pr unsere Mütter und hausfraueu Nr. 2 Beilage zur Gleichheit 1914 Inhaltsverzeichnis: Fiauenkrankheiten. Von Frau DrinecLStoEioy» Ostersetzer.— Elternpflichten. Von Fritz Elsner.— Feuilleton: Frühlingsglaube. Von Gottfried Keller.— Die Geschichte von Gunnel. Von Pelle Molin. Frauenkrankheiten.* Von Frau Dr. med. Stoboy-Ostcrsetzer. Unter„Frauenkrankheiten" versteht man gemeiniglich die Krank- heiten der weiblichen Geschlechtsorgane. Der menschliche Körper besteht jedoch nicht aus einzelnen Abteilungen, die untereinander keine Verbindung haben, unabhängig voneinander sind und auch einzeln erkranken. Vielmehr sind die einzelnen Körperteile durch Blut- und Lymphgefätze und durch Nervenbahnen innig mitein- ander verbunden, und es werden sowohl schlechte Stoffe und Gifte durch die Blut- und Lymphbahnen von einem Körperteil zum anderen geleitet wie auch nervöse Erregungen von einem Organ zum anderen. Der Ursprung eines Frauenleidens ist also nicht immer in den weiblichen Geschlechtsorganen selbst zu suchen, son- dern kann anderswo liegen. Ein Beispiel: Blutarme Mädchen lei- den oft an Periodenstörungen, entweder bleibt die Regel bei ihnen ganz aus oder es erfolgen übermäßige Blutungen. In beiden Fällen liegt die Ursache der Störung nicht in den Geschlechts- organcn selbst, sondern in der fehlerhaften Blutbeschaffenheit. Alle Eingriffe, die sich nur auf die Geschlechtsorgane erstrecken, werden keinen Erfolg haben, solange nicht dafür gesorgt wird, daß das Blut verbessert wird. Ein anderes Beispiel: Nervös« Frauen er- kranken nicht selten an heftigen Schmerzen in den Eierstöcken, ohne Durchschnitt durch das wetb- ltche Becken.». Tesüllte Blase. b. Gebärmutter, c. Scheide. d. Gefüllter Mastdarm. Wetbltche Geschlechtsorgane, a, Gebärmuttennund. b. Eileiter, c. Eierstock, d. Bauchsellüberzug. daß an diesem Organ irgendeine Verände- rung festzustellen wäre. Eine lediglich ört- liche Behandlung des Leidens vermag da- her auch hier keinen Nutzen zu bringen. In den Zeiten, wo man glaubte, die meisten Leiden durch chirurgische Eingriffe heilen zu können, sind auch unzählige gesunde Eier- stöcke dem Messer operierwütiger Chirurgen zum Opfer gefallen, ohne daß die operierten Frauen irgendwie erleichtert worden wären. Erst eine sachgemäße Behandlung, die dem allgemeinen Nerven- zustand der Leidenden Rechnung trug, war imstande, sie von ihrer Krankheit zu befreien. Das Bewußtsein, von einem„Frauenleiden" befallen zu sein, wirkt niederdrückend auf jede Frau; die örtliche Behandlung regt ihre Nerven oft auf, so daß in der Folge neben das Frauenleiden manchmal auch noch ein Nervenleiden tritt, das häufig schwerer zu bekämpfen ist als das erstere. Es ist deshalb sehr wichtig, die Frauen über den Ursprung der Frauenkrankheiten und der sich daran anschließenden nervösen Zustände aufzuklären. Sie müssen lernen, deren Ursachen auszuweichen, soweit es in ihrem persönlichen Vermögen liegt. Die weiblichen Geschlechtsorgane bestehen aus den äußeren ficht- baren und den im Körperinnern verborgenen Teilen. Die Gebär- Mutter ragt mit ihrem untersten Abschnitt in die Scheide hinein, der obere liegt in der Bauchhöhle. Die Eileiter besorgen die Ver- bindung der Gebärmutter mit den Eierstöcken und befinden sich wie diese ebenfalls in der Bauchhöhle. Die Gebärmutter ist ein musku- löses Organ von der Gestalt und Größe einer mittleren Birne. Sie besitzt eine Höhle, die mit Schleimhaut ausgekleidet ist und mit ihrer äußeren Öffnung, dem Muttermund, nach der Scheide sieht. Die Eierstöcke sind drüsige Organe von der Größe und Gestalt * Der größte Teil des Artikels erschien bereits in Nr. 23 des letzten Jahrgangs. Diese Nummer wurde von der Behörde beschlagnahmt, und wenn inzwischen die Konfiskation auch aufgehoben werden mußte, so kam doch das Blatt nicht in die Hände aller Leserinnen. großer Mandeln, die Eileiter schmale Röhren, die von der Gebär- mutter abgehen und zu den Eierstöcken führen. Sowohl die Ge- bärmutter als auch die Eileiter und Eierstöcke sind vom Bauchfell überzogen. In den Eierstöcken reifen die weiblichen Geschlechtszellen, die Eichen. Jeden Monat löst sich ein Ei ab und gelangt durch die Ei- leiter in die Gebärmutterhöhle. Erfolgt Befruchtung, so setzt sich das Eichen an der Gebärmutterschleimhaut fest und wächst sich all- mählich aus zu einem jungen Organismus. Im anderen Falle er- folgt der allmonatlich wiederkehrende Blutabgang aus der Gebär- mutter, den wir Periode, Monatsregel usw. nennen. Da es sich hier nicht darum handelt, ein Lehrbuch der Frauen- Heilkunde zu schreiben, so wollen wir die Beschreibung der au- geborenen abnormen Zustände des weiblichen Gcschlechtsapparatcs beiseite lassen. Wir wollen nur andeuten, daß es verschiedene Miß- bildungen gibt, und zwar Fehler oder mangelhafte Ausbildung einzelner Teile. Nicht selten ist eine angeborene Knickung der Gebärmutter nach vorne, die sich durch starke Schmerzen bei der Periode äußert. Sie wird oft durch die Geburt des ersten Kindes ausgeglichen. Der besseren Übersicht halber teilen wir die Frauenkrankheiten ein, und zwar in 1. Krankheiten des Entwicklungsalters, 2. Krankheiten der gebärfähigen Frauen und 3. Krankheiten der Wechseljahre. 1. Krankheiten des Entwicklungsalters. Es kommt vor, daß schon klein« Mädchen an einem Scheiden- katarrh leiden, der sich durch grüngelblichen Ausfluß und Jucken und Brennen an den äußeren Geschlechtsteilen äußert. Dieser Katarrh kann harmloser Natur sein, er kann aber auch durch An- steckung mit dem Erreger des Trippers verursacht sein. Nur der Arzt vermag zu entscheiden, welche Form des Schcidenkatarrhs vorliegt, es ist daher in solchen Fällen ratsam, sofort ärztliche Hilse zu suchen. Die Leiden der jungen Mädchen beginnen gewöhnlich mit dem Eintritt der Monatsregcl. Immer mehr häufen sich die Fälle, wo der Ursprung von Frauenleiden schon in der Jugend liegt. Die Ursachen dafür müssen wir meist in den sozialen Verhältnissen suchen. Schon frühzeitig wird das Kind gezwungen, neben der Schularbeit Hausarbett zu verrichten, und erst recht lastet diese auf dem Mädchen, wenn es, der Schule entwachsen, ins Erwerbs- leben tritt. Die doppelt« Arbeitsbürde wirkt in doppelter, ja in drei- facher Weise schädlich auf das junge Mädchen ein. Erstens ist das Arbeitsmatz an sich zu groß für den unausgewachsenen Organis- mus. Zweitens muß dieser bei der Arbeit übermäßig lange in ge- wissen Stellungen verharren; die Arbeit bringt es mit sich, ent- weder zu sitzen, zu stehen usw. Fast gänzlich fehlt die Möglichkeit zu lebhaften ausgiebigen Bewegungen, die alle Muskeln und Ge- lenke in Mitleidenschaft ziehen, das Blut in kräftige, alle Körper- teile gleichmäßig durchdringende Bewegung versetzen und die gerade für den sich noch entwickelnden Organismus so notwendig sind. Drittens wird das junge Mädchen gezwungen, die dumpfe, verun- reinigte Luft der Wohnungen und Arbeitsräume zu atmen, und sein Blut verarmt immer mehr an Eisen, einem Bestandteil, der zu einem normalen Stoffwechsel unbedingt erforderlich ist. Das Mädchen wird„blutarm", eine Krankheit, die unter den jugend- lichen Proletarierinnen fast allgemein ist. Diese Blutarmut ist der Boden, auf dem all« möglichen Krankheiten gedeihen, von denen hier nur die Lungentuberkulose genannt sei. Für uns ist an dieser Stelle der Einfluß der Blutarmut auf die Geschlechtsorgane wichtig. Der weiße Fluß. Die Blutarmut ist oft die Ursache des sogenannten weißen Flusses. An ihm leiden so viele Mädchen und Frauen, ja er ist so allgemein, daß die meisten weiblichen Personen ihn als normalen Vorgang ansehen. Dennoch ist der weiße Fluß durchaus krankhaft, die gesunde Scheiden- und Gcbärmutterschleimhaut ist leicht feucht, scheidet aber keine Flüssigkeit nach außen ab. Die Ausscheidung wirkt schwächend, denn es ist nicht Wasser, sondern eiweißhaltige Substanz, die dem Körper durch sie verloren geht. Da dieses Leiden meistens nicht eine lokale, sondern eine all- gemeine Ursache hat, eben Blutarmut oder schlechtes Blut, so trotzt es auch gewöhnlich aller lokalen Behandlung und kann nur durch ein Verfahren geheilt werden, das darauf ausgeht, die Blutbeschaf- 6 Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 2 fenheit und den Allgemeinzustand des Organismus zu bessern. Und wie in allen anderen Fällen, so muß auch hier gesagt werden: Vorbeugen ist leichter als Heilen. Wir wissen ja, daß die übermäßige Arbeit in einseitiger Körperstellung, daß die Atmung in der durch Kohlensäure und andere Gase, Wasserdampf und Staub verunreinigten Luft der Stuben und Fabriken die Blutbeschaffenheit der jungen Arbeiterin schädigen und somit eine der Ursachen des weißen Flusses bilden. Daher muß jede Mutter darauf bedacht sein, ihre Töchter nach Möglichkeit zu Hause zu entlasten und ihnen die Gelegenheit geben, das zu tun, was für die jungen Burschen selbstverständlich ist, nämlich den Körper zu kräftigen durch Sport, durch Wanderungen in der freien Natur, durch Bäder und Waschungen, durch Nacktgehen im Luft- und Sonnenbad, durch Atemgymnastik usw. " Das wilde Weib", sagt Havelock Ellis, der berühmte englische Forscher und Frauenarzt, ist ebenso groß und stark wie der Mann." Wir„ Kulturmenschen" sind geneigt zu glauben, daß die förperliche Schwäche des Weibes in ihrer Natur begründet liege. Diese Auffassung ist falsch: nicht die Natur, nein, die Gesellschaft macht aus der Frau in der Kultur das schwächliche Wesen. Die unnatürliche und unvernünftige Lebensweise, die übermäßige Arbeit, der stete Aufenthalt in geschlossenen Räumen, die Unterernährung, die fehlende Körperpflege, zu häufige Geburten und eine große Reihe anderer Ursachen wirken zusammen. Allerdings hindert diese Schwäche der Frau den Kapitalisten durchaus nicht, aus ihr dasselbe Maß oder vielmehr Unmaß an Arbeit herauszuschinden wie aus dem stärkeren und größeren Mann. Die Hausarbeit, die so viele Proletarierinnen nach dem täglichen Kampf ums Brot noch im Dienste der Familie leisten müssen, geschieht auf Kosten ihrer Ruhe, ihres Schlafes, ihrer Gesundheit. Je frühzeitiger diese Überlastung des Weibes einsett, um so gefährlicher. Man gönne dem weiblichen Kinde und dem jungen Mädchen ihre Kindheit und Jugend wenigstens in denselben Grenzen, wie sie den Knaben und Jünglingen des Proletariats zuteil werden. Es gibt eine Menge von Verrichtungen im Haushalt, die das Vorurteil den Mädchen allein aufbürdet, die aber ebensogut von Knaben getan werden können, wenn diese von klein an dazu er= zogen werden, nach Möglichkeit selbständig für sich zu sorgen. Sind die Mädchen aber bereits schwach, leiden sie an Blutarmut, weißem Fluß und anderen Beschwerden, so gibt es auch dann feinen anderen Weg, die verlorene Gesundheit wiederzugewinnen, als sachgemäße Körperpflege und vernünftige Lebensweise. O O O Elternpflichten. ( Fortseßung folgt.) Die Hoffnung, die viele auch in unseren Reihen hegten, daß der Krieg rasch beendigt werden würde, scheint trügerisch zu sein. Je länger aber das blutige Schauspiel währt, um so tiefer prägen sich seine Bilder in die Vorstellungswelt der Zeitgenossen ein. Es gibt auch im Geistigen ein Gesetz der Schwerkraft. Der ungeheure Komet des Krieges, der die regelmäßigen Kreise unseres Lebens vernichtend durchschneidet, zwingt auch das Denten in seine Bahn. Wir erleben es, wie selbst Persönlichkeiten, auf deren Festigkeit wir hätten schwören mögen, aus den Geleisen der Überzeugungen gerissen sind, die sie bisher mit Stolz verfochten. Und nun erst das junge, werdende, bildsame Geschlecht, die Kinder! Man sagt nicht zu viel, wenn man behauptet, dieser Krieg drücke der heranwachsenden Generation den Stempel auf. Wie stark sahen wir die Jugend von Anno 70 ihr Leben lang unter den Eindrücken jenes Jahres stehen! Und alle Zeugen versichern uns, daß die damalige Erregung der Bevölkerung nicht entfernt der heutigen gleichfam. Wer mit der Jugend berufsmäßig zu tun hat, muß immer wieder feststellen, welch eine wilde Lust am Zerstören, am rohen Austoben der Kräfte, an der Verhöhnung der Gegner, die in ihr atavistisch verankert liegt, die planmäßige Erziehung zu fruchtbarer Arbeit zu sinnvoller Beherrschung, zu gerechtem Urteil in diesen Wochen hemmt. Das Kind, heroisch und unsozial, wie es von Natur ist, der geborene Anarchist", begrüßt die ureinfache, ja rohe Willens- und Gefühlswelt des Krieges als etwas ihm Verwandtes. Wie die Dinge liegen, ist es natürlich ausgeschlossen, daß der Geist der Schule ein Gegengewicht gegen diese Einflüsse bildet. Den Jungen das Kriegspielen berbieten zu wollen, wäre wohl aussichtslos; da ist der Nachahmungstrieb zu start. Solange ihnen die Freude daran durch andere Eindrücke nicht vergangen ist, müssen wir uns begnügen, Roheiten zu verhindern: Ein anständiger Soldat schlägt keine Mädchen, nimmt den Besiegten nichts fort, schont die Kleinen und Schwächeren." Natürlich ist ein gelegentlicher Hinweis darauf schon am Plaße, daß es auch noch andere Spiele gibt. Wer weiß, wie fest sich das Spielgerät der Kinder mit all ihren Vorstellungen verbindet, wird es auf keinen Fall dulden, daß sie Degen mit der Aufschrift in die Hand bekommen: Jeder Stoß ein Franzos." Was für die Mehrzahl der Erwachsenen hoffentlich nicht mehr als ein grobes Reimwort ist, bedeutet für das Kind ein Stück Wirklichkeit! Solcher Spielfäbel und Reim ist nur ein Beispiel dafür, welcher Aufreizung zu roher Gesinnung wider den Gegner sich jetzt die Industrie im Bunde mit dem Chor der Wizblätter schuldig macht. Da haben die Bolfserzieher jahrelang in edler Pose gegen die„ Verrohung der Jugend durch Wort und Bild" gewettert, und jetzt darf sich hemmungslos die brutalste und zugleich banalste Feinde- Verdreschungswißelei breit machen. Wo Kinder sich ge= dankenlos an Bildern ergößen, die etwa zeigen, wie aus Menschenleibern Hackfleisch gemacht wird oder ein russischer Soldat im Todeskampf mit den Wellen nur an seine Schnapsflasche denkt, ist ein kräftiges Wort am Plaze, das die Jugend meist zur Besinnung bringt. überhaupt muß es ganz allgemein unsere Aufgabe sein, zu verhindern, daß sich die Zeitungsklischees von dem" Maulheldentum" der Franzosen, dem„ Krämergeist" der Engländer, der„ Mordbrennerei" und dem„ Stumpffinn" der Russen als stehende Begriffe in den kindlichen Hirnen festsetzen. Ein Teil unserer Presse bringt ja Gegenbeispiele zu diesen vielbeliebten Redewendungen, die in Wirklichkeit das deutsche Volt nicht erheben, sondern erniedrigen, denn es besagt wahrhaftig nicht viel, als Einäugiger unter den Blinden König zu sein. Man erzähle ihnen Züge der Tapferkeit, der Menschlichkeit, der Gerechtigfeit auch auf seiten der Gegner! Die älteren unter ihnen sollen auch erfahren, wie tapfer die Genossen in Serbien und Rußland gegen den Krieg aufgetreten sind, und wie die Unabhängige Arbeiterpartei in England gegen den Krieg demonstriert hat. Für diese Erziehung zur Gerechtigkeit ist noch ein zweites Mittel sehr angebracht. Wir dürfen die geistlose Verfolgung alles Fremdländischen nicht mitmachen, und es ist heute mehr als je an der Zeit, schon die Kinder auf die großen Kulturleistungen unserer Gegner hinzuweisen. Keine Gelegenheit sollten wir vorübergehen lassen, ihnen die Kunstwerke und technischen Errungenschaften des Auslandes zu zeigen, von seinen großen Gelehrten und Künstlern zu sprechen. Gerade jetzt ist es geboten, den älteren Kindern Daudet, Dickens und Tolstoi um nur drei Namen herauszugreifen in die Hand zu geben. Der kräftigste Erzieher gegen den Krieg ist aber der Krieg selbst in feinen Greueln. In einem bürgerlichen Blatte äußerte sich eine " Dichterin" dahin, man solle wenigstens den Kindern die Not des Krieges verdecken. Wir grundsäßliche Gegner des Krieges denken ganz anders. Das junge Geschlecht soll vor dem blutigen Würger Grauen und Entfehen empfinden, auf daß eine Wiederholung dieses Schauspieles des Völkermordens unmöglich werde. Und solange wir keine echten Schilderungen der mörderischen Kämpfe haben, lassen wir die älteren etwa die Novellen Liliencrons lesen und Zamszus„ Menschenschlachthaus". Das Jugendschriftenverzeichnis unseres Bildungsausschusses enthält eine ganze Menge guter ausländischer Autoren sowie Kriegs- und Soldatengeschichten. Auf solche Weise dämmen wir den gedankenlosen Siegesjubel ein. Selbstverständlich haben wir auch allen Grund, Nr. 2 Für unsere Mütter und Hausfrauen schon den Kindern zu sagen, warum der Vater keine Arbeit findet oder weshalb nebenan der Neubau ruht. Die Not des Krieges hat eine umfassende Hilfstätigkeit hervorgerufen. Die Opfer, die dabei und im Felde gebracht werden, haben im Bürgertum die Freude am Kriege ganz besonders gestärkt, der so viel schöne Tugenden entwickele". Wenn unsere Kinder von solchen Werken hören oder ihre Eltern dabei tätig sehen, ist das gut und nützlich. Aber wir wollen nicht verfehlen, wenigstens die älteren auf den Widerspruch hinzuweisen, daß erst der Krieg, der furchtbarste Zerstörer von Menschenwerk und Menschenglück, in der heutigen Gesellschaftsordnung eine stärkere soziale Besinnung der Volksgenossen hervorzurufen vermochte. Zum Schlusse noch dieses: Alle diese einzelnen Winke, denn nur das wollen die obigen Ausführungen sein, finden ihre Zusammenfassung, ihre Einheit im sozialistischen Bewußtsein. Dieses bei sich selbst und den Ihrigen rein zu erhalten in einer Zeit, da die Partei völlig lahmgelegt ist, muß die erste und oberste Pflicht jeder Genossin sein. Fritz Elsner. Feuilleton Frühlingsglaube. Es wandert eine schöne Sage Wie Veilchenduft auf Erden um, Wie sehnend eine Liebesklage Geht sie bei Tag und Nacht herum. Das ist das Lied vom Völkerfrieden Und von der Menschheit letztem Glück, Von goldner Zeit, die einst hinieden, Der Traum als Wahrheit, kehrt zurück. Wo einig alle Völker beten Zum einen König, Gott und Hirt: Von jenem Tag, wo den Propheten Jhr leuchtend Recht gesprochen wird. Dann wird's nur eine Schmach noch geben, Nur eine Sünde in der Welt: Des Eigen- Neides Widerstreben, Der es für Traum und Wahnsinn hält. Wer jene Hoffnung gab verloren Und böslich sie verloren gab, Der wäre beffer ungeboren: Denn lebend wohnt er schon im Grab. Die Geschichte von Gunnel.* Von Pelle Molin. Gottfried Keller. Jetzt sprach Märchen- Gunnels schöner Sohn:„ Und da ich mir, mein Herr, Ihre rasche Sympathie für mich irgendwie erklären muß, so denke ich mir, daß ich Sie an etwas erinnere, was Ihnen in der Jugend lieb gewesen an ein Gefühl voll hingebender Liebe, an eine füße Stimme... oder ein Haar, blond und kraus wie das meine...." *** Der junge Mann redete langsam, mit gemachter Schwerfälligkeit. " Ja, Mutter war blond wie ich, ihr Haar war kraus und lockig. Sie hatte dieselben Augen wie ich. Sie haben sie wohl nicht gekannt, Herr die Märchen- Gunnel, Gunnel Björklid....?" Der alte Herr wurde ganz blaß. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber er schwieg. Doch, wer kennt die Wege und Stege, die die Menschen gehen?" sprach der Jüngling weiter. Wie kann ich wissen, wo ein Professor der Mineralogie in seinem Leben überall hingekommen ist. Wir haben in unseren Schneebergen seltene Steinsorten." Er richtete ein paar funkelnd blaue Augen auf den anderen, aber sein Blick blieb unerwidert. Er sah nur ein erstarrtes Gesicht, das mit den Augenlidern zwinkerte, und die Hände eines Gelehrten, die sich fest um das Geländer klammerten. Aus„ Nordlandserzählungen" von Pelle Molin. Leipzig 1913. Verlag von Georg Merseburger. 7 Der Dampfer fuhr einen schönen Fluß hinauf zwischen hohen Ufern hin. Holzstämme flossen in gelben Kompanien vorüber. Der Kapitän hatte Freunde an seinem Punschtische versammelt. Lachsalven wogten auf und nieder. „ Die alte Mutter! Sie ist schon lange tot. Es wurde ihr zu schwer, alles zu tragen, und so brach sie zusammen. Das war die einzige Sorge, die sie mir bereitet hat, eine Sorge voll bitterer Tränen. Ich begreife nicht, was sie am Leben hielt; manchmal glaube ich, daß ich es war, ich, ihr Sohn, aber doch wieder war ich es nicht, sondern etwas anderes, das ich nicht kenne. Ich habe es nie ganz erfaßt, das, was dahinter lag und was niemand wußte...." Er stieß seinen Rucksack weiter unter die Bank und hob seine blauen Augen gegen den anderen. ,, Sie sagen, Sie empfinden eine eigentümliche Sympathie für mich, obwohl Sie mich niemals gesehen. Gunnel Björklid hätten Sie geliebt!" Die blauen Augen ließen nicht los. Jezt sahen sie, wie der andere gleichsam zusammenfroch und wie sein Gesicht noch starrer wurde. Dann fiel der blaue Blick auf eine elegante Reisetasche mit einer Silberplatte, auf der ein feiner Name stand. Er nickte für sich selbst. Ja, es war ihr ein Unglück geschehen an einem schönen Sommertag... dann kam ein andeves Unglück, und das war ein Kind das war ich. Früher war fie wie ein helles, schönes Zauberwesen auf ihrer Alm einhergegangen, hatte von früh bis spät Sonnenschein gesungen und gedichtet, so daß es funkelte und glänzte um sie her.... Ich durfte sie nie so singen hören." Er sah den anderen an, und dann klang seine Stimme wieder still und gedankenvoll:" Und ihm, dem ich all dies verdanke, ihm habe ich geflucht, seitdem ich denken kann.... Ich size hier und erzähle Ihnen eine Geschichte, die Sie wohl gar nicht interessiert, und die Reisenden gehen auf und ab und wundern sich, daß ein Jüngling aus den Bergen und ein feiner Herr aus Stockholm oder Upsala sich soviel zu sagen haben. Die Dörfer auf beiden Seiten gleiten vorüber in der Sommersonne, und das Leben mag oftmals schön sein... aber nirgends kann ich vergessen, daß ich jeden Tag einen Menschen verfluchen muß.... Ich glaube, Sie frieren mitten in der Hike, mein Herr?... Ja, Tränen flossen über meine Wiege und wunderliche Poesien. Liebe bekam ich im Übermaß. Wie sie küssen konnte und flüstern: mein Kind, mein Kind! Das können Sie nicht begreifen. Hätten Sie einmal von ihr einen Auß bekommen, Sie hätten es nie vergessen, ja, Gunnel Björklid konnte küssen.... Gott weiß, wer es sie gelehrt." Der Professor warf einen hastigen Blick auf den jungen Mann und begegnete seinen jetzt ganz kalten, listigen Augen. „ Und es duftebe immer nach Wald, wenn ich meine kleine Nase in ihrer Brust vergrub... nach Wald und Wundern... nach irgend= einer schönen Ferne, die ich empfand und genoß und niemals mit Namen nennen konnte.... Ich sehe so deutlich mein Bergdorf! Graue Holzhäuser, die in fleinen Haufen beisammen liegen, um nicht so bitter allein zu sein, wenn der Winter kalt über dem Land steht. Ihre glimmenden Fenster kann man leicht für Wolfsaugen halten. Aber während der hellen Sommernächte liegen sie da wie eine Herde von Ziegen, die auf die Sonne warten.... Sie haben natürlich nie von Märchen- Gunnel gehört. Wenn sie vorüberging mit ihrem nach innen gewandten Märchenblick und dem goldenen Zopfe auf dem Rücken, dann nickten die alten Bäue= rinnen, und ihren Männern wurde es warm ums Herz. Die Jünglinge aber verspürten zehrende Sehnsucht. Sie haben natürlich nie Gunnel erzählen hören aber Gott weiß, woher sie ihre Farben nahm. Eine Geschichte war violett und wehmütig mit dunklen Gestalten, die sich in der Dämmerung be= wegten. Eine andere war blaugrau. Das war eine Geschichte vom Bergsee im Nebel eines Herbstmorgens. Der Häher schrie gern in dieser Geschichte. Oder sie saß da, blondhaarig und blauäugig, und versetzte den Zuhörer in eine Begebenheit, die sich glänzend gelb in der Sonne bewegte. Und mitten drin konnte man den Kranich rufen hören und die Kuhglocken läuten vom Laubwalde her... Aber Gunnel, die so weich war, legte eines Tages ihre zarten Finger um meinen Hals und drückte zu. Dann weinte sie und rief laut den Namen eines Mannes, den ich niemals vorher gehört. Niemand hieß so in unserer Gegend. Ich glaube und glauben Sie nicht auch?-, es war der Name eines Menschen, der weit von ihr fort war, und den sie wieder zurückrufen wollte...." Er lächelte, als er sah, wie der andere vor Erregung schauderte.... Und das zu vergessen," sagte er langsam, als wollte er jemand quälen, das zu vergessen, was man in einem solchen Augenblick gehört, vermag niemand. Was meinen Sie? Wenn der Mensch, den ich am meisten geliebt auf der Welt, vor Sorge die Vernunft berliert sollte ich dann vergessen, was ich hörte, als ich ihre fleinen Eisenhände an meinem Hals fühlte?- Aber ich tat es doch. 8 Für unsere Mütter und Hausfrauen Ich war zu jung, um zu begreifen, daß der Tag kommen würde, an dem ich ein Wort mit diesem Herrn sprechen müsse. Glauben Sie nicht auch, daß es der Name dessen war, der sie und mich verlassen hatte?" Er legte die Hand auf die Schulter des Professors und sagte ruhig: ,, Manchmal habe ich mich danach gesehnt, ein besonnenes Wort zu sprechen mit diesem Fremden, der sie so viele Tränen gekostet all die Jahre hindurch. Ich wollte ihn sehen, Gunnels Sommerkönig, ich, der ich ihr Märchenprinz bin. Gott, was muß er für ein Mensch gewesen sein an jenem Sommertag, da er Gunnel hinnahm mit dem Rechte der Jugend und der Liebe. Ich wollte ihn hier vor mir haben und mit ihm sprechen, wie ich mit Ihnen spreche, still und eindringlich, und möchte ihn ganz von Herzen und ganz ruhig verfluchen." ,, Nein nein, veden Sie nicht so," sagte der Professor mit erstickter Stimme. Und nach einer Pause fragte er leise:„ War nicht das Auskommen schwer dort in der Wildnis? Hörte sie nie von jenem Fremdling?" „ Geld meinen Sie? Doch, sie bekam einen Geldbrief. Denken Sie, daß er ihr Geld schickte, war das nicht abscheulich? Wie?... pfui Teufel!... An jenem Tage sank sie auf der Treppe zusammen, und ihre runden Schultern erbebten. Damit war ihr Sommermärchen zu Ende. Erst ging sie umher und ordnete ihr Haus für den Winter. Es war damals ein Notjahr. Auf ihrem Grundstück war der Frost weiß aus dem Sumpfe emporgestiegen und hatte ihr Korn gebissen, daß es starb. Sie war rastlos einige Tage lang, aber wo sie ging, murmelte sie vor sich hin:, Wenn ich das begreifen könnte, wenn ich das begreifen könnte das geht über meine Vernunft, was soll jetzt aus mir werden? Später aber saß sie oftmals auf der Treppe, die bunte Schürze über den Kopf geworfen, und versuchte nur nicht daran zu denken... nur nicht daran zu denken.... In jenem Herbste sah das dürftige Grundstück am dunkel rinnenden Wasser ein ganz verzweifeltes Weib umherirren, starren und lauschen. Wenn der Nordwind lange geweht hatte und kleine weiße Wölkchen von Norden gen Süden eilten, dann wiesen ihr die den Weg der Wandervögel und sie grüßte ihren fernen Sommerkönig. Der Herbst war für sie gekommen und wich nie mehr von ihr obwohl sie mich, ihren Sohn, einige Monate später gebar. Da waren die Schmerzen ihrer Seele größer als die ihres Leibes. Ich bin doch glücklich, daß ich ihr Freude machen konnte, meiner herrlichen Mutter, und ich machte ihr Freude. Sie sagte es mir, bevor ihre Augen brachen. Damals war sie fünfunddreißig Jahre alt, und ihr Haar war filberweiß. Ganz spät im März kamen warme Winde vom Golfstrom her. Der Wald wurde schwarz, und es tropfte von den Kiefern. Da schnürte sie eines Tages ihre Sti an. Sie fühlte, daß heute ihre schwere Stunde kommen würde, und die konnte sie nicht in Ruhe erwarten. Ihr Leid ging über alle Vernunft. Gott kennt die Wege eines verirrten Gemütes, aber warum warum fuhr sie in die Berge hinauf in dieser Stunde? Was glauben Sie, daß fie vorhatte?... Wollte sie leben?... Der Schnee flebte, und es war spät am Tage, als sie den Rücken des Tjalaberges erklommen hatte. Wölfe verfolgten sie. Da mußte sie sich sehen, mußte sich begen, und da wurde ich geboren.... Das ist Gunnels Geschichte.... über den Tjalaberg geht vielleicht alle drei Wochen einmal ein Mensch. Wäre es damals nicht geschehen, was wäre dann ge= worden? Noch heute weiß ich nicht, ob der Lappländer, der des Weges kam, die Wolfsspuren oder die Skispuren verfolgte, aber er tam zur rechten Zeit. Er half ihr, badete mich im Schnee, nahm mich in seinen Mittel und rannte den Berg hinunter. Sie kam nach gegen Abend, still und matt und tränenlos. Wie finden Sie diese Geschichte? Es waren dreiviertel Meilen ins Tal hinab.... Haben Sie etwas einzuwenden? Das ist die Geschichte von Märchen- Gunnel.... Sie haben Tränen in den Augen, mein Herr. Gott im Himmel, wenn Sie jetzt nicht Tränen in den Augen hätten!"" Sie befizen nicht die Spur von Mitleid," murmelte der andere. Hm, hatte der Fremdling mehr Mitleid?" Der junge Dichter, Gunnels schöner Knabe, hob seinen Blick und schaute den eleganten Herrn neben sich an. " Ich möchte jemand ein Verdammungswort ins Gesicht schleudern," sagte er. „ Sprach sie niemals von jenem Sommer, da der Fremde bei ihr gewesen?" Die Frage kam fast flüsternd. „ Nein, aber die Leute erzählten davon." ,, Und was sagten die?" ,, Vieles, mehr als wahr war. Schließlich wollte ich nichts mehr hören. Sie hütete selbst ihr Vieh in jenem Sommer. Die Alm war weit entfernt vom Dorfe. Und das, was dann geschah, kam Nr. 2 wohl zum großen Teil daher, daß sie so einsam wohnte. Es war ja, keine Alm, wo man allein leben durfte, denn da gab es lächeln Sie nur, da gab es kleine Waldgeister und unsichtbare Zauberwesen und noch anderes, was schlimmer war als Waldgeister, denn die schaden ja niemand, wenn nicht in guter Absicht. Da vaschelten nachts die Unsichtbaren in der Küche, und sonderbare Wesen huschten um die Ecke und durch den Wald, wenn Menschen, zumal bei Sonnenuntergang, über die kurze samtweiche Grasmatte nach der Käsestube hin und wieder zurüdgingen, Gesang und Märchen kamen abends mit den Kühen, wenn die Sonne zwischen den dunklen Tannen glühte und die Luft gelb war. Die Amsel sang und die Eulen riefen: Hu! Hu! Für ein Gemüt wie das ihre be= deutete das eine ganze Welt. Eines Tages geschah etwas mitten im Sonnenschein. Gunnel saß, den Kopf in die Hand gestützt und schlief. Da erwachte sie auf einmal, und ein Gefolge von Waldgeistern stand um sie herum und bot sie zur Hochzeit auf. Ein junger Mann aus der Schar der Waldgeister sollte sie heiraten. Sie war wie gefangen von dem Abenteuer. Man schmückte sie mit einem Brautstaat von Waldgeistsilber und sonderbar gearbeitetem Gold: Ringe an die Hände, Schleier auf die Brust und um das Mieder eine gewundene Schlange. Ja, sie durften sie schmücken. Der Schäferhund bellte vor Angst. Die Sonne glänzte und gliberte. Die Kraniche riefen vom See, der Wald duftete, die Luft erbebte. Es war ein schimmerndes Hochzeitswetter. Der schneebedeckte Gipfel des Jadmos strahlte weiß wie eine Frühlingswolle weit in der Ferne, und jetzt geschah es er kam, der Fremde...." " Ja," sagte der Professor, langsam und ohne zu wissen, daß er sprach. " Ja, wunderlich sah es aus, aber Waldgeister habe ich keine gesehen, als ich mich in den Bergen verirrte und über die Alm zu ihrer Hütte kam." „ Nur Sonntagskinder bekommen so etwas zu sehen, und als Sie famen...?"" Als ich kam, lief sie mir entgegen, bebend und schön. Sie trug weder Silber noch Gold, aber in ihren Wimpern hingen Tränen, und die Sonne glänzte auf ihrem schweren Zopfe. Ich vergeffe es nie: der Blick war wundersam nach innen gerichtet... schimmernd und feucht... nie in meinem Leben habe ich so etwas Schönes gesehen., Du bist mein Retter, sagte sie und lächelte mit ihrem hellen Gesicht... und dann kam das, was... ich nicht erwartet..." " Ich weiß, was Sie nicht erwartet ich weiß, was es war. Sie fiel Ihnen um den Hals und verbarg sich.... Sie wußten nicht, daß ein Abenteuer wie das ihre einen Menschen so ergreift, daß er nicht mehr weiß, was er tut, und daß Menschen, die gerade in dem Augenblick kommen, die Waldgeister verjagen. Dann geschieht es immer, daß der Verzauberte sich an den festklammert, der des Weges kommt, ganz wirr, glückselig und willenlos." " Ja," sagte der Alte,„ ich verlor alle Besinnung, als ich das warme Menschenkindlein in den Armen hielt...." Der Jüngling fuhr fort:" Sie war die schönste Pflanze im ganzen Lande. Wer hätte die Besinnung in ihren Armen nicht verloven.... Und so geschah es, daß sie..." Der Professor seufzte. „ Diese Tage kehren nie zurück, und sie kommt niemals wieder. Ich bin hierher gereist, sie zu suchen... aber es ist zu spät. Ich folge dir in deine Wildnis, und du gehst nachher mit mir. Du bist ja mein und Gunnels Sohn."" Nein, das will ich nicht. Ihre Tränen die vielen Jahre hindurch sollen immer zwischen uns liegen. Ich werde nie den Augenblick vergessen, da sie mich mordete, wie fie glaubte, und Ihren Namen in der Verzweiflung ausschrie. Ich sagte, ich hätte den Namen vergessen.... Nein, das ist nicht wahr, niemand kann vergessen, was er in einem solchen Augenblick gehört. Ich wußte, wie er hieß, er, den ich so gehaßt. Kehren Sie um, wir wollen uns trennen. Ich habe mich nicht deshalb bisher allein durchgekämpft, um heute, da ich meine eigene Kraft fühle, Vatersohn zu werden. Mein Weg geht zu den Bergen und zu meiner Dichtung. Was Gunnel empfunden, als sie friedlos in der Heimat herumirrte, davon will ich fingen. Ich habe Märchen im Blute.... Ich bin ja Gunnels Knabe.„ Unecht" nennen mich die Leute, ich aber sage: echt. Nun geh' ich in die Berge und auf Abenteuer." Er warf den Rucksack über die Schultern und reichte dem Frem. den die Hand. ,, Sie brauchen mir nichts zu erklären. Ich will nichts wissen. Ich bin zufrieden, daß ich Sie gesehen.... Ich verstehe jett, wie Gunnel alles vergessen konnte, als sie Sie fand... und nun leben Sie wohl. Sie werden von mir hören." Als er den Weg hinaufschritt, voll Erregung und mit zitternden Lippen, hell und start, sah er aus wie ein junger Wikinger.. Der Alte schaute ihm nach, mit dem Blicke eines Bettlers. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druckt und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.§. in Stuttgart.