Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 7 O O O O O O O O O O O O O O O O 1912 °°°° Beilage zur Gleichheit o Inhaltsverzeichnis: Das Ewige. Von Wolfgang Goethe.- Verschollene Freiheitsdichter. Von Otto Wittner. Vom menschlichen Störper. III. Feuilleton: Eine Bescherung. Von E. Wierzbizki. Das Ewige. Kein Wesen kann zu nichts zerfallen! Das Ewige regt sich fort in allen, Am Sein erhalte dich beglückt! Das Sein ist ewig; denn Gesetze Bewahren die lebendigen Schätze, Aus welchen sich das All geschmückt. OOO Wolfgang Goethe. Verschollene Freiheitsdichter In der Kunst ist der Tod nicht der Abschluß eines Schicksals. Wenn der Kampf des Schöpfers geendet hat, fängt der des Werkés um seine Existenz erst recht an. Auf sich selbst angewiesen, steht es da ganz allein. Seine Wirkung wird nicht mehr gefördert und ge= fragen durch eine Folge neuer Werke. Das mitlebende Geschlecht, das durch allerlei persönliche Beziehungen mit dem Künstler verbunden war, stirbt ab. Er gehört nun jenem Zwischenreich an, in dem die seltsamsten Begräbnisse, Beisetzungen mit feierlichem Geleite und Einscharrungen im Winkel an der Mauer vor sich gehen, und nicht weniger seltsame Auferstehungen. Die Wandlungen im Urteil und Geschmack des Aufnehmenden entscheiden über solche Schicksale des Kunstwerkes. Und da diese Wandlungen bedingt sind durch die gesellschaftliche Entwicklung, so kann allein die materialistische Geschichtsauffassung jene Sonderbarkeiten, jenen Wechsel der künstlerischen Woden und Bewertungen erklären, die von jedem anderen Standpunkt aus als willkürlich und zufällig erscheinen. So sind bei den Schichten, die immer noch die Hauptkonsumenten unserer literarischen Produktion sind, zwei wichtige Literaturgattungen völlig in Mißkredit geraten: die politische Lyrik und der Zeitroman. Dies erklärt sich aus der sozialen Situation unseres Bürgertums. Der Zeitroman wie die politische Lyrik sind durchaus aktive, fämpfende, dem Leben zugewandte, unruhige Kunst. Das Bürgertum, das längst darauf verzichtet hat, die Alleinherrschaft im Staate zu erobern, denkt nur daran, sich zu behaupten, das Erworbene zu genießen, das Störende abzuwehren. Es liegt und besitzt und verdaut. Es hat den Pessimismus des bösen Gewissens. Es will seine Ruhe haben. Was sollen ihm Fanfaren und Aufrufe? Das sind verklungene, schwülstige Redensarten und Gemeinpläßlichfeiten. Was sollen ihm die Tatenfreudigkeit und die fampfesfrohe Einseitigkeit in der Charakteristik und künstlich verschlungenen Handlung des Zeitromans? Das sind Stimmungen und Wahrheiten von vorgestern, literarische Versteinerungen. Das Bürgertum will eingewiegt und eingelullt sein, nicht aufgereizt, es will gefielt und in Spannung verseßt sein, nicht ernstlich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen beschäftigt werden. Und so hat man endlich Freiligrath mit allen literarischen Ehren eines „ Klassikers" feierlich beigesetzt, und Spielhagen, der seinen Ruhmi um mehr als ein Jahrzehnt überlebte, ist von allen denen, die ihn seit fünfundzwanzig Jahren nur noch mit Achselzucken begrüßten, mit Trauersaluten unter einem schweren Denkmal von Nekrologen bestattet worden. Das weniger fest gebaute Lebenswerk so mancher Dichter ist durch diese Umwälzung der Gesinnung und Weltanschauung seiner Klasse verschüttet worden und versunken. Aber wie Freiligrath im Proletariat heute noch lebendig ist, das seinen Trotz und seine revolutionäre Leidenschaft teilt, können auch sie durch das Prole= tariat neues Leben empfangen, wenn sich ihre ruhenden Kräfte bei der Berührung mit den seinen wiederum entzünden. Von zwei so Verschollenen soll hier gesprochen werden. Es sind die beiden Deutschböhmen Morib Hartmann und Alfred Meißner. Vierzig Jahre sind seit dem Tode des ersten, bald dreißig seit dem des zweiten verflossen. Ihre dichterische Schöpfung verstaubt in den Gestellen provinzialer Leihbibliotheken. Die neueren Literaturgeschichten erledigen" sie vornehm- oberflächlich in einigen Zeilen. Und nur selten erinnert sich ein Nachdrucker ihrer oder ein fleißiger Germanist, der Material für seine Differtation sammelt. Die Lebensschicksale der beiden befreundeten Männer liefen eine lange Strecke einander parallel. Beide haben in ihrer Jugend die Bedrückungen des absolutistischen Systems an sich erfahren, das in Österreich lückenloser herrschte als in den übrigen Staaten des Deutschen Bundes, und beide haben dieses System aufs grimmigste befehdet. Für beide war die Revolution von 1848 das folgenschwerste Ereignis ihres Lebens. Hartmann, der sich ebenso wie Meißner zunächst an der demokratischen Bewegung seiner engeren Heimat beteiligt hatte, wurde Mitglied des Frankfurter Parlaments, gehörte jener berühmten„ äußersten Linfen" an, dem„ Donnersberg", ohne übrigens in dem politischen Getriebe hervorzutreten. Nach der Sprengung des letzten Restes dieser Volksvertretung, des Rumpfparlaments in Stuttgart, durch württembergische Dragoner ging er mit den anderen Radikaleu in die Verbannung. In der Schweiz, in England fand er ein Asyl, am längsten aber lebte er in Paris, wo er als Zeitungsforrespondent sein Brot erwarb. Der Krimkrieg mit seinen weitreichenden politischen Folgen zog den immer tatfrohen und beweglichen Mann wieder ins Weite. Konstantinopel, ein Stück Kleinasien, besonders aber den Kriegsschauplatz an der unteren Donau bcreiste und schilderte er als Berichterstatter. 1860 ist er in Italien, freudig bewegt als Beobachter Anteil nehmend an den Kämpfen der Nation wider den österreichischen Unterdrücker und die von ihm abhängigen Kleinfürsten. Auf diese neue revolutionäre Episode folgen ein paar Jahre friedlichen Gelehrten- und Schriftstellerlebens an der damals noch nicht zur Universität erhobenen Genfer Akademie. Die fortschrittliche Entwicklung der deutschen Zustände ermöglichte ihm dann die übersiedlung nach Stuttgart. Als das reaktionäre Systent in Österreich im Kriege von 1866 zusammenbrach, kehrte Hartmann in die Heimat zurück, nach zwanzigjähriger Verfolgung endlich„ begnadigt". Er trug aber schwer an der Formung der deutschen„ Einheit", die dem großdeutschen Demofraten bejammernswert dünkte. In Wien ist er dann 1872, kaum fünfzigjährig, gestorben, an einer Krankheit, deren Keim die Stra pazen an der unteren Donau gelegt hatten. Viel einfacher und gradliniger verläuft das Leben Alfred Meißners, um dann jäh in einer tragischen Kurve zu fallen. Als Sohn eines geachteten Arztes und Enkel eines verdienstvollen Schriftstellers der zu Ende gehenden Aufklärungszeit, erhielt er cine sorgfältige literarische Bildung. Aber der Vater hätte ihn gern in seine einträgliche Praris eintreten sehen: er zwang dem Lyriker das medizinische Studium auf. Der Widerstand gegen den verhaßten Beruf trug auch dazu bei, die oppositionelle Stimmung Meißners zu vertiefen. Zugleich aber gab eben dieses Studium dem Dichter eine Fülle von Erkenntnissen, die dem einseitigen Literaten im österreichischen Vormärz nie geworden wären: seine Arbeit in Krankenhäusern, Entbindungsanstalten und Anatomien schärfte ihm den Blick für die sozialen Nöten der Zeit. Meißners politische Dichtung ist daher mehr als die seiner meisten Sangesgenossen von sozialen Gedanken und Stimmungen durchdrungen. Er brüstet sich geradezu mit dem„ Kotfleck cm Gewande", dem „ Demokratenwappenzeichen", und kofettiert ein wenig mit seinem Kommunismus, der einen damals freilich noch als neueste Mode in den Salons interessant machen konnte. Unter Meißners frühen Gedichten finden wir daher eine ganze Anzahl, die sich mit dem sozialen Aufbau der Gesellschaft beschäftigen oder mit der Armutsfrage", wie man das zu jener Zeit philanthropisch abschwächend zu bezeichnen liebte. Aber sein Erkenntnisdrang brachte ihn auch mit den Lehren Saint- Simons und Fouriers in Berührung. Der Einfluß ist unverkennbar in Meißners Balladenzyklus„ Ziska", deur ersten Teil einer geplanten Reihe aus der an romantischen Episoden reichen böhmischen Geschichte. Er zeigt sich hier in der Schilderung des Lebens der taboritischen Brüder, in der sozialphilosophischen Ausdeutung ihres demokratisch religiösen Dogmas:„ den Kelch für alle". Im Jahre 1848, während der Revolution in Prag, in Frankfurt, in Paris, ist Meißner nur Beobachtender, nicht MitHandelnder. Auch jetzt ist ihm der soziale Gehalt der Zeit deutlicher als den meisten. Eines seiner schwungvollsten Gedichte aus diesen Tagen bringt den tieftönenden Refrain:„ Das arme Volf will nichts als schwarzes Brot." Das Scheitern der Revolution traj ihn im Innersten. Er begann an allen Jdealen zu zweifeln, die er gehegt hatte. Stumpf und öde schien ihm die Zeit. Der Lyrifer verstummte. Seine epischen Pläne hatte er aufgegeben unter demt 26 Für unsere Mütter und Hausfrauen Zuspruch von Freunden, die ihm mit nationalen Bedenklichkeiten den Weg verlegten. Seine dramatischen Versuche worunter cine sehr interessante Davidtragödie und cine, die Aufstieg und Sturz eines Emporkömmlings in der Welt des Geldes" schildert brachten ihm nur Mißerfolg und Unfrieden. Der Dichter wandte sich dem Roman zu. Auch Erwägungen materieller Art begannen hier mitzusprechen. Es waren die Jahre, in denen Gutzfow mit seinen langatmigen Schöpfungen alle Welt begeisterte und Spielhagen seine ersten überwältigenden Erfolge davontrug. Meißner fühlte sich verlockt, es den beiden gleichzutun. Aber ihm fehlte die kräftige Phantasie, die ihr Stück Wirklichkeit sicher ergreift und die vor allem nie aussetzt. Er war ein feiner und gewissenhafter Arbeiter. Da kam der Versucher in Gestalt eines Freundes, eines armen Literaten, den Meißner lange unterstützt hatte. Er war nicht ganz ohne Begabung, doch eigentlich ohne schöpferische Kraft. Aber gerade die Festigkeit und zielbewußte Führung, die fleine Schlauheit, den Leser zu spannen und zu überlisten, die Meißner versagt war, die hatte er. Es war cin Geschäft, das so zustande kam. Und dieses Geschäft florierte. Aber Meißner, dessen Name allein auf den Titeln der von beiden verfaßten Werke genannt war, hatte nie den Mut, sich zu diesem sonderbaren Kompaniegeschäft zu bekennen. Er gab sich damit ganz in die Hand seines stillen Teilhabers", der nun seinen Vorteil rücksichtslos bis zur Überspannung verfolgte. Meißner war immer eine furchtsame Natur und wie hypnotisiert von der Energie des anderen. Der Freund wurde zum Erpresser. Und er wußte sein Opfer so zu umstellen, daß es keinen Ausweg mehr sah als den Tod. Alfred Meißner starb 1885 an den Folgen eines mißglückten Selbstmordversuchs. Die Lyrik Hartmanns und Meißners hat vorwiegend den Einfluß Heines und Lenaus erfahren, die in Sentimentalität und Ironie, in Naturgefühl und Reflegion, in politischer und sozialer Kritik die literarischen Vorbilder jener Zeit waren. Hartmann widmet seine erste Sammlung mit dem Hussitentitel Kelch und Schwert" Lenau und besingt hier eine Episode aus dem Leben dieses Unsteten, seine Amerifareise. Meißner dichtet bei der Kunde von Lenaus Wahnsinn" ergreifende Strophen, sein Bista" ist ein eigengearteter Nachkomme der„ Albigenser". Hartmann und Meißner greifen mit zornigen Versen in den politischen Kampf ein; gegen die Zensur, für Volksrechte, gegen Fürstenwillkür, für Verfassungswesen erheben sie die Stimme, wobei, der Zeitstimmung entsprechend, vielfach die Geister der in den Befreiungskriegen Gefallenen angerufen werden und der Lohn geschildert wird, den das Volk für seine Blutopfer erhalten. Hartmann wächst durch böh= mische Elegien, in denen der Groll eines seit Jahrhunderten unterdrückten Volkes in romantischer Glut auflodert, und durch Balladen voll dramatischer Wucht, Meißner in seinem„ Ziska" über diese Lyrik hinaus. Diese" freien Dichtungen" gehören mit dem rauschenden Klange ihrer Verse, der Farbigkeit ihrer Bilder, der Kraft ihres Pathos, mit ihrer Ausdrucksfülle und der Weite ihrer geistigen Beziehung sicher zum Schönsten unserer neueren Literatur. Das tolle" Jahr zeigte die beiden wieder auf den Wegen Heines. Meißner macht seiner Bitterfeit über den kläglichen Ausgang in ciner Spottschrift Luft, die den plumpen Fußtapfen des Heincschen Tanzbären nachschreitet:" Der Sohn des Atta Troll". Ju Hartmann, der eben die letzten Kämpfe des aufständischen Wien mitgefochten hatte neben Blum und den Windischgrätschen Galgenurteilen mit knapper Not entronnen war, erwacht der Satirifer beim Anblick des Politikergewimmels um ihn herum in der Paulskirche. Diese gespreizten Wichtigkeiten und kleinen Nichtigfeiten in staatsmännischer Pose, diese orakelnde Gelehrtenweisheit, die sich bei jedem Quark selbstgefällig ausbreitete, dieses Intrigantentum, das nur an sich und sein Fraktiönchen dachte, diese jämmerliche Paragraphenreiterei, die Monate hindurch an„ Grundrechten" herumtüftelte und die Not und Forderung des Tages nicht sehen wollte: da war es schwer, feine Satire zu schreiben. Hartmann gab sie in seiner Reimchronik des Pfaffen Maurizius". Hier glossiert er mit wahrhaft überlegenem Humor die Ereignisse des Winters und Frühjahres, die auf den März des Jahres 1848 folgten. Hier findet er aber auch die erschütterndsten Töne der Trauer und des Zornes, wenn er von dem gefallenen Wien und den gemordeten Freunden spricht, des Trozes und der Erhebung, wenn er den Ruhm der siegreichen Ungarn verkündet. In Zweifel und Trübnis wie diese Zeit endet auch ihre Dichtung. Die„ Reimchronik" ist der Klarste Spiegel der großen und fleinen Welt des Bewegungsjahres, die bedeutendste satirische Dichfung, die es hervorgebracht hat. Wer immer Herz und Sinn für die Geschichte der deutschen Revolution hat, sollte sie lesen und sich an ihrem Wize erfreuen. Nr. 7 Im Eril hat Hartmann seine schriftstellerische Tätigkeit immer weiter ausgebreitet. Er hat die interessantesten Episoden, die ihm tätig mitzuerleben beschieden waren, in memoirenhaften Bruchstücken geschildert: die Revolution in ihren verschiedenen Phasen, den Staatsstreich in Frankreich, die italienische Erhebung und vieles andere. Er hat Landschaft und Leute, die ihm Asyl boten, mit liebevoll zeichnender Feder festgehalten: Languedoc und Provence und Bretagne, Dänemark und Irland, die Schweiz und das Land an der unteren Donau. Aus diesem Schauen und Erleben erwuchs nun seine spätere Dichtung. Nach 1848 ist Hartmann im wesentlichen Novellist. Nur eine Gedichtsammlung,„ Die Zeitlosen", hat er noch gegeben, in der seine Ballade zur größten Fülle der Farben und Töne entfaltet ist, seine Weltanschauung zu gröBerer Klarheit fortschreitet. Hier möge nur die äußerst kunstvolle portugiesische Romanze„ Der Camao" genannt sein, eine Episode aus dem Leben des großen Dichters Camoës, sowie die umfangreiche„ Herrn Mannwelts' Woche", die ich eine sozialkritische Ballade nennen möchte, eingegeben durch die hoffnungslose Stimmung nach dem Zusammenbruch der Revolution. Hartmanns Novelle ist die unmittelbare Frucht seines Flüchtlingslebens, und der Flüchtling ist eine ihrer häufigsten Figuren. Alle seine Wanderungen geben die Szenerie, Süd- und Nordeuropa und der Orient mit seiner fremden Völkerwirrnis und Lebensweisheit sind die Umrahmung dieser sonderbaren Schicksale. Am liebsten aber fehrt Hartmann in sein heimatliches Böhmen zurück, das er in aller Ferne sehnsüchtig mit der Seele sucht. In den älteren„ Erzählungen eines Unsteten" tritt der Dichter selbst noch gern hervor, mittätig oder als Zuschauer. Später wird er objektiver, er beginnt die Technik der Novelle mit jener Gelassenheit zu handhaben, die ihren Meistern eigen ist. In seinen reifsten Stücken steht er durchaus auf der Höhe Heyses oder Storms, die zu weit größerer Popularität gelangt sind als er. Aber wo Heyse immer der aristokratische Künstler, Storm bei aller Zurückhaltung der freiheitliche, immer etwas philiströse Kleinbürger bleibt, dringt bei Hartmann der demokratische Grundton der Gesinnung immer wieder durch. Am Klarsten vielleicht, wenn er in seiner Heimatsnovelle vom„ Krieg um den Wald" einen Kampf ums Recht schildert, Kleists Kohlhaas vergleichbar: aber es ist nicht das Recht eines einzelnen, das als ein mystisch- starres Prinzip in die Sterne geschrieben scheint, es ist das Recht eines Volkes, das um sein Leben kämpft. Der satirische Reimchronist schwieg nach 1849 fast ganz. Er erhob sich nur noch bei einzelnen Gelegenheiten, um gegen die militaristische Reaktion Einspruch zu erheben, die der alte Großdeutsche nach den Siegen Preußens voraussagte. So ist seine Geschichte des Affenfaisers Hanuman die föstlichste Verhöhnung der stehenden Heere und des Rüstungswahnsinnes. Aber noch in den wenigen Gedichten, die er nach 1866 schrieb oder nach dem freudig begrüßten Sturze des Napoleonischen Kaisertums, zur Versöhnung im Geiste der Demokratie aufrufend, herrscht dieser tätige Lebensglaube. Unterdessen hatte Meißner sich der Produktion von Zeitromanen im größten Stile zugewandt. Die ganze neuere Geschichtsperiode, Restauration, Revolution und Reaktion sollte in ihnen abgeformt werden, womöglich für alle Zeiten. Aber so groß die Anstrengungen Meißners und seines Mitarbeiters waren, die Ausführung blieb weit zurück hinter der Absicht. Liberalismus und konservative Romantif, jesuitischer Klerikalismus und Freigeisterei, Demokratie und Nationalitätenfrage, Individualismus und kommunistische Agitation, alle großen und fleinen Sorgen des Tages und der Kultur trafen und bekämpften sich in diesen Romanen. Das ganze verwickelte Getriebe wird durch mühseligste Erfindungen aller Art in Verbindung und Bewegung erhalten. Der Zeitgeschmack war damals auf allerlei sensationelle Effekte gerichtet, welche die gewünschte Spannung erzeugten und den Ballast an Ideen und Tendenzen leichter tragen ließen. Nie ist in der Literatur ein so verschwenderischer Gebrauch von rätselhaften oder entwendeten Testamenten gemacht worden wie in dieser Zeit, von verborgenen oder falschen Urkunden, von heimlichen Ehen, Entführungen oder Kindesweglegungen. Und natürlich fommen immer höhere Motive" in Frage. Gerade im Aushecken immer neuer Verwicklungen, welche die Möglichkeit boten, den Faden ins Unendliche weiterzuspinnen, lag die Stärke seines Mitarbeiters Hedrichs, die der erfindungsärmere Meißner über Gebühr bewunderte. Uns erscheint heute dieses sich stets in ähnlichen Verbindungen wiederholende Spiel wenig geistvoll und auf Sie Dauer sogar langweilig. Die Bedeutung des Romans wie aller Dichtung liegt für uns im Stil, in der Ausdrucskraft und bei: Zeitroman ganz besonders in der Schärfe und Weite des Blicke für gesellschaftliche Zustände und Entwicklungsmöglichkeiten. Un gerade in diesen Punkten stehen die Romane Meißners, eilfertice Erzeugnisse der Sensation, nicht auf jener Höhe künstlerifd Nr. 7 Für unsere Mütter und Hausfrauen Kraft, die allein dauernde Wirkung verbürgen kann. Ja, es scheint uns fast erstaunlich, daß sie einmal Wirkung üben konnten, daß die häufig klar am Tage liegende Ungleichheit und Mangelhaftigkeit der Arbeit das Geheimnis der Verfasser nicht schon vor der Zeit enthüllte. Nur selten findet sich die gehaltvolle Gedrungenheit und Schärfe der Charakteristik, die sprachliche Kraft, die Meißners ohne Hedrichs Beihilfe entstandene Novellen und seine Balladen auszeichnet. Diesen Novellen, dem kühnen Kampfe des„ Müllers von Höft", der schaurigen Volfserzählung von den„ Tagen dez Teufels", dem grotesk- satirischen„ Sacro Catino" etwa, diesen Balladen aus dem Ziskazyklus oder vom König Sadal" könnte unter günstigeren Bedingungen noch ein langes Leben wirkender Krast beschieden sein. Aber diese günstigen Bedingungen kann eine Klasse nicht schaffen, welcher die Literatur mit seltenen Ausnahmen nur der Gegenstand eines Geschäftes ist und welche mit dem Kampfe um die Freiheit auch seine Dichter vergessen hat. Nur in dem erwachten Proletariat ist noch begründet ihr Nachruhm: die lebendige Wirkung ihres Schaffens und ihres Andenkens. Otto Wittner. OOO Vom menschlichen Körper. III. Die Gewebe. Zerlegen wir ein geschlachtetes Tier oder durchschneiden wir irgend ein Körperstück eines solchen Tieres, so treffen wir nacheinander auf Lagen oder Schichten verschiedenartiger Beschaffenheit. Wir durchtrennen die Haut, unter ihr liegt eine weißgelbliche Schicht Fett, dann durchschneiden wir rotes Fleisch und stoßen endlich auf Knochen. Diese verschiedenen Schichten finden wir in gleicher Anordnung auch im menschlichen Körper. Man nennt sie Gewebe". Denn bei eingehender Untersuchung unter dem Mikrostop zeigt sich, daß sie aus feineren Bestandteilen zusammen gesetzt, zusammengewebt" sind. Und zwar sind alle Körpergewebe zusammengesetzt oder aufgebaut aus Zellen und Erzeugnissen von Zellen. Bei manchen Geweben ist es allerdings schwer nachzuweisen, daß sie aus Zellen aufgebaut sind, die Zellen können in seltenen Fällen sogar ganz verschwinden. Verfolgt aber der Forscher die Entstehung solcher Gewebe, so gelingt ihm doch der Nachweis, daß auch sie durch Zellen erzeugt worden sind. Die verschiedenartige Beschaffenheit der einzelnen Gewebe beruht nun darauf, daß in ihnen die Zellen verschieden angeordnet sind, verschiedenartige Formen und Beschaffenheit besißen und verschiedene Stoffe um sich ausgeschieden haben. Dies wird bedingt durch die verschiedenen Aufgaben, die die Gewebe zu leisten haben. Zwischen den Zellen der verschiedenen Gewebe ist Arbeitsteilung eingetreten. Die freilebende Belle, wie sie zum Beispiel die einzelligen Urtierchen darstellen, vereinigt alle Lebensfunktionen in sich. Die mit anderen Zellen vereinigte Zelle eines bestimmten Gewebes kann nur noch ganz bestimmte Leistungen vollführen, aber diese dafür in vervollkommneter Weise. In der Nervenzelle ist zum Beispiel die Fähigkeit der Reizbarkeit in hervorragender Weise ausgebildet, die Drüsenzelle hat die Fähigkeit der Ausscheidung bewahrt und gesteigert. Ihren bestimmten Aufgaben werden die Zellen eines Gewebes dadurch gerecht, daß sie eine bestimmte Beschaffenheit annehmen und bestimmte Stoffe in überwiegendem Maße erzeugen. So haben in Muskelgeweben die Zellen Fäserchen erzeugt, die die Fähigkeit des lebenden Protoplasmas, sich zu= sammenzuziehen, in ganz besonderem Maße befizen. Man unterscheidet im Körper Oberhautgewebe, Drüsengewebe, Bindegewebe, Fettgewebe, Knorpelgewebe, Knochengewebe, Muskelgewebe und Nervengewebe. Das Oberhautgewebe oder Epithelgewebe überzieht als schützende Decke die Oberfläche des Körpers und kleidet dessen innere Höhlungen aus. Das Epithelgewebe der äußeren Haut besteht aus vielen Schichten von Zellen. Diese sind in den inneren Schichten groß, rundlich und saftreich, platten sich aber je weiter nach außen hin um se mehr ab, verhornen in den obersten Schichten und bilden an der Oberfläche nur noch trockene Schüppchen. Nägel und Haare sind Erzeugnisse des Oberhautgewebes. Wo dieses aber die inneren Höhlungen des Körpers auskleidet, hat cs andere Aufgaben zu erfüllen als an der äußeren Haut. Die Schleimhaut des Verdauungskanals, der Luft- und Geschlechtswege braucht eine ständig feuchte Oberfläche und hat im Verdauungskanal außerdem Nahrung aufzusaugen. Daher sind bei der Schleimhaut die Zellen der äußeren Schichten meist nicht abgeplattet, sondern im Gegenteil hoch, an der Oberfläche zylinder förmig und saftreich. Nur an Stellen, wo die Schleimhaut starken 27 Druck auszuhalten hat, wie in der Mundhöhle, in der Speiseröhre und in der Scheide ist sie dem Epithel der äußeren Haut sehr ähnlich, indem auch hier die oberen Zellenschichten abgeplattet sind. Alle Stoffe, die der Körper ausscheidet, teils weil sie unbrauchbar und schädlich geworden sind, wie Kohlensäure, Wasser und Harnstoff, teils weil sie, wie die Verdauungssäfte, noch weiteren wichtigen Zweden zu dienen haben, müssen durch die Oberfläche hindurch und werden also vom Oberhautgewebe ausgeschieden. Wo dieses jene Aufgabe zu erfüllen hat, hat es sich zum Drüsengewebe gesondert. Durch Einstülpungen der Haut beziehungsweise der Schleimhaut entstehen die Drüsen, und sie sind mit den Zellen dieser Häute ausgekleidet. Diese Einstülpungen bleiben bald einfach, bald verzweigen sie sich und entwickeln sie sich durch immer weitere Verzweigungen zu mächtigen Drüsenorganen, wie die Leber. Die ausscheidenden Drüsenzellen sind groß und saft= reich, und sie stehen mit Blutgefäßen in Verbindung. Aus dem Blute beziehen die Drüsenzellen die Stoffe, die sie verarbeiten und ausscheiden. Die Bindesubstanzen füllen die Zwischenräume im Innern des Körpers zwischen den einzelnen Organen aus, sie verbinden sowohl die einzelnen Teile eines Organs untereinander, so die Muskelfasern zum Muskel, als auch die einzelnen Organe miteinander, so den Muskel mit dem Knochen. Sie tragen zur Festigkeit des Körpergefüges bei und werden zum Aufbau des Traggerüsts des Körpers, des Skeletts, verwandt. Um diese Aufgaben zu erfüllen, bilden die Zellen der Bindesubstanzen auf ihrer Oberfläche Stoffe, die eine größere Festigkeit besitzen als das Protoplasma der Zelle. Da die Stoffe zwischen den Zellen liegen, heißen sie zwischenzellsubstanzen, Interzellularsubstanzen. Der Masse dieser Interzellularsubstanzen, auch Kittsubstanzen genannt, gegenüber verschwin den die Zellen meist zu unscheinbaren Körperchen; die InterzelluTarsubstanzen spielen die Hauptrolle bei den Aufgaben der Bindesubstanzen. Man unterscheidet gewöhnliches Bindegewebe, Knorpelund Knochengewebe. Bei manchen Formen des gewöhnlichen Bindegewebes überwiegen noch die Zellen, die verschieden geformt sind, große Festigkeit besitzen und durch Ausläufer innig untereinander verbunden sind, bei anderen Formen hingegen die Fasern, die entweder wirr angeordnet sind und sich nach allen Richtungen kreuzen oder in einer bestimmten Richtung parallel miteinander verlaufen. Dieses Gewebe findet sich im ganzen Körper, wo es sich um Festigung und Schuß anderer Gewebe handelt; bald dichter und fester, bald weitmaschiger und lockerer umgibt es die Organe und hält sie an ihrem Plaze. Es bildet die lockere, faserige Zwischenschicht zwischen Haut und Muskel, es umhüllt die Nervenfortsätze und verbindet sie zum Nervenstrang, ebenso die Muskelfasern zum Muskel, es stützt und verbindet die Zellen des Drüsengewebes zu Drüsen. Eine besondere Form des Bindegewebes ist das Sehnengewebe, eine Abart das Fettge= webe. Bei diesem ist das Protoplasma des Zelleibs durch Feit verdrängt. Das Fettgewebe ist um den ganzen Körper unter der Haut abgelagert als Polster und wärmender Mantel, es dient die Eingeweide weich zu betten und stellt endlich einen Nahrungsvorrat für den Körper im Falle der Not dar. Die blasigen Zellen des Knorpelgewebes sind durch eine durchscheinende, feste aber elastische Zwischensubstanz verkittet. Das Knorpelgewebe bildet einen glatten überzug der rauhen Knochen in den Gelenken, oder es dient als federndes Kissen zwischen zwei Knochen, so zwischen den einzelnen Wirbeln des Rückgrats. Ferner vertritt es den Knochen als Stüßgerüst in biegsamen Teilen, so in der Nasenscheidewand, in der Ohrmuskel und in der Luftröhre. " Denken wir uns die Knochenzellen von erhärtetem Kalkbrci umgeben, ungefähr wie die Rosinen vom Kuchenteig, nur regelmäßiger, und das Ganze von Blutgefäßen durchzogen, so haben wir das Knochengewebe vor uns." Die Knochenzellen senden zahlreiche Ausläufer aus, die sich zu einem feinen Spizenmuster untereinander vereinigen. Die Zwischenzellsubstanz besteht zunt größten Teil aus anorganischem, hartem Stoffe. Die Hauptmasse dieses Bestandteils wird durch phosphorfauren Kalt gebildet, ferner enthält er phosphorsaure Magnesia, fohlensauren Kalk und andere Salze. Die Kaltsalze sind es, die dem Knochengewebe seine Festigkeit und Härte verleihen. Werden sie wie bei der Englischen Krankheit nicht in genügender Menge im Knochen abgelagert, so bleibt dieser weich, er gibt dem Drucke der Körperlast und dem Zuge der Muskeln nach, und das Skelett verkrümmt und verbiegt sich. Die Knochensubstanz, die in dünnen, konzentrisch geschichteten Blättchen angeordnet ist, wird von zahlreichen feinsten Kanälchen durchzogen. Diese Kanälchen, die Haversischen Kanälchen, sin's untereinander verbunden und dienen dem Verlauf von Bluigefäßen. Die Blutgefäße bringen die Nähr- und Baustoffe für den 28 Für unsere Mütter und Hausfrauen Knochen. Denn obwohl dieser zum größten Teil aus harter Masse besteht, herrscht in ihm ein sehr reges Leben durch ständigen Abbau und Wiederaufbau des Gewebes. Zwei Formen von Muskelgewebe gibt es im menschlichen Körper. Tie Fasern des glatten Muskelgewebe 3, zusammengesetzt aus langen, spindelförmigen Zellen, überziehen in dünnen Schichten und Häuten röhren- und sackförmig die Eingeweide, so Magen, Darm und Harnblase, ferner die Blut- und Lymphgefäße, und be= wirken durch ihre Zusammenziehung deren Bewegungen. Aus einer dichten Masse dieses Gewebes besteht die Gebärmutter. Die Fasern des quergestreiften Muskelgewebes erscheinen unter dent Mikroskop abwechselnd hell und dunkelgestreift und setzen sich aus feinsten Fäserchen zusammen. Diese Fäserchen bestehen aus hintereinanderliegenden Scheibchen, die abwechselnd das Licht einfach und doppelt brechen und dadurch die Querstreifung der Faser verursachen. Durch Aneinanderlegen mehrerer Muskelfasern entstehen die Muskelbündel, die vom Bindegewebe zusammengehalten werden und miteinander den Muskel bilden. Die quergestreiften Musfeln sind fest mit den Knochen und Knorpeln des Skeletts verbunden. Auf ihnen beruht unsere Fähigkeit, uns zu bewegen. Die Muskeln ziehen sich zusammen unter der Einwirkung von Nerven, die vom Gehirn und Rückenmark zu ihnen verlaufen, und war besitzt jede einzelne Muskelfaser ihre eigene Nervenfaser. Die Bewegungen, deren Träger die quergestreiften Muskeln sind, können vom Willen ausgelöst werden. Die Zusammenziehungen der glatten Muskulatur dagegen und damit die dadurch bewirkten Bewegungen innerhalb des Körpers stehen nicht unter der Herrschaft des Willens, sie erfolgen ausschließlich unwillkürlich. Die Herzmuskulatur ist zwar auch quergestreift ähnlich wie die Gfelettmusfeln, aber ihre Bewegungen unterliegen gleichfalls nicht dem Willen. Das Nervengewebe besteht aus Nervenzellen und Nervenjajern. Die Nervenzelle bejißt mehrere kurze Ausläufer, Protoplasmafortsäße, die sich bald nach ihrem Austritt aus der Zelle verästeln und verzweigen und die gleichen Fortsäße benachbarter Nervenzellen berühren. Ferner entsendet die Zelle einen längeren Fortjazz, die eigentliche Nervenfaser, die zunächst ohne sich zu verästeln verläuft. Die Nervenzelle ist der Sitz des Nervenlebens. Sie überträgt ihre Erregung auf die Nervenfaser, und diese führt sic als Leitungsstrang entweder anderen Nervenzellen oder Muskeln und Drüsen zu. Die Nervenfaser, die mit anderen Nervenfasern zum Nervenstrang zusammentritt, löst sich an ihrem Ende nach oft sehr langem Verlauf in feinste Fäserchen auf. Feuilleton Eine Bescherung. Bon E. Wierzbiski. Am Schlusse der Schulstunde rief der Lehrer sechs von den sicbenundsechzig kleinen Mädchen zu sich heraus, notierte ihre Namen, Beruf und Wohnung der Eltern und sagte:" Ihr dürft bei mir Bestellungen ans Christkind machen!" Eifrig nannten die Kinder ihre Wünsche. Emma Rohdek allein zögerte:„ Nur heraus mit deinem Wunsche!" ermunterte der Lehrer.„ Eine Hose," tam es heraus.„ Hast du denn schon Puppen genug, du willst doch euch Spielzeug, nicht wahr?"" Dann lieber noch eine Hose," sagte Emma, ohne zu zögern.„ Warum?"" Sonst kann ich Sonntags nicht raus, wenn Mutter wäscht," erklärte Emma verständig. Der Lehrer freute sich, gerade Emma für die Bescherung aufnotiert zu haben. Das Kind war ja immer sauber angezogen, aber sein Kleidchen war über und über geflickt und viel zu dünn für die kalte Witterung. Zu Hause wurde Emma für ihren gescheiten Wunsch von der Mutter gelobt. Wäre doch der Tag der Bescherung da! In Emmas zerschlissene weiße Höschen hatte die Mutter schon mehrere Flicken aus ihren Hemdenresten übereinander eingenäht, aber das Kind fror trotzdem, weil im übrigen seine Kleidung die gleiche war wie im Sommer. Es war das erstemal, daß eines ihrer Kinder in der Schule ein Geschenk erhalten sollte. Frau Rohdek hätte es am liebsten zurückgewiesen. Aber wenn man fünf kleine hungrige Mäuler am Tische hat und der Mann wochenlang arbeitslos ist, dann wehrt man nichts mehr ab, was irgend den Kindern zugute femmen fann. Endlich fand die Weihnachtsbescherung statt. Im Schulzimmer sand rechts vom Pulte auf einem Tische ein prächtiger Tannentaum mit weißen Papierrosen und brennenden Lichtern. Links tom Pulte war ein zweiter Tisch, bedeckt mit Geschenken, meist Suppen, aber auch allerlei anderem Spielzeug. Daneben lagen Nr. 7 auf Stühlen Kleidungsstücke: Müßen, Strümpfe, Unterröde, Hem den und Hosen. Emma sah es, als sie mit den anderen eingeladenen Glücklichen vorbeiging zu den Bänken. Vor dem Pulte stand ein ungeheuer großer Korb, der war gehäuft voll von weißen Tüten. Die Luft duftete von süßen Gerüchen. Die Lehrerschaft und einige sehr feine Damen, Freundinnen der Armen", stellten sich an der Wand auf. Der Rektor stand hinter dem Pulte und ließ die Kinder Stille Nacht, heilige Nacht" singen. Einige größere Mädchen sagten Weihnachtsgedichte auf. Hierauf sprach der Rektor von Jesu Geburt und davon, daß das Christkind alle Menschen liebe und alle reich und glücklich machen wolle. Die frommen Kinder aber zeichne es besonders durch sichtbare Gaben aus. Alle Augen glänzten freudig. Klein Emma schlug das Herz. Sie lernte leicht und wurde täglich gelobt, und sie hatte auch immer das Morgen- und Abendgebet gesprochen! Nachdem der Reftor geendet, erklang es:„ O du fröhliche, o du selige", und dann kam die Verteilung der Geschenke. Jedes Kind bekam eine Tüte, Spielsachen und meistens auch ein Kleidungsstück. Emma war unter den letzten, die beschert wurden. Als sie vortrat, sah sie die Hosen auf dem Stuhle nicht mehr. Ein hübsches Fräulein gab ihr eine ziemlich stattliche Tüte mit Nüssen und Kuchen und einen großen Ball. Emma sagte nicht danke und machte keinen Anix, sondern sah der Dame starr ins Gesicht:„ Wo sind meine Hosen?" schrie sie auf und blickte auf den leergewordenen Stuhl. Der Klassenlehrer kam herzu, entschuldigte den Vorfall bei der Dame und schob mit tröstenden Worten seine Schülerin zur Tür hinaus.„ Sieh, Emma, du hast doch solch große Tüte, und laß mich sehen, wie hoch springt der Ball?" Aber der Ball sprang gar nicht. Er hatte einen fürchterlichen Riß, der durch große Stiche zusammengenäht war, und klappte zusammen, als er springen sollte. Verdrießlich hob der Lehrer ihn auf. Emma war schon fast auf der Straße. Er rief sie zurück und gab ihr den Ball mit. Langsam trollte die Kleine Heimwärts, in einem Arm die Tüte, im anderen den ungeschickt großen grauen Ball zusammengequetscht. Sie schob die Finger der rechten Hand in den linken Jackenärmel und die Finger der linken Hand in den rechten Jackenärmel, denn es war empfindlich kalt und begann leicht zu schneien. Der Riß im Ball war mit weißem 3wirn zusammengenäht. Jetzt, da der Ball plattgedrückt war, sah es aus, als hätte er ein breites, grinsendes Maul mit gefletschten Zähnen. Emma weinte im Gehen still vor sich hin, teils aus Enttäuschung, teils weil sie fror. Hastende Passanten, beladen mit Paketen, stießen an sie an. An der Ecke, wo die Straße abbog, in der sie wohnte, stand Franz, Emmas größerer Bruder. Er ging diese Woche nicht zur Schule, weil er keine Schuhe hatte. Das heißt, im Hals" hatte er's auch. Er hatte die weichen Latschen an, welche die Mutter aus Stoffresten schuf, wie der liebe Gott einst aus dem Chaos Himmel und Erde. Franz griff sofort nach der Tüte. Emma hielt sie aber fest.„ Ich soll nicht dabei gehen, hat Mutter gesagt, und dann sollst du auch nicht." Bei diesem Streite stellten beide fest, daß die Tüte aufge= weicht war. Nunmehr packte Franz die Schürzenzipfel der Schwester, hob sie hoch, und Emma ließ den Inhalt der nassen Tüte in die Schürze gleiten. Der Bruder lief voraus die fünf Stufen hinunter zur Kellertür und rief:„ Emma will sich nicht freuen, weil sie Teine Hose hat." Die Mutter legte den Jüngsten, den sie eben an der Brust gehabt hatte, in die Wiege, drückte Emma auf den Stuhl neben dem fleinen Ofen und besah die Geschenke. Dabei rollten ihr unversehens ein paar Tränen über das blasse Gesicht. Sie hatte wieder cinmal dem Herrgott zu früh gedankt. Nun stopfte sie Franz und Emma von den aufgeweichten braunen Pfefferkuchen in den Mund und ebenso den beiden kleineren Kindern. Diese hatten im Bette auf Emmas Rückkehr gewartet, zugedeckt mit dem alten wattierten Unterrock der Mutter. Denn die Federbetten waren im Leihhaus. Die Nüsse wusch die Mutter ab, gab jedem Kinde eine große zum Spielen und verwahrte die übrigen. Der Vater fam mißmutig von vergeblicher Arbeitssuche zurück. Als seine Frau ihm mit verzagtem Lächeln dünnen schwarzen Kaffee und Salzkartoffeln vorseßte, schob er beides zurück, indem er erklärte, er habe bereits bei einem Kollegen gegessen. Schweigend suchte er sein Lager auf. Frau Rohdek wirtschaftete noch ein Weilchen umher. Doch endlich schliefen alle im Stübchen. Über dem schnell erkaltenden Kanonenofen baumelten zwischen Windeln und Strümpfen trübselig Emmas Jacke und Schürze, die einander die dunklen Spuren der Weihnachtsbescherung zeigten. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe. Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dteg Nachf. G.m.b.G. in Stuttgart.