Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 23 oooooooo Beilage zur Gleichheit o Inhaltsverzeichnis: Der Roman des Proletariats. Von D. Wittner. Die Stubenfliege. Von Mar König. Für die Hausfrau Feuilleton: Hamza und Hanifa. Von Gustaf Janson.( Fortsetzung.) Der Roman des Proletariats. Von Otto Wittner. Unter den großen Gattungen der Dichtung hat sich der Roman am spätesten entwickelt. Er entstand, als das Bürgertum im feudalen Staate sich als eigene Klasse zu fühlen begann, und ist seit= dem durch alle Wandlungen der Zeiten der getreueste Spiegel bürgerlicher Kultur gewesen. Nirgends läßt es sich eindringlicher nachweisen, daß die Entfaltung, Ausprägung und Verfeinerung des Individuums das eigentliche Kulturziel des Bürgertums gewesen ist, als in der Entwicklungsgeschichte des Romans. In den höchsten Formen, die der Roman in Deutschland bis jetzt gefunden hat, ist er sogar ausschließlich die Darstellung einer sich bildenden Individualität gewesen. Aber auch der Noman steht nun an der Zeitenwende. Die bürgerlichen Jdeale sind verschlissen, wie im Leben, so in der Kunst. Die Revolution des Naturalismus gegen die abgestandene überlieferung war vornehmlich ein tatkräftiger Versuch, neue Ziele aufzurichten. Und dieser Versuch ward nirgends mit größerer Kraft geführt, als eben im Roman. Der naturalistische Zustandsroman mit seiner breiten Schilderung der Umwelt und ihrer wirkenden Kräfte war der Beginn der Auflösung jenes bürgerlichen Individualismus. Die der neuen Anschauung zugrunde liegende Logik besagt nichts Geringeres, als daß das gesellschaftliche Sein das individuelle Bewußtsein bestimme. Seinem Wesensgehalt nach ist der neue Roman dem alten genau so entgegengesetzt wie der bürgerlichen individualistischen Geschichtsbetrachtung der historische Materialismus. Natürlich mußte sich die neue Anschauung auch neue Stoffe suchen, an denen sie sich betätigte. Anfänglich war ihr die in Zersetzung befindliche Welt des Handwerkertums am meisten gemäß. Denn hier erwies sich eben am deutlichsten der unentrinnbare Einfluß des gesellschaftlichen Seins, die Unzulänglichkeit und Beschränktheit des Individualismus. Doch andererseits fehlte es hier am positiven Ziele. Die Zertrümmerung der alten Jdeale schuf noch keine neuen. Vollendet war der Umlauf erst, als an die Stelle fleinbürgerlicher Schicksale Gestalten aus der Klasse traten, die ihrer Natur nach diesem Individualismus schroff entgegengesetzt ist. Nach der Theorie führt auch die Praxis den modernen Roman und das moderne Proletariat zusammen. Das große Beispiel Bolas wies zuerst diesen Weg. Wie er den torbildlichen naturalistischen Roman geschaffen, mit breitester Ausmalung alles Zuständlichen; wie er den Zusammenbruch des Kleinbürgertums unter der Konkurrenz der Großbetriebe mit viel größerer Wucht und Eindringlichkeit geschildert hat als seine Schüler und Nachahmer: so hat er auch seine Kunst den Zielen und Gedanken des Proletariats geöffnet. Aber, sehr bezeichnend, während Zola sonst mit größter Kraft die Geschicke unmittelbar aus den Zuständen herauswachsen läßt, mußte er hier äußerliche Verknüpfungen flechten. Die Ehe des Helden der Arbeit" wird zu einer finnbildlichen Verbindung der Intelligenz mit dem Proletariat. Der Naturalist steigert die Natur über sich hinaus, um uns in die neue Gesellschaft hinüberzuführen, über der die freundliche Sonne Utopias leuchtet. Ein zweiter Borstoß in der Richtung auf den Proletarierroman wurde in Rußland gemacht. Magim Gorki hat nicht den Weg durch theoretisch- literarische Auseinandersehungen und Kämpfe sich gebrochen. Er ist selbst ein Teil des Proletariats, dessen Lebensnöte er bor uns ausbreitet. Gorkis Romane sind so viel unmittelbarer aus dem Proletariat herausgewachsen als das gewaltige Werk Bolas; Bela ist doch immer und von Anfang an der intellektuelle Schriftsteller. Gorki, der nicht durch eine starke literarische überlieferung gebunden ist und auch Gegensatz ist Bindung, ist der Proletarier, der cm bewußten Erlebnis seines Seins zum Dichter wird. Dieses Sein aber war das Los des„ Barfüßlers", das ist desjenigen Proletariers, der sich der Enge und dem Zwange der herrschenden Ordnung durch Landstreicherei widersetzt und entzieht. In meisterhaften Novellen gab Gorki Episoden aus dem bunten und wechselbollen Leben des Barfüßlers, das reich an Freiheit und Ent0 0 0 O O O O о 1913 behrung ist. Inzwischen war aber mit dem Wachstum der fapitalistischen Industrie und dank der Propaganda der Sozialdemofratie in dem Barenreich ein modernes, klassenbewußtes Proletariat erstarkt, das die Triebfeder der Revolution wurde. Unter ihrem heißen Hauche verwelkte das Jdeal des Barfüßlers, und an seine Stelle drängte sich in den Mittelpunkt der Gorkischen Kunst der sozialistisch aufgeklärte Proletarier, der den Fesseln der kapitalistischen Gesellschaft sich nicht durch Flucht auf die Landstraße zu entziehen, sondern der sie Schulter an Schulter mit seinen Arbeitsbrüdern in organisiertem Kampfe zu sprengen sucht. Aber freilich schöpfte Gorki nun nicht mehr unmittelbar aus dem Quell des Selbsterlebten, der seiner Kunst bis dahin ihre überzeugende Natürlichkeit verliehen hatte. In dem Roman„ Die Mutter" schildert Gorki, wie die Mutter eines Fabrikarbeiters sich an den Taten ihres Sohnes langsam zur überzeugten Sozialistin heranbildet. Die arme, fleine, geduckte, demütige Frauenseele richtet sich auf, getroffen von der Wärme eines neuen Lebensinhaltes; über das berprügelte, müde, frühverwelfte Weib kommt allmählich der Glaube an eine bessere Zukunft. Die Mutter begreift anfangs gar nicht, was ihr Sohn und seine Genossen wollen, fühlt nur bitter, daß da etwas zwischen ihr und dem einzigen geliebten Kinde steht. Sie sieht ganz einfach mit dem naiven Empfinden der Frau aus dem Volke: es sind doch gute, heitere, schlichte Menschen, Menschen, die leiden. Und da weiß sie es, daß auch gut sein muß, was diese Menschen wollen. Durch diese Bresche zieht der sozialistische Gedanke in ihr Herz ein und ergreift Besit. Und die Mutter reift nach und nach für die Tat. Tapfer tritt sie der Polizei entgegen. Sie trägt Druckschriften in die scharf überwachte Fabrik. Sie fährt über Land, den Genossen da draußen Botschaft zu bringen. Bei allen Aufzügen und Versammlungen steht sie hinter ihrem Sohne, flolz leuchten ihre Augen, so oft sein Name genannt wird. Und sie stirbt für die Sache den Tod.... Aber auch Gorkis Roman ist doch nur Episode. Ein so rührendes Sinnbild diefe Mutter ist, keineswegs ist sie Vertreterin des Prole= tariats. Gorkis Dichtung ist zwar aus dem Geiste des Befreiungskampfes der Masse empfangen, sie gibt aber eines nicht, die Masse selbst und ihren Weg. Dieser dichterische Stoff konnte und durfte nur in ganz großem Stile organisiert werden. Und nun ist auch der Dichterorganisator aufgestanden. Es ist der Däne Martin Andersen Nerö, und sein Werk heißt Pelle der Eroberer".( Roman in zwei Bänden. Leipzig 1912, Inselverlag. Preis 8 Mt. Der Roman ist ferner zu demselben Preis in die Nordische Bibliothek des Verlags Georg Merseburger, Leipzig, übernommen worden, in der auch die übrigen Werke Nerös erschienen sind.) " Wie Gorki war auch Nerö Wanderer und Arbeiter, und wie der Russe ist auch der Däne zuerst durch Skizzen und knappe Schilderungen aus diesem Wanderer- und Arbeiterleben bekannt geworden. Aber Gorki, der Realist, weist starte romantische Büge auf, er moralisiert nicht selten, und ein wuchtiges Pathos sucht Ausdruck in Sinnbildern und gibt etwa der Schilderung einer Arbeitsstunde im Hafen von Odessa eine eigene Größe. Nerö iſt weit nüchterner, er läßt sich niemals von der Leidenschaft überwältigen und weicht vor solchem Andrang des Blutes lieber aus zur flaren Ruhe der Jronie. Aber diese überlegte und überlegene Kühle ist wohl die Eigenschaft, die dem Organisator am notwen digsten beim Werke ist. Indem Nerö uns die Geschichte Pelles erzählt, des armen Hütejungen von Bornholm, gibt er uns die Geschichte des Proletariats und seiner Bewegung. Allerdings und selbstverständlich so, wie es ein Dichter geschaut, der bodenständig dänisch ist. Infolge dieser nationalen Gebundenheit trägt Belle als Jdeal die typischen Züge der Arbeiterbewegung in Dänemark. Ohne daß etwas fünstlich zurechtgestellt wird oder nach der Art älterer Kunstübung der Dichter sich mit breitspurigen Auseinandersehungen einmengt, wächst Pelle aus seiner unmittelbaren Erfahrung die neue Erkenntnis zu vom Wesen der bürgerlichen Gesellschaft, von der wahren Stellung des Arbeiters in ihr. Aber dieses individuelle Erleb= nis ist das allgemeine Schicksal proletarischer Schichten, die neu in den Strudel des kapitalistischen Produktionsprozesses hineingerissen werden. Von weit außerhalb kommt Belle, von Bauernland, wo noch fast ausschließlich für eigenen Bedarf geschafft wird. Heimlos geworden, findet er von hier aus den Weg über See als Hütejunge beim Großgrundbefizer. Eine tätige, auf sich selbst ge 90 Für unsere Mütter und Hausfrauen stellte Natur, duldet es Belle aber nicht für die Dauer in dieser Beschränkung und Abhängigkeit. In die Stadt zieht es ihn, die an Märkten und Feiertagen ihn mit hundert Reizen loďte. Kaum ist er der Schule entwachsen, läuft er dem Glück nach. Aber auch in der Kleinstadt findet er statt des alten Druces nur neuen Zwang. Belle wird Handwerker und geht durch eine harte Lehre. Denn die edle Schusterkunst und was sonst in dem kleinen Hauptort seiner Insel Bornholman Künsten getrieben wird, hat längst feinen goldenen Boden" mehr. Nur die elendeste Lehrlingsschinderei hält die„ Meister" noch notdürftig über Wasser, und wer nach langer Plage ausgelernt hat, der mag sehen, wo er seinen Erwerb findet der Lehrherr hat keine Arbeit mehr für ihn. Die meisten Gesellen verzichten auf die Ausnutzung ihrer so sauer erworbenen Fertigkeit, bringen sich mit Gelegenheitsarbeit durch oder bemühen fich um ein Amtchen. Belle treibt die Unruhe, die in ihm gärt, der Wille zum Erlebnis weiter. Er geht in die Großstadt. In ihren wimmelnden Menschenmassen taucht er unter. Ihr Elend und ihre Gewalt flutet durch ihn. Er lebt in einem riesigen Massenquartier Kopenhagens. Alle Not, die die Befizenden und Herrschenden auf das Volk laden, scheint sich hier gesammelt zu haben wie in einem ungeheuren Haufen von Unrat und Abfall. Belle erlebt an sich die beiden Grundtatsachen der gesellschaftlichen Beziehungen der Gegenwart: Ausbeutung und Hingabe. Er hat sein altes Handwerk fortgesetzt, er arbeitet für einen einen Zwischenmeister. Allmählich aber versteht er, daß diese Abhängigkeit ganz überflüssig ist, daß hier seine Arbeit Gewinn für einen andern trägt, der selbst nichts Wesentliches leistet. Und er denkt weiter: der Besizer des Großgeschäftes, für das er Aufträge ausführt, sollte der nicht ebensogut ausgeschaltet werden können?„ Die Gesellen besorgten das Maßnehmen und Zuschneiden die ganze Arbeit! Er war eigentlich auch ein Aussauger, der sich an die Spiße des Ganzen gestellt hatte und den Profit einsog." Sein Erleben führt Belle so die Erkenntnis zu, daß der Arbeiter das Ganze trage". Sofort treibt es ihn von dieser Kritik weiter zu einem positiven Plan, wonach dieses alte System der Ausbeutung der Mehrheit durch den einzelnen beseitigt war, Ausführung und Leitung in den Händen der Arbeiter vereinigt sein sollte: er findet selbst den Gedanken der Produktivassoziation. Aber noch ist die Zeit nicht reif. ( Schluß folgt.) 0 0 о Die Stubenfliege. Von den vielen Plagen des Sommers ist zweifellos eine der unangenehmsten die Fliegenplage. Würden einen die Stubenfliegen lediglich durch ihr Gekrabbel belästigen, so daß es mit dem Verscheuchen dieser Quälgeister getan wäre, brauchte man über sie nicht allzuviel Worte zu verlieren. Aber die kleinen, so traulichen Zweiflügler verdienen eine stärkere Beachtung, und zwar in ihrer Eigenschaft als Krankheitsüberträger. Man braucht sich nur einmal ohne Aufwand von viel Phantasie die Erlebnisse einer Stubenfliege während weniger Stunden vorstellen, und man hat ein Bild, das auch dem bazillenfestesten Gemüt bedenklich erscheinen wird Schauen wir uns zum Beispiel an einem der vielen Sommervergnügungsorte um, die, häufig mit zu wenig Personal versehen, es im Punkte Sauberkeit beim besten Willen nicht genau nehmen können, wenn dem ungeduldigen Publikum alles nach Wunsch gehen soll. Hier holt sich die Fliege von allen Speisen einen Kostbissen: vom schinkenbelegten Butterbrot und falten Braten bis zur simplen Butterfemmel oder dem lieblich duftenden Kartoffelkuchen und dem für ihre Zwecke besonders geeigneten Streuselkuchen. Natürlich nicht ohne auch ihrerseits diese Weidegründe mit einigen faum sichtbaren schwärzlichen Punkten zu zeichnen. Zwischenhinein aber macht die Fliege zur Förderung ihrer Verdauung einige fleine Ausflüge in die Nachbarschaft. Sie besucht den duftend lockenden Dunghaufen, der offen und breit hinter dem Hause liegt, den Kuh- und Pferdestall, jagt mit surrenden Flügeln durch den Spudnapf, schlupft in den Vogelkäfig und turnt lustig über die aufgetürmten Häuschen, die dessen sandbestreuten Boden bedecken, überall schleckend und naschend. So ähnlich spielt sich das Leben einer jeden der Millionen Stubenfliegen Tag für Tag ab. Manchmal befindet sich in der Umgebung der Fliegen ein Herd noch größerer Gefahren. So wenn ein Krankenhaus in der Nähe ist, wo die Fliegen sich mit zahlreichen krankheitsverursachenden Bakterien beladen können oder wenn in der Nachbarschaft ein vernachlässigtes Kopfgrindkrankes Kind, ein mit eiternden Wunden bedeckter Kranker ihrer Naschhaftigkeit ein willkommenes Biel bietet. Vor einem Jahr wies ein Arzt in den Therapeutischen Monatsberichten" bei der Besprechung der Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit auf die große lich auf Nr. 23 Gefahr der Bakterienübertragung durch unsere Stubenfliege hin. Zur Erläuterung führte er einen Fall an, wo durch Vermittlung der Stubenfliege das Bacterium coli in den Darm vieler Säuglinge gelangt war, die dann in großer Zahl an heftigen Darmfrankheiten( Brechdurchfall) starben. Es handelte sich dabei nicht um die gewöhnliche Art des Bacterium coli, das der menschliche Darm, auch der des Kindes, selbst in gesunden Tagen beherbergt, sondern es war als Erkrankungsursache eine zweite, besonders giftige Art derselben Gattung festgestellt worden. Diese Bakterien stammten aus menschlichen Fäkalien, das ist Kot, und durch Stubenfliegen waren sie auf die Säuglinge übertragen worden. bie Gäuglinge übertragen worden. Um solchen Zusammenhang, der nicht immer flar auf der Hand liegt, zu verstehen, muß man sich den Werdegang eines Fliegenlebens vor Augen führen. Die Stubenfliege macht in ihrem Dasein eine mehrfache Umwandlung durch. Sie legt ihre Gier während der Abenddämmerung in Dunghaufen, Abortanlagen, scharf riechende, sich zerseßende Eßwaren: punktgroße, elliptische Röllchen. Bereits am Morgen des folgenden Tages kriechen aus den Eiern fleine Maden aus, die nun ihr lichtscheues Leben sofort mit eifrigem Fressen beginnen. Nach 8 bis 14 Tagen ist aus der Made ein geringeltes Würmchen von reichlich einem Zentimeter geworden, das sich nun einpuppt und durchschnittlich 14 Tage bescheiden zurückgezogen schlafend weiterlebt. Nach dieser Frist aber regt es sich in der Puppe, und mit geblähtem Kopf drängt eine junge Musca domestica, eine Stubenfliege heraus. Der ganze Entwidlungsgang spielt sich in sich zersetzenden Nahrungsmitteln oder in Fäkalien von Menschen und Tieren ab. Diese Stoffe sind aber die Brutherde von allerlei kleinsten Lebewesen, und so kann nicht überraschen, wenn in zahlreichen Fällen im Verdauungstrakt der bisher für so harmlos gehaltenen Fliegen die allergiftigsten Bakterien festgestellt wurden. Welche Gefahren aber diese Tatsache in sich birgt, kann man erkennen, wenn man einen schlafenden Säugling in den Sommermonaten beobachtet, wie er von Fliegen umschwirrt wird. Sie tummeln sich an den Milchresten, die feinen Lippen anhaften, beschlecken die Fingerchen, die bald wieder in Mund und Nase gesteckt werden, lassen sich auf dem Sauger nieder, dem Spielzeug usw. Das, was dem Erwachsenen häufig keinerlei Schaden bringt, wird dem zarten Säugling zu einer schweren Gefahr, und manche Erkrankung, deren Ursache sich nicht aufklärt, weil man die Zusammenhänge nicht gleich übersieht, ist durch diese leichtbeschwingten Gäste aller Kinderzimmer verursacht. Neben der Stubenfliege bringt auch die schwarzblau schillernde Schmeißfliege, furzweg Brummer genannt, den Menschen mancherlei Gefahren. Scheinbar stört uns dieser Bär unter den Fliegen nicht, denn nur selten ist unsere Nase oder die Glaße eines Mannes das Ziel seiner Wünsche. Höchstens daß uns sein Gesumme nervös macht, wenn er unentwegt und immer wieder mit seinem Dickschädel gegen eine Fensterscheibe anrennt, um einen Weg ins Freie zu finden. Jedoch das Weibchen der Schmeißfliege legt in der ersten besten Viertelstunde 200 und mehr Eier, und zwar nicht bescheiden wie unsere Stubenfliege vorwiegend in Dunghaufen, sondern mit Vorliebe auf unsere Nahrungsmittel. Ließ man an Sommertagen offen ein Stück Fleisch oder Käse oder überreifes Obst liegen, so kann man schon mit einem mäßigen Vergrößerungsglas darauf sicher an irgendeiner Stelle Klümpchen bon 50 bis 80 Stück der winzigen, gurkenförmigen Eichen eben dieser großen Schmeißfliege finden. Vor einigen Jahren berichtete in der Medizinischen Wochenschrift" ein Arzt über einen eigentümlichen Fall einer schweren Darmerkrankung. Beim Genuß rohen gehackten Fleisches hatte ein Arbeiter Tausende solcher Fliegeneier in seinen Magen gebracht. Daß diese die Ursache der folgenden schweren Erkrankung waren, fonnte nur zufällig gelegentlich eines Erbrechens des Patienten festgestellt werden. Wie viele Fälle der Art bleiben aber unentdeckt? In Paraguay, so berichtet Brehm in seinem„ Tierleben", hat man Kopfweh beobachtet, das durch Fliegenmaden in der Nase verursacht wurde. Die Schmerzen schwanden, als die Maden ausgenießt wurden. Auf Jamaika sind bei Fieberkranken Maden der Schmeißfliege im Gehirn gefunden und als Todesursache festgestellt worden. Diese Fälle, die sich aus der medizinischen Literatur leicht ber= mehren ließen, sollten zur Vorsicht mahnen. Das Absperren der offenen Fenster durch Drahtgitter, besonders an kühlen Morgen und Abenden wäre nötig, um die Zimmer von dem Flieger;= geschmeiß rein zu halten. Auf alle Fälle muß man alle Speisen und Speisereste peinlich unter Drahtgefäßen oder in sogenannica Fliegenschränken verwahren sowie alle Tischabfälle fofort bescia tigen. Man follte auch keine offenen Kehrichtgefäße und Spuc näpfe in der Wohnung dulden. Das Aufhängen von Fliegenpapice Nr. 23 Für unsere Mütter und Hausfrauen ist wenig zu empfehlen. Meist ist es unwirksam, höchstens fallen die betäubten Tierchen in die Suppe oder in die Milchtöpfe. Empfehlenswert sind die Leimglocken oder-düten, auch die geleimten Bandfänger. Zwar wirken sie nichts weniger als ästhetisch, aber hier soll einmal der Nüßlichkeitsstandpunkt herausgefehrt werden. Ein vorzügliches Massenmordinstrument ist auch der Drahtkorbfänger, der es bis auf einige Hundert Opfer am Tage bringen fann. Nicht zu verachten ist hier die Mithilfe eines Ungeziefers, das die Hausfrauen sonst argwöhnisch verfolgen: der Spinne. Es ist erstaunlich, was sich in den Fäden eines Spinngewebes im Laufe eines Tages alles fängt. Nicht jene großen Brummer fie verstricken sich nur selten dort, nein, jene Hunderte von fast durchsichtigen Kuck- in- die- Welt der Gattung Zweiflügler, die in einer Woche ein trächtiges Muttertier wären, sie sind es, die die Opfer der Spinne bilden. Jbourn signal onist stin Das Schwergewicht der Fliegenbettilgung liegt jedoch in der Vorbeugung, und diese müßte, um wirksam sein zu können, auf den Schultern der Gemeinden ruhen und von ihnen durchgeführt werden. Bei der gegenwärtigen Zusammensehung der Gemeindevertretungen hat allerdings eine solche Forderung, so selbstverständlich sie ist, wenig Aussicht auf Erfolg. Ebensowenig werden die Herren Haus- und Grundbesitzer für festverschlossene Dunggruben, helle, luftige und lichtreiche Ställe, peinliche Abfuhr der Hausabfälle zu haben sein. Das kostet Geld und fast immer aus dem eigenen Geldbeutel. Aber haben wir es dazu, in unseren Nolonien jahrelange Studien machen zu lassen über das Leben der Tsetsefliege und dafür Hunderttausende deutscher Steuergroschen zu verwenden, so sollte man billigerweise fordern können, daß das Mutterland mit gleichem Maße gemessen wird. In der Heimat find nicht minder Gefahren vorhanden. May König. Ins OOO Für die Hausfrau. Mus auf einfache Art einzukochen. Wenn man einen Bratofen hat, ist das mühsame und zeitraubende Geschäft des Musfochens die einfachste Sache von der Welt. Eine möglichst große Bratpfanne wird mit Sodawasser ausgekocht, um sie völlig fettfrei zu machen. Sie wird etwa 10 bis 12 Pfund Pflaumen aufnehmen können, die man gewaschen und entsteint hat. In dem mäßig geheizten Bratofen läßt man die Pflaumen ohne Wasserzusatz flüssig werden. Eobald die Masse zu kochen beginnt, wird das Feuer nur ganz schwach unterhalten. Eine Preßkohle genügt jeweils, um die Pflaumen sacht fortkochen zu lassen. Ein Anbrennen ist dabei ausgeschlossen, das anstrengende Rühren fällt fort. Bald füllt ein angenehmer Duft die Küche; die von allen Seiten auf die Früchte eindringende Hitze bewirkt ein gleichmäßiges Berkochen. Ist die Masse etwas eingefocht, so schüttet man noch einmal entsteinte Pflaumen nach. über Nacht kann man sie ruhig sich selbst überlassen, wenn man ein Brikett- nicht mehr! auf die Glut legt. Will man das Mus würzen, so füge man ein wenig gestoßene Nelken, einen halben Teelöffel voll gestoßenen Zimt und etwas geriebenen Ingwer hinzu. Auch einige Löffel Zucker kann man zuletzt noch mit der Masse durchkochen lassen. Nach 24 bis 30 Stunden wird das Mus dick eingefocht sein. Man füllt es in sorgfältig gereinigte Steintöpfe. Die gefüllten Töpfe läßt man in dem noch warmen Bratofen stehen, bis sich oben eine trockene Kruste gebildet hat. Nach dem Erkalten kann man etwas geschmolzenes Paraffin oder Rindertalg oben aufgießen, um einen vollkommenen Luftabschluß zu erzielen. Dann werden die Töpfe mit Papier überbunden: Auch Kirsch mus läßt sich im Bratofen mit geringer Mühe herstellen. Die Kirschen werden weich gekocht und durch ein Sieb gestrichen. Dann kommen sie nochmals in den Bratofen, wo sie allmählich steif einkochen. Birnenmus wird auf dieselbe Weise von Sommerbirnen hergestellt, die man in kleinen ländlichen Orten oft halb geschenkt bekommt. Den Birnen fügt man einige sauber ausgeputzte Falläpfel hinzu und läßt sie mit wenig Waffer breiweich fochen. Sie werden durch ein Sieb gestrichen und im Bratofen kurz eingefocht. Ein wenig Anis ist eine angenehme Würze für das leicht etwas weichlich schmeckende Birnenmus. Die Weiterbehandlung ist dieselbe wie beim Pflaumenmus. Die auf solche Art hergestellten Obstkonserven übertreffen an Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit alle fäuflichen Mus- und Marmeladesorten, denn jene sind sauber und appetitlich hergestellt und frei von gesundheitsschädlichen Zusäßen. Sie geben nicht nur einen billigen und guten Brotaufstrich, sondern lassen sich auch zu Fruchtfaucen als Beigabe zu Klößen und anderen Mehlspeisen sowie zu Obstsuppen trefflich verwerten. M.Kt. Feuilleton Hamza und Hanifa. Bon Gustaf Janson. 91 ( Fortsetzung.) Der Oberst salutierte mit der Reitpeitsche und sein Blick überflog noch einmal die schweigenden Gruppen. Dann lenkte er sein Pferd auf den Weg hinunter und sprengte nach Süden. Ein Stück weiterhin wurde er von einem Adjutanten eingeholt, der einige verdächtige Bewegungen in der Wüste rapportierte. Der Oberst zudte ärgerlich mit den Schultern. Er mußte doch schließlich mel diese Araber drüber aufklären, wessen Untertanen sie jetzt eigent= lich waren. Aber beim Regiment gab es so unendlich viel zu be= denken, und heute, wo er wirklich einmal eine freie Stunde hatte, kam nun auch wieder etwas dazwischen. Die Araber würden doch nicht so wahnsinnig sein und... Weit fort, nach Süden hin knallte ein Schuß. Der Oberst stieß dem Pferd die Sporen in die Seiten und sprengte weiter. Dachten die Araber innerhalb der Linien an etwas anderes als vollständige Unterwerfung, war es am schlimmsten für sie selber. Er würde nicht durch die Finger sehen, wenn sie verräterische Absichten hegten. Die Kompagnie machte rechtsum und marschierte vom Markt, der Dolmetsch ging mit in Reth und Glied. Er ahnte, daß das draußen in der Dase, wo Unwissenheit und Fanatismus herrschten, das Sicherste war. Er schielte nach der Reihe der Alten hinüber und maß den Dorfvorsteher mit einem prüfenden Blick. Der sah ihur mit Verachtung nach. Der Pantoffelmacher lächelte eigentümlich und fragte sich, ob er nicht den Offizieren sein Mißtrauen mitteilen solle. Nein, das wollte er doch lieber nicht. Dann glaubten sie vielleicht, daß er ihre Sprache nicht genügend verstehe und die Worte des Obersten nicht richtig übersetzt hätte. Und dann würden sie ihm vielleicht etwas von der vereinbarten Bezahlung abziehen oder ihm am Ende gar nichts geben. O, er kannte diese Ungläubigen von jenseits des Meeres. Denen gegenüber mußte man schlau und vorsichtig sein. Noch einmal sah er zurück, zuckte die Schultern und ging weiter. Eine Gartenmauer entzog die Reihe der schweigenden Alten seinem Blick, nach einigen Schritten war auch die regungslose Gestalt des Dorfvorstehers außer Sicht. Der Pantoffelmacher schüttelte den Kopf und sah zu den Offizieren an der Spitze des Zuges hin. Er war ihr Freund, aber wenn ihn niemand fragte, warum sollte er dann reden? Ein Schuß Inallte in der Ferne. Ein Zuden ging durch die Reihen, und der Kompagniechef kommandierte Halt. Der Pantoffelmacher trat aus dem Glied, verneigte sich demütig und ging eilig der Stadt zu. Als die Kompagnie nicht länger zu sehen war, spie Jbrahim hinter den Soldaten her. " Ihr habt es alle gehört: wer nicht sein Leben für seinen Glauben und sein Land wagt, ist nichts weiter wert als Verachtung." Die jungen Männer famen eilig herbei und die Alten standen auf. ..Wer sind wir denn, daß uns der Ungläubige so schmähen darf? Khalil, hörtest du wohl? Diese fremden Hunde kämpfen für ihr Land und sterben für ihren Glauben. Asaid, wir schweigen und sehen zu Boden, wenn sie uns wegen unserer Feigheit höhnen. Hamza, sind wir denn keine Männer? Du, Sidi bel Hassen, tragen wir Weiberherzen in unserer Brust und Kinderhände an den Armen? Gibt's feine Moslims mehr?" Ein Windhauch trug das Geräusch eines Schuffes zu den Männern herüber. „ Gott ist groß!" Ibrahim hob die Arme gen Himmel.„ Eilt in eure Wohnungen! Wenn die Schüsse dicht fallen und näher flingen, versammeln wir uns hinter Khalils Gartenmauer und auf dem Hügel bei Hamzas Hütte. Von da können wir den Schüßengraben der ungläubigen Hunde beschießen." Er schüttelte seine geballten Fäuste nach der Richtung, in welcher der Oberst geritten war." Du haft es gesagt, Offizier, auch wir können für unseren Glauben auch wir k sterben." Mit flammenden Augen eilten die Männer nach verschiedenen Seiten. Hamza ging mit gesenktem Kopf und hängenden Armen. Der Gifer der anderen erschreckte ihn. " Ich verstehe es nicht," wiederholte er mehrere Male. Ich verstehe es nicht." Hanifa trat ihm in der Tür entgegen.s „ Wenn du es nicht verstehst, dann denk nicht dran," sagte sie. Aber Hamza schüttelte nur den Kopf. 92 Für unsere Mütter und Hausfrauen Von Süden her wurden einige Schüsse abgefeuert. Das gab ihm anderes zu denken, und er lauschte erstaunt dem abgebrochenen , et laufite ext harten Knallen. Doman jeden& Die kurze Dämmerung kam, und in ihren Spuren folgte sogleich die Nacht und hüllte Dorf und Palmenhaine in ihre dichten Schleier. Von da ab sah man Schuß. Weithin im Süden sprühte eine ununterbrochene Reihe von Funken. Sie blikten auf und erloschen im selben Augenblick, leuchteten aufs neue und waren wieder verschwunden. Wäre nicht der ständige Lärm gewesen, hätte man an ein mutwilliges Spiel ausgelassener Kinder denken können. Hamza starrte nach jener Seite, daß ihm die Augen schmerzten. „ Gott ist groß!" murmelte er unaufhörlich, voller Erstaunen über das Schauspiel. " Ich bezeuge, daß es nur einen Gott gibt," sagte eine Stimme neben ihm, und Hamza erkannte Ibrahim. " Ist es Beit?" fragte der Alte. " Noch nicht." Der andere legte seine Hand schwer auf die Schulter des Greises. Sich dort hinüber! Eben war es nur eine Linie von Feuer, jezt sind es deren zwei." Hamza strengte seine Augen aufs äußerste an und unterschied noch eine Reihe von Funken, die aufblitzten und vom Dunkel verschlungen wurden. Die beiden Linien liefen eine lange Strecke parallel miteinander und brachen dann plötzlich ab. Aber näher an den Hügel heran, wo die beiden Zuschauer standen, teilten sich die Linien. Da wurde der Kampf nur lahm geführt, die Pausen im Feuergeben währten bisweilen mehrere Minuten. Dann flammten die Reihen von Funken wieder ein Weilchen, Freunde und Feinde ließen sich verleiten, ihre Patronen in die Nacht hinaus abzubrennen, bis wieder ein kürzerer Stillstand eintrat. Dicht neben der Anhöhe war es vollständig ruhig. Aber jenseits der wellenförmigen Hügel, die gegen Süden den Horizont begrenzten, wuchs der Lärm. Aus einem Vorpostengefecht war der Kampf zu einem Angriff geworden. Kanonen mischten sich plößlich hinein, und eine Rakete erhellte in einem weiten Umkreis die Umgegend. " Gott ist groß," rief Hamza. „ Ich bezeuge, daß es nur einen Gott gibt," fuhr der Dorfvorsteher fort, und seine Stimme zitterte wie vor Furcht. Eine Stunde verweilten die beiden Männer auf dem Hügel. Da war plötzlich der Kampf zu Ende. Ein paar vereinzelte Schüsse flammten auf, eine Kanone donnerte zum letztenmal. Dann wurde es still, und die Finsternis, die die beiden Männer vergessen, brütete wieder schwer und drückend über der Gegend. „ Schlaf, wenn du kannst, Freund Hamza!" ermahnte ihn der Dorfvorsteher. Heute nacht wird es dir schwerlich gelingen." " Wann?" hauchte Hamza. „ Vielleicht gibt der morgige Tag dir Antwort, Leb wohl!" Da knallten drei oder vier Schüsse außerhalb der Kaktushecke. Hamza suchte einen Halt und fand Jbrahims Hand, die nach der seinen tastete. Dann wurden eilige Schritte hörbar, einige Stimmen schrien wütend, hernach ein neuer Schuß und ein lauter Schmerzensruf, der in einem jammernden Gurgeln erstarb. „ Das war Sidi bel Hassen," flüsterte Jbrahim, und jetzt zitterte seine Stimme vor Haß und Nachgier. Unten auf dem Weg lärmten ein Dußend Stimmen. Die meisten wurden bald still und zuleßt hörte man nur eine, die sich hikig gegen eine andere, anklagende, verteidigte. Die Verteidigung brach mitten in einem Wort ab, ein gedämpfter Kommandoruf Klang, und gleich darauf marschierte ein Trupp Soldaten von der Stelle. Ibrahim lauschte, und als das Geräusch ihrer Schritte in der Ferne verhallt war, schlich er sich auf den Weg hinunter. „ Sidi bel Hassen, bist du hier?" flüsterte er. Ein schwaches Jammern war die Antwort. Von dem geleitet, tastete sich Jbrahim zu ihm hin. „ Gott sei gepriesen, du lebst." " Ich trat aus meinem Haus und ging den Weg entlang," erzählte Sidi bel Hassen leise. Jemand rief mich an, aber ich antwortete nicht. Ich verstand ihn auch nicht. Da schoß er, und gleich feuerten mehrere andere ihr Gewehr ab." " Bist du verwundet?" ,, Nein, aber sie schlugen mich mit den Kolben." Sidi bel Hassen war aufgestanden und stützte sich auf Jbrahim." Ihre Stimmen bebten vor Furcht," flüsterte er schadenfroh.„ Sie waren bange." ,, Gelobt sei Gott!" Jbrahims Stimme flang triumphierend. „ Sie haben ebenso wie wir in die Nacht gestarrt, sie haben den vergeblichen Kampf ihrer Kameraden gegen die Söhne des Propheten gehört, und die Furcht hat ihre Sinne verwirrt. Sie feuerNr. 23 ten und jagten damit ihren eigenen Leuten Schred ein. Gott hält sie in seinen Händen." Hamza stand am Eingang der Kaktushede und horchte auf das Gespräch der beiden anderen. Sein Gemüt war voller Verwun derung über die Ereignisse dieser Nacht, aber er hegte keine Furcht mehr. " Ich konnte es nicht verstehen," murmelte er leise und ging der Hütte zu, als er hörte, wie Jbrahim sich mit dem Zerschlagenen entfernte. Am nächsten Morgen wedten ihn schon bei Tagesanbruch einige Kanonenschüsse, die kaum hundert Schritte von der Hütte entfernt abgefeuert wurden. Er war augenblicklich auf den Füßen und eilte hinaus, Hanifa schrie ihm eine Frage nach, aber er rief ihr zu, sich still zu verhalten. Ein unerklärliches Geräusch dicht neben dem Haus hatte seine Neugierde gewedt. Er hatte richtig gehört, es waren Arthiebe. Zwei seinet Dattelbäume lagen bereits gefällt, und einige Artilleristen gingen auf zwei andere los, die bei den Hieben wankten. „ Es steht geschrieben: Verdirb feinen Dattelbaum!"" schrie Hamza und eilte auf die Soldaten zu. Er erhielt einen kräftigen Stoß und taumelte zur Seite. Die dritte Palme fiel, und Hamza berbarg das Gesicht in den Händen. Es war derselbe Baum, den er im Frühling mit der männlichen Palme oben am Abhang zufammengebunden hatte. Ein Korporal, der die Arbeit leitete, schrie ungeduldig einige Worte nach einem Manne hinüber, der müßig und mit einer Bigarette im Munde nicht weit davon stend. Der Mann trug Bivilfleidung, hatte aber ein Soldatentäppi auf dem Kopf.h „ Eh, Alter," wandte sich der Angeredete an Hamza. Er hatte eine undeutliche Aussprache und redete ein Arabisch, das der Greis kaum verstand. Geh aus dem Weg! Dies ist Krieg, siehst du, Krieg... Krieg!" Er schlug die Hände zusammen und nickte befräftigend. Hernach spuckte er den Stummel von seiner Zigarette aus und zündete sich eine neue an. Gegen die Soldaten gewandt, fügte er dann auf Italienisch hinzu:„ Kümmert euch nicht um ihn! Er ist dumm. Das sind sie samt und sonders hierzulande. Glaubt mir, ich habe hier lange genug gelebt, um die Araber zu kennen. Na, nun kriegt ihr sie in die Mache. Kann's nicht bald los= gehen, Korporal?" „ Die paßt," sagte der Korporal und wies auf die zuletzt gefällte Palme. Die anderen brauchen wir nicht, die können liegen bleiben." Sechs Mann hoben den ausersehenen Stamm auf die Schultern und trugen ihn auf den Weg hinunter, ein Soldat sammelte die Arte zusammen und ging hinterher. Er lachte spöttisch zu Hamza hinüber, der in stummer Verzweiflung zu Boden gesunken. Der Korporal drohte dem Alten ärgerlich mit der Faust. " Santissima Madonna!" platte der Mann mit dem Käppi heraus und gab Hamza einen freundschaftlichen Fußtritt. Ich glaub' wahrhaftig, der Kerl weint... um ein paar alter Bäume." Darauf fuhr er in seinem unverständlichen Arabisch fort:„ Wir haben jetzt Krieg... Krieg. Hernach wird schon alles wieder gut." Er sah den Soldaten nach, die schon den Weg erreicht hatten. „ Hast du Geld?" flüsterte er.„ Eh, Alter... Piaster... Para... Geld, her damit!" „ Sie brauchten nur einen und haben vier gefällt," schluchzte Hamza. " Vier... was für vier? Denkst du an die Bäume? Was be= deuten denn so ein paar Palmen! Na, sie hätten ja nicht vier Stück umzuhauen brauchen, wo sie bloß einen nötig hatten, aber sie haben ja auch die Mühe davon gehabt. Was brummst du da? Porca Madonna! Gib mir ein paar Para, sonst..." Er hielt inne, schob das Käppi aus der Stirn und blickte ärgerlich nach dem Dorfvorsteher hinüber, der durch den Garten daherkam.„ So, du willst nicht? Ich werd's dir gedenken, mein Alter. Wir haben jetzt Krieg, siehst du, Krieg!" Er pfiff gellend, drehte sich auf dem Absatz herum und eilte den Soldaten nach. " Hund und Sohn einer Hündin!" spie Jbrahim hinter ihm her. Hamza saß noch immer regungslos, das Gesicht in den Händen. Ibrahim kehrte seine Blicke von dem Greis zu den Palmen, deren Kronen den Sand küßten. Er biß die Zähne zusammen und ging an der Rattushede entlang, als ob er etwas suchte. Er lächelte grimmig, als er ihre Höhe und Dicke sah; gegen Kugeln schütte sie nicht, war aber doch ein starkes Hindernis. " Heute!" flüsterte er Hamza zu, ehe er fortging. „ Meine Palmen... ich kann nicht," jammerte der Alte. Als er auffah, war Ibrahim fort. ( Schluß folgt.) Berantwortlich für die Rebaftton: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Boft Degerloch bet Stuttgart. Drud und Verlag von J. 6. W. Diez Nachf. 8.m.b.8. tn Stuttgart.