Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 11° о O O O O Beilage zur Gleichheit o O O O O O O O O 1913 Inhaltsverzeichnis: Über die Entwicklung des sozialen Sinnes bei Kindern. I. Von Frizz Elsner. Für die Hausfrau. Feuilleton: Erwartung. Von Manyoshu. Unter den Häuslern der Berge. Von M. Andersen Nerö.( Fortsetzung.) Cleber die Entwicklung des sozialen Sinnes bei Kindern. I. Nach einer langen Periode starker überschätzung des Individuellen im Menschen hat unsere Zeit unter dem Druck einer vollständigen Umwälzung des Wirtschaftslebens eine sich täglich vertiefende Erfenntnis von der sozialen Natur des Menschen gewonnen. Heute bestreitet kaum noch jemand, daß der Mensch, wie jener altgriechische Weise sagte, ein soziales Lebewesen sei. Durch die Ergebnisse der urgeschichtlichen Forschung ist es zur Gewißheit erhoben worden, daß der Mensch, soweit wir seine Spuren auf der Erde zurückver= folgen können, nie vereinzelt gelebt hat; vielmehr steht heute fest, daß er als Einzelwesen überhaupt nicht eristiert. Das menschliche Ich erscheint nie und nirgends als Individuum für sich, sondern stets und überall als Individuum in bezug auf seine Artgenossen. Diese sozial lebenden Wesen sind nun hineingestellt in einen Strom ununterbrochenen Werdens, der fortgesetzt die Welt und den Menschen mit ihr umgestaltet, den einzelnen und die kleineren oder größeren Gemeinschaften. Unfertig kommt das junge Menschenkind auf die Welt, seiner körperlichen und geistigen Beschaffenheit nach ein hilfloses Geschöpf. In der Beilage zu Nr. 21 und 22 des vorigen Jahrgangs der„ Gleichheit" gaben wir eine Übersicht über das Wachstum der seelischen Fähigkeiten des Säuglings, das untrennbar mit der körperlichen Entwicklung zusammenhängt. Das individuelle Wachstum des Kindes geht aber vor sich in engster Verbindung mit einer langsamen Anpassung an die Kulturgemeinschaft, in die das Kind hineingeboren ist. Diese beiden Umstände, das Flüssige der Entwicklung und die Wechselbeziehung zwischen selbständiger Entfaltung angeborener Kräfte und der Aufnahme von Umgebungscinflüssen erschweren eine Untersuchung des sozialen Sinnes bei Sindern ganz ungemein. Wir haben es nicht nur mit der Entfaltung von Anlagen zu tun, sondern die mitgebrachten Dispositionen" ( Bestimmtheiten) erfahren durch die soziale Umgebung des Kindes seine„ Erzieher" im weitesten Sinne eine sofortige und dauernde Lenkung, Förderung oder Hemmung im Sinne der Zwecke dieser Umgebung. Es freuzen sich fortgesetzt Vererbung und Erziehung. Unsere Betrachtung wird ausgehen von der Vorgeschichte des sozialen Sinnes in der Tierwelt, dann nach ererbten Anlagen des sozialen Verhaltens fragen, ferner die sich in der Umgebung bietenden Hemmungen und Förderungen des sozialen Sinnes und die Mittel zu seiner Entwicklung beleuchten und endlich einige wichtige soziale Gefühle besonders behandeln. Schon in der Tierwelt begegnen wir sozialen Verbänden mannigfaltiger Art. Niedere Formen der Vereinigung von Lebewesen stellen die Kolonien der Pflanzentiere dar, zum Beispiel die Korallen. Diese Vereinigungen dienen in erster Linie dem Zwecke der Ernährung. Bei Vögeln und Säugetieren sind die Tierfamilien auf der Fortpflanzung begründet und übernehmen meistens auch die Aufzucht der Jungen. Hier finden sich bereits sympathische und altruistische Gefühle( Mitgefühl und Aufopferung): Die Tiermutter liebt ihre Kinder und opfert unter Umständen für deren Erhaltung das Leben. Über den Familienverband hinaus begegnen wir aber auch loseren und festeren Genossenschaften von Tieren der gleichen Art zum Zwecke gemeinsamen Handelns. Dahin gehören, um nur das Belannteste Herauszugreifen, die Vereinigungen von Insekten, Fischen und Vögeln zu Wanderungen, die Bildung von Herden bei Säugetieren. Hier sind in reicher Fülle soziale Hilfshandlungen beobachtet worden, wie etwa die Warnungsrufe der Vorhut bei den Gemsen, die Verteidigung der Herde durch den stärksten Bock, das gegenseitige Ablesen der Parasiten bei den Affen. Endlich finden sich ganz feste Organisationen mit straffer Arbeitsteilung bei Bibern, Ameisen, Bienen, so daß man hier geradezu von„ Staatenbildung" spricht. Auf den namentlich bei den Affen und einigen Bogelarten hochentwickelten Nachahmungstrieb und auf das Spiel der Tiere können wir hier zwar nicht näher eingehen, müssen aber darauf besonders hinweisen, weil Nachahmung und Spiel für das Kindesleben von größter Bedeutung sind. Spiel und Stunst stehen sich in ihrer seelischen Grundlage sehr nahe, und so sind selbst zu künstlerischer Betätigung Ansätze in der Tierwelt vorhanden. Ein englischer Forscher berichtet über die Slippenvögel in Südamerika:„ Bei ihren Zusammenkünften tritt immer nur ein Vogel auf einmal auf, die übrigen verhalten sich als Zuschauer.... Ein Männchen mit lebhaft orangefarbenem Kamm und Gefieder betritt die Rasenfläche und beschreibt mit ausgebreiteten Flügeln und gespreiztem Schwanz eine Reihe von Bewegungen, etwa wie ein Menuett; schließlich hüpft und wirbelt es, von der Bewegung fortgerissen, in der erstaunlichsten Weise im Kreise umher, bis es sich erschöpft zurückzieht und ein anderer Vogel an seine Stelle tritt. Solche Tänze finden auch zu anderen Zeiten als denen der Gattenwahl statt." Reichen demnach die Anfänge sozialen Verhaltens und also auch sozialer Gefühle bis ins Tierreich, so zeigen die Ergebnisse der Völkerkunde und der Gesellschaftswissenschaft eine weitgehende Gleichmäßigkeit primitiver sozialer Einrichtungen bei den Menschen aller Himmelsstriche.* Die Urgeschichte lehrt uns aber, daß der Mensch, und zwar als soziales Wesen, schon seit verhältnismäßig unendlich langen Zeiten auf der Erde lebt. Dies alles macht es im höchsten Grade wahrscheinlich, daß das Kind soziale Dispositionen von den Vorfahren her mit auf die Welt bringt. Umgekehrt, wenn sich schon wenige Wochen nach der Geburt die ersten Regungen sozialer Gefühle äußern, so ist diese rasche Entwicklung nur dadurch erklärlich, daß das Kind durch die Geschichte seiner tierischen und menschlichen Ahnen für solche Gefühle gewissermaßen vorgeschult ist. Es fann daher den jahrtausendelangen Weg seiner Vorfahren in kürzester Zeit durchlaufen, günstige Bedingungen in der Umgebung vorausgesetzt. Um es gleich vorwegzunehmen, ist es von unserem Standpunkt ebenso verkehrt, mit den Pädagogen des achtzehnten Jahrhunderts, etwa Rousseau, von einer natürlichen Güte der Kinder zu reden, wie mit dem Italiener Lombroso im Kinde den„ geborenen Verbrecher" zu sehen. Selbstverständlich ist das neugeborene Stind egoistisch, oder besser.,. egozentrisch": sein Jch( ego) ist ihm zunächst das Zentrum der Welt. Dem Kinde dreht sich gewissermaßen die Welt um seine Person, es bezieht alles Geschehen zunächst auf sich. Der Grund liegt in seiner körperlichen Schwäche und Hilflosigkeit, die fein Heraustreten aus dem Kreise des Selbsterhaltungstriebes gestattet; und angeborene Vorstellungen oder Jdeen, die dem entgegenwirken fönnten, gibt es nicht. Das Kind muß sich erst durch Erfahrung davon überzeugen, daß sein Jch sich mit anderen Jchs in die Welt zu teilen hat. Dieser Erfahrungsweg ist ihm keineswegs ganz leicht gemacht. Es ist mit seiner Umgebung verbunden durch die Sinnesorgane, mit denen es die Eindrücke( ,, Reize") der Umgebung aufnimmt. Die einzelnen Licht, Schall-, Berührungsreize lernt es nur allmählich in den ersten Wochen ursächlich in Raum und Zeit außer sich festlegen, das heißt erst jetzt nimmt es Gegenstände wahr. Diese Gegenstände aber sind gerade wegen der Art, wie die Vorstellung von ihnen zustande fam, aufs engste mit Luft oder Unluftgefühlen ver knüpft, die das Kind bei ihrer Wahrnehmung erlebte. So erregen alle Gegenstände und Personen, die mit der Nahrung des Kindes in Zusammenhang stehen, freudige Gefühle. Eindrücke sind jedoch um so stärker lust- oder unlustbestimmt, je seltener sie erlebt werden; Gewohnheit stumpft das Gefühl ab. Für das junge Kind aber ist die Welt ringsumher mit Neuem vollgestopft, es erfährt immerfort neue Erregungen. Erst allmählich befestigen sich in dem Kinde Vorstellungsgruppen und gestatten ihm eine von der persönlichen Empfindung losgelöste„ objektive" Betrachtung. Also beim Kinde herrscht seiner Natur nach das sinnliche Leben vor, damit das Gefühlsleben, und daher bezieht das junge Kind die Dinge stets auf sich, und auch sein Handeln ist entsprechend„ egoistisch". Das Gesagte gibt uns schon den Fingerzeig für die Entstehung erster sozialer Gefühle, die durchaus egoistischer Natur sind. Der Selbsterhaltungs- und Verteidigungstrieb überwiegt zunächst alle anderen Triebe, der Säugling ist aber vollständig auf fremde Hilfe angewiesen. Daher muß infolge der dauernden Verknüpfung von Lustempfindungen mit der Wahrnehmung der ihm hilfreichen Personen sich ein Gefühl der Zuneigung zu diesen herausbilden. Anmählich verselbständigt sich dieses Gefühl, es löst sich von dem ur黃 Heinrich Cunow, Bur Urgeschichte der Ehe und Familie,„ Neue Beit", Ergänzungsheft Nr. 14, 1912. 42 Hifchen Ziele Tos. Der R Für unsere Mütter und Hausfrauen sprünglich egoistischen Ziele los. Der Vorgang entspricht, um ein fraffes Bild zu gebrauchen, genau der Liebe des Geizhalfes zu seinem Gelde: durch Gewohnheit ist ihm das Geld selbst lieber geworden als alles, was er sich dafür verschaffen könnte, obgleich es anfangs nur als Mittel erstrebt wurde. Natürlich wollen wir durch diesen Vergleich nicht die Liebe zu den Eltern herabsetzen, sondern nur ihren Ursprung beleuchten und solchen überflüssigen Hypothesen wie der Annahme eines Identitätsgefühls"( Einheitsgefühls) zwischen Mutter und Kind entgegentreten. Ein Schritt über das rein egoistische Erstlingsstadium des Neugeborenen liegt vor, wenn dieser zum erstemmal das Lächeln der Mutter oder seiner Wärterin erwidert oder bei deren Traurigkeit Unlust zeigt. Das geschieht etwa vom sechsten Monat an. Damit tritt die Fähigkeit der Sympathie auf, des Mitfühlens mit anderen Wesen ohne erkennbare egoistische Ursache. Man erklärt das Zustandekommen dieses Gefühls durch die Fähigkeit der Nachahmung. Indem das Kind instinktiv das Mienenspiel der Mutter nachahmt, stellt sich dabei die gewöhnlich mit diesen Muskelbewegungen verbunden gewesene Lust- oder Unlustempfindung ein Die ersten Spuren von bewußter Nachahmung zeigen sich frühestens im vierten Monat. Preyer beobachtete erst im siebten Monat eine ganz deutliche Nach ahmung des Mundspizens bei seinem Kinde, und um wie viel einfacher ist diese Bewegung als die komplizierten Muskelzusammenziehungen beim Lachen oder Weinen! Es bleibt daher nur die Annahme einer angeborenen, vielleicht durch Suggestion erregten Nachahmungsfähigkeit übrig. Durch diese nachahmende Sympathie ist das seelische Band von einem Individuum zum anderen hergestellt. Ohne Rücksicht der Personen veranlaßt der Anblick eines Gefühlsausbruchs bei kleinen Kindern den entsprechenden Refler. Darauf beruht wohl auch die merkwürdige, in Schulen häufig beobachtete Erscheinung, daß ein Fall von Veitstanz oder Krämpfen eine Reihe weiterer Erkrankungen unter den Schülern nach sich zieht,„ ansteckend" wirkt. Demgegenüber wird häufig von einer angeborenen Grausamkeit der Kinder gesprochen. Das ist eine sinnlose Übertragung von Werturteilen Erwachsener auf das Kind. Entweder handelt es sich dabei um den Experimentiertrieb- das Kind will etwa den Körperbau einer Fliege durch Ausreißen ihrer Glieder untersuchen. Dder, falls die Handlung wirklich mit dem Bewußtsein der Grausamkeit verübt wird, so ist das auf besondere persönliche Beranlagung zurückzuführen. Den grausamen Kindern stehen ebenso viele oder mehr mit seinem zärtlichen Einfühlungsvermögen in andere Lebewesen gegenüber. Die Fähigkeit der Sympathie ist die Grundlage für die weitere Entwicklung des sozialen Sinnes. Durch die mittels instinktiver Nachahmung vor sich gehende Einfühlung betritt das Kind den Weg aus dem individuellen in den sozialen Kreis und gewinnt GefühlsgrundIngen für spätere soziale Werturteile. Friz Elsner OOO Für die Hausfrau. Die Naturwissenschaften in Küche und Haushalt. Warum nimmt die Hausfrau Salmiatgeist eine Ammoniaklösung, deren Geruch ebenso bekannt wie unangenehm ist-, wenn sie Flecken beseitigen will, die bei gewöhnlicher Behandlung nicht weichen? Warum wird zur Reinigung des Körpers, der Wäsche, der Klei= dung usw. Seife verwendet, deren Verbrauch nach dem bekannten Worte des großen Chemikers Justus v. Liebig ein Maßstab für die Kultur eines Volkes ist? Warum bedient man sich der Soda beim Waschen, beim Reinigen des Küchengeschirrs, beim Scheuern der Fußböden usw.? Die praktisch erfahrene Hausfrau ist mit der Antwort rasch bei der Hand, die Frage scheint ihr geradezu überflüssig: Weil Seife, Soda und Salmiakgeist den Schmutz besser lösen. Aber nicht jeder Hausfrau genügt diese Antwort, die ihr von der täglichen Erfahrung auf die Zunge gelegt wird. Die beim Schalten und Walten am häuslichen Herde denkende Hausfrau möchte wissen, weshalb gerade die genannten Reinigungsmittel den Schmutz beffer lösen. Die Chemie die Wissenschaft von den stofflichen Eigenschaften und Veränderungen der Körper gibt die Antwort darauf. Seife, Soda, Salmiakgeist enthalten Alfalien, und diese haben die Eigenschaft, Fette und Ole zu zerfeßen und im Waffer löslich zu machen. Zur Speisebereitung werden alkalische Stoffe viel feltener als zur Reinigung verwendet. Die Hausfrau fügt wohl beim Kochen grüner Gemüse, wie Bohnen, Kraut usw. ein winziges Stückchen Soda hinzu, das durch seinen Alfaligehalt, feine Laugenhaftigkeit befferes Garwerden bewirkt und gleichzeitig die Farbe bindet und erhält. Die" Baugen" oder Fastenbretzeln verdanken ihren angenehmen, scharfen Geschmack einer Lösung von Soda oder Pottasche, in die sie vor dem Backen gelegt werden. Nr. 11 Solche und ähnliche Fragen wie die obigen, die vielleicht aus dem Kreise der Leserinnen aufgeworfen werden, sollen an dieser Stelle ihre Erörterung und Beantwortung finden. Unsere Leserinnen sollen dadurch veranlaßt werden, auf alle Erscheinungen wohl zu achten, sie mit den hier mitgeteilten Tatsachen in Beziehung zu sehen, darüber nachzudenken und sie auf bereits be= fannte allgemeinere Gesichtspunkte zurückzuführen. Das hat auch seinen praktischen Nußen für die Wirtschaftsführung. In einer Zeit wachsender Teuerung aller Lebensmittel sind die ökonomischen Vorteile nicht zu unterschäßen, die der wissende, denkende Mensch vor dem Unwissenden voraus hat, der nicht bedenkt, was er vollbringt". Ein Beispiel möge zeigen, wie naturwissenschaftliches Verständnis von praktischem Werte sein kann. Allerdings in unserem Falle in erheblichem Maße nur dann, wenn eine leicht regulierbare Heizung wie Gas oder Petroleum zur Verfügung steht. Wer eine Suppe kochen will, stellt, wie bekannt, Fleischleider manchmal auch nur Knochen- in faltem Wasser auf das Feuer. Wer mit Gas focht, pflegt die Flamme möglichst groß zu machen, um das Wasser rasch zum Kochen zu bringen. Bald stellt sich das bekannte„ Singen" des Wassers ein, das von Dampfblasen herrührt, die kurz nach ihrem Entstehen am Boden des Gefäßes wieder vergehen. Es dauert nicht lange, und die Suppe wallt und siedet. Würden wir den Verlauf des Vorganges mit dem Thermometer kontrolliert haben, so hätten wir folgendes beobachtet: die Temperatur der Flüssigkeit ist von etwa 10 Grad auf 100 Grad Celsius gestiegen und bleibt dann bei 100 Grad stehen. Und es würde in einem offenen Topfe die meisten Leserinnen werden ja den geschlossenen Papinschen" Kochtopf wohl höchstens dem Namen nach kennen feine noch so starke Heizung imstande sein, die Temperatur der Suppe höher zu treiben, solange wie überhaupt noch eine nennenswerte Menge davon vorhanden ist. Da uns nur an unserer Suppe liegt, so fümmert uns im Augenblick nicht, was passieren würde, wenn sie vollständig einkochte. Ich meine natürlich am Thermometer, denn was mit der Suppe ge= schähe, wissen die Leserinnen ja viel besser als ich. Doch zurück zur Sache. Es ist eine reine Verschwendung von Heizmaterial, wenn man nach dem Eintreten des Siedens die Flamme so groß als möglich weiterbrennen läßt. Auch bei kleingedrehter Flamme kann das Gericht im Sieden erhalten werden. Die Gasherde haben für diesen Zweck vielfach eine besondere Vorrichtung: man kann den Gashahn in der für das Öffnen vorgeschriebenen Richtung weiter drehen, bis ein Widerstand sich bemerkbar macht. Dann brennt nur eine bescheidene Flamme mit geringem Gasverbrauch, das Sieden erfolgt weiter, und zwar mit bedeutend geringerem Verdampfen der Flüssigkeit. Das hat noch den Vorteil, daß die Hausfrau zum guten Teil der Arbeit des Nachsehens enthoben wird, ob noch genug Flüssigkeit vorhanden ist. Sie muß dagegen darauf achten, daß die Flamme nicht durchschlägt, wie man sagt. Dieses Durchschlagen kann durch eine plötzliche Bewegung der Luft, etwa durch rasches Öffnen und Schließen der Küchentüre, bewirkt werden. Es besteht darin, daß die Flamme nicht mehr nach der Absicht des genialen Chemikers Bunsen an der Stelle brennt, wo die Mischung von Gas mit atmosphärischer Luft dem Brenner entströmt. Sie zieht sich vielmehr an den Punkt zurück, wo die Luft gerade zu dem Gas hinzutritt, das aus einer feinen Offnung ausströmt. Hierdurch wird nicht nur die Heizung unterbrochen und der Zutrittshahn so start erhitzt, daß die ahnungslos zugreifende Hand es sehr schmerzlich empfindet, es erfolgt auch eine unvollkommene Verbrennung des Gases, die die Luft mit ihren giftigen Produkten erfüllt. Infolge ihrer geringen Menge wirken diese zwar nicht ohne weiteres lebensgefährlich, aber machen sich doch unangenehm bemerkbar. Das Zurüdschlagen verrät sich übrigens durch einen auffallenden Geruch, wie er als Folge der gleichen Erscheinung vom Auerbrenner her bekannt ist. Die Hausfrau, die nicht vergißt, daß die Temperatur im offenen Topfe nicht über 100 Grad Celsius steigen kann und daß siedende Suppe usw. auch bei kleinem Feuer weiterfocht, ist übrigens auch imstande, bei Kohlen- und Holzfeuer mit Heizmaterial zu sparen. Sobald das Sieden eintritt, muß sie darauf achten, daß der Zutritt von Luft zum Feuer geringer ist. An manchen Herden und Ofen gibt es besondere Einrichtungen dafür: Klappen, Schieber usw. Überall aber ist es der Hausfrau möglich, das eine zu tun: Asche über die Glut zu schütten, dadurch den Zutritt der Luft zu vermindern und ein langsameres, schwächeres Brennen zu bewirken. Ich möchte zur Frage der kleinen Ersparnis auch zu bedenken geben, daß es bis zur Stunde noch nicht in ausreichendem Maße gelungen ist, aus den Verbrennungsprodukten etwa das Heizgas oder das Urmaterial, die Kohlen, wiederzugewinnen. Die Kohlenlager müssen mit jedem Tage stärker ausgebeutet werden, Nr. 11 Für unsere Mütter und Hausfrauen fo daß man schon von einem Raubbau gesprochen hat. Schließlich sollten wir auch nicht vergessen, daß Mutter Natur sich die für unsere gesamte moderne Kultur unentbehrliche Kohle nicht ohne große Gefahren und schreckliche Opfer abringen läßt, mögen fie in Frankreich, in Deutschland oder auch in einem fremden Erdteil fallen. Wir sollten mit dem so schwer erworbenen Material recht sparsam sein. Dr. J. H. Winke für die Behandlung der Wäsche. Wohl die meisten Hausfrauen wissen, daß weiches, gutes Wasser eine Vorbedingung für die Erzielung schöner, schneeweißer Wäsche ist. Weniger ist es bekannt, daß man durch die Verwendung solchen Waffers an Seife spart und die Wäsche selbst schont. Hartes Wasser ist reich an Kalk, der sich mit einem großen Teile der Fettsäuren berbindet, die in den Seifen enthalten sind. Es bildet sich fettfaurer Kalk, wodurch die Seife recht erheblich an reinigender Kraft berliert. Der fettsaure Salt ist unlöslich und setzt sich als ein flodiges Gerinnfel zwischen den Stoffasern fest. Dadurch bekommt die Wäsche nicht nur den häßlichen grauen Ton, sondern wird auch hart und zermürbt schnell. Wer auf Schönheit und Haltbarfeit seiner Wäsche bedacht ist, der muß daher für weiches Wasser sorgen. Reines Regen- und Schneewasser ist das beste Waschwasser, woher es aber nehmen? Mit geringer Mühe kann man auch das härteste Wasser in gutes Waschwasser verwandeln. Zunächst muß natürlich festgestellt werden, ob das Wasser so hart ist, daß es zum Waschen nicht taugt. Zum Zwecke der Prüfung rührt man ein wenig geschabte Seife in das Wasser. Entsteht ein weißes Gerinnsel, so enthält das Wasser viel Salt und muß weich gemacht werden. Es ist nicht empfehlenswert, daß man zu diesem Zwede dem Seifenwasser einfach Soda oder Borar zusetzt, wie dies recht oft dort geschieht, wo man nur hartes Wasser hat. Die Enthärtung ist dann unvollständig. Man sollte vielmehr wie folgt verfahren. Für je 10 Liter Wasser löst man je nach seiner Härte 10 bis 20 Gramm Soda in warmem Wasser auf. Diese Lösung rührt man unter das kalte Wasser. Sie verwandelt die Kalfsalze in, kohlensauren Kalk, der zu Boden sinkt und hier einen Satz bildet. Ist dieser Bodensatz da, so schöpft man das Wasser behutsam ab, das es nun an Weichheit mit dem Regenwasser aufnimmt. Die beste Waschseife ist und bleibt trotz aller Reklame für Waschpulver usw. wirklich gute Kerntalgieife. Sie reinigt gut und greift die Wäsche am wenigsten an. Der Mangel an Zeit, Kraft und andere Umstände noch veranlassen aber heute viele Hausfrauen, und zumal auch Wäscherinnen von Beruf, sich der angepriesenen Waschpulver, Zusätze oder Wunderseifen zu bedienen. Diese enthalten alle mehr oder weniger scharfe, beizende Bestandteile, am häufigsten Chlor oder Chlorpräparate. Ihr ungünstiger Einfluß auf die Haltbarkeit der Wäsche kann dadurch herabgemindert werden, daß man peinlich auf eine vollständige Lösung im Wasser achtet. Kein Kümpchen, Flöckchen usw. des Zusatzes dürfte darin enthalten sein. Wichtig ist des weiteren ein mehrmaliges gründliches Spülen der Wäsche mit reinem, weichem Wasser. Je vollkommener dadurch jede Spur von Seife, Bujak usw. entfernt wird, um so weißere Wäsche erhält man und um so mehr schont man diese, davon nicht zu reden, daß sorgfältiges Spülen auch vor unangenehmem Geruch nach den Waschmitteln schützt. Feuilleton Erwartung. Er naht sich nicht! Vergeblich ist mein Harren. Des wilden Kranichs Schrei dringt an mein Ohr, Die Nacht ist schwarz und öde, und mit Knarren Bewegt im Sturmgebrause sich das Tor. So muß ich stehn und trauern, Dieweil in kalten Schauern Der Schnee mich rings umfliegt Und feucht in weißen flocken An mein Gewand sich schmiegt. Schon ist's zu spät! Er kann sich nicht mehr zeigen, Und dennoch hoff' ich sicher, ihn zu sehn Ein solch Vertraun ist auch dem Schiffer eigen, Wenn wild ringsum die Codesstürme wehn. und kann ich nicht im Wachen Jhn kosen, mit ihm lachen. So fei's ein Traumgesicht, Das mir mit füßem Truge Den Bann der Trennung bricht. Manyofhu( Japan). Unter den Häuslern der Berge. Bon M. Andersen Nerö. 43 ( Fortsetzung.) Nun aber wollten wir ja zu Fuß wandern, und da war ein Paß unumgänglich notwendig, das sagten uns alle, auch der Konsul in einer der Hafenstädte. Er selbst aber durfte keinen Baß ausstellen. Ich schrieb also heim an einen Freund, und er ging ins Baßkontor und erhielt die weise Antwort, ich müsse selbst heimkommen und mich der hohen Obrigkeit vorstellen. Alles in allem genommen ist doch die Obrigkeit recht überflüssig wie alles, was von Gott kommt. Ich ging an Bord eines dänischen Schiffes, das im Hafen zu Cadiz lag, und entlich von dem Kapitän einen russischen Ausflarierungsschein. Darauf stand zu lesen, daß ich eine Barke sei, 530 Tonnen Ladung führe,„ Marianne" heiße und ballastet von Riga nach San Fernando um Salz gehe. So oft wir einem Gendarm begegnen, knöpfe ich von weitem die Weste auf, und da sie selbst keine Miene machen, unsere Papiere zu verlangen, nötige ich ihnen den Ausflarierungsschein auf. Da bewegen sie die Lippen, als ob sie die russischen Krähenfüße läsen, und reichen uns das Papier mit einem beschützenden Nicken zurück; und das macht uns jedesmal viel Spaß. Es ist Nachmittag geworden. Wir sind wohl die Hälfte des Weges gegangen und steigen von den Bergen hinab an den Saum der Vega, um den Rest des Weges nach Granada mit der Bahn zu machen. Auf der Station begegnen wir einem Bekannten aus Sevilla, Don Louis, einem der Führer der südspanischen revolutionären Partei. Der schöne, aber allzu seignierte Mann, der von Gold, Diamanten und Wohlgepflegtheit strahlt, will zu den Armen der Berge, um für den Gesellschaftsumsturz zu agitieren; und er schlägt uns vor, bis zu dem Dorfe X., wo ein Ableger der Föderation gebildet werden soll, mitzufahren. Bei der Station hält ein zweirädriger Karren, um ihn zu holen, und wir rumpeln wieder die Berge hinan, gezogen von einem ana tomischen Skelett, das nach der Behauptung des Kutschers ein Maultier sein soll. Ein wenig später bestätigt das Tier dies selbst durch einen Kolleranfall; es bleibt mitten auf einem steilen Anstieg stehen, geht zurück und versucht uns in den Abgrund zu stürzen. Wir retten uns und das Tier, indem wir uns aus dem Wagen werfen und die Räder festhalten. Es hat den Anschein, als seien die Bergbewohner an diese Art Unterbrechung gewohnt, denn schon im nächsten Augenblick sigen der Kutscher und seine Begleiter wieder auf dem Vorderbrett und bitten uns einzusteigen. Kurz vor dem Dorfe nehmen zwei Häusler uns in Empfang. Es sind ausgeprägt andalusische Gebirgsbauern, mager und glattrasiert, leichtfüßig, mit breitkrempigem Hute, Schärpe und Rebschuhen. Der ältere heißt Pedro R. und ist Vorstand der Erdarbeiterorganisation des Dorfes; er ist 55 Jahre alt, hoch und kräftig und hat ein großes Antlig mit unveränderlich ruhigen Zügen er erinnert an einen Westjüten. Der andere, Alfonso M., ist Leiter des revolutionären Agitationskomitees. Er ist 26 Jahre alt, schmächtig, läuft mehr als er geht und hat ein kindliches Insulanergesicht mit schwärmerischen Augen. Die etwas eingefallenen Schläfen und Badenknochen deuten auf Fanatismus, und Don Louis flüstert mir zu, er sei ein fanatischer Anarchist. Es ist noch ein Dritter da, ein lächelnder Greis, dessen Körper infolge harter Arbeit oder Not von den Hüften an wagrecht vornüber gekrümmt ist. Aber auch er ist gut zu Fuß und folgt uns den ganzen Nachmittag in den Bergen umher, während er wie ein großes Kind alles, was gesprochen wird, lächelnd wiederholt. Er ist kindisch geworden, aber die anderen nehmen viel Rücksicht auf ihn. Bei inserer Ankunft guckt er auf den Wagenboden und sieht uns fragend der Reihe nach an. Und die Mausergewehre?" sagte er. " Don Louis lacht:„ Weißt du, daß ihr heute vor dreißig Jahren die Republik proklamiertet, José?" Der Alte nickt vor sich hin:„ Sollte ich das etwa vergessen, wo ich selbst einer der Hauptführer hier in den Bergen war?" " Jawohl," sagt Alfonso, der Anarchist, und tut lächelnd einen Sprung, und dazu beinahe einer von den Hauptlosen geworden wärst wendet er sich erklärend an uns. Sie hatten ihn mit ein paar anderen an die Felswand gestellt, um ihn zu erschießen, und er entkam nur durch einen Zwischenfall." „ Ja, so war's- ich entfam und lief Jahr und Tag im Gebirge umher, ohne unter Dach zu schlafen, bis die Amnestie kam. Das hat sich mun hierhergelegt." Er legt die Hand an die Lende. „ Na, und habt ihr etwa die Sache dadurch ins Werk gesetzt, daß ihr bei hellichtem Tage mit einem Wagen voll Mausergewehren umherfuhrt?" fragte Don Louis blinzelnd. „ Das taten wir natürlich nicht; so dumm waren wir nicht," erwiderte der Alte beleidigt. 44 Für unsere Mütter und Hausfrauen also Geduld!" „ Aber auch wir sind es nicht. " Ja, gewiß, Don Louis, Geduld wenn man mur nicht achtzig wäre! Denn eines schönen Tags, da." Er bewegt die Hände, als seien sie ein Körper, der den Berg hinab Purzelbäume schlägt und auf dem Friedhof tief unten endet. Diese Häusler tragen das Gepräge des Erdreichs wie unsere eigenen dessen Ruhe, dessen Solidität. Aber nicht dessen Schwere; sie klebt nicht an ihren Fußsohlen. Wie sie da gehen und mit dem Akademiker Don Louis die Zustände des Landes erörtern, besteht zwischen ihnen und ihm nur ein äußerlicher Unterschied; sie sind ebenso frei, sprechen dieselbe reine bilderreiche Sprache, ohne Dialekt und ohne nach Ausdrücken zu suchen. Und uns die Fremden umgeben sie vom ersten Augenblick an mit einem Wohlwollen, einer verfeinerten Rücksicht, die viele Generationen ererbten Adels voraussetzen könnte. Sie führen das Gespräch auf unser Gebiet, damit wir uns nicht langweilen, pflücken meiner Frau Blumen, suchen die besten Wegstellen für uns aus. Sie behaupten, wir müßten unbedingt etwas zu uns nehmen, ehe wir zum Dorfe kämen, und einer von ihnen muß vorauslaufen und es uns bringen; wir wechseln untereinander ein paar Worte, wie schön ein blühender Mandelbaum sich gegen den blauen Himmel zeichnet, und Alfonso klettert hinauf und holt uns einen Zweig. Das Dorf X. hängt mitten auf der Südseite des Berges. Es besteht aus Hütten, die an die Berglehne geklebt scheinen, hat 25000 Einwohner, fünf Priester und feinen Schullehrer. Wie die meisten größeren andalusischen Dörfer hat es elektrisches Licht, das durch Wasserkraft erzeugt wird. Dieser Fortschrittt ist ein Kind des allzugroßen Rüdganges, denn ein Liter Petroleum kostet infolge des ungeheuren Zolls auf alle Bedürfnisartikel einen Frank viermal soviel wie bei uns daheim. Aber die Elektrizität ist nicht bis in die Häuser gedrungen. Hier sitt man immer noch und tappt umher nach dem Schein eines Öldochtes, der mühsam mit Feuerstahl und Zunder angezündet wird weil der Staat fünf Millionen jährliche Steuern allein von Zündhölzchen erheben will. Ganz eigentümlich wirkt es, einen Menschen eine ganze Viertelstunde stehen und den Feuerstahl auf den Flintstein hämmern zu sehen, um seine Zigarette anzuzünden, direkt unter der selbstzündenden Glühlampe. Es gibt keinen Bürgerstand in dieser Stadt, die doch an Einwohnerzahl unseren größeren Provinzstädten gleichkommt; die ganze Bevölkerung lebt von der Erde, die große Mehrzahl als Tagelöhner. Aber es gibt hier einen Stand, der sonst in Andalusien nicht anzutreffen ist bodenbesitzende Häusler. Mit dreien von ihnen haben wir schon Bekanntschaft gemacht, und oben im Dorfe erwarten uns noch andere und begleiten uns zur Schenke, wo für uns aufgetischt ist: Schweinefleisch und Tomaten, Spiegeleier mit Speckwürsten dazu. Während wir speisen, unterhalten uns die Häusler. Einer von ihnen erzählt, wie es ihm erging, ehe er seinen eigenen Boden hatte. Er arbeitete für einen großen Pachtbauern unten in der Vega und erhielt einen halben Franken Tageslohn, mit dem er sein Weib und sechs Kinder ernähren sollte. Nach Feierabend ging er täglich die anderthalb Meilen nach Granada und bettelte an einer Straßenecke bis Mitternacht: hierdurch verdiente er wieder einen halben Franken, und dies reichte einigermaßen zum Unterhalt der Familie. Aber für Schlaf blieb nicht viel Zeit übrig, und der allnächtliche dreimeilenlange Weg legte sich in die Beine. Und eines Abends war sein Platz von einem anderen Bettler eingenommen, der der Kälte wegen eine Decke um den Kopf gewickelt hatte. Er geriet in solche Wut, daß er auf den Mann losfuhr und ihm die Decke vom Stopfe riß; aber da war es sein eigener Brotherr, der von dem halben Franken gehört und ihm denselben wegschnappen wollte. Er ging nicht mehr hin, um seinem Dienstherrn nicht in den Weg zu kommen, aber seinen Abschied erhielt er dennoch. „ Das sind jene Dinge, die die Leute zu Revolutionären machen," sagt Don Louis heftig, mit seiner weißen, ringgeschmückten Hand gestikulierend.„ Ich war vorige Woche in Madrid; welcher Reichtum ist da in einzelnen Händen aufgehäuft, und welch' grenzenlose Armut dagegen bei den großen Massen! Die Gesellschaft muß zusammen brechen unter all dem himmelschreienden Unrecht jawohl, wir haben bald die Revolution." Er blickt überzeugend von dem einen zum anderen, und sie nicken düster und vertrauensvoll sie muß bald kommen! Dann geht ein helles Erinnerungslächeln über sein Gesicht.„ Es war allerdings eine teure Tour," sagt er und sieht sich mit tindischer Wichtigkeit um, sie hat mich über 5000 Franken gefoſtet bloß auf eine Woche, und ich war keine Nacht zu Bette. Ich spüre es noch immer in den Gliedern." Und er gähnt übermäßig wie ein prahlender Konfirmand. ,, 5000 Franken!" wiederholen sie bewundernd unter sich, während er mit einem bescheidenen Lächeln den Kopf neigt. Soviel Geld Nr. 11 habe ich nie auf einmal gesehen!" sagt einer, und sie lachen und schütteln den Kopf ob solcher Verschwendung. Die Mahlzeit ist vorüber. Don Louis schenkt ein Glas Wein ein und reicht es zusammen mit einer Scheibe Speckwurst einem der Männer; dieser trinkt ein wenig von dem Glase, worauf es wieder vollgeschenkt wird und mit einer neuen Wurstscheibe zu dem nächsten geht. Auch dieser nippt ein wenig, es wird wieder vollgeschenkt und geht so weiter durch die ganze Runde, bis es zu Don Louis zurückkehrt, der diesen Kelch leert, ohne mit den Augen zu zwinkern. Ich fasse mir ein Herz und tue desgleichen. Als aber das Glas mit seinem wenig appetitlichen Inhalt zurückfommt, läßt der letzte es in auserlesener Galanterie nicht zu mir, sondern zu meiner Frau gehen. Sie sendet mir einen flehenden Blick zu, aber das Resultat des ganzen Ausflugs hängt ja davon ab, ob sie der Situation in diesem Augenblick gewachsen ist, und ich sehe unerbittlich drein. Da leert sie den Becher und macht sich dann draußen zu schaffen. Nichts fann berechtigter sein als der Stolz, mit dem die Häusler uns in die Berge führten und uns zeigten, was sie geleistet hatten. Vor zwanzig Jahren verkauften die Erben eines Gutsbesizers die nackten Berglehnen und behielten bloß die fruchtbare Vega unten in den Niederungen. Die Kommune kaufte die Felsen und parzellierte sie in kleine Areale, die gegen einen geringen jährlichen Abzug den Armen des Dorfes überlassen wurden. Viele meldeten sich um der seltenen Freude willen, sich als Grundbesiger zu fühlen, und gaben es wieder auf. Einige Hunderte aber, die es ernster nahmen, begannen an den Felslehnen zu arbeiten. Überall, wo sich nur ein wenig Erde gebildet hatte, pflanzten sie: sie sprengten die Oberfläche der Felsen, zerschlugen sie mit Hämmern und mischten sie mit den Andeutungen von Erdreich, die Moose und Unterholz im Laufe der Zeiten abelagert hatten. Oder sie sammelten mit Hilfe von Dämmungen die verwitterten Stoffe, die das Regenwasser von den steilen Felsen herabspülte, und mischten sie mit Erde, die sie auf Eselsrücken von weither holten. Nun schwebt hier, 5000 Fuß über dem Meere, Feld an Feld, von scharfen, blauroten Felsen eingerahmt; halbwüchsige Feigen-, Oliven- und Mandelbäume flecken den Verg mit Laub und Blüten und scheinen an vielen Stellen aus dem Felsen selbst ihre Nahrung zu saugen. ,, Soviel kostet es heute noch, besigender Häusler in Spanien zu werden," sagt Don Louis.„ Aber wenn unsere Partei erst siegt, wird es anders werden, dann führen wir ein Gesetz ein, das alle diejenigen, die den Boden bearbeiten, zu dessen wirklichen Eigentümern macht. Wahrhaftig, augenblicklich haben meine Bächter es meit besser als ihr." Wir erfahren, daß er von seinem Vater ein großes Landgut bei Murcia geerbt hat und nun von seinen Pächtern größere Abgaben verlangt, da die früheren zu gering waren. Dieser Umstand scheint jedoch der Festigkeit seiner Theorien keinen Abbruch zu tun, noch diese überhaupt in irgend einer Weise zu berühren, ebensowenig wie das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und den anderen darunter leidet. Sie sind eben Andalusier. Ein deutlicher Unterschied besteht jedoch zwischen diesen Häuslern und den übrigen Dorfbewohnern. Sie sind das bewußt revolutionäre Element und halten zusammen. Die Vertraulichkeit, mit der sie untereinander verkehrten, und die langen, falten Blicke, die die übrigen Einwohner ihnen nachsandten, als sie gruppenweise die Straße hinabzogen, deuten darauf hin, daß sie eine eigene Kaste innerhalb der kleinen Gesellschaft bilden, daß man sie teils mit Mißgunst betrachtet, teils in dem Glauben, daß sie in ihren Berghöhlen Büchsen versteckt hielten Berghöhlen Büchsen versteckt hielten sich von ihnen zurückzog, um nicht in irgend welche Mißhelligkeiten verwickelt zu werden. Sie haben sogar eine Abendschule gebildet, wo ihre Kinder und heranwachsende junge Leute Lesen und Schreiben lernen können, während die anderen sich mit dem mündlichen Religionsunterricht der Geistlichen begnügen müssen; auch die meisten der Alteren haben lesen gelernt. Sie besigen einen Zeitungsklub, der anarchistische und sozialistische Blätter hält, haben sich mehr oder minder von der Kirche losgesagt, und einzelne unter ihnen, wie Alfonso M., liegen mit ihr in offenem Kriege. Dieser friedliche Mensch wird rasend, sobald er bloß an einen Geistlichen denkt; all das Unrecht, das die Priester durch die Darniederhaltung des spanischen Volles verübt, scheint sich auf den Grund seiner Seele geschlagen zu haben als ein Haß, der so start ist, daß er ihn fonsequent macht. Er sagt nicht den gewöhnlichen spanischen Gruß: Geh mit Gott!, sondern geh in Gesundheit! und wenn er dem Sakrament begegnet, so unterzieht er sich lieber einer Strafe, als daß er das Haupt entblößt. ( Schluß folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshobe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. 6. W. Dtes Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.