Für unsere Mütter und Hausfrauen O o O O O O O O oooooooo Nr. 3 。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit 。。。。。。。。 Inhaltsverzeichnis: Frauenkrankheiten. Von Frau Dr. med. StoboyOstersezer.( Fortsetzung.) Als Nationalökonom um die Welt. I. Bon Klara Zettin. Feuilleton: Lispeth. Von Rudyard Kipling. Frauenkrankheiten. Von Frau Dr. med. Stoboy- Ostersezer. Perioden störungen. ( Fortsetzung.) Ein übel, an dem junge Mädchen oft leiden, find Periodenstörungen. Entweder wird die Menstruation sehr unregelmäßig, bleibt monate-, selbst ein Jahr lang aus, wobei allgemeines übelbefinden, Kopfweh, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Stuhlverstopfung und andere Beschwerden vorhanden sind. Oder die Periode tritt alle 2 bis 3 Wochen ein, dauert lange und ist von starken Blutverlusten begleitet. Es ist klar, daß lettere den jugendlichen Körper schwächen und ihn für andere Krankheiten anfällig machen. Lageveränderungen der Gebärmutter, und zwar Knidungen und Senkungen sind schon im Jugendalter nicht selten, ebenso Entzündungen der Gebärmutter und der Eierstöde. Sie führen sowohl zu starken Blutverlusten und frühem Eintritt der Regel als auch zu Schmerzen und Krämpfen. Das Ausbleiben der Periode ist meistens durch Blutarmut bedingt, seltener durch mangelhafte Ausbildung der Geschlechtsorgane. Außerdem haben blutarme Mädchen die Regel oft sehr stark. Die Schmerzen und Krämpfe können ferner herstammen von einer Erkrankung des Gebärmuttermuskels. Wir alle kennen die schmerzhaften Affektionen der Muskeln und Nerven unseres Körpers, die man rheumatische nennt. Ein solcher Rheumatismus kann auch die Gebärmuttermuskeln und-nerven befallen. Die Behandlung dieser Leiden ist teils lokal, teils allgemein, ihr Ursprung im großen und ganzen ebenfalls in der ungefunden Lebensweise der jungen Mädchen zu suchen. Letztere ist in erster Linie zu berücksichtigen und nach Möglichkeit zu bessern. Da das lange Ausbleiben der Regel wie auch starke Blutungen häufig auf Blutarmut zurückzuführen sind, so kommen also gegen sie Maßnahmen in Betracht, die gegen das letztere Leiden gerichtet sind. So Aufenthalt in frischer Luft, ausgiebige Bewegung durch Gehen, Laufen, Sport und Gymnastik, Bäder, namentlich heiße Bäder und Schwißprozeduren, 1 bis 2 wöchentlich, tägliche Abwaschungen, Sonnen- und Luftbäder, Atemgymnastik. Die Kost soll aus Obst, Gemüse, Mehlspeisen bestehen, wenig Fleisch und Eier enthalten, entgegen der landläufigen Ansicht. Die Stuhlverstopfung soll besonders berücksichtigt und durch Diät, eventuell Bauchmassage und Klystiere bekämpft werden. Lageveränderungen der Gebärmutter fönnen nur durch den Arzt festgestellt werden, ebenso muß durch ihn die notwendige lokale Behandlung erfolgen. Wir können jedoch auch hierbei den Zustand des Leidens sehr bessern durch Beeinflussung des allgemeinen Körperzustandes, durch Bäder, Waschungen, Aufenthalt in frischer Luft, Sorge für Stuhlgang durch Bewegung, Regelung der Kost usw. Der Gebärmutterrheumatismus ist zu behandeln wie andere rheumatische Erkrankungen, und zwar durch warme Bäder, Schwihund Moorbäder, Massage und möglichst reizlose Kost. Das rheumatische Gift hat seinen Sitz im Blute und in den Geweben und muß durch Allgemeinbehandlung aus dem Körper entfernt werden. Die lokale Behandlung der Geschlechtsorgane ohne Berücksichtigung des Allgemeinbefindens ist meist zwecklos. Hingegen kann eine Algemeinbehandlung des ganzen Körpers lokale Eingriffe überflüssig machen. Das ist besonders bei jungen Mädchen wichtig, weil für diese alle Manipulationen an den Geschlechtsorganen schmerzhaft sind und das Nervensystem ungünstig beeinflussen. Geschwülste. Die Gebärmutter und die Gierstöcke können auch Ausgangspunkt und Sitz von Geschwülsten sein. Diese befallen nicht nur ver= Heiratete und mit Kindern gesegnete Frauen, sondern auch Mädchen, die nie Geschlechtsverkehr hatten, und kinderlose Frauen. Die Geschwülste sind sehr verschieden in der Größe, es gibt nuß-, apfel-, findstopfgroße, und sie können daher auch Schwangerschaftsstadien verschiedener Monate vortäuschen. Ihrer Natur nach unterscheiden wir gutartige und bösartige Geschwülste. Die gutartigen Geschwülste haben ihren Namen davon, daß sie an sich das Leben nicht bedrohen, sie wachsen auch ziemlich lang1914 sam. Sie können aber dennoch gefährlich werden, wenn sie so siten, daß sie auf andere Organe, zum Beispiel auf die Blase, einen Druck ausüben und die Urinentleerung hindern, oder wenn sie auf große Nerven drücken und unausstehliche Schmerzen verursachen. Manche Geschwülste, die sogenannten Myome, können auch zu starken Blutverlusten führen und dadurch mittelbar die Gesundheit und das Leben gefährden. Je nach den Erscheinungen, die sie bewirken, wird man also die gutartigen Geschwülste belassen oder fie operativ entfernen. Neuerdings versucht man die Myome mit Röntgenstrahlen zu behandeln, und das mit gutem Erfolg. Die bösartigen Geschwülste wachsen sehr schnell und können schon innerhalb eines Jahres zum Tode führen, wenn sie nicht durch eine Operation beseitigt werden. Es ist äußerst wichtig, daß diese Geschwülste möglichst frühzeitig erkannt werden, denn nur im Anfangsstadium sind die Aussichten einer Operation günstig. Wenn die bösartigen Neubildungen länger bestehen, so verwachsen sie mit den benachbarten Organen, fie greifen auf die Drüsen über, und ihre Keime werden sogar mit dem Blut- und Lymphstrom in entfernte Körperteile verschleppt. Ist es so weit gekommen, so ist die Kranke unfehlbar verloren. Leider bekommt der Arzt nicht allzu selten sehr weit fortgeschrittene Fälle bösartiger Geschwülste zu sehen, weil die Frauen sich gewöhnlich lange gegen eine ärztliche innere Untersuchung sträuben. Wir hoffen, daß diese Scheu durch das Medizinstudium von Frauen und die dadurch gegebene Mög= lichkeit, sich von einer Geschlechtsgenossin untersuchen zu lassen, vermindert wird, so daß jede Leidende bei verdächtigen Erscheinungen sofort ärztliche Hilfe aufsucht. Das Heimtückische an den bösartigen Geschwülsten ist, daß sie häufig lange ohne auffallende Anzeichen verlaufen, namentlich im Anfang keine Schmerzen verursachen. Den Ausfluß, der sich oft schon frühzeitig einstellt, oder vermehrte Blutungen beachten die Frauen lange nicht, oft so lange nicht, bis es zu spät für jegliche Hilfe ist und sie elend zugrunde gehen müssen. Die gutartigen Geschwülste kommen im allgemeinen mehr im jugendlichen, die bösartigen im vorgerüdten Alter vor. Die soziale Lage ist auch hier von Einfluß. Die gutartigen Neubildungen befallen mehr wohlhabende, gutgenährte, namentlich finderlose Frauen, die bösartigen die herabgekommenen, abgearbeiteten, Kinderreichen Proletarierinnen. Über die Ursachen der Geschwulstbildungen ist man noch nicht ganz im flaren. Jedenfalls bereitet auch ihnen unsere unnatürliche Lebensweise den Boden vor. Eine bernünftige gesundheitliche Lebensweise wird wohl ebenso vor Geschwülsten wie vor anderen Krankheiten schüßen. Bei irgendwelchen außergewöhnlichen Erscheinungen an den Unterleibsorganen, bei vermehrtem Ausfluß, stärkeren Blutungen, Blasenbeschwerden, Stuhlverstopfung, Jschias müssen die Frauen auch an die Möglichkeit einer Geschwulstbildung denken und sofort zum Arzt gehen. Bei gutartigen Geschwülsten, die klein sind, nicht ungünstig sißen, die keine Druderscheinungen hervorrufen, keine starken Blutungen verursachen, wird sich die Operation vermeiden und durch Bäder, vernünftige Kost, Sorge für Stuhlgang ein erträgliches Dasein erreichen lassen. Natürlich kann nur eine eingehende ärztliche Untersuchung entscheiden, ob eine Geschwulst gutartig oder bösartig ist. Eine bösartige Geschwulst muß durch das Messer entfernt werden, und das möglichst früh. Denn sonst sind die Aussichten der Operation ungünstig, sie ist entweder unausführbar oder von baldigen Rückfällen gefolgt. Deshalb nicht zu lange warten! ( Fortseßung folgt.) 000 Als Nationalökonom um die Welt. I. Es ist ein gutes, ein liebenswürdiges Büchlein, das Robert Wilbrandt unter dem obenstehenden Titel veröffentlicht hat.* Es ist erfüllt und durchwärmt von den zwei Vorzügen, die den Verfasser über so viele seiner gelehrten Zunftgenossen recht hoch hinausheben: dem Streben des vielseitig Gebildeten nach einem borurteilslosen wissenschaftlichen Erfassen gesellschaftlicher Fragen und einer lauteren Charakterfestigkeit, die unbekümmert den Weg wandert, den„ die Stimme lehrt im Innersten". * Als Nationalökonom um die Welt. Verlag Eugen Diederichs in Jena. Preis gebunden 2 Mt. 10 Für unsere Mütter und Hausfrauen Das dünne Bändchen zeichnet in farbigen Umrissen die Eindrücke einer halbjährigen Reise, die den Tübinger Nationalökonomen von Ende September 1911 bis Anfang April 1912 durch Nordamerika, dann nach Japan, Korea und China geführt hat und von dort durch die Tropen nach der Heimat zurück. Schon diefe Angaben lassen erfennen, daß es sich dabei nicht um eine Studien- und Forschungsfahrt großen Stiles für den Fachgelehrten gehandelt hat, sondern um die Erweiterung des Gesichtskreises überhaupt". So ist denn auch die Schrift keine gelehrte Abhandlung für verhältnismäßig wenige, in der man an allen Enden und Ecken das wissenschaftliche Rüstzeug flappern hört. Sie wendet sich vielmehr an ein großes, erkenntnis- und bildungshungriges Publikum, dem sie durch Schilderungen, Tatsachen, Urteile und Anregungen das vermittelt, was der Verfasser selbst gesucht und erreicht hat: eine Steigerung des Vermögens, fremde gesellschaftliche Zustände und Entwicklungsstufen vorurteilslos zu werten. Jedoch hinter dem, was sich schlicht, anmutig, stellenweise fast als feuilletonistische Plauderei gibt, steht der kenntnisreiche Ge= lehrte, der die neuen, fremdartigen Erscheinungen vergleichend wägt und sich dank einer festgegründeten wissenschaftlichen Forschungsmethode nicht an ihre bunte Fülle verliert, sondern diese durchdringt und gliedert. Ja, mich will bedünken, daß die feste Formel manchmal die erstrebte Weite des Gesichtsfeldes einengt, daß Dinge und ihre Erklärungen zu bedenkenlos nach einem Schema sozialer Entwicklungsreihen gebucht werden. Allein das ist der unvermeidliche Schatten des hellen Lichtes, das im allgemeinen das Buch durchleuchtet. Die kurze Reisedauer, in der sich ganz verschiedenartige Welten des Erlebens zusammendrängten, hat Professor Wilbrandt selbst erklärt das auch einzelnes Flüchtige und Unvollständige gebracht. Es sei die Erklärung für den raschen, ja viele überraschenden Triumph der Frauenemanzipation in den Vereinigten Staaten herausgehoben, die Gewährung des Frauenwahlrechts inbegriffen.* Profeffor Wilbrandt führt als Grund dafür den Mangel an Frauen an, der zur Frauenverchrung führte und in Verbindung mit dem rauhen Kolonistenleben dem ich für spätere Zeiten die rücksichtslose Jagd nach dem Dollar hinzufügen möchte das Weib als Trägerin geistiger und ästhetischer Werte im Hause und in der Gesellschaft erscheinen ließ. Die aufgezeigten Zusammenhänge sind unbestreitbar. Ihre Wirkungen äußern sich bis in die lärmerfüllten Fabritsäle hinein, wo sonst gerade nicht zartbesaitete Männer beim Nahen von Arbeiterinnen grobe, zynische Gespräche mit dem Ausruf unterbrechen:„ Still, die Damen kommen." Aber zwingen die Umstände, die Robert Wilbrandt als entscheidend allein in den Vordergrund schiebt, nicht die Frage auf: Warum haben in den spanischen und portugiesischen Kolonialländern Amerikas Frauenmangel und Frauenverehrung nicht die gleichen Folgen gezeitigt? Das Suchen nach einer Antwort darauf lenkt den Blick auf eine große Vielheit von Erscheinungen, die wir an dieser Stelle nicht einmal vollständig andeuten können. Die Engländer kamen nach Nordamerika nicht als Konquistadoren, als Eroberer, die danach gierten, der neuen Welt für die alte Heimat Schätze abzupreffen. Was die meisten von ihnen über den Ozean trieb, war der Wunsch, lastendem religiösem und politischem Drucke zu entrinnen und sich als Ansiedler eine zweite, freiere Heimat zu schaffen. Der Zwang der Lebensfürsorge das Wort im weitesten Sinne genommen erfüllte für die Kolonisten und Seftierer mit verstärkter Kraft, was unter dem gleichen Zwange im Laufe der Zeit zum Erbgut germanischer Völkerschaften zumal in England geworden war: die überwiegende Wertung der Frau nicht als Weibchen, nicht als Schmuck und Lurus des Lebens, sondern als Arbeits- und Kampfgenoffin. Für den puritanischen Seftierer war die geistige Gemeinschaft mit dem Weibe und dessen Lebenstüchtigkeit von höchster Bedeutung gewesen, geradezu ein Gebot der Selbsterhaltung. Und wie hätte der Ansiedler an der Ostküste von Nordamerika zu einer gewandelten Auffassung kommen sollen, er, der jeden Tag mit einer riesenhaften, jungfräulich spröden Natur um Obdach, Nahrung und Kleidung ringen und dabei noch den Kampf mit den Eingeborenen bestehen mußte? Die Kolonisten des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts betrachteten das Weib mit anderen Augen als etwa die Goldfucher, die uns Bret Harte und andere Novellisten in marfiger, aber etwas roher Holzschnittmanier schildern. Ihre Wertschäzung fiel vor allem der arbeitenden Frau zu, die mit flugem Sinne und fester Hand das Heim gestaltete, verwaltete und im Notfall auch schützte, und die bienenfleißig durch produttive hausgewerbliche Tätigkeit den Bedarf der Familie an allerhand Kulturgütern deckte. * Siehe Nr. 1 der„ Gleichheit". Nr. 3 Später hat die Erschließung und Kolonisation des„ weiten, wilden Westens" immer aufs neue ähnliche Umstände gezeitigt, indem sie tatkräftige Männer loďte und leistungstüchtige Frauen forderte. Der Unabhängigkeitskrieg des achtzehnten Jahrhunderts steigerte den Wert der produktiven Frauenarbeit für die einzelnen, ließ aber auch ihre Bedeutung für die Wirtschaft des Gemeinwesens scharf hervortreten, denn während die Männer gegen Englands Oberhoheit kämpften, mußten die Frauen und Töchter in großem Umfang den Markt mit den Erzeugnissen ihres Spinnens, Webens, Färbens usw. versorgen. Als gegen die Wende des neunzehnten Jahrhunderts die moderne Fabrikindustrie ihren Siegeszug durch die junge Republik begann, war sie von vornherein in hohem Maße auf weibliche Arbeitskräfte angewiesen, weil den Männern fern vom Bannkreis der ragenden Schlote noch unbegrenzte Möglichkeiten" des Erwerbs und Emporstiegs zu winken schienen. Die Entdeckung der Goldfelder in Kalifornien hat aus dem gleichen Grunde das Vorwärtsdringen der Frau auf dem gesellschaftlichen Arbeitsmarkt erleichtert und beschleunigt. Der Bürgerkrieg zwischen den Süd- und Nordstaaten wirkte in der nämlichen Richtung. Viele Zehntausende von Männern fielen oder kehrten als erwerbsunfähige Krüppel zurück; der Wohlstand zahlreicher Familien brach zusammen, und die unerbittliche Magenfrage" trieb Mütter und Töchter zum Erwerb; der nachfolgende treibhausmäßige Wirtschaftsaufschwung und sein unvermeidliches Gegenstück, die Krise, verstärkten die Macht aller Faktoren, die in der kapitalistischen Ordnung die Frau in wachfender Zahl als Berufstätige neben den Mann stellen. Nach der letzten Volkszählung von 1910 gab es in den Vereinigten Staaten über acht Millionen weibliche Erwerbstätige, jede dritte Frau stand dank einer Berufsarbeit auf eigenen Füßen. Es gab kaum einen liberalen Beruf, zu dem sich die Amerikanerinnen nicht das Recht der Ausübung erobert hätten, in manchen Fällen fast fampflos, in anderen durch zähes, leidenschaftliches Ringen. Alle großen Freiheitsbestrebungen, die seit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts die Herzen hoffnungsfreudig und fühn schlagen ließen, haben in den Vereinigten Staaten Frauen erweckt, daß sie sich auf ihr Menschentum besannen und dafür kämpften. Wie hat die Bewegung für die Abschaffung der Sklaverei allein schon den Sinn und die Seele der Amerikanerinnen geweitet und voller Sehnsucht auf das Ziel ihrer eigenen Befreiung gerichtet! Frauenmangel und Frauenverehrung haben sicherlich die Widerstände gegen die Rechtsforderungen der Frauen gemindert, die wahre Siegerin im Kampfe für die Gleichstellung des weiblichen Geschlechts das ist meine Überzeugung ist jedoch die ar= beitende Frau, ist die kämpfende Frau. Schade, daß Professor Wilbrandt sie nicht mit der gleichen Anschaulichkeit stizziert hat wie das Lurusweibchen der oberen Zehntausend. Noch in einem anderen Urteil über die Entwicklung in den Vereinigten Staaten bermag ich Professor Wilbrandt nicht beizupflichten. Er kennzeichnet treffend die verschiedenen, den Bedarf beeinflussenden Kulturschichten, die das geschichtliche Werden aufeinander gelagert hat, und die meines Dafürhaltens zum Teil auch noch nebeneinander und durcheinander verworfen anzutreffen sind. Da ist der Typus der Kolonistenwirtschaft, die sich vorläufig nur auf das Nötigste eingerichtet hat; eine Anpassungsvirtuosität wurde so gezüchtet, die alles nicht so genau nimmt, froh im Gefühl der errungenen Eristenz und Freiheit". Die Anspruchslosigkeit steigert sich dort bis zur Bedürfnislosigkeit.„ Über dieser untersten historischen Schicht in der Seele der Amerikaner liegt die zweite: die sich einnistende Tradition gewisser Regeln, eine thrannische Ordnung deffen, was angeblich sein muß, ganz wie bei uns.".... Als dritte Schicht liegt darüber die Bedarfsgestaltung durch den Reichtum.... Nachdem von den Freuden und Ideen der Heimat so manches Kulturerbe unerreichbar wurde, so blieb nur Reichtum als Ziel des Strebens. Geld, möglichst viel Geld, um alles das haben zu können, was für Geld zu kaufen ist, das ist der fernwinkende Siegespreis für den Busineßman.... Eine jüngste Schicht der Bedarfsbildung lagert sich jetzt darüber. Neben der sprichwörtlichen Geschmacklofigkeit und Roheit, die auch jetzt noch häufig anzutreffen ist, erhebt sich auf den reichen Mitteln eine Renaissance der Kunst aller Länder. Aus monumentalen Bauwerken, wie Bibliotheken, Banken und Bahnhöfen( Bennsylvania- Railroad!) spricht Klassischer Stil in reinen Formen." Gewiß: die kulturelle Entwicklungslinie läuft in der Richtung, wie der Tübinger Gelehrte es aufzeigt. Jedoch hat sie meiner Ansicht nach gerade in der monumentalen Baukunst am wenigsten jene gipfelnde Höhe erreicht, auf der Professor Wilbrandt fie erblickt. Zweifellos hat das freie Spiel der vom Kapitalismus entfeffelten Produktivkräfte inmitten eines Riefenkontinents von schier Nr. 3 Für unsere Mütter und Hausfrauen unerschöpflichem Reichtum an Naturgaben Verhältnisse und Menschen geschaffen, bei denen der Sinn für Monumentalität vasch emporwächst. Die Vereinigten Staaten find das Erntefeld der gewaltigsten kapitalistischen Wirtschaftsgebilde, die von Kondottieri beherrscht werden, wie sie verwegener, strupelloser und erfolgreicher teine Zeit gekannt hat, und die Natur selbst faßt mit Felsen- und Schneegebirgen, Riesenströmen, Seen und sich endlos dehnenden Prävien und Wäldern das ungestüm vorwärtsbraufende soziale Leben in einen Rahmen großzügiger Schönheit und Eigenart. Jedoch in der monumentalen Baukunst des Landes tritt uns der Niederschlag dieser Umstände in den Seelen der Menschen noch nicht fünstlerisch geläutert und kristallisiert entgegen. Das Drängen nach Monumentalität hat Bauten entstehen lassen, von denen die meisten soweit man nach Abbildungen urteilen fann nur als Seitenstücke der künstlerischen Sammlerwut ame= rikanischer Industrie- und Finanzmagnaten erscheinen, jener Sammlerwut, die nicht einmal Malerei und Bildhauerkunst in Europa, geschweige denn in Amerika mit emportragenden Lebensfräften zu erfüllen imstande war, sondern lediglich die kapitalistische Verseuchung und Verwüstung des Kunstmarktes in kürzester Frist vollendet hat. Nicht eine Renaissance der Kunst aller Länder offenbart sich uns in den monumentalen Bauten der nordameritanischen Republik, vielmehr eine unfreie, falte, äußerliche und oft recht kritiklose Nachahmung berühmter Architekturen Europas. Der mit Vorliebe übernommene„ klassische Stil in reinen Formen" kann diesen Eindruck nicht verwischen. Auch die Madeleine- Kirche und die Börse in Paris zeichnen sich durch klassischen Stil in reinen Formen" aus. Allein wie wohltuend die schöne Harmonie dieser Gebäude den Sinn und die Seele berührt, Höhepunkte der französischen Architektur sind sie sicherlich nicht. Die Baukunft aller Länder würde in den Vereinigten Staaten erst dann eine Renaissance feiern können, wenn die von ihr geschaffenen Klassischen, also höchsten und vollendetsten Formen dadurch neues Leben er= hielten, daß sie den gewandelten Zwecken, dem veränderten Kulturgehalt der Zeit, daß sie der natürlichen Umwelt angepaßt würden. Mit anderen Worten: die klassischen Formen der Vergangenheit und aller Länder sollten dem Rohstoff gleichen, den der Künstler individuell verarbeitet und gestaltet, als schöpferischen Ausdruck einer gewissen einheitlichen, inneren Gesamtkultur des ganzen Volkes und seiner Bedürfnisse. Wohl spricht Professor Wilbrandt davon, daß der klassische Stil auch ,, in feiner Anpassung an Objekt und Umgebung" auftritt, daß sich eigener Stil, selbständiger Ausdruck eigenen Wesens" geltend macht. Als Beispiele dafür führt er den Bahnhof und das Gerichtsgebäude in Pittsburg an, ferner„ manche der gigantischen 40- StockTürme der Wolkenkratzer". Diese Wertschätzung in allen Ehren, fie besagt jedoch günstigen Falles nicht mehr, als daß Ausnahmen von der allgemeinen herrschenden architektonischen Nachahmungskultur die Hoffnung auf Anfäße zu einer höheren, selbständigen Entwicklung erwecken. Was Professor Wilbrandt schon greifbar vor sich sieht, das schlummert meines Erachtens noch in der Zeiten Schoß. In den Vereinigten Staaten fehlen gegenwärtig unerläßliche Vorausseßungen für die Wiedergeburt einer wirklich monumentalen Baukunst. Wohl würden die reichsten Mittel und eine vorgeschrittene, jugendlich fühne Technik dem Emporblühen solcher Kunst förderlich sein. Allein die gleiche geschichtliche Entwicklung, der wir den Siegeszug der Technik verdanken, wirkte recht viele Erzeugnisse der amerikanischen Industrie beweisen es der handwerklichen Durchbildung und Hingabe an den Gegenstand entgegen. Als fo= zialste aller Künste, auf das freudige, bewußte Zusammenwirken einer Vielheit zu einem Ziel angewiesen, kann die Architektur solche Hingabe und Durchbildung nicht entbehren; sie kann diese Eigenschaften am wenigsten missen, wenn alte Vorbilder nicht sklavisch nachgeahmt werden, sondern wenn es sich darum handelt, überkommene Formen unter dem inneren Gebot eines neuen Inhaltes in neue Beziehungen zueinander, zu neuen Formen und zur Umgebung zu sehen oder in anderem Material auszudrücken. Ferner halte ich dafür, daß die monumentale Baukunst in den Vereinigten Staaten nicht eher Höhenwerke schaffen kann, als bis auch Malerei und Skulptur stolze Gipfel erflommen haben. Der Monumentalbau kann der Mitarbeit des Bildhauers gar nicht entraten und sollte auf die Mitwirkung des Malers nicht verzichten die Freskenmalerei großen Stils gehört zur Architektur großen Stils. Außerdem ist das Emporblühen der Malerei und Bildhauerfunst von erheblichstem Einfluß auf die Entwicklung des Formenund Farbensinnes, der sich im Monumentalbau durchsehen soll. Ja, ich gehe noch weiter: eine wirklich klassische Baukunst hat jenes „ innerlichste ästhetische Verhalten" zur Boraussetzung, das in„ Kon11 templation, Musik, Poesie, Mystik, Lyrik" seinen Ausdruck findet, die nach Professor Wilbrandt im Lande des Sternenbanners noch seltene, fremde Gäste sind". Erst mit diesem innerlichsten ästhetischen Verhalten" des Volkes wird der amerikanische Monumentalbau das Gefäß einer eigenen, lebendigen Seele werden. Denn mit welchen Mitteln auch eine Kunst zu uns redet, schließlich entsproffen alle Künste dem nämlichen seelischen Mutterboden einer Gemeinschaft. Bon mancherlei zu schweigen, was noch Vorbedingung für eine amerikanische Renaissance des Monumentalbaus ist, fehlt aber gerade in der Union mit ihren jammerbollen ,, wops"- Einwanderern aus kulturarmen Ländern-, Milliardären, bedrängten Korruption in Politik und Gesellschaft, das Wichtigste dafür: nämKorruption in Politik und Gesellschaft, das wichtigste dafür: nämlich ein starkes Gemeinschaftsempfinden und Gemeinschaftswollen, das Jdeale zeugt, die gebieterisch Gestaltung durch eine Monumentalkunst fordern. Kennzeichnender als die monumentale Baukunst scheint mir Kontemplation, Musik, Poesie, Mystik, Lyrik" für die Entwidlungsstufe, die der Drang, Kunst zu genießen und das Vermögen, Kunst zu schaffen, in den Bereinigten Staaten erreicht haben. Hier redet die Secle des amerikanischen Volkes" weit mehr in ihrer eigenen Sprache zu uns, manchmal schon erhaben und rein, oft genug noch primitiv, stammelnd, ja roh, aber doch selbständig und von eigenem Leben durchpulst. Doch genug der Auseinanderseßung über Einzelheiten, zu der die Versuchung bei manchen Ausführungen Professor Wilbrandts groß ist. Gehen wir daran, einen gedrängten überblick über den Hauptinhalt seiner Schrift zu geben. Das soll in einem folgenden Artikel geschehen. Klara Bettin. Feuilleton Lispeth. Bon Rudyard Kipling. Sie war die Tochter des Hochländers Sonuh und der Jadéh, feines Weibes. Eines Jahres mißriet denen der Mais, und zwei Bären verbrachten die Nacht in ihrem einzigen Mohnfelde im Rotgarh- Tale; so wurden sie denn Christen und brachten ihre Kleine nach der Mission, um sie taufen zu lassen. Der Kaplan von Kotgarh taufte sie Elisabeth, was in der hochländischen oder Pahariaussprache„ Lispeth" flingt. Dann kam die Cholera in das Tal von Kotgarh und raffte Sonuh und Jadéh hinweg, und Lispeth wurde halb Dienstmädchen, halb Gesellschafterin der Frau des damaligen Kaplans von Kotgarh. Dies war nach der Zeit der Herrnhuter Mission, aber ehe noch Kotgarh seines Namens der„ Beherrscherin der nördlichen Berge" ganz vergeffen hatte. Ich weiß nicht, ob das Christentum so wohltätig auf Lispeth wirkte oder ob ihre alten, angestammten Götter unter anderen Umständen ebensoviel für sie getan hätten; genug, Lispeth wurde sehr schön. Und wenn eine indische Hochländerin sehr schön wird, so ist es der Mühe wert, fünfzig Meilen weit über schlechte Straßen zu fahren, um sie anzusehen. Lispeth hatte ein griechisches Gesicht, eines jener Gefichter, welche man so häufig malt und so selten sieht. Sie hatte einen blaß- elfenbeinfarbigen Teint und war für ihre Raffe ungewöhnlich groß. Sie hatte wundervolle Augen; und wäre fie nicht in die abscheulichen Kattunkleider gehüllt gewesen, die dem Geschmacke der Missionen entsprechen, man hätte, wäre man ihr unerwartet begegnet, sie für die leibhaftige Diana gehalten, im Begriff, das Wild zu jagen. Lispeth behagte das Christentum recht gut, und sie verließ es nicht, als sie ermachsen war, wie so viele Mädchen der Berge. Ihre Stammesgenoffen haßten sie, weil sie, wie sie sagten, eine„ Mem= sahib", eine„ Gnädige Frau", geworden war und sich täglich wusch; und die Frau des Kaplans wußte nicht, was sie mit ihr anfangen sollte. Schließlich kann man doch nicht eine schlanke Göttin, die fünf Fuß zehn in ihren Schuhen steht, Schüsseln und Teller abwaschen beißen. So spielte sie denn mit des Kaplans Kindern und besuchte die Sonntagsschulklassen und las alle Bücher, die ihr in die Hände fielen, und wurde alle Tage schöner, wie die Prinzessinnen im Märchen. Die Frau des Kaplans meinte, sie sollte in Simla einen Boften als Bonne oder sonst etwas" Feines" annehmen. Aber Lispeth wollte keinen Bosten annehmen. Sie fühlte sich ganz wohl, so wie sie war. Wenn Reisende- sie waren zwar in jenen Tagen noch nicht sehr häufig nach Kotgarh kamen, verschloß sich Lispeth in ihr Zimmer 12 Für unsere Mütter und Kausfrauen Nr. 3 aus Furcht, sie möchten sie mit nach Simla oder sonst irgendwohin in die fremde Welt nehmen wollen. Eines Tages, wenige Monate nachdem sie siebzehn Jahre alt ge- worden war, machte Lispeth einen Spaziergang. Das bedeutete bei ihr nicht etwa, was es bei einer englischen Dame bedeutet— ein und eine halbe Meile Gehens vielleicht, und dann zu Wagen heim. Sie legte zwischen zwanzig und dreißig Meilen auf ihren„Gesund- Heits-Spazicrgängen" zurück, die ganze Gegend weit herum ab- streifend. Diesmal kam sie bei vorgeschrittener Dämmerung zurück und stieg den halsbrecherischen Abhang nach Kotgarh mit einer schweren Last in den Armen herab. Die Frau Kaplan schlummerte eben im Besuchszimmer, als Lispeth keuchend und erschöpft mit ihrer Bürde hereinkam. Sie legte sie auf das Sofa nieder und sagte einfach:„Dies ist mein Mann. Ich fand ihn auf dem Wege nach Vagi. Er hat sich verletzt. Wir wollen ihn pflegen, und wenn er gc- sund ist, soll uns Ihr Mann trauen." Dies war die erste Erwähnung, die Lispeth von ihren Heirats- absichten machte, und die Frau des Kaplans war über alle Maßen entsetzt. Indessen, der Mann aus dem Sofa bedurfte vor allem des Beistandes. Es war ein junger Engländer, und sein Kopf war bis auf den Knochen von etwas Kantigem aufgerissen. Lispeth sagte, sie habe ihn unter der Felsspitze gefunden und habe ihn dann her- gebracht. Er atmete unregelmäßig und war bewußtlos. Man brachte ihn zu Bett, und der Kaplan, der etwas medizinische Kenntnisse besaß, veranlaßte das Nötige, während Lispeth draußen an der Tür wartete für den Fall, daß man ihrer Hilfe bedürfe. Sie erklärte dem Kaplan, daß dies der Mann sei, den sie zu hei- raten gedenke', und der Kaplan und seine Frau hielten ihr eine strenge Strafpredigt über das Ungebührliche ihres Betragens. Lis- peth hörte ruhig zu und wiederholte dann ihre früheren Worte. Es bedarf eben einer sehr dicken Schichte von Christentum, um gewisse ursprüngliche östliche Instinkte zu übertünchen, wie zum Beispiel das Verlieben auf den ersten Blick. Da Lispeth den Mann ihres Herzens gefunden hatte, so sah sie nicht ein, warum sie es der- schweigen sollte. Noch auch war sie im geringsten geneigt, sich weg- schicken zu lassen. Sie wollten diesen Engländer pflegen, bis er wohl genug sei, um sie zu heiraten. Das war ihr kleines Programm. Nach vierzehntägigem Fieber kain der Engländer wieder zu vollem Bewußtsein und dankte dem Kaplan und seiner Frau und Lispeth— besonders Lispeth— für ihre Güte. Er erzählte, er sei Asienrciscnder— der„Weltbummler" war damals noch nicht er- sundcn— und sei von Debra Dun gekommen, um in den Sinilaer Bergen Pflanzen und Schmetterlinge zu sammeln. Niemand in Simla wußte daher etwas von seiner Anwesenheit. Er glaubte, er müsse den Fels hinuntergestürzt sein, als er ein bei einem verfaulten Baumstamm wachsendes Farnkraut abschneiden wollte, und seine Kulis hätten dann mit seinem Gepäck das Weite gesucht. Sobald er einigermaßen zu Kräften gekommen sei, wolle er nach Simla zurückkehren. Nach Bergsteigen trug er kein Verlangen mehr. Er erholte sich allmählich und schien es mit dem Fortgehen nicht sehr eilig zu haben. Lispeth zeigte sich gänzlich abgeneigt, den Wei- sungen und Ermahnungen des Kaplans oder seiner Frau zu folgen; so entschloß sich denn diese, mit dem Engländer zu sprechen und er- zählte ihm, wie es um Lispeths Herz stünde. Er lachte herzlich und sagte, das sei ja sehr hübsch und romantisch, ein wahres Himalaja- Idyll; aber da er mit einem Mädchen zu Hause verlobt sei, so denke er, es werde nichts passieren. Selbstverständlich werde er sich mit gebotener Zurückhaltung benehmen. Das tat er denn auch. Gleich- wohl fand er es sehr angenehm, mit Lispeth zu plaudern, mit ihr spazieren zu gehen und ihr hübsche Dinge zu sagen und ihr Kose- namen zu geben, während er sich erholte, um seine Reise fortsetzen zu können. Es bedeutete nichts für ihn und bedeutete alles in der Welt für Lispeth. Sie war sehr glücklich in diesen zwei Wochen, weil sie einen Mann für ihr Herz gefunden hatte. Da sie eine Wilde von Geburt war, so bemühte sie sich nicht, ihre Gefühle zu verbergen, und der Engländer war sehr belustigt. Als er abreiste, ging Lispeth mit ihm den Berg hinan bis nach Rar- kunda, sehr unglücklich und sehr niedergeschlagen. Die Frau des Kaplans, als gute Christin und in großer Furcht vor Skandal und heftigen Szenen, hatte den Engländer gebeten— Lispeth war nun vollends unlenkbar geworden—, er möge ihr sagen, er werde zu- rückkehven, um sie zu heiraten.„Sie ist ja noch ein Kind und, ich fürchte leider, im Herzen noch eine Heidin," sagte die Frau Kaplan. So ging denn der Engländer die zwölf Meilen bergan, den Arm um Lispeth geschlungen und ihr immerfort versichernd, daß er zu- rückkommen und sie. heiraten werde. Und Lispeth ließ sich das Ver- sprechen immer aufs neue wiederholen. Endlich stand sie weinend auf der Höhe von Narkunda und blickte ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann trocknete sie ihre Tränen, kehrte nach Kotgarh zurück und sagte zu der Frau des Kaplans:„Er wird zurückkommen und mich heiraten; er ist zu seinen Leuten gegangen, um es ihnen mitzu- teilen." Und des Kaplans Frau tröstete Lispeth und sagte:„Er wird zurückkommen." Nach Verlauf von zwei Monaten wurde Lis- peth ungeduldig, und man erklärte ihr, daß der Engländer über das Meer nach England gefahren sei. Sie hatte ein Elementarbuch der Geographie gelesen und wußte, wo England liege, aber sie hatte natürlich keinen Begriff davon, was das Weltmeer sei, denn sie war eine Tochter der Berge. Im Hause befand sich ein altes Spiel- zeug, eine zusammensetzbare Weltkarte, mit der Lispeth als Kind gespielt hatte. Die grub sie wieder aus und setzte sie des Abends zusammen und weinte darüber und trachtete hevauszufindc», wo ihr Engländer sei. Da sie keine Vorstellung von Entfernungen und von Dampfschiffen hatte, waren ihre Begriffe etwas irrig. Es hätte aber keinen Unterschied gemacht, wären sie auch richtig gewesen; denn der Engländer dachte nicht im entferntesten daran, zurück- zukehren und eine Hochländerin zu heiraten. Er hatte ihrer ver- gessen schon um die Zeit, da er in Assam Schmetterlinge sing. Später schrieb er ein Buch über Indien. Lispeths Name kam darin nicht vor. Nach Ablauf von drei Monaten niachte Lispeth täglich eine Pilgerfahrt nach Narkunda, um zu sehen, ob nicht ihr Engländer die Straße entlang käme. Das zerstreute und tröstete sie ein wenig, und die Frau des Kaplans, als sie sie heiterer sah, dachte, sie be- ginne nun endlich„ihre barbarische und höchst unschickliche Torheit" zu überwinden. Aber gar bald verloren auch dies« Gänge ihre be- sänftigende Wirkung, und Lispeth wurde die Beute einer wilden Erregung. Die Frau des Kaplans hielt nun die Zeit für gekommen, um dem Mädchen den wahren Stand der Dinge zu entdecken— daß der Engländer ihr nur Versprechungen gemacht habe, um sie zu beruhigen— daß er es nie ernst gemeint habe— und daß es „höchst tadelnswert und unpassend" von Lispeth sei, an eine Heirat mit einem Engländer zu denken, der aus einem viel besseren Teige gemacht und der obendrein mit einem Mädchen seines Volks ver- lobt sei. Lispeth erwiderte, dies alles sei offenbar unmöglich, denn er habe ihr ja gesagt, daß er sie liebe, und sie selbst, die Frau Kaplan, habe ihr doch versichert, daß der Engländer wieder kommen werde. „Wie kann das unwahr sein, was Sie und er gesagt haben?" fragte Lispeth. „Wir haben eS nur als Ausrede gebraucht, um dich zu beruhigen, Kind," erwiderte die Frau Kaplan. „Dann habt ihr mir eine Lüge gesagt I Sie und er!" Die Frau des Kaplans senkte das Haupt und schwieg. Auch Lispeth blieb eine Weile stumm; dann ging sie weg, talabwärts, und kam in den Kleidern einer Hochländerin zurück— ungemein schmutzig, aber ohne Nasen- und Ohrringe. Sie hatte ihr Haar in einen mit schwarzen Fäden durchzogenen Zopf geflochten, wie die Mädchen ihres Volkes. „Ich kehre zu den Meinigen zurück," sagte sie.„Ihr habt Lispeth getötet. Es ist nur mehr die Tochter der alten Jadeh übrig, das Kind eines Pahari und Dienerin der Tarka Devi. Ihr seid alle Lügner, ihr Engländer." Bis die Frau des Kaplans sich von dem Entsetzen über die An- kündigung erholt hatte, daß Lispeth sich zu den Göttern ihrer Väter zurückbekehrt habe, war das Mädchen fortgegangen; und sie kehrte nie wieder. Sie warf sich mit Heftigkeit in die Sitten ihres unsauberen Volkes zurück, als wollte sie jeden Rest des Lebens, das sie eben verlassen hatte, so rasch wie möglich von sich wegwischen. Nicht lange danach heiratete sie«inen Holzfäller, der sie, nach Art der Paharis, schlug, und ihre Schönheit verwelkte rasch „ES gibt keine Logik, nach der man die Denkart eines Heiden er- klären oder berechnen könnte," sagte die Frau des Kaplans,„und ich glaube, daß Lispeth in ihrem Innern stets ein« Heidin geblieben ist." In Anbetracht, daß das Mädchen in dem reifen Alter von fünf Wochen in den Schoß der anglikanischen Kirche aufgenommen worden war, stellte sich die Frau Kaplan mit dieser Behauptung nicht gerade ein ehrenvolles Zeugnis aus. Lispeth war sehr alt, als sie starb. Sie beherrschte ihr Leben lang das Englische vollkommen, und wenn sie genügend betrunken war, konnte man sie zuweilen dahin bringen, daß sie die Geschichte ihrer ersten Liebe erzählte. Man konnte sich dann kaum vorstellen, daß dieses triefäugige, runzelige Weib, diese zerlumpte Hexe einst die „Lispeth der Kotgarh-Mission" gewesen war. BerannvorrUch für dt« R«dakrton: grau Klara ZelNn(Zündet), Wtlhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und«erlag von Z. H. w. Die» Rachf.».m.b.H. w Stuttgart.