Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 10° O O O O O O Beilage zur Gleichheit ooooo Inhaltsverzeichnis: Gläubige und Ungläubige. Von Leo Tolstoi. Eine Dichterin des Proletariats. Von Bernhard Rausch. Für die Hausfrau. Feuilleton: Unter den Häuslern der Berge. Von M. Andersen Negö. Gläubige und Ungläubige. Wie in vergangener Zeit, begegnet man auch jetzt der offenen Anerkennung und Bekennung des orthodoxen Glaubens meist bei stumpfen, grausamen Menschen, die sich selbst für höchst bedeutend halten. Verstand aber, Ehrenhaftigkeit, Geradheit, Herzensgüte und Sittlichkeit trifft man meist bei Menschen, die sich selbst für ungläubig erklären." Leo Tolstot in:„ Meine Beichte". Eine Dichterin des Proletariats. ,, Gebt Raum! Aus Arbeitsstätten voller Lärm und Braus, Bom Pflug der Felder her und von der Schmieden Graus Und Höllengluten bring ich, Aus Höhlen, wo ein Volt spinnt, hämmert, webt und schafft, Aus Schacht und Gruben steig ich, und voll freier Kraft Den Ruhm der Arbeit sing ich." Mit diesen stolzen Worten aus ihrem Gedichtband„ Fatalità" ( Schicksal) trat im Jahre 1892 die junge italienische Dichterin Ada Negri vor die breitere Öffentlichkeit. Die allgemeine Beachtung, die die kraftvollen, von sozialer Begeisterung durchglühten Verse sofort erzwangen, wuchs zu heller Bewunderung, als man erfuhr, daß die Sängerin des Volkes ein armes Proletarierkind sei. In furzer Zeit wurde Ada Negri die berühmteste lebende Dichterin Italiens. Über den revolutionären Gehalt ihrer Poesie sah man im Bürgertum zunächst wohlwollend hinweg. Man war geblendet von der ungewöhnlichen Erscheinung und hoffte eine zunehmende„ Klärung" der jugendlichen Leidenschaftlichkeit. Indessen, als 1895 der zweite Gedichtband Ada Negris„ Tempeste"( Stürme) erschien, in dem das sozialrevolutionäre Feuer noch heftiger loderte, begann man sich von der Dichterin abzuwenden. In der Meinung, die Kunst vor " Tendenz" zu retten, folgte das Bürgertum nur seinem Selasseninstinkt, dem sich eine Dichterin entfremden mußte, die von sich sagte: In meinen Adern rollt das Blut, Das Blut des Volkskinds heiß und stolz." Denn auch die Kunst ist nicht in dem Sinn etwas allgemein Menschliches, daß sie über Zeiten, Völkern und Klassen schwebt. Solange es Klassengegensäge gibt, werden sie sich wie in allen ideologischen Gebieten, so auch in der Kunst spiegeln. Die Schöpfungen Ada Negris waren der poetische Ausdruck der Gedanken und Emp findungen, Klagen und Hoffnungen des italienischen Proletariats, mit dem die Dichterin lebte. Sein Los bestimmte das Wesen ihrer ersten Dichtungen. Das Geburtsjahr Ada Negris, 1870, war zugleich das Jahr der endgültigen politischen Einigung Italiens. Wie in Deutschland, so wurde auch dort die politische Einigung zum mächtigen Hebel des wirtschaftlichen Fortschritts. Seit 1870 wird in Italien der Pulsschlag der modernen kapitalistischen Wirtschaft belebter, Traftvoller, deren Entwicklung sich in jenem Lande bis jetzt freilich nicht so rasch vollzogen hat wie in Deutschland. Der Zeitraum 1870 bis 1895 war für die Entstehung von Ada Negris sozialer Lyrik entscheidend, die mit der Veröffentlichung des Gedichtbandes" Tempeste" ihren Abschluß findet. Damals befand sich der italienische Stapitalismus noch in seinen Anfangsstadien. 1895 war Jtalien kaum zur Hälfte Industrie und noch zur Hälfte Agrarstaat. Die Großindustrie konzentrierte sich, abgesehen vom Bergbau, hauptsächlich in Oberitalien, wo die Bergströme dem kohlenarmen Lande die billige weiße Kohle" liefern. In diesen Industriegebieten brach mit dem Kapitalismus über das Volk all jenes verheerende Elend herein, das stets die Frühzeit des Stapitalismus begleitet, weil der Arbeiter da noch als cinzelner der rücksichtslosesten Ausbeutung preisgegeben ist. Die Lage des italienischen Proletariats war ähnlich der des englischen in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die Engels so Klassisch geschildert hat. " Die Geschichte des italienischen Proletariats ist eines der dunkelsten Stapitel in der Geschichte des Kapitalismus überhaupt. Nach 1867, als die kapitalistische Industrie faum die Ränder Norditaliens berührt hatte, schrieb Vittor Hehn in seinem geistreichen Buch über 1913 Italien:„ Solche verhockte, versessene, verkümmerte, schiefgewachsene, in Aften- und Bücherstaub, in Handwerks- und Gewerbesbanden verkrüppelte halbe und Viertelmenschen wie bei uns, trifft man in Italien nirgends." Freilich konnte Hehn fortfahren:„ Da es in dem Lande noch wenig Fabriken und keine Kohlenminen gibt, so fehlen auch die Fabritsklaven und die englischen Kohlenarbeiter unter der Erde, die Repräsentanten tiefster Entwürdigung unseres Geschlechts." Diese Repräsentanten entstanden aber recht schnell und in besonders erschreckendem Maße unter den Frauen und Kindern. Nach einer amtlichen Statistik belief sich 1890 die Zahl der unter 14 Jahren alten Kinder, die in Italien in Fabriken und Bergiverken frondeten, auf 82103! In der gesamten Baumwollspinnerei waren 1890 von insgesamt 149105 Arbeitskräften 143071 Frauen und Kinder unter 14 Jahren. Ein gesetzlicher Schuß fehlte fast vollständig. Erst 1886 wurden einige mangelhafte Beschränkungen der Kinderarbeit erlassen, die aber auf dem Papier blieben, weil für ganz Italien zwei(!) Gewerbeinspektoren tätig waren. Sogar amtlich sind in Italien 161/2 stündige Arbeitszeiten für Kinder unter 14 Jahren ermittelt worden. In furzer Zeit wurde das Proletariat Italiens in einen Abgrund grenzenlosen Elends und entseglicher Verkommenheit geschleudert. Krankheit und Verbrechen nahmen einen unheimlichen Umfang an; namentlich richtete die Pellagra furchtbare Verwüstungen an, eine Krankheit, deren Wesen noch nicht vollständig erkannt ist, die aber das Los des ländlichen Proletariats in maisbauenden Gegenden ist, wo starke Sonnenhite auf einen durch Arbeit und Hunger geschwächten Drganismus einwirkt. In welch einem Gegensatz stand dieses unsägliche Elend des bis zu Tode gehezten Proletariats zu der frohen Behaglichkeit des vorfapitalistischen italienischen Völlchens, für das das dolce far niente( süßes Nichtstun) sprichwörtlich gewesen ivar! Die Leiden seiner Stlasse ergriffen früh die heiße Seele des Volkskindes Ada Negri. Am 3. Februar 1870 wurde Ada Negri als Tochter einer Textilarbeiterin zu Lodi geboren, einem Städtchen in der Nähe von Mailand. Kurz nach ihrer Geburt starb ihr Vater im Hospital, sie hat ihn nie gekannt. Ihre früh verwitwete Mutter ertrug mit bewundernswerter Straft während etwa zwanzig Jahren das traurige Los einer Baumwollspinnerin. Als Witwe mühte sie sich Tag und Nacht Für ihre Tochter, für ihr höchstes Gut Ihr einz'ges, mit der hellen Augen Pracht." In flösterlicher Zurückgezogenheit lebten Mutter und Kind in zwei Zimmerchen eines kleinen Hauses in einer abgelegenen Straße, auf der Gras wuchs.„ Die Fenster unseres Heims", so erzählt Ada Negri, gingen auf den Garten, der von einer hohen Mauer umgeben war, wie ein Klosterpark, und wenn wir auf unserem kleinen Balkon standen, umgab uns föstliche Einsamfeit und grüne Weite." Die tapfere Arbeiterin sorgte nicht allein für das körperliche Wohlbefinden ihres Töchterchens, sondern suchte ihr auch unter Opfern und Ent behrungen eine möglichst gute Erziehung angedeihen zu lassen. Ada Negri sollte einst Lehrerin werden. Frühmorgens um 5 1hr mußte meine Mutter schon zur Fabrik und kam erst am Abend wieder. So blieb ich nach den Schulstunden mit meinen Büchern allein, sezte mich auf den kleinen Balkon und lernte und träumte." Troz der Armut und der engen Verhältnisse, in denen die fünftige Dichterin aufwuchs, konnte sich Geist und Gemüt des hochbegabten Mädchens während seiner treulich behüteten Kinderzeit reich entfalten. Das Jugendidyll nahm ein Ende, als Ada mit 18 Jahren den Kampf ums tägliche Brot aufnahm, indem sie Dorfschullehrerin in Motta Visconti, einem Dörfchen am Ticino in Oberitalien wurde. Was die Veränderung für sie bedeutete, lehrt ein Blick auf die jämmerlichen Schulverhältnisse Italiens zu jener Zeit. Die obligatorische Volksschule besteht in Italien erst seit 1877. Nach amtlichen Ermittelungen konnten im Jahre 1881 in Italien 67,26 Prozent weder lesen noch schreiben. Niedrige, schmutzige, von Kindern überladene Räume, häufig ehemalige Ställe, dienten als Schulräume, für die sich die Vermieter als einflußreiche Gemeindemitglieder oft noch das Doppelte und Dreifache des angemessenen Mietspreises zahlen ließen. Diesen Verhältnissen entsprach auch die Lage der Lehrerschaft. 60 Prozent der am schlechtesten bezahlten Dorfschullehrkräfte waren Lehrerinnen mit einem Monatsgehalt von 40 Mr. 38 Für unsere Mütter und Hausfrauen Von ihrem fümmerlichen Gehalt fristeten Ada Negri und ihre num schon arbeitsunfähig gewordene Mutter, die sie zu sich genommen hatte, ein dürftiges Dasein. Nur sehr schwer konnte sich die junge Lehrerin an den Gegensatz zwischen ihrem früheren träume. rischen Dasein und der schreienden Wirklichkeit" von 100 lom bardischen Buben und Mädchen gewöhnen. Aber ich mußte mein Brot verdienen und während sechs Stunden des Tages 100 Bauern findern das Alphabet und die Zahlen beibringen und ihnen nach und nach einen Begriff von Pflicht und Menschlichkeit geben. Dennoch hing ich mehr an meinen Büchern und Träumen als an meinent Beruf." In dem Proletarierkind entfaltete sich in diesem Zwiespalt zwischen Leben und Sehnsucht der dichterische Geist. Mein einfaches Dasein jener Zeit voll Elend und Energie, voll Licht und Schatten kommt mir ins Gedächtnis zurück wie ein Basrelief auf waldigem Grunde am Fluß. Wie eine Offenbarung wirkte zu jener Zeit der Anblick eines wunderbaren Landschaftsbildes auf mich." In jenen Tagen, in denen Ada Negri, wie sie schreibt, von dem Gefühl einer föstlichen Gesundheit durchströmt wurde, entstanden ihre ersten Gedichte, hauptsächlich Naturbilder, die sie hastig aufs Papier warf, wie ein Maler eine Sfizze". So Schönes Ada Negri auch in einigen ihrer frühesten Gedichte schon leistete, die eigentliche Quelle ihrer dichterischen Kraft erschloß fich ihr erst, als sich ihr Denken und Empfinden dem Schicksal ihrer Selaffengenossen zuwandte.„ Meine Seele wurde von tiefem Mitleid durchflutet für die Kinder der abgearbeiteten Landleute, für die vorzeitig unter der Bucht der Tagestaft gealterten Frauen." Den ganzen Reichtum ihres Gemüts, das sich bisher beschaulichen Träumereien hingegeben hatte, wandte nun Ada Negri ihrem Volfe zu. Das schüchterne Mädchen wurde zur großen sozialen Sängerin.„ Nach und nach ging in diesen Nächten fieberheißer Träume und roter Visionen eine Umwälzung in meinem Innern vor sich. Noch hatte ich weder Marg noch Engels gelesen, war auch noch nicht auf die , Critica Sociale abonniert. Ich gehorchte lediglich der Kraft einer unwiderstehlichen inneren Logit, als ich die Lehren des Sozialismus erfaßte." In rascher Folge entstanden nun ihre fraftvollen, von sozialrevolutionärem Geiste durchwehten Dichtungen. 1892 erschien die erste Sammlung„ Fatalità". Wie einst Lord Byron, so konnte Ada Negri von sich sagen:" Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt." Mit dem außerordentlichen Erfolg trat auch eine freundlichere Wendung in dem Leben der Dichterin ein. Eine funftsinnige und einflußreiche Florentinerin erreichte es beim Gemeinderat ihrer Heimatstadt, daß Ada Negri ein jährlicher Ehrenfold von 1500 Lire zufiel, den eine eben verstorbene neapolitanische Dichterin bezogen hatte. Gleichzeitig gab die Mailänder Schulbehörde dem Drude der öffentlichen Meinung nach und berief sie als Lehrerin der Literatur an ein Lehrerinnenseminar. Nun fonnte Ada Negri sorgenfrei ihren dichterischen Arbeiten und literarischen Studien leben. Jene, die sich an dem sozialen Gehalt ihrer Gedichte stießen, hofften jetzt, daß Ada Negri sich in ihrer gehobenen Stellung wandeln werde. Andererseits fragten sich manche ihrer Freunde, ob diesem Kind des Volkes feine urtvüchfige Kraft in den neuen Lebensverhältnissen nicht erlahmen würde. Die Einblicke in die schroffen Klaffengegensäge innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, die Ada Negri in der Großstadt erlangte, konnten aber zunächst nur den Groll und Stolz in der Seele der nach Erkenntnis ringenden Dichterin vermehren. In einem Briese vom 25. November 1894 schrieb sie: „ Ich lebe hier nicht in... eurer Welt... ich lebe und werde immer leben mit dem, der arbeitet, der leidet und kämpft." Der Gedichtband, Tempeste"( 1895) legte von diesem Vorsatz rühmliches Zeug nis ab. Auch als Lehrerin am Seminar blieb Ada Negri ihren Idealen tren, die sie in die Herzen ihren Schülerinnen einzupflanzen bestrebt war. Die Mailänder Schulbehörde atmete daher erleichtert auf, als im Jahre 1896 ein Ereignis eintrat, das die Dichterin des Schuldienstes enthod. Ada Negri wurde die Frau Giovanni Carlandas, eines der reichsten Industriellen Oberitaliens. Dieses Ereignis verstärkte die Einwirkung der bürgerlichen Umwelt mit ihrer alten geistigen Stultur auf die Dichterin; allmählich und ihr unbewußt wurden ihre bisherigen sozialen Jdeale gelockert. So beschleunigte die Verheiratung in Ada Negris Welt- und Lebensanschauung jenen Umschwung, der sie ihre Sendung als Ruferin im sozialen Stampf preisgeben hieß. Jetzt, da Ada Negri auf die Sonnenhöhe des Lebens gehoben worden war, konnte sie dem Einfluß der bürgerlichen Umwelt auf die Dauer nicht standhalten. Dazu kam die tiefe Einwirkung der Ehe und der Mutterschaft auf die Künstlerin, deren Dichtung stets Ausfluß starter innerer Erlebnisse gewesen war. Die fleine Hand, die mit Stampfesmut die Feder geführt hatte, ruhte nun furchtsam und verliebt" in der ihres Mannes. In den späteren Gedichten hat sich Ada Negris Sinn von den großen Gegenständen des sozialen Lebens abgewandt und auf Nr. 10 das stille Reich des Frauen- und Familienlebens beschränkt. Stait der glühenden Flamme des Rebellentroßes nur noch der milde Schimmer wehmütigen Mitgefühls und matte Resignation, die sich oft in die Dämmerung eines religiösen Mystizismus flüchtet. Mag aber auch die soziale Sängerin in ihr erstorben sein, so lebt für uns dennoch die junge proletarische Dichterin und ihre revolutionäre Jugenddichtung ist ein dauernder Bestand des Schazzes proletarischer. Kunst geworden. Weil Ada Negri durch gemeinsamen Herzschlag mit den Leiden und Freuden ihrer Klasse verbunden war, weihte sie ihm ihre ganze auflodernde Gedanken- und Gefühlswelt. Als Dichterin des geKnechteten elenden Proletariats ist der Grundton ihrer Dichtungen der Schmerz. Nicht die milde Wehmut des rein poetischen Mitleids, nicht der Jdealismus der Satten und Glücklichen, sondern der Ausschrei der selbst Hungernden und Entbehrenden tönt uns aus ihren Gedichten entgegen. Ada Negri bezeichnet es als ihr Schicksal", alles Unglück der Ihren mitempfinden und mitleiden zu müssen, sie ist sich aber auch dessen bewußt, daß dieses Kassandraschicksal die Duelle ihrer Kraft ist. „ Nur dem, der leidend, blutend schafft, Erstrahlt des höchsten Ruhmes Schein. # Der Schmerz gibt den Gedanken Götterkraft, Dem tapferen Kämpfer winft der Sieg allein!" Die Dichtungen Ada Negris erhalten durch die zeiterschütternden sozialen Fragen, die in ihnen leben, einen großen Zug. Er gerade ist es, der sie weit über die Erzeugnisse von Dichterlingen erhebt, die die Augen weichlich vor den großen Aufgaben der Gegenwart zudrücken und in ein fernes Träumerland, ein Wolfenfududsheim, flüchten. Ada Negri hat ihre Dichtungen mit vollem Bewußtsein in den Dienst der Befreiung ihrer Volksgenossen von aller Not, Ungerechtigkeit und Unfreiheit gestellt. Sie hat eine hohe, ernste Auffassung von dem Dichterberuf. Ihr sind die Begriffe Dichter und Kämpfer für die Befreiung des Volkes gleichbedeutend, was für ihre Zeit allerdings eine besondere Bedeutung hatte. In jener Zeit, in der das Proletariat noch ohnmächtig am Boden lag, fonnte es erst einen Leidens- und Wutschrei ansstoßen, um die Augen auf sein Elend zu lenken. Da ist die lyrische Stunft, als berufene Dolmetscherin der Gefühle, der Leiden und Nöte, auch die erste Vorfämpferin des Proletariats. Als proletarische Dichterin ihrer Zeit erweist sich Ada Negri auch in ihren sozialistischen Dichtungen. Wie überall im Frühfapitalismus, so befand sich auch in Italien die moderne Arbeiterbewegung erst in den Anfängen ihrer Eniwicklung. Die sozialistischen Lehren be gannen erst allmählich die Köpfe der Masse zu revolutionieren, und der. Sozialismus war, wo er auftrat, noch vorwiegend utopisch. So auch bei unserer Dichterin. Wohl hätte Ada Negri in Mailand Gelegenheit gehabt, so tief in die Gedankenwelt des wissenschaftlichen Sozialismus einzudringen, daß sie ihr für immer zu eigen werden mußte. Hier erschien die„ Critica Sociale", die es als ihre wichtigste Aufgabe betrachtete, in der italienischen Arbeiterklasse anarchistelnde sozialrevolutionäre Strömungen und einen utopischen Gefühlssozialismus durch den wissenschaftlichen Sozialismus zu überwinden. Um diese sozialistische Zeitschrift hatte sich ein Streis geistig bedeutender Sozialisten gesammelt, die mit heißem Bemühen danach strebten, die gesellschaftlichen Zustände immer flarer und tiefer im Lichte der Wissenschaft zu erkennen und die gewonnenen Erkenntnisse zum Gemeingut der ausgebeuteten Massen zu machen. Und neben Filippo Turati wirkte anregend und anfeuernd eine Frau in diesem Kreise: unsere Genoffin Stulischoff, an Geist und Wissen den besten der Männer voll ebenbürtig. Ada Negri- deren soziale Gedichte zum Teil zuerst in sozialistischen Blättern erschienen find ist eine Zeitlang in Beziehungen zu den führenden Mailänder Sozialisten gestanden, namentlich auch zu Genossin Stulifchoff. Allein den Weg zum wissenschaftlichen Sozialismus hat sie trotzdem nicht gefunden. Wahrscheinlich lag in den Quellen ihrer dichterischen Stärte auch ihre geistige Gebundenheit. Das rein Gefühlsmäßige ihres Wesens widerstrebte der strengen Zucht des wissenschaftlichen Sozialismus, deffen Erkenntnisse nur im zähen geistigen Ringen erobert werden. So blieb sie in einem unflaren Gefühlssozialismus steden, deffen Wurzeln allmählich abstarben, als sie in ein anderes Milieu verpflanzt wurde. Als sie in ihrer Jugend sozialistische Gedankenbahnen einschlug, so gehorchte sie damit lediglich der Straft einer unwiderstehlichen inneren Logit". Aus instinktivem proletarischem Empfinden heraus entstand in ihr das Jdealbild einer Gesellschaft, in der alle Ausbeutung und wirtschaftliche Ungleichheit aufgehoben sein wird. In einer Reihe ihrer schönsten Gedichte zeichnet fie ihr gesellschaftliches Zukunftsbild mit all der Farbenpracht, deren ihre südliche Phantafie fähig ist. Namentlich ist es der ewige Friede, der in ihren dichterischen Visionen als nahes Zukunftsglück erscheint. Nr. 10 Für unsere Mütter und Hausfrauen 39 „ Die Welt ist jetzt ein Vaterland, die Seelen Bon heiliger Begeisterung durchbebt. Und sanft ein Friedenssang aus tausend Kehlen Von einem Ilfer an das andre schwebt. Der Rauch steigt auf, und durch der Erde Schollen Sieht man die Pflugschar ihre Furchen zieh'it. Man hört von ferne der Maschinen Grollen; Und feurig rot die Schmiedeöfen glüh'n. Und über all dem wilden rauhen Toben Der Erde, die in vollem Gärungsbraus, Da breitet stolz, im Winde flatternd, droben Die Freiheit ihre weißen Flügel aus." Im Zeitalter des Jmperialismus, der auch in Italien Drgien feiert, hat sich das Bürgertum bereits vollkommen von der sozialrevolutionären Sängerin abgewandt. Ihre Gedichte werden dafür immer mehr Gemeingut der Proletarier aller Länder, die es als Pflicht betrachten, ihre Dichterin zu ehren, indem sie ihre Werke in fich lebendig erhalten.* Bernhard Rausch. Für die Hausfrau. Zum Kapitel der Babyausstattung. Unsere Abbildung zeigt, wie in England, Frankreich und vielfach auch in Osterreich der Säugling eingehüllt wird. Die Aussta: tung unterscheidet sich in der Haupt> sache dadurch von der bei uns üblichen, daß das Steckfiffen fehlt und mithin auch die Stütze für den Kopf. Diese Art der Einhüllung kommt auch bei uns mehr in Ge brauch, weil sie den kindlichen Kör per weniger fest einengt und der Luft besser Zutritt ermöglicht als das heiße, anliegende Steckkissen. Jede Mutter kann sich nach der Abbildung leicht die englische Ausstattung" anfertigen, wie auch den langen Laßteil, der oben die Einhüllung deckt. Er fann aus Stickerei und Spigen hergestellt werden oder auch aus Seide und Chiffon, je nachdem die Mutter ihr Baby für Festtage oder zum Ausgehen schmücken will und Geld für die Ausstattung auszugeben vermag. Der Tragmantel aus Bifee mit Schulterkragen ist ebenfalls leicht herzustellen. Unsere Abbildungen zeigen die Hälfte des eigentlichen Mantels wie des Schulterkragens mit den Besatstreifen. Ein Steh- oder Umlegekrägelchen schließt den Mantel ab, zu dem man 4 Meter Stoff und 4 Meter Besagstreifen benötigt. Der Tragmantel für die Mutter ist ein * Ins Deutsche sind die beiden ersten Gedichtbände Fatalità" und Tempeste" von Hedwig Jahn in vorzüglicher Nachdichtung übersetzt und gemeinsam, auch als Voltsausgabe, bei A. Duncker, Berlin, erschienen. Preis der Boltsausgabe 1,80 2. 99 sehr zweckmäßiges Stück, weil er erlaubt, das Kindchen warm an der Brust zu betten, wie dies die zweite Abbildung erkennen läßt. In Thü ringen, manchen Gegenden Sachsens und in Böhmen gehörte er früher unbedingt zu einer guten Babyausstattung. Leider verschwindet dieser Mantel immer mehr, weil die Mütter des Volkes immer seltener ihre Kleinen selbst nähren und pflegen können. Schließlich trägt auch die Mode das ihrige dazu bei, ihn zu verdrängen. Bei den Ammen der reichen Leute kann man ihn dagegen oft genug sehen. Ohne Rücksicht darauf, ob der Mantel „ Mode ist" oder nicht, sollten ihn Mütter verwenden, die gezwungen find, ihr kleines Kindchen bei jedem Wetter und unter allen Umständen auf ihren Gängen mitzunehmen. Der Mantel erfordert allerdings viel Stoff. Wir sind überzeugt, daß unsere Leserinnen nach den Abbildungen ohne Schnittmuster zurechtkommen, aber selbstverständlich werden sie auch auf Wunsch durch die Redaktion vermittelt. Für alle vorstehenden Schnittmuster zusammen ist 1 Mart in Briefmarken einzusenden. N.R. J. Feuilleton Unter den Häuslern der Berge.* Von M. Andersen Nerö. Tag für Tag sind wir vom frühen Morgen bis zum späten Abend hier oben gesessen auf den hohen Gipfeln, die die schöne Bergstadt Roja umgeben, und haben weit hinausgestarrt in den Raum, wo Adler über fernen Bergfirsten segeln, und haben in der sonnenfuntelnden Luft geschwelgt und in der Bergesstille, die noch versüßt wird durch den einlullenden Wohlflang der Schellen und vertieft durch das ferne Kochen der Wasserfälle in den Zwei Höllen". Die * Aus, Sonnentage", Reisebilder aus Andalusien. Von M. Andersen Nero. Verlag von Georg Merseburger, Leipzig. Preis 3 Mf. gebunden. Dieses schöngeschriebene Buch ist sehr zu empfehlen. Es bietet mehr als fünstlerischen Genuß. Wir lernen in ihm die Seele eines Volkes kennen, über das die Walze des industriellen Kapitalismus noch nicht hinweggegangen ist, und das sich noch einen großen Schay persönlicher Kultur gewahrt hat. 40 Für unsere Mütter und Hausfrauen und Bergzinnen haben ihren eigenen spröden Klang, wenn die Sonne die Nachtkälte bricht, und tief unter uns in dem friedlichen Tale stürzt sich dann und wann ein Zug wie ein heulender Teufel in die Finsternis des Tunnels. Wie ein plögliches Nervenzittern durchjagt es die Stille, streift uns einen Augenblick mit einer fernen Anklage - weil wir so müßig dasigen und entschwindet im Sonnenglanz. und entschwindet im Sonnenglanz. lind wir versuchen ein wenig Rassenstolz auf die Beine zu stellen eben aus Anlaß dieser Eisenbahn, die die Unseren erfunden herabzublicken auf das Volk da unten, das nichts erfunden hat, nicht einmal ein flein wenig Pietismus. Aber stehen wir erst einem dieser Berghirten gegenüber, so stürzt das Gebäude dieses Rassendünkels zusammen. Wir müssen sie ganz einfach lieben und sie beneiden, und unser einziger Ärger ist, daß sie uns nicht wieder beneiden: wir sind ihnen vollständig gleichgültig. Aber sie verbergen diese Gleichgültigkeit unter einer unbegrenzten Zuvorkommenheit, denn wir sind ja ihre Gäste. Und nun sind wir zu Fuß auf dem Wege nach Granada. Gerade unter uns liegt die große Vega, sechs Meilen im Querschnitt, ganz von Bergen umringt, und am entgegengesetzten Rande der Ebene erscheint Granada als ein grauer Fleck an der Berglehne. Wir folgen dem Bogen des Gebirges und behalten die Ebene zu rechter Hand. Überall ist emsige Geschäftigkeit, obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Auf der Nordseite der Berge gehen die Männer mit langen Stöcken umher und schlagen die späten Oliven herab, während Weiber und Kinder auf der Erde liegen, um sie aufzusammeln. Auf der Südseite wächst unter den Ölbäumen Weizen, und liefgebückte Männer sind beschäftigt, ihn mit Hilfe eines kleinen Schabeisens in lange Büschel zu teilen. In den kleinen Wirtschaftsbetrieben arbeitet die ganze Familie mit, über die großen Gutsareale aber ziehen Arbeiter in langen Reihen, und ihnen folgt ein Aufseher, auf einen dicken Stock gestützt. Wenn es uns gefällt, verlassen wir die Bergstraße und folgen dem Bahnkörper, der die Spuren starken Verkehrs zeigt. Er führt uns durch kurze Tunnels und über einen Abgrund, auf dessen Grunde der Fluß schäumt; oben am Ende des Tales sehen wir diesen sich über die Felsen breiten wie silbergraues gelöstes Haar. Ringsum stürzt Wasser aus dem Erdreich, zuweilen in Sprudeln, so groß wie eine Tischplatte; das sind los nacimientos, Lojas be rühmte Quellen. Einige von ihnen gurgeln heißes Wasser empor, und zahlreiche Weiber aus dem Volke stehen darin bis an die Hüften nackt und waschen. Und wir passieren andere Wasserläufe, deren Inhalt weit jenseits der Berge in geschlossenen Kanälen oder offenen breiten Läufen eingeholt wird. Wie ein fein verzweigtes Adernez verästelt er sich über die Berglehnen zu jedem Obstbaum, sammelt sich wieder und läuft weiter, um sich wie ein Spiegel über ein planiertes Kornfeld zu ergießen, und ein wenig tiefer bildet sich noch ein Spiegel und wieder einer eine ganze Treppe horizontaler Spiegelflächen übereinander. Aber noch darf es nicht weiter; ganz unten wird das überschüssige Wasser nochmals gesammelt, freibt eine Stampfe und weiter unten eine Mühle, wird um den Berg herum in ein tieferes Tal geführt und beginnt seine Tätigkeit von vorne. Und überall, wo das Wasser rinnt, schießt Reichtum aus der Erde. Der wandert in die Beutel der großen Gutsbesizer in den Städten, und die Menschen hier bleiben immer gleich arm. Fast aller Boden ist in den Händen von Leuten, die ihr Leben in Madrids, Sevillas oder Granadas Palästen verbringen und oft nicht einmal ahnen, wo ihr Eigentum liegt und wie es aussieht. Der Boden wird häufig mit Hilfe von Verwaltern und Tagelöhnern in großem Stile bewirtschaftet, zumeist ist er jedoch in Höfe und Häuser parzelliert, die für eine Reihe von Jahren verpachtet werden. Die meisten dieser Bächter haben den Eigentümer niemals gesehen, nur seinen Pachterheber; es wird behauptet, daß der andalusische Gutsbesitzer häufiger nach Paris fährt als auf seine Güter. Die hohen Pachtabgaben im Verein mit den drückenden Steuern und dem Stadtzoll, der auf dem Produktionspreis lastet, bewirken, daß die Ackerbautreibenden troß großen Fleißes sich nur selten aus ihrer bedrückten Lage aufzuschwingen vermögen. Ärmer jedoch sind die Arbeiter ohne eigenen Besit. Sie wohnen in elenden baufälligen Dörfern von 10000 bis 30000 Einwohnern, denen nur ein kärg licher Eintagsverdienst den Hunger vom Leibe hält. Jeden Morgen kommt der Gutsverwalter auf den Marktplatz des Dorses, wo er die Arbeitsuchenden mustert, um täglich aufs neue seine Wahl für den Tag zu treffen. Der Tagelohn beträgt 50 Centesimos bis zu einer Peseta( 40 bis 80 Pfennig) und einem gaspacho: einem Labetrunk, bestehend aus kaltem Wasser, Essig, Ol, Salz und Pfeffer. Er wird um zwölf Uhr mittags verteilt und bildet zusammen mit dem mitgebrachten Brot das ganze Mittagsmahl. Ehe der Arbeiter zum Markt geht, hat er einen Teller Bohnensuppe zu sich genommen, und des Abends, wenn er heimkommt, bekommt er wieder Bohnensuppe. Nr. 10 Ein steiniger Weg schneidet unter der Bahnlinie durch, eigentlich ein ausgetrocknetes Flußbett. Während wir die Brücke passieren, fährt ein großer Hund aus dem dunkeln Tunnel, und darinnen stehen einige große dunkle Männer um einen Feuerstoß. Räuber! durchfährt es mich, und wir biegen ab und wollen in das Flußbett hinabsteigen, um ihnen aus dem Wege zu gehen. Aber sie sperren uns eifrig protestierend den Abstieg ab und zwingen uns, mit in den Tunnel zu kommen. Es sind Jäger, die im Begriff stehen, einen Hasen zu braten und Frühstück zu halten; sie suchen das Herz des Hasen hervor, schneiden es in Stücke und bieten es uns auf der Spitze eines großen andalusischen Bauchaufschlißermessers an, wir essen und werden wirklich mutiger davon. Nachdem wir aus dent Halse ihres gemeinsamen Weinfruges getrunken, erhalten wir Erlaubnis, wieder zu gehen. Sie sind ganz aufgeräumt, weil sie uns an ihrer Mahlzeit teilnehmen lassen konnten, und begleiten uns unter vielen liebenswürdigen Wünschen durch den dunklen Tunnel zurück. Und wieder sind wir auf dem Wege, der zwischen dem Abhang und weitgedehnten Olivenwäldern dahinführt, oder auf einer kalfbestaubten Straße, wo zweirädrige Ochsenwagen, überspannt von einem Tonnengewölbe aus Leinwand, dahintrotten. Die Ochsen passen selbst auf den Weg auf, und drinnen auf dem Boden des Wagens, der fast an der Erde schleppt, liegt der Kutscher auf dem Bauche und singt Liebeslieder. Bei jedem Weinhaus bleiben die Ochsen von selbst stehen, der Kutscher krabbelt verwundert heraus, sieht die Tiere und die Welt um sich her fragend an und geht damit hinein und bestellt ein Glas. Wir haben uns vor e nem baufälligen Häuschen auf den Wegrand gesetzt, um zu rasten. Sogleich kommt ein altes Weib herausgehumpelt und bringt uns ein paar Stühle. Als aber die Junge dazukommt und das sieht, schilt sie: welch sonderbarer Einfall, Leute auf der nackten Landstraße zum Sißen einzuladen! Wir müssen eintreten! Das Haus hat nur einen Raum; in der einen Hälfte ist der offene Herd und die Wohnstube, in der anderen die Schlafstelle und der Stall für eine Ziege und einen Esel. Während wir mit der jungen Frau sprechen, starrt die Alte uns unverwandt an und bewegt die Lippen. " Ihr kommt wohl weit her?" fragte sie endlich. ,, Ei jawohl, nicht eben nahe." ,, Da habt Ihr gewiß das Meer gesehen seid wohl gar darauf gefahren? Das muß doch was Seltsames sein, das Meer? Ist es wahr, daß es rund um die ganze Erde geht und sich aufbäumen kann wie ein wütender Stier und die Schiffe niederstoßen? Pedro, der Eseltreiber, ist auf dem Gipfel der Sierra Nevada gewesen und hat das Meer gesehen, aber er lügt. Er sagt, es sei flüssiges Gold, und die Sonne komme gerade daraus hervor. Ich aber sage: das ist Lüge, kleiner Pedrico, denn Gold ist hart, und das Meer ist Wasser, da man ja darin baden und ertrinken kann. Da müßte ja die Sonne darin erlöschen." Sie hat eine Tochter gehabt, die im Meere, an der nordspanischen Stüste, ertrunken ist, erfahren wir. Darum beschäftigt das Meer sie so sehr. Aber hier in den Bergen ist niemand, der ihr davon erzählen kann, als Pedro, der Mauleseltreiber, der es vom Gipfel der Sierra Nevada gesehen und der lügt. Wir aber haben oft darauf gesegelt und sogar darin gebadet, so wie ihre Tochter, als sie damals ertrant und warum sollten wir wohl lügen? Sie saugt jedes Wort ein und macht die Bewegungen dazu, als ich ihr vom Schwimmen erzähle; und plötzlich bricht sie heftig aus:„ Ja, wer es doch sehen und etwa gar die Hand hineinstecken könnte- demr das kann einem doch nicht schaden, was? Zuzeiten, wenn es wettert und ich nicht schlafen kann, schaue ich zu den Wetterwolfen auf und denke: so ist gewiß das Meer auch und dann weine ich um meine Tochter, der es so übel erging. Aber wenn dann der Himmel wieder ruhig und blau ist, dann denke ich, daß so auch das Meer sein muß, und das macht mich so froh, so froh." Sie nicht getröstet vor sich hin, und wir machen uns wieder auf den Weg. Wie alle Neisende haben wir unsere Kleine Paßgeschichte. Unter gewöhnlichen Umständen ist ja ein Paß ein sinnloser Gegenstand, er kostet Geld und vermindert die Spannung des Reisens, indem er jede Möglichkeit, etwas Abenteuerliches zu erleben, zunichte macht alle langweiligen Polizeigeister nehmen einen ja in ihre Hut. Ich ließ daher Paß Paß sein, als wir reisten, und steckte statt dessen zwei Blatternatteste in die Tasche, die wir noch aus unserer Kinderzeit liegen hatten. Es hat doch sein Interesse, zu sehen, was solch ein Papierlappen tatsächlich wert ist, wenn es darauf ankommt, und ich muß gestehen, daß die Atteste die Probe bestanden. Obwohl an den meisten Orten in Andalusien, in denen wir uns aufhielten, die Blattern gewesen, gingen wir ganz frei aus.( Fortsetzung folgt.) Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.