Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 23 Beilage zur Gleichheit ο ο ο ο ο ο ο ο Inhaltsverzeichnis: Starl Spitzweg. Von H. S.- Frauenkrank heiten. Von Frau Dr. med. Stoboy- Dstersetzer.- Feuilleton: Die ersten Flugversuche des Schneiders von Ulm. Von May Eyth. ( Fortsetzung.) Karl Spitzweg. Es wird schwer halten, in der Geschichte eine Zeit zu finden, in der die breiten Massen des Volkes durch eine so große Kluft von der bildenden Kunst getrennt waren wie heute. Die Spaltung der Menschheit in Arme und Reiche, in Ausgebeutete und Ausbeuter ist bei weitem nicht so scharf durchgeführt wie die Trennung des Volkes in eine verschwindende Minderheit von Künstlern und Kunstkennern und eine überwältigende Mehrheit aus den verschie= densten Ständen, der jedwedes Verständnis für die Kunst von heute fehlt und die schon deswegen von ihrem Genuß vollständig ausgeschlossen ist. Es gibt keine Berührungspunkte zwischen den „ Snobs", den Feinschmeckern und Spekulanten, die in der Kunst nichts suchen als einen Sinnestikel für ihre erschlafften Nerven oder eine günstige Gelegenheit, auf leichte Weise ihren Beutel zu füllen, und den" Banausen", der gesamten übrigen Menschheit, die der Kunst höhere Aufgaben stellt und in ihr die Trägerin und Vermittlerin alles Schönen sieht: zwischen der„ Kunst für die Kunst" und für die Künstler, die sich in formalen Schönheitswerten erschöpft, und einer sozialen Kunst, die ein Spiegel der Zeit ist, aus dem Leben schöpft und zum Volke spricht und dem Streben der Menschheit nach einem höheren Sein dauernden und verklärten Ausdruck gibt. Mit den offenen Klaffengegenfäßen unserer Zeit wird diese Erscheinung auch dann nicht vollständig erklärt, wenn man nachdrücklich darauf hinweist, daß das Leben der Armen mit seinen Leiden und Entbehrungen, seiner freudlosen und mühevollen Arbeit in meist ungesunder, häßlicher Umgebung die Menschen abstumpft und zermürbt und troß ihrer Sehnsucht nach Glück und Schönheit genußunfähig macht. Die tapitalistische Produktionstechnik mit ihrer immer weiter durchgeführ= ten Arbeitsteilung, die dem einzelnen nur noch Teilfunktionen bei der Herstellung eines Gegenstandes überläßt, macht die Fähigteit bildnerischen Schaffens verkümmern, trennt Künstler und Arbeiter, die einst eine Person waren. Erweitert wird die Kluft zwischen Kunst und Volt aber auch durch Kräfte, die im Entwicklungsgang der Kunst selbst liegen. Nicht die geringste Rolle unter diesen spielt das Aufkommen der Lichtmalerei in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, die Herrschaft des Impressionismus. Der Impressionismus hat uns die Augen für Licht und Farbe geöffnet, die Mittel und die Grenzen der Malerei erweitert und mit der akademischen Konvention gründlich aufgeräumt, dafür freilich in fanatischer Ginseitigkeit eine Jahrhunderte alte Malkultur verschüttet. Der Impressionismus läßt nichts als Licht und Farbe gelten, verachtet die Komposition, vernachlässigt die Zeichnung und berwirft als„ literarisch" oder als„ Anekdotenmalerei", was einen Gedanken zum Ausdruck bringt oder ein Ereignis darstellt. Gerade dadurch zerschneidet er aber das Band, das die meisten Werktätigen und Laien mit dem Kunstwerk in erster Linie verbindet und sie durch das Interesse am Gegenstand nach und nach auch für die formalen Schönheiten des Werkes empfänglich macht. Nun sind zweifellos die wichtigsten Elemente der Malerei Farbe und Licht, als deren Träger der Gegenstand des Bildes in zweite Linie tritt, aber das Kind wird mit dem Bade verschüttet, wenn man das Geistige, wie es im Gegenstand Gestalt annimmt, als ein fremdes, störendes Element betrachtet. Die Malerei erträgt sehr viel davon, ja es bedingt sehr häufig ihre Steigerung, sofern es nur die Schönheitswerte nicht überwiegt, sondern in ihnen völlig aufgeht. Was uns durch diese Einseitigkeit, die schließlich die Mittel der Malerei zu ihrem Selbstzwed erhob hoffentlich nur vorübergehend, verloren gegangen ist, das zeigt ein Rückblick auf Frankreich, das um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in seinen Delacroig, Daumier, Courbet, Millet und anderen be deutende Anläufe zu einer sozialen Kunst nimmt, in der sich die politischen und gesellschaftlichen Zustände des Landes spiegeln und die deshalb auch von jedermann verstanden wird. Auch in Deutschland haben wir um dieselbe Zeit eine Kunst, die insofern eine Volkskunst genannt werden kann, als sie aus der Boltsseele schöpft 1914 und zum ganzen Volke verständlich spricht. Aber sie ist unserem Wesen entsprechend viel gesitteter und respektabler als die unserer unruhigen Nachbarn, und infolge der Zurückgebliebenheit der sozialen Verhältnisse ist in ihr die kleinbürgerliche Note besonders start. Diese Kunst läßt die politische und soziale Korruption, die das öffentliche Leben vergiftet, links liegen, hütet sich, uns die Revolution, die in ehernen Sandalen einherschreitet, zu schildern oder das harte Los der Armen so wahr und ergreifend darzustellen, daß es zu einer vernichtenden Anklage gegen die Gesellschaft wird: sie übersteigt keine Schranken und bricht keine neuen Bahnen, hält sich vielmehr vorsichtig auf den obrigkeitlich erlaubten Wegen. Aus der Stickluft des Polizeistaates und der Langeweile des Philistertums flüchtet sich der sinnige Märchenerzähler Moriz v. Schwind in das von keiner Zensur bedrückte Reich der Romantik, und der gute, naive Ludwig Richter versetzt uns mit seinem liebenswürdigen Griffel in ein Kinderparadies, in dem es keine Fabrikfinder gibt und selbst das Los des ärmsten Gänsebuben vom Schimmer der Poesie umflossen ist. Ein politisch Lied, ein garstig Lied" ist mit einer kleinen Unterbrechung im Revolutionsjahr 1848 die Losung in der Kunst. Eine Ausnahmestellung nimmt Alfred Rethel ein, dessen wuchtiger, Totentanz" in Form und Inhalt echte Volkskunst ist. Aber diese größte gestaltende Kraft Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert zerbricht im Wahnsinn. Neben Schwind und Richter, dem Österreicher und Sachsen, im Bunde der Dritte ist der Münchner Maler Karl Spitzweg. Er ist den beiden ebenbürtig, ja ihnen in der Malkunst überlegen. Nicht bloß Richter, der sich fast völlig im Holzschnitt erschöpft, sondern auch Schwind, in dessen Werken auch die Zeichnung das übergewicht hat und der zudem in seinen Gemälden nicht so sehr auf eine rein malerische als auf eine dekorative Wirkung ausgeht. Spitzweg ist einer der lezten Romantiker, dabei Philosoph und Humorist von sonnigem Behagen, der den Drang zum Fabulieren mit einer ungewöhnlichen Gestaltungskraft und einer bedeutenden Malkunst verbindet. Im Jahre 1808 in gut bürgerlichen Verhält nissen geboren, wurde er von seinem Vater zum Apotheker bestimmt. Bis zu seinem dreißigsten Jahre stand er auch als Provisor hinter dem Ladentisch, mischte Tränklein und drehte Pillen, als er eines schönen Tages während einer Krankheit und längeren Rekonvaleszenz seine künstlerischen Anlagen entdeckte und nun umsattelte. Ein urwüchsiger Münchner, ist er in seinem langen ereig nis- und sorglosen Leben nicht viel aus seiner Vaterstadt herausgekommen. Auf einer kurzen Studienreise nach Paris, Antwerpen und London in den Jahren 1850 und 1851 hat er den Geist der Zeit verspürt und die freiere Malweise mit nach Hause gebracht, die ihn vor den anderen Münchner Malern von damals auszeichnet. Persönlich muß er, besonders in seinen späteren Tagen, ein etwas wunderlicher Kauz und in keinem Falle eine gewinnende Erscheinung gewesen sein. Von unscheinbarer Gestalt, die ihm den Spißnamen„ Der Schneider" einbrachte, zeichnete er sich vor allem durch eine mächtige farbenfrohe Nase aus, auf der große funkelnde Brillengläser thronten. Ein struppiger Bart und eine umfangreiche Glaze vervollständigten das Bild des alten Junggesellen, der in einem vierten Stock des Münchner Heumarktes über Dächern, Giebeln und Zinnen der Häuser, abgesondert von der Welt und inmitten eines Durcheinanders von malerischer Unordnung und spießerlicher Gemütlichkeit ein arbeitsreiches und zugleich beschauliches Leben führte. Eduard Grüßner hat ihn 1884, ein Jahr vor seinem Tode, im Schlafrock vor der Staffelei fizend gezeichnet, und der greise Maler hat mit unverwüstlichem Humor darunter geschrieben: Da bin ich, wie ich leib und leb, Doch leider sehr geschmeichelt, Was hier viel an Apoll gemahnt, Ist offenbar geheuchelt." Spikweg war nämlich auch Poet, und wenn seine Gedichte auch teinen hohen Flug nehmen, sind sie doch meist wie seine Bilder voll Humor und Lebensweisheit. Neben elegischen, biedermeierischen Betrachtungen finden wir drastische Ausbrüche seines Münchnertums wie in den Maler- Schnadahüpfln": A Leinwand han i aufg'spannt, So glatt und so fein, Ja, tomponieren tunnt i schon, woast, Aber' s fallt ma nig ein!" 0 Für unsere Mütter und Hausfrauen Bei aller Bescheidenheit unseres Malers können diese Verse nicht als ein Bekenntnis genommen werden, sondern gehen auf die Nöte seiner ärmer begabten Kunstbrüder. Er war im Gegenteil von einer fabelhaften Fruchtbarkeit und hat wohl über tausend Bilder und Farbensfizzen hinterlassen, die auf der ganzen Welt in Galerien, Museen und im Privatbesitz zerstreut sind. Sie zeichnen sich alle durch einen Reichtum der Farbe aus, der in jener Zeit in Deutschland selten zu finden war, während sich eine gute Zeichnung sowie cine wohlabgewogene Komposition ganz von selbst verstanden. Die Landschaften, namentlich die Städtebilder, in die Spitzweg feine Menschen stellt, sind sorgfältig komponiert und fast immer kulissenartig aufgebaut, haben aber doch in ihrem überfluß an reizenden architektonischen Einzelheiten, wie Fassaden, Lauben, Treppen, Brunnen, Türmen und Erkern, eine einheitliche Perspektive von überzeugender Wirkung. Obwohl aus Einzelstudien in baherischen, fränkischen und Tyroler Landstädten hervorgegangen, sprechen fie uns wie liebe alte Bekannte an: wir meinen, schon einmal dort gewesen zu sein. Auch in der Verteilung des Lichtes muß unser Künstler noch zu den Alten gerechnet werden. Gewöhnlich sammelt er es in einem Strahlenbündel, das wie durch das Atelierfenster cinfällt, die handelnden Personen ins richtige Licht stellt oder bei den Städtebildern den Vordergrund hell beleuchtet und damit die Berspektive verstärkt. In den Jugendwerken des Meisters ist das Stompofitionelle und die Erzählung vorherrschend. Nach seiner Pariser Reise scheinen einige seiner Bilder namentlich von Delacroix, aber auch von Diaz beeinflußt: Licht und Farbe bilden eine glückliche Harmonie, und die atmosphärische Behandlung wird eine feinere. Später ist das malerische Motiv als Kern des Bildes faft immer ausschlaggebend. Nein als Maler betrachtet ist der Künstler in den Landschaften bedeutender als im Figuren- und Städtebild. Aber nicht so sehr wie, sondern was er gemalt hat, macht Spitzwegs Bedeutung und Volkstümlichkeit aus. Er gehört zu den Malern, die uns etwas zu fagen haben, zu den verkezzerten„ Anekdotenerzählern", obwohl er uns sehr häufig nur die Pointe seiner Geschichten, manchmal auch nur eine Stimmung daraus gibt. Er spricht zu uns nicht bloß als der tiefsinnige Humorist, der in stiller Beschaulichkeit die Eitelkeiten und Verkehrtheiten der Welt belächelt und da und dort wohl auch etwas Selbstspott einfließen lägt. Nein, er ist vor allem auch der bedeutende Siftenschilderer einer Übergangsepoche in der Entwicklung Deutschlands, der, ohne moralisieren zu wollen, die Misere der Kleinstaaterei und die Strähwinkeleien der guten alten Zeit" in farbigen und lebendigen Bildern für kommende Geschlechter verewigt hat. Manche seiner Bildchen gemahnen in ihrem sinnigen Humor an Novellen Gottfried Sellers, mit dem der Maler den kleinbürgerlichen Nährboden gemein hat. " In seiner dreifachen Eigenschaft als Romantiker, Humorist und Gittenschilderer ist sein Stoffgebiet außerordentlich reich und fast unbegrenzt. Elfen und Nymphen, Guomen und Berggeister, Alchimisten, Herenmeister, Drachen und sonstige halbe und ganze Fabelwesen leben und weben in seinen Märchenbildern, zahlreiche romantische Serenaden in mondbeschienenen Stadtbildern mit reichen architektonischen Silhouetten leiten über in die gemeine Alltagswelt mit ihren prosaischen Menschen, die er aus allen Schichten des Boltes nimmt und als llarumrissene Typen in den verschiedensten Lebenslagen vor uns stellt. Er zeigt uns den„ ewigen Hochzeiter" im zeisiggrünen Frack, das Haar gekräuselt und pomadisiert und cinen riesigen Blumenstrauß in der Hand, oder den armen Poeten, der in seiner kalten Mansarde Verse standierend im Bette liegt, über sich den aufgespannten Regenschirm, um seine Begeisterung vor der Nässe zu schützen, die durch das schabhafte Dach eindringt. Gutgefinnte, geordnete Bürger schildert Spiswegs Pinsel in allen Lebenslagen, namentlich den Philister im Sonntagsröckchen auf Familienausflügen oder bei verschiedenen anderen ernsten und heiteren Anlässen: einen Spießer, der beim Feuerlärm entsetzt den Kopf in der Nachtmüße zum Fenster herausstredt, einen anderen, der auf dem Dachfirst reitet und im Mondschein seine Zeitung liest, oder den trostbedürftigen Witwer, der zwei vorübergehenden gepußten Frauen wehmütig nachsieht. Die gelehrten Philister bilden eine besondere zahlreiche Gruppe: in den verschiedensten Bariationen treffen wir den Naturforscher, der mit gieriger Hand nach Schäßen gräbt, daneben den Bibliothekar, der, auf der Leiter stehend, schwere Folianten unterm Arm und zwischen den Knien weltentrückt in einem Buche liest, den Antiquar in seiner modrigen Welt und den Pfarrer, der auf einem Spaziergang durch die Felder die Sonntagspredigt studiert. Fahrendes Volf, Zigeuner, Handwerksburschen, Schauspieler und Musikanten beschäftigen nicht selten unseren Maler; als beruhigendes Gegengewicht fehlen aber auch nicht die Organe des Gesetzes und der Ordnung: der aufgeblasene Gendarm, der Flurschüß sowie der Nachtwächter und Nr. 23 sonstige Stüßen der Gesellschaft in ihren starken und schwachen Stunden, endlich Serenissimus in der Staatskutsche vor dem Stadttor, wo er von den Schulkindern, Ehrenjungfrauen und einem kazzbuckelnden Bürgermeister feierlich empfangen wird. Der Militarismus der Kleinstaaterei fordert natürlich den gutmütigen Spott des Künstlers heraus. Biedermeier in Uniform, der Widerspruch des Philistertums mit dem blutigen Handwerk ist an und für sich komisch. Wie sonnig und friedlich ist die Wache am Stadttor in dem Bilde geschildert:„ Er kommt!" Der Oberst nämlich. Der Posten präsentiert das Gewehr, und der Hauptmann, der behaglich auf einer gepolsterten Bank sitzt, nimmt die lange Pfeife aus dem Mund und blickt über seine Zeitung hinweg nach dem Kommenden, einem kurzen, rundlichen Mann in Uniform mit einem mächtigen Nebelspalter auf dem Kopf und großen Brillengläsern im dicken, gutmütigen Gesicht. An seinem Arme schreitet seine stattliche, aufgedonnerte Gemahlin, die in majestätischer Haltung die ganze Größe des Augenblicks mit sichtlicher Wonne ausfoftet. In einem anderen Bilde zeigt uns der Künstler einen Major, der den militärischen Rapport im Schlafrock vor seiner Haustüre abnimmt; gähnende, strickende und flickende Schildwachen gehören zu Spitzwegs beliebtesten Vorwürfen. Auch im ,, Lueg ins Land", einem prächtigen Landschaftsbild, zeigt er uns einen Spießer in Uniform, der auf der Stadtmauer ein beschauliches Dasein führt. Er hat den schweren Zweispitz abgelegt, das Gewehr an das Schilderhaus gelehnt und nimmt behaglich, über das Städtchen hinweg weit ins friedliche Land schauend, eine Prise. Das milde Lächeln des Philosophen, der leise Spott des Humoristen über die Schwächen und Torheiten der Menschen geht durch alle Bilder Spistvegs. Heftigere Erregungen sind seinem Wesen fremd. Den Schattenseiten des realen Lebens, den ungerechtigkeiten und Härten der politischen und sozialen Zustände geht er wie Schwind und Richter gerne aus dem Wege. Wo er doch mit ihnen zusammentrifft, machen sie ihm nur einen oberflächlichen Eindruck. Die Netzhaut seines Auges nimmt ein farbiges Bild auf, feine Seele gerät aber nicht in Schwingung: er hat keine Galle und nur ein sehr schwach entwickeltes soziales Empfinden. Der„ Hypochonder", eines von Spitzwegs bekanntesten Bildern, liefert dafür einen schlagenden Beweis. Es ist wieder ein Stadtbild. Über die Türme, Schornsteine und Häusergiebel flutet die Morgensonne cines glänzenden Sommertages. Hoch über den Dächern der Nachbarhäuser gudt ein Hagestolz aus seinem Giebelfenster und genießt in vollen Zügen die sonnige Morgenluft. Dabei gewahrt er, augenscheinlich mit einem gewissen Behagen, unter sich in der engen Straße, die noch von feuchter grauer Morgendämmerung erfüllt ist, am Fenster einer Mansarde eine junge Näherin an der Arbeit, die bei einem Lämpchen die Nacht hindurch bis in den Morgen hinein gearbeitet hat. Der traurige Gegenstand hat in dem Künstler nicht den geringsten Eindruck hinterlassen. Sein Bild wirkt nicht ergreifend, es erhebt noch weniger eine Anklage, es ist im Gegenteil von einer durchweg heiteren Stimmung. Nicht das arme gequälte Menschenfind, das mit brennenden Augen und müden Fingern für einen elenden Lohn die Nacht durcharbeitet, ist dem Maler die Hauptsache, sondern der farbige Gegensatz des warmen strahlenden Tages über den Dächern und den kalten Schatten der Straße, wohl auch der Kontrast der goldenen Sonne und des trüben rötlichen Lichtes der Lampe. Unsere Betrachtung ist frei von Bitterkeit. Zeigt uns doch gerade dieses Bild, welch gewaltige Fortschritte wir seit einem Menschenalter gemacht haben. Die Zeiten sind vorbei, wo man an den Schrecken der Heimarbeit gedankenlos oder in rührseliger Anerkennung des Fleißes der Heimarbeiterin vorbeiging. Die frohe Botschaft von der Befreiung der Menschheit aus Elend und Not ist in die dunkelsten Hütten der Armen gedrungen, die sich immer zahlreicher um das Banner eines höheren Menschentums scharen. Das öffentliche Gewissen ist aufgepeitscht. Schriftgelehrte und Pharifäer, hohe und höchste Herrschaften sind in Vereinen und auf Kongressen geschäftig bemüht, das harte Los der Heimarbeiter zu lindern. Sowenig wir auch von ihrem geräuschvollen Tun erhoffen: es ist ein Symptom des öffentlichen Geistes, eine unfreiwillige Anerkennung der Arbeiterbewegung, die immer weitere Kreise zicht und nach und nach unserem ganzen Zeitalter den Stempel aufdrückt. Voll Zuversicht blicken wir in die Zukunft. Wir wissen, daß unsere Bewegung so unaufhaltsam ist wie der Aufstieg der Sonne, daß fie Glück und Freude in die dunkelsten Gassen, in die tiefsten Niederungen der Menschheit bringen wird. Unter den Armen und Enterbten gilt vor allen der Heimarbeiterin die Verheißung des Dichters: Über ein Stündlein Ist deine Kammer voll Sonne." H. S. Nr. 23 Frauenkrankheiten. Für unsere Mütter und Benefon Von Frau Dr. med. Stoboy- Ostersetzer. Unter Frauenkrankheiten" versteht man gemeiniglich die Krankheiten der weiblichen Geschlechtsorgane. Der menschliche Körper be= steht jedoch nicht aus einzelnen Abteilungen, die untereinander keine Verbindung haben, unabhängig voneinander sind und auch einzeln erkranken. Vielmehr sind die einzelnen Körperteile durch Blut- und Lymphgefäße und durch Nervenbahnen innig miteinander verbunden, und es werden sowohl schlechte Stoffe und Gifte durch die Blut- und Lymphbahnen von einem Körperteil zum andern geleitet wie auch nervöse Erregungen von einem Organ zum andern. Der Ursprung eines Frauenleidens ist also nicht immer in den weiblichen Geschlechtsorganen selbst zu suchen, sondern kann anderswo liegen. Ein Beispiel: Blutarme Mädchen lei= den oft an Periodenstörungen, entweder bleibt die Regel bei ihnen ganz aus oder es erfolgen übermäßige Blutungen. In beiden Fällen liegt die Ursache der Störung nicht in den Geschlechtsorganen selbst, sondern in der fehlerhaften Blutbeschaffenheit. Alle Eingriffe, die sich nur auf die Geschlechtsorgane erstrecken, werden keinen Erfolg haben, solange nicht dafür gesorgt wird, daß das Blut verbessert wird. Ein anderes Beispiel: Nervöse Frauen erfranken nicht selten an heftigen Schmerzen in den Eierstöcken, ohne daß an diesem Organ irgendeine Verände rung festzustellen wäre. Eine lediglich örtliche Behandlung des Leidens vermag daher auch hier feinen Nußen zu bringen. In den Zeiten, wo man glaubte die meisten Leiden durch chirurgische Eingriffe heilen zu können, sind auch unzählige gesunde Eierstöcke dem Mejjer operierwütiger Chirurgen zum Opfer gefallen, ohne daß die operierten Frauen irgendwie erleichtert worden wären. Erst eine sachgemäße Behandlung, die dem allgemeinen Nervenzustand der Leidenden Rechnung trug, war imstande, sie von ihrer Krankheit zu befreien. Das Bewußtsein, von einem„ Frauenleiden" befallen zu sein, wirft a. Gefüllte Blase. b. Gebär- niederdrückend auf jede Frau; die örtliche mutter. c. Scheide. d. Ge- Behandlung regt ihre Nerven oft auf, so füllter Mastoarm. daß in der Folge neben das Frauenleiden manchmal auch noch ein Nervenleiden tritt, das häufig schwerer zu bekämpfen ist als das erstere. Es ist deshalb sehr wichtig, die Frauen über den Ursprung der Frauenkrankheiten und der sich daran anschließenden nervösen Zustände aufzuklären. Sie müssen lernen, deren Ursachen auszuweichen, soweit es in ihrem persön= lichen Vermögen liegt. Durchschnitt durch das weibliche Becken. Die weiblichen Geschlechtsorgane bestehen aus den äußeren sichtbaren und den im Körperinnern verborgenen Teilen. Die Gebärmutter ragt mit ihrem untersten Abschnitt in die Scheide hinein, Weibliche Geschlechtsorgane. der obere liegt in der Bauchhöhle. Die Eileiter besorgen die Verbindung der Gebärmut ter mit den Eierstöcken und befinden sich wie diese ebenfalls in der Bauchhöhle. Die Gebärmutter ist ein mustulöses Organ von der Gestalt und Größe einer mittleren Birne. Sie besitzt eine Höhle, die mit Schleimhaut ausgekleidet ist und mit ihrer äußeren Öffnung, dem Muttermund, nach der Scheide sieht. Die Eierstöcke sind drüsige Organe von der Größe und Gestalt großer Mandeln, die Eileiter schmale Röhren, die von der Gebärmutter abgehen und zu den Eierstöcken führen. Sowohl die Gebärmutter als auch die Eileiter und Eierstöcke sind vom Bauchfell überzogen. a. Gebärmuttermund. b. Eileiter. c. Gierstock. d. Bauchfellüberzug. In den Eierstöden reifen die weiblichen Geschlechtszellen, die Eichen. Jeden Monat löst sich ein Ei ab und gelangt durch die Eileiter in die Gebärmutterhöhle. Erfolgt Befruchtung, so seht sich das Eichen an der Gebärmutterschleimhaut fest und wächst sich allmählich aus zu einem jungen Organismus. Jm anderen Falle erfolgt der allmonatlich wiederkehrende Blutabgang aus der Gebärmutter, den wir Periode, Monatsregel usw. nennen. Da es sich hier nicht darum handelt, ein Lehrbuch der Frauenheilkunde zu schreiben, so wollen wir die Beschreibung der angeborenen abnormen Zustände des weiblichen Geschlechtsapparates 4 91 beiseite lassen. Wir wollen nur andeuten, daß es verschiedene Mißbildungen gibt, und zwar Fehler oder mangelhafte Ausbildung einzelner Teile. Nicht selten ist eine angeborene Knickung der Gebärmutter nach vorne, die sich durch starke Schmerzen bei der Periode äußert. Sie wird oft durch die Geburt des ersten Kindes ausgeglichen. Der besseren übersicht halber teilen wir die Frauenkrankheiten ein, und zwar in 1. Krankheiten des Entwicklungsalters, 2. Krankheiten der gebärfähigen Frauen und 3. Krankheiten der Wechseljahre. 1. Krankheiten des Entwicklungsalters. Es kommt vor, daß schon fleine Mädchen an einem Scheidenkatarrh leiden, der sich durch grünlichgelblichen Ausfluß und Jucken und Brennen an den äußeren Geschlechtsteilen äußert. Dieser Katarrh kann harmloser Natur sein, er kann aber auch durch Ansteckung mit dem Erreger des Trippers verursacht sein. Nur der Arzt vermag zu entscheiden, welche Form des Scheidenkatarrhs vorliegt, es ist daher in solchen Fällen ratsam, sofort ärztliche Hilfe zu suchen. Die Leiden der jungen Mädchen beginnen gewöhnlich mit dem Eintritt der Monatsregel. Immer mehr häufen sich die Fälle, wo der Ursprung von Frauenleiden schon in der Jugend liegt. Die Ursachen dafür müssen wir meist in den sozialen Verhältnissen suchen. Schon frühzeitig wird das Kind gezwungen, neben der Schularbeit Hausarbeit zu verrichten, und erst recht lastet diese auf dem Mädchen, wenn es, der Schule entwachsen, ins Erwerbsleben tritt. Die doppelte Arbeitsbürde wirkt in doppelter, ja in dreifacher Weise schädlich auf das junge Mädchen ein. Erstens ist das Arbeitsmaß an sich zu groß für den unausgewachsenen Organismus. Zweitens muß dieser bei der Arbeit übermäßig lange in ge= wissen Stellungen verharren; die Arbeit bringt es mit sich, entweder zu fizen, zu stehen usw. Fast gänzlich fehlt die Möglichkeit zu lebhaften ausgiebigen Bewegungen, die alle Muskeln und GeTenke in Mitleidenschaft ziehen, das Blut in kräftige, alle Körperteile gleichmäßig durchdringende Bewegung versehen und die gerade für den sich noch entwickelnden Organismus so notwendig sind. Drittens wird das junge Mädchen gezwungen, die dumpfe, verunreinigte Luft der Wohnungen und Arbeitsräume zu atmen, und sein Blut verarmt immer mehr an Eisen, einem Bestandteil, der zu einem normalen Stoffwechsel unbedingt erforderlich ist. Das Mädchen wird„ blutarm", eine Krankheit, die unter den jugendlichen Proletarierinnen fast allgemein ist. Diese Blutarmut ist der Boden, auf dem alle möglichen Krankheiten gedeihen, von denen hier nur die Lungentuberkulose genannt sei. Für uns ist an dieser Stelle der Einfluß der Blutarmut auf die Geschlechtsorgane wichtig. ( Fortsetzung folgt.) Feuilleton Die ersten Flugversuche des Schneiders von Ulm. Bon Mar Eyth. ( Fortsetzung.) Während dieser Worte war die Tür halb aufgegangen und ein weiterer Besucher lautlos hereingeschlüpft, der jetzt aus dem Dunkel hervortrat. Es war der Magister Krummacher. Er machte eine höfliche Verbeugung gegen den Herrn Rat, wandte sich dann aber ohne weiteres an Berblinger. „ Ich hoffe zu Gott, Brechtle," sagte er hastig, wie jemand, der eine unangenehme Botschaft los werden möchte,„ daß du als Warnung ansiehst, was dir heute begegnet ist." Schwarzmann sah den Pestilenziarius mit großen Augen an; ein toller Verdacht war in ihm aufgestiegen. Der Magister schien den Blick zu verstehen. „ Nein!" sagte er, entrüstet auf die Flügel weisend, ich habe das nicht getan. Ein größerer als wir alle, den König nicht ausgenommen, hat dich warnen wollen, Brechtle. Das treibt mich auch jetzt hierher. Du wirst nicht so vermessen sein, ihn noch einmal zu versuchen." „ Was wollen Sie eigentlich, Herr Magister," fiel Schwarzmann ärgerlich ein.„ Sie sißen zwar seit Jahrzehnten an meinem Tisch, deshalb brauchen Sie sich doch nicht in unsere Familienangelegenheiten zu mischen, und die Sache hier und der Albrecht das ist meine Familiensache. Verstanden!" Zum erstenmal seit einem halben Jahrhundert vergaß Krummacher seinen Respekt vor dem Herrn Rat und fuhr fort, zu Berblinger zu sprechen:„ Die ganze Welt steht dir offen, in ehrsamer Weise deinen Weg zu finden, Brechtle! Warum fannst du, wie alle anderen Leute, dich damit nicht zufrieden geben? Glaubst du, sie werden dir's danken, wenn du ihnen über den Kopf wegfliegst? Sie verhöhnen 92 Für unsere Mütter und Hausfrauen dich heute schon, weil du nichts zustande gebracht hast. Sie werden mit Steinen nach dir werfen, wenn dir's gelingt." " " Ich verbitte mir das, Krummacher!" rief Schwarzmann grob. Wenn Er nicht sieht, wo's mit der Welt hinauswill, mut Er nicht anderen zu, den Maulwurf zu spielen. Überhaupt! Das ist das Jahrhundert des Fortschritts, hab' ich mir sagen lassen. Scher Er sich zum Teufel, wenn Ihm das nicht gefällt, und schreib Er's in seine alte Chronik. Die Zukunft gehört Leuten wie meinem Neffen Berblinger und und mir!" ,, Laß die Zukunft für sich selber sorgen, Brechtle," fuhr der Magister dringender fort, als ob er Schwarzmann nicht gehört hätte. Ich habe Vaterstelle an dir vertreten, seitdem du ein kleiner Abeschütz warest und laß mich nicht über Nacht verdrängen. Glaub wenigstens deinem Freund, dem Türmer, der dir heute geschrieben hat." „ Der alte Herenmeister!" rief der Rat grimmig.„ Der Schwindel ist ausgespielt, und jetzt hab' ich's satt. Laß Er den Berblinger in Ruh. Der Junge hat genug zu tun, auch ohne Ihn! Ich auch. Und Er würde mir einen großen Gefallen tun, wenn Er zu Bett ginge, ' s ist Zeit für alte Leute." Aber heute war alles aus Rand und Band. Der Pestilenziarius wandte sich jetzt gegen Schwarzmann. „ Ich gehe zu Bett, wenn ich nichts mehr zu tun habe, aber hier braucht man mich noch, um auch Euch einmal die Wahrheit zu sagen, Herr Rat: Ihr habt das Geld gestohlen, das Brechtles Mutter ge= hörte, Ihr habt ihn zum Schneider gemacht und gebt Euch alle Mühe, ihn in den Tod zu treiben, um Euch mit fremden Federn herauszupuzen, und der dumme Bub merft's nicht. Das wollte ich ihm sagen, und will's durch die ganze Stadt schreien, eh' ich zu Bett geh." Der Rat war aufgesprungen und suchte stammelnd nach Worten und nach seinem Stock, der hinter der Feuerspritze auf dem Boden lag. Man war zu jener Zeit mit Tätlichkeiten rascher bei der Hand als heutzutag, und der Pestilenziarius hatte sich bereits mit einem Feuereimer als Schutzwaffe bewehrt. Aber auch Berblinger richtete fich jetzt auf. ,, Lassen Sie mich in Ruh, Herr Krummacher," sagte er bittend. ,, Was geschieht, muß geschehen. Bei Gott, es ist nicht der Rat, der mich treibt, und wenn's schlimm geht mein Vater wäre an seinem Perpetuum mobile zugrunde gegangen, wenn ihn nicht ein Franzose erschossen hätte. Ich bin nicht besser als meine Väter, und vielleicht kommt die Zeit, daß auch Sie noch sagen werden, der Brechtle, der dumme Bub, hat uns alle um einen Schritt vorwärts gebracht. Daraufhin wag' ich's. Was macht's ein lumpig Schneiderlein mehr oder weniger auf der Welt?" ,,' raus!' naus!" schrie Schwarzmann, dem der elegische Ton nicht gefiel.„ Er soll in seinem Münsterhäuschen weiterheulen, nicht hier! ' naus!" Aber der Magister hatte den Rückzug bereits angetreten. Zum erstenmal seit Jahrzehnten war ihm die Galle übergelaufen. Beim Nachhausegehen merkte er mit Verwunderung, welche Wohltat dies war, obgleich er das Schlachtfeld nicht zu behaupten vermocht hatte. Erst als er sich niederlegte, kam es wie ein großer Jammer über ihn, daß er seinen Brechtle nicht hatte retten tönnen, und er bat Gott mit aller Inbrunst, er möge ein Einsehen haben und den Jungen nicht in diesem Teufelswerk untergehen lassen. Daß er seine letzte Hoffnung auf Lombard, den alten Heiden, segte, sagte er seinem Herrgott nicht. * Auch Schwarzmann verließ die unbehagliche Werkstätte, nachdem er den Zurückbleibenden mit wichtiger Miene eine gute Nacht und gute Verrichtung gewünscht hatte. Fast ohne ein Wort zu wechseln, arbeiteten sie weiter: Berblinger jezt in fieberhaftem Eifer, der Gürtlergeselle, der anstatt des Meisters gekommen war, grämlich und verschlafen, Fränzle kaum noch imstande, die Augen offen zu halten, entschlossen, eher tot umzufallen, als seinen Meister im Stich zu lassen. Ringsum herrschte tiefe Stille. Nur von Zeit zu Zeit hörte man draußen das Tuten eines Nachtwächters. Laßt sie tuten; sie gehören auch zum alten Eisen!" sagte Berblinger und schnitt einen zweiten Bruſtriemen zurecht, da der Gürtler den ersten im Halbschlaf verpfuscht hatte. Gegen drei Uhr war der rechte Flügel fertig. Es war jetzt zweifellos, daß sie mit dem anderen bis Mittag ebenfalls zurechtkommen würden, und Berblinger beschloß, Feierabend zu machen. Schläfrig sagte der Gürtlergeselle Gute Nacht und verschwand. Fränzle bersprach bereitwillig, Wache zu halten, sichtlich ohne zu wissen, was er sagte, warf sich auf eine Pferdedecke und schlief nach zwei Minuten wie ein Murmeltierchen. Auch Berblinger wollte das Sprizenhaus nicht verlassen, um sicher zu sein, daß der geheimnisbolle Bösewicht von gestern sein finsteres Treiben nicht wiederhole. Nr. 23 Er streckte sich ebenfalls auf dem Boden aus, schob einen Feuereimer unter den Kopf und wollte so den Morgen erwarten. Bald aber umgaukelten ihn Träume aller Art, in denen schließ lich ein neues Flügelpaar aus riesigen Adlersfedern und Lucindens leztes Lächeln in eine stille, tiefe Nacht hinüberführten, durch die er hinsegelte, wie es Adler tun, langsam, feierlich, ohne Mühe; weiter, immer weiter. Wie lange das dauerte: stundenlang jedenfalls, vielleicht aber auch eine halbe Ewigkeit, vermochte er nicht zu schäzen. Endlich wurde es Dämmerung und dann heller, immer heller. Nun sah er über sich etwas fliegen, langsam, feierlich, ohne Mühe; eine hell wallende Gestalt, aber nicht mit zwei Flügeln. Sie hatte deren vier; ganz deutlich vier! Wenn das eine Paar nach unten schlug, hob sich das andere; eins war immer im Niedergang, eins im Aufsteigen, und so oft das rätselhafte Wesen in den weißen, langhin flatternden Gewändern eine raschere Bewegung machte, hob es sich leicht, ohne alle Anstrengung, wie man es Fische tun sieht, die in flarem Wasser auf- und niedersteigen. Wie die zwei Flügelpaare aneinander vorbeikamen, konnte Berblinger nicht sehen; wohl aber fühlte er mit großer Bestimmtheit, daß das ganze Geheimnis dieser Art des Fliegens auf den vier Flügeln beruhte. Hatte er das Wesen nicht schon früher gesehen? Gewiß: in der alten Bilderbibel seiner Mutter. Es war ein Cherubim. Daß er sich hieran nicht früher erinnert hatte! Er nahm alle Kraft zusammen, ihn zu erreichen. Sie stiegen beide; es wurde immer heller um ihn her, aber er kam dem Cherub nicht näher. Ein neuer Aufschwung!- Er fühlte den Schweiß, der ihm auf die Stirne trat, den Schmerz in den Armen, denen die Flügel zu schwer wurden. Da erwachte er. Der Feuereimer war davongerollt; er lag mit dem Kopf auf den kalten Steinplatten des Bodens. Rasch richtete er sich auf und rieb sich die Augen. Es war heller Tag. „ Vier Flügel!" Der Lehrjunge hatte bereits Wasser in einem ledernen Eimer herbeigeholt und wusch sich in einem Winkel der Kammer, laut plätschernd. ,, Vier Flügel!" Er sah jetzt, daß der Meister erwacht war, aber vor sich hinstarrte, als schliefe er mit offenen Augen. Er fragte, ob er ihm auch Wasser bringen solle, draußen vom Fischkasten; erhielt aber feine Antwort. „ Vier Flügel!"- Der Traum begann erst zu weichen, nachdem er sich einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen hatte. Es fiel ihm plöblich ein, daß er heute nicht träumen durfte und seinen flaren Verstand brauchte; aber immer wieder sah er die helle, wallende Gestalt mit ihren vier Flügeln ruhig dahinsegeln. " O, wenn ich Zeit hätte nur vier Wochen," murmelte er vor sich hin, wie wenn ihn eine plötzliche Angst erfaßte,„ Gott im Himmel, wenn ich. Zeit hätte!" Doch was half das Geseufze. Franz brachte heiße Milch und Brot aus der Schenke über dem Weg. Man mußte rasch frühstücken und die Arbeit aufnehmen. Es war gar mancherlei zu tun, wollte man ganz sicher gehen, und immer wieder verwirrte ihn der eine Gedanke: „ Vier Flügel! Das war die Lösung! O, wenn ich Zeit hätte, nur drei Wochen nur zwei!" Wo aber sollte er Zeit herbekommen im Drang dieser Stunden? Er hatte das Tor der Spritenkammer verriegelt, um einige Minuten wenigstens ruhig denken zu können, und saß bleich und schlaff auf einer Feuersprize, während der Lehrjunge den zweiten Flügel zurechtlegte, wie er es gestern mit dem ersten hatte tun müssen. Aber schon tamen die ersten Sonnenstrahlen eines herrlichen Frühlingstages durch die verstaubten Fenster, und an der Türe klopfte es heftig mit einem Stodtnopf. Franz öffnete. Schon wieder Schwarzmann! Auch der Herr Rat hatte schlecht geschlafen. Nun, wie steht's?" rief er laut. Guten Morgen, Brechtle! Sind fie fertig?" Man hörte es den kurzen Säßen an, wie es ihn umtrieb. Aber schon tam hinter ihm ein zweiter Besucher: George Baldinger. Morgen, Berblinger! Schon munter? Wie ging's heute nacht? Sie haben hoffentlich Zeit gefunden, auszuschlafen. Heute werden Sie alle Kräfte beisammen haben müssen. Sind die Flügel fertig? Berblinger sprang auf. .., Einer ist fertig," sagte er entschlossen, der andere wird's. Aber laffen Sie mich in Ruh, meine Herren. Mit Schwaben ist niemand gedient, und ich habe keine Minute zu verlieren.( Schluß folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druckt und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.g. in Stuttgart.