt.), ist ein Beschäftigungsbuch für alle, die am eigenen Wert Freude haben und die mit Selbstgeschaffenem erfreuen wollen". Es enthält eine Fülle von Anregungen zur Herstellung fleiner künstlerischer Erzeugnisse, die Auge und Hand des Kindes spielend üben. Als prächtiges Werfchen sei auch Pralle, Der kleine Stadtbaumeister, Vorwärtsverlag Berlin( 1,50 M.), empfohlen, das von Stufe zu Stufe die gestaltenden Fähigkeiten des Kindes übt. Bernhard Rausch. 000 Mais als Volfsnahrungsmittel. Der Mais, auch Welschkorn, türkischer Weizen, in OsterreichUngarn und Griechenland Kukuruz, in der amerikanischen Union Korn, auch Hominy genannt, ist eine Pflanze, die in bezug auf vielseitige Verwendbarkeit auf der ganzen Erde nur wenige ihresgleichen hat. Sie liefert vor allem eine hochwertige Nahrung nicht nur für Menschen, sondern auch für allerlei Haustiere. Die fri= schen Stengel und jungen Kolben werden in den maisbauenden Ländern als Grünfutter benutzt; die reifen Körner werden ganz oder geschrotet verfüttert und die trockenen Stengel bewahrt man mit Salz in Gruben auf, um sie zu Futterzwecken zu verwenden. Die trockenen Stengel liefern ferner Material zum Dachdecken, zu Flechtarbeiten und dienen auch, ebenso wie die enthülsten Kolben, als vorzügliches Feuerungsmaterial. Aus den Fasern der Stengel und Blätter lassen sich haltbare Gespinste herstellen. Die Kolbenblätter wiederum geben ein brauchbares Polstermaterial. Ferner läßt sich Papier aus der Pflanze verfertigen, aus den fetthaltigen Samenkeimen gewinnt man in Südfrankreich ein Ol, und neuerdings fabriziert man aus Mais neben Gries und Mehl auch eine billige Kochstärke. Aus Mais wird außerdem Bier, Spiritus sowie ein Trinkbranntwein hergestellt, so in Nordamerika zum Teil der Whisky, in Zentralamerika der Pulque de Mahis. Der Mais ist eine sehr stattliche Halmfrucht von außerordentlich reichem Ertrag, wenn sie ihr zusagende flimatische Verhältnisse findet, wie sie die weinbauenden Länder bieten. Die Heimat des Mais ist Amerika, wo seine Kultur sehr alt sein muß, wie Funde in alten megifanischen und peruanischen Gräbern zeigen. Von Amerika brachte Kolumbus ihn im Jahre 1500 nach Spanien, von wo seine Kultur sich in wenigen Jahrzehnten über ganz Südeuropa, Nordafrika, Kleinasien, ja bis nach Indien und China verbreitete. Heute dient der Mais nicht nur in seiner Heimat Amerika, wo er Nr. 6 Für unsere Mütter und Hausfrauen das Korn schlechthin ist, sondern auch in Europa Millionen von Menschen als Nahrungsmittel. Die unreifen Fruchtkolben werden in Salzwasser gar gekocht und wie Spargel mit zerlassener Butter gegessen. Die Balkanvölker kochen Brei aus Maismehl in Wasser oder, wenn es einmal hoch hergehen soll, mit Milch und Eiern. Der Italiener bereitet aus Maisgrieß und gesalzenem Wasser die Nationalspeise Polenta, die ihm sogar zum Teil das Brot ersetzt. Der Irländer nennt seinen Maisbrei stirabout, das heißt so viel wie Umgerührtes. Aus dem feinen, schneeweißen Maismehl backt man in allen maisbauenden Ländern Brot, Zwieback, Biskuits und Kuchen. Geröstete Mais floden aus gewalzten Maisförnern sind ein in Amerika sehr beliebtes Nahrungsmittel, das neuerdings von dort auch nach Deutschland eingeführt wird. Es ist eine fertig zubereitete Speise, die ohne weiteres falt mit frischer Milch oder mit Fruchtsaft genossen wird; sie ist knusperig, sehr wohlschmeckend und ausgiebig, dabei fast unbegrenzt haltbar. Der Nährgehalt der gerösteten Maisflocken ist sehr hoch, und dieses vortreffliche Nahrungsmittel würde gewiß auch bei uns schnell Eingang gerade in Arbeiterkreisen finden, die einer solchen nahrhaften, stets gebrauchsfertigen Zufost am dringendsten bedürfen, wenn es nicht noch zu teuer wäre. In Amerika kostet das Pfund 10 Cents, das sind 42 Pf. Zwischenhandel und die hohen Transportkosten bewirken, daß man in Deutschland zurzeit 1,35 Mt. für das englische Pfund zu 450 Gramm zahlen muß. So werden die ge= rösteten Maisfloden vorläufig wohl nur ausnahmsweise als Kräftigungsmittel für Kranke und Schwache in Proletarierfamilien Eingang finden. Würde die deutsche Industrie die Herstellung dieser Volksspeise übernehmen, so wäre sie natürlich erheblich billiger als bisher zu haben. Ist doch auch das in Deutschland her= gestellte Maismehl bei gleicher Güte um mehr als die Hälfte billiger als das teure ausländische Maismehl, das unter Namen wie Mondamin, Maizena, Maizamin usw. im Handel ist. Der goldgelbe Mais grieß ist eines der wenigen Nahrungsmittel, die gegen das Vorjahr um eine Kleinigkeit billiger geworden sind. Alle anderen Getreideerzeugnisse außer Roggenmehl sind erheblich teurer als Maisgrieß, der zurzeit nur 16 Pf. das Pfund kostet. Seine Verwendung ist ebenso wie die des deutschen Maismehles bei uns nur wenig bekannt. Das Mais me hI besitzt folgende Zusammensetzung: 10,6 Progent Eiweiß, 3,8 Prozent Fett, 3,7 Prozent Zuder, 3,1 Prozent Gummi, 63,3 Prozent Stärke, 14,6 Prozent Wasser, 0,9 Prozent Salze. Sein Fett- und Zudergehalt ist weit höher als der fast aller anderen Mehlarten. Maismehl und Maisgrieß sollten des= halb recht oft in selbständigen Gerichten vielleicht neben einer Suppe aus Erbsen, Kartoffeln und anderen Feldfrüchten auf dem Tische des Proletariers erscheinen. Polenta oder Reis von Maisgrieß. 1/4 Pfund Maisgrieß wird unter ständigem Quirlen in% bis 1 Liter kochender Milch geschüttet und gesalzen. Unter fleißigem Rühren wird die Polenta 5 Minuten gefocht und dann für 12 Stunden zugedect in einem anderen passenden Topf mit kochendem Wasser auf Hleines Feuer gestellt; oder man macht sie nach etwas längerem Vorkochen in der Kochkifte in 2 bis 3 Stunden gar. Nach Gefallen kann man beim Anrichten zerlassene oder braune Butter und Zucker obenauf geben oder ein kräftig schmeckendes Kompott von frischem Obst, zum Beispiel Preiselbeeren, oder geschmortes Dörrobst dazu reichen. Wasserpolenta ist im späten Frühjahr, wenn Kartoffeln und Gemüse nicht mehr gut, außerdem knapp und teuer sind, als jättigende Beigabe zu Schmorfleisch, Rouladen, Goulasch, Ragouts und dergleichen zu empfehlen./ Pfund Maisgrieß wird in/ bis 1 Liter kochenden gesalzenen Wassers wie oben angegeben gar gemacht. Maisgrießschnitten oder bratlinge. In der vege= tarischen Küche bereitet man sie aus dick ausgequollenem Maisbrei oder aus Resten von Milch- und Wasserpolenta. Den erkalteten Maisvrei vermischt man mit Semmelwürfeln, die in Palmin braun geröstet wurden, und verrührt die Masse mit 1 bis 2 Giern, Salz und wenn man will auch mit einem Teelöffel voll Maggiwürze. Kleine flache Bouletten werden daraus geformt, mit zerquirltem Ei und geriebener Semmel paniert und in Palmin zu schöner Farbe gebraten. Zur Sauce wird ein helles Buttermehl mit leichter Brühe verkocht und mit abgeriebenem Majoran oder fein gehadtem Dill gewürzt. Die Dillsauce kann man nach Belieben auch noch mit saurer Sahne durchkochen und mit ein wenig Bitronensaft abschmecken. Gebackene Polenta. Reste von Polenta schneidet man in Scheiben, dreht sie in Mehl um und bäckt sie in Palmin zu hellbrauner Farbe. Man bestreut sie entweder mit geriebenem Parmesan- oder Schweizerkäse oder aber mit Buder und Zimt. 23 Maismehl muß immer erst in etwas kalter Flüssigkeit klar gerührt werden, ehe man es zum Verdicken kochend heißer Suppen, Saucen, Breie oder Flammeris verwendet. Auch muß es mindestens 10 Minuten unter fleißigem Rühren mit den betreffenden Speisen kochen, um vollkommen gar zu werden. Um eine Milch-, Cbst oder Biersuppe seimig zu machen, braucht man auf 1 Liter Flüssigkeit etwa einen starken Eklöffel voll Maismehl, das nach Vorschrift klar gerührt wurde; zu einem halben Liter Fleisch-, Vanille- oder Fruchtsauce braucht man einen Teelöffel voll. Zu Brei oder Flammeri nimmt man 4 Gßlöffel voll auf 1 Liter Flüssigkeit. Vorzüglich ist Maismehl als Verdickungsmittel für die beliebten nordischen Süßspeisen rote Grüße, Rhabarber- und Apfelgrüße, da es das feine Fruchtaroma voll zur Geltung kommen läßt. M. Kt. 000 Für die Hausfrau. Weihnachtsbäckereien. Ich habe einmal in Brüssel Heimarbeiterinnen beim„ Montieren" von Zuckerwerk beobachten dürfen. Die bedauernswerten Frauen und ihre Kinder ladierten, färbten, fleisterten und verpackten Marzipan- und andere Zuckersachen mit Händen und an Tischen sowie in" Wohnungen", daß mir denn doch etwas übel dabei wurde, wenn ich daran dachte, wie jubelnde Kinder dieselben Dinge in den Mund nehmen und mit Appetit verzehren. Es ist empörend, daß ein Staat solche Zu= stände duldet, die ihm in aller Offentlichkeit in der Heimarbeitausstellung gezeigt wurden. Ob es in Deutschland viel anders ist? Jedenfalls hat der Bäckereiarbeiterverband auf ähnliche Zustände in verschiedenen Orten des öfteren hingewiesen. Seitdem ziche ich vor, meine Weihnachtsbäckereien selbst herzustellen. Dabei habe ich außerdem etwas gewonnen, was mir die Sache noch wertvoller macht die Vorfreude mit meinen Kindern. Da beraten wir, welche Spezialität" wir in diesem Jahre herausbringen". Inzwischen hat bereits unser ältester nach den Umrissen einer Zeichnung im" Wahren Jacob" einige höchst gelungene Blechformen hergestellt. So werden der dürre Bethmann und der dicke Ortel, beide mit dauerhaftem Bindfaden um den Hals, am Baume bammeln. Andere„ gewöhnliche" Blechformen fauft man für wenige Pfennige überall. " Und dann erst das Backen selbst! Was gibt es da alles zu fragen und zu erwägen für die Kinder. Bei allem entwickeln sie einen Eifer, der kaum zu übertreffen ist. Haben wir dann unsere Vorratsblechdosen gefüllt, so wissen wir, daß alles appetitlich bereitet ist, daß bekömmliche Zutaten die Verdaulichkeit nicht stören, und daß unser Geldbeutel kein größeres Loch bekommen hat, als wenn wir die zweifelhaften, schreiendbunten Klischeesächelchen gekauft hätten. Sobald später eines von unseren Erzeugnissen auf den Tisch kommt, frischen sich fröhliche Erlebnisse aus der Backzeit auf und geben Stoff zu heiterem Gespräch. Wer von unseren Leserinnen meine Erfahrungen nachprüfen will, mag die folgenden erprobten Rezepte benüßen. Mißerfolge schließt man aus durch Verwendung guter Zutaten, sowie durch Probieren des fertigen Teiges und der richtigen Hiße des Backofens an zunächst fleinen Quantitäten. Gerade davon hängt der Erfolg am meisten ab. Spekulasies. Zutaten: 500 Gramm feines Mehl, 500 Gramm Staubzucker, 250 Gramm Butter, 3 Eier, 2 Gramm Zimt, 2 Gramm Hirschhornsalz, abgeriebene Schale einer Zitrone. Mehl und Butter werden tüchtig durcheinandergearbeitet, dann nacheinander alle anderen Zutaten gleichfalls, mit Ausnahme des Hirschhornsalzes. Der Teig bleibt nun über Nacht stehen. Am anderen Morgen wird er auseinandergerckt, man streut das Hirschhornsalz darüber und arbeitet ihn tüchtig durch. Hierauf wird er messerrüdenstark ausgerollt und nun mit den bekannten Blechformen ausgestochen. Auf einer eingefetteten Platte wird bei sehr mäßiger Hiße gelb gebacken. Räderbadwerf. Erforderlich: 500 Gramm Mehl, 200 Gramm Butter, 70 Gramm Zucker, 50 Gramm Hefe, 2 Eier, 3 Liter Milch, abgeriebene Schale einer Zitrone. Mehl, Milch und die aufgelöste Hefe werden tüchtig miteinander verrührt, und die Masse wird dann zum Aufgehen beiseite gestellt. Steigt der Teig, so rührt man Eier, Zucker, Zitrone und Butter dazu und noch so viel Milch, daß der Teig ohne anzukleben gerollt werden kann. Nach tüchtigem Schlagen und Klopfen wird der Teig 2-1 Zentimeter did ausgerollt und mit dem Badrädchen in schmale Streifen geschnitten, aus denen man Brezeln, Ringe, Knoten flicht. Nachdem diese einige Zeit aufgegangen sind, werden sie in heißem Palmin goldgelb gebacken. Pfeffernüsse. 275 Gramm 8uder, 500 Gramm bester brauner Sirup, 150 Gramm Palmin, 450 Gramm Weizenmehl, 24 Für unsere Mütter und Hausfrauen 500 Gramm Roggenmehl, 2 Eier, 5 Gramm gestoßene Gewürznelfen, 2 Gramm Hirschhornsalz, anderthalb Teelöffel Salz, etwas Gewürz. Zucker und Sirup erhitzt man zusammen bis zum Sieden, läßt die Mischung abkühlen, bis sie nur noch lauwarm ist, rührt das zerlassene Palmin hinzu und fährt mit dem Durchühren fort, bis die Masse erkaltet ist. Dann wird diese mit dem Weizen- und Roggenmehl, mit den Eiern, dem Gewürz, Salz und Hirschhornsalz tüchtig zu einem derben Teig verknetet, der zugedeckt an einem mäßig warmen Orte sechs bis sieben Tage stehen bleibt. Dann rollt man ihn fingerdick aus, schneidet Würfel und jormt Kugeln oder Nüsse daraus, die auf einem eingefetteten Blech bei mäßiger Hiße gebacken werden. 3uderuüsse. 250 Gramm feiner Zucker und 3 Eier werden eine Viertelstunde verrührt, dann mit 50 Gramm fein geschnittenem Zitronat, 250 Gramm feinem Mehl, 3 bis 4 Gramm Hirschhornsalz gut zu Teig verarbeitet. Kleine, in Pralinenform ausgezogene Kügelchen segt man auf ein Butterblech und bäckt sie goldgelb. Schokoladenpläßchen. Das Weiße von 4 Giern schlägt man zu Schnee und setzt 2 Kaffeetassen Zucker, 2 Eßlöffel geriebene Schokolade und ebensoviel Mondamin sowie etwas Vanille dazu. Nachdem alles gut durcheinandergearbeitet ist, gibt man mit einem Löffel kleine Häuschen von der Masse auf ein eingefettetes Backblech und backt bei mäßiger Ofenhiße. Farbige Glasuren. Dazu benüße ich auch die giftfreien Färbemittel" nicht. Eine Masse aus 150 Gramm Staubzucker und dem Weiß zweier Eier tüchtig durchrührt ist die Grundsubstanz. Diese kann man in kleinen Quantitäten rot mit dem Saft roter Rüben, grün mit etwas Spinatsaft und gelb mit Safran färben. Durch Mischung werden beliebige Farbenschattierungen erzeugt. Das Backwerk wird in größeren Blechdosen an einem trockenen, Iuftigen Orte aufbewahrt. Else König. Feuilleton Die Veef. Von Else Belli. Die ärmsten, zerlumpten Eheleute des Dorfes waren die Schärmäuser, das ist: Maulwurfsfänger. Der Mann war vom Gemeinderat rechtlich dazu bestellt, die schädlichen Nager von den Wiesen der Bauern wegzufangen. Für jedes Tier erhielt er zwei Kreuzer oder einen halben Bazen. Der Schärmäuser trieb sein Amt mit Umsicht und Liebe. Er baute sich eine Falle, deren Konstruktion zu untersuchen niemand wagte. Aber sehen konnte man, daß dieses Ding eine ähnlichkeit mit dem Galgen hatte. Gewöhn= lich hatte sich im Versteck Volk angesammelt, wenn wieder ein Maulwurf am Galgen hing. Mit der Zeit wurden die Bauernburschen unruhig, ja, sie hatten zuletzt einen Haß auf den Mann, der gar nichts von seiner Erfindung preisgab. Die Schärmäuserin schüttelte den Kopf zu ungeduldigen Fragen. Sie wußte nichts und hatte nichts gesehen. Aber von den Maulwurfsfängen wurden beide nicht fett. Sie taglöhnerte, wo sie konnte, und er tat im Orte die Leichen ansagen, wie es dort üblich war. Dafür erhielt er Brot, Mehl, Gier, Speck und Schmalz für die Familie. Außerdem war er Wetterprophet und Herenmeister. In solcher Eigenschaft bezog er von jenen, die nicht alle werden, ein bestimmtes Einkommen. Dieses erlaubte ihm, seine Henkersbazen in Schnaps umzusetzen, und das gab wiederum Gelegenheit, jene einzufangen, die... Die verkündeten, der Schärmäuser habe den„ bösen Blick". Zuerst hatte er das Vieh verhert oder ein Kind durch seine Nähe und den Blick in Krankheit gebracht, um hernach wieder das Unheil durch seine Sympathiefünfte" gutzumachen. Der böse Blick des Galgenmannes bezwang die Diebe, daß sie gestohlenes Gut um Mitternacht Schlag zwölf zur Stelle brachten. Wenn die Diebe einmal nicht wollten, so hatten die Leute die schwierigen Zeremonien Schärmäusers nicht eingehalten. " Die Schärmäufersleute hatten eine Tochter Genoveva. Sie hieß furzweg die Beef. Als Kind half sie schon der Mutter taglöhnern. Und zwar so, daß die Bauern sich um ihre Arbeit rissen und behaupteten, sie schanze mehr als ein Knecht". An den Holztagen, wenn die Dorfleute mit obrigkeitlicher Genehmigung die Wälder plündern durften, da schaffte die Veef mehr Holz herbei als die anderen, wenn sie zu dreien oder vieren hinausgingen. Die Beef dachte aber auch an die Schärmäuserseltern und vergaß aus Kindesliebe gerne die erlaubten Holztage. So kam es, daß im Schärmäuserhaus teine Holznot war. Das wurde ruchbar. Die Nr. 6 Waldhüter schauten sich fast die Augen aus und fanden doch die Frevlerin nicht. Als die jungen Frauenzimmer vom Dorfe noch dünngliedrig waren, hatte sich die Beef bereits zum vollen Weibe entwickelt. Sie war groß, kräftig gebaut und rotwangig wie eine. Eigentlich wie keine. Ihre Tugend und ihre Schönheit schützte sie durch ihr „ Schwertmaul". Das war ein sinnlich grober Vergleich von den Bauern. Aber es war einmal so. Das Bauernvolk fürchtete die Veef, wenn sie von dieser Eigenschaft Gebrauch machte, wie das Feuer. Die Schärmäuser- Jungfrau sagte Jungen und Alten, den Reichen und Armen ungeschminkt, was sie von ihnen dachte. Es ist ein altes Ding, daß niemand gern solcher Wahrheit vernimmt. Aber doch war die Veef wieder wohl gelitten, da sie allein zur Stelle war, wenn bei ansteckenden und bösen Krankheiten niemand mehr pflegen wollte. Die Waldhüter grämten sich nicht schlecht, daß ihnen die Schärmäuser- Jungfrau stets entging. An einem schönen, für den Waldhüter aber häßlichen Tage wurde die Beef endlich doch ertappt. Aber nicht ergriffen. Denn sie schlug den Menschen so zuschanden mit ihren üppigen Dreschflegelarmen, daß der Mann aus Scham die Anzeige unterließ. Sein feiger Großmut brachte ihm aber nur die Erfahrung ein, daß er, wo er ging, von der Veef weidlich verhöhnt wurde. Schließlich gebot ihm seine Mannesehre, den Ort. der Prügel und Schande zu verlassen. Die Männer und Burschen hätten füglich klug sein können. Sie waren es nicht. Die reichen Bauernföhne wagten die SchärmäuserJungfernschaft zu bedrohen. Statt der Zärtlichkeiten erwiderte die Veef mit dem Schwertmaul: Ihr Tröpfe heiratet mich ja doch nicht, und so einen geizigen Bauernsohn, der seiner Frau das Essen nicht gönnt, den möchte ich auch nicht." Das war Schärmäuſerstolz. Die ganz Frechen bekamen nicht einmal eine Antwort, nur Prügel von der gesunden Schärmäuser Art. Da fam der Zimmergeselle Klemens ins Dorf. Er war aus Schwaben, also„ Ausländer" für badische Leute. Just dem war die Beef gut. Die Bauern hazten den Ausländer nach Kräften und lauerten ihm auf, ohne ihn zu kriegen. Nun wurde beim Kirchweihtanz der Streit mit ihm vom Zaune gebrochen. Der Klemens aber zeigte den Burschen, was" Schwabenstreiche" sind, und die Beef unterstützte ihn dabei erbarmungslos. Jm ganzen Ländlein wurde später von der streitbaren Jungfrau erzählt, die drei Burschen der Reihe nach glatt zu Boden legte. Die Veef heiratete ihren Klemens, und er baute für sie eine kleine Hütte. Die wäre bald für die Kinderschar zu klein geworden, da starb der Mann. Die Veef arbeitete jetzt allein für die vielen Schärmäuschen. Sie sagte die Leichen an, denn der alte Vater war mittlerweile auch gestorben. Sie wartete die Kranken und brachte von ihren Gängen und Nachtwachen immer etwas mit für die Mäuler und Schubladen. Aber mit besonderem Schwung oblag sie dem ererbten Beruf als Here. Mit ihrer überlegenheit und Weibesschläue regierte sie nicht bloß jene, die..., sondern noch ganz andere. Als ihre Kinder groß wurden und arbeitslustig wie die Mutter, da kamen die ersten Fabriken in jene Gegend. Das junge, besitzlose Volk, das bis dahin taglöhnerte, bettelte, wilderte und ab und zu auch gern einmal stahl, das ging nun zur Arbeit in die Fabrit der nächsten Stadt. So taten sämtliche Schärmäuſer. Und sie brachten alle vierzehn Tage der Mutter ihren verdienten Lohn nach Hause. Dies bare Geld brachte einen gewissen Wohlstand in die Hütte, denn bei den meisten Bauern war wohl alles vorhanden, nur kein Geld. Darum wurden in damaliger Zeit die Fabriken von den Bauernproletariern als wahrer Segen empfunden. Der älteste Schärmäuser konnte bald zu seiner Mutter sagen, sie möge das Leichenansagen aufgeben. Das sei doch nur ein Bettelbrot. Das tat sie nur ungern, denn ihre Reden" an die Bauern waren ihr zum Bedürfnis geworden. Die Bauern fürchteten sie und wollten jene Reden doch ebenso ungern missen. Es waren das eigenartige Strafpredigten, ursprünglich und voll Mutterwitz und Gotteslästerei. Schließlich hielt der Schärmäuserstolz die Veef doch zurück. Sic wurde sogar etwas üppig und hielt ihre Reden an die Nachbarn, wenn ihr einer unterkam. Die Lebenshaltung bei ihr war besser als bei den meisten Bauern. Darum wetterten die gerne innerhalb ihrer vier Wände also los:„ Das Bettelvolt, die Fabrikler, fressen Weißbrot, saufen Kaffee. Die fressen mehr Fleisch als unsereins Speck." Diese Bauern verloren in dem wirtschaftlichen Umschwung ihre Scholle, sie wurden ganz besiglos. Aber die Schärmäuser wurden von der gleichen Woge emporgehoben. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dtes Nachf. G.m.b.6. in Stuttgart.