Für unsere Mütter und Hausfrauen O O O O O O O Nr. 18 o 。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit o O O O O O O O Ein Inhaltsverzeichnis: Atheismus. Von John Henry Mackay. Blatt aus der Geschichte der Revolution in Deutschland. III. Für die Hausfrau. Feuilleton: Die junge Bäuerin. Von Anna Croissant- Rust.( Schluß.) Atheismus. Don John henri mackay. Vielleicht, wenn einst die müden Augen brechen, Wenn niedersinkt des Todes finstre Nacht, Daß ein Gebet dann meine Lippen sprechen, Das nie im Leben der Verstand gedacht. Vielleicht, daß ich mit einer Lüge scheide Von einem Sein, das Wahrheit nur gekannt, Wenn ich des Lebens letzte Schmerzen leide Jn Angst und Nacht und Jrrsinn festgebannt. Dann unterlag mein Geist; dann brach mein Wille! Dann floh Vernunft!- doch wenn ich es vermag, Dann künde noch der letzte Schrei, der schrille, Dann künde noch des Herzens letzter Schlag: " Jch glaubte nie an einen Gott da droben, Den Lügner oder Toren nur uns geben, Jch sterbe und ich wüßte nichts zu loben Vielleicht nur eins: daß wir nur einmal leben!" 000 Ein Blatt aus der Geschichte der Revolution in Deutschland. III. Am 7. Mai nachts ging die Meldung ein, daß in einem Dorfe beim Plauenschen Grunde ein starker Zuzug von Freiheitsfämpfern eingetroffen sei. Er begehrte auf sicheren Wegen nach Dresden geführt zu werden. Da ich die Gegend sehr gut von meinen Spaziergängen kannte, begleitete ich den Freund, der die Führung übernahm. In der Dunkelheit verirrten wir uns und kamen in die Nähe der Truppen. Ich stürzte und wurde von herbeicilenden Soldaten gefangen genommen. Obwohl unbewaffnet, von keinem erkannt und somit noch gar nicht einmal als Feind, sondern nur als schlichter Wandersmann zu betrachten, wurde ich doch im Beisein der Offiziere und unbehindert durch sie auf dem ganzen Wege von den Soldaten gedrosselt und ins Gesicht geschlagen. Die Reiter, welche mich später bis an die Elbe zu führen hatten, schienen dagegen lebhafter mit mir zu sympathisieren, als es ihren Vorgesezten hätte bemerklich werden dürfen. Sie kannten mich, erleichterten mir das schwierige Gehen und zeitweilige Laufen zwischen den Pferden soweit möglich und flüsterten mir zuweilen ein Wort der Hoffnung auf bessere Zeiten und endlichen Sieg des Rechtes zu. Es war dies meine erste Berührung mit Männern, die im Augenblick der brennenden Entscheidung dennoch keinen Anstand nahmen, ihre Kräfte dem Dienste einer von ihrem eigenen Gewissen verdammten Sache zu widmen. Am Strande harrte unser ein von preußischem Militär besettes Dampfboot, das die Gefangenen aufnahm. Die Empfehlung besonderer Gefährlichkeit, welche mir der Führer unserer Eskorte bei der Ablieferung mitgab, reizte einige preußische Unteroffiziere, mir die Pflicht des unbedingten Gehorsams jedes Sachsen gegen seinen König in ihrer Weise begreiflich zu machen, und mein Bart hatte sich infolge dieser Methode, gute Untertanen zu ziehen, schon ziemlich gelichtet, als endlich ein Offizier diesem Treiben ein Ende machte. Das Schiff zog in einiger Entfernung an meiner Wohnung vorüber, aus deren Fenstern mein armes geängstigtes Weib ihm ahnungsvoll nachblickte, während die Kleinen über das Glizern der mich umringenden Helme jubelten.... Man hat es der Demokratie des Jahres 1848 auch von befreunbeter Seite oft zum schweren Vorwurf gemacht, daß sie allzu hart und schonungslos gegen die„ bertierten Söldlinge" zu Felde gezogen sei und sich dadurch unklugerweise das Militär verfeindet habe. Abgesehen davon, daß dieser Vorwurf als ein so allgemeiner durchaus der Berechtigung ermangelt wie das feste Busammenstehen von Soldaten und Volt in Württemberg, Baden, HessenStassel, ja teilweise auch in Sachsen dartat, so bewiesen doch ge1913 rade die in Dresden während und nach dem Kampfe verübten Scheußlichkeiten, wie wohlverdient andererseits auch wieder die vielgeschmähte Bezeichnung vertierte Söldlinge" gewesen war. Nicht erst nach Beendigung des Kampfes, auch schon während desselben waren die empörendsten Schändlichkeiten vorgekommen. Es ist Tatsache, daß Männer und Frauen, welche in entlegenen friedlichen Straßen ruhig ihren Geschäften nachgingen, von müßigen, gelangweilten Soldaten in den benachbarten Häusern zur Unterhaltung niedergeschossen wurden. Das„ Dresdener Journal" selbst führte in seiner Totenliste ein auf diese Weise getötetes Dienstmädchen auf. In der Schuhmachergasse fanden die Wüteriche in einem Hause vierzehn Männer, die ihre Gewehre im vierten Stockwerk gelassen hatten und sich wehrlos ergaben. Alle vierzehn wurden, nachdem sie in jeder Weise mißhandelt worden waren, der Reihe nach aus den Fenstern des dritten Stockwerkes mit solcher Gewalt auf die Straße geschleudert, daß ihre Körper meistenteils gegen das Haus auf der anderen Seite der engen Gasse anprallten. In der Frauengasse befand sich ein Lazarett mit vielen Verwundeten; sie wurden sämtlich ermordet. Graf Waldersee, der Befehlshaber der preußischen Truppen, hat selbst zugegeben, daß wohl ein Halbhundert Menschen in der Elbe ihren Tod gefunden haben mochten. Er selbst auch berichtet, in welch humoristischer Weise die Soldaten solche Schandtaten ihren Vorgesetzten zu melden pflegten. Sie rapportierten nämlich einfach: Die uns zum Transport übergebenen Gefangenen find sämtlich in den Fluß gesprungen." Damit war die Sache gut. Graf Waldersee bekennt, daß es die Preußen gewesen, die zuerst ihre sächsischen Kameraden darüber verhöhnten, daß sie sich die Mühe gaben, die Gefangenen in Gewahrsam zu bringen, statt sie kurzweg totzuschlagen; doch fügt er hinzu, die Schüler hätten bald ihre Lehrmeister übertroffen. Indessen wäre es mehr denn ungerecht, die Soldaten allein für diese Scheußlichkeiten verantwortlich zu machen. Sie würden dieselben nie gewagt haben, wären sie nicht mindestens der Billigung ihrer Offiziere sicher gewesen; und diese ebenfalls hätten sich aktiv oder passiv nicht zu Mitschuldigen ge= macht ohne die Gewißheit, daß es auch höheren Ortes noch mit Wohlgefallen bemerkt würde. Und dazu hatten sie auch alle Berechtigung. Hatten doch die kämpfenden Truppen den kurzen Befehl erhalten:" Die Regierung wünscht nicht mit vielen Gefangenen belästigt zu werden." Die Behandlung solcher Gefangenen, deren Leben man schonte, war bestialisch. Viele Offiziere weigerten sich, die Unglücklichen gegen bestialische Mißhandlungen zu schüßen. Manche von ihnen beteiligten sich selbst daran. Besonders toll trieb es der pensionierte General v. Berge, der sein patriotisches Herz am Anblick der Gefangenen in der Frauenfirche erquidte.... Am zweiten Tage ward unsere sächsische Bewachung durch preußische vom Regiment Alexander abgelöst, und blieb auch der Ton der Offiziere meist derselbe brutale wie bisher, so bekundeten, doch viele Soldaten und Unteroffiziere dieses Regiments, daß in ihnen ein ganz anderer Geist lebte. Oft erwiesen sie uns heimlich Kleine Freundlichkeiten, Einkäufe, Botendienste usw., deren Bekanntwerden ihnen strenge Bestrafung zugezogen haben würde. Einmal kamen zwei Unteroffiziere zu mir, denen mein Name bekannt geworden war, und sagten:„ Denken Sie nicht zu schlecht von uns; es gibt auch unter uns sehr viele Demofraten, und wir würden Sie gleich freilassen, leider sind aber nur die meisten noch gar so dumm, und es läßt sich auch nichts mit ihnen sprechen, denn sie werden beständig im Rausche gehalten. In sechs bis acht Jahren sind andere Leute unter uns, und dann wird es nicht so ausgehen." Von der Freigebigkeit, mit welcher Bier und Wein an die Soldaten verteilt wurde, konnten wir uns auch in unserer Haft noch selbst überzeugen. Das Ende des Saales war durch einen Bretterverschlag zum Wachtlokal umgewandelt, in welchem das Gläserklirren und Jubilieren den ganzen Tag nicht ruhte. Trotz aller Bemühungen, uns gänzlich von der Außenwelt ab= zuschließen, waren wir doch fortwährend ziemlich genau über alle Vorgänge unterrichtet, und zwar hauptsächlich durch die uns be= wachenden Soldaten selbst. Die Stimmung des Militärs gegen uns hatte allmählich eine bedeutende Umwandlung erlitten überhaupt das scheußliche Gebaren desselben während des Kampfes als ein Ausfluß seiner Gesinnung gelten konnte. Abgesehen von der Wirkung, welche die bitteren Vorwürfe von Verwandten und Freunden üben mochten war doch das Militär in manchen S wenn 70 / hot to Für unsere Mütter und Hausfrauen Teilen des Landes so verfemt, daß kein Mädchen mit einem Soldaten tanzte so hatte doch wohl die unvermeidliche Ernüchterung, das eigene Besinnen den größten Teil daran, unterstützt noch durch den baldigen Umschlag in dem Benehmen der Offiziere gegen die Mannschaft. Jene vertrauliche Kameradschaft, welche in der letzten Zeit vor dem Kampfe und während desselben wohl manche junge Einfalt verblendete, wich jetzt, nachdem die Gefahr vorüber war und man der willigen Hingebung der Soldaten nicht mehr bedurfte, dem alten tyrannischen übermut; denjenigen aber, die nicht so rasch begreifen wollten, wie die Zeiten sich wieder geändert hatten, wußte man das Verständnis dafür durch doppelt strenge Strafen beizubringen. So wurden zum Beispiel in Chemnig mehrere preußische Landwehrmänner, die sich dienstwidrig gegen einen ihrer Offiziere betragen hatten, zu dreißig Jahren Festungsstrafe verurteilt, und gegen die sächsischen Soldaten verfuhr man kaum milder. Zu all diesem kam noch die unmittelbare Einwirkung der nach dem Kampfe einberufenen Kriegsrefervisten, die sämtlich, wie loyale Blätter klagten, von dem schlechtesten Geiste beseelt waren und offen erklärten, sie seien gute Republikaner und würden sich danach zu benehmen wissen. Ich hörte, daß ein früher in Dresden gestandenes und jetzt aus Schleswig- Holstein zurückgefehrtes Regiment, Prinz Mar, wenn ich nicht irre, vor dem König oder dem Prinzen Johann die Revue passieren sollte. Die Offiziere allein begrüßten den Fürsten mit einem Hoch, die Soldaten sprachen vornehmlich durch ihr düsteres Schweigen. Das Regiment wurde denn auch sofort als verdächtig in die Provinz verwiesen.. In den letzten Tagen des Monats August wurden Heubner, Bafunin und ich kettenbelastet bei Nacht und Nebel unter riesigem Militäraufgebot nach dem Königstein übergeführt. Wie ich später erfuhr, hatte man uns bei der trotz Belagerungszustand und preußischer Garnison sehr aufgeregten Stimmung des Volkes wie des sächsischen Militärs mehrere Abteilungen des letzteren wurden zur Strafe selbst in Belagerungszustand gesetzt in Dresden nicht mehr für sicher genug erachtet und deshalb nach der unzu= gänglichen Bergfeste gebracht. Unsere starke Bedeckung war an= geordnet worden, weil man trok des tiefen Geheimnisses, welches den Plan bis zum letzten Augenblick umgab, dennoch die Möglichkeit eines Befreiungsversuches auf dem Wege befürchtete. Wir hatten einige hundert Schritte zu gehen, che wir den Eingang erreichten, und ich mußte lächeln über die bombastischen Vorsichtsmaßregeln, die man auch jetzt noch gegen ein schlechthin undenkbares Entweichen der Gefesselten traf. Ich hatte zu beiden Seiten meine Unteroffiziere aus dem Wagen, mit ihrer Pistole in der Hand. Zwei Offiziere, ebenfalls mit Pistolen versehen, gingen vor und hinter mir, und eine dichte Wolfe von Infanterie umgab mich. Ganz ebenso Heubner und Bakunin. Die Reiterei war unten geblieben und versperrte die Straße gegen einen etwaigen noch unter den Kanonen der Festung befürchteten Angriff. Auch ein Umsehen unsererseits schien für sehr gefahrbringend zu gelten; es ward uns streng untersagt, und es entstand jedesmal ein gewaltiger Lärm, wenn wir es dennoch taten. Am äußeren Tore wurden uns auch noch die Augen verbunden, und je zwei Soldaten führten uns den steilen Pfad hinauf. Der größeren Sicherheit wegen waren wir auf den Königstein gebracht worden. Die Gefahren und Schwierigkeiten der Aufgaben hielten jedoch eine bedeutende Zahl der Garnison nicht ab, unsere Befreiung zu beschließen. Heubner lehnte ab, Bakunin und ich erklärten uns bereit. Alles war vorbereitet, als am letzten Tage noch ein Zufall die Ausführung des Planes vereitelte und zugleich dem FestungsTommando soweit Verdachtsgründe lieferte, daß gleich in derselben Nacht eine Visitation unserer Zimmer vorgenommen wurde. Ich harrte, völlig angekleidet, der Befreier, als statt des verabredeten leisen Zeichens laute Tritte sich auf dem Vorsaal vernehmen ließen. Es blieb mir kaum Zeit, mich in das Bett zu hüllen, als die Türe aufgeschlossen wurde und der Adjutant mit Begleitung hereintrat. Er leuchtete mir ins Gesicht und beugte sich über mich, ließ sich jedoch durch meine Ruhe täuschen und entfernte sich, nachdem er noch die Gitter am Fenster untersucht hatte. Ein etwas schärferer Blick seinerseits, und das Ganze wäre verraten gewesen. Bei Gelegenheit des Spaziermarsches am nächsten Morgen teilten mir die Soldaten, zwischen denen ich ging, in rührender Weise durch lautes Seufzen mit, daß die Sache mißlungen sei. Die Garnison wurde gewechselt; vermutlich traf man auch schärfere Vorsichtsmaßregeln, der Versuch wurde hier wenigstens nicht wiederholt. Die in die Öffentlichkeit gedrungenen Gerüchte über den wegen der Beteiligung des Militärs und des Rufes der Festung ihr doppelt unangenehmen Vorfall ließ die Regierung dementieren. Die Untersuchungshaft auf dem Königstein zog sich lange hin, bis zum Juni 1850, und war voller seelischer Qualen. Die überführung Nr. 18 nach dem Zuchthaus Waldheim geschah wieder nachts unter großen Vorsichtsmaßregeln. Der Gerichtsbote, der mit meinem Transport betraut war, legte mir eine zierliche Vorrichtung an, durch welche die eine Hand an den Leib geschlossen wurde, und so verließ ich die Festung, an deren Fuß ein Wagen unser harrte. Wie bei meiner Hinschaffung setzten sich auch jetzt zwei Unteroffiziere mit Pistolen mir gegenüber und der Gerichtsdiener zur Seite; nur fehlte diesmal die übrige Bedeckung; meine Begleiter waren sehr artig und sprachen sich ganz offen über die Zustände des Landes aus, bei welcher Gelegenheit namentlich die Unteroffiziere ihren tiefen Unmut über die gänzlich umgewandelten Verhältnisse bei dem Militär zu verhehlen suchten. Von ihnen erhielt ich zuerst die später oft wiederholte Tröstung:„ Sie brauchen nicht zu klagen, denn das ganze Land ist ein großes Zuchthaus geworden." Die große Masse des sächsischen Volkes wurde erst nach dem Mißlingen der Bewegung so recht von ihrem Geiste durchdrungen, und die Opposition gegen die Regierung war nach dem Maikampf weit allgemeiner und intensiver als vor und während demselben. Nie hatte ich vor den Maitagen so scharfe Urteile über den König selbst und das Leben der Minister gehört, als noch lange nachher aus dem Munde von Beamten sogar. Auch die Presse zeigte eine Kühnheit, die sich mit dem Gefühl einer tatsächlichen Niederlage nicht wohl vereinen ließ, und es liegen mir sächsische Blätter aus den Jahren 1849, 1850 und 1851 vor, deren Haltung kaum im Jahre 1848 radikaler hätte sein können. Der Regierung war die öffentliche Stimmung nicht unbekannt, und sie fand es daher auch geraten, mit ihren reaktionären Maßregeln nur ganz allmählich vorzugehen. Denn der geringste günstige Umschwung der deutschen Zustände wäre das Signal zu einem neuen Aufflammen der allgemeinen Entrüstung in Sachsen geworden, die diesmal sicher nicht so leicht zu löschen gewesen wäre. An sehr verständlichen Demonstrationen fehlte es nicht, und von einigen, die sich direkt auf uns bezogen, ward mir unmittelbar Kunde. Wenn die Regierung glaubte, sowohl uns selbst als den Maikampf in der öffentlichen Meinung dadurch herabzusehen, daß sie uns in das Zuchthaus sperrte, hatte sie sich arg getäuscht; die Wirfung war eine gerade entgegengesetzte, denn das Zuchthaus verler mit einem Male das Schimpfliche, welches demselben in der Vorstellung des Volkes bis dahin anklebte. Es befanden sich erst wenige politische Gefangene in Waldheim, als ich hinkam, und in deat Isoliergebäude war ich mehrere Tage noch allein; allmählich füllten sich jedoch die Räume, und auch die Zellen wurden besetzt. Die Zahl meiner Schicksalsgenossen in Waldheim belief sich im ganzen auf 250, unter denen etwa 50 Soldaten oder Reservisten gewesen sein mochten. Zum Tode verurteilt waren 25 von uns gewesen, und nicht weniger als 24 fanden sämtlich noch in den ersten Jahren ihr Grab auf dem dortigen Friedhof. Die Zahl der Maigefangenen in den anderen sächsischen Gefängnissen ist mir unbekannt geblieben. Auch im Zuchthaus zu Waldheim bereiteten Soldaten eine Befreiung der Maikämpfer vor. Eines Tages flüsterte mir der auf dem Gang stehende junge Soldat an der Türe zu, daß er mit mehreren seiner Kameraden sich verbunden habe, um mich und meine Freunde zu befreien. Beim nächsten Spaziergang erfuhr ich von dem früheren preußischen Leutnant v. Glümer der auch für die Betätigung seiner Gesinnung büßte, daß eine ähnliche Eröffnung auch an ihn gekommen sei. Es stellte sich bald heraus, daß sich unter den Schüßen zwei selbständige Verbindungen gebildet hatten, um uns zu befreien. Eine Verschmelzung beider war durch ihre Führer August über und Friedrich Fleischer bald bewirkt. Um unsere Schidsalsgenossen von dem Plane in Kenntnis zu setzen, beförderten die Soldaten ein kurzes Rundschreiben von einem zum anderen. Wie vergeblich der erfinderischen List gegenüber alle Vorsichtsmaßregeln sind, erwies fich auch hier. Mehrere unserer Mitgefangenen lehnten ab, an dem Versuch teilzunehmen, vierzehn bis sechzehn waren einverstanden. Viel war noch zu tun. Nachschlüssel, Wagen, Kleidung auch für die uns befreienden Soldaten auch ausreichende Geldmittel mußten beschafft werden. Freunde und Verwandte waren dabei opferbereit. Wochen und Monate waren über die Vorbereitungen hingegangen. Der bestimmte Tag, der 1. Oktober, rückte heran. Der Plan war so einfach, daß er kaum mißlingen fonnte. Drei Schlüssel und eine kleine Strickleiter, darauf beschränkten sich alle Erfordernisse. Wachthabende Soldaten sollten uns die Bellen öffnen, ebenso die Gartenpforte, und sich uns anschließen. Über die äußere Mauer hätte die Stridleiter geführt. Einige in der Nähe harrende Wagen sollten uns auf das Gut eines Gesinnungsgenossen führen, wo Freunde mit Kleidern, Papieren und Geld unserer harrten. Die Saumfeligkeit eines Schlossers in Leipzig er hatte den Schlüssel zur Gartenpforte nicht rechtzeitig fertig gemacht führte mittelbar Nr. 18 Für unsere Mütter und Hausfrauen zur Entdeckung des ganzen Anschlags. Ein Brief des Schüßen Fleischer wegen des fehlenden Schlüssels war als unbestellbar zurüdgekommen und vom Postmeister entgegen der Vorschrift gelesen und sofort dem Militärkommando zugestellt worden. Der Beamte erwarb sich mit dieser Verlegung des Dienstgeheimnisses das Verdienstkreuz. Fleischer und über wurden sogleich verhaftet, ebenso unsere anderen Helfer unter den Schüßen, soweit sie bekannt waren. Die Soldaten bekamen Arbeitshausstrafe bis zu vier Jahren, unsere Freunde, die uns bei dem Plane unterstützt hatten, Gefängnis bis zu sechs Monaten. Mit Neujahr 1852 verloren die Schüßen die Auszeichnung", Waldheim bewachen zu dürfen, ihre Unzuverlässigkeit erregte zu große Besorgnisse. Unser Verlangen nach Freiheit unterlag zwar keiner gerichtlichen Ahndung- welche Strafe hätte man uns noch auferlegen können?-, allein auf disziplinarischem Wege gab es Mittel genug, uns büßen zu lassen. Und der Zuchthausinspektor sorgte dafür, daß fie tüdisch und brutal gegen uns angewendet wurden. Für die Hausfrau. Rhabarberspeisen. Mit Beginn der warmen Jahreszeit stellt sich naturgemäß das Bedürfnis nach erfrischenden Zuspeisen ein, die den oft verminderten Appetit sowie die Verdauung anregen, während ihre nährenden Eigenschaften erst in zweiter Linie in Betracht kommen. Eine ganze Reihe solcher Speisen liefern die Blattstiele des Rhabarber, die einen erheblichen Gehalt an Apfelsäure befißen. Die Kultur des Rhabarber ist so einfach, daß fie im bescheidensten Arbeitergärtchen mit gutem Erfolg betrieben werden kann. Wenn man den Rhabarber nicht zur Blüte kommen läßt, so liefert er von April ab bis in den Juni hinein saftige Etiele. Später werden die Stile gewöhnlich holzig. Besonders zarten Rhabarber erzielt man durch Bleichen, indem man eine Niste über die Pflanze stülpt. Die Vorbereitung des Rhabarbers zum Kochen geht sehr schnell vonstatten. Abschälen und Abbrühen sind überflüssig. Nach sorgfältigem Waschen werden die Stiele in Stüde von Fingergliedlänge geschnitten. 1 Rhabarbersuppe. Zerschnittene Rhabarberstengel- für 3 Personen rechnet man ein reichliches halbes Pfund werden mit 1 Liter Wasser und einem fleinen Stückchen Zitronen- oder Apfelfinenschale ausgefocht, durch ein Sieb gegossen, nach Geschmack gefüßt, mit in faltem Wasser klar gerührtem Kartoffeloder Maismehl seimig verkocht und über Zwiebackstückchen angerichtet. Diese Suppe fann auch als altschale gereicht werden. Sagotlöße geben eine gute Einlage für die Kaltschale. 1 bis 1 Löffel voll Perlsago werden eine halbe Stunde in falter Milch geweicht, in etwa 1 Liter kochende Milch geschüttet, der man Zucker sowie eine halbe Vanilletablette zusetzte, und unter Rühren gekocht, bis der Sago ganz durchsichtig und dick geworden ist. Von diesem Brei gibt man nach dem Erkalten Klöße in die Kaltschale. Rhabarberbrotsuppe. Nach Art der Apfelbrotsuppe fann man im Waffer eingeweichtes Roggenbrot mit zerschnittenem Rhabarber und etwas Zitronen- oder Apfelsinenschale fochen, durch ein Sieb rühren und nach Geschmack zuckern. Für 3 Personen rechnet man auf ein halbes Pfund Roggenbrot ein Viertelpfund Rhabarberstiele und etwa 1 Liter Wasser. Rhabarbertompott. Rhabarberstückchen werden eingezuckert einige Stunden hingestellt, bis sich etwas Saft gebildet hat. Dann bringt man sie schnell zum Kochen und läßt sie noch ein wenig ziehen; doch dürfen sie nicht zerfallen. Nach Geschmack fügt man noch Zucker hinzu, nimmt die Rhabarberstücke mit dem Schaumlöffel heraus, läßt die Brühe kurz einkochen oder macht fie in mit Wasser flar gerührtem Kartoffelmehl seimig und gießt sie über das Kompott. Es schmeckt sehr gut zu Eierkuchen, kaltem und warmem Brei von Hafer, Grieß, Reis usw. Rhabarbergrüße ist eine der beliebtesten nordischen Süßspeisen. Rhabarberstücke werden mit Wasser bedeckt und zu dünnem Brei gefocht. Dann schüttet man die Masse auf ein Porzellanfieb und läßt den Saft ablaufen. Zum Verdicken der Speise nimmt man in Dänemark Sagomehl und Kartoffelmehl zu gleichen Teilen. Bei uns ist Sagomehl schwer erhältlich. Statt deffen nehmen wir Kartoffelmehl oder Maismehl; auch Perlsago und feiner Grieß sind verwendbar. Der Rhabarbersaft wird nochmals zum Kochen gebracht, mit Zucker und 1 bis 2 Vanilletabletten oder einem Stückchen einer Vanillenschote gewürzt und 5 bis 8 Minuten lang mit dem in Waffer Ilar gerührten Mehl verkocht. Sago und Grieß müssen etwas länger fochen. Auf 1% Liter Flüssigkeit rechnet man etwa 75 bis 100 Gramm= 3 bis 4 ge= 71 häufte Eßlöffel voll Mehl, Sago oder Grieß. Jedenfalls hüte man sich, die Rhabarbergrüße zu dick zu kochen, wodurch sie an feinem Geschmack verliert. Nach Belieben kann man 4 bis 8 abgezogene Mandeln in feine Streifen schneiden und auf die Speise streuen, die man in flachen Schüsseln erkalten läßt. Sie wird mit frischer Milch und Streuzucker gegessen. Rhabarbermarmelade gibt einen guten Aufstrich für Weißbrot. Auf 4 Pfund Rhabarberstiele nimmt man 4 Pfund ungeblauten gemahlenen Zucer, ein Stüd Zitronen- oder Apfelsinenschale und den Saft von 3 großen Zitronen. Die Rhabarberstückchen müssen mit dem Zucker vermischt mehrere Stunden stehen, bis sie Saft gebildet haben. Dann focht man sie in einem Einmachtopf aus Ton, Aluminium oder unversehrter Emaille unter Rühren zu einem steifen Brei, der in gut verschlossenen Steintöpfen oder Gläsern aufbewahrt wird. O Feuilleton Die junge Bäuerin. Von Anna Croissant- Rust. M.Kt. ( Schluß.) Es war nun volle Dämmerung geworden; im Tal über dem Regenfluß zogen weißliche Nebel. Stolpernd kam die Frau vorwärts. Kimm fein net wieder z'Fall, Teschelbäuerin!" raunte ihr da einer ins Ohr. Der Nachbar. Der Lechner. Großer Gott, war der neben ihr?! Rimm fein net wieder z'Fall, fimm fein net wieder z'Fall, heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns, fimm fein net 3'Fall -arme Sünder- Absterbens! Amen," so geht's ihr wirr im Kopf herum. Der Lechner. Wie kommt der daher? Er war nicht dabei am Morgen. Was will er? Die Angst schnürt ihr die Kehle zufammen. Kann man die Lichter des Dorfes noch nicht sehen? Nein, nein, es sollte noch nicht kommen, dies Dorf, in das sie sich nicht traut, lang, lang sollte der Weg so fortgehen, bis sie irgendwo umfont. Jawohl hatte sie gebetet draußen in der Kapelle in ihrer Herzensnot, oh, jeden Tag fleht sie zur gebenedeiten Jungfrau, daß sie ihr Kraft gebe, ihre große Schuld einzugestehen, aber wenn sie versucht, ein Wort zu sagen, würgt sie's schon in der Kehle. Ach, er wird ihr nie verzeihen, und auch heute wird sie den Mut nicht finden, ihm zu sagen:" Ich habe mich verfündigt mit dem Lechner, dem Nachbar, einmal nur; ich hab' ihn aber nicht gern, nur dich, ich weiß nicht" Nein, nein, nie wird sie ihm alles eingestehen fönnen! Wär's nicht besser für sie, hinunter über den Hang zu laufen in den Fluß? Wer glaubte ihr denn? Konnte es ihr der Mann glauben, daß sie den andern verabscheute? Sie trug doch ein Kind unter dem Herzen. Und sie sah sich fliegen, ihre Röcke wehten, ihr Herz schlug der Erlösung entgegen. Aber sie zog weiter mit den andern, sie murmelte die Gebete mit den andern. Immer fleiner wurde der Zug, immer mehr lösten sich ab und verschwanden stumm in den Häusern, die mit kleinen Lichtern wie mit bösen Augen in den Abend blinzelten; zuleit ging fie ganz allein, doch hinter ihr waren noch Schritte, die rascher und rascher wurden. Er kam ihr noch näher- jekt war er da! Hatte er etwas gefagt?„ Stimm fein net wieder 3'Fall, Teschelbäuerin," hörte fic durch das Dröhnen und Brausen in ihren Ohren. Aber er schwieg doch! Schwieg und ging dicht neben ihr, so dicht, daß sie das Weiße seiner Augen leuchten fah. Sie zitterte, daß er sprechen, daß er sic berühren würde, da hatte er sie schon fest um die Hüften gefaßt, so fest, daß sie sich im ersten Augenblick nicht wehren konnte. aus ,, Geh einer zu mir," flüsterte er heiser und suchte sie gegen das Tor seines Anwesens zu drängen, aber sie hatte sich schon ermannt: " Ich hab' dir schon gesagt, daß ich nig von dir wissen will, laß aus laß!" Die beiden Fäuste stemmte fie gegen seine Brust und stieß ihn mit aller Gewalt zurück, daß er fast gestürzt wäre. Wart, des is dir net g'schenkt, du Frankenschädel, du falscher! Deim Mann steck i's!" schrie er und wollte in der Wut wieder nach ihr greifen, doch sie hatte ihr Hoftor schon hinter fich zugezogen und hörte nur mehr das halblaute, erregte Schimpfen des Mannes, der sich schnell entfernte. Da stand sie nun vor ihrem Haus, scheu wie eine, die zum Betteln kommt, oder die man ausgewiesen und die sich nicht traut, wieder um Einlaß zu bitten; in der Stube war Licht, und sie stand im Dunkeln wie eine Fremde, eine Ausgestoßene. Das war fein Haus, seine Stube, sein Licht, wie lange würde er sie noch dulden neben sich? Noch schlotterten ihr Arme und Beine von der Anstrengung, mit der sie den kräftigen Bauern zurückgestoßen, und von dem weiten Marsch war ein Müdigkeitsgefühl in ihr, daß sic 72 Für unsere Mütter und Hausfrauen sich am liebsten hingelegt hätte, wo sie stand. Sie kauerte sich, von Frost geschüttelt, auf der Stiege nieder, die Füße wollten sie nicht mehr tragen, und ein Gefühl der Heimatlosigkeit überkam sie, daß sie schluchzend ihren Kopf in ihrem Schoße barg. Auf einmal fühlte sie etwas Weiches, das sich zwischen ihre Wange und die verschlungenen Hände zu wühlen versuchte, sie hörte ein leises Winseln das war Ali, der große Hund, den sie als kleines Tier aus der Heimat mitgebracht. Und diese eine scheue Liebkosung löst alles Starre in ihr, sie nimmt den Kopf des Hundes in ihre Arme und weint sich aus bei ihm, der wie ein Tröster neben der Müden steht. Dann treibt sie's auf, sie faßt das Halsband des Hundes und will nach der Türklinke greifen. Und noch einmal wird sie mutlos vor der Stille im Haus und vor dem Bild des Kranken, das vor ihr ersteht, mit den Augen, in denen so viel Leid liegt und die so viel fragen. Kann sie denn jetzt vor ihn treten? Ihre Sehnsucht treibt sie hinein, ihre Furcht weist sie aus. So läuft sie ruhelos ums Haus; der Hund trottet sacht nebenher, von Zeit zu Zeit aufsehend und ein leises, fast verwundertes Knurren ausstoßend, das in ein furzes, unwilliges Bellen übergeht, als jemand unter die Haustür tritt. Wie wenn er fühlte, daß die Frau nicht gesehen werden wolle, duckt er sich neben sie in den Schatten des Holunderbaumes und schaut scharf nach der jungen Magd, die die Straße hinunterspäht. Eine Zeitlang steht sie und horcht, aber kein Tritt schallt durch den Abend, dann kehrt sie gleichgültig ins Haus zurück; das Licht im Flur erlischt, und ein schwacher Schein fällt aus der Kammer neben der Stube. Nun haben sie den Bauern zu Bett gebracht, und nun traut sich auch die Bäuerin ins Haus. Der Mond steht als milchiger Fleck hinter der Nebelwand, von fernher bellen ein paar Hunde, deren Rufe Ali mit zitternden Flanken hört, aber er bleibt still, nur an seinem hastigen Atem merkt sie, daß ihre Erregung auch auf das Tier übergegangen ist. Der Brunnen gurgelt vor dem Hause, im Stall klirren die Ketten, es ist so friedlich, wie wenn alles schon ruhte, nirgends ein Licht; nur dort hinter des Nachbars Fenster ein unruhiger, wandernder Schein. Vor ihm flieht sie, und er verfolgt sie, als sie sich in der dunklen Schlafkammer neben ihren Mann ausstreckt. Doch das Bedürfnis nach Ruhe und die Sehnsucht, sich warm zu betten nach dem kalten Nebelabend, den sie im Freien verbrachte, sind so stark, daß bald alles andere in ihrem Kopf, der schwer und schwerer wird, zu zerflattern beginnt. Da hört sie im Einschlafen das rasche und erregte Atmen ihres Mannes, und wenn sie ihn auch nicht sehen kann und kein Ton von ihm laut wird, fühlt sie plöblich, daß er nicht schläft, wie sie meint, sondern mit offenen Augen neben ihr liegt; nun kann sie keinen Schlaf mehr finden. Auf dem Rücken liegend, starrt sie nach der Decke, über die ein blasser Streifen Mondlicht läuft; ihr ist, als müsse der neben ihr die Angst ihres Herzens hören, die sie plötzlich wieder überfällt; verbergen, verkriechen möchte sie sich, ungeschehen machen, was geschehen, oder tot sein und von nichts mehr wissen. Wie sie so gemartert daliegt, kann sie sich eines Stöhnens nicht erwehren, und wie sich nun auf einmal die Kammer mit dem hellen Licht des Mondes füllt, der aus den Wolken getreten ist, sieht sie in das Gesicht ihres Mannes. Mit einem Schrei springt sie auf. Er weiß es! Sie möchte fliehen vor diesen Augen, ihnen entweichen wie eine Wahnsinnige tastet sie sich im Zimmer herum, den Wänden entlang; nach einem Versteck sucht sie, nach der Möglichkeit, diesen Augen zu entrinnen. In ihrer Raserei denkt sie nicht daran, durch die Türe zu entfliehen, sie läuft nur keuchend an den Mauern des großen Raumes hin. Wie auf einen Schlag wird das Zimmer plötzlich dunkel, eine Wolke hat den Mond verschlungen; das Bett mit seiner hohen Rückwand, das sich steil und mächtig vor ihr aufgerichtet, mit ihm, der wie ein unbarmherziger Richter nach ihr zu schauen schien, ist berschwunden, und sie fällt neben der Türe zu Boden vor Mattigkeit und übergroßer Angst. Wochenlang ist die junge Bäuerin krank; die Herbststürme johlen um das langgestreckte Haus mit dem breiten Schindeldach, dürre Blätter jagen an den Fenstern vorbei, dazwischen scheint wieder eine blasse scheue Sonne, und wieder braust der Sturm. Dann femmen Regentage, und die Kranke hört das immerwährende, unerbittliche Tappen der Tropfen, das stete, unbeirrbare Rinnen der Dachtraufe und liegt still drinnen in ihren Kissen, wie halb ge= storben, immer mit der Empfindung, sie darf nicht zu tief atmen, sie darf sich nicht rühren, sie darf die Augen nicht zu weit aufmachen: sonst wird etwas wach, das man nicht wecken darf! Ein Leben mit halbem Atem, mit halben Gedanken, mit halber Empfindung, wie im Krampf. Man hat sie allein betten müssen, fie fragt nicht nach ihrem Mann, sie fragt nach niemand, sie spricht nicht. Oder nur ab und zu ein paar Worte mit Ali, dem Hund, der sie an die Heimat gemahnte und der suzeiten stürmisch nach ihr Nr. 18 verlangt, als ob er wüßte, daß sie sich nach ihm sehne. Den Arzt läßt sie nicht zu sich, sie tut wie eine Rasende, wenn man ihr davon redet, daß er komme, nun lassen sie die Mägde gewähren. Pflege braucht sie keine, sie können alle ihrer Arbeit nachgehen und sind froh deshalb; der andere Kranke macht ihnen Mühe genug, der so wunderlich in der letzten Zeit geworden. Einmal würde sie schon wieder aufstehen, die Frau, meinten sie. Und einmal stand sie auch wieder auf. Der erste Schnee war gefallen, und alles sah weich und heimlich und friedlich aus. Die junge Bäuerin hatte in der Nacht tief und fest geschlafen und von ihrem Manne geträumt. Sie träumte, daß sie ein Kindlein im Arm trug und herzte und küßte, daß sie es ihm reichte, und daß auch er es herzte und küßte. Und wie sie so in das übersonnte Weiß hinaussah, in den blauen Himmel, zu dem ein leichter Hauch aus den Kaminen stieg, überfam sie eine große Sehnsucht nach ihm, eine reuige Demut; sollte er ihr denn nicht verzeihen können? Sie hatte so viel gelitten um ihrer Sünde willen! Die ungesprochenen Worte quollen ihr im Herzen, sie wollte betteln, daß er ihr vergebe, sie war ihm ja noch immer gut. Gern wollte sie fortgehen, weit, weit fort, wohin er sie schicken würde, wenn sie nur ihr Kind haben und einmal wiederkommen dürfte zu ihm! So schleppte sie sich über die Schwelle der Wohnstube und hielt schon die Hände zur Bitte gefaltet, also demütig und schwach trat fie ein. Die Stube war voll kalten Lichtes von all dem Weiß draußen, das unbesonnt auf dem Nordhang vor dem Hause lag. In dem schwarzen großen Lederstuhl saß ihr Mann und ste mußte sich am Türpfosten halten auf der Ofenbank saß der Lechner. Und die Blicke der beiden Männer hingen an ihr, ihr war's, als strecke sich der Bauer Hoch schützend hielt sie die Hände vor sich hin, schüßen wollte sie sich vor diesen Blicken, vor seinen Augen, die sie aus dem Hause zu stoßen schienen, vor denen sie fliehen mußte, und nicht Ruhe finden konnte in alle Zeit. Nichts gab's mehr für sie, als sie die Tür schloß, hinter der der Mann saß, den sie noch immer liebte und verraten hatte, und jener andere, der ihre Schmach mit angesehen und der gelacht hatte. Wie eine Vision sah sie immer diese Stube mit den beiden Männern vor sich, als sie durch den weichen Schnee niederstieg, langsam zuerst, dann immer schneller dem Tal zu, wo der Lauf des Flusses mit seinen weißen Nebeln gekennzeichnet war wie damals, wo sie in der Dämmerung von der Wallfahrt heimkehrte. Allen Lärm verschlang der tiefe Schnee; es begann leise um sie zu rieseln von fallenden Körnern, nichts sonst war zu vernehmen. Einmal nur war's ihr, als höre sie eines Kindes bitterlich Weinen, sie hielt einen Augenblick an, kam dann ins Laufen und immer näher dem Fluß, ganz nah hörte sie das dumpfe Murmeln und Gurgeln. Hoch hob sie die Arme, ein Gleiten, ein Sichducken, schon schoß das Wasser über sie weg. Da, ein Schrei, mit zwei Händen griff sie nach einem Strauche. Das Kind hatte geschrien! Ein Kind hatte geschrien! Sie will leben für das Kind! Für ihr Kind. Mit aller Kraft wehrt sie sich nun gegen die Strömung, flammert sich an den Strauch, langsam, langsam gibt er nach. Langsam wird sie in die Mitte des Flusses getrieben, ihre Bewegungen ermatten, ihren Nuf erstickt das Wasser. Da kommt's über den Hügel heruntergestürmt mit lautem, bel= lendem Winseln, wie Signale und wie Freudenschreie ist es. Ali ist da, Ali wirft sich in die Strömung. Ali zicht und zerrt an ihr, bis er sie am seichteren Ufer hat, gerade als ihr die letzte Besinnung schwindet und hinter den Ufersträuchen Menschen auftauchen, die die Erstarrte in warme Decken wickeln und sie, begleitet von dem in kurzen, halb klagenden und halb freudigen Lauten bellenden Tiere, über den Hang zurücktragen, den sie eben in schwerstem Leid heruntergeflohen war. Sie erwacht weich und warm gebettet; vor dem großen Kachelofen liegt sie, der vor Wärme und Wohligkeit knattert, die Stube ist voll heller Abendsonne, kleine Eisblumen setzen sich an den Fenstern an, durch die der weitgeschwungene Bogen des Kanterberges schaut; neben ihr steht der große Lehnstuhl ihres Mannes, und die Augen, die auf sie sehen, sind nicht die Augen eines Richters, find nicht Augen, die sie ausstoßen und gehen heißen; es sind die Augen eines Verstehenden, Verzeihenden, sind Augen, die sie bitten, zu bleiben, die in Trauer und Freude glänzen. Langsam sucht sich eine Hand zu ihr zu stehlen, und sie hält sie fest, sie weint darüber all die Tränen ihres Leides und ihrer Freude, und sie legt sie auf das klopfende Herz, unter dem sie das Kind trägt, das nun auch sein Kind werden soll, um ihres Schmerzes, ihrer Neue und ihrer Liebe willen. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. 8. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.