Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 16° O O O O O O O Beilage zur Gleichheit oooooooo Inhaltsverzeichnis: Ein Blatt aus der Geschichte der Revolution in Deutschland. Feuilleton: Ferne Lichter. Von Korolento. Die Spinne. Von Max Barthel. Las Cigarreras. Von M. Andersen Nerö. Ein Blatt aus der Geschichte der Revolution in Deutschland. Die Revolution vom März 1848 starb, ohne ihr Ziel erreicht zu haben: die Junghämmerung der feudalen Kleinstaaten zu dem einen freien Deutschland. Aber sie starb nicht rasch, nicht niedergestreckt von einem gewaltigen Keulenschlag der Reaktion, der die ungebrochene Kraft der vormärzlichen herrschenden Mächte gefündet hätte. Sie wurde langsam gemeuchelt durch die Schuld der Bourgeoisie, die die Revolution verriet. Die deutsche Bourgeoisie wollte sich auch fürderhin lieber von Gottesgnadentum, Burcaufratie und Büttelwillkür treten lassen, als durch volle politische Demokratie der emporstrebenden Arbeiterklasse Bewegungs- und Kampfesfreiheit zu gönnen. Die deutsche Nationalversammlung zu Frankfurt a. M. wagte nicht, Deutschland als Republik zu proklamieren. Sie wagte nicht, der Reichsverfassung, die sie ausarbeitete, die einzig wirksame Bürgschaft dafür zu schaffen, daß fie mehr ward als ein Blatt Papier, das die reaktionären Regierungen hohnlachend in Feßen rissen: die allgemeine Voltsbewaffnung. Die beschlossene Reichsverfassung vom März 1849 sollte Deutschland ein Erbkaisertum bescheren. Das Frankfurter Parlament fügte dem großen geschichtlichen Drama des Berliner Barrifadenkampfes eine verächtlich- groteste Posse hinzu. Mit geringer Majorität wählte es Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum Kaiser der Deutschen. Aber der Mann, der im Schloßhof noch vor den erschlagenen Freiheitshelden gezittert hatte, war unterdessen ins reine darüber gekommen, wie wenig er deren schwatselige und verratslüsterne Erben zu fürchten brauchte. Drohend ließ er in seiner Rede Preußens Schild und Schwert flirren, als er den Reif aus„ Dreck und Letten" zurückwies, dem allzu wahrnehmbar der Ludergeruch der Revolution" anhaftete. Abgesehen von allem anderen, was dieses Geschenk seinem altpreußischen Haß gegen die Revolution verdächtig machte, stieß ihn die Reichsverfassung namentlich dadurch ab, daß sie einen gefeßgebenden Reichstag schaffen wollte, bestehend aus zwei Körperschaften, von denen die eine das Volkshaus aus allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen hervorgehen sollte. Was die Reichsverfassung brachte, war wenig genug, gemessen an den stolzen Hoffnungen derer, die mit glühender Seele ihre Kraft und ihr Leben für die Revolution eingesetzt hatten, die Mutter der Freiheit. Aber immerhin war es ein Fortschritt über das vormärzliche politische Elend hinaus. In blutigen Aufständen ist daher für die Reichsverfassung gestritten worden, als die Regierungen daran gingen, dem deutschen Volke auch diese bescheidene Frucht der Revolution zu rauben. Wie die Dinge lagen, konnten diese Aufstände nicht zum Siege führen. Aber sie waren die einzigen tatkräftigen Versuche, die Revolution selbst zu retten, und die Beteiligung an ihnen zumal in Sachsen, im Rheinland und in Westfalen bildet ein ehrenvolles Blatt in der Geschichte der deutschen Arbeiterklasse. * * Jm Königreich Sachsen wurde 1849 zuerst die Fahne der Rebellion für die Reichsverfassung erhoben. Das schlechte Beispiel Friedrich Wilhelms IV. stärkte den reaktionären Eigensinn seines sächsischen Berufsgenossen. Der König von Sachsen weigerte sich hartnädig, die Reichsverfassung anzuerkennen. Der Landtag, ein Kind des 1848er Freiheitssehnens, hielt daran fest, diese Anerkennung entschieden zu fordern, und erklärte die Regierung des Verfassungsbruchs für schuldig. Diese machte mit der unbotmäßigen Bolfsvertretung kurzen Prozeß, sie hatte die Augen dem Herde der Reaktion, Berlin zugewandt. Im richtigen Gottvertrauen auf die Feigheit der Spießbürger hatte dort Friedrich Wilhelm IV. schon im November 1848 die preußische Nationalversammlung durch den alten Gamaschenknopf Wrangel mit dem Säbel verjagen lassen. Der„ milde und gerechte" König von Sachsen blieb taub gegen die Mahnungen und Bitten zahlreicher Abordnungen aus dem Lande. Am 30. April ließ er das Parlament auflösen und sagte damit dem Volke die Fehde an. 1913 So geschah, was unter den Umständen unausbleiblich war. Am 3. Mai erfolgte in Dresden eine Kundgebung der Bürgerwehr gegen die Regierung und ein Versuch der Arbeiter, sich aus dem Zeughaus zu bewaffnen. Es kam dabei zu einem blutigen Zusammenstoß mit dem Militär. Die Bürgerwehr handelte nach ihrer Natur als eine Schutzgarde des„ honetten Bürgertums" und seiner Ordnung der weisen Mäßigung". Sie erwählte die Vorsicht als der Tapferkeit besseren Teil und zog sich zurück, als das Pfeifen der Kugeln die tönenden Worte von Demonstrationen ablöste. Im Bewußtsein seiner Schuld und auf die Rettung der Reaktion durch preußische Bajonette bauend, floh der König mit seinen Ministern auf die Feste Königstein. Am 4. Mai tonstituierte sich eine provisorische Regierung von drei Mitgliedern, die die verschiedenen Grüppchen der Opposition im aufgelösten Landtag vertraten. Der Dreimännerausschuß war der revolutionären Lage durchaus nicht gewachsen, wie ernst es auch Heubner mit der Reichsverfassung und Tschirner mit der Revolution meinte. In der Person des Oberstleutnant Heinze führte die Unfähigkeit, wenn nicht gar der Verrat den Oberbefehl über die revolutionären Streitkräfte, die sich nun im Kampfe mit einer Militärmacht messen mußten, die ihnen schon der Zahl nach vielfach überlegen war. Barrikaden wuchsen in den Straßen Dresdens aus der Erde, und vom Morgen des 5. Mai an wurde für die Reichsverfassung, für die Freiheit heiß gerungen. Es waren Arbeiter, die die Kerntruppe der Barrikadenbauer und Barrikadenkämpfer stellten. Daß es des Königs Soldaten" nicht sofort gelang, des Königs Volk" niederzuschlagen, war dem Eintreffen industrieller und ländlicher Arbeiter aus der Umgebung Dresdens zu verdanken. Allein der erhoffte Zuzug aus dem ganzen Lande blieb zu schwach, als daß die Sache der Revolution siegen konnte. Entscheidend dafür war die flägliche Haltung des einflußreichen Bürgertums in Leipzig, das seine Freiheitsliebe mit vielen schwungvollen Worten beschworen hatte, aber nicht Kopf und Kragen für den Aufstand wagen wollte. So reichte der Zuzug von Streitern aus dem Lande kaum hin, die Lücken zu füllen, die die Spikkugeln der Soldaten in die Reihen der kühnen und ausdauernden Barrikadenkämpfer rissen. Deren Bahl stieg nicht über 3000 Mann, und ihre Ausrüstung bestand meist aus recht zweifelhaften Waffen; die Artillerie beschränkte sich auf einige kleine Böller, die mehr Lärm machten als Verderben spien. Die verfassungsbrüchige Regierung des Gottesgnadentums hatte sofort preußisches Militär zu Hilfe gerufen. Sie konnte gegen die Aufständischen 15 000 gut bewaffnete und geübte„ Netter der Ordnung" loslassen und die Barrikaden mit einem wahren Kartätschenbagel überschütten. Ein Wunder ist so nicht, daß die Barrikadenfämpfer unterlagen, wohl aber, daß sie sich vier Tage lang hielten. Die glühende Freiheitsliebe, die Hingabe an eine große Sache licz ihnen trotz übermenschlicher Anstrengungen immer wieder die Kräfte wachsen. Erst als alle Aussichten zusammengebrochen waren, daß Freischaren aus dem Lande Hilfe bringen würden, gaben am Morgen des 9. Mai dreimal drei Schläge vom Kreuzturm das Signal zum Rückzug. Die irdische Dreieinigkeit der Infanterie, Kavallerie und Artillerie ließ das verstockte vormärzliche Gottesgnadentum triumphieren. Die Lorbeeren des Kampfes gebührten den glorreich Unterlegenen, und die Sieger rächten sich für die Ruhmlosigkeit ihres Triumphes durch unmenschliche Grausamkeit gegen die Gefangenen, durch scheußliche Brutalität gegen die Verdächtigen. Ein bürgerlicher Demokrat, der kein revolutionärer Kämpfer war, brandmarkte das Wüten der bluttriefenden„ Gesetzeshüter" in Dresden durch den Ausspruch, die Reaktion wede wieder die Bestie im Menschen, nachdem die Revolution den Menschen in der Bestie erwedt habe". Eine gewissenlose Justiz vollendete, was das Standrecht begonnen hatte. Sie füllte die Gefängnisse mit den gefangenen Maifämpfern, die dem Mord entgangen waren. Die körperlichen und seelischen Qualen, denen sie zumal im Zuchthaus zu Waldheim so gut wie schußlos preisgegeben waren, lassen noch bei der Lektüre das Blut in Mitgefühl und Empörung heiß wallen. Viele der Tapferen wurden derart tückisch zollweise gemordet. Andere überstanden diese Tortur zehn Jahre, wie Heubner, 13 Jahre, wie der Königliche Kapellmeister August Rödel. Gleich seinem berühmten Freund und Kollegen Richard Wagner und dem genialen Baumeister Gottfried Semper hatte auch Röckel sich dem Maiaufstand angeschlossen. Er war ein * 62 Für unsere Mütter und Hausfrauen ten Ginne bes Mortes, Bon Leiben Idealist im besten Sinne des Wortes, von leidenschaftlicher Begeisterung für die Idee der Freiheit und des Rechts getragen, je= doch ohne geschichtliches Verständnis für die harten Tatsachen, unter denen diese erhabenen Jdeale sich in der Gesellschaft durchsetzen. Er erfaßte das Walten der vorwärtstreibenden Entwicklung, wie es sich in dem Empfinden und Denken der Menschen äußerte, in ihrem Sehnen nach geistiger und politischer Freiheit, nach gleichem Recht. Die letzten gesellschaftlichen Triebfräfte solchen Sehnens und Forderns dagegen blieben ihm fremd. Daher fonnie er auch nicht zu einer flaren Auffassung des Charakters und des Zieles der Revolution in Deutschland kommen. Das Drängen der Bourgeoisie nach verfassungsmäßigen Rechten erschien ihm als gleichbedeutend mit dem Ringen für die Befreiung aller Menschen, ohne Unterschied der Klasse. So ward Röckel ein überzeugter Parteigänger der Revolution. Eine durch und durch lautere Natur, ein abgefagter Feind jedes Lippenbekenntnisses, bekräftigte er seine Überzeugung durch die Tat. Bewunderungswürdig ist die Hingabe, mit der sich Röckel ohne zu feilschen und zu schachern in Reih und Glied der Dresdener Maikämpfer stellte. Was kümmerte ihn die Rücksicht auf sein Amt, auf seine gesellschaftliche Stellung? Vom Freiheitsfeuer verzehrt, ließ er sich auch nicht durch den Gedanken an das ungewisse Los der Seinen die Hände binden. Er empfand mit Heines Grenadier: Was schert mich Weib, was schert mich Kind, Jch trage weit besseres Verlangen, Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind..." Röckels ganze Wesenheit schloß es aus, daß er in den Maifämpfen eine führende Rolle spielen konnte. Die grausam- blinde Laune des Zufalls ließ jedoch seinen Anteil an der Erhebung bedeutender erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Seine persönlichen Beziehungen zu Heubner, Bakunin und anderen Führern des Aufstandes mögen wie seine schrankenlose Opferwilligkeit und feine unerschütterliche Charakterfestigkeit zu dem Rufe beigetragen haben, daß er ein besonders gefährliches Haupt der Revolutionspartei sei. Röckel fiel als Gefangener in die Klauen der Reaktion, und diese rächte sich in teuflischer Weise an ihm dafür, daß die Negierung des Gottesgnadentums vor der Revolution gezittert hatte. Unzweifelhaft wurde sein Schicksal auch durch seine frühere Stellung in der Gesellschaft verschärft. Vom Standpunkt ihrer eigenen Bedientenhaftigkeit aus konnten es die Ordnungsschergen nicht begreifen, daß ein Königlich sächsischer Kapellmeister als Revolutionär gegen die eidbrüchige Regierung des nämlichen Königs aufgestanden war, der so oft huldvoll" Röckels Kunst belobt hatte. In einer erbärmlichen Farce von Gerichtsverfahren wurde der Gefangene lange Monate moralisch gefoltert. Der Schlußakt brachte die Verurteilung zum Tode und die heuchlerische Begnadi gung" zu lebenslänglichem Zuchthaus. Nach der überführung Nöckels aus der Festung Königstein nach Waldheim begannen die Martern des Sträflings, der seiner Persönlichkeit, seines Menschentums verlustig erklärt worden war und nur noch eine Nummer des Zuchthauses sein sollte, aller Willfür der Beamten preisgegeben, bis zur schimpflichen und vernichtenden körperlichen Züchtigung. Elf lange Jahre hat der Zuchthäusler" der gehäuften Bein in der Waldheimer Hölle standgehalten. Er sah um sich die Freunde, die Kampfes- und Schicksalsgenossen sterben und ver derben, einzeln und zu vielen. Er hörte von der Verzweiflung seines Weibes, der trüben Jugend seiner Kinder, von den bohrenden Schmerzen und wachsenden Sorgen seiner treuhelfenden Geschwister. Seine robuste Gesundheit ward schwer erschüttert, seine moralische Kraft behauptete sich in fieghaftem Rebellentrok, der kein Schwanken und Wanken dort kannte, wo er sich im Recht glaubte. Wiederholt wurde Röckel nahegelegt, gleich anderen Maifämpfern feine Begnadigung vom König zu erbitten. Er wies solches Anfinnen unbeugsam ab. Er wertete die Nevolution als unveräußerliches Menschenrecht, das kein Fürst und kein geschriebener Gesetzestegt antasten dürfe, und seine Verurteilung dünkte ihm nur eine Verhöhnung, eine Vergewaltigung des Rechts. Nicht eine Gnade follte ihm die Zuchthauszelle öffnen, sondern die Gewalt, die ihn widerrechtlich hineingestoßen hatte. Aber die Verhältnisse gestatteten ihm auf die Dauer nicht die stumme Auflehnung gegen die Gewalt, die als Siegerin in der Macht und im Recht faß. Die Gesundheit seiner Frau war dem langjährigen Gram erlegen, die Erziehung der Kinder verlangte nach dem Vater, Röckels hochbetag= ter eigener Bater wankte dem Grabe zu, der Bruder der aufopfernde Erhalter und Beschützer der Familie stand vor dem wirtschaftlichen Ruin. So entschloß sich Nöckel Ende 1861 nach schiveren inneren Kämpfen zu einem Schreiben an den König, das weiterzubefördern die Gefängnisbehörden sich anfangs weigerten. Nr. 16 Der Sträfling" erklärte darin stolz:" Da mir meine Auffassung von der ganzen Kette von Ereignissen, die mich hierher geführt haben, verwehrt, die Gnade des Königs als Richter anzurufen, so glaube ich doch mich an das Herz des Menschen wenden zu dürfen, in dessen freie Hand es gegeben ist, die Sorge und Trauer einer zahlreichen Familie zu enden." Die Regierung war trotzdem entschlossen, Rödel freizulassen. Sein Verbleiben im Zuchthaus wurde für sie je länger, je mehr eine Quelle ärgerlicher Verlegenheit. Unter dem Druck der kapitalistischen Entwicklung setzte sich in Sachsen der bürgerliche Rechtsund Vernunftstaat" durch, wenn auch langsam und unvollkommen genug. Damit vertrug es sich schlechterdings nicht mehr, daß der aufopfernde, standhafte Vorkämpfer der bürgerlichen Freiheit Zuchthauskleider trug, im Schoß den Napf voll Erbsenbrei". Aber es bleibt bezeichnend für die boshaft- beschränkte Kleinlichkeit der Regierung, daß fie auch jetzt noch versuchte, durch den Justizminister in Person von Röckel eine Erklärung zu erpressen, was sie in Wort, Schrift und Tat" von ihm zu gewärtigen habe. Der Zuchthäusler empfand den Anschlag als eine rohe, freble Komödie und antwortete dem Minister so rückhaltlos, daß an die geplante„ Verherrlichung des königlichen Geburtsfestes durch die Begnadigung des letzten Maigefangenen nicht wohl mehr zu denken war". Zu einer schriftlichen Erklärung aufgefordert, äußerte fich Rödel in einem Schreiben an den Minister, das ein erhebendes, wundervolles Dokument der Überzeugungstreue ist. Ohne Umschweife bekennt sich Röckel darin zur Revolution. Die Regierung war des grausamen Spiels endlich fatt. Am 9. Januar 1862 wurde das Opfer der Reaktion bedingungslos in Freiheit gesetzt, nachdem Röckel noch entschieden abgelehnt hatte, seine Freilassung um den Preis des Versprechens zu erkaufen, nach Amerika auszuwandern. Erst in den Jahren der wiedergewonnenen Freiheit hat sich die wahre Tragik von Röckels Leben erfüllt. Die Flamme seiner revolutionären überzeugung hatte hell und start hinter den Kerkermauern gelodert, sie verschwelte trüb in der Luft der aufziehenden Reichsherrlichkeit unter Preußens Zuchtrute. Rödel fand nicht den Anschluß an die sozialistischen Freiheitskämpfer, die Willensvollstrecker der 48er Revolution und des Dresdener Maiaufstandes. Er schloß seinen Frieden mit dem bürgerlichen Staat, wie er war, und wurde einer seiner Verteidiger. Soviel wir in Erfahrung bringen konnten, ist er vor mehreren Jahren fast vergessen und ruhmlo3 als Redakteur eines kleinen bürgerlichen Blattes gestorben. Ungeachtet dieses Ausganges will uns das Wort„ Verrat" nicht über die Lippen. Das Ende dieses erschütternden Lebens war ein Schiff= bruch, kein unehrlicher Bankrott. In der engen Welt hinter den Zuchthausmauern konnte der Rebell das alte Ziel nicht aus den Augen verlieren, es glühte vor seiner Seele, dem führenden Feuer eines Leuchtturmes gleich. Nach dreizehnjähriger Abgeschlossenheit, ohne den sicheren Kompaß des historischen Materialismus, verlor er auf dem großen Ozean des geschichtlichen Geschehens die Steuerung. Der wirkliche, der geschichtliche Rödel tritt uns in seinem BüchIcin entgegen:„ Aus dem Grabe eines 48er Revolu= tionärs". Eine Schrift, in der wir Blatt auf Blatt einen ganzen Mann finden, einen reinen, edlen Menschen, einen starken und aufrechten Kämpfer für Freiheit und Recht. Wir fügen an, was Röckel über die Beteiligung der Frauen an dem Dresdener Maiaufstand schreibt. In nächster Nummer lassen wir weitere interessante Stellen aus dem Buche folgen. * * * ,, Mehrfach hatte ich Gelegenheit, zu beobachten, wie leicht doch Frauen sich in die ungewohnteste, schreckerfüllte Lage finden und ihre volle Geistesgegenwart bewahren, sobald ihnen darin nur Gelegenheit zu einer entsprechenden Tätigkeit wird. In den exponiertesten Häusern, mitten im Gepfeife der Kugeln, unter Kämpfenden, Verwundeten und Sterbenden wirtschaften Mädchen und Frauen mit einer so ruhigen Besonnenheit, als wären sie in solchen Szenen aufgewachsen. Besonders erinnerlich ist mir eine nicht mehr junge Dame, die im ersten Stockwerk eines vom Zwingerwall aus lebhaft mit Kanonen beschossenen Eckhauses im Verein mit ihren Dienerinnen nicht nur höchst geschäftig Speise und Trank für die zahlreiche Besatzung ihrer Wohnung besorgte, sondern auch als Tochter oder Witwe eines spanischen Offiziers, die schon vick Derartiges erlebt und das Ding versteht, gleichsam das Kommando über die Volksstreiter in ihrem Bereich führte: jetzt zu den Töpfen in die Küche, von da wieder in die Zimmer eilend, die Männer anweisend, wie sie sich zu stellen haben, um mit Sicherheit zielen 著 August Röckel, Aus dem Grabe eines 48er Revolutionärs. Leipzig, Gustav Gohlke, Stommissionsverlag Theodor Thomas. 2 Mt. Wir empfehlen dieses Buch aufs wärmste, wenngleich die Ausgabe nicht vollständig ist. . Nr. 16 Für unsere Mütter und Hausfrauen Las Cigarreras.* zu können und doch gegen feindliche Kugeln gedeckt zu sein. Wie ich später vernahm, hat auch sie das tödliche Blei mitten in ihrer eifrigen Tätigkeit erreicht. Nur wenige Schritte von diesem Hause hatte kurz vorher ein ergreifendes Drama seinen Abschluß ge= funden. Ein junges Mädchen, deren Bräutigam gleich in den ersten Tagen an ihrer Seite gefallen war, hatte geschworen, seinen Tod zu rächen. In Trauerkleidung, mit aufgelöstem Haare, stand sie frei auf der gefährlichsten Barrikade, mit sicherer Hand ihre Kugeln ausfendend, bis sie endlich tödlich verwundet zusammenbrach. Sie war nicht die einzige Heldin jener Tage. Auf dem Kommandobureau erschienen einmal drei junge Leute in Turnerkleidung und verlangten eingereiht zu werden in die Zahl der Streiter. Auf die von mehreren Anwesenden getanen äußerungen über deren fast zu jugendliches Alter und namentlich die zarte Gestalt des einen, erklärte der ältere von ihnen, auf seinen ihm zunächst stehenden Kameraden deutend: ‚ Das ist ein Mädchen. Ein anderes Mädchen hatte vom Beginn des Kampfes an auf der Barrikade gestanden und kam, kurz nach dem Abzug der Streiter von Dresden, auf das Rathaus, flagend, daß keine Kugel sie getroffen. Gilig entfernte sie sich mit den Worten: Vielleicht ereilt mich noch eine Kugel; ich folge meinen Kameraden. Lebt wohl!' Ihr Wunsch ward nicht erfüllt: die Verurteilung zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe lohnte ihren Versuch, durch einen heiligen Tod ein verfehltes Leben zu fühnen." Feuilleton Ferne Lichter. Von Korolenko. An einem grauen Herbstabend war es schon lange ist es her da ich auf einem düsteren Strome Sibiriens fuhr. Plötzlich, an einer Biegung seines Laufes, blitzte vor mir, hinter den dunklen Bergen, ein fleines Licht auf. Hell, stark und greifbar nahe blizzte es auf. ..Nun, Gott sei Dank," rief ich heiter, ein Dorf! Da wird auch eine Herberge nicht mehr weit sein." Der Ferge, ein Sibirier, drehte sich um, schaute über meine Schulter hinweg nach dem Lichtlein aus und stemmte sich dann von neuem gegen das Ruder. " Weit, sehr weit!" Ich glaubte ihm nicht. Aus der unbestimmten Finsternis trat das Lichtlein hervor und stand vor mir. Aber der Ferge hatte recht; weit entfernt war es wirklich. Es ist die Eigentümlichkeit dieser nächtlichen Lichter, sich zu nähern, das Dunkel zu besiegen, aufzuflimmern und verheißungsvoll durch ihre Nähe zu locken. Hier leuchtet es jetzt, hier... Noch zwei Schläge mit dem Ruder, und der Weg ist zu Ende... Und doch ist es noch so weit, so weit! Und wir fuhren noch lange auf diesem schwermütigen, düsteren, tiefschwarzen Strome. Felsen und Klüfte türmten sich auf und tauchten wieder zurück, blieben hinter uns und verloren sich zuletzt in der schier unendlichen Ferne. Das Lichtlein aber stand noch immer bor mir, funkelnd und lockend. Immer so nahe und immer so fern.... Oft gedenke ich dieses finsteren Stromes, den die ragenden Felsen beschatteten, und des fleinen, lebhaften Lichtes. Viele Lichter glühten lockend vorher und nachher, lockten durch ihre Nähe; nicht mich allein. Aber das Leben strömt zwischen denselben düsteren Ufern, und die Lichter sind noch so fern. Wieder muß man die Ruder einsetzen mit ganzer Kraft... Und doch... und doch leuchten die Lichter vor uns. 0 0 0 Die Spinne. Soch oben in der Flucht der rauhen Riemen Sat eine Spinne frech ihr Net gesponnen Und wiegt sich in dem Takte der Maschinen. Gleichgültig tanzt sie auf den Seidenschleiern Und tanzt wohl um das Haupt der Sklaven. Verwegne Brummer zappeln ihr im Net Und manchmal auch ein Schmetterling. Urplöglich bricht die ganze Herrlichkeit zusammen. Ein toller Riemen, der des Rundlaufs satt, Streckt sich in seiner stolzen Länge, Zerschlägt die Spinnenherrlichkeit. Ich glaub', es war an einem Tag im Mai! Mar Barthel. Von M. Andersen Nerö. 63 Aus dem verschwiegenen Halbdunkel der Straßen kommt ein Haufe Weiber dahergeschlenkert. Sie tragen dünne schwarze Schals mit langen Fransen, find barhäuptig und haben Papierblumen in dem schwarzen Haar. Es sind einzelne nette Gesichter unter ihnen, aber die Armut hat es nicht in der Gewohnheit, Schönheit großzuziehen, hier so wenig wie anderwärts. Die meisten find blatternarbig, einzelne auch einäugig, viele haben meiße Pflaster auf beiden Schläfen; alle haben aufgeblähte Nasenlöcher und wachsame Augen, die sich eine Beute für ihr Gelächter suchen. Sie trippeln dahin wie eine Schar Elstern, schwagend, lachend; spotten über die dünnen Beine des Dandys, reißen im Vorübergehen den Efeltreiber vom Sattel, umringen schreiend den Ausländer, werfen dem fetten Geistlichen, der mit einem unterdrückten Kichern hinter dem schweren Vorhang der Kirchentür verschwindet, eine Kußhand zu. Alles ist eine Quelle des Gelächters: ein hinfender Hund, ein Sarg, ein nießender Bettler. Sie verdecken nicht furchtsam den Mund, sondern sperren ihn weit auf und saugen mit Begierde alles ein, was die Luft enthält an Sonne und frischer Kälte, Ansteckungsstoffen und Gestank. Ihr hoher herausfordernder Busen bietet der Welt und allen Lungenseuchen Trok. Komm, und ich will dich an mich drücken seist du auch der Tod selber und dich von mir werfen wie eine ausgepreßte Zitrone", sagt ihre Haltung. Sie fangen fleine nacte Kinder ein, küssen sie über den ganzen Körper ab und langen sie von Arm zu Arm. Sie knirschen beim Anblick eines schönen Mannes vor Leidenschaft mit den Zähnen eine schöne Frau aber bewerfen sie mit Schmutz. Es sind Las Cigarreras, die Tabatarbeiterinnen, Sevillas Seele. Sie bilden ein Heer von zirka 5000, von denen die älteste über hundert, die jüngste vierzehn Jahre alt ist. Im Gespräch mit Fremden gleitet der Sevillaner leicht über die Tabalarbeiterin hinweg, aber in der Tiefe seines Wesens bewundert er sie, mit einer Bewunderung, die mit einem behaglichen Grausen versetzt ist. Sie ist sorglos, unartig, gottlos; rücksichtslos in ihrer Leidenschaft, wißig, leichtbeweglich, vergeßlich; sie ist alle leichtlebigen Eigenschaften der Stadt auf die Spize getrieben. Der Sevillaner könnte sie nicht verleugnen, ohne zugleich den Stab über sich selbst zu brechen, und das tut kein Spanier. Im Innersten jedes ernstdenkenden Spaniers brennt überdies das Bewußtsein, daß die Revolution der einzige Ausweg ist, und die Schande liegt auf der Lauer nach ihm, weil er in seiner Untätigkeit verharrt. Dank der Tabatarbeiterin braucht Sevilla sich nicht gar so sehr vor sich selbst zu schämen. Sie ist stets zum Aufruhr bereit, aus ihrer Hand kommt der erste Stein, aus ihrem Munde ertönt das zündende Feldgeschrei. Als Alfons XII. vor etwa 20 Jahren Sevilla besuchte und die republikanische Bevölkerung der Stadt schamerfüllt der Majestät die gewohnheitsmäßigen Ehren erwies, da retteten die 5000 Tabalmädchen die Selbstachtung der Stadt, indem sie den König bei seinem Besuch der großen Tabakfabrik unbarmherzig auslachten. Und als sie später einmal mit dem mächtigen Direktor der Fabrik über die Lohnfrage nicht einig werden konnten, nahmen sie durch ihre kräftige Beweisführung alle Proletarierherzen mit Sturm: sie schlangen ganz einfach einen Strick um ihren Direktor und hingen ihn in einen tiefen Brunnen hinab. Mehr als einmal haben Las Cigarreras, auf allen vieren liegend, den Straßenfot aufgelesen, um damit den Säbeln und Revolvern der reitenden Polizei zu begegnen. Und man hat es zum großen Teil diesen Respektlosen zu danken, daß man jetzt ein Attest vom Oberpfarrer haben muß, um zu den großen Kirchenfesten Zutritt zu erhalten. Aber all dies bedarf keiner Verzeihung. Das von Staat wie Kirche mißhandelte Volk, das seine revolutionären Neigungen und seinen Hang zur Blasphemie von diesen blatternarbigen und einäugigen Walküren so unerschrocken zum Ausdruck gebracht sieht, ist - entgegen aller Tradition so edelmütig, sie hierfür nicht im Stiche zu lassen. Aber auch kraft ihrer Stellung ist das Tabakmädchen das Hätschelkind der Nation; es klebt an ihr jener Geruch, den der Spanier von allen am höchsten stellt- der des Nikotins. Was der Tabak für den Spanier bedeutet, ist daraus zu ersehen, daß der Bettler der Wohltätigkeit ebenso sicher ist, wenn er um ein Scherslein für Tabak bittet, als wenn er sich auf seinen Hunger beruft. All die wunderbaren Eigenschaften, die in unserer Heimat der * Aus dem empfehlenswerten Buche Sonnentage". Reisebilder aus Andalusien. Von M. Andersen Nerö. Verlag von Georg Merse= burger, Leipzig. " 64 Für unsere Mütter und Hausfrauen Spiritus besitzt, kommen in Spanien dem Tabak zu: er stillt den Hunger und weckt den Appetit, er ermuntert und schläfert ein, er wirkt abführend und verstopfend je nach den verschiedenen Bedürfnissen.„ Eine Zigarette," sagen die Leute, wenn jemandem etwas fehlt, so wie man hier sagt:„ Ein Schnaps". Auf Schnittwunden werden nasse Tabaksblätter gelegt. Das erste, was der Spanier tut, wenn er des Morgens die Augen aufschlägt, ist, im Dunkeln nach seiner Zigarette zu tappen, sie anzuzünden und an der Unterlippe festzukleben. Da hängt sie und ringelt ihre kleine blaue Rauchwolke empor, während er spricht, während er hustet und nießt, und manchmal auch während er speist und trinkt. Wie das heilige Feuer geht sie niemals aus, an ihrer letzten Glut wird eine neue entzündet, und zwischen jedem Mundvoll Essen nippt er daran; den ganzen lieben langen Tag hängt sie da. Oft raucht er sich in Schlaf, und dann steckt der Stumpf nächsten Morgen unter seiner Nase- zum Anbrennen bereit. Ein armseliger Raucher ist das, der einfach den Rauch auf gewöhnliche Art ausbläst. Ist man ein bißchen von einem Mann, so stößt man ihn durch die Nase hinaus wie durch ein Auslaßrohr; die richtigen professionellen Raucher aber schlucken ihn und sißen. dann mit offenem Munde und spülen ihn langsam auf und nieder. Es gibt Leute, die glauben, daß man einem nationalen übel zu Leibe kommen könne, indem man es besteuert. In Spanien ist das Recht, die Nation mit Tabat zu versehen, einigen, vorwiegend ausländischen Kapitalisten übertragen: der Tabaksgesellschaft, die dem Staate eine jährliche Abgabe von 90 Millionen Franken zu leisten hat. Obwohl Klima und Boden sich vorzüglich zum Tabakanbau eignen, darf der Bauer nicht einmal für eigenen Bedarf Tabak anbauen, und die Gesellschaft gibt weitere 60 Millionen Franken aus, um dies Verbot durchzuführen und die Landesgrenzen gegen Schmuggler zu bewachen. Nachdem diese 150 Millionen herbeigeschafft sind, muß noch Rohware und Fabrikation bezahlt werden, müssen die Verkäufer leben und die Gesellschaft einen erklecklichen Profit haben. Man übertreibt nicht, wenn man die Summe, die das spanische Volt jährlich in Rauch aufgehen läßt, auf weit über eine Viertelmilliarde Franken veranschlagt. Man raucht in den Theatern während der Vorstellung; in Banten, Bostämtern und kommunalen Bureaus hat jeder bis zum Kleinsten Kanglisten hinab seine Zigarette im Munde; der Barbier raucht, während er den Kunden rasiert; der Kellner läßt ungeniert seine Zigarrenasche fallen, während er serviert; der Redner hält mitten in einer flammenden Sentenz ein, um an seiner Zigarre zu nippen; der Priester schleicht sich während der Messe hinter den Altar, um heimlich einen Zug zu tun, und geht auf der Straße einher, die Zigarette oben in den weiten Ärmel gesteckt. Die Kinder bekommen von ihren Eltern Tabak ausgeliefert, und alte Weiber sizen in der Sonne draußen vor den Dörfern und kauen an einem Stummel. Alle Welt raucht, der Steuer zum Trotz. Wer kein Geld hat, geht umher und sammelt die feuchten Zigarrenreste auf; und es geschieht, daß Männer in langen Mänteln einem eine ganze Viertelstunde folgen in der Hoffnung, daß man seinen Zigarrenstumpf wegwerfen wird. -Rote Fahnen flatschen im Wind, wo Las Cigarreras dahinschreiten, Müßiggang und lange Blicke treiben in ihrem Kielwasser. Aus Triana, Macarena und den anderen Vorstädten kommen sie geschlendert- schmaßend, das schwarze Haar frauend und lachend. Unten beim Flusse laufen alle Ströme bei einem mächtigen Bau zusammen, dessen Errichtung 9 Millionen Franken gekostet haben soll. Er ist von einem tiefen Graben umgeben, kleine Wachttürme mit langen schmalen Schießscharten schmücken die innere Brustwehr, drinnen wandern Schildwachen auf und ab, und im Erdgeschoß des Gebäudes rumort Militär. Das Gebäude erinnert an eine Strafanstalt, wird von der Regierung als eine Art Dynamitdepot aufgefaßt und ist in Wirklichkeit die Tabakfabrik. In der großen gewölbten Vorhalle ist die Wache eben im Begriff, ein paar Arbeiter, die die Fabrik verlassen wollen, zu untersuchen. Sie stehen mit über den Kopf erhobenen Armen, während ihr ganzer Körper eingehend betastet wird. über eine breite Steintreppe werden wir in das Innere des Gebäudes geführt, von dem Doppeltüren zu den verschiedenen Flügeln gehen. Hier besteht die Wache aus Frauen, riesenhaften Erscheinungen, wie nur der Süden sie hervorbringen kann; so scheint die Führerin, der wir übergeben werden, ihrem Körperbau nach dazu angetan, mit einem Schlage ihrer Tage einen Ochsen zu fällen oder das rebellischste Tabakmädchen zwecks gründlicher Leibesuntersuchung auf dem Schoße zappeln zu lassen wie ein kleines Kind. Von allen Seiten schallt ein gedämpftes hißiges Summen, als sei die Luft voll von Wespen; und als unsere Führerin eine der großen Türen öffnet, wirkt dies, als sei das Schußbrett in einer Nr. 16 Schleuse geöffnet worden: ein erhitzter Strom von Lärm und Gestant umwirbelt einen und benimmt einem Luft, Denkkraft und Bewußtsein, so daß man, ohne selbst recht zu wissen wie, plöblich hinabstarrt durch einen 500 Fuß langen Tunnel, wo vier Reihen Weiber Kopf an Kopf über ihrem Tabakstrog gebückt sizen. Während sie aufblicken, leuchten ihre Gesichter weiß in dem braunen Tabaksnebel, und der Lärm verstummt mit einem Schlage; sie starren den Fremden an mit offenen Pupillen und offenem Mund, während die Finger die Zigaretten mit einer Hast rollen, die wie Geflimmer vor den Augen wirkt. Zwei Köpfe neigen sich nun zusammen, und ein Geflüster läuft die Reihen hinab. Man kann ihm folgen wie einer Wellenbewegung, bis es am Ende des Tunnels an das Heiligenbild anschlägt, zurückgeworfen wird, durch die Reihen wieder heraufkommt und einem plötzlich ins Gesicht sprüht als eine in Lachen gefaßte, leichtfertige Frage. Und wieder kocht der Lärm über, dieser zusammengesetzte Lärm aus mehreren Hunderten lachender, plaudernder, scheltender Gruppen, in kleinen Pfiffen aufbrandend, während die handfesten Wächterinnen Ruhe schaffend durch die Reihen gehen. Hier treibt die gute Laune Sevillas ihren üppigsten Schößling; in strahlender Blüte sproßt sie aus giftiger Erde. Unter diesem niederen Tonnengewölbe allein arbeiten 1500 Weiber, viele tausend Pfund Tabak bedecken Tische und Tröge, aber nicht ein Ventil öffnet sich der frischen Luft. Man kann vor Tabakstaub nicht sehen und vor Tabak- und Menschendünsten nicht atmen; obwohl ich ein verhärteter Raucher bin, hämmert nach wenigen Minuten Aufenthalt hier drinnen der Kopfschmerz derart an meinen Schläfen, als wollte er mir die Augen aus dem Kopfe drängen. Meine geistigen Kräfte ermatten, ich kann die Umgebung nicht aufnehmen, sammeln und in einem Bilde festhalten; alles dreht sich nur um eines in die frische Luft hinauszukommen. Da trifft ein eigener Laut mein Ohr und jagt alle Sinne in Schrecken auf das bekannte Humpeln von Wiegen, die in Bewegung gesetzt werden. Da steht ja eine dicht bei uns, halbversteckt unter Trögen und Arbeitstischen, eine alte Holzwiege mit flachgewebten Gängeln. Das Weib, das sie tritt, ist bleich und hat weiße Pflaster an den Schläfen, um den Kopfschmerz zu betäuben; brauner Tabak sitzt ihr im Haare, deckt die weißen Wiegentücher, rändert die kleinen aufgeblähten Nasenlöcher des Kindes. Das Kind aber schläft ruhig trotz Lärm und giftiger Luft; es liegt sogar eine schwache Andeutung von Nöte auf seinen Wangen. Und in dem Antlitz der Mutter durchschneidet jeden Augenblick ein Lächeln die verzerrten Züge und macht es schreien wie eine weißgefalfte Mauer in greller Sonne. im ganzen Es stehen andere Wiegen den Tunnel entlang wohl vierzig; in einigen sißen die Kinder aufrecht und spielen mit Tabat, als hätten sie schon mit dem Handwerk begonnen. Während ich mich über eines der Kleinen beuge und es ängstlich wird, sagt eine Frau:„ Kennst du nicht einmal deinen eigenen Vater?" Sie lachen alle laut, die Mutter aber betrachtet mich einen Augenblick aufmerksam und schüttelt dann lächelnd den Kopf. Einige der Kinder haben wirklich einen Vater, der ihnen hilft, der Mutter Fleiß zu besteuern sie sind nicht die Bestgestellten. Andere haben nur ihre Mutter und diese vorteilhafte Gelegenheit, sich hier ihrer Zukunft anzupassen. Sie legen Zeugnis ab von der liebevollsten Fürsorge, und wenn sie den unleidlichen Giftgestank überleben, sind sie selbstredend bestimmt, den Platz an der Seite ihrer Mutter einzunehmen und wie sie einstmals die Wiege zu treten, zu stillen und 3000 Zigaretten täglich zu rollen falls sie Frauen sind. Sind sie aber Männer, dann ist es ihre unabweisliche Pflicht, an einer Straßenecke zu stehen und zu rauchen und zu rauchen, bis sie die höchste Vollkommenheit erreicht haben, was da ist 200 Zigaretten im Tage. Und bringen sie noch mehr zuwege, dann sind sie befähigt, sich in die Reihen jener Burschen zu stellen, die allabendlich mit Hallo vor der Tabakfabrik warten und mit dem reißenden Strome der Mädchen fortgerissen werden, hinaus in das Dunkel der Vorstädte, wo man sie beim nächsten Tagesgrauen als bläuliche Gespenster antreffen kann. Es gibt Engel, die von verdünntem Äther leben, und Bakterien, die nur in den tiefsten Kloaken gedeihen; aber befißt wohl ein Geschöpf solche Lebensfähigkeit wie der Mensch? Hier sizen aller Hygiene spottend drei Frauengenerationen und lullen abwechselnd die vierte in Schlaf; und man zeigt uns eine vierzehnjährige Mutter, die eben ihrem schreienden Erstgeborenen die Brust reicht, und ein altes Weib, das 106 Jahre alt ist und die letzten 80 Jahre in der Fabrik gearbeitet hat. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.