Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 13 o ooooooo 。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit ooooooo O O O O 1913 Inhaltsverzeichnis: Über die Entwicklung des sozialen Sinnes bei Kindern. III. Von Fritz Elsner. Die Naturwissenschaften in Küche und Haushalt. Von Dr. J. H. Für die Mutter. Hygiene. Ein Märzentag. Von Emma Döly. Feuilleton: Blumen und Frauen. Von Werner Peter Larsen. Cleber die Entwicklung des sozialen Sinnes bei Kindern. III. Wir gehen nun zur Betrachtung einiger wichtiger sozialer Gefühle über. Wir beginnen mit jenen Gefühlen, die darauf beruhen, daß wir uns mit unserer Umgebung bergleichen und auf ihr Urteil achten. Die Entstehung solcher Gefühle, deren träftigste Stolz und Scham sind, beruht auf der Entwicklung des Jchgefühls, und diese geht keineswegs rasch vor sich. Werden doch oft noch im zweiten Lebensjahr die eigenen Gliedmaßen nicht klar von fremden Gegenständen unterschieden. Das hat seinen Grund darin, daß anfangs die nervöse Verbindung sehr lose ist zwischen dem Rückenmark, wohin die Nerven von Rumpf und Gliedmaßen ihre Erregung übermitteln, und dem Gehirn, wo diese Erregungen zu bewußten, miteinander verglichenen Empfindungen werden. Erst durch übung geht aus den Empfindungen der verschiedenen Sinne und aus unendlich vielen Erfahrungen der Begriff Jch" hervor. Er stellt eine Abstraktion aus Einzelerfahrungen dar, so wie der Wald nur da ist, wenn Bäume da sind. Diese allmähliche Erwer= bung des Jchgefühls macht es verständlich, daß sich Regungen von Stolz und Scham erst im dritten Jahre bei den Kindern zeigen. Von da an wird das Urteil der Umgebung für die Selbstbeurteilung wirksam. Stolz und Scham sind von jeher als notwendig zur Charakterbildung betrachtet worden. An ihnen sieht man deutlich, wie selbst ausgesprochen egoistische das Wort ohne tadelnden Sinn gebraucht Regungen sozial bestimmt sind. Die Fähigkeit, Scham und Stolz zu empfinden, bringen alle normalen Kinder mit auf die Welt; wessen sie sich schämen, und worauf sie stolz sind, hängt von ihrer sozialen Umgebung ab. Der Behauptung des Jchs gegen die Umwelt entspringt auch das Streben nach Eigentum. In der bürgerlichen pädagogischen Literatur wird immer ganz besonders auf einen Eigentumstrieb hingewiesen mit deutlicher Spike gegen den Sozialismus, der das Eigentum abschaffen wolle und sich damit gegen die„ Natur" versündige. Nun ist aus der Natur für das entwickelte soziale Leben des Menschen gar nichts zu beweisen. Wenn ursprüngliche Triebe den Menschen in ihrer Gesamtheit schädlich werden, so werden sie eingeschränkt. Ferner steht ein weitgehender Kommunismus an der Schwelle der menschlichen Geschichte, zu deren Überschreitung es langer Zeiträume bedurfte. Gewiß ist nicht zu leugnen, daß das Kind danach strebt, sich Dinge anzueignen, die ihm gefallen, und daß es bei längerem Gebrauch ein Recht auf sie geltend macht. Diese Neigung ist bei allen Kindern zu beobachten. Das Kind, dessen Fühlen, Denken und Handeln auf seine eigene Berson gerichtet ist, drückt den mit seiner Existenz verbundenen Gegenständen den Stempel des Eigentums auf. Früh zeigen Kinder Regungen des Neides, was namentlich häufig gegen über später hinzukommenden Geschwistern beobachtet werden kann. Die älteren mißgönnen zunächst dem neuen Familiengenossen die alte Wiege, die Spielsachen und-geräte, vor allem auch die Liebe der Eltern. Aber sofort sett ohne Rücksicht auf die angeborene " Natur" in der Familie die gegenwirkende Gemeinschaftstendenz ein. Der gemeinsame Anteil am Hausrat, an den Nahrungsmitteln, den Eltern, die Gleichheit in der gesamten Lebensführung erzeugt als Band zwischen den Menschen den Familiensinn, der auch bei individuell start verschiedenen Familiengliedern fräftig entwickelt sein kann. Dieser Familiensinn, das ist zu beachten, erwächst auf kommunistischer Grundlage. In vorbürgerlichen Gesellschaftszuständen ist er nicht in den Rahmen der Einzelfamilie eingeengt, sondern er wirkt als Geschlechterbewußtsein, das seine Grundlage wiederum letzten Endes in dem gemeinsamen Besitz des Geschlechtes hat. Bekanntlich wollen wir Sozialisten aber nicht das persönliche Eigentum abfchaffen, sondern den Privatbesitz an Grund und Boden, Fabriken, Maschinen usw., furz das Privateigentum an den Produktionsmitteln. Und da wird für die Gesellschaft eine Seite des Sinnes für Eigentum von höchstem Werte, die heute naturgemäß selbst bei Erwachsenen sehr schwach entwickelt ist und planmäßig bei Kindern noch kaum gepflegt wird: das Gefühl für das Recht am öffentlichen Besitz und für die Pflichten, die dem einzelnen daraus erwachsen. Wo haben wir in Deutschland gegenüber den öffentlichen Einrichtungen, Straßen, Plägen, Gebäuden, Bibliotheken, Museen, Kunstwerken und Theatern das stolze demokratische Gefühl: das ist unser!? Nur gelegentliche Anfäße zur Pflege dieses Gefühls durch die Schule gewahren wir. So zum Beispiel dort, wo in neuzeitlichen meist privaten Erziehungsanstalten ein Garten von den Schülern gemeinsam bestellt, die Zimmer mit Zeichnungen und Handarbeiten der Kinder gemeinsam geschmückt werden. Mit großem Geschick hat einer der warmherzigsten Pädagogen unserer Tage, Johannes Langermann, das Prinzip, auf das es hier ankommt, in einer Hilfsschule durchgeführt. Er machte den Schulgarten zur Grundlage seiner ganzen Erziehungstätigkeit an seinen unternormalen Zöglingen. In seiner lesenswerten Schrift" Der Erziehungsstaat" berichtet er, wie in den Schülern auf Grund der gemeinsamen Arbeiten nach gleichem Recht sich ein hohes Solidaritätsgefühl entwickelt und das Bewußtsein geweckt wird: das ist unser gemeinsamer Garten, wodurch es ihm gelingt, den Egoismus der Stärkeren, Lüge und Neigung zum Diebstahl siegreich zu überwinden. Natürlich bedarf es Kindern gegenüber der leitenden Hand des Lehrers, um das zu erreichen, was den Völkern die Dialektik der Geschichte mühsam einpaukt: die Bändigung der Selbstfucht. Ein Kinderstaat, sich selbst überlassen, geht Wege, die denen der Gesellschaft in mancher Hinsicht ent= sprechen. Das zeigt ein interessanter amerikanischer Versuch. John Mac Donogh schenkte der Stadt Baltimore 800 Morgen Land zur Errichtung einer landwirtschaftlichen Schule, und das gab Gelegenheit, das soziale Verhalten der dort untergebrachten Knaben zu beobachten. Es zeigte sich anfangs ein System gemeinsamen Landbesizes. Jeder Knabe hatte einen gleichen Anteil an dem Grund und Boden und an allem, was darauf gefunden wurde. Eine alljährliche Neuverteilung des Landes fand statt, wie bei den Germanen zur Zeit des Cäsar und Tacitus. Nach einigen Jahren aber entstand aus dem vorübergehenden ein dauerndes persönliches Eigentum:„ Einige Knaben vermachten beim Verlassen der Schule ihr Land an ihre Lieblingsfreunde, und so kam es, daß sich nach einiger Zeit alles Land in den Händen von drei Knaben befand: an Stelle des Gemeineigentums war das Landmonopol getreten! Dagegen aber empörten sich die übrigen Kinder, und sie erzwangen die Herausgabe wenigstens eines Teiles des Landes." Das Recht regelt die Ansprüche der einzelnen gegeneinander und gegenüber der Gemeinschaft. Ohne Rechtsgefühl keine soziale Gemeinschaft, oder richtiger: jede soziale Gemeinschaft erzeugt ein entsprechendes Rechtsgefühl. Auf der ersten Kindheitsstufe kann davon keine Rede sein, weil erst mit dem egozentrischen Standpunkt gebrochen sein muß und die anderen Persönlichkeiten in ihrer Eristenzberechtigung erkannt sein müssen. Für das Kind ist wie für primitive Völker die stärkste Quelle des Rechtes die Ge= wohnheit. Mit einem„ das ist so" und das war so" begründet es ausreichend die im Hause oder unter den Kameraden herrschenden Gesetze. Daneben hat namentlich bei jüngeren Kindern die Autorität der Erzieher Gesezeskraft. Vernunftgründe treten bis in das schulpflichtige Alter ganz zurück, und man kann noch bis zum zehnten Lebensjahr die meisten Kinder durch Fragen nach den Gründen eines Brauches oder Gesetzes in Verlegenheit setzen. Das Kind unterliegt eben ganz der Gewalt der Persönlichkeit des Erwachsenen oder des unpersönlichen Gemeinschaftswillens. Früh wendet es die Gesetze seiner Umgebung an und dringt auf ihre Erfüllung auch gegen sich selbst, und oft genug kann man beobachten, wie Kinder über die übertretung etwa der Hausordnung in empörtes Erstaunen geraten. Überhaupt muß betont werden, daß der Sinn für Gerechtigkeit und Kraft bei normalen Kindern eigentümlich stark und zart ist. Über nichts wachen sie eifersüchtiger als über ihre Rechte, wie sie sie verstehen, und manche vermeintliche kindliche Verstocktheit beruht auf einem vielleicht unklaren Gefühl der Kinder, ihnen sei unrecht geschehen. Denn die Berechtigung der Strafe als der Rückwirkung einer Gesebesübertretung wird früh erkannt. Hier kommt alles darauf an, die Strafe die aber nicht in körperlicher Züchtigung bestehen soll 50 Für unsere Mütter und Hausfrauen als natürliche Folge der Verfehlung erscheinen zu laffen. Dann empfindet das Kind sie nicht als Gewaltsamkeit, ja es fordert oft geradezu ihre Anwendung. Wie es im Spiel mit zähem Konser vativismus die Regeln beobachtet, so scheint überhaupt ein Verlangen nach Gesetz und Ordnung normalerweise im Kinde vorhanden zu sein. Man kann daher die Entwicklung des sozialen Sinnes der Kinder durch nichts mehr schädigen als durch Willkür im Befehlen und Strafen. Wir wollen doch, daß die Kinder einst als Männer und Frauen jede Willfür, Ungerechtigkeit und Rechtsbeugung als einen Frevel empfinden sollen, an sich und der Gesamtheit! Freilich, der Gesichtskreis der Kinder ist eng, es fehlen ihnen die Bergleichsmöglichkeiten, und sie nehmen die Welt zunächst ganz unkritisch, wie sie ist. Auch die Unterschiede von arm und reich werden nicht als Unrecht empfunden, sondern als Tatsache hingenommen. Erst die persönliche Erfahrung der Beschränkung durch foziale Ungerechtigkeiten löst Gefühle der Zurücksetzung, des Neides aus. Sobald solche Gefühle der Zurücksetzung auftauchen, wirke man einer unklaren Gemütsverbitterung entgegen, indem man Nr. 13 So sehen wir den Weg einer sozialistischen Pädagogik flar vorgezeichnet. Zu unterstügen und zu entwickeln sind alle sozialen Ten denzen der findlichen Natur. Von den Sympathiegefühlen planmäßig ausgehend, wird man den Sinn für Gerechtigkeit, Solidarität, gemeinsames Handeln zu Hause, in der Schule und beim Spiele pflegen. Der Gesichtspunkt des eigenen Fortkommens, der egoistischen Be reicherung materieller und geistiger Art wird zurücktreten hinter dem Gefühl, Glied einer gemeinsam arbeitenden und genießenden Ge nossenschaft zu sein. Selbstverständlich nicht in abstrakten Belehrungen kann das erreicht werden, sondern hier ergibt sich als psychologisch und geschichtlich geforderter Fortschritt die Notwendigkeit der„ Ar-. beitsschule". Darunter verstehen wir eine Schule, die das Kind int die körperliche und geistige Arbeit der Gesellschaft einführt, so daß der Gegensatz zwischen Schule und Leben schwindet und das Kind hineinwächst in die„ Genossenschaft der Arbeiter", der vornehmsten und dabei selbstverständlichsten Bestimmung aller Menschen. Frizz Elsner. rüdhalilos den wahren Grund der sozialen Unterschiede aufdeckt, Die Naturwissenschaften in Küche und Haushalt. soweit ihn das Kind erfassen fann! Sonst greift das Kind leicht zu Phantasiesurrogaten religiöser Art, die ihm die Schule ohnedies bereitwillig anbietet, und wird zum mindesten vom geraden Wege zum Klassenfämpfer abgezogen. Die Entwicklung des Solidaritätsgefühls wird besonders durch die Schule, aber meist unabsichtlich gefördert. Einander größten teils fremde Kinder werden hier durch einen fremden Willen zu derselben Arbeit mit ihren Leiden und Freuden zusammengezwungen. Daraus entwickelt sich im Laufe der Jahre die Solidarität der einzelnen Schulklassen, in günstigen Fällen selbst der ganzen Schule. Bei den jüngeren Schülern in den ersten Jahren ist sie begreiflicherweise noch schwach, die Zeit des gemeinsamen Schullebens noch zu furz. Die bei den älteren Schülern verpönte Angeberei gilt bei den Kleinen noch nicht als verwerflich, vielmehr oft als Pflicht. Und. doch ist auch hier schon oft eine Art von Klassenehrgefühl zu beobachten; am deutlichsten äußert es sich in Kämpfen der Klassen gegeneinander. Und dies Solidaritätsgefühl, das seine kräftigste Nahrung aus dem gemeinsamen Gegensatz zu den Lehrern empfängt, entwidelt sich unter den denkbar schwersten Hemmungen. So steht seiner Gutwicklung vor allem der Wettkampf der Schüler um die besten Zenfuren und Plätze im Wege. Die Heze dieses Wettkampfes gilt ja noch als eines der wesentlichsten Erziehungsmittel. Die moderne Bädagogit ist gottlob auf dem Wege, Rangordnungen, und vor allem das Herunter und Hinaufsehen während des Unterrichts abzuschaffen. Eine wichtige Aufgabe der Schule wäre es ferner, den Organi sationssinn der Kinder zu pflegen. Aber die heutige Schule, als Machtmittel der Herrschenden, dient ja vor allem dazu, unterwürfige Untertanen zu erziehen, die wie eine Hannnelherde fremder Leitung bedürfen. Und in Deutschland ist dies in den höheren Schulen, deren Schüler ja längere Zeit dem Schuldrill unterliegen als die Volksschüler, die mit dem vierzehnten Jahre in den Lebenskampf treten, in einem Maße geglückt, daß selbst im Lager der Herrschenden der Mangel an selbständigen Persönlichkeiten empfunden wird. Daher lassen heute einsichtige Schulmänner den Kindern in der Wahl ihrer Vertrauensmänner freie Hand, während früher bei Wünschen der Schüler an die Lehrer nur der Erste der Klasse als Sprecher vorgelassen wurde, wenn überhaupt jemand Wünsche vortragen durfte. Hier und da hat man es bereits mit einer weitgehenden Selbstregierung der Schüler versucht, und wenn auch diese Versuche vielfach in Unfug und Spielerei ausgeartet sind und an Stelle von Selbständigkeit Eigendünkel gezüchtet haben, so sind das eben übergangserscheinungen. Sie befagen nichts gegen die Aufgabe der Schule, den Gemeinschafts- und Organisationssinn der Schüler durch Maß nahmen auf dem Gebiet der Schulzucht zu pflegen. Es ist durchaus kein Zufall, daß gerade in dem demokratischen Amerifa ein Anfang zur Untersuchung des Drganisationstriebs der Schüler gemacht worden ist. Diese statistische Untersuchung hat ge= zeigt, daß jedenfalls die amerikanischen Kinder überwiegend von felbst zur Organisation in sportlichen, religiösen, philanthropischen Vereinigungen neigen. Bei uns äußert sich diese Neigung infolge der Unterdrückung meistens im Gegensatz zur Schulzucht; ich denke dabei namentlich an die an den meisten höheren Schulen bestehenden Kneipverbindungen nach studentischem Muster. Freilich, wenn die Schule in ihren weiten Rahmen Schülervereinigungen zu sportlichen, tünstlerischen, wissenschaftlichen, philanthropischen Zwecken einschließen soll, so entsteht die Gefahr des Mißbrauchs zu reaktionären Zwecken. Siehe Jungdeutschlands Jugendwehren und Pfadfinderbünde! Es handelt sich eben auch bei der Erziehung des sozialen Sinnes nur um ein Teilproblem des großen gesellschaftlichen Kampfes unserer Tage überhaupt: Hie Kapitalismus, hie Sozialismus! Von den Säuren und ihren Wirkungen. Wie bekannt, ist die peinlichste Reinlichkeit im Hause und namentlich in der Küche eine der wichtigsten Pflichten, aber auch warum sollen wir es nicht zugeben eine der zeitraubendsten. Die stets in der Luft vorhandenent fleinsten Lebewesen lassen sich auf den Speiseresten des Küchen- und des Speisegeschirrs nieder, um dort sofort ihre zersegende Tätigkeit zu beginnen. Auch dein nicht naturwissenschaftlich Gebildeten gibt sie sich durch widerliche Gerüche fund. Diese Gerüche sind zum Teil so bekannt, daß man im chemischen Unterricht einen Vernunftsprung macht und sagt: der Schwefelwasserstoff riecht nach faulen Eiern. In Wirklichkeit ist es der Schwefelwasserstoff, der bei der Zersetzung von Eiweiß sich entwickelt, der den faulen Eiern ihren Geruch verleiht. Es wäre daher„ logischer" zu sagen: die faulen Eier riechen nach Schwefelwasserstoff, allein der Sprachgebrauch ist nicht immer ,, logisch" int Sinne des wissenschaftlichen Denkens. Doch zurück zur Reinigung, welche die Speisereste entfernen muß, die der Nährboden, die Beute winziger zerseßender Lebewesen werden können. Fettreste stellen bekanntlich der Reinigung die größten Schwierigfeiten entgegen. Man sucht sie zu entfernen, indem man sie durch heißes Wasser und Reiben mit einem Lappen oder Tuche schmilzt, also dem Einfluß der Wärme ausseht. Wissenschaftlich gesprochen, ist das ein physikalisches Verfahren. Aber auch auf chemischem Wege kommt man den Fettresten bei. Man nimmt Stoffe wie, Seda, Seife und Ahnatron zu Hilfe, die die Fette zu denen auch die Ole gehören stofflich verändern und dadurch im Wasser leichter löslich machen. Gewöhnlich ist die Hausfrau Physikerin und Chemilerin zugleich, wenn sie das Koch- und Speisegeschirr von Fettresten reinigt. Sie bedient sich dazu einer heißen Sodalösung, die sie ja auch zu anderen Reinigungsarbeiten nimmt, zum Waschen, Scheuern und anderem mehr. Wie von anderen chemischen Mitteln auch sollte die Hausfrau nicht mehr von Soda, Ähnatron, Seife usw. nehmen, als unbedingt notwendig ist, denn alle diese Stoffe greifen die Haut an. Wie groß die nötige Menge des lösenden Zusages sein muß, das wird sie aus ihrer praktischen Erfahrung bald beurteilen lernen. Solange ihr der erfahrene Blick fehlt, sollte sie vorsichtig mit schwachen Lösungen beginnen, dic ja stets nach Bedarf verstärkt werden können. Erst seit wenigen Jahrzehnten wissen wir, daß die stofflich ber ändernde und lösende Wirkung von Seffe, Soda, Natron und ähnlichen Mitteln von dem Vorhandensein einer bestimmten Gruppe von Stoffen abhängt. Bei der grundlegenden Wichtigkeit der Sache sei es erlaubt, weiter auszuholen. Die Säure ist eine Vorstellung, ein Begriff, der jedermann geläufig ist. Wir wissen, der Essig ist sauer, die Zitrone ist sauer, und wir schäßen gerade den Säuregchalt, der Essig und Zitrone ihren bestimmten Geschmack gibt. Der Hausfrau ist bekannt nicht immer ist es gewollt, wie oft ist es der Anlaß zu Verdruß und Ärger!-, daß die sonst„ füße" Milch sauer werden kann. Es geschieht dies durch die Einwirkung gewisser kleinster Lebewesen. Das Sauerkraut, der Sauerkohl enthält die gleiche Säure, die in der Milch als das Ergebnis der Entwidlung jener fleinen Lebewesen auftritt. Salzsäure, die man im rohen Zustand vielfach zur Reinigung verwendet, wird in erheblicher Verdünnung gegen Appetitlosigkeit verordnet. Kurz, die Säuren spielen eine sehr wichtige Rolle im Haushalt der Natur und im Haushalt des Menschen. Jahrzehntelang war man mit berühmten Gelehrten der Ansicht, daß die Ursache des Sauerfeins ein bestimmter Stoff wäre, der Sauerstoff. Die Forschungsergebnisse, die zu dieser Annahme führten, haben zu ihrer Zeit die Wissenschaft gewaltig bereichert und gefördert. Heute hat man Nr. 13 Für unsere Mütter und Hausfrauen diese Anschauung jedoch aufgegeben. Weitere Forschungen haben zu der Ansicht geführt, daß die Eigenschaft der Säure stets durch den gleichen Umstand bewirkt wird, nämlich durch das Vorhanden sein eines Wasserstoffatoms, das mit positiver Elektrizität geladen ist. Der Kürze halber nennt man es Wasserstoff- Jon. Es darf wohl als allgemein bekannt vorausgesezt werden, daß Wasserstoff der eine, Sauerstoff der andere Bestandteil des Wassers ist. Wir müssen für diesmal unsere Wißbegierde bezwingen, die nach weiteren Einzelheiten des wichtigen Gegenstandes fragt. Wie kann man aber feststellen, ob eine Flüssigkeit, eine Frucht, ein Gemüse usw. Säure enthält oder nicht? Es wäre unbequem, manchmal auch recht unangenehm, sich durch„ Kostproben" davon zu vergewissern, zuweilen sogar ein recht gefährliches Beginnen. So bei starter Schwefelsäure,„ Vitriolöl" und anderem. In jedem Lehrbuch für die Chemie der Küche, des täglichen Lebens ist das Mittel zur Feststellung von Säure angegeben: blauer Lackmusfarbstoff, der durch Säure gerötet wird. Der Chemiker verwendet ihn oder ähnliche Stoffe bei den verschiedensten Arbeiten, wo es sich um den Nachweis von Säure handelt. Wenn die Hausfrau der Buchweisheit, dem gedruckten Worte keinen Glauben schenken will, so braucht sie jedoch nicht einmal solcher Indikatoren" auf deutsch Anzeiger -, um zu lernen, daß Säuren die Farben verändern. Eie kann diesen chemischen Vorgang bei der Zubereitung von Speisen und Getränken beobachten. Wenn sie einem nicht allzu schwachen Aufguß von schwarzem Tee etwas Zitronensaft hinzufügt, so erfolgt sofort ein Hellerwerden des Getränks. Man kann sich leicht davon überzeugen, daß das keineswegs von der Verdünnung des Tees allein herrührt. Man muß diesem eine ganz beträchtliche Menge Waffer zugießen, um die gleich lichte Farbe zu erhalten, die man durch wenig Zitronensaft erzielt. Weit wirfungsvoller aber ist der Versuch mit Rotkohl. Kocht man diesen ohne weitere Zutaten, so gibt das eine blaue Brühe, die eine schöne grüne Färbung annimmt, wenn man ihr nach dem Erkalten ein menig aufgelöfte Soda zusetzt. Fügt man jedoch der Flüssigkeit etwas Essig hinzu, so färbt sie sich so leuchtend rot, daß sie dem Namen des Krautes alle Ehre macht. Der Einfluß der Essigsäure erhält die rote Farbe, ja läßt sie noch stärker hervortreten. Daher gibt die Hausfrau Effig an das Rotkraut oder auch einige Äpfel, die Säure enthalten. Darum fügt sie auch beim Waschen von roten Stoffen dem Wasser etwas Essig zu. Dr. J. H. 0 0 0 Für die Mutter. Bom Stillen der Sänglinge. Der Artikel in Nr. 9 über das Stillen der Säuglinge enthält die wahren Worte:„ Der gute Wille allein kann aber die Fähigkeit zum Nähren nicht bringen." Die bon der Verfasserin erteilten Ratschläge sind sehr beachtenswert und sollten unbedingt befolgt werden. Aber die Mutter fann noch mehr tun, um das Nähren vorzubereiten. Ein Vierteljahr vor der Entbindung oder früher sollte die Schwangere damit beginnen, täglich etwa dreimal einige Minuten lang auf die Brustwarzen ein Saugglas wirfen zu lassen, das mit einent Gummiball versehen ist. Man drückt den Ball zusammen, so daß die darin befindliche Luft herausgepreßt wird, und setzt das Glas fest auf die Warze. Dann läßt man den Ball sich wieder ausdehnen, wodurch die Warzen herausgezogen werden. Dadurch gewöhnt man sie an die Anstrengungen, die ihrer später warten. Zugleich werden aber auch die Milchdrüsen und die Gefäße für ihre spätere Aufgabe vorbereitet. Bei tiefliegenden Brustwarzen, die häufig vorkommen, ist diese Vorbereitung unerläßlich. Sonst scheitert auch der bestgefaßte Vorsag, das zu erwartende Sind nähren zu wollen, und der Liebling muß der für so viele Säuglinge verhängnisvollen künstlichen Ernährung überlassen werden. Die Sauggläser sind in Gummiwarengeschäften erhältlich. O O O Sygiene. L. B. Was man wissen muß, wenn man zur Apotheke geht. Das Gesetz schreibt dem Apotheker zum Schuße des Publikums strenge Bestimmungen vor. Ihre Kenntnis ist für jedermann zur Vermeidung von Unglüdsfällen überaus wichtig. Alle Arzneien zum innerlichen Gebrauch, zum Einnehmen müssen in runden Flaschen mit einem weißen Etikett verabreicht werden. Diejenigen zum äußerlichen Gebrauch und dazu gehört alles, was nicht durch den Mund in den Magen gelangt in sechsedigen Flaschen mit rotem Etikett und dem Aufdruck Außerlich". Patient und Pfleger sollen nicht nur sehen, sondern auch fühlen, was innerlich und äußerlich ist, um jede verhängnisvolle Verwechslung zu vermeiden. Hat man die Arznei aus der Apotheke geholt, so soll man nie ver51 gessen, vor dem Gebrauch zuerst genau das Etikett auf der Flasche anzusehen, ob auch wirklich der richtige Name darauf steht und nicht etwa durch Mißverständnis beim Abholen vom Apotheker eine andere Arzneiflasche verabfolgt worden ist. Dies kann besonders geschehen bei Patientennamen wie Meier, Schulze, Schmidt. Zugleich lese man auf dem Etikett genau die Anwendung der Arznei durch(„ stündlich ein Eßlöffel"," vor dem Gebrauch zu schütteln"). Die gesetzlichen Bestimmungen macht leider das Bublifum selbst oft wieder hinfällig. Der Apotheker darf die Arzneien nur in der oben geschilderten verschiedenen Flaschenart abgeben. Aber er kann dem Käufer nicht verwehren, sich in eine von Hause mitgebrachte sechseckige äußerliche" Flasche zum Beispiel Brustsaft einfüllen zu lassen, so daß dann zu Hause innerliche wie gefährliche äußerliche Mittel in eckigen Flaschen nebeneinander stehen. Empfiehlt der Apotheker, zur Vermeidung von Verwechslung lieber eine runde Flasche zu nehmen, dann glauben viele, er wolle des Verdienstes wegen eine neue Flasche aufschwatzen". „ Es ist verboten, Gifte und startwirkende äußerliche Mittel in Trint- und Kochgeschirren abzugeben oder in solchen Krügen und Flaschen, deren Form und Bezeichnung die Gefahr einer Verwechslung des Inhalts mit Nahrungs- oder Genußmitteln herbeizuführen geeignet ist." Gifte in diesem Sinne sind nicht nur zum Beispiel verdünnte Karbolsäure, sondern auch die zum Scheuern und Pußen verwendeten Säuren, wie Salz, Schwefel-, Zuckersäure. Man sollte niemals derartige gefährliche Flüssigkeiten in Bier oder Weinflaschen und ebensowenig durch Stinder holen laffen. Auch stelle man nie solche Buzmittel in der Küche neben Öl- und Essigflaschen oder andere Flaschen hin, deren Inhalt zum Trinfen oder zur Bereitung von Speisen dient. Läßt man durch Kinder Arzneien abholen, deren Rezept vielleicht schon vor einer halben Stunde in die Apotheke geschickt wurde, so gebe man einen Zettel mit dem genau aufgeschriebenen Namen der Person mit, für die die Arznei bestimmt ist. Sonst verlangt das Kind oft die Arznei für die Großmutter" oder„ für Dntel Dtto". In gleicher Weise empfiehlt sich das Aufschreiben der ohne Rezept gewünschten Mittel im Handverkauf( für 10 Pf.). Mandjes zeitraubende ärgerliche Zurückschicken würde vermieden; denn die ,, verfligten" Namen entfallen unterwegs häufig noch recht großen Kindern. Auch macht es gar nichts, wenn man die Namen falsch schreibt. Aus verkehrt Geschriebenem kann der Apotheker viel eher das Richtige herausfinden als aus dem„ kurios" Gesprochenen. Ein gefährlicher Unfug ist es, Arzneien oder Rezepte an Bekannte zu verleihen. Einer hat ein gutes Mittel gegen ein bestimmtes Leiden. Ein Freund flagt„ genau über dieselben Krantheitserscheinungen". Warum soll er erst dem Arzte teures Honorar zahlen? Man hilft sich gegenseitig aus und bedenkt nicht, daß ganz verschiedene Krankheiten sehr ähnliche Krankheitserscheinungen auf weisen können. Sparsame oder unbemittelte Mütter, die sich mit Arzneimittelt für ihre franken Kinder aushelfen, können großes Unheil anstiften. 000 Ein Märzentag. Don Emma Dölt. Ueber die Felder und durch den Wald Legt die Chauffee sich in grader Zeile, Und der Märzenwind, schneidend und kalt, Segt darüber in fliehender Eile. Kahl hängt in Ruten das Birkengezweig, Und die hohen Stämme der Buchen Recken sich nackt in der Lüfte Reich, Wie um Wärme und Licht zu suchen. Plötzlich, da fällt ein sonniger Strahl Durch die Wolken nieder zur Halde; Und wie anders mit einem Mal Wirkt die Stille im Frühlingswalde. Ueberall brechen die Knospen hervor, Glänzen in braunen und purpurnen Lichtern. Ueberall sproẞt's aus dem Boden empor, Gleich wie ein Lächeln in alten Gefichtern. Zwei Stunden später. Ein anderes Bild. Hell fällt das Licht herein von der Gasse, Und der Versammlungsfaal ist gefüllt: Männer und Frauen der Arbeiterklasse.. Schwielige Hand und gefurchtes Gesicht Zeugen vom Kampfe ums tägliche Leben. Nur in den Augen ein hoffendes Licht, Hier und dort auch ein müdes Ergeben. th. 52 52 Für unsere Mütter und Hausfrauen Aber nun neigen die Köpfe sich vor, Hell ist die Flamme im Blick entzündet. Ernst schaun sie zur Tribüne empor, Wo eine Heilsbotschaft wird verkündet; Wo das eigene Leben gezeigt Wird im Banne von Pflichten und Lasten, Tief unterm Joche des Reichtums gebeugt, Notgespornt ein wild- grausames Hasten. Aber kein klagendes, duldendes Ach Jst aus all diesen Kehlen gedrungen. Brausend wird die Empörung wach, Wie der Sturmwind sie draußen gesungen. Die Empörung, die trotzig spricht: Anders und besser soll's werden im Leben, Die das Alte und Morsche zerbricht. Um eine neue Welt uns zu geben. Wie nach dem Winter, nach Sturmesgewalt Lacht uns die grünende Hoffnung entgegen, So aus Gesichtern, runzlich und alt, Schimmert ein frühlingsfrohes Regen. Leuchtend der letzte Sonnenstrahl Fält auf erhobene Arbeiterhände. Donnernd schallt das Hoch durch den Saal Und das Lied von der Weltenwende. Feuilleton Blumen und Frauen. Von Werner Peter Larsen. In diesen Tagen muß ich immer an Mutter Falb denken. Ich höre sie da draußen hantieren, sie pußt und scheuert irgend etwas, manchmal trippelt sie auch von der Küche in die Stube und zurück; ich glaube, sie hat gesagt, bald sei irgend ein Fest, und da müsse alles in Ordnung sein. Ich muß immer an Mutter Falb denken, ja, die ganze Zeit, und da size ich nun und denke nach, warum ich das muß; ich meine, das macht vielleicht der kleine franke Geraniumstock, den ich von meinem Fenster aus sehe; nun hat er nur noch drei winzige grüne Blätter, die anderen sind alle vertrocknet und abgefallen, und nun wird er bald sterben. Es ist ein rechter Jammer, Gas in der Wohnung zu haben. Bequem ist es ja, und ich möchte es selbst kaum missen, aber die Blumen, o, die Blumen! Da ist nun dieser Geraniumstock. Es gab eine Zeit seine Jugend, da fragte ich täglich nach ihm, nach seinem Wachsen und Gedeihen; das habe ich nun aufgegeben; ich fühle, es schmerzt Mutter Falb nur, von ihm zu sprechen.... Auf dem Friedhof, wo der alte Falb schläft, da ist eine schöne fette Erde, das muß man wohl sagen, und die Luft ist auch ganz prächtig, so richtig würzig; Stiefmütterchen sind da- die schönsten, die ich je gesehen habe, aber auch die Immortellen lassen sich sehr gut an; da könnte er vielleicht noch aufkommen vielleicht. Ich habe schon gefragt, ob sie ihn nicht hinbringen will, aber nein, das will sie nicht. Sie tat ganz erschreckt. " Dann bin ich ja ganz allein in meinen vier Wänden," sagte sie. Und dann lächelte sie, so ein wenig verlegen, als habe sie eine Dummheit gesagt, nun, ich nickte nur, aber ich sah sehr wohl, daß es ihr Ernst war. Ich kenne dies Gefühl, dies Grauen vor der Einsamkeit.... Ja, also, wie gesagt, den Geraniumstock will sie nicht fortbringen. Nun gießt sie ihn morgens mit Blut und nachmittags mit Kaffee und meint, das könne ihn stärken. Sie macht ein ganz besonderes Gesicht dabei. Sie ahnt ja nicht, daß ich sie be= obachtenein; unlängst habe ich ein junges Weib gesehen, das seinem Sohne die Brust reichte, das hatte so ein Gesicht; daran muß ich nun immer denken. Gott, denke ich oft, diese Frauen! Wie hat man sie geheßt und geschunden, wie hebt man sie heute noch, wieviel schmutzige, schlüpfrige Hände berühren, bedrücken, würgen sie, und da trotz allem! wieviel Liebe! Ich komme immer wieder ab. Ja, ich wollte noch sagen, daß Mutter Falb mir von der anderen Wohnung erzählt hat, ich meine die im Vorort, wo sie noch mit dem Alten wohnte. Das ist eine schöne Wohnung.... Ja, da gediehen die Blumen! Zimmer und Fenster waren dicht besetzt, alles grünte und blühte, und Mutter Falb sagt selbst, daß sie dort das Kind eigentlich nicht sehr vermißte, das sie sich so heiß gewünscht hatte.... Aber hier. Nr. 13 Oft aber am Nachmittag sett Mutter Falb den Kapotthut auf, den alten Kapotthut, den ich nun seit fünf Jahren kenne, streicht sorgsam über ihr Kleid und verläßt das Haus. „ Gehen Sie in den Wald?" Nein, in den Wald geht sie nicht. „ Gehen Sie in den Park?" Ach nein, in den Park dahin auch nicht; da sind so viele feine Herrschaften... und dann all die Pferde und Wagen.... Nein, sie geht nur ein bißchen an die Luft, hinauf zu ihrem Alten. Eine Erde ist da! der reine Humus; und der Totengräber ist auch ein anständiger Mensch: ist das nicht anständigfür das Aufbewahren der Gießkanne und der Kelle das ganze Jahr fünfzig Pfennig? Ja, das muß man sagen. Im übrigen ist da draußen eine Amsel, die sitzt immer über des Alten Grab oben in der Trauerweide das ist ein ganz prächtiger Vogel! Seit vier Jahren kommt sie nun immer wieder. Und wie sie singt! Fast wie eine Nachtigall.... Das ist doch eine rechte Freude, so zu sehen, wie die Wurzelchen angehen und die Stengel sich ranken, da vergißt man oft, daß es ein Grab ist, auf dem sie wachsen ja-; der Alte ist nun auch schon vierzehn Jahre tot, und das Kind das Kind blieb aus, und noch manches andere auch-; nun, es hat wohl nicht sein sollen. Es hat wohl nicht sein sollen.... Aber wenn man so die Blumen sieht und die Amsel hört, dann- vergißt man das oft ganz. Nur der kleine Geraniumstock. Ja, aber vielleicht kommt er dech noch auf, vielleicht doch wenn man ihn gut pflegt und gießt. Wenn Mutter Falb Heimkommt, hängt in ihren Kleidern ein Hauch von Erde und Grün, ja manchmal ist mir, als hörte ich gar die Amsel und sähe die alte Trauerweide im Sonnenschein. So ist es. Früher habe ich nie die Menschen begreifen können, die einen Vogel hatten, einen Kanarienvogel. Das Mindeste für eine Freundschaft, meinte ich, müßte doch ein Pferd sein, ein Hund, eine Kabe; nun aber weiß ich, daß es dessen nicht bedarf, ja, daß es sich ganz gleich bleibt, ob es ein Vogel ist, den man liebt, oder ein Geraniumstock, oder ein blaues Stiefmütterchen. Es bleibt sich wirklich gleich. Und so manches noch. Früher, da konnte ich auch die Frauen nicht begreifen, die alten Mütterchen, die da zum Friedhof pilgerten; ich meinte, sie täten es aus Langeweile, aus Gedankenlosigkeit, ja aus Gewohnheit; heute weiß ich, daß mehr dahinter ist. Ich weiß nun, daß auf dem Friedhof Amseln wohnen, Amseln und Nachtigallen, und daß dort eine Erde ist, eine wahrhaft prächtige Grde, in der die Blumen wachsen, die uns das Leben zertritt. Ich weiß nun, daß es gleich ist, wen man liebt, ob einen Bogel, oder einen Hund, oder ein Stiefmütterchen das weiß ich es ist ganz, ganz gleich. Jemand aber irgend jemand muß man lieben. Und ich weiß auch, daß der Friedhof ein Land ist, ein großes Land für sich, ein stiller Born der Erinnerung, in dem die Jugend wohnt, und so manche schöne Stunden, und Freunde und Geliebte, und Blumen, Blumen Blumen, die uns das Leben zertreten. 0, so vicle Da size ich nun und denke an Mutter Falb, die ganze Zeit schon; es ist vielleicht so eine Friedhofsstimmung in mir; vielleicht ist es auch der kleine Geraniumstock, der nun sterben muß. ,, Sie sollten ein Stück Laubenland pachten," sagte ich. " Ach nein, das ist wohl zuviel. Das ist für jüngere Leute. Und dann ein Laubenland- muß man da nicht immer daran denken, das Geld herauszuwirtschaften? Das muß man doch, nicht? Und das ist das Richtige nicht.... Und anderswo? In den großen Parks, da sind so viel feine Herrschaften, die sehen einen immer so komisch an, weil man schwielige Hände hat und nicht so fein ist.... Und dann bleibt einem dort ja doch alles fremd, es ist ja nichts, das man kennt, wie der kleinste Blumentopf oder wie ein Grab, ein Land, das man lieben kann.... Des Volkes Gärten. In den Kellern und Höfen wohnen keine Amseln, und die Blumen an den Fenstern- o, ich muß immer an Kinder denken, an unsere blassen, blutarmen Kinder; aber gegen die Einsamkeit, ja, und zum Lieben- für die Frauen- da mögen sie ja gut sein.... Diese Frauen! Sind sie nicht ein Wunder? Ich sehe sie an: wie sie ihre Kinder säugen, wie sie ihre Blumen anschauen- ich sche sie über den Gräbern. Sie können noch immer lieben! über Gräbern ja, das ist es wohl. Gräber sind die Gärten unserer Frauen. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. tn Stuttgart.