Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 8 0 0 0 0 0 0 0 0 Beilage zur Gleichheit Inhaltsverzeichnis: Kind und Krieg. Striegsbrot. Von M. Kt. Feuilleton: Der Jäger. Von Olive Schreiner. Kind und Krieg. Welchen Einfluß üben die gegenwärtigen schweren Zeitereignisse auf das Empfinden und Denken der Kinder im werktätigen Volfe? Erschöpft sich dieser Einfluß in der erhöhten Neigung, Soldaten und Schlacht zu spielen, kriegerische Weisen zu singen, die nicht selten ohne jeden dichterischen und erzieherischen Wert sind; in der gesteigerten Empfänglichkeit, über soziale und politische Dinge Gedanken und Wer tungen anzunehmen, wie sie von der Schule des kapitalistischen Staats den Kindern der Massen anerzogen werden sollen? Diese Frage könnte mur schlankweg bejahen, wer nicht weiß oder übersieht, wie eng das Heim ist, in dem das Kind des Arbeiters, des kleinen Mannes heranwächst. So eng, daß es darin kaum ein schüßendes Winkelchen gibt, in dem das Kind vor den harten Stößen und Büffen geborgen wäre, mit dem sich der Krieg und seine Folgen dem Leben der Familie fühlbar machen. Recht interessantes Material zur Beurteilung solchen Einslusses der Verhältnisse auf Geist und Gemüt der Kinder hat ein Lehrer in Zürich in der Berner Tagwacht" veröffentlicht, einem Drgan der schweizerischen Sozialdemokratie. Wir lassen den Artikel folgen, der nicht nur einen erschütternden Einblick in die jezigen Sorgen und Nöte des Volkes gibt, sondern gleichzeitig einen anregenden und ermutigenden Ausblick, daß die Dinge und Vorgänge des alltäglichen Lebens von der denkenden Mutter als Dienerin des sozialistischen Ideals ihrer Bildungsarbeit am Kinde nußbar gemacht werden können; daß reiche sittliche Werte proletarischen Solidaritätsempfindens und Solidaritätswollens sich aus diesen Dingen und Vorgängen in den jungen Seelen entwickeln lassen. Wollen wir im Hinblick darauf die Mitteilungen des Herrn R. richtig schätzen, so müssen wir uns eins vergegenwärtigen. Die Begleiterscheinungen des Kriegs haben in der Schweiz mit den Lebensverhältnissen der breitesten Volksmassen auch das Fühlen und Denken der Kinder aufs stärkste beeinflußt. Die Schweiz ist aber ein neutrales Land, das glücklicherweise nicht die schlimmsten Wirkungen des Kriegs erfährt. Die Kinder leiden zum Beispiel hier nur unter der Mobilisation des Vaters, sie zittern nicht mit einer verhärmten Mutter lange Wochen um sein Leben, die furchtbare Kunde bleibt ihnen erspart, daß eine Kugel sie plöglich zu Waisen gemacht hat usw. Wie aufrüttelnd und bestimmend muß in den kriegführenden Staaten der Einfluß des blutigen Völkerringens und seiner Folgen auf die kindlichen Seelen sein! An unseren Müttern darüber zu wachen, daß in dem tief auf gepflügten Boden kein Unkraut wuchernd emporschießt, daß es vielmehr reiche sozialistische Ideensaat empfängt. Der Züricher Lehrer J. R. schreibt: Als anfangs August ein Schrei des Entseyens durch die ganze Kulturwelt ging über die unerhörte Statastrophe des Krieges, als unser Heer mobilisiert, Städte und Dörfer voll Soldaten waren, da herrschte bei unserer Jugend auch der des Proletariats citel Freude und Begeisterung. In ihren Spielen ahmten die Kinder die Tätigkeit des Militärs nach. So intensiv und realistisch wurden zum Beispiel Schlachten inszeniert, daß die Behörden einschreiten mußten. Freie Aufsäge sind Belege dafür, wie der Strieg auch die Gedanken und Handlungen der Kinder bestimmte, wie die Zeitereignisse sich in der Kinderseele widerspiegelten. Fast in jeder Aufsatzstunde erzählte die Jugend von ihren Striegsspielen: Festungsbau, Verteidigung und Einnahme, Herstellung von Schüßengräben, Verschanzungen; Erstellung von Sanonen", Feldküchen, vom Abkochen, Vertvundetentransport; Sanitätsdienst usw. Interessant ist es nun, den vollständigen Stimmungsumschlag in der Seele unserer Arbeiterkinder festzustellen. Die herrschende Arbeitslosigkeit, die Not in vielen Familien, all das Elend, das der Serieg auch den neutralen Staaten, das heißt wenigstens deren Proletariat brachte, bewirkte den frappanten Umschwung im Denken der Kinder über den Krieg. Diese Tatsache konstatierte ich aus den Briefen, die meine elfjährigen Schüler( 5. Primarklasse) lezzthin dem Christkind schreiben durften. Die Arbeiten, auf die sich meine Aufzeichnungen stüßen, sind vollständig frei. Es wurde den jugendfichen Schriftstellern nur, um sie zur Produktion anzuregen, das rührende Brieflein eines Zweitkläßlers einer stadtzürcherischen Elementarschule vorgelesen. Es lautet: Liebes Christkindlein! Ich wünsche das die Mutter auf Weihnachien viel arbeiden kann. Sie kann iezt COCO O O O O 1915 schon nicht mehr fiel arbeiden. Ich bien dann so glücklich. Ich grüße dich vielmal. Josef Und nun die Resultate! Ein einziger Schüler der großen Klasse, der Sohn von etwas besser situierten Eltern, schrieb den üblichen Wunschzettel: Süßigkeiten, Spielwaren usw. Die Mehrzahl der Kinder zählte solche Wünsche gar nicht auf, die übrigen erwähnten sie nur nebenbei. Peinlich berührte mich, was ein armer Judenknabe schrieb:„ Die Weihnacht gefällt mir gar nicht. Bei uns ist es wie ein gewöhnlicher Tag. Auf Weihnachten bekomme ich höchstens ein paar Dhrfeigen und sonst nichts mehr. Ich wäre zufrieden, wenn der Krieg vorbei wäre, damit wir fortfahren können. Es gefällt mir gar nicht in Zürich, weil man keine Arbeit bekommt." Alle Briefe sind sehr ernst gestimmt, von der Freude auf die„ fröhliche" Weihnachtszeit läßt sich nichts spüren; nur ein einziger erlaubt sich ein Späßchen und schreibt:„ Liebes Christkind! lasse du dieses Jahr einmal Kartoffeln schneien, denn sie sind in Kriegszeiten gar teuer; sonst müssen wir Hunger leiden. Ach erfülle doch diesen Wunsch!" Einige, bei denen Krankheiten in der Familie herrschten oder noch weilen, erwarten das Christkind als Bringer der ersehnten Gesundheit; davon nur zwei Beispiele: Ich wünsche, daß meine liebe Mutter gesund bleibt; denn sie wurde legtes Jahr gerade auf Weihnachten frank. Sie bekam einen Nervenschlag. Ein tieftrauriges Bild zeigt der zweite: Ich wünsche, daß meine Mutter auf Weihnachten wieder gesund wird, denn sie wird operiert. Sie ist immer fränklich gewesen; da hat der Vater gesagt, sie solle sich einmal untersuchen lassen. Dann ging sie legten Mittwoch in die Fürsorgestelle. Als sie wieder heim kam, sagte sie, sie müsse am Freitag wieder gehen, sie werde operiert. Der Vater fuhr auf und fragte: „ Ist das wahr?" Sie antwortete, ja, sie müsse etwa acht Tage in den Spital, wegen des linken Lungenflügels. Sie ging am Freitag um 6 Uhr, um das Zeugnis zu holen. Der Doktor sagte, am Montag müsse sie gehen. Also Christkind mach mir die Freude und mache die Mutter wieder gesund. Eigene Not schärft die Augen für fremde, und während die Geistlichen sich so oft umsonst mühen, bei den Reichen soziale Gefühle zu erwecken, kennen die Proletarierkinder diese längst besser. Zwei Beispiele: 1. Liebes Christkind! Ich wünsche, daß mein Vater und die Mutter noch lange arbeiten können und daß wir noch lange genug zu essen haben. Bringe du den Armen Kleider, daß sie nicht frieren müssen, und bringe ihnen zu essen, daß sie nicht hungern müssen! Bringe mir ein paar Strangen graue Wolle, daß ich für die Soldaten stricken kann, daß sie nicht frieren müssen. Ich wünsche, daß die Soldaten wieder zu ihren Müttern heimkehren können; denn viele möchten wieder einmal in ein weiches Bett liegen. 2. Der erste Wunsch, den du, mein liebes Christkind, erfüllen kannst, ist der, hilf den armen Kindern, die ohne Eltern hilflos auf der Welt sind und bleiben. Schenke ihnen den Vater, der im Felde steht und kämpft, oder die Mutter, die in Gefangenschaft ist in Frankreich oder England. Hilf den Flüchtlingen, die aus Belgien in der Schweiz sind und ihr Brot vor fremden Türen betteln und suchen müssen. Hilf auch unseren und anderen Eltern, daß sie immer arbeiten können. Gedenke auch der Kinder, denen der Vater erschossen oder gefangen worden ist. Schenke auch mir ein Paar Schlittschuhe, schenke meiner Schwester einen neuen Mantel und einen Schlitten! Aus einer ganzen Reihe von Briefen läßt sich die herrschende Arbeitslosigkeit erkennen: 1. Wir haben es noch schön, unser Vater verdient doch noch etwas. 2. Etwas wünsche ich mir doch; nämlich Arbeit für den Vater und die Mutter. 3. Liebes Christkind! Du weißt, daß Mama Dezember und Januar austreten muß; denn andere, die jetzt keine Arbeit haben, müssen auch wieder einmal verdienen. Du weißt auch, daß Papa schon lange feine Arbeit hat; darum wünsche ich, daß beide nach Weihnachten Arbeit bekommen. 4. Ich weiß, daß meine Mutter jest nicht viel kaufen kann. Nur noch der Vater verdient und mein Bruder steht an der Grenze für das Vaterland. Zu viel wünsche ich mir nicht, wenn ich nur das bekomme; denn wir müssen froh sein, wenn wir genug zu essen haben. Ich wünsche noch, daß mein Vater noch lange arbeiten fann und daß die Arbeitslosen auch wieder Arbeit bekommen. 5. Liebes Christkind! Ich bitte dich, daß du ein Bäumchen bringst. Wenn es dir möglich ist, kannst du mir eine Drange und eine Schokolade geben. Ich werde dir danken. Wenn es dir aber nicht 30 Für unsere Mütter und Bausfrauen möglich ist, wäre ich zufrieden, wenn nur Vater und Mutter arbeiten fönnen. Das letzte Beispiel dieser Art lautet: Liebes Christkind! Ich wünsche mir nichts; aber etwas muß ich dir sagen: Mache dem Vater doch die Freude, daß er den vollen Lohn bekommt. Sonst könnte er uns ja nicht einmal ein Paar Schuhe kaufen und ein Paar Handschuhe. Wenn ich nur dieses hätte, wäre ich zufrieden; doch besonders, wenn die Mutter auch schaffen könnte. Es ist nämlich böse, wenn der Vater für vier Köpfe sorgen muß, daß sie nicht hungern. Etwas habe ich vergessen: mache auch, daß der Vater noch Geld hat, um Wolle zu kaufen, daß wir Strümpfe stricken können und nicht an die Füße frieren müssen. Wenn diese Wünsche erfüllt werden, bin ich zufrieden. Wie sehr die Kinder den Ernst dieser Zeit erfaßt haben und wie bescheiden und praktisch sie im Wünschen sind, mögen die beiden folgenden Arbeiten zeigen. 1. Ich hoffe, daß du mir zum Weihnachtsfest wieder einmal ein neues Kleid bringst, daß ich wieder einmal schöner daherkomme. Wenigstens ein Paar neue Schuhe erhoffe ich, damit ich nicht mit den verschiegeten" Schuhen in der Stadt herumtappen muß. 2. Ich wünsche ein warmes Winterkleid, damit ich nicht frieren muß; daß der Vater und der Bruder auf Weihnachten heimkommen können und daß der Vater uns ein paar hundert Franken heimbringe. Du fannst uns eine halbe Kuh bringen, daß wir den ganzen Winter Fleisch zu essen haben, und etwa 15 Kilo dürren Speck. Eine Reihe von Schülern erkannte, daß an all der Not, an all dem Elend nur der Krieg schuld ist; sie wünschen darum sehnlichst sein Ende herbei. Ein weitere Reihe von Beispielen möge auch diese Tatsache belegen. Ich habe für diese letzte Gruppe so viele Arbeiten ausgewählt, weil sie am besten die in der Einleitung erwähnte Umwandlung im Denken der Kinder demonstrieren: 1. Ich wünsche, daß die Menschenmörderei einmal ein Ende habe. 2. Ich hoffe, daß der Krieg bald vorüber ist. Weil es jetzt fast keine Arbeit mehr gibt, kann man nicht soviel kaufen; denn es ist gar eine böse Zeit. 3. Ich wünsche, daß meine Vettern, welche im Kriege sind, glücklich nach Hause kommen, daß sie nicht von den blauen Bohnen ge= troffen werden. 4. Aber mein liebster Wunsch wäre, daß du machen könntest, daß der böse Krieg bald fertig wäre und mein lieber Papa wieder heim könnte. Leider kannst du das nicht machen; darum wünsche ich wenigstens, daß du mir einen neuen Anzug bringest. 5. Aber meine Eltern sagen, dieses Jahr kann der Wunschzettel nicht erfüllt werden, denn der unselige Weltkrieg hat uns alles verdorben. Deshalb wünsche ich, daß uns allen das liebe Christkind Frieden bringe zu Weihnachten. 6. Mein Wunsch wäre, daß es auf Weihnachten Frieden gebe; sonst müssen meine Brüder und vielleicht noch der Vater fort in den Krieg; dann kann mir die Mutter nicht einmal Kleider, die ich nötig habe, kaufen, geschweige denn Schlittschuhe. Ich würde mir wünschen, wenn der Krieg nicht da wäre: 1. ein Paar Schlittschuhe; 2. eine Stimüße, 3. ein Winterleibchen und 4. ein Paar Schuhe. 7. Liebes Christkind! Ich wünsche mir, daß mein Onkel vom Feld, heimkomme und daß er, wenn sie einmal heim dürfen, lebendig und gesund komme. Das wäre mein erster Wunsch. Der zweite Wunsch ist, daß die armen Kinder, denen der Vater im Felde ge= storben ist, auch etwas wünschen dürfen. 8. Liebes Christkind! Denke doch nicht nur an mich, sondern auch an die Armen, denen der Vater im Kriege ist, so daß sie fast nichts mehr zu essen haben. Bringe doch auch allen Soldaten, die im Felde stehen und in den Schüßengräben den ganzen Tag und die ganze Nacht kämpfen und schießen müssen, warme Strümpfe und dicke Handschuhe, damit sie nicht an die Hände und Beine frieren. 9. Liebes Christkind! Mache doch, daß der schreckliche Krieg ein Ende nimmt! Du siehst ja, wie viele Männer, die dem Vaterlande treu bleiben wollen, hingeschlachtet werden. Es fallen Tausende und Tausende wie die Grashalme unter der Sense des Schnitters. Mache doch wenigstens, daß der Krieg nicht über unsere kleine schöne Schweiz kommt! Mein größter Wunsch ist, daß der schauderhafte Krieg ein schnelles Ende nimmt! Mein Vater hat auch nicht mehr den ganzen Lohn. Den Kondukteuren und Zugführern wird der Lohn heruntergejagt. Ich wünsche mir nur, daß der Krieg so bald wie möglich ein Ende nehme. So reden und schreiben heute Proletarierkinder! Wer nicht blind ist, wer zwischen den Zeilen der Briefe zu lesen vermag, der sieht dahinter das nackte Elend. Welch außerordentliche Opfer verlangt nicht dieser Krieg von der Arbeiterschaft. Aber neben den Spuren bitteren Elends wie viel Anzeichen des Mitgefühls für fremdes Leid, welch gesunde Ansätze zum Gemeinsamkeitsempfinden, zum Nr. 8 Gemeinsinn. Von den Kindern der Armen könnt ihr lernen, ihr Großen, denen das Herz bersteint ist, was es heißt das stolze Wort: Einer für alle und alle für einen!" O Kriegsbrot. Das Kriegsbrot früherer Jahrhunderte war ein Hungerbrot, ein Notstandsprodukt, das ein Gemengsel aller möglichen und unmög lichen Rohstoffe mit einer geringen Menge von Kornmehl enthielt. Das Mehl von Lupinen und anderen Hülsenfrüchten, zerkleinerte Kartoffeln, Roßkastanien, Rüben wurden ebenso in das Kriegsbrot hineingearbeitet wie Baumrinde, Moos, Stroh, Laub, Leder und dergleichen. Die Zusammensetzung unseres heutigen Kriegsbrots hat mit dem der alten Zeiten nur den Kartoffelzusatz gemein, der überdies noch behördlich geregelt ist. Die Reichsregierung ging von der vorsichtigen Erwägung aus, daß wir mit den Getreidevorräten so haushälterilch wie möglich umzugehen haben, da wir keine Zufuhr aus dem Ausland erhalten. Bei langer Dauer des Krieges müßten wir möglichst über den Beginn der nächsten Ernte hinaus ausreichen, zumal wir nicht wissen können, wie der Ausfall der Ernte 1915 sein wird. Wenn die vorhandenen Mengen an inländischem Roggen für die Ernährung genügen würden, so trifft dies für die Weizenvorräte nicht zu. Hier fehlt die Einfuhr von 2024 Millionen Kilogramm oder 34 Kilo pro Kopf. Dieser Ausfall läßt sich durch einen erhöhten Verbrauch von Roggen nicht wettmachen. Der Bundesrat hat deshalb eine Reihe von Verordnungen getroffen, die eine Streckung der vorhandenen Getreidevorräte bezwecken. Sehr vernünftig sind die Bestimmungen über stärkere Ausmfahlung des Getreides. Wir hatten uns in Friedenszeiten ge= wöhnt, eine gewisse Verschwendung bei der Ausnutzung unseres Brotgetreides zu treiben. Die moderne Hochmüllerei ist mit Aufwand aller technischen Mittel bestrebt, nicht ein möglichst nahrhaftes, sondern ein möglichst feines weißes Mehl zu erzielen. Dabei wandern wertvolle äußere Bestandteile des Getreideforns in die Kleie, um als Viehfutter verwendet zu werden. Das Vieh gedeiht dabei vorzüglich, der Mensch oft weniger gut. Statt alle Nährstoffe des Getreidekorns direkt zur menschlichen Ernährung zu verwenden, erhalten wir einen erheblichen Teil davon erst auf einem kostspieligen Umweg und mit beträchtlichen Verlusten zurück, nämlich im Fleisch des mit Kleie gemästeten Viehs. Besonders arg ist die Verschwendung bei der Herstellung des für feine Backwaren verwendeten sogenannten Auszugmehls, bei dem nur 30 Prozent des Getreidekorns ausgenutzt werden. Die Wertschätzung wichtiger Nahrungsmittel nach) der weißen Farbe, nach dem äußeren Schein hat ja auch sonst zu starken Verirrungen geführt. Wir kaufen polierten Reis und Sago, geschliffene und polierte Graupen, polierte Erbsen lediglich des vermeintlich schöneren Aussehens wegen, ohne zu bedenken, daß das Produkt durch die dabei nötige Behandlung in Boliermaschinen mit Hilfe von Talkum, Paraffin, Indigo usw. einmal verteuert, dann aber auch bis zu einem gewissen Grad entwertet wird. Gerade die oberen Schichten der Getreidekörner, die bei dem heute üblichen Verfahren entfernt werden, enthalten erhebliche Mengen des eiweißreichen Kleber, ferner für den Aufbau und die Erhaltung des Körpers so wichtige Nährsalze wie Phosphor, Kalf- und Eisensalze. Es ist klar, wie verhängnisvoll die Einbuße an Nährsalzen gerade für die ärmeren Schichten des Volkes sein muß, die sich den regelmäßigen Genuß der nährsalzreichen Früchte und Gemüse als zu teuer versagen müssen, dagegen große Mengen Brot verzehren. In der Tat bringen namhafte Ärzte die Verschlechterung des Knochenbaus, der Zähne, der Entwicklung der Lungen und des Brustkorbes im Volfe in direkten Zusammenhang mit der Entwertung des Brotes an nährenden Bestandteilen durch die Müllerei. Die neue Bundesratsverordnung fordert jetzt eine Ausmahlung des Getreides von 75 Prozent, ohne damit an die äußerste Grenze des technisch Möglichen zu gehen. In der Schweiz wird eine Aus beute von 80 Kilo Mehl auf 100 Kilo Korn gesetzlich verlangt. Bei geeigneten Vorrichtungen läßt sie sich sogar auf 94 Prozent steigern, und wir hätten dann ein kerniges, an blut- und knochenbildenden Stoffen reiches Vollkornbrot statt des bisher üblichen Bäckerbrotes, das wenig gehaltvoll und schwammig ist. Rubner hat berechnet, daß es für das deutsche Volk einen Gewinn von 780 Millionen Mark jährlich bedeuten würde, wenn die Nährstoffe der Kleie dem menschlichen Körper direkt zugeführt würden. Nun gibt es freilich längst nach diesem Verfahren gebackenes Vollbrot unter den Namen Simonsbrot, Schrotbrot, Grahambrot, Steinmegbrot und wie sie alle heißen mögen, die bei der Darmträgheit ihrer verdauungfördernden Eigenschaften wegen hochgeschätzt werden. Aber da diese Brotsorten bisher zu Delikatessenpreisen verkauft wurden, spielten sie in der Ernährung der Massen keine große Rolle. Nr. 8 Für unsere Mütter und Hausfrauen Auch bei der heute üblichen Art des Backens tritt eine gewisse Vergeudung von Nährstoffen des Brotes ein. Bei der Verwendung von Sauerteig verwandelt sich infolge der Gärung ein kleiner Teil des Brotteiges in Kohlensäure und Alkohol und geht in der Backhize in die Luft. Dieser Verlust beträgt anderthalb bis zwei Prozent. Er ist scheinbar nicht der Nede wert. Aber der große Chemiker Liebig hat berechnet, daß allein in Deutschland damals täglich etwa 2000 Zentner Brot hätten erspart werden können, wenn ein Substanzverlust, auch nur von einem Prozent vermieden wurde. Deutschland hatte zu jener Zeit 40 Millionen Einwohner, die täglich rund 20 Millionen Pfund Brot verbrauchten. Die ersparten 2000 Zentuer Brot hätten aber den Brotbedarf für 400000 Menschen auf einen Tag gedeckt. Bei der heutigen Einwohnerzahl Deutschlands würde man durch ein anderes Backverfahren täglich das Brotquantum für nicht weniger als 680000 Menschen ersparen können. Liebig schlug vor, die Kohlensäure, die bei der Brotbereitung das Aufgehen des Teiges bewirkt, durch Chemikalien zu erzeugen, wie sie in dem bekannten Brausepulver enthalten sind. In dieser Richtung ließen sich also, wenn nötig, noch wesentliche Ersparnisse machen. Die Verordnungen des Bundesrats ziehen sie vorläufig nicht in Betracht. Dagegen hat der Bundesrat eine Verfügung getroffen, die nicht ohne weiteres kritiklos hingenommen werden darf. Sie betrifft den Zusatz von 5 Prozent Kartoffelmehl zum Roggenmehl und die Erlaubnis an die Bäcker, das Roggenmehl durch weiteren Zusatz von Kartoffelmehl und-flocken noch mehr zu strecken. Das aber bedeutet unter Umständen eine ganz wesentliche Verschlechterung des Brotes und damit der Volksernährung. Den Spiritusinteressenten wird es freilich nicht unlieb sein, daß sie für die Beschränkung des Spiritusnormalbrandes auf 60 Prozent entschädigt werden durch reichliche Gewinne aus der Fabrikation von Kartoffelflocken und Kartoffelwalzmehl. Der Bundesrat will ihnen überdies bei der Errichtung der hierzu nötigen Kartoffeltrocknereien mit finanziellen Beihilfen unter die Arme greifen. Das Volk aber hat alle Ursache, dem Kartoffelbrot, dem K- Brot, sehr mißtrauisch gegenüberzustehen. Der nächste äußere Erfolg ist der gewesen, daß die Preise für Kartoffeln und Kartoffelprodukte erheblich in die Höhe gingen. Zu bedenken ist ferner, daß die Kartoffelernte nicht übermäßig reich ausgefallen ist und daß der Konsum an Speisefartoffeln infolge der Teuerung der Hülsenfrüchte erheblich zunehmen wird im Vergleich zu anderen Jahren. In den ärmsten Schichten verdrängt die billigere Kartoffel ohnehin einen Teil des Brotkonsums. Diesen Armen wird nun das Brot auch noch mit Kartoffelzusatz verabreicht und zwar in Gestalt von Kartoffelmehl, das, wie jede Hausfrau weiß, große Mengen Wassers zu binden vermag. Das Brot wird also schwerer, ohne gehaltvoller zu werden. Aber wenn auch der Gehalt an Kohlehydraten ungefähr der gleiche bliebe, an Eiweißgehalt erleidet das K- Brot sicher eine erhebliche Einbuße. Während Roggenmehl 12 Prozent Eiweiß enthält, hat Kartoffelmehl nur 1 Prozent davon. Ein Gutachten des Kaiserlichen Gesundheitsamts( im Nachtrag zu der Denkschrift über wirtschaftliche Maßnahmen aus Anlaß des Krieges) hält freilich das Kartoffelbrot für einen " fast vollwertigen Ersatz des reinen Roggenbrotes". Eine wissenschaftliche Autorität, wie Professor Rubner, ist aber anderer Meinung. Rubner schreibt in der„ Deutschen Medizinischen Wochenschrift" sehr richtig: Man überlasse dem Menschen, wieviel er Brot und wieviel er Kartoffeln essen will, und zwinge den einzelnen nicht, Kartoffeln zu verzehren. Der Zusatz der Kartoffel zum Brot werde dieses kaum verbilligen, die Kartoffel aber sei an sich billig und für die mannigfachsten Zubereitungen zu verwerten. Billige Kartoffeln. neben Brot seien für die Voltsernährung wichtiger als gestreďte Brotmenge und teure Kartoffeln. Nicht eiweißärmer, sondern, wenn möglich, eiweißreicher sollten wir das Kriegsbrot machen, gerade im Hinblick auf die für breite Schichten erschwerte Möglichkeit einer rationellen Ernährung. Dies läßt sich meines Erachtens sehr wohl erreichen, wenn man den Brotteig nicht mit Wasser, sondern mit Buttermilch, Magermilch oder eingedickten Molten bereitet. Solche Versuche sind bereits gemacht worden. Der Eiweißgehalt stieg im Moltenschrotbrot auf 12 Prozent, gegenüber 6 bis 8 Prozent im Bäckerbrot. Sowohl das mit Buttermilch wie das mit eingedickten Molten bereitete Schrotbrot haben überdies einen ganz vorzüglichen Geschmack, der allerdings so stark ausgeprägt ist, daß er sich mit dem landesüblichen Fleisch- und Wurstbelag nicht verträgt, wohl aber mit Obst und weißem Käse, ganz im Gegensatz zu dem faden Bäckerbrot, das als Geschmacksreiz der start gewürzten Wurst bedarf. Buttermilch, Magermilch und Molken werden in den großen Sammelmolkereien bei der Butter- und Käse= fabritation täglich in solchen Mengen gewonnen, daß sie oft nicht einmal als Viehfutter volle Verwertung finden. Zur Ausnutzung der überschüssigen Milch hat die Industrie sich bereits auf die Herstellung von Galalith geworfen, einer hornartigen, aus dem Käsestoff der 31 Milch gewonnenen Masse, die zu kämmen und Haarschmuck verarbeitet wird. Das aber ist ein Lurus, den wir uns in so schwerer Zeit nicht mehr gestatten dürfen, die an die Voltsernährung ganz besondere Anforderungen stellt. Magermilch, Buttermilch und Molfen müßten für die Ernährung der Massen möglichst direkt verwendet werden; einer der Wege hierzu ist die Anreicherung des Brotes mit den Eiweißstoffen, den Nährsalzen und dem Milchzucker jener drei Molkereiprodukte. Breiten Schichten unseres Volkes, deren Ernährung jetzt wahrlich nicht unter einem überschuß an Eiweiß leidet, könnte so zu einem hochwertigen Kriegsbrot verholfen werden. Das„ ge= streckte" Brot nach der Verfügung des Bundesrats verhilft nicht dazu. Die Erlaubnis zum Kartoffelzusatz macht wieder schlecht, was die Anordnungen über die stärkere Ausmahlung des Getreides gut gemacht haben. M. Kt. Feuilleton Der Jäger.* Bon Olive Schreiner. In fernen Tälern lebte ein Jäger. Tag für Tag durchstreifte er die Wälder nach Federwild und geriet dabei einmal an die Ufer eines großen Sees. Als er nun da im Schilfe stand und auf den Strich der Vögel wartete, fiel ein mächtiger Schatten auf ihn, und auf dem Wasser gewahrte er ein Spiegelbild. Er blickte auf; doch die Erscheinung war verschwunden. Da ergriff ihn brennendes Verlangen, dies Bild im Wasser noch einmal zu sehen, und er harrte und wartete den ganzen langen Tag. Aber die Nacht brach herein und es zeigte sich ihm nicht wieder. Da trat er mit leerer Jagdtasche, traurig und in sich gekehrt, den Heimweg an. Seine Genossen befragten ihn ob seiner Verstimmung; er aber antwortete nicht, sondern setzte sich brütend abseits. Erst als ein Freund zu ihm kam, sprach er. " Ich sah heute", sagte er, etwas, was ich bisher nie gesehen habe: ein großer weißer Vogel segelte mit ausgebreiteten filbernen Schwingen in dem unendlichen Blau dahin, und mir ist seitdem, als sei in meiner Brust ein großes Feuer entflammt worden. Es war nur ein Glänzen und Schimmern, ein Widerspiel * Aus„ Träume" von Olive Schreiner. Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin. Olive Schreiner ist eine Dichterin von stärkster persönlicher Eigenart, eine Dichterin, die an dem Ringen des weiblichen Geschlechts für Gleichberechtigung und Freiheit erwachsen ist, und dieses Ringen tünstlerisch gestaltet. Vom Großvater her deutscher Abkunft, die Tochter einer Engländerin, hat sie im Kapland ihre Kindheit und Jugendzeit verlebt. Die dort begonnene wissenschaftliche Ausbildung hat sie durch umfassende Studien in England weitergeführt und durch Reisen in Italien und Frankreich bereichert. Die großzügige füdafrikanische Landschaft ist Olive Schreiners schöpferischer Phantafie ein nie versagender Born der Kraft und Erneuerung. Ihr verdankt die Dichterin fruchtbarste Anregungen, kühne, gewaltige Bilder, und jene Einfachheit und Größe der Darstellung, des Stils, die an die erhabene Poesie des alten Testaments gemahnen, deren Einfluß übrigens ebenfalls fühlbar ist. Olive Schreiners erste größere Dichtung war der Roman:„ The Story of an African Farm"( Die Geschichte einer afrikanischen Farm). Er erschien 1883, gleich hervorragend durch die kraftvolle realistische Gestaltung wie durch den Gehalt an freiheitlichen, frauenrechtlerischen Jdeen. Außer diesem Roman sind in deutscher überseßung besonders befannt:„ Peter Halket im Mashonaland" und" Träume". Die Träume" sind Barabeln, wie sie nur ein echter dichterischer Genius zu ersinnen und zu formen vermochte, der hohe Gedankenflüge wagt und aus einem ebenso tiefen wie zarten Empfinden schöpft. Sie waren ursprünglich der Geschichte einer afrikanischen Farm" und anderen. größeren Werken eingestreut und wurden erst später in ein Bändchen zusammengefaßt, dem der" Jäger" entnommen ist. Auch„ Peter Hallet" ist im Verlag von Ferd. Dümmler, Berlin, erschienen. Glühende Freiheitsliebe und unbeugsamer Bekennermut trieben die Dichterin in die politischen Kämpfe ihres Vaterlandes. Schon vor dem Ausbruch des Burenkriegs verteidigte sie mit edler Leidenschaft das Recht der Eingeborenen und Altangesiedelten gegen die einbrechenden fapitalistischen Kolonialpolitiker, trat sie namentlich dem System der englischen Kolonialpolitik entgegen. Während des Burenkriegs dünkte sie den Engländern eine so gefährliche Gegnerin, daß sie etliche Zeit in Staatsgefangenschaft gehalten wurde. Diese ſchmachvolle Maßregel trug sehr viel dazu bei, den heftigen Widerstand gegen den Burenkrieg in England selbst zu stärken. Olive Schreiner ist eine überzeugte Anhängerin des Friedens und der Solidarität der Völker. Sie sprach in der gewaltigen Frauenversammlung, die im August 1914 nach der Kriegserklärung in London gegen das entbrannte Völferringen protestierte. 32 Für unsere Mütter und Hausfrauen im Wasser; aber noch einmal es schauen zu dürfen, ist mein sehnlichster Wunsch." Sein Freund lachte und sagte: „ Es werden nur auf dem Wasser tanzende Lichtstrahlen und der Schatten deines eignen Kopfes gewesen sein. Morgen wirst du alles vergessen haben." Aber morgen, übermorgen und wieder morgen kam, und der Jäger zog einsam umher. Er durchforschte Wald und Gehölz, er suchte an den Seen und im Schilfe, jedoch er fand nichts. Er schoß feine wilden Vögel mehr; was fragte er noch nach ihnen. ,, Was bedrückt ihn?" sagten seine Gefährten. „ Er ist von Sinnen," meinte einer. „ Nein, schlimmer als das", sagte ein anderer; er will etwas ge= sehen haben, was feiner von uns jemals sah, und sich nur aufspielen." „ Laßt uns die Gemeinschaft mit ihm aufgeben!" Und so ging er hinfürder allein. Eines abends, als er weinend und wunden Herzens im Dunkeln wanderte, stieß er auf einen alten Mann, der mächtiger und größer erschien als die Menschensöhne. „ Wer seid Ihr?" fragte der Jäger. „ Ich bin Weisheit," antwortete der alte Mann;„ manche aber nennen mich Wissen. All mein Leben lebte ich in diesen Tälern; aber der Mensch gewahrt mich erst, wenn Frau Sorge sich ihm zugesellt hat. Die Augen, die mich erblicken, müssen feucht von Tränen sein, und was ich dem Menschen verkünde, hängt davon ab, wieviel er gelitten hat." Da rief der Jäger: „ Ach, wenn Ihr so lange hier lebt sagt mir doch, was ist's mit diesem großen wilden Vogel, den ich im Himmelsäther ziehen sah? Sie wollten mich glauben machen, es sei nur ein Traum gewesen; der Schatten meines eigenen Kopfes." Der alte Mann lächelte. „ Das war die Wahrheit! Wer sie einmal erschaute, der ruht nicht mehr. Er begehrt ihrer bis an sein Ende." Da rief der Jäger: „ O, sagt, wo kann ich sie finden?" Der Greis aber erwiderte:„ Du hast noch nicht genug gelitten", und damit verließ er ihn. Der Jäger aber verbrachte die ganze Nacht am Webestuhl der Phantasie, und Faden und Faden schlang sich zum Nez. Und als der Morgen fam, breitete er dies güldene Gewebe auf dem Boden aus und streute einige wenige Körner Leichtgläubigkeit, die ihm sein Vater hinterlassen hatte und die er in seiner Brusttasche bewahrte, hinein. Sie glichen den weißen Pilzchen, aus denen brauner Staub aufwirbelt, wenn man auf sie tritt. Dann saß er und wartete, was sich nun wohl ereignen würde. Das erste, was sich im Neze fing, war ein schneeweißer Vogel mit Taubenaugen, der ein schönes Lied sang. Ein Gott- Mensch! Ein Gott- Mensch! Ein Gott- Mensch!" so sang er. Der zweite, der tam, war schwarz und geheimnisvoll, mit dunkeln, lieblichen Augen, deren Blick in die Tiefe der Seele drang. Der zwitscherte nur: Unsterblichkeit!" Beide nahm der Jäger in seine Arme; dann sagte er:„ Sicher gehören sie zu der schönen Familie der Wahrheit." Danach kam ein anderer in grün- goldenem Gefieder, der mit greller Stimme, wie ein Marktschreier,„ Belohnung nach dem Tode! Belohnung nach dem Tode!" sang. Der Jäger sprach:" So licht und gut bist du nicht, aber du bist doch auch schön"; und er nahm ihn auf. So kamen noch manche mit schönem Gefieder und hübschen Gesängen, bis alle Körner aufgepickt waren. Der Jäger baute nun einen starken eisernen Käfig, „ neuer Glaube" genannt; in diesen sperrte er alle seine Vögel hincin, und das Volk kam und tanzte und sang um denselben herum. „ Oglücklicher Jäger!" jubelten sie; o wunderbarer Mann!" " O entzückende Vögel!" O reizender Gesang!" Nicht einer fragte, woher die Vögel kämen, noch wie man sie gefangen; aber sie tanzten und sangen um sie her, und auch der Jäger war froh, denn er sagte sich: Gewiß, auch Wahrheit ist unter ihnen. Wenn die Zeit erfüllt, ist, wird sie ihr Gefieder wechseln, und dann wird sie mir in ihrer schneeigen Schöne erscheinen." Doch die Zeit verrann, die Leute sangen und tanzten nach wie vor, aber des Jägers Herz ward schwer. Wie ehedem schlich er sich fort und weinte; das brennende Verlangen war von neuem in seiner Brust erwacht. Eines Tages, als er wieder so allein saß und meinte, traf er Weisheit. Er erzählte dem Alten, was er getan hatte. Da flog ein trübes Lächeln über Weisheits Züge. ,, Viele schon haben der Wahrheit solch Netz gestellt, aber nie ist fie hineingeflogen. Mit den Samen der Leichtgläubigkeit läßt sie Nr. 8 sich nicht füttern; in das Netz der Wünsche verstrickt sie ihre Füße nicht; in der Luft dieser Täler vermag sie nicht zu atmen. Die Vögel, die du einfingst, fommen aus dem Nest der Lüge. Lieblich und schön, aber doch Lügenbrut; Wahrheit hat keine Gemeinschaft mit ihnen." Und der Jäger sprach in Bitternis:„ So soll denn diese innere Glut mich wehrlos verzehren?" Der Alte aber sprach:" Höre mich denn du hast viel gelitten, und ich will dir kundtun, was ich weiß. Wer die Wahrheit sucht, muß diese Täler des Aberglaubens für immer verlassen und keinen Strohhalm darf er mit sich nehmen. Allein muß er niedersteigen in das Reich völliger Verneinung und Verleugnung; dort muß er verweilen; widerstehen muß er jeder Versuchung, und wenn endlich ein Lichtstrahl hereinbricht, muß er sich erheben und diesem in ein Land voll sengender Sonnenglut folgen. Dort wird die starre Wirklichkeit vor ihm wie Felsgebirge sich türmen: dies heißt es erflimmen, und jenseits desselben thront die Wahrheit." „ Und er wird sie fassen und halten!" rief der Jäger aus. Weisheit aber schüttelte das Haupt.„ Nie wird er sie schauen, niemals sie fassen; noch ist dazu nicht die Zeit." " So gibt es also keine Hoffnung?" stöhnte der Jäger. ,, Merke noch dies," sagte Weisheit.„ Einige Menschen haben diese Berge erklommen; Schicht um Schicht dieser schroffen Felsen haben sie erstiegen, und beim Wandern in jenen hohen Regionen mag es geschehen sein, daß der eine oder andere eine aus den Schwingen der Wahrheit gefallene Silberfeder vom Boden auflas. Und es wird kommen" sprach der Greis, indem er sich prophetisch aufrichtete und mit dem Finger gen Himmel wies ,, es wird kommen, daß Menschenhände genug solchen Silberflaums gesammelt haben werden, um daraus einen Faden zu spinnen und aus ihm ein Neß, und in diesem Neze kann vielleicht die Wahrheit gefangen werden. Wahrheit allein kann Wahrheit fassen und halten." Der Jäger erhob sich. Ich will gehen," sagte er. Weisheit jedoch hielt ihn zurück.„ Gib wohl acht! Wer diese Täler verläßt, kehrt niemals zurück. Und ob er sieben Tage und sieben Nächte blutige Tränen weine: nie kann er seinen Fuß wieder über ihre Grenzen setzen. Einmal verlassen, sind sie es für immerdar. Auf dem Pfade, den du wandeln willst, winkt keine Belohnung. Wer ihn betritt, tut es freiwillig aus seiner großen Liebe heraus. Die Arbeit selbst ist sein Lohn." „ Ich gehe," sprach der Jäger; doch sagt mir, welchen Weg ich auf den Bergen einschlagen soll." " Ich entstamme dem Geiste der Vergangenheit," sagte der alte Mann; ich kann nur auf ausgetretenen Pfaden wandeln. Diese Berge aber haben bis jetzt nur wenige betreten, und jeder muß sich seinen Weg selber bahnen. Jeder geht auf seine eigene Gefahr; meine Stimme hört er nicht mehr. Ich kann ihm folgen, aber ich vermag nicht, ihn zu führen." Damit verschwand Weisheit. Und der Jäger wandte sich. Er ging an seinen Käfig und zertrümmerte mit den Händen die Stäbe, an deren scharfem Eisen er sich blutig riß. Es ist zuweilen leichter, aufzubauen, als niederzureißen. Einen nach dem anderen seiner gefiederten Sänger ließ er fliegen. Als jedoch die Reihe an den dunkeln Vogel kam, hielt er denselben fest und sah ihm in die schönen Augen, während der Vogel seinen leisen, tiefen Ruf„ Unsterblichkeit" ertönen ließ. Da sagte er kurz:" Von dir kann ich mich nicht trennen. Du bist nicht schwer; du brauchst keine Nahrung. An meinem Busen werde ich dich verbergen und dich mitnehmen." Und er vergrub ihn dort und verdeckte ihn mit seinem Mantel. Jedoch das Ding, welches er so versteckt hielt, wurde schwerer; schwer und schwerer, bis es ihm wie Blei auf der Brust lag. Er konnte sich nicht bewegen, er vermochte nicht, seine Heimat zu verlassen, solang er den Vogel bei sich hatte. Da nahm er ihn nochmals hervor und betrachtete ihn.„ Ach, mein Schönstes, mein Herzliebstes! darf ich dich denn nicht behalten!" rief er aus und sah traurig auf seine Hände. ..Geh," sagte er.„ Mag sein, daß in dem hohen Liede der Wahr= heit ein Ton dem deinen gleicht; aber ich werde denselben niemals bernehmen." Seufzend öffnete er seine Hand, und der Vogel entflatterte ihm für immerdar. Dann ließ er vom Schiffchen an seinem Gedankenwebstuhl den Faden der Wünsche zu Boden gleiten und steckte das nun leere Schiffchen zu sich. Der Faden war in diesen Tälern gesponnen worden, das Weberschiffchen aber stammte aus einem unbekannten Lande. ( Schluß folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Berlag von J. H. W. Diet Nachf. G.m.b.$. in Stuttgart.