Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 9 oooooooo O O O O O O O O 1913 Beilage zur Gleichheit o Die Inhaltsverzeichnis: Das Große. Von Alphons Pezzold. Frauen in der persischen Revolution. Von A. Thalheimer.( Schluß.) Für die Mutter. Feuilleton:„ Das Volk wird's vergolden." Von L. Lasarevic.( Schluß.) Das Große.* Don Alphons Pezold. Eins muß dir immer gegenwärtig sein, Ob du nun hämmerst, Mann, auf Stahl und Stein, Ob Fäustel haltend du zur Tiefe sinkst, Ob du des Feuers helle Kraft bezwingst, Ob du die Felder segnest mit der Saat Und Länder bindest mit dem Kupferdraht-: Daß irgendwo ein Bruder steht und schafft Ein Gleiches mit der gleichen stummen Kraft, Daß irgendwo ein Bruder so wie du Strebt sehnsuchts schwer der Sonnenstunde zu, Jn der, verbrüdernd eine ganze Welt, Er deine Hand in seiner Rechten hält. 000 Die Frauen in der persischen Revolution. Von A. Thalheimer. ( Schluß.) Ich hatte reichlich Gelegenheit, die häufigen Offenbarungen des Einflusses der mohammedanischen Frauen zu beobachten und der hohen Ziele, die sie verfolgten. Wir Europäer und Amerikaner sind schon seit längerer Zeit an die wachsende Rolle gewöhnt, die die Frauen des Westens in der Industrie, Literatur, Wissenschaft und Politik spielen. Aber was sollen wir sagen zu den verschleierten Frauen des nahen Ostens, die über Nacht Lehrerinnen, Journalistinnen, Gründerinnen von Frauenvereinen und politische Rednerinnen geworden sind? Was sollen wir sagen, wenn wir sie für die fortschrittlichen Ideen des Westens tatkräftig in einem Lande werben sehen, das bis auf die jüngste Zeit im jahrhundertelangen düsteren Banne des Despotismus lag? Woher kam ihr Wille, an der politischen und gesellschaftlichen Wiedergeburt ihres Landes mitzuarbeiten, und ihr unerschütterlicher Glaube an die fortschrittlichen politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen? Daß dieser Glaube gekommen ist und noch wirkt, daran ist kein Zweifel möglich, und mit ihm wurde in den Frauen die wägende Einsicht geboren, die sonst nur durch lange Jahre praktischer Erfahrung erworben wird. Die persischen Frauen haben der Welt ein denkwürdiges Beispiel gegeben von der Fähigkeit unverdorbener Geister, rasch in einen vollständig neuen Gedankenkreis einzudringen. Und mit der Begeisterung des Kreuzfahrers, der eine Vision hat, gingen sie sogleich ans Werk, um ihre Ideale zu verwirklichen. Es war mir nach meiner Ankunft in Persien schnell geglückt, das Vertrauen der Nationalversammlung oder des Medschlis zu gewinnen, einer Körperschaft, die die Hoffnungen und Bestrebungen der großen Masse des persischen Volkes getreu widerspiegelte. Nachdem ich so weit war, wurde ich bald gewahr, daß eine andere große, aber geheime Macht meine Arbeit mit wachsamen, wenn auch freundlichen Augen beobachtete. Es war wohl bekannt in Teheran, daß es unter den persischen Frauen Dutzende mehr oder weniger geheime Gesellschaften gab. An ihrer Spike stand eine leitende Zentralorganisation. Bis heute kenne ich die Führerinnen dieser Geheimgesellschaften weder persönlich noch auch nur dem Namen nach, aber auf hundert verschiedene Arten erfuhr ich von Zeit zu Zeit, daß die patriotische Begeisterung Tausender des schwächeren Geschlechts mir half und mich unterstüßte. Einige wenige Beispiele mögen das zeigen. Es war an einem Morgen im vorigen Sommer. Ich saß in meinem Bureau, als mir gemeldet wurde, einer der persischen Beamten im Schabamt wünsche mich wegen einer wichtigen Sache zu sprechen. Im Orient kommt Information gewöhn lich unerwartet und häufig aus so seltsamen Quellen, daß man fein Anerbieten mit gutem Gewissen zurückweisen darf. Der junge Mann trat ein. Ich hatte ihn nie vorher gesehen. Wir sprachen französisch, und nachdem er Erlaubnis erhalten hatte, frei zu reden, sagte er unter vielem Entschuldigen, seine Mutter sei uns freund* Aus Heimat, Welt. Dichtungen von Alphons Pezold. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung. schaftlich gesinnt. Sie habe ihm aufgetragen, zu sagen, meine Frau möchte einen Besuch in der Wohnung eines bestimmten persischen Großen unterlassen, von dessen Familie sie eingeladen worden war. Denn dieser Mann sei ein Feind der konstitutionellen Regierung, und der Besuch meiner Frau würde mich den Persern verdächtig machen. Ich dankte dem jungen Manne. Zwar wußte ich in diesem Augenblick nicht einmal selber von dem beabsichtigten Besuch, erfuhr aber gleich darauf, daß er tatsächlich in Aussicht genommen war. Natürlich riet ich meiner Frau davon ab. Ich ließ den jungen Perser wieder kommen und fragte ihn, wieso seine Mutter von dieser rein privaten gesellschaftlichen Angelegenheit meiner Frau erfahren habe. Er erwiderte, es sei das in der geheimen Gesellschaft, der seine Mutter angehöre, mitgeteilt und erörtert worden, und man habe beschlossen, mich zu warnen. Bei einer späteren Gelegenheit versammelte sich eine große Menge armer Frauen in dem Atabakpark( M. Shusters Wohnsitz), um gegen mich zu demonstrieren, weil das Schazamt die Regierungsgehälter nicht hatte auszahlen können, die damals in einer Höhe von über 1 Million Dollar im Rückstand waren. Die verfügbaren Summen waren für die freiwilligen Truppen notwendig gewesen, die gegen den Erschah gekämpft hatten. Ich sandte einen meiner persischen Sekretäre zu den Frauen und ließ fragen, wer sie geheißen habe, zu kommen und diese Kundgebung zu veranstalten. Er kam zurück und meldete mir den Namen eines berühmten reaktionären Großen, von dem zurzeit wohl bekannt war, daß er die Sache Mohammed Alis, des gewesenen Schahs, begünstigte. Ich ließ den Frauen sagen, daß sie anderen Tages eine Antwort erhalten würden, wenn sie ruhig auseinandergingen. Das taten sie auch. Ich schickte dann einem der Frauenvereine eine einfache Erklärung unserer finanziellen Bedrängnisse und der Unmöglichkeit, jene Gehälter wegen der Bedürfnisse der konstitutionellen Regierung auszuzahlen. Zugleich bat ich, man möchte jede weitere Agitation gegen das Schatzamt verhindern. Und obwohl es nicht möglich wurde, die Gehälter zu bezahlen, wurde dennoch keine weitere Demonstration von Frauen dagegen veranstaltet. Man pflegt in Teheran zu sagen, daß, wenn die Frauen an einem Tschuluk, das heißt Aufstand, gegen cin Ministerium oder die Regierung teilnehmen, die Lage gefähr= lich geworden ist. Die Güter Shuaus- Saltanas wurden eingezogen. Um das Eingreifen und Auftreten ihres Generalkonsuls zu rechtfertigen, füc das weder ein tatsächlicher noch ein rechtlicher Entschuldigungsgrund vorlag, erfand und verbreitete die russische Regierung die Behauptung, der Park Shuaus- Saltanas in Teheran sei an die russische Bank zu Teheran verpfändet, und sein früherer Besizer schulde dieser gegen 225 000 Dollar. Jedermann wußte, daß der Anspruch erlogen und unsinnig war. Doch war ich in Verlegenheit, wie ich die Ungültigkeit des russischen Anspruchs beweisen sollte, denn es gibt kein geltendes System der Registrierung von Hypotheken, und der Prinz selbst hätte zweifellos jene Schiebung beschworen, um sein Eigentum vor der Konfiskation zu retten. Alle Forderungen, die russische Bank solle ihre Bücher und andere Beweise für die Schuldforderungen vorlegen, fanden taube Ohren. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich nun einen schlagenden Beweis des Mutes und Patriotismus einer persischen Frau und des praftischen Wertes ihrer Unterstützung. Einer meiner ersten persischen Gehilfen, ein hochgebildeter und patriotischer Mann, besuchte mich und sagte, seine Schwester sei eine der Frauen des Prinzen Shuans Saltana. Sie besitze eine der Abschriften von des Prinzen Testament, das während des letzten Jahres abgefaßt sei, kurz bevor der Prinz Persien verlassen habe. Das Testament genüge allen Beremonien und Formalitäten, die das Gesetz und die mohammedanische Religion bei einem Manne seines Ranges vorschreiben. Seine Schwester habe ihm mitgeteilt, daß dieses Dokument, wie erforder= lich, vollständige Listen und Aufnahmen von allem Grundbesitz und Eigentum des Prinzen enthalte, ebenso auch eine Aufstellung aller seiner Schulden und Guthaben tatsächlich also eine vollständige und feierliche Feststellung seiner finanziellen Verhältnisse. Die Schwester hatte meinem Besucher aufgetragen, mir dieses Dokument zu übergeben obwohl sie dadurch ihr Leben und ihre Eigentumsrechte wie die ihrer Kinder in die größte Gefahr brachte, weil sie das für eine Pflicht gegen ihr Vaterland hielt. Ich erhielt das Dokument und konnte dank dessen den letzten Schwindel widerlegen, auf den die russische Regierung angewiesen 34 Für unsere Mütter und Hausfrauen war, um die feindseligen und widerrechtlichen Handlungen ihrer Konsularbeamten in dieser Angelegenheit zu rechtfertigen. Es kamen dunkle Tage, wo Zweifel herumgeflüstert wurden, ob wohl das Medschlis standhalten werde. In ihrem Eifer für die Freiheit und ihrer glühenden Liebe für ihr Land warfen da die persischen Frauen die letzten Schranken nieder, die ihr Geschlecht einengten, und gaben einen überzeugenden Beweis ihres patriotischen Mutes. Immer wieder ging das Gerücht, die Abgeordneten hätten in geheimer Beratung beschlossen, Rußlands Forderungen nachzugeben. Die Basare und das Volk der Hauptstadt wurden darob von Besorgnissen gequält. Was konnten die Nationalisten tun, um ihre Vertreter zur strengen Pflichterfüllung anzuhalten? Die persischen Frauen gaben die Antwort. Aus ihren ummauerten Höfen und Harems zogen 300 jenes schwachen Geschlechts, die Wangen glühend von unerschütterlicher Entschlossenheit. Sie trugen ihre einfachen schwarzen Kleider mit den weißen Neßen ihrer Schleier über den Gesichtern. Viele hatten Pistolen unter ihren Mänteln oder in den Falten ihrer Ärmel. Geradeswegs zum Medschlis zogen sie, sammelten sich dort und verlangten vom Präsidenten, er solle sie alle einlassen. Was die würdigen Abgeordneten des Landes des Löwen und der Sonne bei diesem seltsamen Besuch gedacht haben mögen, wird nicht berichtet. Der Präsident willigte ein, eine Deputation der Frauen zu empfangen. In seinem Empfangszimmer traten sie ihm gegenüber, und sie ließen ihm und seinen Mitabgeordneten feinen Zweifel über ihre Willensmeinung. Diese persischen Mütter, Gattinnen und Töchter zeigten drohend ihre Revolver, rissen ihre Schleier herunter und sprachen ihren Entschluß aus, ihre eigenen Gatten und Söhne niederzuschießen und selbst als Leichen zurückzubleiben, wenn die Abgeordneten in ihrer Pflicht wanten sollten, die Freiheit und Würde des persischen Volkes zu wahren. Wohl wurde das Medschlis durch einen Staatsstreich vernichtet, den russische Söldlinge eine oder zwei Wochen später ausführten, allein cs fand sein Ende unbefleckt von der Schuld, seines Landes angeborenes Recht verkauft zu haben. Dürfen wir nicht ausrufen:„ Ehre den verschleierten Frauen Persiens!" Die lastenden überlieferungen der Vergangenheit um sich; den Gedanken an ihre gänzliche Abhängigkeit von der Willfür und Laune der Männer immer vor sich; bar aller Gelegenheit, sich nach modernen Grundsäßen zu bilden; bewacht, behütet, zurechtgewiesen, tranken sie tief aus dem Becher der Freiheitssehnsucht. Sie brachten ihr tägliches Opfer für ihres Landes Sache, beobachteten jeden Schritt, jeden Augenblic seiner Diener mit dem wachsamen Auge einer Mutter und wankten selbst in jener furchtbaren, tragischen Stunde nicht, da die Herzen der Männer schwach wurden und die lähmende Furcht vor dem Gefängnis und seinen Qualen, vor dem Henkerstrick und der Kugel die Tapfersten im Lande ergriffen hatte. OOO Für die Mutter. Bou Stillen der Sänglinge. Wenn abermals einige Winke für stillende Mütter gegeben werden sollen, so geschieht es in dem Bewußtsein, daß für uns die Gesundheit und körperliche Tüchtigkeit unserer Jugend nicht minder wichtig ist als ihre geistige Bildung. Für diese körperliche Tüchtigkeit ist aber die richtige Behandlung und Ernährung des Säuglings Voraussetzung. Zahllos und schwer find die Sünden, die an den Neugeborenen begangen werden. Zum größten Teil werden diese Sünden bedingt durch unsere Gesellschaftsordnung und sind unlöslich mit der kapitalistischen Ausbeutung verknüpft. Andere aber haben ihre Wurzel in Unwissenheit und Vorurteil und könnten vermieden werden. Darüber, daß Muttermilch durch Kuhmilch und durch das„ beste" Kindermehl nicht ersetzt werden kann, sollte kein Zweifel bestehen. Jede Mutter, die ihr Kind selbst an der Brust nähren könnte, müßte das tun. Wenn die Damen der Bourgeoisie ihre Kinder nicht selbst nähren wollen, so besteht deshalb für die Arbeiterfrauen durchaus fein Anlaß, dieses Lafter nachzuahmen. Der gute Wille allein kann aber die Fähigkeit zum Nähren nicht bringen. Gar häufig möchte eine Frau ihr Kind selbst stillen, aber nach wenigen Tagen bekommt sie Schrunden an der Brustwarze, die derart schmerzen, daß sie das Stillen aufgeben muß. Dieses Schicksal kann jede Mutter ereilen, die es unterläßt, sich für das Stillen des Säuglings vorzubereiten. Etwa ein Vierteljahr vor der Entbindung muß mit der Abhärtung der Brustwarze begonnen werden. Dies geschieht am besten dadurch, daß man diese mindestens zweimal täglich mit kaltem Wasser abreibt. Das Kind braucht nicht unbedingt gleich nach der Geburt angelegt werden, mitunter verschmäht es tagelang jede Nahrung. Ganz verfehlt ist es, dem Neugeborenen dann einen Sauger oder Schnuller in den Mund zu stecken, damit er„ hübsch ruhig" bleibt, wenngleich Nr. 9 er die Brust ungern oder gar nicht nehmen will. überhaupt ist der Schnuller unhygienisch. Hat sich das Kind an die Brust gewöhnt, so muß darauf geachtet werden, daß ihm sofort nach dem Trinken das Mündchen mit einemt feuchten Läppchen oder Wattebäuschchen ausgewaschen wird. Auch die Brustwarze hat die Mutter zu reinigen, und sich dazu eines besonderen Läppchens und Gefäßes zu bedienen. Empfehlenswert ist es ferner, daß das Kind nicht jedesmal an beide Brüste gelegt wird, sondern abwechslungsweise an ihnen trinkt, die Milch ist dann fräftiger. Mitunter kann es vorkommen, daß zu Anfang der Stillperiode der Tisch für das Neugeborene etwas reichlich gedeckt ist, daß die Mutter zu viel Milch hat. Das kann für die Wöchnerin gefährlich werden. Hier ist Abhilfe zu schaffen, indem man die überschüssige Milch abzieht. In den meisten Fällen wird die Hebamme diese überschüssige Milch für andere Kinder verwenden können, deren Appetit im umgekehrten Verhältnis zum Milchreichtum der Mutter steht. Ein paar Worte über die Nahrung der stillenden Mutter. Die Behauptung, eine Frau müsse sich durch den Genuß von Wein fräftigen, oder um ausreichend stillen zu können, Bier trinken, ist ein gefährlicher Unsinn. Die beste Nahrung für die Mutter ist ebenfalls Milch, die aber nie zu falt getrunken werden sollte und nicht, ohne etwas zu essen. Stark gewürzte Speisen meidet die Mutter besser in der ersten Zeit nach der Entbindung, fie leistet damit sich selbst und dem Neugeborenen einen guten Dienst. Wenn das Kind kräftiger geworden ist, kann der Spielraum in der Auswahl der Speisen ein größerer sein. Versagt eines Tags die für das Kind so wertvolle Quelle der Mutterbrust, so darf die Ernährung nicht gleich mit reiner Kuhmilch fortgesetzt werden. Diese muß entsprechend dem Alter des Säuglings mit Wasser verdünnt und gezudert sein. Ist das Kind schon vier Monate alt, so kann man der Milch auch einen und allmählich bis drei Kaffeelöffel Mehl zusetzen. Empfehlenswert ist ferner ein Zusatz von Hafer oder Gerstenschleim, der sehr sorgfältig zubereitet werden muß. Hafer oder Gerste ist mehrere Stunden lang zu kochen, und die Abkochung muß dann durch ein ganz feines Haarsieb getrieben werden. Sie ist sehr leicht zu salzen. Wichtig ist auch, daß die Milch die richtige Temperatur befißt. Das kann aber nicht festgestellt werden durch Befühlen des Gefäßes oder durch Kostproben, denn da sind Täuschungen niemals ausgeschlossen. Es muß vielmehr ein fleines Glasthermometer beschafft werden( es lohnt sich!), womit während der Verabreichung die Milch gemessen wird. Die Temperatur soll 37 Grad Celsius betragen. Manche Mütter haben die unappetitliche und gefährliche Gewohnheit, die Milch durch den Sauger zu kosten und diesen dann sofort dem Kinde zu reichen, ohne ihn zu reinigen, oder sie kosten aus dent gefüllten Löffel und führen diesen darauf dem Kinde zu. Solche Gewohnheiten sind geradezu sträflich, sie können schlimme Krankheitsfeime übertragen. Außerordentlich wichtig ist, daß dem Kinde die Mahlzeit nach Zeit und Menge regelmäßig gereicht wird. Es ist das notwendig, um den noch schwachen Verdauungsprozeß des Säuglings vor überreizung, Überanstrengung wie Erschlaffung zu bewahren und in regelmäßiger Tätigkeit zu erhalten. Davon abgesehen, steckt auch ein Stück Erziehung von Mutter und Kind in der Innehaltung solcher Regelmäßigkeit. Natürlich soll das nicht heißen, daß das Baby aus dem Schlafe gerissen werden soll, wenn die Stunde der Mahizeit schlägt, und daß ihm ein bestimmtes Quantum Nahrung mit Aufbietung aller Mittel aufgezwungen wird. Immerhin muß die Nahrung dem Kinde zu bestimmten Tageszeiten und auch in abgemessenen Mengen verabreicht werden. Man muß das Kind dazu erziehen, daß es nachts nichts trinkt, sondern durchschläft. Im übrigen fann ich als junge Mutter nur raten, den Artifel von Dr. med. Steininger nachzulesen:„ Wie ernährt man einen Säugling?"( Nummer 23 dieses Blattes 1911). Er enthält zu diesem Kapitel wohlbegründete Ratschläge, die auch die Arbeiterfrau in der Hauptsache a. br. praktisch durchführen kann. Feuilleton Das Volk wird's vergolden." " ( Schluß.) Bon L. Lasarevic. Aus dem Serbischen übersezt von O. Franz. Blagoje stürzte Hals über Kopf ins Freie. Eine Weile darauf fam er niedergeschlagen zurück. " „ Es muß jemand in der Nähe sein, der einen Hund lockt, und es gibt auch Taugenichtse, die auf dem Schlüssel pfeifen. So hat hier vor einiger Zeit, als ein gewisser Sreten nach Belgrad reiste, Mitschin, der Galgenstrick, sich hinter dem Türpfosten versteckt und auf dem Schlüssel gepfiffen. Alle sprangen auf, und sogar der Auf Nr. 9 Für unsere Mütter und Hausfrauen seher selbst sprang auf. Hernach kamen sie alle wieder zurück auch der Aufseher. Sie schimpften auf den los, der gepfiffen hatte, wußten aber nicht, wer es war. Ich o mein Bester, ich weiß wahrhaftig nicht, warum sich das Schiff so sehr verspätet! Ob so etwas wohl schon einmal vorgekommen ist? He, Bursche! Komm her!" Das schmierige Geschöpf kam abermals heran. „ Hat sich das Schiff schon einmal so stark verspätet?" " Ich weiß nicht," erwiderte das Geschöpf. " Du weißt nicht? Nun, was weißt du denn, du Taugenichts? Was hast du zu trinken?" „ Allerlei," spricht das Geschöpf mit einfältigem Lachen. " Trinken Sie Branntwein?" fragte Blagoje, sich dem Hauptmann zuwendend. „ Nein." „ Auch ich nur selten. Aber was soll man nur jetzt beginnen? Warten Sie mal läutet es nicht?" Er verstummt und horcht hin. ,, Keine Spur! Bring uns Branntwein! Nicht mal mehr rauchen kann ich! Mir ist schon ganz schlimm vom Tabak! Puh, und das nennt sich Dampfschiff." Nachdem er sein Pfeifchen ausgeflopft, erglänzten seine äuglein etwas lebhafter, und sein ganzes Wesen nahm den Ausdruck ruhiger Entschiedenheit an. „ Aber das ist mir ein Schiff! Das soll nun gar schneller gehen als ein Fuhrwerk! Wenn sich einer auf den ersten besten Ochsenwagen gesetzt hätte, wie weit wäre er jetzt schon! Puh! Und nun erst auf einem guten Pferde?" Alle Kavallerieoffiziere sprechen gern von Pferden, und wenn es mit Nonnen wäre. Auch unseres Hauptmanns Augen strahlten förmlich. Er dachte gewiß an einen Araber, als er erwiderte: " In acht Stunden!" " In acht, wahrhaftig?" fiel Blagoje ein, dem diese Parteilichkeit gerade recht kam.„ Und jetzt ist es schon wieviel Uhr? Wenn ich nur wüßte aber ich hätte ihn doch wieder nicht zu Wagen transportieren können. Zwar sein Kamerad Jole sagt, er sei leicht verwundetganz leicht, aber, wissen Sie, eine Wunde ist doch immer eine Wunde. Wie sollte ich ihn da per Achse fortschaffen? Ei, was war das für eine Stute, die mein ehemaliger Meister hatte! He da, du Maulwurf, bring noch Branntwein her!- Eine Stute wie ein Reh! Und sie machte nur so eine Wendung mit dem Kopfe-" Er reckte den Arm so stark aus, wie ungefähr ein Pferd mit gebrochenem Hals aussehen könnte. „ Aber hast du denn zum Kuckuck keinen besseren Branntwein? Ei, du Wiedehopf! Sag dem Wirt David, daß ich Branntwein verlange, sage, guten', sage, für den Meister Blagoje'!- So drehte die Stute den Kopf! Aber da galt's auch seine Hände gebrauchen! Die müssen die Zügel anziehen bis zum Reißen! Wenn sie rennt und den Kopf fortwährend so wendet" er steckte den Kopf zwischen die Beine- ,, da heißt's halten, halten! Und wenn schließlich nichts hilft, so fährt man an einen Heuschober, eine Blanke, eine Mauer, wie sich's eben trifft! Sie sieht nichts unterm lieben Himmel, wenn sie erst einmal in Zug gekommen war! Und ich fahre an den Zaun. Wenn sie so mit dem Kopfe anrennt, so denke ich, zum Teufel geht sie und ich und der Wagen, alles! Aber es passiert dennoch nichts. Und hinterdrein geht sie noch so ruhig einher wie ein Käfer. Aber kein anderer wußte auch so mit ihr umzugehen wie ich. Einmal fuhr der Geselle Widak mit ihr an die Save, um Kupfer aufzuladen. Sie macht ihre gewöhnlichen Kapriolen" und er steckt wieder den Kopf zwischen die Beine und streckt sein Kinn vor, wie wenn er ein Pferdegebiß im Munde hätte. Widak läßt hierauf die Zügel schießen und legt sich in den Wagenkorb, während sie über Gräben und Hecken dahinsetzt und läuft, läuft, läuft! Aber es läutet! Nicht wahr, es hat geläutet? Zahlen!" Er lief wieder hinaus, aber als er nach einer Weile zurückkehrte, hatte sein Gesicht den Ausdruck der Ungeduld verloren, und eine Art blöder Fröhlichkeit dämmerte ihm aus den Augen, über welche schon nach der Redeweise meiner Landsleute der Branntwein seinen Glanz zu breiten begann. „ Was war das für ein Pferd! Der Meister hatte einmal cinen mächtigen Kasten auf den Wagen geladen ich weiß nicht, was er damit wollte, aber die Stute das Gebiß zwischen die Zähne und- vorwärts! Und so wie sie den Weg entlang flog, so wollte sie auch in den Hof. Aber da stößt der Wagen an, die Hinterräder bleiben vor dem Tor, der Meister im Tor, der Kasten ihm auf den Kopf, die Vorderräder beim Adler am Hause und die Stute läuft ins Haus. Wir wollten bersten vor... bor... Aber was diese Zündhölzchen hier abgeschabt sind! Heda, eine glühende Kohle her!" Der Hauptmann hörte ihn nicht mehr. Seine Gedanken schweiften weit ab, weit bis nach Knjazevac hin. Dort meille seine Frau 35 bei ihrer Mutter, ihre Entbindung erwartend. Aber damals waren dort auch die Tscherkessen! Schreckliche Gedanken zuckten dem Hauptmann durch den Kopf. Alle Greueltaten, welche diese Lieblinge Europas sich zuschulden kommen ließen, malten sich in seinem Geiste in den schwärzesten Farben. Aber härter als alles dies dünkte ihn die verzweifelte Ungewißheit. Denn seitdem er in den Krieg gezogen war, hatte er nur zwei Briefe von seiner Frau erhalten. In beiden schrieb sie ihm, daß sie nach überstandener Entbindung zu ihm kommen werde, aber seit dem letzten Briefe waren bereits fünf Wochen verstrichen, die Türken waren inzwischen nach Trefibaba vorgedrungen; und die Tscherkessen hatten sein Haus zerstört und vielleicht das Bett verbrannt, auf welchem seine Frau gelegen... und dennoch erwartete er sie. Es steckt im Menschen eine Ader, trügerisch wie der Zufall, und die man dennoch Ahnung" nennt. Wer in die Lotterie setzt, hat bei jeder Ziehung die Ahnung", daß er gewinnen werde, und nach der Ziehung wundert er sich doch nie, daß ihn dies Vorgefühl betrogen hat. Wird er aber nur ein einziges Mal vom blinden Glück begünstigt, so versichert er die ganze Welt, er habe im voraus gewußt, daß er gewinnen werde, denn so und nicht anders habe ihm seine " Ahnung" es gesagt. So ging Hauptmann Athanas bereits das dritte Mal vergebens von seinem ziemlich weit entfernten Garnisonsort nach der Schiffsstation, wozu er die Erlaubnis vom Kommandanten nur mit schwerer Mühe ausgewirkt hatte, denn es schien ihm stets so, als würde seine Ahnung ihn heute nicht betrügen. Aber gerade jetzt kam es ihm so vor, als werde das Schiff überhaupt nicht mehr kommen. Er wurde ungeduldig wie Blagoje. Er ließ seine Gedanken in der Vergangenheit umherschweifen, um die düsteren Visionen, welche ihn beschleichen wollten, zu bannen. Er begab sich im Geiste nach Knjazevac, seinem Geburtsort; er betrat das elterliche Haus, setzte sich unter den Nußbaum, den man bei seiner Geburt gepflanzt hatte und der jeßt in seinem Gezweig bereits dürre Äste hatte. Hier hatte er Vater und Mutter begraben, hier über die Straße weg in der Nachbarschaft ein Mädchen liebgewonnen, hier im Nebenhaus seinem Gevatter eine Zitrone und damit die Einladung zur Verlobungsfeier überbracht. O, wie traut und lieb ihm alles hier war! Der alte Nußbaumschrank und die fleinen Tassen, welche von einem türkischen Pascha zur Zeit des ersten Aufstandes erbeutet worden waren; die zerbrochenen Gestelle hinter der Wanne im Keller; das Bild des heiligen Nikolaus mit der doppelflügligen und gewundenen, zwei Schnecken ähnlichen Nase; das Kleid in der Rumpelfammer, welches seine Mutter bei ihrer Hochzeit getragen, und dann, dann und dieses Bild überstrahlte alle andern das fröhliche, sanfte und volle Gesicht seiner Frau und die verschämte Hoffnung auf Vaterglück... und... nein, das ist unmöglich! Wenn es auch Türken sind, so sind sie darum doch nicht wilde Tiere! Er rieb sich die Stirne, um diese Gedanken zu verscheuchen. „ Der Meister hätte es Gott weiß wie gern gesehen, wenn sie ein Füllen geworfen hätte," fuhr Blagoje fort, unverwandt auf die Stelle hinblickend, auf welcher der Hauptmann noch von Anfang an saß. Freilich, das ist ein Tausendsasa, kein Pferd. Ei, aber so.." Der Hauptmann hörte ihm so ruhig zu wie dem Bendel an der schmierigen Uhr. Weder dieser noch Blagoje hinderten ihn im geringsten, seinen Gedanken nachzuhängen. Wieder ist er im Geiste auf der alten Stelle. Wieder brennen die Häuser, und auf den Gassen liegen Entsetzen erregende Leichname... Erst gegen Mitternacht streckte er sich auf die Bank neben dem Fenster aus, nachdem er vorher noch einen Blick auf die immer schwächer leuchtende und immer übler riechende Lampe sowie auf Blagoje geworfen, welcher schnarchte, den Kopf zwischen den Beinen und die Arme nach vorn gestreckt, wie wenn er die Zügel eines Pferdes in der Hand hätte. Vergeblich mühte sich der Hauptmann, die Augen zu schließen. Die Tscherkessen kamen ihm nicht aus dem Sinn. Erst gegen Morgen verfiel er in eine Art Halbschlaf; aber da vernahm man auch durch die nächtliche Stille schon das gleichmäßige Stoßen der Näder und das Geschrei der Leute, welche vom Borderteil des Schiffes aus die Tiefe des Wasserstandes maßen. Dann begann die Pfeife das verschlafene Personal auf dem Stationsschiff au wecken. Der Hauptmann springt auf; der Säbel entgleitet ihm und stürzt rasselnd zu Boden. Blagoje fährt aus dem Schlafe auf: " Du willst nicht- he?" spricht er, und es sieht aus, wie wenn cr von neuem die Zügel anzöge. Dann schläft er abermals ein. Der Hauptmann stürzte hinaus in die frische Morgenluft; der Atem versagte ihm fast; cin unaussprechlicher Schred hatte ihn crgriffen. Er lief spornstreichs zum Schiff, ergriff die von dem landenden Dampfboot ausgeworfenen Seile und begann sie zu sich herüberzuziehen. Kaum aber hat er begonnen das Tau um den 36 Für unsere Mütter und Hausfrauen Pflock zu wickeln, da erblickt er in dem Menschengewühl eine Frau, welche hoch über ihren Kopf ein Wickelkind emporhebt... Der Hauptmann wirft das Tau den Bootsleuten zu, welche sich schon über sein Gebaren wundern, beginnt zu taumeln und wäre um cin Haar ins Wasser gefallen. Und erst wie ihm die Frau in diesem Gedränge um den Hals fällt und ihm den Sohn übergibt, da fließen Tränen, dann regnet es Küsse auf das pausbäckige Kindlein, das sich vor seinem bisher nie gesehenen Vater durchaus nicht zu fürchten scheint. J Auch die Frau weint nun, das versteht sich ja von selbst ebenso die andere, ältere Dame hinter ihr ohne so etwas geht es ja nicht ab!-, und schließlich wird das Kind unruhig. Sie schritten rasch über die Brücke und schlugen sich dann seitwärts, um den anderen Passagieren Platz zu machen, welche sich samt ihrem Gepäck hinausdrängten, denn noch war kein einziger Kutscher oder Packträger zur Stelle. Der Hauptmann wollte seine Frau über allerlei Dinge ausfragen, aber er konnte absolut keinen Anfang finden. Endlich löste sich ihm die Zunge:„ Also du lebst noch!" Er erfaßt sie und kneift sie in den Arm, gleichsam um sich zu überzeugen. „ Und dieser Knirps hier? Du, du Soldat! Und was habe ich mir nicht für Gedanken gemacht! Gott, Gott!" Er fährt mit dem Ärmel über sein Gesicht, während er das Kind hält, und fährt dann fort: " Ich hab's ja gewußt, ganz sicher gewußt, daß du heute kommen würdest. Ich hatte es auf ein Haar so ausgerechnet. Und die Mama?" Erst in diesem Augenblick ward er die alte Frau gewahr. Er ergriff ihre Hand und küßte sie. Nun, Gott sei Dank, wenn ihr nur allesamt lebendig und gesund seid! Wenn nur alles gut abgelaufen ist!" Die alte Frau brach in Schluchzen aus. ,, Vom Guten sind wir weit entfernt, lieber Sohn! Wir haben Haus und Hof verloren!" Dem Hauptmann war zumute, wie wenn eine eisige Hand nach seinem Herzen griffe, aber dieses Gefühl verschwand so schnell wieder, wie es gekommen; denn in demselben Augenblic gewahrte er, wie über die Brücke ein Mann in einfachem Soldatenrock ohne rechten Fuß und linken Arm sich dahinschleppte. „ Still!" rief der Hauptmann mit schreckensbleichem Gesicht. Rasch übergab er das Kind der Frau und stürzte auf den Krüppel zu. Er stützte ihn mit der Hand an der Schuiter und half ihm eine Bohle überschreiten, welche quer auf der Brücke lag. ,, Bist du nicht der Sohn des Meister Blagoje!" " Jawohl, Herr Hauptmann," erwiderte der Soldat, indem er Fuß und Krücke zusammenstellte und zu militärischem Gruße an seine Mütze griff. Aber die Krücke gab nach, und er suchte sich an ciner Dame, die ein Hündchen und eine Handtasche trug, anzuhalten. Diese erhob jedoch ein Zetergeschrei und sprang zur Seite. „ Dein Vater ist hier! Warte, daß ich es ihm sage!" Da der Morgen erst graute und die Reisenden am Ufer standen, ohne recht zu wissen wohin, so folgten sie alle unwillkürlich diesem Vorgang mit gespannter Aufmerksamkeit. Der Hauptmann stürzte fort nach dem Wirtshaus, um Blagoje zu wecken. Das Publikum bildete Spalier, indem es den Invaliden hindurchgehen ließ, einen schönen, strammen Burschen mit männlichen Zügen und melancholischem Lächeln um die Lippen. Er besaß alles: Kraft, Gesundheit und Schönheit, und doch auch wieder nichts von alledem. Seine Gesamterscheinung glich einer fostbaren Porzellanvase, die zerbrochen ist. Er bewegte sich nur langsam vorwärts. Hinter ihm schritten die Hauptmannsfrau mit Mutter und Kind, dann die übrigen Anfömmlinge, alle schweigsam. Da stürzte Blagoje barhäuptig aus dem Wirtshaus hervor.. Der Hauptmann sprang herzu und faßte seine Hand: ,, Halt! Er ist schwer verwundet! Sehr schwer!" ,, Wie denn schwer? Wer sagt das? Hier der Brief- sein Kamerad Jole-“ Nach allen Seiten umberspähend, stürzte er an dem Invaliden vorbei und blieb endlich bei den letzten Passagieren stehen. ,, Nun, wo ist er denn?" ,, Vater," rief der Soldat in sanftem Tone, indem er sich mit dem einen Beine umdrehte und gleichzeitig sich auf die Krücke stützte.„ Vater, hier bin ich ja!" Blitzschnell wandte sich Blagoje um. Er stand vor seinem Sohne. Lange, lange blickte er ihn an dann stürzte er plötzlich zu Boden. Niemand dachte daran, seinen Geschäften nachzugehen. Alle sprangen herzu und benekten ihn mit Wasser. Die Dame mit dem Hündchen und der Handtasche hielt ihm ein Fläschchen unter die Nr. 9 Nase. Rasch war er zum Bewußtsein zurückgebracht und auf die Beine gestellt. Er wischte sich zuerst das Wasser ab, mit dem er bespritzt war, und umarmte dann den Sohn, aber so heftig, als fürchtete er, er könne ihm entfliehen. Lange ließ er ihn nicht los. Und auch als er ihn nicht mehr um= schlungen hielt, schaute er ihm noch immer gerade ins Auge, es geflissentlich vermeidend, seine Blicke weiter nach unten hin schweifen zu lassen, wo chemals der Fuß gewesen war. ,, Gott sei Dank, wenn du nur am Leben bist! Dann wird noch alles gut werden! Dies da" und er tastete mit der Hand auf die Krücke„ wird dir das Volk vergolden! Jst's nicht so, Brüder?" Alle sprangen herzu und gaben ihre Zustimmung zu erkennen. ,, Sieh her," spricht der Hauptmann,„ ich will dir zuerst etwas spenden." Er begann seine Taschen zu durchsuchen, fand aber nur cinige Kreuzer darin. Ich gebe dir hier meine Uhr und Kette. Nimm!" „ Danke, Herr Hauptmann," sprach der Soldat, in derselben Weise wie vorhin den Hauptmann salutierend." Halte mir das, Vater! Ich habe keine andere Hand." „ Da, hier hast du meine Pfeife mit dem Bernsteinmundstück; sie ist zwei Dukaten wert," spricht der Praktikant Stefan. " Dank, Bruder! Nimm es, Vater!" „ Hier nimm und kaufe dir Tabak," spricht der Magazinier Marinko und reicht ihm einen Dukaten. Der Soldat, welcher sich mit Mühe an der Krücke hielt, nahm seine Müße ab und hielt sie dem Magazinier hin, damit dieser das Geld hineinlege. „ Dank, Bruder! Nimm es, Vater!" Blagoje ergriff die Müße mit beiden Händen und legte die Uhr, Dukaten und Pfeife hinein. Das Publikum begann der Reihe nach Geldstücke in die Müze zu werfen. Befanden sich doch unter den Passagieren auch unsere " Brüder Russen" mit ihrer- wie wir zu sagen pflegen weitherzigen Natur". Sie spendeten folossale Beträge... Der Krüppel bedankte sich unaufhörlich mit seinem„ Danke, Bruder! Danke Bruder!" Aber seine Stimme versagte ihm immer mehr; diese beiden Worte begannen nach und nach einen bestimm= ten Tonfall bei ihm zu erhalten wie bei den Blinden auf der Kirchweih, und es drängte sich ihm hier gewissermaßen zum erstenmal das Bewußtsein auf, daß er zum Krüppel und Bettler geworden. Schließlich quollen aus seinen Augen stille, dicke Tränen wie Mairegen. ,, Nun seh' mir einer den an!" rief Blagoje aus.„ Wegen einer solchen Bagatelle zu weinen! Was ist denn an der ganzen Sache dran! Ein Bein! Ha, ha! Das alles wird wieder". beinahe hätte er gesagt:„ nachwachsen", aber er hielt inne.„ Alles dies wird wieder... Aber habe ich dir denn nicht gesagt: Alles dies wird dir das Volk vergolden?" Aber dann brach er plötzlich selbst in Schluchzen aus.„ Und was soll denn nur dies alles hier?" Er legte die Müze mit den Geschenken vor sich hin zu Boden und schaut wie abwesend zum Himmel empor, als erwarte er von dort cine Antwort. „ Laß uns fort von hier!" spricht die Hauptmannsfrau.„ Hier ist ein Unglück geschehen, und wir" und sie blickt auf die beiden Füße ihres Mannes und das volle Gesichtchen ihres Kindes „ und wir sind gottlob glücklich und überglücklich!..." Dann fuhr man Blagoje und seinen Sohn mit den Geschenken in einer Rutsche in die Stadt. Die gutherzigen Leute spendeten ihm von Zeit zu Zeit Gaben. Aber an alles auf der Welt gewöhnt man sich. Alles verblaßt: Begeisterung, Liebe, Pflicht, Mitleid! Und schließlich weiß man davon so wenig wie von dem Rennpferd, das immer die ersten Preise errungen hat und in einer Pferdemühle endigt. Der Hauptmann hat sein Haus in Knjazevac an derselben Stelle wieder aufgebaut. Er hat es allerdings, wie man zu sagen pflegt, mit Papier gedeckt,* aber seine Frau ist fröhlich, sein Söhnlein gefund und zupft ihn schon am Barte. Blagoje führte noch einige Zeit das Wort im Munde:„ Das Volk wird alles das vergolden", dann gab er ihm die Wendung:„ Alles das wird dir Gott vergelten." Schließlich ergab er sich dem Trunke und starb bald darauf. Und sein Sohn erhält eine Pension aus dem Invalidenfonds und- bettelt. * Redensart für„ Hypotheken aufnehmen". Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Drud und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. tn Stuttgart.