Für unsere Mütter und Hausfrauen O O O O O O O O Nr. 1 。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit ooooooo Inhaltsverzeichnis: Menschenmangel und Stellung der Frau in den Vereinigten Staaten. Von Robert Wilbrandt. Die Kriegsteuerung und die Hausfrauen. Von M. Kt. Feuilleton: Die menschliche Gesellschaft. Von Friedrich Hebbel, Preis sei der Mutter. Von Marim Gorki. Menschenmangel und Stellung der Frau in den Vereinigten Staaten.* Von Robert Wilbrandt. Was dem Europäer zuerst entgegentritt, sobald er die Freiheitsstatue und das märchenhafte Profil des himmelstürmenden New York im duftigen Zauber des Morgennebels erschaut und das Land des neuen Menschentyps betreten hat, das ist der wohlgenährte, Behagen und Kraft ausstrahlende Amerikaner selbst, kraftvoll und zu intensivster Arbett befähigt; diese zur höchsten Leistung gediehene Arbeitskraft ist aber ein jahrzehntelang hinter der Nachfrage zurüdgebliebener teurer Artikel, trotz Einwanderung und Krisen noch immer hoch bezahlt, als Droschkenkutscher oder Barbier oder gar als Dienstbote kaum erschwinglich und darum, das ist das erste Grundprinzip amerikanischer Ökonomie, tunlichst durch andere Lebensgestaltung ersetzt. Dienstboten zu halten ist Vorzug einer gewissen Wohlhabenheit. Der Mittelstand, besonders seine untere Schicht, hat sein Leben darauf eingerichtet, mit möglichst wenig Bedienung auszukommen oder auch ganz auf sie zu verzichten. Die Dienstboten sind die Herren der Situation, man muß vieles selber machen, und darum -schränkt man seine Ansprüche ein. Daher Gewohnheit, was deutsche Hausfrauen verabscheuen würden: daß man Unordnung und Ungepflegtheit der Wohnung nicht allzu schwer nimmt, ebensowenig wie zerrissene Wäsche am Leibe oder auf Tisch und Bett, die zu fliden ja teure Handarbeit kosten würde; ebenso selbstverständlich ist der Verzicht auf häuslich gepuzte Stiefel, sie werden von einem Berufsvirtuosen des Stiefelpußens auf der Straße alle paar Tage mit einem„, first class shine" versehen, für 5 Cents( 20 Pf.) glänzen sie tagelang; überhaupt: systematische Vereinfachung des Haushaltes, der möglichst wenig Arbeit kosten muß. Derselbe Dienstbotenmangel läßt oft auf größere Kinderzahl, ja wohl auch auf die Heirat oder wenigstens auf eigenen Haushalt verzichten. Auf der anderen Seite hat die Amerikanerin mehr Hilfe als die deutsche Hausfrau, nämlich am Mann. Der amerikanische Mann hat als Kolonist, zunächst oft ohne ein weibliches Wesen, in harter einsamer Arbeit, die seine Kräfte stählte, sein neues Heim der Natur abgetrott; jeder auf sich gestellt, jeder ein Robinson, der alles selbst machen, alle Fertigkeiten ausbilden mußte, praktisch und erfinderisch, wie die Not es verlangte. Der Mann macht alles das war die Grundlage der Ansiedlung im Westen, wo es an Frauen fehlte und bis jetzt noch fehlt. Umworben von einer Mehrzahl von Männern, die das Weib entbehrten, auf Händen getragen von dem, der sie gewann, hatte die Frau in dem kulturlosen Ansiedlerleben nur das zu bringen, was es selbst nicht bot: Schönheit und Bildung. Entbehrlich für die harte männliche Arbeit, wurde die Tochter in Colleges geschickt, während der Sohn dem Vater zu helfen hatte; mit verfeinerter Kultur zurückkehrend in die Farm, war sie der Schmuck des Lebens, nicht sein Lasttier. Während bei uns die Berufsausbildung den Mann jahrhundertelang als den bildungsbedürftigeren er= scheinen ließ, dem die Frau, nur für die Hauswirtschaft erzogen, vielerlei Dienste zu leisten hatte, die er als Berufsvirtuose und Gebildeter unter seiner Würde fand, hat der Mangel an Frauen in den westlichen Ansiedlungen die umgekehrte Tradition be= gründet: der Mann macht alles, die Frau aber wird verehrt und ist Trägerin der Bildung. Dem entspricht das Frauenstimmrecht in den Weststaaten; die Frauenberehrung hat es bald gewährt. Dieser Frauenkultus ist es, der unsere Eindrücke in Amerika selbst und auf dem amerikanischen Schiffe während der überfahrt nach Ostasien am besten erklärt. Wir sahen die Frau, trotz der Dienstbotennot, sehr viel in der Stellung der verwöhnten Dame: sie ist das zarte höhere Wesen, das der Starke ritterlich beschützt. * Aus Robert Wilbrandt: Als Nationalökonom um die Welt. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena. Wir werden dieses empfehlenswerte Büchlein demnächst besprechen. 4 1914 Der amerikanische Mann gedeiht dabei gut. Er entwickelt sich. Er übernimmt Vaterpflichten mit erstaunlichem Talent. Auf dem Schiff, während der siebzehntägigen Fahrt über den Stillen Ozean, konnten wir die rührenden amerikanischen Väter bewundern, die ihre kleinen Kinder auf Deck spazieren führten, sie beruhigten, sie ohne jedes harte Wort erzogen, während die Mütter und jungen Mädchen im bequemen Lehnsessel zurüdgelegt Romane lasen und fofettierten. Die Amerikanerin hat selbstverständlich auch andere Seiten. Wir lernten wirklich zu verehrende, außergewöhnlich bedeutende und sympathische, wahrhaft vornehme Frauen kennen. Aber in der Verwöhnung durch den Mann fanden wir die Amerikanerin eher gefährdet als wirklich gehoben. So hat der Menschenmangel, der als Dienstbotennot die Hausfrau bedrängt, als Mangel an Frauen der Hausfrau eine überhöhte Stellung gegeben, die ihr den Mangel an Bedienung erträglicher macht: ist sie doch geborgen in der großen sorglichen Hand des amerikanischen Mannes. Er leistet seinerseits um so mehr. Aber auch er wird wiederum als kostbares, sparsam auszunußendes Gut behandelt. Der Menschenmangel durchzieht, wie das Familienleben, so alle Zweige am Baume dieses neuen Volkes. Arbeitsparende Methoden begegnen dem Fremdling auf Schritt und Tritt( ganz wörtlich: auch als eine sich selbst bewegende Treppe zur Hochbahn hinauf). Jede umständliche Kontrolle wird ersetzt durch Einheitstarife; die Fahrkarte wird nur am Eingang, nie mehr am Ausgang vorge= zeigt und durch Einwurf erledigt. Die Zeit wird sparsamer be= handelt als das Geld. Expreßzüge der Untergrundbahn, nur für weite Strecken, und Expreßaufzüge, nur für die höheren Stockwerke, ersparen unnötigen Zeitverlust. Die industrielle Produktion wird durch strengste Arbeitszerlegung des Riesenbetriebs, wie in den Stockyards Chicagos, und durch eine den Europäer geradezu beschämende Intensität der Anwendung von Maschinenkraft an Stelle von Menschen, wie in den Carnegie- Works in Pittsburg oder gar in Gary, der jüngsten Schöpfung des Stahltrustes, aufs tapitalistisch gewaltigste konzentriert, spezialisiert und mechanisiert; die Technik wird neben genialem Erfinden des Weges zum Biele zugleich auch zur Skonomisierung, zur Abkürzung jedes Weges. Und derselbe Geist ergreift die Wissenschaft an ihren sonst so gern konservativen geheiligten Stätten: die Arbeitsteilung greift auch hier viel weiter als bei uns; ja die Staatsuniversität von Wisconsin, das kleine Madison, weiß die Arbeit seiner Professoren dem ganzen Lande direkt fruchtbar zu machen durch sein wohlorganisiertes junges System einer einzigartigen Ausdehnung der Tätigkeit und Anpassung der Forschungsergebnisse an den Bedarf des Lebens. Die Kriegsteuerung und die Hausfrauen. Noch stehen wir erst im Anfang all der Schrecknisse, die der Krieg auch über unser Volk heraufbeschwört, obwohl er bisher von Deutschland mit kaum geahntem Erfolg geführt wird. Schon seit eine Teuerung sehr vieler Nahrungsmittel ein, die um so härter empfunden wird, als steigende Arbeitslosigkeit die ohnehin geringe Rauffraft großer Volksschichten noch weiter herabdrückt. Die behördlichen Verfügungen über Höchstpreise für Lebensmittel werden die drohende weitere Zunahme der Teuerung nicht aufhalten fönnen. Die Hilfsaktionen der Wohlfahrtsinstitutionen werden immer nur einen Bruchteil des Massenelends zu lindern vermögen. Auch müssen wir vorsichtigerweise damit rechnen, daß bei längerer Dauer des Krieges in absehbarer Zeit wenn auch vielleicht nur vorübergehend manche Nahrungsmittel knapp werden oder ganz mangeln. Alle diese Umstände nötigen die Hausfrau noch mehr denn je, darüber nachzudenken, wie sie nicht nur die höchsten Nährwerte für die kleinste Summe einkaufen kann, sondern auch, wie die tägliche Kost so haushälterisch wie möglich zuzubereiten ist, so daß sie vom Körper mit den denkbar geringsten Verlusten ausgenügt wird. Denn nicht von dem, was er ißt, lebt der Mensch, sondern von dem, was er verdaut. Besonders jungen Hausfrauen mit geringer Erfahrung werden deshalb die nachfolgenden Winke und Anregungen von Nußen sein; sie bilden eine Ergänzung zu vielen einschlägigen Artikeln in den letzten Jahrgängen der„ Gleichheit". 2 Für unsere Mütter und Hausfrauen Beginnen wir mit dem proletarischen Hauptnahrungsmittel, der Kartoffel. Ihre Bereitung als Bellkartoffel ist rationeller als die der Salzkartoffel. Bei der Pellkartoffel beträgt der durch das Abziehen der Haut entstehende Verlust nur etwa 1 Prozent des Gewichtes. Bei der roh geschälten Kartoffel muß man nach dem Schiffsverpflegungsreglement der deutschen Marine mit einem Verlust von etwa 22 Prozent rechnen. Es ist also ein sehr einfaches Rechenerempel, welche Zubereitungsform die sparsamere ist. Langes Wässern macht die Kartoffeln nährstoffärmer, weil im Wasser die wertvollen Nährsalze leicht auslaugen, die zugleich die Geschmacksstoffe enthalten. Deshalb setzt man die Kartoffeln auch vorteilhaft mit heißem Wasser zum Feuer. Aus demselben Grunde kocht man geschälte Kartoffeln am besten im Dampfe gar. Man legt sie mit Salz bestreut in ein Drahtsieb, das in einen Topf mit kochendem Waffer gehängt wird. Sie brauchen dann etwas längere Zeit zum Garwerden. In der Gestalt von Kartoffelbrei berarbeitet und verdaut der Körper des Menschen die Kartoffeln am leichtesten und mit der geringsten Menge von Schlacken. Bei dieser Zubereitung wird das Stärkemehl der Knolle vollkommener aufgeschlossen als bei anderen Kartoffelgerichten; auch die Verdauungssäfte vermögen die aufs feinste zerkleinerte Nahrung weit besser zu durchdringen als bei ganzen Kartoffeln, besonders wenn diese nicht sorgfältig gekaut werden. Bei der gekochten Salzkartoffel wird das Eiweiß nur zu 70 Prozent ausgenußt, die Kohlehydrate( Stärkemehl) mit 93 Prozent, in Breiform dagegen werden das Eiweiß zu 80 Prozent, die Kohlehydrate fast restlos verdaut. Wenn möglich, be= nuße man einen Kartoffelquetscher aus stark verzinntem Blech und schlage die durchgedrückten und mit heißer Milch verdünnten Kartoffeln vor dem Anrichten auf dem Feuer tüchtig mit einer Holzkelle bis kurz vor dem Kochen. Ganz rationell verfährt man, wenn man den Brei aus heiß abgezogenen Bellkartoffeln bereitet. Für Kranke, Genesende und Kleine Kinder kommt Kartoffelgenuß nur in der Form von Brei in Frage oder als Flodenkartoffeln. Hierzu rührt man die heißen Kartoffeln durch ein in heißem Waffer erwärmtes Sieb mit erwärmter Reibekeule oder man quetscht sie durch die gewärmte Püreepresse in eine sehr warme Schüssel und richtet sie flink an. Da das Kochwaffer von Salzkartoffeln Nährstoffe der Kartoffeln aufnimmt, schüttet man es nicht fort, sondern benußt es zu Suppen, Gemüsen und Saucen. Ebenso verwendet man das Wasser, in dem Klöße, Nudeln und Maccaroni gekocht wurden. Kopffalat, Pilze und Gemüse verlieren durch gedankenloses Wässern erheblich an Nährwert, Gemüse auch dann, wenn das erste Kochwasser fortgegossen wird. Hülsenfrüchte werden in dem Einweichwasser gargekocht, um ihnen alle Nährstoffe zu erhalten. Sie sollten stets durch ein Sieb getrieben werden, so daß die schwerverdaulichen Hülsen zurückbleiben, um bekömmliche und gut verdauliche Gerichte zu erzielen. Fleischbrühe darf nicht, abgeschäumt werden, wenn man nicht in dem grauen Schaum den wertvollsten Bestandteil des Fleisches, das Eiweiß, in den Ausguß befördern will. Nach einigem Sieden pflegt der graue Schaum wieder zu verkochen. Will man beim Ausbraten von Fett die größte Menge Schmalz er= zielen, so schneide man die Würfel so klein wie möglich oder drehe das Fett durch die Fleischhackmaschine. Solange Palmin billiger ist als Schweinefett, empfiehlt es sich, das ausgelassene Schmalz noch heiß mit Palmin zu vermischen. Das Schmalz wird dadurch fester. Die billige Magermilch, von der das Liter nur 10 Pfennig fostet, läßt sich mit großen Vorteil zu Suppen und Breigerichten verwenden. Sie ist das billigste tierische Nahrungsmittel, das wir überhaupt haben. Der Eiweiß- und Milchzuckergehalt der Magermilch sind genau die gleichen wie bei Vollmilch. Nur das Milchfett, der Rahm, ist ihr entzogen. Wenn nötig, läßt er sich leicht durch billigere Fettzugabe ersehen. Zur Säuglingsernährung ist Magermilch wegen ihrer Fettarmut jedoch nicht geeignet. Beim Abkochen zusammengelaufene Milch gieße man nicht fort. Sie eignet sich noch zum Einlegen von Fleisch, das man einige Tage konservieren und mürber machen will. Auch läßt sie sich an Stelle von saurer Sahne zur Herstellung schmackhafter Saucen benutzen. Die Saucen werden vor dem Anrichten durch ein Haarfieb getrieben, wenn sie nicht glatt sein sollten. Schließlich kann man aus geronnener gekochter Milch auch weißen Käse bereiten. Man läßt die zusammengelaufene Milch noch 1 bis 2 Tage stehen und schüttet sie dann auf ein gut gespültes Seihtuch, das in einen Durchschlag gelegt wurde. Am besten ist ein irdenes oder porzellanenes Sieb hierzu geeignet. Die geronnene Milch sondert nun allmählich alle wässerige Flüssigkeit, die sogenannten Molken ab. Ebenso stellt man Quark aus ungefochter Magermilch her, die 2 bis 3 Tage bei einer Durchschnittstemperatur von 18 Grad, notfalls in einer lauen Ecke des Herdes Nr. 1 gesäuert hat. Der Quark ist ein außerordentlich wertvolles, billiges und gesundes Nahrungsmittel. 100 Teile Quark enthalten 25 Gramm Eiweiß, 7 Gramm Fett, 3/2 Gramm Kohlehydrate in Geftalt von Milchzucker und liefern 182 Wärmeeinheiten. Mit Leinöl und Kümmel oder Schnittlauch angerührt ist der frische Weißtäfe eine sehr zweckmäßige Beigabe zu Pellkartoffeln. Auch die Molken enthalten noch Nährstoffe, zwar wenig Eiweiß und Fett, aber nicht unerhebliche Mengen von Milchzucker, Milchsäure und Nährsalzen. Die Molten eignen sich sehr gut zum Ausquellen von Gries und Semmel bei der Herstellung von Gries- und Semmelflößen sowie als Beigabe zu dem Wasser, in dem Nudeln und Klöße gargefocht werden. Viel zu wenig geschätzt wird die billige und leicht berdauliche Buttermilch. Sie ist eiweißreicher als Vollmilch und nicht wesentlich ärmer an Milchzuder. Die fetten Bestandteile, durch welche Milch schwerer verdaulich wird, sind der Buttermilch fast ganz entzogen. Statt daß Magermilch, Molken und Buttermilch an Schweine verfüttert werden, sollten sie in der Zeit der Kriegsteuerung lieber in möglichst ausgedehntem Maße direkt zur menschlichen Nahrung benutzt werden. Billiges Suppengrün stellt man sich für die Wintermonate nach und nach aus allerlei Gemüseabgängen her, aus den Blättern, Blattstielen und Strünken von Blumenkohl, Kohlrabi, Weißkohl und Wirsingkohl, aus jungen Sellerieblättern, den Schoten der grünen Erbsen und anderem. Man säubert sie gut, schneidet fie in feine Streifen und trocknet sie an der Sonne oder in sehr gelinder Ofenwärme. Kauft man Suppengrün, so schneidet man von den Petersilienwurzeln die Köpfe etwa 1 bis 2 Zentimeter lang ab und setzt sie in mit leichter Erde gefüllte Blumentöpfe. Sie liefern bis in das Frühjahr hinein grüne Petersilie, wenn man sie nach dem Abschneiden alles Grünen im Keller etwas ruhen läßt. Petersilie- und Sellerieblätter werden wie Suppengrünes getrocknet, fein zerrieben und in Büchsen staubfrei aufbewahrt. Gehadte frische Beterfilie kann man auch mit Salz gemischt in Verschlußgläsern lange aufheben. Verwendet man sie, muß man mit dem Salzen der Speisen sehr vorsichtig sein. Suppengrün und getrocknete Kräuter haben freilich mehr Geschmackswert als Nährwert. Dadurch, daß sie den Appetit und die Verdauung anregen, bewirken sie wie jede Würze eine bessere Ausnüßung der dem Körper zugeführten Speisen und ermöglichen mehr Abwechslung in der Zubereitung. Die äußeren Salatblätter werfe man nicht fort. Sie werden wie Spinat behandelt, das heißt: nach dem Säubern im eigenen Saft oder mit 1 bis 2 Löffeln Wasser weichgedämpft, feingehadt und mit Schnittlauch oder geriebener Zwiebel, Salz, wenig Muskatnuß, hellem Schwihmehl und nach Bedarf- etwas Milch zu Gemüse gekocht. Die Pilze sind ein stickstoffreiches und äußerst schmackhaftes Nahrungsmittel, das nur den Fehler der Schwerverdaulichkeit hat. Infolge ihres hohen Gehaltes an derben, schwer zu zerkleinernden Rohfasern werden sie gewöhnlich schlecht gekaut und dementspre= chend im Darme nur mangelhaft ausgenutzt. Diesem übelstand läßt sich abhelfen, indem man alle Pilzgerichte in fein zerhackter Form anrichtet. Aus Furcht vor Giftpilzen läßt das Volk leider úngeheure Mengen eßbarer Pilze in unseren Wäldern ungenutt berkommen. Wer keine genügende Kenntnis der verschiedenen Bilzarten besißt, der kaufe sich in der nächsten Buchhandlung das für 15 Pfennig erhältliche, reich illustrierte Bilzmerkblatt des Kaiserlichen Gesundheitsamtes. Wenn man die darin enthaltenen Weisungen befolgt, kann man sich bis tief in den Herbst hinein dann in Gestalt von Pilzen den Genuß eines mit verhältnismäßig ge= ringer Mühe kostenlos zu beschaffenden Nahrungsmittels gestatten. Sehr zu empfehlen ist das Trodnen von Pilzen für den Winterbedarf. Die Pilze dürfen vorher aber nicht gewaschen werden. In der Sonne dörren die Pilzschnißel an einem luftigen Orte auf Schnüre gereiht, im mäßig warmen Ofen auf Blechen oder Tellern. Vor dem Kochen werden sie sauber gewaschen, dann mehrere Stunden in kaltem Wasser eingeweicht und schließlich gehadt zu Suppen oder Saucen verwendet. Das Einweichwasser wird mitbenutzt. Vortrefflich ist auch ein Pilzegtraft aus Feldchampignons, Reiztern und anderen eßbaren Bilzen. Der Pilzextraft ist jahrelang haltbar und eine feine, kräftige Würze für Suppen und Saucen. Ein Teelöffel voll Extrakt genügt für 4 bis 5 Personen. Die gereinigten und gehackten Pilze werden im eigenen Safte gekocht. Der Saft wird nach und nach abgefüllt. Die Bilzrückstände kocht man mit wenig Wasser so lange aus, bis sie allen Geschmack abgegeben haben. Dann tocht man den erhaltenen Saft unter Beigabe von etwas Salz zu einem sirupdicken Extrakt ein, füllt ihn in kleine Flaschen und korkt sie zu. Nr. 1 Für unsere Mütter und Hausfrauen Schließlich noch ein Rat an die Kaffeetrinker unter unseren Lesern. Wer seinen Gersten-, Zichorien- oder echten Bohnentrank oder eine Mischung dieser drei gern süß trinkt, aber mit Zuder sparen will, der brühe den Kaffee nach orientalischer Sitte mit dem Zuder zugleich auf. Die Süßigkeit des Buckers tritt bei diesem Verfahren so stark hervor, daß man kaum die Hälfte der sonst üblichen Zuckermenge braucht. M. Kt. Feuilleton о die menschliche Gesellschaft. Wenn du verkörpert wärst zu einem Leibe Mit allen deinen Satzungen und Rechten, Die das Lebendig- freie fchamlos knechten, Damit dem Toten diese Welt verbleibe; Die gottverflucht in höllischem Getreibe, Die Sünden selbst erzeugen, die sie ächten, Und auf das Rad den Reformator flechten, Daß er die alten Ketten nicht zerreibe: Da dürfte dir das schlimmste deiner Glieder, Keck, wie es wollte, in die Augen schauen, Du müßtest ganz gewiß vor ihm erröten! Der Räuber braucht die fauft nur hin und wieder, Der Mörder treibt sein Werk nicht ohne Grauen, Du hast das Amt, zu rauben und zu töten. O O O Preis sei der Mutter.* Von Maxim Gorki. friedrich hebbel. Preis sei dem Weibe, der Mutter, dem unerschöpflichen Born des allesbesiegenden Lebens. Wir wollen vom eisernen Timurleng, dem lahmen Panther, von Sahib- i- Kiran erzählen, von dem glücklichen Eroberer, Tamerlan, wie ihn die Ungläubigen nannten, von dem Manne, der die ganze Welt zerstören wollte. Fünfzig Jahre lang schritt er über die Erde, sein eiserner Fuß zerirat Städte und Staaten, wie der Fuß eines Elefanten wimmelnde Ameisenhaufen, wo er vorüberkam, da flossen rote Blutströme, und er errichtete hohe Pyramiden aus den Gebeinen der besiegten Völker. Er vernichtete das Leben, stritt mit dem Tode um die Macht und rächte sich an ihm, weil er ihm seinen Sohn Dschegangir geraubt hatte. Er, der Bezwinger der Welt, wollte dem Tod seine Opfer entreißen, auf daß er vor Hunger und Gram berreckte! Seit dem Tage, da sein Sohn Dschegangir starb und das Volk von Samarkand den Bezwinger der bösen Dschets, in ein schwarzblaues Gewand gehüllt, mit Staub und Asche auf dem Haupt erblickt hatte, von jenem Tage an bis zu der Stunde, da der Tod ihn in Otrara bezwang, hat Timur dreißig Jahre lang kein einziges Mal gelächelt, so hatte er sein Leben verbracht mit zufammengefniffenen Lippen, ohne jemals sein Haupt zu bewegen, und sein Herz war gewappnet gegen jedes Mitleid dreißig Jahre lang! Preis sei dem Weibe, der Mutter, der einzigen Macht, vor der sich der Tod demutsvoll beugt; wir wollen hier die Wahrheit über die Mutter erzählen, vor der sich der Knecht und Sklave des Todes, der eherne Tamerlan, die blutige Geisel der Welt, neigte. Das geschah also: Einst schmauste Timur- beg in dem herrlichen, mit Wolfen von Rosen und Jasmin bedeckten Tal Kanigula, in jenem Tal, das von den Dichtern Samarkands„ der Liebling der Blumen" genannt ward, und von wo aus man die blauen Minaretts der gewaltigen Stadt und die blauen Kuppeln der Moscheen sieht. Fünfzehntausend runde Zelte bedecken wie ein großer Fächer die Ebene; sie gleichen Tulpen, und jedes ist mit Hunderten von Seidenflaggen geschmückt, die wie lebende Blumen auf und nieder wogen. In ihrer Mitte erhebt sich das Zelt Gurugan- Timurs wie eine Königin unter ihren Gespielinnen. Es ist viereckig, hundert Schritt lang und ebensoviel Schritte breit, so hoch wie drei Speere. Es wird in der Mitte von zwölf mannsdicken goldenen Säulen ge= * Aus Marim Gorfi: Märchen der Wirklichkeit. J. Ladyschnikow Verlag, Berlin. 3 halten und ist von einer blauen Kuppel überspannt, es schimmert von schwarzen, gelben und blauen Seidenstreifen; mit fünfhundert roten Schnüren ist es an dem Erdboden befestigt, vier silberne Adler prangen an den Ecken, und in der Mitte, unter der Kuppel, auf einer Erhöhung ruht ein fünfter der unbesiegbare Timur- Gurugan, der König der Welt. Ein weites Gewand aus himmelblauer Seide fällt von seinen Schultern herab; Perlen überschütten es nicht mehr als fünftausend große Berlen eine hohe weiße Müße mit einem Rubin an der Spike ruht auf dem grauen, schrecklichen Haupte, und dieses blutige Auge, das die Welt umspannt, schwankt unablässig hin und her. Das Antlitz des Lahmen gleicht einem breiten Dolch, der rostig von Blut ist, in das er tausende Male getaucht ward; seine Augen sind klein und schmal, aber sie sehen alles, und ihr Glanz gleicht dem kalten Gefunkel des Zaramuts, des Lieblingssteins der Araber, den die Ungläubigen Smaragd nennen, und der die fal= lende Sucht heilt. In seinen Ohren aber funkeln Ringe aus Rubinen von Zehlon, herrlich wie die frischen Lippen einer schönen Frau. Auf dem mit feltenen Teppichen bedeckten Fußboden stehen dreihundert goldene Krüge mit Wein und allem, was zu einem föniglichen Festmahl gehört; hinter Timur siten die Musiker, niemand fist an seiner Seite, zu seinen Füßen aber lagern die blutsverwandten Könige und Fürsten und die Truppenführer, ihm zunächst jedoch der trunkene Dichter Kermani, derselbe, der einst auf die Frage Timurs:„ Kermani! Wieviel gäbest du für mich, wenn man mich dir feilböte?" dem Herrn des Todes und der Schrecken zur Antwort gab: " Fünfundzwanzig Askeri!" „ So viel kostet ja allein mein Gürtel, Kermani!" rief Timur erstaunt aus. " Ich dachte ja auch nur an diesen Gürtel, nur an den Gürtel, o Herr, denn du selbst bist keinen Groschen wert!" So sprach der Dichter Kermani zu dem König der Könige, dem blutigen Herrscher der Welt. Gepriesen sei der Name des Dichters, des Verkünders der Wahrheit, sein Ruhm erglänze höher als selbst der Tamerlans. Gepriesen seien die Dichter, die nur einen Gott haben ein schönes, furchtloses, wahrhaftiges Wort. Das ist ihr Gott, den sie ewiglich verehren. In solch einer Stunde ausgelassener Fröhlichkeit, während eines Trinkgelages, wo stolze Krieges und Siegeserinnerungen gefeiert wurden, der Lärm der Musik und der Volksspiele ertönte, während zahlreiche bunte Gaukler vor dem Zelte des Königs umhersprangen, Athleten Ringkämpfe und fühne Fechter Kampfspiele aufführten, Seiltänzer ihre Künste zeigten und rot und grün bemalte Elefanten, die teils komisch, teils schredenerregend aussahen, im Kampfe lagen, in solch einer Stunde, wo die Leute TimurChans, trunken vor Furcht, aber auch vor Stolz, Siegesmüdigkeit, Wein und Stutenmilch, sich ungezügelter Lust ergaben, in folch einer wilden, tollen Stunde durchriß der Schrei der Frau den trunkenen Lärm, wie ein Blizz den Wolkenschleier, der stolze Schrei eines Adlerweibchens, ein Laut, der der vom Tode beleidigten und deshalb grausamen Seele Timurlengs bekannt und vertraut war. Er gab den Befehl, man solle erfahren, woher dieser freudlose Schrei käme, und man berichtete ihm, es sei ein in Lumpen ge= hülltes, mit Staub bedecktes Weib da, das arabisch spräche. Das Weib mache den Eindruck einer Wahnsinnigen und fordere gebieterisch, ihn, den Beherrscher dreier Weltteile, zu sehen. " Führt sie herein!" sagte der Zar. Und nun stand sie vor ihm, barfüßig, in fadenscheinige Lumpen gehüllt. Sie hatte ihr schwarzes Haar aufgelöst, um die nackte Brust zu verhüllen, ihr Antlitz schien wie aus Bronze gemeißelt, das Auge blickte gebieterisch, und die auf Timur weisende dunkle Hand zitterte nicht. „ Bist du der Besieger des Sultans Bajazet?" " Ich bin es. Ich habe schon viele Könige besiegt und bin der Siege noch nicht müde. Was aber hast du mir zu erzählen, Weib?" „ Höre mich an!" sprach sie.„ Soviel du auch vollbracht haben magst, du bist doch nur ein Mensch, ich aber bin eine Mutter! Du dienest dem Tode, ich aber zeuge neues Leben. Du hast eine Schuld gegen mich auf dich geladen, und so bin ich zu dir gekommen, damit du deine Schuld tilgest. Man hat mir gesagt, deine Losung sei: Gerechtigkeit ist Macht! Ich glaube nicht daran, gegen mich aber mußt du gerecht sein, denn ich bin eine Mutter." Der König war flug genug, um die Kraft zu ahnen, die sich hinter der Kühnheit dieser Worte verbarg, und sprach: 4 Für unsere Mütter und Hausfrauen ,, Set' dich nieder und sprich, ich will dich anhören!" Sie ließ sich im engen Kreise der Könige nieder und begann: „ Ich komme weit aus Italien her, aus Salerno, du kennst den Ort nicht! Mein Vater war ein Fischer und mein Mann ebenfalls; er war sehr schön und glücklich, und er verdankte sein Glück mir! Auch einen Sohn hatte ich, den schönsten Knaben auf der Welt...." Wie mein Dschegangir," flüsterte der alte Kriegsheld leise. „ Der schönste, flügste Knabe war mein Sohn! Er war sechs Jahre alt, als sarazenische Seeräuber an unserer Küste landeten. Sie erschlugen meinen Vater, meinen Gatten und viele, viele Leute und raubten mir meinen Knaben, den ich nun schon vier Jahre an allen Enden der Welt suche. Jetzt weilt er bei dir, ich weiß es, denn Bajazets Soldaten ergriffen und fingen die Seeräuber, du aber hast Bajazet besiegt und ihm alles fortgenommen, was er besaß. Du mußt also wissen, wo mein Sohn ist; du mußt ihn mir wieder geben!" Alle Anwesenden brachen in ein Gelächter aus, und die Könige, die sich immer für sehr flug halten, sprachen: " Sie ist wahnsinnig!" riefen sie. Und Timurs Freunde, die Fürsten und Feldherrn, stimmten ihnen bei und alles lachte. Nur Kermani blickte ernsten Angesichts auf das Weib und Tamerlan starrte sie tief erstaunt an. ,, Sie ist so wahnsinnig wie eine Mutter!" flüsterte der trunkene Dichter Kermani. Allein der König, die Weltgeisel, rief aus: " Weib! Wie konntest du bloß aus jenem mir unbekannten Lande hierhergelangen, über Meere und Flüsse, durch Gebirge und Wälder? Haben denn die wilden Tiere und die Menschen, die oft noch schlimmer sind als die wildesten Tiere, dir nichts getan? Du hattest ja nicht einmal eine Waffe bei dir, diese einzige Freundin der Schußlosen, die sie nicht verrät, solange noch eine Spur von Kraft in ihren Händen ist! Ich muß alles wissen, wenn mein Erstaunen es mir nicht unmöglich machen soll, dich zu begreifen!" Preis sei dem Weibe, Preis sei der Mutter, deren Liebe kein Hindernis kennt und deren Busen die Welt gesäugt hat! Alles Schöne im Menschen stammt von den Sonnenstrahlen und aus der Milch der Mutter das ist es, was uns mit Liebe zum Leben erfüllt! Sie aber sprach zu Timurleng: ,, Auf meinem Wege traf ich nur ein einziges Meer; darauf gab es viele Inseln und Fischerkähne, und wenn man etwas Liebes sucht, weht stets ein günstiger Wind. Die Flüsse sind leicht durchschwommen, wenn man an der Küste geboren und groß geworden ist. Und die Berge? Ich habe keine gesehen." Hier unterbrach sie der trunkene Kermani mit heiterer Stimme. Wenn man liebt, wird der Berg zum Tale!" „ Ob ich unterwegs auf Wälder gestoßen bin?" Wohl, doch ich durchschritt sie leichten Fußes. Jch begegnete Ebern, Bären, Luchsen und wilden Stieren mit gesenkten Hörnern. Zweimal stieß ich auf einen Panther, der mich ebenso anblickte wie du, aber jegliches Tier hat ein Herz; ich sprach mit ihnen wie mit dir, und sie glaubten es mir, daß ich eine Mutter bin und ließen mich seufzend ziehen, denn sie hatten Mitleid mit mir! Weißt du denn nicht, daß die Tiere ihre Kinder gleichfalls lieben und nicht weniger für ihr Leben und ihre Freiheit kämpfen als wir?" " Du hast recht, Weib!" sprach Timur. Oft lieben sie gewaltiger und hartnäckiger als der Mensch!" „ Die Menschen," fuhr sie fort wie ein Kind, denn jede Mutter ist in ihrem Innern ein hundertfältiges Kind, die Menschen sind doch stets Kinder ihrer Mütter. Jeder nennt eine Mutter sein eigen, selbst dich, Mann, hat ein Weib geboren! Du kannst Gott verleugnen, aber deine Mutter kannst du nicht verleugnen." " Du hast recht, Weib!" rief der furchtlose Dichter Kermani. „ Eine Herde Stiere gebiert keine Kälber, ohne Sonne wachsen feine Blumen, ohne Liebe gibt es kein Glück, ohne das Weib keine Liebe, und ohne die Mutter gibt es keine Dichter und keine Helden." Und das Weib sprach: ,, Gib mir mein Kind wieder, denn ich bin eine Mutter, und ich liebe mein Kind!" Wir wollen uns beugen und dem Weibe Ehrfurcht erweisen, denn es hat uns einen Moses, einen Mohammed und Jesus, den großen Propheten, geboren, der von den bösen Menschen getötet ward; aber wie Cheriff- Edin sagt er wird wieder auferstehen und Gericht halten über die Toten und die Lebendigen zu Damas fus; ja, das wird sich in Damaskus zutragen. Beugen wir uns vor der Mutter, die uns unsere großen Männer gebiert Aristoteles und Firdussi und der honigfüße Saadi sind ihre Söhne. Omar Chijam, der einem feurigen Weine gleicht, in den Gift geträufelt ward, Iskander und der blinde Homer alle sind ihre Kinder, sie alle haben ihre Milch gesogen, sie alle hat fie Nr. 1 sie an ihrer Hand in die Welt geführt, als sie noch nicht größer waren als eine Tulpe der höchste Stolz dieser Welt ist das Werk der Mütter! Und der große Zerstörer der Städte, der lahme Timur- Gurugan, neigte sein Haupt. Lange schwieg er, dann aber sprach er, zu den Anwesenden gewandt. ,, Men tangri kuli Timur! Jch, der Knecht Gottes, Timur, sage euch, was recht ist! Seht- ich habe schon viele Jahre gelebt, die Erde ächzt unter meinen Tritten, und dreißig Jahre lang schon bin ich am Werke, mit dieser Hand dem Tode seine Ernte zu entreißen, um Rache zu nehmen an ihm, weil er meinen Sohn Dschegangir, der Sonne meines Lebens, das Lebenslicht ausgeblasen hat. Königreiche und Städte haben mit mir- gekämpft, nie aber und nirgends hat der Mensch in meinen Augen einen Wert gehabt, nie und nirgends habe ich gewußt, wer er ist und was er mir auf meinem Wege begegnet. Jch, Timur, habe nach meinem Siege über Bajazet zu diesem Könige gesprochen:" O, Bajazet, Gott schätzt die Staaten und Menschen offenbar sehr gering ein: sieh, welchen Menschen er die Macht über sie anvertraut: du bist krumm und ich bin lahm!" So sprach ich damals zu ihm, als man ihn gefesselt zu mir brachte und als er unter der Last der Ketten zusammenbrach. So sprach ich im Unglück zu ihm, und ich fühlte, daß das Leben bitter ist als die Wermutstaude, die aus den Ruinen sproßt." " Ich, der Knecht Gottes Timur, ich sage, was recht ist! Seht, hier vor mir sitt ein Weib, wie es ihrer unzählige gibt, sie aber hat Gefühle in mir entfacht, die mir bisher unbekannt waren. Sie spricht zu mir wie zu Ihresgleichen. Sie bittet nicht- sie fordert. Und ich sehe nun, weshalb dieses Weib so mächtig ist: sie liebt, und sie erfuhr durch die Liebe, daß ihr Kind der Funke des Lebens ist, der zur Flamme für viele Jahrhunderte werden kann. Sind nicht alle Propheten Kinder gewesen, und waren nicht alle Helden hilflos und schwach? O, Dschegangir, Licht meiner Augen, vielleicht warst du dazu bestimmt, der Erde Wärme zu spenden, Glück zu säen ich habe sie reichlich mit Blut getränkt, bis sie fett und fruchtbar ward!" Und lange noch saß die Geisel der Völker in Gedanken versunken da. Endlich aber sprach Timur- Chan: Jch, der Knecht Gottes Timur, sage, was recht ist! Dreihundert Reiter sollen sich sofort nach allen Enden meines Reiches begeben, um den Sohn dieser Frau aufzufinden. Sie aber soll hierbleiben und mit mir warten, bis er hierher gebracht wird. Und wer mir das Kind auf seinem Sattel wieder bringt, den will ich glücklich machen für alle Zeiten. Bist du zufrieden, Weib?" Sie strich das schwarze Haar aus dem Gesicht, lächelte ihm zu und neigte ihr Haupt: " Ich bin es, o Herr!" Da erhob sich der furchtbare Greis und verneigte sich stumm vor dem Weibe. Der Dichter Kermani jedoch sprach voll Freude: " Was ist schöner als ein Lied von Blumen und Sternen? Ein jeder wird gleich sagen, ein Lied von der Liebe. Was ist schöner als die Sonne am flaren Mittag des Maitags? Und der Verliebte wird sagen: Sie, die ich liebe. O wie schön sind die Sterne am Mitternachtshimmel- ich weiß es! Auch die Sonne ist schön am klaren Sommertage ich weiß es! Aber die Augen meines Liebchens sind schöner als alle Blumen ich weiß es! Und ihr Lächeln ist lieblicher als die Sonne ich weiß es! Aber nicht gesungen ward das Lied der Lieder Von dem Ursprug dessen, was hier lebt auf Erden. Nicht besungen ward das Herz des Weltalls, Das wir Menschen unsere Mutter nennen." Und da sprach Timurleng zu seinem Dichter: Recht, Kermani! Gott hat sich nicht geirrt, als er deinen Mund dazu ausersah, feine Weisheit zu preisen!" ,, Ach, Gott ist selbst ein guter Dichter!" sprach der trunkene Dichter Kermani. Und das Weib lächelte, und alle Könige, Fürsten und Feldherrn; auch alle übrigen Kinder richteten ihre Augen auf die Mutter und lächelten. Was hier erzählt ward, ist Wahrheit, jedes Wort davon ist wahr; unsere Mütter wissen's, fragt sie nur, und sie werden euch sagen: " Ja, es ist die lauterste Wahrheit, wir sind mächtiger als der Tod, wir, die wir der Welt unablässig Dichter, Weise, Männer und Helden schenken, wir, die wir die Saat säen, aus der das Herrlichste aufgeht, dessen die Welt sich rühmt." Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Die Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.