Mr unsere Mütter und hausstauen Nr. 1200000000 Beilage zur Gleichheit 0O00000O 1913 Inhaltsverzeichnis: Über die Entwicklung des sozialen Sinnes bei Kindern: 11. Von Fritz Elsner.— Für die Hausfrau.— Feuilleton: Unter den Häuslern der Berge. Bon M. Andersen Nexö.(Schluß.) Lieber die Entwicklung des sozialen Sinnes bei Kindern. Die unbewußte Nachahmung erkannten wir als die Voraus- setzung, um Sympathiegefühle zu erleben. Sie ist aber auch zugleich das wichtigste Mittel zur Eingewöhnung in die Umgebung. In den drei ersten Lebensjahren ist das Kind ganz überwiegend rezeptiv, das heißt aufnehmend. Man hat berechnet, daß von der gesamten Aktivität des einjährigen Kindes 70 Prozent auf unbewußte Nach- ahmung entfallen, 30 Prozent beim vierjährigen, nur noch 8 Prozent beim achtjährigen Kinde. Man beobachte nur, wie häufig selbst Er- wachse»« noch in Worten und Bewegungen der unwillkürlichen Nach- ahmung im Verkehr unterliegen I So lenkt die Umgebung die ge- samte Tätigkeit des Kindes und seine Vorstellungen in eine bestimmte Richtung.„Die Vererbung gibt die Möglichkeiten, die Umgebung deren Verwirklichung ab." Die Umgebung lenkt also, auch ohne planmäßig das Kind erziehen zu wollen, dessen Ge- dankenwelt und Handlungsweise in ihre Bahn. Diese Neigung zur Nachahmung verrät ein großes Anlehnungs- bedürfnis und eine weitgehende Anpassungsfähigkeit des kindlichen Willens. Nicht als ob das Kind keine starken Willens- antriebe hätte, aber sein Mangel an Erfahrung bringt eS in Ab- hängigkeit von dem umsichtigeren und erfolgreicheren Wollen des Erwachsenen. Daraus erklärt sich das Übergewicht von Vertrauen und Gehorsam über selbständiges Denken und freiheitliche Neigungen im Alter von 4 bis 12 Jahren. Nachahmend eignet sich das Kind die Sprache der Erwach- senen an. Der angeborene sprachschöpferische Trieb wird fast ganz zugunsten der„Muttersprache unterdrückt und kann sich nur in vereinzelten sclbstgcprägten Ausdrücken für stark begehrte Gegen- stände äußern— etwa die Milchflasche oder ein Spielzeug. Da- bei hilft oft genug noch die Umgebung nach, indem sie unwillkür- liche Wortbildungen des Kindes ihrerseits übernimmt. Erst wenn das Kind zu sprechen beginnt, also seit dem zweiten Lebensjahr, nimmt es innigeren Anteil am Gemeinschaftsleben seiner Um- gebung. Durch die Sprache übernimmt es nicht nur die Bezeich- nungen der Dinge, sondern auch deren Beziehungen zueinander und ihre Wertbeurteilung von der sozialen Gemeinschaft, in der es lebt. Dichter und Sprachgcwaltige haben betont, daß die Sprache oft genug geradezu für sie denke. In die Aufgabe, das Kind in die soziale Gemeinschaft hinein- zuführen, teilt sich mit der Sprache das Spiel. Seine große pädagogische Bedeutung ist zuerst von Friedrich Fröbel(1782 bis 18S2) voll gewürdigt worden, dem Begründer der Kindergärten, der freilich in Nordamerika und Italien mehr als bei unZ Schule gemacht hat. Wir wiesen einleitend auf den Spieltrieb der Tiere hin. Wir können hier die Frage beiseite lassen, ob wir im Spiel eine bloße Betätigung überschüssiger Kräfte zu sehen haben oder ob seine große Nützlichkeit für die Ausbildung der Jungen zum Daseinskampf die Züchtung jene? Triebes zur Folge hatte. In der Entwicklung des kindlichen Seelenlebens hat daS Spiel zunächst folgende große Aufgaben zu erfüllen: Es ermöglicht dem Kinde in einer seiner körperlichen und geistigen Reife angemesse- nen Weis« die Teilnahme an der realen Welt, und eS gestattet ihm die Bildung kindlicher Ideale. Nehmen wir, um das deutlich zu machen, die Puppe, diese» verbreitetste Spielzeug der Mädchen. Da» Kind ahmt an der Puppe alle die Handlungen nach, die mit ihm selbst vorgenommen werden, eS reproduziert also mittels diese» Gegenstandes den Umkreis seiner täglichen Erlebnisse und auch Aufgaben. Dabei nimmt das Kind der Puppe gegenüber ge- wohnlich die Stelle des Erzieher» ein, stattet sich selbst mit dessen Pflichten und Rechten ans und lohnt und straft sein Puppenkind nach den Grundsätzen seiner Umgebung. Die Puppe wird ein Gegenstand sittlicher Erziehung; die sozialen Grundsätze der Fa- miliengcmeinschaft werden bei vertauschten Rollen versinnbildlicht. Oft kann man dabei beobachten, wie unter der gestaltenden Phantasie de» Kindes die Puppe ein Wesen mit ganz bestimmten Eigenschaften wird, dem sittlichen Ideal des Kindes entsprechend. Wer den Charakter des Kindes kennen lernen will, beobachte es beim Puppenspiel! Wie stark der Mensch gesellig veranlagt ist, zeigt die seltsame Erscheinung der Bildung von Phantasiegespielen, die man nament- lich bei Kindern ohne Geschwister oder sonstige Gefährten be- obachtet. Ein amerikanischer Erzieher erzählt von einem durch- aus normalen Mädchen seiner Bekanntschaft:„Als Katharina etwa drei Jahre alt war, verlebte ein etwas älteres Mädchen namens Marie einige Tage in dem Hause meines Freundes. Nach Maries Abreise plauderte und spielte Katharina beinahe beständig mit der.kleinen Freundin Mowie'— Mowie war wahrscheinlich ein verdorbenes.Marie'. Mowie spielte eine doppelte Rolle— die einer Spielgefährtin und die einer äußeren Darstellung oder Idealisierung von Katharinas eigenem Selbst. Sie war in ihren Lebensbedingungen vollkommen gleich mit Katharina, hatte die- selben Familienbeziehungen, dasselbe Spielzeug, dieselben Ver- gnügungen, nur nach der ethischen Seite hin wich sie sehr bedeu- tend von ihrer Schöpferin ab. Der Vater ist der Ansicht, daß Mowie Katharinas ethisches Ideal darstellte, dem sie nach ihren schwachen Kräften nachstrebte. Wenn Katharina übermütig und ungehorsam war, folgte Mowie ihrer Mama und beging keine Ungezogenheiten. Wenn man Katharina zur Artigkeit ermahnte, zeigte sie ihre Bereitwilligkeit, indem sie sagte, Mowie tue dies oder das, wie es sich gehörte---- Die zweite Rolle, die Mowie zu vertreten hatte, war die einer Spielgefährtin. Da Katharina ein- ziges Kind war, machte eS ihr das größte Vergnügen, mit Mowie zu spielen, mit ihr zu plaudern, sie hin und her zu schicken und mit ihr zu streiten. In dieser Eigenschaft als Kameradin erhielt Mowie auS zweiter Hand die Erziehung, die Katharinas Mutter ihrem Kinde zuteil werden ließ. Mowie war ein Phantasiegcbilde, das ernst genommen werden mußte, und unter keinen Umständen hätte Katharina ertragen, daß man sie verspottete." Über den Kreis des Hauses hinaus führen namentlich Knaben- spiele in das Leben und die Aufgaben der größeren sozialen Ge- meinschaften. Daß die Mädchen hier zurückstehen, hängt natürlich mit der allgemeinen Stellung der Frau in der heutigen Gesell- schaft zusammen, wie überhaupt in den Spielen der Kinder sich die sozialen Tendenzen der Erwachsenen spiegeln. Das Soldaten- spiel war gewiß in einer Zeit, die vor allem Landsknechtstugendcn vom Staatsbürger verlangte, ein gutes Mittel zur Erziehung sozialen Sinnes. Der Proletarier, der gegen Krieg und Milita- rismus kämpft, wird seine Kinder von solchem Spiel ablenken. Bis jetzt haben wir die eine Seite der Bedeutung des Spieles für die Entwicklung des sozialen Sinnes hervorgehoben. Die an- bete wichtige Wirkung liegt im Gemeinschaftsspiel, das im Alter von drei oder vier Jahren beginnt. Hat das Kind sonst nur mit überlegenen Erwachsenen zu tun, so wird es im Spiel gezwungen, sich mit Menschen der gleichen Altersstufe und der gleichen Rechte zum gemeinsamen Handeln zu einigen. Dadurch wird da» Spiel zu einer Vorschule sozialer Zwcckvcrbände. In den ersten drei Jahren spielen Kinder noch lieber allein als mit Altersgenossen. DaS Kind spielt mit zwei Jahren in 70 Prozent der Spiele allein, nur 13 Prozent der Spiele werden im dritten Jahre mit Gefährten geteilt. Das ursprüngliche egoistische Be- gehren nach alleinigem Recht verhindert in dieser Zeit das freie Zusammenschließen. Aber bereits im Alter von vier Jahren wer- den Spielgenossen vorgezogen, und mit zwölf Jahren machen die geselligen Spiele 90 Prozent aller Spiele aus.(Nach einer ameri- konischen Untersuchung.) Bei diesen gemeinsamen Spielen nun werden alle Seiten sozialen Sinnes ausgebildet, Kameradschaft- lichkeit und Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn und Achtung des(Spiel-) Gesetzes, Unterdrücken der eigenen Wünsche um des gemeinsamen Zweckes willen. Und in den Wahlen der Führer, der Festsetzung der Spielregeln, der Gerichthaltung über Gesetzesverächter treten uns primitive Formen der Organisation entgegen. Das Spiel ist, darauf sei hier noch hingewiesen, zugleich die Brücke zur sozialen Arbeit und kann es um so mehr sein, als Spielen für das Kind Arbeiten ist. Man beobachte nur, mit welcher Lust kleine Wichte sich zur Arbeit des Vaters oder der Mutter drängen, um spielend daran teilzunehmen. Die großkapi- talistische Entwicklung hat daS Kind von den arbeitenden Eltern getrennt und hat es so der natürlichsten Eingewöhnung in die soziale Arbeit beraubt, um an deren Stelle die ausbeuterische 46 Für unsere Mütter und Hausfrauen Kinderlohnarbeit zu feßen. Die Arbeitsschule der Zukunft ist be= rufen, das hier vorliegende Problem zu lösen: Kinderarbeit ohne Kinderausbeutung. Die Entwicklung des sozialen Sinnes kann nun durch eine Umgebung, die die bisher besprochenen Faktoren unvollkommen oder gar nicht darbietet oder die überhaupt antisozial gerichtet ist, verlangsamt, gehemmt, verfümmert werden. Es würde unendlich weit führen, hier im einzelnen solchen schädlichen Einflüffen nachgehen zu wollen. Wo soziale Grundsäße und Anschauungen fehlen, wo ein geradezu antisoziales Verhalten der Umgebung vorliegt wobei noch keineswegs an Verbrecherkreise gedacht zu werden braucht, wo Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Leben, egoistische Philiströsität und Eigenbrödelei herrschen, fann ein soziales Interesse der Kinder sich schwer entwickeln. Berschärft wird die schlechte Einwirkung einer derartigen Umwelt noch, wenn ein Mangel an Spielgelegenheiten und Spielgefährten hinzukommt. Aus diesen überlegungen ergeben sich die Forderungen, die proletarische Eltern um ihrer Kinder willen an sich selbst und an die Gesellschaft zu stellen haben. Aber auch rein körperliche Hemmungen spielen eine große Rolle. Dafür wollen wir ein besonders lehrreiches Beispiel anführen:„ Vor einigen Jahren wurde ein Bergmann in die Jrrenanstalt des Distriktes Ayshire geschickt. Vier Jahre früher war er durch Kohlenstücke, die ihm die Hirnschale beschädigt hatten, bewußtlos zu Boden geworfen worden. Vier Tage nach dem Vorfall blieb er besinnungslos, dann kam er allmählich wieder zu sich. Nach vier Wochen war er imftande, seine Arbeit aufzunehmen. Aber seine Frau bemerkte eine bedauerliche, immer weiter fortschreitende Veränderung in seinem ganzen Wesen. Früher war er stets fanftmütig, zuvorkommend, gesellig, stets gut und liebevoll gegen Frau und Kinder gewesen; jetzt wurde er reizbar, finster, tückisch, mißtrauisch, scheu gegen seine Arbeitsgenossen und ungeduldig in der Familie. Dieser traurige Zustand verschlimmerte sich in beunruhigender Weise.... Endlich wurde der Bergmann wirklich tobsüchtig, er versuchte die Seinigen zu töten, bekam eine Neihe epileptischer Anfälle und wurde als gefährlicher Wahnfinniger in die Anstalt gebracht.... An der Stelle, wo der Schädel verletzt worden war, befand sich eine ganz deutliche Senkung. Die gesunkene Stelle wurde nun herausgehoben. Von diesem Augenblick an machte sich eine auffallende Besserung in dem Wesen des Mannes bemerkbar. Nach und nach kehrte sein altes Jch zurück. Er knüpfte die ehemaligen Freundschaftsbeziehungen wieder an, fand die Zuneigung seiner Frau wieder und wurde schließlich wieder völlig gesund." Hier sieht man also, wie eine förperliche Veränderung das seelische Gesamtverhalten des Menschen verschieben fanu. Daß die Neigung zu Verbrechen, also antifozialen Handlungen, angeboren, in vielen Fällen erblich ist und aufs engste mit der Beschaffenheit des Gehirnes zusammenhängt, ist kaum zu be zweifeln. Gerade Kinder von Geisteskranken neigen zu verbrecherischen Handlungen. Aber noch mehr: Wodurch bekommen sittliche Urteile ihren eigentlichen Wert? Doch wohl dadurch, daß fie mit fräftigen Ge fühlen der Luft oder Unlust verbunden sind. Ohne das können sie nicht auf unser Handeln wirken und bleiben tot. Um aber Lustund Unluftgefühle sittlicher Art zu empfinden, bedarf es gewisser Vorbedingungen. Nehmen wir an, jemand wird körperlich mißhandelt. Ein Zuschauer, der durch Anpassung an seine Umgebung gelernt hat, solche Handlungen zu verdammen, vermag dann wohl mit dem Verstand diese Tat zu verurteilen. Aber nur, wenn er imstande ist, aus eigener Erfahrung förperliche Schmerzen nachzufühlen, sich in den Mißhandelten einzufühlen", wird sein Mitleid echt sein und ihn zum Eingreifen drängen. Und es ist ganz ficher, daß diese Fähigkeit, körperliche Gefühle sich borzustellen, manchen Menschen abgeht. Ihre Mitleidsfähigfeit ist von Natur gehemmt. Wenn man zum Beispiel bei Lombroso( Der Verbrecher") liest, daß ein kleines Mädchen größte Freude daran empfand, Kaninchen den Bauch aufzuschlitzen und ihnen die Augen auszustechen, wenn dieses Kind im Alter von 12 Jahren ein anderes Kind eines Paares Ohrringe halber aus dem Fenster stürzte und an der Leiche keine Spur von Neue zeigte, so liegt hier ganz offenbar eine unnormale Veranlagung vor. Die Reproduktion förperlicher Gefühle ist wenig oder gar nicht vorhanden, mag das Kind sonst geistig normal sein, wie es dieses Mädchen tatsächlich war. Um von den einzelnen sozialen Gefühlsempfindungen beim einzelnen Falle zu allgemeinen Sätzen und Regeln.Du sollst nicht töten" oder„ Beute deine Mitmenschen nicht aus" zu ge= langen, bedarf es einer bedeutenden Abstraktionstraft, die wiederum nicht jedem gegeben ist. Ein höheres soziales Nr. 12 oft Bewußtsein ist ohne eine gewiffe Höhe der Verstandeskraft undenkbar. Dadurch unterscheiden sich die nach Grundsäßen handelnden Menschen von den naiven und denen, die nur ihren trügenden Empfindungen und Gefühlen folgen. Gewiß, diese Gefühle sind die Grundlage der fittlichen Grundsäße und geben ihnen erst ihren Inhalt und Wert. Aber wie wir in allem Organisierten einen Fortschritt gegenüber der Anarchie sehen, so ist uns auch der mit Bewußtsein gut Handelnde ein höherer Typus Mensch als der mit dem sogenannten„ guten" Herzen. Der Vers der Bergpredigt, daß die selig seien, die da geistig arm sind, ist auch unter diesem Gesichtspunkt der Ausdruck mangelnder Kultur. Wie nun hinsichtlich der Objekte( Gegenstände) der Umwelt das Kind zunächst das Einzelne auffaßt und erst nach und nach durch Beobachtung der Gemeinsamkeiten von Dingen derselben Art zum Begriff der Dinge Stuhl"," Mensch"," Blume" aufsteigt, so ist auch im sozialen Verhalten von dem gefühlsmäßigen Urteilen und Handeln zum Urteilen und Handeln aus festen Wertbegriffen und Grundsäßen aufzusteigen. Friz Elsner. Für die Hausfrau. Reformkleid für schulentlassene Mädchen. Die einfache Schnittübersicht zeigt die leichte Herstellung dieses netten Kleides. Zur Bluse gehören 1 Meter doppelbreiter leichter Stoff. Die Armel werden von der Mode für die kommende Saison wieder meist lang vorgeschrieben; sie sind leicht gereiht und schließen vorn mit Stulpen von dem Stoffe des Reformkleides. Die Bluse soll sich von diesem möglichst abheben. Wenn es zum Beispiel aus marineblauem Tuch oder Cheviot angefertigt wird, so kann die Bluse aus einem leichten Stoffe sein, dessen Grundfarbe ein passendes hübsches Not ist, gedeckt mit blauen Punkten, einem Strichmuster in blau usw. Natürlich muß A Armet Stulpe Reform Kleid Hinterbahn Reform Kleid Vorderbahn dieses Blau mit der Farbe des Kleides gut zusammenstimmen. Die Farbenharmonie wirkt frisch und fleidet junge Mädchen ausgezeichnet. Das Kleid kann auch ganz aus leichtem Stoff gearbeitet werden, der weich und anmutig fällt. Der Blusenstoff sollte aber auch dann fein gemustert sein. Die Schultern, Armausschnitte und Stulpen werden mit Besatzbörtchen in entsprechender Farbe hervorgehoben. Für das Kleid find 3 Meter doppelbreiter Stoff erforderlich. Hübsche passende Knöpfe bilden den Auspuk. Den hochgesetzten Gürtel fertigt man am besten aus dem Stoffe des Reformtleides an; man fann ihn auch wegfallen lassen und die Rockfanten mehrere Male steppen oder mit Passepoil abschließen. N. R. J. Praktischer Frühjahrsmantel, dessen Schnitt auch für ein so. genantes Mantelkleid verwendet werden kann. Man braucht für den Mantel 8 Meter rehfarbigen Loden oder Stammgarnstoff, der 130 Zentimeter breit liegen muß. Die Kanten der Vorder- und Rückenbahnen, sowie Kragen, Armelmanschetten und Gürtel werden mit dunkelbraunem Soutache oder Befagbörtchen abgegrenzt, wie es das Modell zeigt. Wer den Mantel einfacher will, kann diese Kanten in der angegebenen Saumbreite durch gesteppte Linien hervorheben. Nr. 12 Für unsere Mütter und Hausfrauen Der Schluß des Mantels erfolgt in der Mitte der Vorderbahn durch Haken und Osen; das übergeschlagene halbe Vorderteil wird an der linken Schulter durch Druckknöpfe befestigt. Der Gürtel läuft nur Manschette halbe Rückenbahn Ober- Unter Armel Armel Seiten- u Vorderbahn über die Mitte und die Seitenbahnen. Er wird an der linken Seite ebenfalls mit Druckknöpfen unter dem großen Schmuckknopf geschlossen. Diesen und den obigen Schnitt vermittelt gegen Einsendung von je 50 Pf. für jeden in Briefmarken die Redaktion. Feuilleton Unter den Häuslern der Berge. Von M. Andersen Nerö. N. R. J. ( Schluß.) Als uns der Weg an einem Holzkreuz vorbeiführt, das die Priester an einem vorspringenden Felsen über dem Dorfe errichtet haben, stößt er es mit einem Fußtritt um. Don Louis ermuntert ihn durch Beifall, aber der ältere, vernünftige Pedro, der Vorsitzende der Erdarbeiterorganisation, richtet das Kreuz wieder auf und stellt ihn ernsthaft zur Rede.„ Vergiß nicht, daß du schon bezeichnet bist," sagt er, bei der geringsten Unruhe kann es dir geschehen, daß du in den Büchsenlauf eines Gendarmen starrst. Und wir können dich schwer entbehren," fügte er still hinzu. in der Alfonso tut einen übermütigen Sprung. Er hat rote Flecken an den Schläfen. Aber plötzlich wird er still. Verzeih mir, aber ich kann selbst nichts dafür," sagt er niedergeschlagen und umarmt Pedro. Wie naiv sie sind, diese Menschen, wie gedankenlos und unerfahren! Sie rechnen darauf vielleicht nicht ganz mit Unrecht Provinz Granada 50000 Mann auf die Beine bringen zu können; allein sie meinen, 2000 Gewehre seien genug, um die Provinz zu erobern. Man sammelt zu diesem Zwecke fleißig Waffen, und Don Louis erzählt mit geheimnisvoller Miene, er habe sich bereits in den Besitz von 500 Mausergewehren gesetzt, die in einer alten Hütte in Granada versteckt lägen. An dem Tage, wo es losgehen soll, lädt er alle Garnisonsoffiziere Granadas zur Abendgesellschaft bei sich ein, schließt bei dem verabredeten Glockenschlag die Türen und sagt: „ Meine Herren, das Land ist in den Händen der Revolutionäre, Sie sind meine Gefangenen!" Die Häusler lauschen ihm mit funkelnden Augen; sie durchschauen seine Phrasen nicht, und vielleicht tut er es selbst nicht einmal. Und mir, den sie zum erstenmal sehen, zeigen sie die weitgestreckten Berghöhlen hinter dem Dorfe, die ihre Waffen enthalten und ihre Zufluchtsstätte sein sollen, wenn es fehlschlägt. Sie erwähnen diese Möglichkeit so leichthin, als sei das Ganze ein Spaß; aber es ist bitterer Ernst. Spanien ist mit Revolutionen nicht unbekannt, kein anderes europäisches Land hat auch nur annäherungsweise so viele aufzuweisen. Die Nation ist mit dieser Losung vor Augen aufgewachsen, und es stimmt mit ihrem Temperament überein, die plötzliche Umwälzung der langsamen Entwicklung vorzuziehen, die sie gar nicht festzuhalten fähig wären. Namentlich der Andalusier entbehrt des konsequenten Voraus47 blices, der passive Ausdauer verleiht; er begreift nicht, wozu es nüßen soll, zu agitieren und zu stimmen und auf jenen fernen Tag zu hoffen, wo seiner Partei die Majorität in der Regierung werden kann. Er fühlt bloß das Verzweifelte in dem gegenwärtigen Zustand und will ihm so rasch als möglich ein Ende machen- der Revolutionsdrang liegt ihm im Blute wie ein beständiges Fieber. Jeden Tag gibt es da oder dort Tumulte, ein paar Mann werden niedergeschossen, vielleicht auch einige Frauen und Kinder, ein Gendarm wird verwundet oder getötet. Man kann in derselben Stadt wohnen und keine Ahnung davon haben, bis man nächsten Morgen die Telegramme der Hauptstadtblätter liest. So alltäglich ist es. Daß es nicht zugleich im ganzen Lande aufflammt, liegt bloß an der mangelhaften Organisation. Aber es ist früher geschehen und kann wiederum geschehen, daß die Organisation dennoch zu einem allgemeinen Aufstand hinreicht; dann fehlt nur noch all das, was einer Revolution einen glücklichen Ausgang sichert: Mittel, Waffen, verläßliche Anführer. Don Louis und die anderen meist wohlgestellte Lebemänner, die das Bedürfnis haben, mit etwas zu tändeln melden sich ab, wenn es dazu kommt; die praktischsten unter ihnen lassen sich von der Regierung kaufen. Und das Volk kann sich niederschießen lassen wie Schafe, mit jener wunderbaren Todesverachtung, die den Spaniern eigen ist. Die Überlebenden werden über einer neuen Revolution brüten, aber ohne durch die Erfahrung flüger geworden zu sein. Jeder Häusler hat den Auftrag, einen Landarbeiter mitzubringen, und des Abends sammeln sich 200 bis 300 Mann in dem Arbeitergebäude- einem großen nackten Raum, auf dessen Dachboden die Abendschule abgehalten wird. Alfonso M. macht die Einleitung mit einer kurzen, aber kräftigen Rede über den Wolf( das Kapital), dem ein Knochen in den Hals geraten, und den Storch ( die Arbeit), der ihn wieder herauszieht. Des Wolfes Antwort an den Storch: Habe ich nicht deinen Kopf zwischen meinen Zähnen gehabt? Und ich habe nicht zugebissen du hast mir also dein Leben zu danken!" wirkt wie Zündstoff in der Versammlung. " Verwünschter Räuber! Man sollte ihn um einen Kopf kürzer machen," rufen sie, und ein Gemurmel geht von Mann zu Mann. Sie helfen dem Redner bei der Auslegung, werfen kräftige Stichworte darein und plaudern unablässig eifrig mit. Dann springt ein siebzehnjähriger Handelslehrling auf. Vor einem Jahre ist er als Aufruhrstifter unten in Jerez gefangen, von den Gendarmen mißhandelt und in das Gefängnis von Rio Frio gebracht worden, wo er mehrere Monate gesessen hat; nun ist er wieder frei. Er greift die Priester an, die schweinisch, stumpf, unwissend, kulturfeindlich seien, und beweist in schmetternden Säßen, daß alle großen Männer Heiden gewesen. Er hat die weichen, unentwickelten Formen und Züge eines Kindes, und sein Gesicht strahlt von kindlicher Freude, als sie ihm ihren stürmischen Beifall zuklatschen. Er scheint die schwellende spanische Beredsamfeit als Wiegengeschenk erhalten zu haben, all die aufrührerischen Phrasen der Sprache gleiten ihm leicht über die Zunge; man hat das Gefühl, daß er ein Medium sei und selbst nicht ahne, was er sagt. Don Louis legt mit einem Angriff auf den Staat los. Kapital, Kirche und Staat eine niedliche Dreieinigkeit!" ruft Alfonso und reckt drei Finger in die Höhe. Draußen auf der Straße summt das versammelte Menschengewimmel, anscheinend des Glaubens, daß es schon heute abend losgehen werde; drüben an einer Gassenede blinken im Mondschein einige Gendarmenuniformen. In dem niedrigen Raume, wo die Männer dicht gepackt stehen, mit den Schultern aneinander ruhend, wälzt sich der Rauch in dichten Wolfen; alle rauchen, selbst der Redner, der ab und zu in einem heftigen Angriff innehält, um seine Zigarette nicht ausgehen zu lassen. Von Zeit zu Zeit wird ein großer Wasserkrug hereingetragen und geht von Mund zu Mund; hißige Ausrufe durchkreuzen jeden Augenblick die Luft. In Dänemark kennen wir von Rede- und Druckfreiheit nicht viel mehr als den Namen; in Spanien kennt man diese beiden Dinge. Was würde man daheim, wo die Anwendung der republikanischen Jdeen auf die Regierungsform nicht einmal von den vorgeschrittensten Politikern erörtert wird, von einer Versammlung noch dazu von Häuslern sagen, die nach einer unbeschränkten Kritik des Bestehenden den Beschluß faßt, mit allen Mitteln die Dynastie zu stürzen und die Republit einzuführen? Als die Liga gebildet werden soll, ereignet sich eine für einen Nordeuropäer recht eigentümliche Szene. Alfonso M. bittet alle diejenigen, die ihren Namen nicht selbst schreiben können, ihn auszurufen, und von allen Seiten melden sie sich, alte Männer und ganz junge Burschen, arme Teufel und auch solche, die ihr Schäflein einigermaßen auf dem Trockenen zu haben scheinen. Von einer Liste mit 123 Unterschriften zähle ich hinterher 57, deren Ur 48 Für unsere Mütter und Hausfrauen heber nicht selbst unterschreiben konnten, und unter ihnen einige der allerradikalsten. Der radikale Gedankengang braucht diesen Menschen nicht durch eine beschwerliche Arbeit in Büchern und Zeitungen mühsam eingepaukt werden, sie besißen ihn als Instinkt. Auch Heitere Szenen spielen sich ab." Willst du nicht unterschreiben, Antonio Lopez?" ruft man einem alten Manne zu.„ Ich fann ja nicht mehr zielen oder den Gendarmen in die Berge nachTaufen," erwidert er niedergeschlagen. Aber du kannst daheim bleiben und unsere Frauen und Kinder verteidigen!"-" Jawohl, das kann ich," erwidert er stolz und unterschreibt. Einige haben sich in die Winkel versteckt, als sie mit ihrer Unterschrift einstehen sollen; sie werden unter Scherzen hervorgezogen und der Versammlung als Avantgarde der Revolution vorgestellt. Die Frauen des Dorfes haben der Versammlung nicht beigewohnt, aber als diese zu Ende ist, kommt eine Deputation der Häuslerfrauen, um meine Frau zu begrüßen und uns zu bitten, im Dorfe auszuwählen, was wir mitzunehmen wünschen. Diese einfachen Frauen fühlten sich in diesem Augenblid als Repräsentanten der ganzen Nation; sie gaben der Erwartung Ausdruck, daß uns niemand auf unserer Reise Verdruß bereitet haben möchte, daß wir mit einem guten Eindruck aus Spanien heimfehren möchten und der Ausflug heraus nach X. diesem Eindruck feinen Abbruch tun werde. Don Louis fährt mit dem Nachtzug nach Granada; wir aber wollen nächsten Morgen zu Fuß hineingehen, um die Vega zu sehen, und logieren uns im Gasthof ein. Wir müssen ein Zimmer durchschreiten, um zu dem unseren zu gelangen, es ist keine Türe dazwischen, sondern nur ein Vorhang zwischen der Türöffnung. Wir sind eben zur Ruhe gegangen, als ein Handelsreisender die Außenstube in Besitz nimmt und seine Nachttoilette daselbst be= ginnt. Während er sich entkleidet, hebt er ab und zu den Vorhang ein wenig und späht durch das Dunkel neugierig zu uns herein. Der Gastwirt hat elektrisches Licht in die Zimmer gelegt, aber wie um diesen allzugroßen Fortschritt auszugleichen, waren wie übrigens in allen anderen Häusern des Dorfes feine Glasscheiben in den Fenstern, sondern verschließbare Lufen. An der Wand unseres Zimmers hing eine drollige Tafel, die einen nach den Südseeinseln versezte. Es war ein Verzeichnis der Hotelwäsche; an der Vorderseite der Tafel waren die Umrisse der verschiedenen Wäschearten aufgezeichnet, und hinter der Zeichnung lief eine Reihe Löcher quer über die Tafel. In einigen derselben steckten in jeder Reihe ein paar Hölzchen, offenbar entsprechend der Anzahl der Wäschestücke. Als wir uns am nächsten Morgen mit den Schuhen in der Hand durch das Zimmer des Reisenden schlichen, fanden wir unten in der Halle Alfonso, Pedro, den Vorstand der Erdarbeiter, und ein paar Häusler, die auf uns warteten. Sie hinderten uns beharrlich, unseren Aufenthalt im Gasthof zu bezahlen, und da der Wirt es mit ihnen hielt, war für uns nichts zu machen. Während wir unser Frühstück, warme Ziegenmilch, nahmen, brütete Alfonso über einem Plan, mit dem er endlich hervortrat. Er habe in Granada zu tun, und wenn wir nichts dagegen hätten, mögen wir ihn begleiten und seine beiden Lasttiere benüßen. Ich hatte den Argwohn, daß hier wiederum die Gastfreiheit im Spiele sei; und da ich nicht wollte, daß er unserer Bequemlichkeit zuliebe einen Arbeitstag opfern solle, erkundigte ich mich im stillen bei den anderen, denen ich meine Bedenken mitteilte, ob er wirklich in Granada zu tun habe. Sie sahen sehr nachdenklich drein, redeten untereinander viel hin und her über den langen schlechten Weg und erklärten endlich einstimmig, daß er auf alle Fälle in Pinos- Puente zu tun habe, einem Dorfe, das auf halbem Wege lag. Es war die Zeit der emfigsten Frühjahrsarbeit, und sie wollten ihm und uns in gleicher Weise gerecht werden. So nahmen wir Abschied und machten uns auf den Weg. Alfonso hatte seinen kleinen achtjährigen Sohn vor sich auf dem Esel, wir anderen zogen vor, zu Fuß durch das steile Dorf zu gehen. Es war früher Morgen, und auf dem Marktplatz standen Scharen von Arbeitern, und einige Männer in Mänteln gingen umher und besahen sie.„ Das ist der Sklavenmarkt," murrte Alfonso.„ Sehen Sie, wie sie sie befühlen, als seien sie Tiere." Lange Zeit blieb cr stumm, fast unzugänglich, dann aber kam jenseits der Vega die Sonne über der Sierra hervor, und er wurde wieder lebhaft und gesprächig. Er wollte nicht reiten, sondern ging neben meinem Esel einher, auf meinen Stock gestützt, und sprach von der schönen Zeit, da es feine Herren und keine Lohndiener irgendwelcher Art geben würde, feine Armut und keine Kapitalisten und seine Wangen hatten wieder die roten Flecken von gestern. Er zog ein schmutziges Buch aus der Tasche.„ Das führe ich auf dem Felde und bei Wanderungen immer bei mir," sagte er, es hält einen so hübsch im Nr. 12 Feuer, wenn man lau zu werden beginnt." Es war der„ Almanach der Anarchisten" mit Bildern von Tolstoi, Krapotkin und den Königs- und Präsidentenmördern der letzten Jahre und einem furzgefaßten, fräftigen Text, der vortrefflich seinem agitatorischen Zwecke entsprach. Mein Stock schien ihm auffallend schwer, und er fragte, ob ein Dolch darin sei.„ Nein, aber der Kopf ist aus Blei, da läßt sich's gut zuschlagen." Er sah mich ernsthaft an. Ich bin noch niemals in der Lage gewesen, mich gegen meine Mitmenschen verteidigen zu müssen, oder umgekehrt."„ Aber Sie sind ja gerade auf Kriegsfuß mit der Gesellschaft," wandte ich ein.„ Mit den Räubern, jawohl, aber nicht mit meinen Mitmenschen; sie tun mir nichts zuleide, und ich glaube, ich würde lieber sterben, als einem unter ihnen ein Leids zu tun. Alle Menschen, die der Macht nicht zu nahe gekommen, sind ja gut; die draußen im Gebirge kenne ich alle und weiß, daß sie es sind; Don Louis, der aus der Mittelmeergegend stammt, ist es auch, und nun kommen Sie so weit her vom hohen Norden und sind wie ein Bruder zu mir." Daß er außer seinem eigenen Esel für uns einen zweiten entliehen, selbst die ganze Strecke geht, damit wir reiten können, und außerdem nicht weiß, was Liebes er uns alles erweisen soll das heißt bei ihm, daß ich wie ein Bruder zu ihm biri. Wenn ich absteige und ihn nötigen will, aufzusißen, sagt er, ihn friere, und der Arzt habe ihm befohlen, so viel als möglich zu gehen bloß um mich zu bewegen, wieder aufzusißen. Ich kann den ganzen Weg von Pinos- Puente heimreiten," sagt er, und dann müssen Sie ja gehen." Aber als wir nach Pinos- Puente kommen, hat er auf der anderen Seite der Stadt zu tun, und als wir dorthin kommen, will er uns noch ein Stück begleiten. Endlich bleibt er eine halbe Meile hinter der Stadt stehen, wir speisen etwas in einer Schenke, und er nimmt Abschied.„ Nein, es ist zu abscheulich," sagt er dann im letzten Augenblick und wendet mit seinen Tieren um, ihr müßt wieder aufsizen, Freunde. Es ist noch weit bis Granada, viel zu weit für euch, und ich habe eine Tante dort, der ich einen Besuch schuldig bin." Ich erinnere ihn an seine Arbeit daheim, er würde die Nacht zur Rückkehr brauchen und der morgige Tag wäre verloren. Er gibt nach, sagt ein letztes Lebewohl und setzt sich in Bewegung. Da gibt es ihm einen Ruck. " Der Junge soll es entscheiden," sagt er und wendet um, wohin willst du lieber, zur Tante oder heim?"" Zur Tante," erwidert der Kleine ernsthaft, und Alfonso lächelt triumphierend.„ Wir bleiben also heute nacht hier und kehren morgen heim," sagte er entscheidend. Und wir reiten. Einigemal beobachte ich eine Eigenschaft an ihm, die in Spanien selten ist Güte gegen die Tiere. Und noch befremdender wirkt es fast, daß er nicht raucht. Ich will in feiner Weise Sklave sein," sagt er, und wir Spanier können nicht rauchen, ohne Sklaven des Tabaks zu werden." Aber seine Enthaltsamkeit gilt nur sich selbst.„ Willst du sie haben?" fragt er seinen Sohn, als ich ihm selbst eine Zigarette anbiete. Der Kleine schüttelt mit komischem Ernste den Kopf. Die beiden behandeln einander in allem wie Erwachsene. Wir sind unablässig dem Saum des Gebirges gefolgt, denn die Straßen draußen auf der Vega sollen überschwemmt sein, und es ist fast Abend, als wir uns Granada nähern; hoch oben hinter der Stadt liegt Alhambra golden gegen den Sonnenuntergang. Wir nehmen Abschied von Alfonso, den der Weg nach der anderen Seite führt, und steigen durch den steilen Stadtteil Albaicin auf. Als wir uns auf der obersten Terrasse umwenden und hinausblicken über die üppige Vega und Sierra Elviras lilafarbene Silhouette mitten in dem flammenden Sonnenuntergang, entdecken wir weit unten auf der Straße Alfonso und seinen Sohn, die in flinkem Trabe den Bergen zureiten. Sie wollen heute nacht noch heim, die kleinen Felder zu Hause können sie nicht auch noch morgen entbehren. Der Anarchist Alfonso! Er hat uns zuliebe alle persönlichen Rücksichten beiseitegesezt, und nun reitet er heim zu seinem Grund und Boden, froh seiner Tat, in vertraulichem Gespräch mit seinem fleinen Sohne, mit dem er wie mit einem Bruder verkehrt, im Frieden mit allen Menschen. Und eines Tages ertönt das Signal zu der großen Umwälzung, er springt auf in heftiger Freude, und bereit, sein Leben für die neue Zeit des Glückes zu opfern fällt, zur Erde gestreckt von der Kugel eines Gendarmen. Und die alte Zeit trottet weiter über seine Leiche. So wird es ihm ergehen. Und dennoch! Wenn ich dann und wann nach einem Vorbild tappe, einen ganzen Menschen suche, dem zu gleichen oder den mindestens zu beneiden sich verlohnte fällt mir immer der Anarchist Alfonso ein. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe. Bost Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. tn Stuttgart.