Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 20 oooooooo Beilage Beilage zur Gleichheit oooooooo 00 00 1913 Inhaltsverzeichnis: Aus der Entwicklungsgeschichte der Familie. Von b. s. Für die Hausfrau.- Hygiene. Feuilleton: Kain und Adah. Von Byron. Aus der Entwicklungsgeschichte der Familie. Soweit unsere Leserinnen über die Entwicklungsgeschichte der gesellschaftlichen Organisation unterrichtet sind, haben sie ihre Kenntnisse und Anschauungen zumeist aus zwei Büchern der sozialistischen Literatur geschöpft. Das sind Engels'" Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" und Bebels„ Die Frau und der Sozialismus". Es wird heute kaum noch bestritten werden, daß Engels Werk nicht in allen Teilen lückenloses und einwandfreies Material bietet, daß es in der Folge auch in der Theorie zu manch schiefer, unhaltbarer Schlußfolgerung gelangt. Namentlich ist dies bei der Erörterung der frühesten Formen der gesellschaftlichen Organisation der Fall. Trotz aller einzelnen Schwächen und Irrtümer bleibt die Schrift als Ganzes eine glänzende Geistestat, sie gehört zu dem wertvollsten Besitz unserer sozialistischen Literatur. Die strenge, fühne Konsequenz der Beweisführung, die frische Vorurteilslosigkeit der vertretenen Anschauungen, die Tiefe und Schärfe, mit der die Entwicklung von Familie, Eigentum und Staat verfolgt und zergliedert wird, halten die Leser von der ersten Seite an in Atem, zwingen sie, geistig mitzugehen, selbst mitzudenken. Eine Fülle von Licht strömt von diesem Werke aus, erhellt dunkle und verwickelte gesellschaftliche Erscheinungen und gibt mit Kenntnissen zugleich auch neue Einsichten in das Wesen, den Gang der Menschheitsgeschichte. Insbesondere erzieht es die Leser dazu, die gesellschaftlichen Formen und Einrichtungen im Flusse einer beständigen Entwicklung zu begreifen, die letzten Endes von den Veränderungen der Produktionsbedingungen vorwärtsgetrieben wird. Auf die missenschaftliche Forschung und Theorie über die Entwicklungsgeschichte der gesellschaftlichen Organisation hat es außerordentlich anregend und befruchtend gewirkt und wirkt heute noch so auf Freund und Gegner. Wie Engels sich vorzüglich auf Morgans Forschungen über die Urgeschichte gestützt hatte, so hat sich Bebel in seinem Buche- soweit es die früheste Geschichte behandelt in der Hauptsache an Engels gehalten. Ihm kam es mit Recht vor allem auf den Nachweis an, daß sich seit der Urzeit bedeutende Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter zueinander vollzogen haben, und daß die nie stille stehende Entwicklung weitere bedeutende Veränderungen schafft. Das Zurückgreifen auf die Vergangenheit gab ihm Gelegenheit, die Gegenwart schärfer und tiefer zu erfassen, als es sonst möglich gewesen wäre. Und wenn wir heute wissen, daß Bebel dabei in dem und jenem mit Engels geirrt hat, so bleibt nichtsdestoweniger der erweckende und schulende Wert auch seines Buches, als Ganzes betrachtet, unbestritten. Seine Hauptbedeutung beruht in der Darstellung der Gegenwart und in den Ausblicken, die es auf die Zukunft eröffnet. Das Lesen dieser beiden Bücher, die sich ja in der kleinsten Arbeiterbibliothek befinden, muß daher immer wieder dringend empfohlen werden. Aber freilich dürfen die Leserinnen dabei nicht vergessen, daß manche Einzelheit, manche Schlußfolgerung heute nicht mehr als richtig anerkannt werden kann. Als Morgan forschte und Engels aus den Ergebnissen langjähriger Gelehrtenarbeit seine theoretischen Schlußfolgerungen zog, steckten die beiden Wissenschaften noch in den Kinderschuhen, die uns die Bausteine zur Kenntnis der frühesten Geschichte menschlicher Organisation liefern. Es sind das die Prähistorie, die Urgeschichte und die Ethnologie, die vergleichende Völkerkunde. Die Urgeschichte macht uns mit längst versunkenen Kulturperioden bekannt, deren überbleibsel im buchstäblichen Sinne des Wortes größtenteils aus der Erde gegraben wurden. Die Ethnologie zeigt uns Menschengruppen auf niederen Entwicklungsstufen. Die Ergebnisse beider Wissenschaften haben einen mächtigen Aufschwung genommen und ein reiches Tatsachenmaterial zusammengetragen, das uns die graue Vergangenheit der Menschheitsgeschichte immer besser verstehen lehrt. Wohl scheint es richtig, daß die Frau der erste Sklave war. Bei manchen kulturarmen Völkerschaften aller Weltteile ist dies noch der Fall. Ferner in Vorderasien und ügypten, wo schon seit mindestens 5000 Jahren Kulturreiche bestanden haben. Aber bei " vielen, ja wahrscheinlich bei den meisten Völkerschaften ist dieser Periode der Unfreiheit eine Zeit der Gleichberechtigung, ja einer gewissen Vorherrschaft des Weibes vorausgegangen, und diese Zeit ist viel länger gewesen als die uns bekannte Periode der Verfllabung. Die Gleichberechtigung der Frau besteht heute noch bei einer großen Anzahl Naturvölker, man kann sagen: auf der Hälfte des Erdenrundes. Nebenbei sei hier bemerkt, daß man unter Naturvölker" keineswegs Menschengruppen verstehen darf, die heute noch im sogenannten Naturzustand leben. Solche Völkerschaften gibt es nicht mehr, hat es vielleicht nie gegeben. Der Zustand des Menschen ist eben ein solcher der Kultur, d. h. einer gewissen Ablösung von der Natur und einer Beherrschung der Natur, wenn auch anfangs noch sehr bescheidener Art. Der Begriff Kultur schließt den Begriff körperlicher wie geistiger gesellschaftlicher Arbeit ein. Die sogenannten Naturvölker sind also nicht kulturlos, sondern mur kulturarm, und zwar auch nur gemessen an dem, was wir Kultur zu nennen belieben. Ihre Kultur ist in ihrer Art oft eine sehr hohe, das heißt alte und verwickelte, nur hat der Europäer meist dafür kein Verständnis. Die soziale Stellung der Frau bei den Naturvölkern ist sehr verschieden. Im allgemeinen aber kann man behaupten, daß sie abhängt von der wirtschaftlichen Rolle der Frau, von dem Anteil, den diese an der Versorgung der sozialen Gemeinschaft mit Mitteln des Lebensunterhaltes nimmt. Zur Fürsorge und Sicherung des Lebensunterhaltes vollzieht sich eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, und in Gemeinschaften, wo der Frau der wichtigste Teil der Arbeit dafür zufällt, nimmt auch durch Sitte und Gewohnheitsrecht das weibliche Geschlecht eine geachtete und gleichberechtigte Stellung ein. Es ist dies namentlich bei Völkerschaften der Fall, deren Hauptquelle für den Unterhalt der primitive Ackerbau ist, denn es ist hier die Frau, die den Boden bearbeitet, bestellt, die säet und erntet. Die ungefähr 10 000 Jahre, die verstrichen sein mögen, seit die wichtigsten Kulturvölker die Zeit des primitiven Ackerbaus hinter sich haben, machen einen verhältnismäßig kleinen Zeitraum aus, gemessen an dem Alter der Menschheit, das von maßgebenden Ge= lehrten auf weit höher als 100 000 Jahre geschäßt wird. Die Periode der Knechtschaft der Frau in den kapitalistischen Staaten nähert sich mit Riesenschritten ihrem Ende. Die weiterdenkenden Frauen dürfen also heute das tröstliche Gefühl haben, daß die Unfreiheit ihres Geschlechts wie die der Arbeiterklasse, von der die Befreiung ausgehen wird doch nur eine verhältnismäßig rasch vorübergehende übergangsperiode in der unendlich langen Kette der Welt- und Kulturgeschichte ist. Es ist eine umstrittene Frage, ob die Menschen von Anbeginn an in Herden zusammenlebten, die nach jeder Richtung hin kommunistisch waren, gleich denen der heutigen tieferstehenden Affenarten, oder ob sie in Einzelfamilien hausten. Das erstere wird von den Sozialisten in übereinstimmung mit der Naturgeschichte und der Ethnologie angenommen, das letztere behaupten gern die bürgerlichen Individualisten mit Hinweis auf die Lebensweise der großen menschenähnlichen Affen. Durch Beobachtung wird sich die Frage wohl kaum entscheiden lassen. Wie schon bemerkt, kennt man nicht mehr Völker auf der vorauszusetzenden niedersten Stufe, Völker, die auf Bäumen kletternd, ohne Werkzeuge, Feuer und fast ohne Sprache leben. Da seßt denn die Theorie mit ihren Annahmen und Schlußfolgerungen ein. Aber gerade die individualistische Theorie hat ein Loch. Die Naturgeschichte zeigt, daß neben den meisten Affen auch die anderen hochentwickelten Tiere, die den Kampf mit der Natur und mit äußeren Feinden aufnehmen müssen sei es durch gemeinsame Abwehr oder auch nur durch Wanderungen Wanderungen, in Herden leben. So Pferde, Rinder, Elefanten, größere und kleinere Vogelarten. Mit Ausnahme der Vögel, wo die Brutpflege die Einzelfamilie bedingt, finden wir diese in der Hauptsache bei Raubtieren, die für ihre standesgemäße" Lebenshaltung einen großen Raum beanspruchen, da bei herdenweisem Auftreten ihnen die Nahrung schnell zu knapp würde und die räuberische Herde dann durch Hunger zugrunde geht oder sich selber stückweise verspeist. Der sonst monogame Wolf jagt in den Zeiten der Wintersnot in Nudeln, freilich frißt er dann, wenn keine andere Beute da ist, schließlich doch den schwächsten Genossen auf. Die Natur hat dem Raubtier die Einzelfamilie aufgedrängt. Auch die Einzelfamilie der großen Affen ist aus Gründen der Er 78 Für unsere Mütter und Hausfrauen nährungsschwierigkeiten zu erklären, sie ist ein Zeichen einge tretener Rüdentwicklung infolge Mangels einer sozialen Fürsorge. Die sogenannten menschenähnlichen Affen sind von der geraden, aufsteigenden Linie der Entwicklung abgewichen, denn diese Linie Tag in der Richtung immer stärkerer Organisation. Sie sind auf einen Nebenweg, in eine Sackgasse geraten, wo nur noch eine beschränkte Entwicklungsmöglichkeit vorhanden ist. Es trifft das infolge der körperlichen Organisation ebenfalls für die Huftiere, Wiederkäuer usw. zu. Der Affe konnte sich von den warmen Wäldern nicht losreißen. Der Mensch tat dies, er verließ sowohl Wald wie Wärme. Die ganze Erde war nun sein, und er hatte beshalb auch nicht nötig, sich in egoistische Einzelfamilien zu zersplittern. Wo die Nahrung knapp wurde, brauchte die Horde nicht mehr auseinanderzugehen. Die soziale Organisation, die nicht vom Willen des einzelnen bewußt geschaffen wurde, die sich vielmehr unter dem Drucke der Umstände, aus Zweckmäßigkeitsgründen gebildet hatte, half durch gemeinsame Arbeit die Schwierigkeiten überwinden und damit die Gemeinschaft weiter kräftigen. Nicht alle Menschengruppen werden auf allen Stufen der Kultur auch allen Schwierigkeiten der Lebensfürsorge gewachsen gewesen sein. Trat dieser Fall ein, so haben sie sich wie die großen Affenarten auch wieder in kleinere Gruppen und Einzelpaare zersplittert. Wenn diese nicht bald wieder in bessere Verhältnisse kamen, die Gemeinsamkeit ermöglichten, so mußten sie nach und nach im Kampfe mit Natur und besser organisierten Feinden zugrunde gehen, oder ihre Nachkommen führen heute noch ein armseliges Leben. Besonders in Amerika hat sich in geschichtlicher Zeit in größerem Umfang gezeigt, daß die Zersplitterung der Menschen und der Mangel an sozialer Organisation zu rückläufiger Entwicklung führt. Auf den Gebirgen von Mittelamerika und bis tief nach Südamerika hinunter lebten zur Zeit der Entdeckung des Erdteils durch die Europäer hochorganisierte Bölfer. Die Europäer zerstörten ihre sozialen Organisationen. Als nach längerer Zeit der schwere Drud aufhörte, waren die Menschen angesichts der veränderten Verhältnisse zur Schaffung einer neuen Organisation nicht mehr fähig. Sie zerfielen in kleine Stämme und sind wieder Halb- und Ganzwilde geworden, die langsam aussterben. In Nordamerika ist schon vor dem Eindringen der Europäer ein höherstehendes Volt ausgestorben, das allerlei interessante Bauten hinterlassen hat. Die Einwanderer trafen nur Unzivilisierte an, wo heute die Archäologen die Neste einer anerkennenswerten Halbkultur aus dem Boden graben. Diese Kultur hatte nur durch eine zusammenfassende Organisation entstehen können, die auf dieser Stufe allein bei Kommunismus möglich ist. Sie ist wahrscheinlich untergegangen, weil auf dem erreichten Höhepunkt das Volk sich in egoistische Einzelfamilien oder Klassen auflöſte. Der nämliche Grund arbeitet heute an dem Untergang vieler Negerstämme, weil er sie wie der Natur so dem Europäer gegenüber ohnmächtig macht. Es widerspricht dem Gesagten nicht, daß die sogenannte indoeuropäische und auch manche andere frühere Kultur entstanden ist, obgleich bei den in Frage kommenden Völkerschaften die Einzelfamilie besteht. Denn die erste größere weiterreichende Organisation der Menschheit, die der Großfamilie mag man sie Gens oder anders benennen ist bei allen Kulturvölkern erhalten geblieben. Und nicht nur das, sondern als ihre Zeit vorbei war, ist sie als zusammenfassende organisierende Herrschaft durch den Feudalismus weitergebildet worden. Denn der Seigneur( der Herr), der Kmet ist der Senior, der Alte. In der Einzelfamilie, die innerhalb des Gens, besibend und herrschend, adlig geworden war, hat er sich in wirklicher Ältestenfolge zum autokratischen Herrscher emporgeschwungen. Später erst beruhte die Herrschaft auf der Erstgeburtsnachfolge. Voraussetzung für das Aufkommen des ältesten als Herr in der Gemeinschaft war, daß er die Arbeit fruchtbringender organisierte. In der Hauptsache zu seinem Nutzen aber dennoch gleichzeitig nicht zum Schaden der Gesamtorganisation. Diese Herrschaft war einst weniger drückend als heute die des pommerischen Landjunkers, weil jeder fühlte, daß sie auf einer Stufe geringer Entwicklung und Disziplinierung notwendig war, um zu höherer Kultur zu gelangen. An dem Hörigkeitsverhältnis, in das die große Masse gefallen war, wurde außerdem manches gemildert durch die Blutsverwandtschaft des Armsten mit dem Höchsten wie durch die soziale Verpflichtung des letzteren zur Fürsorge für die Gesamtheit. - Die Forschung hat das Bestehen von Großfamilien, die noch nicht durch Befiz- und Herrschaftsverhältnisse zerklüftet sind, in den verschiedensten Entwicklungsstadien in aller Welt nachge= wiesen. Bei den südeuropäischen Slawen besteht sie noch vereinzelt, wird aber hier durch die Berührung mit der heutigen tapitalistischen und Geldwirtschaft schnell dem Verfall entgegenNr. 20 geführt. Die Großfamilie löst sich in Einzelfamilien auf, was die Verteilung des Gesamtvermögens an diese in sich begreift. Schlimmer entwidelten sich die Dinge dort, wo im eigenen oder fremden eroberten Lande neuer Adel künstlich geschaffen und für Kriegsund Fürstendienste mit stamm- und blutsfremder Bevölkerung belehnt wurde. Da schwand jede Rücksicht. Der neue Regent herrschte meist über mehrere, nun als Dörfer organisierte Gentes und steckte mehr den Herrn als den sorgenden Vater heraus. Er war nur durch seinen Egoismus mit dem Ganzen verbunden und ließ sich die Fürsorge für die Gesamtheit nicht allzu angelegen sein. In der Entwicklung Europas ist der Feudalismus im allgemeinen dem Kapitalismus gewichen, und dieser hat den bis dahin noch vorhandenen Zusammenhang der Adels- und Großfamilie bollends aufgelöst, der freilich aus Wohltat zur reinen Plage geworden war. Die Mehrzahl der unterdrückte Familienelemente sind nun zu gänzlich freien Einzelfamilien geworden. Dadurch wurde aber ein Kampf aller gegen alle neu entfacht, den die Menschheit in ältester Zeit bereits ebenso überwunden hatte wie das höhere Tier, das nur noch den Kampf von Art gegen Art fennt. Wohl war im Zusammenhang mit der ganzen Entwicklung ein neues Gebilde entstanden der Staat. Er übernahm die Gesamtfürsorge und mußte die allerschlimmsten Auswüchse des Egoismus der Besizenden im eigensten Interesse bekämpfen. Jedoch dieser Staat war immer nur ein Staat der Besitzenden unter sich, ein Staat der herrschenden Klaffen. Zwar hat die Bureaukratie, die ihn bildete, stüßte und vorstellte, auch dem Einzelegoismus entgegengesetzte Interessen. Allein in ihren Gesamtinteressen: Klassenherrschaft und Ausbeutung der Arbeitenden, geht sie mit allen Besitzenden zusammen. Daher die Zwiespältigkeit des Staates, sein ewiges Wanken und Schwanken, das er für einen Ausgleich der Interessen" ausgibt. Daher die Tatsache, die schon seit den Zeiten der römischen Republik immer wieder und sehr genau zu beobachten ist: der Staat gibt Gesetze zum Schuße der Schwachen", der allzu schwer Benachteiligten, drückt aber dann stets beide Augen fest zu, wenn diese Geseze von den Herrschenden nicht beachtet werden. Auf der einen Seite möchte er die nährende Herde nicht ganz zugrunde richten lassen, auf der anderen jedoch seinen auf Ausbeutung erpichten„ Stüßen" nicht allzu nahe treten. Wo er nicht den Mut hat, sich als einfache Gewaltherrschaft zu geben, ist der Staat ein unglückliches Zwittergebilde. " Dieses Schwanken kann nur unter einer Bedingung aufhören. Ter Staat muß als Ausbeutungsgemeinschaft einer beschränkten Anzahl besibender Einzelfamilien verschwinden und einer demofratischen Organisation des Gesamtvolkes Platz machen. Eine solche Organisation aber kann heute nur eine sozialistisch- kommunistische sein. Sie wird sich von der alten kommunistischen Organisation zwar in allen Einzelheiten unterscheiden, ihr aber in dem Grundgedanken gleichen. Dieser Grundgedanke ist, daß das gesamte Produktions- und Betätigungsfeld allen Gliedern der Gesellschaft ohne Unterschied zu eigen gehört, daß einer für alle und die Gesamtheit für jeden einzelnen eintritt. Wohl ist es möglich, daß dann einige haarfeine, glasspröde Spitzen der heutigen Kultur zerbrechen, daß gewisse überfeinerungen und Auswüchse dieser Kultur flöten gehen. Aber kein Vernünftiger wird sie vermissen. Die heutige egoistische Einzelfamilie als wirtschaftliche Einheit muß sich mit dieser Entwicklung auflösen, als sittliche Einheit kann die Familie nun erst recht leben und sich entwickeln. Keine Macht der Welt kann auf die Dauer etwas erhalten, hinter dem keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr steht, und die wirtschaftliche Notwendigkeit schafft auch, wenn die Einzelfamilie wieder fällt, dem menschlichen Dasein einen höheren Gehalt. O O O Für die Hausfrau. Praktisches und einfaches Kinderkleid. Mit der geringsten Zuschneide- und Herstellungskunst kann die Mutter das sogenannte Hemdenkleid für Kinder herstellen, das auch als Herrgottsfittel oder Idealkleid bekannt ist. Und dieses Kleid ist obendrein ebenso zweckmäßig wie schön. Es erfordert wenig Stoff, ist also leicht zu tragen, beengt das Kind nicht, beeinträchtigt keine seiner Bewegungen; es läßt sich ohne große Mühe reinigen, waschen und bügeln; es paẞt sich gefällig den anmutigen Linien des kindlichen Körpers an, hat einen entsprechenden Faltenwurf und kann mit schönen Handstickereien, Börtchen usw. verziert werden. Zum Kleid für ein Mädchen von 5 bis 7 Jahren braucht man 2 Meter Wollstoff, dabei ist ein recht breiter Einschlagfaum zur späteren Verlängerung mitgerechnet, die in diesem Alter ja stets ins Auge gefaßt werden muß. Der Stoff wird in seiner Breite doppelt zusammengelegt, und seine Bruchkante Nr. 20 Für unsere Mütter und Hausfrauen muß die obere Armellinie 1 bilden. Es sind also nur zusammenzunähen: die unteren Armellinien 2 bis zum Zwickel und die beiden Seitenfahnen 3 ebenfalls bis zum Zwidel, der wie bei jedem Hemd eingesetzt wird. Am Hals erhält das Kleid ein Einzugbändchen, ebenso wenn man will unter der Taille, wie das der Schnitt erkennen läßt. Unsere Vorderansicht des Kleides zeigt es mit eingenähtem Zug unter der Taille, die Rückansicht dagegen führt es Zwicked lose vor, wie es bei Mädchen von 2 bis 4 Jahren besonders hübsch wirkt. Vom Halsausschnitt aus wird der Stoff nach der linken Schulter zu etwas aufgeschnitten, gerade weit genug, daß die Öffnung das Ausund Anziehen über den Kopf ermöglicht. Man hüte sich vor einem zu fangen Schnitt. Das Kleid wird am Hals nicht durch Knöpfe oder Hafen geschlossen, sondern mittels des Einzugbändchens. Ein Schleifchen deckt die Schlußstelle. Der Achselausschnitt muß äußerst sorgfältig mit Stoffstreifen oder Leistchen ausgearbeitet werden, damit der Armel nicht einreißt. Auch die Zwickel müssen gut eingenäht werden, eine Kunst, die ja die Mädchen in der Schule lernen. Das Kleid läßt sich durch Stickereien, Häckelarbeiten, Börtchen usw. nach Belieben mehr oder weniger reich verzieren. Handarbeiten wirken dabei immer am schönsten. N. R. J. O O O Sygiene. Zweckmäßige Ernährung auf Wanderungen. Der Proviant, den wir auf größeren Ausflügen, Radtouren oder dergleichen mit uns führen, muß besonders umsichtig ausgewählt werden. Er darf nicht sehr umfangreich sein, um uns durch sein Gewicht nicht lästig zu fallen, und er muß doch alles enthalten, was der Körper braucht, um leistungsfähig zu bleiben. Bei großen körperlichen Anstrengungen wird der Bestand an Fett und Kohlehydraten im Körper vorzugsweise in Anspruch genommen. Um ausdauernd zu bleiben, müssen wir uns also vorwiegend mit stärkemehl- und zuckerhaltiger Nahrung versehen. Eiweiß steht erst in zweiter Linie. Das Mitnehmen von gebratenem Fleisch, Schinken oder gar Wurst ist nicht zu empfehlen. Diese Kost erhitzt uns, macht durstig und unlustig zu Anstrengungen. Dagegen ist es gut, hartgekochte Gier mitzunehmen, die aber sehr sorgfältig gekaut werden müssen, ferner Butter, die man zweckmäßig in einem ausgehöhlten Stück Brot unterbringt. Honig oder Marmelade, in einer gutschließenden Büchse verwahrt, ist sehr anzuraten, ebenso etwas frisches Obst. Einige gedörrte Pflaumen, Aprikosen, auch wohl Rosinen wäscht man zu Hause ab und trocknet sie in der Sonne zum Mitnehmen. Bananen sind ein vortrefflicher Reise- und Wanderproviant. Sie nähren und erfrischen gleichzeitig. Für eine mehrtägige Tour versieht man sich am besten mit den wohlfeilen gedörrten Bananen, die in vegetarischen Geschäften käuflich sind. 79 Dort erhält man auch die nahrhaften und appetitlichen Fruchtnußpasten, die als Belag auf Weißbrot genossen werden. Sie bestehen aus fein zermahlenen und zusammengepreßten Nüssen mit Südfrüchten. Etwas Käse, der natürlich nicht riechen darf, bildet eine rationelle Ergänzung des Proviants. Eine Tafel Schokolade muß zum eisernen Bestand zählen. Kehren wir unterwegs ein, um unseren Durst zu stillen, so werden wir alkoholische Getränke jeder Art meiden auch Bier, da sie schlapp machen. Milch ist nur in kleinen Mengen schluckweise getrunken zu empfehlen. Kühltränke, aus reinen Fruchtsäften oder frischer Zitrone bereitet, stillen den Durst am besten und unschädlichsten. Trinken wir nicht zuviel und vermeiden wir große Hauptmahlzeiten, indem wir lieber öfters kleine Nahrungsmengen zu uns nehmen, leben wir an Wandertagen hauptsächlich von Milch, Eiern und Pflanzenkost, so werden wir, von unserer Erdenschwere so wenig wie möglich behelligt, mit beschwingtem Schritte unseres Weges ziehen und für Körper und Geist wirklichen Gewinn heimbringen. m.kt. Hygienische Regeln für die Bahnreise. Rechtzeitig zum Bahnhof und dort alles in Ruhe besorgen, damit man nicht schweißtriefend und abgespannt die Reise antritt. Womöglich micht in den hintersten Wagen steigen; dieser schwankt meist, wodurch bei empfindlichen Personen eine Art Seekrankheit erzeugt wird. Den Kopf nie zum Fenster hinauslehnen; Kohlenteilchen, sogar Funken von der Maschine können ins Auge fliegen; der Kopf kann lebensgefährlich verletzt werden durch Anprall an offene Türen eines vorbeifahrenden Zuges, an hinausgehaltene Gegenstände usw. Nicht zu oft effen oder trinken, aber auch nicht fasten; möglichst die gewohnten Eßzeiten innehalten. Das Lesen unterlasse man während der Fahrt am besten ganz. Jedenfalls lese man stets nur kurze Zeit mit längeren Erholungspausen und nur großgedruckte Schrift. Bei künstlicher Beleuchtung lese man nie. Bei einer langen Fahrt öfter sich strecken und reden zur Anregung des Blutumlaufs; bei längerem Aufenthalt aussteigen, auf- und abgehen. Altere oder schwächliche Personen sollen nie Tag und Nacht hintereinander reisen, sondern nachts ausruhen. Am Ende einer langen Fahrt ein warmes Bad nehmen zur Erholung und zur Reinigung von Staub und etwaigen Krankheitsteimen; Wäsche wechseln, die ganze Klei= dung reinigen und lüften. th. Feuilleton Kain und Adah. Von Byron. Erste Szene des dritten Aktes des Mysteriums Kain. Die Erde in der Nähe Edens. Kain und Adah, seine Schwester und Frau, treten auf. Adah: Still Kain- tritt leis! Kain: Ich tu' es; doch warum? Ada h: Sieh! unser kleiner Enoch schlummert auf Dem Blätterlager unter der 8ypresse. Kain: Bypresse!' s ist ein düstrer Baum und scheint Zu trauern über dem, was er beschattet; Warum gibst unserm Kind du ihn zum Zelt? Adah: Weil sein Gezweig die Sonne nachtgleich ausschließt Und passend drum, den Schlummer zu beschatten. Kain: Den letzten längsten- ja; doch laß- komm' zu ihm. ( Sie gehen zu dem Kinde.) Wie hold er ist! die kleinen Wangen in Dem reinen Rot wetteifern mit den Blättern Der Rose, die ihr Kissen. Adah: Und die Lippen Wie schön erschlossen! nein du sollst ihn jetzt Nicht küssen bald erwacht er seine Stunde Der Mittagsruhe neigt sich fast zu Ende Es wäre schade, sie zu stören. Kain: Ja Ich will mein Herz so lange drum beschwicht'gen. Er schläft und lächelt! schlafe nur und lächle; In deinen Stunden ist noch beides schuldlos Und heiter; du hast nicht die Frucht gepflückt Du weißt nicht, daß du naat. Muß kommen denn n Die Zeit, da du für unbekannte Sünden, Die nicht die deinen, noch die meinen, büßest? Doch schlafe nur! die Wangen röten lächelnd Sich tiefer und die langen Wimpern zittern Darüber, dunkel- mild wie die Zypresse. 80 80 Für unsere Mütter und Hausfrauen Halb offen lächelt unter ihnen klar Und blau sein Aug' er träumet wohl- und doch Von was? Von Eden? Träume nur davon, Ach mein enterbtes Kind! ein Traum ist's nur, Denn nimmermehr wirst du, noch deine Söhne An dem verbotnen Ort der Freude wandeln. Adah: Nein, lieber Rain, hauch' über unsren Sohn Solch leidvoll Sehnen nicht nach dem Vergangnen! Warum willst stets ums Paradies du trauern? Und können wir kein andres schaffen? Rain: Wo? Adah: Hier wo du willst wo du bist fühl ich den Verlust des vielbeklagten Eden nicht. Hab' ich nicht dich, den Sohn, den Vater, Bruder, Und Zillah, unsre Schwester, und die Mutter, Der wir nebst der Geburt so vieles danken? Kain: JaAdah: Kain für den Tod find wir ihr auch verpflichtet. jener stolze Geist, der dich entführte, Hat dich noch düsterer gestimmt; ich dachte, Die Wunder, die du dort gesehn Gesichte, So sagst du, jeziger und vergangner Welten Sie hätten deinem Geist verliehn die Ruhe Befriedigter Erkenntnis; aber ach, Der Führer, seh' ich, tat dir Böses; dennoch Kann ich ihm danken und verzeihn, da er So bald dich uns zurückgab. Rain: Adah: Bald? Kaum sind es Zwei Stunden, daß ihr schiedet- wohl zwei lange Für mich, doch nur zwei Stunden nach der Sonne. Rain: Und nah' der Sonne war ich doch- und Welten, Auf die sie früher schien und nimmer scheint Und die sie nie erhellte, sah ich; Dacht' ich inzwischen hingerollt. Adah: Jahre Kaum Stunden. Kain: Der Geist kann also auch die Zeit umfassen, Nach dem sie messend, was er sieht, ob's freundlich, Ob's schmerzlich, klein ist oder groß. Die ewigen Werke schrankenloser Wesen, Ich sah Zerstörte, wie verlöschte Welten und Mich dünkte, als die Ewigkeit ich schaute, Es sei von ihrer Unermeßlichkeit Ein Tropfen auf mich fommen; doch ich fühle. Jetzt wieder meine Kleinheit und der Geist Sprach wahr, daß nichts ich sei. Adah: Jehova sprach es nicht. Rain: Nein Warum denn sprach er's? ihm genügt's Uns zu dem Nichts zu machen, das wir sind. Erst schmeichelt er mit einem Blick auf Eden Und die Unsterblichkeit dem Staub, und löst In Staub ihn wieder dann warum? Adah: Für unsrer Eltern Sünde. Rain: Du weißt's Doch was kehrt Sie uns! Sie fündigten und müssen sterben! Adah: Du sprichst nicht recht noch ist es dein Gedanke Ihn gab der Geist dir ein, der bei dir war; Könnt' ich für sie doch sterben, daß sie lebten! Kain: Dies dent' ich auch, sofern ein Opfer ihn, Der stets nach Leben dürstet, sättigte, Und unser kleiner, süßer Schläfer hier Nicht Tod und Erdensorgen schmeckte, noch Auf die, die ihm entstammen, sie vererbte. Adah: Wer weiß, ob nicht durch solche Sühnung unser Geschlecht erlöst noch wird. Rain: Indem, wer schuldlos, Geopfert für den Schuld'gen wird? Und Sühne Nennst du's? Unschuldig sind wir weshalb sollten Die Opfer wir für eine Tat vor unsrer Geburt jetzt werden? oder Opfer brauchen, Bu büßen jene Sünde ohne Namen, Wenn's Sünde je, zu streben nach Erkenntnis? Adah: Ach, Kain, jezt fündigst du; denn gottlos flingen Mir deine Worte. Kain: Dann verlaß mich. Ada: Niemals, Verläßt dich auch dein Gott. Rain: Doch was ist hier? Adah: Dein Bruder Abel machte zwei Altäre, Dieweil du fern, hier unsrem Gott zu opfern Bei deiner Rückkehr. Rain: Doch wie wußt' er, daß Ich so bereit sein werde zu dem Opfer, Das er mit glatter Miene, deren Demut Mehr niedre Furcht als wirkliche Verehrung Verrät, dem Schöpfer als Beste chung darbringt? Adah: Er tat gewiß doch recht. Rain: Ein Altar reicht Schon hin ich habe nichts zu opfern hier. Adah: Der Erde Früchte und die frischen Knospen Und Blüten und des Tales Blumen sind Dem Herrn ein wohlgefällig Opfer stets, Wird's reuigen und frommen Sinn's gebracht. Rain: Jch mühte mich und schwitzte in der Sonne Dem Fluch gemäß ist dies noch nicht genug? Warum soll ich noch fromm sein? Weil ich kämpfen Mit allen Elementen muß, bis sie Mein Brot mir geben? Und wofür denn dankbar? Weil Staub ich bin und in dem Staub ich krieche, Bis ich dem Staub verfalle? Bin ich nichts, Soll ich für nichts ein Heuchler sein, zufrieden Mit meinen Leiden scheinend?- Warum reuig? Des Vaters Sünde ist bereits gefühnt Durch das, was wir erduldet, und sie wird Mehr als gefühnt noch werden durch die Leiden Dereinst, die unfrem Samen prophezeit. Wie wenig ahnet unser Kleiner Schläfer, Daß er den Keim zu ewigem Elend für Myriaden in fich trage? Besser wär' es, Ihn weckend an dem Fels ihn zu zerschmettern, Als leben ihn zu lassen, um Adah: Gott Berühre nicht mein Kind dein Kind, o Rain! Kain: Sei unbesorgt! Nicht um die Macht, die all Die Sterne lenkt, würd' ich mit rauherm Gruß Als eines Vaters Auß mein Kind erwecken. Adah: Warum ist dann dein Wort so graus? Kain: Er stürbe besser jetzt, als daß er Leben Dem Gram all gebe, den er selber dulden Und einst vererben muß; doch da dies Wort Dich hart berührt, so laß uns einzig fagen Es wäre besser, wär' er nie geboren. Nr. 20 Ich sagte, Adah: O sag' es nicht! Wo wären dann die Freuden Der Mutter, zu bewachen und zu stillen Und lieben ihn?- Still er erwacht mein Enoch! ( Geht zum Kind.) O Kain blick' her o sieh, wie voll des Lebens, Der Kraft, der Schönheit und der Freude und Wie ähnlich mir und dir er, wenn du freundlich, Denn ähnlich sind wir dann uns alle, Mutter Und Sohn und Vater unsre Züge spiegeln Sich ineinander, nicht wahr Kain? Und wie Im flaren Quell gespiegelt, find sie freundlich, Wenn du es bist; drum liebe uns und liebe Dich selbst um unsrer willen, wie wir dich. Sieh wie er lächelnd seine Ärmchen ausstreckt Und auf zu dir die blauen Augen schlägt, Den Vater grüßend, wie die kleinen Glieder Vor Freude beben! Rede nicht von Leid: Die kinderlosen Engel könnten dich Beneiden um dein Vaterglück- o segne Das Kind mit Worten kann es zwar nicht danken, Doch wird sein Herz es und das deine. Kain: Sei Gesegnet, kann dich eines Menschen Segen Vom Fluch der Schlange retten. Adah: D- er wird's. Gewiß kann eines Vaters Segen auch Der List der Schlange wehren. Rain: Doch segn' ich ihn. Dies bezweifl' ich. Berantwortlich für die Redaktion: Frau- Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshobe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. 6.m.b.8. tn Stuttgart.