Für unsere Mütter und Hausfrauen O O O O O O O O 1913 Nr. 15 oooooooo 。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit° Inhaltsverzeichnis: Wir fordern mehr! Von M. Drescher.- Ludwig Uhland. Von Otto Wittner.( Schluß.) Für die Hausfrau. Feuilleton: Drei Tode. Von Leo Tolstoi.( Schluß.) Wir fordern mehr! Von M. Drescher. Wir wollen Brot! Bescheidene Geschlechter Begnügten sich, wenn in erregten Tagen Des Aufruhrs Banner ward vorangetragen, fürs liebe Brot zu stehn als wackre fechter. Wir aber, die wir gründliche Verächter Der Demut sind, wir Ungestümen schlagen, Glaubt man zufrieden uns bei vollem Magen, Ein lautes Lachen an, ein Sohngelächter. Wir fordern mehr. Wir ahnen, was das Leben Vermag an Luft, an Glanz und Glut zu geben! Uns lockt es nicht, das Glück der satten Herde. Wir wollen alles, was erfreut, genießen, Das Reich der Kunst, des Wissens uns erschließen. Wir fordern für uns kühn die ganze Erde. OOO Ludwig Uhland. Bon Otto Wittner. ( Schluß.) Nach diesem völligen Zusammenbruch der demokratischen Bewegung beschränkte sich Uhland wieder ganz auf seine gelehrte Tätigkeit. Die reaktionären Regierungen Preußens und Bayerns hätten nun gern von seinem Ruhm auch für sich ein Kapitälchen gemünzt. Nach einigen Jahren wurden ihm zwei der höchsten Orden, der preußische Pour le mérite und der bayerische Maximiliansorden, angeboten, die mit dem persönlichen Adel verbunden sind. Uhland wies sie zurück. Ich würde," schreibt er an Alexander v. Humboldt, den Ordenskanzler, mit literarischen und politischen Grundsätzen, die ich nicht zur Schau trage, aber auch niemals verleugnet habe, in unlösbaren Widerspruch geraten, wenn ich in die mir zugedachte, zugleich mit einer Standeserhöhung verbundene Ehrenstelle eintreten wollte. Dieser Widerspruch wäre um so schneidender, als nach dem Schiffbruch nationaler Hoffnungen, auf dessen Planken auch ich geschwommen bin, es mir nicht gut anstände, mit Ehrenzeichen geschmückt zu sein, während solche, mit denen ich in Vielem und Wichtigem zusammengegangen bin, weil sie in der letzten Zerrüttung weiterschritten, dem Verlust der Heimat, Freiheit und bürgerlichen Ehre, selbst dem Todesurteil verfallen sind, und doch, wie man auch über Schuld oder Unschuld urteilen mag, weder irgend ein einzelner noch irgend eine öffentliche Gewalt sich aufrichtig wird rühmen können, in jener allgemeinen, nicht lediglich aus kecker Willfür, sondern wesentlich aus den geschichtlichen Zuständen des Vaterlandes hervorgegangenen Bewegung durchaus den einzig richtigen Weg verfolgt zu haben." Trotz allem Zureden blieb Uhland bei seiner Weigerung. In den hohen Jahren seines Alters erlebte er dann noch, wie die scharfe" Reaktion gänzlich abwirtschaftete. Das Bürgertum raffte sich zu einem neuen Vorstoß gegen das Junkerregiment auf, die Tendenzen von 1848 schienen sich siegreich durchzusetzen. Uhland starb, als der Konflikt auf seiner Höhe war, nur furze Zeit noch die Fortschrittsparteien von dem Augenblick zu trennen schien, in dem sie die Herrschaft ergreifen konnten. Gr starb sehr zur rechten Zeit. Es blieb ihm erspart, auch noch den dritten und endgültigen Bankrott bürgerlicher Freiheitskämpfe in Deutschland mit anzusehen. Durch die Entwicklung des Politikers Uhland ist auch sein ganzes dichterisches und schriftstellerisches Werk in den wesentlichen Zügen bestimmt. Seine lhrische und balladische Dichtung ist so volkstümlich wie die keines anderen Romantikers, selbst Eichendorff nicht ausgenommen. Ja man kann sagen, daß sie erst die Romantit volkstümlich gemacht habe. Wie jene nimmt er Motive, Stimmungen, Gestalten des Volksliedes auf, bildet sie fort. Aber bei ihm geschieht das mit voller Selbstverständlichkeit aus einer offenbaren übereinstimmung des Wesens, ohne jeden artistischen Anspruch, ohne die Entdeckerfreude des außerhalb Stehenden, die bei Arnim, bei Tiec oder Brentano oft deutlich sichtbar werden. Sie suchen das Volk, Uhland ist mitten unter ihm. Er hat manche der stehenden Figuren der Romantik vereinfacht, indem er ihnen die individuelle Besonderheit nahm. Aber er verfuhr da, wie es das Volk selber tut, wenn es von den Königskindern oder dem Schneiderlein singt und erzählt. Und wie das Volkslied, spiegelt feine Lyrik die Lebensideale einer vergangenen Kultur. Je weiter sich Uhland als demokratischer Politiker entwickelt, um so tiefer mußte der Gegensah werden zwischen seinem neuen Jdeal dieser lebendigen Zeit und den schönen Abbildern einer gestorbenen. " Weil er es mit der neuen Zeit so ehrlich meinte," erkannte schon Heines scharfer Blick, konnte er das alte Lied von der alten Zeit nicht mehr mit der vorigen Begeisterung weiterfingen." So verstummte Uhland als Lyriker, als er kaum in die Jahre männlicher Vollreife eingetreten war. Als Dramatiker hat er sich mit seinem „ Ernst von Schwaben", seinem Ludwig der Bayer" nicht zur Geltung bringen können. Hier ist Uhland ohne die vorausgehende Leistung Schillers freilich nicht zu denken. Doch behauptet er sich neben ihm durchaus als eigene Persönlichkeit, zum Unterschied von den Dichtern des späteren Epigonendramas, die sich vom Abhub der Tafel Schillers nähren. Neben dem aufregenden Pathos Schillers erscheint uhlands dramatischer Stil in gemessener Würde. Ein kühler Glanz liegt hier über seiner Sprache, der nur selten etwa bei der berühmten Schilderung der Kaiserwahl in „ Ernst von Schwaben"- von wärmenden Lichtern überwallt wird. Dies erklärt aber das Schicksal des Dramatikers nur zum Teil. Es kommt noch hinzu, daß diese beiden Werke Gesinnungsdramen in der edelsten Bedeutung des Wortes sind. Und hierfür war kein Platz auf der Bühne jener Zeit( 1818/19), schon wegen der widrigen Zensurverhältnisse. Die Bühne jener Zeit machte sich ja auch ihren Schiller zurecht und deckte ihren Bedarf hauptsächlich mit den seichten Fabrikaten der Iffland, Kozebue, Raupach. Später mußten Uhlands Dramen in ihrem gehaltenen Ernste wieder die neueren Tendenzdramen der Laube, Prub usw. mit ihrem behenden Wiße und ihren eilfertigen Unterschiebungen moderner Gedankengänge und Wünsche den Nang ablaufen. Unter solchen Umständen hat Uhland seine dramatische Dichtung nicht weitergeführt. Eine lange Reihe von Bruchstücken und Entwürfen zieht hinter den beiden Schauspielen her, die unter keinem guten Theaterstern vollendet worden waren. Und auch Uhlands wissenschaftliche Leistung verdankt ihre tiefsten Antriebe seiner innerlichen Verwurzelung im Volke. Keiner vor ihm hat so tief die Zusammenhänge deutscher Sage und deutschen Mythos erfaßt und aufgehellt. Ein sehr wesentlicher Teil seiner gelehrten Tätigkeit galt dem deutschen Volkslied. Dessen Wesen und Werden hat er in viel fruchtbarerer Weise kritisch erfaßt, als es den Anregern solcher Forschung, Herder oder Arnim und Brentano, noch möglich war. Selbstverständlich war es auch kein Zufall, daß Uhland gerade bei der Gestalt Walters von der Vogelweide lange verweilte, der nicht nur der größte Lyriker, sondern auch der größte politische Dichter des deutschen Mittelalters gewesen ist. Ebenso ist es im demokratischen Grundzug seines Wesens be= gründet, daß er als erster die deutsche Literatur des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts mit gründlichem Verständnis behandelte, jener Zeit also, in der die deutsche Prosa sich ausbildete, in der die Literatur, bis dahin aristokratisches Eigentum einer dünnen Oberschicht, demokratisiert wurde und in der Sprache des Volkes von dessen Nöten und Begehren zu reden begann. uhlands Leben, sein dichterisches wie sein gelehrtes Schaffen sind also in ihrer Wesenheit von einem und demselben Gedankenund Gefühlskern her zu begreifen. Wie denn Dichten im Grunde nichts anderes ist als das Gestalten einer passiv erfahrenen und aftiv ergriffenen Weltanschauung. Ein Geheimnis, das freilich vielen unserer bürgerlichen Literaten und Literaturforscher noch immer nicht aufgegangen ist. Besäße das Bürgertum von heute noch den Mut und die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, so hätte es an Uhlands Gedenktag nur ausrufen können:„ Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem, wir werden nimmer seinesgleichen sehn!" O O O 58 ide be Für die Hausfrau. Für unsere Mütter und Hausfrauen Makkaroni. Sobald die Kartoffeln zu feimen beginnen und damit an Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit verlieren, sollten verständige Hausfrauen recht häufig Makkaroni auf den Tisch bringen, und zwar sowohl als Beigabe zu Fleisch wie als selbständiges Gericht. Maffaroni bilden bekanntlich eine Nationalspeise der Jtaliener. Besonders in Süditalien werden sie in großen Mengen von fliegenden Händlern auf der Straße auf fleinen transportablen Kochmaschinen fertig gekocht, lärmend feilgeboten und zu billigem Preise an die arme Bevölkerung verkauft, die die schmackhaften Hohlnudeln gewöhnlich an Ort und Stelle verspeist. Die dicken Makkaroni, die bei uns fast ausschließlich gekauft werden, kennt der Italiener faum. Er zieht die bindfadendünnen Hohlnudeln bor, die Spaghetti. Diese schmecken in der Tat weit feiner als die dicken Maffaroni, die immer etwas Teigiges behalten. Auch die kürzere Kochdauer der Spaghetti ist ein nicht zu unterschäßender Vorzug. Brauchen die dicken Makkaroni mindestens 3/4 Stunden zum Garwerden, so find die Spaghetti in dem dritten Teil der Zeit fertig. Die Hausfrauen tun gut, dort, wo Spaghetti nicht erhältlich sind, ihre Lieferanten zur Anschaffung zu veranlassen; in Deutschland werden recht gute Spaghetti von der bekannten Firma Knorr hergestellt. Der Nährwert der Makkaroni ist sehr hoch. Ein Kilo liefert 3500 Kalorien oder Wärmeeinheiten. 100 Gramm Makkaroni enthalten 9 Gramm Eiweiß und 78 Gramm Kohlehydrate. Makkaroni sind aber nicht nur sehr nahrhaft, sondern auch leicht verdaulich und im Darme gut ausnutbar. Nährwert und Ausnutzbarkeit steigen, wenn die Nudeln mit Eiern hergestellt sind, ferner dann, wenn man zu dem fertigen Gericht nach italienischer Sitte geriebenen Käse reicht. Der harte Parmesankäse, der sich vorzugsweise dazu eignet, obwohl auch trockener Schweizerkäse dazu berwendbar ist, enthält 35 bis 40 Prozent Eiweiß, also doppelt soviel, als im Fleisch enthalten ist. Bereitet man die Speise noch mit der nötigen Menge Fett, so stellt sie eine hochwertige Nahrung dar. Bei einer ganzen Reihe von Stoffwechselfrankheiten bilden Makkaroni eine besonders geschäßte Nahrung, da sie keine Harnsäure erzeugen. Jedenfalls sind die Makkaroni berufen, eine hervorragende Rolle in der Ernährung aller derer zu spielen, die vorübergehend oder dauernd gezwungen sind, vegetarisch zu leben, sei es, daß Fleischgenuß für sie unerschwinglich teuer, sei es, daß er aus gesundheitlichen Gründen nicht ratsam für sie ist. Bei der Bereitung der Makkaroni ist darauf zu achten, daß man sie in sprudelnd kochendes Wasser gibt. Mit nur warmem Wasser angesetzt, bekommen sie eine fleisterartige Beschaffenheit, ebenso dann, wenn man sie zu lange kochen läßt. Da sie bcsonders im Anfang sehr leicht überkochen, darf man den Topf nicht fest zudecken. Will man Makkaroni in der Kochkiste ausquellen, so läßt man sie fünf Minuten vorkochen und stellt sie dann fest zugedeckt in die Kochkiste; dicke Makkaroni brauchen in der Rochtiste 1/2 bis 2 Stunden, Spaghetti% Stunden zum Garwerden. Die Spaghetti pflegt man zum Kochen nicht in Stücke zu zerbrechen, wie es bei den anderen Makkaronisorten üblich ist. Das ganze Bündel Spaghetti taucht man mit den Enden in das siedende Salzwasser. In wenigen Augenblicken werden sie weich und biegsam, so daß sie in dem Kochtopf bequem Platz finden. Sparsame Hausfrauen gießen das Kochwasser der Makkaroni nicht fort, sondern verwenden es zu Suppen und Saucen. Es empfiehlt sich, in das gesalzene Wasser eine Zwiebel zu geben, in die 1 bis 2 Nelken gesteckt wurden. Beim Anrichten der Makkaroni wird die Zwiebel mit den Nelken entfernt. Wenn man will, kann man die Makkaroni auch in leichter Fleischbrühe( aus Bouillonwürfeln) garkochen lassen. übriggebliebene Makkaroni lassen sich als Suppencinlage verwenden. Makkaroni mit Butter. Die gargefochten Maffaroni werden zum Abtropfen auf einen Durchschlag geschüttet. Dann gibt man sie in eine gewärmte Schüssel, bestreut fie mit etwas ge= riebenem Parmesantäse, unter den man nach Belieben ein wenig Pfeffer und Muskatnuß gemischt hat, und überfüllt sie mit zerlaffener oder brauner Butter. In das Butterpfännchen gibt man 1 bis 2 Löffel Milch, tocht damit den Sazz los, sprißt ein paar Tropfen Maggiwürze hinein und gießt diese Sauce über die Maffaroni. Etwas geriebener Parmesankäse wird nebenher gereicht. Makkaroni mit Tomatensauce. Die nach Vorschrift gefochten und abgegossenen Maffaroni läßt man mit etwas Butter, Tomatenbrei und geriebenem Parmesankäse auf fleinem Feuer gut durchziehen und gießt beim Anrichten etwas seimige Tomatenfauce obenauf. Reste von gekochtem Schinken oder Kasseler RippenNr. 15 speer fann man flein hacken und unter die fertigen Makkaroni mischen. Gebackene Makkaroni. Gargekochte Makkaroni gibt man in eine gefettete Schüssel, die Bachige verträgt. Auf ½ Pfund Hohlnudeln nimmt man 1 bis 2 Gier, verquirlt sie mit reichlich 1 Liter guter Milch, noch besser mit saurer Sahne, sprizt etwas Maggiwürze daran, gibt Salz, wenig Pfeffer und geriebene Muskatnuß dazu und übergießt damit die Makkaroni. Sehr gut schmeckt es, wenn man auf eine Schicht Makkaroni eine dünne Schicht gehackter Fleisch- oder Schinkenreste legt und darüber wieder eine Schicht Makkaroni. Obenauf streut man geriebenen Parmesankäse und geriebene Semmel, verteilt Butterflöckchen darauf und läßt das Gericht 2 Stunde lang im Bratofen backen. Eine Tomatensauce paßt dazu, ist aber nicht unbedingt nötig. Schichtet man statt des Fleisches geschmorte Pilze zwischen die Makkaroni, so bleibt die Sauce fort. Makkaroni mit Apfelmus. In Salzwasser abgefochte Makkaroni bedeckt man mit einer Lage Apfelmus, streut Zucker und Zimt darüber und begießt die Speise mit brauner Butter. Auf ein halbes Pfund Makkaroni rechnet man im allgemeinen 50 Gramm Butter. M.It. Esbare Pilze im Frühling. Die meisten Hausfrauen meinen, daß es von den teuren Morcheln und Lorcheln abgesehen nur im Sommer eßbare Pilze gibt. Das ist ein Irrtum. Mit den ersten Frühlingsblumen in Wäldern und auf Wiesen stellen sich auch mancherlei Arten guter Pilze ein. Gerade in dieser Zeit, wo grüne Gemüse noch selten und teuer sind, können sie eine wohlschmeckende, nahrhafte und auch wohlfeile Bereicherung des Speisezettels bilden. Bei den hohen Preisen des gesamten Lebensbedarfes und der Lebensmittel im besonderen sollten daher unsere Hausfrauen auf die Verwendung solcher Pilze bedacht sein. In vielen Orten werden sie diese sich recht billig oder ganz kostenlos verschaffen können. Nur in wenigen Gegenden Deutschlands kennt man die wichtigsten Arten eßbarer Frühlingspilze und bringt sie auf den Markt. In fleinen Städten oder auf dem Lande wird es in der Folge vielen unserer Leserinnen möglich sein, selbst die Pilze zu sammeln oder von den größeren Kindern sammeln zu lassen. Wenn das Einholen nicht unter dem Drucke der Not oder auch ohne diese unter dem alles beherrschenden Gefühl geschieht, daß im Handumdrehen große Mengen Bilze zusammengetragen werden müssen: so fönnen diese Streifereien durch Wälder und Wiesen in der frischen, würzigen Frühlingsluft, in all dem Schöpfungsjubel neu erwachenden Lebens in der Natur zur, Quelle schönster Freuden und anregender Beobachtungen werden, von ihrer gesundheitlichen Bedeutung ganz zu schweigen. Im nachstehenden seien einige der eßbaren Frühlingspilze aufgezählt. An der Wurzel alter Buchen- und Eichenstämme treten bereits zeitig im Frühjahr die Stockschwämmchen( Agaricus mutabilis) auf, fleine, zierliche Hutpilze von zimmetbrauner Farbe, die in größeren Büschen beieinanderstehen. Sie geben eine vorzügliche Pilzsuppe, die man mit Zugabe von etwas Graupen, Reis oder Haferflocken recht nahrhaft machen kann; sie sind aber auch als Gemüse wohlschmeckend. Auch andere Pilze, deren eigentliche Zeit in den Sommer und Herbst fällt, treten oft genug zahlreich im Frühjahr auf, zumal wenn das Wetter warm ist. Wir nennen von ihnen den Parasol- oder Schirmpilz( Agaricus procerus), der gut ausgewachsen schon von weitem durch seine Größe auffällt. Sein Hut hat dann einen Durchmesser von 20 bis 30 Zentimeter und zeigt in der Mitte eine braune Erhöhung. Die braune Haut plant, so daß das weiße Fleisch zu sehen ist und der Schirm wie mit fleinen aneinandergereihten Schuppen besetzt erscheint. Wenn der Bilz noch nicht ausgewachsen ist, so ist der Hut geschlossen und gleicht einem geschuppten Ei oder auch einem geschuppten Bautenschlegel. Der Stiel ist schön braun gezeichnet, unten knollig verdickt und hat oben einen lederartigen Ring, der so lose aufsitzt, daß er sich verschieben läßt. Der Parasolschwamm sollte jung gesammelt und gegessen werden, dann hat er einen angenehmen säuerlichen Geschmack und kräftiges Aroma, ausgewachsen wird er etwas zäh. In großen Trupps beieinander erscheint zumal nach warmem Regen schon im Mai der Nelkenschwindling, Nägleinpila oder Heidemusseron( Marasmius oreades), der im Sommer und Herbst besonders üppig wächst. Wir finden ihn nicht bloß im Walde auf Holzschlägen, Graspläßen und an Wegen, sondern auch auf Wiesen. Seinen Namen verdankt er in vielen Gegenden dem feinen Duft, der an Gewürznelfen erinnert. Der gelbe, dünne Stiel, wegen deffen der Pilz auch Dürrbein genannt wird, ist mit einem feinen weißlichen Filz bedeckt und wird bis zehn Zentimeter hoch. Der ledergelbe oder hellbräunliche Hut ist dünnfleischig, seine Blätter find nur locker angewachsen und stehen weit Nr. 15 Für unsere Mütter und Hausfrauen auseinander. Nur selten erreicht er einen Durchmesser von 6 Bentimeter. So gibt der einzelne Pilz„ nicht sehr aus", da aber der Heidemusseron stets in großen Gruppen beieinander wächst, ist sein Sammeln leicht und lohnend. Dieser Pilz hat einen besonders feinen Geschmad und eignet sich namentlich als Würze zu BouilIon, Graupen-, Reis- und Hafersuppen, doch kann er auch als Gemüse zubereitet werden. Auf Wiesen und auf Wegen findet man den echten Mai= schwamm, Mairaßling oder Hufritterling( Agaricus gambosus), dessen Hut spannenbreit werden kann, der Stiel etwa 10 Zentimeter hoch. Der weißgelbliche Hut ist anfangs halbfugelig. Die weißlichen Lamellen oder Blätter stehen an der unteren Seite dicht beieinander, wo sie an den Stiel stoßen, find sie bogig gerandet. Mit dem Maischwamm verwandt ist der Milchpilz, auch starkriechender Maischwamm genannt( Agaricus graveolens), der im Frühling auf Wiesen und im Gebüsch häufig auftritt. Er ist groß und graubräunlich. Beide Pilze fallen durch ihren kräftigen, nachhaltigen Geruch auf, wenn man sie auseinanderbricht, und sind sehr wohlschmeckend. Der Pflaumenpilz oder Mehlschwamm( Agaricus prunulus) bevorzugt im Walde grafige und moosige Plätze und wächst aber auch an Wegen. Sein weißer Hut lenkt die Blicke auf sich, er wird so groß wie ein Dreimarkstück, ja wie eine Hand und fitzt selten mit der Mitte auf dem Stiel. Die anfänglich weißen, dann fleischfarbenen Lamellen stehen weit auseinander, laufen zum Teil noch am Stiel herab. Die Haut des Hutes fühlt sich glatt au wie Glacéleder und wird bei feuchtem Wetter leicht klebrig. Auch dieser Pilz riecht aufgebrochen start nach Mehl, sein Geschmack ist eigenartig, aber angenehm. Alle eßbaren Pilze verleihen der Bouillon und vielen Gerichten, wie Reis, Mattaroni usw., einen Wohlgeschmack, ebenso geben fie vorzügliche Suppen, und größere Arten mit fleischigem Hut und Stiel sind als Gemüse vorzüglich. Wir haben wiederholt Anweisungen für die verschiedenartige Zubereitung veröffentlicht. Damit unsere Leserinnen bei der Unterscheidung eßbarer und schädlicher Pilze ganz sicher gehen, empfehlen wir ihnen die Anschaffung eines guten Bilzführers" mit farbigen Abbildungen. Die Ausgabe macht sich bald bezahlt. " Feuilleton Drei Tode. Von Leo Tolstoi. ( Schluß.) Der franke Kutscher war in der dumpfen Stube auf dem Ofen geblieben. Er hustete nicht, drehte sich erschöpft auf die andere Seite und ward stille. In der Stube gingen bis zum Abend Leute ein und aus und aßen und tranfen. Den Kranken hörte man nicht mehr. Bevor es Nacht wurde, kroch die Köchin auf den Ofen und warf ihm einen Schafpelz über die Füße. " Sei nicht böse auf mich, Nastaßia," murmelte der Kranke;„ ich werde dir bald den Winkel räumen." " Gut, gut, tut nichts," brummte Nastaßja.„ Wo tut's dir weh, sag' doch, Onkel?" " Hier drin, alles, alles abgezehrt. Gott weiß, was." " Und tut dir die Kehle weh, wenn du hustest?" „ Überall tut es weh. Mein Tod ist gekommen, ach, ach, ach!" stöhnte der Kranke. " Deck dir nur die Beine zu; so, siehst du," sagte Nastaẞja, indem sie den Rock über ihn deckte und vom Ofen herunterstieg. Während der Nacht beleuchtete ein schwaches Nachtlicht die Stube. Najtagja und an die zehn Kutscher schliefen laut schnarchend auf der Diele und auf den Bänken. Nur der Kranke röchelte schwach, hustete und drehte sich auf dem Ofen von einer Seite auf die andere. Am Morgen ward er ganz stille. " Merkwürdig, was ich heute nacht geträumt habe," sagte die Köchin, als sie am anderen Morgen in der Dämmerung sich aus dem Schlafe reckte. Ich sah, Onkel Chfjodor kriecht vom Ofen herunter und geht hinaus, um Holz zu hauen. Hör', Nastasia, sagte er, ich will dir helfen, und ich sage ihm, was, du willst Holz hauen? Da nimmt er euch die Art und beginnt zu hauen, so schnell, daß die Späne fliegen. Was, sage ich, du bist ja doch krank gewesen? Nein, sagte er, ich bin gesund. Und wie er ausholt, wird mir ganz angst. Ich schreie auf... und ich bin wach.- Ist er bielleicht gestorben?... Onkel Chfjodor! He, Onkel!" Fjodor gab feine Antwort. 59 " Ist er gestorben? Muß doch mal sehen," sagte einer der Kutscher, der jetzt erwachte. Die bleiche, von rötlichen Haaren bedeckte Hand, die vom Ofen herabhing, war kalt und bleich. „ Das muß man dem Posthalter sagen. Er scheint tot zu sein," sagte der Kutscher. Verwandte hatte Fjodor nicht, er war von weither gekommen. Am folgenden Tage begrub man ihn auf dem neuen Kirchhof hinter dem Wäldchen, und Nastaßja erzählte noch viele Tage allen ben Traum, den sie gehabt hatte, und daß sie die erste war, welche Onkel Fjodor gesehen hatte. III. Der Frühling war gefommen. Durch die nassen Straßen der Stadt rieselten zwischen den aufgehäuften Schneehügeln hurtige Bächlein dahin; die Farben der Kleider, der Klang der Stimmen der spazierenden Menge war hell, in dem Gärtchen hinter den Zäunen sprangen die Knospen der Bäume auf, und ihre Zweige wurden kaum hörbar von einem frischen Winde geschaukelt. Überall flossen und tropften durchsichtige Tropfen herab.... Die Spazzen piepsten durcheinander und versuchten, sich auf ihren kleinen Schwingen zu erheben. Auf der Sonnenseite, auf Heden, Häusern und Bäumen war alles in Bewegung und Glanz. Freude, Jugendfrische wob am Himmel und auf Erden und in den Herzen der Menschen. In einer der Hauptstraßen vor einem großen Herrenhause war frisches Stroh ausgebreitet; im Hause war dieselbe dem Tode entgegengehende Kranke, die ins Ausland geeilt war. An der verschlossenen Tür des Zimmers standen der Gatte der Kranken und eine greise Frau. Auf dem Sofa saß ein Priester. Er hatte die Augen gesenkt und hielt mit den Händen einen Gegenstand in sein Schultertuch eingewickelt. In der Ecke lag in einem großen Lehnstuhl eine alte Dame, die Mutter der Kranken, und weinte bitterlich. Neben ihr hielt eine Dienerin ein sauberes Taschentuch in der Hand, um es der Alten zu reichen, wenn sie es berlangte; eine andere trocknete der Alten die Schläfen und blies ihr unter die Haube auf das graue Haupt. " Nun, Gott mit Ihnen, liebe Freundin," sagte der Gatte zu der alten Dame, welche neben ihm an der Türe stand.„ Sie hat solches Vertrauen zu Ihnen, Sie verstehen es so gut, mit ihr zu sprechen, reden Sie ihr doch zu Herzen, teure Freundin, gehen Sie, bitte." Er wollte ihr schon die Türe öffnen, aber seine Cousine hielt ihn zurück, legte wiederholt das Tuch an die Augen und schüttelte den Kopf. Nicht wahr, jeßt, glaube ich, bin ich nicht verweint?" sagte sic, öffnete selbst die Tür und ging hinein. Der Gatte war in starker Erregung und schien ganz verstört. Er ging auf die alte Dame zu, aber schon nach wenigen Schritten kehrte er um, ging durch das Zimmer und trat an den Geistlichen heran. Der Geistliche sah ihn an, zog die Augenbrauen in die Höhe und seufzte. Auch sein dichter, mit grauen Fäden durchzogener Bart hob und senkte sich. 11 , Gott, o Gott!" sagte der Gatte. " Was ist zu machen?" sagte der Geistliche seufzend, und wieder hoben und senkten sich seine Augenbrauen und sein Bärtchen, „ Ach, und die Mutter da!" sagte der Gatte fast verzweifelt.„ Sie wird es nicht überleben, sie liebt sie doch so sehr, so sehr, wie sie ... ich weiß gar nicht. Wenn Sie, Väterchen, versuchen wollten, sie zu beruhigen, ihr zuzureden, daß sie hinausgehe." Der Geistliche erhob sich und näherte sich der alten Dame. " Wahrlich, ein Mutterherz kann niemand ergründen," sagte er, , aber Gott ist barmherzig." Das Gesicht der alten Dame geriet plöblich in starke Zuckungen, und ein hysterisches Echluchzen schüttelte fie. „ Gott ist barmherzig," fuhr der Geistliche fort, als sie sich ein wenig beruhigt hatte. Ich will Ihnen sagen: in meinem Kirchspiele war ein Kranker, viel schlimmer als Maria Dmitrijewna, und was geschah? Ein einfacher Bürgersmann hat ihn mit Kräutern in furzer Zeit gesund gemacht, und dieser Bürgersmann ist gerade jetzt in Moskau. Ich habe es Waffilij Dmitrijewitsch gefagt. Man tönnte doch versuchen. Wenigstens wäre es für die Krante ein Trost. Bei Gott ist alles möglich." " Nein, fie fann nicht mehr leben," sagte die alte Dame.„ O, hätte mich Gott zu sich genommen statt ihrer." Und das hysterische Schluchzen wurde so stark, daß sie bewußtlos zusammenfant. Der Gatte der Kranken bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging eilig aus dem Zimmer. Der erste, der ihm im Flur entgegenkam, war sein sechsjähriger Knabe, der dem jüngeren Töchterchen, so schnell er konnte, nachlief. 60 Für unsere Mütter und Hausfrauen " Wünschen Sie nicht, daß man die Kinder zur Mama bringe?" fragte das Mädchen. " Mein, sie will sie nicht sehen, es könnte sie aufregen." Der Kleine blieb einen Augenblick stehen, sah dem Vater lange ins Gesicht, dann stieß er mit dem Fuße aus und lief mit fröhlichem Geschrei weiter. ..Sie ist der Rappe, Papachen," rief der Knabe, auf die Schwester zeigend. Währenddessen saß die Cousine im anderen Zimmer bei der Kranten und suchte durch ein künstlich geführtes Gespräch sie auf den Tod vorzubereiten. Am anderen Fenster mischte der Arzt einen Trant. Die Kranke saß in einer weißen Jacke, ganz von Kissen umgeben, auf ihrem Bette und sah die Cousine schweigend an. " Ach, meine Liebe," sagte sie, unerwartet einfallend,„ bereite mich nicht vor! Halte mich nicht für ein Kind. Ich bin eine Christin. Ich weiß alles. Ich weiß, daß ich nicht mehr lange zu leben habe; ich weiß, wenn mein Mann mir früher gefolgt hätte, wäre ich in Italien, und vielleicht- ja gewiß wäre ich gesund. Das haben ihm alle gesagt, aber was ist da zu machen? Gott hat es offenbar so gefallen. Wir haben alle viele Sünden, ich weiß es; aber ich hoffe auf Gottes Barmherzigkeit, er vergibt allen, ja er vergibt allen. Ich habe mein Innerstes durchforscht. Auch ich habe viele Sünden, meine Liebe. Aber wieviel hab ich dafür gelitten! Ich habe mir Mühe gegeben, meine Leiden mit Geduld zu tragen...." „ Soll ich den Priester holen lassen, meine Liebe? Es wird Ihnen leichter sein, wenn Sie das Abendmahl genommen haben," sagte die Cousine. Die Kranke neigte den Kopf zum Zeichen der Zustimmung. ,, Gott verzeihe mir Sündigen," flüsterte sie. Die Cousine ging hinaus und winkte dem Geistlichen. " Sie ist ein Engel," sagte sie zu dem Gatten mit Tränen in den Augen. Der Gatte begann zu weinen. Der Priester ging in das Zimmer, die alte Dame lag noch immer bewußtlos da, und in dem ersten Zimmer wurde es vollkommen still. Fünf Minuten später trat der Priester zur Tür heraus, nahm sein Schultertuch ab und strich sich das Haar zurecht. " Gott sei Dant, jetzt ist sie ruhiger," sagte er, sie wünscht Sie zu sehen." Die Cousine und der Gatte gingen hinein. Die Kranke weinte still und hielt die Augen auf das Heiligenbild gerichtet. " Ich wünsche dir Glück, meine Liebe," sagte der Gatte. „ Ich danke.... Wie wohl ist mir jetzt, welche unbegreifliche Seligkeit fühle ich," sagte die Kranke, und ein leichtes Lächeln spielte um ihre feinen Lippen. Wie Gott barmherzig ist, nicht wahr? Er ist barmherzig und allmächtig!" Und wieder richtete sie ihre tränenvollen Augen mit inbrünstigem Gebet auf das Bild. Dann schien ihr ein Gedanke zu kommen. Sie winkte ihren Gatten herbei. Du willst nie tun, um was ich dich bitte," sagte sie mit schmerzlicher, mürrischer Stimme. Der Gatte streckte ihr den Kopf entgegen und hörte ihr demütig zu. " Was, meine Liebe?" Wie oft habe ich dir gesagt, diese Ärzte verstehen gar nichts. Es gibt einfache Frauen aus dem Volke, die verstehen Der Geistliche hat mir gesagt... ein Bürgersmann... laß ihn doch holen!" " Wen, meine Liebe?" „ O Gott, er will nicht verstehen!" Stirn und schloß die Augen. Die Kranke runzelte die Der Arzt trat an sie heran und erfaßte ihre Hand. Der Puls wurde merklich schwächer. Er winkte dem Gatten, die Kranke be= merkte diese Bewegung und sah sich erschrocken um. Die Cousine wandte sich ab und weinte. ,, Weine nicht, quäle mich und dich nicht," sagte die Kranke,„ das nimmt mir die letzte Nuhe." " Du bist ein Engel," sagte die Cousine und füßte ihr die Hand. " Nein, küsse mich hier, nur Toten füßt man die Hand. O mein Gott, o mein Gott!" An demselben Abend war die Kranke eine Leiche, und der Leichnam lag im Sarge in dem Saale des großen Hauses. In dem großen Zimmer saß hinter verschlossener Tür ein Küster und las näselnd in einförmigen Tönen die Psalmen Davids. Das grelle Licht einer Wachskerze fiel von dem hohen, silbernen Leuchter auf die blasse Stirn der Entschlafenen, auf die schweren, wachsfarbigen Hände und die starren Falten des Leichentuches, das auf den Knien und Zehen unheimlich emporstarrte. Der Küster las, ohne ein Wort zu verstehen, eintönig, und seine Worte schallten seltsam durch das stille Zimmer und erstarben. Von Zeit zu Zeit flangen aus dem entfernten Zimmer Kinderlaute und Kinderschritte herüber.„ Verbirgest du dein Angesicht, so erschrecken fie," Nr. 15 so lautete der Psalm," du nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub. Du lässest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und verneuerst die Gestalt der Erde. Die Ehre des Herrn ist ewig." Das Antlitz der Verstorbenen war ernst und majestätisch. Keine Regung auf der klaren, kalten Stirn, auf den fest verschlossenen Lippen. Sie war ganz Aufmerksamkeit. Aber verstand sie wenigstens jetzt diese erhabenen Worte? IV. Einen Monat später erhob sich über dem Grabhügel der Entschlafenen eine steinerne Kapelle. Auf dem Grabe des Kutschers war noch immer kein Stein, und nur das hellgrüne Gras sproß aus dem Hügel, das einzige Abzeichen eines vergangenen Menschendaseins. " Du begehst eine Sünde, Serjoga," sagte eines Tages die Köchin im Stationshaus, wenn du dem Chfjodor keinen Stein kaufst. Erst hast du gesagt, es ist Winter. Warum aber hältst du jetzt nicht dein Wort? Ich war dabei, wie du es versprochen hast. Er ist schon einmal zu dir gekommen, dich zu bitten. Kaufst du den Stein nicht, so kommt er noch einmal und würgt dich." ,, Was denn, weigere ich mich denn?" antwortete Serjoga.„ Ich faufe einen Stein, wie ich versprochen habe, ich kaufe einen, für ein und einen halben Rubel kaufe ich einen, ich habe es nicht vergeffen, aber ich muß ihn doch herbringen. Wenn es eine Gelegenheit in der Stadt gibt, dann kaufe ich ihn." " Wenn du ihm wenigstens ein Kreuz seßen würdest. Das wäre noch," bemerkte ein alter Kutscher. Aber das ist schlecht von dir. Seine Stiefel trägst du!" " Wo aber soll ich ein Kreuz hernehmen? Aus einem Holzscheit kann ich doch keines schneiden!" " Was du sagst, aus einem Holzscheit kannst du keines schneiden? Nimm die Art, gehe am frühen Morgen in den Wald, da kannst du eines schneiden. Haust eine kleine Esche um, gleich hast du dein Kreuz. Sonst mußt du dem Waldhüter noch ein Schnäpschen geben.... Für jede Lumperei kann man doch nicht Schnaps geben. Vor ein paar Tagen habe ich eine Wage zerbrochen, ich habe eine neue, sehr gute gezimmert. Kein Mensch hat ein Wörtchen gesagt." Am frühen Morgen vor Tagesgrauen nahm Serjoga die Art und ging in den Wald. über der ganzen Natur lag der kalte, matte Schleier des noch immer fallenden, noch nicht von der Sonne beleuchteten Taues. Der Osten wurde allmählich hell und spiegelte sein schwaches Licht an dem von leichten Wolken umzogenen Himmelsgewölbe. Kein Gräslein am Boden, kein Blatt in den Wipfeln der Bäume regte sich. Nur selten unterbrach Flügelschlag im dichten Laubwerk oder Rascheln am Boden die Stille des Waldes. Plötzlich erklang ein sonderbarer, der Natur fremder Laut und erstarb am Saume des Waldes. Aber wieder wurde der Laut vernehmbar und erklang wiederholt gleichmäßig unten am Stamme eines der unbeweglichen Bäume. Ein Wipfel erbebte mächtig, seine saftigen Blätter flüsterten etwas, eine Grasmücke, die auf einem der Zweige saß, flog pfeifend zweimal auf, schüttelte ihren Schweif und setzte sich auf einen anderen Baum. Dumpfer und dumpfer tönte die Art, saftige weiße Späne flogen auf das taufrische Gras, und ein leichtes Krachen wurde durch die Schläge vernehmbar. Der Baum erzitterte am ganzen Körper, neigte sich vor, richtete sich schnell auf und schwankte erschrocken im Wurzelwerk hin und her. Einen Augenblick verstummte alles, aber wieder neigte sich der Baum, ein Krachen in seinem Stamme ließ sich vernehmen, und, die üste brechend und Zweige zerstörend, stürzte er mit dem Wipfel auf den feuchten Boden. Der Klang der Art und die Schritte waren verstummt, die Grasmücke pfiff und flatterte in die Höhe. Der Zweig, den sie mit ihren Flügeln berührt hatte, schaukelte eine Weile, dann erstarb er wie die anderen mit all seinen Blättern. Die Bäume trugen mit stolzerer Freude in dem neugewonnenen Raume ihre unbeweglichen Zweige. Die ersten Strahlen der Sonne durchbrachen die lichter wer dende Wolke und hüllten Erde und Himmel in Glanz. Ein Nebel ergoß sich wellenartig über die Talgründe. Der Tau spielte glibernd im Grün, die durchsichtigen weißen Wölfchen zogen eiligen Laufes am blauen Firmament dahin. Die Vögel regten sich im Dickicht und zwitscherten mutwillig von Glück; die saftigen Blätter in den Baumkronen flüsterten freudig und friedlich, und die Zweige der lebendigen Bäume rauschten langsam, majestätisch über dem toten, entschwundenen Baume. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.$. in Stuttgart.